Yı G Shltal Landschaft im Grenzraum Nordostbelgiens SL W \V\ A f BE DEE wi SM QUR 67 BA > "> % VW A SUN fe VE EA SE a A ZZ DEE 1 Z ZZ RU (kl EEE ZZ ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr. 74 — Februar 2004
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Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr. 74 Februar 2004 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04. Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Kassierer: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Postscheckkonto Nr. 000-0191053-60. Fortis Bank: 248-0068875-35 Konto NL: AMRO-BANK: 46.37.00.090 Vaals/L Konto BRD: Aachener Bank: 821 363 012 (BLZ 390 601 80) Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten Entwurf des Titelblattes: (+) Alfred Jansen, Moresnet-Kapelle. Druck.: Aldenhoff, Gemmenich - 087-78 61 13.
3 Inhaltsverzeichnis Alfred Jansen (+) Zum Umschlagbild: 5 Moresnet-Kapelle Vom Reuschenberger zum Amstenraedter oder Herrenhaus in Eynatten Leonhard Kirschvink Raeren, eine Siedlung im Reichswald H Bollendorf Jacob Langohr Der Breef no oove 44 Bildchen Walter Meven Aus dem Geschichtsbuch der Pfarre 45 Aachen Eynatten Alfred Bertha Das Herzogtum Limburg nach der Karte 56 Hergenrath und Beschreibung des Aegidius Martini Hans Dieter Iven Das „Wunder von Aachen“ 65 Laurensberg Eine wunderbare Begebenheit aus dem Aachener Dom im Jahre 1867 Alfred Bertha Bettelkinder und Jagd auf 70 Hergenrath „kleine Kaninchen“ M.-Th. Weinert Hubertus 84 Aachen-Forst — Gabi Regulla Rückblick auf die Ausflugsziele in der 85 Hergenrath Provinz Hennegau Eckhard Krauß Aus den Erzählungen meiner Großmutter 93 Köln über den berühmten Künstler aus Preußisch- Moresnet: Rudolph Krauß-Segommer Alfred Bertha Eine frühe Erwähnung der 98 Hergenrath „Hergenrather Besenbinder“ Wörterbuch des Gemmenicher Platts 101 Herbert Lennertz Jahresrückblick 2003 102 Neu-Moresnet
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5 Zum Umschlagbild* Vom Reuschenberger zum Amstenraedter oder Herrenhaus in Eynatten von (+) Alfred Jansen Obschon das „Amstenraedter Haus“ in Eynatten nur knapp hundert Meter von der verkehrsreichen Aachen-Eupener Landstraße entfernt liegt, ahnt der schnell vorbeifahrende Autofahrer nichts von der romantischen Idylle, die sich dem Auge bietet, wenn man, von Aachen kommend, am Ortseingang, rechter Hand, kurz vor der Kirche, eine kleine, versteckt liegende Zufahrt zu einem landwirtschaftlichen Anwesen einschlägt. Dieses schirmt mit seinem Wirtschaftshof und den Gebäuden ein kleines Schlösschen ab, das nach einem seiner früheren Besitzer meist Amsten- raedter Haus genannt wird. Das Wasserschlösschen geht zurück auf die Adelsfamilie derer von Eynatten. Im Jahre 1722, zur Zeit des Eynattener Pfarrers Cornelius Matthaei, waren in der Wiese „Pesch“ noch Überreste („vestigia‘“) der ersten Eynattener Burg zu sehen. Der Pfarrer berichtet, aus alter Überlieferung wisse man, dass die „sehr edle und sehr alte Familie von Eynatten“ auf ihrem Grund, vor dem Eingang zum Hof („curia‘ oder „villa‘) eine Kapelle zu Ehren der hl. Anna errichtet habe. Diese Kapelle sei ungefähr seit Weihnachten 1200 an Sonn- und Feiertagen durch einen Geistlichen aus Walhorn oder Brandenburg bedient worden. Schon 1364 wird diese Burg als „antiquum castrum“ (alte Burg) bezeichnet. Weshalb die alte Burg, die urkundlich 1248 erwähnt wird, zur Ruine geworden ist, bleibt unklar. Die Vermutung, dies hänge mit der Verheiratung ihres Besitzers mit einer Erbin des Schlosses Neuburg und der Herrschaft Gülpen zusammen, lässt sich nicht belegen. Die Familie der Freiherren von Eynatten hat in der vorfranzösischen Zeit eine gewisse Rolle im Herzogtum Limburg gespielt; wir finden sie auch eng verbunden mit der Geschichte von Bolland und Remersdael (Obsinnich). * Aus G. Poswick, Les Delices du Duche de Limbourg, S. 307-312, Verviers 1951
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8 Agnes mit Jakob von Reuschenberg kam das kleine Wasserschloss zum Namen „Reuschenberger Haus“. N IA TA CL A E ” FR [PA ZZ EM ko (CD) ZZ. | Pa SEN | Zw Me SEEN A ar ; } VW; ] “N | N A ] DL Ä BF 6 V Maghen der Bin | — Bynalten A a FF? Fa Aa nn ME A Das Wappen der Familie von Eynatten (Kirchenfenster in der Pfarrkirche) weist gestümmelte Vögel und den Wahlspruch „Enatent et evolent“ (Sie mögen hinausschwimmen und davonfliegen) auf. Katharina von Reuschenberg, die Tochter vorgenannter Eheleute, heiratete Gothard von Harff; ein Sohn dieser Eheleute, gleichfalls Gothard genannt, überließ 1611 seiner Schwester Anna das väterliche Erbe. Diese heiratete Frambach von Gülpen, blieb aber kinderlos, so dass das Kleine Haus an die noch minderjährigen Kinder ihres Bruders Gothard fiel. 1644 kaufte der Onkel mütterlicherseits, Arnold Huyn von Amstenraedt, das Kleine Haus, das im Kaufakt „maison forte“ (befestigtes Haus) genannt wird.
9 Nachdem Arnold Huyn von Amstenraedt am 18. August 1650 dem Herrn von Walhorn, Arnold Schuyl, die Herrschaftstrechte über Eynatten und Hauset abgekauft hatte, nahm das alte Reuschenberger Haus auch den Namen „Herrenhaus“ an. KA EN EA dp a An die früheren Besitzer von Amstenraedt erinnert noch das Wappen des Arnold Huyn von Amstenraedt in dem kleinen Vorhof hinter dem Eingang. Nach dem Tod des Arnold Huyn von Amstenraedt kam das Erbe an die Tochter Clara-Anna Huyn von Amstenraedt, die den im Dienste des spanischen Königs Philipp IV. stehenden Kavalleriekapitän Gerard von Dieden-Malatesta heiratete. Dieser war hochverschuldet und nach seinem Tode, kurz vor 1700, ließ einer der Gläubiger, der Graf von Hoensbroeck, den Besitz des Verstorbenen beschlagnahmen. Es gelang der Witwe und den Kindern jedoch, in der Person des Aachener Bürgers Nikolaus Moeren einen neuen Geldgeber zu finden und ihre Schulden beim Herrn von Hoensbroeck abzutragen. Dennoch konnten sie den Eynattener Besitz nicht halten, so dass das Kleine Haus schon 1704 zum Verkauf kam. Der neue Besitzer,
10 Nikolaus Moeren, hatte eine Tochter, Johanna, die 1687 Johann Gaspard Deltour geheiratet hatte. 1709 erbte sie den Eynattener Besitz. Das Eynattener Herrenhaus ist eine dreiflüglige, allseits von Wasser- gräben umgebene Bruchsteinanlage, die ihr heutiges Aussehen im Wesentlichen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erhielt, als das Haus im Besitz der Familie Deltour war. Durch Heirat kommt das Anwesen Mitte des 18. Jahrhunderts an den gewesenen Kapitän in österreichischen Heeresdiensten, Nik. Leonard Charlier und 1780 durch Kauf an Arnold Römer Lambertz, den Besitzer des angrenzenden Vlattenhauses. Durch die Heirat von dessen Tochter Sybille Lambertz mit Andre Jos. Franssen aus Maastricht kommt das Kleine Haus an diese Familie. In der Folge ist ein Enkel des Herrn Franssen, Ferdinand Johann Hubert Franssen, Richter am Amtsgericht in Heinsberg, alleiniger Besitzer des Hauses. Einer seiner Söhne, Andre Hubert Joseph Robert Franssen, kommt durch notarielle Urkunde vom 9. Februar 1903 in den Besitz des Amstenraedter bzw. Reuschenberger Hauses. 1920 erwarb er auch das Waldenburgshaus auf Merols. Er starb 1946. Dieser Vertreter der Familie Franssen wurde 1938 in den Adelsstand erhoben und durfte fortan zum Adelstitel „Baron“ den Zusatz „von Cortenbach“ tragen. Da die beiden Söhne kinderlos verstarben und die Familie somit im männlichen Stamme ausstarb, fiel das Kleine Haus an die Tochter Mathilde Franssen von Cortenbach, verheiratet mit dem Legationsrat L6on Sutor, deren Nachfolger das schöne Anwesen noch heute besitzen.
a RAEREN Eine Siedlung im Reichswald von Leonhard Kirschvink Alle Heimatforscher haben Raeren von alters her der Bank Walhorn und dem Herzogtum Limburg zugeordnet. Raeren und Neudorf waren bis 1795 zwei getrennte Dörfer. Während Neudorf eindeutig immer zum Herzogtum Limburg und zur Bank Walhorn gehörte, gibt es Anzeichen dafür, dass Raeren ursprünglich zum Aachener Reich gehört hat und erst um die Mitte des 15. Jh. dem Herzogtum Limburg und der Bank Walhorn einverleibt wurde. Diese Hypothese möchten wir hier zur Diskussion stellen. Raeren und Neudorf, eingebettet ins Tal der Iter, waren im 10. und 11. Jh. noch ringsum von Wald umgeben. Da ist es schon sonderbar, dass beide Siedlungen durch eine Grenze geteilt waren. Diese Grenze konnte nur durch die Teilung von Herrschaftsgütern entstanden sein. Im 10. und 11. Jh. begannen die Fürsten, eigene Territorien zu bilden und diese abzugrenzen. Grafschaften und Herzogtümer entstanden. Abteien wurden durch kaiserliche Stiftungen zu unabhängigen Herrschaftsgebieten. - Kaiser Ludwig der Fromme hatte 817 die Abtei INDA (Kornelimünster) mit Land (eine Fußstunde ringsum) gestiftet. Damit lag die Westgrenze der Abtei fest, die Linie Petergensfeld, Schmithof, Brandenburg, Lichtenbusch und Hebscheid. - Um 851 tritt unsere nähere Heimat zum erstenmal in die Geschichte ein: Kaiser Lothar II. schenkt dem Aachener Marienstift den Zehnten des Königshofes Walhorn. - In einer Urkunde König Heinrichs III. (1042) wird "Harne" (Walhorn) als im Lüttichgau liegend bezeichnet. - König Heinrich IV. schenkt 1072 dem Marienstift Aachen das Königsgut Walhorn. In der Urkunde heißt es: "Der Name dieses Gutes ist Harne, es liegt im Ardennengau in der Grafschaft Ditpolds". ("Nomen ejusdem praedii est Harne, situm autem in pago Harduenne in comitatu Ditpoldi").
12 RAERENS GRENZEN VON DER ROMERZEIT BIS ZUM VERSAILLER VERTRAG 1919 Um 50 v. Chr. wurden die linken Rheinlande von den Römern erobert. Das Gebiet Aachen - Raeren lag in der GERMANIA INFERIOR. Die Römer hatten ihr Reich in Verwaltungsbezirke - Civitates - eingeteilt. In unserer Heimat grenzte die Civitas Ubiorum (Ubier) im Osten an die Civitas Tungrorum (Tongern) im Westen. Die Scheidgrenze im Raum Aachen-Raeren ist in etwa mit der heutigen Staatsgrenze Belgien - Deutschland identisch (siehe Karte 1 aus H. Aubin, Handatlas). Zur Zeit der Völkerwanderung (um 350 - 450 n. Chr.) wurden die linken Rheinlande, Belgien und Nordfrankreich bis Orl&ans von den Franken in Besitz genommen. Diese übernahmen die Grenzeinteilungen der Römer, die Civitates. Westlich von Raeren siedelten die Salfranken, östlich die Ripuarier. Raeren und Neudorf gehörten zum Stamm der Ripuarier. Die Raerener und Neudorfer Mundart ist ripuarisch. Das Land um Eupen (Walhorn, Maastricht, Roermond usw.) gehörte zum Stamm der Salfranken. Die Grenze zwischen den beiden Stämmen bildet noch heute die Mundartgrenze, die sogenannte Benrather Linie: make, Water, lope - maache, Waisser, lofe. Die Franken teilten ihre Gebiete nach den römischen "Civitates" in Gaue ein. Im Bereich von Aachen - Raeren grenzte der Lüttichgau an den Jülichgau. (s. Karte 2 aus H. Aubin, Handatlas). Bei der Christianisierung unseres Landes (600-800) wurden die Bistumsgrenzen nach den Gaugrenzen der Franken festgelegt. So gehörten die Gebiete östlich der Linie Aachen - Raeren zum Bistum Köln, die Gebiete westlich dieser Linie jedoch zum Bistum Lüttich. Aachen und Raeren gehörten zu Letzterem. Diese Bistumsgrenzen blieben bis 1801 bestehen. Mit der Gründung der Abtei Kornelimünster im Jahre 817 war die Ostgrenze von Raeren endgültig festgelegt. Sie blieb es bis 1919, als sie im Versailler Vertrag zur Staatsgrenze zwischen Belgien und Deutschland erklärt wurde. Diese Grenze ist über 2000 Jahre alt. 1921 wurde sie zwischen Schmithof und Hebscheid nach Westen verschoben. Raeren- Sief und Lichtenbusch wurden wieder deutsch. Unbekannt ist bisher die Ostgrenze des Königshofes Walhorn, den König Heinrich II. 1042 dem Marienstift Aachen schenkte. Dieser Königshof lag im Lüttichgau, in der Grafschaft Ditpolds/ Tietbalds. (In späteren Urkunden wird Walhorn als im Ardennengau
14 On Die Germanen am Rhein nach der Völkerwanderung NINE Gaugrensen ZZ Herzogtum Ripuarien ° Orte des Moselgaus und Moselherzogtums Pas N emimemememe Grenze zwischen Franken He \ und Alemannen bis 496 Be Si SM axsssznın Heutige deutsch-franzöt. » AS Sprachgrenze 7 — ZEN In N 8 RE ES S A 0° \ GC On MO KR ED ZZ (X SEC Chatten ZZ A Yoblenz 7 N DZ A ° . A ß & CS 3 a PC x d O Bingen)” Meinz er 7 FD Worms ° Ad ® CO» N Ale Maßstab 1: 2750000 KARTE 2
15 auch die Grenze zwischen der Grafschaft Ditpolds und dem Reichswald war. Diese Grenze verlief in etwa über Berlotte, Vergefnes, Titfeld, Botz und Periolbach in Richtung Vennkreuz. Einige Grenzprotokolle aus dem 14. und 15. Jh. bestätigen diesen Grenzverlauf. Titfeld lag hart an der Westgrenze des Reichswaldes auf dem Gebiet der Bank Walhorn. Es wäre denkbar, dass der Name Titfeld von dem Namen der Grafschaft Tietbalds (= Ditpold) herkommt. Von Raerener Seite aus gesehen war es Tietbalds Reich, woraus Tietbalds Feld und letzten Endes Titfeld entstehen konnte. So nennen die Roetgener Petergensfeld noch heute "Spanisch" weil es früher zum Königreich Spanien gehört hat. Wo der Namen Petergensfeld herkommt: um 1391 Peter Kindefelt. DER KONIGSHOF WALHORN Die Schenkung Heinrichs III. von 1042 an das Marienstift Aachen sagt nichts aus über die Größe des Königshofes. Als Westgrenze des Hofes kann man die Banken Baelen und Montzen sowie die Herrschaft Lontzen nehmen, die ja auch aus königlichen Schenkungen hervorgingen. Als Nordgrenze steht wohl die Göhl fest. Als Ostgrenze kann man den Reichswald betrachten, im Süden den "Vorst". Die so umschriebene Fläche betrug 48 km? oder 19.200 Morgen. Das war die Größe bis 1439, als der Herzog von Burgund den Reichswald für sich in Besitz nahm. Wäre Raeren bis zur Abtei Kornelimünster in diesem Bereich enthalten gewesen, dann wäre der Reichswald in zwei geteilt worden. Das konnte nicht im Interesse des Kaisers liegen. Als Ostgrenze des Hofes wird man wohl den alten Öslingerweg genommen haben, der später als Pilgerweg über die Roderstraße nach Aachen führte. Auf dem Gebiet des Königshofes Walhorn gibt es nur einen Ort, der auf eine Rodung hinweist: Rabotrath. (Hergenrath, nördlich der Göhl gelegen, sowie Raeren (Roderen) im Reichswald, rechne ich nicht zum Königshofe gehörig). Rabotrath liegt am Rande des Hofes und wird wohl aus der Rodungsperiode zwischen 800 und 1200 stammen. Im Osten der Bank Baelen, eng an der Grenze zu Walhorn, liegen nahe beieinander vier Orte, die auf eine Rodung hinweisen: Nöreth, Gemehret, Nereth und Overoth. Es ist durchaus möglich, dass dieser Bereich mit Rabotrath um 1042 ein zusammenhängendes Waldgebiet
16 N x j & REICHSSTADT. $ W 0 ö ° Q AACHEN $ S x< ‚J Ye VA SO % an A At 0 Arte EEE SEE KO << BR HET AAN ( ASS An 5 N Ron SS arAlants REEL M R.ABrET N A Bo Aakdorhl A AN On ORNELIMÜNSTER MONTZEE „sa WA 3 & ud ZA } % REAL, > RE Neanraehg BE AN f 50 DD IN 1 IT MC EEE ya 1 & A NE OD armen) Ka CAD La An WERETH ® 5 | ve) CA ART A EEE ALO = 84.4.4 0 DE 7 A Ze ea \ Ale O-a > 542 .A0 BAELEN Vor AG Z04 7 A HE a SER a4 KONIESYOP DARAN 1, ZULICHSAU A SEN A SE A X AS an HOHES NENN A ® ee 5 WAHRSCHEINLICHE GROSSE DES KOÖNIGSHOFES WHALHORN. SUSE WE VOHBEE N ahe TEN. CO WA 77ER REICHSWALD Leit a A Sa essen esse En VWORET E Ga KARTE 3 war und dass man den östlichen Waldsaum als westliche Grenze des Königshofes Walhorn nahm. Man kann annehmen, dass das Kernland des Königshofes bei der Schenkung Lothars II. im Jahre 851 schon längst gerodet war und bewirtschaftet wurde. Vielleicht liegt der Ursprung des Hofes in der Römerzeit (siehe Karte 3)?
18 Die Grenzen des Aachener Wildbannes finden sich in einem Weistum über den Aachener Reichswald aus dem 13. Jahrhundert. Danach sind die Hauptpunkte der ungefähr einen Kreis um Aachen bildenden Wildbannlinie folgende: Stolberg, Brandenberg, Honien, Reinartshof, Titfeld, Belven, Walhorn, Emmaburg, Gemmenicher Loch, Vaals, Mamelis, Bochholzerheide, Vlegendaal, Laurensberg, Berensberg, Wilhelmstein, Bardenberg, Euchen, Kinzweiler, Dürwiß und Weisweiler; von der Weisweiler Brücke bis nach Stolberg bildet dann die Inde die Grenze. (Nach Lacomblet Arch. III, S. 2525 ff - Grimm, Weistümer IV S. 799). Der Reichswald, von dem hier die Rede ist, ist ein Teil aus dem Wildbann des Aachener Pfalzgutes. Er berührte weite Teile des Herzogtums Limburg, des Landes Monschau, der Reichsabtei Kornelimünster, des Herzogtums Jülich und der Reichsabtei Burtscheid. Zwischen Aachen und der Bank Walhorn gab es immer wieder Zwistigkeiten um die Grenzen des Reichswaldes. (Ausführliche Literatur über den Reichswald in: - Zur Geschichte von Neutral - Moresnet von Dr. Fritz Spandau - Die alten Reichswälder um Aachen, von Jac. Hammers in Aachener Heimatgeschichte, 1924). DAS GRENZPROTOKOLL DES FORSTMEISTERS SIETZ VON LIBERME UM 1391 Leider können wir uns über die ursprüngliche Ausdehnung des Aachener Reiches erst aus urkundlichen Quellen des ausgehenden 14. und des beginnenden 15. Jahrhunderts ein Bild machen. Zudem handelt es sich bei diesen Grenzurkunden nur um eine Beschreibung der Grenzen gegen das Herzogtum Limburg. Als früheste Quelle dient ein bisher unbekannt gebliebener Brief des Aachener Forstmeisters Sietz von Liberme. Das Schreiben ist zwar undatiert, aber da Sietz von Liberme€ nachweislich 1385 und 1395 städtischer Forstmeister war, dürfen wir es für diese Zeit ansetzen. Sietz von Liberm€ macht in diesem Schreiben dem Rat Mitteilung über die seiner Aufsicht anvertrauten Waldungen und erwähnt mehrere Punkte, die als Grenzbezeichnungen anzusehen und größtenteils als solche auch bezeugt sind, nämlich das Gemmenicher Loch, die Preuß, die Straße nach Hergenrath, den Burtscheider Busch, Frennet, den Weinweg Limburg-Kornelimünster, den Monschauer Wald und die "Scerp Eyke",
19 einen durch einen Eichenbaum gekennzeichneten, mehrfach genannten Grenzpunkt südlich Raeren, der heute unbekannt ist. Weit genauer sind die Angaben in einer Grenzbestimmungsurkunde, die König Sigmund am 19. Oktober 1423 in Gebietsstreitigkeiten der Stadt Aachen mit dem Herzogtum Limburg ausgestellt hat. (Aus Dr. H. Schiffers, S. 26 und 27) NB. Scherpe Eich: Auch Corney Stein genannt. Grenzpunkt der Gemeinden Eupen, Kettenis, Raeren, östlich von Hasenell. PROTOKOLL ZUR FESTLEGUNG DER GRENZEN ZWISCHEN DER BANK WALHORN UND DEM AACHENER REICHSWALD (18. April 1391) Dingtag des Walhorner Gerichts zur Festlegung der Scheidinghe ende Limite der Gemeende van Aachen genoempt Preusse ende Rijcxwaldt onder de Bancke van Walhorn ende Montzen ende van Hertogenwald sowie zur Klärung der Rechte und Pflichten der Forstmeister im Aachener Gemeindewald durch die Schöffen von Walhorn in Anwesenheit einer Delegation der Stadt Aachen. Dis ist die Scheijdung und Reinungen der Geminden van Achen eines deils und des Herzogenwaldts van Brabant ander theils, gleicher weijs die von alters gebraucht, gehalten und befunden ist. Zum irsten zu Neudorp an de Itter und vortgaende bis an die Cantrijen'; und voen dane gaende ahn Pijllardts vijene?; und gehet vort von Pillardts vijenen op eijdt Reijnungen, die heere Matalien von Eijnatten?, die da in der teijdt, daet hij burggraff zu Limbrich was*, welcke Reijnstein noch heud destagen dae soendt; und geniet bij* an de Scharp Eich, ein Ersahmer Raadt von Aach und Heer Johan von Grunsfelt® zur recht ein Burggrafen von Limburgh zusamen waeren, dieselbige zeichende und die Reijnstei- ne, als da dargesetzt worden, welcke noch beij der Scharper Eich leigen”; und gehet vort von dan ahn Rubartsboven®; und gehet vorth von dan ahn Claperbach, da sie inn die Weissell filt; und von Claperbach op bes oever Plateijmont langs die Rüdehage op bis op den paet, der von Monsoije zü Eupen gaed; und von denselven paet zu Monsoije voort bis op die Sijpe, welcke de Esbach genant ist, und ist allein Scheijdung tuschen Monsoije Landt und gemende van Aach; und vorth in die Eschbach nider und alle die Steinbach nider, bis dat sie in die Weser falt; und alle die Wesell auff
20 bis zu in der Kindtfeld®; van Peter Kindefelt voort bis aen Clumen Heijersharth'®; von dan ahn den Almachtegen Stock op Munster Vijnne, welche eine Scheidung ist des Munster Landts und der Geminde von Aach; von dort bis auff die Inde und alle die Inde nieder bis an die Stras gaende under denn berig, welcher Valckenberig heischt; und alle die Stras aus bis an der Abentheuren bis ahn denen gefaltenen Stein; und vorts gende aen die Loebeich, da auch ein gefaltenen Stein'! leigt'?; von dane vort auff den Schorrenstein vom hoff zu hepscheijdt und vortgaende Heerren Schellarts Hoff; von danen vort auf die Dreischeidt von Borscheider Busch; item von Borscheider Busch durch die Reinharts Keel int Loch von Gemenicherbach; und alle die bach nieder bis zur Roderburgh; und von die Roderburgh bis in die Go&1Il; und dan alle die Goö6ll aff bis zu Moresneit; und voort alle die Goell auff bis durch Kelmis; und von Kelmis vort under de brugge von Herkenraeden und voort die Goöll auffwertz bis aen die Raderstraße und von den an Goellenboven'®, dahin die Go6€ll springt; und von den Goellenboven bis widder auff Rae- der Strassen; und fort alle die Straes langs durch den Kalckoffent; und durch die Bukelstein vort durch bis zu den Raderen in die Busch zu Newdorp...." (Aus L. Wintgens, Weistümer und Rechtstexte im Bereich des Herzogtums Limburg, Ostbelgische Studien III, !988, S. 291-295). Dieses Protokoll beschreibt die Grenzen des Reichswaldes zur Bank Walhorn, der Bank Baelen, dem Reichswald Konzen, dem Herzogtum Jülich und der Reichsabtei Konelimünster. Raeren ist eindeutig innerhalb der umschriebenen Grenzen des Reichswaldes zum Aachener Reich gehörig. Anmerkungen 1) Verschreibung für Anwye (BW/Bernard Willems) oder eher Auwye (WK/Walter Kaemmerer). 2) BW schreibt irrtümlich Pyllardtsrynne, WK richtig Pillartzvenne. 3) Matalien oder Mattelinn (BW) von Eynatten wird in der Liste der Burggrafen von Limburg in Jos. THISQUEN, Histoire de 1a ville de Limbourg, II, S. 146 f. nicht erwähnt. 4) Bei BW ähnlich. In der folgenden Urkunde von 1423 heißt es verallgemeinernd: die vor manighen jaren alda geschiet ist von eynem burggraven von Lymburg. 5) Lies geent (WK) oder gaent (BW) bis.... 6) Johann von Gronsfeld, Burggraf ab 1377, wird am 2. August 1386 in Aachen ermordet. 7) Die historischen Einzelheiten ab ”’ein Ehrsamer Raadt” entfallen wiederum naturge- mäß in der Urkunde (WK). 8) Fehlschreibung für Rubartsborn; vgl. BW Rhebartsborn, WK Rebartzborn.
21 9) WK hat (auch gegen BW) die Steynbach aff biß gen Peterkindefelt. 10) BW Clumenn (?) Reyersshardt, WK Clomennreyrs hart. 11) BW hat beide male gespalten Stein; WK transkribiert irrtümlich zweimal genalden statt der Form gevalden steyn, die in der Urkunde steht. 12) Nur in der Urkunde von 1423 folgt hier «von danne furbaß an den Daesberg an den Obernsteyne». Der Daesberch wird auch in der Schilderung des Grenzverlaufs der Bank Walhorn zu Beginn des schon zitierten Walhorner Weistums aus der Mitte des 15. Jahrhunderts als Anhaltspunkt angegeben. Zum weiteren Vergleich siehe u. a. J., THISQUEN, La Coutume ancienne du Duche de Limbourg, S. 148 13) Wiederum Fehlschreibung für -born. BW verbessert zweimal Moelenborn zu Goe- lenborn. N. B.: Bernard Willems veröffentlicht in "Ostbelgische Chronik" Bd. 1, 1948, S. 216- 217, eine Version dieser Grenzbeschreibung, wie sie 1862 von H. Pauly in den "Beiträgen zur Geschichte der Stadt Montjoie" veröffentlicht wurde. Diesen Text bringt auch G. Gronsfeld in "Die Herren von Gronsfeld, ein limburgisches Rittergeschlecht", Geschichtliches Eupen, Bd. IX, S. 57-58. GRENZBESTIMMUNGSURKUNDE König Sigmund bestimmt die Grenzen des Aachener Reichs nach Limburg hin . - 1423, Okt. 19, zu Ofen (Buda-Pest) "Wir Sigmund von Gotes Gnaden Romischer Kunig, zu allen czeiten Merer des Reichs und zu Vngern, zu Behem, Dalmacien, Croacien etc. Kunig, Bekennen und tun kunt offenbar mit disem brieff allen den, die in sehen oder horen lesen. Wann wir fleissige sorge tragen, wie wir unser und des heiligen reichs stat zu Ache und iren inwoner unsere und des heiligen reichs lieben getruen bey iren rechten und zugehorungen furbaß behalden und das sie doran ungehindert beliben, und wir nu genuglich underweiset seyn, das die ytztgenante stat und burger zu Ache ire zugehorunge, das Riche daselbst, ire dorffer, gemeynde, pele und grentz von aldersher besessen, ingehabt und der gebrucht haben, als die hernach geschriben sind, nemlich zum ersten den Kailmynberg in dem Reiche zu Ache in den pelen gelegen, iten (!) die gemeynde in velde, busche, heiden, wassern und weiden, so wie die gelegen sind und sunderlich an dem lande zu Lymburg, als die mit iren pelen von worte zu worte hernach genennet sind: Zu Nuwedorp an die Iter an furbaß geende biß an die Auwye und von danne geende an Pillartzvenne, von Pillartzvenne uff die reynnunge, die vor manighen iaren alda geschiet ist von eynem burggraven von Lymburg, dieselbe reynsteyne noch hewt diß tags da steent und geent biß an die Scherpeeych und von danne furbaß an Rebartzborn und von danne furbaß geende an Clappenbach, da sie in die Wesel velt, und furbaß Clappenbach uff biß uber Plattemont rorende die
2@ Rundehage uff biß uff den patt, der von Monyoe zu Eupen geet, und den pat oder steichweg zu Monyoewert biß uff die syff geheissen die Eyschbach, und da ist die scheidunge czwischen Monyoer lant und die gemeynde von Ache, ftirbaß die Eyschbach nyder biß in die Steynbach, und alle die Steynbach nyder, biß die Steynbach in die Wesel velt, und alle die Steynbach uff biß gen Peterkindefelt, von Peterkindefelt furbaß biß an Clomenreyrs hart, von danne biß an den Almechtigenstock uff Munstervenne, das eyn scheidunge ist czwischen Munsterlant und die gemeynde von Ache, von danne furbaß uff die inde und die inde nyder biß an die straße, die geet under den berech, der heist Valkenberg, und alle die straße uff biß an der Euenturen an den genalden steyn, und furbaß geende biß an den Loebuych, da ouch eyn genalden steyn ligt, von danne‘ furbaß biß an den Daesberg an den Obernsteyne, von danne furbaß uff den schorensteyn in dem hove zu Hepscheit und furbaß geende uff hern Schelartzhoff, von danne furbaß uff die Driescheit von Bortschiersbusch und von Bortschiersbusch durch die Reynaltskele gegen das Loch von Gymenich und von danne in Gymmenigerbach und dieseb (!) bach nyder biß zu Roderborch und von Roederborch biß in die Goele und alle die Goele uff biß zu Mormesneyt und furbaß alle die Goele uff durch Kelmis und von Kelmyss furbaß under die brugge von hergenroide und furbaß die Goele uff biß an die Roiderstraße und von derselben Roiderstraßen biß an den Goeleborn, da die Goele springet, und furbaß von den Goeleborn biß wider uff die Roiderstraße und furbaß alle die straße hin biß durch den kalckoyven und durch den Bickelsteyn biß zen Roidern in die bach, und die bach uff biß zu Nuwedorp. Und wann uns die ersamen burgermeistere, scheppfen, rate und burgere der stat zu Ache diemieticlich gebeten haben, in und derselben stat Ache die vorgenante ire rechte, gemeynde, dorffer, hove, velde, busche, heiden, wassere, weiden, holtzere, berge, teler, ebene und den Kailmynberg mit allen und iglichen iren zugehorungen, als dann die in iren obgenanten reynen pfelen und grenitzen gelegen und begriffen sind, zu bestetigen und gnediclich zu confirmieren, des haben wir angesehen der vorgenanten van Ache diemietige bete und ouch betracht soliche unverruckte trewe und willige unverdrossene dienste, die sie unsern vorfarn romischen keisern und kunigen und ouch uns und dem riche getan und erczeigt habent, teglichen tun und furbaß tun sollen und mogen in kunfftigen czeiten, und haben dorumb mit wolbedachtem mute, gutem rate und rechter wissen in und iren nachkomen, burgern und stat zu Ache, alle und igliche obgenante ire rechte, gemeynde, dorffer, hove, velde, busche, heiden, wassere,
23 weiden, holtzere, berge, teler und ebene und den Kailmynberg mitsampt iren Zugehorungen als dann die in den vorgenanten iren reynen, pfelen und grenitzen begriffen, und gelegen sind, und als sie die von aldens gehabt hant und in gerulicher gewer und besitzen sind, gnediclich bestetigt und confirmieret, bestetigen und confirmieren in die von romischer kuniglicher macht vollkomenheit in craft diß brieffs und meynen, setzen und wollen, das sy die haben, halden und dabey unverruckt beliben und der gebruchen und genießen sollen und mogen von allermeniclich ungehindert. Und wir gebieten ouch dorumb allen und iglichen fursten, geistlichen und werltlichen, graven, fryen, edeln, rittern, knechten, amptluten, vogten, burggraven, truchsessen, richtern, burgermeistern, scheppfen, reten und gemeynden der stete, merkte und dorffere und sußt allen andern unsern und des heiligen richs undertanen und getruen ernstlich und vesticlich von romischer kuniglicher macht mit disem brieff, das sie die vorgenante von Ache an den obgeschriben iren rechten, gemeynden, dorffern, hoven, velden, buschen, heiden, wassern, weiden, bergen, telern, ebenen und dem Kailmynberg und iren zugehorungen furbaß mer nicht hindern oder irren in keynweis, sundern sy dabey hanthaben, schutzen und beschirmen und sy der gerulich und ungehindert gebruchen und genyessen und dabei beliben lassen, als lieb in sy unser und des richs sware ungnade zu vermyden und eyne pene hundert mark lotigs goldes, die eyn iglicher, der dawider tete, als offt und dicke das geschee, sol seyn verfallen halb in unsere kunigliche camer und das ander halbe teil den vorgenanten von Ache unleßlich zu beczalen. Mit urkund diß briefs versigelt mit unser kuniglich maiestat insigel. Geben zu Ofen nach Crists geburt vierczehenhundert iare und dornach in dem dryundczwenczigisten iare, am nechsten dinstag nach sand Lucas tag, unser riche des. Vngrischen etc. in dem sibenunddrissigsten,. des romischen in dem vierczehenden iaren." (Or. Perg. im Stadtarchiv zu Aachen. Das Siegel an gelb-schwarz- seidener Schnur ist unbeschädigt. Abgedruckt in: Fritz Spandau, Zur Geschichte von Neutral-Moresnet). Obige Grenzurkunde weist Raeren eindeutig als zum Aachener Reich gehörig aus. Anmerkung: Roderstraße heißt Raerener Straße, erstmals 1391 erwähnt. Es war die alte Straße, die von Raeren über Berlotte-Wesselbend-Hirtzpley nach Aachen führte. Dieser Name hatte sich bis 1976, - der Zusammenlegung der Gemeinden Raeren - Eynatten - Hauset -, offiziell erhalten. 1976 wurde die Roderstraße in Stestertstraße umbenannt. Nachdem auch Aachen die Roderstraße in Raerener Straße umbenannt hatte, war der Name Roder offiziell verschwunden. Schade!
24 GRENZBESTATIGUNG DURCH HERZOG PHILIPP DEN GUTEN VON BURGUND Die Aachener ließen sich von Herzog Philipp dem Guten, dem Limburg zugefallen war, am 12.08.1431 den Verlauf der Grenze bestätigen. Die Grenze zwischen der Bank Walhorn und dem Reichswald muss im Jahre 1042 entstanden sein, als Kaiser Heinrich III. das Königsgut Walhorn aus der Grafschaft Ditpolds/Tietbalds herausnahm und dem Marienstift zu Aachen schenkte. Um 1300 war Raeren eine Waldlichtung, die einzige Siedlung innerhalb des Reichswaldes, im Osten von der Reichsabtei Kornelimünster, im, Westen von der Bank Walhorn begrenzt. Neudorf lag eindeutig westlich des Reichswaldes, zur Bank Walhorn gehörig, wie die Grenzurkunden beweisen. Raeren lag wie eine Insel im Reichswald. Auffallend ist, dass sich vor 500 Jahren östlich der Roderstraße kein Gehöft befand. Westlich dagegen gab es die Gehöfte Steinkaul-Kalkofen, Neuenhof, Raaf, Rattenhaus und Bickelstein. Die Walhorner Seite war schon längst gerodet und Kulturland geworden. Herzog Walram der Zweite von Limburg hatte schon um 1120 große Gebiete seines Landes den Untertanen zur Rodung zur Verfügung gestellt. Wenn der Reichswald seit jeher den Herzögen gehörte, warum wurde hier nicht gerodet? Siehe Karte 4. DER VORST SEINER MAJESTAT Bei der Behandlung des Themas Reichswald darf der Vorst nicht außer Acht gelassen werden. Der Vorst war Privatdomäne der Herzöge von Limburg und blieb es bis 1795. Heute wird dieser Waldbezirk Domänenwald genannt. Die Entstehung des Vorst ist ungewiss. Die Gebiete der Banken Baelen, Montzen, Lontzen und Walhorn waren im 11 Jh. ein Teil der Grafschaft Tietbalds im Ardennengau. Als Kaiser Heinrich der Dritte 1042 den Königshof Walhorn dem Marienstift Aachen schenkte, wurde dieser Bezirk aus der Grafschaft Tietbalds herausgenommen. Ich nehme an, dass der Vorst als Privatdomäne dem Grafen verblieb und später durch Erbschaft auf die Herzöge von Limburg überging. Die gleiche Situation kann man für den Königshof Baelen feststellen. Der Waldbezirk Grünholz (Grunhout ) zwischen Bilstain und Welkenraedt
27 AMERKUNG ZU DEN GRENZPROTOKOLLEN Die Grenzstreitigkeiten um den Reichswald zwischen dem Herzogtum Limburg und der Stadt Aachen begannen schon um 1300. So berichtet Dr. Schiffers (Seite 23), dass bereits 1318 zwischen Limburg und Aachen Grenzunklarheiten herrschten, da Herzog Johann seinen limburgischen Beamten eine Untersuchung über das Gemeingut und Eigentum der Stadt Aachen vorzunehmen befiehlt; 1321 kam es zwischen Aachen und Walhorn, das dem Aachener Marienstift gehörte, zu Streitigkeiten über den Wald, das Gemeineigentum der Stadt Aachen. Aachens Obervogt, Herzog Johann von Brabant - Limburg, den die Stadt als Schiedsrichter angerufen hatte, urteilte nach eingehender Unter- suchung, dass Aachen die Waldungen seit Menschengedenken besitze. Daraus geht hervor, dass Aachen schon lange vor 1321 den Walhorn vorgelagerten Wald besaß. In den Protokollen von 1391 und 1423 steht: "zu Neudorp an de Itter, und vortgaende bis an die Cantryen (Auwye, Anwye) von dane gaende ahn Pijllardts vijene." Unklar sind die obigen Ortsbezeichnungen. Meines Erachtens ist unter "Pijllardts vijene" Periols Venn zu verstehen, heute Vennbusch genannt. Der Vennbusch liegt im Quellgebiet des Periolbaches. (Nach Dr. Kohnemann: Periol, prayeel, prejool, perjool, pirjool pijool, pijuel. L.R., S. 639/383: "Am Öslinger Weg genannt 'die Puylle'). Der Periolbach stößt an den nordöstlichen Eckpunkt des Vorst. Von diesem Eckpunkt aus in Richtung Vennkreuz stehen noch heute alte Grenzsteine (Siehe Willi Gillessen). Zu Neudorp an de Itter - Hier Iter auf Driesch zu Neudorf? Somit verlief die Grenze des Reichswaldes ab Kalkofen, Roderstraße, Bickelstein, Iter an der Burg Raeren, die Iter aufwärts bis auf Driesch (zu Neudorf gehörig) von dort die Bergscheidergasse hoch (Hauptstraße) bis zum Periolbach auf Botz, den Periolbach aufwärts bis zum nordöstlichen Eckpunkt des Vorst, von dort zum Blutacker (Alcanwerk), Richtung Itertal, Kortebusch, Mähheide, Baumhauerhäuschen, Scherpe- Eich über Rhebartsborn (oberhalb Mospert), Richtung Vennkreuz usw. Diese Grenze ist ebenfalls mit Grenzsteinen markiert. Wahrscheinlich wurden diese Grenzsteine zwischen 1333 bis 1385 von Matelon von Eynatten, bzw. von Johann von Gronsfeld gesetzt. Auffallend ist, dass der Vorst, dem Herzog von Limburg gehörig, längs der Grenze der Bank Baelen zweigeteilt und dem Reichswald zuge- schlagen wurde.
28 Auffallend ist ebenfalls, dass ab Berlotte die Grenze des Reichswaldes nicht der alten Grenze zwischen Raeren und Neudorf folgt. Die war, ab Kinkebahn, Richtung Vergefnes, Neuenbau, Titfeld, Bergscheidergasse, Botz, Schossent. Botz gehörte teils zu Raeren, teils zu Neudorf. Dass die Grenze ab Neudorf an der Iter, Richtung Pfau, Kortebusch verlaufen wäre, damit kann ich mich nicht anfreunden. Wäre es so gewesen, dann wäre der Ortsteil Neudorf geteilt worden. Das Lehengut Bergscheid lag um 1400 eindeutig in der Bank Walhorn. Ein genauer Verlauf der Grenze des Reichswaldes ab Iter an der Burg bis zum Vorst wird sich heute wahrscheinlich nicht mehr feststellen lassen, es sei denn, der Ort (die Flur) Auwye wird geklärt. 6 ck Die Grenzurkunden lassen die Hauptfrage offen: Wem gehörte der Reichswald? - Die Urkunde des Forstmeisters Sietz beschreibt die Grenzen des Waldes als der Stadt Aachen gehörig 1391; - Dann bestätigen König Sigmund und Herzog Philipp 1423 dasselbe Gebiet als zu Aachen gehörig ; - Letzten Endes kassiert derselbe Herzog Philipp 1439 den Reichswald und verleibt ihn dem Herzogtum Limburg ein. Wem gehörte nun der Reichswald? Vielleicht kann hier ein Historiker Klarheit schaffen. Mir ist die Sache rätselhaft. Zum Wälderstreit zwischen Aachen und Limburg siehe Dr. B. Willems, Ostbelgische Chronik, Ausgabe 2, Seite 102-111. DIE REICHSGÜTER IM AACHENER RAUM Ursprünglich gehörten die Reichsgüter den fränkischen Kaisern, die ihren Besitz im Laufe mehrerer Jahrhunderte durch großzügige Schenkungen schmälerten. So entstanden: - 817 die Abtei Kornelimünster durch Ludwig den Frommen - 997 und 1018 die Abtei Burtscheid durch Otto III. bzw. Heinrich II. (Zehntbezirk) - 1042 schenkte Heinrich II. dem Marienstift Aachen das Königsgut Walhorn. Nachher waren die Kaiser und Könige nicht mehr in der Lage, den Besitz der restlichen Reichsgüter zu wahren. Das meiste jedoch haben
29 die lothringischen Pfalzgrafen, die als Verwalter der Reichs eingesetzt waren, entfremdet und dann ihrerseits an die emporstrebenden Landes- herren verloren. Erben der Reichsgüter wurden im 13., 14. und 15. Jh. - bis auf geringe Reste - die Landesherren. Ein Beispiel dieser Art ist der Aachener Reichswald. Ursprünglich bis an Weser und Stoul/Stuhl reichend, war der Besitz um 1439 bis an den Landgraben vor Aachen geschrumpft. DIE AUFTEILUNG DES REICHSWALDES IN DER FOLGEZEIT Im Jahre 1439 stritten sich im Limburgischen die Räte des Herzogs und die Bürgermeister der Stadt Aachen heftig um den Galmeiberg in Kelmis, ohne sich zu einigen. In demselben Jahre weilte der mächtige Herzog Philipp der Gute von Burgund zu einem Besuch der Heiligtümer persönlich in Aachen, aber die geführten Verhandlungen scheiterten. Herzog Philipp entschied die Sache für sich. Er nahm den Wald und das Bergwerk Kelmis in seinen Besitz. Große Teile des Reichswaldes gingen 1439 in den Besitz des Herzogtums Limburg über. Allem Anschein nach kam Raeren, mitten im Reichswald gelegen, im Jahre 1439 zur Bank Walhorn und zum Herzogtum Limburg. Eine endgültige Regelung der Besitzverhältnisse wird 1611 vertraglich festgelegt. Der herzogliche Teil des Reichswaldes wird 1615 zwischen dem Her- zog von Limburg und der Bank Walhorn aufgeteilt, zur Aufforstung und Rodung. Anmerkung: Um diese Zeit beginnen die umfangreichen Rodungen um Raeren, in der Landwehring, in Lichtenbusch, Mariental, Honien, auf Berg und Platz. Der Umfang der Bank Walhorn nach der Aufteilung ist aus dem Grenzprotokoll der Schöffen aus dem Jahre 1710 zu ersehen (s. V. Gielen, "Walhorn", S. 147 und Karte 5) 1705 werden die Wälder der Bank Walhorn unter die Dörfer aufgeteilt. Raeren erhält 2955 Morgen Wald und 1108 Morgen Heide. Neudorf erhält 976 Morgen Wald und 1400 Morgen Heide (H. Wirtz, S. 55; siehe auch L. Wintgens, S. 338, Art. 67).
30 In der Franzosenzeit wurden 1795 die Gemeinden Raeren und Neudorf zusammengelegt, ein Epoche ging zu Ende, Es war der Beginn der Nationalstaaten. 6) REICHSSTADT. 5 X en, AACHEN. S (IE „r Se £ N i 8 } & { BANK MONTZEN 7 IS REICHSABTEI $ Sl KORWNELIMÜNSTER ur) SO Aye m BE a . n f A „EN AAscHE) D öl fd A CA % we JE LE (N ea N 7 % ES N EA 4 (ee | Ye he f / EICHE A, A AA ARE dd 8 NONE SCHON AEHON € { x Ü N $ “WW RS Vakvann TS n ‚e ef SB ST. Se dan N U N HERBESTHAL has TENNIS tor Sa ES 7 SEvqGehreR 2 re 7 . * ÜM KRETBEN A SCHARFE EICH A LM / Me N Bf U X . HESER A Aa | BANK BAELEN.- 0 FÜGE X x N Ze SE m X HER TOGEN- 1 a \\HALD. ) N N } e HOHES VENN)} WW rn A AS AAN te kan x. DE DS yet KERZE N 5 LUXEMBURG BANK WALHORN S GRENZRITT von 7770 SAU Salarn SR O'49shl2W s8 noksw EREN 1 — GRENZE BANK Er En RE nn GEMEINDE GRENZEN Herten VORST. SE(NER ; MASESTÄT E Ze 2000 KARTE 5
31 GEHÖRTE RAEREN IM REICHSWALD ZU AACHEN ODER ZUR BANK WALHORN IM HERZOGTUM LIMBURG? Um den Reichswald wurde, wie schon gesagt, jahrhundertelang gestritten. Ich möchte diesen Streit nicht weiterführen, denn nicht die Grenzen interessieren mich, sondern ob Raeren bis 1439 zum Aachener Reich gehörte. Es gibt einige Anzeichen dafür, dass es so war. Ich berufe mich hier auf folgende Urkunden und Vorkommnisse: A. Schenkung des Herzogs von Limburg, Walrams IV., von 1278 B. Der Einfall des Raubritters von Reifferscheidt in Raeren, 1437 C. Die Zehntpflicht an das Marienstift Aachen, Raeren - Neudorf D. Abgabenliste für Hafer und Kapaune der Bank Walhorn an den Herzog von Limburg aus dem Jahre 1442 Steuerpflichtige Feuerstellen in der Bank Walhorn von 1445 E. Die Stocklehen in der Bank Walhorn und Raeren F. Die Besiedlung des Walhorner Landes G. Grenzprotokoll König Sigmunds von 1423 Lassen wir im Folgenden diese Argumente Revue passieren. A. SCHENKUNG HERZOG WALRAMS IV. VON LIMBURG AN SEINE ZWEITE GATTIN CUNIGUNDIS, MARKGRÄFIN VON BRANDENBURG (10.01.1278) Erzbischof Sifridus von Cöln, Reichserzkanzler für Italien, bekundet, dass WALRAM, Herzog von Limburg, seiner Gattin CUNIGUNDIS die Burg und Stadt Wassenberg samt zugehörigem Land und Dörfern, die Burg Sprimont samt zugehörigem Land und Dörfern, die Dörfer «Espede» und Lövenich mit ihrem Zubehör, 60 Mark auf der Münze zu Köln, 100 Mark auf der Münze zu Aachen, sämtlichen Besitz im Dorfe Honnef, die Dörfer Walhorn (Walhar), Raeren (Roderen) und "Tinhalt" nebst sämtlichem Zubehör, die Stadt Duisburg nebst allem Recht daran, Gülpen (Golopia) und das Dorf Uebach (Dobach) als Heiratsgabe übertragen hat usw . (Aus W. Mummenhoff, Regesten der Reichsstadt Aachen, Erster Ausgabe 1251-1300, Publ. der Ges, für Rheinische Geschichtskunde, Bonn 1961, S-4178. Archives Generales Bruxelles, Chambres des Comptes, Waleran IV, Reg. 1, Folio 33,
3% Ernst:, S. P., Histoire du Duche de Limbourg. IV 1839, Seite 333; IV, 1847, Seite 446, Nr. 82). In der vorstehenden Urkunde haben wir die bisher älteste bekannte Erwähnung von Raeren (Roderen). Die Bank Walhorn bestand aus mehreren Ortschaften und Weilern, die 1278 keine eigene Kirche und keine Eigenständigkeit besaßen. Walhorn war der alte Königshof. Der Sammelbegriff war "Bank Walhorn". In der Schenkung Walrams heißt es unter anderem: die Dörfer Walhar (Walhorn) Roderen, (Raeren). Wenn Raeren zur Bank Walhorn gehörte, warum wird es hier besonders erwähnt, wie die Dörfer Honnef, Lövenich usSW...? % N Welche Besitztümer hatte der Herzog in Raeren, die er seiner Gattin schenkte? Ich schließe daraus, dass Raeren damals nicht zur Bank Walhorn gehörte. B. DER ÜBERFALL DES RAUBRITTERS VON REIFFERSCHEIDT 1437 Das Jahr 1437 wurde für die Bewohner Raerens und des Kreises Eupen besonders verhängnisvoll. Am 17. September drang Johann VII., Herr zu Reifferscheidt, der mit 1600 Reitern in das Limburgische eingefallen war, in den Ort ein und steckte ihn und noch einige Dörfer der Bank Walhorn in Brand, und zwar weil "die Limburger nächst bey Raeren einen Galgen zur Hinrichtung eines Missetäters hatten bauen lassen, welchen Platz der Herr von Reifferscheidt unter seiner Botmäßigkeit rechnete. Seine Reiter warfen den Galgen um, begruben den Todenkörper auf ebenselbiger Stelle, bliesen alsdann auf ihren Trompeten, fingen an auf dem Richtplatz herum zu tanzen. Sobald die Limburger solches in Erfahr gebracht hatten, verlegten sie diesen in Eile alle Pässe und Wege, warfen eine Brücke ab, fielen alsdann mit einem zahlreichen Haufen über dieselben her und tödteten deren viele, die aber, so sich mit der Flucht durchbrachten, verfolgten sie bis vor den Aachenschen Thoren mit solcher Wuthe, daß diese sich spornstreichs zur Stadt hinein zuretten gezwungen waren..." Dieser Galgen stand wahrscheinlich bei dem Gute Meurisse, das ja hart an der Grenze des Limburger Landes liegt und in dessen Nähe noch heute eine kleine Wiese "Galgenbend" genannt wird. (Aus Hermann Wirtz, Eupener Land, S. 21, der aus K. F. Meyers "Aachensche Geschichten" S. 382 zitiert).
33 Es sollen 1600 Reiter(!) gewesen sein. Das war schon eine Armee. Woher soll er die geholt haben? Die Eifel war noch dünner besiedelt als die Bank Walhorn. Wozu 1600 Reiter, um auf Moeris einen Galgen umzukippen? Mit welchen Leuten sollte man 1600 Reiter in die Flucht schlagen? Die ganze Bank Walhorn hatte 1445 nur 454 Feuerstellen, das entsprach etwa 2700 Einwohnern. Davon waren etwa 600 wehrfähig, das waren keine Reiter, Hier wurde, wie so oft in der Geschichte, etwas übertrieben! Aus welchen Gründen fiel der Reifferscheidter in das Raerener Gebiet ein? Er hatte doch hier keine Besitzungen. Darüber gibt B. Willems in Ostbelg. Chronik Bd. 2,, S. 110 Auskunft: "Seit dem Jahre 1430 war das herzogliche Haus von Brabant in direkter Linie ausgestorben. Auf das Erbe erhoben Anspruch Philipp von Burgund und Kaiser Sigismund. Der mächtige Herzog von Burgund setzte sich alsbald in den Besitz von Brabant, Limburg und weiteren Gebieten. Andererseits schenkte Sigismund im Jahre 1437 dem Landgrafen Ludwig von Hessen die Herzogtümer Brabant und Limburg, und dieser weilte in Aachen, um von hier aus das Erbe in Besitz nehmen zu können. Den Landgrafen Ludwig unterstützte Johann von Reifferscheidt mit einem Reiterheer von 1600 Mann. Dieser Herr von Reifferscheidt überfiel am 17. September 1437 sengend und brennend Raeren und andere Orte des Limburgischen Landes." Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung: Seit dem Jahre 1439 hat Philipp von Burgund den Reichswald und das Bergwerk (Kelmis) für immer behalten, und das Gebiet war fortan limburgischer Besitz. Schlussfolgerung: Das strittige Gebiet gehörte bis 1439 zur Reichsstadt Aachen. Ich schließe daraus, dass Raeren ebenfalls zu Aachen gehörte und erst 1439 zu Limburg und zur Bank Walhorn kam. In diesem Zusammenhang sind weitere Fragen zu klären: - mit welchem Recht wurde auf Honien ein Galgen errichtet? - welchem Gericht unterstand das Gebiet? Für Kriminalstrafsachen war entweder der Oberhof in Aachen oder, falls zur Bank Walhorn gehörig, der Oberhof in Limburg zuständig. Der Galgen der Bank stand in Limburg, später in Walhorn. Mir ist nicht bekannt, dass in anderen Dörfern der Bank ein Galgen stand. Da der Herr von Reifferscheidt den Galgen umstürzte, wollte er kundtun, dass dieses Gebiet, das der Landgraf Ludwig auf Grund der genannten Schenkung der Herzogtümer Brabant und Limburg beanspruchte, zu
34 Limburg gehörte. Wenn das Gebiet strittig war, dann muss es zu Aachen gehört haben, sonst hätte man nicht den Galgen umgekippt. Der Name Honien stammt von Hunschaft (Hundertschaft). Eine Gebietseinteilung der Franken. Ob unter den Linden, am Brunnen auf Honien, die Dingstätte war und Gericht gehalten wurde? Das Gut Moeris war ein Allodialgut, d. h. ein von Lehenspflichten und allen Abgaben befreiter Hof. Moeris ist wahrscheinlich eine späte Rodung aus dem Reichswald. Wir wissen, dass gewisse Höfe - wie die Lathöfe in Eupen - ein eigenes Gericht hatten, das allerdings nur untergeordnete Fälle aburteilte, wie Pacht- und Zinssachen, Erbschaften, Gesindeverträge usw... Vielleicht reicht der Ursprung der Gerichtsbarkeit auf Honien in die dunkle Zeit des Mittelalters zurück. Jedenfalls muss sie sehr alt gewesen sein, denn heute, nach 600 Jahren, heißt der Ort, wo der Galgen stand, noch immer Galgenbend. N. B.: Dr. H. Schiffers schreibt Seite 20, dass der Aachener Richter in solchen Gebieten, die nicht als festes Pfalzgut anzusehen sind, keine Rechte besaß, so im Reichswald, der sich um das Gebiet der Villa Walhorn lagerte. C. DIE ZEHNTPFLICHT AN DAS MARIENSTIFT AACHEN Der Zehnte wurde von allen Erträgen des bewirtschafteten Gutes dem Lehnsherrn geleistet. In der Bank Walhorn war das Marienstift Lehnsherr. Dagegen hatte der Lehnsherr die Pflicht, einen Teil des Zehnten zum Unterhalt der Kirchen und zur Besoldung der Pfarrer aufzubringen. 1320 Betrug der Zehnte von Neudorf 16 Schilling. Der Zehnte der Bank Walhorn an das Marienstift betrug 1705 für: Astenet 18 Müdden Weizen + 18 Kapaune Eynatten 18 A N #418 Hauset 7 % 8 RZ, Kettenis 25 X (S #4225 Merols SAN 38 + 5 Neudorf 19 ” ö #519 Rabotrath 8 N iD +78 Walhorn _ 17” Z 4019 117 Müdden, 117 Kapaune Rechnet man 1 Müdde zu 197,68 Liter (Nolden S. 46), so ergibt dies etwa 23.000 Liter.
35 Im Jahre 1766 wurde der Zehnte der Bank Walhorn in Pacht gegeben für: Walhorn 337 Brabanter Gulden Rabotrath 225 a Kettenis 520 u Mi Neudorf 301 of Re Astenet 225 7 er Eynatten 341 2 Hauset 126 B # Merols 126 MM N Total 2201 Brabanter Gulden In beiden Auflistungen fehlt Raeren (Nach Quix, Seite 47). Sonderbar für die größte Ortschaft! R. Nolden schreibt (S. 237): "Soweit die Quellen zurückreichen, standen die Zehnten fast im gesamten Einflußbereich des Königshofes Walhorn dem Kapitel des Marienstiftes zu. Im einzelnen handelt es sich neben Walhorn selbst um die Orte und Weiler, Astenet, Belven, Eynatten, Hauset, Hergenrath, Kettenis, Merols, Neudorf und Rabotrath. Nur die Zehnten von Raeren gehörten nicht dem Marienstift." Derselbe Historiker schreibt auf S. 247: "Warum das Marienstift nicht wie bei den übrigen Ortschaften in der Bank Walhorn im Besitz des Zehnten von Raeren war, läßt sich nicht ausmachen. Obwohl das Stift keine Zehnten aus Raeren bezog, mußte es wegen des Zehnten aus Neudorf Beiträge zum Unterhalt des Pfarrers leisten." Die Kirche von Titfeld stand auf dem Gebiet der Gemeinde Neudorf und gehörte bis 1670 zur Mutterpfarre Walhorn. Im Jahre 1793 betrug der Anteil des Marienstiftes am Unterhalt der Kirche - wegen Neudorf - 194 Reichstaler (Nolden S. 317). Die Zehntpflicht stammt aus dem Jahr 851, als Kaiser Lothar II. dem Marienstift den Zehnten des Königshofes Walhorn schenkte. Anscheinend gehörte Raeren um 851 nicht zum Königshof Walhorn. Es war nicht mit dem Zehnten belastet worden und blieb auch in Zukunft davon verschont. Im 17. Jh. trennten sich die Dörfer von der Mutterpfarre Walhorn. Die Zehntpflicht wurde auf die Filialkirchen übertragen, hier auf Neudorf und nicht auf Raeren.
36 D. ABGABENLISTE FÜR HAFER UND KAPAUNE AN DEN HERZOG VON LIMBURG AUS DEM JAHR 1442 STEUERPFLICHTIGE FEUERSTELLEN NACH DER ZÄHLUNG AUS DEM JAHRE 1445 Das Herzogtum Limburg war von 1420 bis 1429 an den Grafen von Virneburg verpfändet. Die Verwaltung muss in dieser Zeit sehr vernachlässigt worden sein, denn Johann Ripelman, Rentmeister des Herzogtums in den Jahren von 1438 bis 1443, versucht die Buchführung der Renten und Domänen des Herzogs wieder in Ordnung zu bringen (L. Wintgens S. 23, Fußnote 8). Im Jahre 1442 stellt er die Abgabenliste für Hafer und Kapaune wieder her. Folgende Dörfer und Weiler haben Hafer abzuliefern: Astenet, Kettenis, Merols, Neudorf und Hergenrath. Raeren fehlt. Es haben Kapaune abzuliefern: Walhorn, Astenet, Hauset, Eynatten, Kettenis und Neudorf. Raeren fehlt. 1445 wird eine Liste der steuerpflichtigen Feuerstellen des Herzogtums aufgestellt (F. Pauquet in: Geschichtl. Eupen Bd. II, S. 23). Bank Walhorn: Walhorn 75 Neudorf 30 Astenet 38 Eynatten 58 Rabotrath 18 Hauset 35 Kettenis 81 Hergenrath 19 Merols 14 Kelmis mit Eynenberg 13 Raeren 73 Insgesamt: 454 Bemerkenswert ist, dass Raeren in dem Zinsregister von 1442 nicht vermerkt wird, weil erst seit 1439 zum Herzogtum gehörig, es somit auch nicht belastet wurde. Dagegen wird Raeren in der Zählung der Herdstellen von 1445 schon mit erfasst. Hier ist deutlich zu erkennen, dass 1439 eine Grenzverschiebung statt- gefunden hat, und Raeren erst ab 1439 zum Herzogtum Limburg kam. E. DIE STOCKLEHEN IN DER BANK WALHORN Die Stockgüter waren Lehen des Aachener Marienstifts. Um diese Stockgüter entstanden die Siedlungen und Dörfer. Auffallend für unsere Heimat ist, dass im 14. und 15. Jahrhundert die Ländereien die vorhandenen Wasserburgen umgaben. In dieser Zeit gab es deren fünfzehn
37 im Walhorner Land. Den Wohntürmen, umgeben von Wassergräben, war der Bauernhof vorgelagert, selbst auch oft durch Wassergräben und Zugbrücke geschützt. Zu Beginn waren die Wasserburgen die Wohnsitze des herrschenden Landadels, der wahrscheinlich aus dem Hause Walhorn stammte. Man vermutet, dass der Ursprung dieses Adels im Stamm der Herzöge von Limburg liegt. Dass die Häuser Walhorn, Kettenis, Eynatten, Neudorf, Raeren, Titfeld und Astenet aus demselben Geschlecht stammen, beweisen die gleichen Wappen, teils farblich verschieden, jedoch alle mit Querbalken und drei Merletten. Um 1450, nach Erfindung des Pulvers und der Kanonen, verloren die Wasserburgen ihren Wehrcharakter; sie wurden mehr und mehr zu Herrschaftssitzen. Oft gelangten sie an ortsfremde Eigentümer, so um 1600 an reiche Aachener oder Lütticher Patrizierfamilien. Einige Wasserburgen wurden im Renaissancestil umgebaut, wie Crapoel, Astenet, Merols. Die Wasserburgen von Walhorn, Astenet, Belven, Merols, Ravenhaus, Titfeld und Crapoel sind im Laufe der Zeit verschwunden. Die Burg Raeren, Brandenburg und Bergscheid sind bei Umbauten inkorporiert worden. Dr. R. Nolden macht in "Besitzungen und Einkünfte des Aachener Marienstifts" Angaben über die Größe der Stocklehen um 1500 (S. 325) Walhorn keine Angaben, geschätzt 600 Morgen. Astenet 340 Belven mit Knoppenburg, Bexengut und Hundertmorgen 1084 Eynatten, VIattenhaus, +Kleines Haus 619 Raaf 39% Hergenrath 78 Liberme 350 Weims 166 Merols 481 Ravenhaus 214 Matheushof Neudorf 76 Titfeld 174 Hauset + 200 Bergscheid 245 Rabotrath mit Crapoel +714 Eyneburg (Hergenrath) + 150 Gesamt + 5.852 Morgen zu 2.500 m°.
38 Raeren: Burg 400 Morgen Haus Raeren 232) Brandenburg 448 Gesamt 1080 Morgen zu 2.500 m”. Die große Unbekannte ist die Größe des Morgen. Man rechnete mit "großen" Morgen zu 150 Quadratruten = 3690 m? und "kleinen" Morgen zu 100 Quadratruten = 2460 m?. Nolden rechnet den Morgen zu 2500 m* (s. Karte 7). N. B. Luise Freiin von Coels von der Brügghen führt in ihrem Werk „Die Lehensregister der Propsteilichen Mannkammer" den Hof Titfeld irrtümlich unter Raeren auf. Titfeld gehörte eindeutig zu Neudorf. { F. DIE BESIEDLUNG DES WALHORNER LANDES UM 1500- 1600 Als Quelle gibt es nur die Lehensregister der Propsteilichen Mannkammer des Marienstiftes Aachen. Geht man davon aus, dass die Urbarmachung und Besiedlung von den Stockgütern, bzw. den Wasserburgen ausgingen, kann man anhand der in den Lehensregistern angegebenen Größen erkennen, welche Gebiete um 1500 bewirtschaftet wurden. Darüber hinaus gab es große Gebiete, die mit dem Neubruchzehnten belastet waren, über die keine Angaben vorhanden sind. Diese Gebiete waren dem Aachener Marienstift nicht lehnspflichtig. Über die um 1500 vorhandenen Waldungen, Heiden und Vennflächen gibt die Ferraris-Karte von 1771 nur Anhaltspunkte. Über die Bevölkerungsdichte gibt die Liste der steuerpflichtigen Herdstellen von 1445 Auskunft. Vergleicht man die Lage der Burgen mit einer geologischen Karte, so stellt man fest, dass alle Burgen in den Gebieten mit Kalksteinböden angesiedelt waren. Der Kalkboden, nicht mit dichtem Wald bedeckt, war günstig für die Rodung und Besiedlung. Die Sandböden des Johbergs und der südliche Ausläufer des Aachener Waldes, sowie der Schieferboden des Nordhanges des Hohen Venns wurden in der Frühzeit nicht besiedelt. Es gab hierfür zwei Gründe: Die Sandböden und das Schiefergebirge waren stark bewaldet und der Boden war nicht so ertragreich, wie der Kalkboden.
41 Dass der Walhorner Raum zur Römerzeit spärlich mit Wald bedeckt war, lässt der Verlauf der Römerstraße - Kinkebahn genannt - erkennen. Die Römer legten aus strategischen Gründen ihre Straßen auf Höhenzügen und im freien überschaubaren Gelände an. Die Kinkebahn verläuft von Gressenich im Osten, quer durch das Kalkbodengebiet des Walhorner Landes in Richtung Limburg, und von da über das Kalkbodengebiet des Condroz nach Dinant an der Maas. Vielleicht stammt die Kinkebahn schon aus der Keltenzeit und diente dem Bronzehandel zwischen Gressenich, Dinant und dem Maastal. In Gressenich wurde schon vor der Römerzeit Erz abgebaut. Bei der Aufteilung der Wälder und Heiden der Bank Walhorn im Jahre 1705 werden für den Bezirk des Königshofes (von 1042) folgende Wald- und Heidebestände angegeben (Siehe L. Wintgens, Seite 341 bis 351): Wald ca. 2500 Morgen Heide ca. 1512 Morgen 4012 große Morgen zu 150 Ruten, die Rute zu 16 Fuß = 3696 m? entsprechend 5922 Morgen zu 2500 m?. Der Königshof Walhorn hatte um 1042 eine Fläche von ca. 19200 Morgen. Davon waren um 1705: 3690 Morgen Wald = 19% der Fläche des Königshofes 2232 Morgen Heide = 12% # A 13 278 Morgen Wiesen und Acker = 69 % dieser Fläche (Siehe Karten 6 und 7). Nach Dr. Nolden (Seite 247) wird der Propsteiliche Grundbesitz in Raeren in den Protokollen der Propst. Mannkammer erst ab Beginn des 15. Jh. erwähnt. Warum das Marienstift nicht wie bei den übrigen Ortschaften der Bank Walhorn im Besitz des Zehnten von Raeren war, lässt sich nicht ausmachen. Anmerkung des Verfassers: Sehr wahrscheinlich, weil Raeren bei der Übertragung des Zehnten des Königshofes Walhorn 851 nicht zum Königshof gehörte. Die Pröpste erzielten Erträge lediglich durch die bei der Übertragung von Gütern fälligen Relivia (Gebühren). Ein weiterer Hinweis, dass Raeren vor 1439 nicht zur Bank Walhorn gehörte, ist die Tatsache, dass die Güter des Stocklehens Titfeld außerhalb der Grenze des Reichswaldes lagen, die der Burg Raeren und des Hauses Raeren dagegen alle innerhalb dieser Grenze. Soweit heute noch feststellbar, überschritten die Güter nicht die Grenze Neudorf-Raeren.
42 SCHLUSSBETRACHTUNG Gehörte Raeren bis 1439 zum Aachener Reich? Da gibt es noch einige Fragen zu klären: 1. Gibtes Steuerlisten der Herdstellen des Herzogtums Limburg von vor 1439, in denen Raeren erwähnt wird? 2. Gibt es in Aachen Urkunden, die beweisen, dass Raeren bis 1439 zum Aachener Reich gehört hat? 3. Zu welcher Pfarre gehörte Raeren vor 1439? Im Lehensregister Seite 638 wird 1415 ein Bend zwischen Raeren und Titfeld, durch den der Pfad zur Kirche von Titfeld führt, erwähnt: Es ist der heutige Fußpfad von Raeren-Born zur Kirche. Titfeld lag auf Neudorfer Gebiet, gehörte also zur Bank Walhon. Es ist anzunehmen, dass die Raerener zur Kapelle von Titfeld gingen. Neudorf gehörte bis 1670 zur Mutterpfarre Walhorn. 4. Die Gudungsbücher von Walhorn beginnen erst 1446 und können somit keine Auskunft geben, ob Raerener Güter vor 1439 eingetragen wurden. 5. Über den Neubruchzehnten, der ab 1266 erwähnt wird, gibt es nach meiner Kenntnis zur Zeit keine Aufzeichnungen. 6. Urkunden über die Zeit vor 1400 für den Bereich Raeren sind mir nicht bekannt und auch sonst sehr selten. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass Raeren bis 1439 zum Aachener Reich gehört hat. Quellenverzeichnis Kaspers H., Comitatus nemoris - Die Waldgrafschaft zwischen Maas und Rhein, Beiträge zur Geschichte des Dürener Landes 7 und ZAGV Beiheft 2, Düren/Aachen 1957 Willems, B., Ostbelgische Chronik, Bd. 1, 1948 , Bd. 2, 1949 (Eigenverlag) H. Wirtz: Eupener Land, Beiträge zur Geschichte des Kreises Eupen, Berlin 1936, Nachdruck d. Göhltalvereinigung, Eupen 1981 Nolden, R., Besitzungen und Einkünfte des Aachener Marienstiftes, Sonderdruck aus ZAGV, Bd. 86/87, Aachen 1981, Vlg. des Aachener Geschichtsvereins Wintgens, L., Weistümer und Rechtstexte des Herzogtums Limburg, Quellen zur Regionalgeschichte 14.-18. Jahrhundert, Ostbelgische Studien Bd. III, Grenz-Echo Verlag, Eupen, 1988 Coels von der Brügghen, Luise Freiin, Die Lehensregister der Propsteilichen Mannkammer des Aachener Marienstiftes 1394-1794, Publikationen der Rheinischen Gesellschaft für Geschichtskunde, 52, Bonn 1952
43 Aubin, H., Geschichtlicher Handatlas der Rheinprovinz, Köln-Bonn 1926, 2. Aufl. unter dem Titel "Geschichtlicher Handatlas der deutschen Länder am Rhein, Mittel- und Niederrhein, Bonn 1950" Overbeck, H., Aachener Beiträge zur Heimatkunde. Das Werden der Aachener Kulturlandschaft. Aachen 1928 Quix, Ch., Beiträge zu einer historisch-topographischen Beschreibung des Kreises Eupen, Vlg. J. A. Mayer, Aachen 1837; Neudruck Aachen 1978. Spandau, Fr., Zur Geschichte von Neutral-Moresnet, Aachen 1904 (de) Walque, J., Le Vorst Ducal Yans, M., Histoire Economique du Duche de Limbourg sous les Ducs de Bourgogne, Bruxelles, Academie, 1938 Gillessen, W., Die Grenzen des Vorst, in Geschichtliches Eupen, Bd. VIII, 1974 Schiffers, H., Aachengau, Pfalzgut und Aachener Reich, Aachen 1922
44 Der Bref no oove von Jakob Langohr Ech merkde letztens engs dies Daachs, sö langsam jeet me der Berg eraaf. Han no oove e-ne Bref jeschräve ech wöll jevälles noch jät lääve. Ech han vööl Tämbere drob jepläckt An met de Loffpos aafjescheckt. Ech schrääf, ech wöll noch jär jät blive, möss noch e Kelmeser Platt vööl schrive. e Brugde noch jät Tiit, höj noch Idee, vleks döng ääl enge sech dra vröjje. Höj noch männech Jedichske e je-ne Kop, die schrääf ech waal noch janz jär op. Och wenn ech övver achtzech wüer mä zacker, ming Sprösskere hööle mech waal noch wacker. Bään an der Herrjott mörjens stell, lott mech mä noch jät bliive. Ech han noch Spass, et magd Pläseer, än mot noch janz vö6öl schrive. Än jeet dat neet, jäff mech e Vlecske henger en Wook e janz klee Eckske Och wenn do oove blösst der Wenk, Jätt mech de Vär prett än der Enk. Wat onde mech derdörech jejange, well ech met der Bleck va oove vange. Och wenn ech ob-ene Wook mot sette, en kleng, en jriß, ech bruk jeng wette, Hott mech jevälles vrej der Bleck Dat ech no onde han der Kick. Sow ech ävvel e-je Fägevüer koome, vöör die paar Söng, die ech verbroone, brennt neet ming Vengere, kritt de Puete, ech han noch Plän, noch janze jruete. Lott dat met die Vengere Bliive, die bruk ech jo noch vöör te schriive. Ens kicke, wat der Herrjott sätt, of dä mech vlecks en Antwoet schrifft!
45 Aus dem Geschichtsbuch der Pfarre Eynatten von Walter Meven Bei der Durchsicht des Archives der Pfarre St. Peter Aachen, welches als Depositum im Stadtarchiv Aachen beruht, fand sich eine Chronik der Pfarre St. Johannes in Eynatten, die auf Wunsch des Aachener Kardinalpriesters Wilhelm Wildt, der aus Eynatten gebürtig war, von dem Eynattener Pfarrer Cornelius Matthai (1676-1729) niedergeschrieben wurde. Wir wollen sie hier im Originaltext übernehmen. Einige Details haben bereits in früheren Veröffentlichungen ihren Niederschlag gefunden. Die Tatsache, dass im Laufe der Jahrhunderte keine offiziellen Pfarrerhebungen erfolgt.sind, ist zunächst mit der Zugehörigkeit zur Mutterpfarre Walhorn begründet. Bereits 1558 werden die Kapellengemeinden als zu Walhorn gehörend erwähnt. Noch bis ins 18. Jahrhundert war der Pfarrer von Walhorn mitentscheidend bei der Besetzung der Kapellengemeinden. Desungeachtet hatte er gewisse Anteile an den Zehntrechten. Erst mit der französischen Besetzung 1792 bzw. 1794 wurden auch diese Vorrechte allgemein abgeschafft. Es sind lediglich im 17. Jahrhundert Tauf- und Beerdigungsrechte vergeben worden. Ab dem Jahre 1617 übten die Priester an ihren zuständigen Kapellen Pfarrfunktionen aus. In den Kapitelsprotokollen des Marienstiftes findet sich eine diesbezügliche Eintragung. Es heißt dort: "20.8.1618. Item weil die von Walhorn etliche Baptisteria aufgerichtet, soll darauf demnächst ein Capitel gemacht werden." Dies geschah unter dem in Walhorn nicht residierenden Pfarrer Darmond. Es gibt Hinweise darauf, dass Tauf-und Beerdigungsbücher eingeführt wurden, die meist in den Kriegswirren verloren gingen. Lediglich die Mutterpfarre Walhorn besitzt heute noch die Kirchenbücher aus dieser Zeit. Das 17. Jahrhundert gilt allgemein als Unglücksjahrhundert. Marodierende Truppen aller Art zogen "brennend und sengend" durch das Land. Willkürlich erzwungene Kontributionen gab es immer wieder. Man war nicht immer in der Lage, auferlegte Abgaben in Geld und Naturalien zu entrichten und man sah sich häufig gezwungen, geldliche Anleihen in Aachen zu machen bei vermögenden Bürgern. Die Rückzahlung wurde auf die einzelnen Bür- ger umgelegt. Das kirchliche Leben wurde selbstredend stark
46 eingeschränkt. Auch kirchliches Eigentum wurde nicht verschont. Bei akuter Bedrohung flohen die grenznahen Dorfbewohner oft in die durch Mauern geschützte Stadt Aachen, wohin sie zunächst ihr Vieh gebracht hatten. Wie aus den Kirchenbüchern der Pfarre St. Peter ersichtlich, wurden Taufen und Eheschließungen dieser Flüchtlinge dort eingetragen. Die ebenfalls dorthin geflohenen Heimatpfarrrer lasen dort für ihre Pfarrkinder die hl. Messe. Dies ist ein Zeichen für die Anwesenheit einer großen Zahl von Limburger Emigranten. Ein früher Geistlicher findet sich für das Jahr 1641 in einem Prozessakt erwähnt. Sein Name war Jan Mol. Einer seiner Nachfolger war Matthias Fabritius. Er wird in den Lehnsregistern des Jahres 1653 als suspendiert erwähnt. Anno 1662 ernennt der Herr der Herrlichkeit Eynatten, Arnold’ Huyn von Amstenrath, den Pfarrer Johann Petri aus Jabeck. In diesem Jahre hatte seine Ehefrau Anna Maria Meersen eine Kaplansstelle gestiftet. Herr Huyn von Amstenradt beanspruchte das Besetzungsrecht für sich alleine, was den Widerspruch der Familie von Vlatten erregte. In einem Gerichtsakt wurde die wechselweise Besetzung durch das "kleine" (Amstenrather) und das "große" Haus (Vlattenhaus) festgesetzt. Einer der Nachfolger von Johannes Petri, der 1676 in einem gerichtlichen Verfahren abgesetzt wurde und sein Amt abgeben musste, war Cornelius Matthaei. Er wurde eingesetzt durch den damaligen Besitzer des kleinen Hauses (Amstenrather oder Reuschenberger Haus), Johann Arnold von Dieden-Malatesta. Die Titel der frühen Priester waren nicht eindeutig angegeben. Man bezeichnete sie wechselweise als Vikar, Kaplan oder Pfarrer. Gegen die frühe Nennung eines Caspar Bauer als Seelsorger in Eynatten im Jahre 1566 spricht ein Schreiben des Vizepropstes des Marienstiftes von Wüstenrath aus dem Jahre 1607. Dieser erklärt, es seien ihm keine früheren Pfarrer erinnerlich, da die früheren Akten verloren seien. Bei der Errichtung einer Kapellengemeinde mussten sich meist die Einwohner zum Unterhalt von Geistlichen und Kapelle verpflichten. So standen Zinsen vom Beelenbend dem Pfarrer von Eynatten zu. Priester aus dem Kloster Brandenburg und der Mutterkirche von Walhorn haben zunächst die Kapelle von Eynatten bedient. Es folgen nun die Nieder- schriften des Cornelius Matthaei (Mattheij): der Originaltext ist in Latein verfasst.
47 Eynatten Chronik der Pfarrkirche Eynatten durch mich, Cornelius Matheij, im 46. Jahre Pfarrer in Eynatten, im Jahre 1722, am 17. Februar, nach dem ‚Kirchenregister zusammengestellt auf Bitten des sehr ehrw. Hrn. Wildt, Kanonikers der Kirche ULF in Aachen, damit derselbe sie ins Bruderschaftsbuch einträgt zum ewigen Gedächtnis. A U A SD MS KT SE TS A N Bltervächte ES ZES Nabe weaihte. Ss N Srhualteferg 7 =. On Ni 7 all AN Sa > SEAN OS ZZ Antur vi. } / mh Ze A nz SZ | PEN ; ANA F - m A DAR (A CAS F EN ABLE BANN HE Ad 3 L EA ö Las 8, Min melhle $ VER Da x An HE el Y M z Eyna (SE) A Bi Me ei | Ed GEN >i VL PR dee Gi EEE Sad OS DE A a A SEEN ES Furvit ASCHEN 4% 0 Kerres Bus. 5. Ve zsHinhanl ff | VE NZ Va ZN SEES RE VO Qi O, DA ES va A } EN Aw X DZ 3 > \ / 8 Ya 7 vw Dieser Ausschnitt aus einer i. J. 1858 angefertigten Kopie der Eynattener Katasterkarte zeigt die Lage der Flur «Pesch» (s. Pfeil). Aus alter Überlieferung wissen wir, dass das sehr edle und alte Haus von Eynatten, dessen Spuren hier in der Wiese genannt "Pesch" noch zu sehen sind, im Hof vor dem Eingang zur "Curia" oder "Villa" eine Kapelle zur Ehre der hl. Mutter Anna errichtet und dieselbe mit einer Stiftung von 14 Müdden Hafer versehen hat; und dies als Lohn eines Kaplans aus Walhorn oder Brandenburg, der an Sonn- und Festtagen nach Eynatten kam, um dort die Messe zu feiern, um 1200 nach der Geburt unseres Herrn.
48 Nach Ablauf mehrerer Jahre wurde die vorgenannte Kapelle durch die Adligen und die gemeinen Einwohner im Jahre des Heils 1444 vergrößert. Der edle Herr Crümmel von Raaf baute das Chor und die Gemeinde fügte den Turm bzw. Glockenturm hinzu. In jenem Jahre wurden auch die Glocken gegossen, wie aus den Inschriften zu sehen ist. Dass das Chor durch den Herrn von Crümmel errichtet wurde, wird dadurch belegt, dass beim Abbruch des alten Chores (des Turmes des alten Chores) sein Wappen durch mich in Anwesenheit von anderen gefunden wurde; die größere Glocke wurde geweiht und getauft auf den Namen Maria, die kleinere auf den Namen Johannes des Täufers. Nachdem die Kapelle so vergrößert worden war, bat die Gemeinde im 15. Jh. den erlauchten und ehrwürdigen Fürstbischof von Lüttich; Johannes von Hintzberg (1) durch den Weihbischof sowohl den neuen Altar wie die Kirche konsekrieren zu lassen, was ihnen auch angesichts der prägnanten Gründe gewährt wurde, denn im Jahre 1444 sandte er seinen Weihbischof Dionysius, Bischof von Roperts, der in jenem Jahre am 16. Oktober den im neuen Chor errichteten Altar zu Ehren der hl. Jungfrau Maria konsekrierte und das Gotteshaus zu Ehren des hl. Johannes des Täufers weihte, wie in einer Pergamenturkunde mit anhängendem grünem Wachssiegel sowie auf der "cavea” bzw. dem "sepulchrum" des alten Altares, das uns erhalten geblieben ist, zu lesen steht. In jener Zeit einigte sich die gesamte Gemeinde von Eynatten darauf, ein fixes Einkommen für den Unterhalt ihres Geistlichen festzulegen, wobei sich jeder verpflichtete, jährlich zum festgelegten Unterhalt des Pfarrers beizutragen. Der eine versprach so viele Müdden, der andere so viele "vasa" (Fass)Hafer zu geben etc., was alles aufgezeichnet und ins Register der Kirche eingetragen wurde. Nach wiederum einigen Jahren - 1617 - errichtete die Gemeinde ihrem Seelsorger ein Haus und gleichzeitig eine Schule; es war dies zur Zeit des Hermann Wildt, des Großvaters des edlen Herrn Kanonikers Wilhelm Wildt, Bürgermeister und Einnehmer des Ortes Eynatten. Später, 1652, wurden die kirchlichen Zehnten in Eynatten und Hauset durch Entscheid des Rates von Brabant der Kirche bzw. dem Pastorat von Eynatten und Hauset zugesprochen und einige Jahre durch den ehrwürdigen Herrn Mattias Fabricius "fructificatae” (genossen), wie in unserem Register bemerkt wird, bis dass der ehrw. Herr Wilhelm Voets, Pastor von Walhorn, kam, um den damaligen zeitlichen Herrn und die D Johann VIII. von Heinsberg war Bischof von Lüttich von 1419 bis 1456.
49 "principaliores" (einflussreicheren Bürger) zu bitten, sie möchten ihm die Zehnten in Hauset bis zu seinem Lebensende überlassen, was sie ihm zusagten, wie aus der folgenden Übereinkunft und Bescheinigung hervorgeht. Ick onder get.(ekende) verclaere ende attesteere mits desen waeragtig te sijn dat eynige jaeren geleden hebbe mij met den wel Edlen geborene Heere Gerard van Heiden (= Dieden) de Malatesta, Heere deser Hoeftbanque van Walhon so wijt verenigt ten regarde van seker vonnisse in souverinen Raede van Brabant ende dat aengaende de tynden onder Eynatten voors. so is evenwell dat den voorgenoemden Welledlen heer mij heeft gelaeten in de possessie van de teynde van voors. Hoset, nochtans onder expresse conditie, dat mijne naervolgende Pastoers van Walhorn niet en sullen op voors. tijnden van Hoset noch hebben einig recht ofte actie, maer dat de selve naer meine afflevigkeit sal devolveren tot de voors. pastoreije van Eynatten ende Hoset als een aengehoerig Emolu- ment ende dependent van de voors. pastoreije, het welck ick erkenne alsoo te sijn ter waere oorkont hebbe dit met eygene handt onderschreven desen 22 aprilis 1669; was onterteyckent Wilhelm Voets Pastor in Walhorn, Gerard Dieden Malatesta, Joannes Knops testis Secretarius et scabinus in Walhorn. Im Jahre 1617 baute die Gemeinde das Pfarrhaus unter Hermann Wildt, Einnehmer von Eynatten und Bürgermeister. Wenn es nötig wäre, könnte an dieser Stelle auch das vorgenannte Urteil des Brabanter Rats zugunsten des Pastors von Eynatten und Hauset eingetragen werden. Dazu müsste hier ein Freiraum gelassen werden, denn ich besitze dieses Urteil. 1619 wurden dem Pastor von Eynatten alle Pfarrfunktionen wie in Walhorn überlassen. 1650 stiftete die Wohledle Frau Anna Maria von Mersen, Herrin von Eynatten und Hauset, die Kaplanei und bestimmte zu diesem Zweck 1200 Pattacons, die sie der Gemeinde in Eynatten gegeben hatte, mit der Bedingung, dass die jährlichen Zinsen, d. h. 6 1/4 %, dem Kaplan zukommen, was die Gemeinde bis jetzt, bis zum Jahre 1722, treu gezahlt hat. Darüber hinaus gab die vorgenannte Dame goldenen, ganzseidenen Stoff für Kaseln und der Herr, ihr Gemahl Arnold Huyn von Ambstenraet, gab seine ganzseidene rote "Toga" dem Pastorat für ein kostbares "plu- viale"; die Dame fügte noch 100 Pattacons dazu für ein Jahrgedächtnis der Quattembertage. Als Lohn erhält der Pastor 6 1/4 (Pattacons?) jährlich.
S1 Bau habe ich, Cornelius Matthei, was der Gemeinde bekannt ist, ohne mich rühmen zu wollen, 70 und mehr Pattacons beigesteuert. Darüber hinaus habe ich mehr als 600 Pattacons für Prozesse ausgegeben, um die Einkünfte der Pfarrkirche zu erhalten und zu wahren, dies zum Vorbild für meine illustren Nachfolger, damit sie gleichermaßen Kirche und Pfarre vermehren und bewahren zum heilsamen Ende, damit immer Würdigere dieses Pfarramt anstreben und zur Erbauung des Leibes und zum Heil der Seele hierher kommen. EEE m TEN a PS 7 EZ FE S g En £ 5 HE u“ SE man MR FO E % & + » a $ ; CZ % a CHE x - OR ; R . Für die Priestergrabstätte ließ Pfarrer Cornelius Matthaei einen Grabstein im Chor der Kirche legen. Die Symbole des Priestertums, Kelch und Hostie, meißelte der Geistliche mit eigenen Händen in den Stein, Dieser liegt heute vor dem Chor, auf dem alten Friedhof an der Kirche.
52 Ao 1707 wurde ein neues Chor gebaut, drei Jahre nach dem Bau des Schiffes/Gotteshauses. In jenem Jahre hat der edle und ehrenwerte Herr Christoph Meessen, kaiserlicher (?) Kommissar der Bank, Schöffe von Walhorn und Einnehmer von Hauset, wo er wohnte, für das Eindecken sowohl des Schiffes wie des Chors alle Schiefer geschenkt; er hatte sie in Salm zum Preise von 90 Pattacons gekauft. Wir haben davon noch einen Rest zum Decken des neuen Turmes. (Zweite Fassung): Im Jahre 1710, d. h. drei Jahre nach dem Bau des Schiffes, wurde ein neues Chor errichtet und für die Bedachung sowohl der Kirche wie des Chors hat der edle und sehr ehrenwerte Herr Christoph Meessen,' Kommissar der Bank, Schöffe von Walhorn und Einnehmer in Hauset, wo er wohnt, alle Schiefer geschenkt, für die er 90 Pattacons bezahlt hat. Wir haben davon noch einen Rest zur Bedeckung des Turms und des Glockenturms. Im Jahre 1710 gab Lambert Lamberts, Einnehmer des Ortes, den neuen Predigtstuhl, der sich in der Kirche befindet. Er kostete 40 Pattacons. Im Jahre 1711 wurden drei Altäre errichtet: Den rechten Seitenaltar schenkte zur Ehre der seligen Jungfrau Maria der Ehrwürdige und Erlauchte Herr Wilhelm Wildt, Kanoniker der Königskirche zu Aachen, in diesem Ort geboren und getauft; darüber hinaus schenkte er unserer Kirche eine Reihe von verschiedenen Ornamenten, Kaseln, Leinwand, weißen Chorhemden ("superpellicea") und einen "semi-calix" (Halbkelch, Kelch ohne Deckel). Zudem errichtete er eine Bruderschaft vom Leiden unseres Herrn Jesus Christus; in Berlott ("Blott") errichtete er eine Kapelle mit Kreuzwegstationen; auch gab der vorgenannte Herr Kanoniker eine Lampe, die vor dem Allerheiligsten hängt. Den linken Seitenaltar stiftete der großmütige und sehr edle Herr Freiherr von Blittersdorf aus Hepscheid zu Ehren des hl. Johannes des Täufers und des hl. Hubertus. Den Hauptaltar stiftete der edle und ehrenwerte Herr Winand Meessen, gewesener Schöffe von Walhorn, Kommissar dieser Bank und später Statthalter von Burtscheid. Den Fußbodenbelag des Chores habe ich aus meiner Tasche für 23 Reichstaler vom Kloster St. Cornelius gekauft in Anwesenheit des Lontzener Schöffen Schmets; den Fußbodenbelag im Schiff hat die Gemeinde bezahlt.
58 Im Jahre 1713 habe ich, Pastor Cornelius Matthei, eine Uhr angeschafft, denn vorher gab es keine, die ich teils aus der Kirchenkasse ("fabrica"), teils aus eigenen Mitteln und Mitteln der Gemeinde 50 kaiserliche Pattacons (Reichstaler?) bezahlt habe; der Gottesdienst soll dadurch pünktlicher stattfinden. Im Jahre 1714 gab der Herr Nikolaus Aan, Schöffe von Burtscheid, den in der Mitte der Kirche hängenden Kron- bzw. Kerzenleuchter. Im Jahre 1720 habe ich aus der Kirchenkasse, die ich eingerichtet habe und die es vorher nicht gab, die zwei kleinen Altäre angeschafft, die zu beiden Seiten an der Wand hängen. Im Januar 1722 gab die Dame Hannot von Schloss Vlatten ein neues Ciborium (Speisekelch) aus reinem Silber und der erlauchte Herr Kanonikus Wildt, hier in Eynatten geboren und in unserer Kirche getauft, gab seinerseits mehr als die Hälfte zu einem neuen Kelch aus Silber, zum Gebrauch in der Pfarrkirche und in der von ihm errichteten Kapelle in Berlott. Anhang: Notarielle Erklärung Ich Unterzeichneter, durch päpstliche Vollmacht öffentlicher Notar des Erzdiakonats Condroz und des Lütticher Hofs, bezeuge und erkläre für wahr, dass mir aus der Lektüre und der Prüfung des Registers des Erzdiakonates Condroz bekannt ist, dass die Kirche von Walhorn eine "ecclesia integra" ist und unter sich unter anderen die Kapelle von Eynatten hatte mit dem besonderen Zusatz, dass die Einwohner deren Seelsorger oder Kaplan auf eigene Kosten unterhielten, indem sie ihm neben den Stolgebühren ein bestimmtes Einkommen gaben. Ich bezeuge außerdem, dass die besagte Kirche von Walhorn lange bestand, ehe die genannte Kapelle von Eynatten zur Pfarrkirche erhoben wurde. Denn in einem Register aus dem Jahre 1593, es ist das ältere der in unserem Besitz befindlichen Register betr. die Einsetzungen (Ernennungen) im Erzdiakonat Condroz, befindet sie sich in der Beschreibung des Konzils des hl. Remadus im Erzdiakonat Condroz im folgenden Auszug: "Register des Erzdiakonates Condroz, Kirche von Lüttich, begonnen 1593 nach den Registern, nämlich am vergangenen Feste des hl. Johannes des Täufers. Remaclus Die anderen Kirchen können vernachlässigt werden, da sie nicht zum Thema beitragen.
55 SS BETEN a ET | Eine neue Grabplatte erinnert an die Seelsorger vergangener Zeiten, Daher scheint es wahrscheinlich, dass der Herr Johannes Petri, der auf sein Amt verzichtete, wie oben gesagt, der erste durch bischöfliche Autorität ernannte Rektor dieser Kapelle gewesen ist. Dies zur Wahrheit habe ich vorliegendes Schreiben mit dem Siegel des Erzdiakonats versehen und unterschrieben an diesem sechsten Juni 1759: Unterschrift: Barth. Hubertus Matheji, Notar.» Quelle Stadtarchiv Aachen, St. Peter
56 Das Herzogtum Limburg nach der Karte und Beschreibung des Aegidius Martini von Alfred Bertha Ve} Simon Pierre Ernst, der P | bekannte Historiograph Ye) Limburgs, erwähnt in seiner Pa 1837 veröffentlichten Ge- (> CR schichte des alten Herzogtums’ > 7 die Karte des Gilles Martini CE De als die älteste ihm bekannte pP | LI AB IR SEN SIS| fi N Spezialkarte des von ihm S | DUCATUS | | = beschriebenen Gebietes. | NOVA DESCRIPTIO Ma Mit seinem im Jahre 1603 33 Audore WW erschienenen Kartenwerk hat s A AO der Antwerpener Mathema- _ REM tiker und Kartograph Aegidius SS Ar A 5 Martini einen Meilenstein in LA der Kartographie des 17. Jhs. gesetzt. Er betrachtete seine S dem Gouverneur Limburgs Gaston Spinola gewidmete Karte als «nach den neuesten Messungen zur genauesten Perfektion gebracht». Spätere Kartographen haben immer wieder auf Martinis Karte zurückgegriffen. Diese wird begleitet von einem erläuternden Text in lateinischer Sprache, der kurze Hinweise zur Geographie, Geschichte und Wirtschaft des betreffenden Gebietes liefert. Er ist betitelt: «Das Herzogtum Limburg und die davon abhängenden Gebiete» Martini schreibt: Das Herzogtum Limburg, das diese Karte zeigt und das seinen Namen der Hauptstadt Limburg verdankt, grenzt im Westen an Lüttich und Maas- tricht, im Osten an Aachen und Kornelimünster, im Süden an die Grafschaft Franchimont und an die Wasser von Spa. So angenehm dieses ganze Gebiet im Sommer wegen der abwechslungsreichen Landschaft und der Ausblicke auch ist, so
57 unangenehm ist es im Winter. Denn in dieser ganzen Jahreszeit ist es starr vor Frost und wegen der hohen Lage bleibt der Schnee in gewissen Teilen bis weit in den Sommer hinein liegen. Der Boden ist sehr fruchtbar an allem, was die Menschen benötigen; eine Ausnahme bildet -wegen des rauhen Klimas- der Wein. Er trägt sehr guten Weizen und Dinkel, woraus man ein ganz weißes Brot herstellt. Die Weiden sind zur Haltung des Viehs hervorragend geeignet; daher kommt es, daß die Menschen im Überfluss einen Käse von köstlichem Geschmack haben (1). Sie sammeln Kräuter sowohl zum Heilen von Krankheiten wie zum Würzen von Nahrungsmitteln. Auch ist der Boden reich an Schwefel und es ist wahrscheinlich, dass die von Alters her bestaunten warmen Quellen von Aachen durch die unterirdischen Lager des Schwefels hindurch fließen. Dass man kürzlich daselbst eine Zinn- und Bleigrube entdeckt hat, ist ein gewichtiges Ar- gument dafür, dass man vielleicht eines Tages dort Gold- oder Silberminen finden wird. Zwischen Walhorn und Montzen (2) findet sich tatsächlich eine Grube jenes Steines, aus dem Kupfer hergestellt wird. Er findet Anwendung in der Medizin. «Cadmia» heißt er bei Plinius und «Lapis aerosus» und ist nicht so sehr verschieden vom Eisenstein. Die Zeilen des Plinius, Buch 30, Kapitel 4, 1, lauten: «Man gewinnt auch Kupfer aus einem porösen Stein, den man Cadmium nennt.» Und in Kapitel 10 desselben Buches: «Denn der Stein, aus dem man das Kupfer gewinnt, heißt Cadmia. Die Germanen nennen ihn Covaltum, die Apotheken Climia und Cathimia und Lapis Calaminaris (Galmeistein). Ein ähnlicher Stein scheint auf der Insel Zypern gefunden zu werden; doch diesseits der Alpen findet man kaum einen anderen als den Limburger.» Genau genommen, trug das Gebiet einst den Titel einer Grafschaft und wurde durch Kaiser Friedrich mit dem Beinamen Barbarossa im Jahre 1172 zur Würde eines Herzogtums erhoben: die Herzöge von Lothringen waren nämlich ehedem auch die Herrscher dieses Gebiets. Schließlich, nachdem Heinrich, der letzte Herzog von Limburg (3), ohne männlichen Nachkommen gestorben war, wurde Jan I., Herzog von Bra- bant, im Jahre 1293 (4) sein Nachfolger. Obwohl er dieses Herzogtum vorher rechtmäßig gekauft hatte, nahm er es doch durch die Waffen in Besitz, nach dem Sieg über Raymund, den Grafen von Geldern, der es besetzt hatte. In dieser Schlacht wurden der Graf von Geldern und der Bischof von Köln gefangen genommen. Von den Herzögen fielen
58 Heinrich, Fürst von Luxemburg, und seine drei Brüder sowie alle Verbündeten des Grafen von Geldern (5). Nachdem er diesen Sieg errungen hatte, zerstörte Herzog Jan die Festung, die im Volksmund «Woronc» (6) genannt wird und machte sie dem Erdboden gleich. Und so gehörte seitdem das Herzogtum Limburg den Herzögen von Brabant. Aus diesem Herzogtum und seinen Herrschern, die ihren Ursprung aus dem lothringischen Stamm herleiten, stammt der erste König von Portugal, nämlich Heinrich, Herzog von Lothringen, Graf von Limburg, ein Mann von großem Mut und großer Tapferkeit. So berichten es die Annalen Hispaniens ausführlich und klar und wir haben es oben in der Beschreibung Portugals gesagt. Die Hauptstadt des ganzen Herzogtums ist Limburg, auf einem hohen Felsen gelegen und allseits durch einen steilen und tiefen Abhang geschützt. Es ist eher die Beschaffenheit des Geländes als menschliches Können, das sie von allen Seiten unzugänglich gemacht hat, mit Ausnahme der nach Süden gerichteten Seite, wo das ansteigende Terrain sich langsam von der Stadt bis in eine ausgedehnte Ebene absenkt. Die Stadt hat eine Burg an der abfallenden Nordseite; sie ist gebaut aus sehr reinem Marmor nach Art des gemeinen Jaspis (7), an dem der Boden in der Nähe des Dorfes H&vremont und anderswo überreich ist. Obwohl im allgemeinen die Burg den höchsten Punkt der Erhebung einnimmt, darf der tiefer gelegene Standplatz nicht verwundern; sie blickt vor allem auf die Unterstadt, so wie diese einst war, beinahe doppelt so groß wie die Stadt selber. So stand also die Burg in der Mitte, um nach beiden Seiten hin, über Stadt und Unterstadt, zu dominieren. War es richtig, dies so einzurichten, dass die Stadt über Gebühr hinausragt und die Unterstadt zerstört wurde? Ich würde es nicht zu behaupten wagen. Doch Gaston Spinola, Graf von Bruay, augenblicklich Gouverneur dieses Herzogtums und des gesamten Landes jenseits der Maas (8), ließ durch bemerkenswerte Arbeiten die beiden Stadttore erneuern, um von dort keine Gewalt gegen die Burg fürchten zu müssen. Sie sind zur Abwehr feindlicher Gewalt ebenso vorzüglich geeignet wie zur Vereitelung von hinterlistigen Anschlägen. Die Stadt wird umspült von dem Weserfluss, der reich ist an einer bemerkenswerten Art von Fischen: sie nennen sie «Trutas» (frz. truites = Forellen); sie sind im Geschmack und manchmal in der Größe den Lachsen. vergleichbar. Auch gibt es eine große Menge von Krebsen, die dieser Fluss, oder besser: dieser Bach, zwischen den Steinen und Ritzen
59 oder Spalten der Felsen reichlich nährt, denn im Sommer trocknet das Flussbett manchmal vollkommen aus. Dieser Stadt verdankt seine Herkunft der Antwerpener Bürger Johannes Fleming(us), ein gelehrter Mann und berühmter Dichter; dieselbe Stadt ist stolz auf den Bürger Remaclus Fusch(ius), einen hochgebildeten Mann, der viele Bücher und die verschiedensten Werke veröffentlicht hat (9). Die meisten Bewohner der Stadt sind Wollweber (oder -spinner) und sie stellen alljährlich eine große Menge von Tuchen her, die sie in die verschiedenen Teile Nieder-Germaniens (10) verkaufen. In der Nähe der Stadt wird viel Eisen hergestellt und es gibt speziell dazu einen Ofen und eine Schmiede, zu deren Betrieb sechstausend Karolus jährlich kaum genügen (11). Die Stadt selber jedoch hat kein Bauwerk, das des Lobes würdig wäre. Sie ist klein, nur‚durch zwei Tore zugänglich und der Aufstieg dahin ist für die Bewohner beschwerlich. Sie hat eine einzige, dem hl. Georg geweihte Kirche, der ein eigener Propst vorsteht (12). Juan d’Austria hatte seine Truppen dorthin geführt und die Stadt nach deren Kapitulation besetzt; die Burg «Hende» war ihm vorher durch Verrat eines Heerführers in die Hände gefallen (13). Als das Gerücht sich verbreitete, Juan d’Austria nahe mit seiner Armee, um die Stadt zu besetzen, hatte der Festungskommandant Nahrungsmittel, Kugeln und Kanonenpulver angefordert und den Ständen versprochen, wenn er das Verlangte bekomme, werde er jeden feindlichen Angriff abwehren. Al- les, was er verlangte, wurde ihm geschickt, doch, was er so großspurig versprochen hatte, hielt er nicht. Gleich beim ersten Ansturm der Feinde ging er zu Verhandlungen über und übergab die Stadt, ohne sich zur Verteidigung zu rüsten (14). Nicht weit von Limburg, doch außerhalb seines Hohheitsbereiches, gegen Süden, sprudeln die wegen ihrer Berühmtheit jedermann bekannten Quellen von Spa. Zwischen Walhorn und Montzen (15) findet man Hügel, die im Volksmund «Kelmberghen» genannt werden; sie sind aus jenem Metall oder Stein, das wir oben erwähnt haben und das daraus in großen Mengen gewonnen wird und dem sie ihren Namen verdanken. Um dieselben zu schützen und ihren Ertrag zu sichern, ließ der schon genannte Graf dort ein Fort errichten. Aber die Holländer brannten es infolge der Unvorsichtigkeit eines Soldaten vor einigen Jahren nieder (16). An die Stadt Limburg grenzt dieser riesige Wald, den man gemeinhin
61 Fangne (17) nennt. Unter niedrigem Gebüsch bietet er höchste Jagdfreuden. Soviel zur Stadt und zum Herzogtum Limburg. Mit dem Herzogtum Limburg denkt man meist gleichzeitig an drei andere Städte, von denen jede durch die Vorrechte einer Grafschaft glänzt: es sind Valkenburg, Dalhem und Rolduc, die wir nun der Reihe nach behandeln wollen. Valkenburg, für die Franzosen Fauquemont, eine elegante Stadt, hat Gerichtsbarkeit über ein ausgedehntes Territorium und eine gewisse Anzahl von Orten, liegt drei große Meilen von Aachen und zwei kleine Meilen von Maastricht entfernt. Sein Territorium ist äußerst fruchtbar, ob man die Getreideäcker oder die Viehweiden betrachtet. Nicht weit davon sieht man das Kloster des hl. Gerlachus, das sowohl durch den Bau wie durch sein Alter auffällt (18). Die Grafschaft Valkenburg wurde übrigens durch den Herzog Jan III. von Brabant besetzt, der sie mit Waffengewalt dem Herrn Rainold von Valkenburg entriss. Da dieser ein «unangenehmer» Mensch war und den Bewohnern Maastrichts Gewalt und Schaden zufügte, wurde er durch den genannten Herzog besiegt und gefangen genommen. Dalhem ist eine kleine Stadt und besitzt eine Burg von geringer Bedeutung (19). Von Aachen liegt sie drei große Meilen entfernt, von Lüttich zwei. Sie wurde zur Grafschaft erhoben und besitzt die Gerichtsbarkeit über einige Orte und Territorien jenseits der Maas. Her- zog Heinrich II. von Brabant hat sie eingenommen und den Ländern seines Herrschaftsbereiches angegliedert. Zu Dalhem gehört die berühmte Abtei Gottestal -Vallis Dei- (20), deren Abt unter den Hohen jenes Gebietes den ersten Rang einnimmt. Dazu kommt noch als weitere Abtei die vom Hl. Kreuze. Rolduc ist eine alte Stadt mit einer alten Burg. Sie ist etwa eine Meile von Valkenburg entfernt. Sie ist das vierte Land mit Gerichtsbarkeit jenseits der Maas und sie besitzt ein Hochgericht, doch untersteht dieses der Aufsicht und der Berufungsinstanz des Rates (Consilii senatorii) von Brabant. Hier darf man nicht den zwischen Jülich und Köln gelegenen und in der Volkssprache «Kerpen» genannten Ort übergehen (21), etwa zwei große Meilen vom Rhein entfernt. Der Größe nach ist der Ort einer Kleinstadt ähnlich, besitzt, wie man sie nennt, eine Stiftskirche und das Handels- und Marktrecht, wodurch viele Waren dorthin gebracht werden und eine große Volksmenge zusammenkommt. Er besitzt auch in der
62 Nachbarschaft eine befestigte Burg. Wilhelm von Nassau, Prinz von Oranien (22) hat diese nach Überquerung des Rheins im Jahre 1568 eingenommen und durch eine Garnison geschützt. Dies alles zusammengenommen macht eine nicht zu verachtende Herrschaft, die es gewohnt war, vom eigenen Herrn regiert zu werden. Aber die Herzöge von Limburg nahmen sie ein und unterwarfen sie sich, wenn sie auch einen besonderen «praefectum» erhielt, der zusammen mit der ziemlich starken Garnison dort bleibt. Dieser ganze Herrschaftsbezirk hat außer der Maas noch drei andere Wasserläufe, die in Flüsse münden: Die Berwinne berührt Dalhem, die Göhl Valkenburg und die Wurm fließt an Rolduc vorbei. Schließlich besteht sowohl das Herzogtum Limburg als die anderen‘ vorhin genannten Länder und Herrschaften aus drei Ständen (Gliedern), nämlich dem Klerus, der den ersten Stand bildet, den Adligen, die den zweiten Stand darstellen und dem dritten Stand, der die höheren Gerichte und die Gerichtssitze umfasst. Das Herzogtum Limburg umfasst fünf Bezirke oder Teile, die Banken genannt werden, nämlich Herve, Sprimont, Baelen, Walhorn und Montzen. An der Spitze der beiden Erstgenannten steht ein Meier, die drei letzten werden von einem Drossard als Vertreter der Obrigkeit präsidiert. Das zum Herzogtum Limburg und den davon abhängenden Ländern Gesagte möge genügen! Ich gehe zu anderem über. Anmerkungen 1) Der heute fast ausschließlich in der Herver Molkerei hergestellte Weichkäse (Herver Käse) wurde früher «Limburger» genannt und genoss einen weit über die Landesgrenzen reichenden Ruhm. 2) Diese sehr ungenaue Ortsangabe findet sich weiter unten wieder: S. Anm. 15). 3) Der letzte Herzog von Limburg war Walram IV. Er starb vermutlich 1280. Nach dem Tode seiner Tochter Ermingard/Irmgard (1283), verheiratet mit Rainald von Geldern, kam es zum sog. Limburgischen Erbfolgekrieg zwischen Brabant und Geldern/Köln, der in der Schlacht bei Worringen (5. Juni 1288) mit dem Sieg Brabants endete. Von einem «rechtmäßigen Kauf» des Herzogtums durch Jan I. von Brabant ist nichts bekannt. 4) Hier irrt der Schreiber ganz offensichtlich. S. 3). 5) Auf dem Schlachtfeld fielen u. a. Graf Heinrich V. von Luxemburg sowie seine beiden Brüder Walram von Ligny und La Roche und Heinrich von Houffalize. Graf Rainald von Geldern und der Kölner Erzbischof Sigfried von Westerburg gerieten in Gefangenschaft,
63 6) Nach anderen Quellen waren es die Bürger Kölns, die die Burg Worringen dem Erdboden gleich machten. 7) In seinem Kommentar zur Karte des Herzogtums Limburg in der «Germania Inferior» des Peter Kaerius beschreibt auch Pierre Montanus die «schöne Burg aus reinstem Marmor nach Art des gemeinen Jaspis». Dazu Ernst: «Diejenigen jedoch, die die Überreste jener Burg untersucht haben, haben diese Art von Marmor nicht feststellen können.» 8) «Jenseits der Maas»: Diese Bezeichnung gilt für die genannten Gebiete von Brüssel aus gesehen. 9) Remaclus Fuchs (Fuschius), geb. in Limburg, gest. 1587, war Kanoniker an St. Paul in Lüttich und machte sich sowohl als Mediziner wie als Botaniker einen Namen. Wir verdanken ihm auch eine Stadtansicht Limburgs, die er 1574 G. Braun und F. Hogenberg als Beitrag zu deren «Theatrum urbium et civitatum orbis terrarum», Köln 1574, lieferte. 10) «Germania Inferior» (Nieder-Germanien): Diese Bezeichnung für «Belgien» geht auf die Römerzeit zurück und findet sich recht häufig im 16.-17. Jh. 11) An die Eisenverarbeitung erinnert der Weiler «Forges» an der Ortsgrenze von Baelen- Dolhain . 12) Im Jahre 1460 wurde Limburg durch den Bischof von Lüttich aus der ehemaligen Mutterpfarre Goe (Gülke) ausgepfarrt und zur selbständigen Pfarre erhoben, deren Seelsorge den Regularkanonikern von Rolduc anvertraut wurde, Diese hatten das Besetzungsrecht in der Pfarre Go6€; sie errichteten eine Propstei, die bis zur Zerstörung durch die Franzosen im Jahre 1675 bestehen blieb. Den Titel eines «Propstes» trug der Pfarrer von Limburg auch weiterhin. 13) Zu «Hende» schreibt S. P. Ernst: »Die Weser flussaufwärts sah man früher rechter Hand, eine gute halbe Meile südöstlich von Limburg, auf einem Felsen gelegen, eine Burg genannt «Hende», die, nach Davity, dem Autor der Nachträge zu der Beschreibung der Niederlande von Guiccardini und anderen, «so stark war, dass sechs mit Kriegswaffen und Nahrungsmitteln («munitions de guerre et de bouche») ausgerüstete Soldaten sie gegen eine Armee verteidigen konnten». Ernst findet es «eigenartig», dass von dieser Burg nichts mehr zu sehen ist, außer einem beinahe angefüllten Brunnen auf halber Höhe des südlichen Abhanges des heute «Nantistay» -flämisch Ninsenberg- genannten Felsens. In Go€, so weiß er zu berichten, meint man, die Chorpartie der Pfarrkirche sei teilweise mit den Resten der Burg Hende wiedererrichtet worden. 14) Juan d’Austria (Johann von Österreich), natürlicher Sohn Kaiser Karls V., geb. in Regensburg 1547, wurde von König Philipp II. -seinem Halbbruder- 1576 zum Statt- halter der spanischen Niederlande ernannt. Sein Versuch einer Befriedung scheiterte, denn Wilhelm von Oranien verweigerte seine Unterwerfung und der Krieg gegen die aufständischen Nordprovinzen zog sich ohne Entscheidung hin. Die Einnahme Limburgs am 16. Juni 1578 wird allgemein den Truppen des Herzogs von Parma, Alexander Farnese, zugeschrieben, nicht Juan d’Austria. Dieser starb plötzlich am 1. Oktober 1578 im Lager in Namür, wahrscheinlich an Gift. 15) Eine handschriftliche Randnotiz zum Text sagt «tusschen Montzen en Ennenburg, op de haart». Es handelt sich ohne Zweifel um Kelmis und seinen «alten Berg». 16) Auch spätere Karten (Visscher, Coronelli) zeigen noch das «Fort de Calamine»., Der lateinische Text trägt unter «aliquot annos» (einige Jahre) den Zusatz Hiii (=5).
64 17) Fangne = Fagne = Venn 18) Um 1225 ließen sich Norbertinerinnen in Houthem b. Valkenburg nieder. Die heutige Pfarrkirche ist die ehemalige Stiftskirche, ein Neubau aus den Jahren 1720-1725. 19) Dalhem wurde 1242 nach einem Konflikt zwischen Dirk von Hochstaden und Her- zog Hendrik II. von Brabant durch Letzteren eingenommen. Die Burg über der Berwinne wurde 1648 durch die Holländer zerstört und nicht wieder aufgebaut. 20) Die Zisterzienserabtei Gottestal (Vallis Dei) ist eine Gründung des Herzogs von Limburg, Heinrich III., und des Grafen von Dalhem, Lothar, aus dem Jahre 1216. 21) Kerpen war eine Exklave im Herzogtum Jülich, ehemals eine reichsunmittelbare Grafschaft. 22) Wilhelm VIIL.‚1533-1584, Graf von Nassau, genannt der Schweiger, Fürst von Oranien unter dem Namen Wilhelm I.
65 DAS «WUNDER VON AACHEN» Eine wunderbare Begebenheit aus dem Aachener Dom im Jahre 1867 von Hans Dieter Iven An vielen Orten und bei zahlreichen Gelegenheiten, in Kunstbänden und Einzeldarstellungen wird der 1200 Jahre alte Aachener Dom gewürdigt als kunstgeschichtlich höchst bedeutendes Bauwerk. 1978 wurde er als erstes deutsches Bauwerk in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Die Aachener, und nicht nur sie, sind gewaltig stolz auf ihr «Münster». Die Fachleute kennen jeden Stein und jede Fuge, sie kennen die atemberaubende Geschichte, aber kennen sie auch seine Geschichtchen ? Die Chronik der alltäglichen Ereignisse, wie sie in den Kapitelsprotokollen niedergeschrieben ist von Augenzeugen, ist spannender als mancher Bestseller. Noch ist sie nicht geschrieben, die 1200jährige Geschichte des Aachener Münsters. Der Dom hat vieles zu erzählen, was nicht in den Geschichtsbüchern steht. Da haben Helden und Heilige, bedeutende Wissenschaftler, Künstler, Architekten, Könige und Ganoven ihre Spuren hinterlassen. Es ist aber auch von den vielen frommen «kleinen Leuten» zu berichten, denen das Aachener Münster so wichtig war und die niemand mit Namen kennt. Sie erlebten dort Gottes Nähe, sozusagen den Himmel auf Erden. Eine Begebenheit sei nun berichtet: Es war wieder einmal Heilig- tumsfahrt in Aachen. Unzählige Menschen kamen, um die vier großen Heiligtümer zu sehen. Wir schreiben das Jahr 1867. Wer weiß, wieviel Erwartung, Hoffnung auf Trost und Heilung die Menschen im Gepäck mitgebracht haben! Ob in Aachen auch Wunder geschehen? Manch einer wird sich das fragen, aber nur nicht laut, man könnte sich blamieren mit seiner Hoffnung. Seltsamerweise ist die Kirche auch kleinlaut und zurückhaltend. Fast peinlich verschweigt auch das Stiftskapitel wunderbares Geschehen. Ein «miraculum stricte dictum» (Wunder im strengen Sinn des Wortes) scheint der Kirche fast peinlich. Nur wenige Wunder sind von ihr anerkannt worden. Man lässt Wunder besonders gerne von nichtgläubigen Experten untersuchen. Erst wenn diese mit ihrem Latein am Ende sind, wenn keine plausible Erklärung für das Geschehen gefunden wurde, wird ein Wunder von der Kirche anerkannt. Ein Wunder ist ein Geschehen, das den Menschen staunen und ihn mit
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67 seinem Schöpfer in Verbindung treten lässt. Zauberei verblüfft, ein Wunder aber führt den Menschen üher sich selbst hinaus. So gibt es einen Augenzeugenbericht über ein Wundergeschehen im Aachener Dom. Ein kritischer Zeitgenosse, Franz Lauschet aus Friesenrath, hat es untersucht und einen Bericht gegeben. Es ist nicht bekannt, für wen dieser Bericht gedacht war. Möglicherweise hat Lauschet ihn für das Stiftskapitel in Aachen geschrieben. Hier ist nun im folgenden der Bericht, der im Original erhalten ist: Zum Andenken an das große Wunder, welches bei der siebenjährigen Vorzeigung der Aachener Heiligthümer geschehn ist. Als nach uralter Sitte im Jahre eintausend achthundert sieben und sechzig die Heiligthümer zur öffentlicher Verehrung vorgezeigt wurden, erging am ersten Tage der Vorzeigung als am zehnten Juli das Gerücht, im Dome sei ein Wunder geschehn nämlich ein Mädchen von Burtscheit sei von einer langen Krankheit genesen worden. An dem darauf folgendem Tage schien die Sache wahr. Damit aber nicht zufrieden wollte ich die Sache selbst untersuchen. Ich ging daher zu dem Hause wo dasselbe sich aufhielt und fragte dessen Mutter über dieses ereichniß und sie erwiderte, das sei wirklich wahr. Es sei aber augenblicklich nicht hier. Es ist beim Vicar wird aber gleich kommen. Nach einer kleinen Weile trat dasselbe bei uns ein. Ich grüßte ihr und wir überreichten uns die Hand und es sprach freundlich: Ich bin gesund geworden, danket Gott dafür. Und alsbald fing die Mutter zu erzählen an in Gegenwart des gesund gewordenen Kindes und mehrere herrschaftliche Damen wie folgt: Im dritten Jahre nach seiner Geburt erhielt das Mädchen dieselbe Krankheit, von welcher es jetzt genesen ist. Aber sie dauerte nicht lange und sie war nicht mehr und blieb aus bis in seinem einundzwanzigten Jahr und zwar vor neun Monate da wurde es wieder damit befallen. Es war dieses nach Aussage des Arztes eine Nervenhrankheit und so schrecklich, daß keine Maschine im Stande ist so geschwinde sich zu bewegen als dasselbe mit seinem Kopfe schlug fort und zurück und dabei Zu nebenstehender Abbildung: Zur Heiligtumsfahrt des Jahres 1867 erschien aus der Feder von Canonikus Dr. Fr. Bock eine „Kurzgefasste Angabe und Abbildung sämmtlicher ‚großen und kleinen Reliquien’ des ehemaligen Krönungs-Münsters». Das Titelblatt dieser Schrift zeigt Karl den Großen, der der Madonna mit Kind das Aachener Münster darreicht. In der oberen Bildebene zeigen die Engel die „vier großen Heiligtümer», und zwar die Windeln Jesu, das Schürz- und Lendentuch des Erlösers, das Tuch der Enthauptung des hl. Johannes des Täufers sowie (in der Mitte, teils verdeckt) das Kleid Mariens.
68 das Stoßen mit den Füßen und mit den Händen daß sogar die Haut an den Fersen der Füße aufs blutigste und an die Knöchel an den Händen. Dabei war noch verbunden das fürchtbare Schreien und Lärmen. Und wenn es mich erfassen konnte zerriß es mich fast die Kleider vom Leibe. Diese Anstrengung war öfters so groß, daß die Bettlade krachte, in dieser traurigen Lage verlebte es neun Monate. In den letzten fünf bis acht Wochen wurde die Krankheit schlimmer und zwar durch die heftige Anstrengung waren die Kniegelenke zusammengezogen infolgedessen konnte es nicht mehr gerade gehen noch stehen sondern mußte um einige Schritte langsam vorwärts zu kommen gebückt mit der Brust zur Erde gehen. Nun befahl sein Arzt, mit seinem Beichtvater sein Vertrauen auf Gott setzen und ließe sich mit die Aachener Heilthümer berühren was dann auch geschah. Mein Mann bestellte ein Wagen und wir beide setzten uns in demselben und wir fuhren langsam dem Dome zu. Dort angekommen brachte ein Priester einen Sessel und darauf wurde es in der Kreuzkapelle getragen und wurde am Kopfe mit dem Lendentuche unseres Herren und Heilandes Jesu Christi berührt, unter dieser Berührung sprach es bei sich selbst: Sohn Davitz erbarme dich meiner. Die Priester befahlen nun, dasselbe auf den Katschhof zu tragen. Wir gingen einige Schritte weiter und die Krankheit überfiel ihr wieder. Ich sprach: Betet und betet und die barmherzigen Schwestern samt den Priestern beteten dringender. Ich sprach mein Kind Muth ein und zwar also. Bis zufrieden sagte ich, Gott möge nun noch kommen. Er kann dich noch helfen und so weiter. Die Priester sagten, man solle die Thür nicht zu schnell öffnen, denn es könne die frische durchdrängende Luft nicht ertragen. Der Arzt befahl auch das Mädchen könne nicht mehr nach Hause gefahren sondern müsse getragen werden in Folge seiner Schwachheit. Jetzt wurde das Kind ruhig. Ich dachte, es würde jetzt sterben und, o Wunder, und in einem Augenblicke springt es auf und war gesund. Ich aber meinte es sei wahnsinnich, aber es sprach ich bin gesund. Siest du es nicht daß ich gesund bin, ich kann ja gehen und alsbald lief es der Kreuzkapelle zu. Wir fragten ihr, wohin gehst du. Und es sprach ich muß danken, ich muß danken, und es warf sich auf die Knie und betete laut vor fünf Vaterunser zu Ehren der heiligen fünf Wunden Jesu Christi. O was war das für ein Gebet von den barmherzigen Schwestern, von den anwesenden Priestern, es war herzzerreißend. Nachdem das zu Ende war betete es noch drei Vaterunser zu Ehren der allerheiligsten Dreifaltigkeit und nun ging es bis am Hochaltare und betete es wieder ein Gesetzt aus dem Rosenkranze zu Ehren des Heiligen Geistes und damit wurde das Gebeth geschlossen.
69 Nun wurden Zeugen aufgefordert, die das Wunder gesehen. Da war ein Priester noch besser als der andere der sagte, ich habe es gesehen. Und wurde dasselbe im Mirakelbuch aufgezeichnet. Vom Arzt ist auch sein Attest gefordert worden. Und er hat geschrieben mit seiner vielen Mühe die er angewendet erklärte er dasselbe für unheilbar. Nach Aussage der Mutter ist das Mädchen ald 21 Jahre, ungefähr groß 5 Fuß und scheint im Gesichte nicht krank gewesen zu sein. Dieses ist in Kürze die Beschreibung von diesem großen Wunder. Friesenrath den 14. Juli 1867 Franz Lauschet Vorstehende Beschreibung und Namensunterschrift ist richtig und bescheinigt noch den 14. April 1891 Franz Lauschet Ob es ein «miraculum stricte dictum»( Wunder in strengen Sinne) war, sei dahingestellt. Wunderbar war es allemal.
70 Bettelkinder und Jagd auf "kleine Kaninchen" von Alfred Bertha Mit dem 8. Mai 1945 ging der Zweite Weltkrieg zwar zu Ende, doch es bedurfte einer längeren Übergangszeit, ehe man in Deutschland wieder von geordneten Verhältnissen sprechen konnte. Wirtschaft und Handel lagen darnieder, in den ausgebombten Städten suchten die Menschen, sich notdürftig wieder einzurichten. Der Schwarz- und Tauschhandel blühte und gegen den Schmuggel an der deutsch-belgischen Grenze von, Gemmenich bis Raeren führten die Zöllner einen aussichtslosen Kampf. Opfer der Mangellage waren alle und auch die Kinder wurden im Kampf ums Überleben an die Schmuggelfront geschickt. Manchmal bettelten sie auch nur. Die älteren Bewohner des Grenzstreifens wissen sich noch gut der Jahre 1946-47 zu erinnern, wo ganze Horden von Bettelkindern aus dem Aachener Raum die Straßen von Kelmis bis Eupen und Raeren durchzogen. Wurden sie von der Polizei aufgegriffen, so drohte Abnahme der erbettelten Waren und sofortige Abschiebung über die nahe Grenze. Am 18. November 1946 wurden in Raeren 17 deutsche Kinder gefasst, am folgenden Tag waren es in Eupen 19. In Aachen herrschte Brotknappheit. Am 28.11.1946 meldete die Zeitung, man habe am Vortag wieder 15 Kinder und zwei Frauen in Raeren aufgegriffen und über die Grenze zurückgeschoben. In Eupen hatte man am selben Tage wieder über 20 Kinder gefasst, in Eynatten 8 und in Herbesthal 2. In Lontzen bewirtete eine Gastwirtin mehrere etwa 15 Jahre alte deutsche Bettelkinder. Während die Wirtin einen Augenblick abwesend war, suchten die Halbstarken das Weite mit einer Geldsumme von 6.000 F. Verschiedene der Geldscheine wurden bei einem Manne wiedergefunden, der im Verdacht stand, den Kindern Kaffee verkauft zu haben.... Der Geschädigten blieb nichts anderes übrig, als bei der Gen- darmerie Anzeige zu erstatten und sich über die Folgen der Nächstenliebe recht bittere Gedanken zu machen. Besonders viele Bettelkinder sah man in Kelmis in der Woche nach Weihnachten 1946. Schon am frühen Morgen streiften die Kinder durch den Ort. An einem einzigen Tage wurden rund 30 aufgelesen und zur Grenze zurückgebracht. Auch in Raeren wurden an einem einzigen Tag,
71 dem 28. Dezember 1946, 43 Bettelkinder gestellt. Es herrschte bittere Kälte in der zweiten Dezemberhälfte des Jahres 1946. Nachts fiel das Thermometer auf 10-15 Grad unter Null. Diese Kälte forderte ihre Opfer. Zollbeamte fanden - laut Grenz-Echo vom 30.12.1946 - "in einem auf Hergenrather Gebiet liegenden Wäldchen zwei erfrorene Kinder vor. Der Junge und das Mädchen dürften aus irgendeinem Grunde versucht haben, in dem Wäldchen entweder zu übernachten oder auch nur auszuruhen. Sie wurden dann eine Beute des starken Frostes.” Es sei zu befürchten, so die Zeitung, dass sich solche Fälle im Laufe des Winters, speziell bei solchen Kältewellen, wie der eben zu Ende gehenden, mehrten. Unter den Kindern, die nach Ansicht des Reporters durchweg Schwarzhändler waren, werde es wohl auch ab und zu wirkliche Arme geben, die einer außergewöhnlich starken Kälte nicht gewachsen seien. Der Pfarrer von Kelmis, Josef Olbertz, ging am 31. März 1947 in einem Leserbrief sehr ausführlich auf das Problem ein. U. a. schrieb der Pfarrer: ”... Oberster Grundsatz bleibt: Jeder Christ ist durch das Gebot der Nächstenliebe verpflichtet, irgendwie zu helfen, wo ihm eine wirkliche Not entgegentritt. Solche Not haben wir schon reichlich gesehen in den Kindern, die über die Grenze kommen, und noch mehr gehört im benachbarten Deutschland. Gott Dank, hat unsere Bevölkerung auch gerne und gut geholfen im Rahmen des Möglichen; genau so, wie sie es während des Krieges bei den Kindern tat, die aus Belgien kamen, von ihrer Not getrieben. ... ...Nun hat die ganze Sache eine große Schattenseite: Es sind durchschnittlich immer dieselben Kinder, darunter auch schon halbwüchsige Burschen und Mädchen, die betteln kommen; natürlich sind es nicht immer gerade die ärmsten. Und es kann kaum ausbleiben, dass das ständige Vagabundieren die Kinder zu kleinen Abenteurern macht, teilweise sogar zu kleinen Räubern. Wir haben dafür ja einige traurige Fälle erlebt, besonders hier in Kelmis, wahrscheinlich auch anderswo. Gegen solche Auswüchse muß die Behörde selbstverständlich energisch einschreiten, damit sie nicht noch häufiger und schlimmer werden. In Deutschland selbst beklagt man sich über diese bedauernswerten Exzesse.
72 Aber bevor wir uns darüber beklagen, müssen wir uns zunächst fragen, ob wir nicht selber mit Schuld tragen an diesen Zuständen. Ich meine jetzt nicht das Problem der Möglichkeit, die größte Not in Mittel- und Osteuropa von Seiten der reichen Länder im großen Stil wenden zu können. ... Ich meine eine gewisse Schuld im Kleinen, hier im Grenzland. D.h., alle diejenigen, die sich auf Tauschhandel, oder besser gesagt: auf Schwarzhandel mit den deutschen Kindern einlassen, tragen zu dieser Schuld bei. Denn sie ermutigen die Kinder in ihren Geschäften; aus ihrem Betteln wird wirklicher Handel im Dunkeln, und ihre Habsucht wird notwendigerweise aufgestachelt. Man sollte den Kindern grundsätzlich kein Geld geben oder nur dann, wenn man bestimmt weiß, daß sie es für notwendige Dinge verwenden; ' und besonders sollte man keinen Handel treiben mit der Absicht, selbst dabei ein gutes Geschäft zu machen. Das fördert ja gewaltig die beklagten Mißstände. Was wäre nun zu tun? Die ganze Bettelei radikal unterbinden? Damit wäre der gordische Knoten gewaltsam durchhauen, aber nicht gelöst. Je mehr man das tun wollte, umso dringlicher würde die christliche Pflicht, auf andere, bessere Weise an der Linderung der furchtbaren Not mitzuhelfen. Wir wären, Gott sei Dank, hier in der Lage dazu; wir könnten verhältnismäßig leicht manch armes Kind vom langsamen Siechtum retten, wenn wir es für einige Zeit aufnehmen dürften. Wer kann ruhig schlafen bei dem Gedanken, daß wenige Kilometer von uns entfernt so viele Menschenkinder durch bittere Not verderben und sterben, während wir hier im Vergleich dazu "an den Fleischtöpfen Ägyptens sitzen"? Ich komme zurück auf die Vorschläge eines Korrespondenten aus der Gegend von Malmedy, die vorige Woche an dieser Stelle veröffentlicht wurden.... Er schlägt vor: 1. Den Belgiern, die drüben Verwandte haben, zu erlauben, deren Kinder aufzunehmen. 2. Den belgischen Familien zu gestatten, deutsche Kinder zu beherbergen, die nach Notlage und Verdienst ausgesucht würden. 3. Das Versenden von Lebensmittelpaketen zu erlauben. Wären diese Vorschläge bei gutem Willen nicht zu verwirklichen? Natürlich unter Aufsicht der Behörden; d. h., die Kinder würden ärztlich untersucht, sodaß für Krankheitsübertragungen keine Gefahr bestünde. ...Andere Länder haben schon größere Hilfsaktionen eingeleitet; sollte das hierzulande nicht möglich sein?
73 Kinder aus dem fernen Osten hat man in Belgien aufgenommen, und das ist lobenswert. Dann dürfte man wohl auf die Dauer den Kindern, die uns Grenzbewohnern oft durch verwandtschaftliche Beziehungen viel näher stehen, nicht den Eintritt und Aufenthalt hier verweigern, auch wenn es Deutsche sind. Durch die Tat der Liebe kann man nur Menschen gewinnen. Ein weiteres wirksames Hilfsmittel wäre die Erlaubnis zum Versand von Paketen, wenigstens ab und zu, wie es einmal Weihnachten der Fall war; natürlich auch unter Aufsicht der Behörde. Auf diese Weise hätten wir eine organisierte Hilfe und man könnte dadurch das wilde Umherschweifen der Kinder umso eher abbremsen. Darf man hoffen, daß die neue Regierung für dieses Problem mehr Verständnis aufbringen wird, als es bisher der Fall war? Wir würden einen Schritt in der Befriedung Europas weiterkommen." Das Problem der Bettelkinder beschäftigte die Grenzbevölkerung bis in das Jahr 1948 hinein. In der Neujahrsnacht dieses Jahres sah man in Eupen eine große Anzahl Stolberger Kinder durch die Straßen der Stadt ziehen, wo sie die späten Nachhausgänger anbettelten. Am nächsten Morgen fand man dann in mehreren Toreingängen ganze Pakete mit Butterbroten, welche von den Bettelkindern weggeworfen worden waren. Ein weiterer Beweis dafür, so die Zeitung, dass dieselben keinen großen Hunger zu haben scheinen, sondern es hauptsächlich nur auf Geld abgesehen haben. Übrigens, der Vorschlag des Korrespondenten aus Weismes, den armen Familien jenseits der Grenze mit Paketen zu helfen, war nicht so neu. Schon 1946 hatte der Ministerrat durch Beschluss vom 20.12.1946 den Versand von Liebesgabenpaketn an Familienmitglieder bis zum 3. Verwandtschaftsgrade genehmigt, wenn die Adressaten in den Bezirken Aachen, Köln oder Düsseldorf wohnten. Der Innenminister griff die Idee im Dezember 1947 erneut auf; diesmal waren es jedoch speziell die Kinder, die davon profitieren sollten. Die praktische Durchführung der Aktion unternahm das Eupener Rote Kreuz. Wie im Jahre zuvor, so gab es auch bei dieser Paketaktion gewisse Beschränkungen: In den drei Kantonen Eupen, Malmedy und St. Vith sowie in den 10 während des Krieges von den Deutschen annektiert gewesenen Gemeinden ansässige Belgier durften Pakete schicken an Kinder unter 14 Jahre in den Regierungsbezirken Aachen, Köln und Düsseldorf, sofern eine Verwandtschaft mit diesen Kindern bis zum 3. Grade vorlag.
74 Die Pakete durften höchstens drei Kg pro Kind wiegen; jedes Kind durfte auch nur ein Paket erhalten. Rauchwaren, Kaffee oder rationierte Lebensmittel durften nicht in den Paketen enthalten sein. Sammelstellen waren die Gemeindeämter, die die Pakete an das Rote Kreuz weitergaben. Die Aktion fand ein starkes Echo in der Bevölkerung, gingen doch allein im Kanton Eupen 2.100 Pakete ein. Der Versand von Lebensmittelpaketen für Kinder jenseits der Grenze ist keine einmalige Aktion geblieben; wir wissen aber nicht, wie oft sie in der Folgezeit noch durchgeführt worden ist. Der Vorschlag, deutschen Kindern für eine gewisse Zeit bei ihren belgischen Verwandten Aufnahme zu gewähren, fand keine Befürworter. * Wohl kamen auf Veranlassung des unter der Schirmherrschaft des Bischofs von Lüttich stehenden Werkes "L'’Enfance au Grand Air" im Dezember 1947 500 ungarische und im Januar 1948 500 österreichische Kinder für 6 Monate zur Erholung in belgische Familien. Auch im Inland kannte man das hiesige Grenzproblem. Der "Patriote INllustre" vom 5. Oktober 1947 widmete dem Schmuggel im Dreiländereck einen dreiseitigen reichbebilderten Bericht. Unter dem Titel "Curieuse chasse aux 'P'tits Lapins' ä la frontie&re Belgo-Allemande" (Seltsame Jagd auf 'kleine Kaninchen' an der belgisch-deutschen Grenze) schrieb der Berichterstatter des illustrierten Blattes, er habe es für ein Wunder gehalten, wenn er tatsächlich nach einem Tag auf dem Ansitz in den Wäldern und Wiesen von Gemmenich ein Jagdbild zeichnen könne mit diesen deutschen "gosses" ( Kindern), "die sich auf das Schmuggeln verlegt haben und von denen man seit der Befreiung soviel gesprochen hat, dass sie sich eigentlich nicht mehr auf einem Pfad oder einer Eisenbahnstrecke an der Grenze zeigen dürften". "Wir stellten uns nicht vor", so der Journalist, "dass wir, unter der Führung von zwei Gendarmen und zwei Zöllnern, in weniger als drei Stunden soviele dieser Kinder aufgreifen würden, dass es reichte, ein ganzes Album mit Fotos zu füllen.” "Das Problem ist einfach", sagte einer der Gendarmen und setzte sich gemütlich ins Gras, um auf das Wild zu warten. "Da diese Kinder unter 16 Jahre sind, können wir sie nicht ins Gefängnis abführen, sondern müssen uns damit begnügen, sie auf dem Weg, auf dem sie gekommen sind, wieder zurückzuschicken. Beim zweiten Male nehmen wir ihre Namen und die Adressen ihrer Eltern. Dann benachrichtigen wir die englischen Besatzungsbehörden, die den Vater verwarnen und ihm mit
75 Ye " # AA % + a BB | Up . 5 Da a} AS a A Hr 3 On ® Rn = m“ a Der Gendarm setzte sich gemütlich ins Gras, um auf das «Wild» zu warten... Gefängnis drohen, wenn seine Kinder nochmals über die Grenze gehen... Aber es ist wohl kaum nötig zu sagen, dass in den meisten Fällen die angegebenen Namen und Adressen falsch sind! Na, und?" Hier fiel der Zöllner, der uns an diesem Morgen in Begleitung eines Kollegen auf die Jagd mitgenommen hatte, ein: "Man tut also nur das Notwendigste, nicht wahr, Gendarm? Pro Forma geht man die Pfade ab und legt sich schließlich hinter einer Hecke auf die Lauer, wo zwei- oder dreimal täglich die ’kleinen Kaninchen’ vorbeikommen. Es wird übrigens der Hund sein, der ihnen dann nachlaufen wird, es sei denn, man könnte sie durch einen Schuss in die Luft mitten auf der Wiese zum Stehenbleiben bringen! Viel Glück!..." Der Journalist weiß auch von einer gewissen Rivalität zwischen Zöllnern und Gendarmen zu berichten. Letztere hatten sich nicht immer damit begnügt, die aufgegriffenen Kinder zurückzuschicken oder sie zum Zollposten zu bringen: Sie hatten ihnen auch die Waren abgenommen, wozu sie nicht berechtigt waren. Es soll in dem Zusammenhang scharf formulierte Dienstnoten gegeben haben, bis den Zöllnern wieder allein das Recht zugestanden war, Ware zu beschlagnahmen.
79 SEN ; 3“ % - > 7 A 7 . SQ 2 A . | Sn - ä & ER Zn EM A & SL = Ö % r 3 A a“ 2 5.8 Nur eine leere weiße Leinentasche. «Was wolltest du mit dieser Tasche?» "Das ist ihm auch nicht egal", sagte der Zöllner, "aber dieser junge Deutsche ist Fatalist. Sie sind es übrigens alle... Und wenn er zweimal gefasst wird, aber beim dritten Mal durchkommt, so ist er für seine Mühe belohnt. Ein Pfund Kaffee kostet in Deutschland im Durchschnitt 400 Mark; der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters liegt bei 200 Mark. Machen Sie die Rechnung..."
80 Da erschienen drei weitere Kinder, zwei Mädchen und ein Junge. Der gerade zurückgewiesene Junge hatte diese Kinder kreuzen müssen. Hatte er sie nicht gewarnt vor der Falle, die wir ihnen gestellt hatten? "Aber nein", sagt der Zöllner, "es sind rivalisiernde Ausgabeen, die sich nie solche Hinweise geben und es gerne sehen, wenn die Konkurrenz ausgeschaltet wird!” Ich war schockiert. So jung, und schon dieses Verhalten. Ich schaute mir die drei neu Angekommenen an. Auch sie zeigten Engelsgesichter. Einen Augenblick zeigte sich bei dem älteren Mädchen ein ironisches Grinsen, fast unmerklich. Dann wurde das Gesicht wieder ernst, als man ihr Fragen stellte. Sie, wie auch die beiden anderen, hatte nichts dabei, außer einer leeren weißen Leinentasche. Aber das sagte ' schon genug über die Schmuggelabsichten aus. Diese Kinder, so sagte man mir, kamen die Ware abholen, die ihre Freunde am Vortag im Dorf gegen Tausch der verschiedensten Sachen reserviert hatten. ir a ER 7 M KA a A a) 3 . * SEN | s A: * % Gemmenich liegt vor den beiden Mädchen.
81 Der Tunnel Eine vierte Person erschien, die uns einen Augenblick ablenkte. Es war ein junger Mann, genau so korrekt gekleidet, wie die anderen, die wir gesehen hatten und die wir noch sehen würden. Er war im Besitz eines größeren Betrags in Mark. Was hatte er damit vor in Belgien? Seine Papiere waren übrigens in Ordnung. Einer der beiden Zöllner führte ihn zum Zollposten. } 7) m A DO 3 k de a ; a CS \ Ma -. a HE CE - un + CS 8 x vw: < ( 8 vr ® Ya { ER es | = > 8 EL A MA x RR . . p Bettelkinder in Gemmenich
82 "Kommen Sie, sagte der andere, der zurückgebliebene Zöllner, "wir gehen den kleinen Kaninchen entgegen." Nach einer Viertelstunde kamen wir an eine Eisenbahnstrecke. In der Ferne ein Tunnel. "Mit einem bisschen Glück", fuhr der Zöllner fort, "werden wir kaum länger als eben warten müssen; dann kommen die kleinen Deutschen aus dem Tunnel... Denn am anderen Tunnelende ist Deutschland. Jeden Morgen, sehr früh, kommt eine Gruppe von 20-30 "kleinen Kaninchen". Manchmal sind es noch mehr. Wir brauchen sie nur abzufangen..." Eine Frage drängte sich auf: "Wie können sie denn unter diesen Bedingungen jeden Tag wiederkommen?" Darauf der Zöllner:"Das kommt daher, dass wir selbst nicht jeden Tag’ hierher kommen; das zu überwachende Gebiet ist so groß, dass wir kaum an zwei aufeinaderfolgenden Tagen hierher kommen können. Und bestimmt nicht zweimal am selben Tag. Achtung. Schauen Sie." Der Zöllner war stehen geblieben. Eine Gruppe Kinder war aus dem Tunnel herausgekommen und kam über die Eisenbahnstrecke auf uns zu. Von weitem hatten die Kinder die Uniformen wohl nicht erkannt. Auf den Anruf des Zöllners hin blieben sie stehen. Er machte ihnen ein Zeichen und sie kamen näher. Bald waren sie vor uns, alle sauber gekleidet und mit freundlichen Gesichtern, so wie die anderen. Bei sich trugen sie nur eine armselige Gipsfigurengruppe. "Was wird man Euch in Gemmenich dafür geben?" fragte sie der Zöll- ner auf Deutsch. Ohne zu zögern kam die Antwort von demjenigen, der der Chef der Ausgabee zu sein schien: "Zwei Brote und zwei Paketchen Puddingpulver." So wie die anderen, mussten auch diese "kleinen Kaninchen" eine Kehrtwende machen und mit ihrem Kunstobjekt zum Tunnel zurückgehen. Aber kaum waren sie im Tunnel verschwunden, da kamen zwei andere Kinder aus demselben heraus. Wie im Wald, so hatte es auch hier keine Warnung vor der drohenden Gefahr gegeben. Komisches "Nationalgefühl" bei diesen Deutschen! Sollte sich da etwas bei den jungen Deutschen verändert haben? Diese Frage und noch viele andere stellten wir uns bei der Rückkehr von der "Kaninchenjagd". Eine Antwort erwarten wir nicht; vielleicht bekommen wir sie, wenn diese Kinder erwachsen sind!...
83 In der Zwischenzeit verlieren die kleinen Geschäftsleute von Gemmenich, Moresnet und Umgebung auch nicht gerade ihre Zeit. Dank Kaffee, Tabak und Zigaretten füllen sie ihre Regale langsam wieder mit deutschen lebensnotwendigen Produkten auf, Wer könnte es ihnen verübeln? Hat das Ganze nicht unter dem Vorwand der humanitären Hilfe begonnen, als die Kinder in Lumpen und ausgehungert betteln kamen? Dass sie heute besser gekleidet sind - ohne Zweifel dank dem Schmuggel - ist kein Grund, werden manche sagen, ihnen jede Hilfe zu versagen...
84 Hubertus Der Frosch Hubertus Dotterblum hüpft unentwegt im Teich herum langbeinig, schlacksig, jung und munter springt er sehr hoch und taucht dann unter. indes Cousine Susi Frosch, die schöne Augen hat, die halbe Zeit den Tag verträumt auf einem stillen Blatt. n Wenn Dotterblum die Maid erblickt, saust er fast himmelwärts, so freudig durch und durch erschrickt sein junges Froschmannherz. Doch Susi Frosch bemerkt das nicht, sie lebt der Liebe fern. Sie murkst an einem Froschgedicht, denn Lyrik mag sie gern. Hubertus, der vor Liebe quillt, -obgleich unmusikalisch- er singt sein schönstes Quäkerlied, es klingt fast infernalisch. Jetzt hat’s die Susi Frosch gehört! Obschon sie’s nicht versteht, fühlt sie auf einmal sich betört, wie das zuweilen geht. Drum quake jeder wie er kann, ob einfach, ob vertont, denn das, was man aus Liebe singt, wird irgendwann belohnt! M. Th. Weinert
85 Rückblick auf die Ausflugsziele in der Provinz Hennegau von Gabi Regulla Am 21. September 2003 fand ein Ausflug der Göhltalvereinigung in die Provinz Hennegau statt. Auf vielfachen Wunsch sind nachfolgend die ersten beiden Stationen unserer Reise noch einmal zusammengefasst. Über weitere Themen des Ausflugs berichten wir im nächsten Heft. Die Stadt Binche bei la Louviere Erstes Ziel unserer Fahrt war die mittelalterliche Stadt Binche. Die Geschichte der Stadt lässt sich bis in die Römerzeit zurück- verfolgen. Eine römische Heerstraße, die Via Aduatica, die Bavay mit Köln verband, führte in unmittelbarer Nähe von Binche vorbei. Ein römisches Heerlager wird hier vermutet. Als Haltestation für viele Reisende und Soldaten, die sich bei den Händlern mit Proviant für die Weiterreise eindeckten, erzeugte Binche schon zur gallo-römischen Zeit großes Interesse. Der Ort wuchs schnell zu einer recht bedeutenden Handelsstadt heran, die sich bald mit einer Stadtmauer und einer Burg schützen musste. Noch heute sind Reste der römischen Stadtmauer vorhanden. Im 14. Jahrhundert wurde die Stadt mit einer Schutzmauer mit 6 Toren und 30 Türmen umbaut. Sie fasste ein Gebiet von 22 ha ein und war ca. 2 km lang. Zum Schutz vor Angreifern wurden die ersten Bürgerwehren gegründet, wie z. B. die Armbrustschützen, die die Stadt im Falle eines Angriffs von der Mauer aus zu verteidigen hatten. Die erste Wehrgemeinschaft dieser Art wurde 1372 gegründet. Mit der Erfindung des Schießpulvers kamen später noch die Schießgesellschaften hinzu, die Vorläufer unserer heutigen Schützenvereine. Bis 1380 war die Burg im Besitz der Grafen von Hennegau, bevor sie an die Prämonstratenser-Abtei der guten Hoffnung/„„abbaye de bonne- esperance“ überging, die einen Teil des Besitzes als Refugium nutzte. Im 16. Jahrhundert wurden die sog. spanischen Niederlande von der Statthalterin Maria von Ungarn, einer Schwester Kaiser Karls des V. regiert (1530-55). Diese ließ in Binche an der Stelle der ehemaligen Burg - ganz dem Zeitgeist entsprechend - einen wunderschönen Renaissance- palast erbauen. Zu der damaligen Zeit war es modern, das Wissen der Antike widerzuspiegeln, nicht nur in der Architektur, sondern in allen
86 anderen Lebensbereichen auch. Ein Architekt des 16. Jahrhunderts hatte neben seinem eigentlichen Beruf noch einen zweiten, nämlich den des Humanisten. Um seine Auftraggeber zufrieden stellen zu können, musste er über das Leben und die Bauweise im Altertum genauestens Bescheid wissen. Leider erinnert heute nicht mehr sehr viel an diese kopierte Pracht der Antike. Einzig das wunderschöne Panorama, das man vom Stadtpark aus genießen kann, ist seit über 500 Jahren unverändert geblieben. Nicht zuletzt die günstige Lage am Wasser trug dazu bei, dass die Woll- und Tuchindustrie sowie der Kohleabbau, der schon im 12. Jahrhundert einsetzte, florierten. Neben der Anbindung an wichtige Wasserstraßen | wurden auch die hervorragend ausgebauten Straßennetze zum Transportieren der Güter genutzt; ein weiterer wichtiger Transportweg wurde mit dem Bau der ersten Eisenbahnlinie geschaffen. Ihre Blütezeit erlebte die Stadt im 18./19. Jh., als sowohl die Stahlindustrie als auch die Steinkohleförderung auf ihrem Höhepunkt angelangt waren. Um so bemerkenswerter ist es, dass sich in dieser modernen Zeit eine sehr alte Handwerkskunst nicht den Rang ablaufen ließ — das Handwerk des Klöppelns. Der Name Binche steht nämlich auch für eine sehr feine Klöppelspitze, die zum Vorläufer der berühmten venezianischen Spitze wurde. Die Bincher Spitze ist eine der schwierigsten Klöppelspitzen überhaupt. Charakteristisch für sie ist die flache Musterung ohne Konturfäden, äußerst zarte Spitzen und oft schwerfällige Motive. Zwar erlitt auch dieser Wirtschaftszweig im 19. Jh. Einbußen (weil die Mode nüchterner wurde, und nicht mehr viel Wert auf Rüschen und Spitzen gelegt wurde), aber im Gegensatz zu der Kohle- und Stahlindustrie, die im 20. Jh. durch die Schließung von Kohlegruben und die Verlegung der Stahlindustrie ins Ausland erheblich zurück ging, konnte sich die Klöppelkunst bis heute in der Region halten. Im Rathaus von Binche wird das uralte Handwerk heute wieder gelehrt, und vor allem junge Menschen zeigen wieder mehr Interesse für diese alte Kunst. Wer sich aufmacht, die Stadt Binche zu besuchen, wird überrascht sein, wie viel noch aus der „guten alten Zeit“ zu sehen ist. Der wunderschöne Marktplatz und das gotische Rathaus aus dem 14. Jh. lassen noch heute erahnen, welch prächtige Stadt Binche einst gewesen sein muss. Heute zählt die Stadt 33000 Einwohner, wovon leider fast 30% arbeitslos sind. Hoffnung auf einen erneuten wirtschaftlichen Aufschwung verspricht sich die Region unter anderem durch die Modernisierung der
88 Das Maskenmuseum und die lange Tradition der Gilles Unser nächstes Ziel war das 1975 eröffnete Maskenmuseum. Zunächst wurden hier nur heimische Masken gesammelt. Sehr bald aber kamen Masken aus aller Welt hinzu, und das Museum entwickelte sich zu dem größten seiner Art in Europa. Die Geschichte der Masken sowie deren Ursprünge und Entstehungen sind vielseitig. Hier auf alle Aspekte einzugehen, würde bei weitem den Rahmen sprengen. Daher beschränken wir uns auf einige wesentliche Erläuterungen. Der Maskenkult reicht zurück bis lange vor unsere Zeitrechnung. In erster Linie diente der Maskentanz dazu, das Böse zu vertreiben, den Winter zu verabschieden und das Frühjahr willkommen zu heißen. Im Laufe vieler Jahrhunderte haben sich auf der ganzen Welt unterschiedliche Bräuche daraus entwickelt. Fruchtbarkeitstänze und Tiermaskierungen zählen zu den ältesten Bräuchen, worauf prähistorische Höhlenmalereien in Frankreich und Spanien (30 000 bzw. 13 000 v. Chr.) hinweisen. Heute verbinden die meisten Menschen den Maskenkult mit Karneval. Bei den Naturvölkern aber war die Funktion der Masken noch vielseitiger. Die Tiermaskierung, der Schamanismus und der Götterkult fanden große Verbreitung. Naturvölker waren zumeist Nomaden und abhängig von der Natur und dem Tier. Masken sollten abschrecken, bestrafen, reinigen, beschützen, Glück bringen, heilen oder den Boden fruchtbar machen. Mit Hilfe der Masken konnten die Menschen einen Bezug zu den Göttern, Tieren, Kranken oder zur Natur herstellen. Der Träger der Maske verwandelte sich in eine Gottheit, in ein Tier oder in eine Pflanze. Einen unsichtbaren Gott konnten sich die Menschen damals nicht vorstellen, weshalb ein Bezug zu der Gottheit hergestellt werden musste. Diese Rolle übernahm ein Maskentänzer, indem er eine Gottheit mit Hilfe der Maske und eines Kostüms verkörperte. Dieser Gottheit wurden Opfer dargebracht. Opferblut diente zur Ernährung der Gottheiten, im Gegenzug erhoffte man sich Güte und bat um ein fruchtbares Jahr, mit viel Regen und Sonnenschein, um eine gute Ernte zu erzielen. Tiermasken hingegen dienten dazu, sich in die Welt der Tiere zu begeben. Der Träger der Maske verwandelte sich in ein gejagtes Tier, er schlüpfte in den Körper des Tieres und bewegte sich wie das reale Jagdopfer. Der Maskentänzer und die Zuschauer konnten so die Bewegungen des Tieres studieren und das Verhalten während der Jagd besser nachvollziehen. Unter manchen Naturvölkern wird dieser Brauch noch heute ausgeübt.
90 Bei den sesshaften Völkern entwickelte sich der Maskenkult etwas anders. Diese griffen aktiv in die Gegebenheiten ihrer Umwelt ein. Sie trotzten der Natur und gewannen ihr selbst etwas ab, indem sie Ackerbau und Viehzucht betrieben. Es war wichtig, das Wissen über die Bewirtschaftung des Bodens an die Nachfahren weiterzugeben. Mangels Schrift war dies oft nur durch belehrende Tänze und Bräuche möglich. Demzufolge verbreitete sich bei den sesshaften Völkern mehr der Ahnen- und Totenkult. Die Ahnen wurden während eines „Ahnentanzes“ nach ihren Erfahrungen in der Bewirtschaftung des Landes befragt. In Gestalt des Maskentänzers war der Ahn zur Befragung gegenwärtig für das Volk. Durch bestimmte Bewegungen gab der Tänzer und Maskenträger die Antworten des Ahns an seinen Stamm weiter. Der Ahn diente des weiteren als Schutz oder Hausgeist, er konnte aber auch zu einem Dämon werden. Ähnlich wie beim Götterkult wurde auch der Ahn durch Opfergaben gütig gestimmt, um zu vermeiden, dass er als Dämon wiederkehrte. Durch die Maske suchten die Menschen auch Schutz vor den kürzlich erst Verstorbenen. Dies wurde oft versinnbildlicht durch z.B. eine Maske, die am Hausgiebel angebracht wurde. Im Mittelalter wurden viele solcher Schutzmasken an Gebäuden angebracht; an alten Häusern oder Kirchen sind sie heute noch zu sehen. Bösartige, dämonen- oder fratzenhafte Masken wurden außen angebracht, da sie das Böse fernhalten sollten. Gutartige Masken mit lieblichem Gesichtsausdruck oder engelhafte Figuren hingegen finden sich oft im Inneren eines Gebäudes, um das Gute im Haus zu halten. Auch Sigmund Freud hat sich mit dem Thema befasst. Er stellte sich die Frage, wieso ein geliebter Verstorbener zu einem Dämon werden kann. Er nannte diesen Vorgang „projizierte Gefühle“ und erläuterte ihn wie folgt: neben Ehrfurcht und Liebe gegenüber der verstorbenen Person gab es manchmal auch Wut und Zorn, feindliche Regungen und Abneigungen. Dieses peinliche Gefühl nach dem Tod des Ahns musste irgendwie verarbeitet werden. Die schlechten Gefühle wurden auf das Objekt der Feindschaft projiziert - den Dämon, nach dem Motto: „Nicht ich bin schlecht und habe üble Gedanken, sondern Du. Du wurdest zum Dämon und bedrohst uns jetzt.“ Eine große Rolle bei der Entwicklung des Maskenkults spielte auch das Klima. In Afrika z. B ist das Wetter meist berechenbar. Es ist sehr heiß, aber auch feucht und es gibt eine verlässliche Regenzeit. Hier wurde mehr Ahnenkult betrieben, damit die Ahnen, wie oben beschrieben, ihre Erfahrung in Ackerbau und Viehzucht weitergeben konnten.
91 In Mittelamerika hingegen ist das Wetter wechselhafter und unberechenbar mit Wirbelstürmen und Dürren u.s.w.. Dazu kamen andere Launen der Natur, wie nicht vorhersehbare Vulkanausbrüche. Hier scheiterte oftmals das Wissen der Vorfahren, wodurch mehr Götterkult betrieben wurde. Neben dem Ahnen- und Götterkult war auch der Schamanismus weit verbreitet. Ein Schamane ist ein Medizinmann, der ähnlich wie die Tänzer bei Fruchtbarkeits- oder Ahnentänzen eine Beziehung zu einem Medium aufbaut, im Fall des Schamanismus meistens zu einer kranken Seele. Er taucht mit Hilfe eines Dieners, der ihm oftmals in Gestalt eines Affen zur Seite steht, in die Welt des Kranken ein, um dessen Seele zu suchen und zu heilen. Eine weitere Aufgabe eines Schamanen ist es, Verstorbenen den Weg ins Reich der Totenwelt zu zeigen. Dieser Glaube sagt, dass sich die Verstorbenen in einer Art „Zwischenebene“ zwischen der jetzigen Welt und der Totenwelt befinden und nur mit Hilfe des Schamanen ins Totenreich gelangen können, um dort die ewige Ruhe zu finden. Noch heute werden bei manchen Naturvölkern Schamanentänze praktiziert. Das Material der Masken war meist abhängig von den geologischen Gegebenheiten. Stein und Metall wurden eher selten, Holz, Rinde, Bambus, Bast, Ton und Terrakotta eher mehr benutzt. Bei den Eskimos hat man Walknochen verarbeitet, in Afrika Elfenbein. Zur Dekoration der Masken dienten Federn, Menschenhaar, Felle, Zähne, Perlen, und bei den Eskimos Muscheln. Die Farbe für die Bemalung wurde aus Erden oder Pflanzenteilen hergestellt. In Ländern, die über reiche Bodenschätze verfügten, wurde u. a. viel mit Edelsteinen oder Silber dekoriert. Frauen durften bei der Herstellung von Masken — bis auf wenige Ausnahmen - nicht anwesend sein. Sie, so glaubte man, würden mit ihrer Anwesenheit Unglück bringen. In der Antike ging der Maskenkult zurück auf den griechischen Fruchtbarkeitsgott Dionysos, bei den Römern später auch Bacchus genannt und vielleicht besser bekannt als Gott des Weines. Dionysos gilt auch als Urheber jeder Kultur, nicht zuletzt dadurch, dass er die Nomaden Acker- und Weinbau lehrte. In Europa bestand ein ähnliches Maskenwesen wie früher bei den Naturvölkern. Dieses verlor sich aber mit dem Christentum. Der Ursprung wurde vom Christentum verdrängt, die Inhalte falsch verstanden; aus Fruchtbarkeitsgöttern wurden Teufel, aus Göttinnen Hexen. Geblieben ist das Bestreben, durch buntes Treiben die bösen Geister zu vertreiben, die Kräfte des Bösen zu besiegen und den Winter fortzujagen.
92 Ab 1470 gab es in Europa ein einheitliches Bild der Narren. Deren Kostüm glich nun dem eines Herrschers. Unter der Maske konnten die Herrschenden ebenso wie jegliche Art von Zwang oder Regularien verspottet werden ohne eine Strafe befürchten zu müssen, da man unerkannt blieb durch die Maskierung. Obwohl die Kirche mehrmals versuchte, den Maskenkult zu verbieten, fanden aber auch zeitgleich religiöse Tänze Verbreitung. Man bat um Vergebung für begangene Sünden oder um Schutz für die Familie im neuen Jahr. Ähnlich wie bei den sesshaften Völkern fanden auch Fruchtbarkeitstänze statt. Das Böse wurde mit lauten Tänzen und abschreckenden Masken vertrieben, der Winter verbannt, und der Sommer begrüßt. k Ein absolutes Gegenstück zum Herrscher wurde im Mittelalter mit dem Hofnarren geschaffen. Der Hofnarr war in der Regel ein sehr intelligenter „Narr“ der über eine Menge „Narrenfreiheiten‘“ verfügte. Mit viel Diplomatie und Fingerspitzengefühl (damit er nicht seinen Kopf lassen musste) informierte er am Hof über Gegebenheiten im Volk. Auf dem Kopf trug er eine Eselsohrenkappe, das Gegenstück zur Herrscher- krone. Dazu trug er ein grün-gelb-rotes Kostüm als Kontrast zum prunkvollen Königsgewand. Schellen erinnerten an die kleinen Glöckchen am Saum des Herrschergewandes; sie sollten aber auch durch den Lärm, den sie verursachten, böse Geister vertreiben. Der Narr trug weder Schnurrbart noch Bart und zeigte damit pure Kahlheit gegenüber dem wallenden Haar und dem prächtigen Bartschmuck des Herrschers. Und schließlich kam dann noch ein Narrenorden statt einer Ordenskette dazu. Unklar ist, ob man beabsichtigte, die Herrscher damit auf den Arm zu nehmen, oder ob man damit sagen wollte: „Es gibt nur einen Herrscher! Sieh mich an, ich bin nichts gegen Dich, nur eine lächerliche Figur!“ Der Karneval von Binche reiht sich in die Tradition des europäischen Faschingstreibens ein. Durch buntes Treiben will man noch heute die bösen Geister vertreiben und den Winter verabschieden. In Binche haben sich vier Gruppen gebildet, die sich dieser Aufgabe beim jährlichen Karnevalstreiben stellen: die Paysans (Bauern), die Pierrots (Narren), die Arlequins (Harlekins) und natürlich die Gilles, denen im Maskenmuseum besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Im nächsten Heft wird über die Entstehung der Gilles und deren Bräuche, die sich seit über 500 Jahren fast unverändert erhalten haben, berichtet.
93 Wie das Leben so spielt Aus den Erzählungen meiner Großmutter über den berühmten Künstler aus Preußisch-Moresnet: Rudolph Krauß-Segommer von Eckhard Krauß ' Als mein Vater im Januar 1945 verstarb, war ich 7, meine Schwester 10 und mein Bruder 1 1/2 Jahre alt. In der Folgezeit wurde uns viel über den Vater berichtet und noch mehr erfuhren wir über die Verwandtschaft meiner Mutter. Dabei blieb es, bis wir in den 50er Jahren begannen, über die Mutter unseres Vaters uns weitere Informationen zu den übrigen Vorfahren väterlicherseits zu beschaffen. Was wir hörten, interessierte uns sehr, aber wir schrieben nichts auf, in der Gewissheit, es nie zu vergessen und Omi später immer noch einmal fragen zu können. Dass wir dabei manche Nachrichten erhielten, die vielleicht genauerer Überprüfung bedurft hätten, fiel uns nicht auf, zumal unsere Großmutter für uns eine Autorität war, die ewig leben würde. Von Moresnet war die Rede. Von Neutral Moresnet und Preußisch- Moresnet. Eine Zinkmine wurde erwähnt, in welcher Urgroßvater Philip Krauß eine leitende Funktion hatte und in der Großvater Albert, Arnold, Rudolph (Rufname: Rudolph) Krauß als Schüler mit seinen schauspielerischen Fähigkeiten, seiner Veranlagung zur Satire, Persiflage und Komik bei Betriebsfesten zum Vergnügen der Belegschaft und ihrer Familien längere humoristische Nachmittage gestaltet haben soll. Urgroßvater Philip war bis 1878 erster Beigeordneter? der Gemeinde Preußisch-Moresnet und stolz auf seinen Sohn, eines von 11 Kindern: 9 Mädchen und zwei Söhnen. Nicht mehr so stolz und nicht mehr einverstanden war er, als ihm sein Sohn Rudolph nach dem ' Anschrift des Verfassers: Nassestraße 24, D-50939 Köln. Tel.:0049(0)221 9 4396 43. e-mail: krassekrauss@gmx.de. Vielleicht kann jemand, der diesen Artikel liest, mir helfen, noch mehr über meinen Großvater Rudolph Krauß-Segommer zu erfahren. ? Das Amt des ersten Beigeordneten entsprach in etwa dem eines ersten Schöffen in belgischen Gemeinden.
94 Schulabschluss eröffnete, Schauspieler werden zu wollen und diesen Wunsch auch in die Tat umsetzte. Er ging von Moresnet, das ja damals noch preußisch war, nach Berlin, um Schauspielunterricht zu nehmen. E Ü A ; A AKA AM A 50 0 Tre? EEE e. BE TE 5 5 Art 5) A K ‚E A Ah aM A A | a 1 } Mc A | MA _ (1 EN se m AN Be m & ® X WO I AN a 1 2 GE En Geburtshaus von Rudolf Krauß-Segommer auf der Lütticher Straße in Neu-Moresnet Von seinem Vater wurde er daraufhin aus der Familie ausgestoßen und enterbt. Schauspieler waren in den Augen des Urgroßvaters, Philip Krauß, wohl unwürdiges Gesindel, dem man sich nicht anschloss. Rudolph Krauß wurde in seiner Zeit ein berühmter, hoch anerkannter und sehr wohlhabender Künstler, sprach 14 Sprachen und in den Sprachen viele Dialekte, tourte mit eigenem Personal und drei eigenen Pullmann-Wagen (=sehr komfortable Schnellzugwagen) der Eisenbahn durch die Lande, gab Gastspiele in beinahe allen großen Städten Europas, flog mit einem Zeppelin über die Städte, um sein Kommen anzukündigen (aus dem Zeppelin wurden Postkarten mit weiteren Informationen abgeworfen), gab im berühmten und bei seinen Veranstaltungen ausverkauften Berliner Wintergarten sowie in anderen weltbekannten Veranstaltungsorten Sondervorstellungen, war ein hervorragender Alleinunterhalter, Bauchredner, Zauberkünstler und Illusionist im Stile eines David Copperfield.
95 Ich versuche nun, die Erzählungen meiner Großmutter, die 1958 verstarb, mit den wenigen Eckdaten, die sich aufgrund von Belegen und Hinweisen eindeutig zuordnen lassen, chronologisch darzustellen. Rudolph Krauß, geboren als fünftes von 10 registrierten Kindern (aus der Ehe Philip Krauß mit Elisabeth geborene Maaßen, die als Witwe ein Kind in die Ehe brachte) am 11. Juni 1857, in der „Villa Sidona“ auf „Hazard“ (das ist die heutige Lütticher Straße) in Preußisch-Moresnet, verließ das Elternhaus im Alter von ca. 18 Jahren, um nach Berlin zu gehen. Nach der Ausbildung spielte er an diversen Bühnen jeweils in Rollen des jugendlichen Liebhabers; wohl mit Erfolg und dennoch mit zunehmender Unlust. Er lernte die Tochter des damals berühmten Artisten und Künstlers Sylvester Scheffer kennen, die er auch heiratete. Vermutlich brachte ihn sein Schwiegervater auf die Idee, als selbständiger Künstler zu arbeiten. Mein Großvater trat auf als Zauberkünstler und Illusionist, aber auch als Bauchredner mit zahlreichen Personen in einer eigenen „Show“, wie man heute sagt. Die Personen, mit denen er auftrat, waren alle Lebensgroße, selbst angefertigte Puppen, die von Mitarbeitern unter einer speziell angefertigten Bühne an Stöcken geführt wurden. Sämtliche Rollen sprach, in allen Stimmlagen, Landessprachen und, falls erforderlich in Dialekten, mein Großvater als Bauchredner. Gelegentlich trat er auch alleine in verschiedenen Rollen auf. Zum Beispiel in einem Stück, das meine Großmutter als „Hochzeitsreise“ beschrieb. Erst trat der Wirt eines Gasthauses auf, um seine Gäste zu empfangen, die nicht erschienen, und ging ab. Dann kam der Bräutigam und suchte den Wirt und seine Braut... und ging ab. Jetzt kam die Braut und suchte den Bräutigam... und ging ab. Anschließend kamen die Wirtin, der Hausdiener, das Zimmermädchen und so weiter. Ob in dieser oder anderer Reihenfolge ist mir aus den Erzählungen der Großmutter nicht mehr genau erinnerlich. „Er hatte die Rollen selber geschrieben“, erzählte sie, „hatte alle Kostüme übereinander an, trat auf der einen Seite der Bühne auf und ging an der anderen ab. Ich musste ihm im Laufen, während er hinter der Bühne auf die andere Seite hetzte, die Kleider vom Leib reißen, die neue Perücke aufsetzen und kurz die Schminke korrigieren.“
96 „Ein andermal“, so die Großmutter, „schoss er Karten auf Zuruf aus dem Publikum auf die hintere Bühnenwand. Das Publikum rief zum Beispiel ’Karo Ass’: Er nahm die Anweisung auf, drehte sich mit dem Rücken zum Publikum, nahm den Revolver, rief laut ‚Karo Ass’, so dass auch ich genau hinter dem Vorhang hörte, schoss, und schwups klebte die Karte in Augenhöhe am hinteren Vorhang, hinter welchem ich stand und einen Mechanismus betätigt hatte, um die Karte, die an einem Gummifaden befestigt war, an den Vorhang fliegen zu lassen.“ „Einmal“, so berichtete sie, „haben wir geprobt. Ich stand hinter der Bühne. Er rief und schoss. Er hörte sofort, dass es ein scharfer Schuss gewesen war. Der „Boy“ hatte ihm die falsche Pistole hingelegt. . Erschrocken stürzte er hinter die Bühne und war froh, dass ich aufgrund meiner geringen Körpergröße, 152 cm, überlebt hatte.“ Das Besondere und für das Publikum Erfreuliche sowie Belustigende war, dass er den Anwesenden im Nachhinein manche seiner Zauber- kunststücke erklärte. So berichtete mein Großvater mütterlicherseits, der ihn während des Ersten Weltkrieges in Köln im Variete-Theater „Kaiserhof‘““ am Kaiser- Wilhelm-Ring bei einem Auftritt erlebte, von einem Zauberkunststück. Das Publikum durfte nacheinander verschiedene Farben rufen, die er dann wiederholte, um anschließend mit einem Zauberstab über einen nach oben verschlossenen Korb zu fahren, aus dem in der verlangten Farbe ein langes Stoffband wie von Zauberhand nach oben stieg und an dem Stab hängen blieb. Dann trat er gegen den Korb, der umfiel; und heraus kullerte ein Knabe, der die Stoffbänder von unten durch einen Schlitz aus dem Korb geschoben hatte. Der Knabe war mein Vater, ebenfalls in Moresnet (aber Neutral-Moresnet) geboren. Das Publikum lachte und mein Vater schämte sich. Dieser Knabe trat in der gleichen Veranstaltung als Leutnant auf, der einen viel älteren und größeren Rekruten (seinen Vater) herum kommandierte. Rudolph Krauß, der sich später, als er ein berühmter Künstler wurde, als Künstlernamen den Namen eines seiner Schwäger, nämlich Segommer, zulegte und als Krauß-Segommer bekannt war, verlor vermutlich in den Jahren zwischen 1887 und 1897 seine erste Frau, die Tochter von Sylvester Scheffer, und zuvor alle seine drei noch im Kindesalter befindlichen Söhne durch eine Diphtherie-Erkrankung.
97 Als Witwer ging er in Köln, auf dem Neumarkt, neben einer jungen, kleinen Frau her, die ihm schon länger in einem Ballett, dessen Vorstellungen er ihretwegen häufig besuchte, aufgefallen war. Er ging neben ihr her und sprach mit ihr, während er angestrengt in eine völlig andere Richtung schaute. Sie hingegen war völlig verwirrt. Einerseits glaubte sie, sie sei von ihm angesprochen worden, andererseits sah sie nur zu deutlich, dass er gar nicht mit ihr sprechen konnte, denn er sah in eine andere Richtung und... er bewegte, während sie deutlich eine männliche Stimme hörte, nicht ein einziges Mal seine Lippen. Bauchredner, also auch er, waren ihr bisher unbekannt gewesen. Nun, die beiden heirateten laut „Certificate of Marriage‘“ am 26. März 1904 (sie, Veronika Bokshorn, geb. in Achslach/Bayern, war 22 Jahre alt; er war 46, machte sich im „Certificate“ aber ein Jahr jünger) im „District of Strand, in the County of London‘. Am 13. August 1909 wurde „Bubi“ geboren, als Richard, Sylvester Krauß, das einzige, von seiner Mutter geliebte Kind des Ehepaares, also mein Vater. Bis Mitte des Ersten Weltkrieges (1916) war der berühmte Künstler aus Moresnet noch tätig. Dann zog er sich zurück in das gepachtete Jagdgebiet in der Eifel in Malsbenden bei Gemünd. Dort hatte meine Großmutter Gefallen an dem Leben des Waidmannes „Rudolph“ gefunden. Hierzu konnte sie uns viele abenteuerliche und spannende Geschichten erzählen und von dort stammen all die Trophäen, Geweihe etc., die ich nach dem Tod meiner Großmutter (1958) in unserem großelterlichen Hause in Köln vorfand. Sie hatte dort bis zu ihrem Tode gelebt von dem erheblichen Vermögen ihres Mannes, der 36 Jahre zuvor, am 27. August 1922, in Malsbenden an den Folgen einer Lungenentzündung -als Freidenker, wie meine Großmutter immer zu sagen pflegte- gestorben war.
98 Eine frühe Erwähnung der «Hergenrather Besenbinder» von Alfred Bertha Die technische Entwicklung unseres Jahrhunderts und vor allem der Nachkriegszeit hat viele alte Handwerke verschwinden lassen oder sie in kleine Existenznischen zurückgedrängt. Wo sind sie heute auf unseren Dörfern, die Stellmacher, die Hufschmiede, die Sattler und Schuhmacher? Auch Spinnen und Weben gehören schon lange nicht mehr zu den , Grundkenntnissen eines heiratswilligen Mädchens und zur Beschäftigung an langen Winterabenden. Der Reiz der heute vielerorts abgehaltenen Handwerkermärkte besteht zum großen Teil darin, dass sie ein Stück noch gar nicht so ferner Vergangenheit aufleben lassen und uns zeigen, dass unsere Großeltern das Alltagsleben auch ohne Kunststoffe zu meistern wussten. Auf solchen Märkten stehen dann neben Glasbläsern und Kerzenziehern, Zinngießern und Töpfern auch weniger «ausgefallene» Berufszweige wie Korbflechter und Besenbinder. Auch Letztere sind von der Industrie verdrängt worden. Dabei war das Besenbinden in früheren Zeiten eine Beschäftigung, der Kleinbauern und Tagelöhner gerne nebenberuflich nachgingen. Besonders in Hergenrath muss es viele von ihnen gegeben haben, denn dem Ort haftet heute noch der Ruf an, das «Besenbinderdorf» zu sein, woraus man schließen kann, dass die «Herjender Bessemebenger» weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt waren. Das Rohmaterial fanden die Besenbinder in den Wäldern, die das notwendige Birkenreisig lieferten. Häufig wurde jedoch auch der Ginster zur Besenherstellung benutzt, weshalb er auch «Besenginster» genannt wird. Zum Binden brauchte man früher, als Draht noch nicht zur Verfügung stand, Haare von Pferdemähne oder -schweif. Absatz für ihre Besen dürften die Hergenrather Besenbinder vorwiegend im nahen Aachen gefunden haben. Gewisse Berufszweige, Bäcker z. B., hatten regelmäßig Bedarf an Besen zum Auskehren der mit Holz beheizten Backöfen. In den Hergenrather Quellen zur Ortsgeschichte haben wir bisher nur einen einzigen Hinweis auf die Besenbinder gefunden; es handelt sich
99 um eine Eintragung im Protokollbuch der Einwohnerversammlungen aus dem Jahre 1769. Ende 1768 hatten sich Astenet und Hergenrath nach längerem Gerichtsstreit auf eine Teilung der bis dahin noch gemeinsam bewirtschafteten Wälder im Bereich Lindengraben, Eckerbusch, Tiffes und Gippenhag geeinigt und am 3. Januar 1769 hatte die Hergenrather Bürgerversammlung diese Teilung gutgeheißen und einige zum Schutz der Wälder notwendige Maßnahmen beschlossen. Dem Hergenrather Bürger Hubertus Thillen schienen die den Besenbindern gemachten Zugeständnisse, von denen jedoch im Protokoll der Bürgerversammlung keine Rede ist, entschieden zu weit zu gehen. Er sah darin eine Bevorteilung einer gewissen Gruppe zum Nachteil al- ler anderen. Der Wald werde durch die Besenbinder «verdorben» und er wisse nicht, weshalb «solche Leute» mehr Rechte («permissen», Erlaubnis, Freiheit) haben sollten als andere. So wendet sich Thillen an die Förster mit der Bitte, dafür zu sorgen, dass das nicht geschehe. Wir bringen den Brief in der Originalschreibweise und - in Schrägschrift - die deutsche Übersetzung: Ich onder geschreven hebbe vernommen wie das die boschen Ich Unterschriebener habe vernommen, wie die Wälder gedelt siende teuschen die twee quartieren hergenraeth ende geteilt worden sind zwischen den Orten Hergenrath und aestenet soo hebbe ich vernommen das men soude Astenet; so habe ich gehört, dass man geschrieben haben soll geschreven hebben ein die hergenraether bouschen die in den Hergenrather Wäldern (dürften) die Besenbinder das bessemenbiender das reis opffer beircken te schnieden und Reisig oder Birken schneiden und die Birken in dem Holz von die biercken aus te schneuwen in das houls van funff jaer soo fünf Jahren auszuschneiden hefft men ihnnen die buschen als eigendum euber gebben So hat man ihnen die Wälder als Eigentum übergeben, mar ich en weit niet war durch soulche leutten sollen mir aber ich weiß nicht, weshalb solche Leute mehr opffer grotter dell ende permissen hebben als alle andere oder größeren Anteil und Freiheiten haben sollen als alle anderen nachbarren om die beuschen te verderven soo protestiere ich
100 Einwohner, um die Wälder zu verderben. So protestiere ich alhier schrifftlich das man die leutten nicht mir dell- und hier schriftlich dagegen, dass man diesen Leuten mehr Anteil meisterschap en sal geeven die beuschen te verderven mit und Macht gibt, die Wälder zu verderben mit das reis opffte biercken te schneiden te seechgen ende aeff te Reisig oder Birken schneiden, sägen und kaeppen. . abschlagen. So byte ich aen die vorster des dorps sij wollen das wol in So bitte ich die Förster des Dorfes, sie möchten das wohl im acht nemen und den poste niet toostaen noch erloben S Auge behalten, diesen Punkt nicht zugestehen und nicht erlauben. Actum den 6ten february 1769 Geschehen den 6. Februar 1769 F Hubbertus thillen ook ak Ik ko ak ok ok Rokoko ook ok Der Brief des Hubert Thillen, vor mehr als 230 Jahren geschrieben, ist natürlich für unsere Ortsgeschichte und die «Besenbinder» ein wichtiges Dokument. Aber auch den sprachlichen Aspekt dieses Briefes sollte man nicht vernachlässigen. Bemerkenswert ist nicht nur, dass Thillen schreibkundig ist in einer Zeit, wo die allermeisten Männer unseres Ortes noch mit «Handzeichen (= Kreuzchen) unterschrieben, sondern auch, dass seine Schreibsprache sich doch sehr von der damals üblichen brabantischen Kanzleisprache unterscheidet. Thillen schreibt ein seltsames Gemisch aus Hochdeutsch (vernommen, wie, das, ich, sollen, als, schriftlich, schneiden, in acht nehmen ...), Plattdeutsch (schnieden, beuschen ...) und Brabantisch, der damaligen Amtssprache (onder geschreven, twee, quartieren, ende, soude, niet, aeff te kaeppen ...). Quelle: Archiv der Göhltalvereinigung
101 Wörterbuch des Gemmenicher Platts Seit mehreren Jahren ist eine Arbeitsgruppe mit der Zusammenstellung eines Wörterbuches der im Dorf Gemmenich gesprochenen plattdeutschen Dialektvariante beschäftigt. Das Werk ist nunmehr im Grenz-Echo Verlag (www.gev.be) unter dem Titel „Diksjonäär van et Jömelejer Plat“ erschienen. Das 392 Seiten starke Lexikon enthält 14.540 Wörter. Zu jedem Wort werden Aussprache und Betonung in internationaler Lautschrift, grammatische Eigenschaften, deutsche Übersetzung und zahlreiche verdeutlichende Beispiele angeführt. Außerdem ermöglicht das ausführliche deutsche Stichwortverzeichnis es, die plattdeutsche Übersetzung eines deutschen Wortes zu finden. Das Wörterbuch enthält ebenfalls ein Orts- und Vornamenverzeichnis. Schließlich vermittelt die Einleitung umfassende Erklärungen zum Dialekt selbst und zur verwendeten Schreibweise sowie eine Einführung in Grammatik und Konjugation, ergänzt durch eine Konjugationstabelle der unregelmäßigen Verben. Die Verfasser hoffen, dass ihre Arbeit zur Förderung des Dialektes und zur Bewahrung zahlreicher besonderer Wörter und Ausdrücke beitragen wird, die die typischen Eigenschaften eines Dialektes ausmachen. Die Veröffentlichung des Werkes wurde durch die finanzielle Unterstützung der CEPAGEB (centre d’&tude des parlers germaniques de V’est de la Belgique — Universität Lüttich), der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und der Gemeinde Bleyberg ermöglicht. Ausführlichere Informationen sind auf der dem Dialekt und dem Wörterbuch gewidmeten Website zu finden: http//users.chello.be/sf15116/ Platt (Deutsch, Französisch und Niederländisch). Das Lexikon ist zum Preise von 22 EUR (gegebenenfalls + 3 EUR Versandkosten) an folgenden Stellen erhältlich: - Online auf Internet: http://users.chello.be/sf15116/Platt - Pierre Straet, rue St-Hubert 34, 4851 Gemmenich. (Tel. +32(0)87/ 78.51.74) - Jean Gerrekens, Opvoedingstraat 5, 3010 Leuven (Tel. +32(0)16/ 35.63.60, E-Mail jean.gerrekens@chello.be - Buchhandlung Welter, rue Cesar Franck 1, 4851 Gemmenich - Verkehrsverein, rue Cesar Franck 34, 4851 Gemmenich - Verschiedene Geschäfte in der Gemeinde Bleyberg. Das Wörterbuch-Team: Jules Aldenhoff (+), Jean Gerrekens, Pierre Straet
102 Jahresrückblick 2003 von Herbert Lennertz Der Aktivitätenkalender des verflossenen Jahres begann - wie üblich — mit der Jahreshauptversammlung im Saal des Kulturhauses „Select“, wo der Vorsitzende am 19.01.2003 recht viele Mitglieder zu seinem Rechenschaftsbericht begrüßen durfte. Das dabei gezeichnete Bild war im großen und Ganzen recht positiv, sowohl hinsichtlich des Echos der verschiedenen Veranstaltungen, wie auch bezüglich der Mitgliederzahlen, die kaum Schwankungen unterlagen. . Erfreulich war zu vermelden, dass sich der engere Vorstand durch zwei neue Mitglieder verstärkt hat: Frau Helene Bings (Kelmis) und Frau Gabi Regulla (Hergenrath) sind beide ausgebildete Fremdenführerinnen und entsprechend vielseitig einsetzbar... Die Generalversammlung schloss mit einem Dia-Rückblick von Al- fred Bertha auf die Italienreise des Jahres 2002, die über Genf, Venedig, Padua, Ravenna und Verona führte. Am 19. Februar zeigte Herr Müller (aus aktuellem Anlass) im „Select“ einen Videofilm über den Kelmiser Casinoweiher, der durch eine Freigabe der Randzonen zur Bebauung direkt gefährdet wäre. Sowohl die Vogelwelt, wie die Flora des Weihers und des Randbereiches verdienen einen intensiven Schutz und garantierten Erhalt. „Cesky raj‘“, das tschechische Paradies, nennt sich ein Gebiet in Ostböhmen, etwa 50 km nördlich von Prag, wo Mensch und Natur noch in voller Harmonie zusammenleben. Eine Dia-Schau von Jarmila und Alfons Herten, im Select, am 26. März, führte im ersten Teil auf eine Entdeckungsreise durch dieses Paradies und zeigte städtische und ländliche Architektur sowie Volksbräuche und im zweiten Teil die phantastische Wanderlandschaft mit einer überreichen Flora und Kleinfauna sowie den bizarrsten Sandsteinfelsformationen. Die in meisterhafter Überblendtechnik - 3 Projektoren, voll synchronisiert mit Musik und Kommentar — gebotene Schau war ein besonderes Erlebnis für die zahlreich erschienenen Zuschauer. Am 13. April führte Vorstandsmitglied Hans Klein eine größere Gruppe Wanderfreunde durch Walhorn, wo denselben durch Herrn Pierre Corda vom Walhorner Verkehrsverein die landschaftlichen und baulichen Schönheiten einer der 6 neu angelegten Wanderrouten nähergebracht
103 wurden. Diese führte vom Dorfkern zum Johberg über Langmüs und schloss mit einer gemütlichen Kaffeerunde im Dorflokal. Die „Dorfwanderungen“, die uns in den letzten Jahren schon nach Hauset und Eynatten geführt hatten, sollen auf vielseitigen Wunsch fortgesetzt werden. Unter der Leitung von A. Bertha wurde die Reihe der Tagesfahrten zu belgischen Kunststädten am 25. Mai mit einer Fahrt nach Tournai fortgesetzt. Die „Wiege der französischen Monarchie“ hat man die alte Römersiedlung an der Schelde genannt. Von hier gingen die Merowinger hervor, die mit Klodwig und dessen Taufe i. J. 496 die Geschichte Westeuropas maßgeblich geprägt haben. Sowohl Tournai mit seinen beeindruckenden Architekturschätzen (die Kathedrale mit ihren fünf Türmen ist von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden) wie auch das auf der Rückfahrt angefahrene Maasstädtchen Huy sind Perlen unseres an Schönheiten so reichen Landes. Die Mehrtagesfahrt, vom 5.-10. Juni 2003, stand wie üblich unter der Leitung des Vorsitzenden und führte über Besancon in den Südwesten Frankreichs, nach Grasse. Zwischenstationen auf der Hinfahrt waren im elsässischen Colmar, wo eine ausführliche Stadtbesichtigung eingeplant war, und in Besancon. Diese Stadt am Doubs beeindruckte durch die Festungsanlagen Vaubans. Grasse, die Hauptstadt der Parfümhersteller, eignet sich auch besonders gut als Ausgangsort für Tagesfahrten. Diese führten bei herrlichstem Wetter zu ausführlichen Besichtigungen nach Nizza und St Paul de Vence (Künstlerstadt) nach Cannes und in die wilde Landschaft der Verdon- Schlucht. Auf der Rückreise über Grenoble folgte man über weite Strecken der seit 1932 ausgeschilderten „Route Napoleon“. Das alte Festungsstädtchen Sisteron stellte hier einen letzten Höhepunkt der Fahrt dar. Das zweite Halbjahr, mit einer Studienfahrt unter der Leitung von Helene Bings und Gabi Regulla in die Region des „Centre“ (Binche mit seinem Maskenmuseum, Schiffshebewerk von Strepy-Thieu)", einer Wanderung um die Eupener Talsperre (Wanderführer Hans Klein), einer Betriebsbesichtigung des Pharmaunternehmens Grünenthal in Eilendorf (Ltg. Jos. Kessel) und zwei Dia-Abenden am 12. November bzw. 3. Dezember bot ein sehr abwechslungsreiches Programm. 1) Siehe dazu auch den Bericht auf S. 86-93.
104 Über viele Generationen hat die Messingherstellung das Stolberger Wirtschaftsleben geprägt. Die sogenannten Kupferhöfe halten die Erinnerung an jene Zeiten fest. Einer der schönsten Kupferhöfe im „Grünental“ ging 1888 durch Kauf an Apollonia Wirtz, die Alleineigentümerin der 1845 gegründeten Seifenfabrik Mäurer und Wirtz (Dalli-Werke) über. Die unmittelbare Nachkriegszeit führte zu Laborversuchen und „Vorplanungen im medizinisch-pharmazeutischen Bereich“. Anfang Januar 1946 löste sich die Pharma-Sparte von den Dalli-Werken und es begann die Geschichte der „Chemie-Grünenthal“. Es war eine wechselvolle Geschichte, deren erstes Kapitel durch die Entwicklung von Antibiotika (Penicillin) | geschrieben wurde. In den folgenden Jahrzehnten setzte „Chemie- Grünenthal“ konsequent auf die eigene Arzneimittelforschung und -entwicklung, deren Schwerpunkte auf Antibiotika und Schmerzmittel liegen. Die Besichtigung der neuen Werksanlagen am 15.10.2003 in Eilendorf erlaubte es einer Gruppe von interessierten „Göhltalern“ Einblick in das Innenleben von ‘‘“Chemie-Grünenthal‘“ besonders in die Bereiche Forschung und Ausbildung zu erhalten. Ein Menü vom Feinsten präsentierten am 12.11.2003 Norbert Wallrath und Heinz Verlage mit einer mehrteiligen Diaschau auf Großleinwand, In beeindruckender Überblendtechnik mit 3 Projektoren schufen sie eine neue Art des Sehens in Architektur, Landschaft und Lebensraum, wobei die Beispiele Futuroscope, Kölner Dom, Schloss Brühl und Guggenheim- Museum in Bilbao stellvertretend genannt seien. Nicht minder beeindruckend waren die Bilder, die uns „einen Tag im Leben eines Baggers‘“ im Braunkohlengebiet Gartzweiler zeigten, oder auch die Kykladeninsel Sifnos. Die Organisation lag in Händen von Vorstands- mitglied Jos. Kessel. Das Berichtsjahr 2003 ging zu Ende mit einer weiteren Diaschau im Kulturzentrum Select, wo Herr J. Spekl (Stolberg) auf Einladung von Vorstandsmitglied Josef Kessel die Zuschauer mit einer von 4 Projektoren auf 5-Meter-Panoramaleinwand durchgeführten Bildschau begeistern konnte. Seine Themen: „Impressionen aus Venedig“ und „Die Gärten von Schloss Trauttmandorff“ bei Meran.
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