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Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr. 79 Februar 2007 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04. Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Kassierer: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Postscheckkonto Nr. 000-0191053-60. Fortis Bank: 248-0068875-35 Konto NL: AMRO-BANK: 46.37.00.090 Vaals/L Konto BRD: Aachener Bank: 821 363 012 (BLZ 390 601 80) Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten Druck.: Aldenhoff, Gemmenich - 087-78 61 13.
3 Inhaltsverzeichnis Alfred Bertha Zum Umschlagbild: 5 Hergenrath Der «Hergenrather Hof» Erwin Bruch Die Familie des Werner Heins 25 Neu-Moresnet aus Astenet M.-Th. Weinert Im April 36 Aachen-Forst Walter Meven Vom Krönungsstift zum Kollegiatsstift 37 Aachen Helmut Christoph Die «Ports» oder «Boutique» 41 Oberkirch in Walhorn Dieter Iven Chronik einer Dienstreise 50 Aachen Bernard Liemann/ Aus der Gemeindechronik von 55 Sebastian Scharte Preußisch-Moresnet Münster Henri Beckers Die Aktie der Preußisch-Belgischen 80 Kelmis Verbindungsbahn Jakob Langohr Wat ech esue schrääf 82 Bildchen Alfred Bertha Neu-Amerika, ein Nachtrag 84 Hergenrath Peter Zimmer (+) Wat wür et Jöhltal 90 Herbert Lennertz Jahresrückblick 2006 91 Neu-Moresnet
5 Zum Umschlagbild Der «Hergenrather Hof»* von Alfred Bertha Zu den genealogischen Ausführungen zur Familie Beelen, die Herr de Janty in der vorigen Nummer dieser Zeitschrift veröffentlichte‘, lassen wir hiernach einige Einzelheiten zum Wohnsitz der Familie Beelen in Hergenrath folgen. Dieses Haus trägt bis heute den Namen “Bertolff*‘; im Volksmund ist es unter dem Namen „Hergenrather Hof“ bekannt. Im Besitz der Familie Bertolff war der „Hof zu Hergenrath“, der in den Lehensregistern der propsteilichen Mannkammer des Achener Marienstiftes schon 1441 genannt wird, von 1460 bis 1562. Auch nachdem der „Hof“ im Jahre 1567 durch Verkauf an Lambert Beel von Imbach übergegangen war, blieb der Name der vormaligen Besitzer an ihm haften. Eine „Specificatio feudi in Hergenraedt“ (d. h. eine Auflistung der zum Hergenrather Lehen Bertolff gehörenden Ländereien) vom 27. Mai 1627 gibt uns eine vage Vorstellung des Umfanges von „Bertolff‘““ und den dazu gehörenden Grundbesitz. Die Auflistung ist auch wegen der genannten Flurbezeichnungen von Interesse. Sie wurde angefertigt, als Lambert Beel und Claes Beelen, beide Schöffen der Bank Walhorn, dem Propst des Aachener Marienstiftes ihre Hergenrather Besitzungen zum Lehen übertrugen?. Im einzelnen werden genannt: Zum ersten das Gut („Aensaell‘) zu Hergenrath genannt „der Hof“ gelegen an der Gillis Heide mit seinen (Wasser-) Gräben; Zum zweiten 12 Morgen Benden gelegen außerhalb der Gräben; Zum dritten ein Weiher mit 2 Pfühlen sowie ein Weiher „oben am Brunnen“‘; Zum vierten noch 18 Morgen Land, davon 6 Morgen gelegen am Fußpfad, der zur Kirche führt, sowie 1 Morgen längs St. Mertens Busch; * Zeichnung Sonja Firmenich-Laschet, Hergenrath '_ Im Göhltal, Nr. 78, S. 19-42 ?_ « Ich Lambert Beelen ende Claes Beelen ...geven oever an den Eirw. ende erenvesten Propst Vitsdom als Lehen Herr der Propst. Lehen guderen bennen der Bank Walhorn alsulchen Lehen geuder als wij besetten ende possedieren gelegen Int quarteir Hergenraedt...‘“ Domarchiv Aachen, Propsteiliche Lehengüter zu Hergenrath.
6 WE ö Care Az DB CH | 7 5 55 38 „Px< ® m EHE = A A LS S Ss ZN Das Herrenhaus Bertholf desgleichen 6 Morgen „Land“ (= Ackerland) gelegen im Schlem- pertal; desgl. 2 Morgen Land gelegen „vorne im Feld‘; desgl. 2 Morgen Land gelegen „op Zefrosch“‘; desgl. 1 Morgen gelegen „op Zefrosch‘ genannt das „Winkelstück‘‘; Zusammen waren das 11 Morgen Ackerland, wofür Lambert und Claes Beelen jährlich 3 1/2 Fass Hafer an den Prinzen/Herzog und 12 Fass an die Kirche von Hergenrath abführen mussten. Kleinere, unbedeutende Absplisse („Spletten‘“‘), die zum Gut gehörten, sind hier nicht von Interesse,
7 Am 19.8.1651 empfängt Johann Beel das etwa 36 1/2 Morgen große Gut zu Hergenrath als Universalerbe laut Testament seines Oheims Claes Beel. Der genannte Johann Beel (en) war 1680 Meier „der Bank (!) und Herrlichkeit Hergenrath“. Die Familie Beelen besaß seit 1640 einen Grabstein in der Walhorner Kirche. 1684 brannte das Haus Bertolff ab „par une suite de guerre‘“ — infolge von Kriegshandlungen -, wurde aber durch Johann Albert von Beelen wieder aufgebaut. 1748 wurde Bertolff erneut von französischen Truppen heimgesucht und geplündert, sodass, wie es die Walhorner Schöffen 1770 bezeugen, diese Familie durch Feuer und Plünderung der Feinde unserer Herrscher die Urkunden und Papiere verlor („„de sorte que cette famille a perdu par les flammes et le pillage des ennemis de Nn0s souverains les actes et papiers‘®. Im 18. Jahrhundert bleibt der Hergenrather Hof im Besitz der Familie Beelen, ist jedoch selten in einer einzigen Hand. 1766 ist der kaiserliche Rat und General-Auditor Johann Albert von Beelen alleiniger Besitzer des Hofes, der im September 1766 auf Antrag des Hauptmannes in holländischen Diensten Franz Joseph de Ringler mit Arrest belegt wird. Der hochverschuldete General-Auditor Beelen und dessen Frau Anna Catherina d’Ansillon übertragen am 6. Juni 1771 ihr Lehen Bertolf „mit Schloss, Gräben, Teichen, Gärten, Wirtschaftshof, Busch und Land sowohl Lehen-, als Zinsgut, den Hof Gillesheide und andere, nicht von der Mannkammer lehnrührige Güter ihrem ältesten Sohn, dem Auditor Maximilian von Beelen. Über die Zahlung einer Rente an die Eltern und die Abrechnung und die Auszahlung an die Geschwister nach dem Tode der Eltern werden umfangreiche Vereinbarungen getroffen“. Wie sein Vater, so bleibt auch Maximilian von Beelen hochverschuldet. So bekennt er am 14. September 1781, dem Generaleinnehmer W. J. F. Birven 4.353 Gulden Steuerrückstände zu schulden. Als Sicherheit stellt er sein Schloss Bertolff mit Zubehör, die Pachthöfe Gillesheide und Vergaederinghe, sowie das, was er von Jan Stickelman erworben hat°. Am 3. Oktober 1781 bekennt er, dem Cornelius Arnold Mostert 2.978 Gulden zu schulden. Auch in diesem Fall stellt er das Schloss Bertolff als Sicherheit. Wegen weiterer Schulden werden die in Hergenrath, Hauset und Astenet gelegenen Güter des Maximilian v. Beelen und seiner Frau Maria 3 Stadtarchiv Aachen, ungeordnete Akten der Hochbank Walhorn, Bündel 5. * v. Coels, Die Lehensregister der Propsteilichen Mannkammer, Lehen 157, S. 270 5 ‚ebd.
9 Vente d’un bien: pafrimonial, + wu Le mercredi 16 novembre 18174, A dix heures du matin ; Chez le SS", Cuillaume Beuven, maison de feu M. V’echevin Bounie , a Biltgen , commune de Hergenraed , sise, & une liene d’Aix-la-Chapelle, sur la chaussge de Titge, il sera proc6d& devant Ic notaire soussignd , residant a Eupen, a ia requeie de Madame Marie-Jeanne-Joseph van Casteel , dowairi&re de .feu Monsicur Ie baron Maximlien de‘ Beelen de Bertholff et do sag ‚enfans, 3 V’adjudication preparaloire, et le mercredi 30 du meme mois de novembre, & Ina möme heure et au nıdme lien, da V’ad- judication definitive des immeubles, dont suit le deiail, situde en ladite commune de Hergenracd , cercle de Verviers , depar- tement de Meuse‚et-Ourte ; & proximit& et du cöt& gauche de ladite grande route d’Aix-Ia-Chapelle & Lidge ; savoir : 1°, Chäteau de Bertholff, ayant un site des plus pittoresques , abondammen?” pouryuw d’eau en toute.saison, consistant en um vaste quartier de ıhaltre, couvert en ardoises, jardins A fleure ei A fruits, condaits et jets d’ean, trois pepinitres, plusieurs dröves et Etangs.; hois de sapin et autres hocages, f 20. Basse-cour attenante audit chäteau, et une formant avec jcelui, qu'un ensemble, consistant en maison d’habitstjon de fermier, couyerte en Iuiles ect autres vastes häliınens, Ccuries , etables , granges et.remises , avec un graud pre A faucher, en- tourant ces-bätimens, et une grande prairie & päture, et mombıe de terres labourables de la premitre classe,et de ‚la; meilleure qualite, NEE La” hassv-cour est tenue en location par Ia ‚veuve P. Rader- mecher. & 30. Aufie ferme dite Cilles-Heyd , occupde par le censier Jacques Nicol. har 4“. Dito, ferme appelee Vergaederinge, occupee par la dame veuve Chabert, nce Stecunarts. i X 5°, Dito , nanımfe” Specte Molen ; Toude au’ censter” Andre Laschet; cette dernidre -ferme est situge & Kelmis, commune de Moresnet. i in S Les inmeables susdits ,confiennent en tout, suivant les ca- dastres, 3 journaux, 6 verges, faisanı 67 hectates, Oo ares, 20 centjares. RE DAN \ S’adresser en l’ötude dudit notaire pour connaltre prealablement les conditions de lasvente, | MORE Ani Fait 4 Eupen, le 295 octobre 1814. . n » -—=P;’S. HENNEN.. $ X & Anzeige im Journal des Nieder- und Mittel-Rheins vom 4. August 1814. Bei der Angabe der Gesamtfläche (unter 5°) ist dem Drucker ein kleiner Irrtum unterlaufen. Es muss heißen: 77 bonniers, 3 journaux, 6 verges.
10 Niederösterreich. Seine Witwe kehrte nach Hergenrath zurück, wodurch sie der Beschlagnahme und dem Verkauf ihres Besitzes zuvorkam. Die Kinder, die beiden Söhne Eugen Baron von Beelen und der noch minderjährige in Wien lebende Charles sowie die Tochter Marie von Beelen blieben im Ausland. Letztere war verheiratet mit dem Baron von Pelichy aus Kremsier in Mähren und dort wohnhaft. Der Sohn Eugen war 1807 Kapitän im Infanterieregiment Charles Schroeder Nr. 7 und in Pressburg (damals ungarisch, heute Bratislava, Hauptstadt der Slowakei) ansässig. Eugen Baron von Beelen, Miterbe seines verstorbenen Vaters, handelnd für sich und für seinen in Wien lebenden und noch minderjährigen Bruder Charles, dessen Vormund er ist, erlaubt am ’2. Oktober 1807 seiner in Brüssel wohnhaften Mutter Marie Jeanne Jo- seph van Casteel alle ihre in der ehemaligen Provinz Limburg gelegenen Güter öffentlich zu verkaufen. Ein gleiches tut die Tochter Marie durch notarielle Beurkundung in Kremsier am 27. Oktober 1807, während die Witwe Beelen geb. van Casteel am 2. Januar 1808 vor dem Bürgermeister und dem Stadtrat der Stadt Lintz in Oberösterreich schriftlich dem Brüsseler Notar Antoine Jean Stinglhamber die Vollmacht zum Verkauf all ihrer im früheren Herzogtum Limburg gelegenen Güter erteilte. Diese drei Schriftstücke werden allerdings erst am 28. November 1814 in Eupen registriert. Der Eupener Notar Peter Joseph Hennen ließ die Güter durch Plakatanschlag in den umliegenden Orten und Bekanntmachungen in den Zeitungen des Ourthe-Departements und der Stadt Aachen zum Verkauf anbieten. Der gesamte Grundbesitz der Familie Beelen wurde in vier Lose aufgeteilt, die zuerst einzeln, dann zusammen zur Versteigerung kamen. Der Hergenrather Hof Los 1 umfasste 31 Positionen, und zwar: 1) das Schloss Bertholff mit seinen Wirtschaftsgebäuden, Scheunen, Schuppen und Anbauten, insgesamt 126 Ruten oder 27 a, 46 ca; 2) einen Gemüsegarten von 198 Ruten oder 43 a, 15 ca; 3) eine eingefriedete, als Baumschule angelegte Parzelle dem Schloss gegenüber gelegen, groß 712 Ruten oder 1 ha, 55 a, 19 ca; 4) eine ähnliche Parzelle von 79 Ruten oder 17 a, 22 ca; 5) einige Weiher, die inmitten der Mähwiesen Nr. 38 und 39 des Katasters liegen, zusammen 355 Ruten oder 77 a, 38 ca;
11 Pan Da | Bd . S Pe Gh Fr 5 7 Be 00 SO se ® eh Ka 58 ME A % JE u} L NE SR ) EN So 7 EM Dieses alte Ölbild (Haus Zimmermann) zeigt im Vordergrund den schon lange verschwundenen Fleunisweiher/Flönnesweiher. 6) einen Weiher von 32 Ruten oder 6 a, 97 ca, genannt „Fleunisweiher*‘, grenzend im N an den Weg, im S, O und W an die Güter der Witwe Gerard Laschet; 7) einen „Hau“ (Parzelle) Wald von 380 Ruten oder 82 a, 82 ca; 8) 17 Ruten oder 3 a, 60 ca Gestrüpp, grenzend an den Wald und den Herrn Nagelmackers; 9) eine Enklave Wald von 349 Ruten oder 76 a, 7 ca; 10) 2 Heideflächen, die eine genannt „Hochheide“, die andere „Scham- pelheide“, groß 3 Bunder, 1 Morgen, 91 Ruten oder 3 ha, 3 a, 19 ca; Die Witwe Peter Radermecker, Pächterin der Wirtschaftsgebäude, bewirtschaftete folgende Grundstücke: 1) einen Gemüsegarten von 71 Ruten oder 15 a, 7 ca, grenzend an den Garten des Hofes Gillesheide; 2) eine Weide von 10 Bunder, 96 Ruten oder 8 ha, 92 a grenzend im Osten an den Weg, im S an die Witwe Heinrich Hennen und an das „Feld“, im Westen an den Mertensbusch und im N an die Erben Ringler und Laurenz Barth;
12 3) eine Mähwiese von 11 Bunder, 2 Morgen und 62 Ruten oder 10 ha, 18 ca, grenzend im Osten an die große „avenue“, im S an Mathieu Cupper, Laurent Barth und Brice Goor, im W an Joseph van den Hertz und im N an den Weg, die „platte Weide‘ und die Gebrüder Monchamps; 4) einen Acker an Mertensbusch, grenzend an die Erben Peter Moresnet, die Verkäufer, die Erben des Notars Bounie und den genannten Wald, groß 169 Ruten oder 36 a, 83 ca; 5) einen Acker von 582 Ruten oder 1 ha, 29 a, ca, genannt „kleines Slemperdael“ (= St Lamberts-Tal?); 6) einen Acker von 3 Bunder, 54 Ruten oder 2 ha, 73 a, 33 ca, genannt „Slemperdael‘‘, grenzend im O an die Verkäufer, im S an die Erben Jakob Fober, im W an den Weg und im N an die Erben Ringler; . 7) einen Acker von 80 Ruten oder 17 a, 3 ca „an der Ossengatz‘‘; 8) einen Acker von 254 Ruten oder 55 a, 36 ca, grenzend im Osten an die Gebrüder Monchamps, im S an den Eyneburger Weg, im W an Herrn Birmans und im N an Herrn Birven; 9) einen Acker im Bouwinkel, groß 68 Ruten oder 14 a, 82 ca, grenzend im Osten und W an die Gebrüder Monchamps, im S an den Eyneburger Wald; 10) einen Acker von 95 Ruten oder 20 a, 70 ca, grenzend im Osten an Herrn Birmans, im S an den Wald, im W an die Verkäufer und im N an die Gebrüder Monchamps; Giebelspitze der Gillesheide mit Jahreszahl 1728
13 11) einen Acker von 352 Ruten oder 20 a, 72 ca, grenzend im Osten an die Verkäufer, im S an Monchamps und im W an den Eyneburger Wald; 12) einen Acker von 106 Ruten oder 23 a, 10 ca, grenzend im Osten an die Verkäufer und im W an Herren Nagelmaeckers; 13) einen Acker von 1019 Ruten oder 2 ha, 22 a, 11 ca, grenzend im Osten an den Weg, im Süden an Monchamps, im W an den Wald und im N an die Gebrüder Monchamps und die Witwe Heinrich Hennen; 14) einen Acker von 44 Ruten oder 19 a,59 ca, grenzend im Süden und im O an die Erben Fredrics, im W an den Eyneburger Wald; 15) einen Acker am Eyneburger Weg, grenzend im Osten an Stephan Hahn, im S an den Weg, im W an die Erben Mathias Maeger, groß 215 Ruten oder 59 a, 94 ca; 16) einen Acker genannt „Roubelaer“, groß 369 Ruten oder 80 a, 43 ca, grenzend im Osten und Süden an die Gebrüder Monchamps, im Westen an Herrn Nagelmaeckers und im Norden an den Weg; 17) eine Parzelle teils Ackerland, teils Mähwiese, groß 1093 Ruten oder 2 ha, 38 a, 24 ca; 18) einen Acker genannt „Ochsenstall“ ursprünglich zur Gillesheide gehörend, nun davon abgetrennt und dem Schlosshof zugeschlagen, groß 300 Ruten oder 65 a, 39 ca; 19) einen Acker von 82 Ruten oder 17 a, 87 ca, herausgelöst aus dem Hof „Vergaederinge“; 20) eine Ackerparzelle von 16 a, 56 ca, z. Zt mit Bäumen bepflanzt, von der „Speetenmolen“ abgetrennt; 21) ein Sumpfloch am Tüljebach von 15 a, 25 ca, aus der Speetenmühle herausgenommen. Die Vermessung ergab für das zum Hof gehörende Gut eine Fläche von 37 Bunder, 3 Morgen und 27 Ruten oder 32 ha, 97 a, 16 ca. X Die Gillesheide Das zweite Los des Beelen-Besitzes umfasste das in der Nähe des Hergenrather Hofes gelegene Gut Gillesheide (auch Gilles Heyde geschrieben). Die Flurbezeichnung „Gillis Heyt“ findet sich schon im Hergenrather Gudungsbuch am 16.11.1632. Der Hof trägt als Jahr der Erbauung im Giebel die Zahl 1728. Die Gillesheide war 1814 bewohnt vom Pächter Jacques Nicol. Der Hof umfasste laut Vermessung durch den Landmesser Jean Arnold Kes- sel 11 ha, 11 a und 81 ca, und zwar - das Haus mit den Wirtschaftsgebäuden in einer Größe von 4 a, 57 ca;
14 1 a a . KM el er Ss A 6 DB HB MM | A a = RK FM ! a a A f EA Bea Der Hof Gillesheide (Foto 2006) - einen Gemüsegarten von 7 a, 41 ca; - eine Weide gegenüber dem Hof, genannt Perdts-Weyde (Pferdeweide), groß 1 ha, 35 a und 79 ca; - eine Weide von 500 Ruten oder 1 ha, 8 a, 98 ca, gelegen hinter dem Haus und grenzend an die Repräsentanten Ringler; - eine weitere Weide genannt „platte Weide‘, groß 607 Ruten oder 1 ha, 32 a, 30 ca; - eine Mähwiese von 250 Ruten oder 54 a, 49 ca, grenzend im Westen an die große „avenue“ des Schlosses und im Norden an einen Weiher; - einen aus drei Parzellen bestehenden Acker genannt „Kattenwinkel“‘, 374 Ruten oder 81 a, 52 ca groß; - eine weitere Ackerparzelle gelegen „in de Kehl“, grenzend im Norden an den Mertensbusch, groß 141 Ruten oder 30 a, 73 ca; - eine Ackerparzelle von 785 Ruten oder 1 ha, 71 a, 10 ca; - eine Ackerparzelle von 261 Ruten oder 56 a, 59 ca; - eine Ackerparzelle von 551 Ruten oder 1 ha, 20 a, 10 ca gelegen auf der Schampelheide; - eine Ackerparzelle auf der Hochheide, groß 478 Ruten oder 1 ha, 4 a, 18 ca, - eine kleines Haus mit Gemüsegarten und Obstgarten, bewohnt durch Leonard Knops mit einer Fläche von 122 Ruten oder 26 a, 59 ca.
15 1835 ist Mathias Laschet als Pächter auf der Gillesheide, die er aber in jenem Jahre nach Verkauf von Vieh und Mobilar verlässt. Ihm folgte bis Juli 1836 der Pächter Dionys Heuschen. Die Vergaedering Das dritte Los umfasste Haus und Grund der „Vergaederinge‘. Dieses an der Aachener Straße Nr. 55 gelegene und heute durch Herrn S. Palm bewirtschaftete Gut leitet seinen Namen ab vom niederländischen „vergaedering“, d. h. Versammlung. Im 18. Jh. war hier über längere Zeit der Versammlungsort der Bürger, die zu „Naeber-Vergaederingen“ zusammenkamen, um gemeinsam mit ihren Bürgermeistern die anstehenden Probleme zu besprechen. Auch die Bürgermeisterwahlen fanden hier statt. 7) "NEE vn BE CA 1 BE E an 8 BE Te EEE z LAU | ED MAD 4 Der Hof «Vergaedering» (Foto 2006) In der Franzosenzeit wohnte hier der Bürgermeister Louis Chabert; nach dessen Tod (1814) wurde die Vergaedering von der Witwe weiter bewirtschaftet.
16 Die Speeten- oder Jansmühle Als viertes und letztes Los kam bei der Versteigerung die Speeten- oder Jansmühle zum Aufruf, Diese auf dem Gebiete von Moresnet, Abteilung Kelmis, gelegene Mühle wurde damals von dem Müller An- dre Laschet bewohnt. Die Mühle wurde 1777 durch die Kinder und Erben der verstorbenen Eheleute Jan Speet und Catharina Sproeten an den Auditor Beelen verkauft und mal „Speeten-Molen“‘, mal „Jans-Molen“ genannt. Letztere Bezeichnung hat sich bis heute erhalten. Zur Jansmühle gehörten neben dem Haus und anderen Gebäulichkeiten von 9 Ruten oder 1 a, 96 ca eine Hauswiese von 1479 Ruten oder 3 Bunder, 2 Morgen, 79 Ruten bzw. 3 ha, 22 a, 37 ca; - eine Parzelle Ackerland von 743 Ruten oder 3 ha, 61 a und 95 ca; - eine Ackerparzelle genannt Rott von 80 Ruten oder 17 a, 43 ca. Insgesamt gehörten so zur Jansmühle rund 5 ha Land. Die Gesamtübersicht ergab folgendes Bild: Das Schloss Bertolff 7393/87 15 ca Der Schlosshof 32 ha, 97 a, 16ca Die Gillesheide 1lha, 11 a, 81 ca Der Hof Vergaederinge 10 ha, 74 a, 10 ca Die Speeten- oder Jansmühle Sha; 3a 75ca Das Lastenheft des Verkaufs vermerkt ausdrücklich: „Alle hier aufgeführten Immobilien sind ausschließliches Eigentum der Witwe von Beelen, des Herrn Barons Eugen von Beelen und der Baronin Marie von Beelen, Ehefrau Pelichy, da ihr Sohn resp. Bruder Charles von Beelen verstorben ist.“ Die Verkaufsbedingungen umfassen nicht weniger als 22 Artikel, die erst in französischer Sprache und dann in der Landessprache („en lan- gue du pays“) erläutert wurden. Da der beurkundende Notar aus Hergenrath stammte, müssen wir unter „langue du pays“ wohl den heimischen Dialekt verstehen. Wir greifen hier die wichtigsten dieser Bedingungen heraus. 1. Die Bezahlung muss in „monnaie decimale‘‘, d. h. in französischen Franken geschehen. 2. Der Käufer übernimmt alle auf den erworbenen Immobilien lastenden Hypotheken. 3. Da.das Pachtjahr mit dem 1. Mai begonnen hat, wird der Käufer in den Genuss der fälligen Pachtgelder kommen, aber auch alle Grundsteuern des Jahres 1814 tragen müssen.
17 4. Die Einregistrierungskosten sind voll zu Lasten des Käufers. 5. Die Einregistrierungsgelder sind dem Notar Hennen binnen 8 Tagen nach dem definitiven Verkauf zu übergeben. 6. Als Entgelt für die Abfassung des Lastenheftes, die Verkaufssitzungen, die Veröffentlichungen in den verschiedenen Zeitungen, die Verkaufsplakate usw. zahlt der Käufer sofort dem Notar Hennen 3% des Kaufpreises. 7. Der Verkäufer kann die Lose nach eigenem Belieben zusammenstellen. 9. Die Gebote auf das erste Los müssen wenigstens 50 Franken, auf die anderen Lose wenigstens 25 F und auf alle Lose zusammen wenigstens 100 F betragen. 10. Jede als zahlungsfähig anerkannte Person wird zum Mitsteigern zugelassen. 12. Die Ansteigerer übernehmen sowohl die passiven wie die aktiven Gerechtsame. 13. Für die angegebenen Flächengrößen wird keine Garantie gegeben. 15. Nach Landesbrauch müssen die Ankäufer die Hälfte der bestellten Wintersaat dem Pächter überlassen. Die andere Hälfte sowie das Stroh gehören dem Ankäufer. 18. Der Ankäufer des ersten Loses darf zu jeder Zeit mit Wagen, Karren und Pferden über den Hof Vergaederinge zum Hergenrather Feld und zurück fahren. 19. Soweit dies nötig ist, haben die Höfe „Gillesheide“ und „Vergaederinge‘“ freie Durchfahrt mit Pferd und Wagen über die „grande avenue“ oder „dre&ve‘“ zur Bernhag (= Brennhag). 20. Der Ankäufer des ersten Loses (Schloss) ist berechtigt, seine von dem Weiher genannt „Fleunisweiher‘“ über den Hof „Gillesheide‘‘ führende Wasserleitung „zu bauen und zu unterhalten“. 22. Die Ankäufer begnügen sich mit dem Eigentumsnachweis über 30 und mehr Jahre. Der definitive Verkauf von Bertholf und den übrigen Gütern der Familie Beelen fand am 30. November 1814 statt, und zwar auf Bildchen, bei Guillaume Beuven, im Hause des verstorbenen Notars Nicolas Bounie. Der Aachener Kaufmann Jacques Mauss erstand die Lose 1-3, das Los Nr. 4 ersteigerte der Aachener Rentier Nicolas Ludwigs. Nachdem der Notar die Lose 1- 4 noch einmal zusammen zum Verkauf angeboten
18 hatte, erstand Jacques Mauss die gesamten Immobilien zum Preis von 52.300 Franken. (Derselbe Mauss erwarb am 12.8.1816 von den Eheleuten Mennicken-Kittel die Hergenrather Mühle). Der Versteigerungserlös genügte nicht, alle Forderungen der Gläubiger zu befriedigen. Auch die Gemeinde Hergenrath war unter den Gläubigern, die auf ihre Forderungen (jährlich 5 Taler, 12 Silbergroschen und 9 Pfennige) verzichten musste. Aus den Angaben der Lehensregister und der Verkäufe können wir schließen, dass es sich bei Bertholf um eine dreiseitig von Wassergräben umgebene Anlage gehandelt hat, die jedoch nicht genügend Schutz vor marodierenden Truppen bot und so mehrfach durch Brand und Plünderungen stark gelitten hat. Ob der Aachener Kaufmann und Tuchindustrielle Mauss, der nun neuer Besitzer von Bertholf war, das Haus auch selbst bewohnt hat, ist fraglich, ja unwahrscheinlich. Im Korrespondenzbuch der Gemeinde Hergenrath findet sich nämlich unter dem 8. Oktober 1819, im dort angeführten Brand-Kataster, die Eintragung: „Ein unbewohntes Schloss, Bertolf genannt“. Und 1826 schreibt Bürgermeister von Lasaulx, es gebe im ganzen Ort kein einziges Haus, das als Pfarrhaus gemietet werden könnte, außer dem Herrenhaus Bertholf, welches schon längere Zeit unbewohnt und „zu anderen ökonomischen Zwecken“ genutzt worden sei. Wahrscheinlich war es auch nicht der genannte Jakob Mauss, der 1839/ 40 das jetzige Herrenhaus Bertholf errichten ließ. Das Korrespondenzblatt des Kreises Eupen vom 16.7.1841 kündigt nämlich einen Verkauf von 9 Losen gefälltem Bau- und Nutzholz an, der auf Anstehen des Herrn Karl Opdenhoff stattfindet. Das Holz befindet sich „um dem neuerbauten Herrenhause Bertholf“‘. Die nächste Nachricht zum Hause Bertholf findet sich im Korrespondenzblatt des Kreises Eupen. Anlässlich eines Verkaufs von Vieh- und Ackergeräten „auf dem Gute des Herrn Opdenhoff, Bertholf genannt, sollen am 6.12.1847 öffentlich verkauft werden: 14 Kühe, 4 Rinder, 1 Stier, 2 gute Ackerpferde, zwei Karren mit schmalen und breiten Rädern, 1 Pflug, 1 Egge, Welle und sonstiges Ackergeräte‘“. Am 13.3.1848 findet auf Anstehen von Herrn Opdenhoff ein weiterer Verkauf auf Schloss Bertholf statt. 40.000 Pfund Heu, 5000 Pfund Schaufstroh (= Stroh zum Dachdecken) sowie Hausmobilien kommen zum Verkauf. Bei Letzteren handelt es sich um 2 Hausuhren, Tische, Schränke, 4 Butterfässer, 2 Schlagkarren, 1 lange Karre etc.
19 Sroßer Vieh, Ucergeräthbes und Mılche gerötbe, Year und Fruchts Berkauf Ä * zu „Hergenratb. Auf Anfiehen des Yerrn AYdvokat-Auwaults Dick und auf Ddeffen Oute „Bertolferhof“ zu HYergens ratb, follen am Montags, den 10; Aprik 1865; Morgens punkt 9ı Uhr, vor dem unterzeichneten Notar auf Kredit. gegen Bürgichaft öffentlich verkauft werden: Ä ; 28B.theil6 frifchmelkende. theils tragende Nühe, 6 tragende Minder, Z einjährige Minder, % zweijähriger Stier, holländifcher Mace, 1 eins jähriger. Stier, mehrere Zugkälber, 2 Ichöne einjährige Fohlen, LI Fruchtwaugen, k£ lange Karre mit eiferner‘ Zchfe, Veitern und breiten Rädern falt neu, 1 lange Karre mit Rohls brettern und Leitern, eiferner Achfe und breis fen Rädern, 1 brabanter Pfkua, 1 Dombasles pflug, 1 eiferner Küpperspflug, 1 hiefiger Neits . pflug, 2 Eggen, wobei: eine mit eifernen Rähs nen, £ NMübenfchneidmafchine, 2 Schubfarren, 1 Schleifftein, verfchifdene Haudmobilien, als: 1, Ricderchrank, Tılche, Stühle, Beitladen, 3 Defen nebit Zubehör, 1 große Backmulde 36; ferner fämmtlıches Mılds und Kefergefchirr, ale: Butterfäffer, Bütten und Fimer, eine ‚große Partie hölzerner Milchnäpfe, Kälebeden, "Käfeplanfen und Horden, Milchgeftell, fodann 80 Malter Korn und 80000 Pfuxd gutes Wien fen Heu. ; Schüler. Verkaufsanzeige im Korrespondenzblatt des Kreises Eupen vom 8.4.1865
20 1851 steht das „Landgut Bertolf, in Hergenrath, in der Nähe der Rhein.-Belg. Eisenbahn, zwischen Eupen und Aachen gelegen, und groß circa 326 Morgen, aus freier Hand zu verkaufen. Dasselbe besteht aus einem großen, ganz neu erbauten und äußerst bequem eingerichteten herrschaftlichen Wohnhause mit Stallungen und Remisen, sehr schönen Gartenanlagen mit Fischteichen, großen Baumwiesen, alle zum Teil mit jungen Obstbäumen ausgezeichneter Sorten bepflanzt, verschiedenen Gehöften für vier Pächter-Wohnungen, sehr fruchtbaren Wiesen und guten Ackerländereien, Holzungen und Weiden. Durch die in jeder Beziehung ausgezeichnete Lage dieses Gutes mit einer der schönsten Fernsichten in die romantischen Umgebungen desselben, in der Nähe von Aachen und Eupen, eignet sich dieses Gut nicht allein zu einer der schönsten Sommerwohnungen, sondern dürfte dasselbe auch zu jeder industriellen Anlage geeignet erscheinen. Erforderlichenfalls werden bei genügender Garantie ausgedehnte Zahlungsfristen bewilligt. Auskunft erteilt der unterzeichnete, zu Aachen wohnende Notar Gronen.“ Hat das „Landgut Bertolf‘““ damals den Besitzer gewechselt? Wir vermuten, dass dies erst 1853 geschah, denn im Korrespondenzblatt des Kreises Eupen vom 24.6.1853 wird der „freiwillige Güter-Verkauf eines zusammenhängenden Areals von 327 Morgen, 59 Ruten“ nach Sterbefall angezeigt (Notar Creutz). 1861 ist der Hof im Besitz des Aachener Anwaltes Dick, wie aus einer Anzeige im Korrespondenzblatt des Kreises Eupen vom 28.8.1861 hervorgeht. War Dick durch Kauf auch Eigentümer der zu Bertholf gehörenden Güter Gillesheide, Vergaedering und Jansmühle geworden? Am 18.3.1865 steht in dem gleichen Korrespondenzblatt eine Anzeige über einen großen „Vieh, Ackergeräthe-, Frucht- und Heu-Verkauf zu Hergenrath“. Auf Anstehen des Herrn Advocat-Anwalts Dick und auf dessen Gute „Bertolferhof“ solle am 27. März 1865 vor Notar Schüller auf Kredit gegen Bürgschaft öffentlich verkauft werden: 5 starke Ackerpferde, 2 schöne einjährige Fohlen, sämtliches Ackergeschirr, und zwar: 1 Fruchtwagen, 1 lange Karre mit Leitern, eiserner Achse und breiten Rädern, fast neu, 1 lange Karre mit Kohlenbrettern, eiserner Achse und breiten Rädern, 2 Dombasle-Pflüge, 2 hiesige Pflüge, 1 brabanter Pflug, 1 dreischariger Pflug, 1 eiserner Küppers-Pflug, 4 Eggen, wobei eine eiserne, 1 sehr schwere Walze, 1
AA ä ‚Berpachtung, u DaZ in der Gemelhde Hergen-‘ rath Kreis Eupen, in der Nähe der GSifenbahuftation gelegene AWiefen- nd Ackergut Bertholf, groß 25. WA wird am erften Mat 1887 pachtfrei. ‚KautionZfähige NReflectaunten wollen ich mit. ihrem Gefüge {OL ober Perfünlih wenden, an. den . Eigen $Hümer - ; Eduard Kesselkaul,; Da een Anzeige vom 17.04.1886 im Korrespondenzblatt Ws 5 A ES N AN „A Fa BF A Ü N A Aa BEN 24 DE “@ EP DET X WEN 8 EN 5 A e WE Ce 5 GR ER An den früheren Besitzer von Bertholf, Eduard Kesselkaul, erinnert noch dieser Grenzstein mit seinen Initialen (Ecke Bertholf-Panneschopp)
22 Rübenschneidemaschine, fast neu, 1 Häckselmaschine, fast neu, 2 Wannmühlen, 2 Schubkarren, 1 schöner Schleifstein, alles Arbeitsgeschirr, sämtliches Pferdegeschirr, als: 5 Hahmen, 3 Sättel, 5 Hinterhahmen, 4 Paar Baumseile, Reitkissen etc, verschiedene Hausmobilien, worunter 2 Öfen, 1 großer Kleiderschrank, Tische, Stühle, Kanapees, Bettladen, 1 große Backmulde etc; sodann 40.000 Pfund gutes Heu, 30 Malter’ Weizen, 50 Malter Roggen, 1 Malter Erbsen, 80 Malter Hafer, 10.000 Pfund Kartoffeln, wobei 5.000 Pfund Samenkartoffeln, 300 Pfund Schweinefleisch, 50 Pfund Schweinefeder und Schweinefett. Ein weiterer großer Verkauf wurde im Korrespondenzblatt vom 8.4.1865 für den darauf folgenden 10.4. angekündigt. Diesmal kamen zum Verkauf 28 Kühe, 6 tragende Rinder, 7 einjährige Rinder, 1 zweijähriger Stier, mehrere Zuchtkälber, 2 einjährige Fohlen, 1 Fruchtwagen, 1 lange Karre mit eiserner Achse, Leitern und breiten Rädern, fast neu, 1 lange Karre mit Kohlbrettern und Leitern, 1 brabanter Pflug, 1 Dombasle-Pflug, 1 eiserner Küpperspflug, 1 hiesiger Reitpflug, 2 Eggen, wobei eine mit eisernen Zähnen, 1 Rübenschneidemaschine, 2 Schubkarren, 1 Schleifstein, verschiedene Hausmobilien als: 1 Kleiderschrank, Tische, Stühle, Bettladen, 3 Öfen nebst Zubehör, 1 große Backmulde etc; ferner sämtliches Milch- und Kellergeschirr als: Butterfässer, Bütten und Eimer, eine große Partie hölzerner Milchnäpfe, Käsebecken, Käseplanken und Horden, Milchgestell, sodann 80 Malter Korn und 80.000 Pfund gutes Wiesenheu. Aus diesen Verkaufsanzeigen ist ersichtlich, dass der Hergenrather Hof doch ein ansehnliches Gut darstellte. Wie lange der Advokat-Anwalt Dick im Besitz von Bertholf geblieben ist, wissen wir nicht. Am 2. September 1876 heißt es im Korrespondenzblatt, auf dem Gute „Bertolf“ werde am 4. September 1876 infolge Präsidial-Ordonnanz vom 18. August 1876 die zur Benefiziarmasse des Nachlasse des zu Aachen verstorbenen Kaufmannes Herrn Richard Dick gehörigen Mobilien, Kleidungsstücke, Leinwand, Pendül, silberne Taschenuhr, eine Partie Bücher und Musikalien etc. Öffentlich versteigert werden. War Richard Dick der Sohn des oben genannten Advokaten? Eine Anzeige im Korrespondenz-Blatt des Kreises Eupen vom 17.4.1886 weist Eduard Kesselkaul (Aachen) als Besitzer von Bertholf aus. 7 Ein Malter entspricht 690 Liter.
24 Besitz in Hergenrath betroffen. Die Herren Barth und Pirnay kauften die im Hergenrather Feld gelegenen Grundstücke. Das Herrenhaus und der Park fielen unter die Domänenverwaltung, die das Haus als Wohnraum für Zöllnerfamilien zur Verfügung stellte. Als in der großen Hauswiese von Bertholf Tonvorkommen gefunden wurden, verkaufte Nikolaus Laschet Hof und Wiese an die Tonwarenfabrik in Welkenraedt („C&ramique de Welkenraedt‘) und baute für sich einen neuen Hof im Roten Pfuhl. Ein großer, noch von Herrn Kesselkaul gebauter Schweinestall sowie eine Umfassungsmauer wurden abgerissen und das Material zum Neubau im Roten Pfuhl verwendet, der durch Maueranker ins Jahr 1924 datiert ist. Die Ziegel für die Vorderfront lieferte die Welkenraedter Ziegelei. Während des Krieges war das Herrenhaus im Besitz von Herrn Hans Wauben aus Vaals/Holland, diente aber auch als Unterkunft für Aachener Familien, die ausgebombt worden waren. Als Zollbeamte haben auf Bertholf u. a. gewohnt: Arnold MEURRENS (1927), Camille HIOT (1929/1934), Celestin GENON (1929), Hubert GAENS (1931), Robert GOLINVAUX (1931), Heinrich Johann Baptist SCHRÖDER (1932), Albert LAMBERT (1933), Joseph WEBER (1936), Martin Marie VANDERBORGH u. Sohn (1938- 39), Pierre DITTGEN (1939). Aus der Nachkriegszeit erinnert man sich u. a. an Justin RASKIN, und Clement LEFEVE. Da die „Ce&ramique de Welkenraedt” nur am Tonvorkommen interessiert war, verkaufte sie 1953 nach Abbau desselben das ganze Areal (einschließlich Wirtschaftsgebäude) an Frau Berta Cremer, Ehefr. Johann Pascal Heck aus Eupen. Das Tongelände wurde wieder rekultiviert. Durch Zukauf von Teilen des Hofes „Jaap‘““ (Jonas, Aachener Str.) im Jahre 1964 vergrößerte sich die Hausweide des „Hofes“ beträchtlich und stieß nun an die Knippstraße, wo seit den 70er Jahren eine Reihe von Einfamilienhäusern entstanden sind. Das Herrenhaus wurde von der Domänenverwaltung nicht unterhalten und verfiel zusehends. Am 11.9.1971 ging es durch Kauf in die Hände von Frau Cremer (Aachen) über, deren Söhne das Haus erbten und dringende Reparaturen an Dach und Fenstern ausführen ließen; dann aber fiel Bertholf wieder in einen langen Winterschlaf, aus dem das im- posante Herrenhaus erst wieder erwachte, nachdem es Ende der neunziger Jahre in den Besitz von Herrn Willms übergegangen war.
Z5 Die Familie des Werner Heins aus Astenet von Erwin Bruch 1. Einleitung Die Einführung der Kirchenbücher war auf dem Konzil von Trient (1545-1563) beschlossen worden. Die praktische Umsetzung war aber auch hier in der Gegend zumeist schleppend. In der Pfarre Walhorn' stammt die erste Eintragung aus dem Jahre 1596. Aus den ersten Jahrzehnten sind viele Unterlagen verloren gegangen, und dies insbesondere während der Wirren des 30-jährigen Krieges (1618-1648), der für unsere Gegend besonders verheerend war. Die zeitweilige Vertreibung der Geistlichen, die Flucht der Bevölkerung vor den plündernden Soldaten, die Pest, die Hungersnöte und all die anderen Sorgen und Nöten, mit denen unsere Vorfahren zu kämpfen hatten, erklären wohl, warum in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Kirchenbücher nur sporadisch geführt wurden. Aber auch in den folgenden Jahrzehnten klaffen noch so manche Lücken in den Eintragungen, was eine gesicherte Aufstellung einer Genealogie auch für diese Zeit erschwert. Auch in späterer Zeit, wie während der Wirren der ersten Jahre der französischen Zeit, sind wohl ebenfalls viele Unterlagen verloren gegangen. Besonders schmerzlich für die Familienforschung unserer Gegend ist auch der Verlust eines Kirchenbuchs von Hergenrath?. Als Ergänzung zu den in dieser Zeit spärlich geführten Kirchenbüchern sind die Akten der Schöffengerichte und der Notare eine reichhaltige Quelle. Bei den dort protokollierten Verkäufen oder Erbteilungen werden manchmal die Zusammenhänge einer Familie über zwei oder drei Generationen erwähnt, was in den Kirchenbüchern, außer bei seltenen Ausnahmen, nicht der Fall ist. Man trifft dort auch Familienmitglieder an, die in den Kirchenbüchern nicht zu finden sind. In diesem Beitrag werden die drei bis vier ersten Generationen der Familie Heins aus Astenet beschrieben. Der Name schreibt sich anfänglich Hens, mit zahlreichen Varianten wie Hensz, Heyns, Hins oder Hyns, bis sich letztendlich die Schreibweise Heins allgemein durchsetzt?. !_ Die Walhorner Kirchenbücher sind durch J. Kohnen verkartet worden, Cercle G6- n€alogique d’Henri-Chapelle et environs. ? Vom Schicksal der Hergenrather Kirchenbücher, Walter Meven, Im Göhltal Nr. 60, 1997, Seite 38 bis 52. 3 Vereinzelt findet man heute auch die Schreibweise „Heyns“, wie zum Beispiel auf einigen Grabsteinen in Membach.
26 2. Werner Heins und der Mützhof Zu dem umfangreichen Grundbesitz des Aachener Marienstifts gehörte auch das Stocklehen Mützhof in Astenet. Durch zahlreiche Erbschaften und Verkäufe war dieses Stocklehen aber schon am Anfang des 17. Jahrhunderts unter mehrere Besitzer aufgeteilt. So findet man im Archiv der Bank Walhorn* die Abschrift einer Aufstellung von Antonius Lamberts aus dem Jahre 1627, wo er die verschiedenen Besitzer des Stocklehens Mützhof in Astenet aufführt. Bei den Besitzern handelt es sich um die Erben des Nikolas Peltzer aus Henri-Chapelle, der in erster Ehe mit Maria von der Sande, genannt Mützhagen, verheiratet gewesen war, und in zweiter Ehe mit Gudula Welters, die als Witwe Winand von Astenet heiratete. Als Nachkommen aus der ersten Ehe des Nikolas Peltzer werden erwähnt: 1. Der Schultheiß von Henri-Chapelle und seine Adhärenten (= Verwandten): Bei diesen muss es sich um die Familie des Symon Kleynen handeln, der mit Maria Peltzer, einer Tochter aus erster Ehe, verheiratet war. 2. Derich van Imbach: Bei ihm muss es sich um den Sohn von Diederich von Eimbach*® und Catharina Peltzer handeln, die ebenfalls eine Tochter aus erster Ehe war. Als Erben der Gudula Welters werden die Kinder aus ihren beiden Ehen erwähnt: 1. Reinhard Reul, der mit Barbara Peltzer verheiratet war. 2. Anton Lamberts, der mit Catharina Astenet verheiratet war®. 3. Gillis Hoen, verheiratet mit Odilia Astenet. 4. Jacob d’Evengrodt, verheiratet mit Clara Astenet. 5. Leonard de Vischer, der mit Gudula Astenet verheiratet war. Am 9.11.1629’ vollzieht nun Dierich Ernens? einen Erbwechsel mit Wernerus HEYNSCH und dessen Frau Anna für ein Stück Land des Mützhofes in Astenet, welches der Erste von seinen Eltern Diederich von Eimbach und Catharina Peltzer geerbt hatte. $_ Erist vor dem 28.3.1620 verstorben. Siehe: Luise Freiin von Coels von der Brügghen, Die Lehensregister der Propsteilichen Mannkammer des Aachener Marienstifts, Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde LII, 1952, S. 134. 5 Unter ihren Kindern sei erwähnt der Abt von Rolduc Winand Lamberts. Siehe: Winand Lamberti aus Walhorn, 31. Abt von Rolduc, Alfred Bertha, Im Göhltal Nr. 70, 2002, S. 9 bis 36. 7 Luise Freiin von Coels von der Brügghen, a. a. O., S. 135. ® Er ist identisch mit dem 1627 erwähnten Derich van Imbach.
21 Im Archiv der Bank Walhorn befindet sich eine zweite Aufstellung der Besitzer von Mützhof aus dem Jahre 1685. Dort werden als Besitzer aufgeführt: 1. Der Herr Prälat® 2. Evegrott 3. Claes Henne, er ist ein Sohn von Gilles Hoen und Odilia Astenet 4. Jan Priem 5. Thomas Pael 6. Thomas Rentgens 7. Jan Heyns 8. Kerst Heyns 9. Thonis Becker 10. Die Erben des Anton Lamberts 11. Hermann Moresnet Es fällt direkt auf, dass der Besitz sich weiter aufgesplittert hat. Bei Jan und Kerst Heyns wird es sich wohl um zwei Söhne des Werner Heynsch handeln. Dies wird zusätzlich dadurch untermauert, dass sowohl Jan als Kerst Söhne haben, die auf den Namen Werner getauft werden. Den Erben des Egidius Heins, eines Sohnes des Jan, gehört am 24.11.1773 ein Stück Land hinter dem Mützhof in Astenet!®. 3. Kerst Heins und seine Nachkommen Kerst Heins und seine Frau Margaretha werden nur sporadisch in den Kirchenbüchern erwähnt. Der Familienname der Frau von Kerst Heins wird an keiner Stelle erwähnt. Durch die Patenschaften ist jedoch wahrscheinlich, dass sie ein Mitglied der Familie Bart ist. Kerst Heyns wird am 29.8.1665 in einem Schöffenbrief der Bank Walhorn unter den Vertretern der Einwohner von Walhorn, Merols und Rabotrath erwähnt!!. Unter den Kindern von Kerst Heins konnten bis jetzt ermittelt werden: 1) Guilielmus'? (= Wilhelm) getauft am 17.3.1647 in Walhorn (Paten: Joannes Hens'?, Gulielma Bart) ? Um wen es sich handelt, konnte bis jetzt nicht ermittelt werden. 19 Luise Freiin von Coels von der Brügghen, a. a. O., S. 106. "Luise Freiin von Coels von der Brügghen, a. a. O., S. 728. ” Da bei dem zweiten Kind ein Guilielmus Bart junior Pate ist, kann man davon ausgehen, dass Guilielmus/Wilhelm der Vorname des Großvaters mütterlicherseits > Tonanes Hens ist wohl der Bruder des Vaters.
29 a) Margaretha? Maria, getauft am 15.10.1681 in Walhorn (Paten: Leonardus von Hagen, Barbara Schoenmeckers), gestorben am 6.8.1772 op der Knave Pleye in Walhorn, sie heiratete am 14.4.1709 in Walhorn (Zeugen: Lambertus van de Zaen, Dionysius Haesz, Clemente Schomecher) Laurentius KOOL, getauft am 11.8.1680 in Walhorn (P: Wernerus Hens, Catharina Beckers) als Sohn von Dionysius de Coel und Catharina Scheyl, gestorben am 5.9.1770 in Walhorn; ihre Kinder werden am 18.12.1765 in den Lehnsregistern” erwähnt. b) Hermanus?®, getauft am 30.9.1683 in Walhorn (Paten: Wilhelmus Schoenmecher, Oda Louvre), gestorben am 19.7.1773 in Walhorn; er heiratete am 6.2.1723 in Walhorn (Zeugen: Gerard Haes, Jacob Lamberts, Thecla Schoemecker, Maria Smets) Joanna LAMBERTS, getauft am 12.4.1693 in Walhorn (Paten: Lambertus Kolen, Catharina Lamberts) als Tochter von Ludwig Lamberts” und Christina d’Evengrood?®, gestorben am 14.11.1762 in Walhorn (Prysmeulen); diese Ehe blieb kinderlos. Soweit die Angaben zu den Nachkommen von Kerst Heins. 4. Jan Heins und seine Nachkommen Bei der Klärung der Nachkommenschaft von Jan Heins war die Erbteilung seines Sohnes Heinrich Heins und dessen Frau Maria Stickelmann besonders hilfreich. Da diese keine Kinder hinterlassen, werden in der Erbteilung deren Neffen, Nichten, und zum Teil die Großneffen und Großnichten erwähnt. Solch ausführliche Angaben findet man in keinem Kirchenbuch. Jan Heins? ist am 8.2.1697 in Astenet gestorben. Er wird am 30.3.1677 in einem Protokoll der Schöffen von Walhorn erwähnt mit Nellis Pitz und Willem Schoomerker als Vormünder der minderjährigen Kinder des verstorbenen Willem Hompesch des Jüngeren und dessen Witwe Messgen Schomerker. Er heiratete am 3.11.1648°° in Walhorn (Zeugen: % Sie trägt den Vornamen ihrer Großmutter Margaretha Bart. 3 Luise Freiin von Coels von der Brügghen, a. a. O., S. 718. 2% Er trägt den Vornamen des Großvaters väterlicherseits. Er ist am 26.3.1726 Pate in Walhorn bei der Taufe von Joannes Bartholomäus Kever, Sohn von Joannes Kever und Catharina Brouwer. 27 Siehe « Die Familie Lamberts in Walhorn », Erwin Bruch, 1999. 2% Sie ist eine Enkelin der bereits erwähnten Jacob d’Evengrodt und Clara Astenet. 2 In den Kirchenbüchern wird sein Familienname meistens mit Hens angegeben. 3 Kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges
31 c) Joannes Teller, getauft am 18.8.1689 in Walhorn (Paten: Henricus Hens, Barbara Teller), gestorben am 9.9.1774 in Walhorn (op Ruelle), er heiratete Gertruyd RAERMECKER, Tochter von Derich Raermecker und Elisabeth Stickelman” 2) Maria, getauft am 30.11.1651 in Walhorn (Paten: Bartholomeus Schoenmecker, Anna Crummels; Name der Mutter: Magdalena), über sie erfahren wir erst 1748 bei der Erbteilung Heins-Stickelman, dass sie Nachkommen hatte, denn dort werden als ihre Enkelkinder erwähnt Gertruydt Tortaeu, verheiratet? mit Joannes Becker, und Agnes Tortaeu. Über diesen Zweig konnte noch nichts Weiteres ermittelt werden. 3) Wernerus®, getauft am 3.2.1654 in Walhorn (Paten: Gerardus Rademecker, Catharina Smet; Eltern: Joannes Heus und Helena); ein Wernerus Heins ist am 2.5.1685 Trauzeuge in Walhorn, ein Wernerus Heins verstirbt am 10.2.1688 in Astenet 4) Catharina, getauft am 12.3.1656 in Walhorn (Paten: Guilielmus Hompes junior, Mechtild Vaes; Name der Mutter: Lina) 5) Guilielmus®, getauft am 3.11.1657 in Walhorn (Paten: Egidius Moember, Helena Hompes; Name der Mutter: Lina) 6) Anna, getauft am 30.11.1661 in Walhorn (Paten: Joannes Foron, Maria Hensz; Name der Mutter: Helena) 7) Henricus, getauft am 29.6.1664 in Walhorn (Paten: Christianus Rimmes, Maria Hompes; Name der Mutter: Leonora), gestorben sehr wahrscheinlich in Hergenrath zwischen dem 13.1.1730* und dem 19.4.1730*, erwähnt am 16.3.1715 als Bürgermeister von Hergenrath in einem Protokoll der Schöffen von Walhorn; in einem Protokoll der Schöffen von Walhorn aus dem Jahre 1722 wird er erwähnt als Regleur (= Bürgermeister) des Quartiers (= Ortschaft) Hergenrath, am 15.2.1724 genannt als Geschworener des Quartiers Hergenrath“*. Obwohl er 37 Sie ist eine Schwester von Maria Stickelman, der Frau des Heinrich Heins. So erwähnt bei deren Erbteilung. 3 Sie heiraten am 2.7.1747 in Eupen, sie genannt Courtout, mit den Zeugen Henricus Beckers und Maria Agneta Courtout. Zwischen 1748 und 1759 lassen sie 4 Kinder in Eupen taufen. In einer Randnotiz vom 4.6.1748 eines Akts der Schöffen von Walhorn werden erwähnt Johan Becker und Maria Gertrud Dortu, als Erben des verstorbenen Hendrich Heins. Er trägt als erster Sohn den Vornamen seines Großvaters väterlicherseits. * Dieser Vorname kommt bei der Familie Hompesch regelmäßig vor und könnte folglich der seines Großvaters mütterlicherseits sein. *!_ Datum seiner letzten Erwähnung in einem Protokoll der Schöffen von Walhorn. % Erwähnung als „verstorben“ in einem Akt von Notar Mathias Wilhelm Lamberts. #3 Luise Freiin von Coels von der Brügghen, a. a. O., S. 577.
32 zahlreiche Ämter bekleidete, war er anscheinend des Schreibens nicht mächtig, da er die zahlreichen ihn betreffenden Protokolle der Schöffen von Walhorn nur mit „HH“ unterschrieb, er heiratete Maria STICKELMANN, laut Protokoll der Schöffen von Walhorn vom 27.6.1713 war ihr Vater Andreas Stickelmann, sie ist gestorben vor dem 19.9.1747 als erstes Datum der Erbteilung der Hinterlassenschaft der Eheleute durch Notar Peter Lamberts in Eynatten“ . 8) Leonardus, getauft am 16.5.1666 in Walhorn (Paten: Guilielmus Kersten, Catharina Ovrelen; Name der Mutter: Maria) 9) Egidius: ihm und seinen Kindern ist der nächste Absatz gewidmet. in WS = CZ VE U a em } % N A SS CA F ; N Das Zeichen « HH » von Heinrich Heins unter einem Akt der Schöffen von Walhorn vom 16.3.1715. 5. Egidius Heins und seine Kinder Egidius wurde am 25.9.1667 in Walhorn getauft (Paten: Antonius Priem, Helena Schoenmecker; Name der Mutter: Lingen), und am 16.11.1749 in Walhorn begraben. Egidius Heins war zweimal verheiratet, was jedoch erst aus einem Akt* von Notar Peter Lamberts in Eynatten vom 4.5.1734 hervorgeht, wo seine Söhne Wilhelm und Johannes erklären, sie seien Halbbrüder, und ihre jeweiligen Eltern angeben. Dieser Akt wurde von Egidius Heins und seinen beiden Söhnen eigenhändig unterschrieben. Egidius Heins heiratete in erster Ehe Anna Maria HOMPESCH“, die am 23.4.1702 in Walhorn gestorben ist. Er heiratete in zweiter Ehe“ am 4.5.1710 in Walhorn (Zeugen: Barbara Clocker, Johannes Teller, Anna Barbara Kittel) Sofia ROTHEUDT, getauft am # Der umfangreiche Akt befindet sich unter den Unterlagen des Jahres 1748 (Staatsarchiv Eupen). Als Erben der Familie Heins treten auf die Nachkommen seiner Geschwister Margaretha, Maria und Egidius Heins. % Auf Grundlage dieses Akts wurde die gleiche Angelegenheit am 14.5.1734 vor den Schöffen von Walhorn protokolliert. % Die etwaige Verwandtschaft mit ihrer Schwiegermutter konnte noch nicht ermittelt werden. #7 Die Heirat erfolgte mit Dispens wegen Verwandtschaft 2. Grades. Die genaue Verwandtschaft konnte jedoch noch nicht ermittelt werden. Zwischen dem Tod seiner ersten Frau und seiner zweiten Heirat liegen folglich 8 Jahre, was ungewöhnlich lang ist. Das Einwohnerverzeichnis von Walhorn aus dem Jahre 1740 erwähnt jedoch ausdrücklich „Sophia Rothaft, secunda uxor“.
. 33 27.2.1681 in Walhorn (Paten: Mathias Fey, Maria Schoemecker) als Tochter von Nikolaus Roothott und Anna Schimecher, und gestorben am 3.10.1772 in Walhorn*®, In einem Akt von Notar Mathias Wilhelm Lamberts vom 17.3.1729 wird Gilles Heyns erwähnt als gewesener Bürgermeister des Quartiers Astenet. Laut dem Einwohnerverzeichnis von Walhorn von 1740 wohnte er in Astenet „In de Nieuw Straet“®. Wie schon erwähnt, gehörte den Erben Gilles Heyns am 24.11.1773 ein Stück Land hinter dem Mützhof in Astenet“. AB Wk 4 ME N N SS Unterschrift von Gilles (= Egidius) Heins und seiner Söhne Willem und Joannes unter dem Akt von Notar Peter Lamberts in Eynatten am 4.5.1734. Egidius Heins hatte Kinder aus beiden Ehen: 1) Magdalena®', getauft am 28.12.1695 in Walhorn (Paten: Jacobus Radermecker, Maria Stickelmann) 2) Wernerus“”, getauft am 17.11.1698 in Walhorn (Pate: Mathias Schoepffel), gestorben am 12.11.1788 in Lontzen; er heiratete Maria HEUDT, gestorben am 19.2.1760 in Lontzen, Tochter von Johannes Heudt und Gertrud Mutsenich. In einem Akt vom 22.5.1739 von Notar Mathias Wilhelm Lamberts aus Hauset wird er erwähnt als Bürgermeister % Laut dem Kirchenbuch ist sie Witwe von Egidius Schyns, wohl statt Hyns! 4 Catalogus inscriptorum confraternitatis sub titulo adorationis perpetuae, S.S. Sacramenti, Walhorner Pfarrarchiv, Nr. 564, Staatsarchiv Eupen, S. 125. Für das Einwohnerverzeichnis von 1740 siehe auch: Alfred Bertha, Einwohnerverzeichnisse der Pfarre Walhorn aus dem 18. Jahrhundert, Im Göhltal, Nr. 72, 2003, S. 20 — 46 & Nr. 73, 2003, S. 56 — 93. 5 Luise Freiin von Coels von der Brügghen, a. a. O., S. 106. Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um das Stück Land, dass Wernerus Heynsch am 9.11.1629 erworben hatte. 5 Als erste Tochter erhält sie den Vornamen ihrer Großmutter Magdalena Hompesch. 5 Als erster Sohn hätte er normalerweise den Vornamen seines Großvaters Jan Heins erhalten sollen. Er erhält jedoch den Vornamen seines Urgroßvaters Werner Heins, da die beiden Werner Heins aus der vorigen Generation wohl ohne Nachkommen gestorben sind, und somit den Leitvornamen der Familie nicht vererben konnten.
34 von Lontzen; er wird in den Einwohnerverzeichnissen von Lontzen von 1740 und 1776 erwähnt, sie hatten 5 Kinder, die in Lontzen getauft wurden. 3) Wilhelmus*, getauft am 3.3.1701 in Walhorn (Paten: Alexander Teller, Gudula Evegrot), gestorben vor dem 10.2.1748°°, laut der Erbteilung Heins-Stickelmann hatte er mehrere nicht namentlich genannte Kinder. In einem Protokoll der Schöffen von Walhorn vom 22.7.1782 wird Maria Sibilla Heins als seine Tochter in einer Erbangelegenheit der Eheleute Hinrich Heyns und Maria Stickelman erwähnt. Genauere Angaben über seine Frau und seine Kinder konnten bis jetzt nicht ermittelt werden. 4) N., durch die Hebamme im Mutterleib getauft®, gestorben am 12.3.1711 in Walhorn 5) Joannes”, getauft am 9.3.1712 in Walhorn (Paten: Heinrich Heins, Thecla Rotheudt), gestorben am 11.6.1792 in Astenet. Er heiratete°® Anna Catharina FREDRIX, getauft am 18.7.1716 in Lontzen als Tochter von Michael Fredericks und Martina Pirnet; nach ihrer Heirat haben sie von 1742 bis ca. 1748 in Hergenrath gewohnt und dort mindestens 4 Kinder 25 GP Mehl‘, | Gimat 17 BE. | az an illiffderng | aim Conman A HE Det |BE Rat kom a | zZ pi Va ET 25. 20741 2 BER} ER Cal fidefgb. CA 24 Bis gilt Bariaip| SE. 0chobte (7h2 Viren: ae Pf Fiderih fig AB % nA . / € S K € < EN > A TED Ca TION P2OKER ET) LEONE € { 6 EZ $ Da PA SIR Damen CE Auszug aus den durch Bürgermeister Chabert am 3.11.1800 unterschriebenen Angaben aus dem verschollenen Kirchenbuch von Hergenrath, mit den Taufen der vier Kinder, die Jean Hyns und Anna Catharina Friderigs in Hergenrath taufen ließen. Die rechte Kolonne nennt die Namen der Paten. Bei der Nr. 28 handelt es sich um Zwillinge. 3 Einwohnerverzeichnis von Lontzen, Baron C. de Broich, Cercle GenEalogique de Henri-Chapelle et environs. 5 Dieser Vorname war in der Familie Hompesch verbreitet und es ist wohl folglich der Vorname seines Großvaters mütterlicherseits. 5 Gemäß der Erbteilung Heinrich Heins — Maria Stickelman. 5% Als Name der Mutter wird Sophia Kutgens angegeben. 5 Er trägt den Vornamen seines Großvaters väterlicherseits. 5 Am 27.1.1742 d. d. in Walhorn für die Heirat in Lontzen. Für diese Zeit fehlt das Heiratsbuch von Lontzen.
35 taufen lassen”, von 1750 bis 1760 lassen sie 4 Kinder in Montzen taufen; laut dem Einwohnerverzeichnis von Walhorn von 1768 lebten sie mit 7 Kindern in Astenet. 6) Nicolas, getauft am 3.4.1714 in Walhorn (Paten: Joannes Teller, Barbara Clockers), gestorben am 21.5.1775 in Hergenraedt und begraben am 23.5.1775 in Walhorn, heiratete in erster Ehe® Gertrud KRIESCHER, und in zweiter Ehe am 19.1.1761 in Eynatten (Zeugen: Mathias Frantzen, Anna Wolcknars) Maria Catharina BISCHOFF; laut Protokoll der Schöffen von Walhorn vom 25.4.1777 lassen die Erben von Claes Heyns seine Güter in Hergenraeth, die von Peter Criescher herkommen, verkaufen, es werden dort erwähnt als Witwe Maria Catharina Bischop und ein Sohn aus zweiter Ehe. 7) Anna Maria, getauft am 3.7.1716 in Walhorn (Paten: Joannes N., Anna Elisabeth Beckers), begraben am 26.8.1748 in Walhorn; sie heiratete am 1.3.1745 in Walhorn (Zeugen: Nicolas Heins, Philipp Ja- cob Coemaet) Joannes COEMOUTH 8) Egidius, getauft am 19.4.1720 in Walhorn (Paten: Dionisius Born, Maria uxor/Ehefrau Michael Roftheudt), begraben am 16.12.1745 in Walhorn 9) Magdalena, getauft am 29.10.1722 in Walhorn (Paten: Lambert Cohl, Angelina Feeringh), begraben 9.11.1749 in Walhorn, ledig 6. Die weiteren Nachkommen der Familie Heins Laut dem aktuellen Stand der Familienforschungen sind die Eheleute Joannes Heins und Anna Catharina Frederix die Stammeltern der heute weit verzweigten Familie Heins. Deren weitere Nachkommen lassen sich ohne sonderliche Schwierigkeiten anhand der Kirchenbücher, und später der Standesamtsregister, ermitteln. Dies würde aber bei weitem den Rahmen unseres Beitrages sprengen. 5 Diese entsprechenden Daten und Paten werden in einer Liste vom 3.11.1800 der in Hergenrath geborenen und in Walhorn lebenden Personen erwähnt (Archiv der Gemeinde Walhorn, Nr. 113, Staatsarchiv Eupen). Siehe auch: Erwin Bruch, Beitrag A FE in den KB von Hergenrath, Genealogie ohne Grenzen, Nr. 61, 1/2004, S. ® Am 17.9. 1754 dd in Walhorn zur Heirat in Hergenrath.
36 Im April Gelb strahlt der alte Weidenstrauch, im Hang blühn wilde Veilchen, die Wiese quillt vom jungen Gras so lichtbeglänzt, so regennass- Am Waldrand, wo der Vogel ruft, N äugt schmales Reh ein Weilchen, spürt es den leisen Blütenhauch in kühler Abendluft? r Aprilwind jagt das Wolkenschiff auf weiten, blauen Wogen zum Venn, wo die Narzissen stehn, Aprilwind will sie schwingen sehn die tausend goldenen Glocken, die — unterm Regenbogen — gelb über feuchten Gründen wehn und neben Tümpeln locken. M. Th. Weinert
37 Vom Krönungsstift zum Kollegiatsstift von Walter Meven Der letzte Propst des Krönungsstiftes war Graf Clemens Vincenz Franz Freiherr von der Heyden, genannt Belderbusch. Er war im Jahre 1754 geboren und entstammte einem alten limburgischen Adelsgeschlecht aus Montzen (Belgien). Die Schlösser Broich und Streversdorp erinnern noch heute an die einst bedeutende Familie. Er trat als Herr der Herrlichkeit Montzen auf, die der spanische König Philipp IV. im 17. Jahrhundert an meist begüterte Adelige verpfändete und wenig später definitiv verkaufte. Über seine Ausbildung und spätere Studien ist uns nur wenig überliefert. 1773 erhielt er die Würde eines Propstes des Krönungsstiftes in Aachen. Er hielt noch drei weitere Kanonikate in Paderborn, Speyer und Hildesheim. Vor dem zweiten Anrücken der Franzosen auf Aachen im September 1794 hat er und tausend vermögende Aachener Bürger die Stadt Aachen verlassen mit dem Ziel, jenseits des Rheines ein Exil zu finden. Die Situation schien sehr unheilsträchtig, weil die Franzosen nach den Vorfällen des 2. März 1793, wo die Aachener in die Rückzugsgefechte tätig eingegriffen haben, bei ihrer Wiederkehr strenge Repressalien verhängen wollten. Als Exil wählte Belderbusch den kleinen Ort Altenahr. Dort ist er uns als Pfarrer überliefert. Nachdem die Franzosen die Vorrechte von Adel und Klerus aufgehoben hatten, befürchtete er, als Adeliger und Grundherr von Montzen einer Verfolgung durch die fremden Herrscher ausgesetzt zu sein. Er floh weiter nach Hildesheim, wo er, wie bereits erwähnt, ein Kanonikat hielt. Dort finden wir ihn im Jahre 1798 letztmals als Propst von Aachen erwähnt. Gelegentlich einer Unterredung mit dem Bischof von Hildesheim, ob er der Entnahme der Reichsinsignien (Reichsevangeliar, Stephansburse und Schwert) aus den nach Paderborn geflüchteten Kisten des Marienstiftes zustimme, weigerte er sich zunächst mit dem Hinweis auf seine Besitzungen, die unter der Botmäßigkeit der Franzosen stünden. Wenig später lehnte er nach erneutem Befragen die Entnahme strikt ab. In den Akten des Marienstiftes finden wir keine weiteren Hinweise auf seinen späteren Lebensweg. Er starb bei seinen Verwandten im Jahre 1821 in Bonn und wurde dort auch beerdigt. Sein Grabstein ist heute noch auf dem alten Friedhof in Bonn erhalten. Für die Zeit von 1798 - 1826 ist kein weiterer Propst ernannt worden. Die Neuordnung der französischen Bistümer veranlasste Napoleon, sie auch auf die neuen Departements auszudehnen. Aachen als Hauptstadt des Roerdepartements sollte Bischofsstadt werden. Napoleon wählte den
38 Bischof Marc Antoine Berdolet, bisher Bischof der Diözese Colmar, zum ersten Bischof von Aachen. Im Jahre 1802 schlug Bischof Berdolet dem Minister Portalis acht Kanoniker zur Wahl für das neue Kapitel vor. Präfekt Mechin nahm ihnen 1803 nach Zustimmung von Minister Portalis den Treueid ab; es waren: Braun, Hermann Joseph, 1802 Domkapitular. Verstorben am 16.6.1816. Beissel, Johann Peter Joseph, 1802 Ehrenkanoniker. Verstorben am 12.1.1833 Cardoll, Konrad Hermann, geb. in Kettenis auf Hasenhof am 26.3.1741. Seine Mutter war eine Nichte des Stiftskanonikers Wilhelm Wildt, des Gründers der Kapelle zu Eynatten-Berlotte. Dessen Neffe, Franz Wilhelm Wildt, ebenfalls Kanoniker des Marienstiftes, starb am 13.10.1760. Die Kanonikerpfründe ging am 14.11. desselben Jahres auf den Neffen des Verstorbenen, den genannten Konrad Hermann Cardoll über. Als dieser 1787 zum Dechanten des Krönungsstiftes ernannt und eingeführt wurde, geschah dies mit großem Gepränge und Aufwand. Der Neuernannte gab, so war es Brauch, drei Festessen (Bankette), eines für die Bürgermeister, Ratsherren und Kanoniker; ein zweites für die Ordensgemeinschaften der Stadt und ein drittes für die Bediensteten und die Pächter des Kapitels. Mit dem Amt des Dechanten war die Vergabe der Pfarrstellen von Moresnet und Saive verbunden. Der Dechant war selber Pfarrer von Jupille, wo er sich jedoch von einem «ewigen Vikar» vertreten ließ. 1802 wurde Cardoll Domkapitular. Er verstarb am 24.7.1832. Deboeur, Anton Wilhelm, 1803 Ehrenkanoniker und Domkapitular. Verstorben am 14.1.1842. Gauzargues, Pierre, (Kanoniker von La Rochelle) 1802 Domkapitular. Am 10.4.1811 tritt er von seinem Amt zurück und übergibt es an Dr. Adam Johann Schumacher. Begnadeter Redner. Verstorben am 21.9.1841. Hutmacher, Francois, (Landdechant), 1802 Domkapitular. Er verstarb am 13.11.1812. Monpoint, Joseph, (Pfarrer von Monvillars), 1805 Kapitelssekretär von Bischof Berdolet. 1814 flüchtet er mit Bischof Le Camus beim Anrücken der Alliierten nach Paris. Nachfolger Kapitular Hutmacher. Am 10.5.1814 fordert Generalgouverneur Sack von Montpoint eine Erklärung, warum er dem von Napoleon ernannten Bischof Le Camus nach Paris gefolgt sei. Seine Erklärung erfolgte am 17.5.1814: Er sagt, seine Mutter sei krank und er sei unpässlich. Moulan, Julien Gerard, 1803 Dompfarrer und Dechant. Verstorben am 4.8.1817.
39 Ruland, Jean Leonard Conrad, (aus dem alten Krönungsstift), 1802 Domkapitular. 13.4.1814 Treueid an die Alliierten. Verstorben am 1.8.1817. Smeets,Franz Johann Joseph, (aus dem alten Krönungsstift), 19.11.1802 Domkapitular. Verstorben am 18.1.1818. Timmermanns, Pierre, (aus dem alten Krönungsstift), 19.11.1802 Domkapitular. Verstorben am 3.5.1812. In diesem Zusammenhang ist es nicht uninteressant festzustellen, dass die adeligen Mitglieder des alten Krönungsstiftes bei der Besetzung des neuen Kapitels keine Berücksichtigung mehr fanden. Waren sie etwa auch vor den Franzosen geflohen ? Den Vorsitz im Kapitel behielt sich Bischof Berdolet selbst vor, ließ sich aber meist von einem Generalvikar vertreten. Im Jahre 1803 wählte Bischof Berdolet Martin Wilhelm Fonck zu seinem Generalvikar. Vier Jahre später, im Jahre 1807, wählte er Michael Klinkenberg (Prämonstratenser aus Steinfeld), zu seinem zweiten Generalvikar. Nach dem Tode von Bischof Berdolet im Jahre 1809 ernannte Napoleon im Jahre 1810 Jean Francois Denis Camus, genannt Le Camus, zum Nachfolger. Dieser fand jedoch nicht die Bestätigung durch Papst Pius VII. Das Aachener Kapitel versuchte einen kirchenrechtlichen Ausweg, indem es am 7.11.1811 Le Camus neben Fonck und Klinkenberg zum dritten Generalvikar- Administrator wählte. Er nannte sich stets &v&que nomm6e. Le Camus verließ beim Anrücken der alliierten Heere am 6.1.1814 die Stadt Aachen. Er starb bereits am 27.4.1814 in Paris. Die Aachener behielten diesen gelehrten und bescheidenen Mann in guter Erinnerung. Man hielt im Dom eine Totenmesse. Sein Grab befindet sich in Saint Denis in Paris. Der Preußische Generalgouverneur des Großherzogtums Niederrhein, Sack, forderte das Kapitel auf, «es soll dem Herrn Camus die Administration der Aachener Diözese wieder genommen werden». Nach dem Tode von Le Camus leiteten Fonck und Klinkenberg die Geschicke des Bistums weiter. Nach der Neuumschreibung der Preußischen Bistümer im Jahre 1821 durch die Bulle «De Salute animarum» ging zunächst die Tätigkeit der Kapitelsvikare weiter. 1825 übergab Fonck die Verwaltung an den Erzbischof von Köln, von Spiegel. Den ihm im Jahre 1828 angebotenen Bischofsstuhl von Lüttich lehnte er ab. Fonck starb am 28.6.1830 in Köln. Dr. Michael Tilmann Klinkenberg starb am 12.3.1822. Am 28.1.1826 fand die feierliche Einrichtung des Aachener Kollegiatsstiftes durch Erzbischof Graf Spiegel statt. Das Aachener Kollegiatskapitel erhielt, -
40 gemäß der Tradition der vorfranzösischen Zeit-, wieder die Dignität eines Propstes. Im Jahre 1826 wählte das Kollegiatskapitel mit Matthias Johannes Claessen seinen ersten Propst des neuen Kapitels. Diese Tradition wird bis heute, ausgenommen die Zeit des Kulturkampfes, fortgesetzt. Das neue, heutige Bistum ist nach mehr als hundert Jahren im Jahre 1931 aus den im Westen gelegenen Teilen des Erzbistums Köln gegründet worden. Die westliche Grenze folgt seit langem der Landesgrenze gegen Belgien und Holland. Das von Napoleon im Jahre 1802 gegründete Bistum Aachen war ein Suffraganbistum von Mechelen. Vor 1802 gehörte es zum Fürstbistum Lüttich, dessen östliche Grenze die Wurm war. Diese entspringt bei Aachen/Diepenbenden und folgt stark mäandernd in etwa dem Lauf der Eupener Straße. In der Stadt ist ihr Lauf kanalisiert und tritt im Osten der Stadt wieder zu Tage. Sie wendet sich stark nordwärts, um endlich in die Rur zu münden. Bei der Gründung des Bistums ist man den römischen Gaugrenzen gefolgt. Die Stadt Aachen gehörte damit zu Lüttich, während Burtscheid Kölner Diözesangebiet wurde.
41 Die « Portz » oder « Boutique » in Walhorn von Helmuth Christoph“ Erste urkundliche Belege Die früheste Erwähnung dieses Hauses fand Dr. Michel Kohnemann (Flurnamen des Walhorner Landes) in den Walhorner Gudungsbüchern des Jahres 1546. „Up die portz‘“ bezeichnet dort den Hof gegenüber der Kirche. Auch in den Lehensregistern der propsteilichen Mannkammer des Aachener Marienstiftes findet sich schon unter dem 8.4.1553 ein Hinweis auf dieses alte Walhorner Haus. Hermann Cronenborch als Sachwalter, so lesen wir dort, empfange für seine Mutter und Miterben das Gut die Porte, das seiner Mutter nach Tod des Heyn Meiwys durch das Los zugefallen sei (Coels, Lehensregister, S. 720, Nr. 418). Am selben Tage geht das Haus bzw. Gut an Marie, die Tochter des Lenss Cronenboerchs. 1576 empfängt Laurenz Krum, Sohn des Frederich Krum und der Marie von Kronenburgh, das Gut „die Portz‘“ zu Walhorn mit dem übrigen Nachlass seiner Eltern. Durch Kauf geht am 28. Juli 1584 „ein Viertel der Gebäude die Portz zu Walhorn vor der Kirche mit Scheuer, Stall, Mist- und Kohlplatz‘“ von Diederich van der Rotzen an Arnoldt Schuil, Rentmeister des Herzogtums Limburg (Coels, ebda). In den besagten Lehensregistern finden sich keine weiteren Eintragungen zur „Portz“‘. Von „Pyras Haus“ zur „Boutique“ Eine wichtige Quelle zur Erforschung der Eigentumsverhältnisse stellen die Walhorner Gudungsbücher dar, in denen durch das Schöffengericht die Grundstückskäufe und —verkäufe festgehalten wurden. * Nach Erscheinen unseres Beitrages über die Walhorner Einwohnerliste von 1740 (s. Im Göhltal Nr. 72) übermittelte uns Herr Christoph die hier folgenden Notizen zum Walhorner Haus „Boutique“ oder „Pottick‘“. Herr Christoph, dessen Mutter aus Hergenrath stammte und eine Tochter des Ziegeleibesitzers Josef Schmetz war, hatte über die Familienforschung eine profunde Kenntnis der genealogischen Querverbindungen im alten Herzogtum Limburg gewonnen. Er liebte es, andere an seinen Forschungsergebnissen teilhaben zu lassen. Kurz nachdem er uns den vorliegenden Bericht hatte zukommen lassen, verstarb er plötzlich am 12.5.2004 im Alter von 72 Jahren.
43 den berühmten Raerener „Pottebäcker“ (Töpfer) Jan Emens Mennicken heiratete, und ein Sohn, Wintgen Helwich Pira, Küster in Walhorn, der Trine Decker heiratet und das Haus an der Kirche in Walhorn erhält. Durch Kauf kommt „Piras Haus‘ an den Schöffen Heinrich Cro(e)m, (auch Krum geschrieben), verheiratet mit Mechtild von Cronenberg, der Tochter des Claes von Cronenberg. Aus dieser Ehe sind zwei Töchter bekannt, und zwar Elisabeth (Elsgen) und Catharina. Erstere heiratet Claes Becker aus Hauset und bleibt im Elternhause wohnen, während Catharina den Junker Hermann Crümmel von Eynatten zu Merols heiratet. Den beiden Töchtern fällt je eine Hälfte des Elternhauses zu. Der Junker Hermann Crümmel verkauft am 14. Februar 1634 dem Hendrick Feyff „seinen rechten Anteil am Hause seines verstorbenen Schwiegervaters Hendrich Crom, das man Pyras Haus nennt...“ Der Kaufpreis liegt bei 3 1/2 Taler Erbpacht, mit denen die Güter des Claes Mertens in Thimister belastet sind. Der neue Besitzer trennt sich wieder von dieser Haushälfte am 18. Juni 1635. Der schon genannte Claes Becker fügt dieselbe seinem Besitz hinzu. IA ep A zdg CA dB BÄDE ( Yu gr ad dE Dahıd DPD Kl Bet Laß Cram3 fetenb Url Okf fen Rd OR AH el 4A % a BAnYlA Uengfiz S ww M Dh, Zi BYE RE A 16.2.1634 : «...te volgende Inden ersten overdrecht der vorsc. Cromel tot beseht van Heinderich syn rechte aendel van die behausingen dar Henderich Crom des vorsch. Cromels Schoenvader uyt verstorven is dat men heyst Pyras Huys gelegen tot Walhorn beneffens des voerschreven Hendrich Behuissongen...» (Staatsarchiv Lüttich, Walhorn, Oeuvres, 33). Die Eheleute Claes Becker und Elisabeth Cro(e)m hatten zwei Söhne: - Peter, Schöffe von Lontzen, heiratet Helene Meessen. Diese sind die Eltern des Nicolaus Wilhelm Becker, Baron von Walhorn, Kaiserlicher Leibarzt in Wien.
44 - Johann, Schöffe von Walhorn, wohnt an der Kirche in Walhorn; 1635 hat er das Haus in Besitz. Er stirbt 1646. Die „Portz‘“ bleibt dann in den Händen der Erben und wird stark belastet, bis es 1716 zur Versteigerung kommt. Auszug aus dem großen Register des Gerichtshofs Walhorn vom 7. Juli 1716 Das Haus und die Güter „von weiland Jan Becker, genannt Bou- tique“. Nachdem Lamberts durch Vorlage der „Affichen“ (Plakatanschläge) gezeigt hatte, dass der angegebene Tag zum endgültigen Verkauf des genannten Hauses und der Güter festgesetzt worden war, wurde zum Abhalten „des letzten Sitzungstages und des Verkaufs“ geschritten. Aus der vorgenannten Formulierung geht hervor, dass ein öffentlicher Verkauf (Versteigerung) in mehreren „Sitzungen“ stattfand. Noch heute ist es so, dass der Zuschlag dem meistbietenden Ankäufer zunächst nur vorbehaltlich eines Übergebotes gegeben wird und der endgültige Verkauf erst in einer zweiten oder dritten „Sitzung“ stattfindet. FO n HM RuyI De Yo dena Min AM Ca Ar Sl en WE a KA A N in“ Car A SC AN Ben EN EN Per Arc 5 gen U AS N An pe & a] 2 «Het huys ende goederen van wylen Jan Becker tot Walhorn genoempt den boutique» (S.A.L., Walhorn, Oeuvres, 42) Zunächst wurden die Kapitalforderungen der Gläubiger bekannt gegeben. Es waren - Die Erben und Angehörigen von weiland Willem Momber von Nispert - Der Herr von Trips von Crapoel - Der Herr Leonard Gobl&€ als „Bediener des Hl. Kreuz-Altares zu Walhorn‘“ - Die Bürgermeister („Geschworenen“‘‘) und Einwohner des „Quartiers“ (Dorf) Walhorn - Herr Rechtsanwalt Hodiamont als Vertreter des Herrn Groeteclaes wiederholt eine am 19.9.1662 erhobene Forderung - Der Schultheiß Haegen als Armenmomber der Pfarre Walhorn - Die Vertreter von weiland Peter Slenter
45 - Die Vertreter von weiland Witwe Jan Looslever - Jan Ortmans für sich und seine Miterben oder Vertreter von weiland H. Osseman - Der Schöffe Lamberts und seine Miterben und Vertreter von weiland Jacob Lamberts Die Vorgenannten geben zu bedenken, dass sie sich durch den letzten Artikel der Kaufbedingungen dadurch benachteiligt sehen, dass die Käufer alle Lasten des Verkaufs zu tragen haben und sie davon nichts auf den Kaufpreis anrechnen können. Ihrer Meinung nach müssten die Gerichts- und Verkaufskosten aus dem Gesamtaufkommen des Verkaufs gedeckt werden. Das Gericht schloss sich dieser Sicht der Dinge an und schritt sodann zum Verkauf folgender Immobilien: 1) Haus, Hof und Garten („Coolhoff*‘), für die der Schultheiße Haegen 50 Pattacons bot, gingen nach mehreren Übergeboten an denselben für 104 Pattacons. Der Schöffe Aen übernahm die Bürgschaft. 2) Die Weide auf Loodrieschen, 1137 Ruten groß, wurde vom Schultheißen Haegen mit 60 Pattacons angesetzt, Merex Cormann bot 75, Herr Stragh 100, der Herr von Craepoel 105 und letztlich 135 Pattacons. Bürge ist der Schöffe Jan Meessen. (Nach dem Verkauf überlässt der Herr von Trips die genannte Weide dem Jan Looslever). 3) Auf den Siegel („Segel“) auf dem „Foss‘““ in einer Größe von 177 Ruten, 2 Fuß, bietet Merex Corman 10 Pattacons; der Schultheiße Haegen erwirbt diesen Grund für 70 Gulden. Bürge bleibt Jan Looslever. 4) Das Land am Eupener Weg („op den Eupender wegh“‘) mit einer Fläche von 200 Ruten und 12 Fuß, eingesät mit Getreide, wird dem Hendrik Looslever zugeschlagen für 70 Gulden. Der Ankäufer muss sich verpflichten, die noch ausstehende Grundsteuer für das verflossene Jahr 1715 sowie diejenige der Jahre 1716 und 1717 zu zahlen. Als Gegenwert erhält er die halbe Ernte („den halben Knop“) des Jahres 1716 und des kommenden Jahres 1717. Er muss allerdings dem „Ackermann“ den Samen abtreten. Bürge ist Mathys Keutjen. So geschehen auf der Halle zu Walhorn am Tage wie oben angegeben. Die Verkaufsbedingungen waren auf Verlangen der Witwe de Bruge (eines ehemaligen Schöffen des Limburger Hochgerichts) und der Witwe des Leutnants Hannotte wie folgt festgesetzt worden: Man verkündet und lässt jedermann wissen, dass gemäß dem Gesetz und mit Genehmigung der Justiz der Hochbank Walhorn nach dreimaliger Bekanntgabe und in drei Sitzungen zum Verkauf von Haus und Besitz des Jan Becker in Walhorn, genannt „die Boutique“ geschritten wird.
46 Zunächst wird man das Haus des Jan Becker mit An- und Zubehör verkaufen, im Ganzen oder in Einzellosen, so wie der höchste Erlös daraus zu erzielen ist. Der Käufer des vorgenannten Hauses und der vorgenannten Güter soll den Kaufpreis um den Betrag der „erblichen und nicht tilgbaren Hypotheken, die darauf lasten‘“ kürzen, sofern die Gläubiger damit einverstanden sind, diese Hypothek darauf stehen zu lassen. Der Käufer ist verpflichtet, die restliche Kaufsumme binnen 14 Tagen nach Verkauf beim Gerichtsschreiber des Walhorner Gerichts zu hinterlegen, um damit die Ansprüche der Gläubiger zu decken. Wenn ein Gläubiger vorgenanntes Haus und vorgenannte Güter ersteigern sollte, so soll er nur soviel beim Gericht hinterlegen, wie über den Betrag seiner Forderung hinausgeht. Der Ankäufer, dem vorgenanntes Haus und Güter nach „Palm-Schlag‘“ und gehöriger Hinterlegung der Kaufsumme zugeschlagen werden, tritt den Besitz sofort an, und zwar so, wie genannter Jan Beckers oder dessen Erben ihn besessen haben, mit allen daran anklebenden Rechten, ohne Garantie für das genaue Maß. Sollte der Ankäufer keine Forderungen haben (kein Gläubiger sein), so muss er innerhalb von 14 Tagen den Kaufpreis in „gutem zugelassenem Gelde*“‘ („‚in goeden gepermitteerden gelde‘“‘) beim Greffier des Walhorner Gerichtes hinterlegen, andernfalls er die „executie‘“ (Pfändung) zu erwarten hat, oder es wird auf Wunsch der Gläubiger in einer einzigen Sitzung zu einem erneuten Verkauf der Güter geschritten, und wenn dieselben dann zu einem geringeren Preis verkauft werden, sollen alle Kosten und Mindererlöse zu Lasten des nicht zahlungsfähigen Käufers und dessen Güter gehen; ein Mehrerlös soll den Gläubigern zukommen. Der Ankäufer ist gehalten, unmittelbar nach dem „Palm-Schlag“ die Kosten des Kaufaktes zu bezahlen und eine genügende Kaution für den Kauf zu stellen, andernfalls wird derjenige zum Besitzer erklärt, der unmittelbar davor das höchste Gebot abgegeben hatte. Der Ankäufer trägt alle nach dem „Palm-Schlag‘““ entstehenden Kosten, die Grundbucheintragung („realisatie‘) usw, ohne etwas davon vom Kaufpreis absetzen zu dürfen. Wechselnde Besitzer Durch den Verkauf vom 7. Juli 1716 war die Boutique mit dem dazu gehörenden Grund und Boden in den Besitz des Schöffen Jan Hagen übergegangen.
47 Am 31. August 1717 erscheinen vor dem kgl. Notar in Eupen Hendrich Osseman, Peter Becker und Willem Becker (Letzterer mit Handlungsvollmacht seiner im Ausland weilenden Schwestern Clara und Maria Becker) einerseits, sowie Matthijs Hamecker von Lontzen andererseits. Die Erstgenannten erklären gemeinsam und jeder einzeln verkauft und übertragen zu haben zum „Urbar und Nutzen und Profit“ des anwesenden und dies akzeptierenden Matthijs Haemecker aus Lontzen ihr Haus genannt die Boutique gelegen in Walhorn vor der Kirche mit den dazu gehörenden Stallungen, Scheune, Garten und Grashof, herrührend von weiland Claes Goelsen alias Vontsen Claes, neben Jan Looslever und Witwe Geurt Teller gelegen, grenzend an den genannten Grashof, „geterft“ vom Herrn Pastor von Walhorn und Jan Schoonmecker, doch so wie das genannte Haus mit all seinem Zubehör dort gelegen ist. Dazu kommen noch an Ländereien: - eine Weide von 7 Morgen genannt Grasweide gelegen an Leenjens Gasse; - ein Stück Ackerland von 5/4 (Morgen) gelegen oberhalb Crümmelshof nahe dem großen, nach Langmüs führenden Weg; - ein Stück Ackerland von etwa 2 Morgen, genannt die Kalkhaege; - ein Stück Land auf dem Alchenberg; - ein Stück Land von 3/4 Morgen gelegen an den Vrankenbenden; - ein Stück Ackerkland von etwa 1/2 Morgen genannt „in de Heuck“‘; - ein Stück Land von 3/4 Morgen gelegen am Weg zum Kreuz; - ein Stück Land von etwa 1/2 Morgen gelegen im Dylgendall; - ein Stück Land gelegen am Leichenweg nach Rabotrath; - ein kleines Stück Land gelegen zwischen dem genannten Leichenweg und dem zum Kreuz führenden Weg. Ausgenommen vom Verkauf ist ein „Gereth achdedeel‘“ (Geräte- schuppen?) des vorgenannten Hauses, das dem Baelener Schöffen Hyssel gehört. Belastet sind die Boutique und die Ländereien mit 11 Gulden und 10 Stüber, und zwar: 15 Schüsseln Hafer „an die Domäne des Königs“ 1 1/2 Kapaun an den Grafen von Hoen auf Stockem 2 Fass Spelz an die Witwe Dedrich Haegen 7 Gulden an die Armen von Walhorn. Weitere Belastungen sind den Verkäufern nicht bekannt, auch in den letzten mehr als 20 Jahren nicht bezahlt worden. Wenn aber andere Forderungen erhoben werden sollten, so sind sie voll zu Lasten des Käufers.
48 Auch bezüglich der zu zahlenden Grundsteuer können die Verkäufer keine präzisen Angaben machen. Eine weitere mit dem Kauf verbundene Bedingung ist das Recht der Pächter, die genannten Grundstücke bis zum Auslaufen ihres Pacht- vertrages weiter benutzen zu dürfen. Der Käufer der Boutique, Matthijs Haemecker aus Lontzen, scheint ein vermögender Mann gewesen zu sein. Den Kaufpreis, 1500 Gulden, zahlt er zu 2/3 in bar, die restlichen 500 Gulden durch Überlassung eines Schuldscheines zu Lasten der Güter des Nijs Erenst zu Lontzen- Busch. Für Leihkauf und Gottestaler zahlt Haemecker 5 Pattacons bzw. 1 Schilling. Hinzu kommt noch das Kirmesgeld für die Ehefrauen der Verkäufer, nämlich 6 Pattacons. Im Zusammenhang mit diesem Verkauf hat Matthijs Haemecker viele Mühen auf sich genommen; dafür wollen ihn die Verkäufer entschädigen. Der Kauf wird rückgängig gemacht „Retrocessie‘“ gefolgt von den Namen Matthijs Haemecker, Maria Osseman bzw. Willem Becker in deren Namen lesen wir eingangs eines am 28. September 1717 vor Notar Mathias Wilhelm Lambertz beurkundeten Verkaufs, zu dem der bisherige Besitzer der Boutique, Matijs Haemecker in Begleitung der Zeugen Willem Hanssen und Jan Coomaet erschien, um für und im Namen von Maria Osseman, der nächsten Blutsverwandten von Hendrick Osseman, Willem Becker und Konsorten, das in Walhorn gelegene Haus mit den dazu gehörenden Ländereien genannt die „Boutique“, das unlängst durch die genannten Osseman, Becker und Konsorten verkauft wurde, zu „vernaederen“‘. Mathijs Haemecker erklärt, die „Boutique“ an genannte Maria Osseman zu „retrocedeeren“ (zurückzugeben), womit Willem Becker für und im Namen der Maria Osseman einverstanden ist. Als Kaufpreis inklusive Leihkauf und Gottestaler, Kirmesgeld und Notariatskosten erklärt Haemecker, 1439 Gulden und 2 Stüber erhalten zu haben. Die genannte Maria Osseman(n) war eine Verwandte einer Tochter des Anton Becker, Margaretha Becker, die Heinrich Osseman geheiratet hatte. Maria Osseman übernimmt also die Boutique und heiratet (1720) Christian Hendrix aus Baelen, dessen Tochter aus erster Ehe, die am 8.11.1710 geborene Jenne Catharina Hendrix, am 12.2.1736 in
49 Walhorn Hermann Becker, den Sohn des Wilhelm Becker und dessen erster Frau Antoinette Moresnet, heiratet. Als Pfarrer Vanden Daele 1740 sein Häuserverzeichnis anlegte, ist Catharina Hendrix schon nicht mehr unter den Bewohnern der „Boutique“. Mit ihrem Ehemann Hermann Becker und den Kindern Mathias Wilhelm und Gaspar Christian bewohnt sie das Gut „In de Vaen“ in Astenet. Wilhelm Becker war Besitzer des Gutes Neuhaus, (heute Schloss Neuhaus). Er heiratete in 2. Ehe die Tochter seines Nachbarn Mathias Hennen vom Gute Himmelsplatz, Elisabeth Hennen. Seine erste Frau kam vom nahebei gelegenen Gute ‚„Vahn“/Vaen/Fahne. Der „Pottick‘“ kam also durch Heirat der Jenne Catharina Hendrix mit Hermann Becker in den Besitz dieser Familie. Erst 1838 findet sich wieder ein Hinweis auf einen Verkauf. Am 22.6. jenes Jahres werden „Haus und übrige Gebäude nebst anhabenden Grundgütern“ auf Anstehen der Kinder und Erben des Josef Becker zu Walhorn öffentlich verkauft (Korr.-Blatt 1.6.1838). Als Dorfschenke ist das Haus schon 1849 belegt. In einer Anzeige im Korrespondenzblatt des Kreises Eupen vom 13.6.1849 heißt es: “Bei dem Schenkwirte Keutgen zu Walhorn in der Boutique“. Seit mindestens vier Generationen ist der ”Pottick‘“ im Besitz von Familie Kessel. EEE EEE A Ar Freitag, den 22. Juni 1838, EIER Vormittags 40 Uhr, wird unterzeiche A 231 neter Notar auf Anftehen. der. Kinder- ad Erben: des: H; Sofeph Becker zu Walbhurn, im Haufe Boutique genannt, Öffentlich: zum, Vers. Tauf ausftellen: - . bdaffelbe Haus und. übrigem Gebäude, nebft anhabenden Srnudgütern, haktend im Ganzen. faut Katafter 48 Morgen, 124 Ruthen 90 Sup, HAT N Cl
50 Chronik einer Dienstreise von Aachen nach Frankfurt Anno 1742 von Hans-Dieter Iven In der alten Reichsstadt Aachen erfuhr man am 29. Oktober 1740 die Nachricht vom Tode Kaiser Karls VI. Er war nach einer Regierungszeit von 29 Jahren gestorben. Im Dom wurden am 6. und 7. Dezember die feierlichen Exequien gehalten. Wegen der komplizierten politischen Lage stand die Wahl und Weihe des neuen Kaisers erst 1742 an. Aachen hatte inzwischen seinen Rang als Krönungsstadt der Könige und Kaiser verloren. Die Feierlichkeiten sollen nunmehr in Frankfurt stattfinden. Aachen hatte aber noch einen Trumpf: Die Reichskleinodien. Ohne den sog. Säbel Karls des Großen, die Stephansburse und das Reichsevangeliar war keine Krönung möglich. Diese Gegenstände befanden sich in der Obhut des Aachener Domkapitels und mussten zur Krönung nach Frankfurt gebracht werden. Das Kapitel war verschnupft darüber, dass die Einladung nach Frankfurt «nur» durch den Stadtsekretär Heinrich Albert Ostlender überbracht wurde. Bei einer langen Sitzung einigte sich das Kapitel über den Abreisetag, die Route und die Kostenteilung, nachdem man ausgiebig dem Wein zugesprochen hatte. Am 20. Januar 1742 machte man sich auf den Weg nach Frankfurt. Die stiftischen Deputierten waren Dechant Graf Ludwig Johann Albert von Schellard, der älteste Kanoniker Arnold Wolfgang Freiherr zu Schlenderhan, Stiftssyndikus Johann Gottfried Salden und Stiftssekretär Johann Matthias Bohnen. Die Aachener Delegation umfasste 8 Deputierte mit 16-18 Domestiken und ungefähr 25 Pferde. Reichsquartiermeister Georg Wolfgang von Welck wird um ein «convenables Quartier» in Frankfurt gebeten. Die erste Etappe ging über Aldenhoven nach Jülich. Man logierte in der Herberge «Prinz Eugen». Die Delegation lebte nicht schlecht: Die Rechnung des ersten Tages, so berichtet Stadtsekretär Ostländer, 48 Reichstaler und 14 Stüber. Die Rechnungen der einzelnen Etappen liegen im Stadtarchiv Aachen. In Jülich z. B. «eine Soupe von 12 Herren, 15 Maas Wein, 36 Maaß Bier, Licoeur, Brandwein, Caffee und the vor alle, 28 Portionen Oessenfleisch, ein Hammelbraden, 2 Capaun, 6 Fransbrot, die Leuth gefrühstückt, 3 Maaß Bier usw.» Für die Weiterreise stellte der Herzog von Jülich eine Begleiteskorte. (Es ging ja an Köln vorbei, da weiß man nie, was alles passieren könnte...
51 Aachen und Köln waren sich nie grün!). Man umging die Stadt und durchquerte sie nicht, sondern setzte außerhalb der Stadtmauern mit Pon- tons über nach Deutz. Dort logierten die Deputierten im Gasthof «Zum Ochsen». Getafelt wurde wieder ausgiebig. Obwohl man sich rechtschaffen gestärkt hatte, reiste man am nächsten Tag mit Verspätung weiter nach Hennef. An der städtischen Karosse war wieder einmal ein Rad gebrochen. Am 24. Januar hatte man schon eine deftige Verspätung. Die Wahl wurde durch den Reichserzkanzler um einige Tage verschoben. Am 25. Januar kam man in Freilingen an. Gegen 17 Uhr fing der Küchenschornstein der Herberge Feuer «wovon wir ein großen Schrecken gehabt und die Insignia sambt der Bagage zu flüchten ahngefangen hatten. Es ist dieser Brandt, Gott seye Lob, durch die mit unß gehende Escorte und durch Rührung der Trommelen beyeinanderversambleten Bauren gleich gelöscht wurde» (Bericht von Sekretär Ostlender). Auch die städtische Karosse brach wieder zusammen und musste repariert werden. Der Aachener Bürgermeister Theodor Oliva musste die Reise in Siegburg wegen Unpässlichkeit unterbrechen. Ob sein Ausfall in der üppigen Verpflegung oder im dem Gerumpel der Karossen über holperige Straßen seinen Grund hatte, ist nicht überliefert. Am 26. Januar erreichte die Delegation Limburg an der Lahn. Erfreulich war, dass nichts Aufregendes passierte. Am 28. Januar kommt die Aachener Delegation endlich in Frankfurt an. Auch der wegen Unpässlichkeit zurückgebliebene Bürgermeister Oliva stieß wieder zu seinen Kollegen. Die «stadtfranckfurthische Cavallerie-Compagnie zu Pferd mit klingenden Trompetten undt vorreithenden Herren Rittmeistern Busch, welchen nahmens deren franckfurthischen Herren Bürgermeisteren unserer Herren Deputirten ein gahr höffliches mündtliches Compliment in limitibus territorii gemacht hatte.(Bericht Ostlender). Die Aachener Delegation logierte in Frankfurt im Haus «Zum Krachbein». Man reiste mit sieben «Carossen» in die Stadt Frankfurt und 50 Mann Eskorte, die allerdings vor den Mauern Frankfurts (Bornheim) zurückbleiben musste. Viele Tausend Zuschauer begleiteten die Delegation mit klingendem Spiel. Am 29. Januar begrüßte die Stadt Frankfurt die Aachener mit 16 Viertel Ehrenwein. Man zeigte sich großzügig und gab den 8 Bediensteten ein üppiges Trinkgeld, «womit man große Ehr eingelegt, hingegen die nürrenbergische Herren Gesandten ihrer Sparsamkeit halber viele Verachtung haben ausstehen müssen(!)», berichtet Ostlender.
52 Am 31. Januar war es endlich so weit: Einzug Karls VII. in Frankfurt, «welcher so pompeus, brillant, reich undt köstlich gewesen ist, dass kein Mensch deßgleichen mehr gesehen zu haben sich vantieren kann. Dieser Einzug hat gewähret 2 biß 4 Uhren nachmittags» (Bericht Ostlender). Am 3. Februar wird die Aachener Delegation vom Kölner Kurfürsten Clemens August (Bruder von Karl VII.) empfangen. Die Krönung wurde auf den 12. Februar verlegt. Hierfür gab es einen einleuchtenden Grund: Frankfurt feierte Karneval, die Aachener Delegation feierte ausgiebig mit. Die am 7. Februar vorgesehene Audienz bei einigen Ministern fiel wegen Unpässlichkeit der Teilnehmer aus. Am 8. Februar besichtigt die Nürnberger Delegation die Aachener Reichskleinodien. Ss Am 10. Februar protestiert die Aachener Delegation bei der kurmainzischen Kanzlei wegen der Verlegung der Krönung von Aachen nach Frankfurt. Dies sei auf Dauer grundsätzlich nicht so zu halten. Außerdem verlangte man die Ersetzung der Reisekosten und Entschädigung für die nicht erhaltenen Geschenke. Ein zustimmendes Reversale! wurde der Aachener Delegation zugestellt. Am 12. Februar, dem Tag der Krönung, kam es in der Domsakristei zu einem Eklat: Ein französischer Delegierter äußerte sich verächtlich über die Bedeutung und den Wert der Kleinodien: «Es räumte ihm Hr. Losungsrath Haller das Maul ab: Es käme ihm nicht zu, von Sachen, die er nicht verstünde, zu raisonieren, und die von der ganzen Welt für venerabel und ächt anerkannten uralten Kaiserlichen Reichsinsignien so meschant zu kritisieren. Es sei ein Glück für ihn, dass sie an heiliger Stelle beisammen wären, denn wenn er Hr Losungsrath ihn anderwärts hätte - so wolle er ihn lehren, nicht nur mit größerem Respekt hiervon zu sprechen, sondern auch für seine Unverschämtheit genugsam zu züchtigen. Worauf sich der Franzmann schamrot retirirte und alle Anwesenden sich über dessen Verwegenheit sattsam ärgerten, welche Begebenheit auch überall eclatierte und sogar bei Hofe ruchbar wurde.» (Bericht des Hieronymus Wilhelm von Ebner Eschenbach). Merke: Aachener kennen bei Geringschätzung Aachener Karlsreliquien kein Pardon ! Nach der Krönung leistete Kaiser Karl VII. als neues Mitglied des Aachener Marienstiftes den Kanonikereid. Er bestätigt die Privilegien des Stiftes. Auch erhielt das Domkapitel vom Kaiser Geschenke. Versicherungen, in denen ein Fürst bei der Huldigung der Stände erklärte, die Rechte, Freiheiten und Privilegien seiner Untertanen nicht anzutasten.
54 Am 23. Februar erbittet und erhält die Aachener Delegation ein Reversale, das aussagt, dass die Krönung diesmal nur ausnahmsweise in Frankfurt gehalten sei. Der eigentliche Krönungsort sei, wie auch in der Vorzeit, natürlich Aachen. Am 25. Februar wird in Aachen in Stadt und Dom mit Illumination und Feuerwerk die Krönung gefeiert. In Frankfurt erhielten die Aachener Abgeordneten 750 rheinische Gulden für die Reisekosten. Die Stiftsvertreter erhielten nichts. Später wurden ihre Ansprüche teilweise befriedigt. Am 10. März kehrte die Delegation nach Aachen zurück. Die stiftischen und die städtischen Delegierten brachten die Kleinodien in die Domsakristei. Man verabschiedete sich voneinander und bedankte sich für «friedfreundlichste Reysgesellschaft». Ostlender war froh, «Godlob zu Achen wiederumb retournirt zu sein». Fazit: Die Hinreise dauerte 8'? Tage und die Rückreise 9'? Tage. Mit einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 4-5 km/h legte man täglich 25-30 km zurück. Im Westerwald gab es jeweils Probleme mit dem Schneefall. Nach Abzug der Spenden des Kaisers und der Stadt Frankfurt musste die Aachener Delegation noch 2.700 Taler selbst zahlen. 80% brauchte man für Verpflegung, 13% für «Honorare» für hochgestellte Personen, 4% für Trinkgelder, Musikanten, Feuerfresser und Künstler, 2% für Reparaturen. (Weitere Einzelheiten siehe ZAGV 97, S. 221-291. Hier auch Bildmaterial).
55 Aus der Gemeindechronik von Preußisch-Moresnet Bernhard Liemann/Sebastian Scharte «Was in dem Laufe des Jahres sich in der Gemeinde und für dieselbe Bemerkenswerthes zugetragen hat». Die Chroniken der Bürgermeisterei Preußisch-Moresnet 1859-1914 Einleitung «Wir haben beschlossen, unter dem Namen ‚Chronik‘ in jeder Gemeinde unseres Verwaltungsbezirks ein Buch anlegen zu lassen, in welchem am Ende eines jeden Jahres in einfacher und gleichförmiger Art alles aufgezeichnet werden soll, was in dem Laufe des Jahres sich in der Gemeinde und für dieselbe Bemerkenswerthes zugetragen hat.» Mit diesen Worten eröffnete die Königlich Preußische Regierung ihre «Circular-Verfügung an die Gemeinden des Regierungs-Bezirks Aachen» vom 8. April 1825.' Das amtliche Berichtswesen, in den altpreußischen Territorien schon seit 1727 dank der «Zeitungsberichte» etabliert, erhielt mit den Gemeindechroniken auch in der Rheinprovinz ein neues Fundament. Waren die «Zeitungsberichte» zeitnahe, zumeist monatlich verfasste Verwaltungsnotizen über Land und Leute, so sollten sich die Chroniken — bereits an ihrer festen Buchform erkennbar — durchaus zu Autobiographien des Lokalen entwickeln: «Aus der Chronik wird auch hervor- und auf die Nachkommenschaft übergehen, was die Gemeinden zu der Verbesserung ihrer mancherlei öffentlichen Anstalten, zu der Vervollkommnung ihres Kulturzustandes geleistet und durch welche Anstrengungen sie es bewirkt haben.» Im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts am Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnolo- gie der Universität Münster? sind unter anderem die Chroniken der !_ Abgedruckt ist diese Verfügung im ersten Ausgabe einer Chronik jeweils auf der zweiten Seite. ? «Nationalismus und Alltag an der deutsch-belgischen Grenze (1815-1920)» lautete der Name des Projekts, das 2005/2006 von Prof. Dr. Ruth-E. Mohrmann geleitet wurde.
56 Bürgermeisterei Preußisch-Moresnet? ausgewertet worden. Nachfolgend wird ein Einblick gegeben in diese Chroniken, die «einen Wert nicht nur als realgeschichtliche Quellen, sondern auch als Dokumente zur Mentalitätengeschichte der preußischen Lokalbeamten»* haben. Dass die amtlichen Aufzeichnungen aus Preußisch-Moresnet zu den ausführlichsten und aussagekräftigsten im Gebiet der heutigen Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens zählen, steht grundsätzlich außer Frage. Gleichwohl interessieren hier vor allem die administrativen, wirtschaftlichen und alltagskulturellen Verflechtungen der Bürger- meisterei mit den benachbarten Neutral-Moresnet und Hergenrath. Einführungstext ] „Chronik von Preuß. Moresnet, angelegt von Bürgermeister Kohl — van Wersch. Die Gemeinde Preuß. Moresnet ist ein Teil der ehemaligen französischen Gemeinde Moresnet und gehört in administrativer Hinsicht zum Kreise Eupen, Regierungsbezirke Aachen, in kirchlicher Beziehung zur Pfarre Hergenrath, Erzdiözese Köln, in Justiz-Sachen zum Friedensgerichte Eupen Landgerichtsbezirk Aachen, in Militair- Angelegenheiten zum 25. Landwehrregiment. Vor der französischen Occupation 1795 bildete Preußisch Moresnet mit dem größten Teile des neutralen Gebietes die Gemeinde Kelmis und stand unter österreichischer Herrschaft. Es gehörte damals zur Grafschaft Dalhem> im Herzogtum Limburg und mit diesem zu den österreichischen Niederlanden. 3 Die Chroniken —Ausgabe 1 für die Zeit zwischen 1859 und 1900, Ausgabe 2 für die Jahre 1901 bis 1914/18 — liegen lediglich noch als Kopie vor; das Schicksal der Originale ist ungewiss. Ebenfalls nicht zu klären ist die Frage, warum die Aufzeichnungen erst 1859 unter Bürgermeister Kohl beginnen und nicht, wie ursprünglich gefordert, in den 1820ern. Es kann nur vermutet werden, dass sich die Aachener Bezirksregierung und der Eupener Landrat im Umgang mit Bürgermeister von Lasaulx stets nachsichtig zeigten — er verwaltete schließlich auch noch Hergenrath sowie Neutral-Moresnet und berichtete seinen übergeordneten Behörden vom Gemeindeleben ohnehin häufiger als andere Bürgermeister. * Kahmann, Uli: „Es sey Gutes oder Böses und allerhand Partikularia». Das amtliche Berichtswesen im Königreich Preußen im 18. und 19. Jahrhundert. Manuskript eines WDR 3-Hörfunkbeitrags, 01.12.1998: Gemeindechroniken und „Zeitungsberichte sind keine objektiven Bestandsaufnahmen, sie stellen stets auch Deutungen des Geschehens durch die protokollierenden Chronisten dar.» 5 Diese Angabe ist nicht korrekt: Kelmis gehörte zur Bank Montzen im Herzogtum Limburg.
57 . Chronik der Bürgermeifterei Moresnetk, k im BAAR NN Begierungs-Bezirk Machen. BA Chroniken Buch enthält vier und’ fedözig Blätter, wovon das erfte| 3 und leßte Blatt von den Unterzeidhneten paraphirt if. den * "4828, S ; Der Bürgermeifter, Titelseite des ersten Ausgabees der Chronik von Preußisch-Moresnet
58 Durch die Franzosen wurde Kelmis, welches ohne Zweifel seinen Namen von den in dieser Gemeinde befindlichen sehr alten Galmei — in der Ortssprache Kelmis -Bergwerken hat, mit der Nachbargemeinde Moresnet zu einer Gemeinde unter dem Namen Moresnet vereinigt und dem Kanton Aubel, Departement der Ourthe einverleibt. In Folge des Pariser Friedens vom 30. Mai 1814 und des Wiener Traktats vom 19. Juni 1815 wurde Moresnet von Frankreich wieder abgelöst und teils der Krone Preußen, teils dem Königreich der Niederlande zuerkannt. Bei der in 1816 stattgehabten Grenz-Regulierung konnten die Grenz- Kommissarien wegen der sehr bedeutenden Bergwerke über die Teilung nicht einig werden und es wurde daher beschlossen, das streitige Teil vorläufig und vorbehaltlich einer späteren Regelung ungeteilt liegen ’zu lassen. Auf diese Weise wurde Moresnet von N.W. nach S.O. in 3 gleiche Teile geteilt®, und zwar in den preußischen, den neutralen und belgischen Teil. Der erste ist unter dem Namen Preußisch Moresnet, der zweite, auf welchem sich die Bergwerke befinden, Neutral Moresnet oder auch wohl Kelmis und der dritte, der eigentliche Ort mit der Pfarrkirche schlechtweg unter dem Namen Moresnet bekannt. Preußisch Moresnet hat einen Flächen-Inhalt von 2648 Morgen und wird im Norden durch die Gemeinde Laurensberg und Aachen im Osten durch Hergenrath im Süden durch Lontzen im Westen durch das Königreich Belgien und das neutrale Gebiet begrenzt. Es bildet einen eigenen Gemeinde- Verband gehört aber seit 1825 zum Armen-, Kirchen- und Schulverbande Hergenrath. Vor dem Jahre 1825 gehörte es als Stück der früheren Sammt-Gemeinde Moresnet zum Pfarrverbande belgisch Moresnet’, Diözese Lüttich. Bei der Grenz-Regulierung in 1816 hatte Preuß. Moresnet 246 Einwohner in 49 Wohnhäusern, gegenwärtig hat es 643 Einwohner in 93 Wohnhäusern. Ein großer Teil der Einwohner sind Beamte oder Arbeiter des Bergwerkes und meist erst seit 1845 zugezogen; die übrigen Einwohner sind Landwirte welche meist Viehzucht treiben. Der Konfession nach sind unter den Bewohnern von Preuß. Moresnet 570 Katholiken und 73 Evangelische; in 1816 waren nur Katholische vorhanden. 6 Tatsächlich waren es drei ungleiche Teile: Der neutrale Teil hatte nur 344,5 ha, das belgische (niederländische) Moresnet 673 ha und das preußische Moresnet 662 ha. 7 Preußisch-Moresnet gehörte zum Pfarrverband Moresnet. Das Attribut «belgisch» ist natürlich erst aus der Perspektive des Chronisten von 1860 zu erklären.
59 Die Verwaltung von Moresnet führte seit der Teilung der Gemeinde, also seit 1816 — 1850 der Herr Arnold von Lasaulx welcher zugleich Bürgermeister von Hergenrath und Moresnet neutral war. Im Jahre 1847 legte dieser wegen hohen Alters die Funktionen als Bürgermeister von Hergenrath und 1850 die von Preuß. Moresnet nieder und an seine Stelle trat für beide Gemeinden der damalige Beigeordnete von Moresnet Herr Corneil Hubert Mostert. Auf sein wiederholtes Ansuchen wurde Herr Mostert mit Januar 1859 von der Verwaltung in Preuß. Moresnet entbunden und diese nunmehr dem früheren Stadtsekretär von Eupen Joseph Kohl kommissarisch übertragen. Die Beigeordneten des jetzigen Bürgermeisters sind der Obersteiger Philipp Krauss und der Ackerer Wilhelm Keutgen. Beide fungieren seit 1856. In Anerkennung der großen Verdienste, welche sich Herr von Lasaulx durch seine langjährige, unentgeltliche Verwaltung und durch seine sehr große Wohltätigkeit gegen die Armen erworben, wurde ihm von Seiner Majestät dem Könige von Preußen zunächst der rote Adler-Orden IV. Klasse und im Jahre 1852 der rote Adler-Orden III. Klasse mit der Schleife verliehen. Bei Überreichung des letzteren wurde dem Dekorierten von Seiten der Gemeinde ein glänzendes Festessen gegeben, welchem außer den Notabilitäten von Preußisch-, Neutral- und Belgisch Moresnet der Herr Regierungs-Präsident Kühlwetter von Aachen, der Herr Landrat von Harenne zu Eupen, sämtliche Bürgermeister des Kreises und mehrere andere auswärtige Herren beiwohnten. Das Vermögen von Preuß. Moresnet besteht aus Anteilen an zwei Waldungen und zwar am Preusswalde und an den beiden Bambüschen. Der erstere ist 1800 Morgen groß und liegt teils auf preußischem, teils auf neutralem, teils auf belgischem Gebiete. Von ihm besitzt Preuß. Moresnet in Domainschaft mit Neutral-Moresnet 1/9. Der übrige Teil des Waldes gehört den belgischen Gemeinden Gemmenich, Montzen und Moresnet. Die beiden Bambüschen haben angeblich eine Fläche von 42 1/2 Morgen. Sie sind in Belgisch Moresnet belegen und mit schönem Eichen-Hochwald bestanden. Von ihnen gehört Preuß. Moresnet mit Neutral Moresnet als frühere Gemeinde Kelmis 1/3, die übrigen 2/3 gehören Belgisch Moresnet. Die Schulden der ehemaligen Gemeinde Moresnet, die von Belgisch-, Neutral- und Preuß. Moresnet zusammen sollen circa 18.000 Florin betragen. Das Gemeinde-Vermögen wird noch immer durch den Bürgermeister von Belgisch Moresnet verwaltet, und sämtliche Revenuen fließen in
60 die Gemeindekasse daselbst. Ebenso wurden bis vor wenigen Jahren die sämtlichen Verwaltungskosten sowohl von Preuß. Moresnet als vom neutralen Gebiete aus der gedachten Kasse bestritten. Seit dem Jahre 1850 hat die belgische Gemeinde-Verwaltung indes angefangen, bald diese, bald jene Zahlung zu verweigern und ist es dadurch nötig geworden, für die hiesige Gemeinde einen eigenen Haushalt zu gründen und einen eigenen Empfänger anzustellen, dieser in der Person des Steuer-Empfängers Kremer früher zu Aachen, jetzt zu Eupen wohnend. Die Verhandlungen wegen der Vermögens-Auseinandersetzung zwischen den drei Anteilen von Moresnet haben schon im Jahre 1819 begonnen. Ursprünglich waren damit beauftragt: preußischerseits der Landrat von Scheibler zu Eupen und niederländischerseits der Sous- Intendant des Arrondissements von Verviers J. C. Nicolai zu Aubel. Bevor dieselben zu einem Resultate gelangt waren, trat die belgische Revolution ein, in Folge deren sich die Verhandlungen gänzlich zerschlugen. Erst in neuerer Zeit sind dieselben wieder aufgegriffen und zur Vollziehung der Teilung nunmehr zu Teilungs-Kommissarien ernannt worden: Preußischerseits der Landrat von Harenne zu Eupen und belgischerseits der Distrikts-Kommissar Jamme, früher zu Verviers, jetzt zu Lüttich wohnend. Wenngleich auch deren Unterhandlungen sich in die Länge ziehen, so hofft man doch, dieselben nächstens zum Abschlusse gelangt zu sehen. Die Verwaltung der Waldungen sowie die Aufsicht über dieselben führten seit 1816 auf gemeinschaftliche Kosten von Montzen, Moresnet und Gemmenich Forst-Administratoren und Förster und zwar wurde von Preußischen Beamten der im Preußischen und im Neutralen belegene Teil und von belgischen Beamten der Teil verwaltet, welcher im Belgischen liegt. Der erste Preußische Forst-Administrator seit der Teilung von Moresnet war der Oberförster Gronenscheldt, welcher von 1818 — 1831 fungierte. Nach dessen Pensionierung wurde der Oberförster-Kandidat Biermans Administrator und als dieser in 1841 Königlicher Oberförster wurde, erhielt Herr von Gabain aus Malmedy die hiesige Administrator-Stelle, der sie bis heute noch bekleidet. Als Förster fungierten von 1816 — 1839 Nic. Gronenscheldt, nach dessen Tode von 1839-1858 Simon Gronenscheldt und nach dessen Entlassung von 1858 bis jetzt der Ackerer Matthis Laschet. Mit der Vereinigung von Moresnet mit Hergenrath zu einem Kirchen- und Schul-Verbande also seit 1825 war man darauf bedacht, die für die Bevölkerung viel zu kleine alte Kirche und das elende ungesunde
61 Schulhäuschen zu Hergenrath durch neue Gebäude zu ersetzen. Nach vielfachen Verhandlungen kamen die Gemeinderäte im Jahre 1838 dahin überein, daß zuerst ein neues Schulhaus gebaut, die Kirche aber vorläufig, womöglich vergrößert werden solle und daß Hergenrath zu den Baukosten 2/3 und Moresnet 1/3 beitragen. Die Königliche Regierung erklärte sich mit dem Schulbau einverstanden, nicht aber mit der Vergrößerung der Kirche, vielmehr bestimmte dieselbe, daß nach Erbauung einer neuen Schule sofort auch der Bau einer neuen Kirche in Angriff zu nehmen sei und daß der Plan und Kosten-Anschlag schon gleich angefertigt werden solle. Der damalige Bürgermeister v. Lasaulx kam dieser Verfügung nach, beging aber das Versehen, den Kosten- Anschlag nicht durch den Gemeinderat von Moresnet, welcher hauptsächlich für die Vergrößerung der alten Kirche gewesen war, genehmigen zu lassen. Nach Vollendung des Baues weigerte sich dieser daher, zu den Baukosten der Kirche etwas beizutragen. In Folge vielfacher Bemühungen der Behörden erklärte er sich endlich bereit, zu den Schulbaukosten ad 2.217-26-9 Zu den Kirchenbaukosten ad 20.019-22-0 [SUMME] 22.237-19-9 einen Beitrag von in toto 4723-17-6 zu leisten, welches [...] der Gemeinderat zu Hergenrath am 25. März 1850 akzeptierte und wodurch er Moresnet von ferneren Beiträgen dechargierte. Da die Gemeinde Moresnet von der angebotenen Summe nur 2223 Ril. 17 Sgr. 3 Pf. gleich ablegen konnte, so verpflichtete sie sich, den übrigen Betrag allmählig und zwar mit 300 Rtl. jährlich abzulegen, bis zur gänzlichen Abbezahlung aber 5 % Zinsen zu bezahlen. Mit der Abtragung wurde gleich begonnen und die Schuld in 1858 getilgt. Zu den Utensilien und den Dekorationen der Kirche, insoweit solche bereits beschafft worden, hat Moresnet auch 1/3 beigetragen. Bis gegen 1845 waren evangelische Einwohner in Moresnet fast gar nicht vorhanden. Die wenigen, welche da waren, gehörten bis 1848 zur evang. Pfarre Eupen und von da ab zur evang. Pfarre Aachen. Seit 1849 und namentlich seit 1851 hatte sich die evangelische Bevölkerung durch Zuzug aus Deutschland so vermehrt, daß sie 1852 schon von 9 auf 33 Seelen gestiegen war und daß sie 1855 schon 56 Seelen zählte. Der Ober- Ingenieur der Bergwerks-Gesellschaft Herr Max Braun, selbst Evangelischer, ließ es sich nun angelegen sein, nicht nur eine eigene
62 evangelische Kirche, sondern auch eine evangelische Schule hier zu gründen und vermittelte zu diesem Zwecke zunächst die Berufung eines Pfarrvikars und dann eines evangelischen Lehrers. Ersterer hielt zuerst in einem Privat-Saale Gottesdienst. Nachdem die Gemeinde durch die Kirchenbehörde als solche anerkannt worden war, wurde schon am 7. Juli 1856 (durch den Superintendenten Rosshoff zu Aachen) in Gegenwart des Pfarrers Michels aus Eupen, des evangelischen Pfarrvikars Lekebusch von hier und verschiedenen anderen Herren der Grundstein zur neuen Kirche gelegt, welche in 1857 vollendet wurde. Die Baukosten der Kirche wurden zum Teil durch die Gesellschaft des Altenbergs und teils durch Kollekten zusammengebracht, auch wurden bedeutende Unterstützungen von Seiten der deutschen Gustav-Adolphs- Vereine geleistet. Die Gesellschaft gab 2.000 Francs und bewilligte einen Teil des Terrains auf welchem die Kirche steht, die Kollekten brachten 2.930 Taler ein und die Unterstützungen der genannten Vereine beliefen sich auf 1.010 Taler. Die durch die Kirchen-Gemeinde und Private geleisteten Beiträge betrugen 14-1500 Taler. Im Ganzen also betrugen die zum Kirchenbau gesammelten Gelder circa 6.000 Taler. Von der Zivil- Gemeinde wurde zu dem Kirchenbau ein Geldbetrag nicht geleistet, sondern nur zwei Gemeinde-Grundstücke, groß 100 Ruthen 30 Fuß zur Anlage eines Kirchhofes geschenkt. Da zum Kirchenbau nur 4.500 Taler erforderlich waren, so bildete man aus dem Überschusse einen Pfarrdotationsfonds, zu dessen Vergrößerung seitdem noch von verschiedenen Privaten Beiträge bewilligt worden sind. Einen Teil der Pfarrerbesoldung übernahm die Gesellschaft; auch gab diese ein Schullokal her und bewilligte die Besoldung des evangelischen Lehrers. Besuch hoher Standespersonen hat die Gemeinde oder vielmehr das Bergwerk mehrere gehabt. Ihre Namen wurden in das auf dem Bergwerke befindliche Fremdenbuch eingetragen, wo sie noch aufbewahrt werden. Die letzten hohen Besuchen fanden im Jahre 1856 und 1857 statt, als die Frau Prinzessin von Preußen und Höchst ihre Tochter, die Großherzogin von Baden auf den Altenberg kamen. Bei Hochderen letzten Anwesenheit machten Ihre Hoheiten der neuerbauten evangelischen Kirche verschiedene schöne Geschenke u. a. einen goldenen Kelch und ein Kruzifix. In Betreff der evangelischen Schule macht der Herr Ober-Ingenieur Braun, zugleich Mitglied des Gemeinderates darauf aufmerksam, daß
63 diese Schule nicht als evangelische, sondern als Beamtenschule gegründet worden sei, die damals außerordentlich nötig gewesen sei.» [Datum: 2. Juni 1860, Unterschriften] 1859 «Das Jahr 1859 war für unser Vaterland ein hartes, denn es wurde der Staat zu außergewöhnlichen, nicht unbedeutenden Opfern veranlasst. Durch die kriegerischen Verhältnisse wurde Preußen in die Notwendigkeit gesetzt, gegen Frankreich hin seine Grenze zu sichern und zu diesem Zwecke einen Teil seiner Arme[e]n mobil zu machen. Diese Mobilmachung® war namentlich hart für die Gemeinden der Rheinprovinz, denn nicht nur hatten diese mit an den Kosten der Mobilmachung zu partizipieren, sie mussten auch, da das hiesige Armeecorps mit zu den mobilen gehörte, einen Teil ihrer besten Kräfte hergeben. Am nachteiligsten wirkte die Einberufung der Wehrleute, weil dadurch nicht bloß Arbeitskräfte verloren gingen, sondern den Gemeinden auch die zurückgebliebenen Angehörigen derjenigen zur Last fielen, die Vermögen oder sonstige Subsistenzmittel nicht besaßen. In letzterer Beziehung litten dann auch die hiesigen Gemeinden bedeutend, denn es wurden aus Preußisch und Neutral Moresnet nicht weniger als 19 Wehrleute, meist Familienväter und außerdem verschiedene Reservisten einbeordert. Um den Gemeinden und dem Kreise in etwa Erleichterung zu verschaffen, bildete sich unter dem Vorsitze des Herrn Ober-Ingenieur Braun ein Unterstützungs-Verein für Moresnet und Hergenrath, dem sämtliche Notabeln der Gemeinden beitraten und durch welchen die zahlreichen hilfsbedürftigen Angehörigen der Einberufenen hinlängliche Unterstützung bezogen, solange die Mobilmachung dauerte. Eine andere nachteilige Folge der kriegerischen Lage Europas war für hiesige Gemeinde die Hemmung des Bergbaues und der damit verbundenen Zinkfabrikation. Letztere wurde soweit reduziert, daß anfangs Mai nur mehr die Hälfte der Öfen in Betrieb waren. Zwar wurden dieserhalb keine Arbeiter entlassen, es musste jedoch die Arbeitszeit so beschränkt werden, daß die Leute nicht mehr als für ihren nötigen Unterhalt verdienen konnten. Zum Nebenverdienste wurden verschiedene Arbeiten in den Gemeindewegen angewiesen, wodurch dann einzelne bessere Zeiten erreichten, ohne Schulden machen zu müssen. ® Alle von nun an in Fettdruck gesetzten Begriffe dienen der Orientierung des Lesers — in den Originalen finden sie sich in Normalschrift.
64 Nach dem Friedensschlusse von Villafranca begann die Industrie sich wieder zu heben, die Zinköfen wurden nach und nach wieder angezündet und der Bergbetrieb wurde lebhafter. Gegen Anfang Winter waren daher fast alle Arbeiter wieder vollständig beschäftigt.» «Mit dem 1. Juli wurde dem commisarischen Bürgermeister von Preuss. Moresnet, Joseph Kohl auch die Verwaltung des neutralen Gebietes übertragen und am 18. October wurde derselbe für Preuss. Moresnet definitiv als Bürgermeister vereidet. Dem Herrn Ober-Ingenieur Max Braun wurde im Jahre 1859 in Anerkennung seiner vielen Verdienste um den Bergbau von Seiner Majestät dem Könige von Preußen der rothe Adlerorden IV Klasse und dem Obersteiger und Beigeordneten Bürgermeister Herrn Philipp Krauss ist das allgemeine Ehrenzeichen verliehen worden.» 1861 «Seine Majestät unser allverehrter König Friedrich Wilhelm IV. der seit 2 Jahren, von schweren Leiden getroffen, die Regierung des Landes an Seine Königliche Hoheit den Prinzen Wilhelm von Preußen übertragen, erlag den Leiden am 2. Januar 1861 morgens um 12 Uhr 40 Minuten. Es wurden die öffentlichen Lustbarkeiten bis nach dem 17. Januar untersagt, bis zum 15. ejusdem die Trauergeläute in allen Kirchen gehalten und die Dienstbriefe während 6 Wochen schwarz gesiegelt. Am Sonntag den 17. Februar fand die allerhöchsten Orts befohlene Gedächtnisfeier mit Predigt in den Kirchen statt. Am 17. August besuchte Seine Excellenz der Minister der auswärtigen Angelegenheiten Herr von Schleinitz den Altenberg und zwar in Begleitung des Herrn Regierungs- Präsidenten Kühlwetter von Aachen. Dieselben kehrten nach kurzem Aufenthalte zurück nach Aachen. Am 18. October wurde höherer Anordnung zufolge der Krönungstag Seiner Majestät Wilhelm I. in den Kirchen durch Hochamt und Te Deum gefeiert, nachdem dieses Fest am Vorabend mit allen Glocken eingeläutet worden.» 1862 «Am 17. April wurde der Bau einer katholischen Kirche für das benachbarte neutrale Gebiet in Verding gegeben und im September wurden die Fundamente der Kirche begonnen. Wegen des Zusammenhanges hiesiger Gemeinde mit dem genannten Gebiete hat der Beginn des sehr nöthigen Baues auch hier große Freude erregt.»
65 «Ende 1861 war die Anlage des großen Teiches diesseits der Emmaburg begonnen worden und in 1862 wurde dieselbe beendet. Auch wurde in 1862 eine Anlage für künstliche Fischzucht mit den nöthigen Brutkästen und einem kleinen Zuchtteich durch Herrn Ober-Ingenieur Braun am Ochsenbrunnen eingerichtet. Auch die große Maschinen- Anlage für den Altenberger Tiefbau ist seit 1862 in Betrieb.» 1864 «Am 25. Juni beehrte Seine Excellenz der Handelsminister Herr Graf Itzenplitz mit seinem Besuche den Altenberg von Aachen kommend. In seiner Begleitung befand sich der Herr Regierungs-Präsident Kühlwetter aus Aachen. Seine Excellenz wurde am Bürgermeisterei-Lokale vom Herrn Landrathe von Harenne und dem Bürgermeister Kohl begrüßt und sodann zum hiesigen Bergwerk behufs Besichtigung der Etablissements begleitet. Gegen 3 Uhr Nachmittags verließ uns Seine Excellenz wieder.» «Der in Schleswig geführte Krieg gegen Dänemark hat hier viele Sympathie gefunden. Öffentlich und privatim wurden Sammlungen zum Besten der Verwundeten veranstaltet, welche reichlichen Ertrag lieferten.» [Öffentliche Bekanntmachung, dass das Fräulein Luise Braun, die Tochter des Ober-Ingenieurs, beim Schlittschuhlaufen auf dem Weiher den ins Eis eingebrochenen Sohn des Steigers Pelzer gerettet hat, genauer Wortlaut der in den Blättern bekannt gemachten Rettungsaktion ist in der Chronik nochmals wortgetreu wiedergegeben. Für ihre Tat erhielt sie von Seiner Majestät dem König die Rettungsmedaille.] 1865 «Am 8.October wurde die neue Kirche zu Neutral-Moresnet eingeweiht und zwar durch den Bischof de Montpellier zu Lüttich unter Assistenz des Bischofs Laurent zu Aachen. Es wohnten neben einer sehr großen Anzahl von Geistlichen dieser Feier bei: Die Regierungs- Commissarien Herr Landrath von Harenne und Herr Landgerichtsrath Cremer, Herr de Sincay Generaldirektor des Altenbergs, die Ortsbehörden und die Beamten des Bergwerks hier. Der Zudrang des Publikums war ungeheuer. Es wurde durch die Gesellschaft zu Ehren der geistlichen und weltlichen Behörden ein großes Diner im Schullokale zu Moresnet Neutral gegeben. Das neutrale Gebiet und Preußisch Moresnet waren festlich geschmückt und abends illuminiert.»
66 1866 «Nachdem bereits in 1865 im benachbarten Belgien und Holland die Rinderpest ausgebrochen und die Grenzsperre angeordnet worden war, wurde am 19. Januar ein Militär-Detachement hierher beordert um die Grenzsperre zu handhaben. Die Einwohner waren über die ihnen dadurch zur Last fallenden Einquartierungen äußerst unzufrieden.» [Klagen über die unzureichende Vergütung pro Mann bei den gestiegenen Lebensmittelpreisen. Nennung der eingesetzten Regimenter, auch Kavallerie aus dem 7. Husarenregiment wurde eingesetzt.] „Die Rinderpest ist hier glücklicherweise nicht zum Ausbruch gekommen. In Betreff des neutralen Gebietes hatten sich die beiderseitigen Regierungen dahin geeinigt, daß für den Fall des Ausbruchs der Krankheit den Besitzern unter Beobachtung des Regiments gegen Einführung von Vieh der Schaden aus Staatsmitteln ersetzt werde.» «Es kamen im September 1866 im Neutralen verschiedene Cholerafälle vor. Preußisch Moresnet blieb verschont.» «Der deutsche Krieg hatte die Einberufung vieler Arbeitskräfte zur Folge und brachte Mangel und Sorge für manche Familie. Es bildeten sich hier Unterstützungskomites, die neben den offiziellen Unterstützungen den Familien der Einberufenen bedeutende Subsidien zu Teil werden ließen. Geblieben sind von hier Egidius Soiron von der Main-Armee, verwundet wurde, und zwar bei Königgrätz, Mathias Jo- seph Kriescher von der Elb-Armee.» 1867 [Unzufriedenheit über andauernde Grenzsperre, dadurch Behinderung des Viehhandels, Freude über Ende der Grenzsperre und Abzug der Regimenter am 4. Juli, Bergwerk hatte bedeutenden Anteil zur erhöhten Vergütung beigesteuert.] «Am 7. Juli wurde seitens der Gemeinde Preußisch Moresnet ein Fest arrangiert zur Erinnerungsfeier des Sieges von Königgrätz. Die Gemeinde hatte zu demselben nicht nur ihre eigenen Landwehrleute und Combattanten, sondern auch die von Moresnet Neutral eingeladen, im Ganzen 28 Mann. Die Mannschaften wurden am Gemeindehause mit Musik abgeholt und zum Schützenlokal geführt wo ein Concert gegeben wurde. Nach dem Concert fand auf Kosten der Gemeinde ein Souper mit nachfolgendem Ball statt. Jedem Landwehrmann wurden daneben auf Gemeindekosten zwei Flaschen Wein verabfolgt. Die sämmtlichen
67 Kosten betrugen 30 Taler. Der Herr Landrath von der Heydt hatte das Fest mit seiner Gegenwart beehrt.» [Regierungs-Präsident von Bardeleben in Begleitung des Schulrats Stöveken besichtigten den Altenberg, die Kirchen und Schulen der katholischen sowie evangelischen Konfession, die katholische Schule liegt im Neutralen, von der Heydt war mit dabei, gemeinsame Rückkehr nach Aachen.] [Wegebau nach Hergenrath begonnen, kurz darauf beendet, da Hergenrath noch nicht begonnen hatte.] 1869 «Während der Monate Mai und Juni wurden die Vermessungen einer Zweigbahn vom Altenberg zur Rheinischen Bahn vorgenommen, diese Bahn gelangt jedoch leider nicht zur Ausführung, weil die Rheinische Eisenbahn die geringen Kosten derselben nicht übernehmen wollte. Dagegen wurde eine Zweigbahn von hier nach Altenberg (belg. Moresnet) zu der in diesem Jahre begonnenen Bahn von Aachen nach Welkenrath gelegt. Belgische Unternehmer führten diese Bahn unter Mitwirkung der Gesellschaft des Altenbergs aus.» «Im Laufe des Jahres wurde die Prämienstraße von Moresnet über Hergenrath und Hauset zur Aachen-Eupener-Aktienstraße, welche 1868 begonnen worden war, vollendet. Versuchsweise wurde der sogenannte Heidkopf, soweit er der hiesigen Gemeinde gehört, mit Tannen bepflanzt.» 1870 «Der Gang des Bergwerks war im Ganzen gut. Es wurde eine anscheinende Fortsetzung des alten Galmeilagers entdeckt, wodurch die befürchtete Erschöpfung des Bergwerkes auf einige Jahre in die Ferne gerückt ist. Der Reinertrag des Bergwerks für dieses Jahr war 826.011 Francs.» «Ganz unerwartet brach im Juli zwischen Frankreich und Deutschland Krieg aus. Im Juli erklärte nämlich Frankreich dem preußischen Volk in der frevelhaftesten Weise diesen Krieg. Ganz Deutschland erhob sich wie ein Mann um den Erbfeind zurückzuweisen. Von Preußisch- und Neutral-Moresnet wurden über 60 Mann zu den Fahnen einberufen. Große Opfer wurden während des Feldzuges sowohl durch die Gesellschaft des Altenbergs als durch die Gemeinde zur Unterstützung der Angehörigen der Einberufenen gemacht. Die Beamten des Altenbergs
68 vereinigten sich mit dem Bürgermeister und den Pfarrern beider Konfessionen zu einem Komitee, welches jeden Monat mehr als 500 Francs an Unterstützungen verteilte. Auch die Krieger wurden bedacht und zwar ohne Unterschied, ob sie in Preußen oder Belgien oder Holland einberufen waren! Die Gaben wurden durch freiwillige Beiträge aufgebracht, an welchen Reiche und Armen, Vorgesetzte und Arbeiter teilnahmen. Am 8. September wurde auch der Bürgermeister zum Dienste seines Vaterlandes einberufen und zwar, um die Verwaltung in Elsass- Lothringen mit zu organisieren. Die Gemeinde hatte zum Parkdienst 5 zweispännige Fuhren stellen müssen, welche mit Ausnahme von 3 Pferden wieder zurückgekehrt sind. Auch ein Parkfuhrmann sah seine Heimat nicht wieder nämlich Matthes Schönauen, welcher am 24./25. Oktober zu Dugny bei Verdun am Ty- phus starb. Nach der Schlacht von Sedan war das Resultat der weiteren Kriegsführung entschieden. Elsass-Lothringen sollte von Frankreich wieder abgetrennt und von Neuem mit Deutschland vereinigt werden. Es wurde daher von da ab die Verwaltung in deutsche Hände genommen und dieselbe neu organisiert. Auch der hiesige Kreis stellte zu den Verwaltungsbeamten sein Kontingent in der Person des Landrats Herrn Gülcher und des unterzeichneten Bürgermeisters von Preußisch Moresnet, Joseph Kohl. Leider war es dem ersteren nicht mehr vergönnt, seine Heimat wiederzusehen. Zunächst erlitt er einen kleinen Unfall durch Sturz aus einem Wägelchen, dann erkrankte er in Hagenau am Typhus und starb daran am 24. Oktober zu Karlsruhe. Obgleich erst seit 3 Jahren als Landrat tätig, hatte er sich durch seine Leutseligkeit und Rechtschaffenheit bereits allgemein beliebt gemacht. Auch hatte er sich in der kurzen Zeit seiner amtlichen Tätigkeit eine große Gewandtheit in seinen Funktionen angeeignet, was wohl auch die Veranlassung gewesen sein mag, daß die vorgesetzte Behörde gleich nach Ausbruch der Feindseligkeiten mit Frankreich ihn zu resp. nach Niederwerfung der französischen Armeen ihn zur Reorganisation der zurückerworbenen Provinzen Elsass-Lothringen mit einberief. Seine Untergebenen verloren an ihm einen liebenden und daher sorgenden Vorgesetzten. Bei der am 27. Oktober erfolgten Beerdigung hat der ganze Kreis seinen Tod sehr bedauert. Eine große Menschenmenge gab ihm das letzte Geleite. Der erste Kreis-Deputierte; Herr Thelosen, hat den Landrat bis zur Ernennung des neuen Landrates vertreten.»
69 1871 «Nach siebenmonatlichen heißen Kämpfen war der Erbfeind Deutschlands vollständig zu Boden geworfen und kam am 2. März der langersehnte Friede zustande. Mit dem Frieden kehrte auch der Bürgermeister wieder zurück, welcher als erster deutscher Steuer- Empfänger Elsass-Lothringens zuerst den Empfang in Hagenau- Uhlweiler geregelt und dann auf ausdrücklichen Wunsch der Oberbehörden noch die Regelung der schwierigen Percepturen” Ober- und Nieder-Ehnheim übernommen hatte. In der Stadt Ober-Ehnheim wurde derselbe am 7. Dezember 1870 bei einem Aufstande fünffach, jedoch nicht gefährlich verwundet. Eine definitive Anstellung lehnte derselbe ab, weil er dem Steuerfach keinen Geschmack abzugewinnen vermochte. Auf seiner Rückkehr, die am 25. Februar 1871 stattfand, bot man ihm die Bürgermeisterstelle einer größeren Stadt an, die er aber aus verschiedenen, von den Behörden gebilligten Gründen ablehnte. Während seiner 6monatlichen Abwesenheit wurde er als Bürgermeister für Preußisch Moresnet durch den ersten Beigeordneten Herrn Braun, als Bürgermeister für das neutrale Gebiet durch seinen Bruder Hubert Joseph Kohl vertreten. Zum Andenken an den glorreichen Krieg und ruhmvollen Frieden wurde am 22. März, als dem Königl. Geburtstage in der Höhe der evangelischen Kirche eine Kaiserlinde mit entsprechendem Zeremonium gepflanzt und später mit einer hübschen Anlage umgeben. Durch die allmähliche Rückkehr der einberufen gewesenen Landwehrleute und Reserven waren auch wieder allmählich normale Verhältnisse eingetreten. Man feierte die Rückkehr der hiesigen Krieger am 17. September durch ein großartiges Fest. Um 3 Uhr Nachmittags versammelten sich sämtliche Krieger, 63 an der Zahl, vor dem Gemeindehause zu Preuß. Moresnet. Dort wurden sie von den Altenberger Schützen und der Musik, sowie von den notabelsten Bürgern abgeholt und zur Friedenslinde geführt. Am Casino erwartete ein schöner Kranz weißgekleideter Jungfrauen die Krieger; sie sangen die Wacht am Rhein und schmückten sodann die Heimgekehrten mit Kränzen von Eichenlaub. An der Friedenslinde hielt der Bürgermeister eine patriotische Ansprache mit einem Willkommen an die Krieger, der erste Beigeordnete Herr Braun las eine Rede mit einem Hoch auf den deutschen Kaiser. Der Zug begab sich nunmehr in das reich beflaggte neutrale Gebiet, durchzog dort die Hauptstraßen und gelangte alsdann
70 zum Schützenlokale, wo diniert wurde. Es nahmen im Ganzen 103 Personen an diesem Diner teil. Die Kosten der Bewirtung der Krieger, von welchen jeder außer dem Mittagessen 2 Flaschen Wein erhielt, wurden teils durch Subskriptionen, teils durch einen Zuschuss aus dem Altenberger Kirmesfonds, teils aus Gemeindemitteln bestritten. E NN N 5 8 Vs Ve SEO A KT FAN VS N SR K m A = CS AA Sa N” E\ A . SZ OO 5 LE BES 6 Den I A 5 7 Es S << 5 MS / ER ‚a DON ı Di Zar % & 8 «Zur Erinnerung an den glorreichen Krieg und ruhmvollen Frieden wurde am 22. März (1871)... in der Nähe der evangelischen Kirche eine Friedenslinde (Kaiserlinde) mit entsprechenden Ceremonien gepflanzt.» Heute befindet sich dort das Kriegerdenkmal für die Opfer der beiden Weltkriege. 1872 «Der in 1869 begonnene Bau der Eisenbahn von Welkenraedt nach Aachen, sowie die Zweigbahn nach Neutral-Moresnet wurden vollendet und dem Verkehr übergeben, letztere jedoch vorläufig bloß dem Güterverkehr.» «Im Laufe der Monate April und Mai fanden weitläufige Versammlungen über die Teilung des neutralen Gebietes statt. Preußischerseits war als Teilungskommissar ernannt der Herr
mM Regierungspräsident von Bardeleben zu Aachen, Belgischerseits Herr de Luesemanns, Gouverneur der Provinz Lüttich. Unterm 29. April fand eine Zusammenkunft der beiden Herren hier statt, zu welcher auch der unterzeichnete Bürgermeister Kohl, Herr Oberingenieur Braun und Herr Direktor Bilharz zugezogen wurden. Zufolge der angenommenen Teilungslinie fällt das ganze Bergwerk, sowie Kirche, Schule und fast alle Wohnhäuser an Preußen, wogegen die Waldungen und der verbleibende übrige Teil des Gebietes zu Belgien geschlagen werden soll. Inwieweit die Verhandlungen bis jetzt gediehen sind, ist nicht bekannt; wahrscheinlich erleiden sie das Schicksal aller früheren Verhandlungen und werden ad acta gelegt.» 1873 «Um dem antideutschen Treiben des deutsch-belgischen Blattes «Die Fliegende Taube» zu Aubel entgegenzutreten, wurde in 1872 von verschiedenen Einwohnern, mit dem Bürgermeister an der Spitze ein im Neutralen herausgegebenes Blatt unter dem Titel «Grenz-Zeitung» gegründet. Dasselbe musste leider mit Ende 1873 eingehen, weil die Redaktion seit August 1873 in schlimme Hände gekommen war.» [Am linken Rand: Modalitäten zur Trennung der Armenkommission von Preuß. Moresnet und Hergenrath] 1874 «Hauptereignis des Jahres 1874 war der Erlass der Königl. preußischen Ministerien des Inneren und des Krieges, wonach die im Neutralen geborenen und ansässigen Kinder preußischer Eltern zum preußischen Militärdienst herangezogen werden sollen. Diese Verfügung bot dem deutsch-feindlichen Blatte «Die Fliegende Taube» zu Aubel in Belgien Stoff zu einer langen Serie von Verleumdungen und Hetzereien gegen den Bürgermeister, in deren Folge der Verleger dieses Blattes J. H. Willems zu Aubel vom Königlichen Landgericht zu Aachen zu einer dreimonatlichen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Ein Agent, namens M. Schmitz (sogenannter schwarzer Schmitz) an der Station Montzen Moresnet erließ Aufrufe und beraumte Versammlungen in seinem Wirtshause an, um die beteiligten Familienväter gegen die Anordnung genannter preußischer Ministerien aufzulehnen. Diese Agitation, wel- che für ihn selbst nur Geschäftsspekulation war, hatte für die Ortsbehörde recht unangenehme Folgen. Nur zu leicht schenkt das ungebildete Publikum solchen Hetzern Glauben und lässt sich irre führen, respektive zu Exzessen verleiten. Als der Bürgermeister Kohl am 3. Mai Abends
72 EEE Setzen apa A ad Anke BA wo A I wm MW IE Pr nsnand =. = GEB a rs A Han EN) en BEE g], Denn Babl wild ann, VOL Ar) Geub KERLE Prag nt Eike 7. PO | WE nm A A PIE JE Ben ALM LEI af GV a Feng kn Affe: AEECHE AS WA ERDE 2 Auszug aus dem Berichtsjahr 1874: «Der Betrieb des Bergwerks ist auch in diesem Jahre wieder bedeutend gefallen...» x gegen 1/2 10 Uhr die Vorbereitungen zu einem für den folgenden Tag bestimmten Feste in Augenschein nehmen wollte, wurde er auf offener Straße von einem Attentäter, dem Schuster Wilh. Niederau zu Neutral Moresnet meuchlings angefallen und mittels einer scharfkantigen Eisenstange von 40 Zentimeter Länge und 1-2 Zentimeter Dicke durch Schläge auf das entblößte Haupt mehrfach verwundet. Der Bürgermeister warf zwar den Attentäter zu Boden und hielt ihn trotz ungeheuren Blutverlustes, bis Hilfe kam, fest, dann aber entwischte der Attentäter nach seiner Rekognoszierung und floh nach Belgien, wo er später nach belgischem Gesetz verurteilt wurde. Der Vater des Attentäters hatte ebenfalls Schritte gegen die Heranziehung seiner Söhne zum preuß. Militärdienst getan. Es lässt sich daher mit gutem Grund annehmen, daß das feige Attentat eine Folge der Hetzereien war. Ob der inzwischen gegen das Ministerial-Rescript vom 11. März 1874 eingeleitete Prozess Erfolg haben wird, muss die Zukunft lehren.» 1875 [Tod des katholischen Pfarrers von Hergenrath, Lambertz. „Er hatte sich während seines langjährigen Amtierens zu Hergenrath ein bedeutendes Vermögen gesammelt»] «Am 22. März wurde hier zum ersten Male durch ein Festsouper im Casino der Geburtstag Seiner Majestät des Kaisers gefeiert. Es nahmen unter Vorsitz des Unterzeichneten 16 Herren daran teil.» 1876 «Wegen der im benachbarten Belgien und in Holland herrschenden Lungenseuche wurde sowohl für das neutrale Gebiet als für Preußen die
73 Rindvieh-Einfuhr verboten. Die Metzger durften jedoch Vieh in Belgien abschlachten und das frische Fleisch herüberbringen.» Verdinggabe von Wegebauarbeiten von Kelmis nach Brandenhövel und belgisch Moresnet: «Hoffentlich wird die Gemeinde belg. Moresnet uns entgegenbauen. Sie hat im Ganzen nur eine Strecke von 200 Metern auszuführen, die aber leider zum Teil durch das Eigentum des dortigen Bürgermeisters Schmetz zu bauen sind.» «Am 26. Januar wurde ein bedeutender Schritt getan, zur endlichen Regelung des Activums und Passivums einerseits zwischen den belgischen Gemeinden Gemmenich, Montzen und Moresnet und andrerseits Neutral- und Preußisch-Moresnet. Es wurden nach Prüfung einer vom unterzeichneten Bürgermeister Kohl entworfenen Auseinandersetzung die Streitpunkte aktenmäßig in Eupen aufgenommen und sodann von den Teilungs-Kommissaren Herrn Landrat Sternickel und Arrondissements-Kommissar Jamme endgültig entschieden. Es erübrigt nur noch die Herauszahlung der bedeutenden Geldsumme von 5.000 Francs, welche der Gemeinde Kelmis, d. h. preußisch und neutral Moresnet noch zustehen, sowie die Aufnahme eines Aktes, um alles perfekt zu machen. Auch ist im verflossenen Jahre zwischen der preußischen und der belgischen Regierung die Teilung des neutralen Gebietes wieder zur Erörterung gekommen. Ob dieselbe von Erfolg gekrönt sein wird, muss die Zukunft lehren.» «Die für die hiesige Ortsverwaltung so unangenehme Militärfrage, ob das Preußische Rescript vom 11. März 1874 zu Recht bestehe oder nicht, ist durch richterlichen Ausspruch sowohl in Aachen am Landgericht als zu Berlin vor dem Kassationshofe dahin entschieden worden, daß die betreffenden jungen Leuten allerdings militärpflichtig sind. Den gehässigen Agitationen ist damit ein Ende gemacht.» «Wie in 1875 so fand auch in 1876 zur Feier des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers ein Festessen im Casino statt. Dasselbe hatte dieses Mal 30 Teilnehmer. Auch wurde in den hiesigen Knabenschulen der hundertjährige Geburtstag der Königin Luise gefeiert.» 1877 [Kirchenvisitation des Coadjutors von Lüttich, Bischof Doutreloux, am 23. September im neutralen Gebiet] «Die uns aus der Teilung mit den belgischen Gemeinden Montzen, Gemmenich und Moresnet noch zustehende Geldsumme ist uns nunmehr ausbezahlt worden.»
74 «Am Orte Fossei in den Gemeinden Hauset und Walhorn ist ein neues Galmeilager entdeckt worden, welches guten Erfolg verspricht.» 1879 «Mit Mai wurde das von Bürgermeister Kohl entworfene, von Herrn Schuster in Montabaur ausgeführte Bürgermeisterei-Schild angebracht. Dasselbe stellt die kombinierten Wappen von Preußen und Belgien, von einem Lorbeerkranz umgeben, dar.» «Am 11. Juni feierte unser deutsches Kaiserpaar das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Auch hier und besonders im Neutralen fanden zur Feier desselben großartige Kundgebungen statt. In den Schulen wurden Vorträge und Deklamationen gehalten, in der Kirche im Neutralen fand ein Te Deum statt und am Abend wurde ein großartiger allgemeiner Fackelzug veranstaltet. Auf dem Sandberg brannten großartige Freudenfeuer.>» [Einführung der Straßenbeleuchtung im Neutralen und an einigen Stellen in Preußisch Moresnet] 1880 Einstellung des Grubenbetriebs im Bleiberg. «Nur die Zinköfen blieben in Gang und verarbeiteten hauptsächlich spanische und griechische Erze. In Folge der Einstellung des Grubenbetriebs sind auch eine Menge Arbeiter aus dem neutralen Gebiete entlassen worden. Dieselben haben sich meist ein Unterkommen auf belgischen Kohlengruben gesucht.» «Im Monat September passierte 2 Mal die in Aachen weilende Königin der Belgier den hiesigen Ort, um zu der in belgisch Moresnet belegenen Muttergottes am Eickschen zu wallfahrten.» 1881 [Konflikt um Neubesetzung eines Beigeordnetenpostens, beide Kandidaten werden abgelehnt] Im Rahmen des 0.g. Konflikts bittet Bürgermeister um Pensionierung, Landrat Sternickel setzt Gemeinderatsversammlung zur Beratung darüber an, zu der alle Mitglieder erscheinen. „Die Versammlung beschloss einstimmig, den Bürgermeister nicht zu pensionieren, weil er noch dienstfähig sei. Der Herr Landrat veranlasste jedoch eine neue Sitzung, in welcher nunmehr die drei evangelischen Mitglieder in Gemeinschaft mit Witter, ihrem vorigen Beschluss entgegen, die Pensionierung des
75 Bürgermeisters beschlossen.» Herr Kohl war 23 Jahre Bürgermeister und trat im Alter von 47 in den Ruhestand. «Im Laufe des Jahres 1881 ist durch Herrn Carl Dick zu Hergenrath die Einrichtung einer Eisenbahnstation daselbst in Antrag gebracht worden. Die Gemeinde Preuß. Moresnet hat zu den Einrichtungskosten dieser Station 300 Mark beizutragen beschlossen.» 1882 «Vorerst findet der Unterzeichnete sich veranlasst, den vorstehenden Expektorationen seines Amtsvorgängers insofern entgegenzutreten, als die von demselben in die Chronik pro 1881 hervorgehobenen Nergeleien und Intrigen gerade nur von dem Herrn Kohl in Szene gesetzt wurden und von denselben sogar seine Vorgesetzten nicht verschont geblieben sind. Es mag diese kurze Bemerkung genügen, denn auf die Einzelheiten sich einzulassen, würde zu zeitraubend und weitläufig sein. Mit Ende März 1882 wurde der Bürgermeister Kohl von der Stelle als Bürgermeister von Preußisch Moresnet mit Bewilligung der gesetzlich ihm zustehenden Pension entbunden und die Verwaltung dieser Gemeinde dem Bürgermeister von Hergenrath Cornel Hubert Mostert kommissarisch übertragen. Die Einführung des Letzteren erfolgte durch den Königlichen Landrat Herrn Sternickel am 31. März 1882.» 1884 «Mit Ende März c. wurde der Bürgermeister C. H. Mostert in Folge seines Gesuches von der Stelle des Bürgermeisters von Preuß. Moresnet entbunden und die Verwaltung dieser Gemeinde dem Bürgermeister von Neutral-Moresnet Oscar Bilharz, Ingenieur der Gesellschaft Vieille Montagne kommissarisch übertragen. Nachdem Letzterer Ende September in Folge Verzuges ausgeschieden, wurde mittels Verfügung der Königlichen Regierung vom 18. September c. I. 17030 der Beigeordnete Hubert Schmetz zum Bürgermeister von Preuß. Moresnet vorläufig kommissarisch ernannt und am 2. Oktober c. durch den Herrn Landrat Gülcher eingeführt. Nachdem Carl Witter freiwillig zurückgetreten, wurde mittels Verfügung vom 14. Oktober c. I. 19600 der Kassierer der Gesellschaft Vieille Montagne Heinrich Meeßen zum Zweiten Beigeordneten ernannt und am 24. Oktober eingeführt.» 1886 «Am 13. Dezember 1886 Nachmittags wurde von berittenen belgischen Gendarmen eine Zigeunerbande über die Grenze gesetzt, und
76 schlug dieselbe, 45 Köpfe stark, auf der Aachen-Lütticher Chaussee, Schmalgraf gegenüber, 8 Zelte auf. Gegen 4 Uhr Nachmittags an demselben Tage wurden auf Anordnung des Bürgermeisters die Zelte auf 2 requirierte Fuhren geladen und die ganze Ausgabee unter Begleitung der Polizeibeamten über Weißehaus nach Belgien zurückdirigiert.» 1887 [Neuer stellvertretender Gemeindevorsteher von Preuß. Moresnet: Christoph Hold] 1888 s «Schwere Schicksale und traurige Ereignisse sind in diesem Jahre über die Deutsche Nation gekommen. Der ruhmgekrönte Gründer des wiedererstandenen Reiches, Seine Majestät der Kaiser und König Wilhelm I., segnete am 9. März das Zeitige und Sein erlauchter Nachfolger der edle Dulder, Seine Majestät der Kaiser und König Frie- drich, vollendete schon am 15. Juni Seine irdische Laufbahn in Seinem 57. Lebensjahre.» In beiden Fällen fand 14 Tage lang Trauergeläute statt; die öffentlichen Lustbarkeiten wurden eingestellt und die Dienstbriefe während rund 6 Wochen schwarz gesiegelt. Zweimal stand also die Deutsche Nation in diesem Jahre in tiefem Schwarze an einer Kaisergruft und findet nur Trost im Rückblicke zu Seiner Majestät dem Kaiser und Könige Wilhelm II. dem kräftigen Hohenzollernspross, der in der Blüte voller Männlichkeit das Erbe Seiner Väter übernommen und das Zepter ergriffen hat, welches, so hoffen wir, lange Jahrzehnte hindurch in Seiner Hand ruhen wird. Mögen Schicksalsschläge, wie sie in diesem Jahre Sein Haus und das Deutsche Volk erschütterten, fern bleiben von Ihm und Seinen Angehörigen. Am 16. März und am 18. Juni, den Tagen an welchen die Beisetzung der irdischen Hüllen unserer allgeliebten Landesväter stattfand, waren hier und zu Neutral-Moresnet im Innern des Ortes fast alle Häuser mit Trauerfahnen versehen.» 1890 «Das am 4. April c 1889 zu Neutral-Moresnet geborene und dort wohnende Kind Gertrud Nellissen wurde seit dem 11. September c. Nachmittags vermisst. Alles Suchen nach demselben war erfolglos, bis
TOT der Tagelöhner Heinrich Langohr aus Neutral-Moresnet, welcher mit einem lobenswerten Eifer des Suchens nach dem Kinde nicht müde wurde, dasselbe am 13. September c. Nachmittags im Walde auf belgischem Gebiete auf dem Gesichte liegend, halb erstarrt fand. Das Kind war noch am Leben und befindet sich jetzt wieder wohl und munter.» 1892 «Am 6. April Nachmittags beehrten Seine Exzellenz Herr Oberpräsident Nasse in Begleitung des Herren Oberregierungsrats von Bremer, Herrn Landrat Gülcher und des Königl. Preußischen Kommissars für das neutrale Gebiet Herrn Landrat a. D. Sternickel die hiesige Gemeinde und das neutrale Gebiet mit Ihrem Besuche.» 1894 [Gründung einer Freiwilligen Feuerwehr für Preußisch und Neutral Moresnet, 80 Mitglieder] 1895 «Am 6. Oktober feierte die hiesige Gemeinde die Erinnerungsfeier an die vor 25 Jahren gegen Frankreich errungenen glorreichen Siege. Es beteiligten sich an der Feier die Vereine von Preußisch und Neutral Moresnet (nur 2 hatten sich zurückgezogen), ein imposanter Zug bewegte sich zum Krieger-Denkmale, wo den sämtlichen Veteranen von Preußisch + Neutral Moresnet eine von der Gemeinde gestiftete Denkmünze, sowie eine Ehrengabe überreicht wurden. Hierauf Zug durch den Ort und Abends im Hotel Jünger Theater, Gesang und Musikvorträge. Ausführlicher Bericht befindet sich in Nr. 82 des Korrespondenzblattes de 1895.» 1905 [Trennung von Preuß. Moresnet aus dem Schulverband mit Hergenrath, Planungen] 1906 [Genehmigung der Trennung von Preuß. Moresnet vom Schulverband mit Hergenrath] 1908 [Kleinbahnlinie Osterweg-Altenberg] [Projekt zum Bau eines Gas- und Wasserwerkes]
79 fortwährend hatte die Gemeinde Einquartierung und zudem eine Wachtstube im Gemeindehause (der Sitzungssaal) ein Kompagniebüro im Hanrath’schen Hause und ein Passbüro an der Geulbrücke im Rompen schen Hause, einzurichten und zu unterhalten. Zudem bewilligte der Gemeinderat jedem Landsturmmanne der hiesigen Wache täglich 20 Pfg. Zulage, welche in Fortfall kamen nachdem die Gemeinde dazu überging in der sogenannten Patronage eine Kaserne einzurichten, worin ca. 300 Mann Platz finden.» Schluss Die vielfältigen Verflechtungen der Bürgermeisterei Preußisch- Moresnet mit Neutral-Moresnet und Hergenrath werden im untersuchten Zeitraum auf administrativem, wirtschaftlichem und alltagskulturellem Gebiet deutlich. Dass beispielsweise das Bürgermeisteramt von Preußisch- und Neutral-Moresnet in Personalunion ausgeübt wurde, war eher Regel als Ausnahme. Auch wurde 1894 eine gemeinsame Feuerwehr für den preußischen und neutralen Teil gegründet. Die konjunkturellen Schwankungen, denen die „Vieille Montagne» unterlag, wirkten sich auf die Beschäftigung der Arbeiter aus — unabhängig davon, ob sie Einwohner von Hergenrath, Preußisch- oder Neutral-Moresnet waren. Darüber hinaus fallen bei nationalen Gedenkfeierlichkeiten die Verflechtungen des preußischen und des neutralen Teils ins Auge. Gemeinsam gedachte man zum Beispiel 1867 des Sieges von Königgrätz, 1888 der beiden verstorbenen deutschen Kaiser und 1895 des deutsch- französischen Krieges. Als exemplarisch für die engen Verbindungen kann das Jahr 1876 gelten: Gemeinsame Herausforderungen auf dem Gebiet der Seuchenbekämpfung, Verkehrsplanung, Finanzen und des Militärdienstes führten die drei Bürgermeistereien zu einer notwendigen und schon eingeübten Zusammenarbeit im Alltag.
80 Die Aktie der Preußisch-Belgischen Verbindungsbahn Societe Anonyme du Chemin de Fer Jonction Belge Prussienne de Welkenraedt ä la Frontiere Prussienne par le Bleyberg et la Vieille-Montagne von Henri Beckers
81 Die Rheinische Eisenbahn hatte auch im Aachener Raum ihre Vormachtstellung ausgebaut, auch sehr zum Leidwesen der Stadt Aachen. Deshalb wurde die Verschmelzung der Aachen - Düsseldorfer Eisenbahn mit der Bergisch - Märkischen Eisenbahn 1866 begrüßt. Gleichzeitig mit der Planung und dem Bau einer eigenen Rheinbrücke bei Düsseldorf - Hamm ging die Bergisch -Märkische Eisenbahn daran, sich einen eigenen Zugang nach Belgien und ins Lütticher Industriebecken zu sichern. Ähnliche Pläne existierten seit 1862 auch von belgischer Seite. Schon bald wurde die Konzession für den preußischen Abschnitt der Preußisch - Belgischen Verbindungsbahn erteilt und zwar von Aachen/ Templerbend über Bleyberg (Plombi&res) nach Welkenraedt. Hierzu wurde unter dem Vierländerpunkt der 869 m lange Gemmenicher Tunnel errichtet, von Belgien «Tunnel de Botselaer» bezeichnet. Die 60 m Höhendifferenz von Aachen wurden mit einer langen Steilrampe (25 %) überwunden... Auf belgischer Seite richteten sich die Interessen hauptsächlich auf den Anschluß des Erzbergbaus bei Bleyberg, der seit 1841 industriell betrieben wurde. Die ursprüngliche belgische Konzession wurde denn auch an den Direktor der Bleyberger Gruben, Paquot, erteilt, der sie in die Chemin de Fer de Jonction Belge Prussienne einbrachte. Wegen der übergeordneten Bedeutung als internationale Strecke wurde das belgische Teilstück dann doch vom Staat gebaut und betrieben. Dem Staat fielen denn auch 50 % der Bruttoeinnnahmen zu. Am 7.12.1870 wurde die Strecke Welkenraedt - Bleyberg, am 29.7.1872 die Strecke Bleyberg - Gemmenich — Aachen/ Templerbend fertig, zunächst nur im grenzüberschreitenden Personenverkehr; ab Juli 1873 wurde dann der Güterverkehr aufgenommen. Auch der alte Bergbauort Kelmis (Altenberg) mit seinen Zinkerzen der Vieille Montagne erhielt mit dem Bau der neuen Strecke seinen Gleisanschluss, der am 12.3.1871 in Betrieb genommen wurde. Im Ersten Weltkrieg wurde die Kriegsbahn gebaut, um Soldaten und Material schneller nach Westen transportieren zu können. Hierzu diente auch der Bau des Viaduktes von Moresnet über die Göhl. Bis hinter den Gemmenicher Tunnel wurde von Aachen aus die Trasse der Verbin- dungsbahn genutzt, dann zweigte die neue Linie nach Süden ab. Damit war das Ende dieser Bahnlinie eingeleitet, zumal auch die Montanindustrie auf der belgischen Seite an Bedeutung verlor. Zwischen 1952 und 1956 wurde die Strecke stillgelegt und abgebaut. Kapital 1869: 2.000 000 F in 4000 Aktien zu 500 F. Quelle: Jürgen Baral, Oberforstbach
82 Wat ech esue schrääf Wat esue passiet es en mi Lääve, dova han ech e witscke opjeschräve. Et metste es jo vör te laache, me hej en do och änschte Saake. Schrääf van de Jööl, wue se löppt en höppt, va wue se könnt än wue se dröppt. Wenn se och neet langk es wie de Maas, ver hant an de Jööl och osse Spass. $ Ver bruke jee Water breet än jruet, de Jö8l, se deet et os och esue. Bruke jeng Haie, jenge jruete Vesch, e Jööl-Forellche deet et mech. Schrääf van de Hemmet, van os Lääve, wue se de Moddersprook os jejääve. Da schrääf ech jär va auer Tüt, va Mamm, dat litt now at esue wiit. Schrääf va ming Vrönde, van die Jonge, wie ver övver Steng än Baach jespronge. Ech schwärmde e Jedanke vrue, soch alles werrem, wat ech jedue. * Vöö8r mech wor et de jrötste Loss, wenn hej en do enge laache koss. Kruup ech mörjens noje Bett erut, ouwie, e-ne Gendarm loop ech neet mihe vut. Da schrääf ech dekesch, sooch mech jue än ens bis op e-ne Hejkop jue, do wue stong os Zirkuspäed, Schmetze Jeet, än schrejde «mäh», wue ver soote janz vlott drop, enge Tour, da lore ver op de Vot!
| 83 Mä de Vär, der Enk steet alltiit prett, wenn minge Motor noch jät sätt. Bään decks no oove: Lott mech noch jät hoddele Än onde stellewäks noch jät knoddele! Ech stüer jo jenge, dong jenge Leed, dong jenge Minsch hej onde Spiet. Koom ut mi Hüske bo neet mihe erut, nääm och jenge andere de Platsch hej vut. Ech saar och janz bestemmt Besched, wenn et ens jareneet mihe jeet. Da loot ech alles levver sihe Saar janz langsam stell „Adie», bis Pitres sätt: „Et woet och Tüt, ech han e Hückske vöör dech reserviet. Hau et e-ne andere bo jejääve, Met ding Knösselej, wue bes de blääve? Jakob Langohr
84 «Neu-Amerika» — ein Nachtrag ! von Alfred Bertha Im Grenz-Echo vom 20.6. sowie 25.6.1959 stießen wir auf einen Bericht von der «grünen Grenze» in Hergenrath, in dessen Zentrum das Schicksal der Familie Romans steht, die nur wenige Schritte von der Grenze entfernt ein Ausflugslokal führte. Josef Romans (behindert) und seine Schwester waren von der Lage, wie sie sich nach der Rückgliederung von Bildchen an Deutschland darstellte, hautnah betroffen. Bildchen hatte nämlich von 1949 bis 1958 (28. August) unter belgischer Verwaltung (General Bolle) gestanden. z Neu-America fristet Inseldasein * Aachener Wald - hermetisch abgesperrt - Und es wäre doch so leicht. Ein kleines Einzelschicksal am Rande der grossen Politik. So könnte man die Probleme umreissen, mit denen sich die Bewohner von »Neu-America« herumschlagen, jenem windigen Geländezipfel, der zur Gemeinde Hergenrath gehört und unweit von Bildchen mit einem schmalen Streifen in das deutsche Land hineinstösst. Neu-America ist das belgisch-deutsche Grenzabkommen schlecht bekommen. Seitdem unten an Bildchen General Bolle im vorigen September dem Aachener Regierungspräsidenten offiziell wieder das Gebiet übergab, das einige Jahre lang unter belgischer Militärverwaltung gestanden hatte, sind die «Neu-Amerikaner» praktisch von der übrigen Welt abgeschnitten. Vor sich haben sie die doppelgleisige Eisenbahn- strecke Herbesthal-Aachen als Grenze, und wenige Meter hinter den Häu- sern beginnt am Rand des Aachener Waldes deutsches Gebiet. Und diese Grenzen werden von eifrigen deutschen Zollbeamten bewacht, damit nur ja niemand sich das Recht nehme, über die grüne «Grenze» zu kommen. Gerade das aber taten seit jeher (d. h. bis 1918 ohne Grenzübertritt) mit einem zwar offiziell «verbotenen», aber doch stillschweigend geduldeten Spaziergang durch den Wald die Aachener Ausflügler. Für sie gehörte der Spazierweg durch den Aachener Wald zu den belgisch gewordenen Waldcaf&s bis nach Hauset hinauf zur schönen Tra- ' Siehe «Im Göhltal » Nr. 77, S. 70-74. ? Wir respektieren die Original-Schreibweise des Grenz-Echo-Redakteurs.
86 dition, und die Tatsache, dass man sich ins Ausland begab, erhöhte noch den Reiz dieses Spaziergangs. Den Zwang, offizielle Grenzübergänge zu benutzen, hat es schon immer gegeben. Aber stets haben die Zöllner (ausser in den Jahren des Westwallbaus, als der Wald eifersüchtig gehütete militärische Geheimnisse verbarg) ein Auge oder sogar beide Augen zugedrückt. Sie wussten eben genau, dass diejenigen, die da sonntags oder in den sommerlichen Urlaubswochen auch werktags «ins Ausland» gingen, keine Schmuggler waren. Selbst wenn sie bei der Rückkehr mal «irrtümlich» eins oder ein paar Päckchen belgische Zigaretten in der Tasche trugen oder eine Tafel Schokolade. ; (fs 4.6. | WEEZE CA NE CL CC SIR AN KK LE | | SU N. Yd X X / / KCZEZ fl ‚Arad Na I ah On VA Zi VE / Hin ih. A) ) A f ( YHN I a I ET ESUNTN na | STAA N en IK 7% fin N Ss WC ( - WWs==z A) AR ANNE EN Ns Farz ÄÜÜAUT) N NEE == EM LE) NESBORANON NE Er A Bien VL Se NN VA An VL MÄR FEN SA Ca / X ANNE ZZ ZEN q \ | Das Grünthal 1962 Die Berufsschmuggler haben sich sowieso noch nie an die offiziellen UVebergänge gehalten. Und sie schreckt auch die umgelegte Tanne nicht ab, die vor einigen Tagen von deutschen Zöllnern als »Sperre« über den Weg gelegt wurde, der nach «Neu-America» führt. Wo gibt es überhaupt noch Schmuggler? An der belgisch-deutschen Grenze doch kaum noch. Oder ist das gerade einer der Gründe, weshalb die deutschen Zöllner ihre brachliegende Arbeitskraft jetzt darauf verwenden, harmlose Waldspaziergänger zurückzuschicken und ihnen mit schweren Strafen zu drohen?
87 Weshalb denn überhaupt? Was ist schon der Unterschied, ob sie nun unten in Bildchen offiziell am deutschen Zollhaus vorbeigehen (und in den meisten Fällen nicht einmal ihren Ausweis zu zeigen brauchen!) oder hier oben durch den Wald? Der belgische Zöllner, mit dem wir kurz darauf über den Schlagbaum oben vor Hergenrath hinweg einige Worte tauschten, fand den richtigen Ausdruck: «Es gibt eben Leute, die wollen nicht einsehen, dass die Zeiten sich geändert haben, und dass sich heute im Zeichen des sich einigenden Europa ein Grenzbeamter, der sich als Paragraphenreiter zeigt und danach seinen Beruf ausübt, lächerlich macht.» Was ist es aber anders als Paragraphenreiterei, wenn man Menschen, die seit, undenklichen Zeiten gewohnt waren, ihre Waldwege zu Spaziergängen zu benutzen, nun plötzlich diese Spaziergänge verbietet, nur weil zufällig eine Grenze durch den Wald läuft, die heute doch kaum noch etwas anderes als ein Strich auf der Landkarte ist? »Oben« werden schöne Worte von der Annäherung der Völker geschwungen. Was nutzen sie, wenn ganz unten ein kleiner Beamter, der zufällig etwas «zu sagen» hat, seinen Untergebenen einschärft: «Bewacht mir nur ja gut den Waldpfad vom Osterweg nach Neu-America. damit keiner da rüber kommt. Das wäre gegen die Vorschrift!» Und wegen dieser Vorschrift liegt oben über Bildchen, auf belgischem Grund, aber ringsum von deutschem Gebiet umgeben, ein Ausflugslokal mit der herrlichsten Aussicht, die man sich denken kann, und wartet vergebens auf seine Aachener Stammkundschaft. Die möchte zwar gern kommen. Aber da ist ja die Vorschrift, und nun sitzt vermutlich im Aachener Hauptzollamt ein Beamter mit einigen Streifen am Aermel oder einem Stern auf dem Rockspiegel, der sich ausgerechnet diese Vorschrift zum bevorzugten Steckenpferd erkoren hat. Einer, dem in vielen Dienstjahren die Gesichtsmuskeln so steif geworden sind, dass ihm das «Auge-Zudrücken» nicht mehr gelingt, und dem damit eine Fähigkeit verloren ging, die wie keine andere geeignet ist, das Zusammenleben - auch über die Grenze hinweg - zu erleichtern. Zum Glück gibt es, auch jenseits unserer Grenzpfähle, nicht mehr viele von der Sorte. Doch leider haben die «Neu-Amerikaner» scheinbar das Pech, dass ihnen ein solcher gegenübersitzt. Doppelt traurig ist die Lage hier dadurch, dass der Besitzer des genannten Ausfluglokals krank und arbeitsunfähig ist und die Einkünfte aus dem Lokal ihm zum Lebens- unterhalt dienen müssen.
88 «Dabei habe ich mich gefreut, als ich hörte, dass Bildchen wieder deutsch würde, weil ich glaubte, dann würde die wirtschaftliche Lage für uns hier oben besser, weil die Aachener Gäste dann wieder unbehindert kommen könnten», gesteht die Tante, die ihm den Haushalt führt und den Betrieb aufrechterhält. «In den ersten Wochen ging es auch ganz gut. Aber dann wurden die Beamten langsam strenger, und jetzt lässt man niemand mehr durch. Selbst wir können nicht mehr durch den Wald zur nahen Kirche Maria im Tann gehen», erzählt sie noch. Nach einem letzten begeisterten Rundblick über das schöne Wald- und Wiesental, der sich von hier oben bietet, haben wir über den einzigen steilen und geröllreichen Zugang «Neu-America» verlassen, sind von der belgischen Enklave über den deutschen Schienenstrang ins deutsche Gebiet hineingefahren, um wenige hundert Meter weiter «offiziell» den belgischen Schlagbaum unweit Hergenrath zu passieren. Hoffen wir mit den Bewohnern Neu-Americas, dass sich bald eine vernünftige Lösung für ihre Nöte findet. Sie kann nur - und das haben die offiziellen belgischen Stellen auf die verschiedenen Eingaben geantwortet - von deutscher Seite kommen. Denn von belgischer Seite her legt man diesem «kleinen Grenzverkehr» nichts in den Weg. Vielleicht liest diese Zeilen der «zuständige» Beamte, der genug gesunde Lebenserfahrung besitzt, die nötig ist, um hinter den Paragraphen das Leben mit seinen Schwierigkeiten zu sehen. Der streng ist, wo es nicht anders geht, und ein Auge zudrücken kann, wo die Strenge überflüssig ist! ook Der vorstehende Bericht des Grenz-Echo-Redakteurs Heinrich Tous- saint vom 20.6.1959 fand ein Echo bei der «Aachener Volkszeitung», die den Grenz-Echo-Artikel abdruckte und ihn dem Hauptzollamt vorlegte, das aber, wie der Grenz-Echo-Redakteur in einem zweiten Beitrag vom 25.6.1959 urteilte, «in seiner Antwort leider am Kern des Anliegens vorbeigeht». Besagte Antwort hatte folgenden Wortlaut: «Das Hauptzollamt stimmt mit dem Artikel darin überein, dass Schwierigkeiten auf Grund einer gesunden Lebenserfahrung beseitigt werden müssen. Dies liegt auch im Sinne des Deutsch-Belgischen Ausgleichsvertrages, nach dem im beiderseitigen Einvernehmen Schwierigkeiten an der Grenze zu beheben sind.
89 Zur Vermeidung der in dem Artikel beklagten Hindernisse sind für die Anwohner auf beiden Seiten der Grenze besondere Ausweise eingeführt worden, die diese Personen berechtigen, ohne das Zollamt Bildchen zu passieren, die Grenze in beiden Richtungen zu überschreiten. Die Ausstellung dieser Ausweise erfolgt deutscherseits durch das Passkontrollamt in Aachen, auf belgischer Seite durch die belgischen Grenzbehörden. Der Beschwerdeführer ist vielleicht über diese Art Ausweise nicht oder unrichtig unterrichtet. Es empfiehlt sich deswegen für alle, die ein berechtigtes Interesse an der Ausstellung solcher Ausweise vorbringen können, sich bei den vorgenannten Dienststellen um deren Ausstellung zu bemühen. Alsdann dürften Beschwerden der vorliegenden Art behoben sein.» ok «War also unser Artikel ein Schlag ins Wasser?» fragt die Zeitung. Er glaube nicht, so der Journalist. Zunächst habe er die öffentliche Meinung auf den Plan gerufen. Es habe zahlreiche Kommentare zu diesem Thema gegeben. Der Artikel habe ferner ein Echo auf der anderen Seite der Grenze gefunden, wo man genau so denke wie hier. Und schließlich seien die «zuständigen Stellen» durch den Zeitungsbericht zu einer Stellungnahme gezwungen worden, in der zumindest die Lösung von Schwierigkeiten auf Grund einer gesunden Lebenserfahrung bejaht werde. Das sei schon viel. Man habe nicht erwarten können, so der Journalist, dass nun gleich ein Räumkommando anrücken und das «Tannverhau» gegenüber «Neu- Amerika» forträumen würde. «Aber wir hoffen doch», so schlussfolgert der Eupener Bericht, «dass die zuständigen Aachener Stellen über die Ausgabe von Sonderausweisen hinaus (die ja nur für die Bewohner des engsten Grenzgebiets gegeben werden und in keinem Zusammenhang mit unserer Anregung zur Freigabe der Grenzpfade stehen) dafür Sorge tragen mögen, dass man jenen Spaziergängern, die kein «berechtigtes Interesse an Sonderausweisen» nachweisen können, keinen Stein (bzw. keine Tannenbäumchen!) mehr in den Weg legt. Das wäre ein Sieg des europäischen Gedankens. Zwar nur auf allertiefster Ebene. Aber müssen nicht gerade die Kleinen anfangen, damit die Grossen gezwungen werden zu folgen!»
90 Wat wür et Jöhltal? von + Peter Zimmer Wat wür et Jöhltal, sing schön jrön Flure ret erut jesaat, sonder de Bure, die weder Werk noch Möhte schöje dat alles jrönt en jot deet blöje? Wat wür et Jöhltal sonder Burehoff, dä vör Nahrong sörcht en och Döngerstoff vür Minsche, Jront, jeder Struch en Plant, . produziet, jestreut, va Burehand! Wat wür et Jöhltal sonder Honder, Köj de Haare, Obstbööm met hön bonte Blöj, wu de Vöjel senge en Nester bowe sech benne vermiehre, jeschötzt och rowe! ' Watt wür et Jöhltal sonder Deer en Küke, ohne Jras wie Teppech, Blome, die rüke, sonder Piepele, Hummle, Wespe, Beje, die danze, fleeje op fruchtbar Weje! Wat wür et Jöhltal, Hövvele, Böjsche, Schlont, wenn de Weje kaal, verweldert der Jront, et Viej verhöngert jrut en kleng, je Minsch miej Burewerk hüj döng! Dröm denkt, döt nie ut ür Secht verleere, datt Bure werke, wenn vär spazeere. Äxtemiet? en schätzt der Burestand, denn däm bruk vär en oss Hemetland! ' Sich darin vermehren, geschützt auch ruhen ? äxtemiet aus dem Französischen « estimer » = schätzen, achten.
91 Jahresrückblick 2006 von Herbert Lennertz Den Jahresauftakt bildete wie üblich die Generalversammlung, zu der sich am 22. Januar recht viele Mitglieder im Kulturheim in Hergenrath eingefunden hatten. Der Präsident konnte - wie auch in früheren Jahren - eine sehr posi- tive Bilanz vorlegen und erfreut feststellen, dass die meisten angebotenen Veranstaltungen auf reges Interesse gestoßen waren. Herr Jean Frins (Bocholtz) rundete die Generalversammlung ab mit einem Expose über den Satzbau in der Kelmiser Regionalsprache, wobei unter „Regionalsprache» nicht der heimische Dialekt, sondern das unter diesem „Plattdeutschen» verfärbte Hochdeutsch zu verstehen ist. (Wir verweisen auf die Nr. 78 unserer Zeitschrift, S. 80 — 99). Die umfangreichen Sanierungsarbeiten des Moresneter Eisenbahnviadukts wurden von zahlreichen Filmamateuren für die Zukunft festgehalten. Unter ihnen auch Herr Steins, der am 22.11.2005 den ersten Teil seiner Aufnahmen vorstellen konnte. Die Fülle des Materials konnte damals nicht im Rahmen eines einzigen Vortragsabends gezeigt werden, und verlangte nach einer Fortsetzung, die Herr Steins am 22.3.2006 im Kulturheim Hergenrath zeigte. Zu einem großen Erfolg wurde die am 8.4.2006 unter der Leitung von Gaby Regulla durchgeführte Fahrt nach Luxemburg mit fachkundiger Führung vor Ort. Die luxemburgische Hauptstadt an der Alzette hat eine überschaubare Dimension behalten und viel zur Aufwertung ihres reichen touristischen Potentials getan. Die Befestigungsanlagen mit den Kasematten wurden 1999 von der UNESCO auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt. ; Luxemburg teilte über Jahrhunderte die Geschichte seiner «belgischen» Nachbarn. Man war burgundisch, österreichisch, spanisch, französisch, holländisch... Alle Herrscherhäuser und Epochen hinterließen beeindruckende Baudenkmäler, die das Bild der Stadt prägen. Eine Fahrt über den Kirchberg erlaubte es den Teilnehmern, eine Vorstellung von diesem „europäischen» Viertel zu bekommen.
92 ZU N WS AS “ A REN I BE Ss N EZ A SUN “ 5 HE N e ds Sa \ ff ® AS ı 8 N | a 1 6 241 8 | di A * Wem Der Stolz des Luxemburgers: Seine Identität: «Mir wölle bleiwe wat mir sin» (Erkerinschrift) 4 IE $ N is N Montzen. Blickfang am großem Gemeindeplatz ist die 1780-81 von Moretti erbaute St. Stephanus-Pfarrkirche.
93 Am 21. Mai 2006 führte uns Herr Hubert Ernst (Montzen) durch diesen Ort und zeigte uns die bei einer schnellen Ortsdurchfahrt verborgen bleibenden Schönheiten: Das Innere der Moretti-Pfarrkirche, den beeindruckenden Dorfplatz, die schönen Bürger- und Bauernhäuser usw. Kurz: Montzen einmal anders! Es war für alle Teilnehmer ein besonderes Erlebnis. Ins böhmische Bäderdreieck führte die diesjährige Kulturfahrt vom 25. Mai bis 1. Juni 2006. Unter der Leitung von Helene Bings steuerten die Göhltaler zunächst Karlsbad a.d.Tepla an, von wo aus das böhmische Bäderdreieck mit den Bäderstädten und Kurorten Marienbad und Franzensbad sowie den historischen Städten Eger (Marktplatz), Pilsen (Brauerei) und Loket (Burg) angefahren wurde. Ein zweiter Besichtigungsschwerpunkt lag in Südböhmen, wo vor allem Krumau, das «Juwel an der Moldau», genannt werden muss. Besichtigungen in Vissy Brod (Zisterzienserkloster), Kratochville (Schloss und Museum), Königswarth (Metternich-Schloss) und Holasovice (Bauernbarock-Siedlung) schlossen sich an. Die Rückfahrt wurde durch eine Übernachtung in Bamberg unterbrochen, wo man nach einer abendlichen Stadtführung den Tag beim heimischen Rauchbier ausklingen ließ. Unter dem Einfluss von Päpsten, Kaisern und Bischöfen entwickelte sich die Stadt an der Regnitz zu einem «Kleinod deutschen Städtebaus», das bis heute sein althergebrachtes Gepräge bewahren konnte. Bamberg erhielt 1993 auf Beschluss der UNESCO den Titel «Erbe der Weltkultur». Eine Rast in Coburg erlaubte es der Gruppe am nächsten Tage noch, bei einer Stadtführung die Wiege des belgischen Königshauses etwas näher in Augenschein zu nehmen. Die Coburger Heiratspolitik brachte König Leopold I. den Spitznamen «Onkel Europas» ein. Seine Neffen Ferdinand und Albert heirateten die Regentinnen von Portugal und Großbritannien. Die Nichte, Königin Victoria von England, holte stets den Rat Leopolds ein. Seine Tochter Charlotte wurde Kaiserin von Mexiko... Coburg war im 19. Jahrhundert ein Treffpunkt des internationalen Hochadels.
94 A A & i ® ES m A: 4 {as } 3 Ta Ds 0 Um | } } 7% |" 1 M 7 || 7 aa | | \ 04.8 380 Sl An | || 1 j 6 a | hd [EM z09. ; 7 X = ge an KM Wh X gas A x. De DEN ‚a AR EI N a Die Bäderarchitektur des 19. Jahrhunderts (hier in Karlsbad) wird sorgfältig unterhalten. ; Tun 4 a = 7 w 0 zZ SI N Et DOnBT 5 | |} Hi LEDER Fi u4 KR | 7 {4 En. Sa an - 10 $ Ha | SA Ar FR |. i8 | Se ml A RL” {| Eger. Der Marktplatz von Eger (Cheb) ist reich an historischen Bauten.
99 N 8 ® ; Fritz Steinbeck (links) war Kassierer Peter Claes (Brüssel/Kelmis, links) der Göhltalvereinigung von 1966 bis und Firmin Pauquet sind unseren 1996. Lesern durch ihre vielen Beiträge in unserer Zeitschrift bekannt. Regionalgeschichte und ihre Leistungen In ihrer Festansprache ging die Ministerin auf die Rolle der Geschichtsschreibung im Allgemeinen und der Regional- geschichtschreibung im Besonderen ein. Wir zitieren: 40 Jahre Göhltalvereinigung. Es begann als Idee! Oder als Einsicht! Die Einsicht, dass das Göhltal nicht nur landschaftlich etwas Besonderes ist, dass die Göhl sich nicht an Sprachengrenzen aufhält, die Einsicht, dass Kelmis ein besonderes Pflaster ist. Es ist nicht auszuschließen, dass auch andere Menschen irgendwann zu dieser Einsicht gelangt wären, doch Ehre, wem Ehre gebührt. Wenn ich an dieser Stelle Dr. Leo Wintgens und Alfred Bertha namentlich zitiere, wird wohl keiner der Anwesenden einen Einwand haben. Dass diese Idee von Anfang an alle Pastöre und alle betroffenen Bürgermeister begeisterte, war wohl kein Zufall. In einer Atmosphäre des politischen Aufbruchs kam langsam auch eine neue Generation von Historikern an die Oberfläche. Und in deren Windschatten erhielt auch die Regionalgeschichte, die Heimatgeschichte, neuen Auftrieb. Der Wunsch, seine eigenen Wurzeln und die Entwicklung seiner eigenen Region kennen zu lernen, breitete sich aus.
100 rw ES A . Fe 5 3 = A BF ; 4 A - 6 1 Ar A Ph MM A A WE 5 CB EEE & { LEARN a EN \ = 8A Wen S A Da En RA ee \ L_ Fa _. V.1.n. r.: Willy Havenith Alfred Janssen, Moresnet-Kapelle, (Kulturschöffe), Herbert Lennertz bereicherte unser «Göhltal» durch (Präsident seit 1982) und Firmin viele lesenswerte Beiträge (Aufn. Pauquet 20.6.1995) N A SED ;5 A BE 4 VE ; S Sn ä A ERS A un HF. ' AM A Kulturministerin Isabelle Weykmans bei ihrer Festansprache Regionalgeschichte ist ein dehnbarer Begriff, aber ich bin der Überzeugung, wir wissen alle, was gemeint ist, wenn wir im Zusammenhang mit der Göhltalvereinigung von Regionalgeschichte reden.
101 Man sagt von der Regionalgeschichte, sie sei in besonderem Maße dazu geeignet, jene Leistungen zu erbringen, die man von der Geschichtswissenschaft im Allgemeinen erwarten kann. Allerdings ist sie emotional leicht zu instrumentalisieren. In Folge dessen ist sie in besonderem Maße der Gefahr und zuweilen auch der bewussten Erwartung ausgesetzt, einen Beitrag zur politischen Identitätsbildung erbringen zu sollen. Wissenschaftliche Kriterien werden dabei manchmal gänzlich in den Hintergrund gedrängt. Gegenstand der Regionalgeschichtsforschung sind meist kleine, überschaubare Räume. Kennzeichnend für diese Räume ist, dass sich die Menschen in ihnen durch politische, ökonomische und auch kulturelle Gemeinsamkeiten zusammenfinden und sich zugleich gegen andere abzugrenzen versuchen. Das Bewusstsein, etwas spezifisch Gemeinsames zu besitzen, ist stark ausgeprägt. Bei der Regionalgeschichte geht es um Bekanntes, Vertrautes, vielleicht sogar Geliebtes. Allein das kann zu einem besonderen Interesse an der Vergangenheit führen, eben weil sie auch die eigene ist. Bekanntes erhält unter der Lupe der historischen Betrachtung oftmals eine neue Dimension. Nirgendwo ist also die Chance so groß wie in der Region, dass Geschichte zur aktiven Aneignung einlädt. Denn hier können auch solche Menschen von der Geschichte erreicht werden, die sonst niemals - und schon gar nicht von einer über Wissenschaft vermittelten Geschichte - erreicht würden. Allein deswegen schon muss sich eine Wissenschaft, die Menschen ansprechen will, dieses Potenzials der Geschichte in der Region in besonderem Maße annehmen. Welche Fallen lauern? Zuerst einmal besteht die Gefahr, dass von den — häufig abschätzig «Barfußhistoriker» genannten — regionalen Forschern wissenschaftliche Kriterien verletzt werden könnten. Region ist da, wo man sich wohl fühlt, wo man zu Hause, wo man beheimatet ist. Das war die Definition. Nichts aber ist — um es provokativ zu sagen — so gefährlich für historische Erkenntnis, wie eine Mischung aus diesen positiven emotionalen Zutaten, vermischt mit emotionalen Höhenflügen. Eine hochemotionale Beziehung zur Heimat verengt den Blick und kann dann zu falschen Folgerungen führen, wenn man nicht weiß und nicht gelernt hat, wie man dem entgegen steuern kann und muss, will man wissenschaftlich seriös bleiben. Jenseits der jeweiligen lokalen Sicht muss Regionales im Allgemeinen verglichen und jeweils zum größeren Ganzen in Beziehung gesetzt
102 werden. Ohne diese Vergleichsperspektive gibt es keine sinnvolle historische und damit auch keine regionalhistorische Erkenntnis. Was ergibt sich nun aus alle dem? Was sind die Chancen? Wo liegen die Risiken? Zum einen lauert die Gefahr der Emotionalisierung der Forschungsergebnisse und damit der Aufgabe wissenschaftlicher Mindeststandards. Zum anderen aber — und dies wollte ich mit meinen kritischen Bemerkungen keineswegs klein reden, sondern betone es ausdrücklich noch einmal — kann Regionalgeschichte einen großen Kreis von interessierten Laien besser und nachhaltiger ansprechen als viele andere historische Teildisziplinen. Vorausgesetzt, sie erfüllt die Grund- anforderungen historischen Arbeitens und vorausgesetzt sie will der Gesellschaft dienen. In diesem Falle kann sie auch oder gerade für die etablierte: Geschichtswissenschaft ein großes und durchaus auch innovatives Potenzial bereithalten. Und genau an diesem Punkt möchte ich ansetzen, um Ihnen, liebe Mitglieder der Göhltalvereinigung, und vor allem Ihnen, liebe Initiatoren, liebe Gründer, ein herzliches Dankeschön und ein dickes Lob auszusprechen. Sie haben es geschafft und schaffen es immer wieder, volkstümlichen und wissenschaftlichen Charakter zu verbinden. Ich kann Ihnen nur wünschen, dass Sie dank dieser Koalition auch in Zukunft immer wieder junge Menschen erreichen und die Göhltalvereinigung am Leben erhalten. Lassen Sie mich schließen mit einem Zitat des deutschen Theologen Hans von Keler: Geschichte ist nicht nur Geschehenes, sondern Geschichtetes - also der Boden, auf dem wir stehen und bauen. Diese Worte fanden bei den Zuhörern Zustimmung und lebhaften Beifall. Nicht nur für ältere Damen und Herren... Bürgermeister Mathieu Grosch, der anschließend das Wort ergriff, sah die Beschäftigung mit der Heimatgeschichte als ein Arbeitsfeld, das jung halte und nicht nur für ältere Damen und Herren attraktiv sei. Er habe mehrfach feststellen können, dass auch junge Menschen sich für Heimatgeschichte interessieren (Beispiel «Neutralia»). Er habe auch gelernt, dass Heimat etwas sei, das es zu erhalten gelte. Die
?} 103 Me N “MM | Äsg Bürgermeister Mathieu Grosch überbrachte die Glückwünsche der Gemeinde. Göhltalvereinigung sei jetzt mit 40 „in den reifen Jahren», habe aber nichts von ihrem jugendlichen Schwung verloren und ohne Zweifel noch eine vielversprechende Zukunft vor sich. Das wiedergefundene Gedächtnis Für den Festvortrag hatte unsere Vereinigung Herrn Werner Miessen (Eupen) gewinnen können, der seit Jahren die Bibliographie mit Schwerpunkt «Ostbelgien» aufmerksam und akribisch beobachtet. Dem Geschehen angepasst untersuchte er in seinem Vortrag die Phasen und Aspekte der Geschichtsschreibung im Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft seit 1945. «Ich werde versuchen», so der Redner, «Ihnen eine Übersicht dessen zu geben, was in den vergangenen 60 Jahren in unserer Gegend zur Geschichte dieser Gegend veröffentlicht wurde, Ihnen zu sagen, wer die wichtigsten Akteure dieser Geschichtsarbeit waren, Ihnen darzustellen, welche Themen — und warum — zu welcher Zeit unsere Historiker beschäftigt haben.» Die Zahlen zeigen, dass sich in den vergangenen 60 Jahren etwa 6.200 Beiträge und 300 Einzelpublikationen ostbelgischer Autoren mit der Vergangenheit unserer Gegend beschäftigt haben; die diesbezüglichen Artikel in der Tagespresse bleiben dabei unberücksichtigt.
104 3 Festredner Werner Miessen: «Mit der Sprache fand der Ostbelgier auch sein Gedächtnis wieder.» Der Redner unterschied in der untersuchten Zeitspanne drei deutlich von einander abgehobene Phasen. Für die Jahre von 1945 bis 1965 erkannte er nur 5 nennenswerte Veröffentlichungen aus ostbelgischer Feder: -die Ostbelgische Chronik von Dr. Bernard Willems -die Zeitschrift des ersten Eupener Geschichtsvereins -die Mutterpfarre und Hochbank Walhorn und die Geschichtlichen Plaudereien über das Eupener Land von Pfarrer Viktor Gielen sowie -die 1960 erschienene Abhandlung über Neutral-Moresnet von Firmin Pauquet. Den Grund dafür, dass die Liste historischer Titel so dürftig ausfällt, sieht der Redner in der besonderen Lage des Gebiets in den Nachkriegsjahren. «Denn», so seine Worte, «dem Leben im Kriege und unter der nationalsozialistischen Diktatur , die freiem Denken, Forschen und Schreiben nicht gerade förderlich war, folgten Repression und Bevormundung durch den Siegerstaat sowie — gewiss ein Umstand, der geistigem Schaffen sehr abträglich war - die Zurückstellung der Muttersprache infolge der staatlich betriebenen Sprachenpolitik. Es herrschten damals. . allgemein politische Verängstigung und kulturelle Lethargie.
105 Kein Wunder also, dass in einer Bevölkerung, in der man bis auf weiteres vor jeglichem Engagement zurückschreckte, sich kaum jemand fand, sich öffentlich zu äußern. Und sei es nur zu solch unverfänglichen Themen wie der Dorgfgeschichte oder dem Ursprung seines Familiennamens. Die Wunden aus der Nachkriegszeit heilten nur langsam und es bedurfte beinahe einer Generation, bis der Ostbelgier sich langsam emanzipiert und wieder den «aufrechten Gang» gelernt hatte. Hinzu kam, dass 1963 durch die Sprachengesetzgebung ein Prozess eingeleitet wurde, der die kulturelle Eigenart des Gebiets anerkannte und — mit der Einsetzung des Rates der deutschen Kulturgemeinschaft 1973 — den Menschen hierzulande mehr Selbstvertrauen bescherte. Mit der Sprache, so könnte man sagen, fand der Ostbelgier auch sein Gedächtnis wieder.» Damit sind wir bei der zweiten Phase der ostbelgischen Geschichtsschreibung, die die Jahre von etwa 1965 bis 1990 umfasst. Als wichtige Protagonisten in dieser Entwicklung sieht Werner Miessen «die drei Geschichtsvereine, die allesamt um 1965 gegründet wurden und deren Zeitschriften, Jahrbücher und Schriftenreihen seitdem bei der historischen Darstellung unserer Gegend einen beachtlichen Part bilden».... % ci - w N N; LE A 4 - = - 33) * a 3 a al x _- al | a KT 1 /)u) 6 DAR A I XL | 8 Blick auf die Festgesellschaft im Hergenrather Kulturheim
106 Bei genauerer Betrachtung der umfangreichen geschichtlichen Produktion dieser Jahre kommt der Redner allerdings zu einer aufschlussreichen Erkenntnis: Es wurde fast nie über das Ende des Ersten Weltkrieges hinausgegangen. Thema war «die gute alte Zeit», und wenn schon von den 20er und 30er Jahren die Rede war, «so kam höchstens Militärisches oder Anekdotisches zur Sprache». Warum das so war bzw. zum Teil noch so ist, darauf versuchen in den letzten Jahren, in der dritten Phase der ostbelgischen Geschichts- schreibung, einige unserer jüngeren Historiker eine Antwort zu geben. Nun erscheinen zum ersten Male in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Artikel und Monografien, die sich der bis dahin gemiedenen Themen konsequent annehmen.» s Als bahnbrechend sieht der Redner dabei die Veröffentlichungen der Volkshochschule der Ostkantone im Anschluss an ein stark besuchtes Kolloquium (in Büllingen 1990) zum 10. Mai 1940 an. Auch die damals zeitgleich erschienene Dokumentationsmappe zu der umstrittenen Ausstellung «Die verdrängten Jahre» (St. Vith und Eupen) hatte bahnbrechenden Charakter, wurden doch hier Themen wie die Volksbefragung 1920, die Baltia-Zeit, die politische Frontenbildung in den Dreißigerjahren, das Verhalten der Bevölkerung in der Nazizeit sowie Kollaboration und Widerstand enttabuisiert. Titel wie «Spuren in die Zukunft», «Die 30er Jahre in Eupen- Malmedy», «Die Säuberung», «Hinter ostbelgischen Kulissen» und «Mut zur eigenen Geschichte» stehen für die sich nun manifestierende neue Sicht auf die Geschichte Ostbelgiens. Dabei wollte der Redner jedoch die Verdienste von Historikern wie Klaus Pabst, Heinz Doepgen und Martin Schärer nicht verschweigen, die zu den bis dahin in der Deutschsprachigen Gemeinschaft nicht angepackten heißen Themen der Zeit von 1920 bis 1945 grundlegende Vorarbeit geleistet haben und deren Publikationen bis heute als Standardwerke gelten. Auch der BRF fand lobende Erwähnung. Schon 1970, aus Anlass der 50jährigen Zugehörigkeit zu Belgien, brachte unser Rundfunk unter der Federführung von Hubert Jenniges und Peter Thomas eine fünfteilige Sendereihe zum politischen Geschehen in den Ostkantonen seit 1920. Eine Sendung, die, wie Werner Miessen sich zu erinnern weiß, «nicht überall auf freudige Zustimmung» stieß!
107 EN U k E E PA OL ee Ca | A Y nd Y 3 % | Cäns > ) 2 pP V. 1. n. r.: Heinz Godesar (Präsident des Eupener Geschichts- und Museumsvereins), Hubert Jenniges (Ehrenpräsident des Geschichtsvereins Zwischen Venn und Schneifel), Frau Miessen, Klaus-Dieter Klauser (Präsident v. ZVS) und Festredner Werner Miessen Auf die Arbeiten der Historiker Freddy Cremer, Andreas Fickers und Carlo Lejeune eingehend, sah der Redner das Neue weniger in den (schon bekannten) Fakten, als in der Tatsache, dass nun «diese Fakten und vor allem die Art und Weise, wie mit diesen Fakten im Nachhinein von der Öffentlichkeit und der Geschichtsschreibung umgegangen wurde, kritisch hinterfragt und — manchmal leicht provokativ — zur Diskussion gestellt werden». Diese «äußerst interessante und spannende Sache» illustrierte er in einer Reihe von Fragestellungen, z. B.: Warum tut sich der Ostbelgier so schwer bei der Aufarbeitung seiner jüngeren Vergangenheit? Welche Mechanismen sind im Spiele, wenn Ereignisse gewollt vergessen oder ungewollt verdrängt werden? Wie ist es zu erklären, dass die Menschen hier sich nicht als eigenverantwortliche Akteure, sondern als bemitleidenswerte Opfer der Geschichte darstellen? Oder, oder, oder...
108 Der Redner hob noch einen anderen Aspekt der ostbelgischen Geschichtsschreibung hervor. Er sieht die Beschäftigung mit der Vergangenheit der Deutschsprachigen Gemeinschaft in den letzten Jahren «nicht nur vielseitiger und kritischer, sondern auch lebhafter und attraktiver» geworden. «Fand diese Arbeit früher ihren Ausdruck in Publikationen in Büchern und Zeitschriften, so kommen heute neue Formen hinzu: Biblio-Kassetten, Internet-Rundbrief oder GrenzGeschichteDG (Volkshochschule), Geschichtstafeln (St. Vith), Kulturroute (Büllingen), Beschilderung historischer Bauten (Eupen), «Neutralia-Fest» (Kelmis) oder das jüngst erschienene BRF-Geschichtsbuch mit Bild- und Tondokumenten auf DVD...» Hinzu komme das begrüßenswerte Bemühen, weitere Kreise in die Geschichtsarbeit einzubeziehen und für die Vergangenheit zu begeistern. Aus «der nüchternen Sicht des Bibliografen» brachte der Redner abschließend ein paar Zahlen, die den Anteil des Jubelvereins am Gesamtwerk darstellen sollen. Ca. 1040 Beiträge zur Geschichte des Göhltales sind seit 1967 in der Zeitschrift unserer Vereinigung erschienen, 64 davon behandeln Neutral- Moresnet, das insgesamt (auch unter «Kelmis») mit mehr als 250 Titeln seit 1945 vertreten ist. Diese «Bibliographia Calaminiensis» - verbunden mit den besten Wünschen für die Zukunft - überreichte der Redner abschließend zu seinem mit viel Beifall bedachten Vortrag dem Präsidenten der «Göhltalvereinigung» . Mit seinem Referat hat Werner Miessen selber einen wertvollen Beitrag zur Geschichtsschreibung im deutschsprachigen Landesteil geliefert, wofür ihm unser herzlicher Dank gebührt. Neben den angebotenen Veranstaltungen konnten wir auch 2006 zwei Zeitschriften «Im Göhltal» publizieren, die mit jeweils 108 Seiten abwechslungsreichen Lesestoff boten.