I S Shltal Landschaft im Grenzraum Nordostbelgiens FE FZS Vf ZLZTES SZ => zz Zr E Da ===== = = _ DL 7 E===— = FE Zz zn) CO aa Zn DZ N dl EEE N —eA SZ = ZZ ] A A = ESEL FE A Wil a Cu a ME Sa te Ss a ES Da IM | hu Da A BL 2 Ban ZN Ka ESS SC 78 N (REES ji AL (re Ka CAS Ya So N A A 1 SE N 2 Eee SE IM ea = WM tra Inf TAN A SEEN u a a EN ET EEE ss Sl MAN Sn M I WE — pP ZRZM Cd 7ER SETS AO Ya — FEST“ ATI OA Öl X ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr. 68 — Februar 2001
Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr. 68 Februar 2001 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04. Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Kassierer: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Postscheckkonto Nr. 000-0191053-60. Generale de Banque: 248-0068875-35 ASRK: 001-1149241-61 Konto NL: AMRO-BANK: 46.37.00.090 Vaals/L Konto BRD: Aachener Bank: 821 363 012 (BLZ 390 601 80) Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten Entwurf des Titelblattes: (+) Alfred Jansen, Moresnet-Kapelle. Druck.: Aldenhoff, Gemmenich.
3 Inhaltsverzeichnis Alfred Jansen,(+) Zum Umschlagbild: 5 Moresnet-Kapelle Schloss Broich in Montzen M. Th. Weinert Sturmtag 10 Aachen-Forst Hartmut Benz, M. A. Zwischen Fürstenschloß 11 Much-Bruchhausen und Internierungslager Das Leben des Priesters Nikolaus Trenz Erich Kockartz Et Klengt va-jen Jöhl 45 Hauset Leonard Kirschvink Die Roetze 46 Bollendorf Raerens verschwundene Höhenburg Peter No@l Oot Kelmeser Recykling 64 Bildchen Firmin Pauquet Historischer Rundgang durch Kelmis 66 Kelmis (Teil 4) H. von Schwartzenberg Die Grenze zwischen Limburg 96 Aachen und Kornelimünster Herbert Lennertz Jahresrückblick 2000 109 Neu-Moresnet
5 Zum Umschlagbild: Schloss Broich in Montzen“ von Alfred Jansen (+) Im Dialekt bedeutet Broeck/Broich Sumpfland. Nur einige hundert Meter trennen im Vogelflug die beiden Montzener Adelssitze Broich und Streversdorp (alias Graf) und sie haben bzw. hatten manches gemeinsam: Die gleiche ruhige Lage in einer Bodensenke sowie Wassergräben und damit in Verbindung stehende Weiher. Der Weiher von Broich nordwestlich des Schlosses hatte eine Fläche von 3 ha. Leider wurde er größtenteils Ende der vierziger Jahre trockengelegt. Auch die Wassergräben sind zur Nord- und Ostseite verfüllt worden; in dem verbliebenen Rest spiegelt sich das Schloss und trägt damit zum idyllischen Landschaftsbild bei. Auch geschichtlich waren die Herrschaften Streversdorp und Broich zeitweilig verbunden und im Besitz von Mitgliedern ein und derselben Familie, nämlich der van der Heyden genannt Belderbusch. Abgelegen und nur über einen Feldweg zu erreichen, liegt Broich verträumt inmitten einer Parkanlage. Schematisch dargestellt ist Broich ein aus vier mehr oder weniger asymmetrischen Bruchsteinbauten bestehender Komplex auf leicht vorkragendem Sockel. Das schiefergedeckte Dach weist sehr eigenwillige Formen auf. Sowohl die Nord-, wie die Südfront haben einen Eingang in der Mittelachse und schließen nach oben mit einem in der Mitte von einem Bullaugen durchbrochenen Ziergiebel ab. Doch während der Mittelteil der Südfront von den vorspringenden Seitenflügeln flankiert wird, bietet sich an der Nordseite ein ganz anderes Bild, denn hier ist es der Mittelteil, der leicht vorspringt. Im Blickfeld stehen zur Südseite hin die Pfosten einer Fenstertür, deren untere Hälften verwitterte Statuen darstellen, die wohl früher einmal als Eckpfeiler einen Kamin geziert haben. Der älteste Teil des Baues scheint der Südostflügel zu sein. Die gesamte Anlage, die im 17. Jahrhundert bedeutende Umbauten erfahren hat, (damals wurde das alte Herrenhaus mit Krüppelwalmdach in einen klassizistischen Neubau mit den für diese Zeit typischen großen Fensteröffnungen einbezogen) strahlt Kraft und Strenge aus. 1) Aus G. Poswick, Les Delices du Duche de Limbourg, Verviers 1951, S. 205-210.
6 «Zur stärkeren Unterstreichung des Gesamteindrucks werden die Wirtschaftsbauten der Vorburg durch zwei viereckige Backsteintürme mit der für die Zeit Johann Joseph Couvens typischen abgerundeten Ecklösung straff zusammengefasst. Die sonst übliche, auf das Herrenhaus zuführende große Baumallee fehlt hier'. Unvermittelt wächst aus der Wiese die Kulisse der beiden Türme vor uns auf. Geschickt fängt sie den Blick ein und bannt ihn auf das in der Mitte liegende Herrenhaus.» Mit diesen Worten beschrieb Dipl. Ing. Hans Königs Anfang der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts den Eindruck, den Schloss Broich auf ihn gemacht hatte. Von den beiden Backsteintürmen wurde einer zum Teil abgetragen, ist aber vom jetzigen Hofbesitzer wieder aufgemauert worden. Nur die früher vorhandene Wetterfahne mit dem” Wappen von Broich fehlt. Der andere Turm trägt eine Wetterfahne mit dem Wappen von Sluse. Wenn wir, von der Vorburg kommend, über die Bruchsteinbrücke, die eine frühere Zugbrücke ersetzt hat, das Innere des Schlosses betreten, sind wir überrascht von der harmonischen Gliederung der Räume, die alle von der Eingangshalle zu erreichen sind. N we AM sa & nn SS 3 We aA an = KA Ya CN A A 1 | BE FE ze 3 un 7 Br Al DL. ua |9 FA FA "90, — MONTZEN. — CHATEAU BnOICH. N WR A N 8 Bal, Langohr, Moniren, A SE . Schloss Broich in einer alten Aufnahme. Die Ansichtskarte ist 1909 abgestempelt worden. ' Eine solche Allee führte wohl früher vom Schloss zu einer kleinen Insel im westlich gelegenen Schlossteich.
7 Der rechts liegende Saal ist vollständig mit Gemälden des 18. Jh. ausgekleidet, die allesamt Jagdszenen zeigen: Treibjagd auf Rotwild, Entenjagd, Fuchsjagd, Wildschweinjagd und Hallali-Blasen. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren diese Gemälde in einem guten Zustand erhalten geblieben, haben aber dann in den Besatzungsjahren 1940-44 sehr gelitten. Der große Raum mit den Jagdbildern wurde als Abstellraum benutzt. Der Umstand, dass das Schloss bis 1948 leer stand, war ebenfalls dem Erhalt der Gemälde nicht günstig. Losgelöste Fetzen hingen herunter und G. Poswyck befürchtete 1951 den drohenden Verlust dieser Bilder. Den jetzigen Besitzern gelang es, die Bilder, die ursprünglich bis zum Boden reichten, zu erhalten. Nur die unteren Partien waren unwieder- bringlich verloren. Der große, nach Norden gelegene Salon weist einen schönen Marmorkamin im Stil Louis XVI auf; darüber Stuckarbeiten. Der angrenzende kleine Raum hat ebenfalls einen alten Kamin mit Delfter Kacheln in gusseisernem Rahmen. In dem links vom südlichen Eingang gelegenen kleinen Raum sieht man einen weiteren Kamin mit figürlichen Darstellungen. Schloss und Lehnshof Broich waren vom Aachener Marienstift abhängig. Im 16. Jh. sind sie im Besitz der van der Heyden genannt Belderbusch. Urkundlich belegt sind: 1557: Dirick Belderbusch van den Broeck. (Ist er identisch mit dem Dierick Belderbusch, der von Juni 1544 bis zum 2. Juli 1551 als Drossard von Henri-Chapelle fungierte?) 1627: Peter van der Heyden gen. Belderbusch 1644: Dederick van der Heyden gen. Belderbusch, der Broich noch 1660 besitzt. Er stirbt etwa 1666, die Witwe lebte noch 1694. 1686-1697 wird Theodor-Dominik van der Heyden gen. Belderbusch als Herr von Broich genannt. Er war vermutlich ein Sohn des vorgenannten Dederick. 1699: Schloss Broich geht durch Verkauf an Jean-Josse de Harcking, Ritter des Hl. Römischen Reiches, über, der am 17. Oktober 1709 in Montzen stirbt. Er hatte Sophie Emonts geheiratet. 1709-1744: Winand-Henri de Harcking, Ritter des Hl. Römischen Reiches, geboren in Limburg am 20.2.1686 und dort verstorben am 21. Juni 1744, folgt seinem Vater als Besitzer der Herrschaft Broich. Wahrscheinlich hatte der Vorgenannte seiner auf Schloss Broich am 4. September 1702 geborenen Schwester Catherine-Ernestine vor seinem Tode die Herrschaft Broich abgetreten. Die Schwester war verheiratet
8 mit Jean-Francois de Hertwick. Aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor, Ludovica Dorothea de Hertwick, die in erster Ehe Werner Edmund von Broich und in 2. Ehe den Baron Philipp von Witte von Limminghe, Schöffen von Aachen, heiratete. Werner Edmund von Broich war einer der fünf Grundherren von Montzen. Diese Herren hatten sich 1706 auf eine gemeinsame Jagdnutzung geeinigt. Nach dem Tode des Herrn Philipp von Witte ging Broich an den Sohn aus erster Ehe, Charles-Henri von Broich (1765-1834) über, der die Baronin Maria-Anne-Louise von Sluse (+ 1831) geheiratet hatte. Deren Sohn, Louis-Charles-Ferdinand von Broich, heiratete in erster Ehe Flore-Hyacinthe Pollart de Canivris. I Die Tochter dieser Eheleute, Baronin Eulalie-Marie-Flore von Broich (+ 16.11.1912) heiratete in erster Ehe Alphonse-J.-B. F. Ysebrant de Lendonck (1850-1912). Sie wurde Eigentümerin von Broich durch Teilungsakt (Notar Portaels, Brüssel) vom 6. Juni 1868. Am 25. November 1883 schenkte sie durch notariellen Akt vor Notar H. Xhaflaire (Montzen) den Besitz ihrem Sohn Ernest-Louis Ysebrant de Lendonck (1850-1912), der mit Nathalie Deudon d’Heysbroeck (1852-1907) verheiratet war. Nach dem Tode ihres Vaters brachten die vier Kinder Broich und die dazugehörenden Ländereien, insgesamt 109 ha, am 7. August 1913 zum Verkauf. Drei der sechs Bauernhöfe gingen an Stephane, Gaston und Marguerite Ysebrant de Lendonck; das Schloss und drei weitere Höfe mit 59 ha Land erwarb die Schwester Christine-Francoise-Louise Ysebrant de Lendonck (* 1879), verheiratet mit dem Baron Hermann von Mentock. Letztere verkauften Broich am 2. Juli 1935 an den holländischen Industriellen Jean Canisius aus Schinnen b. Sittard. Der neue Eigentümer war kinderlos; die Erben verkauften Broich, das damit eine weitere Zersplitterung erfuhr. Die Pächterfamilie Vaessen erwarb das Schloss und den davor gelegenen Gutshof, während das Gut Neuhuys (heute Pachtgut Xhonneux) an den Vervierser Industriellen Malherbe ging. Von Familie Vaessen kam das Schloss durch Kauf an Familie Pirard und schließlich, 1963, wiederum durch Kauf, an die Familie des Barons Carl von Broich, eines Nachkommen der früheren Besitzer des Wasserschlosses und Verwandten der Ysebrant von Lendonck. ko ok
9 Die Raben von Schloss Broich Es war an einem grauen Novembertag in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Am großen Weiher von Broich hatte sich ein Schwarm krächzender Raben in einem Baum niedergelassen. Diesen Vögeln sagte man schon immer nach, sie könnten vor nahendem Unheil warnen und auch auf ein geschehenes Verbrechen aufmerksam machen. Wild gestikulierend und Steine werfend steht ein Mann am Rand des Weihers. „Verfluchtes Federvieh“, hört man ihn rufen, „ich habe euer Gekrächze satt! Wenn mein Verbrechen an den Tag kommt, werdet ihr es mit eurem Blut büßen!‘“ Es war der Gärtner des Schlossherrn Werner - Edmund von Broich, der sich so über die Raben aufregte. Dass er von seinem jungen Gehilfen, der im Schilfgürtel versteckt stand, beobachtet wurde, ahnte er nicht. Der Junge seinerseits wusste sich keinen Reim auf das zu machen, was er sah und hörte. Als er jedoch seinem Vater davon erzählte, erinnerte sich dieser an ein Gespräch, dem er im Wirtshaus nach der Beerdigung der Köchin von Schloss Broich gelauscht hatte. Die Frau war ermordet worden, doch es schien den Dorfbewohnern, dass die Gerichtsbehörden nicht genügend Eifer an den Tag legten, um das Verbrechen aufzudecken. Ein Bauer, der diesen Vorwurf hörte, soll gesagt haben: ”Dies ist nicht das erste Mal, dass das Gericht sich in Schweigen hüllt, aber diesmal werden die Raben die Wahrheit ans Licht bringen.“ Diese Worte fielen dem Vater des Gärtnergehilfen wieder ein und er meldete den Vorfall dem Schlossherrn. Der Gärtner wurde verhaftet und musste gestehen, dass er aus verschmähter Liebe die Köchin umgebracht hatte. (Diese Geschichte fanden wir in „A cheval par monts et par vaux“ von Maurice Thunus, Verviers, Librairie Derive, 1983).
10 Sturmtag Sturm kommt von irgendwo her, zerrt an den Wolken, zerreißt die schweren, bleigrauen Säcke, zieht sie zu langen, flatternden Fahnen, jagt sie davon... Weißen Gebirgen nimmt er die Kronen, setzt sie beliebig anderen auf. . Wogende Bälle formt er zu Fetzen, flüchtend vergehn sie vor tiefblauem Grund... Sturm, unser Bruder in Schicksal und Wille, Wolkengeschwister, im Wachsen, Vergehn... Bild unseres Lebens im Wandel der Erde. M. Th. Weinert
11 HARTMUT BENZ * Zwischen Fürstenschloß und Internierungslager Das Leben des Priesters Nikolaus Trenz Nikolaus Trenz' war der Erstgeborene des Bergmanns Nikolaus Trenz (1848-1921) und seiner Gattin Elisabeth Riem (1848-1902)’. Am 14. Oktober 1874 kam er in Hülzweiler im Saarland zur Welt und wurde vier Tage später in der Pfarrkirche St. Laurentius, die damals innerhalb des Bistums Trier zum Dekanat Lebach zählte, getauft. Zwischen 1880 und 1887 besuchte er die Volksschule seines Heimatdorfs. In Hülzweiler empfing er am 13. April 1887 auch die Erste Heilige Kommunion und am 15. Mai 1887 das Sakrament der Firmung. Im Herbst 1887 nahm ihn der als Pastor neu nach Hülzweiler versetzte Johann Friedrich Flesch (1836-1907) als Privatschüler an und bereitete ihn auf den Besuch einer höheren Schule vor. Derart vorgebildet trat er April 1889 in Untertertia (8. Klasse) des Progymnasiums von Saarlouis ein. Von nun an bleibt Trenz' Leben für über zehn Jahre von Widersprüchen, falschen Angaben und Irreführungen geprägt. Trenz selbst liefert in einigen hand- und maschinegeschriebenen Lebensläufen sich völlig widersprechende Aussagen über seine Schul- und Hochschulausbildung sowie Diözesan- zugehörigkeit. Die seinen Angaben entgegenstehenden Dokumente aus Gymnasien, Universität und Bistumskanzleien machen den wahren Sachverhalt deutlich, daß Trenz ohne Abiturzeugnis ein Studium begonnen hatte, ohne Universitätsabschluss geweiht wurde und ab 1900 ohne Diözesanbindung wirkte“. Nachdem Trenz in Saarlouis nicht in Obertertia versetzt wurde, nahm ihn der Vater 1890 von der Schule und wollte ihn auf eine Bergbau- Akademie schicken”. Die Versuche des damals Fünfzehnjährigen, Priester zu werden, wären zum Scheitern verurteilt gewesen, hätten sich nicht zwei in den USA lebende geistliche Onkel erboten, für alle anfallenden Ausbildungskosten des Jungen aufzukommen. Im Schuljahr 1892/93 besuchte Trenz das Königliche Gymnasium Trier. Auch dort gelang es ihm nicht, in Obertertia versetzt zu werden, wie das Abgangszeugnis vom 29. März 1893 zeigt°. Über die Jahre 1890 bis 1892 soll später speku- liert werden. Jenes schulische Scheitern hat Trenz mit einer Vielzahl von * Anschrift des Verfassers: D-53804 Much-Bruchhausen 4
12 Fehlinformationen zu überdecken versucht. Im Januar 1897 schrieb er in einem Bittgesuch um Aufnahme in den Weltklerus des Bistums Trier: „4891 besuchte ich die Untertertia des Gymnasiums zu Trier. Im März 1892 ... mußte ich das Gymnasium verlassen, da (ich) von (einer) gefährlichen Augenkrankheit befallen (wurde und) 6 Monate (die) Augenklinik Saarbrücken (aufsuchte. Dann) setzte (ich) anfangs meine Studien hinter dem Rücken meiner Eltern privatim fort, nach 3 oder 4 Monaten mit Erlaubnis meiner Eltern, aber gegen den Willen des Arztes durch Privatunterricht, denn mein sehnlichster Wunsch war, so bald als möglich ein Gymnasium zu besuchen.‘ In einem am 22. September 1898 datierten Bewerbungsschreiben gab er an, er habe 1892/93 am Gymnasium zu Trier die Unterprima (12. Klasse) besucht, diese Klasse: jedoch vorzeitig verlassen und „eine weltliche Stelle übernehmen (müssen, da seine) Familie in wirtschaftliche Nöte‘“* geraten sei. Als Pfarrer lieferte Trenz eine weitere Variante. 1937 schreibt er in einem Fragebogen über seine Ausbildung, er habe bereits 1892 in Metz das Abitur absolviert. Fünf Fächer will er mit gut, zwei mit genügend bestanden haben. Alle drei Versionen werden durch das Trierer Zeugnis als falsch entlarvt”. Tatsächlich war Trenz Ende März 1893, nach vier Jahren an zwei höheren Lehranstalten, um keinen Schritt einem für ein Theologiestudium qualifizierenden Abschluß näher gekommen. An das Gymnasium in Trier kehrte er 1893, wie Religionslehrer Professor Joseph Ewen am 15. Mai 1898 mitteilte, nicht mehr zurück, auch wenn Trenz selbst angab, ein nicht näher bezeichneter Wohltäter habe ihm ermöglicht, die abgebrochene Unterprima nachzuholen'®. Vielleicht war Trenz im März 1893 (statt 1892) erkrankt und hatte sich bis August 1893 in Saarbrücken aufgehalten''. Mit oder ohne Unterstützung durch Eltern oder Arzt, aber gewiß mit Hilfe eines Wohltäters, hätte er somit rund ein Jahr für privaten Unterricht Zeit gehabt'*. Er selbst schreibt 1897: „Endlich Herbst 1894 konnte ich das Gymnasium in Diedenhofen ... besuchen“!‘?. Aber auch hier ist Trenz, der behauptete, er besuche die Obersekunda (11. Klasse), überfordert. „Da ich sehr schwach war im Griechischen und Mathematik unterzog ich mich einem strengen Studium, das statt meine Lücken auszufüllen mich zwang das Gymnasium zu verlassen (und) nach Metz zu Verwandten zurückzuziehen, (um) ... einen Arzt zu consultieren. Hier setzte ich meine Studien ... durch Privatunterricht fort (und) entschloß mich, (um) Aufnahme in das Collegium Americanum zu Löwen ... nachzusuchen um später ... als Priester nach Amerika zu gehen“'*,
13 Königlides Symnafium zu Frier. Abgangszeutgnits. ALDNSFUNALLLENER, geboren den... 24. un... VaLB0 187% ww PEEGeurtelen VE DL Sohn yes. Hanpmwnnn? Bicolane Zeng m Mil uarci date. a Mnbfähffrn Woufelfion, hat das hiefige Gyumafun feit AA pr & 18.22 yo der Blofe Kerterferlna au befadjt und war zuloht [id man m Mr DB A 18.72. Siyöler der Blafe. Zr At nP aha. Betragen: AA AL.. E AN ea und Sleif: EEE 2 Msbas VER Leiftungen in den Unterrichtsgegenftänden : e A Deutfdy: pen pan ds Sf mit ffrop nf P Lateinifdh: nA GAEE. Q g AB TON MÄDCHEN Öriechifd: arg, mischen hnfnn | (SOCIAL SIDE KEN Sramöffd: vn YA RS Dehräif man WS FASO e Wefehiehte : L a (A Mathematik (Rednen): pm! e Phyfik Maturge dichte): lg ‘ BET TON _- Sireiben u. BT Bei MEN mm ie Befanig 3... mm e) Turnen: mn tl. Semester; br eh A BE EEE SE ya fnhl A Naugplat N I AL fe „Sehütern. Trier, den... 2f.. A A De Der Direktor: ) PR ! Der. Ordinarius: TO Aaleh
14 Ob Trenz wirklich in Diedenhofen das Gymnasium besuchte, bleibt unsicher. Da er auch diese Schule vorzeitig und ohne Zeugnis verließ, lassen sich seine Angaben abermals nicht belegen. Auch für die erneuten Privatstudien gibt es keinen Beweis. Ein Aufenthalt in Metz ist dennoch realistisch. In den Jahren 1890 bis 1892 dürfte Trenz die Dom-Schule der Diözese Metz, das College St. Louis in Metz, besucht und Zögling im Knabenseminar des Bistums, dem Seminaire St. Aloysius Gonzaga, in Montigny gewesen sein'®, Vielleicht hat er dort 1893/94 Kurse absolviert, die es ihm erlaubten, im Gymnasium von Diedenhofen als für Obersekunda qualifiziert einzusteigen. Das Trierer Bistum erkannte die Abschlüsse des College St. Louis in Metz nicht an, da es in Deutsch- land nur dem Niveau der Progymnasien entsprach. In Metz und Die-' denhofen waren die Zeugnisse gültig. Allem Anschein nach waren sie es auch im belgischen Bistum Namur'®. Hier treffen wir Trenz im Oktober 1895 als Schüler des Kleinen Diözesanseminars von Namur in Floreffe, wo er bis zum 23. Juli 1896 ein Jahr Philosophie als Vorbereitung für das Theologiestudium studierte. Trenz selbst schrieb 1898: „Zn der Hoffnung baldigst eine Aufnahme in irgendeinem Missionsgebiete zu finden, begann ich das Philosophiestudium, und nachdem ich es in 2 Semestern absolviert hatte, nahm ich das der Theologie in Angriff“. Trenz plante unverändert, ins Amerikanische Kolleg nach Löwen und dann in die Mission nach Amerika zu gehen. „Meine Eltern (so klagte er 1897), erlaubten mir ... aber nicht, da sie von meinem Entschluss Kenntnis erhalten hatten, in das Collegium Americanum Löwen einzutreten. Ich sah mich also gezwungen, anderswo eine Aufnahme nachzusuchen“®, So immatrikulierte sich Trenz im Herbst 1896 als Theologiestudent am Bischöflichen Lyzeum, dem heutigen Priesterseminar, in Eichstätt. Er nahm dort als Angehöriger, nicht als Priesteramtskandidat, des Bistums Trier das Studium auf, um später in die Mission zu gehen. Zu diesem Zweck hatte er sich mit dem Bischof von Green Bay (USA), Sebastian Gebhard Messmer (1847-1930)'°, in Verbindung gesetzt und ihn um die Aufnahme in seinen Diözesanklerus gebeten. Im Eichstätter Studienverzeichnis 1896/97 nennt er sich zwar, als einer von 13 Stu- denten des 1. Theologischen Kurses, Alumnus für das Bistum Green Bay, doch teilte ihm Bischof Messmer schon am 22. Dezember 1896 mit, er könne ;, vor der Hand nicht aufgenommen werden‘. Im Januar 1897 trat Trenz an sein Heimatbistum heran. Er bat Peter Alexander Reuß (1844-1912)?!, den Generalvikar des Trierer Bischofs, in den Klerus der Diözese Trier aufgenommen zu werden. Offen gestand er ihm: „/ch besitze
15 kein Abiturienten-Zeugnis‘“. Mit Rücksicht auf Trenz' mangelhafte Studien und seine für Trier nicht adäquate Qualifikation aus Metz und Floreffe lehnte Reuss den Antrag ab”. Nun begann erneut die Suche nach einem Bistum. 1897 hat er in Kontakt mit dem Erzbischof von Oregon-City (USA), William Gross CSsR (1837-1898), gestanden, denn im 2. Theologischen Kurs nannte er sich 1897 Alumnus „für die Diözese Ore- gon-City“*, Ende Mai 1898 hatte ihn auch Erzbischof Gross als Kandidat abgelehnt, wohl nachdem er das Generalvikariat in Trier nach Trenz'’ Qualifikation befragt hatte. Jedenfalls schrieb Trenz am 1. Juni 1898 in schlechtem Englisch an Bischof Thomas Heslin (1845-1911) von Nat- chez (USA)®, er gehöre keiner Diözese an, da er nur acht statt neun Gymnasialjahre absolviert habe. Am 3. Juni stellte ihm der Trierer Bi- schof, Michael Felix Korum (1840-1921)°°, die „Litterae dimissoriales‘“ aus”, so daß Trenz kirchenrechtlich als Alumnus galt, der sich bei jedem Bischof als Priesteramtskandidat bewerben durfte?®. Ende Juli 1898 wandte sich Trenz zusätzlich an den Bischof von Wi- chita (USA), John J. Hennessy (1847-1920)*. Er bat ihn ebenfalls um Aufnahme in den Diözesanklerus. Außerdem richtete Trenz am 22. September 1898 ein Bittgesuch an den Superior des Missionshauses von Steyl, er solle „ihm die Aufnahme in irgendeine Missions-Diöcese ... erwirken‘“, Am 26. September 1898 suchte er den Vizerektor des Collegium Americanum in Löwen, Msgr. Professor William Stang auf und bat auch ihn um Vermittlung eines geeigneten Bischofs. Aus Belgien zurück, schrieb Trenz die Bischöfe von Wichita und Natchez am 11. und 16. Oktober 1898 nochmals um eine eindeutige Antwort auf die früheren Gesuche an. Während dieser Zeit seiner fast panischen Suche nach einer diözesanen Heimat, und damit der wirtschaftlichen Absicherung, absolvierte Trenz das Studium mit recht gutem Erfolg. Im Wintersemester 1898/99 schloß er in Kathechetik, Pastoral und Dogmatik mündlich wie schriftlich mit Note I. ab, während er in Rubrizistik und Liturgik ohne Benotungen teilgenommen hatte. Während des gesamten Studiums lebte Trenz im Priesterseminar Eichstätt. Einer Studentenverbindung gehörte er nie an. Am 16. November 1898 erreichte Trenz endlich eine Zusage. Bischof Hennessy (Wichita) teilte ihm am 2. November „mit, dass er mich aufgenommen habe und ... ich meine Studien vollenden sollte im Seminar zu Eichstaett“*, Die vom 12. November datierte Zusage des Bischofs von Natchez, die am 6. Dezember 1898 in Eichstätt eintraf, benötigte Trenz dann nicht mehr. Nun schrieb er sich im 3. Theologischen Kurs 1898 als Alumnus für das Bistum Wichita ein®.
16 Mit Hennessys Zusage als Voraussetzung konnte Trenz am 26. Februar 1899 durch den Bischof von Eichstätt, Franz Leopold Freiherr von Leonrod (1827-1905), die Tonsur und die vier niederen Weihen empfangen. Auch Subdiakonats-, (18. März 1899), Diakonats- (19. März 1899) und Priesterweihe (2. Juli 1899) spendete ihm Bischof Leonrod®. Zu allen Weihen hatte Bischof Hennessy Bischof Leonrod die Litterae dimissoriales erteilt. So wurde Trenz, der zuvor den vorgeschriebenen Eid darüber leistete, für ständige Zeiten als Seelsorger in die Mission zu gehen, mit einem „titulus missionis‘“, dem Missionstitel, in Eichstätt zum Priester der Diözese Wichita in Kansas, in der US-Mission*®. Den für Eichstätt obligatorischen 4. Theologischen Kurs, der 1899/1900 hätte stattfinden müssen, hat Trenz nicht mehr besucht”. Wahrscheinlich: akzeptierte Bischof Hennessy die Leistungen der bisher absolvierten Semester®®, Nach der Weihe wurde Trenz krank. Nachdem er am 16. August 1899 in Hülzweiler das Primizamt gehalten hatte, zog er sich für zwei Monate „in eine Kneipp'sche Anstalt“ zurück?. Das folgende, erste Jahr seines Priestertums gestaltete sich ähnlich verwirrend wie seine Schul- und Studienzeit. Trenz sträubte sich dagegen, dem Missionseid folgend seine Heimatdiözese Wichita aufzusuchen. Wie schon in der Schulzeit (und auch später) wurde er „krank“. Bischof Hennessy beurlaubte ihn zuerst und wartete auf seine Genesung und Übersiedlung in die USA. Im Oktober 1899 wurde Trenz Hofkaplan des Grafen Friedrich von Renesse auf Burg Hamm, Pfarre Biersdorf, Dekanat Bitburg, im Bistum Trier. Hier las er in der Schloßkapelle für die Familie des Grafen Messe und hörte Beichte. Im Februar 1900 wollte er, wie er im April 1901 schrieb, in die USA reisen, erkrankte aber erneut und zog stattdessen als Patient in die Kneipp'sche Heilanstalt Schloß Sonnenberg bei Altkirch im Elsaß, wo er bis zum 5. April 1900 kurte und wo er wahrscheinlich bereits 1899 Gast gewesen war“. Spätestens Ende März 1900 erreichte ihn in Schloß Sonnenberg die Nachricht Bischof Hennessys, er sei aus dem Klerus Wichitas entlassen und solle sich „ein europäisches Bistum suchen“*', Von Burg Hamm aus bewarb sich Trenz in den folgenden Monaten bei den unterschiedlichsten Stellen. Eine Stelle im Präsidium des Schutzvorstands der Gesellenvereine in Brüssel wird ihm versagt, weil Kolping-Generalpräses Msgr. Sebastian Georg Schäffer (1828-1901) in Trier um: eine Bewertung Trenz' nachgesucht hatte“. Zwei zugesagte Anstellungen tritt Trenz ohne Angabe von Gründen nicht an. Am 30. April 1900 erkundigte sich Gutspächter Sträter aus Hohensasel (Plön) in
17 Trier nach Trenz, der sich „behufs Annahme einer Stellung eines Lehrers für meinen ältesten ... Knaben gemeldet hat. Derselbe wollte gestern eintreffen, kam aber nicht, auch hat er brieflich nichts von sich hören lassen“, Ähnlich erging es Graf Maximilian von Korff-Schmising, Besitzer des Wasserschlosses Tatenhausen (Halle), der am 13. Mai 1900 in Trier darum bat, „Auskunft über Vikar Trenz ... mitteilen zu wollen, welcher sich als Hausgeistlicher bei mir gemeldet hat“, Am 15. Juli 1900 nahm Trenz dann das „wiederholte Anerbieten Seiner Durchlaucht des Fürsten zu Salm und Kyrburg (an), seinen Söhnen Unterricht zu erteilen.“ Tags darauf bat er Generalvikar Reuß von Trier um „die Erlaubnis, (sich) in der Diözese Trier ... aufhalten“ zu dürfen. Reuß gewährte die Bitte, sandte Trenz aber die Zelebrationserlaubnis (Celebret) nur für sechs Monate. Nach Ablauf jener Frist verlängerte er das Dokument am 21. Januar 1901 sogar nur bis zum 1. Mai, mit dem Zusatz, daß eine Verlängerung nicht möglich sei. Spätestens jetzt mußte sich Trenz abermals nach einem neuen Wirkungskreis umschauen. Mit dem Titel Hofkaplan lebte Nikolaus Trenz ab Juli 1900 in Schloß Rennenberg, dem 1846 erbauten Sommersitz der Fürsten Salm-Kyrburg, bei Linz am Rhein. Hausherr in Rennenberg war 1900 Friedrich VI. Ludwig Fürst zu Salm-Kyrburg (1845-1905), dessen zwei Söhne, Erb- prinz Maximilian (1886-1948) und Robert (1889-1950), Trenz unterrichtete. Kirchlich gehörte Schloß Rennenberg zur Pfarrei Linz im Dekanat Engers des Bistums Trier. Zudem las Trenz seit Oktober aushilfs- weise Frühmessen in den zur Nachbarpfarrei Ohlenberg zählenden Filialen Casbach und Ockenfels*®. Am 12. April 1901 teilte er dem Kölner Generalvikar, Peter Karl Aloys Kreutzwald (1850-1918), mit“, daß ihn das Kuratorium „der Rektoratschule von Grevenberg zum Lehrer gewählt (habe. Er will die Schule) heben und fördern, der kirchlichen Behörde ... in keiner Weise mich lästig machen, sondern verspreche ... deren Wünschen in jeder Hinsicht gerecht zu werden“, Trenz läuft die Zeit davon. Zum einen werden seine Dienste auf Schloß Rennenberg nicht mehr benötigt, da Erbprinz Max, den er auf Obertertia vorbereitete, ab Ostern 1901 ein Gymnasium besuchen wird, und andererseits am 1. Mai die Zelebrationslizenz für das Bistum Trier definitiv ausläuft. So bittet er Kreutzwald, ihm baldigst die Erlaubnis zur Annahme der Stelle zu geben, Triers Generalvikar Reuß, ihm ein Zeugnis für den Kölner Amtskollegen auszustellen und Pfarrer Heinrich Wilhelm Papst (1852-1910) in Würselen, in dessen Pfarre die Schule lag*, in Köln auf seine Einstellung
18 zu drängen. Ihm schrieb er am 18. April 1901, er bleibe nur bis zum 28. April auf Schloß Rennenberg, dann gehe er „nach Bayern an ein Inter- nat‘, In Reuß' Beurteilung für Kreutzwald kommt Trenz' sprunghafte und ungenügende Schulausbildung zur Sprache. Trenz sei jemand, der „in und außerhalb der Diözese ... Aufnahme suchte, offenbar nicht nach seiner Diözese in Amerika gehen wollte, ... immer in Stellungen sich begab, welche eine Ausbildung in der Seelsorge ... und eine Überwachung ausschlossen, so wurde ihm ... ein Celebret immer nur auf kurze Zeit gegeben um ihn zu nötigen, sich tatsächlich in seine Diözese in Amerika zu begeben und sich dort regelmäßig in der Seelsorge auszubilden. Andererseits gab ihm der Pfarrer von Linz, Karl Maria Dethier, das Zeugnis, daß er einen tadellosen, priesterlichen Lebenswandel geführt‘ hat‘, Am 24. April 1901 erlaubte Kreutzwald, daß Trenz bis zum Ende des Semesters an der 1881 gegründeten (1924 als Progymnasium anerkannten) „Höheren Knabenschule‘‘ Grevenbergs Religionsunterricht erteilt. Hier besuchten 41 Knaben die Klassen Sexta bis Untertertia (1905). Der Schule, die zur Pfarrei Würselen im Dekanat Cornelimünster gehörte, stand ein Priester als Rektor vor. Im Juli 1901 wurde Trenz' Erlaubnis verlängert und am 9. Juli 1902 erhielt er außerdem die Erlaubnis zur Seelsorgsaushilfe, da er Pfarrer Papst und die beiden Kapläne als Subsidiar an St. Sebastianus unterstützen soll. Ausschlaggebend für die Verlänge- rung war, neben der Fürsprache Papsts, Trenz' Angabe, er werde, nach Auskunft des Aachener Regierungsschulrats, im November beim Oberpräsidium in Koblenz zum Rektorexamen zugelassen”. e- A Ze 0 3 A . 8 Kaplan Nikolaus Trenz als Lehrer a an der Höheren Knabenschule da a Grevenberg, um 1901 « " (Quelle: Kulturarchiv Würselen)
19 Somit war Trenz seit 1901 im Erzbistum Köln als Lehrer und Hilfsseelsorger zugelassen. Dennoch wurde er auch hier zunächst nicht in den öffentlichen Diözesanstatistiken geführt”. In allen später gemachten, eigenen Angaben zu seinen Verwendungen als Priester klammert er die ersten Monate stets aus, oder macht falsche Aussagen hierzu. Sowohl im Totenzettel, als auch dem bereits genannten Fragebogen von 1937 und einer im Bistumsarchiv von Lüttich geführten Kleruskarteikarte ist Würselen als Trenz' erste Stelle angegeben*. Die Pfarrchronik Hülzweiler behauptet sogar, er sei „Relig. Lehrer am Königlichen Hof in Dresden“ gewesen”. Fünf Jahre wirkte Trenz in Grevenberg und Würselen, dann bewarb er sich um eine andere Anstellung. Im Dekanat Cornelimünster lernte er drei Priester kennen, zu denen er bis zu ihrem Tod Freundschaft pflegen würde. Johann Heinrich Ziemons (1872-1937) war in Brand geboren und 1901 zum Priester ordiniert worden, Theodor Klemens Lind (1870-1936) kam Ende 1901 als Kaplan nach St. Sebastianus in Würselen und traf hier auf Trenz, und Johann Cleven (1874-1947), wie Lind aus Essen gebürtig, amtierte von 1900 bis 1902 im nahegelegenen Kohlscheid als Kaplan, dann (1902- 1907) an St. Peter in Aachen. Alle drei fanden sich in der Gemeinde Much wieder: Ziemons als Rektor von Kreuzkapelle (1908-1928) bzw. Pfarrer in Much (1928-1937), Cleven als Pfarrer von Marienfeld (1907- 1921) und Lind als Pfarrer in Much (1907-1926). Als Priester des Dekanatsklerus Uckerath trafen sie hier den bereits 1906 in dieses Dekanat gezogenen Trenz*®, Am 27. Februar 1906 bat Trenz Generalvikar Kreutzwald, ihn ab Ostern „in der Seelsorge“ anzustellen”, da er, laut Beschluß der Königlichen Regierung Aachen, die Schule verlassen müsse. Er wünschte sich, als Privatgeistlicher im Rektorat Thum, Pfarrei Berg, im Dekanat Nideggen, zu arbeiten, um dort „seine Gesundheit wiederherzustellen“, die durch die Lehrerjahre „sehr gelitten“ habe®. Dem Anschreiben waren eine Einladung des Pfarrers von Berg, Heinrich Fischer (1872-1937), und ein Brief des Würselener Pastors Papst beigelegt. Fischer lud Trenz auf dessen Anfrage vom 14. Februar nach Thum ein, merkte aber an, daß in der neuen Kapelle die Innenausstattung noch fehle und ihm zudem höchstens 500 Mark durch die arme Gemeinde Thum gezahlt werden könne. Pfarrer Papst, dessen Bruder Anton Papst (1867-1923) Pastor im ebenfalls dem Dekanat Nideggen zugehörigen Füssenich war“, unter- stützte Trenz. Man solle.dem Gesuch entsprechen, „damit der arme Mann wenigstens Beschäftigung in der Seelsorge und einen Haltepunkt für sein
20 Leben gewinnt. ... Trenz ist ein unruhiger, nervöser Mann, hat sich aber als Priester tadellos geführt und mit großem Eifer (die) Pflichten als Lehrer erfüllt.“ In seiner Antwort bedauerte der Generalvikar, ihn nicht nach Thum schicken zu können. Trenz, so Kreutzwalds Antwort, möge sich an „Pfarrer Schaaf (von Neunkirchen wenden, der) noch eine Lehrkraft suche “*'. Schaaf hatte sich nämlich ebenfalls am 27. Februar ans Generalvikariat gewandt und um die Freistellung zweier Priester als Lehrer für die „Höhere Knabenschule mit Konvikt“ gebeten. Kreutzwald konnte, wie er Schaaf am 12. März schrieb, derzeit keinen Priester entbehren und nur den Diakon Karl Kuhn (1883-1965) abstellen®. Trenz sträubte sich gegen eine erneute Verwendung im Schuldienst. Am 3. April 1906 ließ er Kreutzwald wissen, er wolle „keine zu große Arbeit in der Seelsorge“ tun, da er durch die Belastungen in Grevenberg sehr geschwächt sei. Zudem könne er in Neunkirchen nicht seine „eigene Haushaltung “ führen, auf die er aber gesundheitshalber angewiesen sei®, Dennoch war der Generalvikar nicht umzustimmen. Eine „andere Stelle ... kann nicht gewährt werden“ schrieb er am 9. April 1906. So trat Nikolaus Trenz Ostern 1906 seinen Dienst als geistlicher Lehrer am St. Antonius-Konvikt von Pfarrer Schaaf in Neunkirchen an. Damals besuchten 238 Jungen die fünf Klassen, Sexta bis Obertertia, seiner Schule. Auch im Schuljahr 1907/08, in dem 232 Schüler die Anstalt besuchten, begann Trenz als Lehrer®. Pfarrer Schaaf klagte jedoch, Trenz beweise „nur wenig Lehrgeschick“®, Als im April 1907 der Vikar der Pfarre St. Margareta, Jakob Bertram (1882-1960), der auch als Lehrer tätig war, nach Elberfeld versetzt wurde, mußten seine Aufgaben in der Pfarrei verteilt werden. „Trenz übernahm im Auftrage des Pfarrers die Vikariedienste (und wurde) Präsident des ... Borromäusvereins, der seit 4 Jahren in der ... Pfarrei besteht und fast 300 Bände hat“, blieb aber gleichzeitig Lehrer am Konvikt®. Dieses Arrangement blieb nur einige Monate, bis Dezember 1907, bestehen, dann „verließ ... Trenz die Schule und wurde auf Vorschlag des Pfarrers Rektor in Hermerath“*. Ab 1908 fungierte Trenz nur noch in Notfällen als Vertretung an der Knabenschule, so Ende 1917 in Sexta und 1924 in Untertertia®. Die Versetzung Trenz' nach Hermerath dürfte Pfarrer Schaaf recht gelegen gekommen sein, wie es ein am 4. September 1917 verfasster Bericht verrät. Man „schickte (mir, so Schaaf), Trenz, der in Würselen Lehrer an der höheren Schule gewesen war, dort aber entlassen wurde, angeblich weil er kein Examen gemacht hatte. Als er bei mir längere Zeit unterrichtet hatte, sagte ... ich dem ... Generalvikar: Der Herr hat gar keine Lehrbefähigung, worauf
21 mir der ... Generalvikar sagte: Das wußten wir von Würselen“®. Trenz hatte also nie die 1902 versprochene Rektoratsprüfung in Koblenz abgelegt (oder nie bestanden) und war darum von der Aachener Regie- rung zum Gehen gedrängt worden. Als Nikolaus Trenz Ende 1907 nach Hermerath kam, wo er mit 33 Jahren die ersehnte Seelsorgestelle erhielt, stand er vor schwierigen Problemen. Als Kapellengemeinde ohne eigene Vermögensverwaltung war Hermerath vom Pfarrer und Kirchenvorstand von St. Margareta in Neunkirchen abhängig. Andererseits war der vor Ort lebende Geistliche durch die Distanz zum Pfarrort und das Fehlen eines Laiengremiums relativ unabhängig”. Als Seelsorger an seinem neuen Wirkungsort brachte Trenz zuerst Ordnung in die desolate finanzielle Lage der durch einen Kapellenumbau stark verschuldeten Gemeinde. Auch sorgte er sich um die Inneneinrichtung des Gotteshauses. Unter Trenz erlangte der Kapellenbezirk Hermerath eine größere Autonomie und fast pfarrliche Selbständigkeit. Rektor Trenz sorgte sich jedoch auch um so profane Dinge wie die Wasserversorgung in Hermerath, wozu er 1911 einen „Wasserleitungsverein“ ins Leben rief, der bis Juli 1912 die Arbeiten abschließen konnte. Kurz nach Kriegsende begann Rektor Trenz sein nächstes großes Vorhaben, den Bau eines Jugendheimes, den er in Eigeninitiative durchführte und „dank der von ihm organisierten Mitarbeit der Jünglinge“ Ende 1921 zum Abschluss bringen konnte. Die Jahre der Hochinflation (1922/23) hatten Hermerath und Neunkirchen mehr schlecht als recht überstanden,’ da trat der Kirchenvorstand in Neunkirchen’am 12. Oktober 1924 zu einer Sondersitzung mit der Tagesordnung „Besprechung wegen des Rektorates Hermerath‘* zusammen. „Die allgemeine Arbeitslosigkeit (und die) Mißernten (hätten die eingenommenen) ... Steuern (so gering ausfallen lassen, daß dem) Rektor in Hermerath sein Gehalt nicht ausge- zahlt werden (könnte. Man sehe sich) daher veranlaßt, die Rektoratsstelle mit dem 1. Dezember aufzugeben (und den) Dienst (künftig) durch die Schulgeistlichen versehen (zu lassen. Sollte das Generalvikariat einen) entsprechenden Zuschuss (zahlen, könne man) diesen Beschluß ... zurückziehen.“ In seiner Antwort vom 3. November 1924 zeigte sich Generalvikar Josef Vogt (1865-1937) erstaunt”, daß ein Kirchenvorstand glaube, Stellen kürzen zu dürfen und es dem Generalvikariat zur Kenntnis vorzulegen. „Auch bei einer Abberufung des Herrn Trenz, die lediglich uns zusteht, würden wir einen neuen Rektor ernannt haben, da wir nicht
22 beabsichtigen, die Stelle eingehen zu lassen“ so Vogt'*. Tatsächlich drohte Trenz im Jahre 1924 eine erneute Versetzung. Fast 16 Jahre wirkte er bereits in Hermerath. Bei einer statistischen Erhebung über auswärtige Priester, die im Erzbistum Köln Dienst taten, meldete Pfarrer Schaaf am 12. Januar 1915, Trenz hoffe, als „Rektor in Hermerath bis zum Tode zu bleiben und (bäte) um Aufnahme in die Erzdiözese‘, Auch die Jahres- berichte der Dechanten beurteilten Trenz positiv. Im Jahresbericht 1924 schrieb Dechant Gerhard Lapp (1870-1937) am 27. Februar 1925,’° Trenz sei „In seinem Rektorat sehr tätig. (...) Für die Errichtung eines Jugendheims hat er aufs beste gesorgt“. Dennoch machte das Generalvikariat in Köln stets deutlich, daß Trenz nur Gast im Erzbistum war. Bis 1926 tauchte er in keiner Liste von Kandidaten für das Pfarr-Examen auf”’®. Am 22. Juli 1924, zwölf Wochen vor der die Rektoratsstelle Hermerath in Frage stellenden Sitzung des Neunkirchener Kirchenvorstands, teilte Generalvikar Vogt Trenz mit, daß „die Ihnen schon lange vor Ostern mitgeteilte (am 16. Januar) Absicht, Hermerath wieder mit einem Priester unserer Erzdiözese zu besetzen im August“ ausgeführt werden soll. Die Erfahrung zeige aber, daß ein bewährter Priester wie Trenz in einem anderen Bistum unterkommen werde. Tatsächlich hatte sich Trenz schon im Februar 1924 bei Bischof Ludwig Sebastian (1862-1943) um Aufnahme in den Klerus des Bistums Speyer bemüht“. Sebastian bat Generalvikar Vogt in Köln um Auskunft. Dieser wandte sich an Neunkirchens Pfarrer Heinrich Schunck (1871- 1933), der, mit Trenz sonst wenig harmonisierend, am 2. März 1924 seinem Vorgesetzten mitteilte, daß Trenz von Pfarrer Schaaf nach Neun- kirchen geholt worden und auf eigenen Wunsch mit dem vakanten Rektorat Hermerath betraut worden sei. „In Hermerath hat Trenz fleißig gearbeitet. (Dort) schuf er ein Jugendheim. Allenthalben wird die große Mildtätigkeit des Rektors gegen die Armen rühmend anerkannt.“ Zu- dem sei er körperlich gesund, da er die Entfernungen im Rektorate stets zu Fuß bewältige. Dennoch hatte man Trenz in Speyer, dessen Bistumsarchiv keine Akte über ihn verwahrt, abgelehnt®'. 1925 trat er in Kontakt zu Bischof Martin Hubert Rutten (1841-1927) von Lüttich®’. Es könnte sein, daß er von Pfarrer Schunck aus Neunkir- chen auf die Diözese Lüttich aufmerksam gemacht wurde, da jener aus Kettenis (Dekanat Eupen) stammte und die Lütticher Verhältnisse kannte.® Hier hatte Trenz mehr Erfolg. Am 21. Dezember 1925 wies ihm Bischof Rutten die Pfarrei St. Georg in Schönberg zu, eine Gemeinde mit (1920) 558 Katholiken im Dekanat St. Vith, in der im November
23 Pfarrer Joseph Birfeld (1873-1925) gestorben war®. Das zum Kreis Malmedy gehörende Dekanat St. Vith hatte stets zur Erzdiözese Köln gehört und war rein deutschsprachig. Nach der politischen Zuteilung Eupen-Malmedys an Belgien (1920) fiel das 1.036 km? große Gebiet, in dem rund 60.000 Katholiken in 57 Pfarreien lebten, 1925 auch kirchlich an Belgien und wurde als „Neu-Belgien“ der Diözese Lüttich einverleibt, nachdem es vorübergehend (von Januar 1920 bis Juli 1921) vom Apostolischen Nuntius in Brüssel als Administrator verwaltet und durch päpstliche Bulle vom 30. Juli 1921 zu einem eigenen Bistum Eupen- Malmedy erhoben worden war. Es dauerte dennoch über zehn Wochen, ehe Trenz seine neue Stelle antrat. Wahrscheinlich hatte er sich in dieser Zeit auf das im Februar 1926 in Lüttich abzulegende Pfarrexamen vor- bereitet. Jedenfalls wurde Trenz in den Lütticher Akten seit 1926 stets als cure (Pfarrer) geführt”. In Neunkirchen war Pfarrer Schunck inzwischen unter wenig erfreulichen Umständen gegangen und von Johannes Scheidt (1886-1965) ersetzt worden, der am 28. September 1925 als neuer Pfarrer in Neunkir- chen eingeführt wurde. 1925 zählten Neunkirchen und Hermerath zum neu geschaffenen Dekanat Neunkirchen, dessen erster Dechant (1925/ 26) Pfarrer Franz Heinen (1872-1950) in Schönenberg war, der auch Scheidts Einführung vornahm. Nachdem von 1927 bis 1935 Heinrich Ziemons als Dechant amtiert hatte, füllte Pfarrer Scheidt dieses Amt fast 30 Jahre (1935-1965) aus®. Trenz hatte in der Vakanz (Juli bis September 1925) die Kirchenvorstandssitzungen in Neunkirchen geleitet, dann war er zu einer Romreise aufgebrochen, so daß er bei Scheidts Pfarreinführung fehlte. In der Vergangenheit hatte er sich hauptsächlich um die Arbeit im Seelsorgsprengel Hermerath gekümmert, nie einen mehrwöchigen Urlaub genommen (in den Hermerather Matrikelbüchern zeichnete zwischen 1912 und 1926, mit fünf Ausnahmen, stets Trenz) und war nur zu besonderen Ereignissen nach Neunkirchen gekommen®?. Ein Quell steter Sorgen war für Trenz die völlig unzureichende Rektoratswohnung. Das 1804 vollendete Haus besaß sieben Zimmer, von denen nur eines unterkellert war, nebst einem 6,25 ar großen Garten und war seit Jahren in einem feuchten und schlechten Zustand. 1913 ließ der Kirchenvorstand Neunkirchen Trenz 300 Mark zur Bezahlung dringender Reparaturen und Mittel zur „Verbesserung des Closets‘“ zukommen. 1916 bat Trenz den Kirchenvorstand, durch Mitglieder die Wohnung besichtigen zu lassen, um „Vorschläge für eine durchgreifende Repa- ratur“ zu machen**. Diese Inspektion zog keine tatsächlichen Verbesse-
24 rungen nach sich, denn am 17. Juni 1921 mahnte Trenz einige Beschwerdepunkte erneut an: Der „Anstrich der Bekleidung der Nordseite meiner Wohnung ... wurde 1911 ausgeführt und seit dieser Zeit nicht mehr (erneuert), Ausbesserung des Fußbodens, der vom Schwamm voll- ständig zerfressen ist, Herstellung einer Waschküche, Sommer wie Winter muß meine Haushälterin im Freien waschen (dieselbe war 1916 zugesagt), Anbringung mehrerer neuer Fenster, da viele vollständig faul sind (auch 1916 zugesagt gelegentlich einer Besichtigung), Tünchen der Südseite meiner Wohnung, Tapezieren 2 Zimmer, die seit 1912 nicht mehr tapeziert worden sind‘, Tatsächlich ist es zu Trenz' Zeiten nie zur versprochenen großen Renovierung gekommen. Erst als Hermerath 1953 Rektoratspfarre wurde, baute man 1956 ein neues Pfarrhaus®®. % In der Kirchenvorstandssitzung vom 17. Februar 1926 würdigte Pfarrer Scheidt Nikolaus Trenz, „der eine Pfarrstelle in Schönberg bei St. Vith angenommen hat. (Trenz wolle) sein Jugendheim mit Mobiliar (sowie das) von ihm gestellte Harmonium“ für 1.200 Mark in Hermerath zurücklassen?®!. Trenz ließ auch das Bild der „Maria von der Immerwährenden Hilfe“, das 1909 von Papst Pius X. mit seinem Segen und speziellen Ablässen ausgezeichnet worden war, in St. Anna zurück”, „Anfang März (1926) nahm Herr Rektor Trenz eine Pfarrstelle ... in ... Belgien (an.) Es wurde ihm am 7. März eine schöne Abschiedsfeier im Jugendheim Hermerath veranstaltet, (wo) seine Verdienste gebührend anerkannt wurden. Da auch in Hermerath sich eine starke pro und con- tra Strömung um Trenz gebildet hatte, kam die Versetzung dem neuen Pfarrer nur erwünscht‘. Als Trenz von Hermerath abgereist war, be- gann eine zweimonatige Vakanz. Zwar hatte Generalvikar Vogt am 16. März 1926 Kaplan Johann Clotten (1886-1961) nach Hermerath versetzt, jener weigerte sich aber, die Stelle anzutreten. So wurde am 14. April 1926 der pensionierte Pfarrer Franz Aretz (1874-1952), der in der „Privat- klinik Dr. Bergmann‘ in Cleve kurte, nach Hermerath beordert, wo er Mitte Mai 1926 eintraf und fünf Jahre bleiben sollte. Bis zum Amtsantritt von Johannes Meinen hatte kein Priester mehr Jahre in Hermerath verbracht als Trenz**. Eine Demonstration von Trenz' Beliebtheit waren auch die Feiern seines Silbernen Priesterjubiläums am 2. Juli 1924 im Jugendheim in Hermerath, an deren Ausrichtung der Hermerather Kirchenchor, der MGV „Gemütlichkeit“ Söntgerath, der „Junggesellen- verein Hermerath“, die Musikkapelle des Neunkirchener „Konvikts‘“ und die Schüler der Volksschule Birkenfeld mitwirkten.”
25 Preifet den Herrn; denn er in gütig und ewig währet fein Erbarmen, ff. 135, 1. 3% bitte euch, Brüder, bei unferem Herrn Jefus Chrikus und bei der Liebe des heil Seijtes, daß ihr mir helfet mit euren Gebete für mich bei Gott, Röm. 15, 30. N ll, P Ar * Z> ZZ D= PAS FE Zur Srinnerung an mein 25jähr, Priefterjubiläum SHermerath, 2, Juli 1924 Sen Trenz, Gedenkzettel SCOOF: zum Silbernen Priesterjubiläum Seiligfte8 Serz Gefu, ih vertraue Zn TE auf dio. (300 Tage Ablaß) Ca Quelle: Pfarrarchiv Hermerath Über die nun beginnende Dienstzeit Trenz' als Pfarrer in Schönberg liegen nur wenige Angaben vor. Während der Ardennenoffensive wurden die Einwohner Schönbergs evakuiert und ihr Dorf völlig zerstört, wobei 1944/45 auch das gesamte Pfarrarchiv unterging. Pfarrer Meinen hatte bei seinen Recherchen 1976/77 Kontakte zum damaligen Pfarrer von Schönberg, Alfons Schils (1910-1986), der Trenz noch kannte, sowie dem 1913 dort geborenen, 1940 zum Priester geweihten Paul Kettmus geknüpft und deren Erinnerungen festgehalten. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Pfarrkirche St. Georg war 1826 nach Plänen des berühmten Architekten Karl Friedrich Schinkel (1781- 1841) erbaut worden”. In seiner elfjährigen Seelsorgetätigkeit in der Pfarrgemeinde, die 1941 auf 626 Katholiken angewachsen und in der er der einzige Priester war, wirkte Trenz zeitweilig auch als Latein- und Griechischlehrer in den unteren Klassen der „Städtischen Höheren Knabenschule*“‘ St. Vith. Dechant Paul Kettmus erinnerte sich 1977, „daß Pfarrer Trenz (als Religionslehrer der Volksschule von Schönberg)
26 ziemlich streng und unnahbar war. Wir hatten eher Furcht vor ihm wie kindliche Zuneigung. Erst als ich ihn später als Student (der Theologie) näher kennen lernte, erfuhr ich, daß sich unter dieser etwas rauhen Schale ein gutes ... besorgtes Priesterherz verbarg. Denn daß ich studieren durfte und später Priester geworden bin, verdanke ich ... Trenz. Ich war Kriegs- waise. Mein Vater fiel im Ersten Weltkrieg, 1917. Meine Mutter ... (starb) am 9. März 1929. Angesichts dieser Lage veranlasste Herr Trenz, daß ich die Studien dennoch weitersetzen konnte. Als Student verbrachte ich viel Zeit meiner Ferien im Pfarrhaus und mit ... Trenz auf Spaziergängen. Obschon mich damals viele Fragen und Probleme bewegten, kam es trotz allem kaum zu einer persönlichen Aussprache, was ich heute noch sehr bedauere. Ich habe ihn als eifrigen ... besorgten Priester in guter Erinnerung. (...) Die Seelsorge beschränkte sich (damals) auf den eigentlichen Gottesdienst und den Religionsunterricht. ... Pfarrer Trenz war andererseits sehr sozial tätig, indem er in sozialen Problemen ... Leuten half, wo er konnte“”. Auch von Schönberg aus blieb Trenz in Kontakt zum Dekanat Neunkirchen. Auf die Überschreibung des Jugendheims Hermerath auf die Kapellengemeinde und die Arbeit des Wasserleitungsvereins nahm er 1926 brieflich Einfluß. Zum Silbernen Priesterjubiläum von Pfarrer Heinrich Ziemons reiste er am 29. August 1926 nach Kreuzkapelle. Umgekehrt ließen sich zwei ehemalige Pfarrkinder, Elisabeth Franken und Johann Lutz (Hermerath), am 14. Februar 1928 von ihm in Schönberg trauen. Trenz ließ in der Pfarrkirche den Chorraum neu ausmalen, hielt sich aber sonst mit Bautätigkeiten zurück. In Schönberg redete er nie über die Vergangenheit, wie Pfarrer Kettmus dem Autor bestätigte. Er charakterisierte ihn als „autoritär, streng, verschlossen aber sehr hilfsbereit sowie einem guten Glase nie abgeneigt‘“®, In Schönberg behielt Trenz stets die deutsche Staatsangehörigkeit. Als Priester der Diözese Lüttich stand er sich wirtschaftlich jedoch schlechter, als der Pfarrer einer ähnlich großen Gemeinde im Erzbistum Köln. 1928 verdiente er 16.000 Belgische Frances (1.900 Mark). In einem Bericht an den Regierungspräsidenten in Aachen, Georg Sieler (1886-1955), äußerte sich der Landrat von Monschau, Franz Schwenzer (1885-1961), am 28. November 1928 etwas abfällig über den belgischen Klerus. Dieser sei „beim Volke nicht angesehen und (führe) ein kulturrückständiges Leben. (Die Priester besäßen nur einen) Anzug, primitive Einrichtung, keine Bücher und Zeitschriften (und ließen) sich viel schenken, Tatsachen, die des deutschen Geistlichen unwürdig sind, daher die gedrückte Stimmung
29 er bringt nachdem er bon gelebt hat mehr Geld zurück als er mitnahm.“ Die Untersuchung der Gestapo ergab, daß Trenz „als Emigrant anzu- sehen (sei, der) kurz vor der Abstimmung im Saargebiete nach Belgien gegangen und nicht an (besagter) Abstimmung teilgenommen (habe)! Er ist bisher als Hetzer gegen Deutschland nicht bekannt geworden.“ Eine neue Liste von antideutschen Priestern in „Neu-Belgien“ vom Juli 1939 enthält Trenz' Namen dann nicht mehr'“, Wenige Monate nach der Bespitzelung verließ Trenz das Eifeldorf. Am 26. April 1937 berief ihn Bischof Ludwig Josef Kerkhofs (1878- 1962) als Pfarrer an St. Rochus nach Hauset, Dekanat Eupen. Auch hier wurde er als cure€ und Priester des Bistums Lüttich geführt. Im nahe der Grenze zu Aachen gelegenen Hauset, wo kurz zuvor Pfarrer Josef Simons (1880-1963) versetzt worden war, lebten damals 748 Personen, davon 725 Katholiken (1940). Am 16. Mai 1937 wurde Trenz von Dechant Hubert Keufgens (1888-1961) eingeführt. Unter den Gästen befanden sich auch rund 50 Bürger aus Schönberg'®. In Hauset sollte Trenz endgültig ein Opfer politischer Flügelkämpfe und der Wirren des Welt- kriegs werden!®, Pfarrer Trenz, inzwischen fast 63 Jahre alt, begann die Arbeit in seiner neuen Pfarrei mit viel Enthusiasmus. 1938 ließ er die von 1858 bis 1860 erbaute und 1899 sowie 1908 erweiterte Pfarrkirche durch Paul und Franz Schanwell (Gemmenich) neu ausmalen und von Karl Joseph Lux aus Hauset eine neue elektrische Beleuchtung installieren. Im kommenden Jahr erhielt das untere Kirchenschiff sechs neue, bunte Glasfenster'®, Nach Auskunft der damaligen (bis 1940) Hauseter Volksschullehrerin Anna Hamacher legte Trenz eine „neutral-freundliche Haltung an den Tag. (...) Seine etwas strenge Zurückhaltung verlieh ihm eine besondere Würde. Er war ein guter und frommer Priester und Erzieher. Die Lehrpersonen und die Kinder mochten (ihn, der) sich auch im Vereinsleben recht gesellig“ zeigte!'®, Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die deutschen Truppenbewegungen an der Grenze zu Belgien radikalisierten die Stimmung im Grenzland. Nach der Abtretung der Kreise Eupen und Malmedy an Belgien (1920) hatte sich in dem nun „Neubelgien“ genannten Gebiet eine „Heimattreue Front“ als Forum der in Wort und Schrift für die Stärkung des Deutschtums eintretenden Kräfte formiert. Ihr Gegner, die „Belgische Union“‘, focht nicht weniger fanatisch für die immer stärkere Belgisierung des ehemals deutschen Territoriums. Dabei konnte die „Union“ auf die Unterstützung durch einflußreiche Kräfte auf Kreis- und Staatsebene aus „Alt-Belgien“ zählen.
3% zog ihn aber nicht von Hauset ab. Ende Juni 1940 reagierte auch der Vatikan auf die neuen Machtverhältnisse und unterstellte die von deutschen Truppen besetzten Gebiete Eupen-Malmedys der Jurisdiktion des Apostolischen Administrators von Aachen, Bischof Hermann Joseph Sträter (1866-1943), der auch für die belgischen Gebiete den Titel > A DA ES M 4 A u Nikolaus Trenz als Pfarrer von Hauset, um 1940 (Quelle: Pfarrarchiv Hermerath) „Apostolischer Administrator“ erhielt. Am 5. September 1940 ernannte Sträter Weihbischof Friedrich Hünermann (1886-1969) zum „Sachbearbeiter der Angelegenheiten Eupen-Malmedy ‘8, Am 15. August 1940 wurde der Belgische Franken durch die Reichsmark ersetzt und am 24. Oktober dieses Jahres wurden die Mitglieder des Kirchenvorstands durch den Staat neu bestimmt. Alle kirchlichen Versammlungen und Proben mußten bereits seit Juli acht Tage im voraus bei der Polizei- und Ortsgruppenleitung Kettenis angemeldet werden. Dorthin mußte Ende 1941 auch eine Liste aller in
32 der Pfarrbücherei verwahrten Werke eingesandt werden. Ebenfalls 1941 wurden Grundsteuerbescheid, Kirchengeldbemessung und sämtliche Versicherungen nach deutschen Maßstäben neu festgelegt. Am 14. November 1941 wurde in der Pfarrkirche Hauset von P. Heribert Steeg OFM ein neuer Kreuzweg eingesegnet. Acht Wochen später mußten die Glocken der Kirche, bis auf die älteste (1707), für Rüstungszwecke abgeliefert werden. Im Oktober 1942 verlangte die NSDAP von Pfarrer Trenz eine Aufstellung aller der (Kirchen)-Gemeinde gehörenden Gegenstände aus Kupfer, Zink, Blei und Nickel. Anhand der Liste wurde die kurz darauf angeordnete „freiwillige Ablieferung“ der Me- tallgegenstände, die als „Spende der Kirchen im Lebenskampf des Deutschen Volkes“ deklariert wurde, überprüft. Zur gleichen Zeit verbot die Parteiführung in Kettenis die Verlesung der Namen Gefallener von der Kanzel. 1943 starb Bischof Sträter. Sein Nachfolger wurde (auch für Eupen-Malmedy) Bischof Johann Joseph van der Velden (1891-1954)'°®. Nachdem am 11. September 1944 amerikanische Soldaten in Hauset einmarschiert waren und die deutschen Verwaltungseinheiten sämtlich mit belgischen Kräften besetzt hatten, begann für die Bevölkerung Hausets eine neue Phase der Unsicherheit und Gefahr. Aus den Reihen der „Belgischen Union“ formierte sich im Windschatten der vorrückenden US-Truppen die „Arm&e blanche“, die „Weiße Armee“. Die lokalen Aktivisten der Untergrundbewegung selektierten alle im Verdacht der Kollaboration mit den Besatzern stehenden Einwohner und deportierten sie in Gefangenenlager „Alt-Belgiens“. Pfarrer Trenz bemühte sich, zwi- schen den Parteien zu vermitteln. „Zn der schweren Zeit ... 1944/45 hat er sich sehr zum Wohle der Ortsinsassen eingesetzt bei der damaligen amerikanischen Besatzung. Trenz als Saarländer kannte wohl die Sorgen einer Grenzlandbevölkerung in der damaligen Zeit“ erinnerte sich 1977 Josef No&1 in Hauset. Dennoch hatte sich Trenz nach der Ausweisung (1940) verändert. Er war noch unzugänglicher und mißtrauisch geworden, wie sich Anna Hamacher erinnerte: „Pfarrer Trenz war nicht mehr derselbe. Er legte ein starkes Befremden an den Tag. (...) Als ich erneut in Hauset (wohnte), nahm ich Kontakt (zu) Pfarrer Trenz (Anfang bis Mitte) Februar 1945 auf. Er öffnete selbst die Haustür. Daß er mich nicht vor der Tür stehen ließ, war alles. Ich glaubte einen Eisberg vor mir zu haben. (...) Mit Vorwürfen, daß ich freundschaftliche Beziehungen hatte mit einer Familie in Hauset, die ihm Schwierigkeiten gemacht hatte, grüßte er mich.“ Trenz hatte offenbar Angst und fühlte sich bedroht und verraten.
33 Am 12. März 1945 wurde Pfarrer Nikolaus Trenz, zusammen mit einer Vielzahl weiterer Bürger Hausets, darunter auch Anna Hamacher, von belgischen Gendarmen der Weißen Armee verhaftet und in einem Lieferwagen abtransportiert. Als Gründe für seine Verhaftung nennt die Pfarrchronik, die Trenz' Nachfolger Josef Duschak (1896-1963) weiterführte, „seine politische Haltung vor und während des Krieges“. Trenz wurde ins Gefängnis von Verviers gebracht und mit Einzelhaft belegt. Im Häftlingsregister wurde er als Nr. 431 und „Provocateur“ geführt, der im Nebengebäude einquartiert wurde'!°. Dort traf ihn der spätere Pfarrer Schönbergs, Alfons Schils, der Kaplan in Verviers und zum Beichtehören der deutschsprachigen Insassen zugelassen war. 1976 erinnerte er sich: „Mit ihm waren noch 2 andere Priester (Altbelgier) inhaftiert. Soviel ich weiß, hat man ihm keinen Prozess gemacht. (...) Die Gründe der Inhaftierung ... sind mir nicht bekannt. Es liefen nur ... Gerüchte, er sei ein Nazi gewesen und habe die Jugend aufgehetzt. Auf jeden Fall ist er nicht verhaftet worden, weil er Deutscher war, denn wir waren ja eine ganze Reihe von deutschen Pfarrern. Da muß ... von Hauset aus eine Denunziation gegen ihn eingegangen sein.“ Die Pfarrchronik hält für 1942 fest, es sei zu „Zwistigkeiten zwischen Pfarrer Trenz und dem Küster-Organisten J. K. aus Hauset‘“ gekommen, näheres ist leider nicht überliefert. In einer kurzen biografischen Notiz zu Trenz (in: E. Ignace de Wilde u.a. „Hauset — seine neogotische St. Rochus- und Genoveva-Kirche und die alte St. Rochus-Kapelle‘“, Antwerpen, 1995, S. 218) wird die Nachkriegszeit mit folgenden Worten erwähnt: „Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war er (Trenz) das Ziel übler Nachrede und wurde beschuldigt, Naziliteratur in die Ortsbibliothek aufgenommen zu haben.“ Zur Jugend hatte Trenz, wie Joseph No€l und Anna Hamacher betonten, ein gutes Verhältnis. Letztgenannte berichtete, daß „Jugendliche, die zur Wehrmacht einberufen wurden, (von ihm) gute Worte, ... eine Medaille und ... den priesterlichen Segen“ mit auf den Weg ins Ungewisse bekamen. Die Haushälterinnen zogen nach der Verhaftung des Pfarrers zuerst nach Moresnet, nach Ende des Krieges dann in Gertrud Heirings Heimat, nach Greven. Während Trenz bis Ende 1945 ohne Gerichtsverhandlung in Verviers in Einzelhaft blieb, wurden in Hauset seine gesamten Möbel beschlagnahmt und unter Zwangsverwaltung gestellt. In Verviers durfte ihn Kaplan Paul Kettmus besuchen. Jener erinnerte sich 1977: „/ch habe ihn ... mehrmals aufgesucht. Das Gespräch fand natürlich in Gegenwart
34 eines Wächters statt. Jedenfalls bat mich Pfarrer Trenz, seine Sachen irgendwie in Sicherheit zu bringen. Sie standen jedoch bereits unter Sequester. Mit dem Sequesteramt habe ich sodann verhandelt und durfte die Möbel leihweise zu mir nehmen. Allerdings mußte ich eine für die damalige Zeit nicht geringe Miete zahlen. Später ... wurden die Sequester- Möbel verkauft. Ich selbst habe einige der Möbelstücke gekauft, aber im Lauf der Zeit teils verschenkt, teils durch andere ersetzt.“ Ende 1945 überstellte man Trenz ins „Internierungslager für feindliche Ausländer“ von Merksem bei Antwerpen. Als er dort Mitte Januar 1946 an Lun- genentzündung erkrankte, schob man ihn am 1. Februar 1946 an der holländisch-deutschen Grenze nach Deutschland ab. Sein erstes Ziel wurde die münsterländische Stadt Greven, wohin Gertrud und Mia Heiring geflohen war. Dort meldete er sich am 15. Februar 1946 an und nannte als letzten Wohnort Hauset'!'. Trenz selbst schilderte die Ereignisse in einem Brief so: „Am vorigen Samstag wurde ich nach viel monatiger Gefangenschaft in Freiheit gesetzt. (...) Tränen, die im allgemeinen sehr selten bei mir sind liefen mir nur so die Wange herab. Zunächst suchte ich ... ein paar Tage in einem benachbarten Krankenhause meine Zuflucht und ging dann nach hier, wo sich Fräulein (Heiring) aufhält und ich auch Kenntnis von Eurem Brief erhielt.“ Weiter schrieb er an seine Familie: „Nur den Mut nicht verlieren, es wird schon besser werden (...). Darum nur gutes Gottvertrauen bewahren (...). Wo ich mich endgültig niederlassen werde, weiß ich nicht. Ich habe zwar alles verloren, schweres durchgemacht und bin alt dabei aber Mut für 1.000 Mann habe ich noch. Ich werde mich pensionieren lassen und wenn es wärmere Zeiten gibt und ich die Erlaubnis erhalte, werde ich Euch alle ... besuchen. Nicht rückwärts, sondern vorwärts sei unser ... aller Devise,“ schloß er ermutigend. Trenz blieb nur sechs Wochen in Greven. Am 23. März 1946 erreichte er das nahegelegene Dorf Hohenholte, in dessen Pfarrchronik zu lesen ist: „Heute kam ... der 72-jährige Pfarrer Nikolaus Trenz, der ... 11 Monate in einem belgischen Lager verbracht (hat.) Als er in die Vikarie einzog, stellten ihm ... Leute Möbel zur Verfügung ... da er alle Möbel in Belgien lassen musste.“ Zwei Tage darauf teilte Trenz seinen Umzug den Verwandten in Hülzweiler mit: „Aus dem Datum und Orte ... werdet ihr ersehen, daß ich mich an einem anderen Orte befinde. Ich habe mich ... pensionieren lassen und kann darum hingehen, wohin ich will““"?, Auch jetzt klingt Trenz optimistisch: „2 Monate habe ich nur müßig darum gesessen und meine Pfeife geraucht. Aber das Nichtstun war ich satt und
35 darum habe ich mich nach einer kleinen Tätigkeit umgesehen und eine Benefizien-Stelle an hiesigem Orte angenommen und hoffe, so besser zu meinen alten Körperkräften zurück zu kommen‘“'?, Dennoch scheinen die Lebensbedingungen hart: „ch bin alt, habe alles bis auf das was ich am Leibe habe, verloren, auch die Fräuleins''*, dabei habe ich auch noch II Monate weniger 10 Tage im K.Z. sitzen und dessen Strapazen mitmachen müssen. Dadurch habe ich sehr an Körperkräften verloren aber an Mut fehlt es mir nicht und darum will ich mir auch eine sehr bescheidene Wohnung einrichten, wenn ich auch das allernotwendigste Mobiliar mir erbetteln muß und denke in 14 Tagen bis 3 Wochen einen Haushalt in einem bescheidenen, gemütlichen Heim zu eröffnen. (...) Ich habe dem Paul Kettmus den Auftrag gegeben, nach meinen Sachen überall zu suchen und er tut was er kann, um alles zu finden. Wir wollen uns gemeinschaftlich freuen, daß wir dem Rummel glücklich entronnen sind.“ Trenz' großer Wunsch war, aus der britischen (Hohenholte) in die französische (Hülzweiler) Besatzungszone zu den Verwandten reisen zu können. Am 28. Juni 1946 schrieb er: „Nun macht euch keine Umstände wegen mir. Ich bin an geflickte Hosen gewöhnt und heut macht es mir nichts mehr aus solche zu tragen. Wenn ... Du mir 1 oder 2 Päckchen Tabak als Päckchen unter Wertangabe schicken kannst, würde ich Dir sehr dankbar sein. Hoffentlich gelingt es ... mir, im Sommer mal ... zu kommen.“ Drei Wochen später, am 12. Juli 1946, kam er erneut auf das Thema zu sprechen: „Hoffentlich erhalte ich bald die Erlaubnis ... nach unten zu kommen. (Macht Euch) keine übermäßigen Sorgen um den morgigen Tag (und) keine Sorgen um mich.“ In einem anderen Brief machte er im August 1946 deutlich, „man geht dorthin, wo man hinge- hört und geboren ist.“ Mitte September muß sich Trenz die Möglichkeit zur Reise geboten haben. Bevor er von Hohenholte abfuhr, so die Pfarrchronik, „hatte er den Text für seinen Totenzettel aufgeschrieben und Anordnungen für die Beerdigung getroffen.“ Es schien, als rechnete er selbst nicht mit einer Rückkehr. Er besuchte zunächst seine Nichte, Else Trenz, in Merzenich bei Düren. Dort erkrankte er ernstlich und nach neuntägigem Krankenlager verstarb er am 28. September 1946, um 18.00 Uhr. Als Todesursache ist „Arterienverkalkung, mit Bluthochdruck und Herzmuskelschwäche“ diagnostiziert worden. Am 2. Oktober 1946 ist er im Familiengrab der Trenz', in der Pfarrei St. Laurentius in Merze- nich, beigesetzt worden‘! Auch nach seinem Tod verwirrte Trenz die Bürokratie. Das Bistum Münster meldete am 11. Oktober 1946 den Tod von „Nikolaus Trenz ...
36 Göttliches HerzzJesu, erbarme Dich meiner. Zum frommen Andenken an den Hochwürdigen Herrn Pfarrer a. D. . Nicolaus Trenz welcher im Alter von 72 Jahren sanft im Herrn entschlafen ist. Der liebe Verstorbene war zu Hülzz weiler im Kreise Saarlouis geboren # am 14. Oktober 1874, zum Priester geweiht am 2. Juli 1899 und lebte seit dem 15. Februar 1946 zu Hohen» holte im Ruhestand, Betet für seine Seele! Süßes Herz Jesu, sei meine Rettung! Ablaßgebete: ‚Jesus! Maria! Josef! Euch schenke ich mein Herz und meine Seele! 4 ‚Jesus! Maria! Josef! Stehet mir bei im letzten Todeska fe! Y ARE TEMaT URS EMS RE GR EISCHTE Totenzettel von Pfarrer mit Euch in Frieden scheiden ! a. D. Nikolaus Trenz, 1946 ee Tn. Cramer, Greven 4 (Quelle: Fredy Keller, Schönberg) Pfr. i. R. der Diözese Aachen““®, Sein tatsächliches Bistum (Lüttich) ließ ihn (Nekrolog 44/1947) in Hohenholte sterben, und in Aachen wurde sein Ableben gar nicht registriert!’ Die Pfarrchronik Hülzweiler wollte sogar wissen, er sei „nach 2-jähriger Haft auf der Heimreise ... in der Eisenbahn zwischen Düren - Gerolstein“ gestorben. In allen Trierer Bistumsgeschichten fehlt er in den Listen mit Priesterberufungen des Dekanates Lebach'!®. Nikolaus Trenz war eine zwiespältige Persönlichkeit. Er nahm es mit der Wahrheit, etwa der Beschreibung seiner Schul- und Studienlaufbahn, und auch den Eigentumsrechten nicht immer ganz genau'!'”, war ein impulsiver und unruhiger Charakter sowie in vielen Dingen, wie beim Bau der Hermerather Wasserleitung, voreilig mit Entschlüssen bei der Hand. Alle Zeitzeugen und Dokumente belegen jedoch eindeutig, daß er ein frommer und aufrichtiger Priester war, der für die ihm anvertrauten Seelen mit großem Engagement und Improvisationstalent tätig war und sich bleibende Verdienste um seine Gemeinde erworben hat. In seinen
87 letzten Lebensmonaten mußte er ein Martyrium erleiden, dem schließ- lich auch seine optimistische Grundeinstellung nicht lange hat widerstehen können. Quellen und Anmerkungen: £ Msgr. Johannes Meinen (1931-1994) aus Hermerath hatte 1975-1977 erste Recherchen über Trenz' Leben getätigt. Der Schriftwechsel ist in HAEK, PfA Hermerath, Akte 37, verwahrt. 2 In diesem Artikel gelten folgende Abkürzungen: HAEK (Historisches Archiv des Erzbistums Köln), BATr (Bischöfliches Archiv Trier), DAE (Diözesanarchiv Eichstätt), ARSK (Archiv des Rhein-Sieg-Kreises Siegburg), PS (Personal- ; schematismus), HB (Kirchliches Handbuch), PfA (Pfarrarchiv), ATAK (Archiv des Antonius-Kollegs Neunkirchen), KA (Kirchliches Amtsblatt), LThK (Lexikon für Theologie und Kirche), HC (Hierarchia Catholica 8, Padova 1978), HNS (Heimatblätter Neunkirchen-Seelscheid, Jahrbuch), HSTAD (Hauptstaatsarchiv Düsseldorf). 3 Fax des Pfarramtes St. Laurentius (Hülzweiler) vom 7. April 1999 an den Autor. 4 HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99; HB Trier 22/1991, S. 417; PS Trier 1889, S. 49. Hülzweiler war 1889 eine Pfarrei mit 1.463 Katholiken. Zum damals geltenden Schulwesen vgl. Joseph Buschmann, Das höhere Schulwesen; in: Jo- seph Hansen (Hg.), Die Rheinprovinz, Bd. II, Bonn 1917, S. 26-56. S HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99. Einige Tage vor seinem Tod hatte Trenz den Text für seinen Totenzettel verfaßt. Hier gab er an, Schüler „des Gymnasiums zu Saarlouis“ gewesen zu sein. Die Anstalt in Saarlouis wurde erst 1898 Gymnasium. Auch in den Akten des Progymnasiums findet sich kein Zeugnis von Nikolaus Trenz (HAEK, PfA Hermerath, Akte 37; HB Trier 1894, S. 137; Telefonat mit Dr. Ruland [Gymnasium „Am Stadtgarten“ Saarlouis], 19. Februar 1999). 6 Königliches Gymnasium Trier, Abgangszeugnis 130 vom 29. März 1893 (abgebildet auf S. 13); BATr, Abteilung 88, Nr. 181. F: BATr, Abteilung 88, Nr. 181. 8 DAE, Registratur des Priesterseminars, Personalakte Trenz. 9 HAEK, PfA Hermerath, Akte 37. 10 BATr, Abteilung 88, Nr. 181; DAE, Registratur des Priesterseminars, Personalakte Trenz. 11 Trenz ist im Saarbrücker Melderegister 1892 nicht genannt. In der Stadt gab es damals die Hoederathsche (1881-1944) und die Schoenemannsche (1882-1927) Augenklinik, zwei Privatanstalten, deren Akten nicht erhalten sind (Brief von Frau Dr. Becker [Stadtarchiv Saarbrücken] vom 31. März 1999 an den Autor). 12 Sein bis zu diesem Zeitpunkt völlig erfolgloser Schulbesuch sowie die privaten Studien können von seinem Vater, den Trenz mehrfach „arm‘‘ (HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99) nennt, unmöglich bezahlt worden sein. Wahrscheinlich halfen hier wieder die Onkel aus den USA aus. 13 Diedenhofen ist das heutige Thionville. Nach der Annexion Lothringens durch das Deutsche Reich (1871) gehörte das Bistum Metz bis 1919, als Regierungsbezirk Deutsch-Lothringen des Reichslandes Elsaß-Lothringen, zum
38 Deutschen Kaiserreich (Erwin Gatz, Metz; in: ders. [Hg.], Geschichte des kirchlichen Lebens, Bd. 1, Die Bistümer und ihre Pfarreien, Freiburg im Breisgau 1991, S. 466f.). 14 BATr, Abteilung 88, Nr. 181. Über das 1857 eröffnete Priesterseminar in Löwen, das zur Ausbildung von für die US-Mission bestimmter Geistlichkeit gegründet worden war, ist die 1932 vom Seminar selbst herausgegebene Festschrift zu konsultieren. 15 Gatz, Metz, S. 470f.; Johann Baptist Kaiser, Metz; in: LThK, Bd. 7, Freiburg im Breisgau 1935, Sp. 143-148; HAEK, PfA Hermerath, Akte 37; PS Metz 1897, S. 4f., 15. 16 HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99; HAEK, PfA Hermerath, Akte 37; BATr, Abteilung 88, Nr. 181; DAE, Registratur des Priesterseminars, Personalakte Trenz, lassen den Schluß zu, daß Trenz 1895 in Namur mit dem 1892 erreichten Abschluß aus Metz (der kein Abiturzeugnis war) das Studium begann. 17 DAE, Registratur des Priesterseminars, Personalakte Trenz. In der ehemaligen Abtei von Floreffe war seit 1830 das für die Priesteramtskandidaten des Bistums Namur das Philosophiestudium anbietende Seminar eingerichtet (Emilie Valvekens, Floreffe; in: LThK, Bd. 4, Freiburg im Breisgau 1932, Sp. 34f.). 18 BATr, Abteilung 88, Nr. 181. 19 Der in der Schweiz geborene Messmer stand dem 1868 gegründeten Bistum Green Bay von 1892 bis 1903 vor (HC, S. 520). 20 BATr, Abteilung 88, Nr. 181; PS Eichstätt 1897, S. 20; DAE, Registratur des Priesterseminars, Personalakte Trenz. Wahrscheinlich hatte Messmer Trenz nie eine Zusage gesandt. In dem oben erwähnten Fragebogen von 1937 gab Trenz an, er sei 1894 nach Eichstätt gegangen (HAEK, PfA Hermerath, Akte 37). 21 Reuß war von 1892 bis 1912 Generalvikar (Alois Thomas, Reuß; in: Erwin Gatz [Hg.], Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803 bis 1945, Berlin 1983, S. 610f.). 22 BATr, Abteilung 88, Nr. 181. 23 Der Redemptorist Gross war von 1885 bis 1898 Erzbischof der 1846 gegründeten Erzdiözese Oregon-City, die seit 1928 Portland heißt (HC, S. 427, 504; Annuario Pontificio 1990, Cittä del Vaticano 1990, S. 514). 24 PS Eichstätt 1898, S. 20. 25 Der Ire Heslin stand dem 1837 gegründeten Bistum Natchez, das seit 1977 Jack- son heißt, zwischen 1889 und 1911 vor (HC, S. 403: Annuario Pontificio 1990, S. 286). 26 Korum war von 1881 bis 1921 Bischof von Trier (Alois Thomas, Korum; in: Gatz, Bischöfe, S. 406-409). $ O7 Litterae dimissoriales sind Entlaßscheine, durch die ein Bischof einen zur Weihe Anstehenden an einen anderen Weiheberechtigten überweist bzw. (mit dem Titel Exeat) Bescheinigungen, durch die er den Kandidaten aus seinem eigenen Diözesanverband entläßt, damit jener in ein anderes Bistum wechseln kann (Jo- hann Baptist Haring, Dimissorien, sowie Konrad Guggenberger, Exkardination; in: LThK, Bd. 3, Freiburg im Breisgau 1931, Sp. 326f. bzw. 911f.). 28 BATr, Abteilung 88, Nr. 181; DAE, Registratur des Priesterseminars, Personalakte Trenz. 29 Der Ire Hennessy stand der 1887 gegründeten Diözese Wichita von 1888 bis 1920 vor (HC, S. 598).
39 30 DAE, Registratur des Priesterseminars, Personalakte Trenz. Superior des Missionshauses in Steyl war der Ordensgründer, P. Arnold Janssen SVD (1837- 1909) (zu ihm: Fritz Bornemann, Arnold Janssen, Steyl 1970). 31 Vor dem Empfang der Tonsur und der Niederen Weihen, durch die ein Theologiestudent und Alumnus in den Klerikerstand aufgenommen wurde, mußte sich ein Bischof bereit erklärt haben, diesen Kandidaten zu inkardinieren (wörtlich: „in sein Fleisch aufnehmen“), seinem Diözesanverband als Kleriker einzugliedern und ihm zum Lebensunterhalt ein Benefizium, einen Weihetitel, zuzuweisen (Karl Guggenberger, Inkardination; in: LThK, Bd. 5, Freiburg im Breisgau 1935, Sp. 402; Johann Baptist Sägmüller, Titulus; in: Wetzer und Weltes Kirchenlexikon, Vol. XI, 2. Auflage, Freiburg im Breisgau 1899, Sp. 1788-1798). zZ DAE, Registratur des Priesterseminars, Personalakte Trenz. 33 PS Eichstätt 1899, S. 20. Trenz' Absage an Bischof Heslin (vom 7. Dezember 1898) scheint nie in Natchez angelangt zu sein, erhielt Trenz doch am 25. Mai 1899 ein weiteres Zusageschreiben des Bischofs, auf das er sofort eine zweite Absage verfaßte (DAE, Registratur des Priesterseminars, Personalakte Trenz). 34 Leonrod war von 1867 bis 1905 Bischof von Eichstätt (Andreas Bauch, Leonrod; in: Gatz, Bischöfe, S. 445f.). 35 KA Eichstätt 1899, S. 34, 41, 81. 1937 nannte Trenz als Datum seiner ersten Weihen den 2. Adventssonntag 1898 (HAEK, PfA Hermerath, Akte 37). Der Regens des Priesterseminars Eichstätt, Georg Koller, bestätigte Bischof Leonrod am 26. Juni 1899, er habe die Zusage Bischof Hennessys 1898 eingesehen. 36 Zu diesem Begriff der Anbindung an ein Missions-Bistum vgl. Sägmüller, Sp. 1792f. Die Kirche der USA unterstand bis 1908 der römischen Missionskongregation (Anton Freitag, Amerika; in: LThK, Bd. 1, Freiburg im Breisgau 1930, Sp. 358). DAE, Bestand Ordinariat, Weiheurkunde Trenz, 18. März 1899, 37 DAE, Registratur des Priesterseminars, Personalakte Trenz. Obwohl es zwischen Trenz und dem Bistum Wichita somit zu einem Dienstverhältnis gekommen war, ist im Bistumsarchiv in Wichita keine Spur von Trenz zu finden (Briefe von Sr. Jacinta Langlois ASC [Vize-Kanzler der Diözese Wichita] vom 8. Februar und 19. März 1999 an den Autor). 38 1937 schrieb Trenz, er habe von Herbst 1894 bis Juli 1899 studiert (HAEK, PfA Hermerath, Akte 37). 39 HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99; PfA Hülzweiler, Pfarrchronik, S. 3B 40 BATr, Abteilung 88, Nr. 181; HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99; HB Trier 1901, S. 34f. Auf Burg Hamm findet sich keine Spur von Trenz (Fax von Graf Ferdinand von Westerholt [Hamm] vom 27. April 1999 an den Autor). Auf Schloß Sonnenberg kurte es auf „Anemia und Neurasthenia“, 41 HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99. Im Juli 1900 sagte Trenz, er sei „wegen Krankheit von seiner Diözese dispensiert“. Trier führte ihn noch 1924 als Priester Wichitas (BATr, Abteilung 88, Nr. 181). 42 Schäffer präsidierte den Gesamtverband der Gesellenvereine von 1866 bis 1901 (Wilhelm Kosch, Das katholische Deutschland, Augsburg 1933, Sp. 4195f.). 43 BATr, Abteilung 88, Nr. 181. 44 BATr, Abteilung 88, Nr. 181; Telefonat mit Baron von Teufel (Halle), 15. März 1999.
40 45 BATr, Abteilung 88, Nr. 181. Noch im Mai hatte er nach Trier geschrieben, er wolle ins Bistum Metz. 46 HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99; BATr, Abteilung 88, Nr. 181; PS Trier 1900, S. 43; Philipp de Lorenzi, Beiträge zur Geschichte sämtlicher Pfarreien der Diöcese Trier, Bd. 2, Trier 1887, S. 520-527; Heinrich Neu - Hans Weigert (Hg.), Die Kunstdenkmäler des Kreises Neuwied, Düsseldorf 1940, S. 343f.; Elly Lind, Die Familie von Rennenberg, Köln 1968, S. 23; Telefonat mit Frau Rings (Stadtarchiv Linz), 9. März 1999, 47 Kreutzwald war von 1894 bis 1918 Generalvikar (Eduard Hegel, Kreutzwald; in: Gatz, Bischöfe, S. 415f.). 48 HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99. 49 Hermann Hinsenkamp (Hg.), Totenkranz der Priester der Erzdiözese Köln, 3. Auflage, Köln 1949, S. 54; HB Köln 19/1905, S. 84. 50 HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99. Dort habe man ihn schon 1900 haben wollen, beteuert Trenz. Diese Aussage darf man als ebenso falsch bewerten; wie seine in allen Briefen jener Tage wiederholte Betonung, seine „Papiere (seien) ganz bestimmt in Ordnung“. a1 BATr, Abteilung 88, Nr. 181; HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99; HB Trier 1901, S. 252f. 32 HAEK, Bestand Generalia I, Akte 17.2,5-99; HB Köln 19/1905, S. 83; ArAK, Personalakte Konvikt; Brief von Herrn August Liebenwein, Würselen, vom 14. April 1999 an den Autor. 3 So fehlt er im HB Köln 18/1901, dessen Redaktionsschluß der 1. Juli 1901 war. In der folgenden Auflage, HB Köln 19/1905, S. 85, ist er mit der falschen Angabe „Priester der Diözese Trier“ verzeichnet. 54 HAEK, PfA Hermerath, Akte 37. 35 PfA Hülzweiler, Pfarrchronik, S. 31. Diese Angabe ist völlig erfunden, da sich Trenz nicht im damaligen Königreich Sachsen nachweisen läßt (Brief von Dr. Seifert [Bistumsarchiv Dresden-Meißen] vom 1. März 1999 an den Autor; Hofkalender des Königreichs Sachsen 1899-1901). 56 PfA Much, Totenzettel Lind und Ziemons; PfA Marienfeld, Totenzettel Cleven; Gespräche mit Frau Jenny Draheim (Hennef), die von 1926 bis 1928 in Ziemons' Haushalt in Kreuzkapelle tätig war, 12./13. Januar 1999, Bd Die Zitate des folgenden Absatzes stammen aus ArAK, Personalakte Konvikt. 58 Das Rektorat Thum zählte 275 Katholiken. 1904 war die dortige Kapelle, zu den heiligen Fides, Spes und Caritas, neu erbaut worden (HB Köln 19/1905, S. 235; HB Aachen 3/1993, S. 351f.). 59 Pfarrer Fischer stand der Pfarre St. Klemens in Berg von 1903 bis 1912 vor (HB Aachen 3/1993, S. 351f.; HB 19/1905, S. 235; Hinsenkamp, S. 7). 60 Anton Papst war seit 1904 Pfarrer von Füssenich (HB Köln 19/1905, S. 236; Hinsenkamp, S. 12). Durch ihn dürfte Trenz von der vakanten Stelle in Thum erfahren haben. 61 Über den Pfarrer von Neunkirchen, Msgr. Heinrich Schaaf (1858-1919), und sein 1899 begonnenes Werk informiert die Mitte 2001 erscheinende Festschrift zum 100, Geburtstag des „Antoniuskolleg Neunkirchen“. 62 Kuhn blieb bis 1925 in Neunkirchen, wo er 1911 zudem Vikar wurde (HB Köln 23/1933, S. 780; PS Köln 1972, Directorium, S. 87).
41 63 Es handelt sich um die Haushälterin, Fräulein Gertrud Heiring aus Greven (Westfalen), die stets in seinem Dienst blieb (HAEK, PfA Hermerath, Akte 37; Gespräch mit Frau Jenny Draheim, 12. Januar 1999). 64 HB Köln 20/1908, S. 284; ArAK, Hauschronik, S. 33, 37. Im Schuljahr 1906/07 leistete Trenz 19 „Nebenstunden‘‘ (Vertretungen), die ihm am 25. März 1907 von Schaaf mit 38 Mark vergütet wurden (PfA Neunkirchen, Akte 1969, Quittungen 1906/07, Nr. 651). 65 ArAK, Hauschronik, S. 45. 66 PfA Neunkirchen, Pfarrchronik I, S. 94; HB Köln 23/1933, S. 722; PS Köln 1972, Directorium, S. 97. 67 ArAK, Hauschronik, S. 45; ArAK, Personalakte Konvikt. Trenz, der im Januar 1908 die Lehrtätigkeit beendete, erhielt erst am 15. März 1910 den Titel Rektor, zuvor wurde er Privatgeistlicher in Hermerath und Kaplan genannt (HAEK, PfA Hermerath, Akte 37; HB Köln 21/1911, S. 296; HB Köln 22/1920, S. 132, 150). 68 Aus der Geschichte der Höheren Knabenschule mit St. Antonius-Konvikt in Neunkirchen, Siegburg 1926, S. 18; Fax von P. Reinhard Helbing SDB (Neun- kirchen) vom 2. März 1999 an den Autor. 69 ArAK, Personalakte Konvikt. 1937 gab er an, er besitze keine staatlichen Exa- mina (HAEK, PfA Hermerath, Akte 37). Die Hülzweiler Pfarrchronik behauptet, er sei „Leiter des Konvikts in Neunkirchen“ (S. 31) gewesen. 70 Die Geschichte Hermeraths bis zur Gründung des eigenen Seelsorgebezirks 1802 beleuchten die Aufsätze von Heinrich Hennekeuser, Die Kapelle St. Anna in Hermerath bis zum Jahre 1802, sowie Die Entstehung der Seelsorgestelle Hermerath; in: HNS 6/1991, S. 115-138. Für die Jahre nach 1802 vgl. Josef van Elten (Bearb.), PfA Hermerath, Einleitung zum Inventar, Köln 1992. Das Wirken von Nikolaus Trenz in Hermerath wollen wir mit Einverständnis des Verfassers verkürzt zusammenfassen. Cn Trenz' Salär setzte sich aus dem Gehalt für den an der Kapelle amtierenden . Geistlichen, Vikariepacht und -zinsen sowie Stipendien für das Lesen der Stiftungsmessen und einem Zuschlag für das Lesen der zweiten Sonntagsmesse zusammen. 1919 trat ein von Neunkirchen gewährter Zuschuß hinzu. Das Jahresgehalt belief sich zuerst (1908) auf 1.200, in den Jahren der Inflation auf 9.550 (1921), 12.500 (1922) sowie (1923) 500.000 Mark (PfA Neunkirchen, Akten 108, 111, 298. 72 Im folgenden zitiert aus PfA Neunkirchen, Kirchenvorstandsprotokollbuch II, 12. Oktober 1924, WE] Vogt war von 1918 bis 1931 Generalvikar in Köln (Erwin Gatz, Vogt; in: ders., Bischöfe, S. 779f.). 74 Zitiert bei van Elten, S. 13. 75 HAEK, Bestand CR I, Akte 24.6,1-71. 76 Pfarrer Lapp aus Eitorf war von 1911 bis 1937 Dechant des Dekanates Uckerath (Hinsenkamp, S. 102; HB Köln 20/1922, S. 131). 77 HAEK, Bestand CR I, Akte 14.2,6. 78 Ohne diese Prüfung darf sich (bis heute) kein Priester auf eine Pfarrstelle bewerben (HAEK, Bestand CR I, Akte 23.2,4). In den PS des Erzbistums Köln wurde Trenz stets als „Extraneus“ (Auswärtiger) geführt (PS Köln 1906, S. 14; PS Köln 1926, S. 99, 116). 79 HAEK, Bestand GVA Neunkirchen, Akte 15.
42 80 Sebastian war von 1917 bis 1943 Bischof in Speyer (Erwin Gatz, Sebastian; in: ders., Bischöfe, S. 692ff.). 81 HAEK, Bestand GVA Neunkirchen, Akte 15; Fax von Dr. Herbert Ammerich (Bistumsarchiv Speyer) vom 28. April 1999 an den Autor. 82 PfA Neunkirchen, Pfarrchronik I, S. 142; HB Aachen 1/1933, S. 454; PfA Much, Totenzettel Ziemons; PS Köln 1972, Directorium, S. 148; Karl Schmitz, Miteinander im Dekanat Neunkirchen, Neunkirchen 1995. 83 PfA Neunkirchen, Pfarrchronik I, S. 113, 134, 137; Auskunft des Pfarramts Hermerath, 2. März 1999; PfA Neunkirchen, Kirchenvorstandsprotokollbuch II, Juli bis September 1925. 84 PfA Neunkirchen, Akte 298; HB Köln 23/1933, S. 485. 85 PfA Neunkirchen, Akte 121. Die Waschküche war 1902 im ehemaligen Stallgebäude eingerichtet worden (PfA Neunkirchen, Akte 298). 86 HB Köln 25/1958, S. 550. 87 Rutten amtierte von 1901 bis 1927 als Bischof von Lüttich (HC, S. 338). } 88 HB Köln 21/1911, S. 43. Auch P. Josef Kogel CM, von 1917 bis 1924 Rendant des Konvikts, stammte aus Eupen (HB Köln 22/1920, S. 169; Geschichte der Höheren Knabenschule, S. 22f.). 89 HB Köln 22/1920, S. 136; Egide Koninckx, Der Klerus im Bistum Lüttich (1825- 1967), Lüttich 1975, S. 24, 313; HAEK, PfA Hermerath, Akte 37, 90 PS Lüttich 1929, S. 152; Klaus Pabst, Eupen-Malmedy in der belgischen Regierungs- und Parteienpolitik 1914-1940; in: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 76/1964, S. 206-515; ders., Zwischenspiel: Das „Bistum Eupen und Malmedy*“ 1921-1925; in: Philip Boonen (Hg.), Lebensraum Bistum Aachen, Aachen 1982, S. 26-70; Heinrich Rosensträter, Deutschsprachige Belgier, 3 Bände, Aachen 1985. 91 PfA Neunkirchen, Kirchenvorstandsprotokollbuch II, 17. Februar 1926. 92 HAEK, PfA Hermerath, Akte 113. Das Bild kann noch heute in der Hermerather Kirche verehrt werden. A] PfA Neunkirchen, Pfarrchronik I, S. 147. 4 HAEK, Bestand GVA Neunkirchen, Akte 15; PS Köln 1973, Directorium, S. 139, 147; van Elten, S. 20; HB Köln 23/1933, S. 717; PfA Neunkirchen, Pfarrchronik I, S. 148. Clotten hatte bereits von April bis Juli 1915 am , Neunkirchener Konvikt gelehrt (HB Aachen 1/1933, S. 446). 95 HAEK, PfA Hermerath, Akte 37. 96 Heribert Reiners (Hg.), Die Kunstdenkmäler von Eupen-Malmedy, Düsseldorf 1935, S. 423ff.; PS Lüttich 1937, S. 125; HAEK, PfA Hermerath, Akte 37. 97 HAEK, PfA Hermerath, Akte 37. Den in der damaligen Zeit üblichen autoritären Unterrichtsstil bestätigte auch Herr Heinrich Steimel aus Hülscheid (+ 2000) in einem am 10. April 1999 mit dem Autor geführten Gespräch über seine Schulzeit in Birkenfeld (1918-1926), in der er von Trenz in Religion unterrichtet wurde. 98 Pabst, S. 433; PfA Neunkirchen, Kirchenvorstandsprotokollbuch II, 28. September 1926; Brief von Joseph Kirchens (Andler), Neffe von Pastor Kettmus, vom 26. April 1999 an den Autor; Telefonat mit Frau Anna Kurtenbach (Hermerath), 4. Mai 1999, 99 HSTAD, Regierung Aachen, Präsidialbüro, Nr. 1651/II, S. 31; Horst Romeyk, Die leitenden Staatlichen und kommunalen Beamten der Rheinprovinz, Düssel- dorf 1994, S. 741f., 769.
43 100 _HSTAD, Regierung Aachen, Präsidialbüro, Nr. 1657/II, S. 439-444. Registermark waren auf Reichsmark lautende, vom Stillhalteabkommen (1931) und vom Kreditabkommen (1932) erfaßte inländische Guthaben ausländischer Gläubiger, die nur in Deutschland verwendet werden durften. Romeyk, S. 793f. 101 Koninckx, S. 40, 162. Die Gestapo meint hier wohl die Saar-Abstimmung vom Januar 1935, an der Trenz als im Saarland geborener Reichsdeutscher hätte teilnehmen können. 102 HSTAD, Regierung Aachen, Präsidialbüro, Nr. 1658/II, S. 321-324, 340-343. 103 _HAEK, PfA Hermerath, Akte 37; PS Lüttich 1938, S. 32. Kerkhofs war von 1927 bis 1961 Bischof in Lüttich (Koninckx, S. 177, 290). 104 Falls nicht anders angegeben, stammen die folgenden Angaben aus HAEK, PfA Hermerath, Akte 37, bzw. einem Brief von Pfarrer Jean Levieux (Hauset) vom 9. Februar 1999 an den Autor. 105 Reiners, S. 123; Robert Jeuckens, Eupener Land und Volk im Wandel der Zeiten, Aachen 1935, S. 188f. 106 Anna Hamacher war von 1940 bis 1945 in Hergenrath tätig und lebte dann bis 1947 erneut in Hauset, wo die Schule und ihr Elternhaus unmittelbar neben Kirche bzw. Pfarrhaus lagen. 107 Auch die Näherin Maria Franken (Hermerath) hatte schon in Hermerath in Trenz' Haushalt geholfen. Seit 1926 war sie immer wieder für mehrere Wochen zu Besuch, aber auch um im Haushalt auszuhelfen, nach Belgien gefahren, so 1928, 1934 und 1938 (Telefonat mit Frau Anna Kurtenbach, 4. Mai 1999). 108 Sträter war 1920 nach Aachen gekommen und 1938 Apostolischer Administrator geworden. Hünermann wurde dort 1938 Weihbischof (Gatz, Bischöfe, S. 333f., 743f.). PS Aachen 1941, S. 86 ff. 109 KGatz, Bischöfe, S. 771-774; Martin R. Schärer, Deutsche Annexionspolitik im Westen, Bern 1975. 110 Archives de l’Etat, Liege, Registre indicateur d’entree et de sortie des detenus, No. 431/1945. Man fand 600 Francs in bar und elf Lebensmittelkarten ä 50 Francs bei ihm. 111 Telefonat mit der Stadtverwaltung Greven, 8. Februar 1999, Zum „Fall Trenz‘ scheinen keine Dokumente überlebt zu haben. Weder im Pfarrarchiv Hauset, noch im Staatsarchiv Eupen oder Bistumsarchiv Lüttich finden sich Akten, wie Briefe von Pastor Jean Levieux (Hauset), Prof. Dr. Alfred Minke (Eupen) und Abbe Andre Deblon (Lüttich) dem Autor bestätigten. Vom Gemeindearchiv Raeren und Staatsarchiv Lüttich hat der Autor keine Antwort erhalten (wobei sich das Archiv in Raeren in völlig desolatem Zustand befinden soll). 112 Über Trenz' Anwesenheit in Greven und Hohenholte liegen in keinem Bistumsarchiv offizielle Dokumente vor. Weder vermerkt die Kleruskarteikarte seines Heimatbistums (Lüttich) den Wegzug aus Belgien (wohl die Inhaftierung 1945), noch ist in den Unterlagen des Bistums Münster, zu dem Greven wie Hohenholte zählen, eine Spur von Trenz zu finden (Brief von Dr. Peter Löffler [Diözesanarchiv Münster] vom 11. Februar 1999 an den Autor; PS Münster 1946, 1947, Namensindices; HAEK, PfA Hermerath, Akte 37). 113 In der knapp 1.000 Katholiken zählenden Pfarrei St. Georg in Hohenholte, Dekanat Borghorst, im Bistum Münster, amtierte seit 1938 Pfarrer August Tertilt (1883-1964). Der Inhaber der Vikarie zelebrierte in der Kapelle des Schwesternhauses der 1944 hierher gezogenen Schwestern der Göttlichen
44 Vorsehung. Pfarrer Trenz meldete sich am 13. April 1946 in Hohenholte 36 an. Er zog aber bald darauf in Haus 21a ein (HAEK, PfA Hermerath, Akte 37; Brief der Gemeindeverwaltung Havixbeck vom 11. Februar 1999 an den Autor; Tele- fonat mit dem Pfarramt Hohenholte, 21. April 1999). 114 Es ist nicht klar, ob Trenz Gertrud und Maria Heiring durch den Umzug verloren hat, oder ob er meint, die beiden hätten ebenfalls alles verloren. Überhaupt werfen Trenz' Briefe Probleme auf. Undatiert beginnt er oft mit „Meine Lieben‘ (oder „M. L.“) und endet mit „Euer Onkel“, Alle Briefe waren an die in Hülzweiler lebende Schwester Maria (verheiratet mit Heinrich Rech) gerichtet. 115 Telefonat mit der Gemeindeverwaltung Merzenich, 5. Februar 1999. 116 KA Münster 1946, S. 130. 117 Koninckx, S. 313; KA Aachen 1946, Index. 118 PfA Hülzweiler, Pfarrchronik, S. 31; Telefonat mit Frau Anita Kohl (Bistumsarchiv Trier), 5. März 1999. 119 So fanden sich mehrere Gegenstände aus der Wohnung von Pfarrer Ziemons (Kreuzkapelle), darunter ein Aschenbecher, in Hermerath wieder. Diese hatte Trenz keineswegs versteckt, sondern offen in Gebrauch. Hierauf angesprochen, wurde er in keiner Weise verlegen, sondern wollte sie „geborgt‘ haben (Gespräch mit Frau Jenny Draheim, 13. Januar 1999).
45 Et Klengt va-jen Jöhl De Wäser, Jöhl of Iterbach, di wä-ede deck jenannt, et Rotsief &s h&j &jene Krees de medste onbekannt! Zwei Kilometer &s et lang, vlets ooch e bEsje mie, dörch Hosend kritt et jraad de Kurv, et Dörp verlöst et nie... Et sökt sch mär dr jaudste Wääsch, öm &jen Jöhl ze komme, €s bang et kü-emt en Stond ze spi-e, änn wö-ed n€ht metjenomme. Weil rü-etlech h&j änn do et schingt, wo-ed Ru-etsief et jenannt. Off &s et, weil et kleng €s bläve, dovöhr jät beschammt? Dat söll et neht, dat bruht et ne£ht, dat söll-em jar neht stüre. Wat würe manche Jru-eße hej, wänn all die Kle&ng neht würe! Te-ösch dörch Böesch, su-e vengt et a, dr Rest jeht da dörch Wejje, met aav en zu e Bröcksje drop, mi-e hat et n£ht ze b&jje. Va €jen Flöch b€ß &jen Stöck hü-et me sing Plätschere, wellt s£cher, - weil et möj ad wätt -, jauw nojen Jöhl ere. Su-e wi-e Kenk sökt hät de Mamm, krüvt frödesch € hör Bett. Di vrott neht lang no wi änn watt änn nemmt dat Klenkt now met. Now hat-et h&j sing Roll jespällt, wor se ooch noch e su-e kleng, Denn ohne j€ht et einfach neht, söss wü-er de Jöhl alleng. Et jeht now met de Mamm op R&js, va Hosend noje Meer. Do blivt et jätt, sticht hu-ech da op, änn köhmt aß Räähn h6&j n&er. Senkt 6jen Ä-ed, verjönnt s&ch neht, als wü-er et €jen Höll, änn su-e entsprengt oß Ru-etsief werr, € Hosend ajen Jöhl. Erich Kockartz
47 Man muss schon den Inhalt der Quellen erklären und kritisch beurteilen. Ohne eingehende Forschung, auch vor Ort, lässt sich keine Geschichte schreiben. Will man sich ein Bild unserer Heimat um das Jahr 1000 machen, so muss man alle Bilder, die wir heute von unserem Land haben, vergessen. Es war eine Zeit der Wildnis, eine Zeit der wilden Gewässer, feuchten Niederungen, der dunklen Urwälder mit den darin lebenden wilden Tieren, Dickichte, Brachland und Sümpfe. Es war die Zeit der mühseligen Rodungen. Die Felder werden dem wüsten Wald, dem chaotischen Unterholz mit primitivem Handwerkszeug abgerungen. Die Ortsnamen sind kaum zu zählen, die auf -rod, -raden oder -brand enden, wie Raeren, das aus raderen-roderen stammt. Das alte Wort für Raeren ist: Roderen, im Jahre 1278. Einmal bestellt und abgeerntet, lässt man das Feld ein oder zwei Jahre zur Erholung brachliegen. Straßen und Wege waren, abgesehen von einigen noch vorhandenen Römerstraßen, selten. Pfade verbanden die einzelnen Siedlungen. Die Höfe lagen einzeln in der Landschaft, wie es bei den Franken üblich war, als Streusiedlungen. Die Gehöfte aus Fachwerk, eingeschossig und mit Stroh gedeckt. Als Wohnung diente ein großer Innenraum, wo sich das tägliche Leben um das offene Herdfeuer abspielte. Alte und Junge, Vieh und Haustiere unter einem - Dach vereint. Seit dem achten Jahrhundert wird Westeuropa allmählich mit Klöstern gesprenkelt. Es waren die Mönche, die zu einem großen Teil den Boden urbar machten. Anfang des 12 Jh. ist das Limburger Land zwischen Maas und Hohes Venn nur dünn besiedelt. Es fehlten die großen Abteien, die das Land kultivierten. Als die Herzöge von Limburg um 1100 zur Macht kamen, war der Großteil des Landes noch mit riesigen Wäldern bedeckt. Nur die Täler der Flüsse, wo sich die Domänen der Königshöfe befanden, waren kultiviert. (Walhorn, Baelen...) Herzog Walram II., 1119-1139, stellte seinen Untertanen große Gebiete zur Urbarmachung zur Verfügung. Große Teile des Hertogenwaldes wurden gerodet (s. Schoppmann, Seite 60). Raeren muss in der ersten Rodungsperiode um 800 - 900 entstanden sein. Die Besiedlung Raerens erfolgte längs der Inde und Iter. Der alte Kern des Dorfes lag am Zusammenfluss von Iter und Periolbach, noch heute ”Rore” genannt. Neudorf wird in der zweiten Siedlungsperiode, um 1150, an der oberen Iter besiedelt worden sein. Daher von Raeren aus gesehen das ”neue Dorf‘, Neudorf,
48 Noch heute spricht man in Raeren und Neudorf denselben Dialekt wie in den Dörfern an der Inde, Kornelimünster, Eschweiler, Inden. Das damalige noch bestehende Waldgebiet am Rovert, Vorst, Mähheide - Knoppenburg (heute noch die Hej, Heide, genannt, bildete die Sprachgrenze zu den umliegenden Dörfern, Walhorn, Kettenis, Eupen, die noch heute einen total abweichenden Dialekt sprechen (Benrather Linie). In dieser Zeit des Umbruchs begann auch der niedrige Adel feste Wohnsitze zu bauen. In unserer Heimat zuerst Höhenburgen, später vorwiegend Wasserburgen. Für die Wahl des Bauplatzes war die günstigste Verteidigungsmöglichkeit ausschlaggebend. Ein schönes Beispiel ist die um 1060 von Walram-Udo erbaute Limburg. Auf einem steilen Felssporn, 80 m oberhalb der Weser gelegen, war die Limburg: für die damalige Zeit uneinnehmbar. Erst die Erfindung des Pulvers und der Kanonen (um 1420) machte sie verwundbar, . Die noch vorhandenen Höhenburgen sind in unserer Heimat selten. Noch vorhanden sind: - die Limburg, nur noch Reste - die Emmaburg/Eyneburg in Hergenrath, erste bekannte Erwähnung 1260 (1248?) - Schimper in Moresnet, 30 m hoch auf einem Felssporn oberhalb der Göhl gelegen, vor 1355, Ruinenreste - Alsenberg in Moresnet, Ruine. Die Höhenburgen von Kettenis, Lontzen und Eynatten sind längst verschwunden. Nach Aufkommen der Artillerie boten die kleinen Höhenburgen keinen Schutz mehr. Man gab sie auf und baute in den Niederungen sogenannte Wasserburgen, d. h. einen Turm mit Wasser- graben und Vorburg. An Wasserburgen werden urkundlich erwähnt: - Titfeld, war um 1400 schon Ruine - Liberme in Kettenis, zuerst erwähnt 1334 - Raaff auf Berlotte, zuerst erwähnt 1380 - Burg Raeren, zuerst erwähnt 1426 - Brandenburg, Raeren-Sief, zuerst erwähnt 1444 - Haus Raeren, zuerst erwähnt 1465? 1477 (?) Die Burgen waren meistens Lehen. In Raeren waren die Burg Titfeld, die Burg Raeren und Haus Raeren Lehen des Marienstiftes Aachen. Die älteste Burg in Raeren scheint die Burg Titfeld zu sein. Die Burgenzeit war um 1450 - 1500 vorüber und der Wehrgedanke beim Bau neuer Landsitze nur noch beschränkt maßgebend. Ob Haus
49 Raeren im Gegensatz zu Burg Raeren, Liberm€ und Vlattenhaus in Eynatten eine Vorburg mit Toreingang hatte? Haus Raeren wird auch nie als Burg bezeichnet. War es von Beginn an nur ein Wasserschloss? Der umgebende Wassergraben bot militärisch keinen Schutz, er war mehr als Abwehr gegen herumstreunendes Gesindel gedacht. Reiners (Seite 268) schreibt, dass Haus Raeren vermutlich unter den Eheleuten von Bastenach-Hochkirchen erbaut wurde, eine Wasserburg gleich der Raaff war. Diese Eheleute werden von 1465 bis 1473 in den Lehensregistern als Besitzer von Haus Raeren erwähnt. Wenn dem so war, so muss es vorher eine andere Burg gegeben haben. Darüber geben folgende Eintragungen in den Lehensregistern Seite 607/ 608/696 Aufschluss. HAUS SCHWARTZENBERG (Haus Raeren) Haus, Burg und Lehen die ROETZE zu Raeren Als Besitzer werden unter anderen erwähnt: - vor 1420 Kerselis von der Roetschen zu den Raderen Die Kinder des Kerselis van der Roetschen: -N.N. Goswin van Zewel? - Johan -Cath. von Rabotrath - Marie Reinhard von Schwartzenberg - Johanna Buck Johan - 26.12.1420 Goswyn van Zeweren empfängt ein ungenanntes Gut, das Kerselis van der Rotschen als Sachwalter seiner Frau hatte. - 04.08.1422 Lambret Buck und seine Schwester, die Frau des Emmerich van Bastenaken, schließen einen Vertrag, wonach Lambret Buck nach Tod des Goswyn van Zevel das Haus ”zen Roderen” behält und seiner Schwester dagegen 50 Müdden Hafer jährlich zahlt. Nach Tod des Lambret Buck sollen sich die beiderseitigen Kinder über den Besitz von Haus und Rente einigen. - 05.04.1443 Eymerich van Bastenaken (Bastogne) empfängt die Güter zu Raeren, die dem Großvater seiner Frau (Johanna Buck) Karselis van der Roitzen und nach diesem
50 Goiswyn Tzyvell (Zeveren, Zevel) gehört haben (Johanna Buck, Tochter von Johan Buck und Johanna von der Roetschen). - 15.06.1465 Emmerich van Bastenach Johanna van Hockirchen empfängt nach Tod seines Vaters das Gut zu den Raederen - 13.10.1473 Johan van Berghenhusen empfängt Haus, Burg und Lehen zu den Raederen nach Tod des Emmerich van Bastenach. - 13.10.1473 Johan Krümmel van Eynatten empfängt für sich und Miterben die Güter aus dem Nachlass des Emmerich van Bastenach, bestehend in Haus und Burg zu Raeren. - 10.11.1473 Goedart van der Heyden empfängt für sich und seine Miterben Gut, Burg, Schloss und Haus zu Raeren von Joh. Krümmel aufgrund früherer Verträge, so wie es der verstorbene Emmerich van Bastenach besessen hat. - 01.10.1474 Reynart Crommel van Eynatten empfängt als Vertreter seiner Hausfrau Marie van Tzievel (Zeveren-Zevel) Tochter des Goswyn, alles Land, Benden, Büsche und Mühlen zu Raeren und anderes im Kirchspiel Walhorn, das der verstorbene Goswyn van Tzievel und Johanna, dessen Hausfrau, zusammen erworben haben. - 08.01.1477 Den Brüdern Renart und Johan van Swartzenbroich (Schwartzenberg) werden von der propsteilichen Mann- kammer die Güter des Eymerich van Bastenacken zuge- sprochen, nachdem die Brüder die Rechtmäßigkeit ihrer Ansprüche eidlich erhärtet haben. Streitig war der Besitz des Gutes van den Raederen genannt ”’die Roetze” gleichwie es der verstorbene Carsillis van der Roitzen und nach diesem Eymerich van Bastenachen der Alte und der Junge besessen hatten, und der des Raven Gutes (L. R. Seite 608). Die Brüder Reinart und Johan waren: - Söhne von Carsilis von Schwartzenberg, und Catharina von Bastenaken - Enkel von Reinhard von Schwartzenberg u. Maria von der Roitzen 2. von Boisdorf gen. Beslinck - Urenkel von Kerselis van der Roetschen, erwähnt vor 1420.
51 In dieser Auflistung fällt auf, dass das Gut wie folgt genannt wird: - 1420 Haus zen Roderen - 1465 das Gut zu den Raederen - 1473 Haus, Burg und Lehen zu den Raederen - 1473 Gut, Burg, Schloss und Haus zu Raeren - 1477 das Gut von den Raederen, genannt die ROETZE. Gab es nun um 1473 eine Burg und ein Schloss (die Wasserburg) van den Raederen? Wenn, wie Reiners schreibt, das Haus Raeren (die Wasserburg) zwischen 1465 und 1473 unter Emmerich van Bastenach erbaut wurde, war dann noch die alte Burg vorhanden, deren Namen, ”die Roetze” man auf die neue Wasserburg, Haus Raeren, übertragen hatte? Wo stand diese alte Burg, die man die Roetze nannte? Nach 1477 taucht der Name die Roetze nicht mehr auf. DIE ROETZE Was bedeutet Roetze? Roetze, Roetschen, Rotsen ? Es bedeutet Fels. Niederländisch: rots. Da man nun das Gut die „ROETZE“ - Fels nannte, kann hiermit nicht eine im Wasser stehende Burg gemeint sein! Es muss sich um eine auf einem Fels stehende Burg handeln, wie die Burg und Stadt La Roche (Fels) in den Ardennen und wie die Burg und Stadt Fels, auch Larochette genannt, in Luxemburg. WO KONNTE DIE BURG, DIE ROETZE, GESTANDEN HABEN? Südlich vom jetzigen Haus Raeren, in 150 m Entfernung, erhebt sich ein Felssporn. Dieser Felssporn ist Teil der von Ost nach West gehenden Blausteinader von ca. 250 m Breite und ca. 120 - 160 m Tiefe. Dieser Felssporn heißt heute noch im Volksmund die Rotsche, was gleichbedeutend ist mit Roetze/Fels. Ich kenne im Eupener Land keine Lage, die sich für den Bau einer Höhenburg besser geeignet hätte als die Rotsche. Der Zugang von Osten
52 her führt über einen schmalen Felsgrat, heute ”die Gasse” genannt. Im Westen eine ca. 10-12 m steil ansteigende Felswand, im Norden und Süden die Felsflanken. Wenn man heute dieses Felsplateau betrachtet, darf man nicht vergessen, dass die Rotsche später als Steinbruch benutzt wurde, Für eine Burg war die Lage strategisch günstig. Es war der höchste Punkt des damals besiedelten Raeren. Vom Bergfried konnte der Blick weit ins Land schweifen. Das Itertal von Neudorf bis ins Münsterland lag zu Füßen. N. B.: Am 10.09.1838 wurde Haus Raeren öffentlich verkauft, unter anderem eine Parzelle Holzung „Auf den Rotschen“ 1 Morgen, 48 Ruten + (nach preußischem Maaß 3.234 m’). Die Rotsche gehörte also noch immer zum Erbe von 1420 des Kerselis van der Rotschen! Der vor 1420 erwähnte Kerselis van der Roetschen bezog seinen Namen von der Burg die Roetze, wie es damals üblich war, wie die Herzöge von Limburg ihren Namen von der uralten Festung Limburg annahmen. Kerselis van der Roetschen siegelt 1369 den Landfriedensbund. (nach Linon, in Zeitschrift des Eupener Geschichtsvereins, 3. Jahrgang Nr. 1, 1953, Seite 3). Er muß ein bedeutender Mann gewesen sein. Die Höhenburg „die Roetze“ wird sicher zwischen 1200 und 1250 entstanden sein. Die bisher älteste bekannte Erwähnung von Raeren datiert von 1278. Fur] | li E Im] | | Seal AT ne (LE Die auf dem Felssporn stehende Burg Die Vorburg
Die Rotsche SS MR ZA LE ss N . A ; 5 % Xi ak E PN oe N Se ME % # A A z KM fe KR 8 A } = EN SE \eanea - en ZA BE Die untere Felswand HH SS a A 2 SE A N 0 SEE 2 3 de 7a HH nl PETE AR 2 a zZ PS a AN FE Dan ES “RR CHEZ KK "> ie Sun A} N s nl % Z 5 U N f FAR 8 Die Häuser in der Gasse
54 Für eine Höhenburg auf einem Felsen ist die Versorgung mit Trinkwasser überlebenswichtig. Große Burgen, wie die von Bouillon, Vianden, Limburg haben in dem Fels geschlagene Brunnen, die zu den sie umspülenden Flüssen hinabführen, 80 bis 100 m tief. Die Roetze wurde nur von einem kleinen Bächlein umspült, das seine Quelle im Süd-Osten, im Lattchens Bruch hat. Dieses Rinnsal ist nur zwei Fuß breit und im Sommer meistens trocken. Es war mit einer Bruchsteinmauer eingefasst. (Wie ich jetzt ) feststellte, hat man das Bett überdeckt, so dass der Bach nicht mehr sichtbar ist. Schade.) Es umfloss die Roetze von Süden nach Norden, um sich dann in etwa dem Verlauf des jetzigen Mühlbaches Richtung Neumühle folgend, in den Iterbach zu ergießen. Dieser kleine Bach war für eine Anzapfung ungeeignet. Es musste also eine ergiebigere Wasserquelle her und die war der Periolbach, der im Abstand von 200 m westlich der Roetze vorbeifließt. Im Keller des Bauernhofes Blar, direkt am Periolbach gelegen, gibt es einen Wasserlauf, der bisher viele Rätsel aufgegeben hat. Woher kommt dieser Wasserlauf und wo fließt er hin? Das Rätsel konnte bisher nicht gelöst werden. Einen interessanten Hinweis liefern die Lehensregister: Seite 584, Jahr 1570: 3 1/2 Viertel Bend zu Raeren hinter Thewis Kruychenbeckers Hof in dem Schlund Seite 565, Jahr 1583: 3 1/2 Viertel Platz in dem Schlund hinter dem Berg Seite 585, Jahr 1581: In einem Erbwechsel empfängt Johann Humpesch 1/2 Morgen aus dem Bend auf dem Berg in dem Schlundt von Wilh. Loman, der gestattet, die Bewässerung desselben über sein Eigentum zu leiten, wogegen Humpesch einen Graben nebst Schleuse anlegen soll. Seite 666, Jahr 1717: ... kauft das Haus der Schlondt für 494 brab. Gulden von Willem Kannebecker. Mit dem Schlund ist der Blar gemeint. Welchem Zweck diente der Kanal? Es gibt zwei Möglichkeiten: a) Er diente zur Wasserversorgung der Burg Roetze. b) Es war der Ablaufkanal des Mühlbaches der Blarmühle. a) Der Wasserkanal der Burg Roetze Schlund bedeutet: Abgrund, Rachen. Auf dem Urkataster von 1826 ist die Blarmühle eingetragen. Der Mühlbach führt das Wasser nicht zum
55 Periolbach zurück, sondern endet am Haus Blar. Es muss also dort in einem Schlund versinken. Das Wasser aus dem Keller des Hauses Blar fließt durch einen unterirdischen Kanal, der in 120 m Entfernung in den jetzigen Mühl- graben mündet, Der Mühlgraben speist auch den jetzt noch vorhandenen Teich. Der Teich ist auch auf der Ferraris-Karte von 1778 eingetragen. Um 1400 wird er sicher nicht bestanden haben. Der Kanal hat einen Querschnitt von ca. 50/60 cm und ist in Bruch- steinen mit Gewölbe gemauert. In 110 m Entfernung vom Haus Blar ist er jetzt eingefallen und liegt offen. Die Leistung einer Mühle ist abhängig von der Größe des Mühlrades und der Höhe des aufschlagenden Wassers. Der Mühlgraben muss also in Bezug zum Mühlrad so hoch wie möglich angelegt werden. Der hier unterirdisch verlaufende Kanal kann ursprünglich nicht als Antrieb einer Mühle gedacht gewesen sein. 1. Lässt man das Wasser nicht ca. 4 m tief in einen Schlund fallen und verliert so an Höhe und Antriebskraft. 2. Es ist ungewöhnlich, den Mühlgraben unterirdisch anzulegen, schon der Kosten wegen. Auch wegen der Ortslage war es nicht erforderlich. 3. Wäre der Mühlgraben nur für den Antrieb der Blarmühle angelegt worden, hätte man den Mühlbach hinter dem Rad auf kürzestem Weg wieder dem Periolbach zugeleitet, wie es die Pflicht des Müllers war. Der unterirdisch angelegte Kanal kann meines Erachtens nur zur Wasserversorgung der Burg gedient haben. In einer Entfernung von ca. 425 m von der Burg hatte man den Kanal in der damaligen Wildnis gut versteckt an den Periolbach angezapft, das Wasser im unterirdischen Kanal zur Burg Roetze geleitet und dort in einem Brunnen aufgefangen. Den Überlauf hatte man in einen Felsspalt geleitet. Irgendwo muss das Wasser ja hin! Der Kanal war strategisch angelegt. So konnte der Feind der Burg das Wasser nicht abgraben. Vielleicht könnte ein Rutengänger den Verlauf des Wasserkanals aufspüren? b) Der Ablaufkanal des Mühlbaches der Blarmühle Die Blarmühle erhielt ihr Wasser 90 m oberhalb vom Periolbach. Dort muss ein Stauwehr bestanden haben.
56 Y OBERE BLARMÜHLE UNTERE MÜHLE 22? SCHLUNDS Anm STAUWEHR Ww | = Zn di MS = 7 EEE SE { _— 77 177 AT UNTERIRD. KANAL HAUS BLAR Wie auf dem Katasterplan von 1826 ersichtlich, fließt der Mühlbach am Giebel des Hauses Blar vorbei, das damals ein anderes Aussehen hatte als heute. Hier stellt sich die Frage, warum man das Wasser nicht direkt in den Periolbach zurückgeleitet hat. War am Giebel des Hauses Blar noch ein Mühlrad? Die Blarmühle hatte ein unterschlägiges Rad. War das zweite Rad am Giebel des Hauses Blar ein oberschlägiges Rad, das bekanntlich einen höheren Wirkungsgrad hat? Dann müsste zwischen Oberlauf und Unterlauf ein Gefälle von 4 - 5 m gewesen sein. Hier der Schlund. Das Rad hätte einen Durchmesser von 4 - 5 m gehabt. Man hätte so das Wasser des Mühlbaches zweimal genutzt! Dann wäre es zu erklären, dass das abfließende Wasser in einem unterirdischen Kanal abgeführt wurde. Das umgebende Gelände lag bedeutend höher. Wenn dem so war, hätte die Blarmühle ein sehr hohes Alter, und wäre auf mindestens vor 1570 anzusetzen. Die Blarmühle ist im 19. Jh. abgebrannt. Was bedeutet Blar? Nach Dr. Kohnemann: Blar, erst 1809 erstmals belegt, heißt wahrscheiniich dasselbe wie mittelniederländisches BLAER: wüstes, unwirtliches Gelände. Die steinige Umgebung an den Ufern des Periolbaches scheint diese Annahme zu bestätigen. Wenn auf der Rotsch eine Burg stand, dann muss es auch einen Brunnen gegeben haben. Da heute von der Burg nichts mehr übrig ist, wäre das Auffinden des Brunnenschachtes der einzige Beweis, dass dort eine Burg gestanden hat. Zwar hat man die Rotsch jahrhundertelang als Steinbruch benutzt, doch die Brunnensohle konnte nicht verschwinden.
57 Ebenfalls muss der Burggraben -aus dem Fels geschlagen- vor der Zugbrücke, zwar angefüllt, noch vorhanden sein. Es wäre eine dankbare Aufgabe des Archäologischen Dienstes, hier einige Grabungen zu unternehmen. So könnte geklärt werden, ob meine Vermutungen zu Recht bestehen. Eine sehr wichtige Frage muss geklärt werden; Wie alt ist der Kanal? Und gibt es eine Verlängerung östlich des Weihers? Ms 1: 2500 > BERG X = S ZN m zZ ZA Ss ö / ZN \ N an { -M \ a | Zn es T KR ; eu A) ERBAUT 2? ® AS \ x „DIE _ROETZE VE N x \ JETZIGER ee LTE aa A ALTER \ TEICH 19 KANAL PS | 540 8 f WW X AP RÜOKE za% VORH UNTER IRDISCHER KAHAL.&ä0s6004 ze SR Da SCHWND / PERIQLBACH = . | ZE ABO AA BLAR Vermutete Höhenburg „Die Roetze‘““ Leonhard Kirschvink - 1999
59 (TS LEE DA 3 als Me m a ma in sus un. [Bde SE AL STETS EN ea nnn a ZZ LA om) 1 EN OA ES U a | 7 N Dr N a, Ma = = ZZ KR mal} | FL = il = TE EEE HE ZZ 7 ES ® an BE 8 Die Vorburg der Roetze ZE. ZE Der Zugang zur Burg wird im Osten über den Felsgrat, der heute ”Die Gasse” genannt wird, gewesen sein, geschützt durch einen Graben mit Zugbrücke. Vor dem Graben war es üblich, die Vorburg anzusiedeln, die ebenfalls mit Tor und Zugbrücke gesichert war, Beispiele dieser Art können wir heute noch vielerorts besichtigen. In dieser Vorburg befanden sich die landwirtschaftlichen Gebäude und die der Bediensteten. Eine Burg ohne Gehöft war im Mittelalter nicht denkbar. Die noch heute in der Gasse stehenden Gebäude stehen eng beieinander auf dem Felssattel. Der Abstand der gegenüberliegenden Häuser beträgt nur 7,50 Meter. An der Rückfront der südlichen Häuserreihe fällt das Gelände steil ab, so dass das Mauerwerk der Keller ca. 3 Meter frei liegt. An der Rückfront der nördlichen Häuserreihe ist das Gelände weniger geneigt. Ich nehme an, dass hier das Gartengelände im Laufe der Zeit angefüllt wurde. Eee ATS N > LAN ES > ST Die auf dem Felssattel stehenden Häuser der Gasse
60 Warum wurden die Häuser hier gebaut? Einen schlechteren Bauplatz kann man sich nicht denken. Es gab doch in Raeren genügend Platz zum Bauen! Auf dem Urkatasterplan von 1826 haben die Häuser der südlichen Reihe keinen eigenen Garten hinter dem Haus. Auf dem Lande nicht üblich. Denselben Fall konnte ich an den noch bestehenden Gebäuden der Vorburg von Titfeld feststellen; (die Häuser der Hauptstraße 10,12,14; siehe „Raeren-Titfeld‘“ in Im Göhltal Nr. 67, S. 25-48). Alles deutet darauf hin, dass die Häuser auf den Fundamenten der Gebäude der Vorburg der Roetze gebaut wurden. An den Kellergewölben und Mauern müßte das feststellbar sein. Auch hier ist der Archäologische . Dienst gefragt. Ob meine Vermutung zutrifft, dass auf der Rotschen eine Burg gestanden hat, muss sich noch bewahrheiten. Die einzigen Hinweise sind: - der Name Kerselis van der Rotschen - das Gut von den Raederen, die Roetze genannt - der Felssporn, genannt die Rotschen - die Häuserzeilen der Gasse als vermutete Vorburg - der spätere Bau von Haus Raeren als Wasserburg - der Wasserkanal. Wann die Burg unterging, wissen wir nicht. Wurde sie am 17.9.1437 von den Mannen des Herrn von Reifferscheid zerstört? Wurde sie auf- gegeben und das Baumaterial für den Bau der nahegelegenen Wasserburg, Haus Raeren, benutzt? Wir wissen nichts. Viele Burgen sind im Laufe der Zeit spurlos verschwunden. Ganze Dörfer wurden in Kriegszeiten verlassen oder sind in Pestzeiten ausge- storben und dem Erdboden gleichgemacht worden. Nur noch Flurnamen weisen vereinzelt darauf hin. Der Raerener Boden ist mit Töpferöfen vollgespickt, und doch wissen wir nicht, wo sie liegen. Es sind erst 200 Jahre her, dass sie voll in Betrieb waren. Nur durch Zufall stoßen wir auf einen Ofen. Mir sind nur zwei Öfen bekannt, die noch im Boden liegen. Wenn wir Menschen des 20. Jh. vor den imposanten Bauwerken der Burgen stehen, vergessen wir leicht, welche Frondienste unsere Vorfahren leisten mussten, um diese Herrensitze zu errichten: Das Baumaterial mühselig in Steingruben brechen und zur Baustelle schaffen, Kalk brennen, Sand transportieren, und dies alles bei Wind und Wetter. Schlecht ernährt, gekleidet und
61 untergebracht und noch schlechter bezahlt. Baumaschinen, wie wir sie heute kennen, gab es nicht. Nahte der Feind, dann waren sie im Burgbann verpflichtet, die Burg zu verteidigen. Die Kriegszüge, womit die Landesherren aus Nichtigkeiten oder aus Langeweile sich gegenseitig überzogen, nahmen kein Ende, die Brandschatzungen und Zerstörungen der Burgen ebenfalls nicht. Dann hieß es Wiederaufbau, und das Trauerspiel fing wieder von vorne an. Kriege, Pest, Hungersnot, Einquartierungen von fremden Truppen, Einäscherung der Häuser, Vergewaltigungen und Mord, das waren die ewigen Begleiter unserer Vorfahren. Die Hoffnung auf bessere Zeiten hatten sie längst fahren lassen. Sie klammerten sich in ihrer Not an das Himmlische, hofften auf bessere Zeiten im Jenseits. Die Burgen wurden in einer Epoche gebaut, als die Menschen im fanatischen religiösen Eifer die himmelstürmenden Kathedralen der Gotik hochzogen. Es war die Zeit, als die Städte sich hinter hohen Stadtmauern einigelten. Es war die Zeit der Kreuzzüge. Zu Zehntausenden brachen sie auf, das Heilige Land von den Ungläubigen zu befreien. Ob es nur religiöser Eifer war, der: sie das Kreuz nehmen ließ? Viele entflohen so den Schuldscheinen und der trostlosen Leibeigenschaft. Mittellos, wie sie so gegen Jerusalem eilten, wurden sie meistens schon auf dem Balkan irgendwo an einem Straßenrand von Schuldschein und Leibeigenschaft erlöst. Bemerkenswert ist, dass in unserer Gegend von 1200 bis 1450 viele Burgen und Herrensitze gebaut wurden, und dies bei einer sehr dünnen Bevölkerungsdichte. Raeren und Neudorf hatten im Jahre 1445 nur 103 Feuerstellen / Haushaltungen. Das entspricht einer Bevölkerungszahl von ca. 600 Personen. Nach Abzug der Kinder, Frauen und Greise verblieben etwa 130 arbeitsfähige Männer. Zum Vergleich: Eupen zählte um 1445 156 Feuerstellen. Dies entsprach ca. 900 Einwohnern.
62 WAPPEN Ss KK SN CE An WEN Crane KERSELIS VAN DER ROETSCHEN VAN BASTENAKEN N WS 3 <Z SCäawW. > SD Z VS TS NE DEN ss EN GEZDI VON HOCHKIRCHEN VON ZEVEREN (ZEVEL) EN NDS EZES ZZ SP 6 SO8S RE Cl n Ss VON BUCK (BOCK) CRÜMEL VON EYNATTEN DL N % RR N DE VON SCHWARTZENBERG
63 ANMERKUNGEN ZU DEN BESITZERN DER ROETZE Kerselis van der Roetschen zu den Raderen, war Lasse des Marienstiftes Aachen bis 1420. Er siegelt 1369 mit 63 adeligen Herren des Limburger Landes den Landfrieden. Die Herren van der Roetschen gehörten zu den wichtigsten adligen Familien des Herzogtums Limburg (nach Hashagen, Hoesch, Seite 131). 1420 war er im Besitz der Roetzen und Ravenhaus. Ritter Goswvn van Zeveren (Zevel) War von 20/9/1417 bis Mai 1419 Statthalter des Herzogtums Limburg und Burggraf. Nach Ernst, Geschichte des Herzogtums Limburg, V, S. 129, war ein Goswyn v. Zeveren/Zevel 1369 Landvogt. Der Name stammt von der Burg Zievel bei Satzvey/ Euskirchen. Kam am 26/11/1420 in den Besitz der Roetzen und Ravenhaus. (L. R. Seite 607, 696) Hochkirchen Stammen aus Aachen-Soers von der Burg Hochkirchen. Von Schwartzenberg Die Familie stammt aus Dorff bei Kornelimünster. Sie war viele Jahrzehnte im Besitz von Haus Raeren und Bergscheid. Die Gebrüder Renart und Johan von Schwartzenberg erben am 08.01.1477 die Roetze und Ravenhaus von ihrem Urgroßvater Kerselis van der Roetschen zu den Raderen (L. R. Seite 608, 696). Quellenverzeichnis L.R.= Die Lehensregister der probsteilichen Mannkammer des Aachener Marienstiftes 1394-1794 von L. Freiin Coels von der Brüggen, Bonn 1952.
64 Oot Kelmeser Recykling Recykling es der letzte Schrej, me telt os alles op de Rej, wat me dovör utervond, proper, bellech en jesond. Mä i Kelemes do wor, Lüj hüet et joot, Recykling at lang ene auwe Hoot! Te öch wüer te kalle va Eatenswaar, ä dova woat nex verworpe, dovör wor se te raar. Bleafte noch örjens jet Köaschker of Jrömele, da dong me se vöör der Honder noch sömele, en wue och jee Hoon mije e Ei vör laat, dat woat no der Buer vör de verke braat. Wat Hoddel wor, koam ijene Hoddelsack of Flokkebüll, Mottepullover of Jack, terreate Botze me henge en Venster en Upas Jaddestüppjespenster. Der Hoddelmaan worp et op sing Kaar jof vettech Zentim vör der Kilo i baar. Met Kartong, Papier woat et Vüer ajemakt, met Zidong jemös en de Fritte verpackt, vör wenkters te ströje verwahrt me de Aische, sömt sech der Kolef met utrangiede Fleische, en hau me Prööl ut Iser of Teen, da rop me sech enge van di Küddeler ereen. Wem han ech verjeate, op wäm kos me bowe? Wä höj noch de Jröön ut de Küel jehowe? Ose Knoakejupp wüer hüj ije Umweltamt en makde de betzte Recykler beschamt.
65 De Kengerwarel vool Knoake jepackt, Vönkelhoot ut alles wat brong jemackt, Varradjerämse, Pött of Tinge, Lampe, auw Schoon en Schermberlinge, Sessele, Möbel, Stovepiepe, Häe loon alles op, wä koss et bejriepe? Äl an dat, wat Knoakejupp loot lije, hoof och der Hond et Been neet mije. Peter No&l
66 : Historischer Rundgang durch Kelmis/La Calamine, ein Geschäftszentrum im Göhltal (4. Teil)* von Firmin PAUQUET Unser dritter Rundgang durch Kelmis (Im Göhltal, Nr. 67, S. 67-91) führte uns in die östlichen Außenbezirke von Kelmis bis zum früheren belgischen Zollamt auf Tülje. Hier hatten wir unsere Wanderung unterbrochen und von hier aus wollen wir sie im Folgenden fortführem. Zuerst jedoch möchte ich eine Ergänzung betreffend das bedauerlicherweise abgerissene Fachwerkhaus auf Kelmiserheide aus dem Jahre 1740 anbringen. Am 22. Juni 1984 hatte die Kgl. Denkmalschutzkommission in Brüssel bei der Exekutive der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Eupen einen Antrag eingereicht, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen. Leider gab die Gemeindeverwaltung Kelmis dazu ein ungünstiges Gutachten ab mit der Begründung, «dass dieser ehemalige Bauernhof innerhalb eines Wohngebietes des Sektorenplanes (= Flächennutzungsplan) gelegen ist und dass in unmittelbarer Nähe desselben eine große Anzahl Neubauten bestehen oder geplant sind.» Das Gebäude bestand damals aus den Häusern Nr. 50 von Johann Sebastian Groment und Nr. 51 von Joseph Wauben-Brodmüller, die dort wohnten und sich laut Feststellung der Permanentdeputation vom 7. März 1985 nicht gegen die Klassierung ausgesprochen hatten. Daraufhin hat die Exekutive der DG am 11. Oktober 1985 die Einstufung als Denkmal abgelehnt. Neben dem ehemaligen belgischen Zollamt auf Tülje führt ein Privatweg zur alten Tüljemühle, heute meistens als Schleifmühle bezeichnet. Ein "Jan de Aer, Radermeeker van Moresnet" (+1524) hat 1517 von der Brüsseler Rechnungskammer die Erlaubnis erhalten, das Wasser des Baches, der "ontrent een wyer geheeten den tollienwyer" fließt, einer auf seinem Erbe zu bauenden Kupfermühle zuzuleiten. Dafür muss er dem Rentmeister von Limburg einen Erbzins von 4 Müdden Hafer, ca. 982,8 Liter, fast 1 m, jährlich abgeben. Der Jan hat die 1468 * Teil 1 in «Im Göhltal» Nr. 61/1997, S. 31-55; Teil 2 in Nr. 62/1998, S. 7-43; Teil 3 in Nr. 67/2000, S. 69-91.
67 in Moresnet geborene Johanne Radermakers geheiratet. Die Mühle betreibt er 1520 mit einem Mitgesellen namens Leenchen Hallier. Beide hatten im Jahre 1507 4,5 Morgen = ca. 0,98 ha Gemeindegrund erworben, worauf sie dann die Mühle errichteten. Hallier ist zu einem Drittel beteiligt. Als jährlichen Zins haben sie dem limburgischen Rentmeister dafür 4,5 Aachener Schilling pro Morgen, insgesamt ca.1,69 Aachener Mark, zu entrichten. In den limburgischen Rentmeisterrechnungen wird ausdrücklich vermerkt, die "ghemeynten Iyggen inden Kerspel van Moresnet". Die Erben Radermecker verkaufen 1526 diese Kupfermühle mit einem südlich vom Bach auf Hergenrather Seite gelegenen "bemd", d. h. eine feuchte Wiese, dem Johan Kocke van den Bossche (aus ’s- Hertogenbosch in Nordbrabant) für 33 Müdden Korn zu 242 Aachener Mark, also für die beträchtliche Summe von 7986 Mark. Zu dieser Zeit verdient ein Maurer 1,25 Aachener Mark täglich im Winter und 1,75 Mark im Sommer. Eine Müdde Korn entspricht 245,696 Liter. Der Kaufpreis entspräche somit ca. 8108 Liter Korn bzw. 5324 mittleren Arbeitstagen eines Maurers. Der Jan Cock hat die Barbara van Kelmis geheiratet, eine Tochter des Leonart Alarts son und der Mechtelt Cloet. Leonard van Kelmis ist Direktor (1469-1481), dann Pächter (ab 1482) des Altenberger Galmeibergwerks gewesen. Er ist zwischen 1486 und 1491 gestorben. Die Mühle wechselt oft den Eigentümer. Der jährliche Zins für den Gemeindegrund wird 1540-1545 von "paeschen koffersleger van Aken" bezahlt. Im Jahre 1569 beurkunden Drossart und Schöffen der Bank Montzen, dass Jan van Gulich den "waese", d. h. die Verpfändung der " koffermolen und goijt onder der Tulgen Wyer" des Jan van Vree erhalten hat. Am 26. Oktober 1606 übertragen Dr. Jur. Conradt van der Heggen und seine Ehefrau Maria Tiwricht (?) aus Aachen dem Peter Symonts und seiner Ehefrau Sara die "koffermoelen inn die thoillien met moellenwyeren, 2 bouffender gewerf, holtzplatz samt aengehenkten stall und alle geridtschaft" vor dem Montzener Gericht. Die Anlage ist frei von Belastungen, außer der Wasserpacht von 4 Müdden Hafer zu Gunsten der herzoglichen Domänenverwaltung. Die "gemeynten in den Tullyen" gehören 1607 dem Frambach Kokart, der dafür den jährlichen Zins bezahlt. Im Jahre 1615 beurkunden Drossart und Schöffen der Bank Montzen, dass Lorenss Lynen als Erbe des Symon Symonts von Aachen einen "bempt by Kelmis, ontrent Linnen Koopermoellen in die thoillien" von Claes Melkers von Eselbach erworben hat. In der Moresneter Steuerrolle
68 ("schattzedel") aus dem Jahre 1627 wird die Mühle als "overste copermolen" mit 2,7 Gulden Brabant, einem der höchsten in der Umgebung bezahlten Beträge, geschätzt. Im Jahre 1638 werden die Erben Symont Symont angegeben, die die Anlage eventuell in eine Walkmühle ("volmoelen"') oder in eine "loemolen" mit zwei Mühlenrädern umbauen dürfen. Eine solche Lohmühle dient zum Malen der Eichenrinde für die Lohgerbereien. Im Jahre 1656 wird ein Lambert Eligas als Pächter "op den Tulie moelen" erwähnt, der in einen vor 1650 vor dem Bankgericht Montzen geführten Prozess mit den Gebrüdern Jan und Daniel Bourette verwickelt ist. Oben sahen wir, dass Claes Jacqmine in der Kelmiser Heide und vorhin sein Schwiegervater Güter aus "Elegast roth", einem von Elegast gerodeten Waldstück, erworben hatte. Am 6. Juni 1667 wird. Jean Stickelmann als Müller der Kupferschlägerin Witwe Laurens Lynen "op de overste copermolen" erwähnt. Dieser Müller gehört einer alten Hergenrather Familie an. Der 1560 geborene und um 1625-1626 gestorbene Laurenz Lynen ist der Stammvater der bekannten Stolberger Kupfermeisterfamilie. Am 1. Juni 1685 erhalten die Gebrüder Laurent und Isaac Lynen eine Ermäßigung von 4 auf 2,5 Müdden Hafer ( von ca. 983 Liter auf ca. 614 Liter), die sie der limburgischen Domänenverwaltung für ihre Mühle schulden, da dieselbe verfallen ist. Sie erhalten auch die Erlaubnis, eine neue Mühle zu bauen. Der Neubau scheint aber nicht stattgefunden zu haben. Laut Grundbuch von 1686 besitzen die Erben Laurens Lijnnen Weide, Acker und Weiher, dazu ein von Jan Mommer übertragenes Haus mit Hof und einigen anderen Grundstücken, insgesamt 1598,75 Ruten = 3,4844 ha Grund. In einer Aufstellung der "irrecouvrable chynsen"', d. h. nicht mehr eintreibbaren Erbzinsen der Bank Montzen aus dem Jahre 1693-1694 wird die Witwe Laurens Lynen mit 1 Aachener Mark, 8 Schilling, 6 Pfennig angegeben. Im Kelmiser Grundbuch von 1754 werden die Stolberger Kupferschläger "Laurins ende Eisacq Lynens" als Eigentümer von Weide, Acker und Weiher, insgesamt 4334 Ruten = 9,45 ha Grund erwähnt. Für die Grundsteuer werden sie zu 1 Gulden, 15 Stüber veranlagt. Sie kommen damit an 3. Stelle unter den 81 Kelmiser Grundeigentümern. Im Jahre 1761 reicht Friedrich Eugen de Beelen, Kanzleischreiber beim Brüsseler Finanzrat, bei diesem Rat einen Antrag ein, die sich auf seinem Grund befindliche «Tulgensmühle» neu als Walkmühle einrichten zu dürfen und dazu die umlaufenden Rinnsale zusammen in den Tüljebach abzuleiten. Der Finanzrat erteilt seine Einwilligung am 8. Februar 1762 und erwähnt bei der Gelegenheit, dass hier früher eine Kupfermühle
69 bestanden habe, die der herzoglichen Kasse einen jährlichen Zins von 2,5 Müdden Hafer schuldete. Die Zahlung dieses alten Zinses wird nun dem Herrn de Beelen auferlegt. Laut Grundbuch von 1759 hat der Herr J. F. de Ringler, Stiftsherr zu Kortrijk in Flandern und Lizentiat in kanonischem Recht, das Gut erworben. Dieser Kanoniker lässt am 6. Juni 1776 den über die Güter des Jean Albert de Beelen und dessen Ehefrau Anna Catharina d’Ansillon zu Bertolff in Hergenrath verhängten Arrest aufheben. Der Arrest war am 14. September 1764 auf Antrag eines Verwandten des Kanonikers, des Hauptmanns in holländischen Diensten Franz Joseph de Ringler, verhängt worden. Bei der theresianischen Aufnahme 1770-1774 (Nr. 6) besitzt der genannte Stiftsherr einen großen und zwei kleine nebeneinander liegende Weiher, ein Haus mit Stallungen und ein Haus mit einer Walkmühle. Als Besitzer von 5573 Ruten = 12,1461 ha Grund erscheint er als drittgrößter Grundeigentümer in der Herrschaft und Gemeinde Kelmis. Sein Grundwert wird mit 489 Gulden, 3 Stüber geschätzt und ist somit der bedeutendste der Gemeinde. Die Walkmühle ist wohl die oben erwähnte Tüljemühle. Für die Mühle entrichtet der damals zu "Hergenraedt" wohnende Kanoniker de Ringler laut Zinsbuch der Bank Montzen 1776-1793 jährlich einen Erbzins von 2,5 Müdden Hafer (ca. 614 Liter). Dieser Betrag entspricht der 1685 erlassenen Ermäßigung. Der Gemeinde Kelmis muss er zusätzlich im Jahre 1782 2 Gulden als Steuer bezahlen. In Hergenrath besitzt er laut theresianischem Kataster Land und Gut in Helmüs. Nach dem französischen Kataster von 1799 (Nr. 16) besitzt de Ringler nur noch ein Haus, das später der französischen Domänenverwaltung gehörte und nach 1817 als preußisches Zollamt eingerichtet wurde. Im Jahre 1813 wird die Tüljemühle als "moulin domanial" angegeben. Das Gut könnte eventuell durch den Staat als Eigentum eines emigrierten Geistlichen beschlagnahmt worden sein. Später ist es im Besitz der preußischen Domänenverwaltung. So werden in einer Aufstellung des Jahres 1817-1818 in "Tüllden" eine Mühle und ein Bauernhof der Domänenverwaltung aufgelistet und jeweils zu 200 bzw. 92 Francs Grundwert geschätzt. Am 20. Mai 1818 wird das Domanialgut der Tüljemühle mit 3,575 ha Grund dem H. Vanpyr für 9 Jahre vermietet. Der Hof Tülje mit dem Wohnhaus wird dem Nicolas Langohr verpachtet. Dazu gehören 9 Bunder, 333 Ruten Grund (ca. 8,5718 ha) unter Moresnet und 25 Morgen (5,4486 ha) unter Hergenrath.
70 In der Franzosenzeit ist die Anlage zu einer Nadelschleifmühle umgebaut worden, die im Jahre 1820 5-6 Arbeiter beschäftigt. Am 15. Juli 1826 wird gemeldet, dass die Nadelschleifmühle des Aacheners Ludwig Bruckner mit einem Gang andauernd brauchbar ist, d. h. wohl dauernd genügend Wasser im Mühlenteich fließt. Pächter der Mühle ist noch der 1818 erwähnte Vanpyr. Die Domänenverwaltung hat das Gut also veräußert, wie Bürgermeister von Lasaulx dies schon 1818 vorgeschlagen hatte. Der Verkauf muss nach März 1822 stattgefunden haben. Aus dieser Zeit stammt auch die Bezeichnung Schleifmühle," a jen schliipmöle". Am 1. Mai 1835 ist die Nadelschleifmühle eingegangen. Darauf reicht Bruckner 1836 bei der Aachener Regierung ein Projekt zum Umbau der Anlage in eine Spinnmühle ein. Ob dieses Projekt durchgeführt wurde, ist mir noch unbekannt. Wegen eines Prozesses mit der Eisenbahn bezüglich des Weihers liegt das Werk von 1848 bis 1862 still. Im Jahre 1862 wird die Anlage dem Burtscheider W. J. Strom öffentlich verkauft, der am 14. Juli bei der Aachener Regierung den Plan zur Umänderung der Schleifmühle in eine Walk- und Spülmühle einreicht. Die Turbine wird am 25. September 1863 durch ein eisernes Wasserrad an der Walkmühle ersetzt. Am 24. Februar 1848 wird der Tüljehof durch die preußische Domänenverwaltung an Johann Joseph Leclerc verkauft. Nach 1870 wird die Anlage von dem am 17. Januar 1839 in Hellental geborenen Reinhard Bruch, Sohn des Mühlenmeisters Johann Wilhelm Bruch, erworben. Dieser gründet am 15. September 1874 die "Filzfabrik Reinhardt Bruch & Cie". Zur Wahl des Standortes hat wohl auch das kalkarme Wasser des Tüljebaches beigetragen, der aus Quellen des Aachener Sandes genährt wird. Die hier gewebten und gewalkten Filztuche wurden den sich damals stark emporsteigenden Papierfabriken geliefert. Das Etablissement wird mit einer Dampfmaschine von 40 PK mit Dampfkessel und einem Wasserbetrieb von 10 PK betrieben. Aus der Gründerzeit stammt wohl das große und hohe Gebäude aus Bruchkalksteinen mit Backsteineinrahmungen der Öffnungen am Fuße des großen Weihers, dessen Wasser zum Walken notwendig war und noch um 1960 auch teilweise die Betriebskraft lieferte. Die Bezeichnung "Bruchs Weiher" hat inzwischen den alten Namen "Tüljeweiher" fast vollständig verdrängt. Zwei Wetterfahnen befinden sich oberhalb des Daches, die eine mit den Buchstaben R B, den Initialen des Firmengründers Reinhard Bruch, die andere mit der Jahreszahl 1862. Dies bedeutet, das Gebäude ist noch vom Vorgänger der Firma Bruch errichtet worden. Am 8. Dezember 1903 wird die Anlage durch einen
ZB Neubau bedeutend vergrößert. Von 1895 bis 1908 war der Tuchfabrikant Reinhard Bruch und von 1909 bis 1914 sein Sohn Friedrich im Vorstand der Eupener Handelskammer. Reinhard Bruch wurde 1878 in den Preußisch-Moresneter Gemeinderat gewählt und am 11. September zum 1. beigeordneten Bürgermeister ernannt. Er schied 1881 wegen seiner Übersiedlung nach Burtscheid aus, wurde aber nach seiner Rückkehr 1897 wiedergewählt und 1908 zum 2. Beigeordneten ernannt. Im Jahre 1911 wird Friedrich Bruch in den Gemeinderat gewählt. Am 3. April 1904 wurde die Firma notariell in eine G.m.b.H. umgeändert und am 29. Dezember 1927 in eine Aktiengesellschaft belgischen Rechts, eine "So- ciet€ Anonyme". Laut Wirtschaftszählung von 1937 gab es in Neu- Moresnet 2 Textilbetriebe, die insgesamt 5 Angestellte und 61 Arbeiter beschäftigen. Die Firma Bruch mag wohl die bedeutendste der beiden gewesen sein. Im Jahre 1947 besteht nur noch diese Firma mit 3 Angestellten und 54 Arbeitern. Im Jahre 1985 werden ca. 100 Beschäftigte gemeldet. Die technologische Entwicklung in der Branche, besonders in den 60er Jahren, und die damit verbundenen großen Investitionen haben zu einer Restrukturierung des alten Familienbetriebes geführt, so dass 1970 die "A.G. Bruch & Cie" mit neuen Gesellschaftern gegründet wurde. Es wird auch 1986 eine neue 1000 m* große Herstellungshalle gebaut, die von der Straße gut sichtbar ist. Die Firma liefert Filztuche in viele Länder, besonders Bespannungen für die Papierindustrie, Tuche für die Tapetenindustrie, Transportbänder für den Nahrungsmittelbereich wie z. B. Großbäckereien. Nach dem Kataster von 1974 dehnt sich das Fabrikgelände "An der Schleifmühle", Lütticher Straße, Nr. 48 auf 1,69 ha aus. In der Franzosenzeit besteht im Jahre V (1796-1797) in Tülje das Haus Nr. 7, bewohnt vom Landwirte-Ehepaar Leonard Nyssen und Ma- rie Elisabeth Degell; insgesamt zählt man dort 5 Personen. Von 1809 bis 1817 wohnt dort die Försterfamilie Nicolas Gronenschild- Wermeester mit insgesamt 8 Personen. Es wird auch nach 1809 ein zusätzliches Haus (Nr. 7bis) gebaut. Bis zum Jahre 1818 bestehen also nur 2 Häuser im Weiler Tülje. Auf der preußischen Urkatasterkarte von ca. 1830 erkennen wir drei Bauten rechts der Landstraße in Richtung Aachen, darunter das erwähnte Zollamt. Heute sind es die Häuser Nr. 67 und 63-61. Im Jahre 1827 werden 37 Einwohner im «Gehöft» sowie 2 in der Mühle und 1848 insgesamt 41 gemeldet.
72 Auf der linken Straßenseite in Richtung Aachen steht ein langgestrecktes Gebäude mit hinteren Nebenbauten: ein Bauernhof und zwei Wohnhäuser. Es handelt sich wahrscheinlich um die Häuser Nr. 7 und 7bis aus der Franzosenzeit. Der jetzige Bauernhof Zimmer ist noch in der traditionellen Bauweise des 18. Jh. errichtet worden und zeigt mehrere Bauphasen. Zur älteren gehört wohl der mittlere Trakt (heute Nr. 66) aus Bruchkalksteinen mit Blausteingewänden. Es mag wohl dem im Jahre 1809 erwähnten Haus entsprechen. Das westliche Wohnhaus (Nr. 68) aus Backsteinen mit Blausteingewänden mag wohl etwas jüngeren Datums sein. Dazu ist noch im Westen ein Schuppen mit Pultdach angebaut worden, dessen unteres Mauerwerk aus Bruchsandsteinen der Aachener Schicht besteht. Das ältere Wohnhaus wurde auch nach Osten um zwei Achsen im gleichen Material erweitert. Im Erdgeschoss befindet sich nun ein Garagentor. Der Zugang zur Wohnung der 1.Etage erfolgt hinten durch einen Anbau. 2 ES EEE ann i 1.4 a AN N par RR Neal S Al nl ES, 212 | AR Dc fe Le —- Mn zZ Ss Dn Ss A % Zi ZB Der Hof Zimmer zeigt mehrere Bauphasen Aus der vorliegenden Kaufurkunde des anliegenden Hauses kann man ersehen, dass der Bauernhof 1865 einem gewissen Wintgens gehörte. Später war er im Besitz des auf Schloss Alensberg in Moresnet wohnenden Rentners Karl Armand Suermondt. Dieser hat mit Urkunde des Eupener Notars Eduard Cremer vom 6. Oktober 1920 das Gut den
73 Eheleuten Hubert Zimmer, Landwirt, und Elisabeth Cüpper für 46.000 Francs verkauft. Dazu gehörten die Wohnhäuser damals Nr. 20 (Flur II, Grundstück 201/116) und Nr. 21 (Grundstück 178/116). Aus einer noch späteren Bauzeit stammt die östlich anschließende frühere Bäckerei Wertz mit Ziegelsteinfassade (Nr. 64). Nach einer vor dem Aachener Notar Gustav Delpy aufgestellten Kaufurkunde vom 15. November 1865 haben die Eheleute Johann Wilhelm Wertz, Bäcker und Holzhändler, und Anna Maria Schlossmacher das Wohnhaus mit Nebengebäuden und Garten vom Aachener Kaufmann Bernard Baur und Geschwistern erworben. Das Flur II, Nummer 84/1 und 84/4 katastrierte Gut ist 87 preußische Ruten, 10 Fuß groß und wird zum Preis von 1700 Talern verkauft. Der Kaufpreis ist mit einem Vorschuss von 300 Talern und 14 jährlichen, zu 5% verzinsten Raten, zu begleichen. Als Bürge der Ankäufer tritt der Eilendorfer Unternehmer Paul Joseph Wertz, wohl ein Verwandter des Ehemannes, auf. Die Bäckerei Wertz wurde von vier Generationen der Familie Wertz ununterbrochen bis 1982 betrieben. Der Statistik des Regierungsbezirkes Aachen entnehmen wir, dass im Jahre 1858 im "Gehöft Tüllge" außer dem Zollamt noch 7 Häuser mit. 58 Bewohnern stehen. Laut Einwohnerliste von 1894 stehen dort 9 Häuser (Nr. 15-23), darunter ein unbewohntes. Das Adressbuch des Kreises Eupen aus dem Jahre 1902 gibt 10 Hausnummern in Tülje an, zwei Häuser sind aber unbewohnt. Es gibt eine Schmiede, eine Gastwirtschaft und die Bäckerei Wertz, heute Nr. 68. Der Landwirt Schlenter betreibt nebenbei auch noch eine Gastwirtschaft, heute Nr. 66. Hier haben Vertreter der Vervierser Tuchfabrikanten, die Kunden im Rheinland zu besuchen hatten, regelmäßig übernachtet. Auch Essener Fuhrleute, die Pulver zu den belgischen Steinbrüchen der Lütticher Gegend lieferten, übernachteten bei Schlenter, wie uns Landwirt Nicolas Zimmer zu berichten wusste. Die beiden Gastwirtschaften im Weiler Tülje sind wohl wegen des Zollamtes eingerichtet worden. Nach der Katasteraufstellung von 1974 bestehen 4 Häuser (Nr. 23 + Nr. 39-41) auf der linken und 2 (Nr. 50, 52) auf der rechten Straßenseite Mitten in der Straße stand noch bis November 2000 der nach dem Kriege errichtete Flachbau, in dem Zoll- und Gendarmeriebeamte ihren Dienst versahen. Der ziemlich verwahrloste Bau wurde seit dem Wegfall der Grenzkontrollen (1993) nicht mehr benutzt und anlässlich der noch andauernden Straßenbauarbeiten abgerissen.
q5 m cf ; pn De EL EA Fe | re Mn Se N 4 # 3 PA A | A Das ehemalige belgische Zollamt auf Tülje | 2. | 8 RR = Ba r . ai A. STE u “ PD in en DE = Pr Die neue Siedlung auf dem Gelände des Hofs «Bouy»
76 Zwischen den vielen Neubauten finden wir links ein älteres Gebäude aus Bruchsandsteinen, das aber ziemlich unkenntlich umgebaut worden ist. Es hieß zuerst "Neuenbau" und später "Schmied". Laut oben erwähnter Waldkarte von 1791 und französischem Kataster von 1799 (Nr. 6) gehört es dem Schuster Joseph Mostert. Er könnte der oben erwähnte Schwiegersohn des Claes Wermeester (des alten) in der Kelmiser Heide sein, der vom Letzteren bei der Aufteilung der Erbschaft am 7. März 1772 bedacht wurde. In der Aufstellung der Gewerbetreibenden von 1782 wird er als "schoenmaeker" erwähnt und muss deshalb 0,25 Gulden Gemeindesteuer bezahlen. Die Familie Joseph Mostert-Schlotmecker wohnt hier 1796-1813. Ein Jean Joseph Mostert hat am 21. Mai 1780 in Moresnet die Anne- Christine Schlotmecker geheiratet. Anlässlich einer Katasterrevison wird 1788 festgestellt, dass Joseph Mostert 2 Häuser und 1980 Ruten = ca. 4,32 ha Grund besitzt, die noch nicht aufgenommen worden waren. Nach dem französischen Kataster von 1799 (Nr. 6) besitzt der Schuster Joseph Mostert 2 Häuser und 1808 Ruten = 3,9 ha Grund. Im Jahre 1818 werden die Erben des Joseph Mostert als Grundeigentümer angegeben. Von 1827 bis 1858 wird stets nur ein Haus an dieser Stelle mit jeweils 6 bzw. 4 Bewohnern erwähnt. In der Einwohnerliste von 1894 werden bei "Schmied" 4 Häuser (Nr. 9-12) aufgelistet, und im Adressbuch von 1902 sind es deren 5, darunter eine Gastwirtschaft. Es handelt sich wohl um die Häuserreihe auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Nach der Katasteraufstellung von 1974 bestehen am Neuenbau, Lütticher Straße, drei Häuser (Nr. 5-9). Wir erreichen bald links eine neue Siedlung der Firma Batico. Diese wurde in den Wiesen des früheren Bauernhofes "Bouye", "i jen bui", "Bouya" auf der preußischen Urkatasterkarte von ca. 1830, errichtet. Inzwischen (Januar 20001) wurde mit dem Bau einer weiteren Wohnanlage an der gegenüberliegenden Straßenseite in den «Langenbenden» begonnen. Am Nordrand der Landstraße unterhalb der "bui" steht ein interessantes Holzkreuz mit Korpus und der Jahreszahl "1793". Es ist zu begrüßen, dass die Baufirma "Batico" das alte Kreuz respektiert hat. Dieses erinnert irgendwie an einen damals vorgekommen tödlichen Unfall oder an einen Mord. In diesem Jahr haben sich die französischen Revolutionsheere nach ihrer Niederlage am 1. März bei Aldenhoven aus Aachen und dem Limburger Lande vor den siegreichen Österreichern über die Landstraße zurückziehen müssen. Ob der Todesfall mit diesen Ereignissen in Zusammenhang steht, sei dahingestellt.
78 7 { „404 € 5 a CL a N An ZEN A "a EN Die Lohmühle Die frühere Kupfermühle ist noch vom Aachener Kaufmann Hans Stoupart, Pächter des Altenberges von 1621 bis 1648, eingerichtet und später als "Stoupartsmeulen" bezeichnet worden. Stoupart hat am 18. Januar 1624 von der Brüsseler Rechnungskammer die Erlaubnis erhalten, eine bestehende "cornmolen" zu einer Kupfermühle mit zwei Rädern umzubauen und einen Stauweiher anzulegen, um das Wasser des Tüljebaches anzusammeln. Er darf auch ein drittes Rad, aber nur nachts, benutzen, um Korn zu malen. Er hat die Anlage von Michiel Groment aus Montzen erworben. Dieser hatte am 10. Mai 1612 die Erlaubnis erhalten, diese Mühle in der Bank Walhorn in "Tullgen" gegen einen jährlichen Zins von 20 Gulden Brabant zu betreiben. Am 5. Dezember 1617 wird der Zins auf 12 Gulden heruntergesetzt in Erwägung, dass die Mühle "vere (= weit) von dorpen" liegt und auch weil das "tullyen becxken" nicht immer genügend Wasser führt. Im Jahre 1683-1684 wird der Erbzins von 12 Gulden als nicht mehr eintreibbar angesehen. Die Mühle ist wahrscheinlich in den Kriegswirren zerstört und aufgegeben worden. Zur "Stopparts molen" gehört auch Grundeigentum auf Kelmiser Gebiet, insgesamt 1686,5 Ruten = 3, 6756 ha nach dem Grundbuch aus dem Jahre 1686, F°29-31. Der "Stouparts bempt", eine ca. 581,25 Ruten = 1,2668 ha große feuchte Wiese, gehört 1756 dem Landwirt Johannis Hermens am Bildchen. Im Jahre 1830 gehört die Anlage einem Herrn Lambrichs aus Brüssel. Die Erben betreiben 1836 mit einem A.
79 Jungschläger dort eine Wollwäscherei und Spinnerei, die mit einer Dampfmaschine betrieben werden. Im Jahre 1856 ist die Aachener Firma Guders und Co Eigentümerin. Diese erhält 1859 die Erlaubnis, eine Dampfmaschine aufzustellen. Sie liegt 1865 im Streit mit der "Vieille Montagne" wegen des Baues eines 2,838 preußischen Morgen großen Teiches (ca. 0,7186 ha), der zuviel Wasser vom Tüljebach zurückhält. Da die Teiche nicht entschlammt worden sind, wird das hinunterfließende Wasser verunreinigt. Dies führt zu einem weiteren Prozess mit dem Besitzer der Schleifmühle, dem Burtscheider W. J. Strom. Der Appellationshof zu Köln bestätigt am 13. November 1869 das Urteil des Aachener Landgerichtes zugunsten des Strom. Am 29. Dezember 1876 ist die Anlage im Besitz des Aacheners August Moxhet, der sie an die Hergenrather Firma Julius Nörrenberg verpachtet. Diese betreibt hier eine Wollwäscherei mit Carbonisier-Anstalt. Betrieben wird die Anlage durch eine Dampfmaschine von 20 PK, eine zweite von 8 PK und ein Wassertriebwerk von 4 PK, das 1878 auf 6 PK gebracht wird. Wegen Verschmutzung des Wassers liegt Nörrenberg auch mit der bachabwärts liegenden Firma Bruch im Streit. Dieser wird dadurch beigelegt, dass Bruch 1882 die Anlage erwirbt. Vorübergehend wird nur 1883 während 21 Monaten Pergamentpapier durch Koletzke und Arnold hergestellt, die eine Lokomobile (fahrbare Dampfmaschine) aufgestellt haben. Seit Mitte August 1884 dient die Wollwäscherei der Lohmühle dann, um den Bedarf der Filztuchfabrik Bruch zu decken. Im Adressbuch des Kreises . Eupen aus dem Jahre 1902 wird sie weiter als Wollwäscherei der Firma Reinhard Bruch angegeben, wo auch der Walkmeister Gerhard Frings wohnt. Später dient das Gebäude nur noch als Bauernhof. Am 10. Februar 1972 verkauft die A. G. Filztuchfabrik Bruch die Anlage an Herrn Herbert Bruch. Nach dessen Tod, am 21. Januar 1982, werden die Erben, die Geschwister Rudolf und Marianne Bruch, Eigentümer der Lohmühle, die sie am 26. Juli 1982 dem Architekten V. Becker verkaufen, der die Anlage anschließend restauriert und sie als Wohnhaus mit Pferdehof eingerichtet hat. Der ältere Teil der Lohmühle besteht aus Bruchkalksteinen mit Fenstereinfassungen aus Feldbrandsteinen und ist somit in die Zeit 1840-1880 datierbar. An der Südmauer dieses Gebäudes befanden sich noch bis zur Restaurierung Spuren des oberschlägigen Mühlenrades. Hinter den Gebäuden bemerkt man auch die Spuren des großen Mühlenteiches, wovon im Westen eine Pfütze übrig bleibt. Art der Ostseite des Gebäudes steht auch noch der viereckige, teilweise abgetragene Schlot aus Feldbrandsteinen der
80 ehemaligen Dampfmaschine (um 1876). Anschließend erstreckt sich nach Norden ein weiß gestrichener Wohntrakt. Dieser wurde wohl im Laufe des 19. Jh. als Fabrikgebäude errichtet, wie die Verankerung aus runden Eisenscheiben vermuten lässt. Vor dieser Anlage sind später Stallungen gebaut worden, die die Sicht von der Straße her auf die Gesamtanlage verdecken. 2 MM a E3 = n 5 Wa | I a - % 3 VE Z an 2 vu A DO A A OO e 3 BE a DE Das gemeinsame Kelmis/Neu-Moresneter Wasserwerk Als letztes belgisches Gebäude bemerken wir die Pumpstation des Kelmiser Wasserwerkes. Das Projekt zur Gründung einer gemeinsamen Wasserleitung mit Preußisch Moresnet wird erstmalig am 18. Juni 1902 vom Neutral-Moresneter Gemeinderat behandelt. Im August 1902 einigen sich die beiden Gemeinden mit Ingenieur Oskar Smrecker, Mannheim, um das Projekt ausarbeiten zu lassen. Initiator war der gemeinsame Bürgermeister Hubert Schmetz. Am 7. April 1905 beschließt Neutral- Moresnet, die Quelle "Kaltesprung" am "Goutefspley" im Montzener Anteil des Preuswaldes zu mieten. Der Montzener Gemeinderat hatte schon am 16. Februar 1901 dazu sein Einverständnis geäußert. Die ersten Pläne werden der Aachener Regierung am 17. September 1907 vom Eupener Landrat mit dem Gutachten des Kreisarztes übermittelt. Wegen der mit Belgien schwebenden Teilungsprojekte von Neutral-Moresnet
81 zögert die Aachener Regierung zuerst, ein positives Gutachten abzugeben. Am 22. Dezember 1907 gibt das preußische Innenministerium sein Einverständnis: der Landrat und der preußische Gemeinderat hatten vermerkt, dass Preußisch-Moresnet allein unfähig sei, das Projekt durchzuführen. Am 26. Oktober 1908 sind die Arbeiten noch nicht begonnen. Ingenieur Smrecker befürchtet nun, die Quelle könnte nicht genügend Wasser liefern. Der Kreisarzt hat im März und Juli 1907 die Wasserführung mit 9 bis 10 Liter pro Sekunde gemessen; der Bürgermeister und Zeugen stellen am 19. Oktober aber nur 2,5 Liter fest. Der Kreisarzt schätzt die tägliche Förderung auf 206 m? bei einem Bedarf von 165 m*, falls alle bestehenden Häuser angeschlossen würden. Da die zu erfassende Quelle sich im Montzener Teil des Preuswaldes befindet, ist eine Genehmigung der Lütticher Permanentdeputation (Provinzialregierung) für den Erwerb des Montzener Gemeindegutes erforderlich ist. Diese wird erst nach Ende Juli 1909 erteilt. Am 25. Februar 1909 wird Smrecker von der Berliner "Continental Wasser- Gesellschaft" ersetzt. Die am 19. Oktober 1909 aufgenommenen Arbeiten sind Ende Februar 1910 fast abgeschlossen, so dass das Werk im März 1910 in Betrieb genommen werden kann. Die Gemeinden "La Calamine" und Neu-Moresnet kaufen die Gesamtanlagen des Wasserwerkes vor dem Eupener Notar Trouet am 7. Dezember 1920 für 322.500 Mark = 71.667 BEF, davon bezahlt Neu-Moresnet 50.000 Mark = 11.111 BEF, d. h. ca. 15%. Dieser Kaufakt wird durch Kgl. Erlass vom 30. April 1922 für nichtig erklärt und durch Urteil des Vervierser Gerichts vom 29. Juli wird das Wasserwerk als Feindesgut zu Gunsten des belgischen Staates sequestriert und die beiden Bürgermeister werden mit der Zwangsverwaltung beauftragt. Auf Antrag des Kelmiser Gemeinderates vom 15. Oktober 1928 wird die Zwangsverwaltung vom Vervierser Gericht am 9. Mai 1929 aufgehoben, nachdem der Kaufakt von 1920 durch Kgl. Erlass vom 20 Februar 1929 bestätigt worden ist. Die Interkommunale des Wasserwerkes wird dann endlich am 5. September 1932 gegründet. Der Verwaltungsrat besteht aus den beiden Bürgermeistern sowie 3 Kelmiser und 2 Neu-Moresneter Delegierten des jeweiligen Gemeinderates. Nach den Gemeindefusionen von 1977 wird die Interkommunale durch eine Regie der neuen Gemeinde Kelmis ersetzt. Am Wasserwerk kann man die Wanderung unterbrechen und mit dem Streckenbus nach Kelmis zurückfahren, um später dann hier den Wanderweg wieder aufzunehmen.
82 An der Ostseite der Pumpstation führt ein Weg am Waldrand entlang. Nach wenigen Metern bemerkt man eine Wegegabelung. Der östliche Weg führt bergauf zum Preuswald und bildet seit dem 6. November 1922 die deutsch-belgische Grenze zwischen den Grenzsteinen 997 und 1003, ab welchem er auf belgischem Gebiet weiter in Richtung Vaals verläuft. Der Grenzverlauf wurde am 6. November 1922 in Aachen in einem Protokoll und beigefügtem Atlant durch die mit der Grenzregulierung beauftragte alliierte Kommission endgültig festgelegt. Dieser "Geusenweg" erhielt seinen alten Namen nach den meistens aus Eupen kommenden Protestanten, den "Geusen", die ihm folgten, um im seit dem "Partagetractaat" vom 26. Dezember 1661 holländischen Vaals die Predigt anzuhören und das Abendmahl zu feiern, was ihnen in Eupen bis’ 1783 verboten war. Ab der Wegegabelung ist vor einigen Jahren auf belgischer Seite ein kleines Villenviertel (mit 32 Hausnummern) gebaut worden. Neuerdings heißt dieses Viertel "Kauberg", nach einer etwas östlicher gelegenen Flur. Wir folgen nun der Landstraße in Richtung Bildchen weiter. Dieser Weiler gehört seit 1922 zur Stadt Aachen, davor aber 1816-1919 zur Gemeinde Preußisch Moresnet. Durch die oben erwähnte Festlegung der deutsch-belgischen Grenze im Jahre 1922 hat die Gemeinde Neu- Moresnet 110 ha, meistens Wald, einbüßen müssen. Im preußischen Urkataster von ca. 1830 werden die feuchten Wiesen an der rechten Straßenseite mit "Langenbenden" und "Kauberg" bezeichnet. Der Flurnamen "a je bilsche” mag wohl mit einem dort befindlichen Bild oder einer Figur in Beziehung stehen. Die im alten Landrecht enthaltene Grenzbeschreibung des Herzogtums Limburg erwähnt als Grenzzeichen "op te paroisse ant Sint Abelde" bzw. "sur la pareuse a l'image saincte Angisse". Im Preuswald steht also vor 1475 ein Bildstock mit einer Heiligenfigur, der als Grenzzeichen gilt. Nach der ältesten Karte des Aachener Reiches vom Maler Kornelis Janson Fries aus dem Jahre 1569 wird eine "Sannt Agathen Eich" vermerkt. Auf dem Plan der "Stadt- Aachenschen Waldungen" vom 25. April 1760 gilt die "S. Agata Eich" als Grenzzeichen des Aachener Reiches. Dies bestätigt auch die 1777 vom Aachener Berg- und Bauinspektor Copso gezeichnete Karte. Dort befinden sich damals ein zerbrochener Stein und ein neuer Stein mit Adler, dem Aachener Stadtwappen. Der Bildstock befand sich wohl ca. 1 km nordwestlich der Straße, so dass der Zusammenhang mit dem Namen des Weilers doch fraglich ist. In einer Grenzbeschreibung von 1431 wird dieser Bildstock noch nicht erwähnt. Dagegen wird hierin bestimmt
83 "onder die prouse aen den wech van Hargenrot dair ligt een steen, die 0ic een reyn is, dair die banck van Fulkerich keren soude" d. h. am Hergenrather Weg unterhalb des Preuswaldes befindet sich ein Grenzstein Limburg / Aachen, der ebenfalls Grenzstein der Bank Walhorn, wozu Hergenrath gehört, mit der Bank Völkerich (später Montzen genannt), in welcher Kelmis liegt, ist. Der Ortsnamen Bildchen könnte auch mit dem keltischen "bilio", Heiliger Baum, in Beziehung stehen. Ein solcher Baum könnte später durch das Agathabild christianisiert worden sein. Der Weiler Bildchen als solcher ist erst im 18 Jh. an der Wegegabelung der großen Pflasterstraße, der "pavei" und der Hergenrather Straße, früher Limburger Weg genannt, entstanden. Vor dem Bau der "pavei" 1750- 1760 war die Limburger Straße die wichtigste Verkehrsader im Gebiet: sie verband die beiden bedeutenden europäischen Bade- und Kurorte Aachen und Spa über Hergenrath, Lontzen, Baelen-Honthem und die Feste und Hauptstadt des Herzogtums Limburg. Viele prominente Gäste sind ihr im Laufe der Jahrhunderte gefolgt: Cosimo III. von Medicis, Herzog der Toskana, am 19. Juli 1669; Zar Peter I. im Juli 1717; Kaiser Joseph II. am 18. Juli 1781. Dagegen haben andere Prominente die neue Chauss6&e über Kapell und Herve eingeschlagen: Am 13. Juni 1791 die Generalstatthalter der österreichischen Niederlande, Erzherzogin Marie- Christine mit ihrem Gatten Herzog Albert von Sachsen-Teschen; am 8. April 1794 Kaiser Franz II., am 27. Juli 1804 Kaiserin Josephine, Napoleons 1. Gattin; am 2. September 1804 Kaiser Napoleon selbst mit seinem Stiefsohn Eugene de Beauharnais und Außenminister Charles- Maurice de Talleyrand-Perigord. Die Postkutsche Lüttich-Aachen folgt der neuen Landstraße erst ab 1785, davor wurde ein Landweg über s’ Gravenvuren benutzt. Ende September 1818 sind wohl die aus Paris kommenden Teilnehmer zum Aachener Monarchenkongress auch über Bildchen gezogen: Kaiser Franz I. von Österreich, Zar Alexander I. von Russland, König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, der Herzog von Wellington als Vertreter Englands... Von der Straßengabelung eingeklammert steht rechts ein langgestreckter Bau (ohne Nr.) aus Bruchsandsteinen. Am Türsturz der rechteckigen Einrahmung aus Blaustein ist in einem Rechteck eingeritzt "ANNO/17IHS 52/ I(3 Nägel) H". Über dem Türsturz ist noch eine kleine Heiligennische aus Blaustein mit den eingeritzten Buchstaben "L" und "H" auf der jeweiligen Seite. Das Haus ist von einem Johannes
84 SÜM SEN HE NN BANN EBEN A Me AN HT LE A za De an BE A WILL aD * n—— Das Haus Hermens N l \ Sin SP SE "Ye. 2 OWN uw EEE | / a h öl u“ a = a al 8 % Ba Diesen stattlichen Bau errichtete Notar Nic. Bounie 1764
85 Hermens 1752 gebaut worden. Dieser erscheint im Kelmiser Grundbuch von 1756: Johannes Hermens hat 1759 "gemeente boeven den meulen bemt ant bildgen" erworben, "alwaer hy nieuw syn huys heeft opgebauwen". Vor dem Montzener Notar C. M. Schever verpfändet er mit seiner Ehefrau Elisabeth Quoitbach am 24. September 1759 seinen Neubau. Er ist eines der 6 Kinder der Eheleute Claes Hermens und Ca- therine Smets "in den bouw", am Bau, wie aus einer anderen Urkunde desselben Notars vom 30. April 1765 hervorgeht. Im Jahre 1760 besitzt er schon 1550 Ruten = ca. 3,38 ha Grund, der mit 11 Stübern für die Grundsteuer veranschlagt ist. Er bleibt Besitzer dieses Gutes 1770 laut theresianischem (Nr. 2) sowie 1799 nach dem französischen Kataster (Nr. 3). Nach Letzterem wird er als Jean Hermens, "cabaretier", Schenkwirt, angegeben. Im Jahre 1770 besitzt er 1625 Ruten = 3,5416 ha Grund, der mit 151 Gulden bewertet wird. Zwischen 1770 und 1788 hat er ein zweites Haus gebaut, wahrscheinlich das gegenüber liegende. In der Aufstellung der Gewerbetreibenden aus dem Jahre 1782 wird das Haus des Jean Hermens als «Loger herbergh te voetz ende te peerd» (Herberge für Reisende zu Fuß und zu Pferd) mit 2 Gulden besteuert. Im Jahre V der Republik (1796-1797) wohnt hier der Landwirt Gerard Bree-Hermens, wohl ein Schwiegersohn des Vorgenannten. Von 1809 bis 1818 erscheint dieser als «aubergiste», Gastwirt, und das Haus zählt fünf Bewohner. Nach der Wegegabelung finden wir rechts ein größeres Haus (Nr. 585, früher 4) wieder aus Bruchsandsteinen mit den typischen Öffnungseinrahmungen aus Blaustein mit stichbogigem Sturz. Im theresianischen Kataster gibt Notar N. J. Bounie, Schöffe von Walhorn und Lontzen, an, er habe dieses Haus 1764 am "Hergenraeder Biltgen" gebaut, werde aber von der Gemeinde Kelmis besteuert, da angeblich ein Teil des Gebäudes sich auf Kelmiser Grund befindet. Nach einer Überprüfung der Lage beschließt dann die Aufsichtsbehörde, das Gut gehöre zu Hergenrath. Der Tüljebach bildet zwar die Grenze, aber sein Lauf ist im oberen Teil nicht gut erkennbar. Im französischen Kataster von 1799 (Nr. 2) wird dann das Haus unter Moresnet, nach Eingemeindung von Kelmis, aufgenommen: es gehört Nicolas Bounie, "ex-notaire"', 4 Kelmis. Der ehemalige Notar, der auch 1792 Bürgermeister von Hergenrath war, hat also in diesem Jahr 1799 seinen Wohnsitz hier. Er ist mit der Marie Catherine Caen verheiratet, eines der 6 Kinder des unten erwähnten Christian Caen. Auf der preußischen Urkatasterkarte von ca. 1830 wird nicht mehr der Oberlauf des Tüljebaches als
86 Gemeindegrenze Preußisch Moresnet / Hergenrath eingezeichnet, sondern der nördliche Rand der "Limburger Straße" auf einer Länge von ca. 300 m. Ein Grenzstein mit den Buchstaben "H 35", für Hergenrath, und "M 9", für Moresnet, steht noch heute am Straßenrand unweit der Aachener Kläranlage für den Weiler Bildchen. Dieser Grenzstein wurde wahrscheinlich seitens der preußischen Verwaltung bei der Überprüfung der Gemeindegrenzen aufgestellt. Im Adressbuch von 1902 wird kein Hergenrather Einwohner unter Bildchen aufgeführt. Das stattliche Haus hat auch als Gastwirtschaft gedient und ist vorübergehend als "Zum schwarzen Löffel" bezeichnet worden. Hinter dem Haus steht ein von der Romantik beeinflusster turmartiger Bau, der später als Villa Decker bezeichnet wird. Laut Bevölkerungsliste von 1894 ist der alleinige Bewohner dieser "herrschaftlichen Wohnung" Nr. 4a seit dem 18. April der aus Aachen kommende Rentner Carl Lingens, geboren am 1. Januar 1839. Er wird noch im Adressbuch von 1902 angegeben. Gegenüber dem ehemaligen Hause Hermens steht ein langgestreckter Bau, wahrscheinlich das zwischen 1770 und 1788 von Hermens gebaute zweite Haus. Die ehemaligen Stallungen aus Bruchsandsteinen mit zugemauertem früheren Scheunentor wurden abgebrochen und durch eine einfache Werkstatt ersetzt. Die Fassade des höheren Wohnhauses mit Mansardendach ( Nr. 586) ist verputzt. Laut den Einwohnerlisten des Jahres V (1796-1797) bzw. von 1813- 1817 wohnten hier die vierköpfige Landwirtsfamilie Nicolas Langohr- Bounie sowie die Familie Nicolas Langohr-Brandt mit 5 Personen. Gegenüber der früheren Gastwirtschaft "Zum schwarzen Löffel" befindet sich das ehemalige deutsche Zollamt (Nr. 584), das hier nach 1922 eingerichtet wurde. Es folgt daneben ein langgestreckter Bruchsandsteinbau in der traditionellen Bauweise. Der Türsturz trägt in einem rechteckigen Rahmen mit nach innen abgerundeten Ecken die Inschrift "IH S /C (Herz) K/MH / 1745" . Die früher anschließende Scheune mit zugemauertem Tor ist 1967 abgerissen worden, um einen Neubau (Nr. 578) zu errichten. Über dem Türsturz ist wieder eine kleine leere Heiligennische mit der Jahreszahl "1757" eingemauert. Der Bauherr Christian Caen hat am 4. April 1744 in Moresnet die Marie Hermens geheiratet. Hier werden Mitglieder zweier alter weit verzweigten Kelmiser Familien erwähnt. Im Kelmiser Grundbuch von 1756 wird gemeldet, dass Christiaen Caen "huys, hoff, coolhoff ...hercoemende van de ouders volgens deelinghe (van) 25 maart 1755" besitzt. Sein Vater Johannes Canen hat hier am 22. November 1736 "aen d’aeckerstraet in de kelmiser
87 heydt" auf Gemeindegrund gebaut, laut Eintragung im Gudungsbuch Nr. 1 der Kelmiser Schöffen. Er ist wohl der älteste Ansiedler am Ort und so weit nach Osten. "Jean Caenen vieux" erscheint auch 1743-1749 in den Lohnlisten des Altenberger Bergwerks als Bergmann und Waldarbeiter, der im Preuswald Reisigbündel für die Galmeiröstung besorgt oder als Fuhrmann sein Brot verdient. Wie seine Brüder Johannes und Gerard wird Christian Caen 1776 Pächter des herzoglichen Rottzehnten in der Pfarrei Moresnet mit Kelmis. Als Pacht hat er meistbietend 68 "&cus" = 163,2 Gulden Brabanter Währung angeboten. Aus dieser Pacht erhofft er sich natürlich einen Gewinn. Damals verdient ein Bergmann am Altenberg 0,4-0,5 Gulden täglich. Insgesamt besitzt Christiaen Caen 1756 1008 Ruten = ca. 2,2 ha Grund, der zu ca. 6 Stüber für die Grundsteuer veranlagt wird. Damit rangiert er an 37. Stelle unter den 81 Kelmiser Grundeigentümern. La 5 vr I „A. FR g = A ZZ A "-. #7 Yan = BA Be IM Türsturz mit Heiligennische am Hause Caen auf Bildchen Laut Urkunde des Montzener Notars M. Schever vom 26. Januar 1757 ist er "fermier de la barriere du bois d’Aix", d. h. Eintreiber des Wegegeldes der neuen Pflasterstraße am Aachener Wald, wohl an der Landesgrenze. Dafür muss er über genügend Geld verfügen, um eine Bürgschaft stellen zu können.
88 Bis 1769 hat er sein Gut auf 1533,5 Ruten = ca. 3,34 ha erweitert, die mit ca.10 Stüber für die Grundsteuer veranschlagt werden. In den Lohnlisten des Altenberges erscheint er nur als Fuhrmann. Das umliegende Gelände seines Gutes ist sumpfig und wird durch den "gontefsbaegh", einen kleinen Nebenfluss des Tüljebaches, durchflossen. Dieses Bächlein fließt aus der Quelle, die 1909 durch das Wasserwerk angezapft wurde. Im theresianischen Kataster von 1770-1774 (Nr. 1) wird mitgeteilt, dass die Hausweide des Christiaen Caen, die sich zwischen der Landstraße und dem Wald befindet, ein ca. 95 Ruten großes Grundstück (ca. 2070 m*®) enthält, das als "galgenpley of gerichtsplaets" der Herrschaft Kelmis dient. Insgesamt besitzt er 1534 Ruten = 3,3433 ha Grund, der zu 133 Gulden bewertet wird. . Im Jahre 1784 wird die Erbschaft Caen-Hermens aufgeteilt. Vor dem Montzener Notar C. M. Schever übertragen die Eheleute Jean L&onard Brech und Marie Gertrud Caen ihr Sechstel der Güter «aen’t Bilgen unter Kelmis» dem Ehepaar Nicolas Bounie-Marie Catherine Caen gegen 1500 Maastrichter Gulden. Das gesamte Gut wurde demzufolge auf 9000 Gulden geschätzt. In der Aufstellung der Gewerbetreibenden aus dem Jahre 1782 werden drei "Loger herbergh te voetz ende te peerd" (Herbergen für Reisende zu Fuß und zu Pferd), die jeweils 2 Gulden Gemeindesteuer zu entrichten haben, am Bildchen angegeben: Joannes Hermens, Christian Speck und Jan Lecour. Die beiden Letzteren sind wohl Pächter. Dass sich am Bidchen nun drei Gasthöfe befinden, zeigt die Bedeutung des Verkehrs auf der neuen «Pflasterstraße». Etwa 30 Jahre später, 1813, wird nur noch der oben erwähnte Gerard Bree-Hermens als «cabare- tier», Schenkwirt, am Bildchen genannt. Laut Einwohnerliste des Jahres V der Republik (1796-1797) ist das Haus Nr. 2 vom Landwirten Chretien Caen-Houben bewohnt. Dieser ist wahrscheinlich ein Sohn des schon erwähnten Ehepaares Christan Caen- Marie Hermens. Im französischen Kataster von 1799 (Nr. 1) wird Chre- tien Caen als "cabaretier", Schenkwirt, angegeben. Auf einer Karte der Gemeinde "Hergenraed" aus dem Jahre 1808 wird der Ort "le Bilgen" genannt. In den Jahren 1796-1817 werden in Bildchen 3 Häuser (Nr. 2-4) mit insgesamt 16-18 Einwohnern angegeben. Nach Statistiken des Regierungsbezirkes Aachen werden im Gehöft Bildchen 1825 22 Einwohner, 1848 6 Häuser mit 57 Bewohnern, 1858 6 Häuser mit 50 Bewohnern gezählt. Laut Einwohnerverzeichnis von 1894 bestehen in Bildchen 7 Häuser, wo 43 Personen wohnen: 2 Landwirte, 1
89 Gastwirt, 1 Rentner, 2 Eisenbahnangestellte. Im Adressbuch des Kreises Eupen vom Jahre 1902 werden 7 Hausnummern angegeben, ein Haus ist unbewohnt. Es wohnen hier u. a. drei Landwirte, zwei Gastwirte und ein Rentner. Sofort hinter dem Weiler befindet sich nördlich der Landstraße das seit dem 17. August 1988 gekennzeichnete deutsche Naturschutzgebiet Bildchen (N 4), das sich von der Straße bis zum alten Bahndamm erstreckt. "Die Schutzausweisung erfolgte zur Erhaltung und Förderung einer seltenen Quellflurgesellschaft, im besondern mit Moorglöckchen und Bachquellenkraut und einer hohen Arten- und Individuenzahl der Insekten, zur Förderung der Feuchtwiesengesellschaften durch Mahd und zur Erhaltung des naturnahen Laubwaldes. In diesem Bereich ist jegliche Düngung untersagt, die Beweidung und Wiederaufforstung mit Nadelholz verboten und die Durchführung von Gesellschaftsjagden untersagt." Das Naturschutzgebiet wird ferner im Rahmen des Landschaftsplanes von 1988 durch Landschaftsbiotopen ergänzt. LB 35 entspricht "einem Wiesen- und Waldgelände mit Feuchtbiotop nördlich des Naturschutzgebietes, in welchem nach Nutzung der Fichten eine Wiederaufforstung mit Laubholz voraussichtlich erst in 10-20 Jahren (nach 1988) erfolgen soll. Diese Schutzausweisung erfolgt zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes im Zusammenhang mit dem unmittelbar angrenzenden Naturschutzgebiet. In diesem Feuchtbiotop ist die Anwendung von Stickstoffdünger untersagt." Unter der Landstraße sind auch Durchgänge für Frösche angelegt worden. Auf der anderen südöstlichen Straßenseite erstreckt sich ebenfalls ein Landschaftsbiotop (LB 48). Hier "erfolgt die Schutzanweisung zur Erhaltung des Feuchtgebietes mit artenreicher Fauna und Flora. Jegliche Düngung sowie die Anwendung von Pflanzenbehandlungs- einschließlich Schädlings- bekämpfungsmitteln sind untersagt. Ferner ist diese Fläche extensiv zu beweiden und eine Verbuschung ist zu verhindern." Insgesamt beträgt die Fläche des Schutzgebietes der Stadt Aachen bei Bildchen 6 ha Feuchtbereich und Laubwald. In der Franzosenzeit wird bei Bildchen eine ziemlich bedeutende Abänderung der Departementgrenzen vorgenommen. Durch kaiserliches Dekret vom 23 Pluviöse des Jahres XIII (12. Februar 1805) wird die Gemeindegrenze zwischen "Hergenraed" (Ourtedepartement) und der Stadt Aachen (Roerdepartement) so verlegt, dass der ca. 787 ha große Aachener Stadtwald genannt "Ryckswalt" nun zum Roerdepartement geschlagen wird. Bei der Teilung des alten Reichswaldes zwischen der
90 Reichsstadt Aachen und den limburgischen Gemeinden in den Jahren 1611-1615 war diese Waldpartie Aachen wohl als Eigentum gesichert worden, blieb aber weiter unter limburgischer Landeshoheit. Die Stadt ließ ihren Wald durch einen Graben abgrenzen, den sie dann als Landgraben beanspruchen wollte. Es wurden auch Grenzsteine mit dem Aachener Stadtadler aufgestellt. Ein solcher wiederaufgefundener Adlerstein ist später als Erinnerung beim Waldcafe Braun wieder aufgestellt worden. Wegen der Hoheit über diesen Grenzwald kam es im 18. Jahrhundert zu langjährigen Streitigkeiten zwischen Aachen und Limburg. Die Waldpartie wird 1770 vom «Stadt-Aachischen Berg- und Bau Inspector» Heinrich Copso als Teil des Aachener Reiches, vom General Graf Jo-- seph de Ferraris jedoch zwischen 1771 und 1778 als limburgisches Gebiet kartiert. Bei der Abtretung des Kreises Eupen an Belgien 1919-1920 bleibt dieser Waldstreifen unerwähnt, da seit 1805 im Stadtkreis Aachen liegend. Nach 1920 sind östlich vom alten Weiler mehrere Häuser von der deutschen Zollverwaltung für ihr Personal gebaut worden und später hat sich die Siedlung dann bedeutend ausgedehnt. Dazu gehören auch die 1936 vom Reichsbund der Kinderreichen gebauten 21 Einfamilienhäuser. Etwa 250 m östlich von der Wegegabelung Bildchen, hinter der Tankstelle und einer Nadelholzanpflanzung und vor dem Neubau Nr. 569, führt rechts ein Weg zum Gut Breitenstein. Durch die Neubauten ist es von der Landstraße nicht mehr sichtbar. Die Bezeichnung ist wohl mit dem alten Grenzstein unterhalb der "Prouse" in Beziehung zu bringen. Dort verhört eine Delegation des Souveränen Rates von Brabant am 17. Mai 1536 mehrere Zeugen wegen Grenzstreitigkeiten mit Aachen. Im Jahre 1647 wird der Pachthof vom Aachener Apotheker Abraham Hanff an den Weinhändler Heydtgens veräußert. Das Gut erscheint auf der Karte der Aachener Waldungen von 1760 und ist wohl nach der Teilung des gemeinsamen Aachener-Limburgischen Reichswaldes angelegt worden. Aus dem Gelände um den Breitenstein fließen mehrere Rinnsale, die den Tüljebach nähren. Die Quellenlinie markiert die Ablagerungsgrenze des Aachener Sandes auf den Hergenrather Tonschichten. Auch hier befindet sich seit 1988 ein geschütztes Landschaftsbiotop (LB 118). "Die Schutzausweisung des Feucht- und Waldgeländes Breitenstein erfolgte zur Erhaltung des Feuchtgeländes und einer standortgerechten Bestockung, so dass Wiederaufforstung mit Nadelholz verboten ist."
91 Die Gebäude sind im Laufe der Zeit mehrmals umgebaut worden. Die beiden Untergeschosse mit ihren durch Keilsteine akzentuierten Stichbogenfenstern entsprechen der typischen Bauweise des 18. Jh. Darüber wurde im frühen 19. Jh. eine große Sommerwohnung mit 5 großen, hohen, rechteckigen Fenstern und flachgeneigtem Walmdach aufgebaut. Der Bauernhof wurde nach dem Kriege aufgegeben und zerfiel immer mehr, bis 1971 die Eheleute Willinek das Gut erwarben und es bei Erhaltung des äußeren Aussehens innerlich vollständig sanierten. Heute ist das Hauptgebäude hellrot verputzt. Interessant für Kelmis ist, dass dieses Landgut in der Aachener Heide 1876-1883 dem ehemaligen Oberingenieur der "Vieille Montagne" Max Braun gehörte. Dieser beantragt am 12. August 1876 die Erlaubnis, auf seinem Gut Breitenstein unter Benutzung der Quellen des Tüljebaches eine Turbine einzurichten. Die Nachbarn Gerard Bree, Lingens und Bruch erheben Einspruch. Da der erkrankte Braun kurz danach in Kur nach Italien verreist, wird das Projekt nicht mehr erwähnt. Etwa 625 m von der Wegegabelung Bildchen führt die Lütticher Straße unter eine Eisenbahnbrücke. Diese Bahnstrecke wurde 1915-1917 angelegt, um eine Verbindung von Aachen Hauptbahnhof über Ronheide zur neuen Eisenbahnlinie Aachen-West nach Montzen, Vise und Antwerpen zu schaffen. Diese Verbindungsstrecke wurde nach dem 2. Weltkrieg abgebaut. Nach dem Ersten Weltkrieg erwog die deutsche Eisenbahn, bei Bildchen einen neuen Grenzbahnhof zum Ersatz des belgisch gewordenen Herbesthal zu errichten. Wegen dieses Vorhabens wurde übrigens Bildchen mit 110 ha (meistens Wald) von Neu-Moresnet und 50 ha Wiesen von Hergenrath im Jahre 1922 an Deutschland rückgegliedert. Das Vorhaben Grenzbahnhof wurde aber in den Wirtschaftskrisenjahren aufgegeben. Kurz vor der Eisenbahnbrücke, gegenüber der Tankstelle, verlief nach Nordwesten im Wald und zuerst an einem sumpfigen Gelände entlang ein kleiner Pfad, der der Grenze von Gemeinde-Preuswald und Königlichem Preusforst folgt. Entlang des Pfades können wir bis oberhalb Gemmenich die Grenzsteine mit Burgunderkreuz entdecken, die ich anderswo beschrieben habe ("Im Göhltal", Nr. 22, S. 5-15). Die ältesten sind 1615 nach der Aufteilung der Preuse aufgestellt worden. Eine Erneuerung der Grenzsteine fand 1723-1724 statt. Der "Preuse-Stein" 1 stand wohl an der Landstraße selbst, ist aber im Laufe der Zeit verschwunden.
92 Östlich der Eisenbahnbrücke befinden sich am nördlichen Straßenrand die schon erwähnten 21 Einfamilienhäuser, die dort 1936 vom Reichsbund der Kinderreichen errichtet wurden. Dazwischen erreicht man eine Ampelanlage am Eingang zur großen Aachener Wohnsiedlung Preuswald, die nördlich der Landstraße nach einem Beschluss der Stadt Aachen von 1967 angelegt worden ist. Im Jahre 1973 zählte die Siedlung schon ca. 3000 Einwohner. Entlang der Landstraße befinden sich weitere teils umgebaute Häuser der Zwischenkriegszeit. Zur alten Herrschaft und Gemeinde Kelmis gehörte noch ein Forsthaus, weiter auf Aachen zu, wo der Förster des Domanialwaldes "Preuse", des sogenannten Königswaldes, wohnte. Als Staatsgut wird dieses Haus weder 1770 noch 1799 ins Kataster aufgenommen. Es: erscheint wohl auf der Ferrariskarte (1771-1778) an der linken Seite der Straße im Preuswald unweit der Grenze gegen Aachen. Die beiden ersten Förster des «königlichen» Preuswaldes werden am 16. bzw. 18. März 1617 vom Brüsseler Finanzrat ernannt: Jan Kerff aus Gemmenich und Lambert Pelser aus «Hergenraede». Ob diese Förster schon in einem von der Forstverwaltung zur Verfügung gestellten Gebäude wohnten, ist nicht erwähnt. Am 15. Germinal des Jahres V (4. April 1797) meldet der «agent municipal» (Gemeindevertreter) von Moresnet und Kelmis, der «National»-Preuswald sei in gutem Zustand und werde von den alten Förstern Winand Pauli, Vater, seit 30 Jahren, Jean Aldenhoven seit 15 Jahren und Winand Pauli, Sohn, als Gehilfe seit 10 1/2 Jahren bewacht. Eine Aufstellung der Häuser aus dem Jahre 1813 nennt es "Maison fo- restiere imperiale de Preus". Der Förster Winand Nicolas Pauly-Kerffs wohnt hier 1808-1811 in dem Haus, das die Nr. 1 trägt. Thisquen ist sein Nachfolger 1817. Im November 1821 muss das Dach neu gedeckt werden. In Statistiken des Regierungsbezirkes Aachen wird der Hof Försterhaus Preus 1827 und 1848 mit 5 und 1858 mit 3 Bewohnern aufgeführt. In der Einwohnerliste von 1894 wird vermerkt, das Haus Nr. 1 sei abgebrochen worden. Es trägt merkwürdigerweise den Namen "Trompete", der vielleicht daher rührt, dass der Postillon der vorbeifahrenden Postkutsche hier ins Horn blies. Beim Forsthaus gibt die Ferrariskarte "Barriere du bois d'Aix" an. Um ihre Kosten beim Bau der Chaussee zu decken, hatten die limburgischen Stände die Erlaubnis erhalten, Wegegeld zu kassieren. Deswegen haben sie an verschiedenen Stellen, wie hier an der Aachener Grenze oberhalb Bildchen, eine Wegeschranke, " e barer"', eingerichtet. Nach einer Urkunde des Montzener Notars C. M. Schever soll Christiaen
93 Caen schon am 26. Januar 1757 Pächter der "barriere du bois d'Aix" sein. Im Jahre 1782 vergeben die limburgischen Stände dem Henry Franck die Pacht des Wegegeldes für drei Jahre auf der gesamten Chaussee von Herve bis zum Aachener Wald. Für das Haus am Aachener Wald hat er 107 Gulden Miete jährlich zu zahlen. Der Pächter Deville klagt am 24. Vendemiaire des Jahres IV (16. Okt. 1795), dass er beim Einzug der Franzosen im September 1794 geplündert worden sei. Um sich eine Wohnung zu sichern, sah er sich gezwungen, den Pachtvertrag zu erneuern, obschon, wie er sagt, der Handel kaum etwas einbringt und die Kohleeinfuhr aus Herzogenrath verboten ist. Das Eintreiben des Wegegeldes wird jeweils nur für ein Jahr verpachtet. Kurz darauf wird ein Nicolas Langoohr als Wegegeldpächter gemeldet, der im Juli 1796 das Haus ganz instand setzt. Am 3. Fructidor des Jahres VI (20. August 1798) klagt die Walhorner Kantonalverwaltung, dass sich kein Interessent als Pächter melde. Erst am 7. Messidor des Jahres VII (25. Juni 1799) wird das Eintreiben von Passiergebühren von fünf Schlagbäumen in Lüttich ausgeschrieben. Am 3. Fructidor des Jahres VII (20. August 1799), um 22 Uhr, steht das Gebäude in Brand. Der Wegegeldpächter Joseph Daudelet vermutet Brandstiftung seitens eines Nachbarn, des Gastwirts Nicolas Lengaux (Langohr?), der ihm mehrmals gedroht und die angeschlagene Gebührenaufstellung beschädigt habe. Laut Gendarmerieprotokoll vom 23. Flor&al des Jahres IX (13. Mai 1801) weiß der Wegegeldeinnnehmer sehr wohl, wie das Geld mit Drohungen einzukassieren ist: Bei einer Haussuchung wurden bei ihm zwei Gewehre, ein Karabiner, ein Husarensäbel und drei Pistolen entdeckt. Er geht oft mit Aachenern auf die Jagd und ist der Hilfe von zwei starken Brüdern seiner Frau sicher... Am 2. Fructidor des Jahres IX (20. August 1801) wird das Eintreiben des Wegegeldes dem Maximilien Joseph Bougnie aus Bildchen vom Präfekten gegen eine Pacht von 4.500 Francs ab dem 1. Germinal des Jahres X (22. März 1802) zugeschlagen. Dieser «Bougnie» ist ein Sohn des ehemaligen Notars Nicolas Joseph Bounie, des Eigentümers der Hergenrather Lohmühle. Er erhält die Erlaubnis, die Wegegeldstelle etwa 594 m nach Westen, zu seinem Haus am Bildchen, zu verlegen. Diese Lage ist günstiger für den Verkehr und sicherer zur Aufbewahrung der Kasse. Am 1. Fructidor des Jahres X (19. August 1802) bietet Bounie die Erneuerung des Pachtvertrages an, aber diesmal gegen Zahlung von 6.210 Francs. Da andere Interessenten mehr bieten, und zwar bis 8.050 Francs,
94 muss die Ausschreibung laut Konsularbeschluss vom 10. Fructidor (28. August 1802) erneuert werden. Am 20. Thermidor des Jahres XI (18. August 1803) bietet der vorjährige Pächter, der Lütticher Louis Libert, 6.520 Francs. Am 22. September 1808 lässt der Moresneter Bürgermeister im Auftrag des Eupener Zolleinnehmers Bastin das Mobilar der Wegegeldstelle verkaufen. Pierre Joseph Daudelet ersteht für 9,75 Francs zuzüglich 2,50 Francs Gebühren den hölzernen Schlagbaum, einen alten Schreibtisch und zwei hölzerne Stühle. Offensichtlich wird die Wegegeldhebestelle aufgegeben. 1805-1806 wohnt der frühere Wegegeldeinnehmer Pierre Joseph Daudelet noch im Försterhaus. Hier muss sich auch das «bureau de Calmine» der limburgischen Zollverwaltung befunden haben, wo die Zollgebühren auf Ein- und Ausfuhren, die so genannten droits d’entree et de sortie zu entrichten waren. Im Rechnungsjahre 1784-1785 versahen die Zollaufseher (gar- des) Du Bois, Dozin und Sauvage den Dienst an der Zollstelle («poste de La Calmine»). Diese kleine Zollstelle unterstand dem «Bureau d’Aix», wo der Zollempfänger Delplanck wohnte, der vom Hauptbüro in Herve abhing. Am 16. Flor&al des Jahres III (5. Mai 1795) vernehmen wir, dass die von den Franzosen im Oktober 1794 eingesetzte Generalverwaltung von Limburg den früheren «brigadier» Brassart als Zolleinnehmer eingesetzt hat. Dieser wird aber kurz danach durch den ehemaligen pensionierten Einnehmer, den «citoyen» Yppersiet, ersetzt, der am 18. Mai klagt, dass er vor zwei Jahren, d. h. 1792, zweimal von den österreichischen Feldtruppen ausgeplündert worden sei. Diese Ereignisse sind wohl mit dem Durchmarsch der Österreicher nach den Niederlanden im Januar 1792 (150 Dragoner durch Aachen am 7. Januar), im November 1792 (kaiserliche Husaren durch Aachen am 16. November) oder mit dem Rückzug der geschlagenen kaiserlichen Armee vor den siegreichen französischen Revolutionstruppen im November-Dezember 1792 in Verbindung zu bringen. Yppersiet beantragt nun seine Wiedereinstellung als «garde s&dentaire», dort wohnhafter Einnehmer, gegen freie Benutzung eines Hauses, da er eine Rente von nur 60 Pfund monatlich beziehe. Er vermerkt, dass augenblicklich eine von zwei Aufseherstellen von einem Mann namens Gloner besetzt sei. Dieser Gloner teilt der Arrondissementverwaltung von Limburg am 15. Messidor (3. Juli 1795) mit, dass der Aufseher Dubois seine Stelle seit vier Monaten verlassen habe und im benachbarten Wirtshaus wohne. Er habe sich geweigert,
95 immer wertloser werdende Assignate der Republik als Gehaltszahlung anzunehmen und dabei erklärt, er erwarte die Rückkehr der Kaiserlichen, d. h. der Österreicher. Unter den damaligen Zollbeamten bestehen also Meinungsverschiedenheiten bzgl. der gegenüber den neuen Machthabern einzunehmenden Haltung. Nach der Einverleibung des Rheinlandes in die Französische Republik Anfang 1798 wird die Zollstelle an der ehemaligen Aachener Grenze aufgehoben. Auffallend ist auch, dass die neue Chaussee zuerst nur bis dort ausgebaut worden ist. Obschon die Reichsstadt Aachen den limburgischen Ständen am 12. Oktober 1750 versprochen hatte, ihren Teil des "neuwen Steinweg" zur gleichen Zeit wie die Limburger zu vollenden, kam es zu bedeutenden Verzögerungen. Ein Zuschlag der Bauarbeiten vom Jakobstor bis zur limburgischen Grenze wurde zwar von der Reichsstadt Ende 1791 erteilt, aber wegen der bald eintretenden Kriegswirren kam es nicht mehr zu deren Durchführung. Im Jahre 1797 endlich beschäftigen die Aachener ca. 500 Arbeitslose, um " den Lütticher Weg von Jakobs-Thor bis auf die belgische Grenze ganz neu zu machen". In diesem Zitat fällt die Bezeichnung "belgische Grenze" für die altlimburgische besonders auf! Um 1965 wurde der auf 300 m Höhe befindliche «Pass», worüber die Landstraße die Kammhöhe des Aachener Waldes passiert, um ca. 10 m abgesenkt, um das Gefälle der beiderseitigen Steilstrecken wesentlich zu mildern. Oben am Pass, auf alt-Aachener Seite, steht ein großer Meilenstein mit preußischem Adler und der Angabe X MEILEN. Er wurde zwischen 1836 und 1840 von der preußischen Straßenverwaltung aufgestellt und gibt die Entfernung von Köln in preußischen Meilen zu 7532,5 m an, also 75,325 km. Der nächste (und letzte) Meilenstein nach Westen befindet sich in der Gemeinde Lontzen unweit vom Moresneter Weg. Es sei auch daran erinnert, dass ein 190 ha großes Gebiet um Bildchen vom 23. April 1949 bis zum 28. August 1958 provisorisch unter belgischer Verwaltung gestanden hat; an deren Spitze stand Generalmajor Bolle. (Forts. folgt)
96 Die Grenze zwischen Limburg und Kornelimünster von Heinrich von Schwartzenberg Nachdem im Göhltal-Heft Nr. 62 von Februar 1998 über die Aachen/ Limburger Grenze berichtet worden ist, soll im nachfolgenden Aufsatz die Grenze zwischen dem Herzogtum Limburg und der Reichsabtei Kornelimünster beschrieben werden. Aus der Abstammung der Herzöge von Niederlothringen erscheinen um 1100 die Herzöge von Limburg, die sich fortan ein größeres Herzog-" tum aufbauten, zu dem auch die Bank (Verwaltungs-und Gerichtsbezirk) Walhorn gehörte (1). Diese Bank Walhorn stieß mit ihrer Ostseite an das Gebiet der Reichs- abtei Kornelimünster. Die Gründung dieses Klosters, zunächst nach dem gleichnamigen Fluß Inda genannt, geschah im Jahre 814 durch Ludwig den Frommen (2). Nach der Tradition soll die Schenkung Ludwigs des Frommen bereits den ganzen Umfang des späteren Münsterländchens (außer Gressenich und Eilendorf) gehabt haben. Sie soll alles Land aus dem Königsgut umfaßt haben, das im Umkreis von einer Stunde um die Abtei herum lag S (3). Ohne Gressenich und Eilendorf hatte das Münsterländchen eine Ausdehnung von ca. 10 km in ostwestlicher und 8 km in nord-südlicher Richtung und «zwischen den Quellgebieten von Inde und Vicht schloß sich noch ein 2 1/2 km breiter und 4 km langer Waldstreifen an» (4). Das kleine Ländchen wurde 1802 in der Franzosenzeit aufgelöst und in französische bzw. 1815 in preußische Gemeinden aufgeteilt. Jean de Walque (in einer Studie «Entre Vesdre et Vicht» in Hautes Fagnes, 1969/ 2 und 3) ist davon überzeugt, dass die Grenzen des Münsterländchens bereits bei der Gründung im Jahre 814 festgelegt worden seien und dass der heute noch bestehende «Genagelte Stein» der südlichste Punkt des Münsterländchens gewesen sei. Ferner vermutet er, dass dieser Stein mit dem in alten Dokumenten erwähnten «Hunnenstein» (vermutlich eine heidnische Kultstätte) identisch sei (5). Über den Verlauf der Grenzen unterrichtet uns eine Karte von 1646 (s. Karte 1) aus dem früheren abteilichen Archiv (6). In der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 3/1881 sind die Grenzen nach dieser Karte beschrieben worden (7). Die Grenzen wurden danach vielfach von
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98 Flüssen oder Bächen gebildet. Wo dies nicht der Fall war, bestimmten markante Bäume, Pfähle oder Steine die Grenzen, wobei Natursteine mit eisernen Nägeln versehen wurden (Genagelter Stein) und behauene Steine meistens das Korneliushorn trugen. Es fällt auf, dass weder an der Aachen/Limburger noch an der Kornelimünster/Limburger Seite Steine mit einem Limburger Emblem bekannt sind, wenn man einmal von den «Burgundersteinen» an der Königswaldgrenze absieht. Wie kam es zum Korneliushorn? Etwa um 875 gab die Abtei Teile des ihr gehörenden Grabtuches Christi an die durch Karl den Kahlen erbaute Pfalzkirche zu Compi&gne in Frankreich und erhielt dafür im Tausch Reliquien der Heiligen Kornelius und Cyprianus. Der Hl. Kornelius wurde Schutzpatron des Hornviehs und mit einem Horn dargestellt. Der Name der Abtei wandelte sich etwa 1028 von Inda in Kornelimünster. Das Korneliushorn (ein Trinkreliquiar aus einem Büffelhorn) wurde zum Hoheitszeichen der Abtei, das später auf Grenzsteinen eingemeißelt wurde (8). Am besten lernt man die Grenzen durch die Protokolle der regelmäßig stattfindenden Grenzbegehungen oder Grenzritte kennen. In einer Urkunde König Sigismunds vom 19. Oktober 1423 wird der Grenzverlauf der Hochbank Walhon als von «aldersher» bestehend er- wähnt. Diese Urkunde nimmt wahrscheinlich Bezug auf eine ältere Urkunde von um 1391 (9). Erste Nachrichten über die abteiliche Grenze in Eilendorf liegen aus dem Jahr 1439 vor (10). In den «Verhandlungen zur Festlegung der Grenze zwischen dem Limburger Land und dem Aachener Reich» vom 12. August 1431 wird auf die Kornelimünster/Limburger Grenze hingewiesen: «... zu wissen, als man kommt von Eynatten über den Dachsberg und nach Münster geht, da liegt ein Stein, der scheidet das Land von Limburg und das Land von Münster, und heißt «Ofenstein», von dort zum Hof von Hebscheid...» (11). Ein Protokoll über einen Grenzritt von Limburger Seite liegt aus dem Jahre 1710 in brabantischer Sprache vor. Eine Übersetzung desselben wurde zuerst in der Eupener Zeitung vom 3. Mai 1879 veröffentlicht (12). Nachfolgend ein Ausschnitt, der die Kornelimünster/Limburger Grenze betrifft: «-von dort bis auf den dürren Baum an der Ecke des Burtscheider Busches- von dort auf den Schornstein der Tore zu Hebscheid- von dort
99 bis auf des Backofens Stein- von dort bis auf den genagelten Stein an die Avantüre- von da an den Erv von Brandenburg vorbei, bis wo der Oirsbach in die Iter fällt- von da bis an den Gifferhorn-von da bis an des Herren Baum- von da bis an den Bäkenberg- von da bis an die Inde am Münsterbusch- die Inde hinauf bis an die Ecke der Hecke- von da die Hecke hinauf bis an das Birnbäumchen- von da bis zu einem Stein mit Nägeln, liegt im Been- von da bis auf Dreyerscheydt, genannt Nachtsborn, unten in dem Bempt- von da bis an die Furt in der Weser...» Der zuerst genannte «Dürrenbaum» war zeitweise ein Vierländerpunkt, denn hier kamen zusammen: 1. das Aachener Reich, 2. die Reichsabtei Burtscheid, 3. das Herzogtum Jülich (Herrschaft Schönforst), 4. das Herzogtum Limburg (Bank Walhorn). Das kurze Stück vom Dürrenbaum bis zum Hebscheider Hof bildete die Grenze zwischen Limburg und der Jülicher Herrschaft Schönforst. ok Im folgenden Abschnitt soll die Grenze zwischen Limburg und Kornelimünster von Norden nach Süden nach den heutigen Gegebenheiten beschrieben werden (s. auch Karte 2): Vom markanten Grenzpunkt Hebscheider Hof führte die Grenze in südöstlicher Richtung über den Scheidweg, der im vorderen Teil auch heute noch Scheidstraße heißt, an Lichtenbusch vorbei zur heutigen Monschauer Straße. Sie folgte nun (an Wasserwerk und Eisenhütte vor- bei) in etwa der heutigen Monschauer Straße bis dort, wo der Orsbach in die Iter fließt. Die Grenze verlief nun über die heutigen Straßen Bergfeld und Frennetstraße (an Kirche und Friedhof von Schmithof vorbei) durch die Gracht bis zur Inde (13). Dort machte die Grenze einen scharfen Knick und folgte der Inde in südwestlicher Richtung bis zur heutigen belgisch-deutschen Landesgrenze. Entlang der heutigen Landesgrenze führte sie zum Grenzstein «BEIRBUM» und weiter zum. «Genagelten Stein» und von dort zeitweise zum «Nächtsborn» in der Nähe der Roetgener Kirche. Diese Grenze teilte also bis zur Auflösung der Abtei im Jahre 1802 die Gebiete der Bank Walhorn und der Abtei Kornelimünster. Zwischen 1802 und 1814 war sie Grenze zwischen den französischen Departements Ourthe und Roer und von 1815 bis 1920 trennte sie die preußischen Kreise
Abrna ro N od f HS fe Zn AACHENER FORST, / X KORNELIMÜNSTER A WALD S A SC ln & A EL D S & aan fS Nee Sea VA 7 “ zZ / MM BU — 4 ADachS en £ Aern N AU x X u — Lächten- X 2 a. A 8 dusch A 9 N WALHEIM ® % 5 VdS A 7 % Ze <q JR A / X AST Zac a — zZ % AV Lu AUS Sa, 1 ’ ee GC X / D 60 N Schmit. EYNATTEN BEN Thor / SPS Ne “ % ‚Sieß, [FD PIE Ce A @29 ZZ $ = A rs / /, Ef Mücken Aal E C va as WISE, druch SE AELS ED AO > > BA Se 7 ES 5 Fe zZ Q ® Zen Ale —” E RAEREN AN oO - Re 4 44 > B/D 902 A\=s bus) „ 42 143) An \ 0 = Dürrenbaum Ne % SE Anl 1 = Hebscheider Hof Al HN $ 2 = Backofensstein \ "45.0 DD \ 3 = Genagelter Stein an die Avantüre Zn Um Ze 4 = Zusammenfluß von Iter u. Orsbach A A CS 5 = Gifferhorn if ZEN ROETGEN 6 = Pfahl am Hundigsfeld y % \ ge‘ an 7 = Frennet \ 8 = Pfahl an Priors Erben CE rn 9 = Mückerweg 10 = Inde 11 = An der Rehheggen XXAKKAAAKA = heutige Landesgrenze 12 = Aacher Hau 0000000 = Grenze zwischen Limburg 13 = Pfahl mit eisernen Nägeln beschlagen u. Kornelimünster — = Straß 14 = Pfahl am Bierbäumgen SR 15 = Pfahl mit eisernen naegeln so drey AAN | Bäche: heren Lande scheidet als Münster, ar On Am inf) 9 Binguhelttan Monjoyer und Limburger Lande 16 = Nachtsborn und ein Pfahl dabei darauf St. Cornelyhorn und die Jahrzahl 1607 KARTE 2
101 Eupen und Aachen. Ab 1920 sollte sie die Landesgrenze zwischen Belgien und Deutschland werden. Das geschah jedoch nur teilweise, weil Aachen und damit auch Deutschland 1921 einen Gebietsstreifen von Eynatten- Lichtenbusch und Raeren-Sief zugesprochen bekamen. Das Gebiet kam zur Stadt Aachen, weil sich zwischen Lichtenbusch und Sief ein Aachener Wasserwerk befand und noch befindet. Diese Maßnahme hatte gleichzeitig eine Grenzbegradigung an dieser Stelle zur Folge. Nachfolgend wird auf die Grenzpunkte eingegangen, die in der Karte von 1646 bzw. in den Grenzprotokollen genannt werden: 1. Hebscheider Hof Grenzpunkt zwischen Limburg, Jülich und Kornelimünster, der u. a. 1391, 1423, 1431, 1646 und 1710 genannt wird. Ein undatiertes Schöffenweistum, das um das Jahr 1391 geschrieben sein könnte, erwähnt bereits bei einer Grenzbeschreibung den Schorn- stein des Hofs zu Hebscheid als Grenzpunkt. Es wird in der Urkunde ausdrücklich erwähnt, dass es sich nicht um eine neue Grenzziehung handelt, sondern dass die alte Grenze hier erneut aufgeschrieben wurde. Auch in der Urkunde von König Sigismund vom 19. Oktober 1423 wird der Grenzpunkt Hebscheider Hof als von «aldersher» bestehend erwähnt. In dem Protokoll vom 12. August 1431 steht sinngemäß geschrieben: «....von dort zum Hebscheider Hof, und zwar zum Schornstein einer neuen Pforte, weil das alte Haus mit dem Schornstein, der früher Grenzpunkt war, abgebrannt ist ....» Eine weitere Erwähnung erfolgte im Grenzrittprotokoll von 1710. Der Hebscheider Hof ist heute noch vorhanden (Grüne Eiche 45), s. Abb.1. Es sind Bauten des 16. und 18. sowie Umbauten des 19. Jh. Zu der ursprünglichen, ehemals wasserumwehrten Hofanlage des 16. Jh. gehören ein zweigeschossiges Wohnhaus mit dreigeschossigem Wohnturm (neuzeitlicher Gestaltung) in Bruchsteinausführung sowie Teile der Zinnenmauer. Die dreiflügeligen Wirtschaftsgebäude sind nach dem Brand von 1882 errichtet worden. Im Blausteinportal befindet sich im Keilstein die Jahreszahl 1544 mit dem Familienwappen von Bock- von Goltstein und darüber, mit der Jahreszahl 1736, das Allianzwappen von Brachel-von Hompesch (14).
102 X pe SS 0 EEE F if 8 aa * f A ® ü * ; g ZA & A | ‘ F\ 3 A % | SO FR CS Tu nn E OyE- 3 Ta 1 An he a Abb. 1: Der Hebscheider Hof heute 2. Backofens Stein (1710) / ovensteen (1431) Der Stein wird bereits in der Urkunde vom 12. August 1431 genannt: «... als men comt von Eynatten over den Daisberch ende sal te Muns- ter wert, dair ligt eenen steen, die scheyt dat lant van Limborch ende dat lant van Munster, ende is geheyten den ovensteen...» (11). Im Grenzrittprotokoll von 1710 wird er Backofens Stein genannt. Der Stein muß bei Lichtenbusch in der Nähe eines Backofens gestan- den haben. War es das Backhaus des Hebscheider Hofes? (Backhäuser standen wegen der Brandgefahr meist weit weg vom Herrenhaus.) Durch einen Vertrag vom 20. April 1611 erhielt Aachen auch bei Lichtenbusch einen Wald zugesprochen, der sich Lichten- oder Herrenbusch nannte. Er wurde etwa 1753 an den Aachener Bürgermeister Jan Caspar Deltour verkauft, weshalb er auch «Deltourbusch» genannt wurde (15).
103 3. Genagelter Stein an die Avantüre (1710) / am Ebentheuer (1646) Es muß sich um einen zwischen Lichtenbusch und der Kinkebahn (alte Römerstraße) stehenden Naturstein gehandelt haben, denn in einen behauenen Stein brauchte man keine Nägel einzuschlagen. In einer Karte von 1701 (16) ist dieser «Genagelte Stein» eingezeichnet. Die Tranchot/ v. Müffling-Karte von 1803-1820 zeigt auch einen «Genagelten Stein» in Lichtenbusch (ca. 900 m südöstlich vom Hebscheider Hof und ca. 1400 m nordwestlich von der Kinkebahn). (Avanturin ist ein rötlichbrauner Quarz mit oxyderfüllten Sprüngen.) 4. Zusamenfluß von Iter und Orsbach (1646, 1710) 5. Gifferhorn (1710) Von Korneliushorn? 6. Pfahl am Hundigsfeld (1646) In der Nähe dieses Pfahles muß der «Herrenbaum» (1710) gestanden haben. Er trennte vermutlich einen Wald des Klosters Brandenburg (Sief) vom übrigen Wald (Herrenbusch usw.) (s. auch unter 8. «Pfahl an Priors Erben»). Das Kreuzherrenkloster Brandenburg besaß in seiner unmittelbaren Nähe zwischen Kinkebahn und nördlich der Iter ein großes Grundstück (16). In der Urkunde von 1710 wird dasselbe «Erv von Brandenburg» genannt (Erv = Gut, Hof). 7. Frennet (1646) Es gibt heute in Schmithof noch eine Frennetstraße. Im Protokoll von 1710 erscheint an dieser Stelle ein Bäkenberg. War es der Falkenberg? Oder war es der Grenzberg, von back = Rücken/Grenze? 8. Pfahl an Priors Erben (1646) Mit dem Prior ist der Vorsteher des Klosters Brandenburg gemeint, das dort zwischen Iter und Inde Grundstücke besaß. Der Prior ist nicht zu verwechseln mit dem Prälat (Abt von Kornelimünster), dem der Prälatenwald gehörte. In der Urkunde von 1710 (s.o. Nr. 6) werden Besitzungen des Klosters Brandenburg auch als «Erv von Brandenburg» erwähnt.
104 9. Mückerweg (1646) Heute gibt es dort noch eine Flur mit der Bezeichnung «Mückenbruch». 10. Inde (1646, 1710) Die junge Inde, die im Raerener Wald entspringt, bildet auch heute noch auf einem kurzen Stück die Grenze zwischen Belgien und Deutsch- land. Sie fließt dann weiter über Schmithof, Friesenrath, Kornelimünster, Stolberg, Eschweiler bis Inden, wo sie in die Rur mündet. In Kornelimünster nimmt sie die Iter auf. Die Inde wurde auch oft Münsterbach genannt. In alten Landkarten erscheint sie als «Dente Fluß». 11. An der Rehheggen (1646) Auch im Protokoll von 1710 werden die «Hecken» erwähnt. 12. Aacher Hau (1646) Durch den Vertrag vom 20. April 1611 kam Aachen u. a. in den Genuß eines Waldes «bey den Raderen (Raeren) nächst Valkenberg und den Münsterbusch». Da der Wald offenbar von Aachen aus schwer zu über- sehen war, hat die Stadt ihn später veräußert. Im 17. Jh. finden wir den Aacher Hau, auch Aacher Bösch oder Herrenbusch genannt, im Besitz des Herrn Friedrich Beyens, spanischer Rat und Rechenmeister im Herzogtum Geldern, weshalb er zeitweise auch den Namen «Beyens Busch» erhielt. (In neueren Karten finden wir in Sief einen Wald namens «Beiers Busch».) Spätere Eigentümer waren die Barone de Moisnil und von Broich. Der Name wechselte in «Baronswald». E Einem Baron von Broich gehörte auch der sog. Prälatendistrikt, der früher dem Abt von Kornelimünster zustand und der auf abteilichem Gebiet lag. Der Prälatendistrikt ist vom Münsterbusch durch einen Graben ge- trennt (17). 13. Pfahl mit eisernen naegeln beschlagen (1646) Etwa an dieser Stelle steht heute noch ein kleiner Stein mit dem Korneliushorn (s. Abb. 2) beim belgisch/deutschen Grenzstein B/D 902. Ein Stück weiter, beim Landesgrenzstein B/D 897, soll 1961 noch ein C weiterer kleiner Grenzstein mit Korneliushorn gestanden haben (18).
105 ia ; WW +Y \ 1 AB ("KM N 4} | | / | Mi | | d LA al! 13. ER | = U 1 Abb. 2: Kleiner Grenzstein mit Korneliushorn bei B/D 902 14. Pfahl am bierbäumgen (1646) / BEIRBUM (1607?) / Birnbäumchen (1710)/ Birnbaum (1807) Ein Grenzstein mit dem Korneliushorn und der Unterschrift BEIRBUM steht noch unmittelbar beim jetzigen Landesgrenzstein 895 (s. Abb. 3). Ursprünglich hat wohl hier ein Birnbaum gestanden, der als Grenz- zeichen diente. Nachdem dieser Baum abgestorben war, hat man dort - vermutlich um 1607 - den jetzt noch vorhandenen schönen Grenzstein gesetzt. Die Bezeichnung, «Am Birnbäumchen» geriet bald in Vergessenheit, so dass statt dessen der Name, «Am Vennhorn» auftauchte (19). 15. Pfahl mit eisernen naegeln so drey heren Lande scheidet als Münster, Monjoyer und Limburger Lande (1646, 1710) Der vorgenannte Grenzpunkt, der die drei Länder: Abtei Kornelimünster, Herrschaft Monschau im Herzogtum Jülich und die Bank Walhorn im Herzogtum Limburg teilte, ist der heute noch vorhandene, 4 m lange Naturstein, der im Bachbett des Grölisbaches neben dem Restau- rant «Zum Genagelten Stein» zu sehen ist (s. Abb. 4).
107 Man ließ als Grenzmarkierung einfach eiserne Nägel in den Naturstein ein. 1949 sollen die Nägel noch im Stein gewesen sein, jedoch heute nicht mehr. Der «Genagelte Stein» gab etwa Anfang des 17. Jh. seine Funktion als Dreiländerpunkt vorübergehend an den «Nachtsborn» ab. Die Flurbezeichnung «Am Vennstein» könnte vom «Genagelten Stein» (Vennwacke) ihren Namen haben (19). 16. Nachtsborn und ein pfahl dabey darauf St. Cornelyhorn und die Jahrzahl 1607 (1646, 1710) Der «Nachtsborn» war ein Brunnen, der sich noch bis zum Jahre 1961 neben dem Haus Faulbruchstraße 110 in Roetgen, in der Nähe der alten Kirche befand. Daneben stand ursprünglich ein Stein mit dem Korneliushorn und der Jahreszahl 1607. Man hatte also spätestens 1607 den Dreiländerpunkt vom «Genagelten Stein» zum «Nachtsborn» nach Osten verlegt. Vom Nachtsborn verlief die neue Grenze geradlinig zur Weser. Das führte dazu, dass ein Dreieckszipfel (ca. 54 ha) des Limburger Landes bis in die Mitte des Dorfes Roetgen hineinreichte. Die Roetgener protestierten und erreichten, dass die Grenzverschiebung etwa Ende 18. Jh. wieder rückgängig gemacht wurde (19). Exkurs Es gab auch sogenannte Zehntpfähle mit dem Korneliushorn, wie das Beispiel vom Brander Feld (s. Abb. 5) zeigt. x EC I nn Be n i | NE A A, 7 AP u A DU 0 Fr BE AN BETA e} DE %} 7 7 X 4 ES A 0 LE SEE ; S + { 4 Pe En a . ’ & 8 ® } ; Abtei Sa N AP aan x EEE pe DIN AS RE OR Dal LOST Abb. 5: Grenzsteine, die den Zehntbezirk markierten
108 Ü Sie bezeichneten wahrscheinlich Grundstücke, die der Abtei Kornelimünster abgabepflichtig waren (20). Auch auf dem Gelände des Friesenrather Hofes in Friesenrath befindet sich noch ein Stein mit dem Korneliushorn. In der Nähe des «Genagelten Steines» steht noch ein Dreikantenstein aus preußischer Zeit (ab 1815), der Grenzpunkt für drei Gemeinden war. Er trägt die Buchstaben W für Walheim, R5 für Raeren und IR für Roetgen (21). Anmerkungen 1. Gielen: Walhorn, Walhorn 1987, S. 22 f. 2. Nagel: Geschichte der Reichsabtei Cornelimünster und des Münsterländchens, , Cornelimünster 1925, S. 19 3. ebenda, S. 20 4. Kühn: Die Reichsabtei Kornelimünster im Mittelalter, Aachen 1982, S. 50 5. Marenberg in Heimatblätter des Kreises Aachen 1993, S. 88 6. Nagel, a. a. O.,S. 43 7. Braun in ZAGV 3/1881 8. Brand, Früher und heute, Aachen-Brand 1971, S. 54 Das Abteiwappen bestand jedoch aus zwei überkreuzten Abtstäben denen das jeweilige Familienwappen des Abtes aufgesetzt wurde. 9. Zintzen: Hebscheid, Aachen 1994, S. 18/19 10. Kraus, in Eilendorf in seiner Geschichte, Aachen 1988, S. 55 11. Pelzer in ZAGV 33/1911 (in brabantischer Sprache, vom Verf. sinngemäß übersetzt) 12. Gielen, Walhorn, S. 248 13. Gielen: Zwischen Aachener Wald und Münsterwald, Eupen 1975, S. 95 14. Zintzen. a.a.O., S. 18/19 Mainz: Das alte Forst, Aachen 1985, S. 64 f. Im Göhltal 58/1996, 5. 8 f. 15. Liese: Vom Aachener Stadtwald, Aachen 1930, S. 12, 13 und 25 16. Hopels-Karte vom 18. Dez. 1701 in Liese, S. 13 und 25 17. Gielen: a. a. O., S. 119 f. 18. Marenberg, a.a.O. , S. 88 19. ebenda, S. 87 f. Gielen: Eupen zwischen Ost und West, Eupen 1971, S. 110 f. 20. Brand, a.a.O.,S. 58 21. Marenberg, a. a. O., S. 89 Bildnachweis Abb. 1: Landeskonservator Rheinland, Denkmälerverzeichnis 1. 2 Aachen, Titelblatt Abb. 2: Heimatblätter des Kreises Aachen 1993, S. 88 Abb. 3 u. 4: Fotos des Verf. Abb. 5: Brand, Früher und heute, Aachen-Brand 1971, S. 58
109 Jahresrückblick 2000 von Herbert Lennertz Wie üblich begann das Jahr mit der Generalversammlung unserer Vereinigung am dritten Sonntag im Januar im vollbesetzten Saale „Se- lect“ in Kelmis, wo der Präsident erfreut wieder einmal recht viele Mitglieder begrüßen durfte. Neben dem Rückblick auf die zahlreichen Veranstaltungen des Jahres 1999 konnte der Präsident auf einen Kassenstand verweisen, dessen Rücklage neben Druck- und Versandkosten der Zeitschrift auch einige außergewöhnliche Auslagen zulässt. Die Ankündigung der im Juli vorgesehenen Mehrtagesfahrt nach Ber- lin stieß schon bei der Generalversammlung durch zahlreiche Einschreibungen auf ein sehr positives Echo, ebenso die angekündigte Fahrt nach Gent. Die Versammlung fand ihren Abschluss mit einem Dia-Rückblick von A. Bertha auf die letztjährige Fahrt nach Cuneo (Italien)- Turin- Mo- Naco... Der Braunkohletagebau im nahen Jülicher Land beunruhigt die Gemüter seit vielen Jahren. Ganze Dörfer müssen geräumt werden und fallen den Baggern zum Opfer, die sich im Uhrzeigersinn Scheibe für Scheibe vorarbeiten. Für die Archäologen und die Behörden von der Bodendenkmalpflege bietet sich natürlich die einmalige Gelegenheit , die vielfach vorhandenen Spuren früherer Besiedlung zu registrieren bzw. zu sichern. Eine der vom Tagebau betroffenen Gemeinden ist Inden, dessen Christianisierung wahrscheinlich in die Mitte des 8. Jahrhunderts fällt. Die Mutterkirche des Gebietes war Geuenich, doch diese wurde unter Napoleon aufgegeben und Inden selber zur Pfarrkirche erhoben. Von den einst 2.500 Einwohnern des Ortes sind (Stand Februar 2000) vorläufig noch 29 zurückgeblieben. Im Mai 1998 wurde in Inden der letzte Gottesdienst gehalten. Im April 2000 sollte die Abrissbirne die Kirche niederlegen. Den Mitarbeitern des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalkunde bot sich somit Gelegenheit, der früheren Bebauung nachzuspüren. Auch der Nachbarort Altdorf wurde geräumt. Eine neue Siedlung entstand einige Kilometer weiter: Inden/Altdorf, wo sich dokumentieren lässt, wie zwei bisher getrennte Dorfgemeinschaften, durch ein gemeinsames Schicksal zum Miteinander gezwungen, die Chance des Neuanfanges genutzt haben.
110 Bei Kirchberg gibt eine Aussichtsplattform einen weiten Blick auf die offene Grube des Indener Tagebaus frei, dem bis 2030 noch weitere Dörfer weichen müssen: Pier und Pattern stehen ebenfalls auf der Braunkohle... Unter der Leitung von Vorstandsmitglied Josef Kessel begaben sich die „Göhltaler‘“ am 12, Februar 2000 zu einer Besichtigungsfahrt ins Indener Revier, wo sie vor Ort von der Vorsitzenden des örtlichen Geschichtsvereins, Frau Renate Xhonneux, empfangen und sachkundig betreut wurden. Die Grabungen in der Pfarrkirche zu Inden, ein Gang zur Geuenicher Höhe, eine Fahrt zum Aussichtspunkt an der Bruchkante bei Kirchdorf sowie ins neue Inden/Altdorf machten diese erste Exkursion des Jahres zu einem besonderen Erlebnis. Am 13. April 2000 stellte Frau Renate Xhonneux (Inden) in einem vielbeachteten Dia-Vortrag im Göhltalmuseum die „sterbenden Dörfer“ an der Inde vor, wo der Kohleabbau schon vor rund 200 Jahren begann, die Landwirtschaft jedoch bis ins 20. Jahrhundert hinein die prägende Rolle gespielt hat. Mit „viel Herz“ zeigte die Referentin die durch die Umsiedlung entstandenen Probleme, deren Ursache jedoch nicht so sehr bei der Fa Rheinbraun wie im immer steigenden Energieverbrauch unserer Zeit liegt. Am 21. Mai boten wir eine Tagesfahrt nach Gent an. Die Stadt feierte den 500. Geburtstag Kaiser Karls V. Trotz Dauerregen gelang es den Stadtführern, die zahlreichen Sehenswürdigkeiten im historischen Stadtkern der Schelde-Metropole „ins rechte Licht zu rücken“. Die Besichtigung der Kathedrale mit der „Anbetung des Lammes“ der Gebrüder van Eyck war der Schwerpunkt des Nachmittagsprogrammes, das mit einem Besuch in der Burg der Grafen von Flandern abschloss. Rund um Neutral-Moresnet führte Vorstandsmitglied Hans Klein eine Wandergruppe am 18. Juni 2000. Die Mehrtagesfahrt führte die (45) Teilnehmer vom 19. bis 25. Juli unter der Leitung des Präsidenten nach Mittel- und Ostdeutschland, genauer gesagt: über Erfurt und Weimar nach Berlin und Schwerin. Man konnte sich ein Bild vom „Aufbau Ost“ und der hier in den Jahren seit der Wiedervereinigung schon erfolgten Leistung machen; an allen Stationen unserer Fahrt wurden wir von qualifizierten Stadtführer(inne)n mit der großen kulturellen Vergangenheit dieser Städte vertraut gemacht. Der Schwerpunkt lag - wie könnte es anders sein?- auf Berlin. Die „Frontstadt‘“ ist noch immer dabei, die Spuren der Jahrzehnte langen Teilung zu tilgen. Und langsam nimmt die Bebauung von Potsdamer Platz und Regierungsviertel in der Nähe von Brandenburger Tor und Reichstag konkrete Formen an: Sony-Komplex, Daimler-Hochhaus und Reichstagskuppel haben den Architekten Jahn, Foster u. Co die
111 Gelegenheit geboten, ihrer kreativen Phantasie in Stahl, Glas, Beton und Backsteinen freien Lauf zu lassen und für die nächsten Jahrzehnte wegweisende Akzente zu setzen. Eine Fahrt nach Potsdam im weiten Bogen über die nördlichen Stadtbezirke Reinickendorf, Waidmannslust und das dörfliche Lübars und dann südwärts über Spandau und Wannsee gab den Mitfahrenden eine Vorstellung von den riesigen Ausmaßen der deutschen Hauptstadt (900 km?), die mit ihren vielen Seen und Waldflächen die Großstadt manchmal vergessen lässt. Potsdam ist mit Schloss Sanssouci, dem holländischen Viertel, der Russenkolonie, Schloss Cäcilienhof und vielen anderen Bauten ein Stück preußischer und deutscher bzw. europäischer Geschichte. Letzte Station der diesjährigen Fahrt war Schwerin, die Hauptstadt von Mecklenburg- Vorpommern. Hauptblickfang der Stadt ist das malerisch am See gelegene Schloss, Sitz des Landtages und Museum, dessen Geschichte bis auf Heinrich den Löwen (12. Jh.) zurück verfolgt werden kann. Sein heutiges Aussehen erhielt das Schloss jedoch erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts durch den großherzoglichen Hofarchitekten Georg Adolph Demmler. Eine ausgedehnte Fahrt durch die Schweriner Seenlandschaft und eine eingehende Stadtbesichtigung rundeten den Besuch in Schwerin ab und setzten ein letztes „Sahnehäubchen“ auf die Mehrtagesfahrt, die viel Anklang gefunden hatte. Mit dem erfahrenen Wanderführer Ernst Johnen (Heimatverein Eilendorf) ging es am 20.8.2000 in die Brunssumer Heide, die zu dieser Jahreszeit sich im schönsten Blütenkleid zeigte. Das naturgeschützte Areal bietet auf gut ausgeschilderten Wanderpfaden von 4 bis 12 km „Natur pur“; im Besucherzentrum gibt es zusätzliche Informationen zur Arbeit der „Vereniging Natuurmonumenten“. Die Organisation lag in den Händen von Herrn Josef Kessel. „Steine erzählen Geschichten‘ Vom Casinoweiher (Neu-Moresnet) bis zur Donnerkaul (Lontzen) führte uns Dr. Nikolaus Schmitz (Aachen) am 17. September 2000 und zeigte, wie in diesem Bereich der Mensch die Landschaft entscheidend geprägt hat, von der Anlage des Stauweihers in Kelmis und der Verlegung des Bachbettes von Tülje und Göhlbach bis zum Erzabbau der Grube Schmalgraf und der Gewinnung von Bausteinen im Steinbruch „Donnerkaul“. Als die Hammerbrücke bei Hergenrath dem Streckenneubau für den Hochgeschwindigkeitszug „Thalys‘ weichen musste und anschließend
112 ein neuer Göhltalviadukt gebaut wurde, war die Baustelle an der Göhl Ziel vieler Hobby-Filmer und Fotografen. Unter ihnen war auch Herr Helmut Steins aus Übach-Palenberg, den die Eisenbahn in all ihren Facetten seit jeher fasziniert und der die verschiedenen Bauphasen im Film festgehalten hat. Im Vortragsraum des Museums zeigte er am 9. November einem interessierten Publikum den Zusammenschnitt seiner Aufnahmen, von der Demontage der Brücke über die Sprengung der Pfeiler bis zum Bau des neuen Brückenpfeilers, der Auflage des neuen Schienenbettes und der Inbetriebnahme der Brücke. Dieser Video-Film war gedacht als Vorbereitung auf die am 18. November 2000 eröffnete Foto-Ausstellung über „die“ Brücke, wo in Bildern und Texten die Geschichte der Hammerbrücke von ihren Anfängen bis heute nachgezeichnet wurde. Als letzte Veranstaltung des abgelaufenen Jahres sahen wir einen Dia- Vortrag von Alfred Bertha über eine Fahrt durch Andalusien zu den Glanzlichtern arabischer Kultur auf spanischem Boden: Sevilla, Cordoba und Granada zeugen von der unvergleichlichen Vitalität dieser Kultur und gehören nicht nur zum kulturellen Erbe Spaniens, sondern der ganzen westlichen Welt. Veröffentlichungen: Im Jahre 2000 erschienen die Nummern 66 und 67 unserer Zeitschrift „Im Göhltal“. Besonders aufmerksam machen wollen wir jedoch in diesem Jahre auf „Spuren der Vergangenheit -Gedenksteine und Wegekreuze im Grenzraum des Göhltales‘“ von Albert Creutz. Diese Ende November 2000 von der Göhltalvereinigung herausgegebene Arbeit des Eupener Autors ist seit Dr. Robert Jeuckens Untersuchung über „die alten Steinkreuze im Aachener Grenzland“ (1938), der erste Versuch, systematisch die heute noch übrig gebliebenen kleinen Denkmäler zu erfassen und deren Inschriften zu entziffern. Dabei hat Albert Creutz auch immer, wenn dies möglich war, den Faden von der Vergangenheit bis in die Gegenwart weitergesponnen und den Bezug zu heute noch lebenden Nachfahren der auf den Steinen und Bildstöcken genannten Personen hergestellt, wodurch seine Arbeit sehr an Aktualität gewinnt. „Spuren der Vergangenheit“, 270 Seiten, Bunt- und Sw-Fotos, ist erhältlich zum Preise von 980 F (Abholpreis) bei der Göhltalvereinigung.