I S Shltal Landschaft im Grenzraum Nordostbelgiens FE SEES ELn Es BD } A | =—_ ES EEE FREE De } \ e Se Ze N REM AS A ANTENNEN N Mn Va as NS: Ze 8.0.0 MEET N ZA TA mn AM 8 HE Aut we Ya nern 9 BE |)... Se VI TE | De N SO ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr. 75 — August 2004
Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr. 75 August 2004 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04. Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Kassierer: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Postscheckkonto Nr. 000-0191053-60. Fortis Bank: 248-0068875-35 Konto NL: AMRO-BANK: 46.37.00.090 Vaals/L Konto BRD: Aachener Bank: 821 363 012 (BLZ 390 601 80) Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten Entwurf des Titelblattes: (+) Alfred Jansen, Moresnet-Kapelle. Druck.: Aldenhoff, Gemmenich - 087-78 61 13.
3 Inhaltsverzeichnis Alfred Jansen (+) Zum Umschlagbild: 5 Moresnet-Kapelle Das Schloss Liberme in Kettenis Walter Meven Zwei streitbare Pfarrer aus Eynatten 10 Aachen Erwin Bruch Die Familie Gatzweiler in Eynatten 14 Neu-Moresnet Hauset und Raeren Jacob Langohr Der aue Jruespap 22 Bildchen Alfred Bertha Eine umstrittene Persönlichkeit: 23 Hergenrath Der Walhorner Notar und Rechtsanwalt Johann Stephan Priem Joseph Langohr Le „Viaduc de Moresnet“ 33 Gemmenich sur la ligne 24 Alfred Bertha Die Eröffnung der Eisenbahnstrecke 31 Hergenrath Köln-Antwerpen aus der Sicht eines... Taschendiebes M.-Th. Weinert September 60 Aachen-Forst Leonard Kirschvink Die Roetze, 61 Bollendorf Raerens verschwundene Höhenburg Caroline Leterme Jugendarchäologie in Hergenrath 64 Kelmis Alfred Bertha Hans Kaldenbach - 71 Hergenrath Ein Kelmiser setzte Akzente als Garten- und Landschaftsarchitekt Iwan Jungbluth Kirmes in Kelmis: 78 Kelmis Entstehung und Entwicklung Erwin Bruch Die Einführung des metrischen Systems 95 Neu-Moresnet durch die Franzosen Alfred Bertha Ein Museum, ein Auftrag 101 Hergenrath
5 Zum Umschlagbild: Das Schloss Liberme in Kettenis“ von (t) Alfred Jansen Sieht man davon ab, dass beim Errichten einer befestigten Anlage derselben eine solide Bausubstanz zu Grunde liegen muss, so steht das Fachwerk, das die obere Etage von Liberme aufweist, eher im Widerspruch zu diesem Grundsatz. Dass die ursprüngliche Burg sich im Aussehen den beiden noch vorhandenen Türmen anglich, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Mit dem schon erwähnten Fachwerk und dem Mansardendach wirkt das von einem breiten Wassergraben umgebene Bauwerk wie ein idyllisches Schlösschen, das zugleich seiner jetzigen Funktion (Wohnhaus und Kulturstätte) einen entsprechenden Rahmen verleiht. Was die beiden Türme betrifft, so weist alles darauf hin, dass dieselben sich in früherer Zeit ebenfalls in einem Wassergraben gespiegelt haben; sie bekamen dann einen festeren Halt durch Erdanhäufung, da durch den Einsatz der Artillerie Wassergräben sowieso nur noch bedingt Schutz bieten konnten... Liberme war ein von Kettenis getrenntes Lehen und unterstand dem Kapitel der Aachener Marienkirche. Als solches wird es erstmals 1334 genannt. 1346 war die Burg im Besitz des Arnold von Liberme. Der Name dieses Geschlechtes ist dem Haus bis zum Aussterben der männlichen Linie anderthalb Jahrhunderte lang erhalten geblieben. 1366 erwähnt man Rosa, die Witwe des Gilles von Liberme€, sowie den Sohn Thomas und Ziche von Liberme. 1407 besitzt Schin von Hagen vorübergehend ein Drittel von Liberme und 1439 ist das Anwesen Eigentum des Wilhelm von Liberme, Kanoniker von St. Lambert und Dompropst des Kapitels von St. Johannes in Lüttich. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts ist ein Carsilis von Eupen Eigentümer der Herrschaft Liberme, vermacht diese aber den Gebrüdern Johann und Bauduin v. Birgel sowie Werner Pallant zu Breidenbend. 1453 wird Liberme an Dietrich von Pallant verkauft, der es aber drei Jahre später an den Aachener Schöffen Johann Bertolf (von Hergenrath) veräußert. * Aus G. Poswick, Les Delices du Duche de Limbourg, Verviers 1951, S. 331-336
6 1518 gehört das Wasserschloss dem Gerard von Kaldenbach, Gatten der Maria Krümmel von Nechtersheim. Dieser verkauft den Besitz 1531 an den kaiserlichen Kapitän Hermann von Battenburg, Ehemann der Elisabeth von Straet. Dieser ließ 1534 einen völligen Neubau errichten, größer als die bisherige Anlage. Auch diese war ein Haus mit Brücke und Wassergraben, wie sie 1422 genannt wird. (Reiners und Neu, Kunstdenkmäler Eupen-Malmedy, S. 143). Der Torbau sowie die nördliche Außenmauer der Hauptburg mit dem südlichen kleinen Anbau sind von der Anlage des Herrn von Battenburg erhalten geblieben. (Kunstdenkmäler, ebda). Der Sohn dieser Eheleute erbt die Burg und vermacht sie seinerseits seiner Tochter Maria von Battenburg, die in erster Ehe Jakob de Presseux de Hauregard und in zweiter Ehe den Kapitän Leonard von Aywaille ehelichte. DEN NA r SZ \ % WB PO U SA << 5 A REM 5 8 aa M - , Me A K) 48 E41 LL NM «Der Torbau sowie die nördliche Außenmauer der Hauptburg sind von der Anlage des Herrn von Battenburg erhalten...» (Foto: A. Bertha) Obwohl Letzterer 1604 Liberm&€ sein Eigen nannte, kam der Besitz an die Tochter aus der ersten Ehe, Katharina von Presseux. Diese heiratete Johann von Halley, einen Kapitän in spanischen Diensten, der Liberme 1634 relevierte. In der Besitzerfolge findet sich sodann der Sohn Albert-
8 Ernst, gefolgt vom Enkel Claude-Karl, Kanoniker der Heilig-Kreuz Stiftskirche in Lüttich. Dieser verpfändete den Ketteniser Adelssitz i. J. 1697 dem Baron Maximilian von Estembeque, der schon 1710, lange vor seinem Tode (1738), seine mit Thomas de Royer verheiratete Tochter zur Erbin eingesetzt hatte. 1750 wurde Liberme durch Brand zerstört und in den folgenden Jahren von den Söhnen Jakob Alexander und Maximilian Thomas de Royer wieder errichtet. Dabei wurde die Zugbrücke durch eine Steinbrücke ersetzt. Im Schlussstein eines der Brückenbögen liest man die Jahreszahl 1756. Von den beiden genannten Söhnen der Eheleute de Royer- d’Estembeque, Jakob Alexander und Maximilian Thomas, blieb Letzterer auf Schloss Liberme€ wohnen und fügte seinem Namen ein von Liberme an, während Jakob Alexander das Haus Merols (Philippenhaus) als Domizil erwählte und sich de Royer de Merols nannte. Nach dem Tode seines Bruders (1783) bleibt Maximilian Thomas von Royer alleiniger Erbe von Liberm6. In erster Ehe hatte er Elisabeth von Schindel, in zweiter Ehe Anne-Maria Engler geheiratet. + Die Tochter aus erster Ehe, Maria Lamberta Anna Josepha, verheiratet mit Johann, Karl, Thomas von Fraipont, erbt Liberme 1793 nach dem Tode ihres Vaters (1790). Durch Verkauf geht das Schloss sodann 1811 an Pierre Andre Guillaume Joseph Poswick, Friedensrichter in Walhorn und später, -von 1800 bis 1827-, Bürgermeister von Kettenis. Poswick verkauft Liberme 1823 an Wilhelm Heinrich The Losen. Das alte Schloss bleibt in der Familie The Losen mit dem Sohn Renier Bertrand, dem Enkel August (1835) und der Urenkelin Elise Marie, die 1880 den Richter Franz-Audomar von Broich heiratete. Diese Eheleute verkaufen Liberme im letzten Kriegsjahr 1918 an Emil Suermondt, verheiratet mit Anna Englerth. 1919 ließen die neuen Besitzer das Schloss von Grund auf renovieren. So wurden z. B. die (fensterlose) Südmauer vollständig neu aufgeführt und die Nord- und Westseite größtenteils erneuert. Damals erhielt auch das Dach des nach Osten vorspringenden Anbaus seine charakteristische geschieferte Kegelhaube. Nach dem Tode der Eltern, 1929 bzw. 1934, fiel Liberme an die beiden in Düsseldorf wohnenden Kinder Mechtilde und Egbert Suermondt. Da aber beide deutscher Nationalität waren, kam Liberme nach dem Zweiten Weltkrieg unter die Verwaltung des belgischen Finanzministeriums (Sequester), die sich wenig um den Erhalt des alten Anwesens sorgte. Dieses hatte, wie die meisten Herrensitze unserer Gegend, während des
9 Krieges unter der Einquartierung von Evakuierten und Militär sehr gelitten und befand sich in einem desolaten Zustand. Mauerwerk und Dachstuhl wiesen so große Schäden auf, dass Liberme einer Ruine ähnlich sah. Zum Schloss gehörten neben den Hofanlagen noch 115 Morgen Ländereien. Wie auch anderswo, kam es in Kettenis zum Verkauf des sequestrierten Besitzes deutscher Staatsangehörigen. Liberme wurde 1954 von Herrn Leonard Teller erworben, der das heruntergekommene Schloss abreißen wollte. Dies wurde nur durch eine königliche Verordnung vom 24. Dezember 1958 verhindert, durch die das Dach und die Forderfront des Hauses Liberme unter Denkmalschutz gestellt wurden und so vor dem Abriss bewahrt blieben. Herr Teller suchte nun einen Käufer für das Anwesen. Nach einem vergeblichen Versuch, den Herrensitz dem belgischen Staat zu überlassen, fand er 1964 einen Liebhaber in der Person des Herrn Konrad Schmitz aus Walheim-Friesenrath, der die Absicht mitbrachte, das alte Gebäude zu restaurieren und es einer lukrativen Bestimmung zuzuführen. Es bedurfte eines bedeutenden Kostenaufwandes, dem Schloss wieder zu einem ansehnlichen Äußeren zu verhelfen, zumal ja auch das Innere nicht nachstehen sollte... Herr Schmitz jr. richtete das alte Haus zu einem modernen Hotel-Restaurant ein. Damit ist uns ein kostbares Stück unseres Erbgutes erhalten geblieben, wofür wir Dank schulden. Von 1970 bis Ende Februar 1994 bot der neue Schlossherr in den mit erlesenem Geschmack eingerichteten Restaurationsräumen seinen Gästen feine Kochkunst für gehobene Ansprüche. Seit Mai 1995 ist Liberme im Besitz von H. Walter Haas. Das Haus beherbergt Wohn- und Büroräume und ist durch die Organisation hochstehender Konzertveranstaltungen zu einem Treffpunkt der Freunde anspruchsvoller Kammermusik geworden. Ein Verein Liberme Schlosskonzerte VoG fördert junge Künstler und sichert anspruchsvolle Konzertprogramme.
10 Zwei streitbare Pfarrer aus Eynatten von Walter Meven Aus den bewegten Zeiten des 17. Jahrhunderts haben wir bereits in einem ersten Beitrag in dieser Zeitschrift (Nr. 73, S. 45 ff.) die beiden in Eynatten tätig gewesenen Priester Jan Mol und Johannes Petri erwähnt. Gerichtsakten der Hochbank Walhorn berichten weitere Einzelheiten über diese beiden Pfarrer, die man nicht anders als „streitbar“ bezeichnen kann. Da wäre zunächst Johannes Mol. Vor dem Schöffengericht der Hochbank Walhorn erschien im Juni des Jahres 1641 als Klägerin Lentgen Wildt mit 15 geladenen Zeugen zu Auseinandersetzungen, die sie mit dem Eynattener Seelsorger Jan Mol hatte. Der geistliche Herr hatte sie wiederholt beschimpft und tätlich angegriffen. Leider besitzen wir nur die schriftlichen Aufzeichnungen der jeweiligen Aussagen. Wie das Gericht letztendlich entschieden hat, ist uns nicht überliefert. Der Kaplan, so scheint es, hatte eine alte Rechnung mit der Familie Wildt zu begleichen. Mit schlimmen Schimpfworten bedachte er die Klägerin und rief ihr beleidigende Wort nach, die den Ruf und das Ansehen der verstorbenen Eltern Wildt schädigen sollten. Die Klägerin selbst beschimpfte er mit „du Clappers“ (Schwätzerin) und von ihren Eltern sagte er: „Obschon dein Vater und deine Mutter auf dem Kirchhof begraben sind, haben sie wohl verdient, hier „an den Kacx“ (= Pranger; vgl. Katschhof in Aachen) gestellt zu werden.“ Als die Klägerin einmal einem Fußpfad folgend um ihr Anwesen ging, stieß sie auf den Beklagten, der ihr „in substantie‘“ (wörtlich) zurief: „Du Luder („carrogne = charrogne = Aas, Luder), wenn du (noch mal) diesen Weg nimmst, so werde ich dir den Hals umdrehen wie einem Hühnerküken und dich schwarz oder blau schlagen!“ Am Freitag, „dem letzten Tag im Monat Mai des laufenden Jahres 1641“, trafen Lendgen Wildt und Kaplan Mol wieder auf einander. Der Geistliche trug ein Waffe in der Hand und er rief der Klägerin lauthals zu: „Ich werde sie totschießen, oder ich will mit Leib und Seele des Teufels sein!“ (Mit anderen Worten: Der Teufel soll mich holen, wenn ich sie nicht tot schieße). Und er fügte hinzu: „Ich hatte das Gewehr in der Hand in der Absicht, eine ihrer Kühe in der Weide tot zu schießen, aber der Herr Drossart hat mir durch Jan Becker sagen lassen, das zu unterlassen.“
11 Bei einer anderen Gelegenheit begab sich die Klägerin nach Walhorn, „um einige Geschäfte zu verrichten“. Auf dem Weg, den sie notwendi- gerweise nehmen musste, lauerte ihr der Beklagte Mol auf (die Klägerin gebraucht den Ausdruck, er habe sie „gewegelagert“‘!), fiel über sie her, schlug sie mit Fäusten ins Gesicht und auf den Kopf und riss ihr die Haare aus. Um aus den Händen des Beklagten frei zu kommen, musste sie „Hilfe und Mord“ schreien und sich retten so gut sie konnte. Sie meldete diesen Vorfall den Schöffen, die ihre Verletzungen in Augenschein nahmen. Die Klägerin begab sich nach Walhorn, um vor Gericht die „noodtzaekelyche‘“ Klage gegen Jan Mol einzureichen. Dieser drohte, er werde „ein Bündel Stroh nehmen, Feuer in beide Häuser der Familie Wildt werfen und sie niederbrennen lassen.“ Für sein abenteuerliches Verhalten gab Mol eine ebensolche Erklärung. Er wolle damit, so die Klägerin, ihre Eltern Hermann Wildt und LenekenVisschers „expurgieren“ („purger = reinigen, purgatorium = Fegefeuer) und zeigen, in welchem Zustand (der Sünde) die beiden Zeit ihres Lebens gewesen seien, so als ob diese nicht christlich gelebt und gestorben und christlich auf dem Kirchhof in Eynatten begraben worden seien. Nachdem Leneken Wildt ihre Klage vorgebracht hatte, wurden die von ihr benannten Zeugen aufgerufen. Sie mussten Namen und Alter angeben und sich dann zu den einzelnen Punkten der Anklage äußern. Ausnahmslos alle bestätigten sie die Vorfälle und bezeichneten sie als „der Wahrheit entsprechend‘, manchmal mit dem Zusatz „soweit ihr (ihm) bekannt ist“ — voor soo veel haer kennelyck is. Die Zeugen waren Lisbet Pelser, etwa 50 Jahre, Claes Strank, etwa 28 Jahre, Tryn Hellebrant, etwa 24 Jahre, die Dienstmagd eines Schöffen, etwa 18 Jahre, Anna Hausmans, etwa 20 Jahre, Mareyken Ponts, etwa 80 Jahre, Tryn, die Witwe von „Lennart dem Welschen“‘, etwa 48 Jahre, Lambert Scheffer, etwa 50 Jahre, M. op Hoff, etwa 40 J. Die weiteren Namen sind nicht mehr erhalten. Wie das Gericht im „Fall Mol“ schließlich geurteilt hat, ist, wie schon gesagt, aus den uns vorliegenden Dokumenten nicht ersichtlich. Auch wissen wir nicht, was wohl der Bischof von Lüttich dazu gesagt haben mag. Kommen wir nun zu Johannes Petri. Über ihn beschwert sich die Gemeinde Eynatten und Hauset bei dem Herrn der Herrschaft Walhorn Dieden de Malatesta. Ruf und Verhalten ihres Pfarrers geben Anlass zu
12 BB Z Eee OD 3 5 ö ae He nem tes (Ren € 7 zw 7 z men V SAL Et” FE LAD (ng Sb a > & r ) £ SS Of A HARD X RS Ö ED Ö SA IN send} A Ds also Mkuind Ddsenff Lad Pag Dipl af fleio DDr Az bo en A - 5 2 | tl Str VECHER ZA DR LIEST. £ Y W Zeugenaussage des Lambert Scheffer Klagen. Johannes Petri war von 1662 bis „unlängst“ Pfarrer in Eynatten und Hauset,‘“wie ein wirklicher Pfarrer, der wie ein guter Hirte sich sorgen müsste um die Schäfchen seiner Pfarre. Nun aber wollte „die ganze Gemeinde von Eynatten und Hauset die Dienste des genannten Herrn Petri nicht mehr hören, “weil zum ersten der Herr Johann Petri nicht taugte, ihnen den Unterricht/die Belehrung zu geben, um als „Schafe Christi sich aufzuführen“; zum zweiten, weil er mit dem größten Teil der Pfarreinwohner ständig im Streit lebte; zum dritten, weil er durch seine Lebensführung mit seinen Dienstmägden („met sijne dienstvrouliedens‘‘) den genannten Untertanen böse Verdachtsmomente und skandalöse Gedanken eingab („gevende quaede suspicie ende schandaleuse gedancken‘‘). Darüber hinaus vertrug er sich nicht mit seiner alten Mutter. In vielen Punkten von Gottes Geboten war er, der doch der Erste und Angesehenste in der Pfarre war, der Übertreter dieser Gebote. Dies alles haben die Beschwerdeführer dem Seelsorger vorgetragen und dieser hat „freiwillig und in Gegenwart von Zeugen auf das Pfarramt verzichtet“. Als Kollator (d. h. das Besetzungsrecht ausübender Herr) besaß Dieden Malatesta kraft des Rechtes des adligen Stammhauses Eynatten und als Herr der Bank Walhorn die gerichtliche Autorität der Neubesetzung der Pfarrstelle. Er akzeptierte den Amtsverzicht des Johann Petri, musste aber auch feststellen, dass dieser keine Anstalten machte, das Pfarrhaus zu räumen. Somit konnte kein neuer Geistlicher für Eynatten und Hauset ernannt. werden.
13 Dieden Malatesta berief sich auf altes Herkommen, Tradition und Verordnungen, nach denen die weltliche Obrigkeit über den Ruf und den Lebenswandel eines rechten Pfarrers und dessen Untergebenen wachsam zu achten habe. Kraft des von ihm am 11. Oktober 1665 geleisteten Eides sei er dazu „schuldig und verpflichtet, umso mehr wegen der bevorstehenden Kartage‘“. So habe er zur Wahrung des Besetzungsrechtes der genannten Pfarrstelle „gut gefunden zu verordnen“, dass die Bewohner von Eynatten und Hauset die Pfarrwohnung räumen und instandsetzen dürfen, um demnächst den Seelsorger dort zu empfangen, den er ihnen kraft seines Rechts schicken werde. Die Untertanen von Eynatten und Hauset sollen diesen Entscheid dem genannten Herrn Johann Petri mitteilen, der binnen drei Tagen das Pfarrhaus zu verlassen habe, widrigenfalls würden die Dorfbewohner („Nabueren“‘) die Räumung im Beisein des dazu ermächtigten Schultheißen Werner Hannot vornehmen Die Anordnung wurde vom Herrn der Herrschaft Eynatten und Hauset, von Dieden Malatesta, unterschrieben. Johannes Petri räumte das Feld und wurde ersetzt durch Cornelius Matthaei, der die Pfarre von 1676 bis 1729 betreute und als ein sehr eifriger Seelsorger in die Pfarrgeschichte eingegangen ist. Quelle: Staatsarchiv Lüttich, Herzogtum Limburg, Gerichtsakten Walhorn, B 4 (Frühere Signatur; inzwischen zum Staatsarchiv Eupen transferiert).
IS Sohn seines gleichnamigen Vaters und dessen zweiter Ehefrau Maria Elisabeth Krott. Letztere wurde für die damalige Zeit sehr alt, da sie wenige Monate vor ihrem 95. Geburtstag am 12.2.1848 in Brand verstarb. Der Vater von Johann Peter Gatzweiler war Bäcker und hatte aus seinen beiden Ehen neun Kinder. Einige dieser Kinder werden wohl jung gestorben sein. Laut einer nicht belegten Familienüberlieferung sollen zwei seiner Brüder am Feldzug Napoleons nach Russland teilgenommen haben, und von dort wie die meisten nicht zurückgekommen sein. Von seinen Geschwistern fehlt jede weitere Nachricht. Genannter Johann Peter Gatzweiler (Sohn) heiratete am 9.5.1816 in Kornelimünster die anderthalb Jahre jüngere Maria Josepha Lamberts, die am 16.11.1788 in Eynatten getauft wurde als Tochter von Lambert Lamberts* und Anna Elisabeth Hahn. Diese hatten am 20.12.1784 das Gut Steinkaul von Johann Tychon gekauft*. Dieses Gut erbte später deren Tochter Maria Josepha Lamberts. I. Johann Peter GATZWEILER, geb. in Rolleff, get. 20.5.1786 in Kornelimünster (P = Paten): Joannes Kuck, Adelheid Giesen), Sohn von Johann Peter Gatzweiler und Maria Elisabeth Krott, gest. 25.6.1866 in Rolleff; er heiratete am 9.5.1816 in Kornelimünster Maria Josepha LAMBERTS, get. 16.11.1788 in Eynatten, gest. 11.9.1871 in Brand, Tochter von Lambert Lamberts und Anna Elisabeth Hahn. Von diesen Eheleuten ging das Gut Steinkaul auf die Tochter Maria Josepha über, die in der Geschwisterfolge der zahlreichen Familie hiernach an dritter Stelle aufgeführt wird. II. Johann Peter Gatzweiler und Maria Josepha Lamberts hatten eine Reihe Kinder, und darunter: 1) Lambert, er folgt unter IIa. 2) Andreas: Er wurde geboren am 13.13.1819 in Brand, studierte Philosophie und Theologie in Rolduc und trat nach seinem Studium in Brügge in das Karmeliterkloster ein, wo er am 20.12.1845 zum Priester geweiht wurde. Von dort aus wurde er als Pfarrseelsorger nach Leyden in Holland geschickt. Danach war er in mehreren Klöstern seines Ordens in Belgien tätig, und zuletzt als Leiter des Karmeliterinnen-Klosters in ? Er stammt nicht aus der Familie Lamberts des Beitrages „Die Familie des Peter Lamberts, des Erbauers des Alcazar in Eynatten, Erwin Bruch, Im Göhltal Nr. 73, August 2003. ? Die Lehensregister der Propsteilichen Mannkammer des Aachener Marienstifts, Luise Freiin von Coels von der Brügghen, Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde LII, 1952, S. 200f.
16 ZZ SS [ DODSN ; Befas! . Maria! Sofeph! hy. Donatus! | Befas! Marin! Bofeph! %. Donatys! f ie en aber x und bei dem „Unabe über Mnade IR ein beitigeß und Fhambaft AT A Ad Tradı 26, 1920. } | % „Beirüglig if tie Numuff ud eiiel die SHönbelt A vd wein Beil, das den Herm fürchtet, bag wird gelebt werz x PO eprügmbrter 31, 30, m 25. Juni 1866, Übendo gegem 10 Uhr, entihtief fanft { und gottergeben ju Brand, frühzeitig und beilfamk mit ben Deiligen Salramensen gefästt, in Helge von Wrerofchwäche MW der hodhachtbare Here Han wnh Geilergeten zu Bieanp, AHORN nt Beiliamk mt a4 Sn den heiligen Sakramenten gefrätt, in Zolge von Aliersjhwäce Johann Peter Jaßweiler, } (CEO Gutsbefiker und Benlner, ni Dir Gntiölafene war geboren. in Dranv ten 49. ar 3 £ Maria Iofepfa Lamberts, 1786, (ebte 50 Jabre in {jebr gefegneter und glüdlider Chr & | mit Marta Safepna Samberte "nt binterläßt neh Withve Fohann Peier Gayweiler, di Sr DAL 141 ls Siehe Utlialte Ofehend utsbehgerin und Kentuerin, /C 4, ottberisauen® und demutdaooler efinnung. Som getteds Die Entftafene, gebeten zu Eymalien im Jahre 1735, 3 fürdrigen Gitern geboren und in ber Wotresfurdt erzogen und Tebte wit {brem {m Jahre 1865 dem 2%. Zumt {dr kun Lebe | aufgetnacfen, war er felbk wieder als Vater ein meufirrdafter |] vorangesannemen Qhegätten 30 Jahre in (ehr geiraneier umb 1 und ber glüliefe Exzieder feiner Hinter, an welden er nur giEetider übe und Muterläht 7 Rinder und 26 Onkel, rembe erledte und unter denen ine bejonders fein geißtider | Y Ziefinnige Soitesturht und fırengite Gemitendaftigteit Zudn ale Mitglied det edbrwürzigen Garmeliten-Drbend zum sonen Die Brantalge übres qngeutrelden Eebenäwambelt. Dee fabefien Trofe feines Ultera gereite. Dur feine eifzige | wegen batte fie mit ihrem in fegenreichem Mndenten fortieben: H Tdeilnabme an dem Kirdkihen Gorzesdienfe, fe wie dur fette bex @bhegatien an tem fo glüglien Mebeihen Ihrer Kinter Srjamdern üillen Wadadien in ber Kirde ung in feinem ganzen } aleihen Anfbeil. Ahr ganzeß langes Leben war getbeilt nnder übrigen frommen Lebenswantel leuchtete er ver ganzen Gemeinee Gebet und Arbeit, unter Hireligen uud hömdligen Wodtekdientt, | aut einem jedr erdauliden Beifpiele yeran und Tird audı desr Nactem fir Kurz nach Lürer goltenen Dede ven übreim bremen | Denen fein Unbenken im Segen fein. 4a ereweßter Sehn feiner Ghepatien getreunt worden, fegie fe na® Mahnung bed Myolel® Beitigen Murter, ver Lasbellisen Kirde, half er Het nad | 7 af8 Blitier ihr Dertranen auf Gott uud verhanıde im Glebere Mräfirm deren Veilige Zwede förbern und sat eben fo gern und Sieden Tag und Rat, Darum war fie {n der har das ten Armen feine milde Hand auf. Madtem er endii® ned Borbild einer Griftligen Hausfrau und Audel auf fie Las Lob mit feiner tremen Gattin zu feiner inwigiten Freude feine jod- eine® tugentüaften Weibes im Une ber @yräße voße Aus Ser Hodzeit gefetess, Himdigie ibm der Herr Zurd nee eieng: ;ödren. Wont öfnet Re nr MiwBelt, and dat Abzatmz feiner Gräfe fein nabes Lebensende an. Na dem je der Diülze In auf Ihrer Anne Sie hat Nat auf ben f Beiiriele Sei Chrißti, dem er fo oft in feinem Leben auf dem Wandel ibres Haufes und {bt ihr Bred ni@t mühig. Ybre 5. Aytugmege lin Oleiür madgewantelt, ertrng er num ang frine « Kinder Bonumen empor und preifen fe überfelig: und {or Mann, Tepzen Leiden mit frammer Arıpider Ergebung und im Seife er (obet fie. Sir Bünet ihre ‚Dand dem Armen und frei ihre Beiliger Bühung, Dinbe nid tem Düritigen aut". Er, 31.2. 5 Stine ließe Seele wird. dem b. Opfer. ter Drieker und EEE A er dem frommen Ckrbete ber Gläubigen angelegentlih® empfehlen, ber Brieiter und den frommen Gebeie der Gläubigen angeles Damit fe beta eber zube f genslihit empjehlen, bamit fie beta eber im ewigen Frieden, rue im ewigen Frieden, ei Ar PS N Lüttich. Von dort aus wurde er nach Posen als geistlicher Leiter der dortigen Karmeliterinnen berufen, musste jedoch in Folge der preußischen Gesetze wieder nach Belgien zurückkehren. Bald darauf wurde er nach Galizien* in das Kloster Ezerna gesendet, wo er als Lehrer der Theologie tätig war. Er starb im Kloster Ezerna am 29.11.1883. 3) Maria Josepha, geb. 23.2.1821 in Eynatten, gest. 21.5.1887 in Eynatten. Sie erbte Gut Steinkaul und heiratete am 1.5.1843 in Eynatten Johann Joseph Hubert VON AGRIS, geb. 26.3.1817 in Eynatten, gest. am 23.2.1891 in Eynatten, Sohn von Josef Anton Damian von Agris und Anna Catharina Beyer. Die Eheleute von Agris-Lamberts hatten 7 Kinder; vor Gut Steinkaul in Eynatten steht ein Steinkreuz, das die Kinder im Jahre 1895 „in dankbarer Erinnerung“ an ihre Eltern aufstellen ließen. 4) Bartholomäus: Er wurde geboren am 19.9.1825 in Kornelimünster. Als die Revolution von 1848 ausbrach, war er beim Militär. Seine Einheit kämpfte im Großherzogtum Baden gegen dortige Aufständige. Er war nicht verheiratet und lebte bei seinem Bruder Johann Peter in Hauset. * Galizien war damals eine Provinz des Kaiserreichs Österreich.
18 ‚Jesus! Maria! Joseph! pn Hl, Rochus u. Genovefa! „Nun ist Christus von den Toten auferstanden, se. BB der Erstling der Entschlafenen! — Der Erst- Pe 4 ling ist Christus, darnach die, welche Christo &' angehören und an scine Ankunft geglaubt ü A haben!“ (I. Cor, 15, 20 u, 23.) - P Zum frommen Andenken A S an den wohlachtbaren Herrn AZ Maria Bartholomäus Gatzweiler, AO Veteran vom Jahre 1848, aM welcher, geboren am 19, September 1825 zu A £ Cornelimünster, am Karsamstag, den 10. April $ A 1909, Nachmittags gegen 4 Uhr zu Hauset 3 infolge von Altersschwäche eines sanften Todes Ds yerschied, öfter gestärkt durch andächtigen me SM Empfang der hl. Sakramente, Fre VD „=. In’ stiller Zurückgezogenheit verbrachte der HE LA Verewigte die Tage seines Alters, unermüdlich Se tätig und einer seltenen Rüstigkeit bis wenige as AA Monate vor seinem Hinscheiden sich erfreuend. Sa Aus dem Glauben lebend, gab er durch unge- f Lan A heuchelte Frömmigkeit und christlichen Wan- ES del der Gemeinde, alt und jung, ein schönes, PIE Aal auferbauliches Beispiel. R. i. p. WAS DEN Die Seele des lieben Verstorbenen empfichlt A A N sein Bruder nebst den übrigen Verwandten As Ba dem hl. Opfer und der frommen Fürbitte der ER Sa Mitehristen, — Begräbnis und feierlicher VA VS. Leichendienst am Mittwoch, den 14. April, (. A = morgens 10 Uhr in der Pfarrkirche zu Hauset, } - ZN DS TA Totenzettel und Grabkreuz des Bartholomäus Gatzweiler. Das Kreuz befindet sich heute an der Ecke Kirchstraße-Botzefeld. wurde auf dem dortigen Friedhof begraben. Sein Grabkreuz steht jetzt in Hauset in der Nähe der Kirche, an der Ecke Kirchstraße und Botzefeld. 5) Johann Peter, er folgt unter IIb 6) Ludwig, geb. 17.11.1829 in Kornelimünster, gest. 1874, heiratete am 16.2.1859 in Eynatten Therese BIMMERMANN, geb. 3.11.1839 in Aachen, Tochter von Winand Josef Bimmermann und Elisabeth Jacobs, auf Gut Steinkaul in Eynatten befindet sich über einer Tür die Inschrift „L. Gatzweiler / Th. Baumermann / 1861‘ IIa Lambert GATZWEILER, geb. 6.5.1817 in Kornelimünster, Bauer und Gutsbesitzer in Raeren, Beigeordneter Bürgermeister von Raeren, heiratete am 26.10.1843 in Raeren Anna Barbara RADERMACHER, geb. 28.3.1820 in Raeren, Tochter von Johann Simon Radermacher und 7 Le patrimoine monumental de la Belgique, Volume 123, Province de Liege, Arron- dissement de Verviers, Tome 3 (M-S), Seite 1176.
19 Anna Regina Zimmermann, sie hatten 13 Kinder, die in Raeren geboren wurden: ! ı 4 KA z x a | _- - N 1 RE A Steinkreuz vor Gut Steinkaul «in dankbarer Erinnerung» errichtet von ihren Kindern für Johann Joseph Hubert Von Agris und dessen Ehefrau Maria Josepha Gatzweiler 1) Nicolas, geb. 13.5.1844 in Raeren, gest. 13.5.1844 in Raeren 2) Johann Peter Simon, geb. 23.6.1845 in Raeren, gest. 10.11.1854 in Raeren 3) Maria Josepha, geb. 26.10.1846 in Raeren, gest. 25.7.1847 in Raeren 4) Carl Joseph, geb. 9.2.1848 in Raeren, gest. 19.12.1920 auf Gut Schönthal in Aachen-Forst, er heiratete am 25.10.1882 Josefine CREUTZ, sie hatten 10 Kinder. 5) Maria Josepha, geb. 20.2.1850 in Raeren, gest. 18.3.1928 in Eupen, sie heiratete am 15.4.1875 Johann Martin WELING, gest. 15.7.1916, sie hatten 11 Kinder. 6) Simon Peter Hubert, geb. 31.1.1852 in Raeren, er war verheiratet und hatte 2 Kinder.
20 7) Anna Maria Louise, geb. 9.9.1853 in Raeren, gest. 4.10.1861 in Raeren 8) Anna Elisabeth, geb. 5.2.1856 in Raeren, sie heiratete am 28.4.1879 Johann Lambert KNOPS, geb. 25.1.1853 in Eynatten, gest. 18.7.1926 in Eynatten, Mitglied des Kirchenvorstandes der Pfarre Eynatten, Sohn von Lambert Knops und Catharina Lorreng, sie hatten 9 Kinder. 9) Johanna Maria Elisabeth, geb. 18.12.1857 in Raeren, sie heiratete am 7.2.1888 Simon STICKELMANN. 10) Anna Maria Sophia, geb. 20.10.1859 in Raeren, sie heiratete N. CREUTZ. Sie hatten eine Tochter, Therese, die verheiratet war mit N. THIRION, der im 1. Weltkrieg als Pilot gefallen ist. Deren Sohn Josef war Priester und Direktor des „College Patronn&“ in Eupen 11) Lambert: Er wurde geboren am 6.8.1861 in Raeren. Er hatte eine zahlreiche Familie. Einer der Söhne, Lambert Gatzweiler jr., war verheiratet mit Josephine Hennen. Deren Sohn Karl Gatzweiler wurde am 7.7.1957 zum Priester geweiht und war seit dem 31.3.1986 Generalvikar des Bistums Lüttich®. 12) Johann Hubert Joseph, geb. 14.7.1863 in Raeren, gest. ca 1934, er wurde zum Priester geweiht und war zuletzt Dechant in Essen- Frintrop. 13) Johann Simon Ludwig, geb. 15.1.1866 in Raeren, gest. 10.4.1867 in Raeren IIb Johann Peter Hubert GATZWEILER, geb. 6.8.1832 in Cornelimünster, gest. 23.11.1909 in Hauset, Landwirt, Gastwirt zum Treppchen® in Hauset. Er heiratete am 11.6.1858 in Eynatten Maria Angela Rosa Hubertine VECQUERAY'®, geb. 11.3.1831 in Eynatten, gest. 11.4.1910 in Hauset, Tochter von Andreas Joseph Vecqueray und Maria Theresia Lambertine Lamberts, sie hatten 7 Kinder: 1) Maria Theresia Johanna Hubertine, geb. 13.5.1859 in Hauset, gest. daselbst am 10.9.1859 2) Therese, geb. 25.6.1860 in Hauset, gest. 7.1.1936 in Aachen. Sie heiratete am 22.8.1888 in Eynatten Michael KIRFEL, geb. 8.10.1860 in Hecken, gest. 12.11.1926 in Aachen, Sohn von Johann Mathias Wilhelm Kirfel und Anna Maria Jansen, Volksschulrektor, der nach seiner Lehrerausbildung im Seminar zu Cornelimünster in den Jahren 1881- * Jahrbuch der Diözese Lüttich 1997. N ? Sie wohnten im Haus 119 der Kirchstraße in Hauset. "9 Zur Familie Vecqueray, siehe: Die Familie Vecqueray in Eynatten, Erwin Bruch, «Im Göhltal» Nr. 55, S. 100 - 112, 1994
21 84, an den Volksschulen zu Lichtenbusch und später in Aachen St. Michael, St. Maria, St. Foillan und zuletzt St. Jakob tätig war. Eines der 9 Kinder, nämlich Angela Kirfel, heiratete den Hauseter Bäcker und Gastwirt Karl Gatz. 3) Josephine, geb. 22.3.1862 in Eynatten, gest. 11.11.1936 in Herbesthal, heiratete am 19.10.1883 Adam ROSEWICK, geb. 19.11.1858, gest. 30.5.1926 in Eupen. Ihre Tochter Emma!!! war Ordensschwester im Kloster der Ursulinerinnen zu Wellen und verstarb dort im 8. Jahre ihres Klostergelübdes. 4) Lambert, geb. 27.5.1864 in Eynatten, gest. 15.8.1944, heiratete am 3.7.1894 Dina SAUER, geb. 25.4.1869, gest. 1939, sie hatten 3 Kinder. 5) Maria, geb. 10.12.1866 in Eynatten, gest. 18.12.1952 in Hauset, heiratete am 8.6.1911 in Hauset Leonard ZIMMERMANN, geb. 21.6.1881 in Hauset (Aachenerbusch), gest. 17.5.1915 in Syntowky an den Folgen eines Herzschusses als Unteroffizier im Reserve-Regiment Nr. 259, 9. Kompagnie, Sohn'? von Nikolaus Zimmermann und Therese Vecqueray‘*, er war Gastwirt in Hauset zum Treppchen, sie hatten einen Sohn namens Leo, der am 27.3.1945 gefallen ist. 6) Ludwig, geb. 4.6.1869 auf Gut Steinkaul in Eynatten, gest. 7.9.1920 auf Gut Barbarastein bei Neuss an den Folgen einer Lungenentzündung, war während 25 Jahren Verwalter auf dem Gut des Freiherrn von Fürstenberg-Hugenpolt, heiratete am 11.10.1898 im Kloster Knechtsteden bei Dormagen Katharina MÜDDER, geb. 7.6.1874 auf Gut Blechhof bei Dormagen, gest. 27.9.1940 in Bonn, sie hatten 7 Kinder. 7) Barbara, geb. 20.6.1872 in Eynatten, gest. 11.7.1884 in Eynatten Im Rahmen eines solchen Beitrages ist es nicht möglich, alle Zweige der Familie weiter zu verfolgen. Unter den Nachkommen von Johann Peter Gatzweiler und Maria Josepha Lamberts konnten in diesem Beitrag nicht weniger als fünf erwähnt werden, die sich in den Dienst der Kirche gestellt haben. !! geb. 4.5.1884, gest. 5.6.1911 '?_ Das Grab seiner Eltern befindet sich auf dem Friedhof in Hauset. '? Sie war eine Kusine ihrer Schwiegertochter.
22 Der aue Jruespap Ech senn der aue Jruespap noch do sette jedder Daag, der Kop janz deep jeböckt e singe Hemmenskraag. Sie äede Pipke hoole e-jen Vuß, so soot e ob sing Bank, stell henger en Hus. E vertoot sech ömmer stellekens selver jät, wie et vröjer wor än wie et wät. Sie Soomerhüske wor singe janze Stoot, janz voll Röskere än va bännes en Bank va Ekehoot. Jewöhnlech sette janz alleng än magd sie äede Pipke reng. E denkt a lang verjange Tüit, wie et wor, wat now onendlich wiit. Sitte da sie Lääve esö lans sech jue, da wöll e vööl noch ens jenau esö due. Vröjd än Leed dat haue jenoch, twei va sing Kenger, die lääve noch. Wie e se jruet met Mööte, daat € a sing Row, du koem e-ne Schlag än et storv sing Vrow. Va du a woet et steller Daag öm Daag An der Kop kroep deeper e-ne Hemmenskraag. Do hau der Herjott hömm jeschlare, dat Leed, dat koss e janz alleng neet drare. Sö soot e, jrübelde, jong neet mihe ut sech erut, e wadde, mä de Jruesmamm, se wor vut. Now sett e janz alleng, lustert en sech erään, övver et Lääve, singe Zweck en Sään. Esue all drömender magde häe sech prett Vöör de letzte Rees, de Vaat en de Evvechkeet. Wat e sie Lääve hat jedue vöör Vrow en Kenger, dovöör wät e oove och e Plätschke venge. Ech senn em oove janz tevrä at sette, All stoppender sie äede Pipke, op en Wook, en wette! Jakob Langohr
23 Eine umstrittene Persönlichkeit: Der Walhorner Notar und Rechtsanwalt Johann Stephan Priem von Alfred Bertha Die frühesten erhaltenen Steuerlisten des Walhorner Landes (1441) enthalten nur wenige heute noch anzutreffende Namen. Auch lassen sich aus Angaben wie „Lenart der Brauer“, „Gillis, des Jakobs Sohn“‘, „Sanders Weib“ oder ähnlichen keine Schlüsse auf spätere Familiennamen ziehen. Mitte des 15. Jahrhunderts sind wir noch in einer Übergangszeit, wo sich die Namen der nichtadligen Bewohner des flachen Landes noch nicht definitiv gefestigt haben. Folglich verliert sich mangels kirchlicher oder notarieller Unterlagen der Ursprung vieler bodenständigen Familien im Dunkeln. So auch bei der Familie Priem, der wir vom 17. bis 19. Jh. unter verschiedenen Schreibweisen (Priem, Prim, Prijm, Prym, Preim...) begegnen. WE a“ ET 3 en E:. + en A } GETS SCHE . LE a X Fi HAN Kreuz des Schöffen Arnold Priem in Lontzen
24 Die erste uns bekannte Nennung findet sich in Lontzen, wo am 14.12.1602 Jakob und Johann Priem in einem Rechtsstreit bzgl. Kriegslasten auftreten (1). Erstgenannter ist Schöffe von Lontzen. In diesem Ort stirbt 1701, wie das noch erhaltene Grabkreuz ausweist, der Schöffe Arnold Priem. In den Häuserverzeichnissen der Lontzener Pfarrer von 1704, 1740 und 1786 kommt der Name Priem allerdings nicht vor. 1640-48 ist ein Johannes Priem als Pfarrer von Hergenrath belegt; über seine Herkunft ist nichts bekannt. 1642 nennen die Lehnsregister des Aachener Marienstiftes in Astenet Johann (Jan) Priem sowie die Erben des verstorbenen Anton Preim. Eine Besitzstandserklärung der Walhorner Bevölkerung aus dem Jahre 1698 wurde vor den Walhorner Schöffen Anton Priem und Claes Bruwer abgegeben. Anton Priem ist als Schöffe auch noch 1714-1724 belegt. 1740, zu Beginn seiner Amtszeit als Pfarrer von Walhorn, legte Johannes Vanden Daele ein Häuser- und Einwohnerverzeichnis an, in dem er „unter Nummer 5 und 6“ das Ehepaar Edmund Priem und Johanna | £ & ER An | Das Geburtshaus des Johann Stephan Priem in Walhorn Lamberts sowie deren 5 Kinder auflistet. Edmund Priem, getauft am 24. Mai 1693, war seit dem 14. Mai 1740 Schöffe des Walhorner Gerichts.
25 j Geheiratet hatte er am 20.6.1720 Johanna Lamberts, die Tochter des Stephan Jakob Lamberts (geb. 28.4.1661) und der Katharina Keutgen. Stephan Jakob Lamberts war der Sohn der Eheleute Anton Lamberts und Johanna Willemet aus Hauset. Der Vater des Edmund Priem, Anton Priem, hatte am 16.2.1689 Catharina Meessen aus Walhorn geheiratet. Die Ehefrau starb am 4.10.1704; Anton Priem, der viele Jahrzehnte als Schöffe fungierte, überlebte seine Frau bis 6.4.1740. Seine Sterbeeintragung trägt den Vermerk „scabinus senior in Walhorn“‘, „Alt-Schöffe‘‘, gewesener Schöffe in Walhorn. Auch der gleichnamige Vater dieses Anton Priem scheint schon ein Schöffenamt in Walhorn bekleidet zu haben. Der schon genannte Edmund Priem starb am 19.5.1746, im Alter von nur 53 Jahren; seine Ehefrau Johanna Lambertz war ihm schon am 10.3.1745 in den Tod vorauf gegangen. In der Hausliste des Pfarrers sind die Häuser „unter Nummer 5 und 6“ als der heutige Königshof (Haus Louvens bzw. Vaessen, Dorfstraße) zu identifizieren. In späteren Verzeichnissen nennt der Pfarrer den Bereich nur kurz „op gen hoff““/auf dem Hof. Dem Ehepaar Priem-Lamberts wurden, wie schon gesagt, fünf Kinder geboren: Maria Catharina Johanna Anna Francisca Maria Elisabeth und Johann Stephan. Zu den Hausbewohnern gehörten auch die Witwe Stephan Lamberts, Catharina geb. Keutgen, vermutlich eine Schwägerin, sowie der Knecht Nikolaus Noel und die Magd Helena Mercken. Von den Töchtern heiratete die am 25.11.1721 getaufte Maria Catharina den aus Lontzen stammenden Johannes Huit (auch „Heut“ geschrieben) und blieb im elterlichen Haus wohnen. Die zweite Tochter, Jenne, getauft am 29.6.1726, heiratete Jakob Coemaet. Sie starb in Hodimont am 2. November 1780. Anna Francisca (get. am 27.9.1728) starb 1746 im Alter von 18 Jahren; die jüngere Schwester Maria Elisabeth, get. am 10.3.1732, starb im selben Jahre. Sie wurde nur 14 Jahre alt. Da auch der Vater 1746 im Alter von nur 53 Jahren starb, hat vermutlich eine ansteckende Krankheit die Familie dezimiert. Der einzige männliche Nachkomme der Familie Priem-Lamberts, der am 7.2.1735 getaufte Johann Stephan, wurde also mit 11 Jahren Vollwaise.
26 Man darf annehmen, dass sich die älteren Schwestern und die verwitwete Tante (?) Katharina Lamberts geb. Keutgen um den kleinen Johann Stephan gekümmert haben. Nach dem Besuch der Walhorner Dorfschule stellte sich für diesen die Frage des weiteren Bildungsweges. Im Walhorner Land war es üblich, die Söhne zum weiterführenden Studium zu den Aachener Jesuiten zu geben. So erging es vermutlich auch dem kleinen Priem. Und wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, dass Johann Stephan Priem, der von 1767 bis 1795 in Walhorn als Notar und Rechtsanwalt fungierte, sein Jura-Studium in Löwen absolviert hat. Hermann Wirtz („Eupener Land“‘) weiß aber auch von einem Studium des jungen Priem in Paris. Wann Priem in seine Heimat zurück gekommen ist, ist nicht belegt. Am 26.10.1758 heiratete er, erst 23-jährig, die Tochter eines Tuchfabri- kanten aus Dolhain-Limbourg, Maria Catharina Carondelet. Das erste Kind der jungen Eheleute wurde am 30.12.1759 auf die Namen Johann Edmund eingetragen. Es trug also den Namen des Großvaters Edmund (Priem). Am 30.12.1761 folgte eine Tochter, Johanna Helena Joseph, und am 4.2.1764 ein weiterer Sohn, der auf die Namen Wilhelm Anton Joseph getauft wurde. Die Tochter heiratete später (18.1.1786) Franz Wilhelm Vanden Daele (*17.8.1759), den Neffen des Walhorner Pfarrers. Aus dieser Ehe ging 1788 Johann Wilhelm Joseph Vanden Daele hervor, der in der Preußenzeit von 1828 bis 1839 Bürgermeister von Walhorn war. Eine Tochter dieser Eheleute, Helene, getauft am 17. Januar 1792, heiratete am 26.12.1813 Cornel Heinrich Louvens, dessen Name mit dem Königshof verbunden blieb. Kommen wir zurück zu Johann Stephan Priem. Als Notar ist er in Walhorn von 1767 bis 1795 belegt. Das Theresianische Kataster von 1771 weist den „Königlichen Notar“ Johann Stephan Priem als vermögenden Haus- und Grundbesitzer aus. Er darf zwei Häuser und andere Gebäulichkeiten sein Eigen nennen. Dazu besitzt er 40 Morgen Ackerland, 14 Morgen Mähwiesen, 35 Morgen Weiden und 1 ha eingezäuntes Hofland. Die nun folgende Episode aus dem Leben des Johann Stephan Priem könnte man als Dorfposse bezeichnen, hätte sie nicht für einen der Beteiligten einen tödlichen Ausgang genommen. Doch greifen wir nicht vor und versuchen wir, uns die Gerichtsbarkeit und die Rechtspflege in der Bank. Walhorn bis zur Franzosenzeit (1794) vorzustellen.
27 Eine Urkunde König Arnulfs vom 13. Juni 888 bestätigt dem Aachener Marienstift die Nona, den Neunten, von 43 Königsgütern, unter denen sich auch Walhorn („Harna‘“) befindet. Am 27.4.1072 ging dieser Königshof („„Harne‘“) durch Schenkung Kaiser Heinrichs IV. ganz in den Besitz des Aachener Münsters über, das von nun an auch die Vogteirechte, d. h. die Gerichtsbarkeit über Walhorn besaß. Mit dem westlichen Nachbarn, dem Herzog von Limburg, musste es früher oder später zum Konflikt kommen, versuchten doch die Herzöge, ihr Herrschaftsgebiet auf Kosten der Aachener nach Osten auszudehnen. Wann genau Limburg die Gerichtsbarkeit in Walhorn übernommen hat, lässt sich nicht sagen. Wir können nur feststellen, dass schon die frühesten erhaltenen Gerichtsquellen Limburg als die bestimmende Instanz ausweisen. Dem Marienstift blieb mancherorts das Zehntrecht und das Recht der Kollatur, d. h. der Ernennung des Seelsorgers, doch auch dieses letzte Recht wurde ihm häufig streitig gemacht. Das Walhorner Gericht, das aus 7 vom Herrn der Bank Walhorn ernannten Schöffen, einem Vogt (später Drossard), einem Schultheiß (Gerichtsdiener, Gerichtsvollzieher) und einem Gerichtsschreiber (Greffier) bestand, hatte sehr weit reichende Zuständigkeiten sowohl im zivilen wie im strafrechtlichen Bereich. Auch die Beurkundung von Grundstücksverkäufen, Testamenten und ähnlichem fiel bis Ende des 17. Jahrhunderts in die Zuständigkeit des Schöffengerichts und wurde in den sog. Gudungsbüchern festgehalten. Die Hochgerichtsbarkeit, das Recht, über Leben und Tod zu urteilen, das der Herr der Bank Walhorn, Arnold Schuyl, 1626 erwarb, fand ihren Ausdruck im weithin sichtbaren Galgen auf der Höhe des Johbergs. Hier stand er bis zum Jahre 1798, als die Franzosen ausdrücklich den Befehl gaben, ihn abzubrechen. Das hohe Gericht tagte unter dem Vorsitz des Drossards (er vertrat die weltliche Obrigkeit) in der so genannten Halle, einem Gebäude, das auf einem alten Gemälde zu erkennen ist und von dem der Historiker Quix 1837 schreibt, es sei „alt und baufällig‘. Die „Halle“ lag mitten im Ort, „an dem Kirchhof, der die Pfarrkirche umgibt“ (Quix). 1838 wurde der alte Bau abgerissen. Die „Halle“ war Versammlungsort des Gerichtes, aber auch des so genannten Kirspeltages (Kirchspieltag/ung), an dem Vertreter der gesamten Mutterpfarre Walhorn teilnahmen. Zudem befand sich hier das Gefängnis, in dem die Gefangenen in Ketten auf ihre Aburteilung warteten.
28 Und damit wären wir beim eigentlichen Gegenstand unseres Beitrages. Wir sind im Jahre 1774. Johann Stephan Priem ist als Notar in Walhorn ansässig und hat eine Zulassung als „Procureur‘‘, öffentlicher Ankläger. In dieser Funktion tritt er im Prozess des wegen Diebstahls und anderer Straftaten im Walhorner Gefängnis einsitzenden Peter Merx auf. Der Gefangene wurde bewacht von Männern der Bürgerwehr (vermutlich Schützen), als er am 2. Oktober 1774 gegen 18 Uhr den Besuch des „Procureurs“ Priem erhielt. In Gegenwart der Wache fragte Priem den Häftling, ob man ihn gefoltert habe, um ihn dazu zu bringen, den Totschlag zu gestehen. Diese Frage bejahte der genannte Merx, worauf Priem sagte: „Man hatte nicht das Recht, dies zu tun und man hat dir Unrecht getan.“ p Diese Worte aus dem Munde eines zugelassenen und vereidigten („patente et serment&€‘“) Anklägers der Bank Walhorn mussten die Dabeistehenden zumindest überraschen. Am nächsten Tag, dem 3. Oktober 1774, gelang Peter Merx die Flucht aus der Halle. Im Pfarrhaus fand er bei Pfarrer Johannes Vanden Daele Unterschlupf. Priem erfuhr von dem Vorfall, begab sich zum Pfarrhaus, das er von der Wache umstellt vorfand, ging hinein und kam kurze Zeit später wieder heraus. Hans Willem Loop, einen der Wachleute, bat er, ins Haus zu kommen, um den geflohenen Häftling zu rasieren, wozu der Kapitän der Wachttruppe seine Einwilligung nicht geben wollte, während Loop selber sagte, er dürfe seinen Posten nicht verlassen. Priem ließ jedoch nicht locker und hieß Loop, ihm zu folgen mit den Worten, er nehme alles auf sich und werde sich um alle kümmern („je me soucie d’eux tous‘). Was noch weiter an jenem 3. Oktober 1774 vorgefallen und wie der Tag für den geflohenen Peter Merx, den Pfarrer und den „Procureur“ Priem abgelaufen ist, darüber sagen die Akten nichts. Am folgenden Tag, dem 4. Oktober, kam der auf Schloss Weims in Kettenis wohnende Drossard Johann Lambert Rasquin persönlich an den Ort des Geschehens. Seit 1751 war er schon in der Funktion des Drossards Vertreter des Landesherrn und befand sich nun vor einer bis dahin noch nicht da gewesenen Situation. Als Vertreter des Herrschers hatte er für den Vollzug der verhängten Strafen zu sorgen. Rasquin begab sich zum Pfarrhaus, um den entflohenen Merx mit Hilfe der von ihm zu diesem Zweck aufgebotenen Bürgerwehr wieder zu verhaften. Auch Johann Stephan Priem erschien am Ort des Geschehens, wo der Drossard ihm ein Dekret zeigte, das den Pfarrer zum Öffnen der Tür aufforderte. Darauf sagte Priem in Gegenwart des Drossards zum Pfarrer: „Schließen Sie Ihre Tür, und dann hart auf hart!“
29 "a A ZA m AZ f N S "—— —_ 53 077 m 3 a. Dr LE 4 A sr ee . . < A "BB SH 2 68 WE en | E ZA Sl Be je SS BR 2 RR 202000 EN 32H 2A ne x 7 8 8 AN NY 2 2 { BEN Be a NE A DE A ZN E22 WESEN "A A MED EL VE WET 0 EZ N SO a RN T BL m } Ei Bf SL g N Va A A Die Orte des \ m Geschehens: See Mr I EM Ba VE = FOR ES A Pfarrhaus und aa SF A Pfarrkirche von Ay SS al Walhorn
30 Daraufhin warf der Pfarrer das genannte Dekret zu Boden und schloss die Tür vor den Schützen. Drossard Rasquin konnte jedoch ins Haus. Wenig später sah man den flüchtigen Merx durch ein Fenster des Pfarrhauses auf den Friedhof springen, wo er sofort durch den Kommandanten der Wehr und einige Männer der Truppe verhaftet wurde. Auch Priem verließ das Haus in Begleitung des Pfarrers. Zusammen ergriffen sie den Gefangenen und zerrten ihn mit Gewalt zur Kirchtüre hin. Vergebens protestierten und widersetzten sich der Bürger- wehrkommandant sowie einige inzwischen erschienene Schöffen des Walhorner Gerichts. Die Soutane nötigte ihnen doch wohl zuviel Respekt ab, als dass sie mit Gewalt gegen den Pfarrer vorzugehen gewagt hätten. Die Kirchtüre war jedoch abgeschlossen und Priem rief dem Pfarrer zu, er solle den Schlüssel holen, was dieser auch prompt tat. Nun zogen sie den Häftling in die Kirche hinein, mit Gewalt, sagten die Zeugen, und trotz Protest und Widerstand der Gerichtsvertreter. Während dieser von Handgreiflichkeiten begleiteten Aktion schrie Priem den anwesenden Schöffen (sinngemäß) in der in Walhorn gebräuchlichen Sprache („en langue y usitee‘“) zu: „Wie, habt Ihr noch nicht genug Unrecht getan?“ Er wagte es dann sogar, die gesamte Verantwortung für die Flucht des Gefangenen allein zu übernehmen. Man warf ihm später auch vor, das vom Walhorner Schöffengericht nach Anhörung eines Rechtsgelehrten ergangene Dekret zur Folterung des Gefangenen zensiert und sogar behauptet zu haben, dieses sei ungerechtfertigterweise ergangen (induement). Auch habe er sich abfällig („mauvais propos‘) über die Richter, den Gehorsam und die öffentliche Ordnung geäußert. Leider geben die Walhorner Akten keine weiteren Einzelheiten zum Fortgang des Geschehens. Erst durch Gerichtsurteil vom 16. September 1780 (Drossard Rasquin war am 11. Februar 1780 gestorben) wurde Johann Stephan Priem die Rechnung für sein ungebührliches Verhalten präsentiert. Das Limburger Gericht sprach ihm das Recht ab, als „Procureur“ zu fungieren, erklärte ihn für untauglich („inhabile‘“‘), in Zukunft irgend ein Amt in der Bank Walhorn zu bekleiden und bürdete ihm die Kosten des Gerichtsverfahrens auf. Am 18. September 1780 wurde das Urteil dem genannten Priem in Anwesenheit des neuen Drossards Matth. Jos. Thimus verkündet. Priem erklärte, er wolle dagegen Berufung einlegen. Für den Häftling Peter Merx hat es kein Kirchenasyl gegeben. Die Angelegenheit endete nicht gut für ihn.
äF Die Gerichtsakte von 1780 sagt lapidar, er sei „detenu pour vols et crimes dans la prison du dit Ban et y ex&cute ensuite», d. h., dass der wegen Diebstahls und anderer Verbrechen im Bankgefängnis Einsitzende inzwischen hingerichtet worden war. ok Johann Stephan Priem hat sein nicht sehr geschickter, aber spektakulärer Einsatz für den Häftling Peter Merx beruflich also einige Nachteile gebracht. Wir treffen ihn aber 1793 unter den Schöffen des Walhorner Gerichts und in der Franzosenzeit kam Priem, der als sehr franzosenfreundlich galt, zu weiteren Ämtern. Als die französischen Besatzer am 1.10.1794 ein Komitee für „Requisitionen“ (Beschlagnahmungen) für Walhorn und Lontzen einsetzten, befand sich unter den Mitgliedern desselben auch der Notar Priem. Bei den ersten Gemeinderatswahlen der Franzosenzeit, am 10. Floreal V (29.4.1797) fiel die Wahl in Walhorn auf Jean Etienne (Etienne = Stephan) Priem, der auch von den Franzosen zum Friedensrichter des 1795 geschaffenen Kantons Walhorn ernannt wurde. Dieser Kanton Walhorn wurde allerdings 1805 aufgelöst und mit Eupen verschmolzen. Den Tod seiner Ehefrau Marie Cath&rine Carondelet, Tochter des Tuchfabrikanten Jean Joseph Carondelet aus Dolhain, meldete der Ehemann persönlich am 09.02.1809. Seit Januar 1759 sei die Verstorbene in Walhorn ansässig gewesen und sie sei im Hause ihres Ehemannes gestorben, sagt die Sterbeurkunde. Das Alter des Ehemannes wird mit 74 Jahren angegeben. Die Spur des Notars und „Procureurs“ Priem verliert sich in Walhorn. 1815 wird er in der Mutterrolle (matrice) für die Grund-, Personal- und Mobilarsteuer des Jahres 1815 als „Rentner“, wohnhaft in Aachen, aufgeführt. Damals war er 80 Jahre alt. Eine Sterbeurkunde des Johann Stephan Priem findet sich nicht in Walhorn, so dass er vermutlich in Aachen gestorben ist. Der Jurist und Notar Priem ist uns durch einen am 9.5.1811 ausgestellten Ausweis/Passierschein („Passe-Port pour 1’Inte&rieur) auch von der körperlichen Statur her bekannt. Die Personenbeschreibung („Signalement“‘) des Passierscheines nennt ihn „homme de loi“ (Jurist) und gewesenen Friedensrichter. Der Passierschein berechtigte ihn zu Reisen von Walhorn nach Aachen, Maastricht, Lüttich, Brüssel und Paris. Seine Körpergröße wird mit 1,78 m angegeben. Er hat graues Haar, eine niedere Stirn, schwarz-graue Augenbrauen, blaue Augen, einen grauen Bart, einen mittelgroßen Mund, eine große Nase, ein rundes Kinn, ein
32 AZ PIECES DEPOSEES. > fe a \ 40 E Au IS Nö) HR v S. Ss: Sain DR kG Mar JE. . 5 Signature du Porteur : ignatu TeEmoins : 5 #7 res a Cmoins fen L Ds /: A-4 8 ef VE 8 in ZZ SUN A A 3 I EP A WEST Vz Ca) EAN x el endnn SB Die Unterschrift des Johann Stephan Priem auf seinem Ausweis ebensolches Gesicht und einen hellen Teint. Als besonderes Kennzeichen vermerkt der Passierschein, er habe verkrüppelte Hände. Schon am 11. Oktober 1807 heißt es in einem früheren Passierschein des Johann Stephan Priem, er habe verkrüppelte Finger infolge einer Sehnenverkürzung („retirement des nerfs“). Quelle: Staatsarchiv Lüttich, Gerichtswesen Walhorn, Nr. 216 a. (Heute Staatsarchiv Eupen). Staatsarchiv Eupen, Gemeindearchiv Walhorn, C. 4. 6. Nr.107 und C. 4. 6. Nr. 96.
38 Le «Viaduc de Moresnet» sur la ligne 24 par Joseph Langohr I. Premiers jalons d’un ouvrage d’art impressionnant en Belgique Des la fin du XIXe si@cle, les milieux portuaires anversois projettent la cr&ation d’une jonction entre le port d’Anvers et le Rhin en passant par Hombourg-Montzen-Moresnet. En 1901, l’ingenieur De Ridder, directeur des chemins de fer de 1’Etat, se rend a Berlin pour y n&gocier 1’implantation de cette ligne. Le 15 aoüt 1903, un accord fut signe ä Berlin entre le roi des Belges et V’empereur allemand. Comme le signale le texte de cet accord, la Prusse, represent&e par son roi, l’empereur Guillaume II, y agit au nom et a la demande du «Reich» tout entier. Les liaisons ferroviaires entre 1’Alle- magne et la Belgique Etaient assurges par le «Preußisch-Hessischer Eisenbahnverein». Au parlement belge, la discussion du projet de construction d’une li- gne de chemin de fer rapide entre Louvain et Aachen suscita de vives r&actions de la part des d&pute&s et senateurs de Liege et Verviers, qui y voyaient une menace pour l’industrie de ces villes contournees par la nouvelle ligne projet&e. Le s£nateur Armand Flechet, un notaire liegeois, assimilait m&me cette ligne ä une «d&capitation» de Liege. Le trait& belgo-prussien n’entra en vigueur qu’en octobre 1907 et le texte en fut publie dans le Moniteur du 19 janvier 1908. Entretemps, les tensions internationales s’accentuent et la Belgique commence ä craindre pour sa neutralit& en cas de conflit arme entre la France et 1’Allemagne, si bien que les projets de construction de la nou- velle ligne restent provisoirement dans les tiroirs... La premiere guerre mondiale va tout changer. Le conflit arme entre 1’Allemagne et la Belgique precipita le commencement des travaux. Ceux- ci debut&rent fin janvier 1915. Ils furent r£alis&s par les troupes speciali- sees de l’arm&e. Les troupes allemandes, devant la r&sistance des soldats belges, pataugeaient dans les marais de 1’Yser, il Etait des lors urgent de ravitailler 1l’armee au front. Cette situation entraina la construction du grand viaduc enjambant la vall&e de 1a Gueule (riviere qui prend sa source A Eynatten, passe par Moresnet et se jette dans la Meuse ä Itteren aux Pays-Bas). Le maitre d’ceuvre de ce travail gigantesque fut le g&neral Wilhelm Groener (1868-1939) originaire de Württenberg (Allemagne). Le 31 d&cembre 1914 le general Groener Ecrivait a sa femme:
34 «... Was die Eisenbahn anbelangt, fange ich jetzt damit an und lasse neue Bahnen und zweite Gleise zur besseren Verbindung mit der belgischen Bahn bauen...“ (... en ce qui concerne le chemin de fer, je commence ä le realiser et je laisse placer deux voies pour une meilleure liaison avec le reseau belge...). La lettre continue par cette phrase qui donne le frisson: «... Das Schöne im Kriege ist, dass man so was ohne viel Schreiberei und Gerede befehlen kann, während man im Frieden sieben Jahre braucht, um durch viel Tinte und Geschwätz zu einer neuen Rheinbrücke zu kommen ...» (...Le beau cöte de la guerre, c’ est que l' on peut ordonner ceci sans beaucoup d’ecrits et de palabres ...) BE A SE 4 8 8 BEZ - AN En SE <) ba y El A & Ms & is h x“ A WS 4 2 A1 > ; ee; ® 5 8. Le general Wilhelm Groener II. La Premiere Guerre Mondiale et la realisation du troncon de la ligne 24, Montzen-Botzelaer Pour des besoins strate&giques et de ravitaillement, les troupes alle- mandes pendant 1l’occupation 1914-1918, employ&rent la ligne directe Montzen-Aix-la-Chapelle. Le 18 octobre 1914, les plus hautes autorit&s prussiennes donnaient ä 1’Etat Major allemand 1’ordre de faire construire
35 une ligne ferr&e a double voie pour trafic international rapide. Elle de- vait representer l’itineraire le plus court possible entre Tongres et le tun- nel de Botzelaer, d&jä en service sur la ligne Welkenraedt-Aachen (West). Les services de la «Militär-Eisenbahn- Direction Brüssel», &€manation ferroviaire des autorit&s d’occupation allemandes, concurent un trace ferroviaire Bassenge-Vis&-Berneau-Montzen, oü une gare de triage se- rait Erigee, compte tenu de la topographie locale et des imperatifs politi- ques du moment. La ligne Tongres-tunnel de Botzelaer fut praticable sur une seule voie, les 15 et 16 f&vrier 1917, pour le trafic militaire. Le premier train pour voyageurs fut organis€ le 9 octobre 1917 entre Tongres, Montzen et Herbesthal en utilisant une partie de la ligne Gemmenich-Welkenraedt raccordee ä Birken ä la nouvelle ligne. Par contre, aucun trafic voya- geurs semble avoir &t€ organise a 1’Est de Montzen vers 1’Allemagne, par la nouvelle ligne. Le 6 janvier 1918, 1a double voie &tait enfin opera- tionnelle sur tout le parcours entre Tongres et le tunnel de Botzelaer. La ligne de Montzen-Botzelaer comprenait divers ouvrages d’art re- marquables; le gigantesque viaduc &rig& pour franchir la vallge de la Gueule baptise par les Allemands «General Groener Brücke» ou «Via- duc de Moresnet» est le pont le plus long de la SNCB. Pays-Bas TUNNEL DE LA GALOPPE De SS Aal ÜNNEL DE VEURS + Ze ; } San A.“ "Boizelaar: AL Se ! MY SE Gemmenich 2 E an) 2 Remersdael Montzen HE I WA Arbnan TUNNEL DE BOTZELAER \ AORESNET Verviers Belgique Y wWelkenraedt
36 A quelques centaines de mötres apr6s la sortie du viaduc de Moresnet, un autre pont en beton et en acier est remarquable par sa complexite. Situe ä Buschhausen, il est en fait integre ä la bifurcation de la ligne vers Aix-la-Chapelle (ouest) ou sud et comprend deux niveaux superposes de voies ferr&es; le niveau superieur comporte les voies de la ligne directe Montzen-Aix-la-Chapelle (ouest), le niveau intermediaire comporte deux tabliers, l’un de ceux-ci a 6t& d&pose apr@s la fermeture ä tout trafic de la ligne 24A Göhltal-Aachen/Süd afin de livrer passage aux voies de la courte ligne de raccord Ronheide et d’Aix-la-Chapelle/Sud. Le tout sur- plombe la route. Outre ces particularit&s, ce pont est concu pour permet- tre l’acc@s des voyageurs ä la halte de Buschhausen, Un dernier complexe d’ouvrages d’art avait €t& construit par 1’0ccu- ” pant allemand ä l’embouchure «ouest» du tunnel de Botzelaer, afin de permettre de greffer la ligne Tongres-Aix sur la ligne existante Welkenraedt-Plombieres-Aix-la-Chapelle (ouest). Salut de Moresnet Grant Mader, Iaogarer 1200 m. hasteur 63 m ER ZZ N Dr a VS ; ET 7 j ] il an al N 4 Sn A, Le viaduc entre les deux guerres HL. Description technique du viaduc de Moresnet Le projet de l’ouvrage est dat€ du 15 octobre 1915 de MAN Gustavsburg. Le plan est dat& du 10 aoüt 1915. Longueur: 1107 mötres. Hauteur ä la verticale de la riviere «La Gueule»: 58 mötres.
37 Le pont compte 21 piliers en be&ton dame et 22 tabliers metalliques de 48 mötres de longueur chacun. Un pilier sur 4 est renforc€ et surmonte les tabliers. Chaque tablier a une hauteur de charpente de 7,5 mötres et 4,5 m de largeur. Le viaduc contient 50 000 mötres cube de beton. Les tabliers sont fabriques avec 6000 tonnes de fer. Les tabliers sont fabriques sur place, ils ont n&cessite 250 000 rivets. Les piles du cöt€ allemand ont &t€ construites par la firme Grün et Bilfinger, les tabliers correspondants par la firme Gutehoffnungshütte au cours de la periode mai-octobre 1916; les piles du cöte belge ont Et€ realisees par la firme Dyckerhoff et Widmann, les tabliers par MAN Gustavsburg entre avril et octobre 1916. Sur l’ouvrage proprement dit, des rails lourds de 18 mötres ont &te install&s, ce qui fut exceptionnel, car ä cette €poque les rails mesuraient de 12 ä 15 mötres. Les rails reposaient sur des traverses prussiennes de 55 centimötres. Le viaduc sera achev€ en octobre 1916. Le 16 f&vrier 1917 la ligne Tongres-Aix est praticable sur une voie, le parcours de reconnaissance est r&alise le 28 f&vrier 1917. Le trafic ä double voie d£bute le 6 janvier 1918. IV. Exploitation belge de l’entre deux guerres Apres la Premiere Guerre Mondiale, et en application du Trait& de Versailles, 1’Allemagne doit c&der ä la Belgique les «Cantons de 1’Est» et rendre les villages annex6s par le Reich. La ligne 24 sera d&sormais aux mains des Belges, elle fut logiquement utilisge comme maillon prin- cipal entre le port d’Anvers et la region de la Ruhr. La ligne Vise&-Montzen- Aix-la-Chapelle (ouest) fut consacr&e au trafic de marchandises des 1919 (reprise administrative), un service voyageurs omnibus fut organise des le 15 mai 1919 entre Tongres et Fouron Saint Martin; le 15 juillet, la ligne est prolongee jusque Montzen, il fallut attendre le 15 aoüt 1920 pour voir apparaitre un service international de voyageurs entre Montzen et Aachen (West). Quatre trains circulaient ainsi de Tongres ou de Vise jusqu’ä Aix-la-Chapelle (ouest), ceci du moins jusqu’au 26 octobre 1926. Il fallait encore ajouter le trafic de Welkenraedt-Plombieres-Aix (A partir de la bifurcation de Botzelaer) trois trains journaliers de voyageurs utili- saient ce que nous convenons d’appeler le troncon commun.
38 V. Les avatars de la ligne 24 pendant la Deuxieme Guerre Mondiale Le viaduc de Moresnet devint d’importance strat&gique capitale ä mesure que la Seconde Guerre Mondiale se profilait. D&jä en 1937, lors- que la menace d’une nouvelle guerre devint serieuse, 1’armee belge avait dispos€ des explosifs dans certaines piles du viaduc, qui, lors de 1’inva- sion des troupes allemandes, le 10 mai 1940, fut donc dynamite. Immediatement, 1l’ouvrage fut restaure par les Allemands; il &tait d&jä «parcourable» le 16 d&cembre 1940. Souvenirs relates par Monsieur Albert Tychon de Montzen: «... Entr& a ’armee en 1938, maintenu suite au declenchement de la mobilisation le 25 aoüt 1939, deEbut septembre 1939, 10 militaires cy- clistes garde-frontieres vinrent en cantonnement ä la ferme de mes pa- rents ä Streversdorp ä& Montzen. Un officier, le lieutenant Justin Bloom (il fut remplace par le sergent Maurice Jobe€ debut mars 1940), 2 capo- raux et sept soldats, ceux-ci avaient pour mission la garde et la destruc- tion du viaduc. Suite au tres dur et long hiver debut novembre 1939 Jjusque fin mars 1940, les fermiers et fils de fermiers revinrent 10 jours en conge dit agricole afın de mettre leurs champs et prairies en ordre. Le 10 mai au matin, j’ &tais en train de traire, j’entendis un grande detona- tion, je me precipite ä la porte et je voyais un gros nuage au-dessus de Moresnet. Il etait environ 5 heures. Quelques instants apres, plusieurs militaires vinrent chercher quelques effets, ils Etaient noirs comme du charbon, en me voyant, ils me dirent que c’ etait la guerre et qu' ils avaient fait sauter le viaduc; le temps de me changer et de mettre mon uniforme, au moment de partir, un adjudant vint voir si tous les soldats Etaient partis; en me voyant il me demanda ou j’ &tais cantonne, il m’ indiqua le meilleur chemin pour rejoindre Hermee. Apres la campagne des 18 jours je rentrais & Montzen, c’ etait fin juin 1940, a ma surprise Montzen etait annexe ainsi que 9 autres communes en me rendant ä Moresnet, je pus constater l’ampleur de la destruction mais les Allemands avaient dejä commence ä reconstruire le viaduc. Apres la guerre le sergent Jobe est revenu ä Streversdorp, il remercia mes parents pour l’ accueil qu' il avait recu, Iui et ses soldats... Plus tard, je me suis mis en rapport avec le sergent en Iui demandant de m’expliquer l'’ Episode de la destruction du viaduc, il me remit un rapport complet...»
39 Rapport sur la destruction du viaduc de Moresnet, par le Sgt Jobe Au mois de mars 1940, je fus transf&r& comme sergent ä la compagnie de Henri-Chapelle sous les ordres du Capitaine-Commandant Thise et je passais directement au peloton du sous-lieutenant Bloom cantonne ä Montzen. Comme la plupart des cyclistes-frontieres, notre röle consistait prin- cipalement a fournir les gardes aux postes d’alerte et de destruction. Je montais donc regulierement au viaduc de Moresnet, ce qui me don- nait l’avantage de bien connaitre les consignes. Par contre, je connais- sais moins bien les hommes etant nouveau dans ce secteur. Depuis peu, le genie avait mine la route aboutissant dans Moresnet, et cette destruction avait Et€ ajout&e ä la mission du chef de poste de Pb/fI Un certain chevauchement existait entre les compagnies de Hombourg (Cdt Bonjean) et celle de Henri-Chapelle. Nous dependions administra- tivement de celle-ci, alors que les ordres de destruction devaient venir de l’officier de garde de Hombourg. Le Viaduc de Moresnet Le pont ferroviaire traverse la vallge et comprend 21 piles dont les plus hautes atteignent 58 metres. Seules les piles 14 et 19 sont minees. A la pile 14 (PbIfI), le chef de poste est un sergent, ä la pile 19 (Pb/ 2), le chef de poste est un caporal et au-dessus du pont se trouve un poste deraillement (Pb/f3) commande &galement par un caporal. Vers Gemmenich se trouve un poste d’alerte sous les ordres d’un ca- poral. Il existe ä Pb/fl une petite centrale t&lephonique qui permet ä tous ces postes de donner, a chaque heure, un bref rapport ä la caserne. Il est prevu que le sergent chef de poste, doit faire sauter Electrique- ment les deux piles min&es en se retirant pour cela derriere la pile 10. En cas d’Echec, la destruction devrait se faire pyrotechniquement. Cepen- dant, depuis quelques semaines, un nouveau corps de garde dä parois renforc&es Etait en cours de construction pour nous permettre de faire sauter l’ouvrage sans sortir. Malheureusement, l’ attaque allemande a devance l’achevement de ces travaux et le poste de securite sera donc, comme prevu initialement, en plein air. Le 10 mai 1940 Le jeudi 9 mai 1940 ä 14 heures, je prends la garde du viaduc ä Pb/fl. (ä part T’un ou l’autre, je ne me rappelle plus les noms de mes compagnons). Jusqu’ä 23 heures, les rapports telephoniques se succedent, identiques - «Ici PhIfI ‚le sergent Jobe, rien ä signaler» les caporaux disent de meme.
40 Vers minuit, l’officier de garde & Hombourg telephone: «Tenez les hommes en armes, redoublez de vigilance, personne au repos dans le corps de garde. Dehors les sentinelles sont doubles». Vers 1 heure du matin (nous sommes le 10 mai), je recois par tele- phone l’ ordre d’amorcer; ce que je fais avec l' aide du soldat Joret. J’ en- voie un homme dä la gare pour signaler la chose. A ce moment, notre seul souci Etait de conclure ä la suppression des permissions et nous pen- sions d une alerte semblable ä celle de janvier. Cela nous amene lentement ä l’aube et vers 5 heures, je decroche pour signaler le passage d’avions ennemis au-dessus de nos tetes. L’officier repond: «Qui, tenez-moi au courant.». Bientöt, nous entendons canonner vers les Trois Bornes. Je d&croche‘ dä nouveau pour signaler la chose et la reponse de Hombourg vient comme une douche: «Qui, je sais, faites sauter votre destruction». BO DA A RR Je regarde mes compagnons pre- VO S 8 sents au corps de garde et ne trouve SE N We rien d’autre ä dire que: «Ca y est». H NA £ Tout se passe tres vite. Retrait des SZ A sentinelles, regroupement des velos &- NZ EB paquetes, deroulement des fils jus- fe qu’ä la pile 10. Les hommes vont jus- Ä Zu KO “7 BE qu’au passage & niveau, sauf Joret Bf AA Wa 3 ; et un autre; j’attache mes fils & un [* ß N af AR exploseur lourd et je me rappelle ne |“. 78$ 4 8 7 FACE fi pas avoir detruit l’ installation t&16- [whufAEESNE MA phonique du corps de garde. Un des a Pr deux hommes y retourne pour arra- AS X cher les fils et revient en courant. A plat ventre, a cöte de l’ exploseur, un petit tour de clef et tout «pete». Je fais alors sauter la route et nous rejoi- gnons le peloton qui nous attend aux chicanes. Accueil enthousiaste du Lt Bloom et la retraite commence avec des hommes qui n’avaient meme pas une Egratignure. Nous saurons plus tard que ceux de Hergenrath n’avaient pas eu la meme chance et que la plupart etaient restes en dessous des debris de leur pont en remplissant leur devoir. Sergent Maurice Jobe Cie de Henri-Chapelle
43 1947 (faute d’approvisionnement en acier). Les autres suivirent ä un rythme normal, jusqu’ä 1l’ach&vement du travail le 14 d&cembre 1948. Des centaines d’ouvriers de la r&gion furent occup6&s ä la r&alisation de ces travaux. La ligne fut remise en service le 2 octobre 1949 soit 5 ans aprös la fin des hostilit&s. Sn 8 en 4 - 2 A . a 3 “ = R u OE 8 en a) 2025 25x aa SUN gap ; kn a kn a 1. 2 AO Im f #3 Tal n Reconstruction du viaduc en 1947 a SE ZZ SZ Ze | er A UNESNaN 7 | iA z A Blende ee SS“ Se SS s AM l el 14 0 ml Pen DEREN FARSTAN STANS TA Mae ISBN A: 1] Et & San | EN ] | [1 ol DA = Mi Fig. 493. Diverses phases de montage du viaduc : 1, Yunr-d’enzembla-duspontsder service; 2. Lancage du pont de service; 3. Montage d’un tablier.
44 NS | \NT N "Zi N S & >. Ö N) . S ä MEAN 7 [| | KEN RM 5. a Fa“ E u. = A 1 I A339 % 2 ZN = z a FE ala 4 ze N A LE u I a SO HS DENN SP De. ei DZ Sr ae N Ss YA BES N En = «3 EP ET nr Morespet) 5 Va Da m — nn WVue du viaduc de Moresnet avec, ä l’avant-plan, la ligne 39 et, venant de la droite, la ligne 39A (Kelmis-Moresnet) S Salat de Moresnet Le main chris 016 FE AAN VASE A ANPENASENN FSNSAN | Eng e - a] 8 En PEST TO A He vn WA - EA A a 5 WO GDER 73 hei 0 sl ug BEE SR = EA a EA Vue sur le viaduc et le moulin Schyns VII Une grande gare de triage en amont du viaduc: «la gare de Montzen Le trafic marchandises a Montzen est florissant durant les ann&es 1960- 1970, (1951: 342 000 changes avec 1’Allemagne; en 1968, 829 000 Echanges). Le triage sera modernis€ en gare de Montzen en 1971.
45 Se SS a A = A B-, \ ” % e ES iz 7 mE Me Ze Z Ci DE s er“ N a f - An - ; WVue d’ensemble de la gare de Montzen En 1974, est cr&€ le gigantesque entrepöt SOCOMANEX. En 1974 &galement, la gare est dirigee ä partir d’un poste de com- mande sur&lev6€, il est situe au sommet d’une tour de 28,5 m. En 1984, la moiti€ de la gare est Electrifige. En 1985, suite a la suppression des «gares frontieres», Montzen perd son statut de gare de triage. Cette decision politico-&conomique aura un impact social important; en effet, le nombre d’agents qui Etait de 500 en 1974, sera r&duit a 130 en 1990. En 1972, la suppression des douanes jouera un röle majeur dans le declin de la gare. Il est important de signaler que la voie entre le port d’Anvers et Montzen est totalement &lectrifige (3000 v en courant continu); du cöt€ allemand, les deux voies principales le sont aussi (15 000 v en courant alternatif). Des relais de traction qui assurent la continuite de la circulation sur 7 km non &lectrifi&s (dont le viaduc) entre le tunnel de Botzelaer (Gemmenich) et Montzen, entrainent une activit& suppl&mentaire en gare de Montzen. VIII L’ouvrage d’art de Moresnet remis ä neuf le 10 janvier 2005 Les imperatifs d’exploitation du XXIe s ont d’abord &te definis par la SNCB: le viaduc de Moresnet devra livrer passage aux trains ä la vitesse 6
47 N Sa 2 8 2 RE a AN 222 8 N = SM Won HS 8 aM MB 522222 28 KA 2 a Ca N SA a ) A EN ; ea “85 A "ANE » 5 3 A LAANAWIAN ME AO Sl Üben Pr Er N Be ES pas = N ET S a EL S ni FE 5 s ü üs nA Acheminement du portique de manutention vers Moresnet EN OO ANNE A AU A m nl a“ ie kin A WET SS 8 nn Descente d’un ancien tablier village de Montzen. Dans le hall, on assemble le treillis metallique ne- cessaire A la construction des tabliers; quand la structure est prete, elle passe dans la deuxieme partie oü 1’on betonne la dalle de pont. Enfin, dans un troisieme endroit, on pose une couche d’£tancheite, le ballast, les traverses, les rails et les passerelles.
48 1 ; < PS OS SS en a = | A BR AD 2 7 7 na 0 ES ea 2 EN AS Sa, WM “a MA bs ie 8 Ba a5 UNS x Va EN AN VAN. En ‘ PS AR 5. AS 1 zn A A S ZE. a 3 ® gg FE ; 5 a „18 @ E D SZ ) DM AA 8, OP SL DE KA BE a. ANZ a HT) Rn: | rm X ZN ZA: BI \ j 8 2003 & > DS u A A 4% "za £ Hr WANNA NE. 5 ——— A m Wi | ZN N NIZN8 VAN SS Quelques vues de l’avancement des travaux prises le 22 aoüt 2003
49 L’acheminement des nouveaux tabliers (700 tonnes) sur le site du via- duc ne manque pas d’originalite. A sa sortie du hall de montage, chacun d’eux est accroche ä un portique g&ant de manutention, haut de 28 m@- tres et pesant 500 tonnes. L’ensemble est alors pose sur deux fois 20 lorries (des petits bogies a deux essieux) qui empruntent la double voie de la ligne 24 entre la gare de Montzen et le viaduc de Moresnet, soit une distance de 750 möetres environ. Pour accomplir ce d&placement hors du commun, le portique, auquel est fixe le tablier, est pousse par deux 10co- motives, une sur chaque voie. La charge totale de cet extraordinaire con- voi — une premi@re en Belgique - pese donc 1200 tonnes et met un mini- mum de 3 heures pour parcourir les 750 metres, soit moins que la vitesse d’un homme au pas. Lors du placement des tabliers, les portiques de 500 tonnes descen- dront lentement les anciens tabliers jusqu’au sol, ceux-ci sont prealable- ment d&coup$s en trois parties. Ensuite sera place le nouveau tablier. Pas moins de quatre-vingts personnes travaillent d’arrache-pied sur ce chantier; dont vingt oeuvrent A la construction des tabliers en gare de Montzen et soixante sur le site du viaduc, ol 1’on r&nove et consolide les piles. - . . 2 “ Ca En R A —_—_—_ En a Fa ER S ba Sn zZ EEE nn EL Destination Irak: materiel militaire americain vehicule par la ligne 24 (voir €galement photo suivante)
50 NND A a AU BANN 5 EZ A EEE SEN Du materiel militaire venant d’Allemagne en route vers le port d’Anvers Lorsque les travaux seront achev6s, la largeur du chemin de fer sera de 11 mötres contre 9 möetres pre&c&demment. Jusqu’au 10 janvier 2005, date d’ach&vement des travaux, afın d’&vi- ter le viaduc pendant les WE de pose des tabliers, les trains seront de- tourn6es via la ligne 39 Montzen-Welkenraedt, dont la structure a &t& com- pletement revue, les trains emprunteront alors la ligne 37 Welkenraedt- Aachen. XIX Une electrification en vue...? Comme nous l’expliquons par ailleurs, entre la gare de Montzen et le tunnel frontalier de Botzelaer (Gemmenich) un hiatus de 7 km separe les catEnaires des deux r&seaux. Comme, dans 1’avenir, le trafic des mar- Chandises se doit d’&tre accel&re, la decision de proc&der a 1’&lectrifica- tion de ce chainon manquant a finalement &t& prise, une zone neutre separant les deux tensions d’alimentation sera pre&vue en pleine voie, ce qui n&cessitera obligatoirement l’utilisation de locomotives polytension, mais ceci est une autre histoire... Documents consult&s: «Les nceuds ferroviaires des trois frontieres», Albert Stassen Revue „Im Göthal“: «Der Viadukt von Moresnet“, A. Aldenhoff Bd. 21, S 75 Journal du Chemin de Fer n° 132 et 133 TE&moignage A, Tychon Photos: Joseph Langohr, Marcel Voncken, Alfred Tychon, M. Delie Documentation personnelle
51 Die Eröffnung der Eisenbahnstrecke Köln-Antwerpen aus der Sicht eines ... Taschendiebes von Alfred Bertha Im Korrespondenzblatt vom 23.8.1848 fanden wir eine köstliche Schmunzelgeschichte, die sich auf Geschehnisse am Rande der Feierlichkeiten zur Eröffnung der Eisenbahnstrecke Köln-Antwerpen vom 13.-17. Oktober 1843 bezieht. Die Zeitung betitelte die Geschichte mit „Die Diebe in Köln‘. Hier der Bericht: Im Jahre 1844 fand man in einem der Kasten, die in Brüssel an verschiedenen Orten zur Anzeigen-Sammlung für die Zeitungen angebracht sind, folgenden Aufsatz: Alle öffentlichen Blätter haben die Festlichkeiten, die bei der Eröffnung der rheinisch-belgischen Eisenbahn stattgefunden, sehr weitläufig beschrieben, ohne der ausgezeichneten Diebstähle zu erwähnen, die bei dieser Gelegenheit mit so großer Geschicklichkeit ausgeführt worden sind. Wir besitzen auch unsere Eigenliebe, wie alle anderen Menschen, und fühlen uns geschmeichelt, wenn man uns Gerechtigkeit widerfahren lässt. Diese Gerechtigkeit, die schönste Belohnung für unsere Bemühungen, werden uns alle diejenigen gewiss nicht vorenthalten, die damals bestohlen worden sind. In dem Augenblicke ihres Verdrusses werden sie uns geflucht haben; doch das verzeihen wir ihnen von Herzen. Aber bei kaltem Blute müssen sie jedenfalls eingestehen, dass es ein wahres Vergnügen ist, so bestohlen zu werden. Gewöhnlich lässt man den Dieben nicht eher Gerechtigkeit angedeihen, als bis man selbst beraubt worden, Man spricht groß, knöpft seinen Rock recht fest zu, verbirgt seine Uhr, seinen Geldbeutel, das seidene Sacktuch und ruft mit einem selbstzufriedenen Lächeln: Die Diebe sind doch nicht so schlau, wie man sagt, sie führen nur Dummköpfe an; seht mich, mir hat man nie etwas genommen. Diese klugen Herren kommen jedoch auch an die Reihe, und dann hören wir zu unserer Genugtuung die Worte: Die Diebe sind doch schlau, denn wer mich anführen will, der muss früh aufstehen! Man hat die Zahl der Diebe, die Köln ausgebeutet haben, sehr übertrieben, während man hinsichtlich der Anzahl der Diebstähle weit hinter der Wahrheit zurück geblieben ist. Das zeugt, beiläufig gesagt, für unsere Gewandheit, worauf wir mit Recht stolz sein können.
52 In einem an die Polizei von Köln erstatteten Bericht hat man zur Zeit der oben erwähnten Festlichkeiten die Menge der Raubgesellen auf 100 angegeben. Hundert Diebe, großer Gott! Die hätten sich ja unter einander bestehlen müssen, wenn sie auch nichts als Wasser trinken wollten. Es waren doch vielleicht noch mehr vorhanden, indessen sind es solche, die diesem Namen keine Ehre machen. Die Tagediebe Kölns sollen sehr geneigt sein, kleine, leichte Entwendungen zu begehen, und man muss gestehen, dass diese schöne Stadt auch in dieser Beziehung einige Berühmtheit erlangt hat. Doch von diesen kleinen Veruntreuungen bis zu einem berechneten, kunstgerechten Diebstahl ist ein weiter Weg. Die berüchtigte Ausgabee, die Köln an jenen Festtagen ausgebeutet hat, bestand, jetzt, da alles vorüber ist, darf ich es dreist sagen, aus sechs Mitgliedern, nämlich vier Männern und zwei Frauen. Von den vier Männern waren zwei Italiener und zwei Franzosen; diese beiden Nationen passen herrlich zusammen: der Franzose ist in der Strategie, der Italiener in der Taktik erfahren; mit anderen Worten: Der Franzose berechnet und bereitet vor, der Italiener handelt. Ich bin einer von den Italienern. Wir haben ein Sprichwort in Italien, das folgendermaßen lautet: Chi e menchione, resti ä casa (Wer linkisch ist, bleibe zu Hause). Als ich vierzehn Jahre alt war, zwangen mich meine politischen Ansichten, mein Vaterland zu verlassen. Seitdem bewohnte ich Frankreich, das Land der Künste und der Industrie, bis meine geschwächte Gesundheit mich nötigte, jeden Sommer die Bäder zu besuchen. Mein Genosse, der andere Italiener, ist derselbe, der sich auf einem Balle in Köln hat festnehmen lassen. Dieser Mensch hatte einen großen Fehler begangen: Er stahl ohne Handschuhe, was durchaus gegen den Anstand ist. Indessen machte er seinen Fehler durch die Geschicklichkeit wieder gut, mit der er seine Unterhandlungen mit der Polizei führte. Er ist jetzt wiederum mit seinen Freunden vereinigt, die sich beeilen, ihn für das zu entschädigen, was ihm die Arretierung gekostet hat. Die beiden Franzosen hatten bis dahin in Aachen ihr Wesen getrieben. Die Frauen kamen aus Wiesbaden, wo sie einen Engländer und einen Russen zurückgelassen, denen sie die Ehe versprochen hatten. So waren wir also sechs, nicht mehr als sechs, und ich kann wohl sagen, dass ein jeder von uns mit Hilfe des Rheinweins und der Begeisterung für 25 gearbeitet hat. Da wir gerade am Rhein sind, so sei es mir erlaubt, den Herren Verwaltern der Kölnischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft meine Dankbarkeit für die Vergnügungen zu bezeugen, die sie mir verschafft
53 haben. Die Gastlichkeit konnte nicht mit mehr Pracht und edlerer Aufmerksamkeit geübt werden. Man trieb es sogar so weit, dass man nach dem Frühstück nicht einmal die silbernen Bestecke zählte. Es wurde an Bord eine Collecte für die Schiffsmannschaft gesammelt, ich fühlte mich so glücklich, dass ich zehn Franken gab. Ich bedauerte, dass ich nicht mehr tun konnte, aber das war das ganze Geld, das ich in der Börse eines höheren Eisenbahn-Beamten gefunden hatte, der sich mit seinem in Silber gestickten Anzuge brüstete. Die Spazierfahrt wird ihm mehr gekostet haben als mir. Zur Zeit der Eröffnung der belgisch-rheinischen Eisenbahn war in Baden die Saison beendigt und man durfte annehmen, dass die Bewohner und Spieler Aachens sich in großer Menge nach Köln begeben würden. Dort war also das meiste zu machen. Köln wird unter den Städten, wo ich gedient habe, immer einen ausgezeichneten Rang einnehmen: wir machten daselbst einen herrlichen Feldzug von drei Tagen, der allein so viel einbrachte, wie eine ganze Badesaison. Bei der Bescheidenheit, die mir eigen ist, kann ich nicht umhin zu erklären, dass uns die Sache sehr leicht gemacht worden ist. Für die Diebe ist die Polizei in Köln ganz vortrefflich. Sie würde eher den Beraubten als den Dieb unter dem Vorwande festnehmen, dass er durch seine Klagen die Ordnung störe. Wir wussten an Ort und Stelle drei Tage vorher, was für Personen den Feierlichkeiten beiwohnen würden. Wir hatten so gute Erkundigungen eingezogen, dass wir unsere Einnahme im Voraus berechnen konnten. Einer von uns, der als Plänker vorausgeschickt worden war, hatte Mittel gefunden, sich unter die Beamten der Kaufleute aufnehmen zu lassen, welche abgesandt wurden, die belgischen Beamten und Kaufleute in Antwerpen zu begrüßen. Unser Abgeordneter sollte, wenn sich ihm nicht eine zu glänzende Gelegenheit darböte, keinen Diebstahl wagen, damit die Aufmerksamkeit nicht zu früh geweckt würde. Bei dem Gastmahl in der Antwerpener Börse wäre ihm jedoch beinahe eine solche Gelegenheit geworden. Unter den Gästen hatte er einen jungen Kaufmann von gutem Äußeren bemerkt, dessen Brust eine Tuchnadel mit einem Diamanten von ungewöhnlicher Größe und wunderbarem Glanze schmückte. Der Träger dieses kostbaren Kleinods zeigte es überall mit großer Selbstgefälligkeit und fügte, um die Bewunderung der Neugierigen zu steigern, stets hinzu, dass der Brillant fünfundzwanzigtausend Franken wert sei. Diese Schätzung war allerdings etwas zu hoch; aber unser Abgesandter, der ein geübter Kenner war, schlug ihn sogleich zu fünfzehntausend Franken an. Eine Tuchnadel ist ein
54 schwieriger Diebstahl, da man unter den Augen des Eigentümers agieren muss und die Nadel in der Regel mit einem Haken befestigt ist. Diese Hindernisse würden jedoch meinen ehrenwerten Amtsgenossen nicht abgeschreckt haben, obgleich er allein, und folglich des Beistandes beraubt war, den wir ihm unter gewöhnlichen Umständen hätten leisten können. Er versuchte, sich dem Kaufmann zu nähern, was ihm zwar mit vieler Mühe gelang, aber zu spät um zu handeln. Der Kaufmann entfernte sich in dem Augenblick, wo unser Abgesandter im Begriff war, ihn zu erreichen. Er hatte sich aber wohl seine Züge gemerkt und hoffte, ihn uns in Köln zu überliefern, wo die Tuchnadel gewiss in unsere Hände gekommen wäre; doch er konnte ihn weder in Lüttich, noch bei der Zeremonie im Geultale, wo unsere Arbeiten mit dem glänzendsten Erfolge begannen, noch in Köln wiederfinden. Nichts ist den Dieben so günstig, wie eine schöne Aussicht oder ein merkwürdiges Denkmal. Das reizende Geultal und sein ungeheurer Viadukt mit zwei Bogenetagen ' ist uns so behülflich gewesen, dass, wenn die Brücke je einstürzen sollte und man sie durch allgemeine Beiträge wieder aufbauen wollte, ich mich ehrenhalber verpflichtet halte, für 500 Franken zu unterzeichnen. Auch kam uns bei dieser Gelegenheit die französische Beredsamkeit des belgischen Ministers sehr zu Statten, den die Deutschen mit wahrer Verwunderung hörten; so wie auch die deutsche Beredsamkeit des Präsidenten der preußischen Eisenbahnen, dem die Franzosen und Belgier gewaltsam applaudierten! Beifall klatschende Hände hüten die Taschen schlecht. FE En Es 3 SR CE Ansicht der Hammerbrücke bei Hergenrath (Lithographie v. Fr. Wittfeld)
55 S PN EEE 2 ) A ; AD } en A NS X 5 - EN SE * Pa SON ARE V &- ö Sr SC E x. \ NEN A I Sy N Ef . {4 | ZEN # 8 Y SS A BEZ de EN VE TOAST ( \ . | ME v8 MI Sa. . | St f MM SI \ 7 Aal WI Se N | ED 'v | EN al Se Eh 4 KR 4 ll N | EAN JENA URN WER 4 N MEN x S SS A N A < X an 1a | ze N N SL \ Te u 4 y A ANGE 8 wel N \ Ss f A ü SB / Na A ADD N & ; x x NEO Zur Erinnerung an die „Eröffnung der Eisenbahnstrecke Verviers-Aachen‘““ (nicht Antwerpen-Köln!) wurde eine schöne Gedenkmünze geprägt, die auf der Vorderseite im oberen Feld die personifizierten Länder Frankreich (links) und Preußen (rechts) zeigt, wie sie durch die „Belgia‘** zusammengeführt werden. Links und rechts dieser Gruppe die Kathedrale von Antwerpen bzw. die Hammerbrücke und der noch unvollendete Kölner Dom. Darunter die Flussgötter Rhein (rechts) und Schelde (links) sowie der Heroldstab, das Zeichen des römischen Handelsgottes Merkur. Das Ereignis wurde vom Künstler unter den Gedanken der Völkerverständigung und der Handelsverbindungen Schelde-Rhein gestellt. Der Anfang war glänzend gewesen, aber wir hätten beinahe einen schrecklichen Unfall erlitten. Einer von unseren französischen Genossen hatte der schönsten von unseren beiden Damen den Arm gegeben, um mit ihr in das Tal hinabzugehen. Die Schöne zog durch ihr sanftstrahlendes Augenpaar alle Blicke auf sich. Unser Freund nutzte die Bewunderung, die seine Begleiterin erregte, und fing an, die Taschen eines Belgiers, der mit tiefer Rührung die deutsche Beredsamkeit anhörte, mit der ihm
56 eigenen Gewandheit zu durchsuchen. Unglücklicherweise hatte er nicht bedacht, dass der Belgier zu gerührt war. Er hatte nicht bedacht, dass eine so tiefe Rührung eine Überschwemmung herbeiführen musste. Während mein ehrenwerter Kollege arbeitete, rann dem Belgier eine Träne über die Wangen herab. Er wollte sein Taschentuch hervorholen, aber statt dessen ergriff er eine Hand, die er, ohne einen Laut hören zu lassen, ja selbst ohne sich umzusehen, mit unwiderstehlicher Gewalt festhielt. Unser Freund hielt sich für verloren und dachte schon daran, im Guten zu unterhandeln, als der deutsche Ruf „Es lebe der König!“ erscholl. Da fühlte er plötzlich, dass die Hand, die ihn wie eine Zange umklammert hatte, etwas locker ließ. Der Belgier widerstand nur mühsam der Versuchung mit einzustimmen. Unser Genosse benutzte diesen ” Augenblick, befreite sich durch eine gewaltsame Bewegung und verlor sich unter die Menge. Als der Belgier sich umdrehte, sah er der schönen Dame in die großen klaren Augen. Da regte sich ein anderes Gefühl in seiner Brust, das sich seiner so stark bemächtigte, dass er das von der preußischen Musik angestimmte deutsche Nationallied darüber vergaß, der hübschen Frau, die ihren Cavalier verloren zu haben schien, den Arm bot und sie ganz artig dem Diebe wieder zuführste, den er natürlich nicht wiedererkannte. Wir hatten viel auf das zu Aachen für 1000 Verhungerte bereitete Frühstück gerechnet: Dort musste etwas zu machen sein. Aber das Schicksal wollte uns nicht wohl und vereitelte unsere Hoffnungen. Was wir indessen in Aachen verloren hatten, gewannen wir doppelt zu Köln auf dem Stations-Hofe der Eisenbahn, denn dort wurde unserer Tätigkeit ein weites Feld eröffnet. Die Zeitungen haben viel von einer Uhr gesprochen, die einem hohen Beamten entwendet worden ist, und deren Wert auf 800 Franken angegeben wurde. Ich kann über diesen Diebstahl nähere Auskunft geben, denn ich bin der Dieb, doch habe ich für diese Uhr von 800 Franken nie mehr als 500 lösen können. Die Sache verhält sich folgendermaßen: Ich wusste mir in Köln zu dem großen Gastmahl, das die Stadt zur Feier des Tages veranstaltet hatte, Zutritt zu verschaffen. Ein herrliches Mittagessen, die Speisen wurden sogar, was bei solchen Gelegenheiten selten ist, warm aufgetragen, und was für vortreffliche Weine! Ich saß neben einem dicken, kahlköpfigen Herrn, von gutem Äußeren, den ich sehr unterhaltend fand. Sechs Plätze von mir entfernt bemerkte ich einen Mann, für den ich sogleich eine unerklärliche Zuneigung empfand. Obgleich er nicht mehr ganz jung war, so machten ihn seine schönen
5% schwarzen Haare und seine geistreichen Augen tausend Mal verführerischer, als es ein Jüngling sein kann. Wenn ich eine Frau wäre, so würde ich ihn in meine Arme geschlossen und um seine Liebe gebeten haben. Er trug einen blauen, mit Gold gestickten Leibrock, dessen Knopflöcher mehrere Ordensbänder zierten. Wie es schien, wurde ihm die Zeit lang, denn er zog jeden Augenblick seine Uhr heraus, aber welch eine Uhr!...Das Wasser lief mir sogleich im Munde zusammen. Er spielte zierlich mit dem reizenden Kleinod, zeigte es seinem Nachbar, und sagte: „Sehen Sie, es ist schon spät, lassen Sie uns ins Conzert gehen.“ Ich hatte diesen Mann gern, ich wurde mit unwiderstehlicher Gewalt zu ihm hingezogen. Nein, dachte ich bei mir, den werde ich nicht verlassen, ohne ein Andenken von ihm mitzunehmen. Von dem Augenblicke an war die Uhr mein, doch bekam ich sie erst den zweiten Tag nachher. Ich traf den hohen Beamten wieder auf der Fahrt nach dem Siebengebirge, wo ich eine Minerva eine Kanonenkugel abfeuern sah. Dieser Minerva habe ich nichts entwendet, obgleich ich auch von ihr gerne ein Andenken mitgenommen hätte. Dem hohen Beamten musste ein wenig frostig sein, denn er hatte über seinen goldgestickten Leibrock einen Überrock angezogen, der bis obenhin zugeknöpft war. Ich sah die Uhr durch die doppelte Kleidung, hörte ihre Schläge, die mit denen meines Herzens übereinstimmten; aber es war unmöglich, dazu zu gelangen, oder ich hätte mit einem Federmesser den Überrock, Leibrock und die Weste durchschneiden müssen, doch hielt ich es nicht für nötig, zu diesem äußersten Mittel zu schreiten, denn ich war überzeugt, dass sich mir eine günstigere Gelegenheit darbieten würde. Ich schlief die Ganze Nacht nicht; es blieb mir nur noch ein Tag übrig, und die Uhr war zu meinem Glück unentbehrlich. Um 11 Uhr ging ich in den Dom, wo ich Beschäftigung zu finden hoffte. Der Dom von Köln ist prachtvoll, aber um ihn gehörig beurteilen und die herrliche Bauart des Schiffes auffassen zu können, muss man lange in die Höhe sehen, und dann füllt Bewunderung die Sinne des Beschauers. Ich benutzte das Staunen der anderen in reichlichem Maße. Doch das Gold, die Kleinodien, die aus meinen Händen in die meiner aufmerksamen Kameraden übergingen, hatten keinen Wert für mich, ich verachtete sie. Was kümmerten mich die eitlen Reichtümer, ich dachte nur an die Uhr. Ich war im Begriff, das Schiff zu verlassen, um mich in das Chor zu begeben, als ich plötzlich den hohen Beamten bemerkte, der
58 mit einer Dame die Stufen herabstieg, die ich hinangehen wollte. Meine Freude war unbeschreiblich. Der hohe Beamte trug diesmal einen einfachen schwarzen Leibrock und eine weiße Piketweste, worauf sich eine feine goldene Kette schaukelte. Ich schloss die Augen, um nicht verwirrt zu werden, und eine Sekunde später glitt die Uhr mit einem Stück von der Kette in meinen Ärmel. Ich übergab sie aber nicht meinen Kameraden, sondern legte sie auf mein Herz, wo sie auch geblieben ist, bis ich 500 Fr dafür erhalten habe. Mit meiner Eroberung zufrieden, verließ ich die Kirche, und nahm mir vor, bis Sonnenuntergang nichts mehr zu stehlen. Übrigens würde es auch schwer gewesen sein, noch etwas zu unternehmen, da die Feierlichkeiten bis zum Abend unterbrochen waren. ' Von den drei Tausend Fremden, die mit der Eisenbahn nach Köln gekommen, waren 500 bestohlen worden. Man sprach nur von Diebstahl, und jeder war auf seiner Hut; wir konnten also nur noch von dem Balle etwas hoffen. Erst um 10 Uhr trat ich in den Tanzsaal; meine drei Kameraden waren mir dahin voraus geeilt, und ich konnte ihrem Diensteifer meinen Beifall nicht versagen. Sie hatten wie kleine Engel gearbeitet, und es soweit gebracht, dass im Saale ein allgemeiner Schrecken herrschte. Ich riet ihnen daher aufzuhören und sich unbemerkt zu entfernen. Aber der Appetit kommt erst beim Essen, und wären sie schon übersatt gewesen, so würden sie doch noch mehr verlangt haben. Um mir die Zeit zu vertreiben, tanzte ich einen Galopp. Das Armband meiner Dame war schlecht befestigt und als sie zu ihrer Mutter zurückkehrte, bemerkte sie, dass es verschwunden war. Ich erbot mich, es zu suchen, und fand es am anderen Morgen... in meiner Tasche. Das Fräulein hat sich übrigens über diesen Vorfall nicht zu beklagen gehabt, denn alle Zeitungen berichten über den Verlust ihres Armbandes mit der Formel: „Eine hübsche Brüsselerin‘. Wenn sie wirklich hübsch ist, so muss sie sich gefreut haben, dass man es bemerkt, und die Presse es mit ihren tausend Stimmen der ganzen Welt mitgeteilt hat. Ist sie es nicht, so ist ihr dadurch ein süßer Traum zu Teil geworden. Plötzlich tönte der Ruf: „Diebe! Diebe!“ durch den Saal. In solchen Fällen war unser Benehmen unwiderruflich festgesetzt. Man verlässt denjenigen, der entdeckt worden ist, um später für seine Befreiung oder Verteidigung zu wirken. Es waren kaum fünf Minuten verstrichen, als wir uns an einem für Unglücksfälle bestimmten Versammlungsort einfanden. Es war einer von den Unsrigen ertappt worden; er hatte sich
SO aber auf diesen Fall vorgesehen. Ehe er seine Wohnung verließ, borgte er sich drei Taler von seinem Wirt und diese Summe fand man noch in seiner Tasche; alle geraubten Kostbarkeiten waren schon in den Händen seiner Genossen. Er behauptete, dass er unschuldig sei. Man glaubte ihm nicht und wenn er es wirklich gewesen wäre, so würde man ihm doch keinen Glauben geschenkt haben. Doch da man ihn nur durch eine langwierige Untersuchung überführen konnte und sich niemand fand, der die Kosten des Prozesses tragen wollte, so zog man es vor, unseren Kameraden in Freiheit zu setzen, so sehr der Schein auch gegen ihn sprechen mochte. Die Luft von Köln war nun nicht mehr gesund für uns. Den anderen Morgen waren wir die ersten auf dem Eisenbahnhofe, um nach Aachen abzufahren. Vor mir im Wagen saß ein junger Mann, der sehr übler Laune zu sein schien. Ehe wir noch die erste Station erreichten, hatte er mir erzählt, dass man ihm auf dem gestrigen Balle seine Börse mit 150 Fr. gestohlen habe und er nur noch einige preußische Taler habe, die er in Belgien nicht mehr werde gebrauchen können. Ich bot ihm dafür ein Zehn-Guldenstück an, das vielleicht aus seiner Börse herstammte, und er überschüttete mich mit Artigkeiten. Wenn nun jemand fragt, warum ich dies niedergeschrieben habe, so diene zur Antwort, dass ich durch mehrere glückliche Feldzüge, besonders durch den in Köln, in den Stand gesetzt bin, aus der Klasse der Diebe in die der Befehlbaren zu treten, bis ich zu der der Bestohlenen gehören werde, und ein Andenken an meine letzte glänzende Expedition zu behalten wünschte. Pietro Machetti. Anmerkungen '_ In Antwerpen hatten die Feierlichkeiten am 13. Oktober 1843 in der Börse mit einem Festbankett für nahezu 500 Gäste begonnen. In Lüttich hatte man die neue Verbindung am 14. Oktober in Anwesenheit des deutschen Botschafters in Brüssel gefeiert. Am 15. Oktober, vormittags, am Tag der Geburtstagsfeier des Königs von Preußen, hatten die belgischen Züge die Grenze in Herbestahl überschritten und waren an der Hammerbrücke in Hergenrath von den deutschen Behördenvertretern feierlich empfangen worden. Über Aachen ging dann die Fahrt nach Köln, wo bis zum 17. Oktober alles im Zeichen der neuen Schelde-Rhein-Verbindung stand. Das große Diner, von dem der Bericht unseres Taschendiebes spricht, fand im Kasino statt. Abends gab die Harmonie Gesellschaft aus Brüssel ein Konzert im Gürzenich. ?_ Der Aufenthalt in Aachen dauerte nur etwa eine Stunde; den Reisenden wurden zwar Erfrischungen angeboten, aber es bot sich wohl keine „Arbeitsmöglichkeit“ für unseren Taschendieb!
60 September von Maria Theresia Weinert Das Licht ist sanfter, wie Gold hinter Bäumen, Silber im Bach — Die Drosseln schweigen. Spinnfäden schimmern, zaghaft nur duftet . das Rosenbeet, die Schatten wachsen. Rot blühen Disteln, aber das Birkengrün ist grau geworden, die Nesseln wuchern. Die Tage sind windlos, ein Vogelzug schreibt Fragmente ins Blaue, der Sommer geht.-
62 2. Kannten die Erbauer der „Roetze‘“ die Höhlen und das daraus fließende Wasser? 3. Wenn ja, dann war die Wasserversorgung der Burg strategisch ideal. Ab Quelle bis Burgbrunnen unterirdisch.... Vom Feind konnte das Wasser nicht abgegraben werden. Der gemauerte Kanal verläuft im Tal, so dass keine großen Erdarbeiten zu verrichten waren, mit Ausnahme beim Anstieg zur Burg. Ein’ Rutengänger könnte den Verlauf des Kanals feststellen. Den älteren Raerenern, so schreibt der Präsident des Verkehrsvereins Raeren, Herr Kurt Scheiff, in einer Veröffentlichung des Vereins, ist die Höhle unter dem Namen Zwerghöhle bekannt, Sie befindet sich in der * Nähe des Marienheimes... Besieht man sich den noch erkennbaren Eingang, so ist unschwer festzustellen, dass er sich in einem stillgelegten Steinbruch befindet. ... Der Eingang befindet sich auf einer Höhe von 295 m über dem Meeresspiegel. Der Verlauf der Höhle ist horizontal, jedoch mit kleineren Abstiegen. Von Ost nach West gemessen, beträgt die Länge ungefähr 67 Meter... Wie auf der Skizze ersichtlich ist, eröffnen sich uns einige größere Räume und Nebengänge. Im weiteren Verlauf folgt ein langer schmaler Gang in westlicher Richtung, der wiederum in einem größeren Saal endet. Wie weiter berichtet wird, gibt es dort wunderschöne Stalaktiten. Allerdings, so die Höhlenforscher, ist festzuhalten, dass ein großer Teil dieser Stalaktiten abgebrochen wurden und sich heute an der Grotte der hl. Jungfrau Maria und am Kreuzweg des Marienheimes befinden...‘ N 4 0 $ R Z z Ca ma en Ahaenfee 17500 np Höfteneingang Skizze der „Zwerghöhle“ in Raeren
64 Jugendarchäologie in Hergenrath Freilegung der Fundamente der alten Schule durch die Jugendlichen des Hergenrather Jugendheims Ein Bericht von Caroline Leterme, Archäologin, und den Jugendlichen aus Hergenrath (Leiterin: Mireille Schöffers) in Zusammenarbeit mit Karl-Joseph Pankert Bereits Ende des Jahres 2002 entstand bei den Jugendlichen des Hergenrather Jugendheims die Idee, sich mit Archäologie oder besser gesagt: mit Ausgrabungen zu beschäftigen. Diese Idee entstand nach der - Restaurierung der kleinen „Kapelle im Feld“ in Hergenrath in Zusammenarbeit mit Karl-Joseph Pankert. Dieses Projekt hatte das Interesse der Jugendlichen an der Geschichte Hergenraths und der Archäologie geweckt. Infolge dieses ersten konkreten Projekts fand am 11. Oktober 2002 für die Jugendlichen aus Hergenrath eine Veranstaltung im Saal „Im Winkel“ zum Thema Archäologie statt. Nach einem Vortrag von Caroline Leterme, Archäologin im Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft, über die Archäologie und ihre Methoden berichteten Alfred Bertha und Karl-Joseph Pankert über die archäologischen Funde, die in der Vergangenheit in Hergenrath gemacht wurden, sowie über die (vermutlichen) archäologischen Stätten des Ortes. Im Anschluss an diese Vorträge konnten Caroline Leterme und Karl- Joseph Pankert den Jugendlichen ein konkretes archäologisches Projekt vorschlagen: die Freilegung der Fundamente der alten Schule in Hergenrath. Es handelt sich hierbei um ein gemeinsames Projekt des Hergenrather Jugendheims und des Archäologischen Dienstes der Abteilung Kulturelle Angelegenheiten des Ministeriums der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft, namentlich Minister Hans Niessen, und die Gemeinde Kelmis unterstützen finanziell dieses Jugendprojekt. Die alte Schule in der Mühlenstraße Die Überreste dieser Schule befinden sich in der heutigen Mühlenstraße (Katasterparzelle Gemeinde Kelmis — Gem. 3 Hergenrath — Flur D — Nr. 402B, 341 und 342). Diese Schule, eigentlich das zweite Schulgebäude
65 in der Schulgeschichte Hergenraths, lag auf halbem Weg zwischen der damaligen Kirche (am heutigen Friedhof) und dem Königshof. A. Bertha berichtet, dass ein Protokoll einer Einwohnerversammlung vom 12. Dezember 1756 den frühesten bisher bekannten Hinweis auf eine Schule in Hergenrath liefert. Der Pfarrer hatte die Gemeinde gebeten, dem Schulmeister etwas Brand für die Schule zu stellen.' t ST AST MAN EEE = | Sy EZ fe S m ME“ A A en A E fTSAN Si DE x wL-AQ. SELV: j & TEA BED WW (Ei N N \ % k REN se Na SEES BE DS A N - nn # $ N LER Wa KX } HE BA VE GE BD A X FEN Sl NEE A WE ZEN VAN DZ? SA Na itt&pchof AM ge Zu fe Ca 200 5 ae An A \ 0 BA A ; SEN A Da DE N ZA 1 . SL AT N An SC BO EL A NS ZI d U N NN € X en } Et A A % - rn A » ES 8 nd . En Den im/Pungenwink A k6 < H SE Wis Ze 7 Ef ar Fa A Vf Pal EEE ne NUR. ‚Jö) HALLE en N EEE. KA A SB de En Sn EZIAN ; ; As ; HE AST EN N Ro NE AS SAAL . 7 Z 0 ES ; OD TE Katasterauszug von 1827 mit genauer Lokalisierung der alten Schule
66 Zu Beginn der preußischen Verwaltung (1815-1920) waren die Schulverhältnisse in Hergenrath sehr zerrüttet; in einem Schreiben von November 1817 beklagte sich der Hergenrather Bürgermeister Schrijnmecker bei dem Landrat in Eupen über den sehr schlechten Zustand des Schulgebäudes?. Die Gemeinde bat den Landrat, „er möge bei der Regierung in Aachen für sie intervenieren und eine Beihilfe von 600 Talern zur Erbauung einer neuen Schule erwirken‘“?. In einem Verwaltungsbericht vom Dezember 1817 schrieb der Bürgermeister: „Das Schulhaus ist in einem finsteren, sumpfigen Orte gelegen“; es könne kaum als solches gebraucht werden. Der Lehrer bewohne dieses Haus in Pacht. Die Mittel zur Erbauung eines neuen Schulgebäudes seien aber „weder vorhanden noch wegen dürftiger Umstände aufzubringen“. Wir wissen aber nicht, wo sich dieses erste Schulgebäude damals befunden hat. Die Überlieferung weiß heute nur noch von der Schule im sogenannten Punzen- oder Ponzenwinkel zu berichten.” A. Bertha schreibt, dass die Gemeinde das „Ponssen-,, bzw. „Punzenhäuschen“ erst 1825 von den Erben Berners erworben hatte. Zu dieser Zeit war dieses Schulgebäude auch in einem sehr schlechten Zustand. Zu der Ortslage dieser Schule berichtet A. Bertha : „Von der Kirche, am heutigen Friedhof gelegen, führte ein Wiesenpfad, der in den Königshof mündete, zur Schule. Diese muss etwa auf halbem Weg zwischen Altenberger Straße („Gut an der alten Kirche“) und dem Königshof gelegen haben‘“®. Am 8. November 1838 beschloss der Gemeinderat den Bau eines neuen Schulhauses in Angriff zu nehmen. Diese neue Schule’ wurde 1840-41 am „Pley“‘, wo „die meisten Häuser zusammenliegen“ fertiggestellt. Die Schulklasse war im Erdgeschoss und die Lehrerwohnung im Obergeschoss untergebracht. Eine erste Sondierung an der vermuteten Stelle der alten Schule Zeitzeugen, die die Fundamente des Schulhauses „Ponssen-‘““ oder „Punzenhäuschen“‘ noch gesehen haben, vermuteten die Reste der Schule irgendwo auf halbem Weg zwischen der Altenberger Straße und dem Königshof entlang eines ehemaligen Fußwegs. Der Landmesser Ghislain Schöffers konnte für uns anhand dieser Zeitzeugen und vor allem eines Katastersauszugs aus dem Jahr 1827 die mögliche Fundstelle etwas genauer lokalisieren. Am 29. November 2003 war es soweit: unter der Leitung der Archäologin C. Leterme nahmen etwa zehn begeisterte Jugendliche des
67 BA A AS A EL e. A A ER VE PM YES NA EP AN SE U ER WE SC ACT A AD 1 YA | Ps 4 M fi A 4 HE {f MM K W | UL | | Mes Es A Ra U N FA VERS PS / DEN: A % f kN KA A ges | & x Erste Spatenstiche an der vermuteten Lage der alten Schule am 29. November 2003 (Foto: C. Leterme, MDG) N AN U ES NO ES \ a N 4 E Da Sa 97 1 N ER NAT ES A A A (8 BEA N} ei 8 % DA EN ET ME BUN 5 / N (RR N BR, WEM SIE ANNE N HE N Ve 288. SEHR U SEE SEN 22 | AU AS NS SA a 118 a 7 A WS EA Hi m AU 17 Ef 41} A f 18 —_ N Y } 5488 Y A A N ur En SE X Eu £ AS .. TE E78 7 KU EE W- AM N \ SE < z 5 SE En 5 s / F A a VE 8 € 5 £ we vu 7 K < z CRD De VE / Wan 4 ME Die zahlreichen fleißigen Jugendlichen an der Arbeit (Foto: C. Leterme, MDG)
68 Hergenrather Jugendheims an einer ersten Sondierungsgrabung an der vermuteten Stelle der alten Schule in Hergenrath teil. Ziel dieser Sondierung war zu überprüfen, ob die Überreste des Gebäudes sich tatsächlich an der vermuteten Stelle befanden und erste Auskünfte über diese Fundamente zu sammeln. Um 10.00 Uhr begannen die Jugendlichen mit Spitzen und Hacken, mit Schaufeln und Schubkarren die Grabungsarbeiten. Im Frühnachmittag wurden ihre Anstrengungen von Erfolg gekrönt: wir stießen auf die Fundamentmauer. Diese haben wir auf einer Breite von zwei Metern freigelegt und gegen 16.00 Uhr konnten wir mit Stolz das Resultat unserer Arbeit betrachten. Anschließend wurde noch die Grabungsstelle mit Gittern gesichert, bevor die Jugendlichen zufrieden (und sicherlich müde) ” nach Hause gehen konnten. Weitere Grabungen und Projekte Ab April bzw. Mai 2004 werden wir unsere Grabungen fortsetzen. Wir hoffen, bis November 2004 die alten Fundamente der Schule vollständig freigelegt zu haben. Im Rahmen dieses Jugendprojekts werden wir höchstwahrscheinlich an dem europäischen Wettbewerb „European Kids’ Trophy 2005“, einem Wettbewerb der besten Projekte im Sinne einer kinder- und jugendfreundlichen Dorferneuerung, teilnehmen. Intention dieses Wettbewerbes ist es, das Interesse und das Engagement für die Belange und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen in den ländlichen Räumen Europas und deren aktive Beteiligung an örtlichen Entwicklungsentscheidungen und -prozessen zu fördern und zu unterstützen. Darüber hinaus ist auch eine Zusammenarbeit mit der Gemeindeschule in Form von Ortsbesichtigungen für die Schüler vorgesehen. Unsere aktuellen Grabungstätigkeiten der alten Schule in Hergenrath bieten in der Tat eine einmalige Gelegenheit, um geschichtliche Aktionen (Erläuterungen zur Archäologie, Geschichte des Unterrichtswesens in Hergenrath, Entwicklung des Dorfes während der letzten Jahrhunderte, usw.) mit den Kindern des Dorfes vorzunehmen. Zusammenfassend möchten wir mit diesem Projekt nicht nur die Jugendlichen für die Archäologie und die Geschichte ihres Dorfes sensibilisieren, sondern wirklich das ganze Dorf in diesen Prozess einbinden.
VAN Hans Kaldenbach Ein Kelmiser setzte Akzente als Garten- und Landschaftsarchitekt von Alfred Bertha Seit mehr als 500 Jahren ist der Name Kaldenbach/Caldenbach in unserem Raum vertreten. Gerhart van Kaldenbach begegnet uns von 1496 bis 1533 sehr häufig in den Lehnsregistern der propsteilichen Mannkammer des Aachener Marienstiftes. Er besaß Ländereien in Raeren, Astenet und Kettenis und war viele Jahre Drossard von Walhorn und Forstmeister zu Limburg. Es ist natürlich nicht möglich, eine direkte Linie von diesen ersten uns bekannten Trägern dieses Namens bis auf die heute lebenden Kaldenbach zu ziehen. Dazu fehlen die notwendigen Unterlagen, wie Kirchenbücher oder notarielle Urkunden. In diesem Beitrag geht es auch nicht um die Genealogie der Familie Kaldenbach, die wir hier nur kurz streifen wollen. Das neutrale Gebiet von Moresnet, das heutige Kelmis, erlebte im 19. Jahrhundert infolge der aufblühenden Zinkindustrie und der damit verbundenen Arbeitsmöglichkeiten einen sehr schnellen Bevölkerungsanstieg. Auf Krickelstein war gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Familie Kaspar Kaldenbach und Elisabeth Strang ansässig. Er war geboren am 10.3.1839 in Hergenrath, sie am 1. April 1842 in Kornelimünster. Geheiratet hatten die beiden am 20.8.1874 in Neutral-Moresnet. Die Eltern dieses Kaspar Kaldenbach waren Franz Wilhelm Kaldenbach und Anna Katharina Kever (Hauset). Am 17. April 1880 wurde den Eheleuten Kaldenbach-Strang auf Krickelstein ein Sohn geboren, den man ebenfalls auf den Namen Kaspar taufte und der am 28.11.1901 in Aachen die aus Sommerrein b. Wien stammende Therese Kaufmann heiratete. Aus dieser Ehe gingen 8 Kinder hervor, wovon das älteste, ein Sohn, am 11.3.1903 das Licht der Welt erblickte und auf den Namen Johann (Hans) getauft wurde. Nach dem Besuch der durch Ordensschwestern geleiteten Volksschule lässt der von Hans Kaldenbach selbst mit den Eckdaten versehene Lebenslauf eine kleine Lücke. Erst 1919 beginnt der nun 16-Jährige eine Lehre bei dem bekannten Aachener Gartenarchitekten Theodor Ott.
72 Anschließend besucht er in Abend- und Sonntagsstunden die Kunstgewerbeschule Aachen (Professor Karow), beginnt aber auch eine weitere Lehre bei Theodor Ott im technischen und kaufmännischen Bereich sowie in der Landschaftsgärtnerei. Nach der Lehre wurde er bei Ott weiterbeschäftigt und war schließlich 1929 Leiter des Entwurfsbüros und Vertreter des „Chefs“. Am 1. Mai 1929 nahm Hans Kaldenbach eine selbständige Tätigkeit auf: Unter der Firma „H. Kaldenbach und M. Steffens, Gartenarchitekten BDGA“ betrieb er ein Entwurfsbüro und übernahm die Ausführung von gärtnerischen Anlagen. Von Mai 1941 bis März 1946 unterbrach der Krieg seine Tätigkeit. 1946-1948 arbeitete Hans Kaldenbach als Techniker bei der " Straßenbaufirma Wilhelm Peters (Aachen), von 1948-1958 als technischer Leiter in derselben Firma. 1958 nahm Hans Kaldenbach seinen Beruf als freier Garten- und Landschaftsarchitekt wieder auf. 15 größere Friedhöfe, 3 Soldatenfriedhöfe, 4 Sportanlagen, 80 Privatanlagen und 10 Großanlagen der Stadtbegrünung listet er als Verwirklichungen auf. Schon 1955 hatte Hans Kaldenbach sich am Wettbewerb zur Neugestaltung des Elisengartens beteiligt und dabei den 1. Preis gewonnen. Die Stadt vertraute ihm dann die Oberleitung und Ausführung der Arbeiten an. Den öffentlichen Aufträgen waren manche Arbeiten auf privaten Anwesen vorauf gegangen. Nennen wir nur das Anwesen Dr. H. Krantz in Richterich-Ursfeld (1956) oder das Anwesen Anton Schmaus in Eilendorf (1958). Solche Arbeiten hatten die Aufmerksamkeit auch der verantwortlichen Stellen in den Stadtbauämtern geweckt. Den ersten großen Plan für die Stadt Aachen legte Hans Kaldenbach, wie schon gesagt, 1955 vor. Es galt, dem Elisengarten, dessen Erstgestaltung auf Peter Joseph Lenne (Mitte 19. Jh.) zurückging, ein neues „Gesicht“ zu geben. Vor allem sollte die neue Gaststätte mit der Terrasse eine „großzügige Freifläche“ bekommen, der Garten selber „Licht und Luft“ haben. Die Stadt zeigte sich begeistert von den Vorschlägen und Ideen Kaldenbachs und ließ das Projekt mit nur wenigen Änderungen durchführen.
74 k \ BURTSCHEIDER GRÜNANLAGEN $ 5 ZN Ma BR / 5 “ ON & GN Y 4 An in EEE. \ WEEZE SAN ; LET da AS. =... ee X Ss I Se >. so CON Stadt“, „ein grünes Schmuckstück im Stadtzentrum Aachens“, „eine der schönsten und repräsentativsten Anlagen“: So oder ähnlich lauteten die Kommentare. Eine viel beachtete Aufwertung erfuhr auch das Burtscheider Kurviertel, dessen Grünanlagen 1962-1969 nach Plänen von Hans Kaldenbach und unter seiner Oberleitung neu gestaltet wurden. Dazu die Presse: „Dem Aachener Garten- und Landschaftsarchitekten Hans Kaldenbach war die Planung für die Neugestaltung des Burtscheider Kurparks übertragen worden. So wurde eine harmonische Übereinstimmung mit den Kuranlagen entlang der Dammstraße gewährleistet, die ebenfalls von Kaldenbach entworfen wurden....‘“Kurgarten wurde ein Kleinod“, titelte die Presse gelegentlich der Einweihung des Kurparks am 9.6.1969. Beeindruckend ist die Zahl der durch Hans Kaldenbach neu gestalteten Friedhöfe und Ehrenmale. In einem Beitrag für die AVZ vom 2.4.1960 legte Kaldenbach seine Gedanken zur Umgestaltung des Monschauer Friedhofes dar. „Heute ist ein Friedhof nicht mehr die geometrisch aufgeteilte Beerdigungsfläche. Die Grabfelder entwickeln sich aus dem Gelände und sind in mehrere kleine Grabflächen aufgeteilt, die durch entsprechende Bepflanzung zu intimen Räumen ausgebildet werden...“ Diese Gedanken fanden auch bei seinen übrigen Planungen ihren Ausdruck.
75 ME Da n VS sel N CZ N F N SD A ED ff TI ZEN AM + } Ä CM fieemnura | en a . CH = a = | TAG Vic | Lt SZ us Kalle fe A ne SI a9? U AS LEE m AM En A} re . | Dal BE Friedhof Eilendorf - Nirmerstraße ; 1 7
76 Hans Kaldenbach hinterließ seine Handschrift u. a. in Lammersdorf (1961), Höfen (1961), Oberforstbach-Schleckheim-Nütheim (1958), in Mützenich (1960), Simmerath und Schleiden, am Ehrenfriedhof in Kornelimünster (1953), am Ehrenmal in Eilendorf (1957, in Erkelenz und in Monschau (1961). Zum Lammersdorfer Friedhof schrieb die Presse, was dort im Herzen des Dorfes sozusagen als beherrschender Grünkern der Ortslage unter der Planung von Hans Kaldenbach geschaffen wurde, sei mustergültig. „Weder im Kreis Monschau, noch im Nachbarkreis Schleiden dürfte ein solcher Friedhof noch einmal zu finden sein.“ Besonders stolz sind auch die Eilendorfer auf ihren von Hans Kaldenbach umgestalteten Friedhof an der Nirmerstraße (1961). Auch Sportplatzanlagen wurden von dem Landschaftsarchitekten Kaldenbach gestaltet. Nennen wir nur die Anlagen in Eilendorf an der Brander und der Rathausstraße sowie in Vaalserquartier. Hier, an der Grenze zu den Niederlanden, galt es, ein 18.000 m? großes Gelände mit Sport- und Grünanlagen so zu gestalten, dass „der in die Landschaft eingebaute Platz“ durch Anpflanzung von 50 großkronigen Laubbäumen und 2000 einheimischen Gehölzen und Blütensträuchern „in die Umgebung hineinwachsen“ konnte. Als Eilendorf die Anlage eines ersten Kinderspielplatzes beschlossen hatte, war es wiederum Hans Kaldenbach, den man mit der Ausarbeitung dieses Projektes auf dem Gelände an der Ecke Bahnhof- und Hermannstraße beauftragte. „Man kann gewiss nur staunen“, so die Presse, „wenn man den neugeschaffenen prächtigen Kinderspielplatz betritt: Ja, hier möchten die Erwachsenen gerne noch einmal Kinder SEM. In Erkelenz, wo schon die Friedhofshalle nach den Plänen des bekannten Architekten gebaut worden war, erhielt dieser den ehrenvollen Auftrag, auch das Burggelände am Erka-Burgturm neu zu gestalten (1960). Hier sollte eine Oase der Ruhe und des Wohlbehagens entstehen. In Monschau bat man ihn 1960, den Grünanlagen am St. Michael- Gymnasium ein neues Aussehen zu geben. Auch hier entledigte er sich des Auftrags mit allseits gelobtem Erfolg. Auch im belgischen Raum war der Aachener Architekt kein Unbekannter. So entstand z. B. die Tennisanlage im Bäderort Chaudfontaines nach seinen Plänen. Diese Beispiele mögen genügen, um die Vielseitigkeit des Garten- und Landschaftsarchitekten Hans Kaldenbach zu illustrieren.
Til Bahn frei für ein Kinderparadies erster Spielplatz eröffnet - Er soll ein guter Anfang sein AVZ 9/5/60 Kinderspielplatz N Eilendorf €: U \ DANN a && A N SE es VE sirz mar fi3 1 | SA m AN \ EL pn | “waren x Ku DS NN CH NA AS | SS NEN SM uanreL07 e NA | EX warten AT Ks A 1 BSD CV I TOSKANA VE Man wusste also nicht nur in Aachen, die hervorragenden Leistungen Kaldenbachs zu schätzen. Dennoch blieb der Landschaftsarchitekt Kaldenbach bescheiden. Glücklich war er, wenn er in seinen Mußestunden die Geige hervornehmen konnte (das Geigenspiel hatte er in Kelmis bei Schumacher gelernt) oder — ein weiteres Steckenpferd — ein schönes Bildmotiv in Ol auf Leinwand festgehalten hatte. Hans Kaldenbach, der seinen Lebensabend in der Eupener Straße in Aachen verbrachte, starb überraschend am 11.4.1987 auf Tülje im Hause seiner dort lebenden jüngsten Schwester Maria Cambresier-Kaldenbach. Die Ehe mit der ebenfalls aus Neutral-Moresnet stammenden Sibylla Gouder de Beauregard war kinderlos geblieben.
79 Dass die Kirmes ausgiebig gefeiert wurde, belegt eine Einladung aus den Unterlagen der Vieille Montagne aus dem Jahre 1857, woraus hervor geht, dass die Feierlichkeiten sich über zwei Tage hinzogen und mit Artilleriesalven, einem Festival der Harmonien, Gesang, Konzerten, einem Schützenfest für Bogen- und Kugelgewehrschießen, Volksspielen, Klettermast, Sackhüpfen und Karussells alle Volksschichten ansprach. Ihren Abschluss fand die Kirmes mit einem großen Ball im Kasino und einem Feuerwerk. Zum gemeinschaftlichen Geschicklichkeitsspiel, dem Schinken- oder Fleischwerfen, wurden in den Anzeigen die Kirmesbesucher angelockt. Zudem erwartete den Gewinner zur Belohnung ein saftiger Schinken oder ein gutes Stück Fleisch. Der genaue Auslöser zur Kelmiser Kirmes ist nicht bekannt. Zu vermuten ist, daß sich diese unter der Mitwirkung der Vieille Montagne aus verschiedenen Schützenfesten herausgebildet hat und als Höhepunkt aller Feste galt. Die Kirmes findet seit jeher am 2. Wochenende im September statt. Der Volksmund weiß die Wahl des zweiten Wochenendes damit zu begründen, dass die Bergewerksgesellschaft der „Vieille Montagne“ jeweils am 2. Wochenende im Monat die Bergarbeiter entlohnte. Dieser Umstand soll dazu beigetragen haben, die Kirmes auf dieses Wochenende zu legen. Geschichtlich belegt ist, dass die Bergwerksgesellschaft — größter Arbeitgeber - anlässlich der Kirmes am Schützenlokal zum Wettschießen einlud. Zudem erhielt jeder Grubenarbeiter bei der Auszahlung der Löhne zur Kirmes einen Gutschein für 2 Freibier. Das Wort „Kirmes“ wird im Nachschlagewerk immer in Zusammenhang mit “Kirche und Messe (= Markt, Handelsmesse)‘“ bzw. dem Kirchweihfest, genannt. Verbindungen zum Kirchweihfest, im Verbund mit dem Fest der Schutzpatronin der Pfarrei Mariä-Himmelfahrt, das Mitte August gefeiert wird, sind in Kelmis jedoch nicht bekannt. Auch lässt sich keine Verbindung zwischen der 1845 erbauten Kapelle (in der Kapellstraße) und den Kirmesfeiern herstellen. Im weiteren Verlauf ist aus der Ausgabe der Aubeler Zeitung „Die Fliegende Taube“ vom 14.09.1907 zu entnehmen, dass die Kirmes groß gefeiert wurde. Allerhand stand auf dem Programm, wie aus großflächigen Kirmesanzeigen zu entnehmen ist. Für diverse Tanzvergnügen, Konzerte und Variet&- Veranstaltungen, sowie für einen humoristischen Redewettstreit und vieles mehr wurde geworben. Nicht zu vergessen der Schießsport, wie aus den Anzeigen zum Preisschießen der Altenberger St. Barbara Sebastianus Schützen Gesellschaft, dem Preisschuss der Altenberger St. Paulus Schützen und dem Schießwettstreit der St. Hubertus Schützengesellschaft zu ersehen ist, die ” anlässlich der Kirmes zum Preis- oder Vogelschuss einluden.
80 [8 . MI $ a 1897 Altenberger Kirmes. 1897: $ 3% | Programm der fe | St, Hubertus-Schügen-Sefelljchaft, 4 | 5 d Kirmesmontag, den 13, September: & { Morgens halb S Uhr, Antreten der Shügen in Uniform und Waffen; punkt 8 Uhr, |! Abholung des Hrn. FPräfidenten und des Hın. Schühen-Rönigs, Zug zur Kirche zur Beiwohnung |L {| es um 9 Uhr beginnenden i AM feierlichen Hochamtes 7. {| meldes für die lebenden Mitglicber ber Gefellihaft dargebracht wird. Mad dem Hohamte, Nüefzug | |; il zum Lofale mo % 8 | musikalische Unterhaltung |! 4} {tattfinden wird. — Nachmittags punkt 3 Uhr, $ Hl N ae & N | Großer Breis-Bogelfhuß 5 auf der Schügenjtange. — Gegen 3 Uhr, 4 Schubkarrenfahren für cine [döre Nemontoir-Uhr. | Abends punkt 7 Uhr, 8 |; . | Sroßer Schüßgen - Ball. | 1 Entree für Nichtmitglieder 50 Pfg. — Cine Dame frei. 4} X Bu diejen Feftlichkeiten Tadet ergebenft ein U} Der Borftand, 4 il } Kirmes&-Dienstag den 14. September, f j von morgen? 8 bis abends 5 Uhr, 5} fl Musikalische Unterhaltung. N K Mbends 7 Uhr, 1} 1 S N 1 / GROSSER FEST-BALL. | 1 Cntree 40 Pfg. Mitglieder der „St. Subertus-Schüfjen-Gejellihaft“ haben freien Zutritt. ||} ; Hierzu Ladet ergebenft ein ! il Joseph STAMMEN. ||| | BEE ELENA BESORGEN NE ZZ Die Zeitungsanzeigen (1897) geben ein schönes Bild der vielfältigen Kirmesveranstaltungen.
83 HESSEN EN SEN ® F Ca Ma Altenberger Kirmes, Hötel-Restaurant J. Bergerhoff Größtes Bezgntanngstoßel Altenberg&, In der neuausgemalten Konzerthalle ; 'oBes Konzert großes Konze der echten Iyroler Bokal-, IujMrumental- und Schuhplattlertänzer-SejeNljdhaft d’Oberinnthaler aus Salz im Oberinnthal in Tyrol in pradtvoNlen Original-Koftümen. 3 Damen. 6 Perzonen. 3 Herren. Entröe 20 Rpfg. &4 Person . Sonntag, Montag und Dienstag, von vormittags halb 12 bis 1 Uhr, nadınittags von 4 Uhr bis halb 8 Uhr, im neuerbauten wafjerdidhten Tanzzelte er Tanzverguügen. Sountag abend um 8 Ubr Krieger-Ball Montag abend um 8 Uhr. Familien-Ball. Entree & Person 50 Rpfg. Dienstag abend um 8 Uhr ier Carnevalsgesellschaft ‚U1k‘. Sn den unteren Reftaurotionsträumen und pradtvollen Gartenanlagen an allen Tagen große Meftauration, Saite uud warme Spetjen zu jeder Tageszeit. Bu diejen Feftlichkeiten kadet ergebenft ein J. Bergerhoff, Hötelier. „und zur Kirmes 1903.
84 Ferner geht aus einer weiteren Anzeige hervor, dass die 1879 gegründete Karnevalsgesellschaft „Ulk‘“ zur närrischen Friedens-Konferenz einlud, verbunden mit einem Umzug durch die Ortschaft. Gefeiert wurde in einem großen Festzelt auf der Festwiese an der Hasardstraße. Zu diesem Fest zeigte außerdem die Altenberger Turngemeinde ihre turnerischen Leistungen. Dies alles in einer Zeit, in der das heutige Kelmis noch als „Neutrales Gebiet von Moresnet‘“ oder, vor allem bei Auswärtigen, auch unter dem Namen der Erzgrube, nämlich „Altenberg‘“ bekannt war. Beim Stichwort „Kirmes“ werden zahlreiche Erinnerungen bei den heute im vorgerückten Alter stehenden Mitbürgern wach. Diese Eindrücke möchten wir unsern Lesern gerne weitergeben. Die Kelmiser Kirmes war noch in der Zwischenkriegszeit das Ereignis | des Jahres, zu dem sich die ganze Familie zusammen fand. Freunde und auswärtige Arbeitskollegen vom „Berg‘ wurden eingeladen. Beim Pflaumen- und Apfelfladen, den man beim Bäcker backen ließ, wurden am Sonntagnachmittag die Kontakte gepflegt. In allen Wirtschaften und Sälen (es existierten ungefähr 10 Säle und 50 Wirtschaften, z. B. Reinartz, Astoria und Bergerhoff (Select)/Lütticher Straße, Schützenlokal/Schützenstraße, Everts/Bachstraße, Hack/Kirchstraße, Patronage und Eden/Patronagestraße, Schöffers/Bergstraße und noch eine Anzahl kleinere. Es herrschte Hochbetrieb. Mit dem Schifferklavier wurde musiziert und sich amüsiert, wodurch die Last des Alltages für einige Stunden abgestreift wurde. An drei Stellen wurde zur damaligen Zeit zeitgleich die Kirmes gefeiert. Ein großer zentraler Kirmesplatz wie heute bestand noch nicht. Der erste Teil war am „Dörnchen“‘, der heutigen Kreuzung Bachstraße-Parkstraße, wo bei der Gaststätte Everts der Kelmiser Schausteller Thomas Lemoine sein vom Pferd angetriebenes Kettenkarussell aufgebaut hatte. Später wurde dieses durch die Muskelkraft der kirmesbegeisterten Jugendlichen angetrieben. Mit Sackhüpfen und vor allem einem Froschrennen wurde in diesem Ortsteil die Kirmes gefeiert. 1931 gastierte dortselbst zur Kirmes der Zirkus „Anglo Belge*“‘. Der zweite Teil der Kirmes spielte sich auf dem Vorplatz der Kelmiser Kirche sowie vor dem heutigen Gemeindehaus ab. Dort betrieben einige Schausteller ihre Buden und Karussells, darunter das legendäre Etagen - Pferdekarussell von Elise und Emil Hülster. Diese Familie hat in Kelmis den Grundstein zu einer Schausteller-Dynastie gelegt. Besagtes Etagen-Pferdekarussell wurde durch eine alte Dampfwalze angetrieben. Dieses beeindruckende Ungetüm von Dampfwalze hatte die Schaustellerfamilie in Wuppertal gekauft und für ihre Zwecke umrüsten
85 lassen. Diese Walze diente ebenfalls als Zugmaschine für das Fahrgeschäft. Wenn der Konvoi sich der bevorstehenden Kelmiser Kirmes näherte, wurde die schnaufende und pfeifende Dampfwalze bereits durch die Kinder weit vor der Ortsgrenze erwartet und zum Kirmesplatz begleitet. Unter den erwartungsvollen Blicken konnte das beliebte Karussell aufgebaut werden. Diese außergewöhnliche Zugmaschine zog damals bereits 3 Anhänger. Auf dem Letzten wurden die Briketts transportiert. Selbst auf der Kirmes beherrschte die alte Dampfwalze das Geschehen. Jede bevorstehende Fahrt wurde mit einem lauten Pfeifton eingeläutet, denn der Dampfkessel der alten Walze trieb auch das Karussell an. Mit einer großen Pauke, viel Rabatz und Orgelmusik wurden die Kirmesbesucher angelockt. Der dritte Teil der Kirmes stand dann auf der Lütticher-Straße vom Schwarzen Weg aus bis hin zur Hasardstraße. Dort wusste uns unsere reifere Generation von einer großen Schiffsschaukel mit 12 Gondeln zu berichten, die, der damaligen Zeit entsprechend, ebenfalls mit einer alten Orgel ausgestattet war. Auch das Fahrrad-Karussell zum Mittreten erfreute sich großer Beliebtheit, sowie auch das „Teufelsrad‘“, das vielen bis heute unvergesslich geblieben ist. Das in Kegelform gebaute Karussell, worauf die Benutzer ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellen konnten, war stets umlagert von Schaulustigen. Zum Sieger proklamiert wurde derjenige, der sich zur Gaudi der Zuschauer bei immer schnelleren Bewegungen noch in der Mitte halten konnte, während die Mitkonkurrenten herunterpurzelten. Eine bekannte Persönlichkeit auf der Kirmes war seid 1923 der Eismann „Antoine“ (Caira), ein Kelmiser Original. Mit seinem bunten, vom Pferd gezogenen Eiswagen, sorgte er für leckere Erfrischungen. Im Jahre 1963 wurde Antoine, (unter diesem Vornamen kannten ihn alle), beim Empfang der Schausteller durch die Gemeindeväter für seine 40jährige Treue zur Kirmes ausgezeichnet. Gleichzeitig wurden die Schausteller Van Dooren und Foulon für ihre 30jährige Teilnahme geehrt. Viel Vergnügen hatten die Kinder und sparten dabei auch noch gleichzeitig Geld beim Kinderkarussell vor dem Cafe Kerris/Lütticher Straße, wo dieses Karussell mit der Muskelkraft von bis zu 6 Kindern angetrieben wurde. Diese kletterten in den Dachbereich des Karussells, von wo aus sie dieses in Drehungen versetzen. Zur Belohnung gab es für 10 Runden Arbeit 2 Freikarten. Des weiteren ist die farbenprächtige „Raupenbahn“ als Treffpunkt der Jugend vielen bestimmt noch in Erinnerung geblieben. Auch das „Hippodrom“ mit seinen lebenden Pferden gehörte einfach zur Kirmes, ebenso der „Hau den Lukas“.
86 Das Tischkegelspielen, die Schieß - und Verlosungsbuden, die Wahrsager und Gaukler bestimmten damals bereits das Kirmesgeschehen. Für 25 Centimen gab es die begehrten Glückstütchen. Mit 2 Franken Kirmesgeld für die Jugend war ihr Etat knapp bemessen, Gelegenheitsarbeiten waren gefragt, um diesen bescheidenen Kirmesetat aufzubessern. Mit der Elektrifizierung brach auch für die Kirmes eine neue Ära an. Die auswärtigen Kirmesgäste reisten mit der „Elektrischen‘ (Straßenbahn) an. Sie wurde am 27.03.1907 eingeweiht. Von Aachen kommend, hatte sie ihre Endstation direkt am Kirmesplatz, vor der Gaststätte „Terminus“. Auch das Automobil brachte weitere Gäste aus entfernteren Orten nach Neutral- Moresnet. . Anfangs wurden der Festplatz und die Festsäle mit Petroleumsleuchten oder Kerzenlicht in ein dämmeriges Licht getaucht. Zur Ausschmückung wurden zu jener Zeit die Festsäle mit phantasievollen und bunten Lampions (z. B. der Aachener Fahnenfabrik Hugo Kahr) dekoriert. Blitzblank präsentierte sich die Ortschaft zum Fest des Jahres. Zum Flanieren auf der Kirmesmeile zeigten sich die Besucher bei diesem gesellschaftlichen Ereignis in „gepflegtem Äußeren‘. Manchen wird wohl eine Tatsache unbekannt sein: das Kirmeswochenende nahmen viele Paare zum Anlass, um sich trauen zu lassen, so verbanden sie die beiden Festlichkeiten miteinander. Anlässlich der Kirmes weiß die „Fliegende Taube‘ im Jahre 1929 zu berichten von einem Kirmesball in der Gaststätte und Saal „Zur grünen Wiese*‘, Inhaber Schöffers. Erster Autoscooter Aus dem weiteren geschichtlichen Verlauf zur Kirmes wurde uns vom Bau des ersten „Autoscooter‘ im Jahre 1930 berichtet, nach Plänen und Ideen der Kelmiser Schaustellerfamilie Hülster und unter Mithilfe von Kelmiser Handwerkern, die das neue Fahrgeschäft anfertigten. Es sollte eine Premiere in der Provinz Lüttich werden, da solche Fahrgeschäfte in Belgien bislang nur in sehr geringer Stückzahl existierten. Acht Monate sollte die Konstruktion des „Auto Scooter“ dauern. Schreinermeister Joseph Soiron zimmerte das Holzwerk. Die Eisenarbeiten wurden bei der Autowerkstatt Theodor Ohn in Angriff genommen. Für die Schnitzarbeiten konnte Hans Evertz gewonnen werden. Der bekannte Kelmiser Maler Paul Schanwell übernahm die farbliche Ausschmückung. Gewerkelt wurde in der Bruchstraße (im Winterdepot des Schaustellers) sowie im alten Tanzsaal bei
87 Hack in der Kirchstraße (hinter der heutigen Dexia-Bank). Sechs Wochen sollten noch bis zur Vollendung vergehen, ehe alle Teile ineinander gebaut waren, und der 22 x 11 Meter große Scooter nach und nach auf dem Kirchplatz aufgebaut werden konnte. Die Scooter-Wägelchen waren im fernen Amerika beim deutschen Auswanderer Lutz gebaut worden. Die Familie Hülster hatte sie als Gelegenheitskauf erstanden. In der Werkstatt Theodor Ohn wurden sie auf den letzten Stand gebracht. Für die Stromerzeugung wurde ein englischer Dieselmotor angeschafft. Dieser trieb den Generator an, der eine Stromleistung von 110 Volt Gleichstrom erbrachte, was eine ausreichende Stromversorgung des gesamten Scooters gewährleistete. Seine Feuertaufe bestand das neue Fahrgeschäft zur Kelmiser Kirmes 1930, wobei diese einmalige Attraktion von Schaulustigen aus nah und fern bewundert wurde, während sie erstmalig ihre Runden drehten. Drei Franken kostete bereits eine Fahrt, eine stolze Summe für die damalige Zeit. (Bestehen Vergleichsmöglichkeiten zum Verdienst eines Arbeiters?) Die Eigentümer, Vater Emil und Sohn Willy Hülster, bereisten dann die ganze Provinz Lüttich, bis hin nach Luxemburg, und das neue Fahrgeschäft feierte große Erfolge. Im Autoscooter darf bekanntlich jeder das, was im normalen Straßenverkehr verboten ist: Nach Herzenslust andere Autos rammen, links fahren, etc., was nicht unerheblich zum Reiz dieser Kirmesattraktion beiträgt. Alles wurde durch Lkw‘s der Marke „Dixis‘“ mit Kettenantrieb und Vollgummirädern transportiert. Drei volle Tage benötigten damals 6 Arbeiter für den Aufbau des Scooters. Im Laufe der Jahre wurden für die heranreifenden Kinder der Familie Hülster noch 6 weitere „Autoscooter‘ bei Kelmiser Handwerkern in Auftrag gegeben. Auf dem ersten Scooter sorgte noch die alte Orgel der Firma Ruth und Sohn, auf einem speziellen Wagen montiert, für die Musik. Diese hatte ursprünglich zum Pferdekarussell gehört, welches nun in einer Zeit der Modernisierung ausgedient hatte. Während der Kriegsjahre ruhte das Kirmestreiben. Jedoch nach Kriegsende baute die Familie Hülster ihren Scooter für einen längeren Zeitraum neben ihrem Wohnsitz an Jansmühle auf. Es war am Wochenende ein Treffpunkt für die Jugend, bevor die Kirmesplätze wieder angefahren wurden. Eigene Kirmes in Neu-Moresnet Der Ortsteil Neu-Moresnet hatte seine eigene Kirmes. Vor dem 2. Weltkrieg zeichnete der Neu-Moresneter Reiterverein für die Kirmes im Mai verant- wortlich. Zum Kirmestreiben an der Wiese bei Bosch gehörten Karussells, es fanden Geschicklichkeits- und Reiterspiele statt.
88 Nach dem 2. Weltkrieg kam es Ende der 40er Jahre zu einer kurzen Wiederbelebung der Kirmes durch die „Kgl. St. Nikolausschützen‘“ aus Neu- Moresnet, die diese mit ihrem Vogelschuss am Caf& Pohlen - an Tülje - im Festzelt feierten. Anfang der fünfziger Jahre soll die Gemeinde Neu-Moresnet versucht haben, diese Tradition wieder zu beleben, auf dem Platz an der Hasardstraße, dem heutigen Gemeindelager, allerdings mit wenig Erfolg. Seit wann die Neu-Moresneter und die Kelmiser ihre Kirmes gemeinsam feiern, ist nicht mehr genau festzustellen. Lose für den Denkmalbau 1946 wird im Voraus-Bericht des „Grenz Echos“ zur Kelmiser Kirmes mitgeteilt, dass zum Besten des Ehrenmals auf dem Kirchplatz eine „Bude‘“ , (Losbude) errichtet werde, „in der bekannte Karnevalisten den Verkauf übernehmen. Sie ist mit wertvollen Sachpreisen gefüllt, die von Geschäftsleuten gespendet wurden. Durch das Glücksrad werden die Gewinner ermittelt.“ Zum Denkmal auf dem Kirchplatz ist bekannt, dass der erste Stein am 11.11.48 gelegt wurde. Die feierliche Einweihung fand am 29.05.49 statt. Hierzu hatte sich ein Komitee der örtlichen patriotischen Vereinigungen gebildet, um Mittel für den Bau des Denkmals aufzutreiben. Nachkriegsentwicklung Erst nach dem Hochamt wurde am Sonntagmorgen die Kirmes formlos eröffnet und dauerte drei Tage. Aus dem Jahre 1948 weiß uns das Grenz Echo zu berichten, dass der „Cercle Musical“ gelegentlich der Kirmes zum ersten Kirchgang einlud. Aus einem Grenz Echo Artikel von Freitag, dem 17. September 1948, erfahren wir, dass Kirmesdienstag am Schützenlokal zum Bau des Ehrendenkmals ein gut organisierter Vogelschuss mit reger Teilnahme stattfand. Ebenso können wir lesen, dass am Mittwoch zum „fachmännischen‘“‘ Abschluss der Kirmes noch einige Unverbesserliche, stampfend und rollend wie ein Dreimaster bei hohem Seegang, den Schinkenknochen zu Grabe trugen. Über den Kirmesabschluss hinaus zogen mittwochs nochmals Nimmermüde, von männlichem Geschlecht, von Wirtschaft zu Wirtschaft (ohne einen besonderen Ablauf), um die Kirmes nun endgültig ausklingen zu lassen. Bereits vor dem 2. Weltkrieg soll diese Sitte bestanden haben. Kirmes auf dem Kirchplatz N Nachdem die tiefer liegende Wiese am Kirchplatz, hinter dem Denkmal, mit Schutt aufgefüllt und nun dort ein richtig großer Platz entstanden war,
89 diente dieser ab Anfang der 50er Jahre als Kirmes- und Marktplatz sowie als Standort für zahlreiche große internationale Zirkusse (u. a. Bouglione), welche die Zeit zur Erledigungen der Grenzformalitäten am Zollamt „Tülje“‘ zu einem eintägigen Gastspiel nutzten. 1950 ist die erste Erwähnung, dass der „Cercle Musical‘ zur Kirmes- eröffnung bei seiner musikalischen Begleitung unter anderem am Krieger- denkmal die Nationalhymne spielte. Eine besondere Attraktion zur Kelmiser Kirmes war das in Roulers (Flandern) gebaute „Autodrom“‘“ des Kelmiser Schaustellers Fritz Bosch. Von 1955 bis 1962 (bis zur Aufgabe des Gewerbes) hatte dieses 32 X 18 Meter große Fahrgeschäft seinen festen Platz auf der Kirmes. Mit Gleichstrom betrieben, verkehrten 12 Wägelchen auf einem Rundkurs, in der Art der „Kartingbahnen“‘. Fünf Lkw‘s der Marke „Grosley“ mit je 2 Anhängern und jeweils 20 Tonnen Gewicht waren vonnöten, um das Fahrgeschäft zu den hiesigen Kirmesplätzen und bis nach Lüttich zu befördern. Anfangs der 60er Jahre wurde die Siedlung P. Kofferschläger gebaut und die erste Straße führte über den Kirchplatz. Dann siedelten sich zu Beginn der 70er Jahre 2 Kaufhäuser und weitere Bauten auf dem Kirchplatz an, auch wurde die Poststraße angelegt und das Abhalten der Kirmes gestaltete sich immer schwieriger. Welche Hektik herrschte an den Donnerstagen vor Kirmes, wenn der damals noch umfangreiche Wochenmarkt abgebaut werden musste und die Kirmesleute ungeduldig auf die Zuweisung ihrer Plätze warteten! Erst im Spätnachmittag konnte mit dem Aufbau der Kirmes begonnen werden. Nach Schulschluss eilten aus der nahe gelegenen Gemeindeschule die Kinder herbei und verfolgten mit aufmerksamen Blicken den Kirmesaufbau. Die Kirmes 1960 war überschattet vom frühzeitigen Tod des beliebten Kelmiser Bürgermeisters und Abgeordneten Peter Kofferschläger. Schwer erkrankt lag Peter Kofferschläger im Eupener Krankenhaus und die Kelmiser Bevölkerung sorgte sich um sein Wohlbefinden. Am Kirmesdienstag rief sein Ableben große Bestürzung hervor und das Kirmestreiben wurde auf ein Minimum beschränkt. Im Gemeindepark wurde im Jahre 1964 zur Kelmiser Kirmes ein großes Festzelt mit einem umfassenden Rahmenprogramm aufgebaut. Der Samstag stand unter dem Motto „Belgique Joyeuse‘““ , wo u. a. der bekannte Tenor Bernard Freylich ein Gastspiel gab. Mit einem internationalen Gitarren- festival, an dem 14 Orchester teilnahmen, startete der Sonntag. Montags und dienstags gastierte aus dem Weißen Rössel aus Blankenberge die Oberbayernkapelle im Festzelt.
91 Erwähnung verdient auch die Initiative des Kelmiser „Velo Klub“. Zu Kirmesmontag belebte unter großem Anklang von 1972 bis 1985 ein internationales Kirmesrennen für Amateure die Kirmes. Start des 3 km- Parcours war die Albert-Straße. Von dort ging es über die Patronagestraße, Comouthstraße, Moresneter Str., Parkstraße, Driesch, Neustraße und Schützenstraße wieder zur Albert-Straße zurück. Die Debütanten, die 14- 16jährigen, fuhren 20 Runden, die Junioren, die 16-18jährigen, mussten 30 Runden zurücklegen. Seit 1972 wird die Kirmes offiziell am Samstagabend eröffnet. Es ist eine alte Tradition, die sich bis in die 50er Jahre zurück verfolgen lässt, dass die Schausteller und auch die patriotischen Vereinigungen durch die Gemeindeväter freitags gegen 18 Uhr zu einem Umtrunk in das Gemeindehaus eingeladen werden. Nach dem Empfang und der Kranzniederlegung am Ehrendenkmal durch die Schausteller, im Beisein’ der patriotischen Vereinigungen, zieht der Festzug (Bürgermeister, Schöffenkollegium und Schausteller) - seit vielen Jahren durch den Cercle Musical angeführt (Kirmes ist zudem Stiftungsfest des Cercle Musical) - zum Festplatz, wo die Kirmes bei der Ankunft des Festzuges durch den Bürgermeister eröffnet wird. Von Freitagabend bis Dienstagabend wird fünf Tage lang gefeiert. Viele werden sich sicherlich noch an die Konfettischlacht zum Kirmesausklang am Dienstagabend erinnern. Direkt vom Lastwagen verkaufte Mathieu Fagot die Konfettitütchen. Während noch der Kirmestrubel andauerte, hatten die Schausteller bereits einen Großteil der Dachkonstruktionen über den Köpfen der Besucher abgebaut, um schneller zum nächsten Kirmesort eilen zu können. Ein neuer Kirmesplatz Seit 1983 ist die Kirmes auf der alten Schuttdeponie, der „Koul“ (Kull), wie sie im Volksmund heißt, angesiedelt, wo Bürgermeister Willy Schyns mit der symbolischen Durchtrennung des Ausgabees am Freitag, dem 09. September 1983, den neuen Kirmes- und Festplatz eröffnete. Dieser Ort bringt weniger Verkehrsprobleme mit sich. In der grünen Parkanlage des Galmeiplatzes fanden die Schausteller eine neue Bleibe, wo sie ungestört, ohne große Belästigungen für die Anwohner, ihre Fahrgeschäfte aufbauen können. In ihren fahrbaren Residenzen finden sie dabei noch Zeit für etwas Erholung.
92 Besondere Treue zur Kelmiser Kirmes Manche Schausteller und ähnliche Gewerbe kommen seit vielen, vielen Jahren zur Kelmiser Kirmes. Davon möchten wir besonders erwähnen -die Friterie Renomm6&e aus Montzen. Bereits über 50 Jahre ist die Familie Rocks-Schyns stets auf der Kelmiser Kirmes vertreten und zählt ungezweifelt zu den ältesten „Schaustellern‘‘; -die Familie Van Dooren -Jamar, die seit 1933 mit ihren Fahrgeschäften (Raupen - das Fahrradkarussell, Autoscooter, Twister anwesend ist und vor allem -Raymond Bairolle, der am längsten als Schausteller auf der Kelmiser Kirmes vertreten ist. 2002 waren es 62 Jahre. Er war viele Jahre mit seinem beliebten Kinderkarussell anwesend, das sein Sohn übernahm. In eigener Regie baute dieser i. J. 2000 ein neues Kinderkarussell. Sein Vater geht es nun geruhsamer an, er ist noch immer zur Freude der jüngsten Kirmesbesucher mit einem Stand für „Entenangeln“‘ dabei. Immer attraktiver Bis zum Jahr 1997 lag die Organisation der Kelmiser Kirmes in den Händen der Gemeindepolizei. Diese Aufgabe hat 1998 Pascal Kreusen vom Bauamt der Gemeinde übernommen. In jedem Jahr ist man bemüht, die Kirmes noch attraktiver zu gestalten und man konnte sehr schöne Fahrgeschäfte oder Attraktionen nach Kelmis holen. Mitunter sind etwa 50 Schausteller vertreten, darunter 9 große Fahrgeschäfte. Auf dem Kirchplatz zählte man viele Jahre als große Attraktionen: Auto Scooter Van Dooren, die Kartingbahn, den Polyp, die Megöeve, die Raupenbahn, Hülsters Kettenkarussell und ihr Auto Scooter, die Hurricanflieger, den Rutschturm, „Le Polleur‘, Brookland‘s Race Autodrom, den Twister, das Riesenrad, das Ufo 2000, die Bastringue, diverse Kinderkarussells, Lunaparks, Schießbuden, das Pferdekarussell, Geisterbahnen, Schaubuden, Entenangeln, Verlosungsbuden, Spiegelpaläste, u. v. m. Fürs kulinarische Wohlbefinden gab es u. a. Frittenbuden, Lütticher Waffeln, Desir de Lille, Zuckerwatte, Liebesäpfel, Crepes, Popcorn, Mandeln, Nougat und Eis. Die Kelmiser Kirmes gehört zu einer der größten in der Provinz Lüttich. Tausende Besucher zeugen von der Beliebtheit dieses Dorffestes, das seinen Charakter als Volksfest beibehalten hat. Man trifft sich und es werden Kontakte gepflegt, obwohl die Kirmes ihren ursprünglichen Charakter eines Schützenfestes verloren hat.
95 Die durch die Kelmiser Gemeinde in Zusammenarbeit mit den Schaustellern erfolgte Gründung eines Festkomitees konnte die Attraktivität der Kirmes noch steigern. Dies führte dazu, dass am Freitagabend (gegen 22.30 Uhr) durch Mitwirkung der Feuerwerkstechniker aus Huy, ein großes Feuerwerk abgebrannt wird. Eine Gratisverlosung wurde eingeführt, wozu bei der Benutzung der Fahrgeschäfte oder anderer Lustbarkeiten Lose verteilt werden. Den Besuchern winken wertvolle Sachpreise. Am Dienstag, dem Familientag mit ermäßigten Preisen, findet dann im Laufe des Abends zum Kirmesabschluss um ca. 19.30, 20.30, und 21.30, die Ziehung der Kirmesverlosung an verschiedenen Stellen auf dem Kirmesplatz statt. Etwas Außergewöhnliches, bereits eine Tradition, das die Kelmiser mit den Schaustellern verbindet, ist die Nachkirmes. Die Schausteller, die am folgenden Wochenende keine Verpflichtung haben, bleiben nochmals für ein Wochenende in Kelmis. Seit dem Umbau 1999 und der Vergrößerung des Galmeiplatzes steht nun eine Nutzfläche von insgesamt über 15.000 m ? zur Verfügung. Dies führte im gleichen Jahr zu einer vollständigen Neu-, und Umgestaltung der Aufbaufläche. In Zusammenarbeit von „Platzmeister‘ Pascal Kreusen und Gemeindetechniker Johnny von Borstel wurde 1999 eine Computer- Kartographie des Galmeiplatzes erstellt. Diese erleichtert enorm die Planung und Flächennutzung des Platzes, dessen Aussehen durch 2 neue Budenstraßen aufgelockert wurde. Einige der vielen Besonderheiten auf dem neu entstandenen Galmeiplatz sind der Top Spin, Space Roller, Tokio Express, Polyp, Hully Gully, Jet Bob, Tagada, Dirty Dance, Grace Dance, Musical Express, Fliegender Teppich, die Lunaparks, Geisterbahnen und Losbuden, die für Kirmesvergnügen sorgen. Im kulinarischen Bereich gesellten sich zu den bestehenden Angebo- ten unter anderem noch die Bratwurst, Reibekuchen, geröstete Champignons, Gyros, Tortellinis, Pizzen und Haxenbraten dazu. Der Sportbund war bereits auf dem Kirchplatz durch seinen runden Ausschank mit Bänken, die um das Denkmal gruppiert waren, vertreten. Auf dem neuen Platz ist er mit einem Bierzelt präsent. Auch bei der Kirmes 2003 konnten wieder neue Attraktionen die Kirmesbesucher beeindrucken. „Nervenkitzel total‘ versprach der „Bungee- Jump“ des aus dem niederländischen Appeldoorn kommenden Schaustellers Karl Ropers. Jeweils zwei Wagemutige konnten sich an einem mit zwei Gummizügen zwischen zwei Stahlmasten befestigten Käfig 50 m hoch in die Luft schleudern lassen! Die zweite Neuerung bestand 2003 in einer „Jumping-Party“, vier Trampolins, auf denen sich die Jugend nach Herzenslust austoben konnte.
94 Beibehalten wurden die bekannte Gratisverlosung mit wertvollen Sachpreisen (die am Kirmesdienstag mit der abendlichen, im Stundentakt verlaufenden Ziehung, zu Ende geht) sowie das Feuerwerk zur Kirmeseröffnung am Freitagabend, ein Geschenk der Schausteller an die Kirmesbesucher. Auch das im Jahre 2002 eingeführte Plüschtierwerfen (eine Initiative der Schausteller) fand wiederum statt, Nach 20 Jahren „Kirmes auf der Kull“ zog Daniel Jamar als Sprecher der Kirmesleute folgendes Fazit: Der dörfliche Charakter der Kirmes sei durch die Verlagerung zum Galmeiplatz verloren gegangen. Andererseits sei der ungestörte Aufbau ein bedeutender Pluspunkt. Die gute Zusammmenarbeit zwischen den Schaustellern und der Gemeinde hob er lobend hervor. Auch Gerd Kaiser, seit Jahren mit der „Feinschmeckerpfanne“ Gast der Kelmiser Kirmes, fand lobende Worte für die Flexibilität des Platzmeisters (Pascal Kreusen) und für dessen Team, das stets bemüht sei, durch Innovationen und Umgestaltungen die Attraktivität des Kelmiser Volksfestes zu erhöhen. Anmerkung am Rande Ich danke allen, die mich bei diesen Recherchen in gleich welcher Form unterstützt haben. Ich hoffe, dass es mir bei diesem Rückblick auf die Kelmiser Kirmes gelungen ist, ein Stück Kulturerbe unserer Heimatgemeinde Kelmis lebendig werden zu lassen. Wenn Sie, verehrte Leser, mit Erinnerungen, Erzählungen, Anekdoten, Selbsterlebtem, Dokumenten, Fotos, Plakaten, oder Berichten (Zeitungen, Festschriften, Vereinsunterlagen...) meine Arbeit ergänzen und erweitern könnten, würde ich mich sehr darüber freuen (Tel. 087/657303). Iwan Jungbluth Quellen: Göhltalmuseum, Grenz Echo, Fliegende Taube, Das Freie Wort, das Korrespondenzblatt des Kreises Eupen, Archiv Leo Kever Eupen und unzählige Privatpersonen und Schausteller.
% Die Einführung des metrischen Systems durch die Franzosen von Erwin Bruch Vor der Einführung des metrischen Systems durch die Franzosen am Ende des 18. Jahrhunders gab es eine Unzahl an Längenmaßen, Gewichtsmaßen und Währungen, die von Ort zu Ort verschieden waren. Dies war ein Hemmnis für den Handel und die Anführer der französischen Revolution erkannten schnell, dass unter den zahlreichen überfälligen Reformen auch hier Handlungsbedarf bestand. Am 8.5.1790 beschloss die verfassunggebende Nationalversammlung auf Vorschlag von Talleyrand! die Einführung eines einheitlichen und einfachen Systems?. Der Erfolg solch eines neuen Systems erforderte internationale Absprachen und folglich dauerte es mehrere Jahre bis zu dessen effektiver Einführung. Das neue System wurde drei Jahre später mit einem Dekret vom 1.8.1793 eingeführt. Eine erste offizielle Definition des Meters wurde mit einem Gesetz vom 18. Germinal des Jahres 3° (7.4.1795). Eine zweite mit dem Gesetz vom 19. Frimaire des Jahres 8 (10.12.1799) gegeben. Die effektive Umsetzung war jedoch sehr schleppend, da die zu dieser Zeit noch größtenteils weder lesen noch schreiben könnende ländliche Bevölkerung zwar problemlos Maße durch 2, 4 oder 8 teilte, indem zum Beispiel eine Kordel oder ein Tuch gefaltet wurde, jedoch nicht durch 10 zu teilen imstande war. Folglich gab es selbst in Frankreich eine Reihe von Übergangsregelungen, bis...50 Jahre (!) nach dem ersten Beschluss zwecks seiner Einführung die Anwendung des metrischen Systems ab dem 1.1.1840 definitiv Pflicht wurde. Auch in unserer Gegend war die Einführung des neuen Systems eher schleppend. Im Archiv der Gemeinde Walhorn* befindet sich dazu ein aufschlussreicher Brief vom 14 Prairial des Jahres 11 (3.6.1803) des zuständigen Inspektors an den damaligen Bürgermeister” von Walhorn. POIDS ET MESURES, N° 79 Liege Le 14 prairial an XI° L’INSPECTEUR des Poids et Mesures pour les departemens’ de 1’Ourte, de la Meuse-Inf&rieure, de Sambre-et-Meuse et des Forö@ts®, au
96 Citoyen Maire de Walhorn, Citoyen Maire ! La loi du 1” VendeEmaire an 4° qui a cree le systeme metrique, l’ arrete des consuls‘® du 29. prairial an 9 qui en regle l’execution, ont Ete pu- blies et sont rendus executoires dans ce departement ; L’usage des an- ciens poids et mesures y est interdit depuis le 20 messidor dernier‘?; deja cette epoque est loin de nous, onze mois ä peu pres nous en separent et le nouveau systeme n’a fait encore que‘ des progres bien sensibles qu'au chef lieu du departement'*, du moins quant ä la pratique, car il ne suffts pas d’etre pourvus de quelques poids ou mesures pour pouvoir les mon- trer au besoin, c’est l’usage qu’on en fait journellement qui prouve l’obeissance ä la loi ; il n’y a plus que l’ignorance la plus crasse qui‘ Puisse revoquer en doute la perfection et les avantages du Systeme deci- mal comme il n’y a que les speculations honteuses et sordides de la cu- pidite et de la mauvaise foi qui puissent former des voeux d’opposition ä l’uniformite des poids et mesures par toute la r&publique; des depots Etablis dans presque toutes les villes sont plus que suffisans pour fournir dä tous les besoins du commerce; Les devoirs des maires et officiers de police sont traites par l’art : XI de la loi precitee, ils sont encore rappelles dans la circulaire du 1” messidore an 10'°. consignee dans le N° 54 du memorial administratif, qu’ est-ce donc qui peut encore entraver les pro- gres de nouveau systeme et l' execution de la loi? il faut le dire, Citoyen Maire, C’est ä l’ insouciance et ä V’inertie‘® des autorites locales qu’il faut attribuer l’ Etat trop long-tems stationnaire d’une des plus belles conceptions de la revolution‘”, il est encore vrai de dire que les maires ne sont pas toujours Egalement bien secondes, d’un autre cöte l’ inspec- teur ne peut pas Etre ä la fois sur tous les points des 4 de&partemens de sa division il ne peut s’arreter dans les communes qu’il parcourt que le tems necessaire pour donner l' impulsion et s’assurer si la loi s’execute, c’est donc des devoirs et de l' activit& des polices locales que dependent principalement les succes‘®; j’aime ä croire, Citoyen Maire, que vous avez donne tous les ordres necessaires ä cet Egard ; mais afın qu’il ne Puisse rester aucune espece de pretexte ä qui que ce Soit, la presente servira de requisitoire ä votre adjoint officier de police de faire frequenment et notanment dans les 24 heures de la reception de cette lettre, des visites dans les boutiques, magasins, moulins, brasseries, En- fin chez les Citoyens que leur commerce oblige ä se servir de poids ou de mesures conformement ä l’arrete des consuls du 29 prairial an 9. dont l’art 16 fonde le present requitoire. je vous previens, Citoyen Maire,
97 qu’ä ma prochaine tournee je ne pourrai me dispenser de mettre dans mon inspection autant de severit& que les maires auront toleres de relachement dans leur commune; il me serait bien plus agreable d’arri- ver au but par la persuasion, mais quand je ne suis pas seconde, quand tous les delais sont expires, tous les menagemens €puises, s’il ne reste plus que les moyens de rigueur, il faut bien les employer, mon devoir est 1ä et je le remplirai ; s’il en resulte des fraix et des de&sagremens pour quelques uns de vos administres, ce sera sur vous seul qu’ils pourront faire tomber leurs reproches, vous avez &te& suffisanment et sur abondanment averti. Je saisis cette occasion, Citoyen Maire pour vous rappeller les dispo- sitions qui vous concernent dans les arreter du Prefet du 24 ventose dernier‘®, voyer le memorial adtif”° N° 107, 108 et 122 vous avez ä votre disposition une somme de 58 frs. 45 Cs? pour fournir votre mairie des modeles eEtalons indispensables a la police pour lui servir d’objets de comparaison et la guider dans la redaction des proces verbaux de con- travention; vous pouvez avec cette somme vous procurer tout ce qu’il vous faut 4 Eupen ol il se trouve un depot de poids et de mesures parfai- tement fabriques, & moins que vous ne preferiez de les tirer de Liege ä beaucoup plus grands fraix, dans tous les cas, Citoyen Maire, vous sen- tirez qu' il faut absolument que la police en soit pourvue et que l' autorite publique doit donner l’exemple : je me livre a l’ espoir qu’ä mon arrivee dans votre commune je ne trouverai que des materiaux utiles pour un rapport qui me procure l' occasion de rendre justice a votre surveillance et ä votre zele, mais s’ il en Etait autrement je ne pourrai m enpecher d’en donner connaissance aux autorites superieures, ce serait ä regret Ci- toyen Maire, mais apres ce trimestre je dois mettre sous les yeux du Prefet la situation du Departement sous le rapport des progres du Sys- t&me metrique, et je ne trahirai pas la verite J’ai l’honneur de vous Saluer. Dechamps Soweit das Schreiben, das der Inspektor an den Bürgermeister gerichtet hatte. Er kündigte an, er werde im Zuge seiner Kontrollen in Kürze auch die Gemeinde Walhorn besuchen. Der Inspektor erinnert den Bürgermeister daran, dass der Gebrauch der alten Maße und Gewichte seit dem 20. Messidor IX (= 9.7.1801) verboten sei, die Einführung des metrischen Systems aber eigentlich nur in der Departement-Hauptstadt (Lüttich) Fortschritte gemacht habe, zumindest in der Praxis. Es genüge
98 aber nicht, einige Maße und Gewichte vorzeigen zu können; der tägliche Gebrauch derseben beweise die Treue zum Gesetz. Nur die krasseste Unwissenheit könne den Nutzen der einheitlichen Maße und Gewichte anzweifeln; die in fast allen Städten angelegten Depots seien mehr als ausreichend für den Handel. Die Aufgaben der Bürgermeister und der Polizei werden im Artikel 11 des genannten Gesetzes aufgeführt und im Rundschreiben vom 1. Messidor des Jahres 10 (20.6.1802, veröffentlicht im Memorial administratif Nr. 54) in Erinnerung gerufen. Es kann also nur an der Unbekümmertheit und Trägheit der örtlichen Behörden liegen, wenn die Einführung des neuen Systems auf ‚ Schwierigkeiten stößt. Unbekümmertheit und Tatenlosigkeit der örtlichen Behörden sind Schuld daran, dass eine der schönsten Errungenschaften der Revolution so lange auf der Stelle tritt. Man muss auch sagen, dass die Bürgermeister nicht immer die nötige Unterstützung finden, dass der Inspektor auch nicht gleichzeitig an allen Orten der vier Departements sein kann. Der Erfolg hängt im Wesentlichen von der Tätigkeit der Ortspolizei ab. Der Inspektor fordert also die Polizisten auf, innerhalb von 24 Stunden nach Erhalt dieses Schreibens eine Runde durch die Läden, Geschäfte, Mühlen und Brauereien zu machen. Er selbst werde bei seinem nächsten Besuch sich so streng zeigen, wie die Bürgermeister sich lasch gezeigt haben. Der Inspektor droht mit äußerster Härte. In Eupen befinde sich ein Depot für Maße und Gewichte. Der Bürgermeister verfüge über eine Summe von 58 Franken und 45 Centimes, um sich dort mit den notwendigen Mustern zu versorgen. (Diese Muster dienten der Polizei als Vergleich). Ob, wann und mit welchem Ergebnis die angekündigte Kontrolle stattgefunden hat, ist nicht bekannt. Der damalige Bürgermeister von Walhorn war Johann Christian Lamberts. Er wurde getauft am 30.7.1772 in Walhorn als Sohn des Notars Heinrich Lamberts? und der Anna Margaretha Hendrix. Heinrich Lamberts war zuerst Schöffe der Bank Walhorn gewesen, und durch die Franzosen als erster Bürgermeister von Walhorn eingesetzt worden?. Bei Johann Christian Lamberts versteckte sich Pfarrer Klausener vor den Franzosen*. Er war zuerst agent municipal von Walhorn von 1796 bis 1800, dann Bürgermeister von 1800 bis 1818, als er wegen Unregelmäßigkeiten abgesetzt wurde. Die etwaigen Konsequenzen der Kontrolle des Inspecteur Dechamps werden also nicht schwerwiegend
100 21 58 francs 45 centimes 22 Zu dieser Familie gehört auch Winand Lamberts (1617-1664) der Abt von Rolduc war, Siehe: Winand Lamberti aus Walhorn, 31. Abt von Rolduc, Alfred Bertha, Im Göhltal Nr. 70, 2002. 23 Walhorn, notices historiques, Guillaume Grondal, 1958. 2 Alfred Bertha, Vor 200 Jahren: Wie die Walhorner ihren Pastor befreiten, Im Göhltal Nr. 64, 1999. 2 Siehe: Erwin Bruch, Die Familie Lamberts in Walhorn, 1999.
101 Ein Museum, ein Auftrag von Alfred Bertha Unter den Zielen, die sich die 1966 gegründete „Göhltalvereinigung“ gesteckt hatte, befand sich auch die Schaffung eines Heimatmuseums. Dieses Ziel war jedoch so lange unerreichbar, wie die dazu notwendigen Räumlichkeiten fehlten. Erst durch die Gemeindereform von 1977 bot sich mit der Auflösung der selbständigen Gemeinde Neu-Moresnet und der Freiwerdung des dortigen Gemeindehauses, der früheren Villa Bruch, die Gelegenheit, die Verwirklichung des Vorhabens konkret ins Auge zu fassen, wobei die verschiedensten Instanzen involviert waren. Professor Marchal, ein anerkannter Museumsfachmann gab richtungweisende Impulse, Gemeinschaft und Gemeinde machten das Projekt finanziell möglich, die „Vieille Montagne“ und die Göhltalvereinigung waren partner- schaftlich eingebunden. 1984 konnte das Göhltalmuseum nach umfangreichen Umbauarbeiten seiner Zweckbestimmung übergeben werden. Gemäß den Vorgaben von Professor Marchal wurden die beiden tragenden Säulen des Museums, der Erzbergbau im Bereich der Konzession der Vieille-Montagne und die besondere Geschichte des „neutralen‘“ Gebietes von Moresnet, besonders herausgestellt. Nach 20 Jahren war das Museum nun etwas „in die Jahre gekommen“. Der Bau war renovierungs-, das Konzept überholungsbedürftig. Das Göhltalmuseum soll nicht nur „der Vergangenheit eine Zukunft“ sichern, sondern auch im lokalen, regionalen und euregionalen Rahmen eine angemessene Rolle übernehmen. Die notwendigen Umbaumaßnahmen betrafen sowohl den Innen- wie den Außenbereich. Ein Anbau vergrößerte das Raumangebot im Kellerbereich um 18 und im Ausstellungs- bzw. Vortragsraum um 36 m?. Am 22. April 2004, bei der Übergabe zweier alter Walhorner bzw. Rabotrather Ansichten (mehr dazu in einem späteren Beitrag) konnte ein erster Eindruck von der Funktionalität der Räumlichkeiten gewonnen werden. Am 28. Mai 2004 war dann die offizielle Neueröffnung. Kulturschöffe Hermann Lausberg ging in seiner Begrüßungs- ansprache auf die durchgeführten Baumaßnahmen ein, dankte allen daran Beteiligten und gab seiner Überzeugung Ausdruck, „dass dieses renovierte Museum sich zu einem Ort vielfältiger kultureller Aktivitäten, aber auch
102 zu einer Stätte geselligen Beisammenseins vieler Bürger“ entwickeln werde. „Ich wünsche und hoffe“, so der Schöffe, dass das neue Rauman- gebot dazu beitragen wird, noch mehr als bisher attraktive kulturelle Ereignisse in unsere Gemeinde zu holen.“ Er sein sicher, dieses neu gestaltete Museum werde in Zukunft einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass sich unsere Bürgerinnen und Bürger noch stärker als bisher mit ihrer Gemeinde identifizieren. „Immer mehr Menschen, „so der Schöffe abschließend, „wollen heute in ihrer Gemeinde mehr sehen als nur ihren Wohn- und Arbeitsort oder ihre Schlafstätte. Also brauchen wir Identifikationspunkte im gesellschaftlichen und kulturellen Bereich ...“ Bürgermeister Mathieu Grosch bezeichnete in seinem Grußwort das Museum als etwas „ganz Wichtiges‘ für die Gemeinde Kelmis. Das Haus sei „offen für die Kreativität heute und morgen“ (wie sich das schon bei der gleichzeitig stattfindenden Ausstellung mit Werken einheimischer Künstler dokumentierte). Es solle dazu beitragen, den Geist zu verstehen, der sich im Laufe der Jahrhunderte hier entwickelte, sowie die besondere Geschichte der Ortschaft. Der Bürgermeister spann den Faden seiner Überlegungen aber noch weiter und ließ anklingen, in welche Richtung die Bemühungen in Zukunft gehen werden: Kelmis als Industriemuseum im Verbund und in der Partnerschaft mit anderen Einrichtungen dieser Art -der Bürgermeister nannte namentlich Stolberg- wird eine euregionale Bestimmung erhalten... Als Minister für Kultur und Tourismus gab Bernd Gentges seiner Freude darüber Ausdruck, dass er „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ könne. Das Göhltalmuseum sei bereits ein kleines Schmuckstück für die Gemeinde Kelmis, aber eines, das noch wachsen könne, und er sei davon überzeugt, dass es wachsen werde. Und es werde immer mehr Menschen zu einem Besuch anziehen, weil es Einmaliges zu bieten habe. „Museen haben längst nicht mehr den ‚Touch’ des Verstaubten. Sie dienen längst nicht mehr nur dazu, die Vergangenheit am Leben zu halten. Eine Vergangenheit, die in dieser Region von einer Industrie geprägt war, die die Einmaligkeit der Region grundlegend mitbestimmt hat. Und diese Vergangenheit bietet heute zahlreiche Chancen. Ich habe eben auf die touristische Bedeutung des Museums hingewiesen. Jeder, der sich mit dem Tourismus in Ostbelgien beschäftigt, weiß, dass immer wieder Klagen laut werden, dass wir keine „Überdachte“ touristische Infrastruktur besitzen.
103 Aber dieses Museum ist eine solche Infrastruktur. Zwar wird das Göhltalmuseum nie mit den ganz großen Industriemuseen konkurrieren können, aber die angestrebte Vernetzung der Industriemuseen in der Euregio Maas & Rhein ist ein weiterer Schritt, seinen Platz in der Kulturlandschaft zu festigen. Wenn die euregionale Kooperation uns solche Chancen bietet, müssen wir natürlich zupacken. Und ich bin zuversichtlich, dass nach dem Projekt „Sanfter Tourismus im Göhltal“ auch die Vernetzung der Industriemuseen einen Mehrwert schaffen wird. Und wenn wir diese beiden Projekte parallel betrachten, sind wir eigentlich in einer Nische, die sich in der DG immer deutlicher heraus kristallisiert: beim Kulturtourismus. Dieser Begriff, so mein Eindruck, verliert langsam seinen Schrecken, weil viele Menschen einerseits begreifen, dass Kultur gar nicht schmerzt, und andererseits feststellen, dass die Beschäftigung mit Kultur weder langweilig noch mühsam sein muss, sondern sehr bereichernd ist. Und ein Besuch im Göhltalmuseum wird ab heute mehr denn je eine Bereicherung sein. Auch wenn heute die Verpackung vielleicht ein wenig im Vordergrund steht, sollten wir den Inhalt nicht aus den Augen verlieren... Minister Gentgens wies sodann auf eine Nische hin, die vor unserer Haustüre liege. Seine Anregung: Man fahre doch übers Venn und frage dort die Leute, ob sie schon mal im Göhltalmuseum gewesen seien. Ob sie die industrielle Vergangenheit dieses Gebietes kennen. Die Antwort könne jeder sich wohl ausmalen. „Das heißt‘, so der Minister, „wir müssen unser kulturtouristisches Angebot auch unseren Leuten verkaufen. Das stärkt nicht zuletzt unsere Position im Reigen der zahlreichen Kooperationen, die von ostbelgischer Seite aus bereits eingegangen worden sind. Denn wenn wir es schaffen, unsere eigene Bevölkerung in stärkerem Ausmaß für UNSER Angebot zu sensibilisieren, haben wir unbezahlbare Multiplikatoren gefunden. Wenn wir das nicht tun, ist die Negativwerbung kostenlos. Stellen Sie sich vor, in Eupen wird jemand auf der Straße von Gästen angesprochen, die nach Kelmis wollen, um dort das Göhltalmuseum zu besichtigen. Wenn sie als Antwort erhalten: „Kenne ich nicht!“ dann müssen unsere Gäste daraus schließen, dass sich ein Besuch des genannten Museums wohl nicht lohnen kann... Aber er lohnt sich! Und es lohnt sich, dieses kleine Schmuckstück zu hegen und zu pflegen, ihm eine Zukunft zu geben. Und die Deutschsprachige Gemeinschaft glaubt an diese Zukunft und wird weiter an dieser Zukunft bauen. Weil wir der festen Überzeugung sind, dass die
104 ; 75.000 ‚die von Gemeinschaftsseite jetzt in die Renovierung des Göhltalmuseums geflossen sind, gut angelegtes Geld sind. Caroline Leterme, Archäologin im Dienste der DG, stellte sodann ein in Zusammenarbeit mit der Museologin Florence Bertrang ausgearbeitetes Ausstellungskonzept vor, nach dem das Museum ein geschichtliches Zeugnis der Identität der Gemeinde Kelmis sein sollte. Diese Identität gründet auf dem Galmei (Zinkerz) und müsste unter den verschiedensten Aspekten und Wechselwirkungen vorgestellt werden. Um nur einige zu nennen: Das Galmeierz und - die Mineralogie (was ist Galmei? Entstehung, Eigenschaften, } Gewinnung, Verarbeitung etc.) : - die Industrie (welche Rolle hat das Galmei im wirtschaftlichen und sozialen Leben der Gemeinde gespielt?) - die Politik (welche Zusammenhänge gab es zwischen dem Galmeivorkommen und dem neutralen Gebiet?) - der Export (wohin wurde exportiert? Zu welchen Zwecken? ...) Abgerundet wurde die Wiedereröffnung des Göhltalmuseums durch Gesangseinlagen von Madeleine Grosch und Hubert Vanaschen, die am Klavier durch Daniel Thonnard begleitet wurden, während Pastor Erich Altdorf und Pfarrer Schuler die Segnung des Hauses vornahmen.