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Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr 62 Februar 1998 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04. Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Kassierer: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Postscheckkonto Nr. 000-0191053-60. Generale de Banque: 248-0068875-35 ASRK: 001-1149241-61 Konto NL: AMRO-BANK: 46.37.00.090 Vaals/L Konto BRD: Aachener Bank: 821 363 012 (BLZ 390 601 80) Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten Entwurf des Titelblattes: Alfred Jansen, Moresnet-Kapelle. Druck.: Hubert Aldenhoff, Gemmenich.,
3 Inhaltsverzeichnis Alfred Jansen (+) Zum Umschlagbild S Moresnet - Kapelle Firmin Pauquet Historischer Rundgang % Kelmis durch Kelmis Maria-Theresia Weinert Tirili 44 Aachen-Forst ? H. von Schwartzenberg Grenzen, Gräben und Gebiete 45 Aachen Jakob Langohr De Gö68öl Rn Bildchen Alfred Bertha Die „Fliegende Taube“ 78 Hergenrath wäre jetzt 150 Jahre alt Albert Creutz Gedenkstein in 99 Eupen Aachen-Richterich Alfred Bertha Die „Dorfgeschichtliche 103 Hergenrath Sammlung“ Lontzen Maria-Theresia Weinert Gefangen 105 Aachen-Forst Herbert Lennertz Rückblick 1997 106 Neu-Moresnet
5 Zum Umschlagbild. Das Gehöft "Schwartze Hundertmorgen''* von Alfred Jansen (+) Auf den ersten Blick unterscheidet sich das im westlichen Winkel der früheren Walhorner Enklave Belven, in fast gleicher Entfernung von Eynatten und Kettenis gelegene Gehöft "Hundertmorgen" durch nichts von den anderen in der Gegend verstreut liegenden Bauernhöfen. Über einen von der Aachener Straße westwärts abzweigenden Wiesenweg er- reicht man den etwa 300 m abseits hinter einer Hecke versteckt liegen- den Hof, der keinen herrschaftlichen Anblick bietet, so daß man sich die Frage stellen kann, weshalb dieser Hof in den Heimatgeschichtsbüchern vermerkt ist. Das nach Westen ausgerichtete Wohnhaus ist schmucklos. Drei sym- metrisch angeordnete Achsen unter niedrigem, mit roten Ziegeln gedeck- tem Satteldach geben dem Bau ein Aussehen, das auf einen Neu- oder Umbau im 19. Jh. schließen läßt. Erst bei näherer Betrachtung fällt auf, daß das einstöckige Wohnhaus von zwei kurzgedrungenen massiven Türmen flankiert wird. Das Mauer- werk dieser stumpfen Türme weist mindestens ins 17. Jh. zurück. Beide tragen ein Zeltdach und sind mit roten Ziegeln gedeckt. Der Nordturm weist in der Westfassade eine z. T. vermauerte Toreinfahrt auf, deren Bogen ein Mittelding zwischen Rund- und Spitzbogen ist. Die sorgfälti- ge Bearbeitung zeigt, daß es sich hier nicht um eine gewöhnliche Hof- einfahrt handelt; Hundertmorgen muß eine mehr oder weniger herrschaftliche Anlage gewesen sein. An die Nordseite dieses Turmes ist eine Remise mit Pultdach ange- fügt worden. Daneben erstreckt sich ein verhältnismäßig großer Teich, der auch nach Westen dem Hof vorgelagert ist. Sind dies die Reste eines ehemaligen Fischteiches, der möglicherweise mit den Wassergräben der Hofanlage verbunden war? Der Überlieferung nach soll Hundertmorgen ein Jagdschlößchen ge- wesen sein, was durch die Nähe des Raerener Waldes und des daran angrenzenden Hertogenwaldes durchaus möglich erscheint. Wenn man die Geschichte des Hofes zurückverfolgen will, so stößt man häufig auf einen zweiten Hof dieses Namens, was leicht zu Ver- wechslungen führen kann. Unser Hof trägt die Zusatzbezeichnung
6 "Schwartze", abgeleitet vom Familiennamen derer von Schwartzenberg, während der zweite Hof Hundertmorgen "Hare Hundertmorgen" genannt wurde, hatte er doch der Familie van Haren gehört. Beide Höfe "Hundert- morgen" sind Absplisse der alten Domäne Belven. Durch die Heirat Wilhelm von Schwartzenbergs, des Besitzers von Haus Raeren, mit Anna- Maria Bertolf von Belven, der Tochter des Adolf Bertolf von Belven, kommt der Hof "Schwartze Hundertmorgen" 1664 in den Besitz derer von Schwartzenberg. Die Tochter Anna-Katharina von Schwartzenberg, heiratet Wilhelm Bertolf von Ruyff, Herrn von Belderbusch. Beim Ab- leben der Eltern fällt das Gut an die Tochter Maria-Magdalena, die 1709 die Ehe mit dem Besitzer von Ravenhaus, Johann Sigismund von Lamboy, Witwer von Margaretha von Berghe von Trips, eingeht. « Der zweite Sohn dieser Eheleute, der 1712 geborene Karl Philipp von Lamboy, verheiratet mit Marie Christine de Monplainchamps, übernimmt das Haus nach dem Tode seiner Eltern, wohnt aber in der Mitte des 18. Jahrhunderts auf "Mähheide" (Raeren) und läßt Hundertmorgen ganz verkommen. 1779 war der Bau unbewohnbar geworden. Die weitere Besitzerfolge ist nicht ganz geklärt. Im frühen 19. Jh. wurde "Hundertmorgen" wieder bewohnbar gemacht. 1826 ist der Hof im Besitz des Christian Hermanns aus Eynatten - Rovert. Auf Anstehen der Erben steht das Gut am 30.3.1837 zu verpach- ten und am 10.7.1837 zu verkaufen. Die Größe wird mit ca. 50 Morgen angegeben. 1838 kommt das Anwesen durch Kauf (?) an Herrn Johann Christian Jeghers und 1857 ist Ernst Jeghers, vermutlich ein Sohn des Vorgenannten, als Eigentümer eingetragen. 1894 kam Hundertmorgen in den Besitz des Herrn Alfons Leo Fettweis-Warlimont aus Eupen, 1943 ging der Hof an die Erbengemeinschaft Paul Fettweis und Miterben über. Zum Hof ge- hörten 19 ha Grund. "Hundertmorgen" war von 1894 bis 1979 ein Pachtgut. Als sich die Familie Fettweis von dem alten Hof trennte, ging derselbe durch Kauf an den damaligen Pächter, Familie E. Braun-Berger über, die ihn noch heute bewirtschaftet. * Aus G. Poswick, Les Delices du Duche de Limbourg, Verviers 1951, S. 295 ff. Quellen Poswick, G., op. cit. Grondal, G.,Walhorn - Notices historiques, Verviers 1958, S. 65
PB Historischer Rundgang durch Kelmis (te 2)* von Firmin Pauquet Beim ersten Rundgang durch Kelmis hatten wir Bekanntschaft mit dem westlichen Teil der Gemeinde gemacht : dem alten Dorfkern um die Rochuskapelle, der unter Maria Theresia 1750 gebauten, gepflasterten Landstraße mit den anliegenden Bauernhöfen, der ehemaligen Zinkerz- grube Schmalgraf und dem von dort ins Tal führenden alten Landweg Schnellenberg und dann östlich der Göhlbrücke dem ehemaligen Berg- bau- und Industriegelände um das europaweit bekannte Galmeilager des "Altenberges bei Aachen" oder "Vieille Montagne des calmines du Limbourg" bis zum östlichen Höhensporn, worauf sich von 1840 bis 1860 der neue Dorfkern als Geschäftszentrum mitten in der Arbeiter- siedlung entwickelte. Ich schlage nun vor, einen Rundgang durch diesen im vorigen Jahr- hundert entstandenen neuen Siedlungskern zu unternehmen. Als Ausgangspunkt soll der Endpunkt des ersten Rundgangs gewählt werden: das Hotel-Restaurant "Parkcafe", die ehemalige Villa des Di- rektors der "Agence de Moresnet (neutre)" der AG "Vieille Montagne"', die am 31. August 1955 mit dem dazu gehörenden Park von der Ge- meindeverwaltung gekauft wurde, als die Gesellschaft ihre "Moresneter" (eigentlich "Kelmiser") Betriebsstelle aufgegeben hatte und ihren Grund- besitz in unserer Gegend veräußerte. Diese Direktorwohnung wurde um 1840 in Ziegelsteinen gebaut und später, noch vor 1862, erweitert. Sie erscheint schon auf dem Bastin&-Gemälde von 1843, das im Göhltalmuseum zu bewundern ist, und auf den vielen späteren Gesamt- ansichten des hiesigen Betriebs. An der Hauptfassade wurde der alte Perron mit Balkon entfernt. Im Innern sind die drei Räume rechts im wesentlichen im ursprünglichen Zustand erhalten. Der hintere Eßsaal im Anbau ist mit einer hohen eichenen Täfelung und einem großen nachge- ahmten offenen Kamin versehen. Woher dessen Pfeiler kommen, ist mir unbekannt. Dagegen ist leider der schöne Salon an der linken Seite gleich hinter dem Eingang in eine belanglose Bar umgewandelt worden. Ob keine glücklichere Lösung, die den alten Charakter beibehalten hätte, von einem Innenarchitekt entworfen werden konnte, sei dahingestellt. * Teil 1 in "Im Göhltal", 61/1997, 31-55
8 Der vorne nach Süden anschließende Wintergarten ist grottenartig im Geschmack der Romantik mit Erzbrocken, Schlacken und korrodierten Kalksteinen ausgeschmückt. Bei einer im Jahre 1981 durchgeführten Instandsetzung (Neueindeckung des Dachs und Alu-Fenster) wurden lei- der die feinen Verzierungen der Dachfirste schonungslos entfernt und nicht erneuert. Dies bezeugt, wie so oft, einen furchtbaren Mangel an Verständnis für Zeugen der Vergangenheit und an ästhetischem Empfin- den. ı Ö a 7 » {a & 2 DE A j 1 2 7 27 be N ME / 50 N Az == 2 N | A ALL AN | MdL ZZ | | 1 n - . A Sn EM x Fe En T ZZ Das Park - Cafe vor der Neuverglasung des Wintergartens Auf älteren Skizzen und Plänen ist eine frühere Direktorwohnung zu erkennen, die aus zwei parallelen Trakten bestand, die vorne durch eine Tormauer verbunden waren. Auf dem Tordach war ein kleiner Dach- reiter mit einem Glöcklein zu sehen, mit welchem Anfang und Ende der Arbeitsschicht angekündigt wurde. Dieses Doppelgebäude hieß das "Kö- nigliche Haus", da hier vor 1800 die Leitung des von der spanischen Krone ab 1611 in eigener Regie betriebenen Bergwerks untergebracht war. Wegen des immer tiefer einsetzenden Abbaus im Tagebau, der Kull, ist das Doppelhaus kurz nach 1840 in den Tagebau eingestürzt. Bastine hat noch einen Teil der Ruine westlich der jetzigen Villa gesehen und malen können. Ein Wappenstein mit dem Wappen des Erzherzogs Albrecht, Statthalter bzw. Regent der spanischen Niederlande von 1596
9 bis 1621, ist aus dem Gebäude gerettet und zur Generaldirektion der "Vieille Montagne" in Angleur verbracht worden. Da schmückt er noch das ehemalige Vorzimmer zum Büro des Generaldirektors. Die ein- gemeißelte Jahreszahl 1662 ist für die beiden letzten Ziffern (62), wie ich andernorts erklärt habe, später nach einem Wiederaufbau abgeändert worden. Etwas östlicher befanden sich die Stallungen der Direktion mit Kutscherwohnung auf der Etage. Beim Abbruch eines Anbaues der Stal- lungen 1959 wurde oben im Giebel ein alter, wiederverwendeter, auf der Seite liegender Wappenstein sichtbar. Nachdem die Gemeinde das Ge- bäude in öffentlicher Versteigerung am 24. August 1966 veräußert hatte, ließ der neue Eigentümer, der Geschäftsmann Aloys Dumbruch, es ab- brechen, um das jetzige große, dreistöckige Mietshaus mit Geschäfts- raum bauen zu lassen (Albertstraße Nr. 1) . Nach dem Abbruch rettete er den Wappenstein, um ihn in seinen Gartenbrunnen (Kapellstraße) einzu- mauern. Dieses älteste bekannte steinerne Denkmal vom früheren Berg- segen ist ein 35 x 36,5 cm großer behauener Quader aus Kalkstein, lei- der nur ein Bruchstück (ca 2/3) eines Wappensteins, der wohl 56 x 60 cm gemessen hat. Die unvollständige Inschrift und das sprechende Wappen- schild lassen glücklicherweise den Namen des Bauherrn erraten : CARLO R(uelli) bzw. R(ouelli). Dieser bekannte Antwerpener Kaufmann und Finanzmakler, aus Castelnuovo-Piemont in Norditalien stammend, ging am 13. Juli 1595 gemeinsam mit dem Aachener Kupferschlägermeister Christoffel Speckheuer einen dreijährigen Pachtvertrag des Altenberger Bergwerks mit der Brüsseler Regierung ein. Der Vertrag wurde mehr- mals bis 1611 erneuert. Das am Wappenstein ersichtliche Baujahr 160(?) paßt genau zur Pachtzeit. Höchstwahrscheinlich wurde der Wappenstein oberhalb eines Türsturzes oder eines Torbogens von R(o)uelli eingebaut. Westlich der Parkvilla dehnt sich der jetzige Gemeindepark aus, in welchem noch die Kanalisation des alten "Bergkanals" zu entdecken ist. Dieser Bergkanal wurde 1631 gegraben, um zusätzliches Wasser zum Pumpenwerk des Bergwerks zu leiten. Ein Brunnen wurde am Fuße des "Hulsberghs" (heute Heidkopf) gebohrt und das Brunnenwasser entlang der damaligen "naeberstraet" (heute Kahnweg-Patronagestraße) bis zum "königlichen Haus" oberhalb des Tagebaues geleitet. Auf Plänen der Jahre 1807-1821 ist noch ein Ausguß des Bergkanals an der Treppe, die von der alten Direktorwohnung zum Tagebau führte, sichtbar. Ursprünglich reichte der Garten der Direktorwohnung nur bis zum Bergkanal. Der Park wurde erst nach 1882 bis zur Parkstraße erweitert. Im westlichen
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11 Teil des Parks erinnert ein schlichtes Denkmal aus Galmeibrocken an den Tod des belgischen Widerständlers Baudouin de Biolley, der von der deutschen SS bis hier verschleppt und am 6. September 1944 gepeinigt und hingerichtet wurde. Nach der Gründung der Sankt Barbara Schützengesellschaft, "Societe de Carabiniers Sainte Barbe", durch die "Vieille Montagne" im Jahre 1852 wurde am Ende des Direktorgartens ein Grundstück ausgespart, um hier das Schützenlokal zu bauen. Im Jahre 1857 betrieb der "Musikus" Theodor Pinet hier eine Schenkwirtschaft. Am 16. Juni 1954 verkaufte die "Vieille Montagne" das Schützenlokal dem Ehepaar Charles Hülster- Müller für 361.150 F. Nach der Veräußerung des Gebäudes diente es noch lange Jahre als Schenkwirtschaft mit Saal zum Abhalten gesell- schaftlicher und kultureller Veranstaltungen. Nach einem weiteren Ver- kauf im Jahre 1986 wurde es in ein reines Tanzlokal (Disco) umgewan- delt. Als Erinnerung trägt die Straße südlich des Parks noch den Namen "Schützenstraße - Rue des Carabiniers". Neben dem Schützenlokal stand bis nach dem Kriege ein Kiosk, wo die 1851 gegründete Bergwerks- kapelle ihre Sommerkonzerte veranstalten konnte. Dem Park gegenüber erstreckte sich der große ca. 60m tiefe Tagebau, in welchem noch bis 1950 Einsturzgefahr bestand; so erklärt sich der Bogen, den die Straße nach Norden macht. Dieser Tagebau ist der ei- gentliche "Altenberg", der "ouden Kalmynberg, daer die van Aken pla- gen te graven", wie 1445 gemeldet wird. Der Abbau ist hier seit minde- stens 1344 bezeugt und dauerte bis 1855. Von der Gesellschaft wurde dieser Tagebau als "Nordlager" bezeichnet. Nach Einstellen des Betrie- bes diente der Tagebau, die "Kull", lange Jahre als Mülldeponie und wurde schließlich mit Bauschutt angefüllt. Es entstand so ein Plateau auf der Höhe der Schützenstraße, auf welchem die Gemeinde einen zusätzli- chen Park mit Kirmesplatz eingerichtet hat. Wir gehen nun zur Kreuzung zurück, um die Kapellstraße hinunter zu spazieren. Diese Kreuzung ist 1856 auf Antrag der "Vieille Montagne" verlegt worden. Davor befand sie sich gegenüber der Einmündung der jetzigen, damals noch nicht bestehenden Lindenallee, so daß die untere Albertstraße, früher Vonsstraße, ein gutes Stück hinter den Häusern "i jen hontskont" verlief. Auf der Ferrariskarte von 1770 bildet die Kapellstraße mit der Albertstraße den einzigen Weg im jetzigen Dorf- kern und diente als Verbindung der alten "naeberstraet" (Parkstraße- Patronagestraße-Kahnweg-Hattich) mit der neuen Pflasterstraße, "de pavei". Seinen jetzigen Namen erhielt der noch 1856 "Moresneter Weg"
3 Das erwähnte Haus Dr. Schifflers wurde um 1856 vom Aachener Apo- theker Robert Prosch gebaut, nachdem die "Vieille Montagne" im Mai 1856 einen Vertrag mit ihm abgeschlossen hatte : Prosch sollte sich unweit des Bergwerks niederlassen und den Arbeitern der Gesellschaft 25 % Ermäßigung auf die amtlichen preußischen Preise der Medika- mente gewähren. Im Vergleich zu den anderen gleichaltrigen Häusern zeigt das gänzlich aus Ziegelsteinen errichtete Haus mit Erker in einem kleinen Park, daß hier ein besser situierter Mann wohnte. Um die Auszahlung von Entschädigungen zugunsten verschiedener Besitzer von Bauernhöfen wegen aus der Hütte entweichenden Zinkoxiddünsten zu verringern, beschloß die "Vieille Montagne", diese Bauernhöfe zu erwerben. So kaufte sie am 8. April 1850 vom Ehepaar Ludwig Dederen-Francois eine 146,28 Ar große Wiese gegenüber ihrem Grundeigentum in der Kapellstraße. Die Gesellschaft parzellierte das erworbene Grundstück und verkaufte die Parzellen oder die von ihr selbst darauf gebauten Wohnhäuser in den beiden folgenden Jahren zum größ- ten Teil an ihre Vorarbeiter. So entstand der neue Dorfkern. Verschiede- ne Ankäufer ließen selbst Wohnhäuser bauen, die alle der gleichen Bau- art angehören : Die Mauern sind aus Bruchkalksteinen, die Türrahmen aus gehauenem Kalkstein und die Fensterrahmen meistens aus Ziegel- steinen. Zwei dieser 15 Häuser der Kapellstraße haben noch diesen Cha- rakter behalten. Die meisten sind aber im Laufe der Zeit umgebaut wor- den. Zu diesen Häusern gehörte auch das von der Gesellschaft errichtete Pastorat; ihrem Antrag folgend, hatte der Bischof von Lüttich nämlich am 15. Mai 1854 einen im neutralen Gebiet ansässigen Kaplan ernannt. Der später zum Pfarrer beförderte Aloys Flemincks bewohnte dieses Haus mit seiner Mutter mindestens seit 1857. Das alte Pastorat wurde von der Gemeinde veräußert und 1992 vom neuen Eigentümer abgerissen, um in einer ähnlichen Bauweise unter Wiederverwendung der Kalkbruchsteine, aber ohne die Ziegelsteinfensterrahmen, wiederaufgebaut zu werden (Heute Nr. 22). In der unteren Kapellstraße Nr. 7 wurde 1923 die erste belgische Gendarmerie eingerichtet : die neue Kelmiser Brigade des Distriktes Eupen ist durch Kgl. Erlaß vom 19. Februar 1923 geschaffen worden und hat ihren Dienst am 1. Oktober aufgenommen. Davor gehörte Neu- tral-Moresnet zum Ressort der belgischen Brigade in Montzen. Nach- dem das Haus 1925 von der Familie Claes-Königs gekauft worden war, wurde die Gendarmerie auf die Lütticher Straße verlegt. Erster Kom- mandant der Brigade bis zu seinem Rücktritt im Jahre 1929 war der aus
14 ® 1 Colamine Rue 60 ia Chapo'e ‚| al D ; Ü . KA A X Fe x Zul | \E LE ; A ps, SER 1 80 {158 is BE Le ba ihr Sau =! | FE En 5 EA Me m) EEE A A Sid i| EL DE EA BEE DS z | 2 > Die Kapellstraße in den dreißiger Jahren Messancy, Südluxemburg, gebürtige Oberwachtmeister Nicolas Schrobiltgen, u. a. als "Gummiknüppelmann" bekannt geworden, da er nicht gerade sanft mit Streitenden in den Tanzlokalen umging. Schrobiltgen trat nach den Wahlen von Oktober 1932 in den Gemeinde- rat ein, wo er bis 1939 die Opposition führte. Auch nach dem Kriege hat er wieder lange Jahre die liberale Opposition im Gemeinderat geführt. Am unteren Ende der Kapellstraße erreichen wir "de pavei", die Lütticher Straße. Gegenüber bemerken wir eine Häuserreihe in ähnli- cher Bauweise wie die älteren Häuser der Kapellstraße : "de härehuser va jene bärech", die ehemaligen Wohnhäuser der Angestellten der "Vieille Montagne”". Sie befanden sich auf Preußisch-Moresneter Gebiet, Ge- meinde Neu-Moresnet von 1920 bis 1977. Merkwürdig ist, daß der süd- liche Rand der Landstraße die Grenze bildet und nicht deren Achse, wie manchmal vermutet wird. Dies wird eindeutig dadurch bewiesen, daß die französische und nicht die preußische Gesetzgebung bei strafbaren Handlungen auf der Straße angewandt wurde. Das westlichste Wohn- haus der Reihe ist bedeutend größer und aus Kalkbruchstein gebaut. Die anderen dagegen aus Sandbruchstein der Famennestufe, der in der Nähe in kleinen Steinbrüchen gewonnen werden konnte. Diese Famennesandsteinschicht bildet übrigens das Liegende der Galmeilagerstätte vom Altenberg, die sich in dem nach oben darauffol-
15 genden Kalkstein und Dolomit des Unterkarbons ausgebildet hat und zwar da, wo eine Mulde im gefalteten Grundgebirge mit seinen von SW nach NO streichenden Schichten durch eine von SO nach NW streichen- de Störung durchschnitten wird. Das gesamte Anwesen bildete zuvor den Bauernhof "Hasard", dessen Eigentümer J. J. G. Hermens 1845-1846 gegen die "Vieille Montagne" mit Erfolg in Aachen und Köln prozessiert hatte, um wegen der aus der Hütte entweichenden Zinkoxiddünste, die Weiden und Vieh verdarben, „entschädigt zu werden. Am 8. Juni 1847 hat die "Vieille Montagne" den Bauernhof erworben und anschließend dann die ehemaligen Stallungen zu Wohnhäuser umgebaut. So erklärt sich, daß die westliche Wohnung, das alte Wohnhaus des Bauern, größer ist. An dieser Stelle besaß der Gerber Jean Brandt laut französischem Kataster vom 4. Prairial des Jah- res VII (23. Mai 1799) fünf Häuser. Im theresianischen Kataster von 1770 ist Joannes Brandt als "leur", d.h. Lohgerber, und "inwoonder van Kelmis" bezeichnet. Er besitzt zwei Häuser und "voordere bouwinghe met bedrijffplaetse", wahrscheinlich die Gerberei, sowie u .a. ein Stück Land genannt "op den tulljenbergh" in der Nähe. Im Jahre 1824 wird der Nicolas Hermens "für Hazard" mit 6 F steuerbarem Wert für die im Neu- tralen liegenden Grundstücke des Bauernhofes eingeschätzt. Nach dem Kelmiser Grundbuch von 1756 ist das Haus von "Johannis Brandt op hassaer" 1757 an der neu trassierten gepflasterten Landstraße errichtet worden. Wohl ist anzunehmen, daß das Haus Brandt entweder von Hermens oder von der "Vieille Montagne" in der Bauweise des 19. Jh. neu- oder umgebaut worden ist. Wir wollen nun zuerst einen Abstecher nach Westen entlang der Lütticher Straße machen. Rechts erkennen wir wieder einige ältere Häu- ser in der bekannten Bauweise des 19. Jh., bis wir den Kaldenbachweg erreichen. In diesem ehemaligen kleinen Weiler, der den Namen eines Grundbesitzers trägt, befinden sich noch kleine teils umgebaute Arbeiter- häuser. Nach dem Eingang zum Kaldenbach treffen wir zwei kleine Häuser, beide ehemalige bzw. jetzige Schenkwirtschaften. Bevor wir die zweite erreichen, entdecken wir einen 1869 datierten Fußfall/Bildstock mit ei- ner Mutter-Gottes-Statue. Die jetzt "Ratskeller" genannte Schenk- wirtschaft hieß früher im Volksmund "nikenik", scheinbar, weil die hier in der Schenkwirtschaft weilenden Fuhrleute den "nikenik", d.h. die Bremse ihres Fuhrwerkes, anzogen oder losließen. Bewohnt war das Haus schon Ende des 18. Jh. von der bekannten Kelmiser Familie Carabin.
16 Laut Grundbuch der Herrschaft und Gemeinde Kelmis aus dem Jahre 1756 war damals ein "Jacob Carobingh" Eigentümer eines Hauses "op haesaer", das der Willem Gerardt Lasschet gebaut hatte. } RB a OS 8 Ka DE Fn 7 | EA AD 4 $ | 1 An ! . Br 2 # } —- % Bi a m :$ } 1 1 iu On ” 3 ie A \ BB . a e pa n 7 a | - Az. A Bi. 1 iA | _ ME A ! ‚ @ mann RO 1) af 4 A 4 Pa Der Ratskeller (Aufn. aus den 60er Jahren) Kurz danach treffen wir einen hohen Ziegelsteinbau mit Freitreppe. Dieses Haus wurde vom Unternehmer Adonis Lamarche aus Soumagne um 1855 als Gastwirtschaft gebaut. Später war es von der Familie des letzten "neutralen" Bürgermeisters Hubert Schmetz (Amtszeit 1885-1915) bewohnt, der hier am 26. September 1909 sein 25-jähriges Amtsjubiläum feierte. Nach der Rückkehr an Belgien diente das Gebäude ab 1925 län- gere Zeit als Gendarmerie. Wir überqueren die Lütticher Straße und gehen ein Stück in die Hasardstraße hinein. Rechts an der Ecke befindet sich die ehemalige Neu-Moresneter Schule mit Lehrerwohnung: ein typischer belgischer Schulbau der dreißiger Jahre. Die Gemeindeverwaltung von Neu- Moresnet war auch vorübergehend hier untergebracht. Heute dient das Gebäude der beschützenden Werkstatt. Etwas weiter rechts biegen wir in einen Privatweg ein, der zur evangelischen Kirche mit dem dazu ge- hörenden Pastorat führt. Nach 1840 hatten sich in Neutral- und Preu- Bisch-Moresnet einige evangelische Familien niedergelassen : preußi-
20 Bevor wir die "härehuser" erreichen, treffen wir nun eine Gasse, der wir bis zu der nach dem Kriege errichteten Judas Thaddäus Kapelle fol- gen. Sie steht ungefähr da, wo die "Vieille Montagne”" die "alte Schule" für die Arbeiterkinder gebaut hatte. Diese Schule wurde am 25. August 1849 mit 156 Schulkindern, darunter 19 aus Preußisch Moresnet, eröff- net. Der von der Gesellschaft engagierte Lehrer Peter Lambert Frantzen aus Homburg bezog ein Gehalt von 1200 F jährlich und durfte zusätz- lich von den Eltern, die nicht bei der Gesellschaft beschäftigt waren, je nach geschätztem Einkommen, 5 bis 8 Silbergroschen, umgerechnet 0,625 Fbis 1 FE, an Schulgeld verlangen. Es wurden Grundkenntnisse in Le- sen, Schreiben, Rechnen und Französisch erteilt. Die Schule diente schon vorher für den Musikunterricht und die drei wöchentlichen Proben der . Bergwerkskapelle, die Frantzen als Dirigent leitete. Von der Judas Thaddäus Kapelle gehen wir hinunter, bis wir die Stadionstraße erreichen. Vor uns erstreckt sich das Prinz Philipp- Stadion der Gemeinde. Es wird dem 1923 gegründeten "Royal Football Club Union La Calamine" zur Verfügung gestellt. Wir befinden uns im unteren sump- figen Tal des Tüljebaches, in welchem vom 16. bis zum 18. Jh. mehrere Kupfermühlen errichtet wurden. In diesen durch ein Mühlenrad in Bewe- gung gesetzten Hammerwerken wurden vorwiegend Messingbleche (gel- bes Kupfer) gehämmert bzw. Messingdraht gezogen. Rechts entdecken wir das kleine Villenviertel am 1862 angelegten Casinoweiher, in wel- chen der Tüljebach mündet. Uns gegenüber liegt das südliche steile Ufer des Tüljebaches am Fuße des Plateaus des Hergenrather Feldes, wo noch in den 20er Jahren Hafer gedieh. Der Tüljebach bildete in der Franzosen- zeit die Grenze zwischen Hergenrath und Moresnet, im Mittelalter zwi- schen den Urpfarreien und Königshöfen Walhorn im Süden und "Geminiacum" im Norden. Walhorn gehörte zum Dekanat St Remacle- au-Pont, bzw."Amercoeur" vor Lüttich, im Erzdiakonat Condroz der Lütticher Diözese, die schon im 12. Jh. aus "Geminiacum" entstandenen Pfarreien Moresnet, Montzen und Gemmenich dagegen zum Dekanat Maastricht im Erzdiakonat Haspengau (Hesbaye) desselben Bistums. Wir folgen nun der Stadionstraße nach links. Auf der linken Straßen- seite erkennen wir den Rest eines Grabens, der früher eine große Bedeu- tung besaß : er führte ab 1850 das am Weiher der Jansmühle aufgestaute Wasser zum Altenberg. Um das Grubengelände zu erreichen, mußte ein Tunnel durch den Tüljeberg gebohrt werden. Das Wasser sammelte sich dann in einem kleinen Weiher an der Ecke Lütticher Straße - Linden- weg, bevor es zum Antrieb des Pumpenwerks der Grube benutzt wurde.
27 Pe EC En a nn DO = 3 A Rx , ER = 8 A ng Ün EX WE ii BEE . SET F ZUM n U 4 A L 4 Kelmis, Panorama. Im Vordergrund die Siedlung am Schwarzen Weg, links das Prinz-Philipp-Stadion Am Ende der Stadionstraße erreichen wir den Schwarzen Weg, dem wir nach rechts folgen. Die Häuserreihe rechts des Weges hat der Kelmiser Unternehmer Gerard Lavalle um 1960 gebaut. Am Ende des Weges über- queren wir die Maxstraße. Am 3. November 1875 beschloß der Gemeinde- rat von Preußisch-Moresnet den bis dahin Jansmühlenweg genannten Weg zur Erinnerung an Max Braun, Oberingenieur und Vertreter der "Vieille Montagne" in Preußen, in Maxstraße umzubenennen. Der Ober- ingenieur hatte lange Jahre in der Nähe gewohnt. Am 14. Mai 1814 in Karlsruhe als Sohn eines Postdirektionsrates geboren, hatte Braun am Polytechnikum seiner Heimatstadt studiert und seine praktische Ausbil- dung in Münsterthal, Schwarzwald, erhalten. Im Jahre 1833 besuchte er als "Berg- und Hüttencandidat" verschiedene Bergwerke im Erzgebirge bei Freiberg und folgte als Privathörer Vorlesungen an der berühmten sächsischen Bergakademie Freiberg. Anschließend vervollkommte er seine Ausbildung durch Reisen zu südfranzösischen und spanischen Bergwerken und nahm eine erste Stelle in Clermont-Ferrand an, die er aber bald aufgab, um eine Algerienreise anzutreten. Nach der Rückkehr hat er kurz eine Stelle in Oberhessen angenommen und dann in Huy die Leitung der Zinkgesellschaft von Corphalie übernommen. Im Jahre 1848 wurde Max Braun von der "Vieille Montagne" als Obergrubeningenieur
23 Wir überqueren die Maxstraße in Richtung Jansmühle. Die Siedlung im ehemaligen Park wurde um 1960 vom Unternehmer Gerard Lavalle gebaut. An der schmalen Endseite des Parks erhebt sich ein stattliches zweistöckiges Ziegelsteingebäude mit großer aus gehauenem Kalkstein eingerahmter Tür, dem Empirestil noch zuzurechnen. Die "Vieille Montagne" erwarb das Anwesen von Fräulein Maria Brückner aus Aachen am 1. November 1848, um über das Wasser des Tüljebaches und der beiden Stauweiher verfügen zu können. Die Fabrik "Gansmühle" be- stand damals aus vier Gebäuden : einer Färberei mit Stallungen, einer Spinnerei, einer Walkmühle und Stallungen mit einer früheren Färberei. Fräulein Brückner hatte das Gut kurz zuvor aus der Erbschaft Schümer erhalten. Der Herr Schümer wiederum hatte "die Mühle zu Kelmis" am 6. Messidor des Jahres X (25. Juli 1802) erworben, wahrscheinlich vom Stolberger Kupferschlägermeister Wuppermans, der noch 1799 erwähnt wird. Im französichen Kataster vom 4. Prairial des Jahres VII (24. Mai 1799) wird Jean Pierre Wopperman, Kupferhändler aus Stolberg, als Besitzer zweier Mühlen, jeweils mit Weiher, in Kelmis angegeben. Im theresianischen Kataster von 1770 erscheint er schon als Besitzer von drei Mühlen und zwei Weihern, wofür er einen jährlichen Erbzins von 4 Müdden (Scheffel) Hafer, umgerechnet 9,82784 Hl, der herzoglich- limburgischen Verwaltung schuldet. Im.Kelmiser Grundbuch von 1756 kommt ein "Heere Woepermans" vor, als Besitzer der Mühle "t'vosselock" mit Weiher und eines zweiten Weihers mit der Mühle, die früher Paulus Lerssens gehört hat. Eine Mühle wird schon 1627 in "het vossenlock" erwähnt. Nach 1848 wurde das große Gebäude von der "Vieille Montagne" als Büro, Labor und Beamtenwohnung benutzt. Hier wohnten u.a. Ober- ingenieur Max Braun und der bekannte und beliebte Knappschaftsarzt, der 1838 in Blasbach bei Wetzlar geborene Dr. Wilhelm Heinrich Fried- rich Molly, der von der "Vieille Montagne" am 28. August 1863 als As- sistent des Dr. Bleissner engagiert wurde. Ab 1868 ersetzte er praktisch seinen kranken Vorgesetzten. Er wurde am 1. August 1881 zum ersten beigeordneten Bürgermeister von Preußisch Moresnet ernannt. Sein sprichwörtlicher Einsatz zugunsten der Kranken wurde 1891 durch Be- förderung zum Sanitätsrat und 1904 zum Geheimrat anerkannt. Be- kannt ist er auch als einer der Urheber des Versuches, im Oktober 1886 eine Lokalpost mit eigenen Briefmarken in Neutral- Moresnet einzufüh- ren. Diese Initiative wurde unter Berufung auf das Staatsmonopol über die Post seitens der Kgl. Verwaltungskommissare nach höchstens acht
24 Tagen unterbunden. In den Jahren 1907-1910 gründete Dr. Molly eine internationale Esperantogruppe mit der Unterstützung des französischen Studienrates Gustave Roy. Nach seiner Teilnahme am preußisch-franzö- sischen Krieg 1870-1871 wurde er Mitbegründer des Moresneter preu- ßischen Kriegervereins. Während des Ersten Weltkrieges hatte der preu- ßische Kgl. Verwaltungskommissar für Neutral Moresnet am 2. Oktober 1916 im Alleingang den in Preußisch-Moresnet wohnenden Dr. Wilhelm Molly als Gemeinderatsmitglied in Neutral-Moresnet ernannt. Auch der Sohn, Dr. Carl Molly, wurde am 5. November 1917 zum Mitglied des Neutral-Moresneter Gemeinderates bestimmt. Nach Einmarsch der bel- gischen Armee und Übernahme der alleinigen Verwaltung durch den Kgl. belgischen Kommissar wurden beide Ernennungen am 7. Dezember 1918. für nichtig erklärt. Dr. Molly verstarb 1919 und ist auf dem evangeli- schen Friedhof in Neu-Moresnet begraben. Hinter dem hohen Ziegelsteinbau befindet sich ein einstöckiges lan- ges Gebäude aus helleren Ziegelsteinen mit den typischen Fensterrahmen des 18. Jh. aus gehauenem Kalkstein, dem französischen Louis XIV nach- gebildet. Der Sockel besteht aus hellen gelblichen Bruchsteinen, die aus Quarzitlagen des Aachener Sandes gewonnen wurden, wie sie am Fuße des Heidkopfes vorkommen. Auch dieses schöne Gebäude gehörte zum Komplex der ehemaligen Kupfermühlen. Beide Anwesen wurden 1979/ 1980 vom Eupener Immobilienmakler Küchenberg vollständig saniert und in moderne Wohnungen unterteilt. Etwas weiter nach Osten ist noch in einem kleinen Park ein schönes Herrenhaus mit Bauernhof und Stauweiher, der jetzt als Fischweiher dient, zu sehen. Er dehnt sich da aus, wo früher eine der Stauanlagen der Kupfer- mühlen lag. Die "Vieille Montagne" hat auch 1849 in der Nähe geschürft: vier Versuchsschächte wurden geteuft, einer bis 28m, jedoch ohne Er- folg. An der Oberfäche hatte man hervorragenden Galmei auf alten Hal- den gefunden. Wahrscheinlich handelt es sich um die in der Franzosen- zeit angelegte Grube, die 1799 bei der Mühle von Wuppermans erwähnt wird. Zwischen Jansmühlener Park und Tüljebach ist auf einer Schutt- halde 1992-1993 die neue Kaserne der Kelmiser freiwilligen Feuerwehr errichtet worden. Sie wurde am 30. April 1996 feierlich eingeweiht. Am Ende des Platzes führt ein alter Pfad über Treppen, die "oosse trappe", zum Hergenrather Feld. Wir gehen zur Maxstraße zurück und folgen derselben bis zur Lütticher Straße. Rechts bemerken wir das 1984 eingerichtete Göhltalmuseum, das von der Gemeinde und der Göhltalvereinigung verwaltet wird. Die
25 Sammlungen sind vorwiegend dem hiesigen Bergbau und seinen Folgen gewidmet, wie z.B. dem sonderbaren Statut des streitigen "neutralen" Grenzgebietes von Moresnet. Die Bibliothek, prinzipiell Präsenzbibliothek, besteht ebenfalls aus Werken zur regionalen Geschich- te. Das villenartige Gebäude wurde 1909 als Wohnung für den aus Hellen- tal stammenden evangelischen Fabrikanten Reinhard Bruch vom Aachener Architekten Eversheim errichtet. Bruch hatte 1874 mit Erfolg eine Filztuchfabrik an der "Schleifmühle" im Ortsteil Tülje gegründet. Am 6. April 1962 wurde das Anwesen mit Park von der Gemeindever- waltung Neu-Moresnet erworben, die das Gemeindehaus hierher ver- legte. Nach den Gemeindefusionen ( 1. Januar 1977) blieb die Villa lan- ge leer, bis sie 1984 zum Museum eingerichtet wurde. Wir erreichen wieder die Lütticher Straße. Vor uns auf der früher neutralen Seite steht ein schönes Haus aus den bekannten Bruchsandsteinen mit rechteckigen Tür- und Fensterrahmen aus gehauenem Kalkstein, dem französischen Louis XVI entsprechend. Der Keilstein des Türsturzes trägt die Inschrift "IHS-ILN.M.C.P. - 1765". Im theresianischen Kataster ist 1770 der Schmied Joannes Nyssen als Eigentümer dieses Hauses angegeben. Der- selbe ist schon als Grundeigentümer im Kelmiser Grundbuch von 1756 eingetragen. Er hat das Haus von Anthoen Claessen "aen den steinwegh" erworben, aber 1765 da "een nieuwe huyss" gebaut. Am 31. August 1761 heiratete er in Moresnet die Maria Catharina Pütz. Das neue Haus wur- de also vier Jahre nach der Heirat gebaut. In den Jahren 1809-1818 ist Peter Joseph Nyssen, wohl ein Sohn des Ehepaares, ebenfalls Schmied, Besitzer und Einwohner der "smet op de Pavey" bzw. "op Hazard". Er wird noch bis 1839 als Grundeigentümer mit 20 F steuerbarem Netto- einkommen, "revenu net imposable", angegeben. Im folgenden Jahr und bis 1845 erscheint seine Witwe als Landwirtin, "cultivatrice", an seiner Stelle. Im Jahre 1847 ist der Schreiner Peter Sporck Eigentümer des Gutes. Ab 1857 ist das Haus unterteilt worden und der Reinertrag des Sporck wird von 20 F auf 19 F reduziert. Ab 1860 bezahlt er die Patentsteuer als Schenkwirt. Ein Enkel des Ehepaars Nyssen-Pütz, Pe- ter Joseph Nyssen, Hufschmied, "mar&chal", wird 1849 unter den Steuer- baren ohne Grundbesitz angegeben bis 1860, in welchem Jahr er mit 1 F Reinertrag an Grundbesitz geschätzt wird. Er wohnt im Haus Nr. 2, heu- te Nr. 158, das heute noch ungefähr im ursprünglichen Zustand erhalten ist. Wenn wir der Lütticher Straße noch ein Stück in Richtung Aachen folgen, entdecken wir dieses in der Bauweise von ca. 1850 errichtete Haus. Vor kurzem wurde der Türsturz vom Zementputz befreit und fol-
26 gende Inschrift kam dadurch ans Tagelicht : "P.I.N. M.K.W. - 1853". Der zweite Peter Joseph Nyssen hat also sein Haus mit seiner Ehefrau 1853 gebaut und wurde erst 1860 dafür besteuert ! & Anke DE ; \ X 5 8 3 N \e x -1 | ; min "N a. YA Die alte Schmiede aus dem Jahre 1765 In einem der Nachbarhäuser befand sich bis mindestens 1922 ein Minoritenkloster. Etwas höher erreichen wir den unteren Eingang zum Friedhof, der hier 1883-1884 angelegt worden ist und am 15. Juli 1884 durch den Dechant von Aubel eingesegnet wurde. Im Jahre 1892 scheiterte eine geplante Erweiterung wegen der erwarteten Teilung des neutralen Ge- bietes. Der Bau eines Leichenhauses wurde 1896 vom Gemeinderat be- schlossen und 1897 durchgeführt. Die geplante Erweiterung des Fried- hofs wurde nochmals 1913 als absolut notwendig betrachtet, konnte aber erst 1919 von der belgischen Verwaltung durchgeführt werden. Vorhin befand sich der alte Friedhof in einer Delle in der Nähe der Kirche. Er mußte aufgegeben werden, weil das Gelände zu feucht war. Es dauerte aber bis zum 15. Februar 1921, ehe der Gemeinderat beschloß, das alte Friedhofsgelände gesetzlich seiner Zweckbestimmung zu entziehen. Die Überreste des hochw. ersten Pfarrers Aloys Flemincks wurden zum neu- en Friedhof übertragen, wo das Denkmal noch zu sehen ist. Auch das
27 1863 durch Subskription aufgestellte Erinnerungsdenkmal an Bürger- meister Arnold de (bzw. von) Lasaulx (Amtszeit 1802-1858), der in sei- nem Geburts- und Wohnort Moresnet 1863 begraben wurde, ist hier wiedererrichtet worden. Wir gehen jetzt die Lütticher Straße wieder hinunter. Vor einem freien Grundstück sehen wir rechts ein großes aus dunklen Ziegelsteinen erbautes Haus, das 1856 dem Lehrer Peter Lambert Frantzen gehörte und das damals von vier Familien, insgesamt 16 Personen, bewohnt war. Mit der nächsten Häuserreihe beginnt das Kelmiser Geschäftszentrum. Ein Teil der Häuser weist noch die übliche Bauweise der Zeit um 1850 auf. Bei einem hat der Eigentümer neuerdings ein Baujahr "1865" wie- der angebracht. Dabei ist ihm leider ein Irrtum passiert. Ich habe näm- lich selbst im Jubeljahr 1958 die alte Inschrift notiert : " L. S. I. K. - 1875". Der Bauherr ist ein Mitglied der Familie Schmitz (Laurenz?). Das ältere Nebenhaus, heute Schenkwirtschaft "Alt Kelmis", gehörte 1860 der Witwe Heinrich Schmitz, die in Hergenrath wohnte. Alle Häuser der ehemaligen Neu-Moresneter Seite sind verhältnismäßig spät entstanden. Eine Parzellierung aus einem Grundstück des früheren Bauernhofs "Hazard" hatte die "Vieille Montagne" hier wohl vorgenommen und schon 1852 daraus 6 Grundstücke verkauft. Nach der Karte der Gesellschaft aus dem Jahre 1862 ist aber bis dahin noch kein Haus dort errichtet worden. Wir wollen jetzt die Kirchstraße hinaufgehen. An der linken Ecke steht ein hohes zweistöckiges Ziegelsteinhaus mit Verzierungen, das der Un- ternehmer Nicolaus Emonts 1912 baute, wie die Inschrift mit Kreuz aus farbigen Ziegelsteinen am Giebel bezeugt. Etwas höher lag der Bauern- hof Timmermann, der einzige im neuen Dorfkern, der vor einigen Jah- ren abgerissen und durch ein großes Mietshaus mit Geschäftsräumen ersetzt wurde. Seine Wetterfahne trug die Jahreszahl "1911". Die Kirchstraße wurde von der "Vieille Montagne" in der 1850 von Dederen-Francois gekauften Wiese parallel zur Kapellstraße angelegt. Im Grundbuch wird sie 1852 als "Neustraße" bzw. "nouvelle rue ä construire” erwähnt. Im Jahre 1856 dagegen, "chemin des Archers", Bogenschützenstraße, da die gegründete "Societ& des Archers St Sebastien" hier ihr Lokal gegenüber dem jetzigen Gemeindehaus hatte. Entlang der neuen Straße wurde dann auch parzelliert und gebaut. Im Jahre 1862 standen schon 12 Gebäude, darunter die neue Schule, "Ecole Saint Louis", die seit 1952 als Gemeindehaus dient. Die "Vieille Montagne" hatte das Gebäude 1856 aus dunklen Feldziegelsteinen bau-
29 en lassen. Die Schule wurde am 29. Oktober 1857 feierlich eingeweiht. Das Gebäude wurde der Gemeinde Neutral- Moresnet am 25. Oktober 1872 von der "Vieille Montagne" vor Notar Johann Baum, Aachen, ge- schenkt. Der Wert des 19 Ar 49 m2 großen Grundstücks mit Garten, Spielplatz und Schule wurde auf 116 Thaler, d.h. 348 F, geschätzt. Schwestern von Notre-Dame aus Namür, die auch bis Juni 1940 ihr Kloster mit Hauskapelle im Gebäude hatten, unterrichteten die Mädchen in zwei Klassen und übernahmen auch den Kindergarten. Die Knaben wurden von zwei Lehrern unterrichtet. Von Anfang an besuchten mehr als 400 Kinder die Schule, im Jahre 1895 waren es 452 und 1908 zählte die Schule in fünf Klassen nicht weniger als 607 Kinder. Nach dem Anschluß an Belgien blieben die Schwestern Lehrerinnen an der Gemeindeschule für Mädchen, ein eigenartiger Fall. Sie wurden im Juni 1940 von den deutschen Behörden ausgewiesen. Die Inschrift "Ecole Saint Louis" an der Stirnseite wurde auch ausgemeißelt. Bei der Über- nahme des Gebäudes als Gemeindehaus wurde sie durch die jetzige Ausschmückung mit dem Wappen Belgiens, der Jahreszahl 1952 und dem Spruch "L'union fait la Force" (Einigkeit macht stark) ersetzt. Gegenüber der Schule befand sich die Kaplanei im ehemaligen Lokal der Bogenschützen (bis 1857), nachdem 1858 der Bischof Kaplan Phi- lipp Segers ernannt hatte. Das Gebäude wurde 1960 von der Gemeinde veräußert und vom Käufer Pierre Collette abgerissen, um dem großen Mietshaus mit Geschäftsräumen Platz zu machen. Auf dem angrenzenden Kirchplatz wurde 1862-1865 die neugotische Mariä Himmelfahrtskirche gebaut. Die feierliche Grundsteinlegung fand am 18. Mai 1863 statt und die feierliche Einweihung durch den Lütticher Bischof Mgr. de Montpellier am 3. Oktober 1865. Neben dem linken Seiteneingang zur Kirche steht das Denkmal für den "plattdütschen" Kelmiser Bischof Mgr. Jean FRYNS. Als Sohn einer einfachen Arbeiter- familie in Kelmis am 3. Juli 1910 geboren, fühlte er die priesterliche Berufung und trat dem Orden der Priester vom Heiligen Geiste bei. Er studierte Theologie an der Gregorianischen Universität in Rom und wurde dort in der Basilika Sankt Paul am 12. Juli 1936 zum Priester geweiht. Von 1937 bis 1946 lehrte er Theologie am Scholastikat seines Ordens in Löwen und wurde anschließend Provinzial des Ordens für Belgien. Nach einer Reise zu den Missionen in Belgisch Kongo verstärkte sich sein Wunsch, selbst Missionar zu werden. Er mußte aber zuerst noch ab Ok- tober 1955 das Universitätsseminar seines Ordens in Freiburg (Schweiz) leiten, bis er dann im November 1956 zum Kongo ziehen konnte, wo er
31 Nachdem der alte 1858 eingerichtete Friedhof 1921 amtlich aufgege- ben worden war, konnte der Kirchplatz erweitert werden. Dies geschah aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Vertiefung diente eine Zeit- lang als Mülldeponie und wurde anschließend mit Bauschutt aufgefüllt. Auf einem planierten Teil konnte im November 1948 das Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkrieges eingeweiht werden. Der Platz wurde 1950 erweitert und 1988 vollständig neu gestaltet. Am östlichen Ende entstanden zwei Supermärkte und ein großer Parkplatz. Neben der Kir- che stand bis 1979 das ehemalige Kloster der Dominikanerinnen, hier als "weiße Schwestern" bekannt. 8 8 N N ea | 5 WE Pfarrkirche und Kloster der Dominikanerinnen (Karte gestempelt 1916) Nachdem Dominikanerinnen aus der Kölner Gegend im April 1901 ein Noviziat zur Ausbildung der Schwestern, die in Kalifornien missionieren wollten, zuerst in der Kirchstraße eingerichtet hatten, be- schlossen sie 1904, ein großes Kloster mit Hauskapelle in der Nähe der Kirche zu bauen. Hier haben sie dann auch am 14. Juli 1909 eine Privat- schule eröffnet, die wegen der Überbevölkerung der Gemeindeschule großen Erfolg hatte. Im Jahre 1911 wurden die Dominikanerinnen dann in das Gemeindeschulwesen miteinbezogen. Durch ihr überstrenges Regiment waren sie von den Kindern gefürchtet. Nachdem sie noch vor- übergehend unter der belgischen Verwaltung im Einsatz geblieben wa-
32 ren, wurde ihnen im April 1921 als deutschen Staatsangehörigen gekün- digt. Kurz darauf verließen die Dominikanerinnen Kelmis, um sich in Altenhohau, Bayern, niederzulassen. Das "Kloster", ein hoher Ziegel- steinbau, erwarb die Gemeinde 1924. Es diente als Schulraum und Lehrer- wohnung. Um 1985 wurde es abgerissen, um dem jetzigen 1988 einge- weihten Ensemble von Gendarmerie mit Wohnungen und Postamt Platz zu machen. Ü ; =. VA Sl A x - Ed RAN A En } Can EZ A + wm | ALS X - FL ii, BR WS SA a DE Cr ES eb I . RE nn Val WS N Da | En SE ale Ab 3 di Wa % RE I — \ SU a “m RnB S E ES = Zi f Pi 18 mx Da A 3 3500a iR SE, DS DEE SH A En x = Rn wo 5 Blick auf Gemeindeschule und Peter-Kofferschläger-Siedlung Etwas höher sehen wir den langgestreckten Bau der Gemeindeschule, die hier 1955 errichtet wurde, nachdem die Gemeinde dem Staat das in den dreißiger Jahren in der Parkstraße errichtetete Gebäude für die 1948 gegründete Staatliche Mittelschule verkauft hatte. Das Gebäude wurde noch für zwei getrennte Schulen konzipiert und so konnte es auch dem stark ansteigenden Gelände leicht angepaßt werden : Mädchenschule mit Kindergarten im unteren Teil, Knabenschule im oberen Teil, gemeinsa- me Turnhalle dazwischen. Später, 1962, wurde hinter der Schule von der Baugenossenschaft "Nos Cit&s" die Siedlung Peter Kofferschläger gebaut : sie zählt 28 Häuser und 20 Appartements. Ihre Benennung erin- nert an den ehemaligen Präsidenten der Baugenossenschaft, Bürgermei- ster Kofferschläger. Dieser war am 28. Juni 1910 in Neutral- Moresnet
33 geboren und einer der Mitgründer der Kelmiser JOC-Sektion im Jahre 1925. Von 1934 bis 1935 war er Propagandist des Vervierser Bezirks- verbandes und anschließend ständiger Sekretär der "Ligue des Travailleurs Chretiens", des Christlichen Arbeiterverbandes des Bezirks Verviers. Nach den Gemeinderatswahlen von 1938 zog er im darauffolgenden Januar für die christlich-demokratische Liste in den Gemeinderat und wurde zum 2. Schöffen gewählt. Kurz danach, am 11. Mai, starb Bürger- meister Victor Moyano. Mit knapp 29 Jahren wurde Peter Kofferschläger am 3. August zum Bürgermeister ernannt, damals der jüngste Belgiens. Nach dem deutschen Einmarsch und dem widerechtlichen Anschluß an das Dritte Reich durch "Führererlaß" vom 18. Mai 1940 verließ Koffer- schläger mit seiner Familie die Heimatgemeinde und ließ sich in Ensival bei Verviers nieder. Dort wurde er 1942 von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen eingeliefert, 1944 nach Neuengamme überführt. Nach seiner Befreiung konnte er körper- lich sehr geschwächt im April 1945 in sein Heimatdorf zurückkommen und anschließend das Bürgermeisteramt wieder aufnehmen. Als politi- scher Gefangener wurde er im Februar 1946, bei den ersten Parlaments- wahlen nach dem Kriege, Spitzenkandidat der Christlichsozialen Partei des Bezirks Verviers. Er wurde auch immer wiedergewählt und vertrat im Repräsentantenhaus, der "Chambre des Representants", sowohl die Christliche Arbeiterbewegung wie auch die deutschsprachigen Ost- kantone. Im Jahre 1955 war Kofferschläger auch zum Präsidenten der Föderation der Christlichen Krankenkassen des Bezirks Verviers gewählt worden. Ferner war er Präsident des Schulrates der 1948 gegründeten Staatlichen Mittelschule und trug noch einige Zeit vor seinem Tode maßgeblich zur Gründung der Kelmiser Sektion des Roten Kreuzes bei. Peter Kofferschläger verstarb am 13. September 1960 im Eupener Kran- kenhaus nach längerer Krankheit an Herz- und Nierenleiden, Folgen sei- ner KZ-Haft. Die Siedlung Kofferschläger ist nur eine der vielen Arbeitersiedlungen, die von der Baugenossenschaft nach dem Kriege angelegt wurden. Sie wurden alle ab 1952 vom 1860 gebildeten Siedlungskern ausgehend in nordöstlicher Richtung gebaut, so daß die in dem Bereiche vorhandenen kleinen Bauernhöfe verschwanden und die Gemeindegrenze nach Neu- Moresnet überschritten wurde. Die Baukampagne von 1952 bis 1982 erbrachte den Bau von 270 Häusern und 157 Appartements, wovon 123 verkauft wurden. Danach trat aufgrund von Sparmaßnahmen der Regie-
34 rung bei der Nationalen Wohnungsbaugesellschaft eine Ruhepause ein. Wir verlassen den Kirchplatz durch die 1987 angelegte Poststraße und sehen links das 1973-74 errichtete neue Pfarrhaus und etwas näher zur Kirche die 1964-65 gebaute Vikarie/Kaplanei. Am Giebel eines alten Hauses ist 1990 eine Gedenkstätte der Veteranen König Leopolds III. errichtet worden. Am Eingang der jetzigen Poststraße stand früher das sogenannte "spritsehüske". Dieses Gerätehaus der 1894 gegründeten frei- willigen Feuerwehr wurde 1911 gebaut und diente noch nach dem Zwei- ten Weltkrieg. Es wurde am 5. August 1982 abgerissen. An der Wege- gabelung steht nun auf einem Rondell das ästhetisch nicht besonders geglückte Denkmal zum Kelmiser Karneval mit seinem Wahrzeichen, dem "Küsch". . Wir biegen jetzt links in die "Klosterstraße" genannte Gasse ein. Rechts steht die Häuserreihe "Schnellenwind" : typische Häuser des 18. Jhs. aus Bruchsandstein mit stichbogigen Tür- und Fensterrahmen aus gehaue- nem Kalkstein. In der Mitte trägt der Keilstein der Tür die Inschrift " AO 1777 - IH S ( in einer Sonne) G.K. A.B.N." . Gerard Caan/Kaan hatte Anna Barbara Nissen am 29. November 1755 in Moresnet geheiratet und ist höchstwahrscheinlich der Bauherr dieser Häuserreihe. a x 1 u 7 ß Zu ss“; FA Aa N fer Wa BO AU Er 1. ug 8 3 Li Mir ( VL A | SE Fr AP Zu4 A DA { Sn u a BD Dh LE na 1 AN IR * Ay 28 UN An E18 | 8 4 4} Ü ; MIN BA be a Die Klosterstraße, früher "'Schnellenwind"'
35 Wir gehen nun die Albertstraße bis zur Kreuzung hinunter. Das Eckhaus war 1856 die Schenkwirtschaft Dederen-Francois. Es wurde später in eine Apotheke umgewandelt. Hier ist am 27. Dezember 1890 als Sohn des Apothekers Emil Dovifat der spätere Professor für Publizistik an der Freien Universität Berlin, Emil Dovifat, geboren. Dovifat war schon 1928 Professor für Zeitungskunde an der Universität Berlin, bis er 1934 von den Nazis vertrieben wurde, Er war auch stark in der Katholi- schen Aktion engagiert und nach dem Kriege Mitbegründer der Berliner CDU. Dovifat verstarb in Berlin am 8. Oktober 1969. Vater Dovifat war vom 6. Februar 1896 bis zum 13. Mai 1899 Mitglied des Neutral- Moresneter Gemeinderates. Die Familie verzog dann nach Köln. Die Apotheke wurde von Gottfried Barth übernommen, der am 17. Mai 1899 auch in den Gemeinderat und zum beigeordneten Bürgermeister ernannt wurde. Im Jahre 1905 verließ auch er Neutral-Moresnet. Sein Nachfol- ger Karl Kahlau wurde am 13. Februar 1907 zum Gemeinderatsmitglied und am 25. Juli 1910 zum beigeordneten Bürgermeister ernannt. Kahlau verzog 1913 nach Bonn. Später wurde die Apotheke lange Jahre von den Herren Cornely Vater, dann Sohn geführt. Wir biegen nun rechts in die Thimstraße ein. Das Eckhaus links, die Metzgerei Ahn, früher Drouven, trug bis zum Umbau als Baujahr die Jahreszahl "1914". Auch diese Straße wurde von der "Vieille Montagne" angelegt, und zwar noch vor der Kirchstraße. Den Namen erhielt sie vom langjährigen Direktor der (Neutral) Moresneter Betriebsstelle, dem in Venloo am 2. Juni 1824 geborenen Adolphe Van Scherpenzeel-Thim. Thim hatte an der berühmten "Ecole des Mines" der Universität Lüttich studiert und war Mitbegründer der "Association des Inge£nieurs de Liege". Er wurde am 15. August 1846 von der "Vieille Montagne”" als Ingenieur engagiert und 1847 zum Direktor der Zinkhütte von (Neutral-) Moresnet ernannt. Ab dem 28. März 1853 oblag ihm zusätzlich die Aufsicht über die rheinischen Hütten zu Mülheim und Borbeck, wohin er als Direktor am 1. Juni 1859 übersiedelte. Er war der große Förderer des gesellschaft- lichen Lebens in Neutral-Moresnet, u.a. Bau der Kapelle 1845, Initiative zur Ernennung eines ansässigen Kaplans 1854, zur Gründung einer ei- genen Pfarre 1858, zum Kirchenbau. Am 26. August 1854 wurde er von den Kgl. Verwaltungskommissaren zum beigeordneten Bürgermeister er- nannt und übernahm weitgehend die Geschäfte des schon betagten Bür- germeisters Arnold von Lasaulx. Nach dessen Rücktritt wurde er dann auch am 10. März 1859 zum Bürgermeister ernannt. Das Amt konnte er nicht lange beibehalten, da er kurz danach nach Mülheim verziehen muß-
36 te. Im Jahre 1871 kam er nach Belgien zurück, um die Zinkhütte von Valentin-Cocq bei Hollogne-aux-Pierres zu leiten. Van Scherpenzeel- Thim verstarb am 20. Mai 1877. Während des letzten Weltkrieges haben die deutschen Behörden unter dem NS- Bürgermeister Josef Kriescher aus Neu-Moresnet die Thimstraße in "Straße des 18. Mai" umbenannt, um an das Datum des "Führererlasses" zu erinnern, wodurch das ehema- lige Neutral-Moresnet widerrechtlich mit Eupen-Malmedy dem 3. Reich angeschlossen wurde. Mit dieser einseitigen Maßnahme trat das Reich nicht nur den Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 (Artikel 32) sondern auch den Aachener Grenzvertrag vom 26. Juni 1816 (Artikel 17) mit Füßen. Dies geschah noch vor der Kapitulation der belgischen Armee am 28. Mai 1940. * X La Calamine‘ Rus Thim — MS, ZZ ; ; VIE A $* } j 12T 8 AR “gl ANY EZ | Be = 7 og a! . = Se 7 | va»W: mE IE . 11 EL a N MM 1 AM a) n A tr zz A a £ 7 vi 7 > "ei Da AU 8 Die Thimstraße in einer Vorkriegsansicht Wir wollen jetzt die Thimstraße hinaufgehen. Hier soll auch vermerkt werden, daß zu oft (auch von den Anwohnern!) der Name dieser Straße falsch mit "Thym" geschrieben wird, in voller Unkenntnis seines Ur- sprungs. Die meisten Häuser sind im Laufe der Zeit mehrmals umgebaut worden. Im unteren Teil ist wohl rechts ein großes Doppelhaus ungefähr im alten Zustand geblieben: der jetzige Obst- und Gemüsehandel Wetzels.
307 Das Haus wurde vom Unternehmer Joseph van Hauten gebaut, der sich 1859 im Neutralen niedergelassen hatte. Nach der Erneuerung des Katasters und der Aufstellung der Urkatasterkarte im Jahre 1860 erscheint er nach der Gesamtgemeinde Moresnet, der "Vieille Montagne" und zweier Landwirte als der fünftreichste Grundeigentümer von Neutral- Moresnet mit 159,92 F Reinertrag von 8204,8 F. insgesamt, d.h. 1,95%. Er wurde am 28. April 1864 in den Gemeinderat ernannt, am 6. Juni 1874 aber von den Kgl. Verwaltungskommissaren als zurückgetreten angesehen, da er seit 1872 keiner Sitzung mehr beigewohnt hatte. Sein am 4. Juli 1859 in Neutral - Moresnet geborener Sohn Aloys van Hau- ten, ebenfalls Bauunternehmer, wurde am 18. März 1896 in den Gemeinderat ernannt und am 7. Januar 1923 als einer von vier der elf alten Gemeinderatsmitglieder durch die erste Wahl bestätigt. Auf Grund- lage des Eingliederungsgesetzes vom 15. September 1919 konnten die bisher deutschen Mitglieder des Gemeinderates weiter tagen, insofern sie auf ihr Optionsrecht, die deutsche Nationalität beizubehalten, ver- zichteten. Van Hauten und sein Kollege Gerhard Schmetz reichten die- sen Verzicht am 1. März 1920 ein und legten am 14. Mai mit allen ihren Kollegen, 4 Belgiern und 2 "Neutralen", den Eid auf "Verfassung und Gesetze des belgischen Volkes" ab. Vom 10. Januar 1921 bis zur ersten Gemeinderatssitzung nach den Wahlen, am 7. Februar 1923, war er Schöffe. Nach dem Kriege war van Hauten Mitbegründer und erster Präsident des konservativen "Cercle catholique". Aloys van Hauten war 1901 zum Kommandanten der ge- meinsamen freiwilligen Feuerwehr von Neutral- und Preußisch-Moresnet gewählt worden, der er 1895 kurz nach der Gründung beigetreten war und bis zu seinem Tode am 4. April 1925 vorstand. Ungefähr gegenüber dem ehemaligen Haus van Hauten treffen wir auf die Wegegabelung zur "Stiefelgasse", wahrscheinlich aus "rue de la Botte" rückübersetzt. Diese Benennung hatte der Kelmiser Gemeinderat nach dem Ersten Weltkrieg festgelegt in Anlehnung an die Flur- bezeichnung " a jene bot" ! In Wirklichkeit rührt dieser Flurname von der plattdeutschen Bezeichnung für einen alten Baumstumpf her. Im Volksmund heißt die Gasse "de vlue jats" (Flohgasse), was die Anwohner natürlich nicht begeistert. Das kleine senkrecht zur Thimstraße verlau- fende Stück war früher links vom Bergkanal begleitet, der, von der Albert- straße kommend, dort die Thimstraße überquerte und weiter durch den Park noch verläuft. Im Laufe der Zeit ist dieser vorhin offene Kanal nach und nach überdeckt worden. Die obere Thimstraße war ursprünglich
38 nur halb so breit, wie noch auf der Besiedlungskarte von 1862 gut er- kennbar ist. Sie wurde erst 1873 verbreitert, nachdem die Kgl. Verwaltungskommissare der Gemeindeverwaltung am 27. Oktober ihr Einverständnis zum Ankauf des hierzu notwendigen Grundes von den Anwohnern gegeben hatten. Im Juli 1897 erst beschloß die Gemeinde, die Rinnen der Thimstraße zu pflastern; bis dahin waren sie scheinbar nur offene Gräben. An der oberen Ecke, eben "a jene bot", erreicht die Thimstraße die alte "naeberstraet", d.h. die Straße die von den Eigentümern, den "Nach- barn" der angrenzenden Grundstücke, zu unterhalten war. Dieser Straßen- zug gehörte zum alten Landweg von Henri-Chapelle nach Aachen, der von der Göhlfurt unweit des Ortsteils Hof über die heutige Heide, die Parkstraße, die Patronagestraße, den Kahnweg und Hattich führte. X N A f A B BE ES "Am Tannenbaum'', ehemals ein Bauernhof Zwischen Dörnchen und Bott standen überhaupt noch keine Häuser im Jahre 1862. In der gegenüber verlaufenden Moresneter Straße be- stand nur der Bauernhof "am Tannenbaum", daher auch die alte Bezeich- nung "Tannenbaumstraße", die 1922 auf die Gasse hinter den Häusern "a jene bot" übertragen wurde. Dieser Bauernhof gehörte 1860 dem "Ackerer" Johann Anton Thielen-Hermans, dem drittreichsten Grund-
39 besitzer mit 241,42 F Reinertrag, d.h. 2,94% des Gesamtreinertrages. Im Jahre 1840 ist die in Preußisch-Moresnet wohnende Witwe Nicolas Hermens, wahrscheinlich die Schwiegermutter des Johann Thielen, Ei- gentümerin des Gutes Tannenbaum mit 149 F Reinertrag. Zusätzlich ist diese Witwe auch mit 6 F Reinertrag für den auf neutralem Gebiet lie- genden Teil des Bauernhofes Hazard angegeben, wo sie wahrscheinlich wohnte und das von den Erben an die "Vieille Montagne" veräußert wurde, wie wir vorhin gehört haben. Ihr Mann, der 1838 noch lebte, erschien seit 1824 als Besitzer des Gutes. Im Jahre 1855 wurde der Aus- bau der Straße Moresnet-Kelmis über Boschhausen vom Moresneter Gemeinderat schon ins Auge gefaßt und als wichtiger als derjenige der Straße Moresnet-Montzen angesehen. Im Neutralen schien man eher den Straßenzug über Dörnchen und Bau vorzuziehen. Am 14. Juli 1866 be- willigt der Neutral-Moresneter Gemeinderat die Instandsetzung des Tannenbaumweges, allerdings nur bis Wolfskaul. Am 20. März 1874 reichen 27 Einwohner ein Gesuch an den Gemeinderat, um die Instand- setzung des unbefahrbaren Tannenbaumweges zu verlangen, obschon Plan und Kostenanschlag für die Arbeit schon am 3. April 1872.von der "Vieille Montagne" fertiggestellt worden waren. In den folgenden Jah- ren gibt es noch Schwierigkeiten mit den Eigentümern der anliegenden Grundstücke, die für die Erbreiterung anzukaufen sind. Im Jahre 1879 findet eine Volksversammlung statt und es wird erneut ein Gesuch an den Gemeinderat eingereicht. Kurz darauf billigt der Neutral- Moresneter Gemeinderat das von der Lütticher Provinzialregierung festgelegte Pro- jekt, doch erst am 18. April 1882 wurde der Zuschlag zur Durchführung der Arbeiten des "Brandenhövelsweges" an Mathias Francois erteilt. Die jetzige Trasse der Moresneter Straße wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg ausgebaut. Vom Tannenbaum können wir über die 1964-1966 angelegte Europa- Siedlung die Kreuzung an der Patronagestraße erreichen, die wir nun hinuntergehen. Wir treffen bald rechts auf das hohe zweistöckige Gebäude der "Patronage Saint Louis", das 1911 gebaut wurde, wie die Jahreszahl ober- halb des Torbogens zum Spielhof bezeugt. Es ist die Heimstätte der Pfarr- und Jugendwerke, ein Werk des rührigen, im Jahre 1904 ernannten, aus Homburg gebürtigen Kaplans J. Bosch (1876-1910). Dieser hatte eine immer größer werdende Schar, bis 75, männlicher Jugendlichen zur religiösen und sozialen Erziehung um sich geschart, die er schon 1908 außerhalb der Kaplanei im gemieteten Hause Wiertz,
40 später Hack, in der Kirchstraße sonntäglich versammelte. Auf seinen Antrag hin empfahl der Bischof von Lüttich die von Bosch vorgesehe- nen Geldsammlungen zugunsten des Baues eines Pfarr- und Jugend- heimes im Neutralen. Am 18. März 1910 schenkten die Erben der aus Kelmis stammenden Catherine Schoenauen vor Notar Nols in Aubel den Vertretern der Pfarrwerke ein Grundstück von 38 Ar am Ort "Vons- Ossenkop". Als Bedingung wurde festgehalten, daß an sichtbarer Stelle des Baues ein Stein mit der Inschrift "Stiftung Schoenauen" angebracht werde, der noch oberhalb der Eingangstür zur heutigen Schenkwirtschaft zu sehen ist. Ferner, daß das Gebäude den katholischen Jugendwerken dienen sollte. Die Pläne lieferte der junge Aachener Architekt Joseph Krützen; mit dem Bau beauftragt wurde der Kelmiser Unternehmer Ni-, kolaus Emonts. Der große Saal konnte am ersten Maisonntag 1911 sei- ner Bestimmung feierlich übergeben werden. Auf der Grundlage des Gesetzes von 1921 konstituierte sich nach dem Ersten Weltkrieg, am 10.12.1923, eine V.o.E. zur Verwaltung der Pfarrwerke. p HE REES ; # 4 . an REN ER > Se "a Var ZEARR N Sa Pu * A reg | Zu 04.0 | 109 000, 1 ME an AN ML ES OL G 2 SD \ ine Mi an Zn # - un tie De “ u = 8 A a ME WER er > Lid * Ta & ; SD {- : Lg 7 zo ) a Sa AP "rs Blick auf die Patronage (Bildmitte) und die Europa-Siedlung Miteingeplant bei dem Patronagebau war auch die Gründung einer freien katholischen Schule nach belgischem Muster, um den verheeren- den Schulverhältnissen in Neutral-Moresnet ein Ende zu machen. Dies
41 scheiterte aber an der Opposition der preußischen Behörden, die unbe- dingt das neutrale Gebiet unter Preußen und Belgien aufteilen wollten. Die Schulverhältnisse waren eines der Druckmittel, mit welchen sie die öffentliche Meinung für diese Teilung zu gewinnen meinten. Nach Ein- willigung der Kgl. Verwaltungskommissare konnte die Gemeinde doch einen provisorischen Vertrag mit den Dominikanerinnen schließen, die zwei Klassen der Knabenschule übernahmen. Sie zogen am 8. Mai 1911 mit ca. 100 Knaben in den unterteilten großen Saal der Patronage ein. Nach Ausbruch des Krieges, am 4. August 1914, wurde dieser große Saal als Lazarett mit 67 Betten benutzt und anschließend bis September in eine Kaserne für durchziehende deutsche Truppen umgewandelt. Ab dem 4. Oktober konnten wieder der Unterricht und die Jugendaktivitäten in der Patronage durchgeführt werden, bis im Februar 1915 das Gebäude erneut vom Militär besetzt wurde und als Kaserne für eine ca. 300 Mann starke Landsturmkompanie diente, die die belgische Grenze bewachte. Auch nach dem Kriege blieben zwei Klassen der Knabenschule in der Patronage un- tergebracht, bis die neue Schule in der Parkstraße 1939 bezugsfertig war. Während des Zweiten Weltkrieges konnte der juristische Berater des Bis- tums Aachen doch dem Pfarrklerus helfen, die Übernahme des Gebäudes durch die NS-Organisationen zu verhindern. Dabei dienten ihm die bei der Stiftung vorgesehenen Bedingungen als Rechtsmittel. Das Gebäude wurde 1965 dank des rührigen Einsatzes des damaligen Kaplans H.-J. Kalpers durch den Bau einer Bibliothek mit kleinem Saal für kulturelle Veranstaltungen erweitert. Auch der kleine Abstellraum auf dem Hofe wurde 1966 durch neue Räumlichkeiten für die Patrojugend ersetzt. Im Jahre 1993 wurde ein Vertrag zwischen der Gemeindeverwaltung und der V.o.E. der Patronage geschlossen mit dem Ziel, den großen Saal vollstän- dig umzubauen und den neuen Erfordernissen anzupassen. Die feierliche Eröffnung des neuen Festsaales fand am 20. August 1994 statt. Etwas weiter erreichen wir rechts einen Parkplatz vor einer zur Straßen- bauflucht zurückstehenden Häuserreihe aus dunklen Feldziegelsteinen "a jen vons", die der gegenüberliegenden Straße ihren früheren Namen gab. Vielleicht wohnte hier 1856 der aus Eupen kommende "Musiklehrer" Johann Palmatius Vontz, der mehrmals die Erlaubnis beantragte, Privat- unterricht zu erteilen, was ihm aber vom beigeordneten Bürgermeister Thim und von den Kgl. Verwaltungskommissaren verboten wurde. (Eine wahr- scheinlichere Namensdeutung ist aber die Ableitung von einem Flurnamen, da sich im Korrespondenzblatt des Kreises Eupen vom 25. Januar 1833 eine Verkaufsanzeige für ein Haus "an der Vons" findet. Boileau -
42 Toponymie dialectale du nord-est de la province de Li&ge - leitet den Na- men von "Von(t)s" ab = kleines Gebäck, kleines Mitbringsel bzw. Ge- schenk von der Reise oder vom Markt. "A jen Vons" wäre so gesehen der Ort, wo man solch süßes Gebäck bzw. kleine Geschenke kaufen konnte). Die aus Bruchsteinen bestehenden Giebel weisen auf einen älteren Bau hin. Das Anwesen gehörte der alteingesessenen Familie Timmermann. Bei der Anlage des Urkatasters im Jahre 1860 werden vier Mitglieder dieser Familie als Grundeigentümer angegeben, wovon zwei schon 1824 begütert waren. Während des Krieges hatte die deutsche Behörde die Patronagestraße in "Arnold von Lasaulx Straße" umbenannt. Da dies mit großer Verbitterung seitens der katholischen Bevölkerung empfunden wurde, sind später alle, Versuche gescheitert, einer Kelmiser Straße wiederum den Namen des Zeit seines Lebens hochverehrten ersten Neutral-Moresneter Bürgermei- sters de (bzw. von) Lasaulx zu geben. Es ist aber nicht, weil die Nazis sich die Erinnerung an einen echten Edelmann angeeignet hatten, daß diese Erinnerung im heutigen Kelmis nicht wachgehalten werden sollte. Ich hatte es schon in meinem Referat vorgeschlagen, das ich am 20. September 1969 beim Festakt zur 50-Jahrfeier der Wiedervereinigung mit Belgien gehalten habe. Der auf Schloß Alensberg zu Moresnet geborene Arnold Thimothe&e Albert Francois Joseph de Lasaulx wurde daselbst am 24. Ja- nuar 1774 getauft. Sein Vater, Pierre Olivier Albert de Lasaulx, Grundherr zu Alensberg und Oberherr von Gemmenich, Lizentiat der Rechte der Uni- versität Löwen, Schöffe beim Hohen Rat zu Limburg, gehörte einer alteingessenen limburgischen Familie an, die aus Clermont stammte. Sei- ne Mutter, Maria Amalia Emerence de Mylius, war die Tochter des Johan- nes Henric Arnold de Mylius, Herr zu Schwartzenberg und Rat der freien Reichsstadt Köln. Durch Präfektorialbeschluß vom 12. Thermidor des Jahres X (31 Juli 1802) wurde von Lasaulx, 28 Jahre alt, zum Bürgermei- ster von Moresnet (mit Kelmis) ernannt. Nach Einmarsch der Alliierten wurde er am 1. Februar 1814 in seinem Amt bestätigt, wie auch erneut nach der Übernahme der Verwaltung durch Preußen, am 15. Juni 1814. Nach der Teilung von Moresnet blieb er in seinem Schloß Alensberg im belgischen Teil wohnen, obschon er ab 1817 als Bürgermeister des preu- ßischen Teils formell ernannt worden war. Im Neutralen blieb er durch stillschweigendes Einvernehmen der Vertreter der beiden Mächte "provi- sorisch" in Amt. Dieses Provisorium sollte bis zu seinem Rücktritt am 21. Februar 1859 fortdauern. Er war ca. 57 Jahre Bürgermeister und starb am 18. Juli 1863 in Moresnet-Boschhausen, wo er seit 1823 wohnte.
43 Bis 1850 war er Bürgermeister von Preußisch-Moresnet geblieben und von 1823 bis 1847 auch von Hergenrath. Nach seinem Amtsjubiläum 1852 wurden seine Dienste von beiden Mächten anerkannt : Er war sowohl Träger des preußischen Roten-Adler-Ordens wie auch Ritter des belgi- schen Leopoldordens. Anläßlich der Einsetzung des Gemeinderates am 7. September 1854 sagte der Kgl. belgische Kommissar, Richter Mathieu Cremer aus Verviers, von ihm: " Ces fonctions si penibles (de bourgmestre) ont te remplies par lui avec tant d'intelligence et d'une mani&re si 6quitable que son administfation n'a jamais donne lieu ä la plus petite r&crimination.” Wir biegen jetzt in die obere Albertstraße ein. An der linken Ecke steht das Gebäude des ehemaligen Kinos "Pax", heute Sporttrainingszentrum der Deutschsprachigen Gemeinschaft. In der sehr breiten Geschäftstraße sind auch fast alle 29 um 1860 ge- baute Häuser im Laufe der Zeit umgebaut worden. Die Häuserreihe der Wolfsgasse - Impasse du Loup - erinnert noch an die damalige Bauweise. Davor verläuft in Richtung Thimstraße der überdeckte Bergkanal, der hier die Straße überquert hat. Er fließt hinter dem früheren Kino, von der Patronagestraße und dem Kahnweg kommend, wo er noch vor dem Krie- ge offen lag. Wir gehen die Albertstraße weiter hinunter bis zur wichtig- sten Kreuzung des 1855-1860 neu gebildeten Siedlungskerns und biegen links in die Kirchstraße ein. Auch in dieser wichtigen Geschäftsstraße sind fast alle Häuser teilweise in den allerletzten Jahren neuaufgebaut und auf- gestockt worden. Bei einem der Neubauten rechts ist glücklicherweise der Türsturz mit der Jahreszahl "1852" in einer liegenden Raute wieder- verwendet worden. Das Haus wurde mit den anliegenden vom Unterneh- mer Guillaume Prevöt gebaut, der 1860 in Dison wohnte. Hier haben lan- ge Jahre die Bäckermeister Jongh ihr Geschäft geführt. Johann Joseph Jongh erscheint erstmals in der Liste der patentzahlenden Bäcker im Jahre 1859 und wohnte damals im Hause Nr. 55 mit fünf anderen Familien, darunter ein Metzger und ein Schenkwirt. Erst 1862 wird er als Grund- eigentümer gemeldet. Wir erreichen wieder den Kirchplatz, das heutige Herz des Markt- fleckens, und beenden hier diesen Rundgang. Nachtrag: In unserem ersten Beitrag (Im Göhltal, Nr. 61, S.31 ff.) sind folgende Korrekturen anzubringen: - S. 35, 5. Zeile unter dem Bild, lies: Louis XIV; -S. 40, 2. Zeile, nach ”Lontzen” einfügen: L 3 —M 15; - S. 48: die Bilduntertitel sind vertauscht.
44 Tirili von Maria-Theresia Weinert Der kleine Vogel Tirili ach, wie schön er sang! Er saß in unserm Pflaumenbaum drei Frühlingswochen lang ... Und wenn des Mondes Silberlicht . hing überm Pflaumenbaum, schwieg Tirili noch lange nicht, er sang mich in den Traum. Im Traum sah ich: Der Ast war leer und leer das Vogelnest, und eines Morgens hing am Baum ein kleiner Federrest! Was sangst Du, Vogel, in der Nacht, verführt vom Mondeslicht? Die Katze, die Dich umgebracht, versteht so etwas nicht. O Mensch, bedenk bei solchen Sachen: Tu nichts, was andere auch nicht machen; das Ungewohnte kommt nicht an, und eines Tages bist Du dran!
45 GRENZEN, GRABEN UND GEBIETE Die historische Entwicklung der Aachen/Limburger Grenzen im Grenzwald von Heinrich von Schwartzenberg Vorwort EN ES Im Laufe der Zeit sind in der Zeit- nz A ) schrift "Im Göhltal” einige Einzelartikel 14% 4 ya über die Aachen/Limburger Grenzen er- | . FE 5 Rn A Ca \ schienen, so daß es angebracht erscheint, % Ex En WA £ "A einmal eine Gesamtdarstellung zu brin- |% a A fi gen. Da in dem nachfolgenden Aufsatz WEN 3 Em Z.T. auf die vorigen Artikel zurück- 8 AD gegriffen wurde, kann es hier und da zu % En ‚Hr ME 3 Wiederholungen kommen, die aber aus FR SS m Gründen einer gewissen Vollständigkeit Ge Ta { ! unerläßlich sind. Nach einer Übersicht Ka "oe LM über das Aachener Reich und seine Nach- ag u | barn wird im einzelnen auf die entstan- "EA AA denen Grenzgräben, auf die einzelnen Gebiete sowie auf die Grenztürme und die verschiedenen Grenzsteine eingegangen. Eine Übersichtskarte verdeutlicht die Standorte der vorgenannten Objekte. Das Aachener Reich und die Landgräben Im Jahre 1166 wurde Aachen durch Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) mit dem Marktrecht mit Abgabefreiheit ausgestattet, was soviel bedeutete, daß Aachen nunmehr Stadtrechte besaß und sich zu einer freien Reichs- stadt entwickelte (1). Am 10. Mai 1336 bestätigte Kaiser Ludwig IV. die Zugehörigkeit der um Aachen gelegenen Dörfer zur Stadt Aachen. Das Aachener Reich war damit manifestiert (2). Etwa 80 Jahre später begann man, das Aachener Reich, das aus dem Glockenklang (eingepfarrtes Gebiet) und den Quartieren Berg (Laurensberg), Soers, Vaals, Orsbach, Haaren, Weiden und Würselen be- stand, mit einer schützenden Landwehr (Landgraben) zu umgeben (Her- stellung von 1419 bis 1453).
47 am Beeck, an der Preus (Adamshäuschen), an Linzenshäuschen, in Verlautenheide, am Wamich (Gut Wambach), in Würselen-Morsbach, am Hirsch (Laurensberg) und in Vaalserquartier. Viele vermuten auch in der Orsbacher Burg einen Wachtturm des Aachener Reiches (5). An Straßen und Wegen befanden sich Durchlässe, die mit Schlagbäu- men und Sperrketten, Grindel genannt, abgesichert waren. Im Aachener Wald, an der Süd-West-Seite, hat sich die Grenze des Aachener Reichs mehrfach verändert, was mit den Expansions- bemühungen der Aachener zusammenhing. Bereits im Jahre 1357 bestätigte Karl IV. mit seiner "goldenen Bulle" den Aachenern u.a. das freie Verfügungsrecht über ihr Waldeigentum, was zu dieser Zeit im Süd-Westen gewiß noch nicht sehr umfangreich war (s. unter A) (6). Nachbarn der Aachener im Westen und Süd-Westen waren Vaals, das zum Land Herzogenrath und später zu den Niederlanden gehörte, sowie die limburgischen Banken Montzen (bis 1447 Sinnich-Völkerich) und Walhorn. Letztere war aus einem Königshof entstanden, der 1072 in den Besitz des Aachener Marienstifts gekommen war (7). Es ist zu vermu- ten, daß auch zu dieser Zeit der nahe bei Aachen gelegene Wald aus der königlichen Oberhoheit in das freie Eigentum der Stadt überging (8). Die Verwaltung und Nutzung des zwischen Aachen und den Gemeinden der Bank Walhorn gelegenen sog. Reichswaldes geschah gemeinsam. Jeder holte sich praktisch das Holz, das er brauchte. Da die Bevölkerung Aachens damals ständig zunahm und entsprechend auch der Holzbedarf stieg, ist es nicht verwunderlich, daß es zu ständigen Streitigkeiten mit den Nachbarn kam und Aachen auf Expansion seiner Waldgebiete drängte (10). 1431 wird eine Grenzlinie genannt, die von der alten Vaalser Kirche über den Dreiländerpunkt bis zum Durrenbaum (Nähe Grüne Eiche) führte. Diese Grenze, die über den Höhenkamm verlief, wurde wahrscheinlich etwa 1545 mit einem nur wenige Spatenstiche tiefen Graben und mit Adlersteinen versehen (Hoheitsgrenze) (s. unter D) (11). Vorher (1423) hatte König Sigismund in einer Urkunde, die eine andere von 1391 bestä- tigte, den Aachenern ein Nutzungsrecht zugesprochen, das bis zur Göhl reichte. Als Philipp der Gute von Burgund im Jahre 1439 in Aachen zur Heiligtumsfahrt weilte, nahm er anschließend das betreffende Gebiet mit Gewalt an sich, so daß es für Aachen verloren war (s. unter B) (12). Endlich, im Jahre 1611, waren die Expansionsbemühungen Aachens von Erfolg gekrönt. Am 20. April 1611 kam es zu einem Vertrag zwi-
48 schen Albert, Erzherzog von Österreich und Herzog von Limburg, und der Stadt Aachen, nach dem Aachen ein zusätzliches Stück des Reichs- waldes und der Preus erhalten sollte (13). Der Vertrag bedeutete u.a. die Vorverlegung der Aachener Grenze um gut einen Kilometer in das Ge- biet der limburgischen Banken Walhorn und Montzen. Die Bank Montzen wehrte sich erfolgreich dagegen und erreichte 1615, daß Aachen von ihrem Gebiet nichts erhielt (14). So kam es, daß die neue Grenze nur von Grüne Eiche bis zur Lütticher Straße vorverlegt worden ist und daß sie dort mit einem scharfen Knick entlang der Lütticher Straße bis zur alten Grenze lief (Äußerer Landgraben, s. unter E). Das umstrittene Montzener Gebiet kam als Pufferzone zwischen Aachen und Montzen an die herzogliche Domäne und wurde seitdem, Königswald genannt (s. unter F) (15). Bleibt noch zu erwähnen, daß die Nachbarn von Aachen, die BankenWalhorn und Montzen bis 1794 zwar immer zum Herzogtum Lim- burg gehört haben, daß aber dieses Herzogtum seit 1288 nie selbständig war. Es gehörte durch seine wechselvolle Geschichte nacheinander zu Brabant, Burgund, Habsburg (Österreich), ab 1555 zu Spanien und ab 1714 wieder zu Österreich. In eine Waldkarte von 1885 wurden vom Verfasser die historischen Grenzen, Gräben und Gebiete sowie Türme und Grenzsteine an der Aachen-Limburger Seite eingezeichnet. In den Erläuterungen zur Karte wird nach den entsprechenden Symbolen näher auf die Einzelheiten ein- gegangen. (S. Karte S. 54-55). Erläuterungen zur Karte: GRENZEN UND GRÄBEN A. Der Melatengraben (fossa metatoria), erwähnt 1346 (16) In der Nähe von Heldruh (beim Dreiländerpunkt) gibt es ein recht- eckiges Wiesenstück mit der Flurbezeichnung Melatengraben. Prof. Liese, ein Kenner des Aachener Waldes, hat 1930 in seiner Schrift "Vom Aachener Stadtwald" dargelegt, daß diese Bezeichnung, die auch noch anderen Grabenresten im Aachener Wald anhaftet, eigentlich wohl Metatengraben = Grenzgraben heißen müsse. Er stellte die Vermutung auf, daß es sich bei dem Melatengraben, der sehr unregelmäßig etwa von Heldruh in Richtung Hirtzplei verlief, um einen frühen Aachener Grenzgraben gehandelt habe. Gestützt wird diese Annahme durch Ein- tragungen in den Aachener Stadtrechnungen aus dem 14. Jh., in denen
49 von einem Graben die Rede ist, der durch einen großen Pflug gezogen bzw. erneuert wurde. Auffallend bei dieser Hypothese ist , daß Aachen dabei nur einen rela- tiv kleinen Teil des Waldes in Eigentum hatte, was zu den späteren Expansionsbemühungen geführt haben kann. Wegen des unregelmäßi- gen Verlaufs und wegen fehlender Belege wurde auf die Einzeichnung des Melatengrabens in die Karte verzichtet. Lediglich Beginn und Ende wurden angedeutet. (An der Südseite des Wiesenstückes "Melatengraben" bei Heldruh - Ausbuchtung der heutigen Grenze - steht noch ein Grenzstein der ehe- maligen Gemeinde Laurensberg. Hier verlief also die Aachen/ Laurensberger Grenze). B. Grenze bis zur Göhl (1391/1423) (17) Wie bereits erwähnt, gehörte nach einer Urkunde des Königs Sigismund von 1423, die eine andere von 1391 bestätigte, zum Aachener Reich ein Gebiet, dessen Grenzen wie folgt beschrieben werden: "Von Reinardskehl durch Gemmenich zur Göhl, diese aufwärts über Moresnet und Kelmis, - einschließlich des dortigen Galmeibergwerks Altenberg-, dann unter die damalige Brücke von Hergenrath durch und weiter die Göhl aufwärts bis zum Wesselbend, von da über Kalkofen (Steinkaul), Bickelstein und Neudorf südwärts etwa über Vennkreuz zur Weser, diese und den einfließenden Klapperbach aufwärts und weiter bis in die Nähe von Reinartshof, den Eschbach abwärts zur Weser, diese aufwärts nach Petergensfeld, von da über Münsterbildchen zur Inde und weiter nach Lichtenbusch und schließlich über den Burtscheider Busch wieder zur Reinardskehl." (Nach Gielen: Zwischen Aachener Wald und Münsterwald, Eupen 1975, S. 32/33) M.E. dürfte es sich nur um die Beschreibung einer Nutzungsgrenze gehandelt haben, die nicht lange Bestand hatte. Als nämlich Philipp der Gute von Burgund 1439 zur Heiligtumsfahrt in Aachen weilte, nahm er das Gebiet mit dem begehrten Galmeibergwerk mit Gewalt an sich. Aachen hat versucht, sich dagegen zu wehren, indem es eine Art militärische Demonstration unternahm. Die Aachener Chronik berichtet darüber für das Jahr 1439: "Damals ritten die Herren von Aachen mit den Mannen im Reich voll gewappnet zu Pferd und zu Fuß auch dahin und lagerten ihr Volk an allen Enden, die sie dazu im Wald für nötig erachteten ..."
50 Diese Aktion hat die burgundische Seite wohl mehr erheitert als er- schreckt, und so kam es, daß die Nutzungsgrenze wieder zum Höhen- kamm im Aachener Wald zurückverlegt wurde. Der Grenzverlauf der "Göhlgrenze" wurde wegen des großen Um- fangs nicht in die Karte eingezeichnet. Er ist jedoch bei Flach, "Untersu- chungen zur Verfassung und Verwaltung des Aachener Reiches ...", Göttingen 1976, in Karte 2 erfaßt (17a). Wegen des Galmeibergwerks kam es im Jahre 1815 zwischen Preu- ßen und den Niederlanden erneut zu Grenzdifferenzen (s. unter XII). C . Der Innere Landgraben (etwa 1424) (18) Die nachfolgend beschriebene Landwehr wurde erst nach der Er- richtung des Landgrabens von 1611 "Innerer oder Inwendiger Land- graben" genannt. Der Innere Landgraben hatte folgenden Verlauf: Vom Vaalser Berg in Richtung Wachtturm Beeck, Friedrichwald, Wachtturm Adamshäuschen, Hochgrundhaus, Ronheide, Gut Grindel, Wachtturm Linzenshäuschen über Hirtzplei zur Burtscheider Grenze am Elleterweg. N A DE Di SA WC \ Ai DL ASS WE c 7 FE 4 a N vs DAN £ “A ® Od FO De H“ fi En E Be C 7 CE % ee We P. On WE N WE A an wm en Sa Wa En, Ol A } ; ae ES F= ACH Bizarre Buchen am Friedrichwald
51 7 A « Al Ms x. 4“ EEE EN Dt AB N X N k Da, SR Sn SE A N BEN JE TR A ; ee E E ET De EN Di + A AT a er & WE A WAS N Es BE : A A ek 7 Ve EN , a. n #3 . a a ur 1 We Fa 5 k MV A Harfenbuche am Grindelweg Der Beginn der Herstellung ist für 1424 anzusetzen, da er wahrschein- lich zusammen mit dem Teilstück Senserbach-Vaals errichtet worden ist. Von diesem Teilstück heißt es nämlich im Jahre 1424, daß der Grund und Boden des Gutes Paffenbroich durch den Landgraben geteilt wurde, so daß man die Genehmigung erhielt, ihn mit einem verschließbaren Grindel zu überbrücken. Der Landgraben von 1424, der die Wiesen und Felder vom Aachener Wald trennte, bildete wahrscheinlich zu dieser Zeit die Hoheitsgrenze, während die Nutzungsgrenze über den Höhenkamm verlief (s. unter D). Vom Inneren Landgraben sind heute noch viele Teilstrecken zu erken- nen (s. gezackte Linie in der Karte). D. Grenze von 1431/1545 (19) Im Jahre 1431 wird eine Grenzlinie genannt, die folgenden Verlauf hatte:
52 Alte Kirche in Vaals, St. Hoebrechtsboek (Buche auf dem Hubertus- oder Vaalser Berg), Preus, St. Agatha-Eiche, Entenpfuhl, Steinknipp (Pel- zerturm), Hirtzplei, Königsberg, Durrenbaum (Nähe Grüne Eiche). Man nimmt an, daß diese Grenze, die ziemlich geradlinig über den Höhenkamm verlief, etwa 1545 mit einem nur wenige Spatenstiche tie- fen Graben und mit Grenzsteinen versehen worden ist und somit von der Nutzungs- zur Hoheitsgrenze wurde. Einige Adler-Grenzsteine sind noch vorhanden (s. Abschn. Adler- Grenzsteine). Das Gebiet vor dieser Grenze gehörte zur Preuse bzw. zum Reichs- wald, der zeitweise von Aachen und Walhorn gemeinsam genutzt wor- den ist. Vom Dreiländerpunkt bis Bildchen hatte diese Grenze folgende . Funktionen: 1555-1714: Grenze zwischen dem habsburgisch-deutschen und dem nie- | derländisch-spanischen Reich. (Kaiser Karl V. hatte 1555 das Gesamtreich geteilt zwischen seinem Bruder Ferdinand I. und seinem Sohn Philipp II.). Von Bildchen bis Durrenbaum entsprechend: 1555-1611 Grenze zwischen dem habsburgisch-deutschen und dem nie- derländisch-spanischen Reich. (1611 Vorverlegung dieses Abschnittes (s.Abschn. E. Äußerer Landgraben) 1714-1794: Grenze zwischen dem habsburgisch-deutschen und dem nie- derländisch-österreichischen Reich. 1798-1814: Grenze zwischen den französischen Departements Ourthe und Roer (mit den Gemeinden Aachen und Laurensberg) 1815-1920: Grenze zwischen dem preußischen Kreis Eupen und den preußischen Gemeinden Aachen und Laurensberg (desgl. von 1940 - 1944). Ab 1920: Reichsgrenze zwischen Deutschland und Belgien (Ausnah- me: ab 1922 bei Bildchen, S. unter XII. E._Äußerer Landgraben von 1611 (20) Im Jahre 1546 hatte Aachen scheinbar Glück, als es bei der Auftei- lung der Nutzungsrechte 3/4 des Preuswaldes zugesprochen bekam. Aber diese Regelung wurde 1577 wieder aufgehoben, so daß es beim Grenz- verlauf (D) über den Höhenkamm blieb. Wie bereits erwähnt, waren die Expansionsbemühungen Aachens erst im Jahre 1611 von einem Teilerfolg gekrönt worden. Nach dem Vertrag
53 zwischen Limburg und Aachen sollte die neue Grenze vom Dreiländer- punkt über Bildchen nach Grüne Eiche verlaufen. Durch den Protest der Bank Montzen wurde der dortige Gebietszuwachs im Jahre 1615 rück- gängig gemacht. So kam es, daß die Grenzvorverlegung nur im Gebiet der Bank Walhorn (von Bildchen bis Grüne Eiche) vollzogen worden ist und daß an der Lütticher Straße der scharfe Grenzknick entstand. Die Lütticher Straße trennte dort vorher die limburgischen Banken Montzen und Walhorn. WE z 7 - #5 4 A BO & ‘7 31 3 5 } / EA | LAN 5 | Se Br 066% HR | & A (BE gs . :e FA Ä Nam 1 x 0 al dl 1a Au WR 4 A #109 06 6 M DRG \ ET IM Harfenbuche am Äußeren Landgraben (Nähe Zyklopensteine) Der Vertrag von 1611, der erst 1616 ratifiziert worden ist, beinhaltete zunächst nur die Nutzungsrechte für Aachen, während Limburg die Ge- richtsbarkeit über dieses Gebiet behielt (20a). Erst ab 1748 übte Aachen
E 4 EN DZ AS A sr AN Ve AAN Fa EA NS Zi fe We f Ks As TAN N AN Zn 7 a GE VAN N U ( NE N rel VUN ZA DA N XL ES SLR EN CO /Z CF TEN NEL \ A A SA A OS ZUfLPAEAGB = SE = ER ZN NASE NEE SZ VS RN SS HEBEN ir 4 AZ ART CENT KENN ANNE OK VAL | BB LA NE EL A INGE SS X ATS LETESZEESTELESNE ESEL Tl SEAN BEE EEK ST HEERES NASEN ARE in AS AD NS: 4 EA ETZER A NE AK U CA AL AZ ESEL DEN) || ES a SSL Ar - Sn. EZ EZB AA — el AL ER DEN Oz ZEN SS AA AZ DEE AED | re Su FAZ ES Ds Y U an Os ER: ZEN sa DL 7 ZU DS: 2 AS 2 CS HE EZ a SAN | Hm nme VE A BF KR TS FR . I A ZZ a a £
5% 1611-1714: Nutzungsgrenze zwischen dem Aachener Reich, das zum habsburgisch-deutschen Reich gehörte, und dem niederlän- disch-spanischen Reich (Herzogtum Limburg). 1714-1748: Nutzungsgrenze zwischen dem Aachener Reich und dem niederländisch-österreichischen Reich. 1748-1798: Hoheitsgrenze zwischen dem habsburgisch-deutschen und dem niederländisch-österreichischen Reich. 1798-1814: Grenze zwischen den französischen Departements Ourthe und Roer. 1815-1920: Grenze zwischen dem preußischen Kreis Eupen und der Stadt Aachen (desgl. von 1940-1944). Ab1920 _Reichsgrenze zwischen Deutschland und Belgien (Ausnah- me: ab 1922 bei Bildchen, S. unter XIII ). F. Die Königswald-Grenze (21) Wie bereits erwähnt, hat die limburgische Bank Montzen sich 1615 erfolgreich gegen die Vorverlegung der Aachener Grenze gewehrt. Aber auch für Montzen war es nicht der große Gewinn, denn das umstrittene Gebiet kam als Pufferzone zwischen Aachen und Montzen unter die herzogliche Obhut. Seitdem wird dieses trapezförmige Waldstück Königs- wald genannt. Aachen ist m.E. gleich nach 1611 hingegangen und hat -wie im Walhorner Abschnitt- auch an der vermeintlich neuen Grenze des Montzener Abschnitts Adler-Grenzsteine gesetzt. Bei der Rückgängigmachung im Jahre 1615 wurden diese wahrscheinlich zer- stört und durch die sog. Burgunder-Grenzsteine ersetzt (s. Abschn. Bur- gunder-Grenzsteine). Prof. Liese hat 1930 noch mehrere zerstörte Adler- steine gesehen. Heute sind nur noch einige Stumpen zu erkennen. G. Der Landgraben der "Neunzig Morgen" (22) Nach dem Vertrag von 1611 bekam Aachen auch außerhalb der Linie Bildchen-Köpfchen noch Waldzugewinn, u.a. die sog. Neunzig Morgen die durch einen kleinen Landgraben abgeteilt wurden, der heute noch zu erkennen ist. Die "Neunzig Morgen" wurden mit der Auflage verkauft, daß sie mit einem "absonderlichen Graben" von den anderen Büschen abzusondern seien.
% 58 GEBIETE (In der Karte S. 54-55 mit römischen Zahlen bezeichnet) I. Zwischen Vaalser Kirche und Landgraben (23) Nach der Grenzbeschreibung von 1431 war die alte Vaalser Kirche mit ihrem aus dem 11. Jh. stammenden Turm (23a) ein Grenzpunkt des Aachener Reiches, so daß ein Teil des heutigen Vaals damals zu Aachen gehörte. Etwa 1424 ging Aachen hin und legte auch im Vaalser Bereich als Schutz einen Landgraben an. Wohl aus topografischen Gründen erfolgte die Anlegung des Landgrabens nicht genau auf der Grenze, so daß ein Teil des Aachener Gebietes außen vor blieb, was sich 1663 bei der Festlegung der Grenze für Aachen als nachteilig erweisen sollte. Auch die Ländereien des Gutes Paffenbroich wurden durch den Landgraben getrennt, so daß der Rat der Stadt Aachen dem Münsterstift als Eigentü- mer des Gutes gestattete, Grund und Boden durch eine verschließbare Brücke (Grindel) zu verbinden. Politisch gehörte der nicht zu Aachen gehörende Teil von Vaals zum Land Herzogenrath, das 1137 durch Heirat dem Herzogtum Limburg einverleibt wurde. Durch den Partagevertrag von 1661 war u.a. auch das Land Herzogenrath zwischen Spanien und die Niederlande aufgeteilt worden, wobei die Dreibank Vaals/Holset/Vijlen als Exklave an die Nie- derlande kam und seitdem von den Haag aus regiert wurde. Bei der Festlegung der Grenze im Jahre 1663 konnte Aachen sich nicht durchsetzen und verlor das Gebiet zwischen der alten Kirche und dem Landgraben. Bei Aachen blieb also nur das heutige Vaalserquartier. An der Akenerstraat 2 steht noch ein Adler-Grenzstein (s. Titelbild). II. Der Nachbarholz-Bezirk Vaalserquartier (24) Das in der Karte mit II bezeichnete Gebiet war ein Nachbarholz-Be- zirk, in dem die in der Nähe wohnenden Berechtigten das nötige Holz - vor allem Brennholz - unentgeltlich abholen durften. Allerdings, ganz so unentgeltlich war die Holzabgabe doch nicht, denn die "Nachbarn" waren oft verpflichtet, Fronfuhren zu leisten, die Förster zu unterstüt- zen, Wege zu räumen und auszubessern usw. Dieser Bezirk war einer von zwei, die nach der Waldordnung von 1760 noch übrigblieben. Zwei Nachbarholz-Steine sind noch an Ort und Stelle vorhanden (s. Abschn. Nachbarholz-Steine).
55 II. Die Preuse (25) Das Gebiet III ist ein Teil des Preuswaldes, der in der Nähe des Drei- länderpunktes auf deutscher, belgischer und niederländischer Seite liegt. Mit den Preußen hat das Wort nichts zu tun. Es kommt vom mittelhochdeutschen "prisen-brise" = schnüren, einschnüren und bedeu- tet soviel wie Einfassung oder Grenze. Der Preuswald ist also ein Grenzwald. Der darin befindliche Friedrichwald hat seinen Namen nicht von dem Vornamen Friedrich, sondern von der Einfriedung (Umzäunung), die dieser Wald um 1520 erfuhr. Die Aachener sicherten damit ihre Rechte gegenüber der Bank Montzen, mit der sie bekanntlich wegen der Nutznießung des Preuswaldes öfter in Streit lagen. IV. Der Nachbarholz-Bezirk Lütticher Straße-Revierweg (26) Dieses fast rechteckige Gebiet, das zwischen dem Inneren Landgraben und der Grenze von 1545 lag, war auch einer jener Bezirke, die nach der Waldordnung von 1760 noch übrigblieben. Hier hatten die Bewohner der Aachener Heide Nutzungsrechte. Die West- und die Ostgrenze waren fast mit der Lütticher Straße bzw. dem heutigen Revierweg identisch. Im Kreuzertal, früher Dreikreuzertal genannt, stehen heute noch im Abstand von 60 m auf einer Linie fünf Steine mit der Aufschrift "Nachbarhultz". Sie tragen die Nummern N 6, N 7, N 8, N 9 und N 10. Durch die Existenz dieser Steine kann man m.E. heute noch im Kreuzer- tal die alte Aachen/Walhorner Grenze genau bestimmen (s. Abschn. Nach- barholz-Steine). V. Ein ehemaliger Nachbarholz-Bezirk (27) Das mit V bezeichnete Gebiet war nach der Waldkarte von 1760 ein ehemaliger Nachbarholz-Bezirk. VI. Der Bäckerkauf (28) Nach der Waldkarte von 1760 war das mit VI bezeichnete Gebiet z.T. ein ehemaliger Nachbarholz-Bezirk. Der größte Teil gehörte jedoch zum sog. Bäckerkauf.
60 Zum "Bäckerkauf” berichtet Meyer im zweiten Ausgabe seiner "Aachener Geschichte" (1781): "Infolge der Waldordnung von 1760 ist das Kreuzertal in 20 Holz- schläge durch ebensoviele Merksteine eingeteilt, deren einen der Rat jährlich zum Behuf der Stadtbäcker und wer sonst aus der Bürgerschaft hierzu Lust hat, in viele Nummern zerstücken und dem Meistbietenden gegen Stellung eines Bürgen stückweise verkaufen läßt." Es durften also nicht nur Bäcker von diesem Waldstück profitieren. Wer aufmerksam den Grenzweg vom Köpfchen zum Bildchen durch- ” wandert, kann - außer den Adlersteinen und den herrlichen Restbuchen des Landgrabens - numerierte Merksteine entdecken, die etwa fünf Meter von der heutigen Grenze stehen. Sie gehören wahrscheinlich zu jenen 20 Merksteinen, von denen Meyer 1781 berichtet. (s. auch Abschn. Bäcker- kauf-Steine). VII. Der Königswald (29) Dieses trapezförmige Gebiet, das 1611 Aachen zugeteilt werden soll- te (s. unter F), gehörte bis 1794 zum Herzogtum Limburg, das bis dahin eine wechselvolle Geschichte hinter sich hatte. Dieses Herzogtum ge- hörte nacheinander zu Brabant, Burgund, Habsburg (Österreich), ab 1555 zu Spanien und ab .1714 wieder zu Österreich. 1798 wurde der Königswald dem französischen Departement Ourthe angegliedert. Durch den Wiener Kongreß (1815) erfolgte die erste Teilung. Die Spitze des Dreiecks von Neutral-Moresnet (s. unter XII) reichte bis zum Drei- länderpunkt. Eine kleine Ecke kam dadurch zu den Niederlanden bzw. 1830 zu Belgien. Der östliche Teil wurde Preußen (Kreis Eupen) zuge- schlagen. Im Jahre 1920 kam der Königswald zunächst ganz zu Belgien, bis 1922 wieder ein Teil an Aachen und damit an Deutschland fiel (s. unter XIII). Der belgische Teil des Königswaldes war von 1940 bis 1944 vorübergehend wieder deutsch. Es wurde bereits erwähnt, daß das Gebiet des Königswaldes (im We- sten und Süd-Westen) mit den sog. Burgunder-Grenzsteinen markiert wurde (S. unter Burgunder-Grenzsteine). VII. Die "Neunzig Morgen" (30) Dieses Gebiet und noch andere Gebiete, die außerhalb der Linie Bild- chen-Köpfchen lagen, erhielt Aachen auch nach dem Vertrag von 1611.
61 Weil diese Distrikte von Aachen aus schwer zu übersehen und zu kon- trollieren waren und zur Erreichung einer ziemlich geraden Grenze, ent- schloß man sich am 7. August 1634, an Arnold Schuyl 1489 Morgen Wald für 28 800 brabantische Gulden zu verkaufen. Anschließend ver- kaufte Arnold Schuyl einige Parzellen an die Gemeinden Hauset, Hergenrath und Astenet. Auch bei Raeren erhielt Aachen im Jahre 1611 Waldgebiete, die aber auch etwa 1753 veräußert worden sind. IX. Burtscheid (31) Im Jahre 997 wurde die Abtei Burtscheid durch Otto III. gegründet. Sein Nachfolger Heinrich II. schenkte der Abtei ein größeres Gebiet. In der Schenkungsurkunde von 1018 wurden die Grenzen genau festge- legt, die im wesentlichen ihre Gültigkeit bis zur Aufhebung der Abtei (1802), ja selbst bis zur Eingemeindung Burtscheids nach Aachen im Jahre 1897 behielten. An der Waldseite bildete der Elleterweg die Grenze zu Aachen, wäh- rend die Ostgrenze vom Beverbach gebildet wurde. Nach einem Protokoll von 1451 wurden von Eckenberg (Nähe Eupener Straße) bis zum Elleterweg 22 Aachener Grenzsteine ohne Adler gesetzt. Am Inneren Landgraben hörte man auf, weil zu dieser Zeit das Hoheits- gebiet des Aachener Reiches hier zu Ende war (31a) (s. auch Abschn. Burtscheider Grenzsteine). X. Forst (32) Forst war bis 1794 eine Unterherrschaft des Herzogtums Jülich. Die Südgrenze reichte vom Durrenbaum bis zum Hebscheider Hof. Nachdem Forst von 1794 bis 1814 eine französische Mairie gebildet hatte, war es von 1815 bis zu seiner Eingemeindung nach Aachen im Jahre 1906 eine preußische Bürgermeisterei. XI. Kornelimünster (33) Kornelimünster, eine Stiftung Ludwigs des Frommen aus dem Jahre 814, wurde später eine Freie Reichsabtei, die bis zum Jahre 1802 Be- stand hatte. Die Grenzen des Aachener Reiches und des Münsterländchens be- rührten sich im südlichen Aachener Wald nicht.
62 Nach der Auflösung der Abtei wurde das Münsterländchen in franzö- sische bzw. preußische Gemeinden aufgeteilt. Ein Teil des Münsterländchens mit dem Ort Kornelimünster kam bei der Gebietsreform im Jahre 1972 nach Aachen. XII. Neutral-Moresnet (34) Nach der Niederlage Napoleons wurde beim Wiener Kongreß im Jah- re 1815 das hiesige Gebiet neu aufgeteilt. Die Nord-Süd-Grenze bei Aachen wurde zwischen Preußen und den Niederlanden fast willkürlich gezogen, südlich vom Dreiländerpunkt sogar in doppelter Linienführung. Die doppelte Grenze bei Moresnet kam dadurch zustande, daß die Ar-. tikel der Wiener Abmachungen von Preußen und den Niederlanden unter- schiedlich ausgelegt wurden. Preußen las aus den Bestimmungen, daß die Süd-Nord-Grenze des Kantons Eupen verlängert werden sollte, bis sie auf den Dreiländerpunkt träfe. Die Niederlande meinten dagegen, daß vom Dreiländerpunkt aus in exakter Nord-Süd-Richtung eine Linie zu ziehen sei, bis sie auf die Grenze des Kantons Eupen stoße. Man konnte sich nicht einigen und erklärte den Streifen zwischen den beiden Grenzlinien "vorläufig" zum neutralen Gebiet. Dieses Provisorium dauerte allerdings bis zum Jahre 1920. Eigentlich wären die verschiede- nen Auffassungen für dieses kleine Gebiet gleichgültig gewesen, aber je nach Auslegung wäre ein Land in den Besitz des Galmeibergwerks ge- kommen. Galmei wurde zur Messingherstellung von beiden dringend benötigt. Es ist nur merkwürdig, daß in den ganzen Verhandlungen das Bergwerk, um das es eigentlich ging, nicht erwähnt worden ist. Die Grenzsteine von Neutral-Moresnet sind noch fast vollständig er- halten. (Durch die Teilung der Niederlande -1830/39 - wurde ab 1830 Belgien der westliche Anrainer von Neutral-Moresnet, das 1920 neben den Kreisen Eupen und Malmedy auch zu Belgien kam). XII. Bildchen (35) Nach dem Ersten Weltkrieg wurde im Jahre 1920 u.a. der Kreis Eupen und damit auch der Königswald (VII) zu Belgien geschlagen. Im Jahre 1922 erhielt Deutschland bei Bildchen einen sonderbaren Grenzsack zugesprochen, weil dort ein Grenzübergangsbahnhof für den Güterver- kehr gebaut werden sollte. Das Projekt kam nicht zur Durchführung, da man später feststellte, daß die Bahnhöfe Aachen-West und Montzen aus-
64 Auf der Grenzlinie von 1424 (C) befinden sich noch vier Türme: 1. Der Kirchturm der alten Vaalser Kirche, 2. der Wachtturm am Beeck, 3. der Wachtturm von Adamshäuschen (mit Adler und der Jahreszahl 1605), 4. der Wachtturm von Linzenshäuschen (mit Adler von 1700, der aller- dings von der alten Klause Linzenshäuschen stammt). Ferner befand sich früher ein Wachtturm in Vaalserquartier am Hof Garten (Turm 5), der wohl zur Absicherung der alten Vaalser Straße be- stimmt war. Dieses "Thürmchen" ist auf der Karte von 1885 noch einge- tragen. KA” N. 8 % 8 0 ZT Po BA = Bo Fa ELITE “er 2 zZ . A AZ ia AS Bir SZ „fr E a Dre A BA Sad af . A DA VE eh 5 Se N x W. ä 4 N KK 8 | A aM } ALM 15) A AL * 5 ak N Wachtturm am Inneren Landgraben am Beeck in Vaalserquartier
65 1: DEN JE 1A S BE 2 DE ; DR - NS Ka SR Y Va X KA ; N + Sa 2 e A X SA | 18 & Wachtturm Linzenshäuschen an der Eupener Straße ADLER-GRENZSTEINE (37) Auf der Grenzlinie Vaals-Durrenbaum (Nähe Grüne Eiche) (s. unter D) standen Anfang dieses Jh. noch 11 Adler-Grenzsteine, die wahrschein- lich um 1545 gesetzt worden sind und deren Standorte nachfolgend be- schrieben werden. (Fünf dieser Steine existieren nicht mehr): 1. Vaals, Akenerstraat 2, 2. Vaals, Schorenkopf (Nähe Wilhelminenturm), 3. Dreiländerpunkt. Dieser Stein wurde während des Ersten Weltkrieges angebohrt und mit Pulver gesprengt, 4. Moresneter Bittweg, 5. Bildchen, Gaststätte Braun, 6. Siebenwege. Dieser Stein wurde Anfang dieses Jh. ins Suermondtmuseum gebracht, wo er in den Wirren des Zweiten Welt- krieges verloren ging. 7. Steinknipp.Der Stein steht etwa 300 m südöstlich vom früheren Pelzerturm.
67 NACHBARHOLZ-STEINE (38) Im ehemaligen Nachbarholz-Bezirk Vaalserquartier (s. unter II) be- finden sich noch zwei Nachbarholz-Steine: 1. Am Dreiländerpunkt (Nähe belgischer Aussichtsturm), 2. am alten Gemmenicher Weg. Zwei weitere Steine wurden transloziert zu den Höfen Neukeller bzw. Eliashofen und sind dort eingemauert. Im ehemaligen Nachbarholz-Bezirk Lütticher Straße - Revierweg (s. unter IV) stehen im Kreuzer- FF PL PA} tal noch fünf Steine, die die ME Aufschrift "Nachbarhultz" und A N A die Nummern N6,N7,N8,N Sa N 0) 9undN 10 tragen. In der Nähe > N CS A] Et des Eberburgweges steht am 3 SE aa Inneren Landgraben noch ein EM Stein mit der Nummer N 9. Er MM N An ist das Gegenstück zum Stein Ba 5 $ N 9 aus dem Kreuzertal, sodaß zu vermuten ist, daß das Ge- 3 biet zwischen Kreuzertal und PS Innerer Landgraben durch die ä Nachbarholz-Steine geradlinig Nachbarholz-Stein im Kreuzertal an der unterteilt war. alten Grenze von 1545 BÄCKERKAUF-STEINE (39) Im ehemaligen Bäckerkauf-Gebiet (s. unter VI) stehen noch etliche Steine (etwa 5 m von der heutigen Grenze), die m. E. das Gebiet unter- teilten und von denen Meyer im Jahre 1781 berichtete. Zwischen Köpfchen und Bildchen wurden bisher gefunden: N 1. Beim Landesgrenzstein D-B 962. Dieser Stein stand wohl ursprüng- lich nicht dort. Er ist wahrscheinlich später für die Scheidung des Stadtwaldes und des Privatgrundstücks umgesetzt worden. Er trägt auch die Buchstaben A und T (A vermutlich für Aachen und T = Anfangsbuchstabe des Privateigentümers). N 5. Beim Landesgrenzstein D-B 962 (+ ca. 35 m), N6:= N zZ D-B 964 (- ca. 55 m), NSS % D-B 968 (- ca. 7 m),
71 Es erhebt sich die Frage, wann diese Steine, die eindeutig das Wald- eigentum der vorgenannten Gemeinden markierten, gesetzt worden sind. 3 7 75 x - AU bi AA 3 OO BR A : Fu > A A Mo A SAN N A AN OA ) ; A DA Ks ® Mo “ Var N Da La 2 Az. BON = Dr + OS ä Fan 8 SE 7 al DE Ss Nr u Ya ze A A &; CO . Vo Gemeindewald-Grenzstein in der Burgunderlinie mit „G“ für Gemmenich und „MT“ für Montzen Zur Geschichtssituation kann man sagen, daß der Wald, in dem die betreffenden Steine stehen, bis zum Jahre 1611 ganz zur limburgischen Bank Montzen gehörte. Durch das Expansionsstreben der Aachener in dieses Gebiet hinein - die Aachener Grenze sollte um ca. 1 km vor- verlegt werden - kam es, wie schon gesagt, zu einem Streit zwischen Montzen und Aachen, in dem es letztlich keinen Sieger gab. Das um- strittene Gebiet kam im Jahre 1615 an die Domäne des Herzogs von Limburg und wurde fortan Königswald genannt (vergl. unter VII). Das restliche Montzener Waldgebiet wurde gemäß Vertrag vom 17. Septem- ber 1615 - bestätigt am 16. Februar 1618 - auf die Pfarreien Montzen, Moresnet und Gemmenich aufgeteilt (42). Diese Regelung hat noch über das Jahr 1815 hinaus Bestand gehabt, wobei das Montzener Waldstück eine Exklave zum eigentlichen Gemeindegebiet bildete. Als nach dem Wiener Kongreß (1815) Preußen und die Niederlande sich nicht über das Gebiet der Kelmiser Galmeigruben einigen konnten, wurde Neutral-Moresnet geschaffen (vergl. unter XII).
72 Das Gelände zwischen der Ostgrenze von Neutral-Moresnet und der Aachener Grenze von 1545 wurde dabei dem preußischen Kreis Eupen zugeschlagen und kam kommunalpolitisch zu Preußisch-Moresnet. Der Königswald blieb als früherer herzoglicher Domänenwald Staats- wald, nur jetzt unter preußischer Hoheit. Das zwischen den Grenzen des Königswaldes und der Ostgrenze von Neutral-Moresnet liegende Waldgebiet wurde zwar preußisch, blieb aber weiterhin den neuen niederländischen bzw. ab 1830 belgischen Gemein- den für die Nutzung erhalten, genauso wie der Wald von Neutral-Moresnet (43). Gemeinden sind juristische Personen im Sinne des Rechts und kön- nen bei einem Staatsübergang nicht ohne weiteres enteignet werden. Als Preußen an der Ostgrenze von Neutral-Moresnet eine Schneise , für die Begehung der Grenzmarkierungen schlagen ließ, mußte es sogar die belgischen Gemeinden Montzen, Moresnet und Gemmenich entschädigen. Dabei wurde vermerkt, daß der Wald den drei Gemeinden gemeinsam und ungeteilt gehörte (44). Jede Gemeinde war also zu ei- nem Drittel beteiligt. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen u.a. die Ge- meinden Neutral-Moresnet (= Kelmis) und Preußisch-Moresnet zu Bel- gien, wobei Preußisch-Moresnet nunmehr Neu-Moresnet genannt wur- de. Von 1920 bis 1976 bildete die alte Ostgrenze von Neutral-Moresnet die Grenze zwischen Kelmis und Neu-Moresnet. Der Königswald wurde belgischer Domänenwald; jedoch mußte Bel- gien 1922 einen Teil desselben mit dem Weiler Bildchen an Deutschland zur Schaffung eines Güterbahnhofes abgeben. Zur heutigen Situation ist zu sagen, daß der Königswald belgischer Domänenwald geblieben ist und daß die Nutzung des Forstes vom Königswald westwärts größtenteils der im Jahre 1977 geschaffenen Groß- gemeinde Plombi&res zusteht, und das, obwohl die alte Westgrenze von Neutral-Moresnet heute die kommunalpolitische Grenze zwischen Plombi&res und Kelmis bildet. Die Großgemeinde Plombi@res, zu der u.a. auch Moresnet und Gemmenich gehören, hat ihren Verwaltungssitz in Montzen (45). Das Nutzungsgebiet dieser Gemeinde wird südlich etwa durch die alte Bahntrasse begrenzt. Südlich der alten Bahntrasse gelege- ne kleinere Waldstücke gehören der Gemeinde Kelmis. Es hat sich also bezüglich der Waldnutzung nicht viel geändert! Zum Zeitpunkt der Einsetzung der Gemeindewald-Grenzsteine gibt es zwei Versionen. W. Queck schrieb 1966, daß er festgestellt habe, daß in der Zeit um 1750 Kaiserin Maria Theresia in ihrer Eigenschaft als Landesherrin des
73 Herzogtums Limburg einen Teil ihres Staatswaldes unter die Gemein- den Kelmis und Moresnet aufgeteilt habe und daß dabei die Grenze mit den MT/K-Steinen (bei den jetzigen Landesgrenzsteinen B/D 1009 und 1006) markiert worden sei. Auf diese Grenze habe man auch 1922 bei der Schaffung des "Bildchener Grenzsackes" für den geplanten Güter- bahnhof zurückgegriffen (46). Diese Feststellung basiert m. E. auf mehreren Irrtümern, denn der Nachbarstein beim Landesgrenzstein B/D 1009 ist kein MT/K-Stein, sondern m. E. ein Walddistriktstein mit römischen Zahlen , wie es viele in diesem Bereich - vor allem in der Königswaldgrenzlinie - gibt (47). Außerdem bedeutet MT nicht Moresnet, sondern Montzen. Es ist auch nicht bekannt, daß die Kaiserin Maria Theresia Land- geschenke an die Gemeinden gemacht hätte. Es mag sein, daß bei der Grenzziehung im Jahre 1922 ab Landes- grenzstein B/D 1006 - also ab Königswald - zum Teil auf die alte Wald- grenze Kelmis/Montzen zurückgegriffen wurde. Eine zweite Version ist da schon authentischer. F. Pauquet schrieb 1977, daß im Jahre 1870 die Gemeindewälder von Montzen, Moresnet, Gemmenich und Kelmis abgegrenzt worden sind. Der zugehörige Teilungsvertrag wurde am 26. Juli 1873 vor dem Notar L. Verdbois, Montzen, unterzeichnet (48). Danach sind sicherlich die beschriebenen Gemeindewald-Grenzsteine gesetzt worden. Die bis dahin herrschende gemeinsame und ungeteilte Forstnutzung der Gemeinden Montzen, Moresnet und Gemmenich wurde dadurch aufgehoben, so daß Gütertrennungen und Eigenständigkeiten der betref- fenden Kommunen entstanden (49). Es wurde schon erwähnt, daß in dem kuriosen "Bildchener Grenz- sack" der 1922 geplante Güterbahnhof nie gebaut worden ist und daß aber trotzdem Deutschland das Gebiet behielt. Die Gemeinden Kelmis und Moresnet besaßen dort noch Waldstücke, die erst 1973 an die Stadt Aachen verkauft worden sind (50). Die Karte auf S. 70 soll die interessante historische Situation im Preuswald verdeutlichen. BURTSCHEIDER GRENZSTEINE In der Nähe von Forsthaus Schönthal (Kornelimünsterweg) befinden sich noch zwei Grenzsteine, die die Grenze zwischen dem Burtscheider Gemeindewald und dem Abteiwald markierten. Der Abteiwald wurde nach 1802 Staats- bzw. Privatwald.
75 Anmerkungen 1. Poll: Geschichte Aachens in Daten, Aachen 1965, S. 38 2. Kaemmerer: Geschichtliches Aachen. Aachen 1967, S. 41 3. Schmidt in "Heimatblätter des Landkreises Aachen” 1941 Everling in Aachener Volkszeitung vom 07.11.1968 ff. 4. Hollatz in "Im Göhltal” 24/1978, S. 47 ff. 5. Landeskonservator: Denkmälerverzeichnis 1.1. Aachen-Innenstadt. 1.4.1., S. 20 6-15 vergl. "Im Göhltal", 56/1995, S. 84 ff. 6. Poll, a.a.0., S. 56 Forstamt der Stadt Aachen: 100 Jahre Aachener Erholungswald. Aachen 1982, 5.8 7. Gielen: Zwischen Aachener Wald und Münsterwald. Eupen 1975, S. 27 8. Forstamt, a.a.0., S. 8 9. Gielen, a.a.0., S. 27 10. Gielen, a.a.0., S. 28 ff. 11. Liese, Vom Aachener Stadtwald. Aachen 1930, S. 8, 12 und 17 12. Gielen, a.a.0., S. 32/33 13. Liese, a.a.0., S. 12 14. Gielen, a.a.0., S. 40 ff. 15. Pauquet in "Im Göhltal" 22/1977, S. 5 ff. 16. Liese, a.a.0., S.10 17. Gielen, a.a.0., S. 32 ff. Willems: "Zum Wälderstreit zwischen Aachen und Limburg" in Ostbelgische Chro- nik. Bd. 2/1949, S. 102-111 Spandau: Zur Geschichte von Neutral-Moresnet. Aachen 1904, S. 13 ff. ZAGV 98/99 von 1992/93, S. 172 17a. Die Karte bedarf einer Korrektur: Vetschau gehörte zum Aachener Reich 18. S. Anmerkungen 3 und 4 19. Liese, a.a.0., 5. 7 ff. vergl. "Im Göhltal” 58/1996, S. 8 ff. 20. Liese, a.a.S., S. 12 und Gielen, a.a.O., S. 34 ff. vergl. "Im Göhltal" 56/1995, S. 84 ff. 20a. Aus einem Protokoll des Jahres 1710 geht hervor, daß noch zu dieser Zeit der Drossard und die Schöffen der Bank Walhorn dieses Aachener Waldstück vom Hirtzpley bis zum Durrenbaum und von der Preus bis zum Hirtzpley anläßlich der regelmäßig (mindestens alle 5 Jahre) stattfindenden Grenzritte konntrollierten. (Gielen: Walhorn. 1987, S. 248) 21. Pauquet, a.a.0., S. 8 ff. 22. “Liese; aa0. SET 23. vergl. "Im Göhltal" 60/1997, S. 21 ff. 23a. Ca. 1475 wird der Vaalser Kirchturm auch als östlichster Grenzpunkt der an der Maas beginnenden Nordgrenze der "hoicheyt ende heerlicheyt" des Herzogs von Limburg genannt. (Freundl. Mitteilung von Herrn Peter Bertram, Vaals. S. auch "De Gemeentetoren van Vaals", tezamenstelling juni 1996 door Heemkundekring St. Tolbert Vaals von Peter Bertram) 24. Liese, a.a.0., S. 22 ff. Schulteis in "Forstamt: Jahrhundertweg". Aachen 1982, S. 33-49, vergl. "Im Göhltal” 56/1995, S. 88 ff.
76 25. Gielen, a.a.0., S. 172 und S.182 ff. Zum Namen Preuse vergl. "Im Göhltal" 60/1997, S. 19/20. Die Hypothese von H. Hermans ist durchaus erwägenswert. 26. S. Anmerkung 24 27. S. Anmerkung 24 28. Liese, a.a.0., S. 22 vergl. "Im Göhltal” 56/1995, S. 89 ff. „29. Pauquet, a.a.0., S. 8 ff. vergl. "Im Göhltal” 56/1995, S.102 ff. 30. Liese, a.a.0., S. 16 ff. 31. Wurzel: Die Reichsabtei Burtscheid, Aachen 1984 31a. Groß in "Aus Aachens Vorzeit" 1/1893, S. 22 32. Mainz: Das alte Forst. Aachen 1985 33. Kühn: Die Reichsabtei Kornelimünster im Mittelalter. Aachen 1982 34. Spandau, a.a.0. } 35. Oueck: Wandervorschlag 54/1966 in Aachener Volkszeitung 36. S. Anmerkungen 3,4, und 5 37. S. Anmerkung 4 "Im Göhltal" 56/1995, S. 86 und 58/1996, S. 8 ff. 38. "Im Göhltal" 56/1995, S. 88 ff. und 58/1996, S. 16 39. "Im Göhltal" 56/1995, S. 89 ff. 40. Pauquet, a.a.0., S. 8 ff. 41. Pauquet, a.a.0., S.14 42. ebenda, S. 6 43. Ausnahme: Die kleine Dreieckspitze im Königswald (Preußen und Belgien teilten sich hiervon die Erträge) 44. Schulteis in "Im Göhltal" 28/1980, S. 31 und 29/1981, S. 24/25 45. "Im Göhltal" 49/50 von 1991, S. 98 46. Queck, a.a.0. 47. Pauquet, a.a.0., S. 14/15 48. ebenda, S. 13/14 49. Malvoz: Das neutrale Gebiet von Moresnet (1816-1919). 1983, S. 12 50. Gielen, a.a.0., S. 157 51. Aachener Volkszeitung vom 03.02.1995 - Alle Fotos vom Verfasser -
77 De Gö8öl Va Litebösch, janz schmal än kleng, Mot hüj noch bis Seppenake, do es se klor än och noch reng. noch vö6l Kilometer make. Neet vlot, neet langsam, neet te vööl, Och Jölpe noch te packe krijje, sökt höre Wäg sech do de Gööl. mär janz jau, et es at spie. Sprengt da jet hur, mings se wür wöst, Ömmer vlotter da dörch Bösch än Wej, weil se neet passere köss. als wenn se äet verjäte höj. At vlotter, 1östeg a te sihe, als möß se hüj de Drien noch krijje. Ne Steen, dä brengt se uteree, derhenger könnt se werrem bijee. Do siss se än da es se vut, Se blöst jet Schuum, e paar kleng Blose, än da könnt se werrem erut. än me mingt, se wür an-et rose, Se jletzert wenn et Lech se trefft, drifft hej än do jet Blättchere met, än se sech op Rees bejeft. als säät se: "Kommt, öch nem ech met." Hör Dröppkere bletze sow me minge, Ömmer söckt se, mär bewäge, kluckere, welle der Wäg vlott venge. als wöll hör jet der Wäg verläge, Luster: Stell, do hüsch se senge, e Steckske klemmt se, no es et ut, övver Steng än Blaar an-et sprenge. mär se klukert drövver vut. Vlott, et döt neet andesch sieh, Ejje Meer, wu alles könnt bijee, denn se mot de Maas noch krijje, do vengt da och de Gööl hör heem. söss döng jo de Tid neet stemme, Hej kann se no janz ohne Schöjje, die se nojje Meer mot brenge. sech met die ander Dröppkere vröjje. Towt sech, löpt, hat jar jeng Tid, bis ajje Meer es et noch wiit. Da makt de Sonn at werrem Woke, än die Wocke trecke vut, Stockt addens an de klengste Drien, wenn se da jenog jevloge, än da löpt se werrem wijer, schödde se sech örjens ut. als möß se no die Tid ähole, E witschke hej, än do jet vööl, die se an die Drien verlore. än dova wet da werrem de Gööl. Se döjjt no ove blinke Blöskere, wie Champagner ene Jläske. Jakob Langohr 1997
78 Die "Fliegende Taube" wäre jetzt 150 ; Jahre alt von Alfred Bertha Als der aus Eupen stammende Johann Heinrich (Jean Henri) Willems (1) am 4. Januar 1848 in Aubel die erste Nummer einer neuen Wochen- zeitung herausgab, legte er das Fundament für eine überaus fruchtbare und bis in unsere Tage andauernde verlegerische Tätigkeit des Hauses Willems. Das von ihm gegründete Blatt, "Die Fliegende Taube", wurde für mehr als hundert Jahre die meistgelesene Zeitung im altbelgischen deutsch- > sprechenden Gebiet zwischen Sippenaeken und Baelen, Aubel und Gemmenich, “DIT CAFE, - AD ER Die iegende Iaunbe, EEE? Katholijches Doltsblatt. EEE rate nun Siäiehe Zeitung und grälted AaplgeOrgan der Deutiden Belglend, riheint Nenkagd, Donnerhags und Sawkagh. 7. Jahrgang, An Sn LET a Wi Syggerflag, den 18. Juni 1914 ar. 67. Kopfleiste der „Fliegenden Taube‘ 1914 Daß die "Taube" auf Erfolgskurs gehen konnte, lag nicht nur an den damaligen günstigen sprachgeographischen Gegebenheiten, sondern auch an der ideologischen und politischen Ausrichtung des Wochenblattes, das sich an eine bodenständige, bäuerlich und katholisch geprägte Be- völkerung richtete und die Werte dieses Zielpublikums - Religion, Fa- milie, Monarchie und Vaterland - gegen alle wirklichen und vermeintli- chen Gefahren verteidigte. Die "Fliegende Taube" verstand sich anfangs als "Aubeler geschicht- liches, Unterhaltungs- und Anzeige-Blatt", erschien, wie gesagt, einmal „wöchentlich und kostete vierteljährlich 1 Franken. Der Anzeigenpreis lag bei 10 centimes pro Zeile, wobei der Herausgeber bei Mehrfach- Inseraten ab der 3. Wiederholung 50% Ermäßigung gewährte. Gleichzeitig mit der "Fliegenden Taube" erschien bei Willems auch ein französisches Blatt, welches dem Inhalte nach von dem deutschsprachigen verschieden war.
79 Das äußere Gewand der "Fliegenden Taube" hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. Von 1847 bis 1851 incl. war die auf einer Holz- presse hergestellte "Taube" ein ganz kleines Blatt im Zweispalten-For- mat. In der ersten Nummer des Jahres 1852 lesen wir dann: "Die große Beteiligung seitens des Publikums hat uns veranlaßt, das Blatt mit dem neuen Jahre verschönert und vergrößert erscheinen zu lassen." Auch das Titelklischee mit dem Kirchturm erschien erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bis 1896 blieb die "Fliegende Taube" ein Wochenblatt. Nach einem Brand in der Druckerei, am 26. Mai 1896, bei dem die Einrichtung zum großen Teil zerstört wurde, konnte mit neu angeschafften Maschinen der schon lange gehegte Plan, die Zeitung zweimal wöchentlich erscheinen zu lassen, durchgeführt werden. Zudem erschien die "Taube" nun all- wöchentlich mit einer achtseitigen illustrierten Beilage. Zehn Jahre spä- ter, im Jahre 1906, konnte das Blatt sogar dreimal wöchentlich erschei- nen. Leider ging bei dem Brand von 1896 auch die Sammlung der bis da- hin erschienenen 50 Jahrgänge der Zeitung zum größten Teil verloren. Als am 4. August 1914 die deutschen Truppen in Belgien einmar- schierten, stellte die "Fliegende Taube" sofort ihr Erscheinen ein und erst am Waffenstillstandstage trat das Blatt wieder hervor. Bei zwei Nummern wöchentlich lag der Erscheinungsrhythmus in der Zwischenkriegszeit. Die Kriegsjahre brachten eine erneute Unterbre- chung; doch gleich nach der Befreiung war die "Taube" wieder da. Die "Raub- und Rafflust" der deutschen Besatzungstruppen entführte die neu- angelegte Sammlung der "Fliegenden Taube" als Kriegsgut in das Stutt- garter Auslandsinstitut. Das sprachliche Umfeld Das Königreich Belgien zählte bei seiner Gründung im Jahre 1830 etwa 250.000 Einwohner deutscher Sprache. Diese bildeten jedoch kein zusammenhängendes Siedlungsgebiet, sondern verteilten sich auf das Ge- biet des heutigen Großherzogtums Luxemburg und den nördlich daran anschließenden südlichen Teil der heutigen belgischen Provinz gleichen Namens (die Kantone Arlon/Arel, Feauvillers/Feiteler, Metzig und - im Kanton Vielsalm - B£ho/Bocholz), den Nordosten der Provinz Lüttich mit den Kantonen Aubel und Limburg sowie auf eine gewisse Anzahl von Städten und Gemeinden im heutigen Niederländisch-Limburg. Es sei daran erinnert, daß die gesamte Provinz Limburg (mit Ausnah-
80 me von Maastricht) sich 1830 der belgischen Revolution angeschlossen hat und bei Belgien verblieben ist, bis 1839, infolge der Annahme des Londoner "Vertrags der 24 Artikel" (15. Nov. 1831) durch König Wil- helm I. der Niederlande eine Teilung besagter Provinz stattfand, und zwar in der Weise, daß im Süden das Gebiet rechts der Maas, weiter nordwärts jedoch der gesamte Landstrich von der Grenze der Provinz Nord-Brabant bis zur Landesgrenze gegen Deutschland an die Niederlande fiel. Auch das Großherzogtum Luxemburg wurde damals von Belgien ab- gespaltet und dem König der Niederlande zugesprochen. Nach diesen Gebietsamputationen verblieben dem jungen Königreich, das etwa 4,5 Millionen Einwohner zählte, noch 35 deutschsprechende Gemeinden, davon 24 in der Provinz Luxemburg und 11 im Nordosten. der Provinz Lüttich. Im Zusammenhang mit der "Fliegenden Taube" interessieren uns nur die letzteren. Es waren in alphabetischer Reihenfolge: Aubel (für den Ortsteil Klause/La Clouse) Baelen (2000 Ew.) Gemmenich (1075 Ew.) Henri-Chapelle /Kapell (1350 Ew; zu 1/4 französischsprachig) Homburg (1650 Ew.) Membach Montzen (1000 Ew.) Moresnet (500 Ew.) Sippenaeken Welkenraedt (420 Ew.) Die in Klammern angegebenen Einwohnerzahlen sind dem "Dictionnaire G&ographique de la Province de Liege", Seconde Edition, Premiö@re Partie, Rive droite de la Meuse, Liege 1841 entnommen. Der Verfasser bemerkt zu den vorstehenden Gemeinden: "On y parle l'allemand"/Man spricht dort Deutsch. Die vorstehenden Gemeinden können als rein deutschsprachig ange- sehen werden, auch wenn in der Franzosenzeit das Französische als Verwaltungssprache eingeführt worden war. Der junge Staat war bestrebt, auch durch die Wahl der Amtssprache sich von den nördlichen Nachbarn zu unterscheiden. So verkündete die provisorische Regierung am 16. Oktober 1830 den Beschluß: "Das Amtsblatt wird in französischer Sprache veröffentlicht." Da der Grundsatz der Freiheit, dem sich die Regierung verpflichtet fühlte, für jeden Bürger das Recht einschloß, sich der Sprache zu bedie-
81 nen, "die seinen Interessen und Gewohnheiten am besten entspricht", man andererseits aber der Meinung war, es sei unmöglich, einen amtli- chen Wortlaut der Gesetze und Beschlüsse in flämischer und deutscher Sprache herzustellen, "da die in gewissen Orten gebrauchte flämische und deutsche Sprache von Provinz zu Provinz und öfters von Kreis zu Kreis verschieden ist", kam der Gesetzgeber zu dem Schluß, daß die Gouverneure in den Provinzen, "wo die flämische und deutsche Sprache bei den Einwohnern im Gebrauch ist, eine flämische und deutsche Über- setzung der Gesetze und Beschlüsse der Regierung, die auf ganz Belgi- en anwendbar sind, und der besonderen Beschlüsse, die nur ihre Provinz angehen", veröffentlichen sollten. Auch öffentliche Bekanntmachungen (Plakate) sollten, je nach den Gemeinden, von einer flämischen oder deutschen Übersetzung begleitet sein. Im Verkehr mit der Verwaltung hatte der Bürger die freie Wahl zwi- schen den drei Landessprachen. Gleiches galt im Verkehr mit den Gerichten, jedoch mit der Einschrän- kung, daß die gewählte Sprache "in Zivilsachen von den Richtern und den verhandelnden Rechtsanwälten, und in Strafsachen von den Rich- tern, der Staatsanwaltschaft und dem Verteidiger verstanden wird". Übereinstimmend mit diesem Erlaß heißt es im ersten Beschluß des Nationalkongresses vom 17. November 1830, Art. 2: "Die Beschlüsse des Nationalkongresses sollen in vierundzwanzig Stunden der vollzie- henden Gewalt übergeben werden, die sie sofort mit einer flämischen oder deutschen Übersetzung für die Gemeinden, wo diese Sprachen ge- sprochen werden, veröffentlichen wird." Eine dritte amtliche Anerkennung fand die deutsche Sprache in einem Gesetz der belgischen Regierung vom 19. September 1831, dessen Arti- kel 2 im deutschen Wortlaut im Amtsblatt 1831, S. 1099-1101, lautet: "Die Gesetze sollen gleich nach ihrer Verkündigung ins Amtsblatt ein- gerückt werden, mit einer flämischen oder deutschen Übersetzung für die Gemeinden, wo diese Sprachen gesprochen werden; der französi- sche Text bleibt dennoch allein offiziell.” Nach 1840 verschwindet die deutsche Sprache ohne Begründung aus dem Amtsblatt. Man war vermutlich davon ausgegangen, daß sich der Aufwand einer Übersetzung für die geringe Zahl übriggebliebener deutschsprachiger Bürger nicht mehr rechtfertige. Der bekannte belgi- sche Geschichtsforscher Godefroid Kurth (2), Professor für Geschichte an der Universität Lüttich, selber aus der Provinz Luxemburg stammend
82 und deutschsprachig, bemerkte dazu: "Ein verhängnisvoller Irrtum, der aus den Deutschen Fremde in ihrem eigenen Vaterlande gemacht hat, der Belgien der wertvollen Hilfsquellen beraubt hat, die es in einem Öfteren und intimeren Verkehr mit unseren östlichen Nachbarn, dank der Verbreitung ihrer Sprache in unserem Lande, hätte finden können” (3). Alle späteren Versuche, der deutschen Sprache in Belgien wieder die bei der Staatsgründung zugestandenen Rechte einzuräumen, schlugen fehl, ob es sich nun um parlamentarische Initiativen oder um Massenpetitionen aus der Provinz Luxemburg und dem Aubeler Land handelte. Der Justizminister Lejeune verstieg sich sogar am 28. Dezem- ber 1898 in der Kammer zu der Behauptung, das in Belgien gesprochene Deutsch sei keine Sprache, nur eine Mundart. In Verwaltung und Justiz- wesen, bei Post und Eisenbahn gab es die deutsche Sprache nicht. Trotz fehlender Anerkennung und mangelhaftem Deutschunterricht in den Schulen konnte sich die deutsche Sprache im Montzener Land in Kirche und gesellschaftlichem Leben bis zum Ersten Weltkrieg behaup- ten, wenn sie auch einen Abwehrkampf gegen das immer mächtiger vor- dringende Französisch führen mußte. Es war sogar im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts "eine kleine Besserung im Zustande des deutsch-belgischen Volkes" zu verzeichnen (4), da nun seltener Beamte ins Land geschickt wurden, die keinerlei Grundkenntnisse des Deutschen besaßen. Welchen Stellenwert dabei dem 1905 in Montzen gegründeten "Deut- schen Verein für die Provinz Lüttich” zukommt und welche Rolle der Klerus gespielt hat, bleibt noch zu untersuchen. Das kulturelle Leben (Theater, Sportveranstaltungen etc.) bleibt bis 1914 deutsch geprägt. Die "Fliegende Taube'' und die Sprachenfrage Daß die deutschsprachige Presse in diesem Zusammenhang erwähnt werden muß, leuchtet jedem ein. Die "Fliegende Taube" hatte inzwi- schen Konkurrenz bekommen. "Das Freie Wort" (5) vor allem machte dem Aubeler Blatt im Montzener Land Leser abspenstig. Wenn es um den Erhalt oder das Verschwinden der deutschen Sprache im Montzener Land ging, stand die Existenz der deutschsprachigen Presse auf dem Spiel. So wundert es uns nicht, daß die "Taube", die sich selbst "ältestes deut- sches Organ" und das "meistgelesene Blatt unserer Grenzbevölkerung" (6) nannte, sich "wie dazu berufen fühlte, der Schauplatz für den Sprachenkampf in unserem Gebiet zu sein."
83 Die Zeitung wollte jedoch nicht nur den beteiligten Parteien eine Bühne zur Austragung ihrer Fehden liefern, selber aber dabei unbeteiligter Zu- schauer bleiben. Dabei hatte die "Taube" ursprünglich, wie der Herausgeber in einer "Einleitung" zur ersten Nummer des Jahres 1849 schreibt, "kein parteii- sches, politisches oder kritisches Blatt" sein wollen, sondern, "wie der Name erkennen läßt, ein Blatt für die Gesellschaft, denn die Taube ist gesellig, sanft und friedsam, ein treuer Bote, durch den man sich sicher und schnell einander mitteilen kann. Wir haben also ein Blatt für Mittei- lungen, Veröffentlichungen etc., kein gelehrtes und kritisches, sondern ein ländliches, ein vaterländisches Blatt unter obigem Namen, den zu wählen uns Noah's Taube Veranlassung gab, die erfreuliche Nachricht zur Arche brachte; so sei unsere Taube bestimmt, uns Erfreuliches und Gemeinnütziges zu bringen, dessen viel zu hoffen ist bei dem Friedens- glücke unseres Vaterlandes, in welchem wir bisher wie in einer Arche auf der Flut der Umwälzungen und des Unheils leben!" 8 a gran Dans hüälferin Sein ak Senne 8 7 Mongen. bürgerlichen Haushaltung fudt für Dei fofort paffende Stelle, Welche, . fagt die RUE A f Zuge ZUDeeE U y ’ ri Me Oltvter:Cejeune {ix YMrbeiterinnen 7 Muhel, fucdht ein Moderlehrmädchen.-3 Anden dauzıube Iohnende Biqäfiqguma, (SS mitDd ein itarfer Bäderlehriing KABEL- & GUMMIWERK, EUPEN gejudt bei Pierre Schmetz : Bü: Gefellghafe mit dejränfter Hufinng. -L dermetfter zu Spa, Bleydrrg. —. — —7 SEES FE FA ET ORTE weiter Huf dmtedegefelle Mehrere tücglige 3 gefucht bet Frau Jos, Moraye, Schreiner Baraque, Ciermont: Thimiiter. „1 gefuct bei L Lejenne-Frere, Unter: Rem EEin guter Banfchreiner nehmer, Mongen:Chauffer, CN ein larfer augehender EB MEETS A TUN AO TAT ATS Gefele gefucht bei Lambert Tossaint- Knecht DE Oe En I al N Boheur, An in Med Sof. Bolfee-Dejefche, Bleyderg. ür Hau>arbeit gefucht bei BO BONES I atmen Magd Seren PHILIPART, Aret: Sunge ABLE ei Sn N teft in Herve, —2 p melfex fann, wird gefucht EEE A TE SR WARE 7 6 unge agb, 15—17 Jahren, wird be: Peter _Mobers, BEE Mubel. I N AeuSE Sig mader Lu8 de 1 Knecht der melfen en für ut von station. 62 in Herve. —1 A 7 Rügen, mit outen Zeugni: MA A TA ADTEN FORTOROEE ffen, fann fd melden bet Hräul, Heu- Mäüdden A ee ee schen, ChapelleSt.Joseph, Clermont gelucht. Zu melden von morgen? 9 Uhr 7a Ye u bi8 3 Uhr nachmittag3 außer Sonntag, ZTüctiges Dienjtimäddhen Madame Joseph Lennartz, Beroter8 gegen guten Lohmw für ale Hausarbeit rue des Miniere, 80. =; aelndt bei VB, I. Noderburg, Der Anzeigenteil: Ein Spiegelbild der Gesellschaft
84 Diese neutrale Haltung konnte die "Fliegende Taube" nur so lange wahren, wie die von ihr vertretenen Werte nicht in Gefahr waren. Sie sah sich jedoch herausgefordert, wenn an ihren katholisch-konservativen Grundsätzen gerüttelt wurde. Dann sah sie es als ihre Pflicht an, selber klar Stellung zu beziehen "und dann auch von dieser grundsätzlichen Stellung her den Kampf nach einer ganz bestimmten Richtung hin zu leiten". Diese Einstellung hat die Redaktion der "Fliegende Taube" über Jahr- zehnte in ihren Stellungnahmen geleitet. Neutralität oder nur objektiver Tatsachenjournalismus war nicht die Sache des Aubeler Blattes. Welt- anschaulich sah die "Taube" sich als papst- und kirchentreu, was zu ei- ner schroffen antiliberalen und antisozialistischen Haltung führte. So wurde die Zeitung zum Sprachrohr der Katholischen Partei, für deren Programm sie sich stets einsetzte. Wenn die antiklerikalen Kräfte, so wie 1879-1884, im "Schulkampf" mit Frere-Orban, ganz gezielt Bastionen des Katholizismus zu stürmen versuchten, konnten die Kon- servativen im Aubeler Land keinen besseren Anwalt zur Verteidigung ihrer Ideen finden, als die "Fliegende Taube". Zu dieser ideologischen Einstellung paßt natürlich, daß die Zeitung staats- und monarchiebejahend war und dem Geschehen am königlichen Hof viel sympathische Aufmerksamkeit widmete. Das gleiche Engagement zeigt sich auch in der Sprachenfrage. Vor dem 1. Weltkrieg, "als Professor Kurth in unserem Gebiete die Fahne des Sprachenkampfes erhob", leistete das Blatt "dem wackeren Vor- kämpfer für die Erhaltung der deutschen Muttersprache" nicht nur "treueste Gefolgschaft", sondern betrieb auch "eifrigste Werbearbeit" (7). Die ausführlichen Berichte über die Tätigkeiten des "Deutschen Vereins" belegen die Sympathien für die Forderungen und Zielsetzungen dessel- ben. Der Versuch der deutschen Besatzung, die Aubeler Zeitung für ihre Ziele einzuspannen, schlug fehl. Gleich zu Beginn des 1. Weltkrieges stellte die "Fliegende Taube", wie schon gesagt, ihr Erscheinen ein und erst nach Friedensschluß konnte das plattdeutsche Land von Aubel bis Montzen die vertraute Zeitung wieder beziehen. Daß der Ausgang des Ersten Weltkriegs nicht nur das Verhältnis zu Deutschland, sondern auch die Einstellung zur deutschen Sprache und Kultur negativ beeinflussen mußte, bedarf keiner längeren Begründung. Vor allem im Welkenraedter Raum schlugen die antideutschen Ressentiments hohe Wellen und von gewisser Seite wurde versucht, die
85 deutschfeindliche Stimmung auch in Kirche, Schule und das übrige Kulturleben hineinzutragen. "Gleich nach Kriegsende", schreibt Bischoff (8), "schon im Novem- ber 1918, wurde in Welkenraedt ein 'La Libre Fronti@re' betiteltes Blatt gegründet, das sich die Ausrottung der deutschen Sprache zum Ziele setzte. Es erging sich in wüsten Schimpfereien gegen die Reichsdeutschen, die Altdeutschbelgier und namentlich gegen die belgischen Deutsch- freunde vor dem Kriege, die Führer der deutschen Bewegung. Die Reichs- deutschen waren 'ein Hunde-, Räuber- und Mördervolk, nur Lumpen- gesindel und Galgenpack, wilde Bestien, Auswürfe der Menschheit, tie- fer stehend als Affe und Hyäne, ausgepichte Schurken und widrige Schein- heilige'. Die Altdeutschbelgier 'spät aus den dichten Nebeln Germaniens her- ausgekrochene Mißgeburten', die Führer der deutschen Bewegung vor dem Kriege "Verräter, deutsche Spione, Herolde für Kaiser und Reich, Verkünder der Hunnen-Wiedergeburt, Pflegeväter der Bocherie, die ih- ren Zylinder auf dem Kopf umgekehrt hielten, um die Reichstaler Wilhelms II. darin fallen zu lassen, Auswürflinge, die innerlich und äu- ßerlich den Endsieg einer Armee von Schlächtern und Mördern herbeige- sehnt hatten'. Aufsatz auf Aufsatz warnte vor der Vergiftung durch die Sprache der Hunnen, Gedicht auf Gedicht in französischer, wallonischer und sogar plattdeutscher Sprache spie Gift und Galle gegen das "schurkische' Deutschland." Bischoff beschreibt die Abwehr der "Fliegenden Taube" und der "Nouvelles" aus Dolhain als eine "geißelnde". Diese Zeitungen hätten den Giftspuckern vorgehalten, daß manche von ihnen, der Herausgeber des Blattes an erster Stelle, während des Krieges Geschäfte mit dem Feinde gemacht hatten und sich nun'so antideutsch gebärdeten, um einer Bestrafung zu entgehen. Dem Verfasser der meisten Aufsätze, der mit "Populi" unterschrieb, konnte die "Taube" nachweisen, daß er seinen Sohn bei einem deutschen Spediteur in Herbesthal in Stellung gebracht hatte. Die Zeitung wurde aber auch nicht müde, auf die Vorteile der Kennt- nisse der deutschen Sprache hinzuweisen. Es boten sich Laufbahnen in Handel und Industrie, die ausgewiesenen deutschen Beamten mußten ersetzt werden, es lockten Staatsstellungen bei der Armee, im Gerichts- und Verwaltungswesen sowie Posten der verschiedensten Art im besetz- ten Rheinlande und in Eupen-Malmedy. Hier dachte die Zeitung vor al- lem an das Unterrichtswesen.
86 Die Verbannung des Deutschen aus der Schule stieß auf heftige Gegen- wehr seitens der "Taube". Welcher Schulmann würde sich der englischen, spanischen oder portugiesischen Sprache bedienen, um kleinen Belgi- ern die ersten Grundlagen der Rechenkunst, der Landeskunde oder der Religion beizubringen? Die erste Bedingung, um verstanden zu werden, ist die, eine bekannte Sprache zu sprechen. Wie können Kinder, die zu Hause oder auf der Straße nur Plattdeutsch gehört haben, einen Lehrer verstehen, der vom ersten Schuljahr an nur Französisch zu ihnen spricht? Dies sei albern, unsinnig und obendrein eine offenbare Verletzung des belgischen Gesetzes, das die Muttersprache als Leitsprache des Unter- richts vorschreibt. Wo ist hier der Patriotismus? Eine sonderbare Vaterlandsliebe, die aus Haß gegen den Feind die Verdummung der jun- . gen Generation will! Das Grenzland verwelschen! Wirklich eine sonderbare Idee. Will man Baelen, Welkenraedt, Montzen, Gemmenich verwelschen, so müßte man x 74 be Ein eifriger Mitarbeiter der „Fliegenden Taube“ war in den dreißiger Jahren der 1888 geborene zweite Sohn von Joseph Willems und Enkel des Zeitungsgründers, der Lazaristenpater Edmund Willems. Die Zeitung nannte ihn aus Anlaß seines silbernen Priesterjubiläums i. J. 1939 einen „mutigen und unermüdlichen Apostel des Wortes und der Feder“.
87 logischerweise dasselbe für Kelmis, Eupen, Eynatten, St. Vith, Burg- Reuland tun. Das einzig richtige ist, überall die Muttersprache zu ach- ten. Weg mit einem dummen Feldzug gegen die Sprache der neu- belgischen Väter und Mütter, der nur von unwissenden Hitzköpfen ge- führt werde. Die Zeitung wehrte sich genau so vehement gegen die Verbannung des Deutschen aus dem kirchlichen Raum. "Das Volk würde französi- sche Predigten nicht verstehen, denn es spricht Plattdeutsch, denkt auf Plattdeutsch und betet auf Gutdeutsch." Folglich müsse der Priester zum Volk auf "Gutdeutsch" vom lieben Gott und den ewigen Gütern reden. Es genüge auch nicht, daß eine Predigt verstanden werde. Solle sie wir- ken, so müsse sie den Zuhörern oft und wie von selbst im Geiste wieder- kehren. Dies sei aber nur möglich, wenn sie in einer vollkommen ver- standenen Sprache gehalten werde. Theologische Ausdrücke seien im Deutschen der Volkssprache ent- nommen. Der Mann aus dem Volke verstehe Begriffe wie "Erbsünde, Wandlung, Menschwerdung, Lob-, Bitt-, Sühne- und Dankopfer", wisse aber mit "peche original, incarnation, transsubstantiation" u. s. w. nichts anzufangen, auch wenn er beim Worte "gräce" (Gnade) nicht gerade an Gras oder Heu denken werde. Von dem Tage an, wo der religiöse Unterricht in der Muttersprache aufhöre, könnten auch die Leute aufhören zu beten. Wer hierzulande an der Abschaffung der deutschen Sprache arbeite, der fördere zugleich die Entchristlichung unserer tiefgläubigen Bevölkerung. Die Zeitung warnte auch vor dem wallonischen Aktivismus, der noch gefährlicher sei als der flämische, da er keine bloße Verwaltungstrennung anstrebe, sondern den Anschluß an Frankreich. Diese Leute hätten dem Versailler Friedensvertag vorgeworfen, daß Belgien nicht zu Frankreich gekommen sei. In einer in der Armee verbreiteten Flugschrift sei die flämische Sprache als ein "patois germanique" bezeichnet und die Fla- men als Mißgeburten beschimpft worden. Es sei unerhört, daß es in un- seren Grenzorten Leute gebe, die ihren Beleidigern die Hand drückten und statt des belgischen Löwen den gallischen Hahn im Schilde führten. Denjenigen, die die Losung ausgaben. "Soyons belges et parlons francais" antwortete in der "Taube" der Vervierser Religionslehrer J. Clesse: "Man kann Belgier sein, einerlei, welche Landessprache man redet. Die Zeiten sind um, lieber Wallone, in denen du, in deinen Mandarinenstolz gehüllt, glauben durftest, die ganze Welt müßte sich nach dir richten und du könntest mit Verachtung auf den 'mosse flamind'
88 herabsehen, der sich deiner Bequemlichkeit wegen bemühte, Franzö- sisch zu lernen. Sei kein Querkopf! Lerne Flämisch oder Deutsch, wie deine Mitbürger Französisch lernen” (9). Als abschreckendes Beispiel wurden auch die Machenschaften der "Amities francaises" im Großherzogtum Luxemburg hingestellt, deren Bestreben dahin gehe, das Land an Frankreich auszuliefern. Die Bevöl- kerung solle sich vor diesen "Amiti€s francaises" hüten, mit denen Libe- rale und Sozialisten aus Verviers sie beglücken wollten. Sie solle sich zuerst die Pfote zeigen lassen und werde dann sehen, daß es die des Wolfes ist, der das Ziegenböcklein verschlingen möchte. Die "Fliegende Taube" hat in der Ausgabe vom 3. Januar 1934 als Klar- und Richtigstellung aus Anlaß einer Irreführung in der "Libre. Belgique' ihre Haltung in der Sprachenfrage seit dem Ende des Ersten Weltkrieges nochmals in einem längeren Aufsatz dargelegt. Darin schreibt der Verfasser: "Als kurz nach dem Waffenstillstand in unseren Gemeinden sich Män- ner fanden, die in überhitzter und überspitzter patriotischer Aufwallung blindwütig die bestehenden Sprachzustände gleichzeitig mit den aus dem Lande verjagten feindlichen Heeren beseitigen zu müssen glaubten, da hat die Fliegende Taube den Mut gefunden - und damals gehörte eine gute Portion Mut dazu, weil von den Patentpatrioten zu leicht mit man- gelndem Patriotismus bange gemacht wurde -, auf das Unsinnige und Unberechtigte dieser Bekämpfung der deutschen Sprache hinzuweisen. Als lächerlich kleinlich und armselig hat die Fliegende Taube damals den gegen die deutsche Sprache unternommenen Angriffssturm gebrand- markt. Sie hat immer wieder zur Besinnung gemahnt. Aber der falsch verstandene Patriotismus so vieler ließ für die patriotische Tat der Ret- tung und Erhaltung der Muttersprache kein Verständnis oder keinen Wage- mut aufbringen. Als die lauten Schreier in diesem Kampf mundtot gemacht waren, mochte man erwarten, daß mit der Zeit auch der Rat, die Besinnung, kommen würden. Aber trotz der mit den fortschreitenden Jahren immer verheerenderen Auswirkungen des falschen Sprachensystems setzte sich die Einsicht nicht durch. Die Fliegende Taube wies gelegentlich auf die Giftfrüchte der verkehrten Sprachenpolitik hin. Aber ihre Stimme ver- hallte noch immer in der Wüste ... Da trat plötzlich der Kampf um die Sprache in ein neues Stadium. Als nämlich neben der Verwelschungsgefahr auch die Verflamungspolitik sich bei uns breit machte. Versuchte man doch in einer Art moralischem
89 Zwange sogar die Fliegende Taube in das Joch flämischer Sprachzucht einzuspannen. Die Eroberungspläne für die Verflamung unserer Gegend kamen dadurch offen zu Tage. Und das ließ die Reaktion erstehen, die die doppelte Aufgabe der Defensive und der Offensive aufnahm. Für diesen Reaktionskampf hat die Fliegende Taube sich nun restlos zur Ver- fügung gestellt. Die Redaktion hat ungeachtet mancher Kritik, auch auf die Gefahr hin, nicht immer richtig verstanden zu werden, ihre Spalten dem bisweilen heftig hin- und herwogenden Kampfe aufgeschlossen gehalten. Sie hat selber hier und da im Streite der Meinungen den ei- gentlichen Rechtsstandpunkt betonen müssen, den Standpunkt, den sie von Anfang an als den einzig vernünftigen und gebotenen vertreten hat, den echt nationalen und regionalen, den ganz loyalen und vitalen. Gerade im jetzigen Augenblicke, wo der Sprachenkampf bei uns im- mer weitere Kreise schlägt und immer größeres Interesse gewinnt, möchte nun die Fliegende Taube erneut ihren Standpunkt unterstreichen. Dieser Standpunkt könnte nämlich hinter den mannigfachen, leider bisweilen etwas arg persönlich zugespitzten Kampfesartikeln nicht deutlich genug mehr durchschaut werden." In der "Libre Belgique" hatte am Vorabend von Weihnachten 1933 ein Welkenraedter Einsender behauptet, der verständige Sinn unserer Leute habe die "Fliegende Taube" von der Schwelle ihrer Häuser weit weg gewiesen, seitdem das Blatt sich kopfüber in einen bestimmten Sprachen- kampf hineingestürzt habe, der es dazu gebracht habe, für unsere Ge- gend einen einsprachigen deutschen Unterricht zu predigen. "Nein", antwortet die Zeitung aus Aubel, "die Fliegende Taube ist nicht so einseitig, nur einsprachig deutschen Unterricht zu fordern. Wohl ver- langt sie für den ersten Unterricht allein die deutsche Muttersprache. Später, wenn die deutsche Muttersprache hinreichend gepflegt wurde, dann kann, dann soll der zweitsprachige Unterricht einsetzen. Nur unter dieser Bedingung hat er Sinn und bietet Aussicht auf Erfolg. Ebenso in der Verwaltung. Es fällt der Fliegenden Taube und ihren Mitarbeitern in der Sprachenfrage gar nicht ein, in die extremen Forderungen der Flaminganten und der Wallinganten zu fallen. Sie will die deutsche, die heimische Sprache als erste, aber keineswegs als einzige Sprache." Nach der Gründung des zunächst von Prof. Heinrich Bischoff geführ- ten Bundes der Deutsch-Belgier (1931) unterstützte die "Fliegende Tau- be" voll und ganz die Forderungen des "Bundes". Heftig angegriffen und verleumdet wurde Prof. Bischoff daraufhin in den "Annonces du Luxembourg" durch einen Ex-Kapitän des 10. Linien-Regiments in Arlon,
90 Omer Habaru. Bei der vor einem Brüsseler Gericht verhandelten Verleumdungsklage gegen Habaru warf der Rechtsanwalt des Beschul- digten dem "Bund" vor, er wolle das Sprachenstatut der deutschbelgischen Grenzgebiete grundlegend ändern und eine deutsche Gegend schaffen, um dem Reich eines Tages unter dem Vorwand des Schutzes einer Min- derheit die Möglichkeit zum Eingreifen zu geben. Der Rechtsanwalt bezeichnete in dem Zusammenhang die "Fliegende Taube" als das "Or- gan des Bundes", das fortgesetzt "grobe und beleidigende Angriffe" ent- halte wie folgenden: "Der gallische Hahn hat sich als Misthaufen, von dem er sein Gekrächze erhebt, das Areler Rathaus auserwählt.” Auch von flämischer Seite mußte die "Taube" manchen Hieb einstek- ken. Die Flamen verübelten es dem Blatt, daß es nicht die These von Dr. J. Langohr verteidigte, derzufolge das Montzener Land urflämischer Boden sei. Der "Standaard" bezeichnete die "Taube" als das "willenlose Werkzeug in den Händen des durch Religions- und Flamenhaß verblendeten früheren Leiters des Bundes" (d. h. Prof. Bischoff). Es kam sogar so weit, daß die "Gazette de Charleroi" vom 8.9.1934 den Pfarrer Schaul aus Tintingen/Tintange (Prov. Lux.), einen Mitbegründer des "Bundes", als Herausgeber der "Fliegenden Taube" bezeichnete. Diese Taube erinnere an die schrecklichen Taten der ersten deutschen Flugzeu- ge zu Beginn des Krieges (10). Auch die "Nation Belge" griff den Abbe Schaul als den Herausgeber der "Fliegenden Taube" an und sprach von "Ausgeburten dieser aktivistischen Zeitung". Die "Taube" blieb nicht immer rein theoretisch. In ihrer Beilage vom Samstag, dem 17. Februar 1934, nahm sie den Fall eines betrügerischen Notars zum Anlaß, die "Plattdeutschen" dazu aufzufordern, jedes fran- zösische Papier zu verweigern, ganz gleich, ob es ein Gendarm, ein Ge- richtsvollzieher oder ein Richter vorlege. "Weise das französische Pa- pier kurzweg von der Hand, unterschreibe es nicht und verlange eine deutsche Aufstellung und nicht nur eine mündliche Übersetzung ... Du hast das Recht zu wissen, was Du unterschreibst." "Deutschsprechender, verlange eine höfliche Behandlung, insbeson- dere von Seiten der Staats- und Gemeindebeamten. Um nicht betrogen zu werden, verweigere jedes französische Papier. Die Beamten sind für dich da, und nicht du für sie. Sei ein echter Belgier, verlange dein Recht, verlange die Beachtung der belgischen Gesetze durch die Wallinganten, die sich allein das Monopol der Vaterlandsliebe zusprechen. Verlange die Ehrung deiner deutschen Muttersprache von allen örtlichen Behör- den."
91 Noch deutlicher konnte die Haltung der "Taube" zum Sprachen- problem nicht umrissen werden. Die "Fliegende Taube" und der Nationalsozialismus Der Vorwurf, der "Bund" bereite das Terrain für ein Eingreifen Deutsch- lands vor, mußte alle diejenigen hart treffen, die ohne politische Hinter- gedanken für den Erhalt der Muttersprache kämpften. Die "Fliegende Taube" fühlte sich angesprochen und angegriffen und versuchte in ei- nem längeren Beitrag in der Ausgabe vom 17. Januar 1934, die tief- sitzende Angst vor Hitlers Politik als unberechtigt darzustellen. Unter dem Obertitel "Zur Sprachenfrage" stellt die "Taube" die Frage: "Will Hitler alles deutschsprachige Land dem Reiche einverleiben?" Noch lag die Machtergreifung Hitlers erst ein Jahr zurück. Noch hatte Hitler nicht damit begonnen, Versailles und die Folgen des "Diktats" rückgängig zu machen. Noch verließen sich viele auf die in "Mein Kampf” dargelegten außenpolitischen Ziele des Führers und Reichskanzlers. In seiner Reichtagsrede vom 7. Mai 1933 hatte Hitler gesagt, er wolle im Dritten Reich keine Fremdkörper haben. "Fremdkörper" waren im kaiserlichen Deutschland Polen, Dänen, Franzosen (in Lothringen) und Wallonen (in Malmedy) gewesen. Von der Wiedereroberung dieser wollte er also absehen. Der Artikelschreiber der "Taube" untersucht Hitlers Außenpolitik und kommt dabei zu folgendem Schluß: "Im 14. Kapitel seines Buches "Mein Kampf", überschrieben "Ost- orientierung oder Ostpolitik", schreibt er, daß die Forderung nach Wiederherstellung der Grenzen des Jahres 1914 ein politischer Unsinn sei, der Ausmaße und Folgen habe, die ihn als Verbrechen erscheinen ließen. Die Grenzen des deutschen Reiches im Jahre 1914 seien alles andere als logisch gewesen. "Sie waren weder vollständig in bezug auf die Zusammenfassung der Menschen deutscher Nationalität, noch ver- nünftig in Hinsicht auf ihre militär-geographische Zweckmäßigkeit. Sie waren nicht das Ergebnis eines überlegten politischen Handelns, son- dern Augenblicksgrenzen eines in keiner Weise abgeschlossenen politi- schen Ringens, ja zum Teil Folgen eines Zufallsspieles." Weiter erklärt Hitler, daß der Gedanke der Wiederherstellung der frü- heren Grenzen keine Zukunft besitze, vielmehr nur in der Vergangenheit lebe, und als politisches Ziel den großen Nachteil habe, den zerfallenden Bund der Gegner Deutschlands immer stets aufs neue zu verbinden. Durch die Parole der Wiederherstellung der Grenzen vom Jahre 1914 fühlte
92 sich jeder Staat, der Nutznießer am deutschen Zusammenbruch war, be- droht. (Und wieviele sind es: Belgien, Frankreich, Polen, Dänemark, die Tschechoslowakei). Wenn einer dieser Partner aus dem Bunde der Fein- de Deutschlands springen wolle, so scheuche ihn die Angst zurück, iso- liert angegriffen zu werden und des Schutzes der Mitverbündeten verlustig zu gehen. In zweifacher Hinsicht sei die genannte Forderung unsinnig: 1. "Weil die Machtmittel fehlen, um sie aus dem Dunst der Vereinsab- ende in die Wirklichkeit umzusetzen und 2. weil, wenn sie sich wirklich verwirklichen ließe, das Ergebnis doch wieder so erbärmlich wäre, daß es sich, weiß Gott, nicht lohnen würde, dafür erneut das Blut unseres Volkes einzusetzen." ° Nur kindlich naive Geister könnten sich in dem Gedanken wiegen, daß die Wiederherstellung der Grenzen vom Jahre 1914, die Korrektur von Versailles, anders als durch Blut, auf Schleich- und Bettelwegen, herbeigeführt werden könnte. Ganz realpolitisch führt Hitler nun aus, daß die Grenzen des Jahres 1914 für die Zukunft des deutschen Volkes gar nichts bedeuten. Das deut- sche Volk würde dadurch keine innere Geschlossenheit, keine Sicher- stellung seiner Ernährung, keine militärische Stärkung erreichen. Selbst bei einem günstigen Erfolge würde die Ausblutung des Volkskörpers so groß sein, daß das weitere Gedeihen der Nation gefährdet würde. Das außenpolitische Ziel der Nationalsozialisten sei ein ganz anderes, "nämlich, dem deutschen Volke den ihm gebührenden Grund und Boden auf dieser Erde zu sichern". Hiermit zieht Hitler einen Strich unter die außenpolitische Richtung Deutschlands vor dem Kriege. Er stoppt den Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weist den Blick nach dem Land im Osten. Er schließt ab mit der Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und geht über zur Bodenpolitik der Zukunft. Und wenn er in Europa von neuem Grund und Boden für das überzählige und in seinen jetzigen Gren- zen beengte deutsche Volk spricht, so denkt er in erster Linie nur an Rußland und die ihm untertanen Randstaaten. Rußland ist dem Bolschewismus und dem Judentum ausgeliefert wor- den. Das Riesenreich ist jetzt kein Element mehr der Organisation, son- dern der Dekomposition. Es ist reif zum Zusammenbruch. In Rußland muß die dem deutschen Volke notwendige Scholle erobert werden, das eigene Stück Grund und Boden, das jedem Sproß des Volkes in Zukunft gehören soll.
93 Es ist nicht unsere Sache, ein Gutachten über diese Zukunftspläne abzugeben. Uns genügt die Feststellung, daß nach Hitlers Auffassung nicht die Kanone, sondern der Pflug der Retter seines Volkes werden soll. Und wenn die Kanone notwendig wäre, um dem Pfluge den Weg zu bereiten, so soll diese nicht nach Westen, auf uns, sondern nach Osten, auf die Russen, gerichtet werden. Wir können ruhig auf beiden Ohren schlafen. Das Schreckge- spenst des Hitlerismus ist eine Erfindung unserer Feinde. Es ist nur ein Mittel, um den Kampf für unsere Muttersprache böswillig zu verdächtigen, um die Vorkämpfer für die Erhaltung und Hebung unseres Volkstums als Vaterlandsfeinde und Verräter brandmarken zu können." Die von der "Taube" vertretene Sicht der Dinge hat sich als falsch erwiesen. Falsch ist aber auch die Behauptung, die Aubeler Zeitung sei nazistisch eingestellt gewesen. Immer wieder weist die "Taube" auf Ver- letzungen des Konkordats durch die braunen Machthaber hin. Woche um Woche bringt sie Berichte über Verhaftungen von Geistlichen beider christlichen Konfessionen, über Beeinträchtigungen oder gar Verbot der Arbeit von christlichen Jugendverbänden, über Verhaftungen wegen "staatsfeindlicher Betätigungen", über Knebelung der Presse etc. Und wer die manchmal diese Meldungen begleitenden Kommentare und Fra- gen liest, kann nie und nimmer zu dem Schluß kommen, die "Fliegende Taube" sei dem Naziregime gegenüber freundlich eingestellt gewesen. Nachdem der Länderbeauftragte des Reichsjugendführers, Ober- gebietsführer Lauterbach, bei Führertagungen der Hitlerjugend in Düs- seldorf und in Koblenz das Verschwinden der konfessionellen Jugend- verbände als unbedingte Forderung aufgestellt und erklärt hatte, die ! Hitlerjugend werde kompromißlos ihren Weg weitermarschieren und der Totalitätsgedanke der Hitlerjugend erfordere die Auflösung der konfes- sionellen Verbände; genau wie der Führer keine anderen Parteien mehr dulde, werde auch nicht mehr geduldet, daß noch andere Verbände und Bünde glaubten, das Recht zu haben, Jugend erziehen und schulen zu dürfen. Lediglich der Staat, lediglich die Jugendbewegung dieses Staa- tes habe das Recht, die Jugend körperlich zu ertüchtigen, staatspolitisch und weltanschaulich zu erziehen ... , schloß die "Taube" ihren Bericht mit den Bemerkungen: " Und zu solchen herausfordernden, anmaßen- den Erklärungen müssen die deutschen Katholiken schweigen. Ihre Presse schweigt. Und der Klerus muß schweigen. Und die deutschen Katholi-
94 ken müssen sich vom neuen jungen Deutschland sagen lassen, daß der Kirche kein Erziehungsrecht der Jugend mehr zustehe!" Die Meldung über das vorübergehende Verbot des katholischen Kirchenblattes für das Dekanat Siegen wegen der Veröffentlichung ei- nes staatsfeindlichen Artikels versah die "Taube" mit einem Ausrufe- und einem Fragezeichen (!?) hinter der Begründung des Verbots. Zu einem Rundumschlag der "Fliegenden Taube" gegen den Natio- nalsozialismus bot eine Rede des Gauleiters Staatsrat Grohe am 15. De- zember 1933 im großen Hörsal der Kölner Universität über die Wesens- züge des Nationalsozialismus Anlaß. Dieser habe dem Volk innere Kräf- te gegeben, die die Konfessionen zu geben nicht imstande gewesen sei- en. Damit habe er auch bewiesen, daß er auf einer gesünderen Weltan- - schauung basiere. Es werde sich zu zeigen haben, welche Weltanschau- ung mehr zu geben vermöge. Die Kundgebungen führender katholischer Persönlichkeiten hätten sich als ein großer Irrtum erwiesen. Und wenn solche Vertreter so grundfalsch über den Nationalsozialismus urteilten, so sei dies nicht dazu angetan, die Autorität bei ihren Gläubigen zu stei- gern. Der Nationalsozialismus sei für das deutsche Volk das Heiligste geworden und werde es auch für alle Zukunft bleiben. Derselbe Führer hat auf dem Gaukongreß der Nationalsozialistischen Partei am 15. Januar ds. J. in Köln u. a. folgende Sätze sich geleistet: "Das Volk ist das Primäre. Ihm zu dienen, um es seinem Heiligsten, sei- nem Blute, zu erhalten, das ist die Aufgabe, die jeder Generation als ihre erhabenste gestellt werden muß. Der Nationalsozialismus anerkennt Blut und Boden als Urquellen allen Lebens ..." Den Katholiken warf er vor, daß "sie glaubten, daß der Neger-Katholik dem deutschen katholischen Menschen näher stehe als der anständige Blutsgenosse evangelischen Glaubens." Er schloß mit des Dichters Worten: "Der Gott in uns, der zeigt uns, was wir sollen.” Auf diesem gleichen Kongreß hat der höchste Leiter der deutschen Arbeitsfront, Dr. Ley, folgende ebenso lächerlich als lästerlich klingen- de Phrasen verbrochen: "Wir wollen, daß Deutschland ein ewiges Volk sein soll. Unser Kampf steht unter dem ewigen "Du mußt". Darin liegt das Göttliche unserer Bewegung. Es ist der Ausdruck der schönsten Re- ligion, die den SA-Mann zwang, den Mordstahl in der Brust, zu rufen: "Heil Hitler!” Für uns ist der alleinseligmachende Glaube der Glaube an das Volk, an sein Blut, an den Schöpfer, an die Einheit, an die Gottheit. Unser Fanatismus ist geboren aus Lebensfreude und Lebenskraft und wird genährt aus dem lebensbejahenden Nationalsozialismus."
9% Der Leitartikler der "Fliegenden Taube" kommentiert: "Zwar hatte Hitler in seinen Regierungserklärungen die feierliche Beteuerung ge- macht, die christliche Weltanschauung solle die Grundlage des Neuauf- baues Deutschlands sein. Auf Grund dieser Beteuerung hatten die deut- schen Bischöfe das Verbot der Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Partei aufgehoben. Aber, wie obige Ausführungen beweisen, bleibt tat- sächlich die deutsche Rassen- und Blutmoral die maßgebende und im- mer neu verkündete Weltanschauung des Nationalsozialismus." Anschließend analysiert er den am Vorweihnachtstag 1933 in allen Kirchen Österreichs verlesenen Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe, "die noch nicht in ihrer Rede- und Schreibfreiheit gehemmt sind". Klar und mutig hätten sie die Grundirrtümer des Nationalsozialismus beleuch- tet und gebrandmarkt: den Rassenwahn, den radikalen Rassenantisemitismus, das extreme Nationalitätenprinzip, die Ideen und Bestrebungen, die folgerichtig zu einer Nationalkirche und letzten En- des zum offenen Bruch mit der katholischen Kirche führen müßten. Die "Taube" gibt auch den Wortlaut der zu diesem Hirtenbrief im Vatikanblatt, dem Osservatore Romano, veröffentlichten Stellungnah- me wieder, in der es u. a. hieß, die österreichischen Bischöfe hätten im Namen religiöser und moralischer Grundsätze des öffentlichen Lebens das Wort ergriffen. Den Versuch des (katholischen) Reichs-Vizekanzlers von Papen, in ei- ner großen programmatischen Rede am 14. Januar 1934 in Schlesien, die Stellungnahme der österreichischen Bischöfe unter Hinweis auf das im Nationalsozialismus herrschende Führerprinzip zurückzuweisen, (die Doktrin des Nationalsozialismus und ihre Anwendung werde ausschließ- lich vom Führer bestimmt und ihm sei nichts bekannt, das es rechtfertigen würde, einen der genannten Irrtümer dem Nationalsozialismus zur Last zu legen), bezeichnete die "Fliegende Taube" als "Ausflucht". Sonst wolle doch der "Führer" alle Verantwortung für die anderen Führer tragen, aber hier werde sie ihm einfach abgenommen. Eine bequeme Methode, unbe- queme Vorwürfe abzutun! Imübrigen sei es eine nicht geringe Anmaßung und eine äußerst unkirchliche Haltung, wenn Herr von Papen sich das Recht ausnehme, den gemeinsamen Hirtenbrief der österreichischen Bi- schöfe zu verwerfen und als Irreführung hinzustellen. Anscheinend sei der Sinn für die Autorität des Staates, wie der Nationalsozialismus sie sehe, bei ihm bereits stärker als der Sinn für die jedem wahren Katholiken selbstverständliche bescheidene und willige Unterwürfigkeit unter die Autorität der Bischöfe unserer katholischen Kirche.
96 Die Betrauung Alfred Rosenbergs mit der Überwachung der gesam- ten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der nationalsozialistischen Bewegung kommentierte die "Taube" mit folgen- den Worten: "Rosenberg ist der Verfasser des Buches 'Mythos des 20. Jahrhunderts’. In diesem Buche tritt H. Rosenberg das Christentum gera- dezu mit Füßen. Darum wurde vor kurzem von den Kanzeln der Aachener Diözese das Buch den Katholiken ausdrücklich zu lesen verboten. Und ausgerechnet dieser Feind des Christentums wird zum Wächter der Er- ziehung des neuen Deutschland erhoben! - Eine sehr bezeichnende Er- nennung." Der Beispiele, daß die "Fliegende Taube" die ideologischen Grundla- gen des Nationalsozialismus zu keinem Zeitpunkt gutgeheißen hat, lie-- ßen sich noch viele anführen. Doch würden wir damit im Grunde nur schon Gesagtes mit anderen Worten wiederholen. Lassen wir aber abschließend den Herausgeber selber sich dazu äu- Bern (11): "Der Vorwurf, der angesichts der in diesem Kriege vollzogenen Annexion unseres von der "Fliegenden Taube" ein ganzes Jahrhundert beeinflußten Gebiets schon ab und zu nach der Befreiung laut wurde, kann die Redaktion nicht im geringsten berühren. Sie hat es auch für vollkommen überflüssig erachtet, auch nur ein Wort darüber zu verlie- ren. Man würde ja auch vergebens nach den geringsten Äußerungen in ihren Spalten fahnden, wo die mit stetiger Konsequenz verfolgte natio- nale wie regionale Loyalität versagt hätte. Der deutschsprachige Cha- rakter unserer Gegend ist nicht das Werk oder das erst geschaffene Re- sultat der in deutscher Sprache abgefaßten Zeitung, so wenig wie diese von irgend einer Seite des In- und des Auslandes diesbezügliche Anwei- sungen je empfangen hat. Die Herausgeber der "Fliegenden Taube" ste- hen in patriotischer Hinsicht mit ganz reinem Schilde da. Und wenn im übrigen Belgien nur ein paar Blätter den Kampf gegen den imperialistischen Nationalsozialismus so früh angefangen, so andauernd und mit viel klarschauender Voraussicht geführt hätten wie die "Fliegen- de Taube", dann wären wir anders vorbereitet gewesen gegen die teufli- schen Intrigen, die selbst von unseren verantwortlichen Staatsmännern nicht durchschaut wurden. Wenn die "Fliegende Taube" gerade von letzterer Seite aus sich noch einige Zeit vor dem Einfall verwarnen lassen mußte, weil sie die gebote- ne Neutralität gegen Deutschland nicht hinreichend beachte, dann heißt das ja genug. Niemals hat das Blatt, sei es von einer Regierung oder
Sa einer Partei, sich gewinnen oder bezahlen lassen; es hat immer seine vollkommene Selbständigkeit und Unabhängigkeit sich bewahrt. Es hat wohl aus sich immer die Fahne der katholischen Interessen hochgehal- ten, in der Politik, in der Wirtschaft und auf sozialem Gebiete. Und es ist für die Redaktion beim Anlaß der Jubelfeiern ihres hundertjährigen Bestehens die größte Genugtuung, sich sagen zu können, daß sie ihren Teil dazu beigetragen hat, daß unsere Gegend mit jeder anderen im bel- gischen Vaterlande den Vergleich aufnehmen kann in patriotischer wie in katholischer Hinsicht. Mit dieser unserer Gegend, in der sie ihre Leser und Gönner zählt, fühlt sie sich auf das engste verbunden und sie ruft es hinaus: Bleiben wir auch in der Zukunft, was wir bisher gewesen sind. Wir brauchen vor niemandem zu erröten; wir haben in unserer eigenartigen Stellung als Grenzbevölkerung dem Ideale des katholischen Belgien alle Ehre ge- macht!" ko ko ok ok Rokoko 150 Jahre wäre sie nun, die "Fliegende Taube", wenn nicht die Nach- kriegsumstände nach 1945 noch widriger gewesen wären als die der Jahre nach 1918. Die nun noch heftiger zu Tage tretende antideutsche Stim- mung, die sich auch gegen die deutsche Sprache richtete, und die schnell voranschreitende Französierung entzogen der "Taube" die Existenz- grundlage. Am 29. Dezember 1951 stellte sie ihr Erscheinen ein. Die wenigen Exemplare, die noch erhalten sind, bleiben wertvolle Erinnerungsstücke an eine Zeit, in der das Land von Montzen und Welkenraedt eine andere sprachliche Prägung besaß als heute. "Das Friedensglück unseres Vaterlandes", das den Herausgeber im Januar 1849 zum Vergleich mit der Arche Noah inspirierte, wurde , wie schon gesagt, in diesen 150 Jahren zweimal unterbrochen. Und beide Male mußte die "Taube" für vier Jahre ihr Erscheinen einstellen. Nur "ein Blatt für die Gesellschaft" hatte sie sein wollen, war aber immer wieder in die politi- schen und sprachlichen Auseinandersetzungen hineingezogen worden. "Gott sei Dank", müßten wir sagen. Denn ohne die "Taube" wären diese Auseinandersetzungen gewiß weniger spannend und aufregend verlau- fen und das kulturelle Leben des Montzener Landes wäre etwas ärmer gewesen. Der 150. Geburtstag dieser Zeitung sollte an eine noch gar nicht so ferne und uns doch schon so weit zurückliegend scheinende Zeit erinnern.
98 Anmerkungen 1) Geb. in Eupen, am 27.3.1820, verheiratet mit Jeanne Catherine Krings (* Eupen, 10.4.1842), gest. in Arlon, am 27.2.1895. Dieser Jean-Henri Willems hatte eine zahlreiche Familie, sechs Töchter und fünf Söhne. Zwei der Töchter traten in den Orden der Franziskanerinnen von Luxemburg ein; Schwester Anselma lebte und starb im Kloster von Beloeil, Schwester Angelina in der Anstalt von Forges-Baelen. Francoise Willems heiratete Pierre Mostert aus Moresnet-Kapelle. Alle fünf Söhne wurden Drucker, vier von ihnen Zeitungsdrucker. Der älteste war Alphonse, der 1872 das "Journal d’Aubel” und 1883 das "Journal de Dalhem-Vise" gründete. Bevor er seine verlegerische Tätigkeit begann, hatte Alphonse Willems als päpstlicher Zuave in Italien für Pius IX. gekämpft. In Dolhain hat der zweite Sohn, Louis, mehrere Jahrzehnte das "Freie Wort" , später "Die Freie Presse” sowie "Les Nouvelles" herausgegeben. In Esch-sur-Alzette ließ sich der dritte Sohn, Gerard, als Zeitungsherausgeber nie- der. Der vierte Sohn, Henri, arbeitete als Drucker in der königlichen Druckerei in Brüs- sel, während der fünfte, Joseph, 1882 die "Fliegende Taube” von seinem Vater über- nahm und 1886 einen Druckerei-Neubau errichtete. Er leitete das Unternehmen bis zum Jahre 1920, um es dann seinem Sohn Joseph jun. zu übergeben, von dessen Geschwistern drei den Priester- bzw. Ordensberuf ergriffen und dessen ältester Sohn (Joseph) als Frater Eug@ne in die Zisterzienser-Abtei von Gottestal/Val Dieu eintrat. 2) Godefroid Kurth, geb. Arlon 1847, gest. Assche 1916, war erst Gymnasiallehrer in Lüttich, doktorierte daselbst 1872 und wurde 1873 Professor für Geschichte an der Lütticher Universität. Gilt als der Begründer der belgischen historischen Schule. Kurth war ein engagierter Verteidiger der deutschen Sprache und warf dem belgi- schen Staate vor, eine "Rabenmutter" für die Deutschbelgier zu sein. Kurth leitete nach seiner Emeritierung (1907) das belgische historische Institut in Rom. 3) Zitiert in: Bischoff, Heinr., Geschichte der Volksdeutschen in Belgien, Aachen 1941, S.38 4) Ebd. SS. 66-67 5) In Dolhain von Louis Willems, einem Sohn von Jean Henri Willems, 1886 gegrün- detes deutschsprachiges Blatt, das zweimal wöchentlich erschien und vor allem den Raum Welkenraedt - Montzen - Gemmenich abdeckte 6) Die Fliegende Taube, 3. Jan. 1934 7) Ebd. 8) Bischoff, a. a. O., S. 131 9) Die Fliegende Taube, 8. Aug. 1919 10) Eine Anspielung auf die sog. Rumpler-Taube, ein 1910 von dem österreichischen Techniker Edmund Rumpler entwickelter und gebauter Tiefdecker, der als das lei- stungsfähigste Flugzeug seiner Zeit galt. 11) In der Jubiläumsnummer vom 4. Jan. 1947, die den 100. Jahrgang einleitete.
99 Zu einem Gedenkstein in Aachen-Richterich, Roermonder Straße 508 Von Albert Creutz Os AAN AS 7 | —_. en % NM Y ! DE X u BL A A % A ® Sl PO AT BMA ON ya AA ba x FE x 8 Z & BE “ k Y x N Al A N ha FE Se we A Se RER DR WS SEN EN DM za a SE a BE EEE AN LAMBERT BRAGARD VON MEMBACH GEB DEN 17 NOV 1786 VEREHLIGT MIT BARBARA BECKER ZU RICHTERICH UNTER SEINEM KARREN VERUNGLUCKT DEN 18 AUG 1818 5 RL
100 Das hier abgebildete solide Steinkreuz ( Höhe 85 cm, Balkenlänge 77 cm, Tiefe 20 cm ), befindet sich in Richterich am Rande der Roermonder Straße, von Aachen kommend rechts, gleich hinter der Autobahnbrücke der A 4 ( E 314 ) und etwas weiter als die ARAL- Tankstelle. Der Gedenkstein stand früher an einem Wassergraben am Wegesrand vor dem 1931 erbauten Mehrfamilienhaus Nr. 508. Als die Landstraße um 1965 ausgebaut wurde, kam der Stein in den angrenzenden Garten vor eine junge Esche zu stehen, dort, wo seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis kurz nach dem 2. Weltkrieg eine große Ringofenziegelei des Hollän- ders Optemkamp gestanden hatte. Die Primarschule in Richterich wurde schon 1846 mit Ziegelsteinen aus dieser Fabrik erbaut. . Heute ist dieser kleine Grasgarten zwischen Nr. 508 und 510 noch ein Überbleibsel der anliegenden Villenparzellierung Lonweg und gehört der Familie Leo Hämmerling. Das hier stehende Euregio-Sterbekreuz erinnert also, wie die Inschrift besagt, an den am Dienstag, dem 18.08.1818 um 20 Uhr unter seinem Karren tödlich verunglückten Fuhrmann Lambert BRAGARD, (die Ster- beurkunde schreibt "Brackard") geboren am 17.11.1786, aus dem Dorf Membach in der Provinz Lüttich stammend und auch dort wohnhaft, "Auf'm Deich" ( in der Nähe der Quirinus-Kapelle und des (Alten) Mühlenweges, der heutigen Rue du Moulin ). Er war das zweitgeborene von mindestens 7 Kindern ( Lücke im Re- gister der Franzosenzeit ) der Eheleute Johann Peter BRAGARD und Anna Christina Scheen aus Raeren, verheiratet in Membach am 22.05.1784. Lambert BRAGARD trug denselben Vornamen wie sein Großvater, der in Baelen am 24.11.1754 Anne Maria Kleyn geheiratet hatte. Der verunglückte Lambert BRAGARD hatte am 24.11.1810 die 21jäh- rige, aus Eynatten gebürtige Spinnerin Anna Barbara Becker, Tochter des Hufschmiedes Wilhelm Becker und der Maria Sybilla Straat geehelicht, die ihm 3 Kinder schenkte, die auf die Namen der Großeltern getauft wurden, und zwar: - Christine geb.am 02.03.1811 (wie ihre Großmutter) - Mathieu Guillaume geb.am 9.10.1813 (wie sein Großvater) - Jean Pierre geb.am 14.10.1816 (wie sein Großvater).
101 Vermutlich befand sich der verunglückte Lambert BRAGARD zur Unfallzeit, am 18.08.1818, um 20 Uhr, in Begleitung seines Vaters ( + 24.11.1819 ), da dieser schon anderntags um 14 Uhr den Tod vor dem Bürgermeister Baron Carl von Broich in Richterich zur Akte gab. Wie aus einer Eintragung im Sterberegister der Pfarre Membach er- sichtlich, wurde der Verunglückte am folgenden Tag, dem 19.8.1818, in Richterich beerdigt, doch wurden die Exequien "in l1o0co originis et suae habitationis" (an seinem Geburts- und Wohnort) gehalten. Barbara Becker blieb Witwe und verstarb am 16.04.1865 in Eupen, wo ihr Sohn Johann Peter - seines Standes Weber - ansässig war. Man darf annehmen, daß BRAGARD bei seiner Unglücksfahrt Wolle oder Stoffe aus dem Membacher oder Eupener Raum nach Aachen ge- bracht hat. Laut Geschichtsforscher Joseph Aretz aus Kohlscheid wurden dann als Rückfracht meistens Werkzeuge und Hausbrandkohle (Anthrazit), eine harte, glänzende Steinkohle mit höhem Heizwert, transportiert. Kohlentransporte in den Eupener Raum sind ab 1780 bekannt und im Raum Raeren bezeugt. 1818 förderten im heutigen Kohlscheid folgende Gruben Kohle zu Tage: - Herrenkuhl, Vieslapp und Spaenbroich (Pannesheide und Bank), - Hankepank (Vorscheid), - Abgunst und Kämpchen (zwischen Kohlscheid und Berensberg) sowie - Langenberg (am Weg nach Bardenberg). In dem Amts-Blatt der Regierung zu Aachen vom 24.09.1818 werden 6 Unglücksfälle des Monats August angeführt, worunter ein Mann aus Crombach (?), ohne Namensangabe, der unter seinem Wagen durch erlittene Quetschungen verstarb. Im Sterberegister der Gemeinde Crombach fand sich nichts Zutreffendes. In der Sterbeurkunde von Richterich wurde irrtümlich "Mimbach" geschrieben. Es könnte sich folglich um unseren Fall handeln. Leider sind weder im Lokalarchiv Richterich, noch in der Gemeinde Herzogenrath, noch im Staatsarchiv Düsseldorf Unterlagen eines Polizei- berichtes des Feldhüters Johann Nusbaum aus Forsterheid über den Unfallhergang zu finden. Wohl befinden sich in den Gerichtsakten aus dem Kreise Montjoie (Monschau) Berichte über 2 dieser 6 Unglücksfäl-
102 le, wo Fremdverschulden in Erwägung kam, nicht aber dieser Karrenunfall. Somit halten sich unsere Ermittlungen an die Angaben aus dem belgischen Archivgut und der Richtericher Sterbeurkunde. N.B.: Vielleicht kann dieser Euregio-Beitrag auch dazu dienen, die einstige Römersiedlung Richterich mit dem schönen belgischen Dorf Membach etwas bekannt zu machen. (Eupen, 1997). ZA Sterbe-Arkunde Bägermeifterei Gele Rreis 2 Eo Regierungss und Sandgerigtöbezirt Wachen, x EZ Gemeinteanfe zı |! CS am / WERT . A ein tgutend aByhundert A ab joa, um mittage, LLD A DOG G PÜR DürgermÖcsöln Pf le Beazıten be Perjonenfinnben, erfhienen: Ze Welt GTA ac BA ae, 2 AL bon Stand, wognfeft * Zfen } MA de 2 Berfiorbenen zu fein angab, und 2 A 7) ws HH alt 7 A LER AI von Stand, wohahaft = Zt SED de Berfiosbenen zu fein angab. Diefelben ertlärdzat, daß, DE in taufenb ad FE ur AL ALT au Ze fe z in 4 bag DE Se DEE ZELL rafart ws Grillen ASPECT As Z stand /Abohnhaft zu DD VE Zenlatt A 6. yon Staub, wohnhaft Dale and defjen LEGTE PA EDGE al ZZ BEAT Nach gefhehener En biejer Urfunde habe ic diefelbe zugleich mit dewtr FA EVA unterfüieben. Sg SE PT BZ FA ZOO ZZ ES 5 7 7 AA Ba A RE za asp DE LES FLY abet A Z Se DE Sterbeurkunde des Lambert Bragard („Brackard“‘)
103 Die "'Dorfgeschichtliche Sammlung'' Lontzen von Alfred Bertha Ohne Gedächtnis ist der Mensch ohne Biographie, ohne Identität. Er weiß nicht, woher er kommt oder wer er ist. Ähnliches kann man auch von einer Dorfgemeinschaft sagen. Sie braucht ein kollektives Gedächtnis, einen Ort, wo Erinnerungen wach- gehalten werden. Mancherorts stellen sich beim Sammeln von Erinnerungsstücken Raumprobleme. Auch in Lontzen gab es solche und erst Ende1992, nach- dem die Post das Haus in der Schloßstraße Nr.- 30 geräumt hatte, bot sich die Gelegenheit, das bis dahin gesammelte Material zur Dorf- geschichte in einem ansprechenden Rahmen auszustellen. Dem Aufruf an die Bevölkerung, durch passende Exponate das in der Entstehung begriffene Heimatmuseum zu bereichern, folgten recht viele Lontzener. Alte Fahnen, Fotos, Ansichtskarten, Erzsammlungen, Zeitungsberichte, Diplome und andere Dokumente, kurz: "alles, was sonst verstaubt wäre" (Hr. Martinius), geben nun Einblick in das dörfliche Leben von einst. Aus dem 1983 abgerissenen Herbesthaler Bahnhof hatte die Deutschsprachige Gemeinschaft neben den bekannten Sandsteinköpfen der Hauptfassade auch einige interessante Wand- und Deckenpartien si- chergestellt. Letztere fanden, fachmännisch durch Herrn Dieter Mar&chal aufgearbeitet, im Dorfmuseum einen neuen Rahmen und wecken nostalgische Erinnerungen. Die Köpfe ruhen noch, bis auf einen, im Depot. Ein Heimatkalender mit alten Dorfansichten aus der Gesamtgemeinde (Lontzen, Herbestahl, Walhorn) - nun schon zum fünften Male erschie- nen - sowie eine Buchveröffentlichung ("Im Zuge der Zeit - Beiträge zur Geschichte der Ortschaft Herbesthal", 1995, 104 S., 600 F) zeugen von der Vitalität der Verkehrsvereine, die auch damit einen wertvollen Bei- trag zum Erhalt des kollektiven Gedächtnisses leisten. Das Lontzener Dorfmuseum, im Sommer an jedem 1. und 3. Sonntag im Monat und im Winter an jedem ersten Sonntag von 14-16,30 Uhr geöffnet, ist getragen vom Verkehrs- und Verschönerungsverein und hat mit den Herren Günter Martinius, Dieter Mar£chal sowie Albert und Carly
104 aß KIA BA, AA) E® A | N ES a B 1 SE 7] ; Tees Ben ABB aaa! | : Dee a EI 5 b SS La m Bay nk LIE Van DE U En Te ; MP Gi Bas AT em 4 S [Se SOSE EG Sana Fan A ZT ar) V re EM 4 7 Ma FE Hr Y ae DAT y — Bm ara 7, Ben £ RÄT €” 9 ‘& . KA Vom n EM ä Ta am 10m Man ze 1A Sn a aa BE 5 VER LLE HA X | IM a A Zaren N aA LT La em Da rn EEE LET. [a [AM } “ And A hf nn PELES 5 IA Dr “a m PL ÖL 8 a Da EL 77% ® | ; KA 6 CE ea 0 RR 388 BEE m HL SR 22 | "Ze Ba ne Sl k- S | 4 DA ALL ie A Y Ya Y Kal nn an Se FE 3 - Zn du Da Ha 4 Zu Kg a == i m Sn 9 bs An EN + FG "Fu Me Sie BR DIR A a Rn V A De BO = E SW CE A AP Günter Martinius und Dieter Marechal Cormann engagierte Mitarbeiter und Stützen, die es als Verpflichtung ansehen, mit der "Dorfgeschichtlichen Sammlung" eine Brücke zur Ver- gangenheit zu schlagen und letzterer eine Zukunft zu geben. Zu hoffen ist, daß auch in Zukunft Vertreter der jüngeren Generation sich durch die Mitarbeit im Heimatmuseum angesprochen fühlen und dessen weitere gedeihliche Entwicklung sichern.
105 Gefangen von Maria-Theresia Weinert Tief im Verborgenen ruht das Leben anders, als das, was außen sich begibt. Der Tag verlangt sein Recht, und auch die Nacht noch stecket Lichter auf, die man nicht löschen kann, und die Gewohnheit drückt den Stempel drauf. Doch unter Asche langer Jahre glimmt der Funke unsichtbar, der Sehnsucht heißt, nenn's Heimweh, oder Freiheit, nenn's Hoffnung und Erinnerung zugleich, gebunden an Geborgenheit und Ursprung, der Funke, unlöschbar, tief in den Kammern des Herzens gefangen.
106 Jahresrückblick 1997 Herbert Lennertz Auch im Jahre 1997 lagen die Schwerpunkte unserer Veranstaltungen auf Vorträgen und Exkursionen. Bei der Generalversammlung im vollbesetzten Select-Saal in Kelmis, am 19. Januar 97, konnte der Vorstand eine in jeder Hinsicht mehr als zufrieden- stellende Bilanz vorlegen. Das Jahr 1996 hatte im Zeichen der Feiern zum 30jäh- rigen Bestehen der Göhltalvereinigung gestanden und so war im 2. Teil des Programms eine Retrospektive auf die großen Fahrten der letzten 30 Jahre an- gesagt. Unser Vorstandsmitglied Alfred Jansen hatte das Beste aus dem reich- haltigen Dia-Fundus hervorgeholt und konnte so manche Erinnerung wieder wachrufen. Wegen unvorhergesehener Umstände mußte der für den 27. Februar ange- sagte Vortrag über „Leben und Wohnen mit nachwachsenden Rohstoffen‘ kurz- fristig abgesagt werden. Am 27. April boten wir eine gesteinskundliche Führung durch das „stein- reiche Aachen“ an. Herr Dr. Nikolaus Schmitz, Mineraloge, zeigte den interes- sierten „Göhltalern“ beim Gang vom Ponttor zum Markt, daß beim Häuser- und Straßenbau neben den aus der näheren Umgebung Aachens kommenden Natur- steinen eine große Vielfalt anderer Gesteinstypen - manche von weither an- geliefert - Verwendung gefunden haben. Zwei flämische Kunststädte: Diest und Lier waren das Ziel einer Tages- fahrt, die unter der Leitung von A. Bertha am 25. Mai stattfand und viel Zu- spruch erntete. Das Rathaus (mit Stadtmuseum), die St. Sulpicius-Kirche und der guterhaltene Beginenhof waren die Schwerpunkte der Besichtigung in Diest, während Lier, die Stadt des Felix Timmermans, an jenem Tage ganz im Zeichen des Fußballes stand, kam doch der „Lierse‘“ mit dem Pokal des Landesmeisters nach Hause ... Die Siegesfreude (3-0 gegen Standard Lüttich) gab dem Aufent- halt in der Stadt eine besondere Note... St. Gummarus, der Zimmerturm mit der astronomischen Uhr, der Beginenhof und der hübsche Marktplatz hinterließen bleibende Eindrücke. Viel Zuspruch fand auch unsere Moselfahrt am 22. Juni. Sie führte von Cochem bis Senheim und begann mit einer Besichtigung der alten Reichsburg Cochem. In Senheim erhielten wir im Weinmuseum der Familie Schlagkamp- Desoye einen Einblick in die Landesgeschichte, den Weinanbau und die Geolo- gie der Vulkaneifel. Zum Ausklang besuchten wir das malerische Örtchen Beil- stein. Unsere alljährliche Mehrtagesfahrt unter der Leitung des Vorsitzenden führte 1997 in die Provence, wo wir in Arles Quartier bezogen, um von dort aus einige der besonderen Sehenswürdigkeiten dieses Landstrichs zu besichtigen. Auf den Spuren. der Römer (Arles, Nimes, Pont du Gard ...) der mittalterlichen Päpste
108 bürgerstädtchen, zählt etwa 5000 Einwohner und hat es verstanden, die schwe- ren Wunden des 2. Weltkrieges vergessen zu machen. Die spätgotische Backsteinkirche St. Martin mit romanischem Westturm be- herbergt drei Schnitzaltäre flandrischer Provenienz, von denen besonders der Hochaltar (um 1520) mit 12 Bildern aus dem Leben Jesu zu den besten Arbeiten der Antwerpener Schule zu zählen ist. Ein Rundgang durch Linnich unter der Führung von Herrn Hans Kramp vom dortigen Geschichtsverein endete im städtischen Museum, das die verschiede- nen alten Handwerksberufe (Korbflechter, Schuhmacher, Steinmetz...) sowie die Stadt- und Vereinsgeschichte ausführlich dokumentiert. Linnich ist heute weltweit bekannt als Sitz des Großunternehmens PKL- Verpackungssysteme, das allein hier 1.800 Mitarbeiter beschäftigt, die mit dem „Combibloc‘“-System Verpackungen für Milch, Säfte, Suppen, Soßen ... ferti-, gen. Bei einem Werksrundgang konnte diese Fertigung von der Papierrolle über die Polyethylen- und Alu-Beschichtung bis zum Zuschneiden, Verkleben und Verpacken verfolgt werden. Ein besonderes Erlebnis! Am 23.9. führte H. Willi Palm eine Gruppe nach Aachen. Ziel waren die jüdische Gemeinde in Aachen und ihre neue Synagoge. Das nahe Stolberg nennt sich in einer Werbeschrift „die älteste Messing- stadt“. Das mag für Deutschland stimmen. Zu unserem heimischen Erzbergbau hat Stolberg dadurch eine besondere Verbindung, daß der Kelmiser Galmei bei den Stolberger Kupferschlägern hoch im Ansehen stand. Im Rahmen einer Stadtführung mit Frau Helma Proess] besichtigten wir am 27.9. einige der Zeugen der alten Messingindustrie, sog. Kupferhöfe, wo neben geologischen auch montantechnische Einblicke vermittelt wurden. Eine abschließende Führung durch das Museum „Zinkhütter Hof“ zeigte nicht nur die vielen Verwendungsmöglichkeiten des Zinks, sondern auch die einzel- nen Produktionsabläufe in der Nadelherstellung. Zudem ist das Museum ein Beispiel gut gelungener Umgestaltung und Nutzung einer wertvollen Industrie- architektur. Unter den Nebenbächen der Göhl nimmt die Gülpe eine besondere Stellung ein. 17 km legt sie zurück von der Quelle bei Henri-Chapelle bis zur Mündung in die Göhl im niederländischen Gulpen. Den Lauf der Gülpe über Homburg, Remersdael, Teuven, Slenaeken ... illustrierte am11. Dezember ein gut besuch- ter Dia- Vortrag von A. Bertha. Die Vereinsarbeit wurde 1997 arbeitsteilig wie schon 1996 fortgeführt. Lei- der hatten wir am 14. Mai 1997 den Tod unseres langjährigen Vorstandsmitglie- des Alfred Jansen zu beklagen, was in der Betreuung unserer Mitglieder des Gemmenich-Moresneter Raumes eine schmerzhafte Lücke hinterläßt. Wie vorgesehen erschienen wieder zwei Hefte unserer Zeitschrift „Im Göhltal‘““, die Nummern 60 und 61.