ZI S Shltal Landschaft im Grenzraum Nordostbelgiens ZA NE | ; | S ” B An FA {| N NSS il im NE E N TE x ; 1a U va——— en —— ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr. 83 — Februar 2009
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Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr. 83 Februar 2009 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04. Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Kassierer: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Postscheckkonto Nr. 000-0191053-60. Fortis Bank: 248-0068875-35 Konto NL: AMRO-BANK: 46.37.00.090 Vaals/L Konto BRD: Aachener Bank: 821 363 012 (BLZ 390 601 80) Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten Druck.: Aldenhoff, Gemmenich - 087-78 61 13.
3 Inhaltsverzeichnis Alfred Bertha Zum Umschlagbild: 5 Hergenrath Die Krone in Henri-Chapelle M.-T. Weinert Via Mansuerisca 15 Aachen-Forst Dr. B. Bergmans Vergangenheitsbewältigung und 17 Eynatten/Essen Zukunftsgestaltung im ostbelgischen Grenzland L6on Schillings Randnotizen zur al Dinant Genealogie Schillings Henri Beckers De Pänzjuen 72 Kelmis Peter Kurnap Grenzsteinwanderung um 74 u. Dieter Pitz Neutral-Moresnet Aachen Jakob Langohr De Ferievaat 92 Bildchen Henri Beckers Zink-Bauteile aus dem Raum Kelmis 94 Kelmis Walter Meven (+) Kleiner Pickel 98 Aachen Der Vorstand In Memoriam Walter Meven 101 Herbert Lennertz Jahresrückblick 2008 102 Neu-Moresnet
5 Zum Umschlagbild Die «Krone» zu Henri-Chapelle von Alfred Bertha «Was weder schriftlich noch durch mündliche Zeugen dauerhaft festgehalten wird, entfällt leichter dem menschlichen Gedächtnis.» Mit diesen Worten beginnt ein durch Walram IV., Herzog von Limburg, im Jahre 1263, am Vorabend des Festes des Erzengels Michael (29. Sept.) für die Ortschaft Henri-Chapelle ausgestellter Freibrief. Da die treuen Männer von «Capella Henrici» seine Liebe verdient haben, bestätigt Walram ihnen und ihrer «villa» (Hof) frei zu sein und von allen Lasten (gravamine), wie dies für alle anderen Bürger Limburgs der Fall sei. «Wir beschließen, dass unsere Bürger und der oben genannte Ort Henri-Chapelle alle die Freiheiten genießen soll, die die Bewohner Limburgs genießen, mit der einzigen Ausnahme, dass die dort wohnenden und die dort zuziehenden Bewohner uns jährlich von ihren Feldern und Häusern ein jedes Haus, wie in der Vergangenheit, am St. Stephanus- Tag eine Müdde Hafer, 12 Aachener Denare (Dukaten) und zwei Kapaune abliefern.>» Da Walram sich auf die Charta der Festung Limburg bezieht, wissen wir, welche Privilegien den Bürgern von Henri-Chapelle verliehen wurden. Sie erhielten das Recht, -eine Gemeindekasse zu führen; - ein Gemeindehaus (Halle) zu besitzen; - ein Gemeindesiegel zu führen; - einen Bergfried und eine Glocke zu besitzen und - ein Arsenal (Zeughaus) einzurichten. Weitere zugestandene Vergünstigungen bestanden darin, dass die Einwohner von «Kapell» Kühe und Pferde im Staatswald (Domäne) Grunhault weiden lassen und das nötige Bauholz aus den herzoglichen Wäldern nehmen durften. Zudem zahlten sie innerhalb des Herzogtums keine Wegezölle. Der Freibrief Walrams wurde am 30. Mai 1477 durch Maria von Burgund bestätigt. Am 24. Mai 1964 feierte Henri-Chapelle den 700. Jahrestag der Verleihung des genannten Freibriefs. Die Festlichkeiten gipfelten in einem großen historischen Umzug, der sich aus zehn Gruppen zusam-
7 versammlung nach der Zerstörung Limburgs (1703) Henri-Chapelle als ständigen Versammlungsort erkoren. Dieses geschah sehr zum Missfallen der Limburger Stadtverwaltung, die es nicht gerne sah, dass die Deputierten von Adel, Geistlichkeit und Bürgern sich in einer «Dorfkneipe» («cabaret de village») versammelten. In «La Couronne» erinnerte bis zum kürzlich erfolgten Umbau noch ein Saal im Obergeschoss («salle des Etats») an die Ständeversammlungen, die bis zur Franzosenzeit dort stattfanden. Der Wappenstein mit der Jahreszahl 1706 trägt vermutlich die Initialen des Gerard Goor. 1637 ist die «Krone» im Besitz des Antoine Olivier Weerts. 1685 wird Gerard Goor als Eigentümer dieses Hauses genannt. Er ist uns bekannt als Meier des Grundhofes Ruyff und als Lehnsmann des Grundhofes von Beucken. Die Familie Goor war 1758 Eigentümerin «der Häuser und Gebäulichkeiten genannt >die Krone< mit 20 Bundern Felder und Wiesen». Pächter der «Krone» war 1758 ein Herr Moulan. Diesem folgte sodann Henry Albert Brandt aus Dolhain, Schöffe und Gerichtsschreiber der Grundhöfe von Groules und Bougnoux. Er hatte den Zuschlag für den Ausbau der Straßenstrecke von Battice nach Hodiamont erhalten. a 7 & Aa SAN a „ul 3 ar Öff a NS Val SS \ ZZ Vz !| Wappenstein im Türsturz der rückwärtigen Fassade
8 Der erwähnte chausseemäßige Ausbau der Aachen-Lütticher Heerstraße führte mancherorts zu einer Begradigung der Trassenführung. So auch an der «Krone» in Henri-Chapelle, wo die Straße zuvor an der Südseite, der heutigen Rückseite des Hauses, vorbei führte. EEE Da VOTEN A ZZ zz DL A San ZZ. —— —=>—— Ten EZ _—=_= Tasse Zn . z E Ze ME Al 57m EZ 7 Ze en DEN T SZ N a % N ZB Dr 5 P SE ü I * = A 3 LE An 13 Surf a SE Sa. 1 IC. > ZEN i1— A A VE \\ DS ie N AN TE Fr N SM ya bw G. Poswick hielt das Aussehen der rückwärtigen Fassade im Bild fest (1955). Als Verpächterin der «Krone» wird 1758 Margaretha Goor, Witwe des Walhorner Gerichtsschreibers Heinrich Heyendal, genannt. Margaretha Goor und Heinrich Heyendal hatten in Henri-Chapelle am 14.2.1704 geheiratet. Ihre Tochter Anne Catherine (*20.9.1726) heiratete am 11.1.1762 Walter Josef Franz Birven aus Montzen, Drost zu Kelmis, 1779 Gerichtsschreiber zu Walhorn. Durch die Heirat mit Anne Catherine Heyendal kam Birven in den Besitz von Chäteau Thor in Astenet. Von den Kindern der Familie Birven-Heyendal heiratete die Tochter Josephine 1840 den Aachener Arzt Dr. Friedrich Lambertz. Die «Krone» war durch diese heiratsbedingten Besitzwechsel ebenfalls von Goor auf Heyendal, dann Birven und schließlich Lambertz übergegangen. Am 19. August 1844 ließ Dr. Lambertz das Gut «die Krone» durch den in Henri-Chapelle ansässigen Notar J. Weustenraad öffentlich und
ES meistbietend verpachten. Die im Korrespondenzblatt des Kreises Eupen vom 9. August 1844 darauf hinweisende Anzeige beschreibt das Gut wie folgt: Yuf Anfteben des Herrn Dr. Camberfg, in Hachen , fol Montag, den 19. Wugufß 1842, ‚Morgens 10 Uhr, vor dem unterzeichneten Nos tar, fız dem Saftbofe „die Krone‘ zu Henri-Cha- pelle, öffentlidy md niiftbietend verpachtet merden: Das. Gut, genanut „‚die Krone‘ in Henri- Chapelle, befßtehend aus eimenr als Safßthof dienenden großen Wohnbanfe, einer vollftandi: get Bierbranerei um fehr großen Defonomies Gebäuden, zwei Gärten, Wiefen und Ackers Jändereieu, halterd Un Ganzen , gemäß dem Katalter:Audzuge: 20 Hıctaren 48 Aren 85 Gentiaren, oder 23 Bader 62 Ruthen St, Kantbertus Maaß, Die näheren Bedingungen find zu. erfahren bei dem {n Henri- Chapelle mohnender Notar: SS. Weuftenraad. Eines der Bühnenbilder der 700-Jahrfeier erinnerte an international bekannte Persönlichkeiten, die auf der Durchreise in Henri-Chapelle Quartier bezogen haben und nun vor der großartig gemalten Kulisse des Dorfzentrums gemeinsam am Konferenztisch saßen. Wenn heute vor dem Eingang zur «Krone» Namenstafeln an Julius Cäsar, Karl den Großen, Bischof Notger, Maria-Theresia, Napoleon und Albert I. erinnern, dann ist dies jedoch kein Hinweis auf einen Durchzug dieser Persönlichkeiten durch Henri-Chapelle. Hier wird nämlich dokumentiert, wie die Straßenpflasterung sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Dieses Straßenmuseum wurde gelegentlich der Feierlichkeiten am 24. Mai 1964 eingeweiht. Die «Krone» bestand, wie gesagt, schon 1630. Und wenn es auch leider kein Gästebuch dieser Herberge gibt, so sind uns doch einige Persönlichkeiten, die dort abgestiegen sind, bestens bekannt. Bei L&on Pauchenne! werden erwähnt (ohne Quellenangabe):
10 Hercule-Louis Turinetti, Marquis de Prie, war (stellvertretend für Prinz Eugen) Statthalter der österreichischen Niederlande von 1717 bis 1724. Er passierte Henri-Chapelle im Juli 1720. Am 6. Oktober 1747 beherbergte die «Krone» den General Spada. Ihm folgte am 13. Oktober 1747 Karl Joseph Fürst von Batthyany (Rechnitz 1697 - Wien 1772), ungarischer General, diente zuerst im Türkenkriege (1714-1718), ging dann mit einer österreichischen Gesandtschaft nach Konstantinopel, nahm als Feldmarschall-Leutnant an den Feldzügen des Prinzen Eugen am Rhein und an dem letzten Türkenkriege unter Kaiser Karl VI. (1735-1739) teil. Besonders im Österreichischen Erbfolgekrieg (1741-1748) zeichnete sich von Batthyany aus. E Später befehligte er die kaiserlichen Truppen am Rhein und in den Niederlanden, wenn auch nicht immer mit Glück. Nach dem Aachener Frieden (1748) wurde von Batthyany Ober- hofmeister des nachmaligen Kaisers Joseph II. Am 25. November des gleichen Jahres war der Marschall de Colbrat Gast in der «Krone». Im Winter 1747-48 taten sich der Oberst de la Marliere und dessen Offiziere gut am französischen Wein, der im Keller der «Krone» ruhte. Nach Yves Hurard? logierte der Oberst de la Marliere Frühjahr und Som- mer 1748 im Schloss Baelen-Ruyff und er sowohl wie seine Stabsoffiziere suchten regelmäßig die «Krone» auf. Der Wirt legte der Gemeinde die Rechnung vor. So verzehrte der französische Oberst mit fünf seiner Offiziere am 16. Mai 1748 9 Flaschen Burgunderwein. 12 Flaschen Wein einer minderen Qualität lässt sich der Oberst am selben Tage in sein Quartier auf Ruyff liefern. Am nächsten Tage speist der Oberst zu Abend mit dreien seiner Offiziere in der «Krone», wo sie 2 Flaschen leeren. Der Oberst lässt sich 4 weitere ins Schloss bringen; das gleiche wiederholt sich am folgenden Tage beim Mittagessen. Zusätzlich verlangt der Oberst ein ganzes Fässchen Wein für den Abend...Und das alles auf Kosten der Dorfgemeinschaft! Charles de Rohan, Fürst von Soubise (1715-1787), Marschall von Frankreich, ist als General und Staatsmann in die Geschichtsbücher eingegangen. Als persönlicher Adjutant folgte er König Ludwig XV. 1740 in den Krieg gegen Österreich, machte die Belagerung von Menen (Menin) und anderen flandrischen Städten mit und kämpfte in mehreren Gefechten mit Auszeichnung.
HM Mit Beginn des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) erhielt er den Befehl über ein Korps von 24.000 Mann, das er gegen die Preußen führte. Er war 1762 auf dem Weg zu seinen Truppen, als er in Henri-Chapelle in der «Krone» abstieg. Ludwig Joseph von Borbon, Prinz von Conde (1736-1818), war verheiratet mit einer Tochter des vorgenannten Fürsten von Soubise. Mit Beginn des Siebenjährigen Krieges (1756) trat er in die Armee ein und wurde 1758 zum Generalleutnant ernannt. Er hatte in den nächsten Jahrzehnten ein sehr wechselvolles Schicksal, emigrierte 1789, stellte ein eigenes kleines Heer auf, kämpfte auf Seiten der Österreicher, stellte sich dann in den Dienst der Russen, begab sich 1801 nach England und kam erst 1814 wieder nach Frankreich zurück. 1762 war er wie sein Schwiegervater auf dem Weg nach Preußen oder Schlesien, wo Frankreich auf Seiten Österreichs gegen Preußen und dessen Verbündete kämpfte. Vom 2. bis 10. September 1804 war Napoleon in Aachen. Seine zahlreichen Ausflüge in das Aachener Umland sollen ihn auch nach Henri-Chapelle in die «Krone» geführt haben. Außer den hier wiedergegebenen Gästen der Herberge «In den Croon» nennt Arsene Buchet auch den Grafen Wallenstein, der den ganzen Winter 1747-1748 dort verbracht haben soll, während seine Truppen im Ortsteil «Weiher» (Vivier) das Ende des Winters abwarteten. Wir wissen nicht, wie Herr Buchet zu dieser Aussage kommen konnte. Wallenstein ist bekanntlich eine der schillerndsten Figuren des Dreißigjährigen Krieges und wurde 1634 in Eger ermordet. Als die Brabantische Revolution ausbrach (1789), fielen die Revolutionäre auch ins Herver Land ein. Diese «Patrioten» versprachen Freiheit und Glück, verlangten jedoch zuerst Unterkunft und Proviant von der kaisertreuen Bevölkerung. Unter dem Druck der Brabanter Ständeversammlung mussten auch die in Henri-Chapelle in der «Krone» tagenden Limburger Stände ein Manifest verabschieden, das die Absetzung Josephs II. als Herzog von Limburg und die Unabhängigkeit des Herzogtums proklamierte. Es war den Limburger Deputierten von Adel, Geistlichkeit und Drittem Stand/Bürgertum nicht sehr wohl bei dieser erzwungenen Erklärung und sie zeigten keinerlei Eile, dieselbe zu veröffentlichen. Doch aus Brüssel verlangte man eine Erklärung dieser Verzögerung, so dass die Ständeversammlung schließlich den 24. Juni 1790 als Tag der Veröffentlichung des besagten Manifestes vorsah.
12 Nachdem sich die Deputierten in der «Krone» versammelt hatten, zogen sie zur Halle, dem Gemeindehaus auf dem großen Platz, wo das Manifest vor den versammelten patriotischen Truppen und einer großen Volksmenge verlesen wurde. Bei der Bevölkerung weckte dieses keinen großen Enthusiasmus. Wenig später zogen sich die «Patrioten» in Richtung Herve zurück. Am 4. August 1790 wurden sie in Olne in offener Feldschlacht geschlagen. In Henri-Chapelle wurden Bürgerwachen aufgestellt, die eine Rückkehr der Revoluzzer verhindern sollten. Doch bald brach die französische Zeit an. Nach einer kurzen Episode von Mitte Dezember 1792 bis März 1793 und einer Rückkehr der Österreicher, folgte am 6. Juli 1794 die für die Revolutionstruppen siegreich endende Schlacht bei Fleurus. Eine zweite Niederlage der Österreicher am 18. September 1794 bei Esneux zwang die kaiserlichen Truppen zum Rückzug nach Osten. Zwei Tage später marschierte die französische Vorhut durch Henri-Chapelle. Hier hatte der Wirt der «Krone» seiner Gaststätte und Herberge eine weniger royalistisch klingende Bezeichnung gegeben. Das Haus nannte sich nun «Hotel de Bellevue» bzw. «Hotel Belle-Vue». Am 21.9.1794 erschienen die ersten Franzosen vor Aachen. Dort entschieden sich die Stadtväter, den Stadtsyndikus Vossen und den Baumeister Cromm als Unterhändler nach Herve zu schicken, um mit dem französischen Befehlshaber der Sambre-Maas-Truppen, General Jourdan, die Übergabe der Stadt auszuhandeln. Am 23. September 1794 begaben die beiden Herren sich früh morgens auf den Weg. «In Henri- Chapelle trafen sie im Hotel Belle-Vue den Kommandanten der französischen Vorhut, General Hatry, der sie nach Herve bringen ließ...»? ok Noch einmal ging die «Krone» in die Schlagzeilen ein. Am 4. August 1914 überschritten die deutschen Truppen die belgische Grenze und ein deutscher Unterhändler trat in der «Krone» in Henri-Chapelle telefonisch in Kontakt mit General Leman, dem Befehlshaber der Festungswerke um Lüttich, den er aufforderte, den deutschen Truppen freien Durchmarsch durch Belgien zu gewähren... 1983 erbte die Gemeinde Welkenraedt, zu der Henri-Chapelle seit 1977 gehört, von Hubert Jeghers das Gut Kleinkapel sowie die «Krone» und das daneben liegende «Maison Blanche», das ehemalige Wohnhaus der Familie Hubert Jeghers - Berte Leroy mit der einschränkenden
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14 Menri-Chapelle. Yltbekannter und Bbeftempfohlener Sajfthof, Gefunde Lage, Benfion für Familien. Zimmer für Reifende. ‚ Sute Biere, feine Weine, vortreff: lide Küche. Witwe Kramp-Henkens. 2 Aus einer Kleinanzeige im «Freien Wort» vom 25. Juli 1908 ersehen wir, dass das Haus im 1. Jahrzehnt des 20. Jh. als Hotel und Gasthof von Frau Wwe Kramp- Henkens geführt wurde. Bestimmung, dass die Erbschaft erst nach dem Tode von Frau Jeghers- Leroy angetreten werden konnte. Diese starb i. J. 2000. 2002 gingen genannte Liegenschaften durch Kauf in den Besitz der Baugenossenschaft «Nosbau» über, deren Planungen die Errichtung von 15 Wohnungen (z. T. Sozialwohnungen) vorsehen. Die «Krone»/La Couronne sollte in dem Zusammenhang als Gaststätte und Hotel bestehen bleiben. In einer ersten Bauphase wurde das altehrwürdige und traditionsreiche Haus einer gründlichen Verjüngung unterzogen und am 24. Januar 2008 konnte der vormalige Pächter, Herr Ivan Vanderheyden, die «Couronne» als «Brasserie, Hotel (6 Zimmer) und Restaurant» wieder eröffnen. Auch als Poststation hatte die «Krone» zur Zeit der Postkutsche eine gewisse Bedeutung. Die am «Weißen Haus» als Vorspann bereit stehenden Tiere wurden an der «Krone» wieder abgeschirrt und kehrten zum «Weißen Haus» zurück. Quellen ' _L. Pauchenne, Histoire de la Franchise et de la Paroisse de Henri-Chapelle, herausgegeben durch die Societe Vervietoise d’Arch6ologie et d‘Histoire, Verviers 1955, S. 172 (ergänzender Beitrag von Arsene Buchet zum Hotel de 1a Couronne) ? Welkenraedt/Henri-Chapelle. Des origines A nos jours. Edition «Collections & Patrimoines asbl» Welkenraedt 2002, S. 56 3 A. Pauls, «Haltung der Aachener Bevölkerung während der Fremdherrschaft», in ZAGV, Bd. 63, 1950, S. 58
15 Via Mansuerisca M. Th. Weinert Die Straßen der Römer durch’s Venn sind noch da. Unbewegt liegen Eichenbalken im Sumpf, seit die Soldaten auf ihren Märschen ans Moor geraten, als sich der große Tribun verirrte und kalter Nebel den Sinn verwirrte. Manch einer wurde wohl umgebracht, der zuviel an die Sonne der Heimat gedacht, als er aufgemuckt, hat das Moor ihn verschluckt. Römer und Ruhm wurden aufgerieben. Eichenbalken im Venn sind geblieben. Auf ihnen zogen jahrhundertelang Reiche und Arme mühselige Wege, dass Gott sich erbarme. Die Pilger kamen mit Muschel und Stab hungernd und dürstend nach Pilger Art, von Mosel und Eifel zur Heiligtumsfahrt. Vor ihren Augen, in Ängsten und Stürmen leuchtet das Ziel: die Stadt mit den Mauern und Türmen.
16 Andere Pilger mit brennenden Herzen trugen die Krankheit, die Plagen und Schmerzen von Maastricht nach Trier, und flehten, als sie das Venn überquerten, zu dem Heiligen, den sie so sehr verehrten: «Heiliger Matthias, steh’ uns bei und hilf uns aus der Wüstenei!» Wär’ nicht St. Reinarts Pilgerhaus einsam im Venn, am Weg gelegen, E von all den Frommen wären nicht viele zum Ziel gekommen. Und auch die Diebe, die Bösewichter, die Händler und das Galgengelichter, die Vagabunden und die Scholaren, alles wandernde Volk, das daher gefahren, auf Schusters Rappen, mit Karren, zu Pferd ist im «Reinhart» eingekehrt, bis Räuber die Pilger und Mönche vertrieben... Nur die römischen Eichenbalken, die blieben.
17 Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsgestaltung im ostbelgischen Grenzland Prof. Dr. Bernhard Bergmans, Eynatten/Essen A. Einleitung Ausgangslage Ziel Methode Das ostbelgische Grenzland B. Vergangenheitsbewältigung Vorbemerkung Welche (problematische) Vergangenheit? Welche Bewältigung? a) Arten der Bewältigung b) Bewertung c) Sinn und Zweck der Bewältigung Zukunftsorientierte Bewältigung a) Vergangenheit als Erkenntnisquelle für die Zukunftsgestaltung? b) Ansatzpunkte aus Wissenschaft und Literatur c) Perspektiven für das ostbelgische Grenzland C. Grundelemente einer geschichtsbewussten Zukunftsgestaltung Verständigung und Verständnis Historische Zugehörigkeit oder Heimat? a) Die Zugehörigkeitsfalle b) Der Heimatbegriff c) Die ‚weitere’ Heimat Einheitlichkeit oder Zusammengehörigkeit? a) Zusammengehörigkeit trotz Grenzen b) Mythos der Einheitlichkeit Die Sprache: Streitgrund oder Bindeglied? D. Schlussfolgerungen Vergangenheitsbewältigung Die Identitätsfrage Die Sprache Maßnahmen
18 A. Einleitung Ausgangslage 1. Das 20. Jahrhundert war das wohl geschichtsträchtigste in einer auch früher schon an Veränderungen reichen Region. Es war dabei zudem das erste, in dem nicht nur von außen auferlegte Maßnahmen verarbeitet werden mussten, sondern auch eine innere Zerrissenheit zutage getreten ist, die in manchen Ausprägungen bis heute nachzuwirken scheint. Gleichzeitig hat ein Teil dieses Grenzlandes - die Deutschsprachige Gemeinschaft - auf der Grundlage einer rechtlich verankerten Autono- mie noch nie so weitreichende Verantwortung für das eigene Schicksal getragen und so viele Gestaltungsmöglichkeiten besessen wie am Ende dieser bewegten Jahre. Doch trotz dieses scheinbaren Happy Ends stellt man bei näherem Hinsehen fest, dass die Deutschsprachige Gemeinschaft seit ihrer Entstehung nach einer ‚Identität sucht’. Während vordergründig die relativ selbständige rechtliche Stellung im belgischen Staat zumindest nach außen hin einheitsbildend wirkt, verbleibt eine Unklarheit über das, was ‚wir sind’, d. h. den inneren Zusammenhalt und gleichzeitig die Haltung gegenüber den unmittelbaren Nachbarn im Osten und Westen. Was dieser auch in anderen (teil)staatlichen Einheiten weltweit verbreiteten Identitätsfrage eine besondere Eigenschaft verleiht, ist die Vermutung, dass der mehrfache Staatenwechsel und die beiden Kriege im 20. Jahrhundert wesentliche Ursachen dieser ‚Identitätskrise’ seien, die sich vor allem aus der Dichotomie von staatlicher und sprachlich- kultureller Zugehörigkeit speist. Es überrascht deshalb nicht, dass sich vor allem Historiker mit dieser Thematik befasst haben, und dass die Frage der Identität fast ausschließlich in dieser historischen Perspektive gesehen wird. Als Ursache für den derzeitigen Zustand wird dann auch (zumindest von den jüngeren Autoren) die fehlende Auseinandersetzung mit der neueren Geschichte und die nicht bewältigte Vergangenheit angesehen, die zu einer politisch dominierten Erinnerungskultur geführt habe, die sich einer unvoreingenommenen Analyse dieser Geschichte verweigere. Diese Unwissenheit wiederum führe zu Geschichtsklitterung und Vorurteilen, ja sogar einem «schizophrenen Psychogramm» der Ostbelgier.' * S. stellvertretend C. Lejeune, A. Fickers, F. Cremer, Spuren in die Zukunft, Büllingen 2001, vor allem die Beiträge von Cremer (S. 8 ff, 99 ff) und Fickers (S. 77 ff).
19 Ziel 2. Im vorliegenden Beitrag soll hinterfragt werden, ob und in welchem Maße die Aufarbeitung und Bewältigung der neueren Vergangenheit tatsächlich so wichtig für das angesprochene Selbstverständnis ist bzw. sein muss. Es soll dabei - ausgehend von einer Auseinandersetzung mit dem, was regionale Vergangenheitsbewältigung überhaupt sein kann - gezeigt werden, dass ein breiterer Ansatz erforderlich ist als der typisch geschichtswissenschaftliche. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Überzeugung, dass die Aufarbeitung der Geschichte nicht bloß rückwärtsgewandten Erklärungs- und Rechtfertigungszwecken dient, sondern einen positiven Beitrag zur Zukunftsgestaltung leisten soll. Denn erst Letzterer erlaubt es, sich aus der Umklammerung des Geschehenen zu lösen und sich um das zu kümmern, was letztlich diese Identität ausmacht. Auf diese Weise soll der Vergangenheitsbewältigung der negative Beigeschmack genommen werden. Zugleich soll der Blick auf jene Aspekte bzw. Erkenntnisse gelenkt werden, die in der üblicherweise an der politischen Dimension ansetzenden Auseinandersetzung der Historiker in Vergessen zu geraten drohen, die aber als Ansatzpunkte für die Zukunftsgestaltung wertvoll sein können. Methode 3. Das o. g. Ziel soll nicht durch eigene Geschichtsforschung erreicht werden, sondern durch eine Auswertung und Besprechung neuerer Literatur. Hierbei dienen vor allem drei in den letzten Jahren erschienene Werke als Grundlage, die in gewisser Weise repräsentativ für unterschiedliche Herangehens- und Sichtweisen sind, und deren Autoren nicht nur Kenner, sondern auch intellektuelle Mitgestalter dieses Grenzlandes sind: Freddy Derwahl, Bosch in Belgien (2005) , Carlo Lejeune, Die Säuberung (Bd. 1: 2005, Bd. 2: 2007), Leo Wintgens, Wege aus Sümpfen (Bd. 1: 2001, Bd. 2: 2006). Während der Einbezug des geschichtswissenschaftlichen Werkes von Lejeune nahe liegt, mag die Berücksichtigung der Romane von Derwahl und Wintgens verwundern. Das Buch von Derwahl wird zwar im Vorwort des Herausgebers als ‚Schelmenroman’ angekündigt, de facto ist die romanhafte Herangehensweise aber eher ein Kunstgriff des Autors, ausgehend von der erfundenen (aber dem Autor in etwa gleichaltrigen) Person Albert
20 Bosch aus Eupen, ein Dreiviertel Jahrhundert Heimatgeschichte Revue EN passieren zu lassen und dabei alle möglichen Themenkomplexe miteinander BOSCH IN zu verbinden - Krieg, Sprache, Politik, ESSENER ” 4 . ä BEL GIEN Literatur, Belgier bzw. Ostbelgier sein,... Auch bei Wintgens ist die äußere Form kn des Romans letztlich nur ein Mittel, um offenkundig autobiografische, auf das Grenzland bezogene Erlebnisse und Erfahrungen aus ca. 40 Jahren in der Hauptperson von Peeke/Peter/Pierrot zu GE Papier zu bringen. Dass beide Autoren dabei auch von 5 ihrer literarischen Freiheit Gebrauch | (a machen, mag für den wissenschaftlich | A GT” orientierten (Politik-)Historiker ein {| Problem darstellen?. Was die Werke aber 6 On Schme! | so wertvoll macht, sind die zahlreichen ® “ — persönlichen Erfahrungen und die & EM 7 Wiedergabe der ‚Stimme des Volkes’, die BE sonst in der Geschichtsschreibung selten E . = zu Wort kommt, und die wertvolle Die Säuberung Informationen für eine regionale Sozial- SE und Kulturgeschichte liefern. =] Diese drei Werke (und ihre Hauptpersonen) stehen zudem hier La Witze repräsentativ und modellhaft für drei DA BR formale Arten der Auseinandersetzung VE ; ; ; DALE Ü mit der Geschichte und ihrer Se 5 A Bewältigung: die wissenschaftliche, Au 5 SS N WAY be) 3 4) \Bemeainer Grenzlandschan . | ? So beschreibt Derwahl in seinem Buch (Kap. 4 ZZ 5 XX) die Niermann-Affäre so, als habe die A 3E Ostbelgien-Ausgabe der Aachener Volkszeitung 1} bei der Aufklärung eine aktive Rolle gespielt, N an anderer Stelle (Zwei Jahrhunderte E \ deutschsprachige Zeitung in Ostbelgien, Eupen A 2007, S. 249 ff) bezeugt er genau das Gegenteil. | ex Wer sich in der Regionalgeschichte auskennt, AM Teil 1 wird im Übrigen viele der Personen leicht A wieder erkennen, zumal ihre Namen oft nur | a leicht verfremdet sind.
21 literarische und autobiografische. Zudem bieten sie inhaltlich unterschiedliche Bewertungen und Deutungen für den Umgang mit dieser Geschichte, aus denen auch ein gewisses Vorverständnis für die Zukunftsgestaltung abgeleitet werden kann. Schließlich werden hier drei sozioregionale Prägungen berücksichtigt, deren Einfluss auf die vertretenen Sichtweisen nicht zu unterschätzen ist: die eupener, die eifeler und die kelmiser/altbelgische.? Da es im Folgenden in erster Linie um eine gedankliche bzw. erkenntnismäßige Auseinandersetzung mit dem Thema geht, sind auch weniger die Fülle der in den Büchern enthaltenen Fakten (und ihr Wahrheitsgehalt) von Bedeutung als vielmehr ihre Fähigkeit, als Inspirationsquelle zu dienen. Es wird sich im weiteren Verlauf zeigen, dass die Werke in dieser Hinsicht den Erwartungen gerecht werden. Im Übrigen sind alle drei Methoden geeignet, um Geschichte verständlich zu machen, da Analyse, Erlebtes und Fiktion sich ergänzen. Insofern handelt es sich bei dem hier besprochenen Trio um einen Glücksfall (der hoffentlich kein Einzelfall bleiben wird). Selbstverständlich fließen in die Ausführungen auch andere Quellen ein, die im Folgenden jedoch nicht systematisch zitiert werden sollen (außer wenn ausdrücklich hierauf Bezug genommen wird). Das ostbelgische Grenzland 4. Die folgenden Überlegungen beziehen sich bewusst weder nur auf das Gebiet der heutigen Deutschsprachigen Gemeinschaft, noch nur auf die ehemaligen Kreise Eupen-Malmedy, ”cantons redim&s” oder Ostkantone, sondern auch auf die altbelgischen Gemeinden, in denen (platt)deutsch gesprochen wurde und wird. Hierbei wird in erster Linie das Gebiet nördlich des Venns im Fokus stehen, aber die diesbezüglichen Feststellungen gelten im Grundsatz weitgehend auch für das südliche Grenzland. Der Grund für dieses erweiterte Blickfeld wird im weiteren Verlauf der Darstellung deutlich werden. Der Leitgedanke hierbei ist, dass eine an mehr oder weniger zufälligen, politisch zustande gekommenen regionalen Abgrenzungen orientierte Betrachtung Gefahr läuft, der Lebenswirklichkeit nicht Rechnung zu tragen. Wie noch zu zeigen sein wird, lässt sich diese eben nicht an klaren Grenzen festmachen. Gerade auch vor dem Hintergrund der Zielsetzung. Perspektiven für eine ?_ Auch die persönliche (individuelle oder familiäre) Geschichte der Autoren dürfte in ihren Werken eine Rolle spielen, soll aber im Folgenden vernachlässigt werden.
22 tragbare Zukunftsgestaltung zu eröffnen, wäre eine territoriale, und damit gedankliche, a priori-Eingrenzung deshalb nicht vertretbar. Da es für die so abgegrenzte Region keine griffige Bezeichnung gibt, wurde hier der Terminus ‚ostbelgisches Grenzland’ gewählt. B. Vergangenheitsbewältigung Vorbemerkung 5. Es geht in den folgenden Abschnitten zunächst darum, beispielhaft ausgehend von den drei zitierten Büchern nachzuvollziehen, was im ostbelgischen Grenzraum Vergangenheitsbewältigung überhaupt bedeutet bzw. bedeuten kann. i Eine kritische Bewertung dieser Ansätze soll dann zu einem eigenen Vorschlag führen, wie die vorherrschende politische bzw. politisierte Sichtweise zu einem gelasseneren und konstruktiveren Umgang mit der Vergangenheit und ihrer ‚Bewältigung’ weiterentwickelt werden kann, der dann die Grundlage für eine geschichtsbewusste Zukunftsgestaltung bildet. Die Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie Vergangen- heitsbewältigung im ostbelgischen Grenzland gelebt bzw. gesehen wurde bzw. wird, soll den Blick schärfen für die Sackgassen, in welche die Diskussion sich leicht verirren kann, in sprachliche, kulturelle oder politische Vorverständnisse, die keine unvoreingenommene Auseinandersetzung erlauben, und für jene Elemente, die letztlich tragfähige Ansatzpunkte für eine Zukunftsgestaltung sein können. Welche (problematische) Vergangenheit? 6. Von Vergangenheitsbewältigung spricht man i. d. R. nur dann, wenn diese Vergangenheit problematisch war oder zumindest als solche empfunden wird, und es Probleme gibt, die zu ‚bewältigen sind. Im vorliegenden Zusammenhang geht es dabei um die Fragen der staatlichen (oder rechtlich-politischen) und der kulturellen Zugehörigkeit (und Identität) der Menschen im genannten Gebiet, die durch zwei grausame Kriege geschaffen, durch extern gesteuertes politisches Ränkespiel zweier Ansprüche erhebender Staaten verschärft und ein unterschiedliches Selbstverständnis der Bewohner verkompliziert wurden (und werden). Während über die grundsätzliche Bedeutung dieser Umstände und die hieraus resultierenden Probleme weitgehend Einigkeit herrscht, gehen die Meinungen über Einzelheiten und vor allem die
23 Wertungen der Ursachen und Ursprünge subtil - aber für die weiteren Sichtweisen mitentscheidend - auseinander. 7. Für Lejeune (wie für die meisten jüngeren ostbelgischen Geschichtswissenschaftler) liegt das Urübel im vom Volk nicht gewollten Staatenwechsel der Kreise Eupen-Malmedy von 1920. Nur das, was in den darauffolgenden Jahrzehnten geschehen ist, verdiene unsere Aufmerksamkeit. Weiter zurückliegende Fakten seien aus heutiger Sicht vielleicht noch interessant, aber nicht zu ‚bewältigen’, weil sie für die Gegenwart keine Bedeutung mehr besitzen. Damit einher geht folgerichtig (wenn auch nicht zwingend) eine territoriale Eingrenzung auf die genannten Kreise und ihre heutigen Nachfolgegemeinden. Derwahl und Wintgens hingegen verwenden ein offeneres Vergangenheits- bzw. Regionalverständnis. Derwahl skizziert in seiner Erzählung anhand einzelner Lebensläufe die komplizierte, nicht nur politische, sondern auch menschliche und soziale Lage der Bevölkerung, wobei er auch die Erfahrungen der Vorfahren und Verwandten der Hauptperson im deutsch-französischen Krieg 1870-1871 und im Ersten Weltkrieg berücksichtigt. Dabei weitet er immer wieder seinen Blick über das neubelgische Territorium hinaus nach Lüttich, Löwen, Brüssel, Aachen oder auch Montzen. Wintgens beschreibt die Abstammung seiner Hauptperson als Ergebnis einer Raeren-Baelener Verbindung, deren Vorfahren z. T. aus der deutschen Eifel bzw. Holländisch-Limburg stammen, er verarbeitet die besagten Probleme (z. B. die Verletzung des Vaters im Ersten Weltkrieg, den Tod des Bruders am Ende des Zweiten) en passant, und die Biografie seiner Hauptperson führt diesen vom heimatlichen Hergenrath nicht nur nach Kelmis und Eupen, sondern auch nach Altbelgien, in die Wallonie und nach Brüssel. 8. Natürlich stellt der Staatenwechsel von 1920 eine entscheidende Zäsur dar, ohne die die nachfolgenden Probleme erst gar nicht entstanden wären. Dennoch greift eine ausschließlich dieses Ereignis fokussierende Sichtweise zu kurz, da sie verschiedene Aspekte außer Acht lässt, die ihrerseits im Übrigen eng mit der relevanten regionalen Perspektive verbunden sind: Zum einen wird hierdurch das ‚Problemareal’ auf die neubelgischen Gemeinden beschränkt und das altbelgische Gebiet, in dem früher auch zahlreiche (platt)deutsch sprechende Menschen lebten, von vornherein
25 bestätigt oder gerade damit bricht. Das mag dem politischen Establish- ment passen oder auch nicht, aber es würde nichts bewirken, wenn man daraus inhaltlich nichts ableiten kann. Denn was bedeutet letztlich heute eine ehemalige bzw. historische Zugehörigkeit zu Belgien oder Preußen bzw. dem Deutschen Reich? Gerade diese inhaltliche Ebene ist es, die in der Diskussion zu kurz kommt und die im vorliegenden Beitrag vertieft werden soll. Sie ist es auch, die letztlich lebensnaher und für die Bevölkerung relevanter ist (s. hierzu auch unten). Als zeitlicher Abgrenzungspunkt für eine wissenschaftliche Darstellung mag sich die ‚Volksbefragung’ von 1920 eignen, für eine auf die Zukunftsgestaltung abzielende historische Betrachtung ist sie zu eng. Folglich soll hier ein offeneres Vergangenheitsverständnis zugrunde gelegt werden, das zumindest das gesamte 20. Jahrhundert umfasst und demnach auch jene Zeit und Situation vor dem 1. Weltkrieg, in der die Menschen zweifellos wussten, wohin sie staatlich-politisch gehörten. Sollte der Einbezug weiter zurückliegender Ereignisse für das Verständnis sinnvoll sein, sind selbstverständlich auch diese zu berücksichtigen. Welche Bewältigung? a) Arten der Bewältigung 9. Die übliche Methode der Vergangenheitsbewältigung ist die geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung. Hier leistet Lejeune einen wertvollen und qualitativ hochstehenden Beitrag durch eine Auswertung und zusammenfassende Darstellung zahlreicher (zugänglicher) Primär- und Sekundärquellen. So wichtig schriftliche Quellen aber sein mögen, sie ‚sind’ nicht die Geschichte, vor allem wenn sie wie hier vorwiegend amtlichen Ursprungs sind. Dessen ist sich auch der Autor bewusst und so ist für Ende 2008 ein dritter Ausgabe angekündigt, der ergänzend erlebten Geschichten gewidmet sein wird (s. insbesondere Bd. 2, S. 257). 10. Derwahl hat einen literarischen Zugang gewählt, der es ihm erlaubt. Kenntnislücken ‚passend’ zu füllen, persönliche Ansichten einfließen zu lassen, vor allem aber jenen das Wort zu geben, die in schriftlichen Quellen gar nicht oder nur als statistische Größe auftauchen: Den (einfachen) Mann des Volkes, der die Geschichte nicht gestaltet, aber erleidet. . Derwahl bringt aus persönlicher oder vermittelter Erfahrung - die er nicht zuletzt auch seiner Tätigkeit als Journalist verdankt - jene Überzeugungen
26 und Gefühle zum Ausdruck, die erst die Handlungen und Motive des Einzelnen nachvollziehbar machen. Über die Wissenschaftlichkeit lässt er seinen Helden sinnieren: «Für viele Dinge, die ihm ein Rätsel, manchmal auch eine Last waren, gab es ganz simple Erklärungen. Er war sich ganz sicher, dass solche Einsichten allein der Illusionslosigkeit kleiner Leute zu verdanken sei. Von Vertragswerken,Verwaltungsakten und Parteiprogrammen haben sie keine Ahnung, auch verstehen sie nichts von den Doppeldeutigkeiten politischer Sprache, doch sie schämen sich dieser Unkenntnis nicht. Weshalb auch? Sie wissen viel mehr, denn nur sie besitzen ein untrügliches Gespür für die unromantische Realität des Lebens. Der Hosenknopf eines französischen Grenadiers oder die verwelkte Feldblume eines Bauernmädchens aus Stockem sagen ihnen mehr als das gestaffelte Wissen der Bibliotheken» (S. 226). Er dokumentiert auf diese Weise, dass es für den einzelnen keine objeklive Bewältigung gibt, sondern immer nur eine persönlich- subjektive. Es mag sein, dass der Autor das Bild des ‚kleinen Mannes mit Durchblick’ idealisiert und dessen ideologische Vereinnahmung ignoriert. Dennoch zeigt er, dass eine Aufarbeitung letztlich nur dann erfolgreich ist, wenn die Erkenntnisse nicht nur in wissenschaftlichen Arbeiten dokumentiert sind, sondern die Menschen tatsächlich erreichen, d. h. diese müssen sie kennen, verstehen und akzeptieren, wenn sie in irgendeiner Weise Wirkung zeigen sollen. 11. Wintgens akzentuiert diese subjektive Herangehensweise noch mehr durch die konsequente Fokussierung auf seine Hauptperson, ihre persönlichen Erlebnisse und Einsichten, ohne den Versuch, allgemeingültige Aussagen zu machen. Dies lässt sich über den Einzelfall hinaus nicht verallgemeinern, aber es handelt sich dabei um eine in dieser Form seltene authentische Quelle, die um so wichtiger ist, als aus dieser Zeit, diesem Milieu und dieser (Teil)Region kaum Zeitzeugenberichte vorliegen. Anderseits versteht er in seinem Werk (2. Ausgabe) die Wissenschaftlichkeit durchaus als Mittel, einen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung zu leisten. Denn seine Hauptperson ist bemüht, durch eine sprachgeschichtliche wissenschaftliche Forschungsarbeit nicht nur persönliches Profil zu gewinnen, sondern ein geschichtliches Beweismittel für die Zugehörigkeit bzw. Gemeinsamkeit einer bestimmten Menschengruppe zu erarbeiten.
2 12. Während Derwahls ‚Held’ eher passiv-skeptisch die Geschichte betrachtet und sie mit kritischer Distanz ‚verarbeitet”, ist die Hauptperson in Wintgens’ Werk aktiv beteiligt am Geschehen und an der Verbesserung der aus der Vergangenheit resultierenden Verhältnisse. Beide Menschentypen wird man im ostbelgischen Grenzraum vorgefunden haben (bzw. vorfinden), wobei ersterer (zumindest gemessen am politischen Engagement) verbreiteter (gewesen) zu sein scheint. Aus alledem ergibt sich ein verwirrendes und in weiten Zügen fast tragisches Geschichtsbild, das subtil ein ‚Selbstbild’ der hier lebenden Menschen vermittelt: Zum einen das Verständnis, dass die echte Geschichte aus Einzelgeschichten besteht, und dass letztlich jedes Einzelschicksal mindestens so spannend und wichtig ist, wie das einer ganzen Region. Zum anderen (und mit dem vorigen Punkt indirekt verbunden), dass der ‚kleine Mann’ immer den Kürzeren zieht, und weil die Bevölkerung hier vor allem aus ‚kleinen Leuten’ besteht, dass diese verführt und ausgenutzt wurden. Hier ist es dann nur noch ein Schritt bis zur (unausgesprochenen) Schlussfolgerung, dass - wenn überhaupt jemand die Verantwortung zu übernehmen hat - es nicht das Volk sein kann. b) Bewertung 13. Die besprochenen Bücher bringen sehr gut die drei grundlegenden unterschiedlichen Einstellungen zur Vergangenheitsbewältigung zum Ausdruck: Wissenschaftlich aufarbeiten, ignorieren bzw. verdrängen und gestaltend verarbeiten. Dabei besteht ein grundlegender Unterschied vor allem zwischen den beiden ersten Optionen: Zum Selbstverständnis der Geschichtswissenschaft zählt nämlich, dass das individuelle und kollektive Verdrängen und Vergessen der Vergangenheit fehl am Platze, stattdessen eine Bewusstmachung und Aufarbeitung des Geschehenen notwendig sei. Vergessen, Verschweigen und Verdrängen können kein Fundament für eine belastbare Zukunft sein. Der kritische Blick in die eigene Geschichte sei die Grundlage für eine sich an den Kriterien der Objektivität und der Wahrheit orientierenden Aufarbeitung unserer Vergangenheit’. Dies steht jedoch im vorliegenden Kontext in krassem Kontrast zum tatsächlichen Verhalten des überwiegenden Teils der Bevölkerung, die 7 So auch ausdrücklich Cremer (Fn 1), S. 14, 21, 24 implizit auch Lejeune.
28 (z. T. bis heute) offensichtlich der Meinung war und ist, man solle diese Zeit ‚ruhen lassen’. 14. Bei näherer Betrachtung haben beide Haltungen ihre Berechtigung: Einerseits darf und soll man den unmittelbar Betroffenen gestatten, das Geschehene zu verdrängen (was nicht mit leugnen gleichzusetzen ist). Gerade wenn die Sachlage so komplex ist, dass eine einfache Bewertung und Klärung nicht möglich ist, ohne weitere Wunden zu reißen (s. auch hiernach), zeigt die Lebenserfahrung, dass es sinnvoll sein kann, ein Thema zumindest ruhen zu lassen und Neues anzufangen, ohne Altes abgeschlossen zu haben. Es gibt in der Tat sowohl im psychischen als auch im sozialen Kontext gute Gründe dafür, manche Dinge aus dem’ Gedächtnis zu löschen oder zu verbannen. Nicht umsonst gibt es im Rechtswesen die Verjährung oder die Löschung eines Vorstrafenregisters. Die nachfolgende Generation, die von den Folgen betroffen ist, ohne dabei gewesen zu sein, ist ihrerseits jedoch berechtigt, wenn nicht verpflichtet, das Geschehene aufzuarbeiten, um sich eine eigene Meinung zu bilden und mit diesen Folgen ‚richtig’ umgehen zu können. Das 20. Jahrhundert prägt in nicht zu unterschätzendem Maße unsere Gegenwart und (ggf.) auch Zukunft. Angesichts des Zeitablaufs sind jedoch inzwischen nicht mehr die tatsächlich erlebten Dinge ausschlaggebend, sondern das, was sich an Bildern, Vorurteilen und Halbwissen in unseren Köpfen festgesetzt hat. Das kann zu falschen Schlüssen führen und Lösungen bzw. Gestaltungen verhindern, die ansonsten möglich wären. Eine Kritik am Verhalten der Bevölkerung, sich ihrer Vergangenheit nicht zu stellen, ist deshalb unangebracht. Mit Recht zu beanstanden ist hingegen, dass die Geschichtswissenschaft (zumindest deren einhei- mische Vertreter) sich lange Zeit diesem Thema verweigert hat. Letzteres mag zum einen an der zu großen Zeitnähe und der zwangsläufigen Personifizierung vieler Vorkommnisse gelegen haben, zumindest wenn es um die Aufarbeitung des Verhaltens der Bevölkerung in der Zeit 1920-1945 geht®. Aber sicher spielen hier auch die politischen Rahmenbedingungen und Opportunismen eine wichtige Rolle, da nicht nur das Verhalten der ® Auch die Romane von Derwahl und Wintgens, die einen Teil der Personen zumindest namentlich verfremden, enden ca. 1980. Wenn also die Literatur sich nicht ‚traut’, (oder es als inopportun erachtet), sich mit der neueren Geschichte einzulassen (außer in einigen Nebensätzen), wird dies für der Objektivität verpflichtete Wissenschaftler ein relevanter Aspekt (gewesen) sein.
29 Bevölkerung, sondern auch das des belgischen Staates aufzuarbeiten war bzw. ist. Die jüngere Generation der Historiker (wie z. B. Lejeune) hat es dabei leichter, sich unbefangen an dieses Thema heranzuwagen. Deren kritische Auseinandersetzung vermittelt allerdings z. T. den Eindruck, es gehe nicht um die Bewältigung der Vergangenheit, sondern um die Bewältigung der Vergangenheitsbewältigung, d. h. nicht um Inhalte, sondern um die Frage, wer was richtig oder falsch macht (gemacht hat) beim Bewältigen. Auch das ist grundsätzlich legitim, lenkt allerdings unnötigerweise vom eigentlichen Thema ab, das hier im Vordergrund stehen soll. Die Spannung zwischen gelebter bzw. erinnerter Geschichte und wissenschaftlicher Geschichtsschreibung? findet sich also auch im hier behandelten Themenkomplex wieder. Sie konstruktiv zu nutzen, ist Anliegen dieses Beitrags. Dazu ist es jedoch erforderlich, sich mit der Frage auseinander zu setzen, welchen Sinn und Zweck die Bewältigung eigentlich hat bzw. haben kann. c) Sinn und Zweck der Bewältigung 15. Die Meinung darüber, ob und wie Vergangenheit zu bewältigen ist, hängt letztlich entscheidend davon ab, welche Funktion man dieser Bewältigung zuerkennt. Dies soll hier am Beispiel der Säuberungen durch den belgischen Staat nach dem 2. Weltkrieg vertieft werden. Lejeune begründet seine diesbezügliche Forschungsarbeit mit dem eher allgemeinen ‚politischen’ Ziel, heutigen demokratiefeindlichen und rechtsradikalen Tendenzen entgegenzuwirken (Bd. 1, S. 17, 219, Bd.. 2, S. 15). Man darf daran zweifeln, dass Menschen mit solcherart Gesinnung sich durch Geschichtserkenntnisse beeindrucken lassen. Wichtiger ist jedoch, dass eine möglichst umfängliche Kenntnis der Vergangenheit alleine - und dies wird von den Historikern zu leicht übersehen - kein Garant für eine ‚Bewältigung’ ist, sondern allenfalls für eine ‚Aufarbeitung’. Und Letztere läuft Gefahr - so wissenschaftlich sie auch angelegt sein mag, trotz der Zerstörung ggf. verbreiteter Mythen keine Hilfestellung bei der Bewältigung bzw. Verarbeitung dieser Vergangenheit zu leisten. Denn zum einen erfüllen auch Mythen einen Zweck, der durchaus legitim sein kann, auch wenn er historisch nicht oder nur teilweise fundiert sein sollte. Wenn etwa die ‚offizielle’ ostbelgische Geschichtserinnerung die heimische Bevölkerung vor allem in der Rolle ? Vgl. Fickers (Fn 1), S. 78
31 «Auf zu vielen Ebenen wurde mit zu unterschiedlichen Instrumenten zu unterschiedlich geurteilt, so dass wohl jeder Bürger der Ostkantone das Gefühl erhalten musste, dass die Säuberung zu hart, zu ungerecht und zu willkürlich war. Da die Bürger der Ostkantone zudem politisch entmündigt wurden, blieben vielfach Verbitterung, Rückzug ins Private und eine tief wirkende apolitische Haltung.» (Bd.. 2, S. 194) Was aber bringt den Menschen heute die Erkenntnis, dass der belgische Staat sich vor 60 Jahren falsch oder ungeschickt verhalten hat? Beeinflusst es in irgendeiner Weise ihre heutige Loyalität zum belgischen Staat? Und wenn ja, ist dies eine sinnvolle Form der Vergangenheitsbewältigung? Ähnliches muss man sich fragen, wenn man auf die Zäsur von 1919/ 1920 zurückblickt: Selbst wenn die Menschen um die kritikwürdigen Umstände wissen, unter denen Eupen-Malmedy zu Belgien kamen, was soll das an ihrem heutigen Selbstbewusstsein und ihrer jetzigen Identität ändern? Geht es letztlich wirklich nur darum anzuerkennen, dass die Bevölkerung im Zeilraum 1815-1920 entscheidend ‚eingedeutscht’ wurde und frühere ‚belgische’ Wurzeln verkümmerten? Selbst wenn es so wäre, warum sollte es denn unmöglich sein, heute trotzdem loyale Belgier zu sein? In beiden Fällen werden vergangene Geschehnisse zu einem aktuellen Problem gemacht, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese ‚rückwärts gewandte’ Diskussion nur als Vorwand für aktuelle politische Einstellungen dient und die Menschen gar nicht mehr erreicht. Angesichts des Selbstbewusstseins, das inzwischen alle ostbelgischen Parteien gegenüber Brüssel an den Tag legen, drängt sich im Übrigen der Verdacht auf, dass die unterschiedlichen Sichtweisen letztlich nur noch einen ‚Glaubenskrieg’ darstellen. 17. Wenn man also diese ‚unselige’ Vergangenheit aufarbeitet, dann nicht, um aus heutiger Sicht nachträglich ‚Schuldige’ zu identifizieren und mit ihnen abzurechnen, sondern allenfalls ggf. Unschuldige zu entlasten und noch bestehende Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Entscheidend aber geht es darum, Verständnis zu entwickeln mit dem Ziel, nicht nur die Wiederholung derselben Fehler zu vermeiden, sondern vor allem - und hiervon lenken diese rückwärts gewandten Diskussionen leider ab - eine belastbare Grundlage für zukünftige Entwicklungen zu legen.
32 Zukunftsorientierte Bewältigung a) Vergangenheit als Erkenntnisquelle für die Zukunftsgestaltung 18. Wer bei Überlegungen zur Gestaltung der Zukunft auf die Vergangenheit als Erkenntnisquelle zurückgreift, läuft Gefahr, das Geschehene in die Zukunft zu extrapolieren oder sich genau dagegen zu wehren, jedenfalls im Ergebnis einer rückwärts gewandten Sichtweise zu erliegen, die von vornherein kreative Ideen ausschließt. Diese Gefahr wird hier keineswegs verneint. Aber es soll hier gerade der Versuch unternommen werden, aus der Vergangenheit und der Art und Weise ihrer Bewältigung Erkenntnisse abzuleiten, die im Strom der gern gehörten Fakten und immer wieder geäußerten Meinungen verloren zu gehen drohen. Es soll der Versuch sein, durch eine Rückbesinnung zu ermitteln, welche Ansatzpunkte für die Zukunftsgestaltung aus der Vergangenheitsbewältigung gewonnen werden können, gerade auch um dieser Vergangenheitsbewältigung einen ‚positiveren’ Sinn zu verleihen. 19. Speziell auf das ostbelgische Grenzland bezogen taucht hier aber wieder die Frage auf, bis wann diese Vergangenheit reichen soll und welche Bedeutung den historischen Brüchen, beginnend mit der Gebietsneuorganisation durch Napoleon vor ca. 200 Jahren, beizumessen ist. Diese Frage entzweit die ostbelgischen Historiker, nicht zuletzt, weil nach vorherrschender Sicht damit immer die politische Frage der ‚eigentlichen’ nationalen Zugehörigkeit verbunden ist, die bei der Identitätsdebatte unweigerlich eine prägende Rolle spielt. Argumentiert wird dabei wie folgt: Es scheinen Zweifel angebracht, ob die Erinnerung an eine von christlichen Werten getragene Schicksalsgemeinschaft früherer Jahrhunderte heute inspirierend auf die kulturelle oder politische Identität der Ostbelgier wirken kann [...] Selbstverständlich lassen sich auch sehr lange entrückte Ereignisse als produktive Faktoren gegenwärtiger Geschichtspolitik aktivieren, nicht selten führen solche Anstrengungen aber zum ‚Erfinden von Traditionen’ oder sind Ausdruck der mit Mythen und Legenden dekorierten ‚Nationalgeschichten’ [...] [Es] sei daher hinterfragt, ob jene Erinnerungssplitter, die noch aus den Zeiten Maria-Theresiens, Napoleons oder Kaiser Wilhelms im öffentlichen Bewusstsein vage vorhanden sind, hilfreich bei der Suche nach einer wie auch immer gearteten ostbelgischen Identität sein können. [...] Falls Geschichte heute überhaupt einen Einfluss auf ostbelgische
33 Identitätsfindung hat, so ist dies mit Sicherheit jene Zeit, die bis heute tiefe Narben im kollektiven Gedächtnis hinterlassen hat — die Zwischenkriegs-, Kriegszeit und unmittelbare Nachkriegszeit!'. Hierzu ist Folgendes anzumerken: Zum einen sind die in diesem Zusammenhang gewählten Beispiele (die hier im Zitat nicht aufgeführt sind) in der Tat banal, aber sie sind letztlich irreführend, weil sie nur auf das Thema der politischen Zugehörigkeit zielen. Um dieses geht es aber letztlich bei der Identitätsfrage nur sekundär, als Folge eines Wesenskerns der Identität, der eben nicht durch eine politische Zugehörigkeit geprägt ist, sondern durch ein tatsächliches Lebensumfeld. Zum anderen geht es in der vorliegenden Perspektive nur sekundär um das, was heute noch im (Geschichts-) Bewusstsein der Menschen vorhanden ist, sondern in erster Linie um das, was sie objektiv verbindet, z. B. weil es als gemeinsames Grundverständnis ihr Unterbewusstsein prägt, ohne dass sie wissen, aus welcher Epoche es stammt, und das auch nicht wissen müssen. 20. Statt immer wieder die Frage einer ohnehin nicht abschließend zu klärenden historisch abgeleiteten Identität aufzubringen, ist deshalb im hier vertretenen Verständnis insbesondere zu klären, was als das relevante Lebensumfeld der Bewohner des ostbelgischen Grenzraumes betrachtet werden kann, und welche inhaltlichen Elemente aus einer geschichtlichen Perspektive identifiziert werden können, die eine belastbare Grundlage für die Zukunft bilden und damit automatisch Vergangenheitsbewältigung darstellen. _ b) Ansatzpunkte aus Wissenschaft und Literatur 21. Im Folgenden sollen die drei besprochenen Werke daraufhin befragt werden, ob überhaupt - und falls ja welchen - Beitrag sie explizit oder implizit in der hiervor beschriebenen Perspektive leisten. Dabei muss allerdings gleich darauf hingewiesen werden, dass die Autoren selbst eine solche Absicht nicht (zumindest nicht erkennbar) verfolgt haben. Da gerade in der neueren Regionalgeschichte so viele persönliche, politische, kulturelle und ggf. ökonomische Interessen im Spiel sind, ist " Fickers (Fn 1), S. 81, bzgl. einer von A. Minke vertretenen These. In die gleiche Richtung tendiert auch Lejeune, Bd. 2, S. 40. Minke vertritt heute übrigens eine differenziertere Position: Identität und keine Ende, Fiducit (Informationsblatt der Altherrenschaft der Eumavia Lovanensis, Nr. 10 (2005), S. 2-6.
34 dabei die Frage nach der Motivation des Autors bzw. dessen Auftraggebers nicht nur hilfreich, sondern unabdingbar (wenn auch im vorliegenden Fall nicht eindeutig beantwortbar). 22. Bei einer echten wissenschaftlichen Arbeit liegen Ziel und Moti- vation in der Dokumentation und dem Wissen, hieraus abgeleitet der Erkenntnis und dem Geschichtsbewusstsein. Der Autor ist der Objektivität verpflichtet, und wenn er persönliche Wertungen einfließen lässt, muss er diese kenntlich machen. Lejeune (Jahrgang 1963) gibt zwar keine Informationen zu seinem persönlichen Hintergrund bzw. seiner Familiengeschichte und einer hieraus ableitbaren besonderen Motivation oder Interessenlage, aber er ist offensichtlich um eine wissenschaftlich korrekte, objektive Darstellung bemüht. Nur vereinzelt glaubt man eine Abneigung gegen die probelgischen Assimilationspolitiker zu verspüren. Wenn er Wertungen vornimmt, sind diese i. d. R. auch deutlich erkennbar. Sein Ziel ist das Geschichtsbewusstsein für den Alltag, das auch in der Gegenwart trägt (s. Bd. 2, S. 13 ff, 257 ff), das ausgehend vom heimatlichen Beispielsfall zu verallgemeinbaren Einsichten führt, die zudem dazu verhelfen, mit den modernen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit usw. umzugehen. Erstaunlich ist, dass er so gut wie keine auf das ostbelgische Grenzland bezogenen Schlussfolgerungen oder Empfehlungen zieht. Das mag seiner wissenschaftlichen Zielsetzung geschuldet sein, oder einfach der Tatsache, dass seine Untersuchungen nur bis 1952 reichen und er weitere Forschungen anmahnt, von denen er annimmt, dass sie noch Überraschungen bringen werden. 23. Auch die beiden besprochenen Romane versuchen nicht aus- drücklich, die Erkenntnisse aus mehreren Jahrzehnten Lebenserfahrung in einer Zukunftsperspektive nutzbar zu machen. Dennoch kann man aus ihnen, nicht zuletzt aufgrund ihrer breiteren Perspektive, einige wichtige Ideen ableiten. Bei Wintgens (Jahrgang 1938), in dessen Werk man die Ziele des Autors und seiner Hauptperson wohl kaum trennen kann, ist unter einer geschichtsbezogenen Perspektive relevant, dass die Sprache ihm wichtig ist, insbesondere aus wissenschaftlicher Sicht die Dokumentation, Erforschung und Förderung der örtlichen Dialekte, gerade auch in ihren historischen Bezügen. «Wichtig war es ihm, sich über alle Nationalismen hinweg in die Sehensweise der Menschen von
35 damals zu versetzen, die seit Jahrhunderten in kleinen, teils mehrsprachigen Territorien an der romanisch-germanischen Kontaktzone in der Regel friedlich zusammenlebten. Diese Gebiete waren zu klein, um Sprachfanatismen entstehen zu lassen... Als Mundart blieb diese Sprache bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in der westeuropäischen Kernregion um Aachen-Limburg die Alltagssprache aller Gesell- schaftskreise.» (Bd. 2, S. 9) Daneben liegt ihm die Schärfung des geschichtlichen Bewusstseins und die Schaffung eines geschichtlichen Selbstbewusstseins am Herzen. Beides versteht er so, dass Neu- und Altbelgien sich nicht auseinander dividieren (lassen), sondern sich ihrer gemeinsamen historischen Wurzeln bewusst sein sollen. ‚Er spürt intuitiv, die uralte Sprache ist die Nervatur in dieser Landschaft. Sie bildet ein Ausgabe zwischen den Menschen, einen Bund, über die Grenzen hinweg.‘ (Bd. 2, S. 8) 24. Derwahl (Jahrgang 1946) konstruiert seinen ‚Ostbelgienroman’ um das Thema der Heimatsuche seiner Hauptperson. In verschiedenen Episoden zeichnet er durchaus realistische, aber durchweg desillusionierende Bilder von einer Heimat, die er nicht definiert, sondern abgestuft als Eupen, Deutschsprachige Gemeinschaft, Ostbelgien (inkl. Aachen) und ganz Belgien zu erkennen gibt, wobei insbesondere Sprachgrenzen für seinen Helden kein Hindernis darstellen. ‚Erlösung” findet dieser letztlich dann auch nicht an einem Ort, sondern bei einem liebenden bzw. geliebten Menschen (s. auch hiernach). c) Perspektiven für das ostbelgische Grenzland 25. Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen ist sicher möglich, zumindest auf theoretischer Ebene. Schwieriger ist es jedoch, diese Erkenntnisse - und das von den Historikern beschworene Geschichts- bewusstsein - so in den Menschen zu verankern, dass es nicht bei Buchwissen bleibt, sondern wirklich etwas bewirkt bzw. verändert wird. Deshalb soll im Folgenden auch versucht werden, aus den bisherigen Überlegungen und den besprochenen Büchern Erkenntnisse abzuleiten, welche die Menschen unmittelbarer ansprechen und eine zukunftsorientierte Perspektive unterstützen. | 26. Darunter ist im einzelnen Folgendes zu verstehen: * Nicht ein System oder eine Ideologie, sondern das Zusammenleben der Menschen muss den Dreh- und Angelpunkt der Vergangenheits- bewältigung und der darauf beruhenden Überlegungen darstellen.
36 Die Säuberung als staatliches Maßnahmenbündel ist deshalb nur ein Aspekt der Vergangenheitsbewältigung ebenso wie der Krieg und seine Folgen nur ein Teil der Geschichte sind. Das Verhältnis Bürger-Staat ist zwar von Bedeutung, aber die ostbelgischen Historiker (und Politiker) neigen dazu, es zu Lasten des Umgangs der Menschen miteinander überzubewerten. * Die Diskussionen über die ‚ostbelgische’ oder , deutschsprachige” Identität leiden nicht nur daran, dass sie von Politikern geführt werden (oder mit politischen Absichten), sondern auch darunter, dass die Historiker sich davon zu sehr haben ‚überwältigen’ lassen. Geschichte ist jedoch mehr als politische Geschichte, und die Frage der Identität geht deutlich darüber hinaus, ob man belgisch, deutsch, deutschbelgisch, ” deutschsprachig, kulturdeutsch, belgisch deutscher Abstammung oder wie auch immer ‚ist’. Entscheidend ist, welche konkreten Inhalte mit diesen Bezeichnungen verbunden sind. Dieser Aspekt wird bisher zu Unrecht weitestgehend ignoriert. * Es darf nicht nur das zur Sprache kommen, was schlecht war und falsch gelaufen ist. Menschen mögen auch aus Fehlern lernen, vor allem aber lernen sie gerne von dem, was gut funktioniert (hat). Daher ist eine Besinnung auf das Positive, auf die Stärken und Gemeinsamkeiten unabdingbar und nicht nur eine kritische Aufarbeitung vergangener Probleme. * Es muss eine Betrachtung gewählt werden, die auch am relevanten Lebensraum, an den tatsächlichen Lebens- und Sprachgemeinschaften ansetzt. Den beiden Romanen von Derwahl und Wintgens gemeinsam ist die Erkenntnis, dass Lebensräume zunächst einmal ein sowohl zeitliches als auch räumliches Kontinuum darstellen, das sich aus zahlreichen Einzelkomponenten - Lebensbereichen, Menschen, Ereignissen - zusammensetzt. Sie weisen darauf hin, dass die Lebenswelt der Menschen sich - zumindest in einer Vergangenheitsperspektive (zur Zukunft s. Abschnitt D) sich nicht auf ein enges Heimatterritorium beschränkt hat. Deshalb darf die Betrachtung sich nicht auf die deutschsprachige Gemeinschaft beschränken, sondern sollte zunächst einmal auch die altbelgischen deutschsprachigen Gemeinden, den deutschen Grenzraum und den Südteil von Holländisch-Limburg mit einbeziehen (s. auch oben die Definition des ostbelgischen Grenzlands). (Ob sich dies als sinnvoller Ansatz erweist, wird im Abschnitt C untersucht.)
37 * Entsprechend sollte auch der Betrachtungszeitraum zurückverlegt werden in eine Zeit der ‚friedlichen Koexistenz’ vor dem ersten Krieg, deren Kenntnis überhaupt erst den Vergleich mit dem ermöglicht, was später geschah. C. Grundelemente einer geschichtsbewussten Zukunftsgestaltung 27. Aus den besprochenen Werken kann man vier Anregungen ableiten, die als gedankliche Grundelemente einer ‚inhaltlichen Zukunftsgestaltung mit historischer Fundierung’ im hiervor erörterten Sinne bezeichnet werden können und die im Abschnitt 1) konkretisiert werden. Verständigung und Verständnis 28. Aus allen drei Werken ergibt sich die Grunderkenntnis, dass das (friedliche) Zusammenleben der Menschen Verständigung erfordert: Wo keine Kommunikation stattfindet, wo keine Kenntnis durch Information und (Schul-)Bildung vermittelt wird, wird es keine Verständigung geben, und damit auch kein gegenseitiges Verständnis. Und was für den Einzelnen gilt, trifft gleichermaßen auf Gruppen und politische Einheiten zu. Bei Wintgens ist die zwischenmenschliche (individuelle und soziale) Kommunikation Leitthema seines Romans. Derwahl thematisiert dies nicht ausdrücklich, aber das Miteinanderreden der Personen (oder auch die Kommunikationsverweigerung) spielt in weiten Teilen seines Ro- mans eine wichtigere Rolle als die Handlung. Für seinen Helden sind die Sprach- und Staatsgrenzen im Übrigen kein Hindernis auf seinem Entwicklungsweg. Auch Lejeune teilt diese Überzeugung (z. B. Bd. 2, S. 262), und er beklagt ausdrücklich die mangelnde Bildung und die z. T. bis heute fortdauernde Kommunikationsverweigerung der Menschen in der Zwischenkriegszeit und heute hinsichtlich ihrer Vergangenheit (Bd. 1, S.36,Bd.2, S. 127, 173). Ebenso moniert er die jahrzehntelange Ignoranz insbesondere der belgischen Behörden bzgl. des Grenzlandes, die ebenfalls dazu beigetragen habe, dass falsche Entscheidungen (oder gar keine) getroffen wurden (z. B. Bd. L, S. 66 ff, 127 ff, 168, Bd. 2, S. 24. 48 ff, 194, 259). Zudem bedauert er, dass es keine hundert Flamen, Wallonen und Brüsseler gibt, die sich auch nur eine annähernd exakte Vorstellung von der Geschichte der heutigen Gemeinschaft machen können und die Minderheit der Deutschsprachigen im Landesinnern nach wie vor die unbekannte Region ist, die zudem unter Klischeevorstellungen leide (Bd. 2, S. 16, 260-261).
38 29. Mit letzterer Feststellung gibt Lejeune eine weit verbreitete Überzeugung wieder, welche zudem den Eindruck nährt, die Menschen des Grenzlands seien auch ‚Opfer’ der Ignoranz der anderen. Die Feststellung mag faktisch stimmen, aber sie gibt ein problematisches Verständnis von Kommunikation und Kenntnis wieder, nämlich dass es Aufgabe der anderen sei, sich zu informieren und zu kommunizieren. Gleichzeitig muss man sich nämlich fragen, wie viele Ostbelgier sich eine Vorstellung von der Geschichte von Turnhout, Arlon, Fouron oder Brüssel machen können. Warum aber sollten die anderen Belgier sich denn mehr für die ostbelgischen Grenzlandbewohner interessieren als diese sich für sie? Verständigung ist ein aktiver Prozess, der auch eigenen Einsatz erfordert, um Kommunikationsbarrieren zu überwinden und Kenntnis- lücken zu schließen. Welche Folgen dies für die institutionelle und indi- viduelle Kommunikation haben sollte, wird im Abschnitt D erörtert. In einer historischen Perspektive ist anzumerken, dass Kommunikation lange Zeit immer unmittelbar und persönlich war, so auch in der Zeit, als die Menschen im heutigen Grenzland friedlich miteinander verkehrten und sich keine Gedanken über politische Zugehörigkeiten machten bzw. machen mussten, und als der ideologische Überbau nicht den Blick für das Wesentliche verstellte, nämlich das friedliche Zusammenleben (solange die Potentaten dies zuließen). Erst Schulbildung und die Existenz von Zeitungen haben Möglichkeiten geschaffen, darüber hinaus Verständigung und Verständnis zu fördern, aber eben auch (bewusst oder nicht) zu behindern oder irrezuleiten. Es würde zu weit führen, diesen Aspekt hier zu vertiefen. Zum Zeitungswesen sei auf eine aktuelle Publikation verwiesen!?. Zur Bildung und zum Schulwesen gibt es zahlreiche Einzelfeststellungen!®, aber noch keine umfassende Untersuchung, so wünschenswert dies auch wäre. Zur diesbezüglichen Nachkriegssituation liefern im übrigen die Romane von Wintgens und Derwahl aufschlussreiche Einblicke aus erster Hand. Historische Zugehörigkeit oder Heimat? a) Die Zugehörigkeitsfalle 30. Der übliche Umgang mit der Frage der Identität der Deutschsprachigen Gemeinschaft und allem, was damit zusammenhängt ” SS. Zwei Jahrhunderte deutschsprachige Zeitungen in Ostbelgien, Eupen 2007 13 Auch in den Werken von Lejeune und Lejeune/Cremer/Fickers
39 (wie z. B, ob ein bestimmtes Verhalten bzw. eine bestimmte Gesinnung in der Vergangenheit rechtens oder zumindest nachvollziehbar war) - zumindest aus der historischen Perspektive - besteht darin, durch eine Deutung der Geschichte eine politisch-,staatliche’ Zugehörigkeit zu Belgien oder Deutschland (bzw. ihren Vorgängern) zu ermitteln. Wie bereits oben ausgeführt, ist dieser Ansatz wenig fruchtbar. Zum einen lässt sich so nichts beweisen, sondern allenfalls aufgrund der Wertung bestimmter Umstände behaupten. Zum anderen dient diese Herangehensweise nicht der Vergangenheitsbewältigung, sondern immer nur der Legitimation jeweils aktueller Zustände oder der Begründung von Forderungen zur Änderung der jeweiligen Lage. Sie trägt also nichts Inhaltliches zur Zukunftsgestaltung bei. Es ist also ein anderer - inhaltlich orientierter - Zugang zu dieser Fragestellung erforderlich, denn nur dieser ist in der Lage, diese ‚Zuordnungsdiskussion’ zu überwinden. b) Der Heimatbegriff 31. Als erster Ansatz für eine inhaltliche Annäherung soll der Begriff der ‚Heimat’ gewählt werden, da er in hohem Maße dazu beitragen kann, Identität zu stiften und eine Grundlage für eine gemeinsame Zukunftsvision zu bilden. Es soll allerdings nicht der Versuch unternommen werden, diesen sehr vielschichtigen Begriff theoretisch zu deuten, sondern zu ergründen, was die Menschen im ostbelgischen Grenzland als ‚Heimat’ betrachten bzw. betrachtet haben. Stellvertretend für diese sollen die hier besprochenen Bücher im Sinne einer Ideenfindung daraufhin untersucht werden, welches Verständnis der ostbelgischen Grenzland-,Heimat’ sie nutzen oder zum Ausdruck bringen. 32. Lejeune verwendet den Begriff nicht, sondern sein territorialer Untersuchungsgegenstand sind die ehemaligen Kreise Eupen-Malmedy. Diese Eingrenzung ist aus wissenschaftlichen Gründen nachvollziehbar, aber sie bringt implizit ein ‚Heimatverständnis’ zum Ausdruck, das an der politischen Zuordnung orientiert ist und bereits oben kritisiert wurde. Bei Derwahl hingegen dient die Heimatidee als Leitfaden des Ro- mans'*, Inhaltlich aber bleibt der Begriff bei ihm unbestimmt (s. z. B. S. '#* Derwahl S. 228 : Das eigentliche Problem hatte eine tiefenpsychologische Dimen- sion. ‚Diese war unheimlich, weil sie viel mit ‚Heimlichkeit’ zu tun hatte. Heim ins Reich oder daheim im Königreich, so hieß die Alternative. Da sie jedoch heftig bewegte, in der Öffentlichkeit nicht angesprochen wurde, konnte sie auch nicht geklärt werden... Es tobte ein Luftkrieg um verweigerte Antworten nicht gestellter Fragen.’
40 101, 131-132, 167-168, 171, 293-294). Sein heimatsuchender Held findet hierfür keinen (befriedigenden) konkreten Ansatz, und letztlich rettet er sich in einen übertragenen Heimatbegriff. Implizit allerdings überwindet Derwahl in seinem ‚Ostbelgienroman’ die Sichtweise, dass es nur um die Deutschsprachige Gemeinschaft gehe und das Leben sich nur hier abspiele, d. h. sein Lebensraumbegriff geht deutlich über die Heimatstadt Eupen hinaus. Im Gegensatz zu Derwahl verwendet Wintgens den Begriff nicht ausdrücklich, aber er lässt seine Hauptperson Heimat (er)leben und letztlich finden. Dabei gibt es sicher auch einen örtlich-regionalen bzw. lokalen Bezug, aber wie bei Derwahl überwindet die Hauptperson (zumindest in Richtung Belgien) diese engen Grenzen der Heimat. Bei beiden ist auch ersichtlich, dass das Leben der Bevölkerung in dieser > Zeit sich nicht nur in der näheren Heimat abspielt, sondern ein Austausch sowohl auf der Nord-Süd- als auch auf der Ost-West-Achse stattfindet. Vor allem aber erkennt bzw. konkretisiert Wintgens Heimat in der Sprache: Das miteinander Sprechen über alle persönlichen und politischen Sprachbarrieren hinweg ist nicht nur sein Anliegen, sondern sein Instru- ment, Heimat zu schaffen, vor allem wenn es darum geht, sich im heimatlichen Dialekt auszudrücken. c) Die ‘weitere’ Heimat 33. Es ist aus heutiger Sicht schwer zu ermitteln, welches Heimatverständnis die Menschen früher besaßen und in wiefern sich dieses von einem nationalen Zugehörigkeitsgefühl unterschied (sofern es letzteres überhaupt gab). Ersatzweise soll deshalb darauf abgestellt werden, welche Heimat sie ‚lebten’, d. h. in welchem regionalen Umfeld sie ihr Leben verbrachten. Obschon die Menschen früher weitaus weniger mobil waren als heute, darf man nicht unterschätzen, wie stark der ‚interregionale’ Austausch durch Wanderarbeiter, ‚Saisonhelfer’, Händler, Dienstpersonal und Heirat war. Dies gilt sowohl für die Nord-Süd-Ausrichtung (nicht nur zwischen Eifel und Eupener/Aubeler Land, sondern auch zwischen Südlimburg (NL) und den belgischen Grenzgemeinden) als auch in Richtung Osten und Westen (Austausch sowohl mit Aachen als mit Lüttich, Austausch Alt- und Neubelgien). Je nach Anlass dürfte ein Umkreis von bis zu 50-80 km um den jeweiligen Wohnort als der Bereich angesehen werden, in dem die Menschen sich bewegten!*.» Darüber hinaus hat es auch echte '5_ Dieser Radius hat sich entsprechend der Entwicklung des Verkehrswesens natürlich vergrößert.
41 weitergehende Emigration und Immigration gegeben, letztere z. B. in Eupen zur Zeit der Blüte der Textilindustrie sowie in Kelmis (nicht nur, aber insbesondere) in der Zeit als Neutral-Moresnet. 34. Ob dies zu einem echten Heimatverständnis geführt hat, mag dahin gestellt bleiben. Zweierlei kann man jedoch feststellen: Zum einen war dies trotz sprachlicher Unterschiede möglich, zum anderen hat es zu einem kulturellen Austausch geführt, der zwar keine Einheitlichkeit zur Folge hatte, wohl aber gegenseitiges Kennen und Verstehen. Man kann auch sagen, dass die im 19. Jahrhundert gezogenen staatlichen Grenzen an diesem freien Austausch über die Staatsgrenzen hinweg zunächst einmal nichts geändert haben (auch wenn die Aufteilung des ostbelgischen Grenzlandes auf verschiedene Staaten durch den Wie- ner Kongress zumindest im Wirtschaftsbereich eine Ausrichtung auf den jeweiligen Heimatmarkt erzwangen). Erst die kriegerischen Aus- einandersetzungen des 20. Jahrhunderts haben zu Grenzschließungen und Abschottung geführt. Dieses weitere Heimat-Verständnis im Sinne eines ostbelgischen Grenzraums, unmittelbar zu ergänzen durch Altbelgien, aber im weiten Sinne auch Verviers, Lüttich, Aachen und Süd-Holländisch-Limburg, soll in der hier behandelten historischen Perspektive als Grundlage dafür dienen, den Blick nicht auf den Lebensraum zu beschränken, der heute vielleicht gängig ist, sondern jenen zu berücksichtigen, der das Selbstverständnis unserer Vorfahren prägte, um auf dieser Basis für eine Zukunftsgestaltung brauchbare gemeinsame Merkmale zu ermitteln. Einheitlichkeit oder Zusammengehörigkeit 35. Wenn man von dem hiervor beschriebenen weiten Heimatverständnis ausgeht und dort nach Gemeinsamkeiten sucht, muss man zwei wesentliche Denkhürden überwinden bzw. darf sie erst gar nicht errichten: a) Zusammengehörigkeit trotz Grenzen ‘ 36. Das friedliche Zusammenleben von Menschen ist zum einen nur möglich, wenn sie eine Zusammengehörigkeit verbindet, die sich zwar aus der Zugehörigkeit zu einem Staatsgebilde ergeben bzw. damit übereinstimmen kann, aber eben nicht muss. Diese Zusammengehörigkeit ist historisch gewachsen und hat auch nach der Staatenbildung nicht an den Grenzen halt gemacht. In einer historischen Perspektive wäre also zu prüfen, wie die im Herzogtum
42 Limburg (und dem unmittelbaren Umland) bestehende Zusammengehörigkeit sich nach der mehrfachen Teilung, beginnend mit der Gebietsreform Napoleons, weiter entwickelt hat und welche Rolle sie heute noch spielt. Grundlagen hierfür wären sprachliches Verstehen (s. auch hiernach) sowie familiäre, geschäftliche und arbeitsmäßige Ausgabee!®, Der zugegebenermaßen persönliche Eindruck hierbei ist, dass die Menschen sich viel weniger um die politischen und sprachlichen Trennungen, Aufteilungen und Spaltungen kümmern, sofern man sie sich in Frieden und ohne ideologische Beeinflussung entfalten lässt. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass diese Zusammengehörigkeit in den letzten 50 Jahren vor allem im Verhältnis zu den östlichen und’ westlichen Nachbarn gelitten hat. Dennoch wäre es ein fruchtbarer Ansatz, auf diese Zusammengehörigkeit - von gegenseitiger Akzeptanz bis hin zu echten Gemeinsamkeiten - zu setzen und diese zu fördern statt - wie heute üblich - in erster Linie das Trennende und Unterscheidende zu sehen und zu thematisieren. b) Mythos der Einheitlichkeit 37. Wenn man diesen Ansatz wählt, kann und sollte man zum anderen zugleich das in vielen Köpfen vorhandene Bild einer notwendigen Einheitlichkeit aufgeben: Norden und Süden dieses Grenzlandes haben verschiedene historische und kulturelle Wurzeln, und obschon seit jeher ein gewisser Austausch bestand, haben beide Gebiete - Eupener/Aubeler Land und Eifel - unterschiedliche Mentalitäten entwickelt (s. auch Derwahl S. 231-232, ansatzweise Lejeune Bd. 2, S. 40). Selbst innerhalb der Gebiete gibt es kulturelle Unterschiede, die bis heute fortwirken (als Beispiel möge man nur Eupen und Kelmis vergleichen). Hüten muss man sich jedoch davor - und dieser Gedanke ist entscheidend -, aus Unterschieden Gegensätze abzuleiten. Die Lehren aus der weiteren Vergangenheit des Grenzlands zeigen, dass die Menschen mit diesen Unterschieden ohne weiteres leben konnten. Erst die Staatenbildung und vor allem ihr ideologischer Überbau haben dazu geführt, das Zusammenleben zu erschweren und aus der Verschiedenheit ein Zusammengehörigkeitshindernis oder gar einen Streitanlass zu machen (s. hiernach). '6 Entsprechendes gilt für die Gebiete südlich des Venns.
43 Die Sprache: Streitgrund oder Bindeglied? 38. Im Zentrum vieler Auseinandersetzungen steht direkt oder indirekt die Sprache. Es mag deshalb zunächst verwundern, die Sprache und Sprachverschiedenheit als Ausgangspunkt für Überlegungen zur Zukunftsgestaltung zu wählen: Sind nicht Sprachengrenze und Sprachenstreit, Assimilationspolitik und Autonomiebestreben der Beweis dafür, dass die Sprache den eigentlichen Problemauslöser darstellt? Gerade weil die Sprache aber eine so wichtige Rolle spielt, kann es keine tragbare Zukunftsgestaltung gehen, welche diesem Aspekt nicht gebührend Rechnung trägt. 39. Die Sprachenfrage ist in der Tat ein vielschichtiges Problem: Seit jeher hat es die Sprache der Obrigkeit gegeben, die oft nicht die Sprache des Volkes war. Da die meisten Territorialeinheiten jedoch vielsprachig waren, gab es oft keine andere Möglichkeit, als eine ‚amtliche’ Sprache durchzusetzen, wobei diese oft auch nicht wirklich standardisiert war. Dies war in erster Linie ein praktisches Problem und kein ideologiebeladenes Herrschaftsinstrument (wenn man von der Tatsache absieht, dass die Sprache der Herrschenden oft bewusst eine andere war als die des Volkes). In der Bevölkerung wurde Multilingualität als sim- ples Faktum hingenommen, ohne dass hieraus politische Zugehörigkeiten oder Loyalitäten abgeleitet wurden!”. Die entscheidende Wende erfolgte hier mit der an Sprach- gemeinschaften orientierten Staatenbildung, bei der bis heute zumindest in Europa die Idee vorherrscht, das Staatsgebiet solle möglichst sprachlich homogen sein. Folge war und ist, dass der Umgang der Staaten mit Minderheitssprachgruppen unterschiedlich, in den wenigsten Fällen jedoch ‚auf freiwilliger Basis’ großzügig ausfällt. Dies gilt auch für das neu entstandene Belgien, in dem nicht nur die Flamen lange für ihre sprachliche Gleichberechtigung kämpfen mussten, sondern auch die Deutschsprachigen in den altbelgischen Gemeinden immer wieder versucht haben, Sprachenrechte durchzusetzen'®, In all diesen Fällen ging es jedoch in erster Linie um das Verhältnis des Volkes zur Obrigkeit. Bis zum Ersten Weltkrieg spielten im Grenzland sprachliche Differenzen innerhalb der Bevölkerung hingegen keine Rolle. 17 Dies gilt auch für Gebiete, die später den belgischen Staat bilden sollen: J. Koll, Die belgische Nation, Münster 2003, S. 387-391. !s_ $. B. Bergmans, Die rechtliche Stellung der deutschen Sprache in Belgien, Louvain- la-Neuve, 1986, 1. Kapitel.
44 Erst die Gleichsetzung der deutschen Sprache mit dem Verhalten der deutschen Aggressoren in beiden Kriegen hat dies geändert: Sie hat nicht nur zur Assimilationspolitik der Obrigkeit geführt'”, sondern auch dazu, dass viele Menschen im Grenzland sich ihrer Sprache geschämt und freiwillig einen Sprachwechsel vollzogen haben, oder aber durch ihr Umfeld dazu genötigt wurden. Und bis heute ist es aufgrund dieser Umstände nicht möglich, unbefangen mit dieser Frage umzugehen. Diese Opposition Deutsch-Französisch ist jedoch nicht nur neueren Datums, sondern auch nur eine Seite der Medaille. Denn viele Menschen sprachen früher den jeweils örtlichen Dialekt, den man insgesamt durchaus als eigenständige Sprache bezeichnen kann, (auch wenn dies sprachwissen- schaftlich nicht haltbar ist). Und es war (und ist) keineswegs so, dass nur Deutschsprachige diesen Dialekt beherrschten. Viele Frankophone sprachen z. B Platt und Französisch, aber kein Hochdeutsch, so wie dies insbesondere in Altbelgien und Kelmis bis heute der Fall ist. Dieser Dialekt bzw. diese Dialekte (die auch in Holländisch-Limburg ohne weiteres verstanden werden) sind also das eigentliche sprachliche Bindeglied zwischen den einfachen Menschen gewesen (s. auch Wintgens, Bdu23:8%8-9): D. Schlussfolgerungen 40. Die hier angesprochene Thematik ist zu weit, als dass man hieraus umfassende und abschließende Schlussfolgerungen ziehen könnte. Hierzu wären weitere, insbesondere empirische Untersuchungen erforderlich. Deshalb soll versucht werden, aus den bisherigen Überlegungen konkrete Empfehlungen für eine Zukunftsgestaltung abzuleiten, die als Zwischenfazit anzusehen sind. Diese richten sich in erster Linie an die Verantwortungsträger in den Gemeinden und der Deutschsprachigen Gemeinschaft, aber auch an die Verantwortlichen in den Pfarren, Schulen und Vereinen, die einen nicht weniger wichtigen Beitrag in diesem Zusammenhang leisten können. Schließlich ist jeder einzelne gefordert, seine individuelle Position zu bestimmen und persönliche Zukunft in diesem Kontext zu gestalten. '? Hier hat das Schulwesen eine besondere Rolle gespielt: s. Lejeune, Bd.. 2, S. 226 ff, und Lejeune, Der lange Weg zum lebensbegleitenden Lernen, in Lejeune/Cremer/ Fickers (Fn 1), S. 49 ff.
46 Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass Vergangenheitsbewältigung vor allem für die politischen Instanzen problematisch zu sein scheint, nicht (oder weitaus weniger) für das Volk. Dieses hat zur Frage der historischen und aktuellen Zugehörigkeit eine weitaus pragmatischere Sichtweise, die letztlich auch hei den ostbelgischen Parteien längst Einzug gehalten hat, so dass man die nach außen getragenen unterschiedlichen Sichtweisen vor allem als politische Scharmützel betrachten muss (s. auch hiernach). 43. In diesem Beitrag ist der Versuch unternommen worden, diese Ebene zu überwinden und Ansatzpunkte für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu erarbeiten, die zugleich ” Grundlagen für die Zukunft bilden können. Denn die beste Form der Vergangenheitsbewältigung ist eine aktive Zukunftsgestaltung. Diese kann sich selbstverständlich nicht nur an der Historie orientieren, aber es wäre töricht, Letztere außer Acht zu lassen. Es wäre jetzt Aufgabe der ostbelgischen Intellektuellen, den angemahnten konstruktiven Umgang mit der Geschichte in der hier beschriebenen Zielrichtung zu verwirklichen? und damit den Blick für die wirklichen Zukunftsprobleme frei zu machen. 44. Die Frage des Selbstverständnisses bzw. der Identität der Deutschsprachigen Gemeinschaft und ihrer Einwohner leidet zum einen unter Missverständnissen, zum anderen an den Spätfolgen der Vergangenheitsbewältigung. Zunächst setzt sie voraus, dass es eine Identität gibt oder zumindest geben könnte oder gar sollte. Dabei scheint der politische Wunsch Vater des Gedankens zu sein. D. h. diese Identität wird eigentlich nur benötigt, um die rechtlich-politische Autonomie zu zementieren. Darin unterscheidet sich dieses Ansinnen nicht von den Bemühungen anderer Staaten früher und heute, die meist in einen mehr oder weniger ausgeprägten Nationalismus oder Patriotismus münden. ‚Dummerweise’ ist letzteres in der Deutschsprachigen Gemeinschaft angesichts der neueren Geschichte problematisch, so dass man auf die weiter zurückliegende Geschichte ausweicht und auf dieser Grundlage zumindest eine Zugehörigkeit zu Belgien zu beweisen (oder widerlegen) versucht. 2? Das Buch von Lejeune/Cremer/Fickers (Fn 1) enthält z.B. auch solche Beiträge.
47 Wenn man darüber nachdenkt, was man aus der Diskussion über die historische Zugehörigkeit lernen kann, muss man jedoch einsehen, dass die Vergangenheit nichts beweisen kann. Und ebenso wenig sollte sie dazu verleiten, Denkhürden oder -schranken zu errichten, die die Zukunftsgestaltung in ein Vergangenheitskorsett zwängt (s. auch Abschnitt C). 45. Eine solche Denkhürde ist insbesondere die Annahme, die jetzige Deutschsprachige Gemeinschaft sei ein relevanter Lebensraum, für den man eine Identität ‚finden’ könne. Wie hiervor ausgeführt, ist aber die Gemeinschaft nicht nur selber nach innen nicht einheitlich, sondern auch nach außen in dieser Form nicht sinnvoll abgrenzbar. Nur wenn man dies akzeptiert, wird man auch auf der inhaltlichen Ebene einer möglichen Identität näher kommen. Dann wird man nämlich feststellen, was bei nüchterner Betrachtung selbstverständlich erscheint: Dass sich in diesem Grenzland wie bei allen politisch-kulturellen Grenz- oder Übergangsregionen Einflüsse aller Nachbarn vermischen. In welcher Form dies geschieht, wäre eine wirklich lohnenswerte Forschungsaufgabe und die einzige, die wirklich eine inhaltliche Antwort auf die Frage der Identität gehen kann. Wie Letztere aussehen könnte, und ob es überhaupt ausgeprägte und konstante Besonderheiten gibt, wird sich dann zeigen müssen”, Bei diesem Unterfangen sollte man sich jedoch immer vor Augen halten, dass dies letztlich eine politisch motivierte Unternehmung ist, wie sie typisch ist für alle politischen Einheiten, die an ihrem ‚nation building’ arbeiten. Ein (naheliegender, aber bisher offenbar nicht vollzogener) Vergleich mit Luxemburg würde im übrigen zeigen, dass solche Identitätsfindungsprozesse lange dauern können und immer von unterschiedlichen Interessen der beteiligten Parteien geleitet sind. Interessant an diesem Beispiel ist im Übrigen, dass dort die eigene Sprache (die ursprünglich auch nur als minderwertiger Dialekt abgetan wurde) eine wichtige Rolle gespielt hat“. Es wäre also verwunderlich, wenn sich für die Deutschsprachige Gemeinschaft so ohne weiteres eine Identität finden bzw. definieren ließe, die zudem noch in der Lage wäre, sie von den Nachbarn abzugrenzen. Man denke dabei nur an den großen Anteil Französischsprachiger in 23 Lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch: Wer bist Du? Neue Blicke auf Ostbelgien, Eupen 2003. % S. z. B. D. Spizzo, La nation luxembourgeoise. Genö&se et structure d’une identite, Paris 1995, insbesondere S. 275 ff.
48 Kelmis und den noch größeren Anteil deutscher Staatsangehöriger in der Gemeinde Raeren. Unter dem hier behandelten Blickwinkel der Zukunftsgestaltung ist es schließlich sehr fraglich, ob es überhaupt sinnvoll ist, einer möglichen Identität eine solche Bedeutung beizumessen. Denn zum einen läuft man Gefahr, einen Teil der Bevölkerung auszugrenzen, vor allem aber stellt es zum anderen einen Versuch dar, sich demonstrativ von den Nachbarn abzugrenzen, und dies kann im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens in historischer Perspektive nur als problematisch betrachtet werden (in diesem Sinne auch Lejeune, Bd. 1 , S. 219). Deshalb wird hier auch die Auffassung vertreten, dass Zusammengehörigkeit und Akzeptanz von Vielfalt die entscheidenden | Grundlagen für das zukünftige Zusammenleben darstellen sollten (ähnlich auch Lejeune, Bd. L, S. 21) (zur Sprache s. hiernach). 46. Die Sprache bildet die wesentliche Grundlage für das Zusammenleben der Menschen (und für die Existenzberechtigung der deutschsprachigen Gemeinschaft), so dass sie auch im Mittelpunkt der größten Auseinandersetzungen steht, zumal sie hier meist stellvertretend für eine staatliche Affinität oder politisch-ideologische Überzeugung steht. Um dieses Problem des Antagonismus Deutsch-Französisch konstruktiv zu lösen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Zum einen die Förderung des regionalen, von beiden Seiten gesprochenen Dialekts. Das Beispiel von Kelmis (und in geringerem Maße einiger altbelgischer Gemeinden) zeigt, dass dies ein Bindeglied von großer Bedeutung sein kann. Allerdings muss man realistischerweise erkennen, dass durch die Schulen, Medien usw. die Dialektkenntnis in den letzten Jahrzehnten drastisch nachgelassen hat und dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass dieser Trend umgekehrt werden könnte. Dennoch wäre auch eine symbolische Anerkennung bzw. Unterstützung dieser Sprache (nicht nur im Rahmen der Kulturförderung, sondern als politisches Instrument) eine sinnvolle Maßnahme. Dabei muss man nicht so weit gehen wie Luxemburg, das Luxemburgisch zur Nationalsprache erhoben hat, aber es wäre hilfreich zu erkennen, wie unsere südlichen Nachbarn mit dieser Frage der Zwei- bzw. Dreisprachigkeit umgegangen sind. Zum anderen die Förderung der Zweisprachigkeit auf beiden Seiten der ‚Sprachgrenze’.
49 Denn wenn Kommunikation die Grundlage des friedlichen Zusammenlebens darstellt (s. 0.), dann setzt dies voraus, dass man die Sprache des anderen zumindest versteht, möglichst auch aktiv beherrscht. Auch hier stehen Reminiszenzen an die Assimilationspolitik im Wege, die insbesondere das Schulwesen lange Zeit instrumentalisiert hat. Heute scheint es so, als seien die Fremdsprachenkenntnisse der Schulabgänger auf beiden Seiten schlechter denn je. Wenn man dann noch hinzurechnet, dass das Studium immer öfter in Deutschland absolviert wird und damit nicht nur die Sprachkenntnisse, sondern auch die Kenntnis Belgiens überhaupt abnimmt”, dann mag man dies aus politischer Sicht als vertretbares Resultat der Autonomiepolitik betrachten. Für eine an Gemeinsamkeiten orientierte Zukunftsgestaltung ist es jedoch eindeutig ein Hindernis. Letztlich stellt die Existenz der Deutschsprachigen Gemeinschaft selbst in gewisser Hinsicht ein Problem für die hier propagierte Sicht- bzw. Handlungsweise dar. Denn eine ausschließlich an der Deutschsprachigkeit als Autonomiegrundlage orientierte Selbständigkeit lebt per Definition vom Gegensatz zum Französischen und Niederländischen. Um so wichtiger ist es, den Willen bzw die Bereitschaft zur Mehrsprachigkeit in der Bevölkerung wach zu halten bzw. zu fördern. Maßnahmen 47. Welche konkreten Maßnahmen können zu einer geschichtsbewussten Zukunftsgestaltung beitragen? Dies auszuarbeiten und auf die Umsetzungstauglichkeit zu prüfen würde einen eigenen Beitrag rechtfertigen. Auf der Grundlage der vorstehenden Überlegungen seien beispielhaft folgende erwähnt: * Orientierung der Geschichtsforschung und des Geschichts- unterrichts in Richtung einer ‚volksnäheren’ Untersuchung bzw. Darstellung der neueren Regionalgeschichte (nicht nur die der Deutschsprachigen Gemeinschaft) ohne Tabus, aber auch ohne einfache (einseitige) Wertungen, wobei die politische Geschichte durch Kultur- und Sozialgeschichte zu ergänzen ist, * Förderung der dialektsprachigen Kulturarbeit, * Förderung der Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit (ganz im Sinne von Wintgens (Bd. 2, S. 12): ‚Etes-vous germanophone ou francophone? Je suis polyphone!” ), 235 Auch die Abschaffung der Militärdienstpflicht wirkt in die gleiche Richtung.
SO * Förderung des Schul- und Vereinsaustauschs. Wichtig ist dabei, dass der Austausch nicht nur mit den Nachbarn im Westen erfolgt, sondern mit allen Nachbarn, und dass Maßnahmen nicht nur seitens der Deutschsprachigen Gemeinschaft erforderlich sind, sondern auch jenseits der Sprach- bzw. Staatsgrenzen. Hier ist es Aufgabe der politisch Verantwortlichen, dies anzustoßen. Schließlich sollten die Verantwortlichen der Deutschsprachigen Gemeinschaft es unterlassen, sich weiter in Grabenkämpfe probelgisch- prodeutsch einzulassen oder wie auch immer historisch aufbereitete Argumentarien zur Selbstrechtfertigung zu verwenden, denn damit nähert man sich einem Diskussionsniveau, wie es in der Zwischenkriegszeit bestanden hat. Über das politische Schicksal der Gemeinschaft wird” ohnehin nicht in Eupen entschieden, und diejenigen, die diese Entscheidungen treffen, werden sich von keinerlei geschichtlichen Aspekten leiten lassen. Für die Deutschsprachige Gemeinschaft und die hier lebenden Menschen ist es (unabhängig von der sich ohnehin immer wieder ändernden Staatsstruktur) vielmehr wichtig, dass das Leben im Alltag mit den unmittelbaren Nachbarn dauerhaft friedvoll und bereichernd möglich ist. Die Zuständigkeit hierfür liegt nicht in Brüssel, sondern weitgehend in regionaler Verantwortung, leidet aber immer noch an manchen Lasten der Vergangenheit. Dieser Beitrag soll dazu beitragen, hiermit konstruktiver umgehen zu können. Seen
51 Randnotizen zur Genealogie Schillings von L6&on Schillings' Vorbemerkung. Die nachfolgenden Notizen geben den Stand vom 1. März 2007 wieder. Herkunft des Namens: Die in Belgien und in Niederländisch-Limburg durchgeführten Nachforschungen weisen regelmäßig auf das ehemalige Herzogtum Limburg als Wiege der Schillings, und besonders auf das Gebiet der Orte Montzen und Moresnet. Zusätzliche Schwerpunkte bieten sich nördlich und südlich einer Trennlinie zwischen dem Herver Pla- teau und Holländisch-Limburg, mit anderen Worten: entlang einer Linie von Vise bis Gemmenich. In Deutschland kommt der Name häufig unter der Form Schelling oder Schilling vor, meist ohne Schluss-s. Er erinnert meist an eine vom Träger ausgeübte Funktion als Glöckner, Läuter (Schelle) oder weist, wie Hans Bahlow (Deutsches Namenlexikon) vermutet, auf eine Zinsverpflichtung, also eine Abgabe hin. In dem Zusammenhang wird der Familienname Fünfschilling (Schweiz und süddeutscher Raum) angeführt. Das Duden-Lexikon der Familiennamen von Rosa und Volker Kohlheim zieht daneben auch die Möglichkeit eines Herkunftsnamens heran, der zu Ortsnamen wie Schilling (Bayern) oder Schillingen (Rheinland-Pfalz, Ostpreußen) in Beziehung zu setzen wäre. In Deutschland gehört der Familienname Schilling mit nahezu 12000 Trägern zu den häufig vorkommenden Namen, wobei die geographische Streuung von Aachen bis zur polnischen Grenze und von Bayern bis Schleswig-Holstein reicht. Es wurde auch versucht, die Namensträger auf umgesiedelte Bürger der nordfriesischen Insel Terschelling zurückzuführen. Diese hätten sich zur Zeit Karls des Kühnen dem Landesherrn gegenüber rebellisch gezeigt; daraufhin habe Herzog Karl die Rechte über die Insel der St- Donatus-Kirche in Brügge überlassen und es hätten Deportationen stattgefunden... Die Schilling(s), um die es in diesem Beitrag geht, müssen wohl einen anderen Ursprung haben. Man findet sie auf dem Herver Plateau und im niederländischen Grenzraum, wobei die Schreibweise von Schillincx bis Schillinghs (in Klimmen bei Valkenburg) variieren kann. Ein Guillaume Schelling wird als Zeuge bei der Gründung der Zisterzienser-Abtei « Vallis-Comitis» /Greventhal i. J. 1255 genannt und
52 an der Lambertus-Kathedrale in Lüttich begegnen wir 1478 einem «cha- pelain» (Frühmesser) Schillincx. Wie schon angedeutet, kommt der Name gehäuft in Montzen-Moresnet vor. Im Ortszentrum von Montzen zieht das Haus «de Pötz» die Blicke auf sich. Dort befindet sich über dem Kamin des Salonzimmers ein Wappen der früheren Bewohner, das im Wappenbuch für Aachen wie folgt beschrieben wird: In Weiß fünf blaue Balken, überlegt mit einem roten Hahn. Auf dem Helm mit rechts blau-weißen, links rot-weißen Decken der Hahn». a DE zu = SB Ze # A DO ; er ; | Y 7 . ] | BEE | . W ) Das Wappen Schillings Die Schillings hatten dieses Wappen von den Vanderheyden übernommen; Letztere führten es auf die Belderbusch, die Herren von Streversdorp, zurück. Zwischen den Schillings «van de Pütz» und den Vanderheyden gen. Belderbusch hat es zahlreiche Verbindungen gegeben. Mehrere dieser Schillings übten das Amt des Drossards aus. Schon vor 1650 heiratete ein Nicolas Schillings eine Anne Vanderheyden. Der letzte Träger des
53 Namens Schillings im «Pütz», Nicolas, Joseph, Marie, Louis, Hubert (genannt «der alte Schillings») war, wie der ehemalige Dechant Hub. Keufgens bezeugte, eine allseits geachtete Persönlichkeit, «Träger der liberalen Ideen und doch Freund des Klerus». Er hatte das Haus 1905 geerbt und starb 1934. In der Folgezeit war der «Pütz» im Besitz des Notars G. Ernst, sodann der Familie Joseph Vanderheyden-Janssen, die einen Käse-Großhandel betrieb. 1994 erwarb Herr D. Schlusche das Haus und richtete dort eine europäische Begegnungsstätte ein. Am 22.5.2008 beschloss der Gemeinderat von Plombi&res, das zum Verkauf stehende Haus Schillings zu erwerben und es ebenfalls einer kulturellen Nutzung zuzuführen. ook Der immer wiederkehrende Gebrauch der gleichen Vornamen in den verschiedenen Generationen ist meist das Zeichen verwandtschaftlicher Beziehungen zwischen parallel neben einander lebenden Familien. ZN { X ES Ba HU 8 A} MM WS | ne ‚8 a | \ UL Y | 8 a a za ZZ ‘A an TE} X AN X [4 ‚EM ( MS | 8 Der «Pütz» in Montzen, Residenz der Familie Schillings So trugen die Schillings aus dem «Pütz» in Montzen über Generationen den Vornamen Nicola(u)s, und dies seit Lodowick Nico-
54 las Schillings, dem ersten Drossard von Montzen, Kapitän in spanischen Diensten (1499-1540), bis auf den letzten Drossard desselben Namens, der von 1699-1794 lebte. Aber auch dessen ältester Sohn sowie der letzte Enkel wurden noch auf den Namen Nikolaus getauft. Insgesamt fungierten nicht weniger als sechs Schillings als Drossard von Montzen, alle trugen sie den Vornamen Nikolaus?. Via die Familien Brandt und Franck (bei Letzterer handelt es sich um die Familie des Komponisten C. Franck, Gemmenich) treten neue Verbindungen auf, in denen der Vorname Willem (oder Guillaume) gehäuft vorkommt, ohne dass bisher alle Verästelungen klar dargelegt wurden. Ein Gemmenicher Zweig fällt durch die Häufung des Vornamens Jean 5 bzw. Jean-Joseph auf. Jean Schillings, ein Vertreter dieser Familie, bewohnte um 1700 einen Hof zu Völkerich (Hof Schillings) und war eine einflussreiche Persönlichkeit in Gemmenich und Aubel. Im nahen niederländischen Südlimburg sind die Schillings ebenfalls im 17. Jahrhundert anzutreffen. So begegnen wir in einer Liste der von 1669-1679 verstorbenen Mitglieder der St. Georgs-Schützengesellschaft in Simpelveld einem Ferdinand Schillings?. Einwohnerlisten aus dem Jahre 1694 erwähnen in Bocholtz Willem Schillincx und in Simpelveld den Schöffen Wilhelmus Schillings*. In Eys heiratet am 12.10.1710 Alexander Du Pree die Catharina Beucken, Tochter von Nicol. Beucken und Anna Maria Schillings... . Ein Joannes Schillings wird 1711 in Simpelveld genannt. 1767 finden wir in Klimmen eine Catharina Schillinghs, Tochter des Johannes. Am Niederrhein sind die Schillings im 18. Jahrhundert auch recht häufig anzutreffen, so in Stommeln und Braunsrath (1757). Erwähnen wir noch, dass der Musiker Max von Schillings (1868- 1933), der 1912 geadelt wurde, einer Montzener Familie entstammt, die mit den Franck und den Brandt verbunden ist. Die von Macco ange- gebenen Daten sind: Geboren am 19.4.1868 zu Düren, königlich-bayerischer Professor und hervorragender Komponist in München, verheiratet mit Karoline Josefa Peill. Sein Ur-Ur-Großvater war der zu Aachen am 13. Januar 1712 geborene Mathias Nikolaus Schillings, Gerichtsprokurator und kaiserlicher Notar daselbst, verheiratet (3.8.1741) mit Johanna Katharina Priem. Dessen Pate war Nikolaus Schillings, «vielleicht der Droste zu Montzen, welcher mit Maria Janssen, Tochter von Lambert Janssen de Stock, Lic. Iur. und
55 Advokat des Rats von Brabant und Vogt von Montzen verheiratet war...» (Macco). Aus Wien erfahren wir, dass ein aus den (österreichischen) Niederlanden stammender Schillings als höherer Offizier in der kaiserlichen Armee zur Zeit Maria-Theresias gedient hat. Weitere Details dazu fehlen... Nun, ausgehend von den Eltern des Verfassers, zur Genealogie. 1. Generation: Philippe, Hubert, Joseph Schillings geb. Neutral-Moresnet, 08.06.1886 gest. Kettenis, 24.09.1928 heiratete am 08.09.1909 in Neutral-Moresnet/Kelmis Beaufays, Rosalie, Marie Therese geb. Neutral-Moresnet, 06.04.1886 gest. Brüssel-Etterbeek, 14.10.1965 Kinder: Pierre *3.12.1911, +15.10.1932, Paul *30.04.1915, verh. mit Louise-Marie R&mion, 4 Kinder, + 11.10.1974, L&on *29.03.1920, verh. mit Monique Ugeux, 8 Kinder, Martha *07.01.1924, verh. mit Dr. med. habil. Josef Beaufays (t), Rene, *15.06.1927, +17.11.1968. Philippe Schillings war der jüngste Sohn von Marie, Henri, Guillaume, Hubert Schillings und dessen Ehefrau Christine, Sophie, Hubertine Schoenauen, die als Landwirte im «Hof» auf der Grenzlinie zwischen Neutral- und Belgisch-Moresnet lebten. Philippe besuchte die von der Gesellschaft der Vieille-Montagne errichtete Schule unter Lehrer Horgnies. Der Unterricht war zweisprachig. Folglich lernten die Kinder deutsche Texte in «deutscher» Schrift schreiben, für französische Texte bediente man sich des lateinischen Alphabets. Als Philippe Schillings 12 Jahre alt war, erklärte ihm sein Lehrer, er könne ihm nichts Weiteres beibringen. Der Vater schickte seinen Sohn daraufhin noch für einige Zeit nach Moresnet-Dorf zur Schule, um dort seine Französischkenntnisse noch zu verbessern. Im Eigenstudium machte sich Philippe mit Buchhaltung, Gesang und Violine vertraut. Eine Zeitlang war er als Mechanikerlehrling bei der Vieille-Montagne beschäftigt. Beim Pfarrer Simons in Xhendelesse, verwandt mit den Schoenauen, erhielt er weiteren Aufbauunterricht, zu dem er sich per Fahrrad begab.
56 pr a C BO WEN oa Sn 2 Hbf aniifl, | ZZ DO Ze AS Ä Zrale: 4 Cl Ser Amt? Haie Mlflan fo A SD Iepih LH Sfr Sp AO Rdbn. k Zilsbearı Lerfö Ks. Zend Kent ercon A ZZ aiınenl, H A Kirn b . ü A - 4 Sa rd id erre), ‚ Pin). i $S Bla Sit AA SA Kine? 7 Lee2b Ay, Bndan Pngfll IE ' 7 / { 2 | main)“ on) Gen OL . { DEE ; ®) Zu Ä Baia) En < EST EZ AA f FC Zen W- WE D v9 in) dan Po u Vadfem) “> Each ® A r Yo), men ren HA EEE w A—ÜdeRENEN >————— Aus dem Schulheft der Maria Schillings (1880). Die Übersetzungsübung zeigt, dass die Schulkinder in Neutral-Moresnet das lateinische und das deutsche f Alphabet beherrschten. Da ihm der Horizont in Neutral-Moresnet etwas eng schien, verließ er die Gegend, um mit seinem Schwager Hubert Collette, der als Vorarbeiter in einer zur Gruppe Thyssen gehörenden Glaserei im Ruhrgebiet (Haspe-Hagen) arbeitete, als Angestellter sein Brot zu verdienen. Hier lernte er auch das Glasblasen. Nach einiger Zeit folgte er seinem nach Düren versetzten Schwager.
57 Die Arbeit setzte seiner Gesundheit jedoch sehr zu und so suchte er in einem anderen Bereich Fuß zu fassen. Hatte nicht sein Vetter Alex Van Gulpen in Emmerich bei Kleve ein Lebensmittel-Großhandelsunter- nehmen? Hier war keine Stelle für Philippe frei, aber es ist zu vermuten, dass er dank der Fürsprache des Vetters in einem Handelshaus in Düren eingestellt wurde. Auch das war noch nicht der Beruf fürs Leben. Er versuchte, in der Militärschule in Brüssel angenommen zu werden, konnte auch seine belgische Staatsangehörigkeit mit Dokumenten belegen; aber sein Aufenthalt in den Glasfabriken der Ruhr hatte augenscheinlich seiner Gesundheit zu stark geschadet... Nach vielem Hin und Her fand er eine Anstellung als Korrespondent in der Textilfirma Hauzeur-G&rard et fils in Verviers mit einer Probezeit von einigen Monaten. Danach bekam er einen für 12 Jahre gültigen Anstellungsvertrag. Rasch stieg er in der Firmenhierarchie auf und wurde _ Generaldirektor der Verkaufsabteilung der Firma, mit Schwerpunkt Deutschland und Mitteleuropa. Philippe Schillings leistete jedoch nicht nur Verwaltungsarbeit. Er entwickelte auch neue Wollmischungen, die er als Garne auf den Markt brachte. Anfangs wohnte er in Xhendelesse beim Pfarrer Simons, dessen Bruder bei Hauzeur-Gerard als Buchhalter arbeitete und der später als Pate seines Sohnes Paul-Antoine fungierte. Er blieb auf seinem Posten bei Hauzeur-Ge&rard bis zur Rückkehr des Firmenerben, Louis Zurstrassen, am 19.11.1918, der als Oberst (capi- taine-commandant) an der Spitze der Befreiungstruppen in Verviers einmarschierte. Philippe gründete nun ein Wechselbüro in Brüssel, ein weiteres in Aachen und eines in Verviers. Es war dies jedoch eine ihn menschlich wenig befriedigende Arbeit. Seine grenzüberschreitenden Tätigkeiten hatten ihn mit einem wohlhabenden Aachener Textilindustriellen namens Jacobsberg in Kontakt gebracht. Einer von dessen Verwandten besaß mehrere Häuser und Grundstücke zu Kettenis. Die Beziehungen zu Jacobsberg führten zu mehreren Transaktionen, vor allem aber zum Kauf in Kettenis eines großen Anwesens mit zwei Bauernhöfen und zwei Villen sowie zur Gründung einer eigenen Firma in Dolhain unter dem Namen «Spinnerei Philippe Schillings KG». Die nötigen Geldmittel (6 Millionen Goldfranken) besorgte Jacobsberg.
58 Dieses Werk leitetete Philippe Schillings trotz zunehmenden Gesundheitsproblemen noch acht Jahre lang bis zu seinem Lebensende. Seine Liebe zur Musik, zum Leben in freier Luft und zur Jagd halfen ihm über viele Gesundheitsprobleme hinweg. Dies bewog ihn auch, seinen Wohnsitz nach Kettenis in die Nähe des Hertogenwaldes zu verlegen. Während der Bauarbeiten an dem neuen Haus fand die Familie vorübergehend eine Bleibe in Bilstain-Dolhain in der Villa eines Freundes (Oscar Bodeux). In Kettenis engagierte sich Philippe Schillings im Dorfleben und gründete einen Fußballverein, dem er ein Terrain zur Verfügung stellte. Darüber hinaus unterstützte er den Musikverein und förderte den Karneval. i Kurz vor seinem Tode ließ er sich bereden, seine Firma in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln; die Hälfte des Aktienkapitals hielt er selbst in Händen; man schätzte den Wert auf 6 Millionen F. Das bedeutet, dass er das Anfangskapital verdoppelt hatte. Nach seinem Tode verzichtete die Witwe gegen Zahlung einer nicht indexierten Leibrente auf ihre Aktienanteile. Einer der Söhne sollte die Führung des Betriebes übernehmen. Der Älteste, Pierre, nutzte die Gelegenheit, starb aber im Alter von 20 Jahren, ohne den Betrieb wirklich geführt zu haben. Die AG Philippe Schillings war auf eine Dauer von 30 Jahren angelegt. Sie spezialisierte sich in der Herstellung von Phantasie-Streichgarnen und Garnen aus Angora-Wolle. Der Verwaltungsrat blieb über die Jahre unverändert, wenn man davon absieht, dass Jacobsberg in der Nazizeit, als die Juden aus dem öffentlichen Leben verschwanden, aus der Führung ausschied. Nach dem Tode von Philippe Schillings war Max Koettgen Generaldirektor und Vormund der Kinder Schillings. Der Verfasser dieser Zeilen wohnte bei ihm während seiner Humaniora-Studien®. Es sei noch erwähnt, dass Jacobsberg so lange wie möglich in Deutsch- land blieb. Dank guter Verbindungen überstand er die Kriegsjahre lebend in einem Versteck auf der 4. Etage eines Eckhauses der Place de 1’Etoile in kelles. In dieser Zeit verließ er das Haus kein einziges Mal! Zwei Stockwerke des gleichen Hauses waren von Beamten der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) belegt. In diesem Hause hatte der Verfasser 1950 die letzte Unterredung mit ihm. Im Zusammenhang mit dem Kriege sei auch noch erwähnt, dass die Spinnerei Schillings von 1940-1944 sich an der Grenze zwischen dem
59 besetzten und dem annektierten Belgien befand, d. h. an der Ortsgrenze der Gemeinden Dolhain und Baelen. Die eigentliche Spinnerei lag integral auf belgischem Boden, das Pförtnerhaus jedoch, nur durch einem engen Durchlass von der Fabrik getrennt, war von deutschen Grenzpolizisten belegt. Es waren Zöllner und SS-Polizei (eine Sonderabteilung der Gestapo). Die Witwe Schillings, die noch immer in Kettenis wohnte, bedurfte also eines Passierscheines, um ihre Interessen im Betrieb wahrzunehmen und ihre Pension zu kassieren. Mit diesem Passierschein konnte sie allerdings auch nach Verviers fahren. Auch der Sohn L&on musste durch diese Grenzkontrolle, um in Ver- viers auf die Textilschule zu gehen. Bis 1943 ließ man ihn so passieren. Dann legte die Gestapo Namenlisten der Aus- und Eingänge an und L6on musste, um nicht registriert zu werden, die Hilfe eines ortskundigen Führers in Anspruch nehmen... Das ständige Hin und Her zwischen zwei Gebieten mit unterschiedlichem Statut führten dazu, dass er Kontakt zu belgischen mit den Alliierten kollaborierenden Diensten bekam. Von der Fassade der Büros der Spinnerei Schillings bleibt nur noch ein Bruchstück übrig. Das Fabrikgelände wird heute von einem Geschäftshaus eingenommen. Die verschiedenen Wohnadressen des Philippe Schillings: Nach der Heirat: 71, rue Pierre David, in Lambermont-Verviers Nach Mai 1914: 23, rue de la Paix in Verviers Nach 1921 : Zweitresidenz in Kettenis 1923: Definitive Übersiedlung nach Kettenis, im Ortsteil Clouse Nach dem Tod des Familienoberhauptes wohnte die Familie drei Jahre lang in Verviers, 52, rue du Palais, mit direktem Blick auf den Schulhof des Jesuitenkollegs, wo L6on als Schüler eingeschrieben war. 1932: Definitive Rückkehr nach Kettenis. Die Interessengebiete Philippe Schillings betrieb mehrere Sportarten, vor allem aber Fußball. In Verviers war er maßgeblich an der Gründung des am Platz «Pano- rama» angesiedelten Clubs beteiligt, wo er als Rechtsaußen spielte. . In Anspielung auf das Wertverhältnis der britschen Schillingmünze zum Pence (12 Pence = 1 Schilling) nannten ihn die Zuschauer «douce panse» (douze pence). Später war er Präsident des Veteranen-Clubs; auch stiftete er einen Wanderpokal, der im Wettstreit mit Beerschot ausgetragen wurde.
60 In Kettenis, wir sagten es schon, gründete er einen Fußballclub mit dem Namen «Rasensport-Verein», dem er einen Platz mit den notwendigen Einrichtungen für zwei Mannschaften nebst Schieds- und Linienrichtern zur Verfügung stellte. Gegen Ende seines Lebens brachte er viel Zeit auf der Jagd zu. Schon sein Großvater Franz Schoenauen hatte als Förster auf der Eyneburg den letzten Wolf im Göhltal erlegt... Philippe Schillings war auch die Haupttriebfeder im Hegering der 1920 zu Belgien gekommenen Ostgebiete. Im Auftrag der Herren Grandgagnage aus Hannut, des Freiherrn von Assche und des Eupener Textilindustriellen Hübner führte Schillings Verhandlungen mit dem belgischen Landwirtschaftsminister Baels (dem Vater der späteren * Prinzessin Lilian), um einen geschmeidigen Übergang des deutschen zum belgischen Recht auszuhandeln. Seine schnelle Auffassungsgabe half ihm, alle Probleme in Rekordzeit zu lösen, so dass er nur wenige Stunden täglich in seiner Fabrik in Dolhain anwesend sein musste. Die Geschwister Schillings - Marie, Jeanne, Francoise, Hubertine, geb. 10.10.1865, gest. 03.01.1941. Neffen und Nichten nannten diese Schwester des Vaters «Tante Hanne». Sie war das erste Kind, das in der 1865 konsekrierten neuen Kirche von Kelmis getauft wurde. Erst 1858 hatte der Bischof Kelmis zur selbständigen, von Moresnet losgelösten Pfarre erhoben. - Marie, geb. 08.06.1869, gest. 1952. Sie stand ganz im Dienste der jüngeren Kinder der Familie, ihrer Neffen Alfred und Joseph und der Kinder ihres Bruders Philippe, besonders der kleinen Martha. - Hubertine, geb. 1872, gest. 1944, war die zweite Ehefrau von Hubert COLLETTE. Ihr Ehemann war Werkstattleiter in einem Stahlwerk und beendete seine Karriere in Hagondange in Lothringen. Aus einer früheren Beziehung hatte Hubertine einen Sohn, Alfred, der durch die Tante Marie aufgezogen wurde und im Stahlsektor bei Cockerill als Leiter der Zentralplanung Karriere machte. Hubertine wurde in den Kriegsjahren als «politisch unsicher» nach Gera deportiert und starb im September 1944. Die näheren Umstände wurden nicht angegeben. Marie-Josephine, geb. 1874, gest. 1903), erste Ehefrau des Hubert COLLETTE. Hatte einen Sohn, Joseph, verh. mit Gertrude Verbert.
61 Aus dieser Ehe ging ein Sohn, L6on, hervor. Zwei Enkel, Jean-Paul und Philippe, führen den Namen Collette weiter... - Marie, Catherine, Wilhelmine, geb. 1879, gest. 1936, verh. mit Hu- bert BOLTERSDORF (1879-1943). Sie führten eine Drogerie in der Kirchstraße in Kelmis, etwa halbwegs zwischen Kirchplatz und Vonsstraße (= Albertstr.). Hubert Boltersdorf war lange Zeit Vorsitzender des Kirchenvorstandes. - Louise, geb. 1879, gest. 1943), Ehefrau von Th6o Hilligsmann. Sie sind die Eltern von Joseph Hilligsmann (1910-1971), Pfarrer und Dechant von Montzen, zuletzt Pfarrer von Hergenrath. Louise und Theo Hilligsmann hatten einen weiteren Sohn, Philippe, der als Feldhüter in Kelmis wirkte. Über die Kinder (5 Söhne und 3 Töchter) ist die Familie weiterhin sehr präsent in Kelmis. - Henri, Hubert geb. 1883, gest. 1952), verheiratet mit Hubertine Boltersdorf (1886-1945). Diese Eheleute hatten eine Tochter Chris- tine gen. Tinchen, verh. mit Laurent Fryns (Loräng), der eine große Rolle in der christlichen Gewerkschaft spielte. Er war ein Bruder von Jean Fryns, der Bischof von Kindu wurde, und ein Schwager von Peter Claes, der die Ahnentafel der Schillings von Montzen ausgearbeitet hat. Laurent und Tinchen Fryns-Schillings hatten einen Sohn, Willy, und zwei weitere Töchter: Cathy, Ehefr. Emonts, und Marie (Ehefr. Dahlen). Der Enkel Ralph Schillings, Sohn von Willy, und letzter Vertreter dieses Zweiges der Familie, lebt in Eupen. - Die Mädchen der Familie Schillings-Beaufays haben alle die Schule der Schwestern von Notre-Dame besucht und waren zweisprachig. II. Generation Marie Henri Guillaume Schillings Geb. in Montzen, 28. (22.?) Sept. 1840 Gest. in Neutral-Moresnet, 1. Juli 1908 Heiratete am 17. 1. 1863 in Neutral-Moresnet Christine Sophie Hubertine Schoenauen Geb. in Moresnet, 27.10.1843 Gest. In Kelmis, 21. Mai 1921 Die Eheleute Schillings-Schoenauen betrieben Landwirtschaft im «Hof», der auf der Grenze zwischen Neutral-Moresnet und Belgisch- Moresnet gelegen war. Henri Schillings hat auch für die Vieille-Monta- gne gearbeitet, die ihm eine Altersrente zahlte.
62 Philippe Schillings hat seine Mutter immer sehr bewundert und zusammen mit seinem Bruder hat er ihr einen sorglosen Lebensabend gesichert. Seinem Vater hat er immer den Vorwurf gemacht, ihm gegenüber nicht ehrlich gewesen zu sein und ihm die Herkunft des Kindes der Schwester, um das sich die Tante Maria großherzig kümmerte, verschwiegen zu haben. Die Geschwister von Henri Guillaume Schillings - Marie-Jeanne, geb. 30.12. 1826 in Sippenaken gest. 23.09.1883 in Hauset verh. (24.10.1844) mit Peter Josef Knops | - Nicolas, geb. in Sippenaken (1827 ?), gest. 1865 verh. mit Therese Schyns Sein Sohn, Nicolas (1859-1903) war, wie der Vater, Viehhändler. - Pierre Joseph, geb. 03.06.1828 in Montzen gest. 17.07.1890 verh. mit Clara Cales. Er ist der Stammvater der Schillings aus Bois-de-Breux. Seine Kinder: Maria (heiratet Francois Jaquemin Hel&ne (heir. Alphonse Kaiser) Pierre (heiratet Marie Yans) Joseph, Jules, Auguste und Hubert - Anna Marie Josephine (1838-1889), Ehefrau von Jean Andre Weertz/ Weerts. Dieses Ehepaar wohnte in Poperinghe, hatte aber enge Verbindungen zu Kelmis gehalten. Ein Sohn, Joseph, war Lehrer für moderne Sprachen in Uccle. - Clementine, geb. 1837, starb ohne Nachkommen. Dunkle Geschichten Etwa 1950 konnte man noch an der «Heide» am Hause Schillings das Schild mit der Aufschrift «Mairie» sehen. Das Haus hatte zur Franzosenzeit als Bürgermeistereiamt gedient. Nach dem Tode seines Vaters und seiner Großmutter- beide starben 1864- kaufte Henri Schillings Haus und Hof «In t Hof». Später (1893) verkaufte er den Hof an eine Familie Chamberlain, blieb aber dort wohnen. Philippe kaufte das Haus zurück, um den Lebensabend seiner Mutter zu sichern.
63 EA A w e nl E 6 f Ki EEE a A EM Ca 5 a Üen 7 > di Y wo > Ve AM Wi 3 3 AN & SR ra N # E 5 6 f | 4 rc HE a de & * 1 A Pr ® | 4 ’ w 8 ; Die Siedlung «Hof» (Ölbild Alfr. Schillings) Die Geschwister der Christine Schoenauen - Catherine, Ehefrau Pierre Debie, geb. in Moresnet 1828, gest. in Aubel 1909. Die Familie hatte eine Tochter, Anne-Marie, verh. mit Philippe Pirenne, (Geschäftsmann und Bankier in Aubel, Pate von Philippe Schillings). Da die Eheleute Pirenne-Schoenauen keine Kinder hatten, stifteten sie viel Geld zu frommen Zwecken. So konnte der Saal der «Patronage» in Kelmis durch eine «Stiftung Schoenauen» errichtet werden. - Franco, verh. mit Catherine Laschet - Ludovica, verh. mit Joseph Laschet (1 Kind) - Karl-Joseph, verh. mit Victorine Hotechamp (1 Kind) - Mathieu, verh. mit Christine Franssen Hier möchten wir eine kleine Anekdote einflechten. Die Patin der Christine Schoenauen war Sophie Edelbrock, die Ehefrau ihres Onkels Charles Lambert Van Gulpen. Dieser hatte unseren Raum verlassen, um in Emmerich, im deutsch-niederländischen Grenzgebiet, einen Lebensmittelhandel aufzubauen, der mehr als 100 Jahre florieren sollte.
64 Bei der Taufe der Christine Schoenauen ließ sich die Patin durch Adelaide Schillings aus dem Montzener Zweig der Familie Schillings vertreten. ok Um 1850 dehnte sich Neutral -Moresnet vor allem nach Norden aus, da die Gesellschaft der Vieille-Montagne das Zentrum des Ortes nicht im unteren Bereich, in der Nähe der Göhl, haben wollte. Der Wunsch der Gesellschaft, bisher landwirtschaftlich genutzte Flächen, die stark durch Schwermetalle verseucht waren, zu bebauen, stieß bei den Bauern auf keinen Widerstand. Guillaume-Joseph Schillings und seine Mutter Elisabeth geb. Caan, die auf Schnellewind (Poststraße bzw. Klostergasse) wohnten, verkauften also ihren dort gelegenen Grund. Zum Familiensitz wurde nun das am «Naeberweg», heute «Heide» Nr. 46, gelegene Haus. Die Eltern von Philippe Schillings bewohnten dieses Haus, ehe sie sich im «Hof» in dem kleinen Bauerngut niederließen, das Alfred Schillings in zwei Ölbildern dargestellt hat. : )/A { = [a PD ® —— 31 A . a ß il DA 1: KA |0@ Mn AM . + | 1 Al SR 8 FE Ta r_ LAN 1 ) in A - a Ca N I — 88. 9°" A Häusergruppe im Schnellewind, heute Klostergasse, ehemals im Besitz der Familie Caan
65 III. Generation Guillaume-Joseph Schillings (Landwirt) Geb. in Moresnet (Sektion Kelmis) am 15.12.1798 (d. h. am 26. Tag des Monats Vend&miaire des Jahres VII der Republik). Getauft wurde er am 17.12.1798. Gest. am 25.07.1864 Verh. (12.07.1823) mit Marie-Jeanne Duyckaerts aus Sippenaeken Die Lage ist etwas konfus, was wohl auf gewisse Zwischenfälle im letzten Lebensabschnitt des Guillaume Joseph Schillings zurückzuführen ist. Es geht die Rede von einer zweiten Frau, deren Rolle nicht ganz geklärt werden konnte... U Bevor er sein Vermögen vergeudete, genoss Guillaume Joseph Schil- lings wohl ein gewisses soziales Ansehen. Von 1854 an war er Mitglied FENDT SEI 5 WFS > Li) } Dieser Keilstein am Hause Klostergasse Nr. 7 mit der Inschrift AO 1777 - IHS - G.K. - A.B.N. erinnert an die Erbauer Gerard Kaan und Anna Barbara Nissen‘,
66 des Kelmiser Gemeinderates. 1862 standen die Schillings noch mit 12% der Gesamtsteuereinnahmen an zweiter Stelle in der Hierarchie der Steuerzahler. Guillaume Joseph erbte von seines Vaters Seite den Besitz der Schil- lings und der Dobbelsteins «op jen Hey» und von der Mutter den Besitz Caan, der sich zwischen der Kelmiser Kirche und der Aachener Grenze, am Ort Schnellewind, heute Klostergasse, erstreckte. Das soziale Ansehen des Guillaume Joseph Schillings wird auch daraus ersichtlich, dass seine Kinder durch Heirat mit einflussreichen Familien verbunden wurden. So z. B. der Sohn Henri, der die Tochter eines Steinbruchbesitzers heiratete. Dieser Franz Schoenauen-Van Gulpen war zur Zeit Förster und vermutlich auch Verwalter der zur Eyneburg gehörenden Besitztümer, zu der Zeit, als der Lütticher Bankier Naegelmakers im Besitz der Burg war. Er war geboren in Clermont s/ Berwinne am 01.05.1796, hatte am 4.08.1827 in Montzen Anna Maria Van Gulpen (geb. 1805, gest. Kelmis 16.07.1870) geheiratet und starb in Neutral-Moresnet am 07.01.1872. Nachdem er in Kelmis ansässig geworden war, mischte Schoenauen kräftig in der Gemeindepolitik mit. Er war ein ehrgeiziger und a 355 a AB A [FM Lo SS Praha 2 ME 7 W | An VER | Ph X tar k DE u (E | ET N a + Das Haus Schillings, Kelmis/Heide
67 zielstrebiger Mann, der seinen Reichtum zu mehren wusste. Wir wissen u. a., dass er den letzten Wolf im Göhltal erlegte und daraufhin als Geschenk ein Caf&-Service erhielt. Es gibt heute keine Nachkommen seines Namens mehr in Kelmis. Die Geschwister des Guillaume Joseph Schillings -Marie, Wilhelmine, Josephine (geb. 1815, gest. 27.05.1903) -Marie, Therese, Angeline (1821-1893) -Hubert, Gre&goire, Joseph (1812 ?-1898). Schöffe in Kelmis. Scheint eine besondere Rolle in der Familie seines Bruders gespielt zu haben, dessen Kinder alle auch den Namen Hubert erhielten. IV. Generation Nicolas Joseph Schillings Geb. 03.04.1768 KGest. 1834 (?) Heiratet (12.09.1802) in Moresnet Elisabeth Caan (geb. 17.05.1773, gest. Kelmis 27.01.1864) _—_- EEE Dan A ES Sn RR am) ze ET 5 2 N 1 (] Hi S \ Jan ES a ! X BE 1 A RS | Ü a. x. WR N #8. Im Gut «in der Heide» wohnte der Nachbar und Schwager des Willem Joseph Schillings, Peter Lambert Hermens, verheiratet mit Elisabeth Dobbelstein.
68 Die Eheleute Schillings-Caan waren Landwirte, doch findet sich der Name des Nicolas Schillings auch als Holzfuhrmann für das Bergwerk. Zudem spielte Nicolas Joseph eine bedeutende Rolle im Gemeindeleben. Von 1776 bis 1788 war er «Regleur» (Bürgermeister) der Gemeinde Kelmis, 1796 wird er als «agent municipal», (Gemeindevorsteher) erwähnt. Am 24. Juli 1802 dankt er als «Maire» ab und wird durch Ar- nold Lasaulx ersetzt®. Der Besitz am Schnellenwind und in der Heide machte die Eheleute Schillings-Caan für Kelmiser Verhältnisse zu Großgrundbesitzern. 1849 verkauft die Witwe Schillings-Caan ihren Besitrz am Schnellenwind an die Gesellschaft des Altenbergs. Hatte sie früher auf diesem Hof 7 Kühe halten können, so war es nun, durch die Bodenverseuchung bedingt, nur noch eine einzige! V. Generation Guillaume Joseph (auch Willem-Joseph) Schillings get. Moresnet 18.07.1741 heir. am 27.11.1762 Marie-Catherine Dobbelsteyn (auch Dobbelstein). Diese starb vermutlich 1801 oder 1802. Guillaume Joseph Schillings war Steuereinnehmer 1758, Schöffe von Moresnet und Kelmis, Bürgermeister von Kelmis 1776-1788. 1789 erhielt er noch die Konzession zum Holzfahren für das Bergwerk. Er starb am 19.3.1789. Für die Schillings-Dobbelstein war die Heirat des Sohnes Nicolas Joseph mit Elisabeth Caan gewiss nicht standesgemäß. Die Teilung der Erbschaft des Jan Dobbelstein geschah zwischen 1764 und 1766. Die Eheleute Schillings-Dobbelstein teilen mit Schwager und Schwester Nicolas Egyptien-Dobbelstein. Sie werden damit die begütertsten Bürger von Kelmis. Der Grundbesitz der Wwe Dobbelstein an der «naeberstraat» (Heide) wird 1799 mit 12 ha angegeben. Ein weiterer Schwager von Guillaume-Joseph Schillings war Mathieu Walraff, sein Nachbar, der 1782 Claire Schillings geheiratet hatte. Auch diese Eheleute besaßen 12 ha Land an der Heide. Lambert Hermens, Ehegatte der Elisabeth Dobbelstein, einer Schwester der Marie-Catherine, besaß ebenfalls Ländereien an der Heide. Er war 1770 Bürgermeister.
69 So wie Guillaume-Joseph Schillings Bürgermeister gewesen war, so wurden auch seine Söhne Nicolas-Joseph und Lambert-Joseph in der Franzosenzeit nacheinander Bürgermeister. Nicolas Joseph dankt 1802 ab und wird, wie schon gesagt, durch Arnold Lasaulx ersetzt, der erst als «maire», dann als Bürgermeister fungiert und neben Kelmis auch lange Zeit Preußisch-Moresnet und Hergenrath mitverwaltet. In wiefern (von) Lasaulx zur Gründung der Bergwerksgesellschaft der Vieille- Montagne beigetragen hat, ist nicht geklärt. Hat er Mosselman und den Herzog von Morny persönlich gekannt und beeinflussen können? Wie wir eben gesehen haben (Generation IV) heiratete Nicolas Jo- seph Schillings Elisabeth Caan. Sie war die Tochter der Eheleute Gerard Caan (auch Kaan), der als Einnehmer in Kelmis fungiert hat. Am 29.11.1757 hatte Gerard Caan Anna Barbara Nyssen geheiratet. 20 Jahre später bauten die Eheleute Caan-Nyssen die noch stehende Häuserzeile an der heutigen Klostergasse (früher Schnellewind). Ein Bruder des Gerard Caan, genannt J(e)an der Jüngere, der als «mi- neur principal» (Steiger) im Bergwerk beschäftigt war, sorgte für Nachschub an «Faggen» d. h. Reisigbündeln für das Brennen des Galmeis. Ein weiterer Bruder, Christian Caan, verheiratet mit Marie Hermens, übernahm den elterlichen Hof. 1757 ist er Wegezolleinnehmer an der «Barriere» auf der neuen Chaussee Herve-Aachen. Auf dem ihm gehörenden Grund stand auch der Galgen (gibet). Die Eheleute Caan-Hermens hatten sechs Kinder; eine Tochter, Ma- rie-Christine, heiratet den Notar und Bürgermeister Nicolas Bounie aus Hergenrath. VI. Generation Henri Schillings, Schöffe (?) um 1727, verh. mit Catherine Cool (oder Kohl) Jean Caen d. Ältere, gest. 09.09.1779, heiratete in Moresnet am 13.02.1735 Anne Brysir. Bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts lag der Besiedlungsschwerpunkt von Kelmis in der Nähe der Göhl. Nachdem sich die Gemeinden von Moresnet, Gemmenich und Montzen 1723 mit der Stadt Aachen über die Nutzung des Grenzwaldes geeinigt hatten, begünstigten sie die Ansiedlung auf Gemeindeland in Waldnähe.
70 Jean Caen war einer der Ersten, die dies nutzten. 1736 errichtete er auf einem etwa 1 ha großen Grundstück ein kleines landwirtschaftliches Anwesen und belieferte das Bergwerk mit Holz für das Rösten der Erze. Mit dem Bau der Chaussee 1750 entstand eine Wegezoll- erhebungsstelle, die Jean Caen übernahm, um sie dann seinem Sohn Christian zu überlassen. Seinen Besitz vervierfachte Jean Caen in den Jahren 1745 bis 1770. Bei seinem Tode stand er in der Vermögensliste der Kelmiser Grundbesitzer an 26. Stelle von 121. Dieser wirtschaftliche Erfolg führte zu Eheschließungen mit den Familien Hermens, Bounie, Nyssen und Schillings. Der Name Caen wurde durch eine Straßenbenennung («Kahnweg» . von der Patronagestraße zum Heigraben) für die Zukunft festgehalten. Leider in einer zu sehr eingedeutschten Form! 38 Des re KAHNWEG 71 0 a X || X 5 | RUEKAHN |” | BE Ce A 57 EP 5 3 EN — Straßennamenschild an der Gabelung Patronagestraße-Kahnweg.
A VII. Generation Jean Dobbelstein. Er wird 1686, 1695 und 1705 als Eigentümer von Grundstücken genannt, die später im Besitz der Catherine Dobbelstein, der Ehefrau des Guillaume-Nicolas Schillings sind. 1725 wird er als Schöffe vereidigt. Sein Todesjahr ist 1736/37 (spätestens der 25.01.1737). Nachdem Kelmis zur kgl. Herrschaft geworden war (1654), hatte es seine eigene Verwaltung mit 2 Bürgermeistern und einem Schöffengericht. Diese Situation blieb bis zur Ankunft der Franzosen i. J. 1794 bestehen. Dann wurde die Herrschaft Kelmis mit Moresnet zur Mairie de Moresnet zusammengelegt. Unter den Franzosen haben die Dobbelstein weiterhin in der Gemeindeverwaltung als Bürgermeister und Gemeindevertreter fungiert. Sie wurden dann durch ihre Erben, die Schillings, in diesen Funktionen ersetzt. Fußnote '_ Anschrift des Verfassers: 24, rue de Philippeville, 5500 Dinant ? S. Peter Claes, Ahnenliste einer Brüsseler Familie, die bis zu Lyns van Kelmis reicht, in «Im Göhltal» Nr. 31, Aug. 1982, S. 68-86 > S. «Schutterij St. George Simpelveld. Een historische schets van de vereniging gedurende het Ancien Regime» door Luc. J. E. Wouters, in ‘Historische en heemkundige Studies rond het Geuldal’, Jaarboek 1996, S. 134 + Wiedergegeben durch A. S. M. Patelski: «De inwoners van Simpelveld en Bocholtz in 1694» in Historische en heemkundige studies in en rond het Geuldal, Jaarboek 1994, S. 55 ff. 5 Internet $ Max Köttgen stammte aus Aachen und war wegen seiner Anstellung bei Hauzeur- Gerard nach Verviers übergesiedelt, wo er in der rue d’Anvers wohnte. Sein Bruder betrieb in Verviers, rue de 1’Harmonie, eine Konditorei, die als die beste der Stadt galt. 7 S. F, Pauquet: Historischer Rundgang durch Kelmis in «Im Göhltal» Nr. 62, Febr. 1998, S. 34 ® S. F. Pauquet, Historischer Rundgang durch Kelmis in «Im Göhltal» Nr. 70, Febr. 2002. S. 80-81
72 De Pänzjuen va Henri Beckers, Kälemes Döks hüet me, wänn’ ne Minsch esue sät, wür Ech mär at jepänzjenied ! Vörb6j &s da dat Lament&&re än och dat Närvestrapaz6&re. Brugs dech now n6&6€t mie esue te towe Va now aa, hat’ e Tiit, der Auwe ! Vawääjes Tiit ! Es vör te laache, . dow wäts jebrukt vör alle Saake, has je&nge Tüt te överlääje, va now a mos - te d£ch bewääje. Da sät de Vrow jemingklech esue : « Jong , wels de jät vör m6ch due? » Dow mos, weil - sej der Tiit n66t hat, flot jät jue jäähle i-jen Stadt. Än jeder Donneschtech ‚— wi jesaat ‚— löpt now der Jäck no-je-ne Maat. Met Äpel, Moos än met Schavowe, kann häe da schl&&pe, der öreme Auwe. Könns - te da h6&&m , et schwuutste Wärek dat blit vör d&ch, dow bes jo stärek ! Va now aa, wäts dow mär gebrukt, has jar jeng Row mie, öreme Schlup! Könt da et Vröjjoor, €s vör - te vereke Now mos dow och noch Oonkruut tr£ke. Än n&€t jemukst ! Dat wüür en Fing I-jen Huus be&s dow de Schpöölmasching. Än brukt ding Vrow ne nöje Hoot Da mos - te m6&6t, och kaucht di Bloot Anstat te rööste ding auw Knoake dös - te dovör et Auvends kauche !
73 Der Blootdrok schravelt huech än hueder, dinge Kop dä wät at rue än rueder. Wänn dow esue wier maks, hoove Jäck, Da bes dow flot och ömene Eck Da d&&s-dow dech noch sälver 1&€d, weil et d£&ch now esue dräkech j&€t Dröm saach n&&t mie met Övermoot Jepänzjeniede hant et joot.
74 Grenzsteinwanderung um Neutral-Moresnet von Peter Kurnap und Dieter Pitz Teil 1: von Nr. LX - XXXI 1869-1870 wurden die hölzernen Grenzpfähle zwischen Neutral- Moresnet und Preußen (Preußisch-Moresnet) einerseits sowie dem neutralen Gebiet und Belgien andererseits durch Grenzsteine ersetzt. Die Ostgrenze (gegen Preußen) wurde 1869 «abgesteint», die Westgrenze „1870. Insgesamt wurden damals durch den Steinbruchbesitzer Franz Schoenauen 60 Steine geliefert. Jeder Stein wiegt etwa 200 kg, ist 110- 120 cm hoch und steckt 50-65 cm im Boden. Im Laufe der Jahrzehnte sind einige Steine durch Wald- und Bauarbeiten verloren gegangen, andere stehen nicht mehr genau auf der Grenze, sodass der genaue Verlauf derselben nicht immer leicht auszumachen ist. Im Folgenden laden wir die Leser auf eine «Grenzsteinwanderung» ein, deren ersten Teil wir hier darlegen. Wir beginnen die Wanderung an der Lütticher Str., Einmündung Leonhard-Kohl-Straße, dort befindet sich an der Straßenecke vor dem Haus Nr. 119 der Grenzstein mit der Nr. LX (60). Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, steht eine Hinweistafel über Neutral-Moresnet mit dem Hinweis / - LX. Dem dort befindlichen Pfad folgen wir und halten uns rechts bis zur Franz Scherrer-Straße, in die wir rechts in Richtung «Residenz Paola». einbiegen. Kurz vor diesem Haus steht am rechten Heckenrand vor einer Mauer die Nr. LVIII (59, ursprünglicher Standort?) Wir gehen die Scherrerstraße weiter bis zur Brunnenstraße. Dieser folgen wir bis zur Straßenkreuzung, dann rechts bis zum Kahnweg. Hier geht es nach rechts in die Hattichstraße. Nach ca. 20 m steht auf der rechten Seite am Haus Nr. 6 an der Vorgartenmauer der Stein Nr. LVI/Z (58, Originalstandort ? ). Nun gehen wir die Straße wieder zurück, bis von rechts der «Käskorb» einmündet. Hier geht es rechts hinein bis zum Haus Nr. 19 (Bauunternehmer Hens) auf der linken Seite. Dort steht zwischen den Häusern Nr. 17 u. 19 an der Vorgartenmauer der Stein Nr. LVII (57). Wir gehen noch ein Stück weiter geradeaus und nehmen dann den Zufahrtsweg links in Richtung Einfahrt Sandgrube. Hinter der Schranke folgen wir
77 8 ]| | : A: } A \ | =, Ss > 1 Aa AU — Sa ; Kösborb 17-19: Grenzstein Nr. 57 auf der Grenze zwischen den beiden Häusern A 7 N > Sn Bl Pe. Cm _- 1 EN EN JE } DO NE S r BES RE Sn € KA N A A XS & RAS EB BS WR \ Links, direkt hinter der Schranke zur Sandgrube, führt ein Pfad zum Heidkopf. Von dort kommt man über die Klothstraße zur Ruhrbrücke und zur dort befindlichen Schutzhütte.
78 Etwa 50 m von der Schutzhütte entfernt steht die Nr. 51. \ links dem Fußpfad, gehen durch das kleine Wäldchen hinauf und kommen oben auf die Straße Heidkopf (Sackgasse). Es geht die Straße abwärts bis zur Klothstraße. Auf dieser Straße nach rechts gehen, über die Ruhrbrücke, bis zur dort befindlichen Schutzhütte mit Parkplatz. Vom Grenzstein Nr. LVII in einer gedachten Linie geradeaus über das Gebiet der Sandgrube bis zur Schutzhütte befindet sich offensichtlich kein Grenzstein mehr. Lediglich der Grenzstein Nr. LIMIT (53), der dort einmal gestanden hat, befindet sich im Göhltalmuseum in Kelmis. Die Steine 56, 55, 54 und 52 müssen wohl als verloren gelten. Hier eine kurze Zwischenbemerkung. In den Nummern 28 und 29 dieser Zeitschrift, Februar bzw. August 1981, hat Herr Franz-Xaver Schultheis einen sehr lesenswerten Beitrag über die «Grenzbezeichnung des neutralen Gebietes von Moresnet» veröffentlicht und den damaligen Zustand dieser «Grenzbezeichnung» wiedergegeben. Zu der hiervor erwähnten Grenzpartie schreibt Schultheis: (Im Göhltal» Nr. 29, S. 37): «Jenseits der Ruhrbrücke steht am Waldrand der Stein 53. Dann schließt sich Weideland an. Etwa 325 m vom letzten (Stein) entfernt steht der Stein 55. Die Steine 56-59 fehlen.»
79 Wir stellen mit Genugtuung fest, dass die als «fehlend» bezeichneten Steine 57, 58 und 59 noch vorhanden sind. Stein Nr. 55 ist bei Arbeiten in der Sandgrube an den Rand dieses Abbaugebietes gebracht und dort gelagert worden. Nr. 56 muss als verloren bezeichnet werden. 1991 wurden die Grenzsteine im Auftrag der Gemeinde Kelmis (Schöffe für Tourismus, Bernard Krauth) und mit der Unterstützung der Wallonischen Region im Rahmen einer von der öffentlichen Hand subsidierten Maßnahme zum Schutz der kleinen Bodendenkmäler neu gesetzt. Die Arbeiten wurden von der Fa Rene Dode&mont, Hergenrath, ausgeführt. An der Schutzhütte befindet sich auch eine Hinweistafel mit der Aufschrift : «Grenzsteine Neutral Moresnet I bis LX». Hinter der Hinweistafel ist im Verlauf ein kleiner Weg aufwärts (Reitweg) und ca. 40 m hinter der Schutzhütte finden wir die Nr. LI (51). Es geht in gedachter Linie von der Hinweistafel über die Nr. LI weiter; A Deu TA Russ PS EURE "x A A An je 0) Pe Kl EZ 8 EA ES VE NE SP A VE 5 BE A REN, CE AU A EEE EN OMU X RR ; Se Se Nur wenige Schritte vom Wanderweg entfernt finden wir die Nr. 49 (Neuanfertigung)
80 PS al SEHE EA SE ES VER TEESES A 7) a ET EEE A CA Cr BAT DAS SS ST SE AO ee SUSE AED CORSA ar NS U AED EEE LE SPAN RS ZN RE SEA N Na ENT NE (AA pa SE FEST a BE VAN DA SS Et na GE ÖeS SU KA OD ER Sa EEE CS ES SS EEE ME EN SE NE Vom Hauptwanderweg führt in einem Linksbogen eine Schneise rechts in den Wald hinein. Folgen wir dieser, so finden wir nach etwa 20 m zur Linken im hohen Farm neben einer Eisenbahnschwelle, die früher Teil einer Schranke war, die Nummer 48. man überquert den Wanderweg, der in Richtung «Croix Rouge» führt. Nach ca. 50 m geradeaus steht auf der linken Seite im Farngestrüpp, ca. 10 m neben dem Wanderweg, der abgebrochene Stein Nr. L._(50). Wir gehen auf den Wanderweg zurück und ca. 100 m weiter in Richtung «Croix Rouge» ist dort vom Weg aus links die Nr. XXXXVIMI (49) gut zu erkennen. Der ursprüngliche Stein Nr. 49 wurde bei Waldwegearbeiten beschädigt und im Jahre 2000 auf Kosten der Versicherung durch einen neuen ersetzt. Der Hauptwanderweg macht kurz nachher einen Linksbogen, dort steht rechts eine Sitzbank. In der Kurve führt rechts eine erkennbare Schneise geradeaus. Dieser Schneise folgen wir. Etwa 20 m hinter dem Beginn der Schneise steht auf der linken Seite unter Farnkraut (schräg hinter einem Holzpfahl) der Stein mit der Nr. XXXXVII (48). Dieser war bei Wegearbeiten beschädigt worden und wurde i. J. 2000 auf Kosten der Versicherung (64.000 F) erneuert.
83 | A WO << @ Se“ 8 x SE TE % |; °C ER x A A a Be = DO [SEE WS AS BUN OEM | AN N N a N N N SZ NN A Keine 100 m vom Kreuz der Therese Göttgens entfernt befindet sich an der rechten Seite, etwa 6 m vom Straßenrand entfernt und am Fuße eines kleinen Abhanges, der Stein Nr. 43. A FD Sn SE EEE. 5 OA DL SE 2% m Ra N 3 EEE WS N En RS AS VE Ag LE A SL BA A 5 \ DAN Dort, wo in einer leichten Rechtskurve des Bittweges zur Linken ein Pfad steil bergan führt, finden wir am Fuß der Steigung den Stein Nr. 42.
84 Wir gehen weiter auf dem Bittweg und in dem leichten Rechtsbogen führt links ein schmaler Weg etwas bergan. An diesem Weg steht an der linken Seite die Nr. XXXXII (42) mit Farbe aufgemalt. Dieser Weg führt weiter geradeaus aufwärts in Richtung «Drei Länder Eck». Auf diesem schmalen Weg steht etwas weiter auf der rechten Seite am Waldrand die Nr. XXXXI (41). Der Weg wird breiter und es wird eine Wegekreuzung überquert, an der ein Pfahl mit Hinweiszeichen steht (3 Bornes, Aachen, Kelmis und Gemmenich). Hinter der Kreuzung, ca. 30 m weiter, steht rechts der Stein Nr. XXXX (40). t F\3! TS ; 1} RX 5 %. V 9 k . } ; ‘ 4 el: a A XXX) LG Se Kl e De WR AN > BA . ER SEE RE NR RO In der starken Steigung vom Bittweg ausgehend zum 3-Länder-Eck. Unser Wanderweg führt uns auf dem Weg etwas abwärts und auf der rechten Seite ist eine Schonung. Dort ist der Grenzstein neu eingesetzt | worden abweichend zu den anderen und mit der Nummerierung in | Richtung Süden: Die Nr. XXXVIII (39). | J
85 PA U N EN KA N N N WO OR Gut sichtbar ist der Stein Nr. 40 S As nn NE A DT DE ; Ki a F ES DE Ss nr xY . Einbetoniert. Fälschlicherweise wurde der Stein mit der Nummer 39 nach Süden ausgerichtet.
86 Rn ER NS 4 ak SU AR A VE ME . N & E 7 & SE . SS BE m BEN EL SL fs A | SS 5 a $ STE a DS “ Si "ARE & Auch der Stein Nr. 38 wurde falsch ausgerichtet. DE ZA WA nn 8 SB PA X Sn, S En CB n Pe m SS (24... A EZ N 6 2" 25 Dar _“ En In gerader Linie führt uns der Grenzweg zum 3-Länder-Eck.
87 Etwa 100 m weiter auf dem Weg in Richtung 3 Grenzen ist auch der nächste Grenzstein neu eingesetzt worden. Die Nummerierung ist aber ebenfalls abweichend in Richtung Osten ausgerichtet. Es ist der Stein mit der Nr. XXXVUII (38). DR Ar UF ha: 8 \ Bi AAN A Ar DS “AREAL Pa LA - a N A Ku 2 V 4 B \ hg Een en F 3 £ SS % e S ee WO Sa Ss s a 8 En CE A Er a EEE Me En Der Stein Nr. 37 am Kreuzungspunkt der Ostgrenze mit der «Burgunderlinie». Es geht etwas den Weg aufwärts und an der nächsten von rechts kommenden Wegeeinmündung steht der Stein Nr. XXXVI (37) an der rechten Wegseite. An der gleichen Wegeeinmündung liegt vor einem Baum ein Gedenkkreuz. Es erinnert an den hier am 21.9.1975 bei einem Marsch verstorbenen Laurent Van Ruyskensvelde. Weiter führt uns der Weg in leichten Auf- und Abschwüngen direkt zum «Drei Länder Eck».
88 A “17 Da ET ach SE Ra KL 6 ES A N SENSE CS DEE N ‚8 MACHE SUN EN £ SR NN is Ze BAUS VEN ASS << add, AALEN SA EEE ha l. 4 A LE * Oi Sy ® Ö A ZA Men AM DA U DE X F FAN PR Kg A d Na HE EN FF Be 4 u DS Wo die Ostgrenze des neutralen Gebietes (mit dem Stein Nr. 37) und die sog. Burgunderlinie sich kreuzen, erinnert ein Kreuz mit Inschrift an den hier am 21.9.1975 bei einem Marsch verstorbenen Laurent Van Ruyskensvelde. Ar 5 E33 BEE On BEN a PS SE A : AUS A zZ ha =“ 4 A EEE N en a AO A SS EEE EEE X S- 3 € Sl en Y 7 A SF Ss SEE zZ E SE SL Zar BEN Fe $ En Oh = On € ZE A ES Er =» an EN N ak = CA E ie A % P << DE BE AP : x 6a n EEE DE x BE & }; % ER DEE f A Am Rande eines alten Fichtenbestandes: der Stein Nr. 36.
89 Abwärts finden wir nach ca. 100 m auf der rechten Seite des Weges die Nr. XXXVI (36). Weiter abwärts am tiefsten Punkt steht in der Senke rechts der Stein Nr. XXXV (35). EEK FEN m » CE VS Sa EP A es OS 3 RD SA Bf U A a WE 3 A N Bee Tann EN A La RS Au ES SZ W SE FA PEARL TON Ü VE ME a LEE e SE An 5 Fe Sa . Ad : A GES S z An SR N - Am tiefsten Punkt der Senke: der Stein Nr. 35. Ungefähr 200 m weiter aufwärts mündet ein Weg von rechts kommend ein und kurz dahinter ist rechts die Nr. XXXIIM (34) . Geradeaus weiter, nach etwa 200 m, ist rechts die Nr. XXXII (33) . Weiter, hinter einer Senke, steht rechts die Nr. XXXII (32). Der Dreiländerpunkt-Grenzstein mit der Nr. B 193 ist vermutlich der ehemalige Standort für den Stein mit der Nr. XXXI (31) . Hierzu F.-X.Schultheis,.a. a. O. S. 36: «Im Gegensatz zur Westgrenze ist die Ostgrenze fast ganz im Wald deutlich zu erkennen. Von der Spitze an bildet sie im ersten Teil nur einen Fußweg, an dem der Stein 31 steht. Dann beginnt eine Schneise, die bis zum Moresneter Bittweg reicht.»
9 De Ferievaat Jakob Langohr Wat en os Ferie es passiet, Ech jlööf, dat verjäete ver neet mihe. At op de Henvaat räets e-ne Platte, kött drop der Utpuff an-et knacke. De Kenger wolle andauernd äete, et Klengt dat hau der Bror jebäete. Ming Vrow wor ömmer an-et knottere, ; vaar jät heuscher, da jät flotter. Op eemool blääf der Warel stue, E dong mä noch no henge jue. Sö voor ech e je-ne Rücküjank E Stöck e Ferie a je-ne Strand. Va Wut troon ech drej mool jäje die Döör, Du voor ming Kess at werrem no vöör. A-je Meer du utjepackt, Et Familiezelt do opjesatt. De Sonn wor vut, wore klatschenatt, Va oove koem et met Tobbe eraaf. E-jen Naat woet wacker janz verschrocke, mech wor enge a-jen Nas an-et kloppe. Et wor e-ne Puet, enge va mi Jrett, dat hau sech e-ne Schloop erömm jedrett. Wie ver utjeschloope, et es wuer, de Sonn se schään, se stong at huer, op eemool Jeschrej wat ech do huet, der Klenge hau en Quall a-ne Puet. Anderdachs hau e sie Söster äjejrave, wue, dat koss e neet mihe saare! Stiff va Schreck, no enneje Stonde, haue ver et Klengt du werrem vonde.
93 Soot e-ne Sand, wor an-et babbele, wor janz alleng erut jekrabbelt. Twei Daach spieder, onder Troone, ming Vrow hau e-jen Scherv jetroone. Dä Dokter hau jesaat, huer läje, dä Foot rösch haue än neet bewäje. Jong ech ens vut äön daat now schwemm, Huet ech at werrem höör roope Stemm: «Jeff mech ens dett än jeff mech ens dat», sö es et wenn me Ferie hat. Hauw mech jevröjjt, kann ech ösch saare, wie ech koss op heem a vaare. Op en Heemvaat du der Tank wor lääch, En Tankstell e-ne twintich Kilometer wääch. Wie ver heem, ming Vrouw an de Nobesch saat: «Ver hant es rechtech jot jehat, än e Deel, Treske, jlööf et mech, minge Maan wor nöjj verliebt e mech.» Et Nöjjoor schwör ech now at drop, bow ech mi Zelt e-ne Kollef op, denn en de schönste Ferietiit, do kannst de och der Düvel siehe!»
94 Zink - Bauteile aus dem Raum Kelmis von Henri Beckers, Kelmis Seit der Entdeckung des Metalls Zink in Europa und seiner ersten, von anderen Metallen getrennten Herstellung und industriellen Produktion in England seit dem Anfang des 18. bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte der Aachen - Lütticher Raum und ganz besonders der Altenberg in Kelmis in der Zinkindustrie eine Weltmachtstellung inne. Diese Position wurde bis zur Jahrhundertwende gehalten, als das, elektrolytische Schmelzen das alte Röstverfahren in den Muffelöfen ablöste. Langsam ging in unserer Region die Zinkindustrie zurück und produzierte in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg noch Fassadenplatten aus Zink.Was für alle Augen sichtbar erhalten geblieben ist, sind die Fassadenverkleidungen im Aachen-Lütticher Raum und die Man- sardendächer in Paris. Die Verwendung des Materials Zink in diesen Mengen und an diesen bevorzugten Orten hat technische, wirtschaftliche sowie politisch-familiäre Verflechtungen. So stellt man mit Erstaunen fest, dass ein Halbbruder des Kaisers Napoleon III., nämlich Duc Auguste de Morny, einen Sitz im Verwaltungsrat der Vieille Montagne hatte, der Gesellschaft, die mit königlicher Konzession in Angleur eine große Zinkhütte errichtete. Napoleon III. wollte, gerade frisch gewählt, die Stadt Paris ausbauen und verschönern. Was lag da näher, als das «mo- derne» Material, Zink, zu verwenden, ein Material, dessen Verwendung schon Napoleon I. gefördert hatte? Die technischen Gründe der Zinkverwendung beim Bauen lagen zum einen in der wasserabweisenden, nicht korrodierenden Oberfläche des Metalls, zum anderen in der leichten Verformbarkeit und Bearbeitbarkeit, dann auch in der Bruchfestigkeit beim Transport als Halbzeug und als Fertigmaterial und schließlich in der Brandsicherheit. Die «Kupferschläger», die mit dem Metall Messing umzugehen verstanden, kamen anfangs aus Dinant, vom Rand unserer Ardennen, und zogen dann nach Aachen, Stolberg und Kelmis. Fachleute für das Schmelzen des Metalls waren bereits vorhanden, als 1805 Jean Jacques Dony in Lüttich zum ersten Mal im Westen des Kontinents Zink herstellte. Dass Dony 1812 bei der Suche nach Abnehmern seines Produkts dieses Material der Baubranche empfahl, war nicht ungewöhnlich, denn bereits
95 zehn Jahre zuvor hatte die englische Firma Hobson + Sylvester in Shef- field Zinkbleche hergestellt; seit 1809 produzierte der Freiherr von Leithmer in Wien Zinkbleche mit einem Blechformat von 3 Fuß Länge auf 18 Zoll Breite. In Lüttich wurden später auch Kirchendächer in Zink eingedeckt. In der Fachpresse entbrannte ein heftiger Streit über das Für und Wider des technischen Nutzwertes des Baumaterials Zink. Das neu hinzugewonnene Geschoss im Mansardendach der Stadthäuser in Paris rückte damals - durch die Steilheit mehr Fassade als Dach - in den Blickwinkel des Betrachters und musste ästhetischen Ansprüchen genügen. So wurden von der weiterverarbeitenden Zinkindustrie Ornamentteile nach sogenannten Musterbüchern angeboten. Die Einzelteile, wie Lukarnen, Gesimse, Dachkrönungen oder ornamentierte Bleche, wurden von der Fabrik geliefert und auf der Baustelle montiert, d. h. mit Zinkheftstreifen, den «Haften», auf der Holzkonstruktion festgenagelt und anschließend untereinander mit Lötzinn verlötet. Diese Form der Dachverkleidung bedeutete u. a. eine Beschleunigung der Dachdeckung. Eine Besonderheit der Vieille Montagne, die ihren Namen nach dem Kelmiser Altenberg führte, war die industrielle Herstellung von sechs verschiedenen Fassaden-Montage-Systemen, den «Patentrauten.» Hierbei hat die Zinkplatte ein Format von 35 x 35 cm, die ungefalzten Ränder der Platten greifen dergestalt ineinander, daß eine wind- und wetterdichte Fassade entsteht, die sogar runde Bauteile umschließen kann. Diese «Vorhangfassaden» - Konstruktion war nicht hinterlüftet und dennoch sehr haltbar und zudem kostengünstig. Gerade Zink aus der Hütte von Kelmis war durch den kristallinen Zinkoxidüberzug der Bauteile weißlich-grau und gleicht, vor allem, wenn der Regen die Platten dunkler färbt, dem im Aachen-Lütticher Raum als Fassadenbauteil gebräuchlichen Blaustein. Die Patentrauten der Vieille Montage wurden zum jeweiligen Tagespreis des Hüttenzinks, der an der Börse notiert wurde, verkauft. Der Preis war etwa um 2/3 geringer als der entsprechende Kupferpreis. Für die komplette Baupalette und die übrige Herstellung von Badewannen, Eimern, Springbrunnen und Särgen wurden riesige Mengen von Zink benötigt. Dabei war der Baumarkt die treibende Kraft beim Erstarken der Zinkindustrie geworden.
Sl Der «Zinkboom» der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte jedoch auch zur Folge, dass die Grube am Altenberg in Kelmis um 1890 restlos ausgebeutet war und Zinkerz zur Verhüttung importiert werden musste. Das Röstverfahren hinterließ besonders auf den Kelmiser Halden schwere Umweltbelastungen, die zu der damaligen Zeit noch keiner vorausahnen konnte. Mehr als 100 Jahre danach wächst auf diesen Halden die berühmte Galmeiflora, die zur heutigen Zeit ein touristischer Anziehungs- punkt für Kelmis und Umgebung ist. Quellennachweis: Gesprächskreis Technikgeschichte, Aachen
98 Kleiner Pickel, große Wirkung oder die Grenzfestlegung von Walter Meven (+) Der Erste Weltkrieg hatte, wie so oft nach Kriegen, zur Folge, dass die Landkarte der Krieg führenden Mächte eine Korrektur zu Lasten der Verlierer erfuhr. Im Westen musste das Deutsche Reich Elsass-Lothringen an Frankreich und Eupen-Malmedy-St. Vith an Belgien abtreten. So bestimmte es der Friedensvertrag von Versailles. Nach Artikel 27 dieses Vertrages sollten die Grenzen unter ” Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage und der Verkehrsverhältnisse festgelegt werden (S. Art. 35). Das war sehr deutungsfähig, wie Viktor Niewisch als Mitglied des Grenzregulierungsausschusses berichtet. Es war ein Ausschuss gebildet worden, der unter Vorsitz des französischen Obersten Tilho aus folgenden Delegationen bestand: Belgien: Ministerialdirektor Maury vom belgischen Kolonial- ministerium sowie Hauptmann van Bleyenberghe und Hauptmann Moler; England: Oberstleutnant (später Oberst) Withloch; Frankreich: Der schon genannte Oberst und Kolonialoffizier Tilho sowie Oberstleutnant Trondec und Oberstleutnant Rödel; Italien: Oberstleutnant (später Oberst) Pellissone; Japan: Oberst Ousami; Deutschland: Die deutsche Delegation stand unter der Leitung von Landrat Heimann (Monschau). Ihm standen zur Seite Oberstleutnant Kämmerling sowie als Dolmetscher und Sachbearbeiter der Polizei- assessor Viktor Niewiesch. Letzterer berichtet, der deutsche Delegationschef habe vor Beginn der Verhandlungen ein kleines Verhandlungsprogramm für die deutsche Delegation aufgestellt, dessen wichtigste Punkte die Bahnstrecke Raeren- Kalterherberg, die Rettung der im Kreise Eupen in der Gemeinde Hauset liegenden Aachener Wasserversorgung sowie der im Aachener Wald bei Bildchen befindlichen Aachener Sanatorien waren. «Kein anderer Punkt wurde etwa als unwichtig behandelt; in allen Punkten wurde zäh um Wahrung der deutschen Interessen gerungen, z. B. auch bei Losheimergraben.» «Mit dem italienischen Delegierten Pellissone», so schreibt Niewiesch, «kam ich durch einen Zufall in freundliche Beziehung. Er verlobte sich in Lüttich mit der Tochter eines reichen Industriellen und heiratete sie
100 Noch heute kann man erkennen, dass die damalige Grenzziehung noch ihre Gültigkeit hat. Was so ein kleiner Gesichtspickel nicht alles vermag! ...Die Behandlung der für Aachen lebenswichtigen Frage der im Kreise Eupen, in der Gemeinde Hauset, Bürgermeisterei Eynatten, liegenden Wasserversorgung war von der deutschen Kommission absichtlich nicht an den Anfang der Verhandlungen gesetzt worden; es sollte erst eine Verbesserung des anfangs sehr kühlen Verhandlungsklimas versucht werden. Die späteren Verhandlungsergebnisse sind uns hinreichend bekannt und haben bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren. Pellissone trat im Verlauf der Verhandlungen immer mehr für objektive Entscheidungen ein. Nach Beendigung der Verhandlungen war er General und Kommandant von Genua geworden. N Auch das Verhältnis zum französischen Präsidenten Tilho besserte sich im Laufe der Zeit. Ich konnte beobachten, dass Tilho in einer Ecke des Saales leise auf den belgischen Delegierten einsprach, und dass alsdann der anständige belgische Delegierte, Ministerialdirektor Maury, etwas unwirrsch zustimmte.>» Der Berichter Viktor Niewiesch wurde später im Ruhrkampf? ausgewiesen, in Witten inhaftiert und schließlich von dort auf Lebenszeit ausgewiesen. Nach dem Abzug der Besatzung wurde er wieder bei der Regierung Aachen tätig. Als leitender Regierungsdirektor wurde er in den Ruhestand verabschiedet und lebte in Hamburg. Literatur - 150 Jahre Regierung und Regierungsbezirk Aachen, Aachen 1967, hrsg. vom Regierungspräsidenten in Aachen - Will Hermanns, Stadt in Ketten, Aachen 1933 - Klaus Pabst, Eupen-Malmedy 1914-1940, in ZAGV, Bd. 76 u. 77 - Bodo von Koppen, Festschrift Luisenhospital Aachen 1867-1967 - Heidi Christmann, Presse und gesellschaftliche Kommunikation in Eupen-Malmedy zwischen den beiden Weltkriegen, 1974 Anmerkungen ' Der ehemalige zum kurtrierischen Amt Schönberg (heute Belgien) , seit 1815 zum Kreis Malmedy gehörende Ort Losheim kam 1919 an Belgien. Die Bewohner von Losheim erreichten durch Bittschriften an den Papst, den König von Belgien und den Präsidenten der USA, dass sie auf Initiative des Völkerbundes am 1.10.1921 in den deutschen Staatsverband zurückkehren konnten. Als das Gebiet Eupen-Malmedy 1945 erneut an Belgien kam, blieb Losheim bei Deutschland. Am 23.4.1949 besetzten die Belgier den Ort. Erst neun Jahre später räumten sie Losheim wieder infolge eines Abkommens zwischen Belgien und der deutschen Bundesrepublik. Seit 28.8.1958 gehört Losheim wieder zu Deutschland. ? Der «Ruhrkampf-» entzündete sich an den mangelnden Reparationslieferungen Deutschlands; dort hatte sich ein passiver Widerstand organisiert.
101 In Memoriam Am 15.10.2008 verstarb in Aachen 5 1} / +“ M 1 im Alter von 82 Jahren unser La hie Mitarbeiter 8} HE H | | nn PA € Herr Walter Meven. ) F | Die Leser unserer Zeitschrift konnten seit vielen Jahren regelmäßig Beiträge aus der Feder von Walter Meven lesen, der sich sehr intensiv mit der Geschichte seiner Vaterstadt Aachen und unserer Grenzregion auseinander gesetzt hat. Unsere Vereinigung verlor mit Walter Meven ein langjähriges Vorstandsmitglied, dessen Rat und tatkräftige Hilfe wir immer sehr geschätzt haben. Mit einem Trauergottesdienst in Hergenrath verabschiedeten wir uns von unserem Freund. Die Göhltalvereinigung hat ihm viel zu danken und er wird uns unvergessen bleiben.
102 Jahresrückblick 2008 von Herbert Lennertz Die Generalversammlung mit den üblichen Rechenschaftsberichten fand am 20. Januar 2008 im Kulturzentrum Select in Kelmis statt. Bei der Gelegenheit konnte der Präsident den recht zahlreich erschienenen Mitgliedern eine sehr positive Bilanz des Jahres 2007 vorlegen, während Helene Bings in einem viel beachteten Diavortrag die Studienfahrt nach Kroatien Revue passieren ließ und die für den Sommer 2008 geplante Fahrt in die Dordogne vorstellte. Unsere erste Ausfahrt des Jahres 2008 führte uns am 29. März über Raeren-Rötgen-Lammersdorf-Simmerath und Einruhr nach Burg ; Vogelsang in der Eifel. Seit dem 1. Januar 2006 ist das weiträumige Areal des ehemaligen Truppenübungsplatzes Vogelsang wieder im Besitz der Bundesrepublik Deutschland und für die Öffentlichkeit zugänglich. Am 18.12.2007 beschloss die nordrhein-westfälische Landes- regierung, die «größte Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus in NRW» zu erhalten und erlebbar zu machen. Damit wird die Burg Vogelsang in Zukunft zu einem «Ort der Geschichts- und Naturerfahrung, der internationalen Begegnung und des demokratischen Miteinanders in Toleranz und Offenheit». n a [2 = Se ern N ” 1 g AR ee WO. Die zukünftigen Führungskräfte der NSDAP, «Junker» genannt, waren in «Kameradschaftshäusern» untergebracht.
104 Eine zweistündige Wanderung bei herrlichem Frühlingswetter führte am 20. April die Teilnehmer unter der Leitung von Hans Klein durch das Hauseter Wald- und Wiesengelände, wobei viel unberührte Natur links und rechts der Göhl besonders reizvoll wirkte und die Wanderer begeisterte. 4 il 4 Hi \ NE} D Ik iS De OR PR ME an Durch das Hauseter Wiesenland. An der ehemaligen Spinnerei Steins Am 24.5.2008 war die St. Remigius-Pfarrkirche in Moresnet Ausgangspunkt einer Wanderung unter der Leitung von H. Jos. Langohr (Moresnet) und Hubert Ernst (Montzen). Besondere Aufmerksamkeit schenkten die Teilnehmer den alten Grabsteinen an der Kirche (teils aus dem 16. Jh.), dem Schloss Alensberg, dessen mittelalterlicher Wohnturm durch fachgerechte Restaurierung vor dem Verfall gerettet wurde, und der alten Eisenbahntrasse Moresnet-Kelmis, die einen Einblick in die vielseitige Geschichte der Eisenbahn im Moresneter Gebiet gab. In Moresnet-Kapelle waren die Kreuzweganlage mit ihren in voller Blüte stehenden Rhododendren und den schmiedeeisernen Gittern der Kreuzwegstationen Schwerpunkte der durch H. Hubert Ernst mit viel Sachkenntnis gegebenen Erläuterungen. Alle Teilnehmer zeigten sich von dieser gut gewählten Wanderroute begeistert.
105 Die Niederlande haben aus der Sturmflut des Jahres 1953 die Lehre gezogen, dass man dem Meer nie trauen kann. Gewaltige Wasserbauten setzten damals ein und geben den tiefer gelegenen Gegenden seitdem das Gefühl der Sicherheit. Die Ausfahrt am 1. Juni 2008 (Ltg. H. Bings) führte zum Hoek van Holland, wo kurz vor dem östlichen Ortseingang eines der beeindruckendsten Sturmflutwehre entstand. Dieses 1997 nach sechsjähriger Bauzeit fertiggestellte Sturmflutwehr „De Maaslandkering» ermöglicht die Verriegelung des Stichkanals von Rotterdam zur Nordsee und schützt so den Hafen von Rotterdam vor der hereinbrechenden Flut. Mit diesem Bauwerk wurde das letzte große Projekt des sog. Delta-Plans abgeschlossen. Nach der Besichtigung dieser faszinierenden Leistung der Wasserbauingenieure ging die Fahrt nach Schiedam, das neben seinen Schnapsbrennereien, den Mälzereien und den 6 höchsten Windmühlen ein durch reizvolle Parks aufgelockertes Stadtbild bietet. Eine Bootsfahrt ermöglicht eine Erkundung vom Wasser aus. Unsere diesjährige Mehrtagesfahrt (vom 14. bis 21. Juni 2008) führte nach Aquitanien, in das Gebiet von Bordeaux, Dordogne und Perigord. Auf der Hinfahrt fand eine Rast in Amboise an der Loire statt, wo der Schlossbau Franz I. das Stadtbild beherrscht. Übernachtung in Poitiers. ER } A g (EEE | - | ET EI TA In $ V ST AD 1A A Eu Mn . & ? Ader Fe EHE Wie eine Theaterkulisse erscheint dem Betrachter das Loire-Schloss Amboise.
107 Auf der Fahrt nach Saint Cer&, unserem Etappenort, machten wir Halt in Terrasson, das durch seine schöne Lage und sein mittelaterliches Stadtbild besticht. Von Saint Cer€ aus konnte die Gruppe in den nächsten Tagen die nähere und fernere Umgebung erkunden; dazu gehörten die Grotten von Pech-Merle mit ihren vorhistorischen Felsmalereien, Ca- hors mit der berühmten Valentre-Brücke, Saint Cirg-Lapopille, Perigueux mit seinen Geschlechtertürmen und der beeindruckenden Kuppelkathedrale, Schloss Hautfort, das mittelalterliche Sarlat, die ehemalige Klosterkirche von Souillac, Schloss Castelneau, der Pilgerort Rocamadour, Figeac und sein Schriftmuseum usw. Am 21.9.2008 luden Hans Klein und Herbert Doum zu einer Wanderung durch Lontzen ein, wo die Herren Martinius und Schyns im Dorfhaus die «dorfgeschichtliche Sammlung» vorstellten, ehe die anschließende Wanderung über Bergweide und Lontzen-Busch ins Ortszentrum zurückführte. Die von Alain Brose geführte Ausfahrt vom 4.10.2008 steuerte als erstes Tagesziel das prähistorische Museum von Ramioul b. Gräce- Hollogne an, wo dem Besucher auf sehr anschauliche Art und Weise nahegebracht wird, wie die Menschen in der Steinzeit als Jäger und Sammler lebten und wie sie mit dem Ackerbau sesshaft wurden etc. In Amay a. d. Maas stand die Stiftskirche St. Georg und Ode im Mittelpunkt des Interesses und hier vor allem die 1977 unter dem Chor entdeckte Gruft mit dem Steinsarg der Chrodoara, einem außergewöhnlichen Monument der Merowingerzeit. Dieser Sarkophag mit Flechtbandornamenten ist der einzige aus jener Zeit in Europa mit einem Frauenbildnis und zeigt die hl. Chrodoara (Ode?) als Äbtissin mit einem Stab in der Hand. Das Schloss von Jehay gehört zu den Perlen mittealterlicher Architektur in Belgien. Die hervorragend unterhaltene Anlage ist seit dem Jahre 2000 im Besitz der Provinz, die das adlige Haus - ehemals Wohnsitz des kunstsinnigen Grafen van den Steen — mit der gesamten Einrichtung übernommen hat. Auch die Parkanlagen sind eine Augenweide. Am 25.10.2008, einem sonnigen Spätherbsttag, konnte Helene Bings an die 20 «Göhltaler» zu einer Stadtführung durch Maastricht begrüßen.
108 n FB ii SA 7 Can N SEE & < A OS RA A Jehay, eine Perle der Schlossarchitektur Die Hauptstadt der niederländischen Provinz Limburg ist in den Augen der «Holländer» schon Ausland, liegt sie doch an der Nahtstelle europäischer Kulturen, wo sich «französische Küche, rheinischer Frohsinn und burgundische Lebensart» mischen. Eine Stadtbesichtigung kann unter verschiedenen Aspekten durchgeführt werden. Helene Bings wählte ihre Route so, dass Festungswanderung, Giebelsteinwanderung und geschichtliches Maas- tricht darin berücksichtigt wurden. Als REsume ihres Vortrages am 4.12.2008 über «40 Jahre Rückblick auf Wirtschaft, Wissenschaft und Politik» setzten Gaby Regulla und Herbert Lennertz den Hinweis, dass keine Epoche unser Alltagsleben so stark geprägt habe wie die letzten 40 Jahre, in denen die Entwicklung rasant vorangeschritten ist und unser Leben teilweise revolutioniert hat. Jeder heute mehr als 50jährige kann eine Vielzahl von Beispielen dieses Wandels an den Dingen des täglichen Lebens festmachen. Es geht vom Metall zum Kunststoff, vom Rechenschieber über den Taschenrechner bis zum PC, von der Radioröhre bis zum Transistor, vom Propellerflugzeug bis zur Weltraumfahrt... Aber der Wandel ergriff auch das Lebensgefühl, das durch weniger Autorität und mehr Selbstbestimmung geprägt wird. Die Emanzipation der Frau (auch an der Mode ersichtlich) ist ebenfalls ein Aspekt des allgemein um sich greifenden Selbstbestimmungswillens, der auch in die Klassenzimmer Einzug gehalten hat... Ein weites Feld...