I S Shltal Landschaft im Grenzraum Nordostbelgiens a ZZ ——— DD ER — Rs A PT NS — Er A A A A { er ZZ OEL N z——=—— N De OS M en LI EEE ES SE — —_—— | ii. DS AR ÄAEN me T O WE en Can] [DA ar | ST DE Tate Ss hc RS DC Mn ia Sn SS Ir MI SEEN SC AN ENDEN nn CN ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr. 70 — Februar 2002
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Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr. 70 Februar 2002 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04. Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Kassierer: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Postscheckkonto Nr. 000-0191053-60. Generale de Banque: 248-0068875-35 ASRK: 001-1149241-61 Konto NL: AMRO-BANK: 46.37.00.090 Vaals/L Konto BRD: Aachener Bank: 821 363 012 (BLZ 390 601 80) Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten Entwurf des Titelblattes: (+) Alfred Jansen, Moresnet-Kapelle. Druck.: Aldenhoff, Gemmenich,
3 Inhaltsverzeichnis Alfred Jansen (+) Zum Umschlagbild: 5 Moresnet-Kapelle Schloss „de Hoef“ in Teuven Alfred Bertha Winand Lamberti aus Walhorn, 9 Hergenrath 31. Abt von Rolduc Jakob Langohr At achtzeg Joor langk! EA Aachen-Bildchen Leonhard Kirschvink Die Titfelder Mühle, der Frauenbend 38 Bollendorf und andere Raerener Mühlen Firmin Pauquet Historischer Rundgang durch Kelmis 58 Kelmis (6. Teil) M.-Th. Weinert Die Spinne 85 Aachen-Forst Willy Timmermann 57 Jahre nach dem Drama 86 Eupen an der Hammerbrücke H. v. Schwartzenberg Maria-Theresia-Marmor 90 Aachen Caroline Leterme, Rettungsgrabungen in der Pfarrkirche 99 Kelmis St. Hubertus in Lontzen Herbert Lennertz Jahresrückblick 2001 102 Neu-Moresnet
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5 Zum Umschlagbild Schloss „de Hoef‘‘ in Teuven“ von (t) Alfred Jansen „Teuven war eine von den Herzögen von Limburg abhängige Herrschaft. Es besteht dort noch ein altes, wenig herrschaftlich aussehendes Schloss. Man nennt es „het alt Hous‘“. Das war die Residenz der Herren von Teuven. Wir haben dort alte Kamine gesehen, die die Kennzeichen des 13. Jahrhunderts trugen. Ein anderes Schloss (manoir), ein Bau aus dem 16. Jahrhundert, hat das „alt Hous“ ersetzt. Man nennt es das neue Schloss; es hat der Familie de Draeck gehört, von der sich ein Grabstein in der alten Kirche von Teuven befand...“ So schrieb Alexandre Schaepkens um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Leider bleibt von dem alten Schloss, das er damals noch besichtigt hat, nicht die geringste Spur und nicht mal die genaue Lage desselben ist bekannt. Nach Herrn Lionel de Secillon, dem früheren Bürgermeister von Teuven, lag das alte Schloss vielleicht an der Stelle, wo sich heute ein etwa 1870 errichteter Bauernhof befindet, der unter dem Namen „Het oud Huys“ bekannt ist und um 1950 im Besitz der Mutter des Bürgermeisters, der Gräfin de Secillon-Coenegracht, war. Das „neue Schloss“, heute „De Hoef*‘ oder (seltener) „Schloss Draeck‘* genannt, liegt etwas außerhalb des Dorfes, nördlich, zwischen der Straße nach Slenaeken und der Gulpe. Es ist ein dreiflügeliger Bau, der (laut Poswick) vornehmlich aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammt, dagegen in anderen Publikationen ' dem 16. Jahrhundert zugeordnet wird. Älteste Bauteile sind der Hauptwohntrakt und der östliche Seitenflügel, der Westflügel erscheint moderner und jünger und ist vielleicht dem ausgehenden 18. oder beginnenden 19. Jahrhundert zuzuschreiben. Wie dem auch sei, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfuhr Schloss Draeck einige Umänderungen, die ihm sein heutiges Aussehen verliehen. Damals erhielt der Hauptflügel die großen Fensteröffnungen * Aus G. Poswick, Les Delices du Duche de Limbourg, Verviers 1951, S. 271-276 ' „Bouwen door de eeuwen heen, Inventaris van het cultuurbezit in Belgie, Architectuur. Deel 14 n 2, Prov. Limburg, Arrondissement Tongeren, Kanton Voeren, Teuven, Hrsg. Ministerium der Flämischen Gemeinschaft, 1992, S. 166
6 und eine neoklassizistische Veranda, die nach dem 2. Weltkrieg noch bestand. Auch das Dach des die Nordwestecke flankierenden Turmes trug früher einen höheren und spitzeren Helm. In den Kriegsjahren hatten die Deutschen jedoch diesen Turmhelm durch ein Flachdach ersetzt und auf dem Turm einen Flakposten eingerichtet. Der von Schaepkens erwähnte Grabstein ist in den Turmsockel eingemauert worden. Vermutlich geschah dies nach dem Kirchenbrand von 1870, der zu einem Neubau der Teuvener Pfarrkirche (1871-1877) führte. Die Grabplatte trägt im Mittelteil der oberen Hälfte das Wappen de Draeck, darunter in einem quadratischen Feld die stark beschädigte Inschrift. Beiderseits von Wappen und Inschrift sind vertikal acht weitere Familienwappen angeordnet. Der Stein trägt die Jahreszahl 1663. . Besonders an der Nordseite sind die ehemaligen Wassergräben noch gut auszumachen. Zugang zum Schloss bietet sich von Westen über die neue Glasveranda oder von der rückwärtigen Seite über den Hof der Wirtschaftsgebäude, der durch einen tiefen Graben vom Schlosshof getrennt ist. Über diesen Graben führt eine bruchsteinerne Brücke, die eine frühere Zugbrücke ersetzt hat, zum Schlosshof. Im Laufe der Jahrhunderte hat Schloss Draeck viele Besitzer und Herren gekannt. Der erste uns bekannte Herr der Herrschaft Teuven war ein gewisser Mathilion, dessen Namen uns um 1370 begegnet. Es dürfte sich, auch wenn dies nicht mit absoluter Sicherheit feststeht, um Mathilion von Eynatten handeln. Nächste Besitzer von Teuven sind die von Gronsveld, denen ebenfalls die Herrschaft Beucken in Henri-Chapelle gehörte. Anfang des 15. Jahrhunderts heiratete Johanna von Gronsveld Johann von Brempt. Deren Sohn Goswin heiratete 1461 Catharina, Tochter des Walram von Merode. Auf dem Erbwege kam Teuven an die Tochter Sophie von Brempt, die in erster Ehe Johann Krümmel von Eynatten heiratete und deren Tochter Johanna Krümmel von Eynatten das Erbe ihrer Eltern übernahm. Durch die Ehe von Johanna Krümmel von Eynatten mit Gerard von Palant kam Teuven an letztere Familie. Von den vier Töchtern der Eheleute Krümmel-Palant schloss die Dritte, Adrienne, den Ehebund mit Adrian von Uytenhove und wurde bei der Erbteilung Besitzerin der Herrschaft Teuven. (Die Herrschaft Beucken fiel an ihre Schwester Maria von Palant).
7 Johann Karl von Uytenhove, aller Wahrscheinlichkeit nach der Sohn der vorgenannten Eheleute, wurde am 21. Januar 1597 mit Teuven belehnt. 1612 verkauft er das Schloss an Walram Draeck, Witwer von Anna de Viron, und dessen Kinder. Die Herrschaft Teuven sollte nun 180 Jahre, d. h. bis zur Franzosenzeit, im Besitz dieser Familie bleiben. Gerard de Draeck, ein Sohn Walrams, ist in die Ortsgeschichte wegen seiner vielen gerichtlichen Streitereien mit dem Augustinerinnenstift von Sinnich und dem Herrn von Beusdael eingegangen. Es gelang ihm, dem Herrn von Beusdael, Johann-Adolf von Colyn, die Gerichtsbarkeit über Teuven zu entreißen und auch die Strafgerichtsbarkeit über Sinnich zu erlangen. Er starb 1656. Sein Sohn Joseph de Draeck war der nächste Herr von Teuven. Er ließ den vorhin erwähnten schönen Grabstein anfertigen. Nach seinem Tode, im Jahre 1700, fiel die Herrschaft Teuven an den Sohn Joseph-Anselme de Draeck, Ehegatte der Catharina Ernestine Bertolf von Belven. Dieser wurde in den Freiherrenstand erhoben. Er starb 1719. Der noch minderjährige Sohn Jean-Joseph-Gerard de Draeck wurde nun Herr von Teuven. Er starb ohne Nachkommen, so dass die Herrschaft an seine Schwester Maria-Adrienne-Frangcoise fiel, die verheiratet war mit dem Freiherrn Jean-Fr&deric-Guillaume de Negri. Über drei Generationen blieb das Schloss nun im Besitz der Familie de Negri. Auf Joseph Anselme Antoine de Negri, der die Witwe seines Bruders, Jeanne Marie Josephine von Eys von Beusdael heiratete, folgte dessen Tochter, die Baronin Marie Francoise Josephe de Negri, in erster Ehe verheiratet mit Charles-Alexandre de Blanckart. Nach dem Tode der Eltern verkauften die Kinder der Eheleute Blanckart-Negri Schloss de Draeck an Viktor Haan aus Aachen. 1851 verkaufte dieser den Besitz an den Lütticher Rechtsanwalt Walther Moulan; nach dessen Tod kam das Teuvener Schloss auf dem Erbwege an die Geschwister Cyrille und Julienne Magis. Im folgenden Jahre trennten sich diese wieder von de Draeck, das sie an Leopold Gerard Quoidbach und an dessen zweite Ehefrau Gabrielle Therese Christiane Elisabeth de Ras verkauften. Letztere war schon zweimal verwitwet und hatte aus der Ehe mit Marie Emmanuel Victor Alexandre de Coenegracht mehrere Kinder. Nach ihrem Tode, am 14.2.1882, kam es über den Besitz von Hoef zu langdauerndem Streit zwischen dem Vater bzw. Stiefvater und den Kindern Quoidbach und Coenegracht, was schließlich am 2.4.1901 zum öffentlichen Verkauf des Schlosses führte, dessen neuer Besitzer Emile Sano aus Brüssel wurde. Emma Sano, die Tochter,
8 verheiratet mit Louis Janssens aus Ostende, erbte Draeck. Nach ihrem Tode, am 7.8.1946, ließen die Kinder bzw. Enkel Draeck wiederum öffentlich verkaufen, wobei das Schloss und die anhängenden Ländereien, insgesamt rd. 32 ha, von dem Vervierser Industriellen Hubert Duesberg- Grenade erstanden wurden. Die neuen Besitzer bemühten sich, die während der Kriegsjahre unterlassenen Unterhaltsarbeiten durchzuführen und das alte Schloss in neuem Glanz erstehen zu lassen. Damals erhielt der Eckturm seinen stumpfen Helm. 1985 erstand die Flämische Gemeinschaft den alten Herrensitz, der im folgenden Jahr als Hotel-Restaurant eine neue Bestimmung gefunden und als Gastronomiebetrieb der gehobenen Klasse sich einen Namen gemacht hat..
9 Winand Lamberti aus Walhorn, 31. Abt von Rolduc von Alfred Bertha Eine der herausragendsten Persönlichkeiten des Walhorner Landes war gewiss der auf Mützhof in Astenet am 9. Juli 1617 geborene Winand Lamberts, Sohn des Bankschöffen Anton Lamberts (71662) und der Catharina von Astenet. Die Familie Lamberts, deren Ursprünge mit den Großeltern des Winand, Peter Lamberts und Maria Mollener, bis ins 16. Jahrhundert zurück verfolgt werden können, war verwandtschaftlich mit fast allen bedeutenden Familien des Walhorner Landes verbunden. Anton Lamberts, genannt Thonnis, gestorben am 10.2.1662, und seine Ehefrau Catharina von Astenet hatten 5 Kinder, von denen die älteste Tochter Oberin bei den Pönitenten-Recollektinnen in Aachen war. Die zweite Tochter, Maria, 1613-1705, heiratete Peter Mees, 1621- 1679, der als Meier von Eynatten und Hauset sowie Schöffe von Walhorn wichtige Ämter in der Bank Walhorn bekleidet hat. Als drittes Kind folgte ein Sohn, dem man den Namen Winand gab (1617-1664). Die 1624 geborene Tochter Gudula heiratete den Drossard Gerard Quodbach aus Moresnet. Das Ehepaar übernahm sich finanziell beim Umbau von Mützhof. Die jüngste Tochter, Clara, blieb ledig. Im Folgenden wollen wir etwas näher auf das Leben und Wirken des Winand Lamberts eingehen, der in den Jahren des Dreißigjährigen Krieges erst als Koadjutor des Abtes, dann als Abt an vorderster Front die Geschicke der Abtei Rolduc mitbestimmt hat (1), Winand Lamberts, in die Geschichte eingegangen unter der latinisierten Form "Lamberti", wurde in der Augustiner-Chorherrenabtei Rolduc unmittelbar Zeuge der Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), der vor allem ab 1632 Limburg und die sog. Länder von Overmaas heimsuchte. Wir folgen dem Geschehen so, wie es sich in der zwischen 1685 und 1700 durch den Regularkanoniker und späteren Abt Nikolaus Heyendal in Latein verfassten Klosterchronik von Rolduc, den "Anna- les Monasterii Rodensis", darstellt (2).
10 Der Chronist schreibt: "In jener Zeit besetzten die Holländer (die Feste) Limburg und erhoben infolge dessen Anspruch auf die gesamte Provinz Limburg (3). Sodann, 1633, verlangten sie von allen höher gestellten Persönlich- keiten des Landes einen Treueid, den auch unser Abt Balduin (4) mit den anderen zu leisten gezwungen wurde. Vergeblich erhob der König von Spanien dagegen Einspruch und ließ durch seine Beamten Informationen gegen sie einholen. Man fragte sich zweifelnd, ob es erlaubt sei, diesen Eid abzulegen. Man befragte die Theologen und man kam zu dem Schluß, es sei erlaubt, denn dieser Eid werde den Staaten (5) nicht in ihrer Eigenschaft als Ketzern, sondern in der Eigenschaft als Herzog von Limburg, was sie ” durch das Kriegsrecht geworden waren, abgelegt. Von nun an begannen jene unglücklichen Zeiten, die die beiden Nachfolger, Duckweiler und Lamberti, auf beklagenswerte Weise heimgesucht haben." r Sn Dan A var „7 VL «x PER, m , A) as N a gr A aa Das Kloster Rolduc ist die größte erhaltene Klosteranlage der Niederlande. Am 18. Dezember 1635 starb Abt Balduin nach 20-jähriger Amtszeit. Das folgende Jahr sah die Abtei sich leeren. Die Klosterherren und auch die Pfarrer und Priester der gesamten Provinz Limburg hatten sich, um der Verhaftung durch die Holländer zu entgehen, in sichere Orte
11 zurückgezogen oder sie lebten unerkannt und versteckt. Einige hollän- dische Priester oder Prediger waren nämlich von den Spaniern gefangen genommen und nach Breda ins Gefängnis gebracht worden. So hatten die Holländer ihrem Militär den Befehl gegeben, alle katholischen Priester, deren sie in Limburg habhaft werden könnten, zu verhaften, namentlich die Äbte von Rolduc und Gottestal/Val Dieu. Erst 1637 bekam Rolduc in der Person von Caspar Duckweiler einen neuen Abt, der als erstes versuchte, die leeren Pfarrstellen neu zu besetzen. Die Pest der Jahre 1635 und 36 hatte vier aus der Abtei Rolduc kommende Pfarrer hinweggerafft, darunter Johannes Vinck (1635) in Eupen und Theodor Vischer (1636) in Henri-Chapelle. Da aber die Zahl der Ordensmitglieder so klein war, dass sie nicht eine einzige der vakanten Pfarrstellen besetzen konnten, blieb die Seelsorge daselbst sehr vernachlässigt. Der Pfarrer von Baelen tat sein Möglichstes, Eupen, Henri- Chapelle und Baelen zu bedienen, doch gelang dies nur unvollkommen, so dass die Ketzer "ungestraft ihr Gift unter das von seinem Seelsorger verwaiste Volk" streuen konnten. Sobald es ihm möglich war, ernannte Abt Caspar Duckweiler neue Seelsorger, alles Weltpriester; für Henri-Chapelle D. N. Sittaert, einen Mann mit einem vorbildlichen Lebenswandel, für Eupen einen Geistlichen namens Theodor Van der Spycker, dessen Verhältnis zu einer Frau, die er als seine Schwester ausgegeben hatte, jedoch Ärgernis erregte, so dass der Abt ihn aus Eupen entfernen musste. Dessen Nachfolger in Eupen wurde Friedrich Soetens, dessen Lebenswandel ebenfalls nicht erbaulich war und der deshalb 1651 durch den Abt Winand Lamberti "aus dem Amt entfernt wurde". Er wurde vom katholischen Glauben abtrünnig, zog sich nach Holland zurück, heiratete dort und, nachdem er viele Jahre ein elendes Leben geführt hatte, starb er unbußfertig. "Es ist kaum zu glauben", schreibt der Chronist, "wie unglücklich die Amtszeit dieses Abtes nicht nur für das Kloster, sondern für das ganze Land verlief. Denn einerseits lagen die Holländer im Krieg mit dem katholischen König (6); sie verwüsteten das Land und saugten es aus durch schwerste Abgaben, Racheakte, Repressalien und Ausschreitungen ohne Ende, andererseits verlangte unser König immense Summen Geldes zur Deckung der Kriegskosten. Dazu kamen die regelmäßigen Winterquartiere, sowohl der eigenen wie der Hilfstruppen, die Lagerungen und die Fourragelieferungen der Truppen und unzählige andere Übel. Die Truppen des Herzogs Karl von Lothringen, dem der französische König sein Herzogtum genommen hatte, und die des Prinzen von Conde,
12 der demselben allerchristlichen König untreu geworden war, waren für das Land nicht weniger verheerend als die der Feinde (7). Eine Befreiung von diesen Truppen war nur durch die schnelle Zahlung von 500.000 Brabanter Gulden zu erreichen. Diese große Summe hatte nämlich der Herzog von Lothringen dem spanischen König zur Bestreitung der Kriegskosten geliehen. Ab 1646 hielt er Limburg als Hypothek und bewachte die Festung mit seinen eigenen Soldaten, die nach ihrer Art das Land verheerten. Um also das Land von den Lothringern zu befreien, kam man mit Erzherzog Leopold von Österreich, dem damaligen Gouverneur des "katholischen Belgien" überein, dass das Land die 500.000 Gulden, die dem Herzog von Lothringen geschuldet waren, aufbringe und der König ” (von Spanien) im Gegenzuge für die kommenden fünf Jahre auf alle Abgaben (Beden), Landsteuer, etc. verzichte, das Land aber von Überwin- terungen, Futterlieferungen und ähnlichen Lasten verschont bleibe. Das Kloster Rolduc hatte natürlich seinen Teil in der Zahlung der 500.000 Gulden aufzubringen, konnte sich aber nicht der genannten fünfjährigen Befreiung von Abgaben erfreuen, da es mehr als jemals zuvor von den Holländern geplündert wurde. Es waren aber nicht nur die durch die Fürsten geführten Kriege, die dem Abt Sorge bereiteten; er hatte auch Prozesse zu führen, z. B. gegen den Baron von Rimborg wegen der Jagd, die dieser Herr den Jägern der Abtei in den Wäldern bei Übach streitig machte; gegen aufmüpfige Dorfgemeinschaften, wie die von Lommersum, die den Abtei-Zehnten besteuern wollten; gegen die von Broeck, die dem Gut der Abtei eine Gewerbesteuer auferlegen wollten, sowie gegen den Zolleinnehmer in Ottweiler und den Grundherrn von Bornheim. In den meisten dieser wie in allen anderen das Kloster betreffenden Angelegenheiten nutzte der Abt das Geschick und die Hilfe des Winand Lamberti, den er 1647 dem Kapitel von Rode zur Wahl als Koadjutor vorschlug mit der Hoffnung, dass dieser ihm im Amt des Klostervorstehers folgen werde. Folglich überließ der Abt seinem Koadjutor vor allem den Teil der Abtgeschäfte, die er wegen schmerzender Fußgicht und anderer häufiger Unpässlichkeiten selber zu führen weniger imstande war. Am 27. August 1647 wurde Winand Lamberti mit der Zustimmung aller Kapitelherren zum Koadjutor des Abtes gewählt. 1642 bot der spanische König die Herrschaften ("satrapias"), die er 1630 gegen eine bestimmte Summe Geldes zum Lehen gegeben hatte, meistbietend zum Verkauf an.
13 Als er das vernommen hatte, bot der Freiherr von Rimborg dem König 3000 Brabanter Gulden mehr als die von Abt Balduin gezahlte Summe, um die Herrschaft Merkstein zu bekommen. Die Einwohner von Merkstein beschlossen aber, dies in jeder Weise zu verhindern. Da er keine oder doch nur geringe Einkünfte daraus zog, war Abt Caspar jedoch nicht bereit, mehr als die von Abt Balduin für jene Herrschaft gezahlten 5.600 Gulden zu bieten, Er zog es vor, das Geld zurückzubekommen und es anderswo gewinnbringender anzulegen. Daraufhin beschlossen die Einwohner von Merkstein, sich selbst von jeder Herrschaft freizukaufen; sie boten dem König die Summe von 3.200 Gulden an unter der Bedingung, dass sie während der 15 folgenden Jahre unter der weltlichen Herrschaft des Abtes von Rolduc verblieben. In der Zeit würden sie ihm sein Kapital von 5.600 Gulden zurückzahlen. Nach diesen 15 Jahren wären sie für weitere 15 Jahre "sui juris" (unabhängig, sich selbst regierend) und sie besäßen die hohe, mittlere und niedere Gerichtsbarkeit, so dass während dieser gesamten Zeit die Herrschaft keinem anderen verkauft oder verpfändet werden könnte. Der König stimmte diesem allen zu. Merkstein sollte in jährlichen Raten den genannten Betrag abzahlen, was jedoch nicht geschah und zu langen Prozessen Anlass gab. Der Krieg zwischen dem "katholischen König" (Spanien) und den Holländern dauerte bis 1648. Als die Friedensverhandlungen soweit fortgeschritten waren, dass man selbst jener Klausel des Vertrages zugestimmt hatte, die besagte, dass jede Partei die zur Zeit der Bekanntgabe der Texte besetzten Gebiete behalten solle, und als man nur noch auf die Veröffentlichung der ausgehandelten Verträge wartete, fielen die Holländer unversehens in die Städtchen und Burgen Dalhem, Valkenburg und Herzogenrath ein, die gänzlich unbefestigt, offen und ohne militärischen Schutz waren. Sie legten dort eine Garnison, setzten an jedem Ort einen Statthalter ein, vertrieben alle königlichen Beamten, ernannten eigene Drossarde, Vögte und Schöffen und beanspruchten diese Herrschaftsgebiete für sich (8). Obwohl diese Vorgänge den Verhandlungsführern in Westfalen gemeldet wurden, hielten diese es dennoch nicht für richtig, die Bekanntgabe des Friedensschlusses weiter hinauszuschieben. Man beschloss aber, diese Angelegenheit einer "camera bipartita” zur Regelung zu überlassen. Diesen Namen gab man einer Versammlung aus Richtern beider Seiten, die die oberste Macht haben sollten, die hinsichtlich der
14 Ausführung des Friedensvertrages entstandenen Streitfragen zu entscheiden und deren Urteil man sich unbedingt zu unterwerfen hätte. Der 1648 zu Münster und Osnabrück ausgehandelte "Westfälische Friede", der den Dreißigjährigen Krieg beenden und in den Niederlanden einen Schluss-Strich unter den seit 80 Jahren herrschenden Konflikt zwischen dem katholischen Spanien und den reformierten niederlän- dischen Nordprovinzen, den sog. Generalstaaten, ziehen sollte, schrieb also im wesentlichen die damals bestehenden Grenzen fest, brachte aber keineswegs eine allseits befriedigende und befriedende Lösung, auch wenn man angetreten war in der Absicht, einen "angenehmen, guten und . aufrechten ewigen Frieden" auszuhandeln. "Hinc sonat pax toto orbe" - Von hier erschallt der Frieden im ganzen Erdkreis. So die Umschrift einer silbernen Schaumünze, die zum Friedensschluss geprägt wurde. Doch der Frieden von Münster war vor allem für die reformierten Länder, allen voran Schweden, ein Gewinn. Spätere deutsche Historiker sind bei der Bewertung der Ergebnisse von Münster und Osnabrück zu dem Schluss gekommen, dass es für das Reich ein Schandfrieden war. Die Nazis hatten folglich auch die Absicht, den "Endsieg" in Münster zu feiern und so die Schande des Westfälischen Friedens zu löschen. Die schon dazu vorbereitete Ausstellung fand jedoch nie statt... Erich Kästner schrieb dazu:" Wenn wir den Krieg gewonnen hätten - Zum Glück gewannen wir ihn nicht!" Auch die zum Herzogtum Limburg gehörenden Länder "jenseits der Maas", (so genannt, weil sie, von Brüssel aus gesehen, rechts der Maas lagen), d. h. Rolduc, Valkenburg und Dalhem, wurden von den Friedensregelungen betroffen. Durch Artikel 3 des am 15. Mai 1648 ratifizierten Friedensvertrages erkannten der König von Spanien einerseits und die Generalstaaten andererseits den bei Friedensschluss nach jahrelangem Kleinkrieg erreichten Besitzstand gegenseitig an und überließen die Aufteilung der "Länder jenseits der Maas" der genannten "chambre mi-partie". Diese je zur Hälfte aus Vertretern des spanischen Königs und der Nordprovinzen bestehende Kommission sollte auch für die Grenzmarkierungen sorgen. Da jedoch infolge listenreicher Finten der Holländer ein Ende der Streitfrage ständig hinausgezögert wurde, blieb das arme Land während
15 vieler Jahre den Ausschreitungen, Gewalttätigkeiten, Vergeltungsmaß- nahmen und allem möglichen anderen Unheil ausgesetzt, das gewöhnlich ein Volk trifft, das zwei Herren erduldet, die Gegensätzliches anordnen und verbieten. Dreizehn Jahre sollte es nämlich dauern, bis die beiden Parteien sich im sog. Partage-Vertrag von 1661 endlich auf eine territo- riale Aufgliederung einigten. Der Vertrag wurde von namhaften Kennern als "der unsinnigste Vertrag, den die niederländische Geschichte kennt", bezeichnet, hinterließ er doch einen großen Flickenteppich mit spanischen Enklaven im Generalstaaten-Land und Enklaven der Reformierten im spanischen Herrschaftsbereich. Erst 1785 sollte es durch Austausch zwischen den Österreichern und den Generalstaaten zu einer "Flurbereinigung”" kommen. Das Land von Herzogenrath bestand aus mehreren nicht zusammen- hängenden Blöcken, und zwar Gulpen-Margraten (beiderseits der Gulp), Vaals-Holset (an der Göhl) und Simpelveld-Kerkrade-Übach (an der Wurm). Bei Friedensschluss im Jahre 1648 waren Margraten, Gulpen und Vaals in der Hand der "Holländer" und die Besitzverhältnisse waren nicht überall klar ... Die Klosterchronik der Abtei Rolduc, beschreibt die damalige Lage mit folgenden Worten: "Die Abtei von Rode litt in jener Zeit doch unvergleichlich mehr als alle anderen, da die bis zur Raserei hungrigen Ketzer gierig danach trachteten, deren Güter allesamt zu verschlingen und nicht leicht zuließen, dass man ihnen den leckeren Bissen, den sie gerade in sicherer Zuversicht verschlungen hatten, wieder aus dem Schlund entreiße." 1649 wurde in den drei Ländern "jenseits der Maas" ein Edikt der holländischen Generalstaaten erlassen, das die Beschlagnahmung aller Güter der Klöster, Pfarreien und Kirchen, der Zehnten, der Einkünfte und Domänen anordnete. Darüber hinaus wurde den Geistlichen und Klosterinsassen befohlen, die Rechtsansprüche ("Titel") und Originalurkunden ihrer Güter den Bevollmächtigten der (General-) Staaten auszuliefern; bei Nichtbefolgung dürften sie sich keinerlei Hoffnung auf die von der Republik versprochene lebenslange Unterstützung machen. Infolge dieses Ediktes besetzten sie also kurz darauf die beiden dem Kloster gehörenden Herrschaften von Kerkrade und Merkstein, verlangten für sich alle Einkünfte davon, auch alle unsere Pfarreien im Lande von Rode mit ihren Einkünften, dazu die Höfe, die Zehnten und Pachten, schließlich alle der Abtei gehörenden Güter im Distrikt Herzogenrath, so dass es nicht einmal erlaubt war, in unseren Wäldern das für den Hausbau notwendige Holz zu fällen.
16 Endlich, nach vielem Drängen des königlichen Gesandten und anderer Freunde, erreichte man, dass das Kloster noch ein Jahr die Zehnten und die Pachten der Höfe sowie die anderen Einkünfte beziehen sollte, allerdings gegen Zahlung einer großen Summe Geldes an die Holländer. Doch in der Zwischenzeit starb Abt Caspar. Er war 1650 im Herbst ins Kölner Land gereist, um bei der Weinlese dabei zu sein. Von Gicht und Fieber befallen, starb er fromm am 12. Dezember in unserem Kloster Mariental (an der Ahr) im 14. Jahre seines Amtes. Von dort wurde er zur Abtei zurückgebracht und hier nach den gewohnten Riten beigesetzt. In dasselbe Jahr, wie der Tod des Abtes, fällt der Untergang des Klosters Hoydonck im Herzogtum s'-Hertogenbosch. Kraft des in Westfalen geschlossenen Friedens hatten die Holländer es zu ewigem Besitz erhalten. Sie verlangten folglich für sich allen Besitz der Geistlichen, darunter auch das Kloster von Hoydonck (9), versprachen aber jeder der noch übrigbleibenden Klosterfrauen eine Lebensrente. .... Der Herr Winand Lamberti, der zu jener Zeit dort anwesend war, sorgte dafür, dass von den Dokumenten des genannten Klosters authentische Abschriften angefertigt wurden, bevor man den Holländern die Originale auslieferte. Das gleiche Schicksal wie das Kloster Hoydonck hätte auch diese Abtei erlitten, wenn nicht Gott sich tiefer erbarmt und sie vor dem drohenden Untergang gerettet hätte. Als er nämlich seine gütigen Blicke auf diesen Ort richtete, im Vorausblick der Werke, die seine Gnade hier in Zukunft zum Heile vieler vollbringen würde, entschloß er sich, ihm (dem Kloster) einen Abt zu schenken, den er mit großem religiösen Eifer, Charakterfestigkeit, freundlichem Wesen, gefälligem Umgang, Geschick im Führen der Geschäfte, kurz: mit all den Gaben der Natur und der Gnade ausgestattet hatte, die zur Rettung dieses Klosters vor dem unabwendbar scheinenden Untergang notwendig waren. Gleich nach dem Tode des Abtes kamen also die Chorherren, nur wenig zahlreich, wie sie waren, zusammen und gleich nach ihrer Ankunft einigten sie sich auf die Person des Herrn Winand Lamberti, der damals in 's-Gravenhage (10) den Abt vertrat. Um dem Verbot der Wahl eines neuen Abtes, das sie von den Holländern erwarteten, zuvorzukommen, sandten sie unverzüglich den Klostersekretär mit den Wahlzetteln und was sonst noch erforderlich war, nach Den Haag, um ihn (Lamberti) über ihre Absicht zu informieren. Nachdem er (Lamberti) diese Nachricht erhalten hatte, war er zunächst bestürzt. Dann aber, sich dem göttlichen
1 Willen unterwerfend, fasste er Mut, verließ unverzüglich Den Haag mit einem Empfehlungsschreiben des Botschafters des katholischen Königs, De Brune (11), eilte über das dünne Eis mit dem Schlitten nach Brüssel, wo er 14 Tage nach Ableben seines Vorgängers ohne Schwierigkeiten von Erzherzog Leopold die Abtwürde/die Abtei erhielt. Mit der Ernennungsurkunde (denn auf eine feierlichere Übersendung in aller Form zu warten, wäre gefährlich gewesen) begab er sich eilends zum Kloster und nahm davon Besitz. Dann kehrte er zur Fortführung seiner Tätigkeit nach Den Haag zurück, wo er endlich die von Brüssel in aller Form übersandte Urkunde erhielt. Nachdem die Holländer vom Tod des Abtes gehört hatten, verboten sie den Chorherren seitens der Generalstaaten, zur Wahl eines neuen Abtes zu schreiten, da sie ganz und gar die Absicht hatten, das Kloster zu vernichten. Aber die Chorherren antworteten ihnen, die Angelegenheit sei nicht mehr offen und der katholische König habe ihnen vor kurzem schon einen neuen Oberen gegeben. (Anm.: Die Neuwahl eines Abtes verlief üblicherweise so, dass jeder der beim Generalkapitel anwesenden Chorherren mit einer ersten, einer zweiten und einer dritten Stimme drei Kandidaten in Vorschlag bringen konnte, wobei eine erste Stimme für drei, eine zweite für zwei und eine dritte für einen Punkt zählte. Diese Vorwahl wurde von zwei durch die Regierung in Brüssel be- zeichneten Kommissaren (einem geistlichen und einem weltlichen) über- wacht und das Resultat dem bevollmächtigten Minister übermittelt, der die Ernennungsurkunde ausstellte. In den südlichen Niederlanden waren die Ernennungen auf Bischofs- und Abtsitze ein Privileg des Landesherrn. Die Ernennungsurkunde las der so zum Abt Ernannte seinen Ordens- brüdern vor, die ihn daraufhin definitiv wählten. Der nächste Schritt führte den designierten Abt nach Lüttich zum dortigen Kathedralkapitel, dessen Mitglieder "nach dem lobenswerten Brauch dieser Diözese / Iuxta laudabilem huius Diocesis consuetudinem" dem Bischof die Bestätigung der stattgehabten Wahl empfohlen. Diese Bestätigung war meist nur eine Formsache, aber sie war notwendig, um aus des Bischofs Händen die Abtweihe zu erhalten. Bei der Abtwahl von Winand Lamberti, der damals erst 32 Jahre alt war, ist wegen der besonderen Lage und der Bedrohung durch die Holländer die übliche Prozedur nicht eingehalten worden). Doch lassen wir dem Chronisten weiter das Wort:
18 "Dann aber dachten die Beamten der Bataver, jetzt dürften sie nicht länger mehr warten. Sie nahmen dem Kloster ganz und gar die Verwaltung seiner Güter, verboten unseren Pächtern aufs strengste, die Pacht an däs Kloster zu zahlen und befahlen ihnen, dieselbe nur an Marcel Thiens, den von den Staaten eingesetzten Einnehmer, zu entrichten. ] & A nn E En 6 ME Pr | * Aa ft 7 nf A {9 | TE ME | Mm A er | 0.000088 Va + My WAL ma ‚4 0 DNER ‚Bu L PA UN E + * 7 A 7 S x LA x Die romanische Abteikirche von Rolduc ist von großem baugeschichtlichem Wert.
19 So musste Abt Winand sich ein ganzes Jahr mühen, um sich würdig zu zeigen, die Vollmacht über seine Güter bzw. die Verwaltung derselben zu erhalten. Und er hätte dies nie erreicht, wenn nicht die im Lande verübten ungerechten Veruntreuungen und Plünderungen der holländischen Beamten, die nicht die Interessen der Staaten, sondern nur ihre eigenen im Auge hatten, die Abgeordneten der Staaten von Holland und Westfriesland dem Abt gegenüber günstig gestimmt hätten. Die sechs übrigen Staaten der Föderierten hatten die Aufhebung des Klosters und die Beschlagnahme aller seiner Güter beschlossen, doch als die Deputierten der Provinzen Holland und Westfriesland aus verschiedenen Briefen des Abtes, die er an einen "Agenten" der Provinz Limburg mit Namen Ceulenborch gerichtet hatte, vernahmen, welche Ungerechtigkeiten Marcel Thiens und andere Beamten der Staaten begingen, welche Gaben und Geschenke sie von den Einwohnern des Landes erpressten etc., befahlen sie, den "Agenten" Ceulenborch quasi als mitschuldig gefangen zu nehmen, und, um umso heimlicher und sicherer die Wahrheit herauszufinden, luden sie Abt Winand sozusagen als "delicti complicem" (Mitwisser des Vergehens), nach Den Haag und sie versprachen ihm in der Zwischenzeit schriftlich jede Sicherheit. Der Abt also, in dem Wissen, dass es nicht das erste Mal gewesen wäre, dass die Holländer ein gegebenes Versprechen nicht halten würden, wandte sich zuerst an den erlauchtesten Kurfürsten von Köln, Maximilian, um dessen "Ehrenberater" zu werden. Nachdem er sich eine Ernennungs- urkunde und sicheres Geleit hatte geben lassen, benutzte er diesen Titel dieses Mal und in der Folge immer, wenn er sich nach Holland begeben musste. In Den Haag angekommen, wurde er vom Bürgermeister von Amster- dam und den anderen Deputierten wohlwollend empfangen, und obwohl er schon aus einem Gespräch mit Ceulenborch den Grund seiner Vorladung kannte, fragte er doch danach. Sie verlangten, er solle ihnen versprechen, auf alle Fragen wahrheitsgemäß zu antworten. Er versprach, es zu tun, So weit es mit seinem Gewissen zu vereinbaren sei, unter der Bedingung jedoch, dass sie ihrerseits ihm versprächen, dahingehend zu handeln, dass er die ungehinderte Verwaltung seiner Güter erlange. Diese Bedingung wurde von ihnen angenommen und zugesagt. Als sie dann aber selbst Fragen zur Verwaltung und dem Vorgehen der holländischen Beamten vorbrachten, antwortete er auf alle einzelnen Punkte in solcher Freiheit, Ehrlichkeit und zu solcher Zufriedenheit al- ler Anwesenden, dass sie ihm beim Weggang das gemachte Versprechen,
20 ihm die Verwaltung seiner Güter zurückzugeben, bestätigten. Nach ein paar Tagen erhielt er sie schließlich über den Bürgermeister von Amster- dam, Bickel, jedoch nicht ohne schwere Belastung: Von nun an war er verpflichtet, aus dem Klosterbesitz jährlich 800 Reichstaler für den Unterhalt der ketzerischen Prediger zu zahlen. Dieses geschah gegen Ende Dezember 1651. Ins Kloster zurückgekehrt, ließ er am 1. Tag des Jahres 1652, am Tage der Beschneidung des Herrn, dem Drossard der Holländer, Ittersum, und dem Einnehmer Marcel Thiens, die ganz besonders auf die Güter der Abtei gierig waren und in Holland auf deren Beschlagnahmung drängten, als Neujahrsgeschenk den Entscheid der Staaten zugehen, der sie zwang, dem Abt gegen die genannte Zahlung von 800 Reichstalern die freie Verwaltung seiner Güter und Herrschaften zu überlassen. Wegen dieser Sache, wie auch vor allem, weil er vor den konföderierten Staaten ihre Schlechtigkeit aufgedeckt hatte, hatte der Abt den vorgenann- ten Marcel Thiens und andere Beamten von nun an ständig als Erzfeinde; nicht nur, dass sie sehr häufig, wo sie es nur konnten, die holländischen Staaten gegen ihn aufwiegelten, sondern sie begingen sogar einen An- schlag auf sein Leben. Als er nämlich eines Tages in Begleitung einiger Leibwächter durch den Aachener Wald unterwegs war, schoss ein gewisser Johannes Bouschet, der sich im Gebüsch versteckt hatte, auf den Abt. Der Schuss verfehlte jedoch sein Ziel. Die Begleiter des Abtes nahmen ihn fest, und zuerst leugnete er das Verbrechen und behauptete, er habe auf einen kleinen Vogel geschossen. Nachdem man ihn aber ins Aachener Gefängnis gebracht und ihm im Falle eines Geständnisses Straffreiheit zugesichert hatte, gab er zu, von gewissen Häretikern, deren Namen zu nennen nicht nötig ist, durch eine (versprochene) Belohnung zur Durchführung des Verbrechens gedungen worden zu sein: Sie hätten ihm einen neuen Rock und darüber hinaus ein Summe Geldes versprochen. Aus dem Grunde wäre er zum Tode verurteilt worden, wenn nicht der Abt für den Mörder um Gnade gebeten und ihm das Leben erhalten hätte. Durch richterliches Urteil wurde der Mann jedoch des Landes verwiesen. Im Haag vertrat inzwischen Herr de Brune, Botschafter Sr. Katholischen Majestät, für den König von Spanien die Sache der Länder jenseits der Maas. Abt Winand aber gab ihm so geschickt alle Anweisungen und alles, was er brauchte, um den Prozess vor der "Camera bipartita” der Richter bestmöglich zu führen, dass der Botschafter seinen Ratschlägen und seinen Überlegungen meist folgte und in dieser Angelegenheit kaum etwas unternahm, ohne den Abt um Rat zu fragen.
22 kläglichste zerrissen durch die Begierde (studia) zweier Herren, die sich um sie stritten und gleicherweise von ihnen die Hoheitsrechte verlangten (Anm.: d. h. beide erhoben Steuern). 1653 erhörte der katholische König gütigst die Bitten des Abtes Winand und als Ausgleich so vieler Mühen, Unkosten und Verluste, die er im Dienst Sr. Majestät und um deren Hoheitsrechte zu wahren, auf sich genommen hatte, schenkte er ihm 3.000 Reichstaler, die von dem Limburgischen Schöffen Wilhelm Bonaerts zu zahlen waren. Dieses Geschenk war jedoch nicht nur von keinem Nutzen, es war sogar sehr schädlich. Wie es sich damit verhielt, wird das Folgende zeigen. 1648 hatte der Abt Caspar Duckweiler von demselben Wilhelm Bonaerts 3000 Reichstaler gegen jährlich zu zahlende Zinsen ausgeliehen. Darüber wurden zwei handschriftliche Schuldscheine angefertigt, von denen der eine besagte, der Abt habe schon 1641 6000 Reichstaler geliehen (wohl aus dem Grunde, um sich die Freiheit zu bewahren, unter der Herrschaft der Holländer, wenn es nötig sein sollte, Geld zu leihen ohne Gefahr für sich oder die Geldgeber). In dem anderen erklärte der Abt, wie es sich wirklich verhielt, er habe nur 3000 Taler erhalten und Wilhelm Bonaerts erklärte per Reversbrief, er habe nur 3000 Reichstaler geliehen. Der Vater dieses Wilhelm Bonaerts war bis zum Jahre 1636 in Jülich, das damals dem spanischen König gehörte, als Steuereinnehmer tätig gewesen und war bei seinem Tode dem König mehr als 30.000 Reichstaler schuldig geblieben. Aus diesem Grunde hatte der katholische König im Jahre 1652 die genannten 3.000 Taler, die der Sohn dem Abt geliehen hatte, bei diesem beschlagnahmt, bis dass Wilhelm Bonaerts, als Erbe der Güter und der Schulden seines Vaters, Letztere bezahlt hätte. Trotz dieser Beschlagnahme drängte Wilhelm Bonaerts den Abt, entweder die Zinsen zu zahlen oder das Kapital zurückzugeben. Aber der Abt erhielt vom König, wie oben gesagt, ein Geschenk von 3000 3 Reichstalern zu Lasten des Wilhelm Bonaerts und von dessen Vaters Schulden dem König gegenüber abziehbar. Aber Wilhelm Bonaerts sagte, er habe das Erbe seines Vaters nicht angetreten und er sei nicht verpflichtet, dessen Schulden zu übernehmen. So kam es zu einem bis 1656 dauernden Prozess, aus dem der Abt zwar als Sieger hervorging, der aber dem Kloster einen viel größeren Schaden zufügte, als wenn die Angelegenheit fallen gelassen worden wäre ... Als dieser Abt (Lamberti) Ordensoberer wurde, blieben kaum drei oder vier Chorherren im Kloster übrig. So wünschte er, einige neue
2) aufzunehmen; aber die Holländer verboten dies sehr streng, und es war unmöglich, durch Vermittlung irgendeiner einflussreichen Persönlichkeit die Genehmigung zur Einkleidung zu erlangen. Trotzdem kleidete der Abt um 1652 und 1653 und danach einige (Anwärter) im Geheimen ein und ließ sie zur Ablegung der Gelübde zu. Das Jahr 1656 war für das Kloster allseits verhängnisvoll: Zuerst brannte das Refugium von Klosterrath in Aachen, beim großen Stadtbrand am 2. Mai, nieder und damit verbrannten auch zwei rechteckige, mit konvexem Deckel versehene Kisten, in denen sich die meisten der alten Klosterdokumente befanden, wie es Leonard Merckelbach in einer darüber angefertigten Aussage bezeugt. Er war zu jener Zeit Sekretär des Klosters und nicht lange vorher hatte er acht Tage zusammen mit dem Abt bei der Durchsicht und der Klassierung dieser Urkunden verbracht. Nur mit Mühe wurde eine Kiste, die gewisse Originalurkunden enthielt, dem Feuer entrissen. Im selben Jahre, im Monat Juni, fand der Prozess gegen Wilhelm Bonaerts statt, der durch Richterspruch dazu verurteilt wurde, die Schulden seines Vaters zu bezahlen und folglich auf die 3000 Reichstaler, die er dem Kloster geliehen hatte, zu verzichten. Aber diese Sache brachte die Abtei in äußerste Gefahr. Denn Bonaerts zog sich drohend nach Maastricht unter den Schutz der Holländer zurück; dann überließ er den Schuldschein, den er vom Abt hatte, zum Schein einem gewissen Johann Jorissen, in dessen Namen er in den Haag vor dem Rat von Holländisch- Brabant einen Prozess gegen das Kloster anstrengte. Die Richter, ganz darauf aus, das Kloster bis auf den Grund auszulöschen, hörten dieses nicht an, und Bonaerts erhielt ohne Schwierigkeiten die Erlaubnis zur Zwangsvollstreckung. So zwang er den Abt durch holländische Gerichtsvollzieher zur Zahlung von Zinsen und Kapital, was zuzüglich von 200 Reichstalern, die der Abt nie von ihm bekommen hatte, eine Summe von 4.400 Reichstalern ergab. Diese ganze Summe musste auf den Namen von Freunden geliehen werden, denn die Holländer erlaubten der Abtei nicht, in eigenem Namen irgendwelches Geld zu leihen. So kam es, dass der Herr von Obsinnich 4.000 Reichstaler gegen Ausstellung von Schuldbriefen auf die Namen der Herren Pelser, Quoitbach und Bongaert, Freunde des Abtes, zahlte. Der Rest wurde von anderswoher geliehen. Die Hälfte der vorgenannten 4000 Reichstaler zahlte Abt Amezaga zurück, die andere Hälfte Abt Petrus von der Steghe. Dies sind (jedoch) nur kleine Unglücksfälle im Vergleich zu den folgenden, die aus dieser Schenkung des Königs von 3000 Reichstalern
24 erwuchsen. Der vorgenannte Bonaerts hatte den Bittbrief des Abtes, den dieser geschrieben hatte, um das königliche Geschenk zu erhalten, in die Hände bekommen. Darin zählte der Abt all die Mühen auf, die er auf sich genommen hatte, um die Hoheitsrechte des Königs zu wahren, auch die Summen Geldes, die er gegen Zinsen für des Königs Dienste hatte aufnehmen müssen, und er behauptete ohne zu prahlen, ihm vor allem sei es zu verdanken, wenn er (der König) noch nicht vollkommen aus den Ländern jenseits der Maas vertrieben sei. Diesen Brief zeigte Wilhelm Bonaerts den holländischen Staaten, die darin genügend Grund zu finden glaubten, gegen den Abt ein Strafver- fahren wie gegen einen Landesverräter und Kriegsfeind anzustrengen. Es war dies ein leerer, (fadenscheiniger) gesuchter Vorwand, um auf ” jede mögliche Weise zur Auflösung des Klosters zu kommen. Im Jahr zuvor hatten sie nämlich erneut ein Edikt erlassen, das alle Geistlichen, Ordensleute und alle anderen verpflichtete, die Titel und Dokumente al- ler kirchlichen Güter herauszugeben und sie den Beamten der holländischen Staaten zu überreichen. Dies war der Hauptgrund gewesen, die Archive nach Aachen zu transferieren, wo in einem unersetzlichen Schaden viele wunderschöne Dokumente, wie oben gesagt, im Stadtbrand vernichtet wurden. So befahl man also dem Drossard Ittersum, den Abt durch eine bewaffnete Truppe ergreifen und in die Burg Rode überführen zu lassen. Der Drossard, dem gefälligen Abt gegenüber auch selber gefällig, ließ ihn am St. Nikolaustag des Jahres 1656 bitten, doch zum Mittagessen sein Gast sein zu wollen. Obschon der Abt, wie in einer Vorahnung, irgendein Unheil auf sich zukommen sah, ging er doch um die Mittagsstunde hin. Der Drossard empfing ihn freundlich und drängte ihn, bis zum Abendessen zu bleiben. Nach dem Abendessen jedoch merkte der Abt, dass er nicht der Gast, sondern der Gefangene des Drossards war. Er wurde nämlich dort eingesperrt und ganze zehn Monate und genau so viele Tage unter strengster Bewachung gefangen gehalten. In der Zwischenzeit begann der Prozess gegen ihn; er wurde angeklagt, ein Feind und Verräter der Republik zu sein, man erklärte ihn aller Rechte auf sein Amt verlustig, alle Güter des Klosters wurden dem Staatsschatz zugesprochen und der Abt selber zum Exil verurteilt. Folglich wurden heimlich holländische Soldaten geschickt, die in der Dämmerung in das Kloster eindrangen und es ganze sechs Monate angeblich als Schutztruppe besetzten.
25 In der Zwischenzeit versuchten sie durch Drohungen, Schmeicheleien und Versprechungen mal vom Abt, mal von den Klosterherren die Rechtstitel des Klosters und die Zustimmung zu dessen Auflösung zu bekommen; sie versprachen dem Abt eine großzügige Rente in der Höhe des Einkommens eines Kathedral-Kanonikers, den einzelnen Ordensleuten aber jährlich 100 Dukaten, wenn sie auf ihr Recht verzichten wollten. Der Abt blieb fester als ein Felsen und schwor, er werde eher jede Art von Tod sterben, als auch nur das Geringste tun, was zum Nachteil des Königs und des Klosters ausgehen könnte. Unter den Ordensleuten gab es welche, die schwankten und nahe dran waren, die Rente anzunehmen. Als der Abt davon hörte, seufzte er tief, und da man ihm jede Möglichkleit genommen hatte, sich schriftlich an sie zu richten, schrieb er, um sie in ihrem Widerstand zu bestärken, auf der Innenseite des Deckels des Kruges, in dem man ihm vom Kloster zu trinken brachte: "Verfluchte Rente". Durch diese Worte wurden die Gemüter der Schwankenden bestärkt und den Holländern gelang es nicht, etwas von ihnen zu bekommen. So verhielt es sich also und die Beamten der Holländer machten sich schon feste Hoffnungen, sich des Klosters bemächtigen zu können. Sie teilten schon die Beute unter sich auf, gingen hin und her über die Klostergüter, hatten in wunderbarer Weise Gefallen am Charme des Ortes und malten sich aus, welche Gebäude sie zu ihrer Lust errichten, welche Gärten und Obstgärten sie anlegen, wie sie das Kloster durch eine Brücke mit der Burg verbinden und daraus ein Paradies der Lust machen würden. Inzwischen führte der Abt den Rechtsstreit so gut er konnte schriftlich sowohl in Den Haag wie in Brüssel. Als die Holländer das merkten, verboten sie auf das strengste, irgend jemand Zutritt zum Abt zu gewähren; niemand durfte Briefe des Abtes zu anderen oder Briefe von anderen zum Abt bringen. So wollten sie ihm jede Möglichkeit der Verteidigung nehmen. Um jedoch zu verhindern, dass Papier und Tinte geschickt würden, durchsuchten sie genauestens alle Kleidungsstücke, die dem Abt zum Kleiderwechseln gebracht wurden. Trotz dieser Wachsamkeit öffnete sich der Abt durch Gold einen Weg, um Briefe zu erhalten, solche zu schreiben und hin und her zu schicken: Natalis Bombaye, damals Kammerdiener des Drossards Ittersum, war nämlich dem Abt treuer ergeben als seinem Herrn. Wenn dieser nun
26 schlief, übergab Nat. Bombaye dem Abt nicht nur Papier und Tinte, sondern er verriet ihm auch den Inhalt der aus Holland an Ittersum gegen den Abt gerichteten Briefe oder er nahm sogar heimlich die Briefe aus der Tasche des Schlafenden und gab sie dem Abt zum Lesen. So kam es, dass die Replikschreiben und Auskünfte des Abtes schneller in,Den Haag waren, als die Antwortschreiben des Drossards, und die Holländer wunderten sich, dass trotz all ihrer Wachsamkeit die Briefe des Abtes in alle Richtungen gingen. Man kann nicht leugnen, dass der genannte Natalis Bombaye in jener Zeit und solange dieser Streit um die drei Länder andauerte, dem Abt sehr nützliche und treue Dienste geleistet und sehr zum Erhalt des Klosters beigetragen hat. Der Herr möge ihn dafür belohnen, auch wenn er nach’ dem Tode des Abtes Winand eine Kehrtwende vollzogen und dem Kloster sehr viele Unannehmlichkeiten bereitet hat. Zur gleichen Zeit, als Abt Winand auf der Burg gefangen gehalten wurde, erfasste eine unzüchtige Liebe zur Tochter des Kochs ein junges Ordensmitglied, schon Diakon, einen Wallonen aus dem Lande von Vise, mit Namen Laurent de Borre. Da beide dieselbe Sprache sprachen, hatte er sich sehr häufig in der Küche mit dem Koch unterhalten und mit ihm getrunken. Die Liebe hatte seine Sinne moralisch so verkommen lassen, dass der Unglückliche nach Maastricht floh und dort ketzerische Geistliche um die Eheschließung bat. Zufällig war damals Natalis Bombaye in Begleitung seines Herrn, Ittersum, in Maastricht, er traf unseren Mann in Begleitung seiner (unverschämten) Hure und er fand, dass die sündhafte Liebe zu ihr ihm so sehr den Verstand geraubt hatte, dass er sich von seinem frevelhaften Vorhaben nicht abbringen ließ. Der genannte Bombaye hatte jedoch eine kluge Überlegung: Er ließ sogleich die Eltern und nahen Verwandten des verführten jungen Man- nes herbeirufen, damit diese bei den Predigern wegen der Minderjährigkeit der zu Trauenden protestierten (in diesem Falle dürfen sie gegen den Willen und ohne die Zustimmung der Eltern keine Trauung vornehmen). So schnell wie möglich kamen sie nach Maastricht und taten wie verlangt. Die Trauung wurde nicht vollzogen und Laurentius, wieder zu sich gekommen und die Augen öffnend, erkannte, in welch tiefe Grube er kopfüber gestürzt war. Darauf weinte er und bereute seine Tat, verließ die Dirne und kehrte mit seinen Eltern nach Vise zurück. Dort blieb er einige Zeit, bat durch zahlreiche Briefe und auch durch Freunde den Abt flehentlich um Verzeihung und um die Erlaubnis, ins
27 Kloster zurückzukehren. Der Abt befahl, ihn nach Aachen zu den Alexianern zu führen. Dort blieb er etwa 2 Jahre eingeschlossen und tat Buße. Dann endlich ließ man ihn frei, aber er wurde nie mehr zum Klosterleben zugelassen oder den Mitbrüdern zugesellt. Der Abt erlaubte ihm, bei seinen Angehörigen zu bleiben; schließlich erhielt er sogar die Erlaubnis zur Priesterweihe und ein Benefiz bei Tongern. Dort führte er bis 1673 ein einfaches Leben und starb, wie man sagt, eines christlichen Todes. Der Abt wurde also auf Burg Rode gefangen gehalten und konnte nicht freikommen. Mal gab man vor, die Richter, die ihn verurteilt hatten, seien nicht zuständig, mal hieß es, es sei wegen des schwebenden Verfahrens vor der "Camera bipartita"; solange dieses dauere, sei es nicht erlaubt, etwas zu unternehmen. Also dachten Freunde, es sei nützlich, dass die Spanier zu Repressalien oder Vergeltungsmaßnahmen greifen oder dass sie sogar selber einige Prediger oder holländische Beamten festnehmen, um so die Holländer zu zwingen, dem Abt die Freiheit zurückzugeben. Folglich drang eine ziemlich starke Truppe von Spaniern in die Burg Rode ein. Aber die Soldaten hatten es mehr auf Beute als auf die Festnahme von Beamten oder Predigern abgesehen, und sie taten nichts, was zur ehrenvollen Befreiung des Abtes beigetragen hätte. Dieser wollte selber auch nicht auf diesem Wege befreit werden oder überhaupt heimlich fliehen; er wollte ehrenvoll wieder in seine Rechte eingesetzt werden, was auch dank der Intervention Stephans de Gamarra, des spanischen Botschafters in Holland, und auch mit Geld schließlich nach 10 Monaten und ebenso vielen Tagen am 16. Oktober 1657 gelang. Holländische Offiziere ("officiarii") gaben dem Abt das Ehrengeleit bis zum Kloster. In der Zwischenzeit blieb die Hauptstreitfrage der drei Länder jenseits der Maas ungewiss und unentschieden und von einem Ausgang in die eine oder die andere Richtung hing das Überleben oder das Verschwinden der Abtei ab. Obschon alles eher einen schlimmen als einen guten Ausgang der Dinge voraussagte, hoffte der Abt doch gegen alle Hoffnung und inmitten so vieler Gefahren behielt er die gewohnte Zuversicht. Mehr noch: Im Jahre nach seiner Gefangenschaft, d. h. 1656, ließ er alle Scheunen des Klosters von Grund auf neuerrichten, so wie sie noch heute zu sehen sind; er vollendete diese Arbeit mit unerhörter Schnelligkeit und zeigte so, dass er seine Feinde nicht fürchtete. Dabei beließ er es nicht; 1660 und 1661 baute er auch unser 1656 in Aachen abgebranntes Refugium (in der Eilfschornsteinstraße, Anm. d.
28 R.) in überaus solider Bauweise wieder auf, nachdem er zuvor, am 20. und 31. Juli 1660, ein an den Klosterbesitz grenzendes Grundstück erworben und vom Magistrat der Stadt Aachen die Amortisation und die Immunität erhalten hatte. Er erhielt auch zum Geschenk vom Rat den Winkel, der sich vor dem Haus von Rode vom Ende der Mauer an, die das "Löwenstein" genannte Haus umschließt, aufwärts ausdehnt. Von dieser Schenkung bestehen Urkunden vom 19. November 1663. Lange hatte man vergebens vor den Richtern der "camera bipartita" um die Herrschaft über die Länder jenseits der Maas gestritten; wegen der unzähligen Winkelzüge der Holländer, die kein Interesse daran hatten, dass der Prozess ein Ende nahm, und wegen der zusätzlichen Streitpunkte, die von hier und dort aufkamen, bestand kaum Hoffnung, dass er einmal beendet würde. Schließlich beschlossen die beiden Parteien, wenn möglich durch eine freundschaftliche Einigung den Streit zu beenden. Und letztendlich kam man auch 1658 auf beiden Seiten zu dem Entschluss, dass der König von Spanien und die holländischen Staaten die drei Län- der jenseits der Maas zu gleichen Teilen unter sich aufteilen sollten. Nachdem man dieses so beschlossen hatte, wurden alle die Länder abgeschätzt und so gut wie möglich in gleiche Teile aufgeteilt; nach vielen Verhandlungen beschloss man jedoch, das Los darüber bestimmen zu lassen, wer welchen Teil bekommen würde. 1661 also, am 9. März, fiel den Holländern durch Losentscheid die Stadt Rode mit den zur Immunität und Jurisdiktion der Stadt gehörenden Ländereien zu, ebenso der gesamte Distrikt Kirchrath. So schien die Lage des Klosters gänzlich hoffnungslos. Plötzlich spürte die Abtei, welchen Herren sie zur Beute geworden war, denn im selben Sommer kamen holländische Soldaten, aus Maastricht geschickt, die die Pferde, Kühe, Schafe und alles Kleinvieh des Klosters raubten und für 1.400 Gulden verkauften. Zudem fuhren sie alles Getreide von den Feldern des Klosters nach Kirchrath, wo sie es ausdroschen, und der Abtei ließen sie ganz und gar nichts übrig. Bei alledem blieb der Mut des Abtes jedoch ungebrochen. In allem fand er die Unterstützung des Statthalters der Burg Gent und Gesandten des Königs in Holland, Stephan de Gamarra, eines großen Freundes des Abtes; da auch der Statthalter in Belgien ihm günstig gesinnt war, wurde die Sache erneut einem Vergleich zu Gunsten des Klosters von Rode unterworfen. Vergebens erhoben die Bewohner der geteilten Gebiete Einwände, leisteten Widerstand, setzten Freunde und Geld ein und boten große Summen an, damit sie unter der Herrschaft des Königs bleiben
29 könnten: Dem Eifer, der Weisheit, dem Rat, den unendlichen Mühen, Gefahren, Reisen und Anstrengungen des Abtes Winand ist es zuzuschreiben, dass Rode mit den Herrschaften, unter denen sich Güter des Klosters befinden, sowie andere angrenzende Orte dem katholischen König zufielen, während die Holländer ein etwas größeres Territorium erhielten. So kam es, dass Abt Winand bei den Einwohnern der an Holland gefallenen Gebiete Feindschaft und böse Nachrede auf sich zog, bei den Untertanen des Königs jedoch ewiges Andenken und Lob erntete; man muss ihn wirklich einen "pater patriae", (= Vater des Vaterlandes), einen Befreier der katholischen Religion in diesen Gebieten und den Retter des Klosters Rode nennen. Diese Einigung zwischen den Kommissaren der beiden Parteien kam 1661 zustande, am 26. Dezember, die Ratifikation seitens des Königs und der Staaten sollte innerhalb vier Monaten folgen. Aber die königliche Genehmigung wurde bis November 1662 hinausgeschoben; diese Verzögerung ließ den Abt nicht ruhig sein, da die Holländer bei fehlender Ratifizierung die erste Teilung beibehalten wollten und zwischenzeitlich die üblichen Steuern weiter forderten. Endlich jedoch, am 18. Oktober (1662), bestätigte der König per Urkunde die Teilung, die im Juni 1663 im ganzen Lande bekannt gemacht wurde. Daraufhin gingen ihm unzählige Glückwünsche zu, beifällige Zurufe; in Prosa, in Versen und in Briefen kamen von allerorts Lobpreisungen, doch nicht so viele, wie er verdient hatte. Sogar der hl. Vater, dessen enger Freund er gewesen war, als dieser in Aachen apostolischer Gesandter war, belohnte seine Verdienste mit der Erlaubnis, die Mitra zu tragen, die bis dahin keiner der Äbte getragen hatte (12). Die Schäden, die dem Kloster von 1648 bis 1662 durch die Holländer zugefügt worden waren, wurden auf eine Summe von etwa 25 oder 30.000 Reichstalern geschätzt. Davon bleibt jedoch gegen Ende dieses Jahrhunderts, wo dieses niedergeschrieben wird, dank Gottes Gunst nichts mehr zu zahlen. Das Kloster erfreute sich also eines vollkommenen Friedens, alle Güter waren ihm zurückgegeben worden, mit den Holländern hatte man sich geeinigt, sogar mit den Franzosen, die ebenfalls Unruhe in das Land gebracht hatten, und die einst dem Abt aufgelauert hatten, um ihn als Gefangenen wegzuführen, sogar mit den Franzosen, sagte ich, hatte man 1660 in den Pyrenäen Frieden geschlossen.
30 Zur vollständigen Wiederherstellung des Klosters fehlte nur noch, dass die Ordensmitglieder im Kloster mehr nach der Ordensregel und gottesfürchtiger lebten. Als der Abt nicht lange nach dem errungenen Sieg seinen Konfratres dies eines Tages bei Tisch vorschlug und hinzufügte, da Gott das Kloster vom unmittelbaren Untergang zu retten und ihm die Ruhe wiederzugeben geruht habe, sei es gerecht, dass auch sie sich einer solchen Wohltat nicht undankbar zeigten und in Zukunft sorgfältiger so lebten, wie es sich für gute Ordensleute geziemt, entgegnete einer, er wolle so bleiben, wie bisher, d. h. nach den alten Gewohnheiten weiterleben. Diese Antwort erboste den Abt, er warf Tischserviette und Messer hin und stand erzürnt vom Tisch auf ...(13) Diesen Abt hatte Gott gewiss zum Erhalt und zur Wiederherstellung ” des Tierischen oder Zeitlichen gegeben; nicht lange danach sollte er ihm einen Nachfolger geben, um auch das geistige Leben wieder zu erneuern. Abt Winand fuhr also bis zu seinem Lebensende fort, die klösterlichen Angelegenheiten mit großer Hingabe zu verwalten. Und da das Geschenk von 3000 Reichstalern, von dem wir oben gesprochen haben, der Abtei nicht nur von keinem Nutzen, sondern sogar äußerst schädlich gewesen war, hörte er, solange er lebte, nicht auf, den katholischen König zu bitten, er möge als Ausgleich für so viele in seinem Dienste erlittene Schäden der Abtei etwas anderes Gleichwertiges oder Wertvolleres zu schenken geruhen. Es bestand nämlich keine Hoffnung, von Johann Wilhelm Bonaerts etwas zurückzubekommen ... Deshalb drängte der Abt den König, den Herzogsweiher hinter Rode, die dem König jährlich gezahlte Pacht der Klostermühle und die Herrschaft Kirchrath der Abtei zum erblichen Eigentum zu überlassen. Doch bis hierhin mit keinem anderen Resultat, als dass diese Art von Bitten dazu beitrug, den Herrn Spies, der gemeinsam mit dem Herrn Trips und dem Abt die Herrschaft Kirchrath besaß, gegen diesen aufzubringen. Gegen Ende des Lebens des Abtes Lamberti, d. h. etwa 1663, löste er zusammen mit dem Schultheißen von Kirchrath, Heinr. Poyck dem Älteren, stürmische Unruhen fanatischer Kirchrather aus, über die wir unter Abt Amezaga berichten werden. Im Jahre 1664, als die Kräfte des Abtes schon nachließen, begannen fanatische Einwohner von Kirchrath zu überlegen und darauf hinzuwirken, der Abtei und dem Herrn Trips die Herrschaft über die Stadt zu entreißen und sie für sich zu fordern; diese Sorge soll nicht wenig zum Tod des Abtes beigetragen haben.
31 Im selben Jahre gab der Abt dem Drossard Trips die Genehmigung, im Namen des Königs die Herrschaft Merkstein aufzulösen und sie mit der Herrschaft und Immunität der Burg Rode zu vereinigen; die 15 Jahre waren nämlich schon vergangen, nach denen, wie oben unter Abt Duckweiler gesagt, die Einwohner von Merkstein unabhängig werden sollten; dennoch hatten sie der Abtei die Herrschaft durch Rückzahlung der 5.600 Florins noch nicht bezahlt. Diese Sache gefiel den Einwohnern ganz und gar nicht; sie argumentierten, es seien noch keine 15 Jahre vergangen, da es der Abtei unter den Holländern nicht möglich gewesen sei, in Frieden den Nießbrauch über die Herrschaft (Merkstein) zu besitzen. In der Zwischenzeit verbot der Drossard dem Schultheißen und den Schöffen von Merkstein, weiterhin Recht zu sprechen; er wollte, dass, nach Auflösung dieses Gerichtes, alle Angelegenheiten in Rode verhandelt würden. Das war der Grund, dass die Einwohner von Merkstein 1666 für sich selber gegen eine Summe von 38.000 Brabanter Gulden das Recht erkaufen mussten, durch einen eigenen Schultheißen und eigene Schöffen Recht zu sprechen. Im Jahre 1664 wurde Abt Winand Lamberti von der Schwindsucht dahin gerafft. Schon lange hatte er unter einer schwachen Gesundheit gelitten, die durch die ständigen Sorgen, die Mühen, die schlaflosen Nächte und den Kummer angegriffen war. Von Natur war er zum Scherzen aufgelegt; als er im letzten Stadium seiner Krankheit seinen Schleim oder richtiger: seine Lungen aushustete, pflegte er nach dem Anfall zu sagen: "Da ist wieder ein Unruhestifter", wodurch er anzeigte, dass die Tumulte in Kirchrath zur Verschlimmerung seiner Krankheit beigetragen hatten. Er starb endlich fromm, am 6. Mai, in Aachen, im Kloster Mariental, versehen mit allen Sakramenten (14). Er war ein Mann, der in seinem Leben geistig nicht weniger als körperlich hervorragte, außergewöhnlich gebildet in Theologie und Rechtswissenschaft, voll guter Absichten, angenehm im Umgang, ernst in seiner Lebensart, überlegt in seinen Ratschlägen, geschickt in der Ausübung der Geschäfte, leidenschaftlich und heftig; bei Untergebenen und Gleichgestellten hatte er Autorität, bei Fürsten und Vorgesetzten genoss er ein ungewöhnliches und seltenes Ansehen. Seine Untergebenen liebten, seine Gegner fürchteten ihn; außer der Landessprache beherrschte er nahezu perfekt Latein, Französisch und Spanisch; mit einem Wort, er war geboren, um wichtige Angelegenheiten zu verhandeln und Gott hatte ihn dazu außergewöhnlich begnadet. Alle,
die in Zukunft in diesem Kloster seelische und körperliche San erhalten, müssen aus Dankbarkeit seiner Seele Gutes wünschen. Er wurde beerdigt in dieser Kirche, in der St. Nikolaus-Kapelle, vor dem Altar; 35 Jahre später ließ Abt Johannes ein Grabmal mit folgender Inschrift anfertigen: HIC JACET REVERENDISSIMUS AC AMPLISSIMUS DOMINUS WINANDUS LAMBERTI XXXIET PRIMUS MITRATUS HUJUS MONASTERII ABBAS QUI TURBULENTISSIMIS BELLORUM TEMPORIBUS INNUMERIS ITINERUM PERICULIS INCARCERATIONIBUS BONORUM JACTURA SANITATIS ET VITAE DISPENDIO RELIGIONI ET REGI HOC MONASTERIUM CONSERVAVIT ET, BIS QVARTO IDVS MAIAS LETO CESSIT. REQUIESCAT IN PACE
34 ZU DEUTSCH: HIER RUHT DER HOCHWÜRDIGSTE UND HOCHANGESEHENE HERR WINAND LAMBERTI 31. ABT DIESES KLOSTERS DER ERSTE, DER DIE MITRA TRUG. IN DEN TURBULENTEN KRIEGSZEITEN HAT ER DURCH UNZÄHLIGE GEFAHREN DER REISE, GEFANGENSCHAFT, VERLUST SEINER GÜTER, UNTER EINSATZ SEINER GESUNDHEIT UND SEINES LEBENS ' DER RELIGION UND DEM KÖNIG DIESES KLOSTER UND DAS VATERLAND ERHALTEN UND IST GESTORBEN AM 6. MAI 1664 ER RUHE IN FRIEDEN Anmerkungen 1) Die Augustiner-Chorherrenabtei Rolduc, auch Kloosterrade bzw. Klosterrath genannt, wurde 1104 gegründet, die Krypta 1108 eingeweiht. Die Geistlichen der Abtei von Rolduc waren Regulargeistliche, d. h., dass sie nach einer bestimmten Regel in ordensähnlicher Gemeinschaft lebten. Regularkanoniker nahmen eine Zwischenstellung zwischen Weltklerus und benediktinischem Mönchtum ein, da sie das Leben in klösterlicher Gemeinschaft mit dem Seelsorgedienst in den Pfarren zu verbinden suchten. Die Abtei Rolduc hat über viele Jahrhunderte das religiöse Leben in vielen Pfarreien des Herzogtums Limburg und der Länder "jenseits der Maas" durch das Vorschlagsrecht bei der Pfarrstellenbesetzung geprägt. Go€, Baelen, Limburg-Stadt und Eupen seien hier genannt. Drei adlige Damenstifte hingen von Rolduc ab: Sinnich bei Teuven, Ho(y)donk (nördlich Eindhoven) und Marienthal im Rheinland. 2) Die "Annales Rodenses" wurden erst 1852 veröffentlicht, nach dem Manuskript von Simon-Pierre Ernst, selber Regular-Chorherr in Rolduc und langjähriger Pfarrer von Afden, geb. in Nieder-Aubel auf dem Hof Bruynenmorgen am 2.8.1744, gest. in Afden am 11.12.1817. Ernst ist der Autor einer breit angelegten "Histoire du Limbourg", deren sieben Bände — der siebte enthält die "Annales Rodenses” des 12. Jahrhunderts und die von Nikolaus Heyendal verfasste Fortsetzung derselben — zwischen 1837 und 1852 in Lüttich (Vlg. Redout€) durch den an der dortigen Universität tätigen Professor Edouard Lavalleye herausgegeben wurden.
35 3) Die Einnahme der Feste Limburg fällt in den sog. Maasfeldzug von Frederik Hendrik (1584-1647, Prinz von Oranien), dessen ursprüngliches Ziel Antwerpen gewesen war. Auf ihrem Zug eroberten die "Holländer" im Juni 1632 Venlo, Stralen, Roermond, Maaseik, Weert und Sittard. Maastricht kapitulierte am 22. August, Limburg wurde von dem Reitergeneral Stakenbroek am 8. September 1632 eingenommen. Dann fielen auch Dalhem, Valkenburg und Herzogenrath in die Hände der Reformierten. 1635 eroberten die Spanier Limburg und die "Länder von Overmaas" wieder zurück. 4) Balduin von Horpusch, 29. Abt von Rolduc. Sein Grabmal ist noch erhalten. 5) Gemeint sind die sieben vereinigten niederländischen Nordprovinzen (Holland, Seeland, Geldern, Friesland, Utrecht, Oberyssel und Groningen), die vom Chronisten häufig nur "die Holländer” genannt werden. Sie hatten sich dem Calvinismus zugewandt und 1579 in der "Utrechter Union" zusammengeschlossen, um die Vormacht des protestantischen Glaubens zu sichern und die Selbstverwaltung zu erlangen. Damit legten sie den Grundstein zur Loslösung der Niederlande von Spanien. 6) König Philipp IV. von Spanien (1605-1665), der die südlichen Provinzen gegen die Angriffe aus dem Norden zu verteidigen suchte. 7) Herzog Karl IV. von Lothringen (1604-1675) und Heinrich II. v. Bourbon, Prinz von Conde (1588-1646), hatten sich auf die Seite der Spanier geschlagen. 8) Die Friedensverhandlungen waren faktisch am 2. November 1646 abgeschlossen; am 8. Januar 1647 legten Spanien und die Vereinigten Provinzen die Friedensbedingungen definitiv fest; die offizielle Unterzeichnung des Vertrages erfolgte am 30. Januar 1648, die Ratifizierung desselben am 15. Mai und die Bekanntgabe am darauffolgenden Tage. Erst mit der Unterzeichnung des Vertrages (30. Januar 1648) sollte laut Artikel 2 desselben jede feindselige Handlung eingestellt werden. Die Zeitspanne vom 8, Januar 1648 bis zum Monatsende nutzten die Holländer, um Dalhem, Valkenburg und Herzogenrath einzunehmen. 9) Ho(y)donk an der Dommel, nördlich Eindhoven, war 1145 von einem Regular- Kanoniker aus Rolduc gegründet worden. Die Kanonissen (Chorfrauen) legten das Sumpfland trocken und ließen Kleinbauern sich dort ansiedeln. Daraus entstand das Dorf Nederwetten. Der "Westfälische Frieden", der die "Mairie"” von 's-Hertogenbosch den Generalstaaten zusprach, besiegelte damit das Schicksal des Klosters Hodonk, das 1650 aufgelöst wurde. 10) 's- Gravenhage (Hagae Comitis), heute Den Haag 11) Antonius de Brun (* Döle, 1600, + Den Haag, 1654), generalbevollmächtigter Vertreter Spaniens ("summa cum potestate legatus") in Münster 1648. Botschafter Spaniens in Den Haag. 12) Papst Alexander VII. (Fabio Chigi) war von 1644 bis 1651 Nuntius in Deutschland gewesen und hatte als päpstlicher Sonderbeauftragter bei den westfälischen Friedensverhandlungen versucht, die Interessen der katholischen Seite zu verteidigen, was ihm jedoch, da er nicht mit "Ketzern” verhandeln durfte, nur sehr unvollkommen gelungen war. Den päpstlichen Diplomaten schmerzte es, dass "dem Glauben neuer Schaden durch den unseligen Frieden, den ich nicht unterzeichnen konnte", bereitet worden war.
36 Der Papst erklärte denn auch die Ergebnisse von Münster und Osnabrück für "null und nichtig, für verdammt und ohne allen Einfluss und Erfolg für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Am 13. Dezember 1649 verließ Chigi Münster in Richtung Aachen, wo er am 20. Dezember eintraf. Er nahm Quartier im Regulierherrenkloster der Windesheimer Augustiner-Chorherren und fungierte auf Bitten Ludwigs XIV. als Friedensvermittler zwischen den katholischen Mächten Spanien und Frankreich, die durch ihre Gesandten bzw. Minister Penaranda bzw. Mazarin vertreten waren. Chigi blieb in Aachen bis Oktober 1651 und hat in dieser Aachener Zeit auch die Kontakte zu Abt Lamberti etabliert. 1655 wurde er Nachfolger von Papst Innozenz X. auf dem Thron des hl. Petrus, Er starb 1667. Pierre Melchior van der Steghe, Abt von 1667 bis 1682, erhielt für die Äbte von Rolduc das Recht auf ständiges Tragen der Mitra. 13) Um die klösterliche Disziplin zu straffen, legte Abt Winand Lamberti am 25. Januar , 1663 einen 15 Punkte umfassenden Verhaltenskodex vor, der darauf abzielte, gewisse Miss-Stände abzustellen. Die Ordensleute sollten seltener das Kloster verlassen, Frauen wurde der Zugang zum Stockwerk der Einzelzellen verboten, im Refektorium (Ess-Saal) wird die Lektüre wieder eingeführt, im Kreuzgang ist eine gewisse Ruhe zu wahren. Eine bestimmte Uhrzeit für das Zu-Bett-Gehen ist nicht vorgeschrieben. Bei schwweren Verstößen gegen die Ordensdisziplin sieht der Katalog Zellenhaft vor. Diese wohl notwendigen Regeln konnte Lamberti jedoch nicht durchsetzen. 14) Abt Winand Lamberti wurde nur 46 Jahre alt. Quellen de Clercq, Charles, Rolduc, Son abbaye, ses religieux, son s£minaire (1661-1860). Cen- tre International de Rolduc, Kerkrade 1975 Deutz, Helmut, Studien zur Geschichte der Abtei Klosterrath — Das Augustinerchorherrenstift Klosterrath als religiöses und geistiges Zentrum des Landes von Rode im hohen Mittelalter — gefolgt von Simon Peter Ernst, Regularkanoniker in Klosterrath und Pfarrer in Afden im Jahrhundert der Aufhebung der Abtei (Mit weiterführendem Literaturverzeichnis. Hrsg. von Burg Rode Herzogenrath e. V., Bd. 2, Herzogenrath 1984) Ernst, S.-P., Histoire du Limbourg. Siehe Anmerkung 2) Grondal, Guillaume, Walhorn, Notices historiques, Sonderdruck des Bulletin de la So- ciete Vervietoise d'Arch6ologie et d’Histoire, Bd. 45, 1958, S. 107-108 Linssen, C. A. A., De herdenking van de Vrede van Munster 1648-1998 in het perspektief van de Nederlandse provincie Limburg, in De Maasgouw 117, 1998/4, Sp. 233-274.
37 At achtzeg Joor langk! Janze achtzeg Joore langk jonn ech hej at minge Jangk än ech hau et neet jedaat, dat er achtzeg stonge vör mech parat! Achtzeg es en janz lang Tiit, wenn se och schinge evvech wiit; än wenn de se da eemool bes, da es et als off et jar neks es. Än et Lääve verjeet esö flott, Do mings de achtzeg wüere te kött. Wie de an der Afangk stongs, neet woss wat de met et Lävve dongs. Achtzeg Joor voll Vröjd än Ploore, Wat sönt se mä esö flott vervloore, Hej en do och met e-ne Blötsch, sönt se dörch ding Heng jerötscht. Ver haue vööl Angs, vööl Sörg, vööl Led, mä och vööl Fings, wie dat esue jeet. An et es och metstens jot jejange, wat ver en et Lääve ajevange. Wie et en et Lääve decks der Vaal, Me vool och at ens ut der Saal. Met Ifer än e Päkske Mot Woet van alleng werr alles jot. Hant ander och e witschke mie, lott se mä jue än jlöcklech sihe. Ech ben tevrä wie et es esue, ech kann noch denke, stue en jue. Än dovöör well ech och neet klaare An der Herrjott danke saare, dat e mech bes hüj loot lääve, esö vööl Vröjd än Jlöck jejääve. Jakob Langohr (1) (1) Unseren Lesern ist Jakob Langohr seit Jahren bestens bekannt. Am 8.11.2001 vollendete er auf Bildchen sein 80. Lebensjahr. Er kann noch „denke, stue en jue“ und wir wünschen ihm, dass dies noch viele Jahre so bleibe und er unsere Leser auch noch lange mit seinen plattdeutschen Versen erfreuen möge!
38 Die Titfelder Mühle, der Frauenbend und andere Raerener Mühlen von Leonhard Kirschvink Es klappert die Mühle am rauschenden Bach ... Mühlen spielten seit jeher eine besondere Rolle in der Volkskultur. Meistens weit abgelegen in einem Tal, wurden sie zu einem Ort romantischer Erlebnisse...wie die vielen Romane und Filme über die , schöne Müllerin beweisen. Die Wirklichkeit sah anders aus. Die Mühlen unserer Heimat waren meist Bannmühlen der Stocklehen, d. h. die hörigen Bauern waren verpflichtet, ihr Getreide ausschließlich in diesen Bannmühlen mahlen zu lassen. Das Monopol des Mahlens, das diese Mühlen besaßen, verführte auch häufig zu Unehrlichkeiten. Außer den Getreidemühlen gab es die Hütten- und Hammermühlen zum Herstellen von Eisen, Kupfer usw., so z. B. die Eisenhütte in Raeren- Sief an der Iter und die Hütte in Mariental. Sägemühlen werden im Raerener Bereich nicht erwähnt. Zwischen Raeren-Neudorf und Kornelimünster reihten sich auf 7 km, wie Perlen an einer Kette, 12 Mühlen an Iter und Periolbach. Pfaumühle, Titfelder Mühle, Botzer Mühle, die Mühle Blar, die Raerener Mühle, die Neumühle, die Mühlen in Mariental und Brandenburg sowie die Eisenhütte und die Königsmühle, wobei zu bemerken ist, dass an der Eisenhütte mehrere Wasserräder hinter einander geschaltet waren. In Brandenburg bestanden gleich zwei Mühlen, nämlich eine Getreide- und eine Ölmühle. In unserer Gegend waren die Mühlen vorwiegend Wassermühlen. In Eynatten hat die Flurbezeichnung „Windmühle“ (auf der Höhe der Autobahnüberquerung der Hauseter Straße) die Erinnerung an eine solche Mühle wach gehalten. Einiges deutet darauf hin, dass auch auf der Flur Mülleschfeld (= Müllers Feld) in Neudorf einst eine Windmühle gestanden hat. Sicher sind auch einige Mühlen im Laufe der Zeit für immer verschwunden. Wie schon gesagt, hatten fast alle Stocklehen ihre eigene Mühle. Von Titfeld, dem ältesten Stocklehen, wird nie von einer Mühle berichtet,
39 und doch muss man es als selbstverständlich ansehen, dass auch der Titfelderhof am Iterbach eine eigene Wassermühle besessen hat. OS Ss JENE" DD a can AZ A Wr ARC SE BA A ET N U KA EZ aa a BR TO VE N N N SEE SS Die Titfelder Mühle Gehen wir also davon aus, dass der Titfelderhof als ältestes Stocklehen von Neudorf und Raeren eine Mühle hatte. Nur, wo lag dieselbe? Zum Betreiben einer Mühle braucht man einen Bachlauf oder einen Weiher, in dem das Wasser aufgestaut wird. Beides hatte der Titfelderhof, wo als Antrieb für eine Mühle nur der Iterbach in Betracht kommt. Auf dem Katasterplan von 1826 wird eine Wiese mit „Im Alten Weiher“ bezeichnet. Dieser Weiher lag zwischen dem heutigen Jugendheim und der Bachstraße, direkt am Iterbach. Dass der Weiher als Stauweiher einer Mühle angelegt war, bezeugen folgende Angaben in den Lehensregistern: (L. R.) Seite 648: 01.08.1560. Vaiss Kluytgen kauft 5 Viertel, 6 Ruten in dem Langen Bend zwischen Titfeld und Neudorf von Johann Loeman und dessen Frau Anna Krummels van Nechtershem. Diesen verbleibt ein durch das Grundstück gehender Wassergraben, der oben 3, unten 2 Fuß (= 90 bzw. 60 cm) breit ist. (Anm.: Dieser Graben ab Iterbach diente der Einspeisung des Stauweihers, später „Alter Weiher“ genannt. Die Eheleute Lo(e)man-Krümmels waren Eigentümer des Stocklehens Titfeld und des Weihers. Letzterer war Bestandteil des Hofes Titfeld. Der „Lange Bend“ lag westlich des Weihers am Iterbach.
40 Es ist hier festzuhalten, dass der Stauweiher im Jahre 1560 noch benutzt wurde. Wozu? Als Antrieb einer Mühle?). (L. R.) Seite 654: 18.12.1628. 1 Morgen, 13 Ruten Land an dem Langen Bend an dem Alten Weiher zu Titfeld, das aus dem Stocklehen Titfeld stammt. Frage: War der Stauweiher 1628 schon aufgegeben worden? (L. R.) Seite 647: 01.03.1704. In einer Zusammenstellung aller zum Stockgut Titfeld gehörigen Grundstücke wird ein Grasplatz „der alte Weiher“ genannt, gelegen neben dem Bach zu Titfeld. Die Größe wird mit 371 Ruten, d.h. 3 heutige Morgen, angegeben. Der Alte Weiher war zu einer Wiese geworden. Wie kam es zur Aufgabe des Stauweihers, den man später den „Alten Weiher“ nannte? Darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Meiner Ansicht nach ist der Grund in der Aufsplittung des Stocklehens Titfeld zu suchen. Nach dem Tode des Johan Loman, Eigentümer des Hofes Titfeld, teilt nämlich seine Witwe, Anna Krümmels, den Hof unter ihre acht Söhne auf. Damit, und durch Weiterverkäufe, setzt die Aufsplittung des Hofes ein. Käufer waren die zu Wohlstand gekommenen Töpfermeister Mennicken, Kalf, Kannebecker usw. Wir wissen nun, wo der Stauweiher der Titfelder Mühle lag. Doch wo lag die Mühle? Betrachten wir den Bachlauf der Iter. Von Neudorf bis zum Alten Weiher schlängelt sich der Bach in einem naturbelassenen Bett. Ab Altem Weiher ist das Bachbett, wie heute noch sichtbar, beiderseits durch Bruchsteinmauern eingefasst, was ein eindeutiger Beweis dafür ist, dass ab dem Alten Weiher die Iter als Mühlengraben diente. Die Breite des eingefassten Bachbettes ist im Mittel 2 Meter. Die Ufermauern haben im Mittel eine Höhe von 1,20-1,40 m. Diese Ufermauern sind heute noch bis zur Hauptstraße (Ecke Bäckerei Münstermann) erhalten. Im oberen Bachbett sind die Mauern teilweise eingefallen. An der Hauptstraße macht die Iter einen scharfen Knick nach Norden und ist auch hier bis zum nächsten Knick nach Osten mit Bruchsteinmauern eingefasst. Diese zweimalige scharfe Abknickung ist auf einer so kurzen Bachstrecke recht ungewöhnlich! Auf der Ferraris-Karte von 1775 fließt die Iter geradeaus durch die Hauptstraße am Frauenbend vorbei.
41 A ee A a SW U SA A zn SEO ii 5. SE WE A A x Das mit Bruchsteinen eingefasste Bachbett der Iter Das Gehöft „Frauenbend“ befand sich dort, wo sich heute die KBC- Bank befindet. Es muss eine direkte Beziehung zur Iter bestanden haben, die in nur 10 m Entfernung vorbei floss. Der Frauenbend wird schon 1518 erwähnt und wir gehen von der Annahme aus, dass sich die Titfelder Mühle in diesem Gehöft befunden hat. Sie konnte nur von einem unterschlächtigen Wasserrad angetrieben werden. Der Nordwestflügel des Frauenbend, wo sich die Mühle befunden haben muss, ist um 1900 teilweise in einen Kuhstall umgebaut worden, wie die Ziegelsteineinfassungen an Fenstern und Türen bewiesen. Auf der Tranchot-Karte von 1808 zeigt der Bachlauf der Iter schon den heutigen Zustand mit der schon erwähnten doppelten Abknickung. Das heißt, dass das Bachbett der Iter zwischen 1775 und 1808 verlegt worden ist. An der Metzgerei Huby fließt die Iter unter die Brücke durch, direkt am Giebel des Hauses Messerich, Hauptstraße 65, vorbei. Hier kann man feststellen, dass das Bachbett so weit abgesenkt ist, dass der Bach ein Mühlrad antreiben konnte. Ab dem Hause Messerich fließt die Iter in einem künstlich angelegten Bachbett in gerader Linie dem alten Bachbett ZU. Es stellen sich folgende Fragen: 1. Warum wurde die Iter umgeleitet? 2. Warum wurde der Giebel des Hauses Messerich direkt am Bachbett gebaut? Die Antwort kann nur sein: Um eine Mühle anzutreiben. Da der „Alte Weiher‘ aufgegeben war, blieb nur das Wasser im aufgestauten Bachbett als Antrieb für die Mühle. Vom Alten Weiher bis
43 Z ühle “ PO ur uhle OL_B_E MR Inh. Albert Radermacher - Oremer RAEREN An der Kirche Tel. 51267 empfiehlt seine Restaurations- und Gesellschaftsräume Am 3. Januar 1401 erhält Heinrich von Hochkirchen 51 Müdden Hafer als Pacht zu Lasten des Hofes zu „Petitvelt‘ = Titfeld. 1 Müdde entspricht 238 Liter. 51 Müdden ergeben somit 12.140 Liter oder 109 Zentner. Dies entsprach einer Anbaufläche von 4 Hektar, soweit das heute noch überprüfbar ist. Bei der Erbteilung des Titfelder Hofes, am 16. April 1564, erhält Anna Krummels, Witwe des Johan Lomans, für das laufende Jahr 14 Morgen Korn aus dem Land des Gutes zugesprochen. Der Frauenbend Der Hof Frauenbend lag, wie schon gesagt, auf Driesch, am Iterbach, dort, wo sich jetzt die KBC-Niederlassung befindet, und war Bestandteil des Stocklehens Titfeld. In den Lehnsregistern der Propsteilichen Mannkammer des Aachener Marienstiftes wird er mehrfach erwähnt: L.R.S. 644: Um 1506 waren Johan von Krümmel von Nechtersheim und seine Ehefrau Johenne von Belven zu Vaalsbroich im Besitz von Titfeld und Frauenbend. L.R. S. 588: Im Jahre 1511 hat Johann Crummel van Nechtersom den Frauenbend seinem Diener Welter von Titfeld verkauft.
45 Seltsam ist, dass bei den Erwähnungen von Haus und Stocklehen zu Titfeld, bzw. beim Titfelderhof und Frauenbend keine Mühle erwähnt wird. Ursprünglich bestand der Frauenbend nur aus dem Nord-West-Flügel, 7,50 x 18,00 m groß. Dieser Bau bestand sicher, wie es damals in Raeren üblich war, aus einem mit Bruchsteinen gemauerten Erd- und einem in Fachwerk ausgeführten Obergeschoss. Die Ostseite des Obergeschosses war noch bis zum Abbruch im Jahre 1975 in Fachwerk gehalten. Das Dach war mit Stroh gedeckt, wie die Dachneigung über 45° beweist. rn EA — Se SA ——.”_ = N A An A h & £ Br CO f NETZ EN pa ad {9 de Gabe ARTEN Bee 6 38 59) MüOlencl CE, WEST AA EEE AEG DEZ ZART Der Frauenbend bis zum Abbruch 1975 Anm.: Freiin von Coels - L.R. S. 645, Fußnote - bezeichnet den Frauen- bend als Spliss aus der Burg von Raeren. In diesem Zusammenhang muss bemerkt werden, dass Frau v. Coels in den Lehensregistern einige Kapitel falsch zugeordnet hat: - Die Kapitel 348 t (Der Frauenbend, Hof zu Titfeld, gehört nicht zu Raeren-Burg, sondern zu Neudorf-Titfeld). - Kapitel 349 (Zwei Mahlmühlen) gehört nicht unter Burg Raeren, sondern unter Haus Raeren (v. Schwartzenberg). - Kapitel 349 A, 349 B und 350 gehören ebenfalls unter Haus Raeren.
47 Der alte Weiher auf Vergefnes, der Brachenweiher und die Mühle im Mariental Der Alte Weiher auf Vergefnes ist nicht zu verwechseln mit dem „Alten Weiher“ zu Titfeld an der Iter, wie dies auch aus den Lehensregistern ersichtlich ist. L.R. S. 609: 5. Sept. 1483: Gillis der Weert zu Walhorn, Schöffe allda, kauft ein Stück Bend „boeven den alden Wyeren gelichs widder die Wyere langhs eynen bendt des Aachener Stiftkapitels. 21/2 Morgen Bend an Wylyefflys“. (N. B.: Der Bend des Aachener Stiftskapitels ist der Pfaffenbend, gelegen zwischen Burgstraße und Vergefnes. Wylyefflys = Wilgenfoss = Vergefnes. Der Alte Weiher lag auf Vergefnes und wurde vom Reybach gespeist). L.R.S. 610: 1510 Claess Wild von Neudorf kauft einen 4 Morgen großen Weiher mit darum gelegenem Bend am Eynattener Pfad, genannt der Alte Weiher. (N. B.: Der Eynattener Pfad ist die Gasse von Vergefnes. Zu der Größe des Weihers: 4 Morgen zu 15 Ruten entsprechen fast 6 heutigen Morgen. Für einen Weiher ist dies eine außergewöhnlich große Fläche). Der Brachenweiher: In den Lehensregistern (S. 563) werden im Jahre 1540 zwei „Wrachenweiher“ erwähnt, über die Johan van Nechtersom genannt Crummel seinen Söhnen freie Verfügung gewährt. Einen dieser beiden Weiher kaufte Heyn Hüsch von Kettenis. Die „Wrachenweiher‘“/ Brachenweiher lagen unterhalb des Alten Weihers, zwischen Bickelstein und Mariental, und wurden ebenfalls vom Reybach gespeist. Auf der Militärkarte Raeren 43/2, M = 1:10.000, sind die nördlichen abgeböschten Ufer eingetragen. Die ehemalige Weiherfäche ist als Sumpfland blau markiert. Die Marientaler Mühle Die hiervor genannten Weiher können nur zum Antrieb der Marientaler Mühle gedient haben. Es wäre also anzunehmen, dass diese Mühle uralt ist, denn schon 1483 wird der „Alte Weiher“ genannt (s. oben „boeven
48 den alden Wyeren“). Als zusätzlichen Antrieb besaß die Marientaler Mühle die Iter. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Hammermühle, ähnlich den Mühlen östlich der Brandenburg, die Eisenhütten genannt wurden. Auch die Marientaler Mühle wurde „Hütte‘“ genannt. Auf der Ferraris-Karte von 1775 ist „Fourneau“ eingetragen, was mit Schmelzofen übersetzt werden kann. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Marientaler Mühle in Verbindung mit der auf der Schnellenburg entdeckten Römervilla (Gutshof) zu sehen ist. Diese Villa lag nur 150 m von der Mühle entfernt. Schon die Römer wussten die Wasserkraft als Antrieb für Mühlen zu nutzen. Vitruv (1. Jh. v. Chr.) gibt in seinen Büchern über die Baukunst („De Architectura“‘) eine genaue Beschreibung zum Bau einer Wassermühle. 0 Die Eisenerze wurden in direkter Nähe, auf Berlott, Langfeld, Landwehring oder Sief im Tagebau gewonnen. Spuren im Gelände beweisen es. Wegen der schlechten Wegeverhältnisse waren weite Transporte ausgeschlossen, so dass die Erze vor Ort verarbeitet wurden. Die Lage im Mariental war ideal. Wasser war reichlich vorhanden, desgleichen Eisenerze, Brennholz und Kalksteine zum Kalkbrennen. Vor allen Dingen stand für den Abtransport der Fertigware die ausgebaute Römerstraße — die heutige Kinkebahn — in 1000 m Entfernung zur Verfügung. (N.B.: Im Jahre 1964 wurden im Freyent in der Nähe der Kinkebahn die Fundamente einer römischen Villa entdeckt. Gefäßreste, eine römische Münze aus den Jahren 200 — 211, Dachziegel und auffallend viel Eisenschlacke waren die Funde. Siehe V. Gielen, Eupener Land, S. 10). Burg Raeren Es ist bemerkenswert, dass von den Stocklehen Titfeld und Burg Raeren, meiner Kenntnis nach, nie direkt von einer Mühle berichtet wird. Im Jahre 1757 war die Burg Raeren im Besitz der Familie de Flamige. L.R. S. 567: Am 22. Dezember 1757 bekennt Matthias Werner de Flamige als Bevollmächtigter seines Vaters, von den Recollectinnen in Limburg 100 Taler bzw. 400 Gulden erhalten zu haben. Als Sicherheit stellen Vater und Sohn die Burg mit dazu gehörigen Ländereien und die Mühle zu Raeren. Um welche Mühle handelt es sich?
49 = BES = A A, En a PS DD Sy YA AN | EN at MM . % Sn ES, F A j ES m & = is ‚An A as a 1 as VE a SALE Mn Ana n SE ZZ DS . ER DE f IN Bir SS D 81 4 a ®i a . a = TEN EN SA __—_— Der uralte Hof Schumacher an der Burg DA EX REDET 3 Fe Den ANNO a A a SC TED N Bl My TE EN KR ET A ed n 4 DT BEE id - AN Tu SE ED N BT 3 A EEE N MER ba, N "VEN EEE OA E WE le A DEE 5 N l | ge AA ah U 51 CE 1 A DD f (Be DA A EA az A ES GA PEN E YET SB A BEN gu 7 58. ZA Wa CE EN ha ZT A DA NEE [LEO a BALL ® VE Cm 3 a N - SU | An Der Giebel steht direkt am Bachbett der Iter.
50 Die Raerener Mühle kommt nicht in Frage. Sie war 1757 im Besitz des Kanonikers Smetz. War es die Blarmühle? Gab es noch eine Mühle? Die Burg Raeren liegt am Zusammenfluss von Iter und Periolbach; es ist eine ideale Lage zu einem Mühlenbetrieb. Steht man auf der dortigen Brücke und schaut Richtung Bachlauf, so fällt auf, dass der links liegende Bauernhof Schumacher mit der Giebelseite im Bachbett steht. Weshalb, wo doch genügend Platz vorhanden war? Hat es hier eine Mühle gegeben? Die Brandenburger Mühle Ö Die kinderlos gebliebenen Eheleute Ritter Gilles von Brandenburg und seine Ehefrau Margarete von Sombreffe schenkten am 10. April 1477 vor der Lehnskammer des Aachener Marienstiftes ihren gesamten Besitz in Raeren-Sief dem Orden der Kreuzbrüder mit dem Zwecke, dort ein Kloster für 12 Ordensleute zu errichten und eine Kirche zu bauen. Der Besitz besteht aus einer Burg, einem Bauerngut, Weihern, einer Kupfergrube, Äckern, Wiesen, Wäldern, Sümpfen, Viehherden, Geräten und Mobilar. Eine Mühle wird in der Aufzählung nicht genannt. Maximilian von Österreich und Philipp der Schöne, als Herzöge von Limburg, erlaubten den Kreuzbrüdern des Klosters Brandenburg die Nutznießung der Gewässer der Iter sowie den Bau einer Getreide- und einer Ölmühle. Als Gegenleistung waren jährlich 2 Müdden Hafer zu liefern (s. Arsene Buchet, Le Prieur& des Croisiers de Brandenbourg ä Raeren 1777-1784, in Bulletin de la Societe Vervietoise d’Archeologie et d’Histoire, Bd. 35). Ob es schon früher dort eine Mühle gegeben hat? Brandenburg wird bereits 1331 erwähnt (s. Dr. Schiffers, Aachengau-Aachener Reich, 1922, S. 5). Die Blarmühle Die Blarmühle ist im 19. Jahrhundert abgebrannt. Ich möchte hier auf eine Besonderheit dieser Mühle hinweisen. Es war die Pflicht des Müllers, das Mühlenwasser nach Gebrauch wieder dem Bach zuzuführen, dem es entnommen worden war. Die Blarmühle erhielt ihr Wasser durch den Mühlengraben, der oberhalb durch den Periolbach gespeist wurde. Sie
St A OBERE BLARMÜHLE UNTERE MUHLE 22? SCHLUND STAUWEHR N + N a Mt CA E — X ZEIT TTTF TI TFTTTTTR CZ ZZ X A EEE TA — —— zB ES Xf SV SERIOLBACH 1070700 2D0ET ZERTL “UNTERIRD. KANAL HAUS BLAR Die Wasserzufuhr der Blarmühle f 7 ET Zee An — ei NE I SL Ze TE Di De die Gau | + ÄHNOT ZENTREN Th NK af An. Rolchen DE CE CI DE - A 7 ) Bilbao 4 5 Fa ne ZA . N TH /A AN 34 Zn EN Weischhade f \\ N X üh NS z alas ASS al am IA AN a X \le 3 / we VALID EDEN NA X SAN ESS BEA an\| Hafıs Raereti) — £& E a \ VENEN ; Hat S . Est ; | BEN ES K y SS x 7 {7 x > AN ze Zn $ PERIOL BAG = FE = 7 A f WOHL BRÜCKE. Bl ; za N in 3 A 4 | TER Die Blarmühle auf dem Urkatasterplan von 1826 besaß ein unterschlächtiges Rad. Nach Verlassen der Mühle wird das Wasser jedoch nicht wieder dem Periolbach zugeführt, sondern dicht am Giebel des heutigen Bauernhofes Blar vorbei geleitet. Weshalb? Gab es an diesem Giebel ein oberschlächtiges Rad? Von der Höhe her wäre dies möglich gewesen. Somit hätte man das Wasser, das hier in einen vier Meter tiefen Schlund stürzte, zweimal benutzen können! Besagter Schlund wurde durch einen unterirdischen Kanal entwässert. Im Keller des Bauernhofes Blar führt er heute noch Wasser und ab Haus Blar ist er
52 noch auf einer Länge von ca. 120 m erhalten. Er ist in Bruchsteinen mit Gewölbe gemauert und hat eine Größe von ca. 50/60 cm. Wohin er sein Wasser ableitete, ist bis heute ein Rätsel. (Siehe dazu meinen Beitrag „Die Roetze — Raerens verschwundene Höhenburg“ in Nr. 68 dieser Zeitschrift, Febr. 2001, S. 46 — 63, sowie das Urkataster von 1826).). Die Mühlen von Raeren und Neudorf Christian Quix, Hermann Wirtz und Herr H. von Schwartzenberg geben eine Aufstellung der Mühlen. Hier eine Gegenüberstellung dieser Angaben: E Ch. Quix H. Wirtz H. von Schwartzenberg 1. Botzer Mühle 1. Botzer Mühle 1. Botzer Mühle 2. Neumühle 2. Neumühle 2. Neumühle 3. Itermühle 3. Itermühle 3. Itermühle 4. Blarmühle 4. Blarmühle 4. Blar -oder Lohmühle Lohmühle 5. Raerener Mühle 5. Raerener Mühle 5. Raerener Mühle 6. Brandenburger 6. Brandenburger 6. Brandenburger Mühle Mühle Mühle 7. Walkmühle 7. fehlt 7. Walkmühle (wo?) Mariental 8. fehlt 8. Neudorfer Mühle 8. Neudorfer Mühle 9. fehlt 9. fehlt 9. Alte Mühle/ Karsillis 10. fehlt 10. fehlt 10. Kupfermühle Es gibt, wie man sieht, einige Unklarheiten in den Auflistungen. Ch. Quix und H. von Schwartzenberg setzen die Blarmühle gleich Lohmühle. Es gab jedoch eine Blarmühle und eine Lohmühle (jetziges Marienheim). Die Blarmühle ist ca. 1850 abgebrannt. Sowohl auf der Ferraris-Karte von 1775, wie auf dem Urkatasterplan von 1826 sind beide Mühlen getrennt eingetragen. Die Lage der Itermühle scheint unklar zu sein. Anm.: In „Der Regierungs-Bezirk Aachen topographisch beschrieben mit einer Sammlung der interessantesten statistischen Nachrichten“,
53 Aachen, J. A. Mayer, 1827, S. 44-45, werden für Raeren die Botzermühle (Fruchtmühle), die Neumühle (Fruchtmühle), die Itermühle (Fruchtmühle), die Blarmühle (Lohmühle), die Brandenburgermühle (Frucht-, Öl- und Lohmühle), die Raerenermühle (Fruchtmühle) und die Walkmühle (Walk- und Spinnmaschine) aufgeführt. Die Kreisakten zu Industrie und Gewerbe im Kreis Eupen nennen im Jahr 1822 8 Wassermühlen in Raeren (s. „Im Göhltal, Nr. 34, S. 102- 105). Im Göhltal-Heft Nr. 63 (S. 69-89) bringt Herr von Schwartzenberg einen interessanten Beitrag über die Raerener Mühlen. Dazu möchte ich noch einige Anmerkungen machen. Die Alte Mühle Im Jahre 1418 wird ein eingezäunter Bend bei Karsillis- Mühle erwähnt (L/R--S. 639). Am 13. Oktober 1473 empfängt Johan Krummel von Eynatten für sich und seine Miterben die Güter aus dem Nachlass des Emmerich van Bastenach, u. a. Haus und Burg zu Raeren (= die Roetze), das Ravengut zu Neudorf, einen Bend genannt die alte Mühle... (L. R. S. 307). Herr von Schwartzenberg schließt daraus, dass die „Alte Mühle‘ zum Titfelderhof gehörte, am Iterbach lag und im Besitz des Karsillis von Holset, genannt von den Raderen, war (Holset bei Vaals, nicht Hauset). Dieser Karsillis von Holset wurde erst 1426, nach dem Tod seines Vaters, Johan von Holset von den Raderen, Besitzer der Burg Raeren; dagegen erbte sein Bruder Johan den Hof zu Titfeld (L. R. S. 642). Der Vater hatte sowohl den Hof Titfeld wie die Burg Raeren besessen. Die „Alte Mühle“ wird jedoch 1473 unter den Gütern der Rotze (Haus Raeren) aufgeführt (L. R. S. 607). Der 1418 erwähnte Karsillis war wahrscheinlich Karsillis von der Rotschen (Kerselis van der Roetschen) zu den Raderen. Er starb 1420. Mit „Alte Mühle“ ist die Blarmühle gemeint, die in 250 m Entfernung von der Rotze lag. (Siehe dazu meinen Beitrag in Nr. 68 dieser Zeitschrift: “Die Roetze, Raerens verschwundene Höhenburg‘‘). Dieser Höhenburg ordne ich die Blarmühle zu.
56 sich Fundamente ab. Leider habe ich es damals versäumt, den Ring zu vermessen und Grabungen vorzunehmen. In den Lehensregistern, Seite 655, unter Nr. 388 k, werden im Jahre 1746 die Güter des Hubert Schoemecker aufgelistet, und zwar Bauten zu Neudorf am Bach, ein Platz genannt Pillefeld und Fetgenshöfchen, ein Platz genannt Willem Schaeris Müllersfeld groß 2 Morgen 51 Ruten, die Langeweide und die Peerdsweide, der Lentzenbend, 50 Ruten 10 Fuß in Jan Schoemeckers Mühlenbend, die Hälfte von Jan Schoemeckers Höfchen. Müllersfeld ist die Wiese, wo sich der Kreisring abzeichnete. Der Mühlenbend liegt wahrscheinlich am Iterbach, in der Nähe der Pfaumühle. Der Peerdsbend liegt an der Iter, an der Bachstraße, direkt unterhalb von Müllersfeld. Die Lage der anderen Grundstücke konnte ich nicht ausmachen. Der Name Müllersfeld kann zu zwei Deutungen führen: 1. Müller als Familienname. In den Lehnsregistern wird schon 1513- 1537 ein Wynken Mollener/Mülleners erwähnt. 2. Müllersfeld, d. h. das Feld, wo des Müllers Mühle stand. Der Müllersbend liegt auf einer steil ansteigenden Anhöhe 10 Meter oberhalb des Itertales, nach allen Seiten für die Winde offen, auf 300 m über N. N. Besonders der Westwind ist hier sehr stark. Eine Windmühle muss natürlich durch einen Weg zugänglich sein. Diesen Weg gibt es! Es ist die Gasse, die zwischen den Häusern Severin/Neudorfer Berg und Bourlet/Schulstraße als Gerechtsame über vier Gartengrundstücke direkt zu dem Kreisring führt. Unter der Grasnarbe konnte ich einen befestigten Weg feststellen: Alles Anzeichen für eine Turmwindmühle. Unterhalb des Kreisringes befand sich ein Steinbruch. Könnte der Kreisring von einem alten Kalkofen stammen? Kalköfen haben in der Regel einen mit Steinen befestigten Boden. In diesem Falle hätte sich kein Kreisring, sondern eine Kreisfläche abzeichnen müssen. Nach meiner Kenntnis ist der dort vorkommende Stein zum Kalkbrennen nicht geeignet. Wozu hätte man auch das Blausteinmaterial bergauf schleppen sollen, wenn im Tal genügend Platz für einen Kalkofen war und auch eine Abtransportmöglichkeit bestand?
5 / A 404 324 AL WE 405 X” pen PFERDSBEND An Ze \ DER MELWNPETERS BERG IE ÖLE) 407% AED) Ay V 7083 Ke #02 0 n N K Z7 a 7 4 SH Y S Si es) 242 % ‚3885 BOURLET: | SEVERW\ Va n / MT N EZ 1 RAEREN Es FLUR & SIDLEZ 9 u wo bo Be. LE. 2007 Die Skizze veranschaulicht die Lage von «Müllersfeld», Die Kupfermühle am Weserberg Auf Raerener Gebiet, am Zusammenfluss von Weser und Eschbach, gab es bis ins 19. Jahrhundert hinein ein durch Wassermühlen betriebenes Hammerwerk. Hier, mitten im Wald, im Tal des Weserberges gelegen, kann man heute noch die Ruinen des Pochwerkes sowie die verlandenden Kanäle und Teiche sehen. Eine ausführliche Beschreibung liefert Peter Emonts-Pohl in „Geschichtliches Eupen“, Ausgabe III. Quellen: L. Freiin von Coels von der Brügghen, Die Lehensregister der Propsteilichen Mannkammer des Aachener Marienstifts 1394 — 1794. Peter Hanstein Vlg., Bonn, 1952.
58 Historischer Rundgang durch Kelmis-La Calamine, ein Geschäftszentrum im Göhltal (6. TeiD* von Firmin Pauquet Bevor wir unseren Rundgang fortsetzen, möchte ich einige Korrekturen bzw. Anmerkungen zum vorigen Abschnitt (5. Teil) anbringen. Das Bild auf S. 48 (Grenzstein MT-K) zeigt nicht einen Gemeindegrenzstein, sondern, wie richtig im Text erwähnt, einen’ Grenzstein der Gemeindewaldungen. Diese Gemeindewaldungen von Kelmis, (d. h. Neutral- und Preußisch-Moresnet zusammen) einerseits, und von Montzen andererseits lagen beide auf dem Gemeindegebiet von Preußisch-Moresnet. Die auf S. 55 erwähnte Sandgrube ist nicht mehr sichtbar. Wenn man ihre Wiederbepflanzung auch bedauern kann, so muss ich doch zugeben, dass mein Urteil über den Campingplatz „Stern‘“ wohl etwas zu scharf formuliert war. Der von der Familie Lenaerts um 1975 angelegte Campingplatz ist inzwischen durch die Anpflanzungen in die Landschaft integriert und wird regelmäßig unterhalten. Die Deutschsprachige Gemeinschaft erteilte am 5. Oktober 1995 die Genehmigung zum weiteren Betrieb des Platzes. Laut frdl. Mitteilung des jetzigen Betreibers, Herrn Hubert Nicolas Lenaerts, bestehen dort ca. 50 sogenannte Saisonplätze, die mehrheitlich von Aachenern belegt sind. Es bleiben ca. 6 weitere Plätze für Durchgangstouristen. Unseren fünften historischen Rundgang durch Kelmis hatten wir an der Einmündung der Comoutstraße in die Moresneter Straße beendet. Hier biegen wir rechts ein und folgen letztgenannter Straße abwärts in Richtung Moresnet. An der unteren Moresneter Straße liegen rechts und quer zur Straße einige ältere Häuser auf der Flur "In der Wolfskaul" ("e jen woofkul") der Urkatasterkarte von 1860. Auf der Karte der "Teckebosch"-Parzellen von 1787 steht hier das Haus des Dominicus Ernst am Rande der * Teil 1 in "Im Göhltal" 61/ 1997, S. 31-55; Teil 2 ebenda 62/1998, S. 7-43; Teil 3 ebenda 67/2000, S. 69-91; Teil 4 ebenda 68/2001, S. 66-95, Teil 5 ebenda 69/2001, S. 48-72.
59 Parzellierung. Im Jahre 1787 hat dieser 1060 Ruten (ca. 2,31 ha) aus dem Teckenbosch in Pacht erworben. Im Theresianischen Kataster von 1770-1774 (Art. 111) findet sich ein Niclaes Ernst, wohnend "op den brandenheuvel", also unter Moresnet, als Besitzer eines "Waesplaetse genoempt den Teckenbosch", also einer Weide, jedoch ohne Haus. Im Jahre 1782 lässt Dominicus Ernst 2 Pferde auf Gemeindegrund weiden und muss dafür 2 Gulden Gemeindesteuer bezahlen. Möglicherweise ist dieser Ernst Fuhrmann. Sein Haus wird dann im französischen Kataster von 1799 (Art. 40) erwähnt. In den Einwohnerlisten von 1796-1813 wird dieses Haus Nr. 22 vom Landwirten Dominique Ernst unter "Tekenbosch" bzw. "am Schnepfenflug" genannt. Der Flurname "aen schneppenvloegh" wird schon am 2. Juli 1716 erwähnt. Dort liegen 150 Ruten (ca. 33 a) Grund, die Adam Cool aus der Gemeinde entlang des "Teckenbosch" erworben hat. In der Liste vom Jahre V (1796-1797) kommt zusätzlich das Haus Nr. 23 "in der Wolfskuhl" vor, wo das Landwirte-Ehepaar Pierre Joseph Cuyper und Marie Emerance Steinvelt, wohnt. Im Jahre 1813 wohnt hier die Familie Hubert Pauly-Cuyper mit 9 Personen und 1817 die Spinnerin Witwe Hubert Pauly-Cuyper. 1829 werden 2 Familien mit insgesamt 8 Bewohnern gemeldet. Auf der Urkatasterkarte von 1860 sind ein Einzelhaus und 3 Doppelhäuser eingezeichnet. Die Karte der "Vieille Montagne" von 1862 reicht im Westen nicht bis zur Gabelung Comouth-Moresneter Straße und kann leider keine Informationen über das weiter westlich gelegene Gelände mit den Hausnummern 259-300 liefern. Der Einwohnerliste von 1856 kann wohl entnommen werden, dass bei Wollfskul die Hausnummern 295-299 zu suchen sind. Dort wohnten damals Tagelöhner und Rentner. Im Einzelhaus Nr. 300, etwas höher in der Moresneter Straße, wohnt der Metzger Christian Schyns mit weiteren 9 Personen; er bezahlt aber keine Patentsteuer. Im Adressbuch von 1902 werden hier neun Häuser angegeben. Die Einwohnerliste von ca. 1958 gibt 4 Häuser, darunter ein neueres, im "Chemin du Loup", Wolfsweg, südlich der Moresneter Straße, an. Gegenüber, auf der nördlichen Seite, zählt die Wolfskaul, "Impasse du Loup", 2 Hausnummern. Folgen wir nun der erst 1882 ausgebauten Moresneter Straße abwärts bis zur nächsten Kreuzung, wo, von rechts kommend, der "Soufflet" die Straße erreicht. Rechts befindet sich ein ehemaliges Industriegebäude, in welchem nach dem Kriege der Autobusbetrieb der Gebrüder Schreul unterbracht war. Hier wird im Jahre 1896 eine Branntweinbrennerei von
60 einem Francois Herry aus Lüttich auf der Flur "Kemperling" eingerichtet. Dieser war schon bis dahin der bedeutendste Schnapslieferant in Neutral- Moresnet. Am 23. März hat er beim Bürgermeister um die Genehmigung ersucht, das Wasser des Rurbaches zu nutzen und eine fahrbare Dampfmaschine zu installieren. Herry erhält von den königlichen Kommissaren am 27. Juni die Erlaubnis, einen Dampfkessel anzulegen. Als Gemeindeeinkommensteuer schlägt Herry selber eine jährliche Pauschale von 500 F vor, die am 30. September von den königlichen Kommissaren angenommen und 1906 auf 750 F erhöht wird. Im Jahre 1904 wird die jährliche Schnapsproduktion von der deutschen Oberzollinspektion auf 400 hl geschätzt. Der Liter guter Branntwein wird damals in den Neutral-Moresneter Schenkwirtschaften zu 32 Pfennig * bzw. 0,4 F verkauft. Der größte Teil der Produktion wird nach Belgien geschmuggelt, was eine stärkere Bewachung der belgischen Grenze durch den Zoll nach sich zieht: 16 belgische Zöllner sind hauptsächlich damit beschäftigt, den Branntweinschmuggel zu unterbinden. So konnte kurz danach ein Transport von 610 Liter hochprozentigem Branntwein, in Fässern, die von den Schmugglern auf dem Rücken getragen wurden, beschlagnahmt werden. Der Oberzollinspektor hat noch keinen Schmuggel nach Preußen feststellen können. Die Brennerei wird am 4. Februar 1908 von Simon Zinzen gekauft und 1922 nach Eupen verlegt. Se DA > 74 Pa EEE a DE 4 WS AN Da NT En Sr 5 Zn nn Da Open Pen Dat Mg “a ZH a7 Im ga ET A EN ES 8} X SE a 2 A 8 Tan IR @ | | E SET GER Der alte Hof Teckenbusch
61 Über den "Soufflet" können wir den alten Bauernhof "Teckenbusch" erreichen, der die typische Bauweise des 19. Jh. aufweist und auf der Urkatasterkarte von 1860 erscheint. Im Adressbuch von 1902 trägt der Hof die Hausnummern 431-432. Dort wohnt jedoch kein Landwirt. Der Bauernhof wird dann in der Einwohnerliste von 1958 (Teckenbosch Nr. 1) mit dem Ehepaar Bartholomäus Weber-Balduin erwähnt, das den Hof noch 1974 betreibt. Inzwischen ist das aus Bruchsteinen errichtete Gebäude stark umgebaut worden. Das Gelände wurde parzelliert und bebaut. Im unteren Teil des Soufflet, kurz vor der Einmündung in die Moresneter Straße, ist östlich eine weitere Parzellierung angelegt worden, die den Namen Königin-Fabiola-Straße erhalten hat. Die Einwohnerliste von 1958 gibt auch unter Teckenbusch Nr. 3 den Bauernhof Leonard Steffens-Nyssen an, der aber wie vorhin festgestellt, von der Steinkaulstraße aus zu erreichen ist. Die Moresneter Straße führt nun bergauf zu den Fluren "Branden- hövel", "op ene brandenhövel", und weiter rechts "Vosselder", "op ene voosselder", der Urkatasterkarte von 1860. Die Deutung beider Flurnamen ist unschwer: Auf der Anhöhe, am Waldesrand, entstand eine Rodung durch Brand; und im nahen Wald befanden sich noch Fuchsbaue. Beide Ortsteile liegen auf dem nördlichen Abhang des Rurbachtales und gehörten demnach vor 1794 nicht zur Herrschaft und Gemeinde Kelmis, sondern zu Moresnet. Im Theresianischen Kataster 1770-1774 von Moresnet (Art. 76 u. 77) erscheinen zwei Häuser "op den Brandenheuvel". Eigentümer sind Petrus Cool mit 1033 Ruten (ca. 2,25 ha) und der oben erwähnte Nicolaus Ernst mit 293 Ruten (ca. 0,6 ha) Grund. Dieser Claes Ernst hat sein Gut "op den Brandenheuvel" seinem Schwager Peter van Werst am 1. Mai 1759 vor dem Montzener Notar C. M. Schever verpfändet. Das dortige Gut des Joes (Johannes) Ernst von Moresnet, wohl der Vater des Claes, wird schon am 19. September 1725 erwähnt. Dasjenige des Adam Cool von Moresnet, wohl der Vater des Petrus, am 2. Juli 1716. Ein Thijs Koil ist laut Grundbuch von 1686 (F° 25) am Moresneter Weiler "Busch" 1653- 1686 mit Haus und Hof begütert. Laut Einwohnerverzeichnis des Jahres V der Republik (1796-1797) wohnt in Nr. 9 das Landwirte-Ehepaar Andre Hilligsmann - Anne Marie Schyns und in Nr. 10 die beiden Landwirtsfamilien Chretien Schyns - Marie Catherine Corman und Alexandre Hautregard - Marie Catherine Schyns. Um 1809-1817 wohnt Nr. 9. Mathieu Desamorie und in Nr. 10
62 der "charpentier", Zimmermann, Alexandre Hautregard. Da sie keine Grundsteuer bezahlen, müssen sie wohl dort gemietet sein. Die Urkatasterkarte von 1860 gibt 2 Bauernhöfe etwas abseits westlich der Straße an. Nach der Einwohnerliste von 1856 werden diese Höfe von den Ackerern Wilhelm Haagen-Doum (Nr. 293) und Nikolaus Hermens-Schillings (Nr. 294) bewirtschaftet. Die Gebäude sind gut auf der Karte von 1950 zu erkennen. Damals zierten die Buchstaben "N H" (Nikolaus Hermens) noch das Oberlicht der Haustür des zweiten Hauses, das heute die Nr. 99 trägt. Diese Verzierung wurde bei einer Renovierung leider entfernt, doch ist das aus Bruchsandsteinen gebaute Haus mit Fensterfassungen aus Feldbacksteinen in gutem Zustand. Auf der Urkatasterkarte von 1860 ist auch ein Häuschen an der Ecke Bauweg / Moresneter Straße zu erkennen. Ein viertes liegt weiter an der linken Seite des Weges nach Boschhausen. Dieses brannte Ende der 50er Jahre ab. Anlässlich des Ausbaues der Moresneter Straße wird 1878 das Haus Reul erwähnt, in dessen Nähe die neue Straße nach links bog. Ein Heinrich Reul-Wehrmeister, Schmelzer bei der Zinkhütte, wohnte im Jahre 1856 in Nr. 289 (insgesamt 12 Bewohner). Im Jahre 1902 zählt man 5 Hausnummern am "Brandenhövel", darunter einen Bauernhof und ein leerstehendes Haus. Nach der Katasterkarte von 1950 bestehen 3 Reihenhäuser an der Ecke Moresneter Straße/ Bauweg und ein zusätzliches Haus wurde tiefer an der rechten Straßenseite erbaut. In der Einwohnerliste von ca. 1958 können 6 Hausnummern am westlichen Ende der Moresneter Straße identifiziert werden. Das aus Bruchsteinen errichtete Gebäude des Bauernhofes Emonts-Gutman (1978) bzw. Nr. 293 von 1856 ist inzwischen abgerissen worden. Die jetzige Trasse der Moresneter Straße ist erst um 1960 angelegt worden. An der Ecke der neuen abgekürzten Moresneter Straße und der alten Trasse über "Vossölder" erinnert ein schlichtes Kreuz seit 1987 an die Opfer eines im Kriege am 3. Januar 1944 abgestürzten kanadischen Flugzeuges. Die neue Straße folgt einem alten Wiesenpfad, der von Brandenhövel zur Eisenbahnbrücke im Moresneter Weiler Boschhausen führte. Am Rande dieses Pfades bestand bis ca. 1955 ein altes Fachwerkhaus mit Sockel und Giebel aus Bruchsandsteinen. Die Eisenanker des Giebels ergaben das Baujahr 1630. Laut Urkataster von 1860 hießen Flur und Haus "Auf der Weide". Im Theresianischen Kataster von Moresnet 1770-1774 (Art. 82) wird die Witwe Lambertus Franck "op de weydt” erwähnt. Sie besitzt dort 2 Häuser und 4689 Ruten
63 wz 5 FA A ss AS | EN ) u. BO F || f u m. - SE .. Ho a De AD 8 JASSAf En En s X DS SU | LA N Eee # % Di wi 1 Bl 7 . A X Gedenkkreuz auf Brandenhövel. Ein von einem Bombenflug aus Deutschland zurückkehrendes kanadisches Flugzeug stürzte am 3. Januar 1944 hier ab. (ca.10,22 ha) Grund. Diese Häuser, Nr. 11 und 12 von Moresnet, sind 1805-1813 auch vermietet. Links hinter der Häuserreihe der neuen Straßentrasse befindet sich auf einem Privatgrundstück, einige Meter von der eigentlichen Grenzlinie entfernt der Grenzstein XI des neutralen Gebietes von Moresnet. Der Verkehr musste früher am Fuße des hochgelegenen Vossölder rechts nach Buschhausen einbiegen. An dieser alten Strecke kurz vor Boschhausen steht rechts in der Hecke der Grenzstein XII. Der Weiler Vossölder war, bei 250-255 m Höhe, der höchstbesiedelte Ort von Neutral- Moresnet. So führt eine neu dort angelegte Straße zurecht den Namen Hochstraße. Die Flur "Vossölder" wird im Theresianischen Kataster nicht erwähnt. Es mag wohl sein, dass ein Teil der Häuser "aen den bosch"
64 bzw. "in den bosch huyser" dazu zu rechnen sind. Der Untergrund besteht auch hier aus Schichten des Aachener Sandes, in welchem sich viele Sandstein- bzw. Quarzitbänke befinden. Brocken dieser Bänke sind beim Bau der unten erwähnten Siedlung freigelegt worden. Zur Wasserversorgung mussten früher mehrere Brunnen bis zur wasserdichten Schicht des Hergenrather Tons im alten Weiler geteuft werden. Auf der Urkatasterkarte von 1860 befinden sich dort außer 4 Einzelhäusern noch eine Reihe von 3 Häuschen, die man noch gut auf der Karte von ca. 1950 identifizieren kann. Im Jahre 1902 werden 15 Hausnummern, darunter 4 leere Häuser, am "Vossölder" angegeben. Es bestehen heute noch einige alte, einfache Arbeiterhäuser aus Bruchsandsteinen. Die Einwohnerliste von ca. 1958 gibt 5 Häuser am Ort Vossölder an. | Im Jahre 1991 plante die Baugenossenschaft "Nos Cites" eine neue große Siedlung "Vossölder" mit 25 Appartements und 15 Einzelhäusern am Abhang zum Rurbach. Erst im August 1995 konnten die Arbeiten aufgenommen werden. Mitte 1997 waren schon 41 Mietwohnungen fertiggestellt und 25 Einzelhäuser verkauft. Zusätzlich wurden danach noch 10 Wohnungen und 9 Einzelhäuser gebaut. An der Kreuzung "Brandenhövel" gehen wir nun den Bauweg hinunter. Unten rechts befindet sich ein schlichtes Arbeiterhaus aus Fachwerk auf Bruchsandsteinsockel in der Flur, die laut Urkatasterkarte von 1860 "An der rothen Bach" genannt wird. In einer Urkunde des Notars Denis Langohr vom 7. Februar 1787 wird das Gut als Besitz des Jean Corneil Laschet erwähnt. Im Jahre 1902 ist dieses Haus noch das einzige am Ort "Rothe Bach". Es steht seit dem 22. Dezember 1988 als einziges noch bestehendes Arbeiterhaus von Neutral-Moresnet unter Denkmalschutz. Ich habe es persönlich am 28. Mai 1998 von den Erben Koch erworben, um es vor einem beantragten Deklassierungsverfahren zu retten. Der Vater Koch hatte es bei einer Erbschaftsteilung am 20. September 1946 erworben. In der Einwohnerliste von ca. 1958 wird das Haus Bauweg Nr. 75 angegeben. Gegenüber bestanden damals die 4 Häuser Nr. 76-82, wovon drei auf der Siedlungskarte von ca. 1950 erscheinen. Wir erreichen wieder den Rurbach und somit die alte Grenze Kelmis- Moresnet (1650-1794). In der Wiese rechts, unweit des Wiesenpfades, bemerken wir den Grenzstein X von Neutral-Moresnet. Links führt ein Weg nach Wolfskaul zur Moresneter Straße, während man über einen Wiesenpfad bergauf durch die Flur "Kepperling" zum Ortsteil Dörnchen gelangt. Vor einigen Jahren konnte man noch die typische Galmeiflora
66 entlang des Pfades, der "Kälemewäkske" hieß, beobachten. Die von der "Vieille Montagne" nach Moresnet oder Gemmenich zurückkehrenden Bergleute hatten genügend Galmei an ihren Schuhen, um im Laufe der Jahrzehnte die Ausbreitung einer winzigen Galmeitrift zu begünstigen. Mit dem kräftigen Düngen der letzten Jahre ist davon jedoch jede Spur verloren gegangen. Ein "Keppeliers wyer" wird schon in einer Urkunde vom 31. Januar 1469 erwähnt. Dieser Weiher wird von limburgischen Adligen der Sippe von Walhorn als Grenzpunkt eines Gebietes genannt, in welchem sie Bergrecht beanspruchen. Wir gehen den Bauweg bergan. In den Wiesen rechts stehen die neutralen Grenzsteine VIII und VII. Bald erreichen wir die Kreuzung zur Bachstraße. Rechts steht das Anwesen "Bau", "a jene bow". Es’ bestanden hier zwei Bauernhöfe nebeneinander. Der erste rechts wird noch bewirtschaftet. Die Fassade des Wohntraktes hat einen Zementbewurf erhalten. Der Türsturz aus Blaustein weist aber noch in einem Rechteck mit nach innen abgerundeten Ecken die Inschrift "IH S /LH MK / 1778“ auf. Die Erbauer, die Eheleute Leonard Hermens und Marguerite Keutgens, haben am 23. September 1769 in Moresnet geheiratet. Der Ehemann ist laut Moresneter Kirchenbüchern im Jahre VI der Republik (1797-1798) gestorben. Im französischen Kataster (Art. 42) ist die Witwe Leonard Hermens Eigentümerin. Im Jahre 1818 bezahlt sie nur Grundsteuer, sie wohnt also nicht mehr am „Bau“ und verpachtet das Gut. Der "marechal", Hufschmied, Lambert Nyssen-Laschet wohnt 1809-1813 im Haus Nr. 37 (insgesamt 9 Bewohner) und bezahlt auch 1817-1818 dort alle Steuern. Von 1824 bis 1827 wird die Witwe Leonard Hermens als Eigentümerin bezeugt, die mit 53 F Einkommen für die Grundsteuer des gesamten Gutes veranlagt wird. In den Jahren 1828- 1829 sind es die Erben. Das durchschnittliche Einkommen aus Grundeigentum beträgt damals im neutralen Gebiet von Moresnet ca. 25,2 F. Später erscheinen, laut Steuerrollen von Neutral-Moresnet, nacheinander als Eigentümer der in Hergenrath wohnende Landwirt Lambert Cüpper (1830-1832), dann der Eupener Maas (1833-1841), und 1843-1849 der Landwirt Jean Joseph Beckers, der das Gut auch bewirtschaftet. Auf der Karte der ” Vieille Montagne" von 1862 ist der Bauernhof im Besitz von J. H. Maes. Inwiefern dieser mit dem vorhin erwähnten und mit dem J. J. Beckers, von dem er es erworben hat, verwandt ist, sei dahin gestellt. Im ältesten Bevölkerungsregister von Neutral-Moresnet (1856) ist das Haus Nr. 178 von zwei Tagelöhnerfamilien mit insgesamt 8
67 Familienmitgliedern bewohnt. Der ehemalige Stall, Nr. 179, wird von einer Bergmannsfamilie mit 4 Angehörigen bewohnt. In der Adressliste von 1902 erscheint am Bau Nr. 308 die Landwirtin Witwe Johann Thissen. Sn = “> ADOBE T ST Pr 8 a Ja MEN 4 43 DO nm a. ME A ET £ ER ET li aa a ‚a Aa 77 Chapab Gü Sa 0 DAN A - A a % A A & ai pa Ber e % kn Dad De A x Das nicht mehr bewohnte Anwesen Bachstraße Nr. 46 #% VBSEO MEET A EA EST A ET WILL WEIT BAER EEE ES a A IC WE dh EZ SATTE Re A + . Ar PURE AG SE SE EN AT U ANA TE EEE ET dr AVANT A CA A a Ve EN a A ae BE MAIS BA A EEE Ban SE AED SE AED Pe ER. SE am NE KA ET TEN TR Se SE EAU A a CS S PER VERA NS BEE WE re SR BE AB REES AT An Kae ed EA (E EEE EEE PAD Zn ET SE SP N PU 5 A DA A Be AA AS PEN E 5 A a VE SAAB EOS ARE ET TREE. ES DA A A EN EEE A DA VE SP EP EEE PER Die Initialen der Erbauer Claes Hermens und Catherine Smets
68 Die Einwohnerliste von ca. 1958 und die Katasteraufstellung von 1974 geben den Landwirt Pierre Geron im Haus Bauweg (nun Nr. 31) an, der noch heute dort wohnt und das Gut von Eltern und Großeltern geerbt hat. Das zweite Anwesen, Bachstraße Nr. 46, dient heute nur noch als Lagerraum. Der Bau ist aber interessanter, da die alte Substanz besser zu erkennen ist. Er entspricht der typischen Bauweise des 18. Jahrhunderts. Der Türsturz trägt in gleicher Form wie beim vorhergehenden die Inschrift "IHS/ 17 (Herz) 43/CH CS", womit wir die Erbauer, nämlich Claes Hermens und Catherine Smets, identifizieren können. Die beiden hatten am 18. September 1718 in Moresnet geheiratet. Im Theresianischen Kataster 1770-1774 (Art. 24) erscheint die Witwe Claes Hermens geborene Catherine Smetz als Eigentümerin mit 2998 Ruten = 6,5340 ha Grund und rangiert somit an 15. Stelle der 121 Grundeigentümer. Der Ehemann stirbt laut Moresneter Kirchenbüchern am 26. März 1757 und die Witwe am 6. Februar 1775. Claes Hermens ist aber schon im Grundbuch von 1756 (F° 33) als Eigentümer mit 2719 Ruten (ca. 5,93 ha) Grund angegeben, die zu 1 Gulden, 0,9 Stüber veranschlagt sind. Damit kommt er an 8. Stelle unter den 81 Grundeigentümern. Am 16. Juli 1723 schon hat das Ehepaar eine Hypothek auf das Gut "den bouw in den kelmiserheydt" von seinem Schwager Niclaes Franck übertragen bekommen, der dem früheren Besitzer eine Summe von 1700 Gulden geliehen hatte. Dieser war der 1719 gestorbene Moresneter Meyer Niclaes Brandt. Die Witwe Brandt überträgt das Gut dem Ehepaar Hermens erst am 16. August 1731. Die damals von Hermens schon getätigten Ausbesserungen am Hof waren 1719 mit 700 Gulden geschätzt worden und übertrafen den Wert des Gutes. Im französischen Kataster von 1799 (Art. 41) ist Peter Hermens, wohl ein Sohn, angegeben. In den Steuerheberollen von 1813-1817 (Hausnummer 36) erscheinen die Erben Nicolas Hermens. In den Einwohnerlisten von 1809-1813 ist Martin Scheiff-Hermens in Nr. 36 mit 4 Bewohnern registriert. Von 1824 bis 1841 bezahlt Nicolas Hermens 22 F Grundsteuer. Ihm folgt von 1843 bis 1851 Maximilian Radermecker, der auch auf der Karte der "Vieille Montagne" von 1862 als Eigentümer angegeben wird. Die Adressliste von 1902 gibt den Oberhauer und Landwirten Hubert Heuschen als Bewohner des Hauses Bau Nr. 307 an. Nach der Einwohnerliste von ca. 1958 dient das Gebäude noch als Wohnung (Joseph Nyssen-Thelen), aber laut Katasteraufstellung wird es 1974 als Stall des Pierre Geron angegeben. An der gegenüber liegenden Straßenecke ist ein dem hl. Judas
69 Thaddäus gewidmetes Kreuz mit verschiedenen Ex-voto-Tafeln errichtet worden. Rechts führt die Bachstraße hinunter zum Rurbach. Noch auf der Höhe, ca. 125 m von der Kreuzung, am Verbindungspunkt der Moresneter "rue du Ruisseau" (Nr. 25) und der Kelmiser Bachstraße, steht rechts der Grenzstein VII des ehemaligen neutralen Gebietes. Links, auf Kelmiser Gebiet, liegt ein älteres Haus mit der typischen Bauweise der ersten Hälfte des 19. Jh. Es ist auf der Karte der "Vieille Montagne" von 1862 eingezeichnet und gehörte damals einem Johann Peter Niessen, der noch in der Adressliste von 1902 als gewerbloser Bewohner des Hauses Nr. 306 (Bau) zitiert wird. Im ältesten Bevölkerungsregister von Neutral Moresnet von 1856 wird der Johann Peter Niessen im Haus Nr. 176 als Schenkwirt gemeldet. Im Einwohnerverzeichnis von ca. 1958 trägt das Haus die Nr. 53, vorhin 5. Laut der erwähnten Karte von 1862 heißt die Flur "Op de Ruyn". Die Bachstraße ist auf der Moresneter Katasterkarte von ca. 1830 als "Voetpad de Moresnet" bezeichnet. Vor dem Bau des Eisenbahndammes stellte sie die schnellste Verbindung von Kelmis nach Moresnet dar. Der Ausbau dieses Weges als Verbindungsstraße von Neutral- nach Belgisch Moresnet wurde im vorigen Jahrhundert ernsthaft erwogen, bevor man sich für die Trasse über Boschhausen entschied. Letztere hatte den Vorteil, eine Verbindung sowohl nach Moresnet, als auch nach Gemmenich zu schaffen. Die Fortsetzung des Bauweges führt links nach Süden zur Kreuzung Parkstraße / Heide. Am Eingang links befindet sich ein mehrfach umgebautes Haus, das 1862 als Doppelhaus (Nr. 180, 181) des P. J. Bouchard erscheint. Laut Bevölkerungsliste von 1856 wohnten hier die Tagelöhner Peter Joseph Buchard Nr. 181 (insgesamt 6 Bewohner) und Nikolaus Niessen Nr. 180 (ebenfalls mit 6 Personen). Weiter, etwa auf halber Länge der Straße, steht rechts ein älteres Bruchsteinhaus mit Fensterfassungen aus Feldbacksteinen, das aber 1862 noch nicht bestand. Es war bis kurz vor 1958, in welchem Jahr 5 neue Häuser angegeben werden (Nr. 1-5 + 9-11), das einzige Gebäude dieses Straßenzuges (Nr. 13, Hubert Franck). An der Kreuzung Bauweg-Bachstraße biegen wir in die auch von hier ausgehende "Rottstraße" ein. Dieser alte Weg, an dessen linker Seite eine kleine Siedlung um ca. 1970 angelegt wurde, verlässt die Kreuzung schräg. Sein Name erinnert an frühere Rodungen. An der rechten Straßenseite steht der neutrale Grenzstein VI. Am Ende erreichen wir
70 wieder eine Kreuzung. Rechts führt die Moresneter "Rue du Viaduc" zum Rurbachtal hinunter. An der Ecke steht rechts ein älteres, ziemlich hohes Haus aus Feldbacksteinen, das sich schon in der Gemeinde Plombi@res, früher Moresnet, befindet und nach der Bauweise dem 19. Jh. zuzuordnen ist. Vor 1794 gehörte das Gelände bis zum Bach aber zu Kelmis. Im Moresneter Kataster wird das Grundstück mit dem Haus unter A 141c angegeben. Um 1864 gehörte es dem Kelmiser Landwirt Theodor Thimister (Art. 156 der Katasterrolle), der das Haus 1853 erbauen ließ. Davor gehörte das noch nicht unterteilte Grundstück 141 als "Bauwei" dem Landwirt Laurent Thimister, wohl dem Vater (Katasterrolle Art. 99). Die Familie Laurent Thimister-Walraff wohnte 1809-1813 Kelmis Nr. 46. Das Haus wurde 1880 an den Neutral-Moresneter Schmelzer der "Vieille Montagne" Henri Evertz-Walraff verkauft. Von 1899 bis 1909 war es im Besitz des Neutral-Moresneter Schreiners Chretien Evertz- Ridder. Links führt der Weg zum Ortsteil "Driesch", "op e drischke". Auf der Urkatasterkarte von 1860 heißt es "Auf dem Ginsterdriesch". Früher dehnte sich also hier eine Ginsterheide auf unfruchtbarem Boden aus, der durch Verwitterung des schiefrigen Famenne-Sandsteins entstanden 8 % A DO Si A ; 15 == ; a A Y dA | SE We DE pa Fa A f | “we Das Gehöft „Kelmis“, heute auf dem Gebiet von Moresnet
A ist. Ein Driesch ist ein brachliegender Acker, der eventuell als Weide dienen kann, bzw. auch eine Weide geringer Güte. In kurzer Entfernung zur Kreuzung befindet sich südlich des Weges, Nr. 55, der ehemalige Bauernhof der Geschwister Coemaet. Die Fassade mit Zementputz trägt die Jahreszahl 1912. Auf der Urkatasterkarte von 1860 heißt die Flur südlich des Weges "Im Käfer". Im Kelmiser Grundbuch von 1756 (F° 38) wird schon eine "weyde aen den keffer" erwähnt, die der Witwe Mees Born-Franssen gehörte. Im französischen Kataster von 1799 wird diese Wiese (Art. 44/ 257) als Besitz des Theodore Walraff genannt. Die Bevölkerungslisten der Jahre 1796-1817 erwähnen hier ein Haus (Nr. 38), das vermietet ist. Laut Karte der Vieille-Montagne gehörte es 1862 den Geschwistern Nols. Wir lassen Driesch links und gehen einen alten Weg hinunter, der ungefähr die Grenze gegen Belgisch Moresnet, heute Plombieres, bildet. An der nächsten Wegegabelung steht in der Hecke der Grenzstein V von Neutral-Moresnet. Zunächst wollen wir dem Weg noch weiter bis zum Gehöft "Kelmis" auf dem Gebiet der ehemaligen Gemeinde Belgisch Moresnet folgen. Vor 1816 und von 1650 bis 1794 lag dieses Gehöft im Gebiet der Herrschaft und Gemeinde Kelmis. Die Grenze gegen Moresnet bildete auch hier der unten fließende Rurbach bis zur Einmündung in die Göhl unterhalb des Gehöfts. Dieses gehört zum alten Kern der früheren Herrschaft und Gemeinde Kelmis, dem wir schon etwas südlicher um die Rochuskapelle, ”e jen dörp", begegnet sind. Von den beiden hier stehenden ehemaligen Bauernhöfen ist einer besonders interessant. Um einen Hof stehen verschiedene Gebäude aus Famenne-Bruchsandstein. Dieser konnte unweit in kleinen Steinbrüchen gewonnen werden. Das Wohnhaus besitzt traditionelle rechteckige Öffnungen mit Blausteinfassungen. Oberhalb der Eingangstür trägt der Sturz in einem eingeritzten Rechteck mit nach innen abgerundeten Ecken die Inschrift : "1753/1.W.R./G.S./IH S". Das Ehepaar Jean Wal-Raff und Gertrude Smets, das am 5. Februar 1742 in Moresnet geheiratet hat, baute das Haus 1753. Die Ehefrau verstirbt laut Moresneter Kirchenbuch am 13. Januar 1788. Was die Identifizierung des Erbauers erschwert, ist die Tatsache, dass in der alten Gemeinde Kelmis gleichzeitig zwei gleichnamige Grundbesitzer erscheinen. Ein Johannes Walraeff (Wal-Raff) hat das Gut von Mathys Vaesen mit 2163,5 Ruten (ca. 4,72 ha) Grund laut Grundbuch von 1756 (F° 43 v°) übernommen. Dieses Gut wurde mit 17,75 Stüber
72 veranschlagt und stand somit an 10. Stelle. Ein anderer Joes (Johannes) Walraeff wird im gleichen Grundbuch (F° 45) mit 2385,25 Ruten (ca. 5,20 ha) Grund und einem Haus angegeben, das er von einem Christiaen Wertz erworben hat. Mit 18,6 Stüber veranlagt, rangiert er an 9. Stelle unter den 81 Kelmiser Grundeigentümern. Im Theresianischen Kataster von 1770-1774 (Art. 29) erscheint ein Joes Walraeff mit 1742 Ruten (ca. 3,8 ha) Grund und kommt an 35. Stelle der 121 Grundeigentümer. Der andere (Nr. 33), mit 4834 Ruten (ca. 10,32 ha) Grund, rangiert an 6. Stelle unter den Grundeigentümern. Welcher von beiden nun Bauherr des Hauses im Jahre 1753 ist, habe ich auf Grund der Quellen nicht bestimmen können. Laut Steuerheberollen von 1818 wird das Grundeinkommen des Mathieu Walraf im belgisch gebliebenen Teil von Kelmis mit 205 F geschätzt. Er wird schon im französischen Kataster von 1799 (Art. 46) mit 2 Häusern angegeben. Das Ehepaar Mathieu Walraff und Claire Schillings wohnt 1796-1813 in Kelmis Nr. 45 (8 bzw. 9 Bewohner). Sie hatten am 14. Januar 1787 in Moresnet geheiratet. Im Kataster der Gemeinde Belgisch-Moresnet ist das Grundstück mit den Gebäuden unter A 148 angegeben. Im Jahre 1846 erscheinen die Erben des inzwischen verstorbenen Landwirts Mathieu Walraff (Katasterrolle Art. 105) als Eigentümer (Katasterrolle Art. 184). Sie verkaufen das Gut 1849 an Anne- Marie Jamar, Ehefrau des Moresneter Schreiners Henri Pelser (Art. 194 derselben Rolle.). Durch Erbschaft wird es 1865 der Moresneter Familie Joseph Charlin-Gaspar übertragen. Der in Cornesse wohnende Landwirt Nicolas Joseph Pelzer erwirbt das Gut im Jahre 1872. Es folgt 1915 die Landwirtin Witwe Pelzer-Schils mit Kindern. Etwas tiefer rechts steht ein weiteres umgebautes Gebäude, das laut Moresneter Kataster im Jahre 1864 aus drei Häusern besteht. Das westliche Grundstück mit Haus A 154 gehört der vorerwähnten Anne- Marie Jamar. Die aufeinander folgenden Besitzer sind dieselben wie beim vorhin erwähnten Grundstück A 148. Das mittlere Haus, Grundstück A 155, gehört dem Kelmiser Tagelöhner Jean Carabin (Katasterrolle Art. 16). Carabin verkauft dem oben erwähnten Landwirten Nicolas Joseph Pelzer Haus und Hof im Jahre 1872 (Art 194 der Katasterrolle). Das östliche Grundstück A 157a mit Haus und Hof gehörte zuerst um 1830 den in Lontzen wohnenden Kindern des Lambert Born (Art. 5) und 1864 dem Moresneter Arbeiter Chretien Vandesanden (Art. 183). Dieser verkauft sein Gut 1874 ebenfalls dem schon genannten Nicolas Joseph Pelzer (Art. 194). Die Steuerheberollen von 1818 geben den bedürftigen
BB Tagelöhner Lambert Born in Belgisch Moresnet an, der 1813 als Weber gemeldet wird. Nach den Einwohnerlisten von 1809-1817 wohnt die Familie Lambert Born - Marie Josephe Hermens im Hause Nr. 44/3 (5 Bewohner). Daneben, Nr. 44/2, wohnt eine Verwandte, die Witwe Jean Olislaeger geb. Anne Marie Born, und in Nr. 44 die Witwe Barbe Nyssen- Hermens. Diese 3 Häuser entsprechen wohl den Gebäuden des Jahres 1864. Einem Jean Olislaeger begegnen wir 1790 in der Aufstellung der Kelmiser Bergarbeiter. Im französischen Kataster von 1799 (Art. 45) erscheint die Witwe Barthelemy Born mit Haus, Garten und Hausweide. Laut Theresianischem Kataster 1770-1774, Art. 32, besitzt der Kelmiser Bartholomeus Born ein Haus mit 994 Ruten (ca. 2,17 ha) Grund. Im Kelmiser Grundbuch von 1756 (F° 42) wird Mees Born mit "huys ende hooff' und 569 Ruten (ca. 1,24 ha) Grund an 47. Stelle der 81 Grundeigentümer angegeben. Er erwirbt noch im gleichen Jahr 411 Ruten (ca. 0,90 ha) Grund aus der Erbschaft seiner Frau Gertrude Franssen. Ein Daem Born kommt mit "huys, hof” und 419,5 Ruten (ca. 0,91 ha) Grund im Grundbuch von 1686 (F° 36, Nr. 45) vor und ist am 7. April 1693 gestorben. Seine Witwe geborene Anne Nicolai starb am 14. August 1706. In der Nähe des Gehöfts steht noch 1864 auf dem Grundstück A 152b das Häuschen des Moresneter Tagelöhners Guillaume Duyckaerts- Vandenzanden (Art. 223). Es gehörte um 1830 dem Kelmiser Tagelöhner Jean Carabin. Es wurde mehrmals, und zwar 1888 und 1889 vergrößert; 1910 erwarb es der Landwirt Nicolas Joseph Pelzer. So hatte dieser im Laufe der Zeit das gesamte im Moresneter Teil liegende Gut Kelmis erworben. Wir kehren zurück zum Grenzstein V, um der heute Hagenfeuer (vom Flurnamen "hagelvür") genannten Straße nach Südwesten zu folgen, die ungefähr parallel zur Göhl am Ostabhang des Bachtales verläuft. Bald erreichen wir ein altes Gehöft, das früher den Namen "Kelmes" trug. In der Einwohnerliste von ca. 1958 werden hier 5 Hausnummern (Hagenfeuer Nr. 87-95) angegeben, darunter der von Guillaume Taeter - van Houtem bewirtschaftete Bauernhof. Einige Häuser sind im Laufe der Zeit umgebaut worden, verraten aber noch die alte Substanz. Die Vorderfassade am Wohntrakt des Bauernhofes ist leider schon vor Jahrzehnten mit einem Zementputz versehen worden, so dass das Fachwerk der Etage nur vermutet werden kann. In der Adressliste von 1902 werden diese Häuser mit „Heide 293-298“ nummeriert. Der
74 Tagelöhner und Ackerer Egidius Thaeter wohnt Nr. 293, der Ackerer Johann Hackens Nr. 294. Laut Karte von 1862 ist Guillaume Francois Eigentümer der beiden ersten kleinen Häuser, während die Witwe J. Schyns den östlichen Teil des Bauernhofes und Theodor Thimister zwei weitere Gebäude desselben besitzt. Aus der ältesten Bevölkerungsliste von Neutral Moresnet (1856) entnehmen wir, dass der Bergmann Wilhelm Francois mit seiner Ehefrau Anna Maria Deby und zwei Kleinkindern im Haus Nr. 170 wohnt. Daneben, in der Nr. 171, wohnt die Schuhmacherfamilie Christian Vandegard - Franck (4 Personen). Im Häuschen Nr. 169, an der Straße, heute ein Schuppen, wohnt der Tagelöhner Mathias Hamel (7 Personen) und im höheren Fachwerkhaus Nr. 168 registrierte man den Bäcker Johann ' Schyns, Ehemann der Maria Catharina Walraff. Dieser wird schon 1827 als Bäcker in der Steuerheberolle erwähnt, bezahlt aber noch keine Grundsteuer bis 1841. Er scheint seit 1824 im Haus der Erben Anna Cathrin Walraff zu wohnen. Die Teilung der Erbschaft hat vermutlich erst 1841 stattgefunden. Der Kapitalwert seines Grundeigentums wird auf 18 F geschätzt. Die berufliche Patentsteuer zahlt er 1835 (älteste erhaltene Heberolle) bis 1858, seine Witwe zahlt dieselbe 1859-1860. Der Johann Schyns wird am 27. August 1833 vom Bürgermeister von Lasaulx zu einer Versammlung der Neutral-Moresneter „Meistbeerbten“ (= vermögendsten Bürger) eingeladen. Diese Versammlung soll in Ermangelung eines eigenen Gemeinderates Gutachten zur Veräußerung von Gemeindegut erteilen. Am 26. August 1854 wird er dann von den königlichen Verwaltungskommissaren in den neugegründeten eigenen Gemeinderat von Neutral-Moresnet berufen. Er ist am 8. Januar 1858 gestorben. Das Gut könnte vom Landwirt Theodor Walraff herrühren, der laut Steuerheberolle von 1818 im Neutralen begütert ist, wo sein Grundeinkommen mit 119 F veranlagt wird. Im französischen Kataster von 1799 (Art. 44) ist der Witwer Theodore Wallraeff Eigentümer von 2 Häusern, Wiesen und Ackerland. Er hatte am 21. November 1772 in Moresnet die Sibille Mostert geheiratet. Wahrscheinlich ist Theodore Wallraeff ein Sohn eines der beiden 1770 erwähnten Grundeigentümer namens Johannes Walraf (Art. 29, bzw. 33), auf die wir schon oben eingegangen sind. Nach den Einwohnerlisten von 1809-1813 wohnt er Kelmis Nr. 41. Im Nachbarhaus Nr. 42 wohnt 1809-1813 die Tagelöhnerfamilie Henri Thimister - Anne Catherine Pome. Die Witwe Henri Thimister erscheint in der Neutral-Moresneter
75 Steuerrolle von 1818, ohne jedoch Grundsteuer bezahlen zu müssen. In den Jahren 1856-1862 sind die restlichen Gebäude des Hofes "Kelmes" (Nr. 167) Wohnung und Stallung des Ackerers Theodor Thimister - Horregard (5 Bewohner), der 1841 zu 38 F Grundeinkommen veranlagt wird, aber erst 1843 die anderen Steuern eines Einwohners bezahlt. Sein Vorgänger ist der 1824-1839 erwähnte Tagelöhner Laurenz, bzw. Laurent Thimister (1829). Dieser Laurent Thimister-Walraff wohnt 1809-1813 in Kelmis Nr. 46, im später belgisch gebliebenen Teil (?). Im Jahre 1840 erscheinen dessen Erben. Der Bäcker Theodor Thimister wird am 26. August 1854 in den Neutral-Moresneter Gemeinderat ernannt, dem er bis zu seinem Tode am 20. März 1879 angehört. Als Bäcker bezahlt er die berufliche Patentsteuer 1843-1844, scheint danach jedoch den Beruf gewechselt zu haben. In den Wiesen des früheren Bauernhofes ist vor einigen Jahren die Parzellierung "Im Käfer" durchgeführt worden. Dieser Flurnamen betrifft eigentlich die gegenüber liegenden Wiesen. Von hier beobachten wir gut die Hinterfassaden der alten Häuserreihe "im Kloster", die teilweise umgebaut worden sind. Die Bezeichnung steht, so viel ich feststellen konnte, nicht in Beziehung zu einem ehemaligen Klosterbesitz. Vielleicht kommt sie daher, dass viele Leute dort wohnten, fast wie in einem Kloster? Der Name kommt nicht im Urkataster vor, hier steht der Flurnamen "In der Heid". In der Adressliste von 1902 werden drei Häuser Nr. 290-292 am Ort „Kloster“ erwähnt. Die Einwohnerliste von ca. 1958 sowie die Katasteraufstellung von 1974 geben hier die 4 Häuser Hagenfeuer Nr. 69-75 an. Nach der Karte von 1862 gehören die dortigen Häuser Nr. 165-166 dem Schreiner Johann Joseph Wehrmeister, der 1856 die Nr. 166 mit 8 Familienangehörigen bewohnt. Im Nebenhaus, Nr. 165, wohnen zwei Tagelöhnerfamilien und ein einzelner Tagelöhner, insgesamt ebenfalls 8 Personen. In den Steuer- heberollen von Neutral-Moresnet wird Jean Joseph Wermeester 1852- 1854 mit 17 F Grundeinkommen als Tagelöhner, im Jahre 1857 als Schreiner angegeben. Als solcher erscheint er 1854 unter den 20 Meistbeerbten, die den Königlichen Kommissaren als Gemeinde- ratsmitglieder vorgeschlagen werden. Ernannt wird er am 3. Juli 1858. Er dankt am 14. Januar 1865 ab. Vordem wird in den Steuerheberollen von 1818-1847 der Landwirt Mathieu Wermeester mit jeweils 37 F Grundeinkommen aufgeführt. Am "Kloster", damals Nr. 49, wohnte 1796- 1809 die Familie Jacques Wermeester-Lenoir. Nach dem Theresianischen Kataster 1770-1778 (Art. 36) und dem französischen Kataster (Art. 51)
76 besitzt Jacobus Weermeester "in de Heydt" "huys, stal, backhuys" und 725 Ruten (ca. 1,58 ha) Grund. Das Grundbuch von 1756 (F° 50v°) gibt Jacobus Weermester als Nachfolger der Maria Gertrudis Lenoir (die Schwiegermutter ?) mit "huys, hooff" und 724,5 Ruten Grund an. Jacques Wermester und Gertrude Lenoir haben am 27. Mai 1769 in Moresnet geheiratet. Wir erreichen nun einen Weg, der links bergauf zum Driesch führt. Auf halber Höhe steht rechts, etwas abseits, ein umgebautes älteres Haus, das 1862 als Doppelhaus eingezeichnet ist: Eine Hälfte (Nr. 164) gehörte dem Aufseher Jakob Taeter, der das Haus 1856 mit 7 Mitbewohnern belegte. Die andere Hälfte (Nr. 163) gehörte dem Aufseher Theodor van | 2 | Ds 2 | Ds EG | 5 E66: | BO e | Re A ee LE ER AP OLE 7 ee ES SAN Ad KO Ua 1 ES, N EEE AN | Ran A LA +. AN al Vi a SE INA An KM 5 DE A A we BE HE 778g; AN Öl at A DE Be & OS Per. x a. CS KM wa ES € a) AX - KA A | 3 AN A u A PM An A a Mn LEE EA Ms m. SEE be _. = EBENE EN Kreuz an der Ecke Driesch-Heide (errichtet 1891)
4 Wersch mit 5 Familienangehörigen. Beide waren bei der "Vieille Montagne" beschäftigt. In der Drieschstraße selbst entdecken wir rechts auch zwei ältere Häuser aus dem Anfang des 19. Jh. Das erste an der Ecke (1958: Driesch Nr. 39-41) gehörte 1862 als Doppelhaus (Nr. 173) dem Tagelöhner Franz Joseph Frank, der dort 1856 mit 7 Familienangehörigen wohnte und die zweite Hälfte vermietet hatte. 1856 sind dort 5 Bewohner gemeldet. Etwas weiter nach Süden befindet sich 1862 das Haus Nr. 174 (1958: Nr. 33-35). Hier wohnte im Jahre 1856 der Schmied Ludwig Niessen mit 7 weiteren Personen. Schräg gegenüber, auf einer Anhöhe, am Ort genannt Rott, steht ein weiteres Haus aus der Mitte des 19. Jh. Es gehörte 1862 der Witwe M. J. Wermeister, geborene Sibille Niessen. In diesem Haus Nr. 175 wohnten im Jahre 1856 3 Haushalte mit 11 Personen. Auf der Siedlungskarte von ca. 1950 sind alle diese Häuser gut erkennbar. Zusätzlich befinden sich auf der nördlichen Seitezin der Flur "Auf dem Ginsterdriesch", neun Reihenhäuser, die Hausnummern 30-46 der Einwohnerliste von 1958. An der Ecke Driesch / Heide steht ein interessantes gusseisernes Kreuz auf Betonsockel. Wir biegen rechts nach Westen und gehen die Heide hinunter. Auf der Karte von 1862 wird die Flur links als "Slaek" bezeichnet. An der nächsten Kreuzung Hagenfeuer / Heide erhebt sich ein hohes Haus aus Feldbrand- steinen (heute Nr. 59-61, inzwischen verklinkert), das erst Ende des 19. Jh. gebaut worden ist. Es erscheint nicht auf der Karte von 1862. Bevor wir weiter der Heide folgen, wollen wir einen Abstecher nach Süden machen. Die Flur links, wo neuerdings eine Parzellierung angelegt wurde, heißt 1862 "Siegel" und die Flur rechts "Lauerhauf". Die Bezeichnung "in den lewenhooff" bzw. "Leuven hooff‘ erscheint öfters im Theresianischen Kataster 1770-1774 sowie im Grundbuch von 1756. Er mag wohl mit einem Bauernhof "zum Löwen" in Beziehung zu bringen sein. Auf dieser Flur befinden sich 1862 drei kleine Häuschen (Nr. 158, 157, 156). Die beiden ersten, der Witwe P. Rompen bzw. dem C. Vandegard gehörend, sind anscheinend an Tagelöhner vermietet, die dort 1856 mit 4 bzw. 6 Personen wohnen. Das letzte gehört dem Schreiner Bartholomäus Kohl. Nach der Karte von 1950 ist dem mittleren Haus ein weiteres angebaut. worden: Es trägt in der Einwohnerliste von 1958 die Hausnummern 41-47 bzw. Hagenfeuer Nr. 87, 89, 93, 95 nach der Katasteraufstellung von 1974. Die Straße durchschneidet hier ein breites Nebental der Göhl. Das teilweise kanalisierte Bächlein folgt einem Streifen weicherer Gesteine: Es sind Schiefer und Sandsteine der Famenne-Stufe.
78 Wir erreichen bald eine Wegegabelung. Der Weg „Hagenfeuer“, "hagelvür" steigt links hinauf. Rechts biegt der "Vogelsang" zum Göhltal hinunter. Der Flurnamen Vogelsang kann als "ödes Gelände, das den Vögeln überlassen blieb" interpretiert werden. An der südlichen Seite des Weges im Abhang bestehen 1862 drei Einzelhäuschen: Die Nummern 113, 114 und 115 der Einwohnerliste von 1856. In Nr. 115 wohnen 1856 der Eigentümer, der Schuster Jakob Pomm6&-Klein, bzw. Pomai, und eine gemietete vierköpfige Tagelöhnerfamilie. Das Haus Nr. 114 des Peter Mingelbier ist einer Tagelöhnerfamilie vermietet (5 Bewohner). In Nr. 113 (Eigentümer F. Emonds) wohnt ein Verwandter, der Tagelöhner Brix Emonts-Beckers (7 Personen). Unten im Tal, rechts vor dem großen Bogen zur Lütticher Straße; befindet sich jetzt ein Neubau. Vor einigen Jahren stand dort die Ruine eines alten Gebäudes. Hier hat in der Zwischenkriegszeit der als "KXnauke Jup" bekannte Althändler gehaust. Die Karte von 1950 gibt noch 3 kleine Reihenhäuser an, die schon 1862 bestehen; davon werden zwei in der Katasteraufstellung von 1974 (Schlack Nr. 3-5) als Ruine bezeichnet. Diese letzten Hausnummern sind schon nicht mehr in der Einwohnerliste von 1958 angegeben. Nach der Einwohnerliste von 1856 wohnt Nr. 116 der Eigentümer und Tagelöhner Heinrich Lemmens-Hendrichs (3 Bewohner). Das Haus Nr. 117 des N. Pomme ist an eine Tagelöhnerfamilie (8 Personen) vermietet. Der Eigentümer und Tagelöhner Johann Peter Ahn-Schyns wohnt Nr. 118 (5 Bewohner). Diese Häuschen erscheinen schon in den Einwohnerlisten von 1809-1817 (Nr. 60-62). Es wohnen dort Pierre Schyns - Odile Plaire, Francis Pomm6&-Reip und Jean Seeger - Jeanne Barbe Stevens. Laut Neutral-Moresneter Steuerheberolle von 1818 wird der Tagelöhner Pierre Schyns mit einem Grundeinkommen von 1 F, der Schuster Francois Pomme mit 3 F veranlagt, während Jean Sieger nur Steuer auf Türen und Fenster bezahlt. In den folgenden Jahren bemerken wir, dass 1824-1841 der Johann Franz Pomme zu 3 F Grundeinkommen geschätzt wird, dann 1843-1851 sein Erbe Jacques Pomme. Von 1824 bis 1841 wird das Grundeinkommen des Jean Seeger mit 1 F geschätzt. Es folgt ihm 1843-1851 Pierre Joseph Bounie, der das Gut erworben hat. Im französischen Kataster von 1799 erscheint Pierre Schyns (Art. 57) mit Haus, Garten und Hauswiese. Im Theresianischen Kataster von 1770 (Art. 43) wird er mit "huys ende mestplaetse" von insgesamt 4 Ruten (ca. 87 m?) aufgeführt. Er wird 1777-1790 unter den Bergleuten des Altenberges genannt. Neben diesem Haus besitzt 1799 Jean Slottmecker
es Haus und Garten (Art. 56). Dieser hat am 25. April 1775 in Moresnet die Marie-Catherine Majar geheiratet. Er wird 1796 als "savetier", Schuster, bezeichnet. Haus und Beruf hat scheinbar kurz danach Francois Pomme übernommen. Nach dem Theresianischen Kataster (Art. 44) besitzt der "inwoonder ende schoenmaecker van fynen stiele" Joannes Schlotmecker 2 Häuser, wovon eins nach 1770 gebaut wurde, mit 521 Ruten (ca. 1,14 ha) Grund. Im Jahre 1782 hat er unter den zehn Kelmiser ”handwercks Iuyden" 1/4 Gulden Berufssteuer zu zahlen. Sein Gut ist mit einer Erbrente von 1/2 Müdde Korn zugunsten der Herrschaft Eynenberg belastet, d. h., dass diese Grundherrschaft sich ursprünglich bis hier erstreckte. Das dritte Haus "Vogelsang" mit Garten gehört 1799 (Art. 32/180, 182) den Erben Jean Stevens und wird dann von Jean Sieger-Stevens erworben. Die Erben besitzen auch anderswo Grund. Im Theresianischen Kataster von 1770 (Art. 22) wird dieses Gut erwähnt, aber ohne Beziehung zum Vogelsang. Ein Jean Segher wird 1777 in den Bergarbeiterlisten erwähnt. Wir kehren nun um und gehen links die Heide hinunter. Dieser Weg bildet einen Teil der alten ”naeberstraet", die bis zum Bau der Chaussee Herve-Aachen um 1750 den Verbindungsweg Aachen-Lüttich darstellte. An älteren Bauten entdecken wir auf der rechten Seite ein kleines Häuschen quer am Straßenrand (1958: Nr. 30), und, etwas zurückstehend, ein hohes Gebäude aus Fachwerk mit Sockel und hohen Giebeln aus Bruchsteinen (1958: Nr. 34). In den 50er Jahren wurden einige bedauerliche Umbauten vorgenommen: Ein Anbau versteckt den nördlichen Giebel, in welchem sich eine rundbogige Tür befand. In unserer Gegend gehört diese Bauart noch zum 17. Jahrhundert und es bestehen nur noch wenige Beispiele. Es wurde auch der am Straßenrand stehende Backofen abgerissen. Etwas tiefer und noch mehr zurückstehend entdecken wir einen langgestreckten Bau mit großem Scheunentor. Dieser wurde mehrmals umgebaut, u. a. nach einem Brand. Die alte Struktur ist aber noch gut erhalten. Dieser Bau entspricht den Hausnummern 38 und 40 der Einwohnerliste von 1958. Nach der Karte von 1862 gehörte das hohe Haus mit zwei querstehenden Gebäuden links und rechts des Vorhofes dem Guillaume Joseph Schillings. Es trägt die Nr. 162 der Einwohnerliste von 1856. Hier wohnte der 56jährige Ackerer Willem Joseph Schillings mit 2 Kindern von 19 bzw. 16 Jahren, der 31jährigen Magd Helene Schröder, die er später heiraten wird, und dem 80jährigen Schäfer Jakob Frank. Diese Mitteilung ist ein interessanter Hinweis auf die ehemals in unserer Gegend betriebene Schafzucht. Schillings wird am 26. August 1854 von
80 den königlichen Verwaltungskommissaren in den neugebildeten Neutral- Moresneter Gemeinderat berufen, dem er bis zu seinem Tode am 25. Juli 1864 angehört. Vorher erscheint er ab 1852 mehrmals in Versammlungen der sog. Meistbeerbten, die notfalls den fehlenden Gemeinderat ersetzen. Laut Todesanzeige heißt die Witwe Marie-Madeleine Schröder und hatte der Verstorbene in erster Ehe Anne-Marie Duyckaerts geheiratet. Vorhin gehörte das Gut dem Landwirte-Ehepaar Nicolas Joseph Schillings und Marie Elisabeth Caan, das in den Einwohnerlisten von 1796-1817 (Haus Nr. 48) erscheint. Beide sind in Moresnet getauft worden, er am 3. April 1768 und sie am 27. März 1764. Sie heiraten im Jahre X der Republik (1801-1802) laut den Moresneter Kirchenbüchern. Im Jahre 1818 wird er zusammen mit seinem Bruder Lambert zu 68 F Grundeinkommen ’ veranlagt. Dieses wird von 1824 bis 1858 auf 89 F festgelegt, das dritthöchste des Jahres 1824. Seit 1834 wird die Witwe als Eigentümerin angegeben. Im Jahre 1859 wird der Betrag auf 49 F reduziert. Zusätzlich wird das Ehepaar, bzw. die Witwe, noch von 1824-1849 zu 65 F Grundeinkommen für das Gut Schnellenwind veranlagt, das die Frau von ihren Eltern geerbt hat. Somit ist die Familie Schillings-Caan die ; ‚7 a al | = Aral er TI Zn = BE A 7 m 338, ax di A — \ va de 2.751 U RS T. Kelmis, Heide Nr. 46, ehemals Besitz des Schöffen Willem Joseph Schillings
81 reichste an Grundeigentum im neutralen Gebiet. Später wurde das Gut Schnellenwind nach und nach veräußert u. a. an die "Vieille Montagne", die dort die heutige Kirchstraße anlegte. Von 1851 bis 1854 wird die Witwe Schillings noch für Grund am Schnellenwind besteuert, das Grundeinkommen ist aber von 65 F auf 9 F reduziert worden. In der Franzosenzeit scheint Nicolas Joseph Schillings mit den neuen Machthabern sympathisiert zu haben. Am 20. Flor&al des Jahres IV (9. Mai 1796) wird er als "agent municipal", (Gemeindevorsteher) der "municipalit& de Moresnet et Kelmis" erwähnt, die am 14. Frimaire des Jahres III (4. Dezember 1794) gebildet worden war. Der "maire", Bürgermeister, Schillings dankt am 5. Thermidor des Jahres X (24. Juli 1802) ab und wird am 12. Thermidor vom Präfekten durch Arnold Lassaulx ersetzt. Im französischen Kataster von 1799 (Art. 49) ist seine Mutter, die Witwe Willem Joseph Schillings, noch Eigentümerin des Gutes mit dem Hause Nr. 48 im Ortsteil "Kelmis". Laut Theresianischem Kataster von 1770-1774 (Art. 35) besitzt der "schepen van Kelmis ende van Moresnet" Willem Joseph Schillings "huys ende voordere bouwinge met bedryff' und 5595 Ruten (ca. 12,19 ha) Grund. Er rangiert an 2. Stelle unter den 120 Privatgrundeigentümern. Unter anderem besitzt er den 774 Ruten (1,69 ha) großen "Zielen Bempt" im Göhltal, der schon 1469 erwähnt wird. Er ist auch Schöffe, d. h. Urteitsfinder, in den damals getrennten Herrschaften Kelmis und Moresnet. Für angesehene und reiche Grundeigentümer ist es vor 1794 nicht selten, ein Schöffenamt an verschiedenen Gerichten zu bekleiden. In der Herrschaft Kelmis wird er am 25. Januar 1737 vereidigt und noch am 25. Mai 1786 erwähnt. Von 1776 bis 1788 erscheint er als auch als "regleur" oder Bürgermeister der alten Gemeinde Kelmis. Im Jahre 1783 hat Guillaume Joseph Schillings 29 Karren Holz aus dem Preuswald zum Bergwerk gefahren. Im gleichen Jahr liefert er dort zu Karneval 5 Fass Bier. Nach altem Brauch wurde den Bergleuten alljährlich Bier von der Bergwerksleitung spendiert. Er wird 1789 als "charretier de la montagne", Fuhrmann des Bergwerks, bezeichnet. Getauft wurde er in Moresnet am 18. Juli 1741 als Sohn des Henri Schillings und der Catharina Kool. Am 27. November 1762 heiratet er in Moresnet die Marie Catherine Dobbelstein. Gestorben ist er laut Moresneter Kirchenbüchern am 19. März 1789. Der Montzener Notar C. M. Schever beurkundet am 26. September 1766, das W. J. Schillings seinem Schwager Nicola l'’Egyptien einen Betrag von 1500 Gulden bezahlt hat. Die Schuld rührte aus der Teilung der Erbschaft Dobbelstein am 21. Dezember 1764 her. Im Grundbuch von 1756 (F°49 r° u. v°)
82 kommt die Witwe Johannes Dobbelstein mit "hus ende hooff met den weyer" und 4811,5 Ruten (ca. 10,49 ha) Grund vor, die zu 2 Gulden, 1,9 Stüber Grundeinkommen geschätzt werden. Sie rangiert an erster Stelle unter den 81 Grundbesitzern. Das Grundbuch von 1686 gibt Jan Dobbelstein (F° 37, Art. 49) mit 1880,75 Ruten (ca. 4,10 ha) an. Dazu gehört der oben erwähnte "zillienbempt" und der "koilhoff", Gemüsegarten, "over de heystraet". Er steht an 8. Stelle unter den 84 Grundbesitzern. Johannes Dobbelstein ist auch Schöffe beim Kelmiser Gericht. Vereidigt wurde er am 13. April 1725. Sein Todestag liegt vor dem 25. Januar 1737. Im etwas tiefer gelegenen langgestreckten Gebäude befinden sich 1862 die Wohnungen der Landwirte Edmund Scharres und Arnold Hermens.’ Nach der Einwohnerliste von 1856 wohnt der Ackermann Edmund Scharis mit 10 Familienangehörigen im Haus Nr. 161. Als Meistbeerbter beteiligte er sich 1833-1854 an den einberufenen Versammlungen, die den noch fehlenden Gemeinderat ersetzten. Er wurde dann auch am 26. August 1854 in den Gemeinderat ernannt, dem er bis zu seinem Tode am 30. Mai 1864 angehörte. Laut Todesanzeige wurde Johann Edmund Scharis am 30. November 1789 in Henri-Chapelle als Sohn von Edmund Scharis und Anna Margaretha Küttingen geboren. Er heiratet am 2. Mai 1814 in Montzen die Maria Elisabeth Hermens. Diese war am 17. Februar 0 . EN A = me 7 DER WE nn a „RS EC ar +: a Er S Das Gut „In der Heide“, ehemals Hermens, später Scharis
83 1794 in Moresnet als Tochter des Heinrich Hermens und der Johanna Maria Caen geboren. Nachdem sie 12 Kinder geboren hatte, verstarb sie am 23. September 1843. Das Gut in der Heide hat das Ehepaar von den Eltern Hermens übernommen. Im französischen Kataster von 1799 (Art. 47) ist die Witwe Henri Hermens Eigentümerin von Haus, Garten, Wiesen und einem Acker. Ein Henri Hermens hat am 10. April 1793 in Moresnet die Jeanne Marie Chan (wohl Caen!) geheiratet. Das Gut ist scheinbar verpachtet, da in den Jahren 1809-1817 eine Familie Chretien Straet- Corman im Haus Nr. 47 wohnt. Laut Theresianischem Kataster von 1770- 1774 (Art. 34) besitzt der "borgermeester” Peter Lambert Hermens "huys, stalling, mestplaetse" und 5099 Ruten (ca. 11,11 ha) Grund. Er rangiert an 5. Stelle unter den 120 Privatgrundbesitzern. Laut Urkunde des Montzener Notars C. M. Schever vom 1. Oktober 1755 ist er mit Elisabeth Dobbelstein verheiratet. Er ist also ein Schwager seines Nachbarn W. J. Schillings. Im Grundbuch von 1756 (F° 47) erscheint Peter Lambert Hermens an 2. Stelle der 81 Grundeigentümer. Er besitzt "huys ende hoof coemende van Steffen Heyendael" mit 5100,5 Ruten (11,12 ha) Grund, die zu 2 Gulden, 0,75 Stüber Grundeinkommen veranlagt werden. Dank dieser Angabe können wir das Grundbuch von 1686 konsultieren. Hier wird (F° 36 v°, Art. 48) Steffen Heyendael mit 2012,25 Ruten (ca. 4,39 ha) Grund angegeben. Er rangiert an 6. Stelle der 84 Grundeigentümer. Dieser Heyendael ist 1668-1699 Schöffe der Herrschaft Kelmis. Er wird schon am 12. September 1651 mit einem Haus "in de kelmiser heide" und in einer Aufstellung von 1627 erwähnt. Ein Etienne (= Stefan) Heyendael ist laut Moresneter Kirchenbuch am 26. Oktober 1706 verstorben. Neben dem Bauernhof Scharis wird 1862 auf der Karte der "Vieille Montagne" der Bauernhof Hermens angegeben. Scheinbar wurde das Gut des Peter Lambert Hermens unter zwei Söhne, den oben zitierten Henri Hermens, und Arnold Hermens geteilt. Im französischen Kataster von 1799 (Art. 48) erscheint die Witwe Arnold Hermens mit Haus, Garten und Grund. Ihr Ehemann ist laut Moresneter Kirchenbüchern am 3. März 1795 gestorben. Die Witwe Marie Elisabeth Hermens geb. Braun heiratet am 6. Juni 1796 Mathias Thimister. Im Jahre 1856 ist das Haus Nr. 160 an die Tagelöhnerfamilie Iserentant (7 Personen) vermietet. Wir erreichen bald die Neutral-Moresneter Westgrenze. Rechts im Zaun des ehemaligen Bauernhofes Hermens befindet sich der Grenzstein III und links in der Wiese (bis vor nicht langer Zeit auf einer kleinen Anhöhe) der Grenzstein III des neutralen Gebietes. Der Weg "Heide" endet kurz
84 danach am Bahndamm der 1870 angelegten belgischen Eisenbahn, die das Bergwerk mit dem Bahnhof Moresnet und dem belgischen Eisenbahnnetz in Richtung Welkenraedt-Lüttich bzw. Bleyberg verband. Nach Westen hin ist die alte Wegetrasse noch durch einen Wiesenpfad markiert. Eine Brücke über die Göhl ermöglicht es, den Ortsteil Hof zu erreichen. Von hier werden wir den Rundgang später ergänzen.
85 Die Spinne von M. Th. Weinert In des Daches Rinne sah ich eine Spinne, in die Kreuz und in die Quer rannte sie dahin, daher, zog und hing und schwang sich, schlüpfte, drehte, spann und spannte, knüpfte ihren langen Seidenfaden zu dem Netz in irrem Kreise, um auf diese wirre Weise ihre Gäste einzuladen... Danach in der dunklen Ecke lauernd unter meinem Fenster, saß die Spinne im Verstecke, Augen starr wie Schreckgespenster. Und ich sah: Es tanzten Mücken auf und ab im Sonnenschein über diesem Netz voll Tücken, doch sie fielen nicht hinein! Lediglich die dicke Fliege, die mich tagelang verdrossen, sauste surrend in die Falle, so als wär sie abgeschossen... Was ist richtig? Was ist wichtig? Solche Fragen stellen alle. Überall sind Spinnennetze, doch es klappt nicht jede Falle!
86 57 Jahre nach dem Drama an der Hammerbrücke: Ein deutscher Soldat stammte aus Kröv (Mosel) von Willy Timmermann „1843 — 1993, 150 Jahre Hammerbrücke“ lautete der Titel des Sonderdrucks aus Heft Nr. 53, August 1993, dieser Zeitschrift. Der- Verfasser dieses Beitrages hatte ein Gespräch mit dem einzigen Überlebenden nach der Sprengung der Brücke am 10. Mai 1940 beim Einmarsch der deutschen Truppen nach Belgien geführt und die Namen der acht ums Leben gekommenen belgischen Soldaten wiedergegeben. Auf S. 67 wurde dann geschildert, wie am 22. Mai 1944 acht deutsche Soldaten einer Vierlingsflak nahe der Hammerbrücke nach einem Angriff alliierter Jagdbomber ihr Leben ließen. Trotz aller Bemühungen und Nachfragen in den verschiedenen deutschen Ämtern war es mir 1992/93 nicht möglich gewesen, die Identität der Toten zu erfahren, da sie als „in der Heimat verstorben“ galten und in ihrem jeweiligen Heimatort beigesetzt worden waren. Zwar waren einige Namen bekannt, nicht aber die Herkunft der Soldaten. U. a. hieß es in dem Göhltal-Beitrag: „Ein anderer Soldat hieß ‚Römer’ und war an der Mosel beheimatet...‘“ War es Zufall oder Beharrlichkeit, die zur Identifizierung eines dieser Soldaten führte? Die Geschichte lief wie folgt ab: Der Verkehrsverein Kröv mit Direktor Hub. Kalff nahm vor einigen Jahren an der Touristikmesse in Kettenis teil und verteilte dort entsprechende Werbeprospekte. Die Familie des Verfassers stattete dem Ort einen Besuch ab und verbrachte mehrmals ihren Urlaub in Kröv. Im Mai 2001 suchte der Verfasser eine kleine Kapelle auf, die als Beginn des Weinlehrpfades gilt. Hier wird auf zwei Tafeln an der Außenmauer der Kapelle, die den Namen des Erbauers, des Grafen von Kesselstatt, trägt, auf die Geschichte Krövs und des sogenannten Cröver Reichs hingewiesen. Das Kloster Echternach seit 752, die Abtei Stablo-Malmedy seit 862, die Grafen von Namür seit 1171 werden unter 20 bedeutenden Klöstern und namhaften Adelsgeschlechtern als Besitzer größerer Weingüter in Kröv angeführt. Gedenkplaketten, der
87 Name „Stablostraße‘‘, Inschriften und beeindruckende Hofbauten erinnern noch heute an eine stolze Vergangenheit. Im Innern der Kapelle waren auf zwei großen Tafeln die Namen von 176 während des Zweiten Weltkrieges ums Leben gekommenen jungen Männern zwischen 17 und 35 Jahren eingetragen, darunter mehrere „Römer“, Ob hier wohl auch der im Göhltalheft genannte Soldat „Römer‘‘ genannt war? Aus dem Urlaub zurückgekehrt, wurde das Göhltalheft zu Rate gezogen, um den genauen Tag des Dramas an der Hammerbrücke festzustellen. Dank der Hilfe der Pensionswirtin, Frau Helga Moser-Kaufmann, und des Amtmannes der Gemeinde, Hans Weißkopf, wurde ermittelt, dass ein gewisser „Friedrich Albert Römer‘, geboren am 27.11.1921, wohnhaft in Kröv, im Reservelazarett, Teillazarett Blumenthal in Aachen verstorben war. Pa MM & W y N (A f Wir gedenken Deiner der du kampfumstürmt sterbend geschirmt unserer Heimat teuren Grund. Totenzettel des Gefr. Fritz Römer
88 Jesus! Maria! Joseph! Zum christlichen Gedenken an unseren lieben, herzensguten, BR Sohn, Brüder, Schwager und Onkel! Fritz Römer Gefreiter in einer Flak-Batterie der am 22. Mai 1944 bei der Abwehr feindlicher Flieger, im jugendlichen Alter von 22 Jahren schwer verwundet wurde, ’ und nach einigen Stunden im Heimat- lazarett den Heldentod starb. Vorbe- reitet durch den Empfang der hl. Sterbe- sakramente, gab er seine Seele in die Hand seines Schöpfers zurück. W Um ein stilles Gebet für die Seelenruhe des lieben Gefallenen bitten Die trauernden Eltern, Geschwister u. Anverwandten. Kröv, im Felde, im Juni 1944, Die Beerdigung und Scelenamt fanden am 4. und 5. Juni statt, In Kröv lebt nur noch eine Nichte des „Fritz“ genannten Soldaten, Frau Marlene Schneiders-Lenard, die letzte aus dem Hause Friedrich Jakob Römer, die sich ihres Onkels Fritz und seiner sechs Geschwister noch erinnern konnte. Sie besitzt noch einen Totenzettel von Fritz Römer, Gefreiter einer Flak-Batterie, der am 22. Mai 1944 schwer verwundet wurde und einige Stunden später im Lazarett in Blumental (Vaals) verstarb. Die Mutter des Soldaten, die unmittelbar nach seiner schweren Verwundung benachrichtigt worden war, fuhr nach Aachen bzw. Blumental (Bloemendael), doch bei ihrer Ankunft war ihr Sohn bereits verstorben. Erst am 4. Juni 1944 wurde die Leiche nach Kröv gebracht und hier beigesetzt. Während in der Kesselstattschen Grabkapelle „Friedrich Albert Römer *1921, +22.5.1944“ vermerkt steht, trägt das schlichte Soldatengrab auf dem Friedhof von Kröv nur den Namen „Fritz Römer“.
89 Die Tragik in diesem Falle war, dass zwei Jahre zuvor Peter Römer, ein älterer Bruder von Fritz Römer, in Russland gefallen war. 57 Jahre nach dem Drama an der Hammerbrücke in Hergenrath/Hauset konnte durch Zufall die Identität eines der Opfer geklärt werden. Nachtrag Das Internet macht’s möglich. Bei der Suche nach einer Beschreibung der „Hammerbrücke“ gab es eine Überraschung. Unter dem Titel „Die Hammerbrücke bei Hauset/Hergenrath‘“ geht Stefan von der Ruhren, RWTH Aachen, in Text und Bild ausführlich auf die Geschichte der Eisenbahnen in Aachen und der Euregio ein, so auch auf die Hammer- brücke in Hauset/Hergenrath (www.Stefan.vonderRuhren@post.rwth- aachen.de). Neben der Hammerbrücke in Hauset/Hergenrath gibt es eine weitere „Hammerbrücke“ in dem Städtchen Zwiesel im Landkreis Regen, nahe der deutsch-tschechischen Grenze. Im Naturpark Erzgebirge/Vogtland besteht sogar eine Gemeinde namens Hammerbrücke. Sie zählt rd. 1600 Einwohner. In der Stadt Hammerbrücke befinden sich die einzigen Wasserfälle des Vogtlandes, Schauwerkstätten bekannter Stickereien, eine Radiumquelle und der einzige freistehende Topasfels Europas, der Schneckenstein. In dem Zusammenhang mag es auch noch interessant sein zu erwähnen, dass die 1843 eröffnete doppelbogige Göhltalbrücke bei Hauset/ Hergenrath mit ihren rd. 36 m Höhe nur wenige Jahre die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands war. Im Vogtland, in der Nähe von Plauen, entstand nämlich zwischen 1845 und 1850 mit der Göltzschtalbrücke ein Bauwerk, das alles bis dahin Bestehende in den Schatten stellte: 78 m hoch, vier Bogenreihen, 574 m lang, aus 26 Millionen Mauerziegeln errichtet! Bei seiner Eröffnung im Jahre 1851 soll der Göltzschtal- Viadukt die höchste Eisenbahnbrücke der Welt gewesen sein (Frdl. Hinweis v. Herrn Hartmut Peters, Aachen).
90 Maria-Theresia-Marmor Eine kleine erdgeschichtliche Betrachtung zum hiesigen Kalkstein von Heinrich von Schwartzenberg Das Göhltal und die ländlichen Gebiete um Aachen wurden und werden seit langer Zeit land- und forstwirtschaftlich genutzt. Daneben waren es Bodenschätze, wie Erze und Kohlen, die einem Teil der Bevölkerung Erwerbsmöglichkeiten gaben. Für die Bauwirtschaft sind die Bodenschätze Ton und Lehm (für die Herstellung von Ziegelsteinen) sowie die Sande und die karbonischen Natursteine von großem Nutzen. - Wie bereits erwähnt, wurden bis vor einigen Jahren im Aachener Raum auch Kohlen gefördert, die durch untergegangene und versteinerte Wälder entstanden waren. Bei den Natursteinen ist vor allem der Kohlenkalkstein zu nennen, der wegen seiner blaugrauen Färbung im Volksmund häufig Blaustein genannt wird. Einen anderen dunkelgrauen, polierbaren Kalkstein mit hellen Kalzitflecken nannte man sogar Maria-Theresia-Marmor, weil er überwiegend aus dem im 18. Jahrhundert zu Österreich gehörenden Herzogtum Limburg kam, wo die Kaiserin Maria-Theresia s. Z. das Sagen hatte. Der Kohlenkalkstein gewann als Bruchstein für den Bau von Kirchen und Burgen, aber auch für den Häuserbau zunehmend an Bedeutung, da die alten Holzfachwerk-Häuser sehr brandgefährdet waren. Zusammen mit dem Feldbrandziegel bot der Kohlenkalkstein auch die Voraussetzung zum Übergang von der Holzbauweise zum Steinfachwerk der Maas-Re- naissance. Im 18 Jh. gab es, vor allem in Aachen und Eupen, viele Bauten des Aachener Architekten Couven in Ziegelmauerwerk mit Fenster- und Türeinfassungen aus Blaustein (Couvenstil). Die Abbildung 1 zeigt ein Beispiel, wo an einem Haus vier ver- schiedene Baumaterialien verwendet worden sind, nämlich: Bruchstein, Ziegelstein, Holzfachwerk und Holzverkleidung. Die Eyneburg an der Göhl bei Hergenrath wurde aus Kohlenkalkstein mit Blaustein-Einfassungen errichtet (s. Abb. 2). Ein schönes Beispiel für die in der Maas-Renaissance übliche «Speckbauweise”, bei der rote Ziegelsteinbänder mit hellen Natursteinbändern abwechseln, ist an Schloss Bongard bei Bocholtz (NL) zu sehen (s. Abb. 3).
91 ; Y DIS AZ De BE } N 7 SZ ZA 1 Abb. 1: Ein Haus in der Nähe der Göhl bei Cottessen (NL) mit vier Baumaterialien Es stellt sich nun die Frage, wie diese Bodenschätze, vor allem die hier interessierenden «Blausteine», entstanden sind. Es folgt daher eine kleine, stark vereinfachte erdgeschichtliche Betrachtung, die keine wissenschaftliche Arbeit sein will und auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Naturgemäß begann ja alles mit der Entstehung der Welt. Einen kla- ren Bericht über die Erschaffung der Erde und des Lebens gibt uns die Schöpfungsgeschichte der Bibel, von der die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse gar nicht so weit entfernt sind (1). Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen begann alles vor etwa 20 Milliarden Jahren mit dem «Urknall». Danach hat sich der gesamte Kosmos aus einem Anfangszustand ent- wickelt, der aus unendlich dichter Materie bestand, die bei extrem hoher Temperatur explodierte und expandierte und durch physikalische und chemische Vorgänge zum heutigen Kosmos wurde, der auch heute noch immer weiter auseinanderstrebt. Aus diesen Vorgängen entstand vor etwa 4,6 Milliarden Jahren als Vorläufer unserer Erde ein Gebilde von kaltem Gas und Staub. Nach- dem die Erde ihre heutige Kugelform erhalten hatte, begannen aus dem Inneren Vulkanausbrüche die Erdoberfläche zu durchstoßen. Mit den Lavamassen wurden Stickstoff, Kohlendioxyd, Wasserstoff usw. frei, die
93 Vorgänge waren beeinflussend, z. B. wurde durch «Zerlegung mittels Licht» Wasser (H2O) in freien Wasserstoff (H) und freien Sauerstoff (0) geteilt. Auch wurde z. B durch Entbinden von Kohlensäure aus dem Meer Kalziumkarbonat zur Ausfällung gebracht. Durch die ständigen Veränderungen haben sich durch Überschwemmungen (unsere Gegend wurde mehrmals vom Meer überflutet), durch Faltungen der Oberfläche usw. Schichten gebildet, die sich aufeinandertürmten und an denen man das ungefähre Alter der Erd- und Gesteinsmassen ablesen kann. In der Vordevon-Zeit (etwa vor 590 bis 410 Millionen Jahren) bildete sich der sogenannte Nordkontinent, dessen Küste von Südwesten nach Nordosten nur wenige Kilometer an Aachen vorbeilief. Das Meer, das sich vorher bis nördlich von Maastricht erstreckte, hatte sich zurückgezogen und hinterließ einen festen Sockel konsolidierter Gesteine, der die erdgeschichtliche Entwicklung des Aachener Raumes deutlich bestimmte. (Es ist eine vereinfachte (nicht auf Verwerfungen und Überschiebungen eingehende) Karte unseres Gebietes beigefügt, auf der die einzelnen Schichten mit Signaturen eingetragen sind). Machen wir jetzt einen Sprung zu den Schichten der Devon- und Karbonzeiten unserer Gegend. Devon- und Karbonzeit (vor etwa 410 bis 310 Millionen Jahren) Vor etwa 380 bis 360 Millionen Jahren, in der Oberdevon-Zeit, wurde unsere Gegend erneut überflutet, und es entstand ein tropisches Flachmeer, das bis zum vorgenannten Nordkontinent reichte. Über 10 Millionen Jahre herrschten in diesem Meer Bedingungen, die die Bildung von Kalziumkarbonat ermöglichten (anorganische Kalkbildung). Das Meerwasser wirkte durch seinen Kohlensäuregehalt chemisch, so dass es viele Gesteine, besonders Kalke, löste. Dadurch entstanden die erforderlichen Aufbaustoffe für die Skelette und Schalen der kleinen Meereslebewesen (Stromatoporen, Korallen, Kalkschwemmer, Muscheln, Wasserschnecken usw). Nach deren Absterben setzten sich die kalkigen Hartteile der Meerestiere auf den Meeresboden ab, zementierten sich, und es kam zur Riffbildung in Küstennähe (Muschelkalk usw. = organische Kalkbildung). Das Kalkriff in unserer Gegend erstreckte sich von Verviers, Eupen, Walheim bis nördlich von Düren. Noch in der Oberdevon-Zeit wurde die Bildung von Karbonat durch Umweltveränderungen abrupt beendet. Ton und Feinsand überdeckten
95 in den folgenden 70 Millionen Jahren mit einer etwa 2 000 Meter mächtigen Schicht bis zur Oberkarbon-Zeit (vor etwa 340 bis 310 Millionen Jahren) die Kalkablagerungen und unter dem Druck dieser ständigen Last entstand der Kalkstein. Die nördlich von dem oben genannten Riff gelegenen Kalksteine bezeichnete man als Aachener Kohlenkalk, der dank seiner günstigen Lage zu den Siedlungszentren dem eigentlich besseren Riffkalk vorgezogen wurde. Am Ende der Oberkarbon-Zeit (vor etwa 310 Millionen Jahren) erfolgte die Auffaltung des Geländes und es entstanden die Berge und die Täler. Die sich bis dahin gebildeten Schichten gerieten z.T. dadurch in Schräglage, was man heute noch -besonders in Steinbrüchen- beobachten kann. (Prof. Kasig erklärte einmal, dass dieser Vorgang mit dem Zusammenschieben einer Tischdecke zu vergleichen sei). Mit der vorgenannten Gebirgsbildung wurde auch der Aachener Raum aus dem Meer herausgehoben, sowie die Verläufe vieler Bäche vorgezeichnet, die fast alle von Südwesten nach Nordosten verlaufen, z.B. der Wildbach, die Wurm, der Gillesbach, der Beverbach, die Iter, die Inde und die Vicht. In Aachen-Burtscheid gibt es den kleinen Gillesbach, der bei Gut Waldhausen entspringt und in Richtung Burg Frankenberg verläuft. Sein Bett ist zum Teil tief ins Gelände eingeschnitten und im oberen Abschnitt voller «Blausteine». In seiner Nähe (Karl-Marx-Allee/Ecke Adenauerallee) lag früher ein Steinbruch der Abtei Burtscheid, der jedoch nach einer Urkunde von 1455 an die Aachener Münsterkirche verpachtet worden ist und aus dem später um die Mitte des 18. Jh. die Blausteine für die Neubauten der St. Michaels-Kirche und der Abteikirche zu Burtscheid entnommen worden sind. In einer Urkunde von 1455 (veröffentlicht in Quix, Frankenburg, Aachen 1829, S. 164, Urk. 26) steht u.a.: «Die Äbtissin von Burtscheid verpachtet 1455 an Dechant und Kapitel der Liebfrauenkirche zu Aachen und ihren Nachkommen die »Steinkuyle», genannt die «Katzenkuyle», hinter Burtscheid an dem Wald da man geht nach Kornelimünster, innerhalb der Pfähle (Grenzen) gelegen für 50 Jahre lang das Hauen, Graben und Brechen kleiner und großer Steine innerhalb der Grenzen der genannten «Kuyle» und den Bach (Gillesbach) auf und nieder, sofern sie reichen über und unter der Erde...» Ist deshalb der Gillesbach so tief eingeschnitten, oder waren es Erosionen, die das Bett geformt haben?
96 In der Nähe, am Branderhof in Aachen-Burtscheid, gab es auch Stein- brüche und hinter dem Branderhof sogar einen Kalkofen. Als man in den Jahren 1997/1998 am Branderhofer Weg, dort wo das belgische Offizierskasino gestanden hatte, die Baugrube für ein neues Senioren-Wohnheim ausheben wollte, stieß man auf die dort befindliche Blausteinader, so dass gesprengt werden musste. In Kalköfen wird Kalkstein (Kalziumkarbonat = CaCO3) bei 900 bis 1250 Grad gebrannt. Dabei wird Kohlendioxyd (C07) ausgetrieben und es verbleibt Kalziumoxyd (CaO). Durch Zusetzen von Wasser entsteht aus gebranntem Kalk Löschkalk. Bei der Aufnahme von Kohlendioxyd aus der Luft geht der Löschkalk wieder in Kalziumkarbonat über. Hierauf beruht die Verwendung des gelöschten Kalks im Bauwesen zur Bereitung von Mörtel, wobei er mit Sand gemischt wird und wobei sich beim Er- härten die einzelnen Sandkörner miteinander verkitten. Kreide- und Tertiär-Zeit (vor etwa 140 bis 2 Millionen Jahren) In der Kreide- und Tertiär-Zeit drang das Meer noch einmal kurz- fristig in unsere Gegend vor und brachte Kiese, Sande, Tone und Lehme mit. Nach dem Rückzug des Meeres wurde unser Gebiet zu einem Faltenrumpf eingeebnet, wobei die Spalten oft durch Rotlehme gefüllt worden sind. In dieser Zeit sind auch die Sande in den südwestlich von Aachen gelegenen Wald und auf den Lousberg gebracht worden. Eine Feuersteinschicht hat wie ein Deckel dafür gesorgt, dass dieser Sand nicht durch Erosion weggeweht worden ist. Feuerstein oder Flint ist eine dichte Abart des Quarzes mit brauner, grauschwarzer oder gelblicher Farbe. Von Steinzeit-Menschen wurde er zu Werkzeugen und Waffen benutzt. Auf dem Aachener Lousberg war eines der bedeutendsten Feuerstein- Bergwerke der Jungsteinzeit (etwa 3600 bis 3200 v. Chr.). Sand ist eine Anhäufung kleiner, loser Mineralkörnchen. Am verbreitetsten ist der Quarzsand, der für die Glasherstellung benutzt wird (Herzogenrath). Quarzsand entsteht durch den Zerfall quarzhaltiger Gesteine. Bei der Neugestaltung der Lütticher Straße (nahe Aachen-Bildchen) in den 60er Jahren, wurde das Gelände tief eingeschnitten, so dass man einen erdgeschichtlichen Einblick erhielt. Man sah dicke, mit Muscheln und Austernschalen durchsetzte Sandschichten, wie sie heute noch am
98 Die Kreidezeit brachte auch für die Gegend etwa zwischen Vetschau und Valkenburg an der Göhl die sogenannten “Vetschauer Kalke» mit gelben, z. T. harten Kalkbänken mit sich. Als vor einigen Jahrhunderten mit den festen Steinbauten begonnen wurde, bediente sich jeder des Materials, das er in der Nähe «vor Ort» fand. So bauten die Bewohner der Kohlenkalkstein-Gegend mit karbonischen Steinen, die in der Kalkstein-Gegend mit «Vetschauer Kalkstein» und dort, wo Lehm und Ton vorherrschten, wurde mit Ziegelsteinen gebaut. Quellen 2 Malangre, Heinz: Die Bibel und der Wasserstoff, Aachen, 0. J. (Manuskripte für Vorträge). Kasig, Werner in «Eilendorf in seiner Geschichte», Hg. Lepper, Herbert, Aachen 1988, S.9-37. (Aus diesem Aufsatz wurden auch die Erkenntnisse für die beigefügte Karte benutzt). Ochsmann, Hartmut: Auf den Spuren des Kalkgewerbes im Walheimer Raum, Hahn/ Friesenrath 1991, S. 7 - 14. Schwikerath, M.: Aachen, das königliche Talrund Karls des Großen — ein Landschafts- oktogon, Eupen 1971. Fotos: Walter Schäfer, Aachen. * x k * * Berichtigung zum Aufsatz «In Meerssen an der Göhl (NL) wurde 870 die erste deutsch-französische Grenze festgelegt», in «Im Göhltal» Nr. 69, Aug. 2001, S. 89. Unter der Karte III auf Seite 89 muss folgender Abschnitt nach «keine Rücksicht» eingefügt werden: «Nach dem Tode Ludwigs II. im Jahre 875 fiel das Königreich Italien und auch die Kaiserwürde an Karl den Kahlen. Ludwig der Deutsche sah sich hierdurch in seinem Erbrecht benach- teiligt und rüstete zum Zweiten deutsch-französischen Krieg gegen Karl den Kahlen, verstarb aber 876 während der Vorbereitungen. Seine Söhne, Karlmann II., Ludwig III. und Karl III. setzten den Krieg fort und es kam schließlich 880 nach vielen Querelen zum Vertrag von Ribemont (bei St Quentin, s. Karte III) (5).» Wir bitten den Lapsus zu entschuldigen!
99 Rettungsgrabungen in der Pfarrkirche St. Hubertus in Lontzen von Caroline Leterme Die St. Hubertus Pfarrkirche Mit dem Schenkungsakt Kaiser Heinrichs IV. vom 21. April 1076 des Gebietes von Walhorn, Lontzen und Mesch an das Aachener Marienstift ergibt sich auch der Anfang einer organisierten Seelsorge im besagten Raum, d. h., dass ein Gotteshaus mit dazugehörendem Geistlichen vorausgesetzt werden kann. Hubertus, ein Heiliger aus dem Frühmittelalter, könnte eine weitere Bestätigung dieser Aussage sein. In vielen Fällen ist es nämlich so, dass das Patrozinium Rückschlüsse auf das Alter einer Kirche zulässt. Zur Zeit der kaiserlichen Schenkung dürfte in Lontzen schon eine kleine Hubertus-Kapelle gestanden haben, die um die Wende des 14. Jahrhunderts! durch eine gotische Kirche ersetzt wurde. Die heutige Pfarrkirche St. Hubertus in Lontzen wurde auf Initiative des Lontzener Pfarrers Karl Joseph Lemmens errichtet, der am 18. Juli 1768 die Genehmigung erhielt, die alte und baufällige Kirche durch eine neue zu ersetzen. Architekt des Neubaus war der für das Aachener Marienstift tätige Italiener Josef Moretti. Baubeginn war im November 1768, im Dezember 1770 war die Kirche vollendet. Der Pfarrer von Eupen, Gerhard Heyendal, weihte das neue Gotteshaus, in dem der Kaplan J. Schoonbrodt am 11. Januar 1771 die erste hl. Messe feierte. Der damals errichtete Bau erfuhr im Laufe der Zeit verschiedene Veränderungen. 1902 wurde die Sakristei vergrößert; der beim Neubau im 18. Jahrhundert stehen gebliebene Westturm musste 1910 bis auf Emporenhöhe abgetragen und durch den aktuellen Turm mit der charakteristischen „Pickelhelm-Haube“‘ ersetzt werden. '_ Der erste schriftliche Hinweis auf eine Hubertuskirche in Lontzen stammt aus dem Jahr 1328.
101 Rettungsgrabungen in der Lontzener Pfarrkirche (01.06.2001 — 12.06.2001 Im Zuge von Bauarbeiten in der Kirche St. Hubertus in Lontzen (Anlage eines Heizungsschachtes) stießen die Arbeiter Anfang Juni 2001 in der Nähe des Chores und im hinteren Bereich der Kirche, vor dem Turm, auf die Reste einer alten Mauer. Aus den ersten Untersuchungen kann man schließen, dass es sich um eine Fundamentmauer einer früheren Kirche handelt und dass sie zu dem im 14. Jahrhundert errichteten Gotteshaus gehört. Das ergibt sich sowohl aus der (vermutlichen) Länge dieser Mauer, die einem Kirchen-, nicht aber einem Kapellenbau entspricht, als auch aus dem Umstand, dass diese Fundamentmauer sich bis zur aktuellen Fundamentmauer des Turmes hinzieht. Dieser Turm ersetzt, wie schon gesagt, den der aus dem 14. Jahrhundert stammenden Kirche. Wir können folglich annehmen, dass die alte Fundamentmauer effektiv die Südmauer der Pfarrkirche des 14. Jh. ist und dass diese am Kirchturm endete. Interessant wäre eine Lagebestimmung der gegenüber liegenden Nordmauer, die es dann erlaubte, Aussagen über die genauen Ausmaße des gotischen Gotteshauses zu machen. Beim Neubau der Kirche in den Jahren 1768-1770 wurde ein Streifen des südwärts an die alte Kirche grenzenden Friedhofes in den Neubau einbezogen. Da es im Mittelalter und noch später Sitte war, die Toten möglichst nahe bei den Kirchenmauern beizusetzen, ist es nicht verwunderlich, dass in der Nähe der alten Fundamentmauer auch eine Vielzahl von Knochen gefunden wurden, darunter ein fast vollständiges Skelett. Die Bodenplatte des Holzsarges und mehrere Nägel desselben waren noch erhalten. Wenn das Fundmaterial (einige Scherben), das in direkter Mauernähe lag, datiert werden kann, wird es möglich, die Entstehungszeit der Kirche näher einzugrenzen. Bibliographie ° Le patrimoine monumental de Belgique. Wallonie, Bd. 12 2, Liege. Verviers, arr. H-L, Liege 1984 ° REINERS, H., Die Kunstdenkmäler von Eupen-Malmedy, Schwann, Düsseldorf, 1935 ° SCHYNS, A., LEMEUNIER, U., WELING, J., JUFFERN, H., 7076-1976, Freie Herrlichkeit Lontzen, Stavelot-Malmedy, 1976
102 Jahresrückblick 2001 von Herbert Lennertz Dem Kalender nach war es das letzte Jahr des 2. Jahrtausends, doch wird es im europäischen Kulturkreis als das erste Jahr des dritten Jahrtausends in die Geschichte eingehen. Ein Jahr, das für unsere Vereinigung global gesehen als sehr positiv zu bezeichnen ist. Unsere Mitglieder blieben uns treu und nahmen recht rege an den verschiedensten Veranstaltungen teil. Diese umfassten Vorträge, Ausstellungen und Exkursionen sowie eine Mehrtagesfahrt n Das Jahr begann mit der jährlichen Generalversammlung, die am 21. Januar 2001 im Kulturzentrum Select in Kelmis stattfand und wozu der Vorsitzende eine stattliche Anzahl von Mitgliedern begrüßen durfte. Dem Aufruf zur aktiven Mitarbeit im Vorstand folgte Frl. Caroline Leterme, die als Archäologin den einen oder anderen Impuls geben wird. Die üblichen Tagesordnungspunkte, wie Jahres- und Kassenbericht, wurden zustimmend aufgenommen. Die Jahresversammlung schloss mit einer Dia-Rückschau von A. Bertha auf die im Sommer 2000 stattgefundene kulturelle Fahrt nach Berlin, Weimar, Erfurt und Schwerin. Zu einer Fahrt in die kalifornischen Weinbaugebiete luden wir am 15. Februar ins Göhltalmuseum ein. Vorstandmitglied J. Kessel hatte in der Person von Herrn Tschaepe einen Fachmann auf dem Gebiete des Weinanbaus in Kalifornien kommen lassen, wo in einem für europäische Verhältnisse unvorstellbaren Maßstab Wein erzeugt wird und wo allein die Gebrüder Ernesto und Julio Gallo einen 3000 ha großen geschlossenen „Weingarten“ mit eigenem Flugplatz besitzen und in ihrer Kellerei soviel Wein lagern können, wie die Deutschen insgesamt ernten. Eine ausgiebige Verköstigung gab den erschienenen Weinliebhabern eine Vorstellung von den Produkten der unterschiedlichsten Klimazonen, die sowohl durch das Nord-Süd-Gefälle wie durch den Gegensatz zwischen Küstenzonen und Landesinnerem eine breite Skala an Rebsorten bieten. Am 21. März führte Herr Kessel die interessierten „Göhltaler‘“ zu einer Werksbesichtigung nach Alsdorf, wo bei der Fa „Verzinkerei Alsdorf“ Einblick in die Arbeit einer modernen Verzinkerei genommen werden konnte. Eisen- und Stahl werden bei einer Temperatur von mehr als 530° C in ein Zinkbad getaucht und erhalten so einen korrosionsfesten Zinkschutz. Im Hinblick auf die Kelmiser Geschichte war diese Betriebsbesichtigung von besonderem Interesse.
103 Dr. Nikolaus Schmitz ist unseren Mitgliedern inzwischen bestens bekannt, hat er doch im Laufe der letzten Jahre viele geologische Exkursionen geleitet. Am 22. April folgte eine solche Wanderung „den Spuren eines alten Gewerbes“, nämlich dem Kalkabbau im deutsch- belgischen Grenzgebiet bei Walheim, wo ein alter Kalkofen restauriert wurde. Die Kalksteine sind seit frühester Zeit abgebaut worden und entweder als Branntkalk oder als Baumaterial genutzt worden. Diese geologische Wanderung bot die Gelegenheit, Spuren des Kalkabbaus bzw. der Verwertung zu suchen und die Entstehung dieser Kalksteinvorkommen in den Rahmen der erdgeschichtlichen Zusammenhänge zu stellen. In den vergangenen Jahren boten wir jeweils im Mai eine Fahrt in eine der zahlreichen flandrischen Kunststädte. Am 20. Mai waren das westflämische Ypern und sein Umland Ziel einer Tagesfahrt. Ypern ist als Märtyrerstadt in die Geschichte des Ersten Weltkrieges eingegangen. Kaum ein Stein blieb auf dem anderen; doch kaum war der Frieden wieder A S ‚2 ; MW | N | . N} A #1 HN DB $ 7 | 7} 18 ) Puch & 5 Da mM RE A AL AT 0 A 4384442405 000.000 4-7 En #8 A ga ELLE A a nn BAT m il 8 N LAS PP Y va) VA ä > AR hal, 5 STE Auferstanden aus Ruinen: Tuchhalle und Kathedrale von Ypern eingekehrt, da begann man mit dem Wiederaufbau der geschundenen Stadt, die ihr mittelalterliches Aussehen wiederfand und mit ihrer riesigen Tuchhalle, der Kathedrale und den alten Bürgerhäusern ein touristischer Anziehungspunkt geworden ist. Daneben erinnern eine Vielzahl von
104 kleinen und großen Heldenfriedhöfen an den Tod in den Schützengräben. Besonders beeindruckend war Langemark. Die Leitung der Fahrt lag bei A. Bertha. Eine siebentägige Fahrt nach Barcelona (Ltg. Herbert Lennertz) boten wir vom 17.- 23.6. an. Sowohl die Hin- wie die Rückfahrt wurde für Abstecher und Zwischenbesuche genutzt. So lagen das 1997 durch die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärte mittelalterliche Carcassonne mit seiner beeindruckenden Festungsanlage, (zwei Mauerringe, 52 Türme, 5 Bastionen, im Innern das Bollwerk des Grafenschlosses), Andorras Hauptstadt und die Klosteranlage von Montserrat auf der Hinfahrt, Lyon auf der Rückfahrt als Besichtigungs- bzw. Etappenziele an der Reiseroute. Barcelona stand in diesem Jahre — dem 75. Todesjahr Gaudis — noch mehr als sonst im Zeichen dieses genialen Architekten, dessen Jugendstil- Architektur das Stadtbild der katalanischen Hauptstadt entscheidend mitgeprägt hat. Fo öl | S ZA A D re Ze € og VEIT TEE bb. VS a A A a 7m Bus „AE E N VE BSD KR } A ; | Adhrmd $ BD ur FE Ad FE HN 1 Eines der markantesten Objekte des Antonio Gaudi: Das Haus Batllo (1904-06)
105 Mit einer ausgezeichneten Stadtführerin erschlossen sich der Gruppe aus dem Göhltal in diesen Tagen die Hauptsehenswürdigkeiten der nordspanischen Millionenstadt, die Altstadt mit den Spuren der römischen Besiedlung, die Kathedrale, das Picasso-Museum, der Hafen, die olympischen Anlagen von 1992, die merkwürdigen Schöpfungen des Antonio Gaudi (Guel-Park, Sagrada Familia, Casa Milä...) etc. Das „Sahnehäubchen“‘ zur diesjährigen Mehrtagesfahrt bildete auf der Rückfahrt die Besichtigung des historischen Kerns der Seidenstadt Lyon, am Zusammenfluss von Rhöne und Saöne, wo die „traboules‘“ (Durch- gänge zwischen zwei Parallelstraßen) besondere Beachtung fanden. Am 29,9, führte Caroline Leterme eine starke Gruppe interessierter „Göhltaler“ nach Verviers zu einem Besuch des dortigen Wollmuseums mit anschließender Stadtführung. Die alte Textilstadt Verviers, die in den fünfziger und sechziger Jahren ihre Jahrhunderte alte auf der Wolle gegründete Existenzgrundlage verlor, hat sich vor wenigen Jahren erst auf ihre reiche industrielle Vergangenheit rückbesonnen und diese zum Schwerpunkt ihrer touristischen Aktivitäten gemacht. In Hodimont, früher zum Herzogtum Limburg gehörend, entstand in den Gebäuden der Anfang des 19. Jahrhunderts errichteten Manufaktur Dethier ein Museum, das der Geschichte des Wollfadens in all seinen Ausprägungen gewidmet ist und wo der Zuschauer die Geschichte der Wolle von der Schafschur bis zum Webstuhl verfolgt und gleichzeitig die frühesten Zeugnisse der industriellen Revolution im Textilsektor bewundern kann. Unter der sachkundigen Führung von Fr. Regine Pauquet vom Fremdenverkehrsamt konnten dann weitere Aspekte der Stadtentwicklung verdeutlicht werden. Eine Ausfahrt, die gezeigt hat, dass Verviers bedeutende Anstrengungen unternommen hat, den Faden seiner Geschichte nicht abreißen zu lassen. „Junge Stadt auf altem Lavastrom“: So nennt sich Mendig in der Eifel. Dorthin führte eine von H. Josef Kessel organisierte Ausfahrt am 6. Oktober. Sowohl auf der Fahrt durch die Eifellandschaft wie vor Ort war Herr Dr. Nikolaus Schmitz ein fachkundiger Begleiter. Das Besondere an Mendig sind die ehemaligen unterirdischen Basaltgruben, von denen ein Teil durch die Vulkanologische Gesellschaft als Besucherbergwerk eingerichtet wurde. Über Jahrhunderte ist der erstarrte Lavastrom aus der vulkanischen Tätigkeit des nahen Wingertsberges abgebaut und in Form von Mühlsteinen, Pflastersteinen, Rinnsteinen etc. genutzt worden. Beim unterirdischen Abbau des Basalts
108 Auch heute noch ist Australien „very british“ in all seinen Lebensäußer- ungen, doch zeigen die Bewohner des Landes eine größere Freundlichkeit und Herzlichkeit dem Besucher gegenüber. Die Dia-Schau nahm die Zuschauer mit auf eine faszinierende Reise von Darwin (im Norden) nach Alice Springs und Ayers Rock (im Landesinnern), von Cairns und dem Großen Barriereriff (im Nordosten) bis Sydney (im Südosten) und zeigte so die verschiedensten Landschafts- und Vegetationszonen, die vom subtropischen Norden bis zur Halbwüste im Herzen des Kontinents alle erdenklichen Facetten aufweisen. Auch die Pflanzen- und Tierwelt Australiens hat im Laufe der Jahrmillionen eine besondere Ausprägung erhalten, wovon u. a. die vielen Beuteltierarten zeugen. 4 Schließlich wies H. Frings auch immer wieder auf die fast untergegangene Kultur der Ureinwohner (aborigines) und deren Naturverbundenheit und Naturverständnis hin. Der Vortrag wurde mit viel Beifall bedacht und durch ein Glas australischen Weines (Cabernet) abgerundet... Die Fotoausstellung im Museum, vom 17.11. - 2.12.2001 mit Bildern des in Neu-Moresnet ansässigen Fotografen Oskar Hahnbück trug den Titel „Fotos der besonderen Art von Kelmis und Umgebung“. Der Fotograf sucht neben dem besonderen Objekt auch den besonderen Blickwinkel und zieht alle Register der Kunst, um Überraschungseffekte zu erzielen und dem Betrachter die gewöhnlichsten Dinge des Lebens (Müll, Briefkästen, Denkmäler, Hinterhöfe...) auf eine bis dahin nicht beachtete Weise zu zeigen. Das Land der Pharaonen war das Thema eines Dia-Vortrages von Herrn Josef Spekl im Kulturzentrum Select am 13. Dezember 2001. Hier zeigte sich, wie technischer Aufwand (4 Projektoren und Panoramaleinwand) einen Dia-Vortrag zu einem besonderen Ereignis werden lässt. Die Schau führte die Besucher zu den Glanzpunkten der altägyptischen Kultur, von Kairo nach Gizeh, Memphis, Sakkara, Luxor, Karnak, ins Tal der Könige, nach Edfu, Assuan und Abu Simbel, wobei immer wieder Szenen des Alltagslebens in der Stadt und auf dem Lande eingeblendet wurden. Wenn dann auch noch, wie in diesem Falle, ein fundierter Kommentar die Bilder erläutert und die musikalische Untermalung stimmt, ist die Schau doppelt lohnend.