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Landschaft im Grenzraum Nordostbelgiens
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ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR
KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE
IM GÖHLTAL
Nr. 83 — Februar 2009
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Im Göhltal
ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG
FÜR
KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE
IM GÖHLTAL
Nr. 83
Februar 2009
Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der
deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet.
Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04.
Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath.
Kassierer: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath.
Postscheckkonto Nr. 000-0191053-60.
Fortis Bank: 248-0068875-35
Konto NL: AMRO-BANK: 46.37.00.090 Vaals/L
Konto BRD: Aachener Bank: 821 363 012 (BLZ 390 601 80)
Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser.
Alle Rechte vorbehalten
Druck.: Aldenhoff, Gemmenich - 087-78 61 13.
3
Inhaltsverzeichnis
Alfred Bertha Zum Umschlagbild: 5
Hergenrath Die Krone in Henri-Chapelle
M.-T. Weinert Via Mansuerisca 15
Aachen-Forst
Dr. B. Bergmans Vergangenheitsbewältigung und 17
Eynatten/Essen Zukunftsgestaltung
im ostbelgischen Grenzland
L6on Schillings Randnotizen zur al
Dinant Genealogie Schillings
Henri Beckers De Pänzjuen 72
Kelmis
Peter Kurnap Grenzsteinwanderung um 74
u. Dieter Pitz Neutral-Moresnet
Aachen
Jakob Langohr De Ferievaat 92
Bildchen
Henri Beckers Zink-Bauteile aus dem Raum Kelmis 94
Kelmis
Walter Meven (+) Kleiner Pickel 98
Aachen
Der Vorstand In Memoriam Walter Meven 101
Herbert Lennertz Jahresrückblick 2008 102
Neu-Moresnet
5
Zum Umschlagbild
Die «Krone» zu Henri-Chapelle
von Alfred Bertha
«Was weder schriftlich noch durch mündliche Zeugen dauerhaft
festgehalten wird, entfällt leichter dem menschlichen Gedächtnis.»
Mit diesen Worten beginnt ein durch Walram IV., Herzog von Limburg,
im Jahre 1263, am Vorabend des Festes des Erzengels Michael (29. Sept.)
für die Ortschaft Henri-Chapelle ausgestellter Freibrief.
Da die treuen Männer von «Capella Henrici» seine Liebe verdient
haben, bestätigt Walram ihnen und ihrer «villa» (Hof) frei zu sein und
von allen Lasten (gravamine), wie dies für alle anderen Bürger Limburgs
der Fall sei. «Wir beschließen, dass unsere Bürger und der oben genannte
Ort Henri-Chapelle alle die Freiheiten genießen soll, die die Bewohner
Limburgs genießen, mit der einzigen Ausnahme, dass die dort wohnenden
und die dort zuziehenden Bewohner uns jährlich von ihren Feldern und
Häusern ein jedes Haus, wie in der Vergangenheit, am St. Stephanus-
Tag eine Müdde Hafer, 12 Aachener Denare (Dukaten) und zwei Kapaune
abliefern.>»
Da Walram sich auf die Charta der Festung Limburg bezieht, wissen
wir, welche Privilegien den Bürgern von Henri-Chapelle verliehen
wurden.
Sie erhielten das Recht,
-eine Gemeindekasse zu führen;
- ein Gemeindehaus (Halle) zu besitzen;
- ein Gemeindesiegel zu führen;
- einen Bergfried und eine Glocke zu besitzen und
- ein Arsenal (Zeughaus) einzurichten.
Weitere zugestandene Vergünstigungen bestanden darin, dass die
Einwohner von «Kapell» Kühe und Pferde im Staatswald (Domäne)
Grunhault weiden lassen und das nötige Bauholz aus den herzoglichen
Wäldern nehmen durften. Zudem zahlten sie innerhalb des Herzogtums
keine Wegezölle.
Der Freibrief Walrams wurde am 30. Mai 1477 durch Maria von
Burgund bestätigt.
Am 24. Mai 1964 feierte Henri-Chapelle den 700. Jahrestag der
Verleihung des genannten Freibriefs. Die Festlichkeiten gipfelten in
einem großen historischen Umzug, der sich aus zehn Gruppen zusam-
7
versammlung nach der Zerstörung Limburgs (1703) Henri-Chapelle als
ständigen Versammlungsort erkoren. Dieses geschah sehr zum Missfallen
der Limburger Stadtverwaltung, die es nicht gerne sah, dass die
Deputierten von Adel, Geistlichkeit und Bürgern sich in einer
«Dorfkneipe» («cabaret de village») versammelten. In «La Couronne»
erinnerte bis zum kürzlich erfolgten Umbau noch ein Saal im
Obergeschoss («salle des Etats») an die Ständeversammlungen, die bis
zur Franzosenzeit dort stattfanden. Der Wappenstein mit der Jahreszahl
1706 trägt vermutlich die Initialen des Gerard Goor.
1637 ist die «Krone» im Besitz des Antoine Olivier Weerts. 1685
wird Gerard Goor als Eigentümer dieses Hauses genannt. Er ist uns
bekannt als Meier des Grundhofes Ruyff und als Lehnsmann des
Grundhofes von Beucken. Die Familie Goor war 1758 Eigentümerin
«der Häuser und Gebäulichkeiten genannt >die Krone< mit 20 Bundern
Felder und Wiesen».
Pächter der «Krone» war 1758 ein Herr Moulan. Diesem folgte sodann
Henry Albert Brandt aus Dolhain, Schöffe und Gerichtsschreiber der
Grundhöfe von Groules und Bougnoux. Er hatte den Zuschlag für den
Ausbau der Straßenstrecke von Battice nach Hodiamont erhalten.
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Wappenstein im Türsturz der rückwärtigen Fassade
8
Der erwähnte chausseemäßige Ausbau der Aachen-Lütticher
Heerstraße führte mancherorts zu einer Begradigung der Trassenführung.
So auch an der «Krone» in Henri-Chapelle, wo die Straße zuvor an der
Südseite, der heutigen Rückseite des Hauses, vorbei führte.
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G. Poswick hielt das Aussehen der rückwärtigen Fassade im Bild fest (1955).
Als Verpächterin der «Krone» wird 1758 Margaretha Goor, Witwe
des Walhorner Gerichtsschreibers Heinrich Heyendal, genannt.
Margaretha Goor und Heinrich Heyendal hatten in Henri-Chapelle am
14.2.1704 geheiratet. Ihre Tochter Anne Catherine (*20.9.1726) heiratete
am 11.1.1762 Walter Josef Franz Birven aus Montzen, Drost zu Kelmis,
1779 Gerichtsschreiber zu Walhorn. Durch die Heirat mit Anne Catherine
Heyendal kam Birven in den Besitz von Chäteau Thor in Astenet.
Von den Kindern der Familie Birven-Heyendal heiratete die Tochter
Josephine 1840 den Aachener Arzt Dr. Friedrich Lambertz.
Die «Krone» war durch diese heiratsbedingten Besitzwechsel ebenfalls
von Goor auf Heyendal, dann Birven und schließlich Lambertz
übergegangen.
Am 19. August 1844 ließ Dr. Lambertz das Gut «die Krone» durch
den in Henri-Chapelle ansässigen Notar J. Weustenraad öffentlich und
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meistbietend verpachten. Die im Korrespondenzblatt des Kreises Eupen
vom 9. August 1844 darauf hinweisende Anzeige beschreibt das Gut
wie folgt:
Yuf Anfteben des Herrn Dr. Camberfg, in
Hachen , fol Montag, den 19. Wugufß 1842,
‚Morgens 10 Uhr, vor dem unterzeichneten Nos
tar, fız dem Saftbofe „die Krone‘ zu Henri-Cha-
pelle, öffentlidy md niiftbietend verpachtet merden:
Das. Gut, genanut „‚die Krone‘ in Henri-
Chapelle, befßtehend aus eimenr als Safßthof
dienenden großen Wohnbanfe, einer vollftandi:
get Bierbranerei um fehr großen Defonomies
Gebäuden, zwei Gärten, Wiefen und Ackers
Jändereieu, halterd Un Ganzen , gemäß dem
Katalter:Audzuge: 20 Hıctaren 48 Aren 85
Gentiaren, oder 23 Bader 62 Ruthen St,
Kantbertus Maaß,
Die näheren Bedingungen find zu. erfahren bei
dem {n Henri- Chapelle mohnender Notar:
SS. Weuftenraad.
Eines der Bühnenbilder der 700-Jahrfeier erinnerte an international
bekannte Persönlichkeiten, die auf der Durchreise in Henri-Chapelle
Quartier bezogen haben und nun vor der großartig gemalten Kulisse des
Dorfzentrums gemeinsam am Konferenztisch saßen.
Wenn heute vor dem Eingang zur «Krone» Namenstafeln an Julius
Cäsar, Karl den Großen, Bischof Notger, Maria-Theresia, Napoleon und
Albert I. erinnern, dann ist dies jedoch kein Hinweis auf einen Durchzug
dieser Persönlichkeiten durch Henri-Chapelle. Hier wird nämlich
dokumentiert, wie die Straßenpflasterung sich im Laufe der Jahrhunderte
entwickelt hat.
Dieses Straßenmuseum wurde gelegentlich der Feierlichkeiten am 24.
Mai 1964 eingeweiht.
Die «Krone» bestand, wie gesagt, schon 1630. Und wenn es auch
leider kein Gästebuch dieser Herberge gibt, so sind uns doch einige
Persönlichkeiten, die dort abgestiegen sind, bestens bekannt. Bei L&on
Pauchenne! werden erwähnt (ohne Quellenangabe):
10
Hercule-Louis Turinetti, Marquis de Prie, war (stellvertretend für
Prinz Eugen) Statthalter der österreichischen Niederlande von 1717 bis
1724. Er passierte Henri-Chapelle im Juli 1720.
Am 6. Oktober 1747 beherbergte die «Krone» den General Spada.
Ihm folgte am 13. Oktober 1747 Karl Joseph Fürst von Batthyany
(Rechnitz 1697 - Wien 1772), ungarischer General, diente zuerst im
Türkenkriege (1714-1718), ging dann mit einer österreichischen
Gesandtschaft nach Konstantinopel, nahm als Feldmarschall-Leutnant
an den Feldzügen des Prinzen Eugen am Rhein und an dem letzten
Türkenkriege unter Kaiser Karl VI. (1735-1739) teil.
Besonders im Österreichischen Erbfolgekrieg (1741-1748) zeichnete
sich von Batthyany aus. E
Später befehligte er die kaiserlichen Truppen am Rhein und in den
Niederlanden, wenn auch nicht immer mit Glück.
Nach dem Aachener Frieden (1748) wurde von Batthyany Ober-
hofmeister des nachmaligen Kaisers Joseph II.
Am 25. November des gleichen Jahres war der Marschall de Colbrat
Gast in der «Krone».
Im Winter 1747-48 taten sich der Oberst de la Marliere und dessen
Offiziere gut am französischen Wein, der im Keller der «Krone» ruhte.
Nach Yves Hurard? logierte der Oberst de la Marliere Frühjahr und Som-
mer 1748 im Schloss Baelen-Ruyff und er sowohl wie seine
Stabsoffiziere suchten regelmäßig die «Krone» auf. Der Wirt legte der
Gemeinde die Rechnung vor. So verzehrte der französische Oberst mit
fünf seiner Offiziere am 16. Mai 1748 9 Flaschen Burgunderwein. 12
Flaschen Wein einer minderen Qualität lässt sich der Oberst am selben
Tage in sein Quartier auf Ruyff liefern. Am nächsten Tage speist der
Oberst zu Abend mit dreien seiner Offiziere in der «Krone», wo sie 2
Flaschen leeren. Der Oberst lässt sich 4 weitere ins Schloss bringen;
das gleiche wiederholt sich am folgenden Tage beim Mittagessen.
Zusätzlich verlangt der Oberst ein ganzes Fässchen Wein für den
Abend...Und das alles auf Kosten der Dorfgemeinschaft!
Charles de Rohan, Fürst von Soubise (1715-1787), Marschall von
Frankreich, ist als General und Staatsmann in die Geschichtsbücher
eingegangen. Als persönlicher Adjutant folgte er König Ludwig XV.
1740 in den Krieg gegen Österreich, machte die Belagerung von Menen
(Menin) und anderen flandrischen Städten mit und kämpfte in mehreren
Gefechten mit Auszeichnung.
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Mit Beginn des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) erhielt er den
Befehl über ein Korps von 24.000 Mann, das er gegen die Preußen führte.
Er war 1762 auf dem Weg zu seinen Truppen, als er in Henri-Chapelle
in der «Krone» abstieg.
Ludwig Joseph von Borbon, Prinz von Conde (1736-1818), war
verheiratet mit einer Tochter des vorgenannten Fürsten von Soubise.
Mit Beginn des Siebenjährigen Krieges (1756) trat er in die Armee ein
und wurde 1758 zum Generalleutnant ernannt. Er hatte in den nächsten
Jahrzehnten ein sehr wechselvolles Schicksal, emigrierte 1789, stellte
ein eigenes kleines Heer auf, kämpfte auf Seiten der Österreicher, stellte
sich dann in den Dienst der Russen, begab sich 1801 nach England und
kam erst 1814 wieder nach Frankreich zurück.
1762 war er wie sein Schwiegervater auf dem Weg nach Preußen oder
Schlesien, wo Frankreich auf Seiten Österreichs gegen Preußen und
dessen Verbündete kämpfte.
Vom 2. bis 10. September 1804 war Napoleon in Aachen. Seine
zahlreichen Ausflüge in das Aachener Umland sollen ihn auch nach
Henri-Chapelle in die «Krone» geführt haben.
Außer den hier wiedergegebenen Gästen der Herberge «In den Croon»
nennt Arsene Buchet auch den Grafen Wallenstein, der den ganzen
Winter 1747-1748 dort verbracht haben soll, während seine Truppen im
Ortsteil «Weiher» (Vivier) das Ende des Winters abwarteten. Wir wissen
nicht, wie Herr Buchet zu dieser Aussage kommen konnte. Wallenstein
ist bekanntlich eine der schillerndsten Figuren des Dreißigjährigen
Krieges und wurde 1634 in Eger ermordet.
Als die Brabantische Revolution ausbrach (1789), fielen die
Revolutionäre auch ins Herver Land ein. Diese «Patrioten» versprachen
Freiheit und Glück, verlangten jedoch zuerst Unterkunft und Proviant
von der kaisertreuen Bevölkerung.
Unter dem Druck der Brabanter Ständeversammlung mussten auch
die in Henri-Chapelle in der «Krone» tagenden Limburger Stände ein
Manifest verabschieden, das die Absetzung Josephs II. als Herzog von
Limburg und die Unabhängigkeit des Herzogtums proklamierte.
Es war den Limburger Deputierten von Adel, Geistlichkeit und Drittem
Stand/Bürgertum nicht sehr wohl bei dieser erzwungenen Erklärung und
sie zeigten keinerlei Eile, dieselbe zu veröffentlichen. Doch aus Brüssel
verlangte man eine Erklärung dieser Verzögerung, so dass die
Ständeversammlung schließlich den 24. Juni 1790 als Tag der
Veröffentlichung des besagten Manifestes vorsah.
12
Nachdem sich die Deputierten in der «Krone» versammelt hatten,
zogen sie zur Halle, dem Gemeindehaus auf dem großen Platz, wo das
Manifest vor den versammelten patriotischen Truppen und einer großen
Volksmenge verlesen wurde. Bei der Bevölkerung weckte dieses keinen
großen Enthusiasmus. Wenig später zogen sich die «Patrioten» in
Richtung Herve zurück. Am 4. August 1790 wurden sie in Olne in offener
Feldschlacht geschlagen. In Henri-Chapelle wurden Bürgerwachen
aufgestellt, die eine Rückkehr der Revoluzzer verhindern sollten.
Doch bald brach die französische Zeit an. Nach einer kurzen Episode
von Mitte Dezember 1792 bis März 1793 und einer Rückkehr der
Österreicher, folgte am 6. Juli 1794 die für die Revolutionstruppen
siegreich endende Schlacht bei Fleurus. Eine zweite Niederlage der
Österreicher am 18. September 1794 bei Esneux zwang die kaiserlichen
Truppen zum Rückzug nach Osten. Zwei Tage später marschierte die
französische Vorhut durch Henri-Chapelle.
Hier hatte der Wirt der «Krone» seiner Gaststätte und Herberge eine
weniger royalistisch klingende Bezeichnung gegeben. Das Haus nannte
sich nun «Hotel de Bellevue» bzw. «Hotel Belle-Vue».
Am 21.9.1794 erschienen die ersten Franzosen vor Aachen. Dort
entschieden sich die Stadtväter, den Stadtsyndikus Vossen und den
Baumeister Cromm als Unterhändler nach Herve zu schicken, um mit
dem französischen Befehlshaber der Sambre-Maas-Truppen, General
Jourdan, die Übergabe der Stadt auszuhandeln. Am 23. September 1794
begaben die beiden Herren sich früh morgens auf den Weg. «In Henri-
Chapelle trafen sie im Hotel Belle-Vue den Kommandanten der
französischen Vorhut, General Hatry, der sie nach Herve bringen ließ...»?
ok
Noch einmal ging die «Krone» in die Schlagzeilen ein. Am 4. August
1914 überschritten die deutschen Truppen die belgische Grenze und ein
deutscher Unterhändler trat in der «Krone» in Henri-Chapelle telefonisch
in Kontakt mit General Leman, dem Befehlshaber der Festungswerke
um Lüttich, den er aufforderte, den deutschen Truppen freien
Durchmarsch durch Belgien zu gewähren...
1983 erbte die Gemeinde Welkenraedt, zu der Henri-Chapelle seit
1977 gehört, von Hubert Jeghers das Gut Kleinkapel sowie die «Krone»
und das daneben liegende «Maison Blanche», das ehemalige Wohnhaus
der Familie Hubert Jeghers - Berte Leroy mit der einschränkenden
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Menri-Chapelle.
Yltbekannter und Bbeftempfohlener
Sajfthof, Gefunde Lage, Benfion für
Familien. Zimmer für Reifende.
‚ Sute Biere, feine Weine, vortreff:
lide Küche.
Witwe Kramp-Henkens. 2
Aus einer Kleinanzeige im «Freien Wort» vom 25. Juli 1908 ersehen wir, dass das
Haus im 1. Jahrzehnt des 20. Jh. als Hotel und Gasthof von Frau Wwe Kramp-
Henkens geführt wurde.
Bestimmung, dass die Erbschaft erst nach dem Tode von Frau Jeghers-
Leroy angetreten werden konnte. Diese starb i. J. 2000.
2002 gingen genannte Liegenschaften durch Kauf in den Besitz der
Baugenossenschaft «Nosbau» über, deren Planungen die Errichtung von
15 Wohnungen (z. T. Sozialwohnungen) vorsehen. Die «Krone»/La
Couronne sollte in dem Zusammenhang als Gaststätte und Hotel bestehen
bleiben.
In einer ersten Bauphase wurde das altehrwürdige und traditionsreiche
Haus einer gründlichen Verjüngung unterzogen und am 24. Januar 2008
konnte der vormalige Pächter, Herr Ivan Vanderheyden, die «Couronne»
als «Brasserie, Hotel (6 Zimmer) und Restaurant» wieder eröffnen.
Auch als Poststation hatte die «Krone» zur Zeit der Postkutsche eine
gewisse Bedeutung. Die am «Weißen Haus» als Vorspann bereit
stehenden Tiere wurden an der «Krone» wieder abgeschirrt und kehrten
zum «Weißen Haus» zurück.
Quellen
' _L. Pauchenne, Histoire de la Franchise et de la Paroisse de Henri-Chapelle,
herausgegeben durch die Societe Vervietoise d’Arch6ologie et d‘Histoire, Verviers
1955, S. 172 (ergänzender Beitrag von Arsene Buchet zum Hotel de 1a Couronne)
? Welkenraedt/Henri-Chapelle.
Des origines A nos jours. Edition «Collections & Patrimoines asbl» Welkenraedt
2002, S. 56
3 A. Pauls, «Haltung der Aachener Bevölkerung während der Fremdherrschaft», in
ZAGV, Bd. 63, 1950, S. 58
15
Via Mansuerisca
M. Th. Weinert
Die Straßen der Römer
durch’s Venn
sind noch da.
Unbewegt
liegen Eichenbalken
im Sumpf,
seit die Soldaten
auf ihren Märschen
ans Moor geraten,
als sich der große Tribun verirrte
und kalter Nebel den Sinn verwirrte.
Manch einer wurde wohl umgebracht,
der zuviel an die Sonne der Heimat gedacht,
als er aufgemuckt, hat das Moor ihn verschluckt.
Römer und Ruhm
wurden aufgerieben.
Eichenbalken im Venn sind geblieben.
Auf ihnen zogen
jahrhundertelang
Reiche und Arme
mühselige Wege,
dass Gott sich erbarme.
Die Pilger kamen mit Muschel und Stab
hungernd und dürstend
nach Pilger Art, von Mosel und Eifel
zur Heiligtumsfahrt.
Vor ihren Augen, in Ängsten und Stürmen
leuchtet das Ziel:
die Stadt
mit den Mauern und Türmen.
16
Andere Pilger
mit brennenden Herzen
trugen die Krankheit,
die Plagen und Schmerzen
von Maastricht nach Trier,
und flehten, als sie das Venn überquerten,
zu dem Heiligen, den sie so sehr verehrten:
«Heiliger Matthias, steh’ uns bei
und hilf uns aus der Wüstenei!»
Wär’ nicht St. Reinarts Pilgerhaus
einsam im Venn,
am Weg gelegen, E
von all den Frommen
wären nicht viele
zum Ziel gekommen.
Und auch die Diebe, die Bösewichter,
die Händler und das Galgengelichter,
die Vagabunden und die Scholaren,
alles wandernde Volk, das daher gefahren,
auf Schusters Rappen, mit Karren, zu Pferd
ist im «Reinhart» eingekehrt,
bis Räuber die Pilger und Mönche vertrieben...
Nur die römischen Eichenbalken, die blieben.
17
Vergangenheitsbewältigung
und Zukunftsgestaltung
im ostbelgischen Grenzland
Prof. Dr. Bernhard Bergmans, Eynatten/Essen
A. Einleitung
Ausgangslage
Ziel
Methode
Das ostbelgische Grenzland
B. Vergangenheitsbewältigung
Vorbemerkung
Welche (problematische) Vergangenheit?
Welche Bewältigung?
a) Arten der Bewältigung
b) Bewertung
c) Sinn und Zweck der Bewältigung
Zukunftsorientierte Bewältigung
a) Vergangenheit als Erkenntnisquelle für die Zukunftsgestaltung?
b) Ansatzpunkte aus Wissenschaft und Literatur
c) Perspektiven für das ostbelgische Grenzland
C. Grundelemente einer geschichtsbewussten Zukunftsgestaltung
Verständigung und Verständnis
Historische Zugehörigkeit oder Heimat?
a) Die Zugehörigkeitsfalle
b) Der Heimatbegriff
c) Die ‚weitere’ Heimat
Einheitlichkeit oder Zusammengehörigkeit?
a) Zusammengehörigkeit trotz Grenzen
b) Mythos der Einheitlichkeit
Die Sprache: Streitgrund oder Bindeglied?
D. Schlussfolgerungen
Vergangenheitsbewältigung
Die Identitätsfrage
Die Sprache
Maßnahmen
18
A. Einleitung
Ausgangslage
1. Das 20. Jahrhundert war das wohl geschichtsträchtigste in einer
auch früher schon an Veränderungen reichen Region. Es war dabei zudem
das erste, in dem nicht nur von außen auferlegte Maßnahmen verarbeitet
werden mussten, sondern auch eine innere Zerrissenheit zutage getreten
ist, die in manchen Ausprägungen bis heute nachzuwirken scheint.
Gleichzeitig hat ein Teil dieses Grenzlandes - die Deutschsprachige
Gemeinschaft - auf der Grundlage einer rechtlich verankerten Autono-
mie noch nie so weitreichende Verantwortung für das eigene Schicksal
getragen und so viele Gestaltungsmöglichkeiten besessen wie am Ende
dieser bewegten Jahre.
Doch trotz dieses scheinbaren Happy Ends stellt man bei näherem
Hinsehen fest, dass die Deutschsprachige Gemeinschaft seit ihrer
Entstehung nach einer ‚Identität sucht’. Während vordergründig die relativ
selbständige rechtliche Stellung im belgischen Staat zumindest nach
außen hin einheitsbildend wirkt, verbleibt eine Unklarheit über das, was
‚wir sind’, d. h. den inneren Zusammenhalt und gleichzeitig die Haltung
gegenüber den unmittelbaren Nachbarn im Osten und Westen.
Was dieser auch in anderen (teil)staatlichen Einheiten weltweit
verbreiteten Identitätsfrage eine besondere Eigenschaft verleiht, ist die
Vermutung, dass der mehrfache Staatenwechsel und die beiden Kriege
im 20. Jahrhundert wesentliche Ursachen dieser ‚Identitätskrise’ seien,
die sich vor allem aus der Dichotomie von staatlicher und sprachlich-
kultureller Zugehörigkeit speist.
Es überrascht deshalb nicht, dass sich vor allem Historiker mit dieser
Thematik befasst haben, und dass die Frage der Identität fast
ausschließlich in dieser historischen Perspektive gesehen wird. Als
Ursache für den derzeitigen Zustand wird dann auch (zumindest von den
jüngeren Autoren) die fehlende Auseinandersetzung mit der neueren
Geschichte und die nicht bewältigte Vergangenheit angesehen, die zu
einer politisch dominierten Erinnerungskultur geführt habe, die sich einer
unvoreingenommenen Analyse dieser Geschichte verweigere. Diese
Unwissenheit wiederum führe zu Geschichtsklitterung und Vorurteilen,
ja sogar einem «schizophrenen Psychogramm» der Ostbelgier.'
* S. stellvertretend C. Lejeune, A. Fickers, F. Cremer, Spuren in die Zukunft, Büllingen
2001, vor allem die Beiträge von Cremer (S. 8 ff, 99 ff) und Fickers (S. 77 ff).
19
Ziel
2. Im vorliegenden Beitrag soll hinterfragt werden, ob und in welchem
Maße die Aufarbeitung und Bewältigung der neueren Vergangenheit
tatsächlich so wichtig für das angesprochene Selbstverständnis ist bzw.
sein muss. Es soll dabei - ausgehend von einer Auseinandersetzung mit
dem, was regionale Vergangenheitsbewältigung überhaupt sein kann -
gezeigt werden, dass ein breiterer Ansatz erforderlich ist als der typisch
geschichtswissenschaftliche.
Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Überzeugung, dass
die Aufarbeitung der Geschichte nicht bloß rückwärtsgewandten
Erklärungs- und Rechtfertigungszwecken dient, sondern einen positiven
Beitrag zur Zukunftsgestaltung leisten soll. Denn erst Letzterer erlaubt
es, sich aus der Umklammerung des Geschehenen zu lösen und sich um
das zu kümmern, was letztlich diese Identität ausmacht.
Auf diese Weise soll der Vergangenheitsbewältigung der negative
Beigeschmack genommen werden. Zugleich soll der Blick auf jene
Aspekte bzw. Erkenntnisse gelenkt werden, die in der üblicherweise an
der politischen Dimension ansetzenden Auseinandersetzung der
Historiker in Vergessen zu geraten drohen, die aber als Ansatzpunkte für
die Zukunftsgestaltung wertvoll sein können.
Methode
3. Das o. g. Ziel soll nicht durch eigene Geschichtsforschung erreicht
werden, sondern durch eine Auswertung und Besprechung neuerer
Literatur. Hierbei dienen vor allem drei in den letzten Jahren erschienene
Werke als Grundlage, die in gewisser Weise repräsentativ für
unterschiedliche Herangehens- und Sichtweisen sind, und deren Autoren
nicht nur Kenner, sondern auch intellektuelle Mitgestalter dieses
Grenzlandes sind:
Freddy Derwahl, Bosch in Belgien (2005) ,
Carlo Lejeune, Die Säuberung (Bd. 1: 2005, Bd. 2: 2007),
Leo Wintgens, Wege aus Sümpfen (Bd. 1: 2001, Bd. 2: 2006).
Während der Einbezug des geschichtswissenschaftlichen Werkes von
Lejeune nahe liegt, mag die Berücksichtigung der Romane von Derwahl
und Wintgens verwundern.
Das Buch von Derwahl wird zwar im Vorwort des Herausgebers als
‚Schelmenroman’ angekündigt, de facto ist die romanhafte
Herangehensweise aber eher ein Kunstgriff des Autors, ausgehend von
der erfundenen (aber dem Autor in etwa gleichaltrigen) Person Albert
20
Bosch aus Eupen, ein Dreiviertel
Jahrhundert Heimatgeschichte Revue
EN passieren zu lassen und dabei alle
möglichen Themenkomplexe miteinander
BOSCH IN zu verbinden - Krieg, Sprache, Politik,
ESSENER ” 4 . ä
BEL GIEN Literatur, Belgier bzw. Ostbelgier sein,...
Auch bei Wintgens ist die äußere Form
kn des Romans letztlich nur ein Mittel, um
offenkundig autobiografische, auf das
Grenzland bezogene Erlebnisse und
Erfahrungen aus ca. 40 Jahren in der
Hauptperson von Peeke/Peter/Pierrot zu
GE Papier zu bringen.
Dass beide Autoren dabei auch von
5 ihrer literarischen Freiheit Gebrauch
| (a machen, mag für den wissenschaftlich
| A GT” orientierten (Politik-)Historiker ein
{| Problem darstellen?. Was die Werke aber
6 On Schme! | so wertvoll macht, sind die zahlreichen
® “ — persönlichen Erfahrungen und die
& EM 7 Wiedergabe der ‚Stimme des Volkes’, die
BE sonst in der Geschichtsschreibung selten
E . = zu Wort kommt, und die wertvolle
Die Säuberung Informationen für eine regionale Sozial-
SE und Kulturgeschichte liefern.
=] Diese drei Werke (und ihre
Hauptpersonen) stehen zudem hier
La Witze repräsentativ und modellhaft für drei
DA BR formale Arten der Auseinandersetzung
VE ; ; ;
DALE Ü mit der Geschichte und ihrer
Se 5 A Bewältigung: die wissenschaftliche,
Au 5 SS
N WAY
be) 3 4) \Bemeainer Grenzlandschan . | ? So beschreibt Derwahl in seinem Buch (Kap.
4 ZZ 5 XX) die Niermann-Affäre so, als habe die
A 3E Ostbelgien-Ausgabe der Aachener Volkszeitung
1} bei der Aufklärung eine aktive Rolle gespielt,
N an anderer Stelle (Zwei Jahrhunderte
E \ deutschsprachige Zeitung in Ostbelgien, Eupen
A 2007, S. 249 ff) bezeugt er genau das Gegenteil.
| ex Wer sich in der Regionalgeschichte auskennt,
AM Teil 1 wird im Übrigen viele der Personen leicht
A wieder erkennen, zumal ihre Namen oft nur
| a leicht verfremdet sind.
21
literarische und autobiografische. Zudem bieten sie inhaltlich
unterschiedliche Bewertungen und Deutungen für den Umgang mit dieser
Geschichte, aus denen auch ein gewisses Vorverständnis für die
Zukunftsgestaltung abgeleitet werden kann. Schließlich werden hier drei
sozioregionale Prägungen berücksichtigt, deren Einfluss auf die
vertretenen Sichtweisen nicht zu unterschätzen ist: die eupener, die eifeler
und die kelmiser/altbelgische.?
Da es im Folgenden in erster Linie um eine gedankliche bzw.
erkenntnismäßige Auseinandersetzung mit dem Thema geht, sind auch
weniger die Fülle der in den Büchern enthaltenen Fakten (und ihr
Wahrheitsgehalt) von Bedeutung als vielmehr ihre Fähigkeit, als
Inspirationsquelle zu dienen. Es wird sich im weiteren Verlauf zeigen,
dass die Werke in dieser Hinsicht den Erwartungen gerecht werden. Im
Übrigen sind alle drei Methoden geeignet, um Geschichte verständlich
zu machen, da Analyse, Erlebtes und Fiktion sich ergänzen. Insofern
handelt es sich bei dem hier besprochenen Trio um einen Glücksfall (der
hoffentlich kein Einzelfall bleiben wird).
Selbstverständlich fließen in die Ausführungen auch andere Quellen
ein, die im Folgenden jedoch nicht systematisch zitiert werden sollen
(außer wenn ausdrücklich hierauf Bezug genommen wird).
Das ostbelgische Grenzland
4. Die folgenden Überlegungen beziehen sich bewusst weder nur auf
das Gebiet der heutigen Deutschsprachigen Gemeinschaft, noch nur auf
die ehemaligen Kreise Eupen-Malmedy, ”cantons redim&s” oder
Ostkantone, sondern auch auf die altbelgischen Gemeinden, in denen
(platt)deutsch gesprochen wurde und wird. Hierbei wird in erster Linie
das Gebiet nördlich des Venns im Fokus stehen, aber die diesbezüglichen
Feststellungen gelten im Grundsatz weitgehend auch für das südliche
Grenzland. Der Grund für dieses erweiterte Blickfeld wird im weiteren
Verlauf der Darstellung deutlich werden. Der Leitgedanke hierbei ist,
dass eine an mehr oder weniger zufälligen, politisch zustande
gekommenen regionalen Abgrenzungen orientierte Betrachtung Gefahr
läuft, der Lebenswirklichkeit nicht Rechnung zu tragen. Wie noch zu
zeigen sein wird, lässt sich diese eben nicht an klaren Grenzen festmachen.
Gerade auch vor dem Hintergrund der Zielsetzung. Perspektiven für eine
?_ Auch die persönliche (individuelle oder familiäre) Geschichte der Autoren dürfte in
ihren Werken eine Rolle spielen, soll aber im Folgenden vernachlässigt werden.
22
tragbare Zukunftsgestaltung zu eröffnen, wäre eine territoriale, und damit
gedankliche, a priori-Eingrenzung deshalb nicht vertretbar.
Da es für die so abgegrenzte Region keine griffige Bezeichnung gibt,
wurde hier der Terminus ‚ostbelgisches Grenzland’ gewählt.
B. Vergangenheitsbewältigung
Vorbemerkung
5. Es geht in den folgenden Abschnitten zunächst darum, beispielhaft
ausgehend von den drei zitierten Büchern nachzuvollziehen, was im
ostbelgischen Grenzraum Vergangenheitsbewältigung überhaupt bedeutet
bzw. bedeuten kann. i
Eine kritische Bewertung dieser Ansätze soll dann zu einem eigenen
Vorschlag führen, wie die vorherrschende politische bzw. politisierte
Sichtweise zu einem gelasseneren und konstruktiveren Umgang mit der
Vergangenheit und ihrer ‚Bewältigung’ weiterentwickelt werden kann,
der dann die Grundlage für eine geschichtsbewusste Zukunftsgestaltung
bildet.
Die Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie Vergangen-
heitsbewältigung im ostbelgischen Grenzland gelebt bzw. gesehen wurde
bzw. wird, soll den Blick schärfen für die Sackgassen, in welche die
Diskussion sich leicht verirren kann, in sprachliche, kulturelle oder
politische Vorverständnisse, die keine unvoreingenommene
Auseinandersetzung erlauben, und für jene Elemente, die letztlich
tragfähige Ansatzpunkte für eine Zukunftsgestaltung sein können.
Welche (problematische) Vergangenheit?
6. Von Vergangenheitsbewältigung spricht man i. d. R. nur dann, wenn
diese Vergangenheit problematisch war oder zumindest als solche
empfunden wird, und es Probleme gibt, die zu ‚bewältigen sind.
Im vorliegenden Zusammenhang geht es dabei um die Fragen der
staatlichen (oder rechtlich-politischen) und der kulturellen Zugehörigkeit
(und Identität) der Menschen im genannten Gebiet, die durch zwei
grausame Kriege geschaffen, durch extern gesteuertes politisches
Ränkespiel zweier Ansprüche erhebender Staaten verschärft und ein
unterschiedliches Selbstverständnis der Bewohner verkompliziert wurden
(und werden). Während über die grundsätzliche Bedeutung dieser
Umstände und die hieraus resultierenden Probleme weitgehend Einigkeit
herrscht, gehen die Meinungen über Einzelheiten und vor allem die
23
Wertungen der Ursachen und Ursprünge subtil - aber für die weiteren
Sichtweisen mitentscheidend - auseinander.
7. Für Lejeune (wie für die meisten jüngeren ostbelgischen
Geschichtswissenschaftler) liegt das Urübel im vom Volk nicht gewollten
Staatenwechsel der Kreise Eupen-Malmedy von 1920. Nur das, was in
den darauffolgenden Jahrzehnten geschehen ist, verdiene unsere
Aufmerksamkeit. Weiter zurückliegende Fakten seien aus heutiger Sicht
vielleicht noch interessant, aber nicht zu ‚bewältigen’, weil sie für die
Gegenwart keine Bedeutung mehr besitzen. Damit einher geht folgerichtig
(wenn auch nicht zwingend) eine territoriale Eingrenzung auf die
genannten Kreise und ihre heutigen Nachfolgegemeinden.
Derwahl und Wintgens hingegen verwenden ein offeneres
Vergangenheits- bzw. Regionalverständnis.
Derwahl skizziert in seiner Erzählung anhand einzelner Lebensläufe
die komplizierte, nicht nur politische, sondern auch menschliche und
soziale Lage der Bevölkerung, wobei er auch die Erfahrungen der
Vorfahren und Verwandten der Hauptperson im deutsch-französischen
Krieg 1870-1871 und im Ersten Weltkrieg berücksichtigt. Dabei weitet
er immer wieder seinen Blick über das neubelgische Territorium hinaus
nach Lüttich, Löwen, Brüssel, Aachen oder auch Montzen.
Wintgens beschreibt die Abstammung seiner Hauptperson als Ergebnis
einer Raeren-Baelener Verbindung, deren Vorfahren z. T. aus der
deutschen Eifel bzw. Holländisch-Limburg stammen, er verarbeitet die
besagten Probleme (z. B. die Verletzung des Vaters im Ersten Weltkrieg,
den Tod des Bruders am Ende des Zweiten) en passant, und die Biografie
seiner Hauptperson führt diesen vom heimatlichen Hergenrath nicht nur
nach Kelmis und Eupen, sondern auch nach Altbelgien, in die Wallonie
und nach Brüssel.
8. Natürlich stellt der Staatenwechsel von 1920 eine entscheidende
Zäsur dar, ohne die die nachfolgenden Probleme erst gar nicht entstanden
wären. Dennoch greift eine ausschließlich dieses Ereignis fokussierende
Sichtweise zu kurz, da sie verschiedene Aspekte außer Acht lässt, die
ihrerseits im Übrigen eng mit der relevanten regionalen Perspektive
verbunden sind:
Zum einen wird hierdurch das ‚Problemareal’ auf die neubelgischen
Gemeinden beschränkt und das altbelgische Gebiet, in dem früher auch
zahlreiche (platt)deutsch sprechende Menschen lebten, von vornherein
25
bestätigt oder gerade damit bricht. Das mag dem politischen Establish-
ment passen oder auch nicht, aber es würde nichts bewirken, wenn man
daraus inhaltlich nichts ableiten kann. Denn was bedeutet letztlich heute
eine ehemalige bzw. historische Zugehörigkeit zu Belgien oder Preußen
bzw. dem Deutschen Reich?
Gerade diese inhaltliche Ebene ist es, die in der Diskussion zu kurz
kommt und die im vorliegenden Beitrag vertieft werden soll. Sie ist es
auch, die letztlich lebensnaher und für die Bevölkerung relevanter ist (s.
hierzu auch unten). Als zeitlicher Abgrenzungspunkt für eine
wissenschaftliche Darstellung mag sich die ‚Volksbefragung’ von 1920
eignen, für eine auf die Zukunftsgestaltung abzielende historische
Betrachtung ist sie zu eng.
Folglich soll hier ein offeneres Vergangenheitsverständnis zugrunde
gelegt werden, das zumindest das gesamte 20. Jahrhundert umfasst und
demnach auch jene Zeit und Situation vor dem 1. Weltkrieg, in der die
Menschen zweifellos wussten, wohin sie staatlich-politisch gehörten.
Sollte der Einbezug weiter zurückliegender Ereignisse für das Verständnis
sinnvoll sein, sind selbstverständlich auch diese zu berücksichtigen.
Welche Bewältigung?
a) Arten der Bewältigung
9. Die übliche Methode der Vergangenheitsbewältigung ist die
geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung. Hier leistet Lejeune einen
wertvollen und qualitativ hochstehenden Beitrag durch eine Auswertung
und zusammenfassende Darstellung zahlreicher (zugänglicher) Primär-
und Sekundärquellen. So wichtig schriftliche Quellen aber sein mögen,
sie ‚sind’ nicht die Geschichte, vor allem wenn sie wie hier vorwiegend
amtlichen Ursprungs sind. Dessen ist sich auch der Autor bewusst und
so ist für Ende 2008 ein dritter Ausgabe angekündigt, der ergänzend erlebten
Geschichten gewidmet sein wird (s. insbesondere Bd. 2, S. 257).
10. Derwahl hat einen literarischen Zugang gewählt, der es ihm erlaubt.
Kenntnislücken ‚passend’ zu füllen, persönliche Ansichten einfließen zu
lassen, vor allem aber jenen das Wort zu geben, die in schriftlichen Quellen
gar nicht oder nur als statistische Größe auftauchen: Den (einfachen)
Mann des Volkes, der die Geschichte nicht gestaltet, aber erleidet. .
Derwahl bringt aus persönlicher oder vermittelter Erfahrung - die er nicht
zuletzt auch seiner Tätigkeit als Journalist verdankt - jene Überzeugungen
26
und Gefühle zum Ausdruck, die erst die Handlungen und Motive des
Einzelnen nachvollziehbar machen.
Über die Wissenschaftlichkeit lässt er seinen Helden sinnieren: «Für
viele Dinge, die ihm ein Rätsel, manchmal auch eine Last waren, gab es
ganz simple Erklärungen. Er war sich ganz sicher, dass solche Einsichten
allein der Illusionslosigkeit kleiner Leute zu verdanken sei. Von
Vertragswerken,Verwaltungsakten und Parteiprogrammen haben sie
keine Ahnung, auch verstehen sie nichts von den Doppeldeutigkeiten
politischer Sprache, doch sie schämen sich dieser Unkenntnis nicht.
Weshalb auch? Sie wissen viel mehr, denn nur sie besitzen ein untrügliches
Gespür für die unromantische Realität des Lebens. Der Hosenknopf eines
französischen Grenadiers oder die verwelkte Feldblume eines
Bauernmädchens aus Stockem sagen ihnen mehr als das gestaffelte
Wissen der Bibliotheken» (S. 226).
Er dokumentiert auf diese Weise, dass es für den einzelnen keine
objeklive Bewältigung gibt, sondern immer nur eine persönlich-
subjektive. Es mag sein, dass der Autor das Bild des ‚kleinen Mannes
mit Durchblick’ idealisiert und dessen ideologische Vereinnahmung
ignoriert. Dennoch zeigt er, dass eine Aufarbeitung letztlich nur dann
erfolgreich ist, wenn die Erkenntnisse nicht nur in wissenschaftlichen
Arbeiten dokumentiert sind, sondern die Menschen tatsächlich erreichen,
d. h. diese müssen sie kennen, verstehen und akzeptieren, wenn sie in
irgendeiner Weise Wirkung zeigen sollen.
11. Wintgens akzentuiert diese subjektive Herangehensweise noch mehr
durch die konsequente Fokussierung auf seine Hauptperson, ihre
persönlichen Erlebnisse und Einsichten, ohne den Versuch,
allgemeingültige Aussagen zu machen. Dies lässt sich über den Einzelfall
hinaus nicht verallgemeinern, aber es handelt sich dabei um eine in dieser
Form seltene authentische Quelle, die um so wichtiger ist, als aus dieser
Zeit, diesem Milieu und dieser (Teil)Region kaum Zeitzeugenberichte
vorliegen.
Anderseits versteht er in seinem Werk (2. Ausgabe) die
Wissenschaftlichkeit durchaus als Mittel, einen Beitrag zur
Vergangenheitsbewältigung zu leisten. Denn seine Hauptperson ist
bemüht, durch eine sprachgeschichtliche wissenschaftliche
Forschungsarbeit nicht nur persönliches Profil zu gewinnen, sondern ein
geschichtliches Beweismittel für die Zugehörigkeit bzw. Gemeinsamkeit
einer bestimmten Menschengruppe zu erarbeiten.
2
12. Während Derwahls ‚Held’ eher passiv-skeptisch die Geschichte
betrachtet und sie mit kritischer Distanz ‚verarbeitet”, ist die Hauptperson
in Wintgens’ Werk aktiv beteiligt am Geschehen und an der Verbesserung
der aus der Vergangenheit resultierenden Verhältnisse. Beide
Menschentypen wird man im ostbelgischen Grenzraum vorgefunden
haben (bzw. vorfinden), wobei ersterer (zumindest gemessen am
politischen Engagement) verbreiteter (gewesen) zu sein scheint.
Aus alledem ergibt sich ein verwirrendes und in weiten Zügen fast
tragisches Geschichtsbild, das subtil ein ‚Selbstbild’ der hier lebenden
Menschen vermittelt:
Zum einen das Verständnis, dass die echte Geschichte aus
Einzelgeschichten besteht, und dass letztlich jedes Einzelschicksal
mindestens so spannend und wichtig ist, wie das einer ganzen Region.
Zum anderen (und mit dem vorigen Punkt indirekt verbunden), dass der
‚kleine Mann’ immer den Kürzeren zieht, und weil die Bevölkerung hier
vor allem aus ‚kleinen Leuten’ besteht, dass diese verführt und ausgenutzt
wurden. Hier ist es dann nur noch ein Schritt bis zur (unausgesprochenen)
Schlussfolgerung, dass - wenn überhaupt jemand die Verantwortung zu
übernehmen hat - es nicht das Volk sein kann.
b) Bewertung
13. Die besprochenen Bücher bringen sehr gut die drei grundlegenden
unterschiedlichen Einstellungen zur Vergangenheitsbewältigung zum
Ausdruck: Wissenschaftlich aufarbeiten, ignorieren bzw. verdrängen
und gestaltend verarbeiten.
Dabei besteht ein grundlegender Unterschied vor allem zwischen den
beiden ersten Optionen:
Zum Selbstverständnis der Geschichtswissenschaft zählt nämlich, dass
das individuelle und kollektive Verdrängen und Vergessen der
Vergangenheit fehl am Platze, stattdessen eine Bewusstmachung und
Aufarbeitung des Geschehenen notwendig sei. Vergessen, Verschweigen
und Verdrängen können kein Fundament für eine belastbare Zukunft sein.
Der kritische Blick in die eigene Geschichte sei die Grundlage für eine
sich an den Kriterien der Objektivität und der Wahrheit orientierenden
Aufarbeitung unserer Vergangenheit’.
Dies steht jedoch im vorliegenden Kontext in krassem Kontrast zum
tatsächlichen Verhalten des überwiegenden Teils der Bevölkerung, die
7 So auch ausdrücklich Cremer (Fn 1), S. 14, 21, 24 implizit auch Lejeune.
28
(z. T. bis heute) offensichtlich der Meinung war und ist, man solle diese
Zeit ‚ruhen lassen’.
14. Bei näherer Betrachtung haben beide Haltungen ihre Berechtigung:
Einerseits darf und soll man den unmittelbar Betroffenen gestatten,
das Geschehene zu verdrängen (was nicht mit leugnen gleichzusetzen
ist). Gerade wenn die Sachlage so komplex ist, dass eine einfache
Bewertung und Klärung nicht möglich ist, ohne weitere Wunden zu reißen
(s. auch hiernach), zeigt die Lebenserfahrung, dass es sinnvoll sein kann,
ein Thema zumindest ruhen zu lassen und Neues anzufangen, ohne Altes
abgeschlossen zu haben. Es gibt in der Tat sowohl im psychischen als
auch im sozialen Kontext gute Gründe dafür, manche Dinge aus dem’
Gedächtnis zu löschen oder zu verbannen. Nicht umsonst gibt es im
Rechtswesen die Verjährung oder die Löschung eines Vorstrafenregisters.
Die nachfolgende Generation, die von den Folgen betroffen ist, ohne
dabei gewesen zu sein, ist ihrerseits jedoch berechtigt, wenn nicht
verpflichtet, das Geschehene aufzuarbeiten, um sich eine eigene Meinung
zu bilden und mit diesen Folgen ‚richtig’ umgehen zu können. Das 20.
Jahrhundert prägt in nicht zu unterschätzendem Maße unsere Gegenwart
und (ggf.) auch Zukunft. Angesichts des Zeitablaufs sind jedoch
inzwischen nicht mehr die tatsächlich erlebten Dinge ausschlaggebend,
sondern das, was sich an Bildern, Vorurteilen und Halbwissen in unseren
Köpfen festgesetzt hat. Das kann zu falschen Schlüssen führen und
Lösungen bzw. Gestaltungen verhindern, die ansonsten möglich wären.
Eine Kritik am Verhalten der Bevölkerung, sich ihrer Vergangenheit
nicht zu stellen, ist deshalb unangebracht. Mit Recht zu beanstanden ist
hingegen, dass die Geschichtswissenschaft (zumindest deren einhei-
mische Vertreter) sich lange Zeit diesem Thema verweigert hat.
Letzteres mag zum einen an der zu großen Zeitnähe und der
zwangsläufigen Personifizierung vieler Vorkommnisse gelegen haben,
zumindest wenn es um die Aufarbeitung des Verhaltens der Bevölkerung
in der Zeit 1920-1945 geht®.
Aber sicher spielen hier auch die politischen Rahmenbedingungen und
Opportunismen eine wichtige Rolle, da nicht nur das Verhalten der
® Auch die Romane von Derwahl und Wintgens, die einen Teil der Personen zumindest
namentlich verfremden, enden ca. 1980. Wenn also die Literatur sich nicht ‚traut’,
(oder es als inopportun erachtet), sich mit der neueren Geschichte einzulassen (außer
in einigen Nebensätzen), wird dies für der Objektivität verpflichtete Wissenschaftler
ein relevanter Aspekt (gewesen) sein.
29
Bevölkerung, sondern auch das des belgischen Staates aufzuarbeiten war
bzw. ist. Die jüngere Generation der Historiker (wie z. B. Lejeune) hat es
dabei leichter, sich unbefangen an dieses Thema heranzuwagen. Deren
kritische Auseinandersetzung vermittelt allerdings z. T. den Eindruck,
es gehe nicht um die Bewältigung der Vergangenheit, sondern um die
Bewältigung der Vergangenheitsbewältigung, d. h. nicht um Inhalte,
sondern um die Frage, wer was richtig oder falsch macht (gemacht hat)
beim Bewältigen. Auch das ist grundsätzlich legitim, lenkt allerdings
unnötigerweise vom eigentlichen Thema ab, das hier im Vordergrund
stehen soll. Die Spannung zwischen gelebter bzw. erinnerter Geschichte
und wissenschaftlicher Geschichtsschreibung? findet sich also auch im
hier behandelten Themenkomplex wieder. Sie konstruktiv zu nutzen, ist
Anliegen dieses Beitrags. Dazu ist es jedoch erforderlich, sich mit der
Frage auseinander zu setzen, welchen Sinn und Zweck die Bewältigung
eigentlich hat bzw. haben kann.
c) Sinn und Zweck der Bewältigung
15. Die Meinung darüber, ob und wie Vergangenheit zu bewältigen
ist, hängt letztlich entscheidend davon ab, welche Funktion man dieser
Bewältigung zuerkennt. Dies soll hier am Beispiel der Säuberungen durch
den belgischen Staat nach dem 2. Weltkrieg vertieft werden.
Lejeune begründet seine diesbezügliche Forschungsarbeit mit dem eher
allgemeinen ‚politischen’ Ziel, heutigen demokratiefeindlichen und
rechtsradikalen Tendenzen entgegenzuwirken (Bd. 1, S. 17, 219, Bd.. 2,
S. 15).
Man darf daran zweifeln, dass Menschen mit solcherart Gesinnung
sich durch Geschichtserkenntnisse beeindrucken lassen. Wichtiger ist
jedoch, dass eine möglichst umfängliche Kenntnis der Vergangenheit
alleine - und dies wird von den Historikern zu leicht übersehen - kein
Garant für eine ‚Bewältigung’ ist, sondern allenfalls für eine
‚Aufarbeitung’. Und Letztere läuft Gefahr - so wissenschaftlich sie auch
angelegt sein mag, trotz der Zerstörung ggf. verbreiteter Mythen keine
Hilfestellung bei der Bewältigung bzw. Verarbeitung dieser Vergangenheit
zu leisten. Denn zum einen erfüllen auch Mythen einen Zweck, der
durchaus legitim sein kann, auch wenn er historisch nicht oder nur
teilweise fundiert sein sollte. Wenn etwa die ‚offizielle’ ostbelgische
Geschichtserinnerung die heimische Bevölkerung vor allem in der Rolle
? Vgl. Fickers (Fn 1), S. 78
31
«Auf zu vielen Ebenen wurde mit zu unterschiedlichen Instrumenten zu
unterschiedlich geurteilt, so dass wohl jeder Bürger der Ostkantone das
Gefühl erhalten musste, dass die Säuberung zu hart, zu ungerecht und zu
willkürlich war. Da die Bürger der Ostkantone zudem politisch entmündigt
wurden, blieben vielfach Verbitterung, Rückzug ins Private und eine tief
wirkende apolitische Haltung.» (Bd.. 2, S. 194)
Was aber bringt den Menschen heute die Erkenntnis, dass der belgische
Staat sich vor 60 Jahren falsch oder ungeschickt verhalten hat? Beeinflusst
es in irgendeiner Weise ihre heutige Loyalität zum belgischen Staat? Und
wenn ja, ist dies eine sinnvolle Form der Vergangenheitsbewältigung?
Ähnliches muss man sich fragen, wenn man auf die Zäsur von 1919/
1920 zurückblickt: Selbst wenn die Menschen um die kritikwürdigen
Umstände wissen, unter denen Eupen-Malmedy zu Belgien kamen, was
soll das an ihrem heutigen Selbstbewusstsein und ihrer jetzigen Identität
ändern? Geht es letztlich wirklich nur darum anzuerkennen, dass die
Bevölkerung im Zeilraum 1815-1920 entscheidend ‚eingedeutscht’
wurde und frühere ‚belgische’ Wurzeln verkümmerten? Selbst wenn es
so wäre, warum sollte es denn unmöglich sein, heute trotzdem loyale
Belgier zu sein?
In beiden Fällen werden vergangene Geschehnisse zu einem aktuellen
Problem gemacht, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren,
dass diese ‚rückwärts gewandte’ Diskussion nur als Vorwand für aktuelle
politische Einstellungen dient und die Menschen gar nicht mehr erreicht.
Angesichts des Selbstbewusstseins, das inzwischen alle ostbelgischen
Parteien gegenüber Brüssel an den Tag legen, drängt sich im Übrigen
der Verdacht auf, dass die unterschiedlichen Sichtweisen letztlich nur
noch einen ‚Glaubenskrieg’ darstellen.
17. Wenn man also diese ‚unselige’ Vergangenheit aufarbeitet, dann
nicht, um aus heutiger Sicht nachträglich ‚Schuldige’ zu identifizieren
und mit ihnen abzurechnen, sondern allenfalls ggf. Unschuldige zu
entlasten und noch bestehende Ungerechtigkeiten zu beseitigen.
Entscheidend aber geht es darum, Verständnis zu entwickeln mit dem
Ziel, nicht nur die Wiederholung derselben Fehler zu vermeiden, sondern
vor allem - und hiervon lenken diese rückwärts gewandten Diskussionen
leider ab - eine belastbare Grundlage für zukünftige Entwicklungen zu
legen.
32
Zukunftsorientierte Bewältigung
a) Vergangenheit als Erkenntnisquelle für die Zukunftsgestaltung
18. Wer bei Überlegungen zur Gestaltung der Zukunft auf die
Vergangenheit als Erkenntnisquelle zurückgreift, läuft Gefahr, das
Geschehene in die Zukunft zu extrapolieren oder sich genau dagegen zu
wehren, jedenfalls im Ergebnis einer rückwärts gewandten Sichtweise
zu erliegen, die von vornherein kreative Ideen ausschließt.
Diese Gefahr wird hier keineswegs verneint. Aber es soll hier gerade
der Versuch unternommen werden, aus der Vergangenheit und der Art
und Weise ihrer Bewältigung Erkenntnisse abzuleiten, die im Strom der
gern gehörten Fakten und immer wieder geäußerten Meinungen verloren
zu gehen drohen. Es soll der Versuch sein, durch eine Rückbesinnung zu
ermitteln, welche Ansatzpunkte für die Zukunftsgestaltung aus der
Vergangenheitsbewältigung gewonnen werden können, gerade auch um
dieser Vergangenheitsbewältigung einen ‚positiveren’ Sinn zu verleihen.
19. Speziell auf das ostbelgische Grenzland bezogen taucht hier aber
wieder die Frage auf, bis wann diese Vergangenheit reichen soll und
welche Bedeutung den historischen Brüchen, beginnend mit der
Gebietsneuorganisation durch Napoleon vor ca. 200 Jahren, beizumessen
ist. Diese Frage entzweit die ostbelgischen Historiker, nicht zuletzt, weil
nach vorherrschender Sicht damit immer die politische Frage der
‚eigentlichen’ nationalen Zugehörigkeit verbunden ist, die bei der
Identitätsdebatte unweigerlich eine prägende Rolle spielt.
Argumentiert wird dabei wie folgt: Es scheinen Zweifel angebracht,
ob die Erinnerung an eine von christlichen Werten getragene
Schicksalsgemeinschaft früherer Jahrhunderte heute inspirierend auf die
kulturelle oder politische Identität der Ostbelgier wirken kann [...]
Selbstverständlich lassen sich auch sehr lange entrückte Ereignisse als
produktive Faktoren gegenwärtiger Geschichtspolitik aktivieren, nicht
selten führen solche Anstrengungen aber zum ‚Erfinden von Traditionen’
oder sind Ausdruck der mit Mythen und Legenden dekorierten
‚Nationalgeschichten’ [...]
[Es] sei daher hinterfragt, ob jene Erinnerungssplitter, die noch aus
den Zeiten Maria-Theresiens, Napoleons oder Kaiser Wilhelms im
öffentlichen Bewusstsein vage vorhanden sind, hilfreich bei der Suche
nach einer wie auch immer gearteten ostbelgischen Identität sein können.
[...] Falls Geschichte heute überhaupt einen Einfluss auf ostbelgische
33
Identitätsfindung hat, so ist dies mit Sicherheit jene Zeit, die bis heute
tiefe Narben im kollektiven Gedächtnis hinterlassen hat — die
Zwischenkriegs-, Kriegszeit und unmittelbare Nachkriegszeit!'.
Hierzu ist Folgendes anzumerken:
Zum einen sind die in diesem Zusammenhang gewählten Beispiele
(die hier im Zitat nicht aufgeführt sind) in der Tat banal, aber sie sind
letztlich irreführend, weil sie nur auf das Thema der politischen
Zugehörigkeit zielen. Um dieses geht es aber letztlich bei der
Identitätsfrage nur sekundär, als Folge eines Wesenskerns der Identität,
der eben nicht durch eine politische Zugehörigkeit geprägt ist, sondern
durch ein tatsächliches Lebensumfeld.
Zum anderen geht es in der vorliegenden Perspektive nur sekundär
um das, was heute noch im (Geschichts-) Bewusstsein der Menschen
vorhanden ist, sondern in erster Linie um das, was sie objektiv verbindet,
z. B. weil es als gemeinsames Grundverständnis ihr Unterbewusstsein
prägt, ohne dass sie wissen, aus welcher Epoche es stammt, und das
auch nicht wissen müssen.
20. Statt immer wieder die Frage einer ohnehin nicht abschließend zu
klärenden historisch abgeleiteten Identität aufzubringen, ist deshalb im
hier vertretenen Verständnis insbesondere zu klären, was als das relevante
Lebensumfeld der Bewohner des ostbelgischen Grenzraumes betrachtet
werden kann, und welche inhaltlichen Elemente aus einer geschichtlichen
Perspektive identifiziert werden können, die eine belastbare Grundlage
für die Zukunft bilden und damit automatisch Vergangenheitsbewältigung
darstellen.
_ b) Ansatzpunkte aus Wissenschaft und Literatur
21. Im Folgenden sollen die drei besprochenen Werke daraufhin befragt
werden, ob überhaupt - und falls ja welchen - Beitrag sie explizit oder
implizit in der hiervor beschriebenen Perspektive leisten. Dabei muss
allerdings gleich darauf hingewiesen werden, dass die Autoren selbst
eine solche Absicht nicht (zumindest nicht erkennbar) verfolgt haben.
Da gerade in der neueren Regionalgeschichte so viele persönliche,
politische, kulturelle und ggf. ökonomische Interessen im Spiel sind, ist
" Fickers (Fn 1), S. 81, bzgl. einer von A. Minke vertretenen These. In die gleiche
Richtung tendiert auch Lejeune, Bd. 2, S. 40. Minke vertritt heute übrigens eine
differenziertere Position: Identität und keine Ende, Fiducit (Informationsblatt der
Altherrenschaft der Eumavia Lovanensis, Nr. 10 (2005), S. 2-6.
34
dabei die Frage nach der Motivation des Autors bzw. dessen Auftraggebers
nicht nur hilfreich, sondern unabdingbar (wenn auch im vorliegenden
Fall nicht eindeutig beantwortbar).
22. Bei einer echten wissenschaftlichen Arbeit liegen Ziel und Moti-
vation in der Dokumentation und dem Wissen, hieraus abgeleitet der
Erkenntnis und dem Geschichtsbewusstsein. Der Autor ist der Objektivität
verpflichtet, und wenn er persönliche Wertungen einfließen lässt, muss
er diese kenntlich machen.
Lejeune (Jahrgang 1963) gibt zwar keine Informationen zu seinem
persönlichen Hintergrund bzw. seiner Familiengeschichte und einer
hieraus ableitbaren besonderen Motivation oder Interessenlage, aber er
ist offensichtlich um eine wissenschaftlich korrekte, objektive Darstellung
bemüht. Nur vereinzelt glaubt man eine Abneigung gegen die
probelgischen Assimilationspolitiker zu verspüren. Wenn er Wertungen
vornimmt, sind diese i. d. R. auch deutlich erkennbar.
Sein Ziel ist das Geschichtsbewusstsein für den Alltag, das auch in
der Gegenwart trägt (s. Bd. 2, S. 13 ff, 257 ff), das ausgehend vom
heimatlichen Beispielsfall zu verallgemeinbaren Einsichten führt, die
zudem dazu verhelfen, mit den modernen gesellschaftlichen
Herausforderungen wie Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit usw.
umzugehen. Erstaunlich ist, dass er so gut wie keine auf das ostbelgische
Grenzland bezogenen Schlussfolgerungen oder Empfehlungen zieht. Das
mag seiner wissenschaftlichen Zielsetzung geschuldet sein, oder einfach
der Tatsache, dass seine Untersuchungen nur bis 1952 reichen und er
weitere Forschungen anmahnt, von denen er annimmt, dass sie noch
Überraschungen bringen werden.
23. Auch die beiden besprochenen Romane versuchen nicht aus-
drücklich, die Erkenntnisse aus mehreren Jahrzehnten Lebenserfahrung
in einer Zukunftsperspektive nutzbar zu machen. Dennoch kann man
aus ihnen, nicht zuletzt aufgrund ihrer breiteren Perspektive, einige
wichtige Ideen ableiten. Bei Wintgens (Jahrgang 1938), in dessen Werk
man die Ziele des Autors und seiner Hauptperson wohl kaum trennen
kann, ist unter einer geschichtsbezogenen Perspektive relevant, dass die
Sprache ihm wichtig ist, insbesondere aus wissenschaftlicher Sicht die
Dokumentation, Erforschung und Förderung der örtlichen Dialekte,
gerade auch in ihren historischen Bezügen. «Wichtig war es ihm, sich
über alle Nationalismen hinweg in die Sehensweise der Menschen von
35
damals zu versetzen, die seit Jahrhunderten in kleinen, teils
mehrsprachigen Territorien an der romanisch-germanischen Kontaktzone
in der Regel friedlich zusammenlebten. Diese Gebiete waren zu klein,
um Sprachfanatismen entstehen zu lassen... Als Mundart blieb diese
Sprache bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in der westeuropäischen
Kernregion um Aachen-Limburg die Alltagssprache aller Gesell-
schaftskreise.» (Bd. 2, S. 9)
Daneben liegt ihm die Schärfung des geschichtlichen Bewusstseins
und die Schaffung eines geschichtlichen Selbstbewusstseins am Herzen.
Beides versteht er so, dass Neu- und Altbelgien sich nicht auseinander
dividieren (lassen), sondern sich ihrer gemeinsamen historischen Wurzeln
bewusst sein sollen. ‚Er spürt intuitiv, die uralte Sprache ist die Nervatur
in dieser Landschaft. Sie bildet ein Ausgabe zwischen den Menschen, einen
Bund, über die Grenzen hinweg.‘ (Bd. 2, S. 8)
24. Derwahl (Jahrgang 1946) konstruiert seinen ‚Ostbelgienroman’
um das Thema der Heimatsuche seiner Hauptperson. In verschiedenen
Episoden zeichnet er durchaus realistische, aber durchweg
desillusionierende Bilder von einer Heimat, die er nicht definiert, sondern
abgestuft als Eupen, Deutschsprachige Gemeinschaft, Ostbelgien (inkl.
Aachen) und ganz Belgien zu erkennen gibt, wobei insbesondere
Sprachgrenzen für seinen Helden kein Hindernis darstellen. ‚Erlösung”
findet dieser letztlich dann auch nicht an einem Ort, sondern bei einem
liebenden bzw. geliebten Menschen (s. auch hiernach).
c) Perspektiven für das ostbelgische Grenzland
25. Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen ist sicher möglich,
zumindest auf theoretischer Ebene. Schwieriger ist es jedoch, diese
Erkenntnisse - und das von den Historikern beschworene Geschichts-
bewusstsein - so in den Menschen zu verankern, dass es nicht bei
Buchwissen bleibt, sondern wirklich etwas bewirkt bzw. verändert wird.
Deshalb soll im Folgenden auch versucht werden, aus den bisherigen
Überlegungen und den besprochenen Büchern Erkenntnisse abzuleiten,
welche die Menschen unmittelbarer ansprechen und eine
zukunftsorientierte Perspektive unterstützen. |
26. Darunter ist im einzelnen Folgendes zu verstehen:
* Nicht ein System oder eine Ideologie, sondern das Zusammenleben
der Menschen muss den Dreh- und Angelpunkt der Vergangenheits-
bewältigung und der darauf beruhenden Überlegungen darstellen.
36
Die Säuberung als staatliches Maßnahmenbündel ist deshalb nur ein
Aspekt der Vergangenheitsbewältigung ebenso wie der Krieg und seine
Folgen nur ein Teil der Geschichte sind. Das Verhältnis Bürger-Staat ist
zwar von Bedeutung, aber die ostbelgischen Historiker (und Politiker)
neigen dazu, es zu Lasten des Umgangs der Menschen miteinander
überzubewerten.
* Die Diskussionen über die ‚ostbelgische’ oder , deutschsprachige”
Identität leiden nicht nur daran, dass sie von Politikern geführt werden
(oder mit politischen Absichten), sondern auch darunter, dass die
Historiker sich davon zu sehr haben ‚überwältigen’ lassen. Geschichte
ist jedoch mehr als politische Geschichte, und die Frage der Identität
geht deutlich darüber hinaus, ob man belgisch, deutsch, deutschbelgisch, ”
deutschsprachig, kulturdeutsch, belgisch deutscher Abstammung oder
wie auch immer ‚ist’. Entscheidend ist, welche konkreten Inhalte mit
diesen Bezeichnungen verbunden sind. Dieser Aspekt wird bisher zu
Unrecht weitestgehend ignoriert.
* Es darf nicht nur das zur Sprache kommen, was schlecht war und
falsch gelaufen ist. Menschen mögen auch aus Fehlern lernen, vor allem
aber lernen sie gerne von dem, was gut funktioniert (hat). Daher ist eine
Besinnung auf das Positive, auf die Stärken und Gemeinsamkeiten
unabdingbar und nicht nur eine kritische Aufarbeitung vergangener
Probleme.
* Es muss eine Betrachtung gewählt werden, die auch am relevanten
Lebensraum, an den tatsächlichen Lebens- und Sprachgemeinschaften
ansetzt. Den beiden Romanen von Derwahl und Wintgens gemeinsam
ist die Erkenntnis, dass Lebensräume zunächst einmal ein sowohl
zeitliches als auch räumliches Kontinuum darstellen, das sich aus
zahlreichen Einzelkomponenten - Lebensbereichen, Menschen,
Ereignissen - zusammensetzt. Sie weisen darauf hin, dass die Lebenswelt
der Menschen sich - zumindest in einer Vergangenheitsperspektive (zur
Zukunft s. Abschnitt D) sich nicht auf ein enges Heimatterritorium
beschränkt hat. Deshalb darf die Betrachtung sich nicht auf die
deutschsprachige Gemeinschaft beschränken, sondern sollte zunächst
einmal auch die altbelgischen deutschsprachigen Gemeinden, den
deutschen Grenzraum und den Südteil von Holländisch-Limburg mit
einbeziehen (s. auch oben die Definition des ostbelgischen Grenzlands).
(Ob sich dies als sinnvoller Ansatz erweist, wird im Abschnitt C
untersucht.)
37
* Entsprechend sollte auch der Betrachtungszeitraum zurückverlegt
werden in eine Zeit der ‚friedlichen Koexistenz’ vor dem ersten Krieg,
deren Kenntnis überhaupt erst den Vergleich mit dem ermöglicht, was
später geschah.
C. Grundelemente einer geschichtsbewussten Zukunftsgestaltung
27. Aus den besprochenen Werken kann man vier Anregungen ableiten,
die als gedankliche Grundelemente einer ‚inhaltlichen Zukunftsgestaltung
mit historischer Fundierung’ im hiervor erörterten Sinne bezeichnet
werden können und die im Abschnitt 1) konkretisiert werden.
Verständigung und Verständnis
28. Aus allen drei Werken ergibt sich die Grunderkenntnis, dass das
(friedliche) Zusammenleben der Menschen Verständigung erfordert: Wo
keine Kommunikation stattfindet, wo keine Kenntnis durch Information
und (Schul-)Bildung vermittelt wird, wird es keine Verständigung geben,
und damit auch kein gegenseitiges Verständnis. Und was für den Einzelnen
gilt, trifft gleichermaßen auf Gruppen und politische Einheiten zu.
Bei Wintgens ist die zwischenmenschliche (individuelle und soziale)
Kommunikation Leitthema seines Romans. Derwahl thematisiert dies
nicht ausdrücklich, aber das Miteinanderreden der Personen (oder auch
die Kommunikationsverweigerung) spielt in weiten Teilen seines Ro-
mans eine wichtigere Rolle als die Handlung. Für seinen Helden sind die
Sprach- und Staatsgrenzen im Übrigen kein Hindernis auf seinem
Entwicklungsweg.
Auch Lejeune teilt diese Überzeugung (z. B. Bd. 2, S. 262), und er
beklagt ausdrücklich die mangelnde Bildung und die z. T. bis heute
fortdauernde Kommunikationsverweigerung der Menschen in der
Zwischenkriegszeit und heute hinsichtlich ihrer Vergangenheit (Bd. 1,
S.36,Bd.2, S. 127, 173). Ebenso moniert er die jahrzehntelange Ignoranz
insbesondere der belgischen Behörden bzgl. des Grenzlandes, die
ebenfalls dazu beigetragen habe, dass falsche Entscheidungen (oder gar
keine) getroffen wurden (z. B. Bd. L, S. 66 ff, 127 ff, 168, Bd. 2, S. 24.
48 ff, 194, 259). Zudem bedauert er, dass es keine hundert Flamen,
Wallonen und Brüsseler gibt, die sich auch nur eine annähernd exakte
Vorstellung von der Geschichte der heutigen Gemeinschaft machen
können und die Minderheit der Deutschsprachigen im Landesinnern nach
wie vor die unbekannte Region ist, die zudem unter Klischeevorstellungen
leide (Bd. 2, S. 16, 260-261).
38
29. Mit letzterer Feststellung gibt Lejeune eine weit verbreitete
Überzeugung wieder, welche zudem den Eindruck nährt, die Menschen
des Grenzlands seien auch ‚Opfer’ der Ignoranz der anderen. Die
Feststellung mag faktisch stimmen, aber sie gibt ein problematisches
Verständnis von Kommunikation und Kenntnis wieder, nämlich dass es
Aufgabe der anderen sei, sich zu informieren und zu kommunizieren.
Gleichzeitig muss man sich nämlich fragen, wie viele Ostbelgier sich
eine Vorstellung von der Geschichte von Turnhout, Arlon, Fouron oder
Brüssel machen können. Warum aber sollten die anderen Belgier sich
denn mehr für die ostbelgischen Grenzlandbewohner interessieren als
diese sich für sie?
Verständigung ist ein aktiver Prozess, der auch eigenen Einsatz
erfordert, um Kommunikationsbarrieren zu überwinden und Kenntnis-
lücken zu schließen. Welche Folgen dies für die institutionelle und indi-
viduelle Kommunikation haben sollte, wird im Abschnitt D erörtert.
In einer historischen Perspektive ist anzumerken, dass Kommunikation
lange Zeit immer unmittelbar und persönlich war, so auch in der Zeit, als
die Menschen im heutigen Grenzland friedlich miteinander verkehrten
und sich keine Gedanken über politische Zugehörigkeiten machten bzw.
machen mussten, und als der ideologische Überbau nicht den Blick für
das Wesentliche verstellte, nämlich das friedliche Zusammenleben
(solange die Potentaten dies zuließen). Erst Schulbildung und die Existenz
von Zeitungen haben Möglichkeiten geschaffen, darüber hinaus
Verständigung und Verständnis zu fördern, aber eben auch (bewusst oder
nicht) zu behindern oder irrezuleiten.
Es würde zu weit führen, diesen Aspekt hier zu vertiefen. Zum
Zeitungswesen sei auf eine aktuelle Publikation verwiesen!?. Zur Bildung
und zum Schulwesen gibt es zahlreiche Einzelfeststellungen!®, aber noch
keine umfassende Untersuchung, so wünschenswert dies auch wäre. Zur
diesbezüglichen Nachkriegssituation liefern im übrigen die Romane von
Wintgens und Derwahl aufschlussreiche Einblicke aus erster Hand.
Historische Zugehörigkeit oder Heimat?
a) Die Zugehörigkeitsfalle
30. Der übliche Umgang mit der Frage der Identität der
Deutschsprachigen Gemeinschaft und allem, was damit zusammenhängt
” SS. Zwei Jahrhunderte deutschsprachige Zeitungen in Ostbelgien, Eupen 2007
13 Auch in den Werken von Lejeune und Lejeune/Cremer/Fickers
39
(wie z. B, ob ein bestimmtes Verhalten bzw. eine bestimmte Gesinnung
in der Vergangenheit rechtens oder zumindest nachvollziehbar war) -
zumindest aus der historischen Perspektive - besteht darin, durch eine
Deutung der Geschichte eine politisch-,staatliche’ Zugehörigkeit zu
Belgien oder Deutschland (bzw. ihren Vorgängern) zu ermitteln. Wie
bereits oben ausgeführt, ist dieser Ansatz wenig fruchtbar. Zum einen
lässt sich so nichts beweisen, sondern allenfalls aufgrund der Wertung
bestimmter Umstände behaupten. Zum anderen dient diese
Herangehensweise nicht der Vergangenheitsbewältigung, sondern immer
nur der Legitimation jeweils aktueller Zustände oder der Begründung
von Forderungen zur Änderung der jeweiligen Lage. Sie trägt also nichts
Inhaltliches zur Zukunftsgestaltung bei.
Es ist also ein anderer - inhaltlich orientierter - Zugang zu dieser
Fragestellung erforderlich, denn nur dieser ist in der Lage, diese
‚Zuordnungsdiskussion’ zu überwinden.
b) Der Heimatbegriff
31. Als erster Ansatz für eine inhaltliche Annäherung soll der Begriff
der ‚Heimat’ gewählt werden, da er in hohem Maße dazu beitragen
kann, Identität zu stiften und eine Grundlage für eine gemeinsame
Zukunftsvision zu bilden. Es soll allerdings nicht der Versuch
unternommen werden, diesen sehr vielschichtigen Begriff theoretisch
zu deuten, sondern zu ergründen, was die Menschen im ostbelgischen
Grenzland als ‚Heimat’ betrachten bzw. betrachtet haben. Stellvertretend
für diese sollen die hier besprochenen Bücher im Sinne einer Ideenfindung
daraufhin untersucht werden, welches Verständnis der ostbelgischen
Grenzland-,Heimat’ sie nutzen oder zum Ausdruck bringen.
32. Lejeune verwendet den Begriff nicht, sondern sein territorialer
Untersuchungsgegenstand sind die ehemaligen Kreise Eupen-Malmedy.
Diese Eingrenzung ist aus wissenschaftlichen Gründen nachvollziehbar,
aber sie bringt implizit ein ‚Heimatverständnis’ zum Ausdruck, das an
der politischen Zuordnung orientiert ist und bereits oben kritisiert wurde.
Bei Derwahl hingegen dient die Heimatidee als Leitfaden des Ro-
mans'*, Inhaltlich aber bleibt der Begriff bei ihm unbestimmt (s. z. B. S.
'#* Derwahl S. 228 : Das eigentliche Problem hatte eine tiefenpsychologische Dimen-
sion. ‚Diese war unheimlich, weil sie viel mit ‚Heimlichkeit’ zu tun hatte. Heim ins
Reich oder daheim im Königreich, so hieß die Alternative. Da sie jedoch heftig bewegte,
in der Öffentlichkeit nicht angesprochen wurde, konnte sie auch nicht geklärt werden...
Es tobte ein Luftkrieg um verweigerte Antworten nicht gestellter Fragen.’
40
101, 131-132, 167-168, 171, 293-294). Sein heimatsuchender Held findet
hierfür keinen (befriedigenden) konkreten Ansatz, und letztlich rettet er
sich in einen übertragenen Heimatbegriff. Implizit allerdings überwindet
Derwahl in seinem ‚Ostbelgienroman’ die Sichtweise, dass es nur um
die Deutschsprachige Gemeinschaft gehe und das Leben sich nur hier
abspiele, d. h. sein Lebensraumbegriff geht deutlich über die Heimatstadt
Eupen hinaus. Im Gegensatz zu Derwahl verwendet Wintgens den Begriff
nicht ausdrücklich, aber er lässt seine Hauptperson Heimat (er)leben und
letztlich finden. Dabei gibt es sicher auch einen örtlich-regionalen bzw.
lokalen Bezug, aber wie bei Derwahl überwindet die Hauptperson
(zumindest in Richtung Belgien) diese engen Grenzen der Heimat. Bei
beiden ist auch ersichtlich, dass das Leben der Bevölkerung in dieser >
Zeit sich nicht nur in der näheren Heimat abspielt, sondern ein Austausch
sowohl auf der Nord-Süd- als auch auf der Ost-West-Achse stattfindet.
Vor allem aber erkennt bzw. konkretisiert Wintgens Heimat in der
Sprache: Das miteinander Sprechen über alle persönlichen und politischen
Sprachbarrieren hinweg ist nicht nur sein Anliegen, sondern sein Instru-
ment, Heimat zu schaffen, vor allem wenn es darum geht, sich im
heimatlichen Dialekt auszudrücken.
c) Die ‘weitere’ Heimat
33. Es ist aus heutiger Sicht schwer zu ermitteln, welches
Heimatverständnis die Menschen früher besaßen und in wiefern sich
dieses von einem nationalen Zugehörigkeitsgefühl unterschied (sofern
es letzteres überhaupt gab). Ersatzweise soll deshalb darauf abgestellt
werden, welche Heimat sie ‚lebten’, d. h. in welchem regionalen Umfeld
sie ihr Leben verbrachten.
Obschon die Menschen früher weitaus weniger mobil waren als heute,
darf man nicht unterschätzen, wie stark der ‚interregionale’ Austausch
durch Wanderarbeiter, ‚Saisonhelfer’, Händler, Dienstpersonal und
Heirat war. Dies gilt sowohl für die Nord-Süd-Ausrichtung (nicht nur
zwischen Eifel und Eupener/Aubeler Land, sondern auch zwischen
Südlimburg (NL) und den belgischen Grenzgemeinden) als auch in
Richtung Osten und Westen (Austausch sowohl mit Aachen als mit
Lüttich, Austausch Alt- und Neubelgien).
Je nach Anlass dürfte ein Umkreis von bis zu 50-80 km um den
jeweiligen Wohnort als der Bereich angesehen werden, in dem die
Menschen sich bewegten!*.» Darüber hinaus hat es auch echte
'5_ Dieser Radius hat sich entsprechend der Entwicklung des Verkehrswesens natürlich
vergrößert.
41
weitergehende Emigration und Immigration gegeben, letztere z. B. in
Eupen zur Zeit der Blüte der Textilindustrie sowie in Kelmis (nicht nur,
aber insbesondere) in der Zeit als Neutral-Moresnet.
34. Ob dies zu einem echten Heimatverständnis geführt hat, mag dahin
gestellt bleiben. Zweierlei kann man jedoch feststellen: Zum einen war
dies trotz sprachlicher Unterschiede möglich, zum anderen hat es zu einem
kulturellen Austausch geführt, der zwar keine Einheitlichkeit zur Folge
hatte, wohl aber gegenseitiges Kennen und Verstehen.
Man kann auch sagen, dass die im 19. Jahrhundert gezogenen
staatlichen Grenzen an diesem freien Austausch über die Staatsgrenzen
hinweg zunächst einmal nichts geändert haben (auch wenn die Aufteilung
des ostbelgischen Grenzlandes auf verschiedene Staaten durch den Wie-
ner Kongress zumindest im Wirtschaftsbereich eine Ausrichtung auf den
jeweiligen Heimatmarkt erzwangen). Erst die kriegerischen Aus-
einandersetzungen des 20. Jahrhunderts haben zu Grenzschließungen und
Abschottung geführt.
Dieses weitere Heimat-Verständnis im Sinne eines ostbelgischen
Grenzraums, unmittelbar zu ergänzen durch Altbelgien, aber im weiten
Sinne auch Verviers, Lüttich, Aachen und Süd-Holländisch-Limburg, soll
in der hier behandelten historischen Perspektive als Grundlage dafür
dienen, den Blick nicht auf den Lebensraum zu beschränken, der heute
vielleicht gängig ist, sondern jenen zu berücksichtigen, der das
Selbstverständnis unserer Vorfahren prägte, um auf dieser Basis für eine
Zukunftsgestaltung brauchbare gemeinsame Merkmale zu ermitteln.
Einheitlichkeit oder Zusammengehörigkeit
35. Wenn man von dem hiervor beschriebenen weiten
Heimatverständnis ausgeht und dort nach Gemeinsamkeiten sucht, muss
man zwei wesentliche Denkhürden überwinden bzw. darf sie erst gar
nicht errichten:
a) Zusammengehörigkeit trotz Grenzen ‘
36. Das friedliche Zusammenleben von Menschen ist zum einen nur
möglich, wenn sie eine Zusammengehörigkeit verbindet, die sich zwar
aus der Zugehörigkeit zu einem Staatsgebilde ergeben bzw. damit
übereinstimmen kann, aber eben nicht muss.
Diese Zusammengehörigkeit ist historisch gewachsen und hat auch
nach der Staatenbildung nicht an den Grenzen halt gemacht. In einer
historischen Perspektive wäre also zu prüfen, wie die im Herzogtum
42
Limburg (und dem unmittelbaren Umland) bestehende
Zusammengehörigkeit sich nach der mehrfachen Teilung, beginnend mit
der Gebietsreform Napoleons, weiter entwickelt hat und welche Rolle
sie heute noch spielt. Grundlagen hierfür wären sprachliches Verstehen
(s. auch hiernach) sowie familiäre, geschäftliche und arbeitsmäßige
Ausgabee!®,
Der zugegebenermaßen persönliche Eindruck hierbei ist, dass die
Menschen sich viel weniger um die politischen und sprachlichen
Trennungen, Aufteilungen und Spaltungen kümmern, sofern man sie sich
in Frieden und ohne ideologische Beeinflussung entfalten lässt.
Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass diese Zusammengehörigkeit
in den letzten 50 Jahren vor allem im Verhältnis zu den östlichen und’
westlichen Nachbarn gelitten hat. Dennoch wäre es ein fruchtbarer Ansatz,
auf diese Zusammengehörigkeit - von gegenseitiger Akzeptanz bis hin
zu echten Gemeinsamkeiten - zu setzen und diese zu fördern statt - wie
heute üblich - in erster Linie das Trennende und Unterscheidende zu
sehen und zu thematisieren.
b) Mythos der Einheitlichkeit
37. Wenn man diesen Ansatz wählt, kann und sollte man zum anderen
zugleich das in vielen Köpfen vorhandene Bild einer notwendigen
Einheitlichkeit aufgeben: Norden und Süden dieses Grenzlandes haben
verschiedene historische und kulturelle Wurzeln, und obschon seit jeher
ein gewisser Austausch bestand, haben beide Gebiete - Eupener/Aubeler
Land und Eifel - unterschiedliche Mentalitäten entwickelt (s. auch
Derwahl S. 231-232, ansatzweise Lejeune Bd. 2, S. 40). Selbst innerhalb
der Gebiete gibt es kulturelle Unterschiede, die bis heute fortwirken (als
Beispiel möge man nur Eupen und Kelmis vergleichen).
Hüten muss man sich jedoch davor - und dieser Gedanke ist
entscheidend -, aus Unterschieden Gegensätze abzuleiten. Die Lehren
aus der weiteren Vergangenheit des Grenzlands zeigen, dass die Menschen
mit diesen Unterschieden ohne weiteres leben konnten. Erst die
Staatenbildung und vor allem ihr ideologischer Überbau haben dazu
geführt, das Zusammenleben zu erschweren und aus der Verschiedenheit
ein Zusammengehörigkeitshindernis oder gar einen Streitanlass zu
machen (s. hiernach).
'6 Entsprechendes gilt für die Gebiete südlich des Venns.
43
Die Sprache: Streitgrund oder Bindeglied?
38. Im Zentrum vieler Auseinandersetzungen steht direkt oder indirekt
die Sprache. Es mag deshalb zunächst verwundern, die Sprache und
Sprachverschiedenheit als Ausgangspunkt für Überlegungen zur
Zukunftsgestaltung zu wählen: Sind nicht Sprachengrenze und
Sprachenstreit, Assimilationspolitik und Autonomiebestreben der Beweis
dafür, dass die Sprache den eigentlichen Problemauslöser darstellt?
Gerade weil die Sprache aber eine so wichtige Rolle spielt, kann es
keine tragbare Zukunftsgestaltung gehen, welche diesem Aspekt nicht
gebührend Rechnung trägt.
39. Die Sprachenfrage ist in der Tat ein vielschichtiges Problem: Seit
jeher hat es die Sprache der Obrigkeit gegeben, die oft nicht die Sprache
des Volkes war. Da die meisten Territorialeinheiten jedoch vielsprachig
waren, gab es oft keine andere Möglichkeit, als eine ‚amtliche’ Sprache
durchzusetzen, wobei diese oft auch nicht wirklich standardisiert war.
Dies war in erster Linie ein praktisches Problem und kein
ideologiebeladenes Herrschaftsinstrument (wenn man von der Tatsache
absieht, dass die Sprache der Herrschenden oft bewusst eine andere war
als die des Volkes). In der Bevölkerung wurde Multilingualität als sim-
ples Faktum hingenommen, ohne dass hieraus politische Zugehörigkeiten
oder Loyalitäten abgeleitet wurden!”.
Die entscheidende Wende erfolgte hier mit der an Sprach-
gemeinschaften orientierten Staatenbildung, bei der bis heute zumindest
in Europa die Idee vorherrscht, das Staatsgebiet solle möglichst sprachlich
homogen sein. Folge war und ist, dass der Umgang der Staaten mit
Minderheitssprachgruppen unterschiedlich, in den wenigsten Fällen
jedoch ‚auf freiwilliger Basis’ großzügig ausfällt. Dies gilt auch für das
neu entstandene Belgien, in dem nicht nur die Flamen lange für ihre
sprachliche Gleichberechtigung kämpfen mussten, sondern auch die
Deutschsprachigen in den altbelgischen Gemeinden immer wieder
versucht haben, Sprachenrechte durchzusetzen'®, In all diesen Fällen ging
es jedoch in erster Linie um das Verhältnis des Volkes zur Obrigkeit. Bis
zum Ersten Weltkrieg spielten im Grenzland sprachliche Differenzen
innerhalb der Bevölkerung hingegen keine Rolle.
17 Dies gilt auch für Gebiete, die später den belgischen Staat bilden sollen: J. Koll, Die
belgische Nation, Münster 2003, S. 387-391.
!s_ $. B. Bergmans, Die rechtliche Stellung der deutschen Sprache in Belgien, Louvain-
la-Neuve, 1986, 1. Kapitel.
44
Erst die Gleichsetzung der deutschen Sprache mit dem Verhalten der
deutschen Aggressoren in beiden Kriegen hat dies geändert: Sie hat nicht
nur zur Assimilationspolitik der Obrigkeit geführt'”, sondern auch dazu,
dass viele Menschen im Grenzland sich ihrer Sprache geschämt und
freiwillig einen Sprachwechsel vollzogen haben, oder aber durch ihr
Umfeld dazu genötigt wurden. Und bis heute ist es aufgrund dieser
Umstände nicht möglich, unbefangen mit dieser Frage umzugehen. Diese
Opposition Deutsch-Französisch ist jedoch nicht nur neueren Datums,
sondern auch nur eine Seite der Medaille. Denn viele Menschen sprachen
früher den jeweils örtlichen Dialekt, den man insgesamt durchaus als
eigenständige Sprache bezeichnen kann, (auch wenn dies sprachwissen-
schaftlich nicht haltbar ist). Und es war (und ist) keineswegs so, dass nur
Deutschsprachige diesen Dialekt beherrschten. Viele Frankophone
sprachen z. B Platt und Französisch, aber kein Hochdeutsch, so wie dies
insbesondere in Altbelgien und Kelmis bis heute der Fall ist. Dieser
Dialekt bzw. diese Dialekte (die auch in Holländisch-Limburg ohne
weiteres verstanden werden) sind also das eigentliche sprachliche
Bindeglied zwischen den einfachen Menschen gewesen (s. auch Wintgens,
Bdu23:8%8-9):
D. Schlussfolgerungen
40. Die hier angesprochene Thematik ist zu weit, als dass man hieraus
umfassende und abschließende Schlussfolgerungen ziehen könnte. Hierzu
wären weitere, insbesondere empirische Untersuchungen erforderlich.
Deshalb soll versucht werden, aus den bisherigen Überlegungen konkrete
Empfehlungen für eine Zukunftsgestaltung abzuleiten, die als
Zwischenfazit anzusehen sind.
Diese richten sich in erster Linie an die Verantwortungsträger in den
Gemeinden und der Deutschsprachigen Gemeinschaft, aber auch an die
Verantwortlichen in den Pfarren, Schulen und Vereinen, die einen nicht
weniger wichtigen Beitrag in diesem Zusammenhang leisten können.
Schließlich ist jeder einzelne gefordert, seine individuelle Position zu
bestimmen und persönliche Zukunft in diesem Kontext zu gestalten.
'? Hier hat das Schulwesen eine besondere Rolle gespielt: s. Lejeune, Bd.. 2, S. 226 ff,
und Lejeune, Der lange Weg zum lebensbegleitenden Lernen, in Lejeune/Cremer/
Fickers (Fn 1), S. 49 ff.
46
Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass Vergangenheitsbewältigung
vor allem für die politischen Instanzen problematisch zu sein scheint,
nicht (oder weitaus weniger) für das Volk. Dieses hat zur Frage der
historischen und aktuellen Zugehörigkeit eine weitaus pragmatischere
Sichtweise, die letztlich auch hei den ostbelgischen Parteien längst Einzug
gehalten hat, so dass man die nach außen getragenen unterschiedlichen
Sichtweisen vor allem als politische Scharmützel betrachten muss (s.
auch hiernach).
43. In diesem Beitrag ist der Versuch unternommen worden, diese
Ebene zu überwinden und Ansatzpunkte für eine inhaltliche
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu erarbeiten, die zugleich ”
Grundlagen für die Zukunft bilden können. Denn die beste Form der
Vergangenheitsbewältigung ist eine aktive Zukunftsgestaltung. Diese
kann sich selbstverständlich nicht nur an der Historie orientieren, aber
es wäre töricht, Letztere außer Acht zu lassen.
Es wäre jetzt Aufgabe der ostbelgischen Intellektuellen, den
angemahnten konstruktiven Umgang mit der Geschichte in der hier
beschriebenen Zielrichtung zu verwirklichen? und damit den Blick für
die wirklichen Zukunftsprobleme frei zu machen.
44. Die Frage des Selbstverständnisses bzw. der Identität der
Deutschsprachigen Gemeinschaft und ihrer Einwohner leidet zum einen
unter Missverständnissen, zum anderen an den Spätfolgen der
Vergangenheitsbewältigung.
Zunächst setzt sie voraus, dass es eine Identität gibt oder zumindest
geben könnte oder gar sollte. Dabei scheint der politische Wunsch Vater
des Gedankens zu sein. D. h. diese Identität wird eigentlich nur benötigt,
um die rechtlich-politische Autonomie zu zementieren. Darin
unterscheidet sich dieses Ansinnen nicht von den Bemühungen anderer
Staaten früher und heute, die meist in einen mehr oder weniger
ausgeprägten Nationalismus oder Patriotismus münden. ‚Dummerweise’
ist letzteres in der Deutschsprachigen Gemeinschaft angesichts der
neueren Geschichte problematisch, so dass man auf die weiter
zurückliegende Geschichte ausweicht und auf dieser Grundlage
zumindest eine Zugehörigkeit zu Belgien zu beweisen (oder widerlegen)
versucht.
2? Das Buch von Lejeune/Cremer/Fickers (Fn 1) enthält z.B. auch solche Beiträge.
47
Wenn man darüber nachdenkt, was man aus der Diskussion über die
historische Zugehörigkeit lernen kann, muss man jedoch einsehen, dass
die Vergangenheit nichts beweisen kann. Und ebenso wenig sollte sie
dazu verleiten, Denkhürden oder -schranken zu errichten, die die
Zukunftsgestaltung in ein Vergangenheitskorsett zwängt (s. auch
Abschnitt C).
45. Eine solche Denkhürde ist insbesondere die Annahme, die jetzige
Deutschsprachige Gemeinschaft sei ein relevanter Lebensraum, für den
man eine Identität ‚finden’ könne. Wie hiervor ausgeführt, ist aber die
Gemeinschaft nicht nur selber nach innen nicht einheitlich, sondern auch
nach außen in dieser Form nicht sinnvoll abgrenzbar. Nur wenn man
dies akzeptiert, wird man auch auf der inhaltlichen Ebene einer möglichen
Identität näher kommen.
Dann wird man nämlich feststellen, was bei nüchterner Betrachtung
selbstverständlich erscheint: Dass sich in diesem Grenzland wie bei allen
politisch-kulturellen Grenz- oder Übergangsregionen Einflüsse aller
Nachbarn vermischen. In welcher Form dies geschieht, wäre eine wirklich
lohnenswerte Forschungsaufgabe und die einzige, die wirklich eine
inhaltliche Antwort auf die Frage der Identität gehen kann. Wie Letztere
aussehen könnte, und ob es überhaupt ausgeprägte und konstante
Besonderheiten gibt, wird sich dann zeigen müssen”,
Bei diesem Unterfangen sollte man sich jedoch immer vor Augen
halten, dass dies letztlich eine politisch motivierte Unternehmung ist,
wie sie typisch ist für alle politischen Einheiten, die an ihrem ‚nation
building’ arbeiten. Ein (naheliegender, aber bisher offenbar nicht
vollzogener) Vergleich mit Luxemburg würde im übrigen zeigen, dass
solche Identitätsfindungsprozesse lange dauern können und immer von
unterschiedlichen Interessen der beteiligten Parteien geleitet sind.
Interessant an diesem Beispiel ist im Übrigen, dass dort die eigene Sprache
(die ursprünglich auch nur als minderwertiger Dialekt abgetan wurde)
eine wichtige Rolle gespielt hat“.
Es wäre also verwunderlich, wenn sich für die Deutschsprachige
Gemeinschaft so ohne weiteres eine Identität finden bzw. definieren ließe,
die zudem noch in der Lage wäre, sie von den Nachbarn abzugrenzen.
Man denke dabei nur an den großen Anteil Französischsprachiger in
23 Lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch: Wer bist Du? Neue Blicke auf
Ostbelgien, Eupen 2003.
% S. z. B. D. Spizzo, La nation luxembourgeoise. Genö&se et structure d’une identite,
Paris 1995, insbesondere S. 275 ff.
48
Kelmis und den noch größeren Anteil deutscher Staatsangehöriger in
der Gemeinde Raeren.
Unter dem hier behandelten Blickwinkel der Zukunftsgestaltung ist
es schließlich sehr fraglich, ob es überhaupt sinnvoll ist, einer möglichen
Identität eine solche Bedeutung beizumessen. Denn zum einen läuft man
Gefahr, einen Teil der Bevölkerung auszugrenzen, vor allem aber stellt
es zum anderen einen Versuch dar, sich demonstrativ von den Nachbarn
abzugrenzen, und dies kann im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens
in historischer Perspektive nur als problematisch betrachtet werden (in
diesem Sinne auch Lejeune, Bd. 1 , S. 219).
Deshalb wird hier auch die Auffassung vertreten, dass
Zusammengehörigkeit und Akzeptanz von Vielfalt die entscheidenden |
Grundlagen für das zukünftige Zusammenleben darstellen sollten (ähnlich
auch Lejeune, Bd. L, S. 21) (zur Sprache s. hiernach).
46. Die Sprache bildet die wesentliche Grundlage für das
Zusammenleben der Menschen (und für die Existenzberechtigung der
deutschsprachigen Gemeinschaft), so dass sie auch im Mittelpunkt der
größten Auseinandersetzungen steht, zumal sie hier meist stellvertretend
für eine staatliche Affinität oder politisch-ideologische Überzeugung steht.
Um dieses Problem des Antagonismus Deutsch-Französisch
konstruktiv zu lösen, gibt es nur zwei Möglichkeiten:
Zum einen die Förderung des regionalen, von beiden Seiten
gesprochenen Dialekts.
Das Beispiel von Kelmis (und in geringerem Maße einiger altbelgischer
Gemeinden) zeigt, dass dies ein Bindeglied von großer Bedeutung sein
kann. Allerdings muss man realistischerweise erkennen, dass durch die
Schulen, Medien usw. die Dialektkenntnis in den letzten Jahrzehnten
drastisch nachgelassen hat und dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass
dieser Trend umgekehrt werden könnte.
Dennoch wäre auch eine symbolische Anerkennung bzw.
Unterstützung dieser Sprache (nicht nur im Rahmen der Kulturförderung,
sondern als politisches Instrument) eine sinnvolle Maßnahme. Dabei muss
man nicht so weit gehen wie Luxemburg, das Luxemburgisch zur
Nationalsprache erhoben hat, aber es wäre hilfreich zu erkennen, wie
unsere südlichen Nachbarn mit dieser Frage der Zwei- bzw.
Dreisprachigkeit umgegangen sind.
Zum anderen die Förderung der Zweisprachigkeit auf beiden Seiten
der ‚Sprachgrenze’.
49
Denn wenn Kommunikation die Grundlage des friedlichen
Zusammenlebens darstellt (s. 0.), dann setzt dies voraus, dass man die
Sprache des anderen zumindest versteht, möglichst auch aktiv beherrscht.
Auch hier stehen Reminiszenzen an die Assimilationspolitik im Wege,
die insbesondere das Schulwesen lange Zeit instrumentalisiert hat. Heute
scheint es so, als seien die Fremdsprachenkenntnisse der Schulabgänger
auf beiden Seiten schlechter denn je. Wenn man dann noch
hinzurechnet, dass das Studium immer öfter in Deutschland absolviert
wird und damit nicht nur die Sprachkenntnisse, sondern auch die Kenntnis
Belgiens überhaupt abnimmt”, dann mag man dies aus politischer Sicht
als vertretbares Resultat der Autonomiepolitik betrachten. Für eine an
Gemeinsamkeiten orientierte Zukunftsgestaltung ist es jedoch eindeutig
ein Hindernis.
Letztlich stellt die Existenz der Deutschsprachigen Gemeinschaft selbst
in gewisser Hinsicht ein Problem für die hier propagierte Sicht- bzw.
Handlungsweise dar. Denn eine ausschließlich an der Deutschsprachigkeit
als Autonomiegrundlage orientierte Selbständigkeit lebt per Definition
vom Gegensatz zum Französischen und Niederländischen. Um so
wichtiger ist es, den Willen bzw die Bereitschaft zur Mehrsprachigkeit
in der Bevölkerung wach zu halten bzw. zu fördern.
Maßnahmen
47. Welche konkreten Maßnahmen können zu einer
geschichtsbewussten Zukunftsgestaltung beitragen? Dies auszuarbeiten
und auf die Umsetzungstauglichkeit zu prüfen würde einen eigenen
Beitrag rechtfertigen. Auf der Grundlage der vorstehenden Überlegungen
seien beispielhaft folgende erwähnt:
* Orientierung der Geschichtsforschung und des Geschichts-
unterrichts in Richtung einer ‚volksnäheren’ Untersuchung bzw.
Darstellung der neueren Regionalgeschichte (nicht nur die der
Deutschsprachigen Gemeinschaft) ohne Tabus, aber auch ohne einfache
(einseitige) Wertungen, wobei die politische Geschichte durch Kultur-
und Sozialgeschichte zu ergänzen ist,
* Förderung der dialektsprachigen Kulturarbeit,
* Förderung der Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit (ganz im Sinne von
Wintgens (Bd. 2, S. 12): ‚Etes-vous germanophone ou francophone? Je
suis polyphone!” ),
235 Auch die Abschaffung der Militärdienstpflicht wirkt in die gleiche Richtung.
SO
* Förderung des Schul- und Vereinsaustauschs.
Wichtig ist dabei, dass der Austausch nicht nur mit den Nachbarn im
Westen erfolgt, sondern mit allen Nachbarn, und dass Maßnahmen nicht
nur seitens der Deutschsprachigen Gemeinschaft erforderlich sind,
sondern auch jenseits der Sprach- bzw. Staatsgrenzen. Hier ist es Aufgabe
der politisch Verantwortlichen, dies anzustoßen.
Schließlich sollten die Verantwortlichen der Deutschsprachigen
Gemeinschaft es unterlassen, sich weiter in Grabenkämpfe probelgisch-
prodeutsch einzulassen oder wie auch immer historisch aufbereitete
Argumentarien zur Selbstrechtfertigung zu verwenden, denn damit nähert
man sich einem Diskussionsniveau, wie es in der Zwischenkriegszeit
bestanden hat. Über das politische Schicksal der Gemeinschaft wird”
ohnehin nicht in Eupen entschieden, und diejenigen, die diese
Entscheidungen treffen, werden sich von keinerlei geschichtlichen
Aspekten leiten lassen.
Für die Deutschsprachige Gemeinschaft und die hier lebenden
Menschen ist es (unabhängig von der sich ohnehin immer wieder
ändernden Staatsstruktur) vielmehr wichtig, dass das Leben im Alltag
mit den unmittelbaren Nachbarn dauerhaft friedvoll und bereichernd
möglich ist. Die Zuständigkeit hierfür liegt nicht in Brüssel, sondern
weitgehend in regionaler Verantwortung, leidet aber immer noch an
manchen Lasten der Vergangenheit. Dieser Beitrag soll dazu beitragen,
hiermit konstruktiver umgehen zu können. Seen
51
Randnotizen zur Genealogie Schillings
von L6&on Schillings'
Vorbemerkung. Die nachfolgenden Notizen geben den Stand vom
1. März 2007 wieder.
Herkunft des Namens: Die in Belgien und in Niederländisch-Limburg
durchgeführten Nachforschungen weisen regelmäßig auf das ehemalige
Herzogtum Limburg als Wiege der Schillings, und besonders auf das
Gebiet der Orte Montzen und Moresnet. Zusätzliche Schwerpunkte bieten
sich nördlich und südlich einer Trennlinie zwischen dem Herver Pla-
teau und Holländisch-Limburg, mit anderen Worten: entlang einer Linie
von Vise bis Gemmenich.
In Deutschland kommt der Name häufig unter der Form Schelling
oder Schilling vor, meist ohne Schluss-s. Er erinnert meist an eine vom
Träger ausgeübte Funktion als Glöckner, Läuter (Schelle) oder weist,
wie Hans Bahlow (Deutsches Namenlexikon) vermutet, auf eine
Zinsverpflichtung, also eine Abgabe hin. In dem Zusammenhang wird
der Familienname Fünfschilling (Schweiz und süddeutscher Raum)
angeführt.
Das Duden-Lexikon der Familiennamen von Rosa und Volker
Kohlheim zieht daneben auch die Möglichkeit eines Herkunftsnamens
heran, der zu Ortsnamen wie Schilling (Bayern) oder Schillingen
(Rheinland-Pfalz, Ostpreußen) in Beziehung zu setzen wäre.
In Deutschland gehört der Familienname Schilling mit nahezu 12000
Trägern zu den häufig vorkommenden Namen, wobei die geographische
Streuung von Aachen bis zur polnischen Grenze und von Bayern bis
Schleswig-Holstein reicht.
Es wurde auch versucht, die Namensträger auf umgesiedelte Bürger
der nordfriesischen Insel Terschelling zurückzuführen. Diese hätten sich
zur Zeit Karls des Kühnen dem Landesherrn gegenüber rebellisch
gezeigt; daraufhin habe Herzog Karl die Rechte über die Insel der St-
Donatus-Kirche in Brügge überlassen und es hätten Deportationen
stattgefunden...
Die Schilling(s), um die es in diesem Beitrag geht, müssen wohl einen
anderen Ursprung haben. Man findet sie auf dem Herver Plateau und im
niederländischen Grenzraum, wobei die Schreibweise von Schillincx
bis Schillinghs (in Klimmen bei Valkenburg) variieren kann.
Ein Guillaume Schelling wird als Zeuge bei der Gründung der
Zisterzienser-Abtei « Vallis-Comitis» /Greventhal i. J. 1255 genannt und
52
an der Lambertus-Kathedrale in Lüttich begegnen wir 1478 einem «cha-
pelain» (Frühmesser) Schillincx.
Wie schon angedeutet, kommt der Name gehäuft in Montzen-Moresnet
vor. Im Ortszentrum von Montzen zieht das Haus «de Pötz» die Blicke
auf sich. Dort befindet sich über dem Kamin des Salonzimmers ein
Wappen der früheren Bewohner, das im Wappenbuch für Aachen wie
folgt beschrieben wird:
In Weiß fünf blaue Balken, überlegt mit einem roten Hahn. Auf dem
Helm mit rechts blau-weißen, links rot-weißen Decken der Hahn».
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Das Wappen Schillings
Die Schillings hatten dieses Wappen von den Vanderheyden
übernommen; Letztere führten es auf die Belderbusch, die Herren von
Streversdorp, zurück.
Zwischen den Schillings «van de Pütz» und den Vanderheyden gen.
Belderbusch hat es zahlreiche Verbindungen gegeben. Mehrere dieser
Schillings übten das Amt des Drossards aus. Schon vor 1650 heiratete
ein Nicolas Schillings eine Anne Vanderheyden. Der letzte Träger des
53
Namens Schillings im «Pütz», Nicolas, Joseph, Marie, Louis, Hubert
(genannt «der alte Schillings») war, wie der ehemalige Dechant Hub.
Keufgens bezeugte, eine allseits geachtete Persönlichkeit, «Träger der
liberalen Ideen und doch Freund des Klerus». Er hatte das Haus 1905
geerbt und starb 1934.
In der Folgezeit war der «Pütz» im Besitz des Notars G. Ernst, sodann
der Familie Joseph Vanderheyden-Janssen, die einen Käse-Großhandel
betrieb. 1994 erwarb Herr D. Schlusche das Haus und richtete dort eine
europäische Begegnungsstätte ein.
Am 22.5.2008 beschloss der Gemeinderat von Plombi&res, das zum
Verkauf stehende Haus Schillings zu erwerben und es ebenfalls einer
kulturellen Nutzung zuzuführen.
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Der immer wiederkehrende Gebrauch der gleichen Vornamen in den
verschiedenen Generationen ist meist das Zeichen verwandtschaftlicher
Beziehungen zwischen parallel neben einander lebenden Familien.
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Der «Pütz» in Montzen, Residenz der Familie Schillings
So trugen die Schillings aus dem «Pütz» in Montzen über
Generationen den Vornamen Nicola(u)s, und dies seit Lodowick Nico-
54
las Schillings, dem ersten Drossard von Montzen, Kapitän in spanischen
Diensten (1499-1540), bis auf den letzten Drossard desselben Namens,
der von 1699-1794 lebte. Aber auch dessen ältester Sohn sowie der letzte
Enkel wurden noch auf den Namen Nikolaus getauft. Insgesamt
fungierten nicht weniger als sechs Schillings als Drossard von Montzen,
alle trugen sie den Vornamen Nikolaus?.
Via die Familien Brandt und Franck (bei Letzterer handelt es sich um
die Familie des Komponisten C. Franck, Gemmenich) treten neue
Verbindungen auf, in denen der Vorname Willem (oder Guillaume)
gehäuft vorkommt, ohne dass bisher alle Verästelungen klar dargelegt
wurden.
Ein Gemmenicher Zweig fällt durch die Häufung des Vornamens Jean 5
bzw. Jean-Joseph auf. Jean Schillings, ein Vertreter dieser Familie,
bewohnte um 1700 einen Hof zu Völkerich (Hof Schillings) und war
eine einflussreiche Persönlichkeit in Gemmenich und Aubel.
Im nahen niederländischen Südlimburg sind die Schillings ebenfalls
im 17. Jahrhundert anzutreffen. So begegnen wir in einer Liste der von
1669-1679 verstorbenen Mitglieder der St. Georgs-Schützengesellschaft
in Simpelveld einem Ferdinand Schillings?.
Einwohnerlisten aus dem Jahre 1694 erwähnen in Bocholtz Willem
Schillincx und in Simpelveld den Schöffen Wilhelmus Schillings*.
In Eys heiratet am 12.10.1710 Alexander Du Pree die Catharina
Beucken, Tochter von Nicol. Beucken und Anna Maria Schillings...
. Ein Joannes Schillings wird 1711 in Simpelveld genannt. 1767 finden
wir in Klimmen eine Catharina Schillinghs, Tochter des Johannes.
Am Niederrhein sind die Schillings im 18. Jahrhundert auch recht
häufig anzutreffen, so in Stommeln und Braunsrath (1757).
Erwähnen wir noch, dass der Musiker Max von Schillings (1868-
1933), der 1912 geadelt wurde, einer Montzener Familie entstammt, die
mit den Franck und den Brandt verbunden ist. Die von Macco ange-
gebenen Daten sind:
Geboren am 19.4.1868 zu Düren, königlich-bayerischer Professor und
hervorragender Komponist in München, verheiratet mit Karoline Josefa
Peill.
Sein Ur-Ur-Großvater war der zu Aachen am 13. Januar 1712 geborene
Mathias Nikolaus Schillings, Gerichtsprokurator und kaiserlicher Notar
daselbst, verheiratet (3.8.1741) mit Johanna Katharina Priem. Dessen
Pate war Nikolaus Schillings, «vielleicht der Droste zu Montzen, welcher
mit Maria Janssen, Tochter von Lambert Janssen de Stock, Lic. Iur. und
55
Advokat des Rats von Brabant und Vogt von Montzen verheiratet war...»
(Macco).
Aus Wien erfahren wir, dass ein aus den (österreichischen)
Niederlanden stammender Schillings als höherer Offizier in der
kaiserlichen Armee zur Zeit Maria-Theresias gedient hat. Weitere Details
dazu fehlen...
Nun, ausgehend von den Eltern des Verfassers, zur Genealogie.
1. Generation:
Philippe, Hubert, Joseph Schillings
geb. Neutral-Moresnet, 08.06.1886
gest. Kettenis, 24.09.1928
heiratete am 08.09.1909 in Neutral-Moresnet/Kelmis
Beaufays, Rosalie, Marie Therese
geb. Neutral-Moresnet, 06.04.1886
gest. Brüssel-Etterbeek, 14.10.1965
Kinder: Pierre *3.12.1911, +15.10.1932, Paul *30.04.1915, verh. mit
Louise-Marie R&mion, 4 Kinder, + 11.10.1974, L&on *29.03.1920, verh.
mit Monique Ugeux, 8 Kinder, Martha *07.01.1924, verh. mit Dr. med.
habil. Josef Beaufays (t), Rene, *15.06.1927, +17.11.1968.
Philippe Schillings war der jüngste Sohn von Marie, Henri, Guillaume,
Hubert Schillings und dessen Ehefrau Christine, Sophie, Hubertine
Schoenauen, die als Landwirte im «Hof» auf der Grenzlinie zwischen
Neutral- und Belgisch-Moresnet lebten.
Philippe besuchte die von der Gesellschaft der Vieille-Montagne
errichtete Schule unter Lehrer Horgnies. Der Unterricht war
zweisprachig. Folglich lernten die Kinder deutsche Texte in «deutscher»
Schrift schreiben, für französische Texte bediente man sich des
lateinischen Alphabets.
Als Philippe Schillings 12 Jahre alt war, erklärte ihm sein Lehrer, er
könne ihm nichts Weiteres beibringen. Der Vater schickte seinen Sohn
daraufhin noch für einige Zeit nach Moresnet-Dorf zur Schule, um dort
seine Französischkenntnisse noch zu verbessern. Im Eigenstudium
machte sich Philippe mit Buchhaltung, Gesang und Violine vertraut.
Eine Zeitlang war er als Mechanikerlehrling bei der Vieille-Montagne
beschäftigt. Beim Pfarrer Simons in Xhendelesse, verwandt mit den
Schoenauen, erhielt er weiteren Aufbauunterricht, zu dem er sich per
Fahrrad begab.
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Aus dem Schulheft der Maria Schillings (1880). Die Übersetzungsübung zeigt,
dass die Schulkinder in Neutral-Moresnet das lateinische und das deutsche f
Alphabet beherrschten.
Da ihm der Horizont in Neutral-Moresnet etwas eng schien, verließ
er die Gegend, um mit seinem Schwager Hubert Collette, der als
Vorarbeiter in einer zur Gruppe Thyssen gehörenden Glaserei im
Ruhrgebiet (Haspe-Hagen) arbeitete, als Angestellter sein Brot zu
verdienen. Hier lernte er auch das Glasblasen. Nach einiger Zeit folgte
er seinem nach Düren versetzten Schwager.
57
Die Arbeit setzte seiner Gesundheit jedoch sehr zu und so suchte er in
einem anderen Bereich Fuß zu fassen. Hatte nicht sein Vetter Alex Van
Gulpen in Emmerich bei Kleve ein Lebensmittel-Großhandelsunter-
nehmen? Hier war keine Stelle für Philippe frei, aber es ist zu vermuten,
dass er dank der Fürsprache des Vetters in einem Handelshaus in Düren
eingestellt wurde.
Auch das war noch nicht der Beruf fürs Leben. Er versuchte, in der
Militärschule in Brüssel angenommen zu werden, konnte auch seine
belgische Staatsangehörigkeit mit Dokumenten belegen; aber sein
Aufenthalt in den Glasfabriken der Ruhr hatte augenscheinlich seiner
Gesundheit zu stark geschadet...
Nach vielem Hin und Her fand er eine Anstellung als Korrespondent
in der Textilfirma Hauzeur-G&rard et fils in Verviers mit einer Probezeit
von einigen Monaten. Danach bekam er einen für 12 Jahre gültigen
Anstellungsvertrag. Rasch stieg er in der Firmenhierarchie auf und wurde
_ Generaldirektor der Verkaufsabteilung der Firma, mit Schwerpunkt
Deutschland und Mitteleuropa.
Philippe Schillings leistete jedoch nicht nur Verwaltungsarbeit. Er
entwickelte auch neue Wollmischungen, die er als Garne auf den Markt
brachte.
Anfangs wohnte er in Xhendelesse beim Pfarrer Simons, dessen
Bruder bei Hauzeur-Gerard als Buchhalter arbeitete und der später als
Pate seines Sohnes Paul-Antoine fungierte.
Er blieb auf seinem Posten bei Hauzeur-Ge&rard bis zur Rückkehr des
Firmenerben, Louis Zurstrassen, am 19.11.1918, der als Oberst (capi-
taine-commandant) an der Spitze der Befreiungstruppen in Verviers
einmarschierte.
Philippe gründete nun ein Wechselbüro in Brüssel, ein weiteres in
Aachen und eines in Verviers. Es war dies jedoch eine ihn menschlich
wenig befriedigende Arbeit.
Seine grenzüberschreitenden Tätigkeiten hatten ihn mit einem
wohlhabenden Aachener Textilindustriellen namens Jacobsberg in
Kontakt gebracht. Einer von dessen Verwandten besaß mehrere Häuser
und Grundstücke zu Kettenis. Die Beziehungen zu Jacobsberg führten
zu mehreren Transaktionen, vor allem aber zum Kauf in Kettenis eines
großen Anwesens mit zwei Bauernhöfen und zwei Villen sowie zur
Gründung einer eigenen Firma in Dolhain unter dem Namen «Spinnerei
Philippe Schillings KG». Die nötigen Geldmittel (6 Millionen
Goldfranken) besorgte Jacobsberg.
58
Dieses Werk leitetete Philippe Schillings trotz zunehmenden
Gesundheitsproblemen noch acht Jahre lang bis zu seinem Lebensende.
Seine Liebe zur Musik, zum Leben in freier Luft und zur Jagd halfen
ihm über viele Gesundheitsprobleme hinweg. Dies bewog ihn auch,
seinen Wohnsitz nach Kettenis in die Nähe des Hertogenwaldes zu
verlegen. Während der Bauarbeiten an dem neuen Haus fand die Familie
vorübergehend eine Bleibe in Bilstain-Dolhain in der Villa eines Freundes
(Oscar Bodeux).
In Kettenis engagierte sich Philippe Schillings im Dorfleben und
gründete einen Fußballverein, dem er ein Terrain zur Verfügung stellte.
Darüber hinaus unterstützte er den Musikverein und förderte den
Karneval. i
Kurz vor seinem Tode ließ er sich bereden, seine Firma in eine
Aktiengesellschaft umzuwandeln; die Hälfte des Aktienkapitals hielt er
selbst in Händen; man schätzte den Wert auf 6 Millionen F. Das bedeutet,
dass er das Anfangskapital verdoppelt hatte.
Nach seinem Tode verzichtete die Witwe gegen Zahlung einer nicht
indexierten Leibrente auf ihre Aktienanteile. Einer der Söhne sollte die
Führung des Betriebes übernehmen. Der Älteste, Pierre, nutzte die
Gelegenheit, starb aber im Alter von 20 Jahren, ohne den Betrieb wirklich
geführt zu haben.
Die AG Philippe Schillings war auf eine Dauer von 30 Jahren angelegt.
Sie spezialisierte sich in der Herstellung von Phantasie-Streichgarnen
und Garnen aus Angora-Wolle.
Der Verwaltungsrat blieb über die Jahre unverändert, wenn man davon
absieht, dass Jacobsberg in der Nazizeit, als die Juden aus dem
öffentlichen Leben verschwanden, aus der Führung ausschied. Nach dem
Tode von Philippe Schillings war Max Koettgen Generaldirektor und
Vormund der Kinder Schillings. Der Verfasser dieser Zeilen wohnte bei
ihm während seiner Humaniora-Studien®.
Es sei noch erwähnt, dass Jacobsberg so lange wie möglich in Deutsch-
land blieb. Dank guter Verbindungen überstand er die Kriegsjahre lebend
in einem Versteck auf der 4. Etage eines Eckhauses der Place de 1’Etoile
in kelles. In dieser Zeit verließ er das Haus kein einziges Mal! Zwei
Stockwerke des gleichen Hauses waren von Beamten der Geheimen
Staatspolizei (Gestapo) belegt. In diesem Hause hatte der Verfasser 1950
die letzte Unterredung mit ihm.
Im Zusammenhang mit dem Kriege sei auch noch erwähnt, dass die
Spinnerei Schillings von 1940-1944 sich an der Grenze zwischen dem
59
besetzten und dem annektierten Belgien befand, d. h. an der Ortsgrenze
der Gemeinden Dolhain und Baelen. Die eigentliche Spinnerei lag
integral auf belgischem Boden, das Pförtnerhaus jedoch, nur durch einem
engen Durchlass von der Fabrik getrennt, war von deutschen
Grenzpolizisten belegt. Es waren Zöllner und SS-Polizei (eine
Sonderabteilung der Gestapo). Die Witwe Schillings, die noch immer in
Kettenis wohnte, bedurfte also eines Passierscheines, um ihre Interessen
im Betrieb wahrzunehmen und ihre Pension zu kassieren. Mit diesem
Passierschein konnte sie allerdings auch nach Verviers fahren.
Auch der Sohn L&on musste durch diese Grenzkontrolle, um in Ver-
viers auf die Textilschule zu gehen. Bis 1943 ließ man ihn so passieren.
Dann legte die Gestapo Namenlisten der Aus- und Eingänge an und
L6on musste, um nicht registriert zu werden, die Hilfe eines ortskundigen
Führers in Anspruch nehmen... Das ständige Hin und Her zwischen zwei
Gebieten mit unterschiedlichem Statut führten dazu, dass er Kontakt zu
belgischen mit den Alliierten kollaborierenden Diensten bekam.
Von der Fassade der Büros der Spinnerei Schillings bleibt nur noch
ein Bruchstück übrig. Das Fabrikgelände wird heute von einem
Geschäftshaus eingenommen.
Die verschiedenen Wohnadressen des Philippe Schillings:
Nach der Heirat: 71, rue Pierre David, in Lambermont-Verviers
Nach Mai 1914: 23, rue de la Paix in Verviers
Nach 1921 : Zweitresidenz in Kettenis
1923: Definitive Übersiedlung nach Kettenis, im Ortsteil Clouse
Nach dem Tod des Familienoberhauptes wohnte die Familie drei Jahre
lang in Verviers, 52, rue du Palais, mit direktem Blick auf den Schulhof
des Jesuitenkollegs, wo L6on als Schüler eingeschrieben war.
1932: Definitive Rückkehr nach Kettenis.
Die Interessengebiete
Philippe Schillings betrieb mehrere Sportarten, vor allem aber Fußball.
In Verviers war er maßgeblich an der Gründung des am Platz «Pano-
rama» angesiedelten Clubs beteiligt, wo er als Rechtsaußen spielte.
. In Anspielung auf das Wertverhältnis der britschen Schillingmünze
zum Pence (12 Pence = 1 Schilling) nannten ihn die Zuschauer «douce
panse» (douze pence).
Später war er Präsident des Veteranen-Clubs; auch stiftete er einen
Wanderpokal, der im Wettstreit mit Beerschot ausgetragen wurde.
60
In Kettenis, wir sagten es schon, gründete er einen Fußballclub mit
dem Namen «Rasensport-Verein», dem er einen Platz mit den
notwendigen Einrichtungen für zwei Mannschaften nebst Schieds- und
Linienrichtern zur Verfügung stellte.
Gegen Ende seines Lebens brachte er viel Zeit auf der Jagd zu. Schon
sein Großvater Franz Schoenauen hatte als Förster auf der Eyneburg
den letzten Wolf im Göhltal erlegt...
Philippe Schillings war auch die Haupttriebfeder im Hegering der
1920 zu Belgien gekommenen Ostgebiete. Im Auftrag der Herren
Grandgagnage aus Hannut, des Freiherrn von Assche und des Eupener
Textilindustriellen Hübner führte Schillings Verhandlungen mit dem
belgischen Landwirtschaftsminister Baels (dem Vater der späteren *
Prinzessin Lilian), um einen geschmeidigen Übergang des deutschen
zum belgischen Recht auszuhandeln.
Seine schnelle Auffassungsgabe half ihm, alle Probleme in Rekordzeit
zu lösen, so dass er nur wenige Stunden täglich in seiner Fabrik in Dolhain
anwesend sein musste.
Die Geschwister Schillings
- Marie, Jeanne, Francoise, Hubertine, geb. 10.10.1865, gest.
03.01.1941. Neffen und Nichten nannten diese Schwester des Vaters
«Tante Hanne». Sie war das erste Kind, das in der 1865 konsekrierten
neuen Kirche von Kelmis getauft wurde. Erst 1858 hatte der Bischof
Kelmis zur selbständigen, von Moresnet losgelösten Pfarre erhoben.
- Marie, geb. 08.06.1869, gest. 1952. Sie stand ganz im Dienste der
jüngeren Kinder der Familie, ihrer Neffen Alfred und Joseph und der
Kinder ihres Bruders Philippe, besonders der kleinen Martha.
- Hubertine, geb. 1872, gest. 1944, war die zweite Ehefrau von Hubert
COLLETTE. Ihr Ehemann war Werkstattleiter in einem Stahlwerk
und beendete seine Karriere in Hagondange in Lothringen. Aus einer
früheren Beziehung hatte Hubertine einen Sohn, Alfred, der durch
die Tante Marie aufgezogen wurde und im Stahlsektor bei Cockerill
als Leiter der Zentralplanung Karriere machte. Hubertine wurde in
den Kriegsjahren als «politisch unsicher» nach Gera deportiert und
starb im September 1944. Die näheren Umstände wurden nicht
angegeben.
Marie-Josephine, geb. 1874, gest. 1903), erste Ehefrau des Hubert
COLLETTE. Hatte einen Sohn, Joseph, verh. mit Gertrude Verbert.
61
Aus dieser Ehe ging ein Sohn, L6on, hervor. Zwei Enkel, Jean-Paul
und Philippe, führen den Namen Collette weiter...
- Marie, Catherine, Wilhelmine, geb. 1879, gest. 1936, verh. mit Hu-
bert BOLTERSDORF (1879-1943). Sie führten eine Drogerie in der
Kirchstraße in Kelmis, etwa halbwegs zwischen Kirchplatz und
Vonsstraße (= Albertstr.). Hubert Boltersdorf war lange Zeit
Vorsitzender des Kirchenvorstandes.
- Louise, geb. 1879, gest. 1943), Ehefrau von Th6o Hilligsmann. Sie
sind die Eltern von Joseph Hilligsmann (1910-1971), Pfarrer und
Dechant von Montzen, zuletzt Pfarrer von Hergenrath. Louise und
Theo Hilligsmann hatten einen weiteren Sohn, Philippe, der als
Feldhüter in Kelmis wirkte. Über die Kinder (5 Söhne und 3 Töchter)
ist die Familie weiterhin sehr präsent in Kelmis.
- Henri, Hubert geb. 1883, gest. 1952), verheiratet mit Hubertine
Boltersdorf (1886-1945). Diese Eheleute hatten eine Tochter Chris-
tine gen. Tinchen, verh. mit Laurent Fryns (Loräng), der eine große
Rolle in der christlichen Gewerkschaft spielte. Er war ein Bruder von
Jean Fryns, der Bischof von Kindu wurde, und ein Schwager von
Peter Claes, der die Ahnentafel der Schillings von Montzen
ausgearbeitet hat.
Laurent und Tinchen Fryns-Schillings hatten einen Sohn, Willy, und
zwei weitere Töchter: Cathy, Ehefr. Emonts, und Marie (Ehefr.
Dahlen). Der Enkel Ralph Schillings, Sohn von Willy, und letzter
Vertreter dieses Zweiges der Familie, lebt in Eupen.
- Die Mädchen der Familie Schillings-Beaufays haben alle die Schule
der Schwestern von Notre-Dame besucht und waren zweisprachig.
II. Generation
Marie Henri Guillaume Schillings
Geb. in Montzen, 28. (22.?) Sept. 1840
Gest. in Neutral-Moresnet, 1. Juli 1908
Heiratete am 17. 1. 1863 in Neutral-Moresnet
Christine Sophie Hubertine Schoenauen
Geb. in Moresnet, 27.10.1843
Gest. In Kelmis, 21. Mai 1921
Die Eheleute Schillings-Schoenauen betrieben Landwirtschaft im
«Hof», der auf der Grenze zwischen Neutral-Moresnet und Belgisch-
Moresnet gelegen war. Henri Schillings hat auch für die Vieille-Monta-
gne gearbeitet, die ihm eine Altersrente zahlte.
62
Philippe Schillings hat seine Mutter immer sehr bewundert und
zusammen mit seinem Bruder hat er ihr einen sorglosen Lebensabend
gesichert. Seinem Vater hat er immer den Vorwurf gemacht, ihm
gegenüber nicht ehrlich gewesen zu sein und ihm die Herkunft des Kindes
der Schwester, um das sich die Tante Maria großherzig kümmerte,
verschwiegen zu haben.
Die Geschwister von Henri Guillaume Schillings
- Marie-Jeanne, geb. 30.12. 1826 in Sippenaken
gest. 23.09.1883 in Hauset
verh. (24.10.1844) mit Peter Josef Knops |
- Nicolas, geb. in Sippenaken (1827 ?),
gest. 1865
verh. mit Therese Schyns
Sein Sohn, Nicolas (1859-1903) war, wie der Vater, Viehhändler.
- Pierre Joseph, geb. 03.06.1828 in Montzen
gest. 17.07.1890
verh. mit Clara Cales. Er ist der Stammvater der Schillings
aus Bois-de-Breux.
Seine Kinder: Maria (heiratet Francois Jaquemin
Hel&ne (heir. Alphonse Kaiser)
Pierre (heiratet Marie Yans)
Joseph, Jules, Auguste und Hubert
- Anna Marie Josephine (1838-1889), Ehefrau von Jean Andre Weertz/
Weerts. Dieses Ehepaar wohnte in Poperinghe, hatte aber enge
Verbindungen zu Kelmis gehalten. Ein Sohn, Joseph, war Lehrer für
moderne Sprachen in Uccle.
- Clementine, geb. 1837, starb ohne Nachkommen.
Dunkle Geschichten
Etwa 1950 konnte man noch an der «Heide» am Hause Schillings
das Schild mit der Aufschrift «Mairie» sehen. Das Haus hatte zur
Franzosenzeit als Bürgermeistereiamt gedient.
Nach dem Tode seines Vaters und seiner Großmutter- beide starben
1864- kaufte Henri Schillings Haus und Hof «In t Hof». Später (1893)
verkaufte er den Hof an eine Familie Chamberlain, blieb aber dort
wohnen. Philippe kaufte das Haus zurück, um den Lebensabend seiner
Mutter zu sichern.
63
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Die Siedlung «Hof» (Ölbild Alfr. Schillings)
Die Geschwister der Christine Schoenauen
- Catherine, Ehefrau Pierre Debie, geb. in Moresnet 1828, gest. in Aubel
1909. Die Familie hatte eine Tochter, Anne-Marie, verh. mit Philippe
Pirenne, (Geschäftsmann und Bankier in Aubel, Pate von Philippe
Schillings).
Da die Eheleute Pirenne-Schoenauen keine Kinder hatten, stifteten
sie viel Geld zu frommen Zwecken. So konnte der Saal der «Patronage»
in Kelmis durch eine «Stiftung Schoenauen» errichtet werden.
- Franco, verh. mit Catherine Laschet
- Ludovica, verh. mit Joseph Laschet (1 Kind)
- Karl-Joseph, verh. mit Victorine Hotechamp (1 Kind)
- Mathieu, verh. mit Christine Franssen
Hier möchten wir eine kleine Anekdote einflechten.
Die Patin der Christine Schoenauen war Sophie Edelbrock, die Ehefrau
ihres Onkels Charles Lambert Van Gulpen. Dieser hatte unseren Raum
verlassen, um in Emmerich, im deutsch-niederländischen Grenzgebiet,
einen Lebensmittelhandel aufzubauen, der mehr als 100 Jahre florieren
sollte.
64
Bei der Taufe der Christine Schoenauen ließ sich die Patin durch
Adelaide Schillings aus dem Montzener Zweig der Familie Schillings
vertreten.
ok
Um 1850 dehnte sich Neutral -Moresnet vor allem nach Norden aus,
da die Gesellschaft der Vieille-Montagne das Zentrum des Ortes nicht
im unteren Bereich, in der Nähe der Göhl, haben wollte.
Der Wunsch der Gesellschaft, bisher landwirtschaftlich genutzte
Flächen, die stark durch Schwermetalle verseucht waren, zu bebauen,
stieß bei den Bauern auf keinen Widerstand.
Guillaume-Joseph Schillings und seine Mutter Elisabeth geb. Caan,
die auf Schnellewind (Poststraße bzw. Klostergasse) wohnten, verkauften
also ihren dort gelegenen Grund. Zum Familiensitz wurde nun das am
«Naeberweg», heute «Heide» Nr. 46, gelegene Haus. Die Eltern von
Philippe Schillings bewohnten dieses Haus, ehe sie sich im «Hof» in
dem kleinen Bauerngut niederließen, das Alfred Schillings in zwei
Ölbildern dargestellt hat.
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Häusergruppe im Schnellewind, heute Klostergasse, ehemals im Besitz der
Familie Caan
65
III. Generation
Guillaume-Joseph Schillings (Landwirt)
Geb. in Moresnet (Sektion Kelmis) am 15.12.1798 (d. h. am 26. Tag
des Monats Vend&miaire des Jahres VII der Republik). Getauft wurde er
am 17.12.1798.
Gest. am 25.07.1864
Verh. (12.07.1823) mit
Marie-Jeanne Duyckaerts aus Sippenaeken
Die Lage ist etwas konfus, was wohl auf gewisse Zwischenfälle im
letzten Lebensabschnitt des Guillaume Joseph Schillings zurückzuführen
ist. Es geht die Rede von einer zweiten Frau, deren Rolle nicht ganz
geklärt werden konnte... U
Bevor er sein Vermögen vergeudete, genoss Guillaume Joseph Schil-
lings wohl ein gewisses soziales Ansehen. Von 1854 an war er Mitglied
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Dieser Keilstein am Hause Klostergasse Nr. 7 mit der Inschrift AO 1777 - IHS -
G.K. - A.B.N. erinnert an die Erbauer Gerard Kaan und Anna Barbara Nissen‘,
66
des Kelmiser Gemeinderates. 1862 standen die Schillings noch mit 12%
der Gesamtsteuereinnahmen an zweiter Stelle in der Hierarchie der
Steuerzahler.
Guillaume Joseph erbte von seines Vaters Seite den Besitz der Schil-
lings und der Dobbelsteins «op jen Hey» und von der Mutter den Besitz
Caan, der sich zwischen der Kelmiser Kirche und der Aachener Grenze,
am Ort Schnellewind, heute Klostergasse, erstreckte.
Das soziale Ansehen des Guillaume Joseph Schillings wird auch daraus
ersichtlich, dass seine Kinder durch Heirat mit einflussreichen Familien
verbunden wurden. So z. B. der Sohn Henri, der die Tochter eines
Steinbruchbesitzers heiratete. Dieser Franz Schoenauen-Van Gulpen
war zur Zeit Förster und vermutlich auch Verwalter der zur Eyneburg
gehörenden Besitztümer, zu der Zeit, als der Lütticher Bankier
Naegelmakers im Besitz der Burg war. Er war geboren in Clermont s/
Berwinne am 01.05.1796, hatte am 4.08.1827 in Montzen Anna Maria
Van Gulpen (geb. 1805, gest. Kelmis 16.07.1870) geheiratet und starb
in Neutral-Moresnet am 07.01.1872.
Nachdem er in Kelmis ansässig geworden war, mischte Schoenauen
kräftig in der Gemeindepolitik mit. Er war ein ehrgeiziger und
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Das Haus Schillings, Kelmis/Heide
67
zielstrebiger Mann, der seinen Reichtum zu mehren wusste. Wir wissen
u. a., dass er den letzten Wolf im Göhltal erlegte und daraufhin als
Geschenk ein Caf&-Service erhielt. Es gibt heute keine Nachkommen
seines Namens mehr in Kelmis.
Die Geschwister des Guillaume Joseph Schillings
-Marie, Wilhelmine, Josephine (geb. 1815, gest. 27.05.1903)
-Marie, Therese, Angeline (1821-1893)
-Hubert, Gre&goire, Joseph (1812 ?-1898). Schöffe in Kelmis. Scheint
eine besondere Rolle in der Familie seines Bruders gespielt zu haben,
dessen Kinder alle auch den Namen Hubert erhielten.
IV. Generation
Nicolas Joseph Schillings
Geb. 03.04.1768 KGest. 1834 (?)
Heiratet (12.09.1802) in Moresnet Elisabeth Caan (geb. 17.05.1773,
gest. Kelmis 27.01.1864)
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Im Gut «in der Heide» wohnte der Nachbar und Schwager des Willem Joseph
Schillings, Peter Lambert Hermens, verheiratet mit Elisabeth Dobbelstein.
68
Die Eheleute Schillings-Caan waren Landwirte, doch findet sich der
Name des Nicolas Schillings auch als Holzfuhrmann für das Bergwerk.
Zudem spielte Nicolas Joseph eine bedeutende Rolle im Gemeindeleben.
Von 1776 bis 1788 war er «Regleur» (Bürgermeister) der Gemeinde
Kelmis, 1796 wird er als «agent municipal», (Gemeindevorsteher)
erwähnt. Am 24. Juli 1802 dankt er als «Maire» ab und wird durch Ar-
nold Lasaulx ersetzt®.
Der Besitz am Schnellenwind und in der Heide machte die Eheleute
Schillings-Caan für Kelmiser Verhältnisse zu Großgrundbesitzern.
1849 verkauft die Witwe Schillings-Caan ihren Besitrz am
Schnellenwind an die Gesellschaft des Altenbergs. Hatte sie früher auf
diesem Hof 7 Kühe halten können, so war es nun, durch die
Bodenverseuchung bedingt, nur noch eine einzige!
V. Generation
Guillaume Joseph (auch Willem-Joseph) Schillings
get. Moresnet 18.07.1741
heir. am 27.11.1762
Marie-Catherine Dobbelsteyn (auch Dobbelstein). Diese starb
vermutlich 1801 oder 1802.
Guillaume Joseph Schillings war Steuereinnehmer 1758, Schöffe von
Moresnet und Kelmis, Bürgermeister von Kelmis 1776-1788.
1789 erhielt er noch die Konzession zum Holzfahren für das Bergwerk.
Er starb am 19.3.1789.
Für die Schillings-Dobbelstein war die Heirat des Sohnes Nicolas
Joseph mit Elisabeth Caan gewiss nicht standesgemäß.
Die Teilung der Erbschaft des Jan Dobbelstein geschah zwischen 1764
und 1766. Die Eheleute Schillings-Dobbelstein teilen mit Schwager und
Schwester Nicolas Egyptien-Dobbelstein. Sie werden damit die
begütertsten Bürger von Kelmis. Der Grundbesitz der Wwe Dobbelstein
an der «naeberstraat» (Heide) wird 1799 mit 12 ha angegeben.
Ein weiterer Schwager von Guillaume-Joseph Schillings war Mathieu
Walraff, sein Nachbar, der 1782 Claire Schillings geheiratet hatte. Auch
diese Eheleute besaßen 12 ha Land an der Heide.
Lambert Hermens, Ehegatte der Elisabeth Dobbelstein, einer
Schwester der Marie-Catherine, besaß ebenfalls Ländereien an der Heide.
Er war 1770 Bürgermeister.
69
So wie Guillaume-Joseph Schillings Bürgermeister gewesen war, so
wurden auch seine Söhne Nicolas-Joseph und Lambert-Joseph in der
Franzosenzeit nacheinander Bürgermeister. Nicolas Joseph dankt 1802
ab und wird, wie schon gesagt, durch Arnold Lasaulx ersetzt, der erst
als «maire», dann als Bürgermeister fungiert und neben Kelmis auch
lange Zeit Preußisch-Moresnet und Hergenrath mitverwaltet. In wiefern
(von) Lasaulx zur Gründung der Bergwerksgesellschaft der Vieille-
Montagne beigetragen hat, ist nicht geklärt. Hat er Mosselman und den
Herzog von Morny persönlich gekannt und beeinflussen können?
Wie wir eben gesehen haben (Generation IV) heiratete Nicolas Jo-
seph Schillings Elisabeth Caan. Sie war die Tochter der Eheleute Gerard
Caan (auch Kaan), der als Einnehmer in Kelmis fungiert hat. Am
29.11.1757 hatte Gerard Caan Anna Barbara Nyssen geheiratet. 20 Jahre
später bauten die Eheleute Caan-Nyssen die noch stehende Häuserzeile
an der heutigen Klostergasse (früher Schnellewind).
Ein Bruder des Gerard Caan, genannt J(e)an der Jüngere, der als «mi-
neur principal» (Steiger) im Bergwerk beschäftigt war, sorgte für
Nachschub an «Faggen» d. h. Reisigbündeln für das Brennen des
Galmeis.
Ein weiterer Bruder, Christian Caan, verheiratet mit Marie Hermens,
übernahm den elterlichen Hof. 1757 ist er Wegezolleinnehmer an der
«Barriere» auf der neuen Chaussee Herve-Aachen. Auf dem ihm
gehörenden Grund stand auch der Galgen (gibet).
Die Eheleute Caan-Hermens hatten sechs Kinder; eine Tochter, Ma-
rie-Christine, heiratet den Notar und Bürgermeister Nicolas Bounie aus
Hergenrath.
VI. Generation
Henri Schillings, Schöffe (?) um 1727, verh. mit Catherine Cool
(oder Kohl)
Jean Caen d. Ältere, gest. 09.09.1779, heiratete in Moresnet am
13.02.1735 Anne Brysir.
Bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts lag der Besiedlungsschwerpunkt
von Kelmis in der Nähe der Göhl. Nachdem sich die Gemeinden von
Moresnet, Gemmenich und Montzen 1723 mit der Stadt Aachen über
die Nutzung des Grenzwaldes geeinigt hatten, begünstigten sie die
Ansiedlung auf Gemeindeland in Waldnähe.
70
Jean Caen war einer der Ersten, die dies nutzten. 1736 errichtete er
auf einem etwa 1 ha großen Grundstück ein kleines landwirtschaftliches
Anwesen und belieferte das Bergwerk mit Holz für das Rösten der Erze.
Mit dem Bau der Chaussee 1750 entstand eine Wegezoll-
erhebungsstelle, die Jean Caen übernahm, um sie dann seinem Sohn
Christian zu überlassen.
Seinen Besitz vervierfachte Jean Caen in den Jahren 1745 bis 1770.
Bei seinem Tode stand er in der Vermögensliste der Kelmiser
Grundbesitzer an 26. Stelle von 121. Dieser wirtschaftliche Erfolg führte
zu Eheschließungen mit den Familien Hermens, Bounie, Nyssen und
Schillings.
Der Name Caen wurde durch eine Straßenbenennung («Kahnweg» .
von der Patronagestraße zum Heigraben) für die Zukunft festgehalten.
Leider in einer zu sehr eingedeutschten Form!
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Straßennamenschild an der Gabelung Patronagestraße-Kahnweg.
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VII. Generation
Jean Dobbelstein. Er wird 1686, 1695 und 1705 als Eigentümer von
Grundstücken genannt, die später im Besitz der Catherine Dobbelstein,
der Ehefrau des Guillaume-Nicolas Schillings sind.
1725 wird er als Schöffe vereidigt. Sein Todesjahr ist 1736/37
(spätestens der 25.01.1737).
Nachdem Kelmis zur kgl. Herrschaft geworden war (1654), hatte es
seine eigene Verwaltung mit 2 Bürgermeistern und einem
Schöffengericht. Diese Situation blieb bis zur Ankunft der Franzosen i.
J. 1794 bestehen. Dann wurde die Herrschaft Kelmis mit Moresnet zur
Mairie de Moresnet zusammengelegt.
Unter den Franzosen haben die Dobbelstein weiterhin in der
Gemeindeverwaltung als Bürgermeister und Gemeindevertreter fungiert.
Sie wurden dann durch ihre Erben, die Schillings, in diesen Funktionen
ersetzt.
Fußnote
'_ Anschrift des Verfassers: 24, rue de Philippeville, 5500 Dinant
? S. Peter Claes, Ahnenliste einer Brüsseler Familie, die bis zu Lyns van Kelmis
reicht, in «Im Göhltal» Nr. 31, Aug. 1982, S. 68-86
> S. «Schutterij St. George Simpelveld. Een historische schets van de vereniging
gedurende het Ancien Regime» door Luc. J. E. Wouters, in ‘Historische en
heemkundige Studies rond het Geuldal’, Jaarboek 1996, S. 134
+ Wiedergegeben durch A. S. M. Patelski: «De inwoners van Simpelveld en Bocholtz
in 1694» in Historische en heemkundige studies in en rond het Geuldal, Jaarboek
1994, S. 55 ff.
5 Internet
$ Max Köttgen stammte aus Aachen und war wegen seiner Anstellung bei Hauzeur-
Gerard nach Verviers übergesiedelt, wo er in der rue d’Anvers wohnte. Sein Bruder
betrieb in Verviers, rue de 1’Harmonie, eine Konditorei, die als die beste der Stadt
galt.
7 S. F, Pauquet: Historischer Rundgang durch Kelmis in «Im Göhltal» Nr. 62, Febr.
1998, S. 34
® S. F. Pauquet, Historischer Rundgang durch Kelmis in «Im Göhltal» Nr. 70, Febr.
2002. S. 80-81
72
De Pänzjuen
va Henri Beckers, Kälemes
Döks hüet me, wänn’ ne Minsch esue sät,
wür Ech mär at jepänzjenied !
Vörb6j &s da dat Lament&&re
än och dat Närvestrapaz6&re.
Brugs dech now n6&6€t mie esue te towe
Va now aa, hat’ e Tiit, der Auwe !
Vawääjes Tiit ! Es vör te laache, .
dow wäts jebrukt vör alle Saake,
has je&nge Tüt te överlääje,
va now a mos - te d£ch bewääje.
Da sät de Vrow jemingklech esue :
« Jong , wels de jät vör m6ch due? »
Dow mos, weil - sej der Tiit n66t hat,
flot jät jue jäähle i-jen Stadt.
Än jeder Donneschtech ‚— wi jesaat ‚—
löpt now der Jäck no-je-ne Maat.
Met Äpel, Moos än met Schavowe,
kann häe da schl&&pe, der öreme Auwe.
Könns - te da h6&&m , et schwuutste Wärek
dat blit vör d&ch, dow bes jo stärek !
Va now aa, wäts dow mär gebrukt,
has jar jeng Row mie, öreme Schlup!
Könt da et Vröjjoor, €s vör - te vereke
Now mos dow och noch Oonkruut tr£ke.
Än n&€t jemukst ! Dat wüür en Fing
I-jen Huus be&s dow de Schpöölmasching.
Än brukt ding Vrow ne nöje Hoot
Da mos - te m6&6t, och kaucht di Bloot
Anstat te rööste ding auw Knoake
dös - te dovör et Auvends kauche !
73
Der Blootdrok schravelt huech än hueder,
dinge Kop dä wät at rue än rueder.
Wänn dow esue wier maks, hoove Jäck,
Da bes dow flot och ömene Eck
Da d&&s-dow dech noch sälver 1&€d,
weil et d£&ch now esue dräkech j&€t
Dröm saach n&&t mie met Övermoot
Jepänzjeniede hant et joot.
74
Grenzsteinwanderung
um Neutral-Moresnet
von Peter Kurnap und Dieter Pitz
Teil 1: von Nr. LX - XXXI
1869-1870 wurden die hölzernen Grenzpfähle zwischen Neutral-
Moresnet und Preußen (Preußisch-Moresnet) einerseits sowie dem
neutralen Gebiet und Belgien andererseits durch Grenzsteine ersetzt. Die
Ostgrenze (gegen Preußen) wurde 1869 «abgesteint», die Westgrenze
„1870.
Insgesamt wurden damals durch den Steinbruchbesitzer Franz
Schoenauen 60 Steine geliefert. Jeder Stein wiegt etwa 200 kg, ist 110-
120 cm hoch und steckt 50-65 cm im Boden.
Im Laufe der Jahrzehnte sind einige Steine durch Wald- und
Bauarbeiten verloren gegangen, andere stehen nicht mehr genau auf der
Grenze, sodass der genaue Verlauf derselben nicht immer leicht
auszumachen ist. Im Folgenden laden wir die Leser auf eine
«Grenzsteinwanderung» ein, deren ersten Teil wir hier darlegen.
Wir beginnen die Wanderung an der Lütticher Str., Einmündung
Leonhard-Kohl-Straße, dort befindet sich an der Straßenecke vor
dem Haus Nr. 119 der Grenzstein mit der Nr. LX (60).
Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, steht eine Hinweistafel über
Neutral-Moresnet mit dem Hinweis / - LX.
Dem dort befindlichen Pfad folgen wir und halten uns rechts bis zur
Franz Scherrer-Straße, in die wir rechts in Richtung «Residenz Paola».
einbiegen. Kurz vor diesem Haus steht am rechten Heckenrand vor einer
Mauer die Nr. LVIII (59, ursprünglicher Standort?)
Wir gehen die Scherrerstraße weiter bis zur Brunnenstraße. Dieser
folgen wir bis zur Straßenkreuzung, dann rechts bis zum Kahnweg. Hier
geht es nach rechts in die Hattichstraße. Nach ca. 20 m steht auf der
rechten Seite am Haus Nr. 6 an der Vorgartenmauer der Stein Nr. LVI/Z
(58, Originalstandort ? ).
Nun gehen wir die Straße wieder zurück, bis von rechts der «Käskorb»
einmündet. Hier geht es rechts hinein bis zum Haus Nr. 19
(Bauunternehmer Hens) auf der linken Seite. Dort steht zwischen den
Häusern Nr. 17 u. 19 an der Vorgartenmauer der Stein Nr. LVII (57). Wir
gehen noch ein Stück weiter geradeaus und nehmen dann den Zufahrtsweg
links in Richtung Einfahrt Sandgrube. Hinter der Schranke folgen wir
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Kösborb 17-19: Grenzstein Nr. 57 auf der Grenze zwischen den beiden Häusern
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Links, direkt hinter der Schranke zur Sandgrube, führt ein Pfad zum Heidkopf.
Von dort kommt man über die Klothstraße zur Ruhrbrücke und zur dort
befindlichen Schutzhütte.
78
Etwa 50 m von der Schutzhütte entfernt steht die Nr. 51.
\ links dem Fußpfad, gehen durch das kleine Wäldchen hinauf und kommen
oben auf die Straße Heidkopf (Sackgasse). Es geht die Straße abwärts
bis zur Klothstraße. Auf dieser Straße nach rechts gehen, über die
Ruhrbrücke, bis zur dort befindlichen Schutzhütte mit Parkplatz.
Vom Grenzstein Nr. LVII in einer gedachten Linie geradeaus über
das Gebiet der Sandgrube bis zur Schutzhütte befindet sich
offensichtlich kein Grenzstein mehr. Lediglich der Grenzstein Nr.
LIMIT (53), der dort einmal gestanden hat, befindet sich im
Göhltalmuseum in Kelmis. Die Steine 56, 55, 54 und 52 müssen wohl
als verloren gelten.
Hier eine kurze Zwischenbemerkung. In den Nummern 28 und 29
dieser Zeitschrift, Februar bzw. August 1981, hat Herr Franz-Xaver
Schultheis einen sehr lesenswerten Beitrag über die «Grenzbezeichnung
des neutralen Gebietes von Moresnet» veröffentlicht und den damaligen
Zustand dieser «Grenzbezeichnung» wiedergegeben. Zu der hiervor
erwähnten Grenzpartie schreibt Schultheis: (Im Göhltal» Nr. 29, S. 37):
«Jenseits der Ruhrbrücke steht am Waldrand der Stein 53. Dann schließt
sich Weideland an. Etwa 325 m vom letzten (Stein) entfernt steht der
Stein 55. Die Steine 56-59 fehlen.»
79
Wir stellen mit Genugtuung fest, dass die als «fehlend» bezeichneten
Steine 57, 58 und 59 noch vorhanden sind. Stein Nr. 55 ist bei Arbeiten
in der Sandgrube an den Rand dieses Abbaugebietes gebracht und dort
gelagert worden. Nr. 56 muss als verloren bezeichnet werden.
1991 wurden die Grenzsteine im Auftrag der Gemeinde Kelmis
(Schöffe für Tourismus, Bernard Krauth) und mit der Unterstützung der
Wallonischen Region im Rahmen einer von der öffentlichen Hand
subsidierten Maßnahme zum Schutz der kleinen Bodendenkmäler neu
gesetzt. Die Arbeiten wurden von der Fa Rene Dode&mont, Hergenrath,
ausgeführt.
An der Schutzhütte befindet sich auch eine Hinweistafel mit der
Aufschrift : «Grenzsteine Neutral Moresnet I bis LX».
Hinter der Hinweistafel ist im Verlauf ein kleiner Weg aufwärts
(Reitweg) und ca. 40 m hinter der Schutzhütte finden wir die Nr. LI (51).
Es geht in gedachter Linie von der Hinweistafel über die Nr. LI weiter;
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Nur wenige Schritte vom Wanderweg entfernt finden wir die Nr. 49
(Neuanfertigung)
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Vom Hauptwanderweg führt in einem Linksbogen eine Schneise rechts in den
Wald hinein. Folgen wir dieser, so finden wir nach etwa 20 m zur Linken im
hohen Farm neben einer Eisenbahnschwelle, die früher Teil einer Schranke war,
die Nummer 48.
man überquert den Wanderweg, der in Richtung «Croix Rouge» führt.
Nach ca. 50 m geradeaus steht auf der linken Seite im Farngestrüpp, ca.
10 m neben dem Wanderweg, der abgebrochene Stein Nr. L._(50). Wir
gehen auf den Wanderweg zurück und ca. 100 m weiter in Richtung
«Croix Rouge» ist dort vom Weg aus links die Nr. XXXXVIMI (49) gut zu
erkennen. Der ursprüngliche Stein Nr. 49 wurde bei Waldwegearbeiten
beschädigt und im Jahre 2000 auf Kosten der Versicherung durch einen
neuen ersetzt.
Der Hauptwanderweg macht kurz nachher einen Linksbogen, dort steht
rechts eine Sitzbank. In der Kurve führt rechts eine erkennbare Schneise
geradeaus. Dieser Schneise folgen wir. Etwa 20 m hinter dem Beginn
der Schneise steht auf der linken Seite unter Farnkraut (schräg hinter
einem Holzpfahl) der Stein mit der Nr. XXXXVII (48). Dieser war bei
Wegearbeiten beschädigt worden und wurde i. J. 2000 auf Kosten der
Versicherung (64.000 F) erneuert.
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Keine 100 m vom Kreuz der Therese Göttgens entfernt befindet sich an der
rechten Seite, etwa 6 m vom Straßenrand entfernt und am Fuße eines kleinen
Abhanges, der Stein Nr. 43.
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Dort, wo in einer leichten Rechtskurve des Bittweges zur Linken ein Pfad steil
bergan führt, finden wir am Fuß der Steigung den Stein Nr. 42.
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Wir gehen weiter auf dem Bittweg und in dem leichten Rechtsbogen
führt links ein schmaler Weg etwas bergan. An diesem Weg steht an der
linken Seite die Nr. XXXXII (42) mit Farbe aufgemalt. Dieser Weg führt
weiter geradeaus aufwärts in Richtung «Drei Länder Eck». Auf diesem
schmalen Weg steht etwas weiter auf der rechten Seite am Waldrand die
Nr. XXXXI (41).
Der Weg wird breiter und es wird eine Wegekreuzung überquert, an
der ein Pfahl mit Hinweiszeichen steht (3 Bornes, Aachen, Kelmis und
Gemmenich). Hinter der Kreuzung, ca. 30 m weiter, steht rechts der Stein
Nr. XXXX (40).
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In der starken Steigung vom Bittweg ausgehend zum 3-Länder-Eck.
Unser Wanderweg führt uns auf dem Weg etwas abwärts und auf der
rechten Seite ist eine Schonung. Dort ist der Grenzstein neu eingesetzt |
worden abweichend zu den anderen und mit der Nummerierung in |
Richtung Süden: Die Nr. XXXVIII (39). |
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Gut sichtbar ist der Stein Nr. 40
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Einbetoniert. Fälschlicherweise wurde der Stein mit der Nummer 39 nach Süden
ausgerichtet.
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Auch der Stein Nr. 38 wurde falsch ausgerichtet.
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In gerader Linie führt uns der Grenzweg zum 3-Länder-Eck.
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Etwa 100 m weiter auf dem Weg in Richtung 3 Grenzen ist auch der
nächste Grenzstein neu eingesetzt worden. Die Nummerierung ist aber
ebenfalls abweichend in Richtung Osten ausgerichtet. Es ist der Stein
mit der Nr. XXXVUII (38).
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Der Stein Nr. 37 am Kreuzungspunkt der Ostgrenze mit der «Burgunderlinie».
Es geht etwas den Weg aufwärts und an der nächsten von rechts
kommenden Wegeeinmündung steht der Stein Nr. XXXVI (37) an der
rechten Wegseite. An der gleichen Wegeeinmündung liegt vor einem
Baum ein Gedenkkreuz. Es erinnert an den hier am 21.9.1975 bei einem
Marsch verstorbenen Laurent Van Ruyskensvelde.
Weiter führt uns der Weg in leichten Auf- und Abschwüngen direkt
zum «Drei Länder Eck».
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Wo die Ostgrenze des neutralen Gebietes (mit dem Stein Nr. 37) und die sog.
Burgunderlinie sich kreuzen, erinnert ein Kreuz mit Inschrift an den hier am
21.9.1975 bei einem Marsch verstorbenen Laurent Van Ruyskensvelde.
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Am Rande eines alten Fichtenbestandes: der Stein Nr. 36.
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Abwärts finden wir nach ca. 100 m auf der rechten Seite des Weges
die Nr. XXXVI (36).
Weiter abwärts am tiefsten Punkt steht in der Senke rechts der Stein
Nr. XXXV (35).
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- Am tiefsten Punkt der Senke: der Stein Nr. 35.
Ungefähr 200 m weiter aufwärts mündet ein Weg von rechts kommend
ein und kurz dahinter ist rechts die Nr. XXXIIM (34) .
Geradeaus weiter, nach etwa 200 m, ist rechts die Nr. XXXII (33) .
Weiter, hinter einer Senke, steht rechts die Nr. XXXII (32).
Der Dreiländerpunkt-Grenzstein mit der Nr. B 193 ist vermutlich der
ehemalige Standort für den Stein mit der Nr. XXXI (31) .
Hierzu F.-X.Schultheis,.a. a. O. S. 36: «Im Gegensatz zur Westgrenze
ist die Ostgrenze fast ganz im Wald deutlich zu erkennen. Von der Spitze
an bildet sie im ersten Teil nur einen Fußweg, an dem der Stein 31
steht. Dann beginnt eine Schneise, die bis zum Moresneter Bittweg
reicht.»
9
De Ferievaat
Jakob Langohr
Wat en os Ferie es passiet,
Ech jlööf, dat verjäete ver neet mihe.
At op de Henvaat räets e-ne Platte,
kött drop der Utpuff an-et knacke.
De Kenger wolle andauernd äete,
et Klengt dat hau der Bror jebäete.
Ming Vrow wor ömmer an-et knottere, ;
vaar jät heuscher, da jät flotter.
Op eemool blääf der Warel stue,
E dong mä noch no henge jue.
Sö voor ech e je-ne Rücküjank
E Stöck e Ferie a je-ne Strand.
Va Wut troon ech drej mool jäje die Döör,
Du voor ming Kess at werrem no vöör.
A-je Meer du utjepackt,
Et Familiezelt do opjesatt.
De Sonn wor vut, wore klatschenatt,
Va oove koem et met Tobbe eraaf.
E-jen Naat woet wacker janz verschrocke,
mech wor enge a-jen Nas an-et kloppe.
Et wor e-ne Puet, enge va mi Jrett,
dat hau sech e-ne Schloop erömm jedrett.
Wie ver utjeschloope, et es wuer,
de Sonn se schään, se stong at huer,
op eemool Jeschrej wat ech do huet,
der Klenge hau en Quall a-ne Puet.
Anderdachs hau e sie Söster äjejrave,
wue, dat koss e neet mihe saare!
Stiff va Schreck, no enneje Stonde,
haue ver et Klengt du werrem vonde.
93
Soot e-ne Sand, wor an-et babbele,
wor janz alleng erut jekrabbelt.
Twei Daach spieder, onder Troone,
ming Vrow hau e-jen Scherv jetroone.
Dä Dokter hau jesaat, huer läje,
dä Foot rösch haue än neet bewäje.
Jong ech ens vut äön daat now schwemm,
Huet ech at werrem höör roope Stemm:
«Jeff mech ens dett än jeff mech ens dat»,
sö es et wenn me Ferie hat.
Hauw mech jevröjjt, kann ech ösch saare,
wie ech koss op heem a vaare.
Op en Heemvaat du der Tank wor lääch,
En Tankstell e-ne twintich Kilometer wääch.
Wie ver heem, ming Vrouw an de Nobesch saat:
«Ver hant es rechtech jot jehat,
än e Deel, Treske, jlööf et mech,
minge Maan wor nöjj verliebt e mech.»
Et Nöjjoor schwör ech now at drop,
bow ech mi Zelt e-ne Kollef op,
denn en de schönste Ferietiit,
do kannst de och der Düvel siehe!»
94
Zink - Bauteile
aus dem Raum Kelmis
von Henri Beckers, Kelmis
Seit der Entdeckung des Metalls Zink in Europa und seiner ersten,
von anderen Metallen getrennten Herstellung und industriellen
Produktion in England seit dem Anfang des 18. bis zu Beginn des 19.
Jahrhunderts hatte der Aachen - Lütticher Raum und ganz besonders der
Altenberg in Kelmis in der Zinkindustrie eine Weltmachtstellung inne.
Diese Position wurde bis zur Jahrhundertwende gehalten, als das,
elektrolytische Schmelzen das alte Röstverfahren in den Muffelöfen
ablöste.
Langsam ging in unserer Region die Zinkindustrie zurück und
produzierte in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg noch Fassadenplatten aus
Zink.Was für alle Augen sichtbar erhalten geblieben ist, sind die
Fassadenverkleidungen im Aachen-Lütticher Raum und die Man-
sardendächer in Paris. Die Verwendung des Materials Zink in diesen
Mengen und an diesen bevorzugten Orten hat technische, wirtschaftliche
sowie politisch-familiäre Verflechtungen. So stellt man mit Erstaunen
fest, dass ein Halbbruder des Kaisers Napoleon III., nämlich Duc Auguste
de Morny, einen Sitz im Verwaltungsrat der Vieille Montagne hatte, der
Gesellschaft, die mit königlicher Konzession in Angleur eine große
Zinkhütte errichtete. Napoleon III. wollte, gerade frisch gewählt, die
Stadt Paris ausbauen und verschönern. Was lag da näher, als das «mo-
derne» Material, Zink, zu verwenden, ein Material, dessen Verwendung
schon Napoleon I. gefördert hatte? Die technischen Gründe der
Zinkverwendung beim Bauen lagen zum einen in der
wasserabweisenden, nicht korrodierenden Oberfläche des Metalls, zum
anderen in der leichten Verformbarkeit und Bearbeitbarkeit, dann auch
in der Bruchfestigkeit beim Transport als Halbzeug und als Fertigmaterial
und schließlich in der Brandsicherheit.
Die «Kupferschläger», die mit dem Metall Messing umzugehen
verstanden, kamen anfangs aus Dinant, vom Rand unserer Ardennen,
und zogen dann nach Aachen, Stolberg und Kelmis. Fachleute für das
Schmelzen des Metalls waren bereits vorhanden, als 1805 Jean Jacques
Dony in Lüttich zum ersten Mal im Westen des Kontinents Zink herstellte.
Dass Dony 1812 bei der Suche nach Abnehmern seines Produkts dieses
Material der Baubranche empfahl, war nicht ungewöhnlich, denn bereits
95
zehn Jahre zuvor hatte die englische Firma Hobson + Sylvester in Shef-
field Zinkbleche hergestellt; seit 1809 produzierte der Freiherr von
Leithmer in Wien Zinkbleche mit einem Blechformat von 3 Fuß Länge
auf 18 Zoll Breite.
In Lüttich wurden später auch Kirchendächer in Zink eingedeckt.
In der Fachpresse entbrannte ein heftiger Streit über das Für und Wider
des technischen Nutzwertes des Baumaterials Zink.
Das neu hinzugewonnene Geschoss im Mansardendach der
Stadthäuser in Paris rückte damals - durch die Steilheit mehr Fassade
als Dach - in den Blickwinkel des Betrachters und musste ästhetischen
Ansprüchen genügen. So wurden von der weiterverarbeitenden
Zinkindustrie Ornamentteile nach sogenannten Musterbüchern
angeboten. Die Einzelteile, wie Lukarnen, Gesimse, Dachkrönungen oder
ornamentierte Bleche, wurden von der Fabrik geliefert und auf der
Baustelle montiert, d. h. mit Zinkheftstreifen, den «Haften», auf der
Holzkonstruktion festgenagelt und anschließend untereinander mit
Lötzinn verlötet. Diese Form der Dachverkleidung bedeutete u. a. eine
Beschleunigung der Dachdeckung.
Eine Besonderheit der Vieille Montagne, die ihren Namen nach dem
Kelmiser Altenberg führte, war die industrielle Herstellung von sechs
verschiedenen Fassaden-Montage-Systemen, den «Patentrauten.»
Hierbei hat die Zinkplatte ein Format von 35 x 35 cm, die ungefalzten
Ränder der Platten greifen dergestalt ineinander, daß eine wind- und
wetterdichte Fassade entsteht, die sogar runde Bauteile umschließen
kann.
Diese «Vorhangfassaden» - Konstruktion war nicht hinterlüftet und
dennoch sehr haltbar und zudem kostengünstig. Gerade Zink aus der
Hütte von Kelmis war durch den kristallinen Zinkoxidüberzug der
Bauteile weißlich-grau und gleicht, vor allem, wenn der Regen die Platten
dunkler färbt, dem im Aachen-Lütticher Raum als Fassadenbauteil
gebräuchlichen Blaustein. Die Patentrauten der Vieille Montage wurden
zum jeweiligen Tagespreis des Hüttenzinks, der an der Börse notiert
wurde, verkauft. Der Preis war etwa um 2/3 geringer als der
entsprechende Kupferpreis. Für die komplette Baupalette und die übrige
Herstellung von Badewannen, Eimern, Springbrunnen und Särgen
wurden riesige Mengen von Zink benötigt. Dabei war der Baumarkt die
treibende Kraft beim Erstarken der Zinkindustrie geworden.
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Der «Zinkboom» der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte jedoch
auch zur Folge, dass die Grube am Altenberg in Kelmis um 1890 restlos
ausgebeutet war und Zinkerz zur Verhüttung importiert werden musste.
Das Röstverfahren hinterließ besonders auf den Kelmiser Halden schwere
Umweltbelastungen, die zu der damaligen Zeit noch keiner vorausahnen
konnte. Mehr als 100 Jahre danach wächst auf diesen Halden die
berühmte Galmeiflora, die zur heutigen Zeit ein touristischer Anziehungs-
punkt für Kelmis und Umgebung ist.
Quellennachweis: Gesprächskreis Technikgeschichte, Aachen
98
Kleiner Pickel, große Wirkung
oder die Grenzfestlegung
von Walter Meven (+)
Der Erste Weltkrieg hatte, wie so oft nach Kriegen, zur Folge, dass
die Landkarte der Krieg führenden Mächte eine Korrektur zu Lasten der
Verlierer erfuhr.
Im Westen musste das Deutsche Reich Elsass-Lothringen an
Frankreich und Eupen-Malmedy-St. Vith an Belgien abtreten. So
bestimmte es der Friedensvertrag von Versailles.
Nach Artikel 27 dieses Vertrages sollten die Grenzen unter ”
Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage und der Verkehrsverhältnisse
festgelegt werden (S. Art. 35).
Das war sehr deutungsfähig, wie Viktor Niewisch als Mitglied des
Grenzregulierungsausschusses berichtet.
Es war ein Ausschuss gebildet worden, der unter Vorsitz des
französischen Obersten Tilho aus folgenden Delegationen bestand:
Belgien: Ministerialdirektor Maury vom belgischen Kolonial-
ministerium sowie Hauptmann van Bleyenberghe und Hauptmann Moler;
England: Oberstleutnant (später Oberst) Withloch;
Frankreich: Der schon genannte Oberst und Kolonialoffizier Tilho
sowie Oberstleutnant Trondec und Oberstleutnant Rödel;
Italien: Oberstleutnant (später Oberst) Pellissone;
Japan: Oberst Ousami;
Deutschland: Die deutsche Delegation stand unter der Leitung von
Landrat Heimann (Monschau). Ihm standen zur Seite Oberstleutnant
Kämmerling sowie als Dolmetscher und Sachbearbeiter der Polizei-
assessor Viktor Niewiesch.
Letzterer berichtet, der deutsche Delegationschef habe vor Beginn
der Verhandlungen ein kleines Verhandlungsprogramm für die deutsche
Delegation aufgestellt, dessen wichtigste Punkte die Bahnstrecke Raeren-
Kalterherberg, die Rettung der im Kreise Eupen in der Gemeinde Hauset
liegenden Aachener Wasserversorgung sowie der im Aachener Wald bei
Bildchen befindlichen Aachener Sanatorien waren. «Kein anderer Punkt
wurde etwa als unwichtig behandelt; in allen Punkten wurde zäh um
Wahrung der deutschen Interessen gerungen, z. B. auch bei
Losheimergraben.»
«Mit dem italienischen Delegierten Pellissone», so schreibt Niewiesch,
«kam ich durch einen Zufall in freundliche Beziehung. Er verlobte sich
in Lüttich mit der Tochter eines reichen Industriellen und heiratete sie
100
Noch heute kann man erkennen, dass die damalige Grenzziehung noch
ihre Gültigkeit hat. Was so ein kleiner Gesichtspickel nicht alles vermag!
...Die Behandlung der für Aachen lebenswichtigen Frage der im Kreise
Eupen, in der Gemeinde Hauset, Bürgermeisterei Eynatten, liegenden
Wasserversorgung war von der deutschen Kommission absichtlich nicht
an den Anfang der Verhandlungen gesetzt worden; es sollte erst eine
Verbesserung des anfangs sehr kühlen Verhandlungsklimas versucht
werden. Die späteren Verhandlungsergebnisse sind uns hinreichend
bekannt und haben bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren.
Pellissone trat im Verlauf der Verhandlungen immer mehr für objektive
Entscheidungen ein. Nach Beendigung der Verhandlungen war er General
und Kommandant von Genua geworden. N
Auch das Verhältnis zum französischen Präsidenten Tilho besserte
sich im Laufe der Zeit. Ich konnte beobachten, dass Tilho in einer Ecke
des Saales leise auf den belgischen Delegierten einsprach, und dass
alsdann der anständige belgische Delegierte, Ministerialdirektor Maury,
etwas unwirrsch zustimmte.>»
Der Berichter Viktor Niewiesch wurde später im Ruhrkampf?
ausgewiesen, in Witten inhaftiert und schließlich von dort auf Lebenszeit
ausgewiesen. Nach dem Abzug der Besatzung wurde er wieder bei der
Regierung Aachen tätig. Als leitender Regierungsdirektor wurde er in
den Ruhestand verabschiedet und lebte in Hamburg.
Literatur
- 150 Jahre Regierung und Regierungsbezirk Aachen, Aachen 1967, hrsg. vom
Regierungspräsidenten in Aachen
- Will Hermanns, Stadt in Ketten, Aachen 1933
- Klaus Pabst, Eupen-Malmedy 1914-1940, in ZAGV, Bd. 76 u. 77
- Bodo von Koppen, Festschrift Luisenhospital Aachen 1867-1967
- Heidi Christmann, Presse und gesellschaftliche Kommunikation in Eupen-Malmedy
zwischen den beiden Weltkriegen, 1974
Anmerkungen
' Der ehemalige zum kurtrierischen Amt Schönberg (heute Belgien) , seit 1815 zum
Kreis Malmedy gehörende Ort Losheim kam 1919 an Belgien. Die Bewohner von
Losheim erreichten durch Bittschriften an den Papst, den König von Belgien und
den Präsidenten der USA, dass sie auf Initiative des Völkerbundes am 1.10.1921 in
den deutschen Staatsverband zurückkehren konnten.
Als das Gebiet Eupen-Malmedy 1945 erneut an Belgien kam, blieb Losheim bei
Deutschland. Am 23.4.1949 besetzten die Belgier den Ort. Erst neun Jahre später
räumten sie Losheim wieder infolge eines Abkommens zwischen Belgien und der
deutschen Bundesrepublik. Seit 28.8.1958 gehört Losheim wieder zu Deutschland.
? Der «Ruhrkampf-» entzündete sich an den mangelnden Reparationslieferungen
Deutschlands; dort hatte sich ein passiver Widerstand organisiert.
101
In Memoriam
Am 15.10.2008 verstarb in Aachen 5 1} / +“ M 1
im Alter von 82 Jahren unser La hie
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Herr Walter Meven. ) F |
Die Leser unserer Zeitschrift konnten seit vielen Jahren regelmäßig
Beiträge aus der Feder von Walter Meven lesen, der sich sehr intensiv
mit der Geschichte seiner Vaterstadt Aachen und unserer Grenzregion
auseinander gesetzt hat.
Unsere Vereinigung verlor mit Walter Meven ein langjähriges
Vorstandsmitglied, dessen Rat und tatkräftige Hilfe wir immer sehr
geschätzt haben.
Mit einem Trauergottesdienst in Hergenrath verabschiedeten wir uns
von unserem Freund. Die Göhltalvereinigung hat ihm viel zu danken
und er wird uns unvergessen bleiben.
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Jahresrückblick 2008
von Herbert Lennertz
Die Generalversammlung mit den üblichen Rechenschaftsberichten
fand am 20. Januar 2008 im Kulturzentrum Select in Kelmis statt. Bei
der Gelegenheit konnte der Präsident den recht zahlreich erschienenen
Mitgliedern eine sehr positive Bilanz des Jahres 2007 vorlegen, während
Helene Bings in einem viel beachteten Diavortrag die Studienfahrt nach
Kroatien Revue passieren ließ und die für den Sommer 2008 geplante
Fahrt in die Dordogne vorstellte.
Unsere erste Ausfahrt des Jahres 2008 führte uns am 29. März über
Raeren-Rötgen-Lammersdorf-Simmerath und Einruhr nach Burg ;
Vogelsang in der Eifel.
Seit dem 1. Januar 2006 ist das weiträumige Areal des ehemaligen
Truppenübungsplatzes Vogelsang wieder im Besitz der Bundesrepublik
Deutschland und für die Öffentlichkeit zugänglich.
Am 18.12.2007 beschloss die nordrhein-westfälische Landes-
regierung, die «größte Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus in
NRW» zu erhalten und erlebbar zu machen. Damit wird die Burg
Vogelsang in Zukunft zu einem «Ort der Geschichts- und Naturerfahrung,
der internationalen Begegnung und des demokratischen Miteinanders
in Toleranz und Offenheit».
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Die zukünftigen Führungskräfte der NSDAP, «Junker» genannt, waren in
«Kameradschaftshäusern» untergebracht.
104
Eine zweistündige Wanderung bei herrlichem Frühlingswetter führte
am 20. April die Teilnehmer unter der Leitung von Hans Klein durch
das Hauseter Wald- und Wiesengelände, wobei viel unberührte Natur
links und rechts der Göhl besonders reizvoll wirkte und die Wanderer
begeisterte.
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Durch das Hauseter Wiesenland. An der ehemaligen Spinnerei Steins
Am 24.5.2008 war die St. Remigius-Pfarrkirche in Moresnet
Ausgangspunkt einer Wanderung unter der Leitung von H. Jos. Langohr
(Moresnet) und Hubert Ernst (Montzen). Besondere Aufmerksamkeit
schenkten die Teilnehmer den alten Grabsteinen an der Kirche (teils aus
dem 16. Jh.), dem Schloss Alensberg, dessen mittelalterlicher Wohnturm
durch fachgerechte Restaurierung vor dem Verfall gerettet wurde, und
der alten Eisenbahntrasse Moresnet-Kelmis, die einen Einblick in die
vielseitige Geschichte der Eisenbahn im Moresneter Gebiet gab.
In Moresnet-Kapelle waren die Kreuzweganlage mit ihren in voller
Blüte stehenden Rhododendren und den schmiedeeisernen Gittern der
Kreuzwegstationen Schwerpunkte der durch H. Hubert Ernst mit viel
Sachkenntnis gegebenen Erläuterungen. Alle Teilnehmer zeigten sich
von dieser gut gewählten Wanderroute begeistert.
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Die Niederlande haben aus der Sturmflut des Jahres 1953 die Lehre
gezogen, dass man dem Meer nie trauen kann. Gewaltige Wasserbauten
setzten damals ein und geben den tiefer gelegenen Gegenden seitdem
das Gefühl der Sicherheit. Die Ausfahrt am 1. Juni 2008 (Ltg. H. Bings)
führte zum Hoek van Holland, wo kurz vor dem östlichen Ortseingang
eines der beeindruckendsten Sturmflutwehre entstand.
Dieses 1997 nach sechsjähriger Bauzeit fertiggestellte Sturmflutwehr
„De Maaslandkering» ermöglicht die Verriegelung des Stichkanals von
Rotterdam zur Nordsee und schützt so den Hafen von Rotterdam vor
der hereinbrechenden Flut. Mit diesem Bauwerk wurde das letzte große
Projekt des sog. Delta-Plans abgeschlossen.
Nach der Besichtigung dieser faszinierenden Leistung der
Wasserbauingenieure ging die Fahrt nach Schiedam, das neben seinen
Schnapsbrennereien, den Mälzereien und den 6 höchsten Windmühlen
ein durch reizvolle Parks aufgelockertes Stadtbild bietet. Eine Bootsfahrt
ermöglicht eine Erkundung vom Wasser aus.
Unsere diesjährige Mehrtagesfahrt (vom 14. bis 21. Juni 2008) führte
nach Aquitanien, in das Gebiet von Bordeaux, Dordogne und Perigord.
Auf der Hinfahrt fand eine Rast in Amboise an der Loire statt, wo der
Schlossbau Franz I. das Stadtbild beherrscht. Übernachtung in Poitiers.
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Wie eine Theaterkulisse erscheint dem Betrachter das Loire-Schloss Amboise.
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Auf der Fahrt nach Saint Cer&, unserem Etappenort, machten wir Halt
in Terrasson, das durch seine schöne Lage und sein mittelaterliches
Stadtbild besticht. Von Saint Cer€ aus konnte die Gruppe in den nächsten
Tagen die nähere und fernere Umgebung erkunden; dazu gehörten die
Grotten von Pech-Merle mit ihren vorhistorischen Felsmalereien, Ca-
hors mit der berühmten Valentre-Brücke, Saint Cirg-Lapopille, Perigueux
mit seinen Geschlechtertürmen und der beeindruckenden
Kuppelkathedrale, Schloss Hautfort, das mittelalterliche Sarlat, die
ehemalige Klosterkirche von Souillac, Schloss Castelneau, der Pilgerort
Rocamadour, Figeac und sein Schriftmuseum usw.
Am 21.9.2008 luden Hans Klein und Herbert Doum zu einer
Wanderung durch Lontzen ein, wo die Herren Martinius und Schyns
im Dorfhaus die «dorfgeschichtliche Sammlung» vorstellten, ehe die
anschließende Wanderung über Bergweide und Lontzen-Busch ins
Ortszentrum zurückführte.
Die von Alain Brose geführte Ausfahrt vom 4.10.2008 steuerte als
erstes Tagesziel das prähistorische Museum von Ramioul b. Gräce-
Hollogne an, wo dem Besucher auf sehr anschauliche Art und Weise
nahegebracht wird, wie die Menschen in der Steinzeit als Jäger und
Sammler lebten und wie sie mit dem Ackerbau sesshaft wurden etc.
In Amay a. d. Maas stand die Stiftskirche St. Georg und Ode im
Mittelpunkt des Interesses und hier vor allem die 1977 unter dem Chor
entdeckte Gruft mit dem Steinsarg der Chrodoara, einem
außergewöhnlichen Monument der Merowingerzeit. Dieser Sarkophag
mit Flechtbandornamenten ist der einzige aus jener Zeit in Europa mit
einem Frauenbildnis und zeigt die hl. Chrodoara (Ode?) als Äbtissin
mit einem Stab in der Hand.
Das Schloss von Jehay gehört zu den Perlen mittealterlicher
Architektur in Belgien. Die hervorragend unterhaltene Anlage ist seit
dem Jahre 2000 im Besitz der Provinz, die das adlige Haus - ehemals
Wohnsitz des kunstsinnigen Grafen van den Steen — mit der gesamten
Einrichtung übernommen hat. Auch die Parkanlagen sind eine
Augenweide.
Am 25.10.2008, einem sonnigen Spätherbsttag, konnte Helene Bings
an die 20 «Göhltaler» zu einer Stadtführung durch Maastricht
begrüßen.
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Jehay, eine Perle der Schlossarchitektur
Die Hauptstadt der niederländischen Provinz Limburg ist in den Augen
der «Holländer» schon Ausland, liegt sie doch an der Nahtstelle
europäischer Kulturen, wo sich «französische Küche, rheinischer
Frohsinn und burgundische Lebensart» mischen.
Eine Stadtbesichtigung kann unter verschiedenen Aspekten
durchgeführt werden. Helene Bings wählte ihre Route so, dass
Festungswanderung, Giebelsteinwanderung und geschichtliches Maas-
tricht darin berücksichtigt wurden.
Als REsume ihres Vortrages am 4.12.2008 über «40 Jahre Rückblick
auf Wirtschaft, Wissenschaft und Politik» setzten Gaby Regulla und
Herbert Lennertz den Hinweis, dass keine Epoche unser Alltagsleben so
stark geprägt habe wie die letzten 40 Jahre, in denen die Entwicklung
rasant vorangeschritten ist und unser Leben teilweise revolutioniert hat.
Jeder heute mehr als 50jährige kann eine Vielzahl von Beispielen dieses
Wandels an den Dingen des täglichen Lebens festmachen. Es geht vom
Metall zum Kunststoff, vom Rechenschieber über den Taschenrechner
bis zum PC, von der Radioröhre bis zum Transistor, vom
Propellerflugzeug bis zur Weltraumfahrt... Aber der Wandel ergriff auch
das Lebensgefühl, das durch weniger Autorität und mehr
Selbstbestimmung geprägt wird. Die Emanzipation der Frau (auch an
der Mode ersichtlich) ist ebenfalls ein Aspekt des allgemein um sich
greifenden Selbstbestimmungswillens, der auch in die Klassenzimmer
Einzug gehalten hat... Ein weites Feld...