Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr 61 August 1997 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04. Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Kassierer: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Postscheckkonto Nr. 000-0191053-60. ; Generale de Banque: 248-0068875-35 ASRK: 001-1149241-61 Konto NL: AMRO-BANK: 46.37.00.090 Vaals/L Konto BRD: Aachener Bank: 821 363 012 (BLZ 390 601 80) Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten Entwurf des Titelblattes: Alfred Jansen, Moresnet-Kapelle. Druck.: Hubert Aldenhoff, Gemmenich.
3 Inhaltsverzeichnis Alfred Jansen (+) Zum Umschlagbild S Moresnet - Kapelle H. von Schwartzenberg Burgunderabzeichen auf 11 Aachen alten Grenzsteinen Maria-Theresia Weinert Am Schilfmoor 19 Aachen-Forst Dr. Nik. Schmitz "Excursion nach dem Altenberge" 20 Aachen Alfred Bertha "Zeit - Vertreib bey den 27 Hergenrath Wasseren zu Achen" Firmin Pauquet Kelmis - La Calamine 31 Kelmis Ein Geschäftszentrum | Alfred Bertha Vor 110 Jahren: 56 Hergenrath Eisenbahn Raeren - Eupen Dr. Carlo Lejeune Kulturnation und Staatsnation 65 Büllingen Jakob Langohr De Moddersproek 81 Bildchen H. Debey u. F. Pauquet Erinnerungen an Laurent Fryns 83 _ Verviers/Kelmis Alfred Bertha Ein Vieh- und Krammarkt für 88 Hergenrath Lontzen? Jos. Langohr Un tableau du patrimoine culturel 94 Gemmenich de Gemmenich retrouve Remy Hardy Du Val d’Enfer au Val de Vie 100 Moresnet - Kapelle Der Vorstand In Memoriam Alfred Jansen 102 König - Baudouin - Der Fonds für Kulturerbe und 103 Stiftung Denkmalschutz
8 Zum Umschlagbild Schloß Waldenburgshaus in Merols * von Alfred Jansen Unweit der Brigida-Kapelle von Merols, an der über den Höhen- zug zwischen Kettenis und Walhorn führenden alten Römerstraße Membach-Kornelimünster, der heutigen Hochstraße, liegen zwei größere Häuser, und zwar das Philippenhaus und das Waldenburgs- haus, beide entstanden aus dem Stocklehen und Schloß Merols, dem ursprünglichen „Hooghuys‘“ von Merols, das ein Lehen des Aachener Marienstiftes war. Seit 1589 unterscheidet man zwischen Hof Merols (später Hagenhaus, heute Philippenhaus) und Schloß Merols (Waldenburgshaus). Letzteres verdankt seinen Namen der Familie von Waldenburg, die 1661 als Eigentümerin des Hauses erscheint. Die Geschichte der Burg Merols läßt sich in den Lehensregistern des Aachener Marienstiftes bis ins Ende des 14. Jh. zurück- verfolgen. Der erste uns bekannte Besitzer war Johann P(a)rys von Rabotrath. Er starb 1397. 1476 erwirbt die Burg Johann Bertolf von Belven. Die folgenden Besitzer sind der gleichnamige Enkel, sodann der Urenkel Simon Bertolf von Belven. Dessen Tochter Odilia heiratet den Junker Wilhelm Crümmel von Rave, der die Burg 1528 releviert und sie seinem Sohn Balduin bei dessen Hei- rat (1560) schenkt. Balduin Crümmels Tochter Christine heiratet Johann von Horpusch, der die Burg 1589 dem Dietrich Bertolf von Belven und dessen Gattin Christine von Hanxler überläßt. Deren Sohn und Erbe Simon Bertolf von Belven war Kanoniker des Marienstiftes von Aachen. Die Erben verkaufen das Haus im Jah- re 1626 an den Junker Heinrich von dem Hof (van den Hove) genannt Carsfeldt und dessen Gattin Barbara Schuyl aus Walhorn. Nach dem Tode ihres Mannes geht letztere eine neue Ehe ein mit Laurenz de Meuth, Leutnant in spanischen Diensten, der das „Hooghuys“ 1637 releviert. Aus dieser Ehe stammt eine Tochter, die mit Isaac Paneman verheiratet war und im Jahre 1661 ihr Erbe dem Kavallerieoberst * Aus G. Poswick, Les Delices du Duche de Limbourg, Verviers 1951, S. 345.
6 Andre von Waldenburg und dessen Gattin Katharina Zinnerbade verkauft. Nach dessen Tod kommt die Burg an den Sohn Johann Franz von Waldenburg, seines Zeichens kaiserlicher Generaloberst. Er schenkt oder überläßt das Haus im Jahre 1696 seinem Bruder Maximilian Wilhelm Hubert von Waldenburg, Meier von Eupen 1721-1727, der im ersten Viertel des 18. Jh. dem Besitz auch sei- nen heutigen Namen gibt. Obschon zweimal verheiratet, scheint der neue Besitzer doch ohne direkte Erben gestorben zu sein, denn Haus Waldenburg fiel an den ältesten Neffen, Hyacinth Joseph Andre von Waldenburg, Kapitän im österreichischen Regiment des Feldmarschalls Königseck, verheiratet mit Marie Francoise de Royer von Liberme. . Dieser überläßt Waldenburg im Jahre 1773 seinem Schwager Jakob Alexander de Royer, Besitzer des in der Nähe liegenden „Hofs Merols“ , des heutigen Philippenhauses, der das Anwesen im Jahre 1776 den Gebrüdern Nikolaus Johann und Peter Franz von Hodiamont verkauft. Der Erstgenannte heiratet 1788 die Ba- ronin von Fromenteau von Ruyff. Waldenburg kommt auf dem Erbwege an den schon genannten Nikolaus Johann von Hodiamont sowie an die beiden Töchter des Peter Franz von Hodiamont, Charlotte Angeline und Sophie Lambertine von Hodiamont. Während die Erstgenannte ledig blieb, heiratete die zweite Wil- helm Anton Johann Joseph de REsimont von Schloß Bempt in Moresnet. Diese Eheleute hatten sechs Kinder, in deren Besitz Waldenburg lange Jahre verblieb. Laut notarieller Urkunde vom 30.8.1905 beschlossen diese Er- ben, d. h. Alfons, Viktor, Z&non und Marie de RE&simont sowie Emma, verheiratet mit Baron Voorst tot Voorst, und die drei Kin- der des schon verstorbenen Bruders Constantin eine einstweilige Teilung des von den Eltern und der Tante mütterlicherseits hinterlassenen Vermögens. Waldenburg kommt 1907 an die bei- den Töchter des verstorbenen Constantin von REsimont, Henriet- te und Victorine de REsimont. Die beiden Damen mußten sich aber 1918 wegen zu hoher Schuldenlast des Besitzes wieder entledigen und verkauften Wal- denburgshaus an Herrn Julius Keller, der es 1920 an Andreas von Cortenbach weiterverkaufte. Bei dessen Tod im Jahre 1946 erbten
4 es die Witwe und die vier Kinder Therese, Mathilde, Ernst und Andre Franssen von Cortenbach. 1966 erwarb es von den Erben des Herrn Ernst Franssen von Cortenbach der Stolberger Indu- strielle, Konsul Kurt Emil Adolf. Von der ersten Anlage von Burg Merols, die ihren ursprüngli- chen Namen „Hooghuys“ entweder von der Lage oder vom äuße- ren Erscheinungsbild - einem mittelalterlichen Wohnturm - be- zog, ist nichts geblieben. Die größten Um- und Anbauten erfuhr Waldenburgshaus durch Andreas von Waldenburg, der das Haus von 1661 bis zu seinem Tode am 2. Juli 1694 besaß. Er ließ nicht nur, wie aus Zahlen- und Wappensteinen hervorgeht, neue Wirtschaftsgebäude errichten; auch das Schloß bekam damals sein heutiges Aussehen. Die Gebrüder Nicolaus Johann und Peter Nic. Franz von Hodiamont „erneuerten und verschönerten nicht nur das Schloß, sondern auch den Hof, der nunmehr aus zwei Höfen besteht, leg- ten einen schönen Garten an, welchen sie mit Bäumen von wohl- schmeckendem Obste, Weinstöcken etc. versahen, und der über- aus anmuthig und zierlich eingerichtet ist. Spaziergänge, von ho- hen Baumreihen eingefaßt, verzieren die angenehme Umgebung. Teiche(n), gut geleitet, umgeben Garten und Schloß. Gewiß ist dieses Eins der schönsten Schlösser des Kreises und bietet einen genußreichen ländlichen Aufenthalt dar. Die freundliche Frau Wit- we von Hodiamont und eine ihrer lieben Töchter bewohnen das- selbe.“ Worin die in vorstehenden Zeilen von Ch. Quix genannte „Er- neuerung und Verschönerung“ des Schlosses bzw. die vorgenom- menen baulichen Änderungen bestanden haben, läßt sich leider nicht genau feststellen. Am Samstag, dem 13. Dezember 1975, gegen 21 Uhr wurde Waldenburgshaus durch einen im Dachstuhl ausgebrochenen Brand schwer beschädigt. Der damalige Eigentümer, Konsul Adolf aus Stolberg, war bei Brandausbruch im Jagdzimmer im Parterre; das Hausmeisterehepaar Ernst, das das obere Stockwerk bewohnte, war abwesend. Draußen herrschte eine Temperatur von minus 7 Grad, was die Löscharbeiten der Feuerwehr erheblich erschwerte. Hinzu kam, daß der große Leiterwagen der Feuerwehr die zu niedrigen Tore
8 der Wirtschaftsgebäude nicht passieren konnte, so daß die Wehr- männer den Brand nicht von oben bekämpfen konnten und ihnen nichts anderes übrigblieb, als mit behelfsmäßigen Pumpen von innen gegen das Feuer anzugehen. Der Brand zerstörte kostbare Möbel und andere wertvolle Kunst- gegenstände, wobei das gefrierende Wasser den entstandenen Scha- den noch vergrößerte. 1977 erwarb Herr Alfons Knauf aus Aachen die Schloßruine, die er stilgerecht wieder aufbauen ließ. Gleichzeitig wurden auch die verlandeten Wassergräben wieder entschlammt. Diese werden von Norden durch Oberflächenwasser gespeist und besitzen ei- nen Überlauf nach Süden, zum ehemaligen Steinbruch hin. # Leider war in der Zwischenzeit ein besonderes Kleinod von Waldenburgshaus verloren gegangen. Es handelt sich um den be- rühmten Stucksaal des Italieners Gagini aus dem Jahre 1805. Die kostbaren Stuckarbeiten hatten den Brand und die Wasserschäden zwar überlebt, waren dann aber über mehr als ein Jahr den Witterungseinflüssen schutzlos ausgesetzt gewesen. Die Stuck- reliefs wurden herausgetrennt und verschwanden ... Von außen läßt das heute wieder aufgebaute Haus, das seit 1983 im Besitz von Familie Magis ist, die Katastrophe vergessen. Mit einer Freitreppe an der Südseite und den im Stile Louis XIV ge- haltenen Fenstern an der zur Hochstraße hin gerichteten Nord- seite macht der Herrensitz aus Feldbrand über Blausteinsockel unter mächtigem Walmdach trotz einfacher Linienführung einen beachtenswerten Eindruck, der noch durch die langgestreckten Wirtschaftsgebäude aus Kalkstein harmonisch abgerundet wird. Die Familie von Waldenburg hatte, wie viele andere Familien des Walhorner Landadels, eine Grabstätte in der Walhorner Pfarr- kirche besessen, die sie mit dem Schloß, dem Krümmel-Lehen, erworben hatte. Sie lag im Mittelgang, rechts neben dem der Fa- milie gehörenden Stuhl. Die Hodiamonts nennen ganz bewußt ihr Haus „Schloß Merols“‘. An die früheren Besitzer von Waldenburgshaus, die Familie von Hodiamont, erinnert ein neugotisches Grabmal auf dem Walhorner Friedhof. Die Inschriften lauten:
10 Seine Hochwohlgeb. Ehegattin M. Lambertine V.A. Freifrau de Fromentau de Ruyff geb. zu Hodimont den 11. April 1760. gest. auf Schloß Merols den 8. Aug. 1846. Die Seitenfelder tragen die Inschriften: 1. „Der Hochwohlgeb. J. Edmund Freiherr von Hodiamont von Eupen geb. den 18. Mai 1825 zu St Louis Missouri gest. den 15. Aug. 1855 auf Schloß Bempt zu Moresnet‘““ . 2. „Hier ruhen im Frieden Constantin de Resimont geb. 13. Okt. 1826 gest. 11. Febr. 1905 und Gemahlin Adöle de Fabribeckers geb. 10. Juli 1833 gest. 14. Dez. 1907" Quellen Denkmälerverzeichnis Eupen (b), Hrsg. von der Verwaltung der Deutschspra- chigen Gemeinschaft, Eupen 1989, S. 216-219 Gielen, V., Die Mutterpfarre und Hochbank Walhorn, 3. Aufl. 1987, S. 200-204 Grenz-Echo, 15. Dez. 1975 Grondal, G., Kettenis, Notices historiques, Dison 1966, S. 46-52 Heeren, Bernhard, „Kettenis‘“, Markus-Verlag, Eupen, S. 20-22 Poswick, G., Les Delices du Duche de Limbourg, Verviers 1951, S. 343-348 Quix, Chr., Beiträge zu einer historisch-topographischen Beschreibung des Krei- ses Eupen, Aachen, 1837, S. 117-125.
11 Burgunderabzeichen auf alten Grenzsteinen von Heinrich von Schwartzenberg Es ist schon viel geschrieben worden über den Königswald, über seine Historie, seine geographische Lage, über die Standorte sei- ner Grenzsteine und zuletzt über seinen Namen (1). Der Königswald ist bekanntlich jenes trapezförmige Waldstück, das im Jahre 1615 in der Regierungszeit von Albert und Isabella als Pufferzone zwischen dem Aachener Reich und der limburgischen Bank Montzen geschaffen worden ist. Dh RAR S- Z- SD EL A SCI <:{ HAN N 6:0 N AN VA N AA a Si Ü) | X) LE) A Ma 5 SS PR % (8 ANA A WS EA N Z ES AN za WEL A \w Zi = Abb. 1: Erzherzog Albert, Statthalter der span. Niederlande (1598-1621), und Isabella als Auflage auf einem Raerener Krug (2) Heute immer noch „Königswald“ genannt, liegt das Waldstück zwischen dem Dreiländerpunkt und der Lütticher Straße, teils auf belgischem und teils auf deutschem Gebiet. Während die Grenze des Aachener Reiches bereits zu jener Zeit mit den Aachener Adler- steinen markiert war, wurde die westliche und südwestliche Seite des Königswaldes von 1615 bis 1724 mit den sogenannten
12 Burgundersteinen versehen, die heute noch zum größten Teil vor- handen sind. Das französische Herzogtum Burgund wurde im Jahre 1363 dem jüngsten Sohn des französischen Königs Johann II., Philipp dem Kühnen (1363-1404), verliehen. Philipp und seine Nachfolger, Johann der Unerschrockene und Philipp der Gute, erwarben von 1384 bis 1428 Flandern, Artois und die Franche-Comt€, Charolais, Bou- logne und Namur hinzu. Im Jahre 1430 wurden unter Philipp dem Guten auch Brabant und Limburg Burgund einverleibt. Durch die Heirat der Erbtochter Karls des Kühnen (Maria) mit Maximilian I. von Österreich im Jahre 1477 kamen die burgundischen Besitzun- gen (außer dem Herzogtum Burgund selbst, Boulogne und die Pikardie, die an Frankreich zurückfielen) an die Habsburger (3). Obwohl die Pufferzone „Königswald“ erst im Jahre 1615 in der Regierungszeit des Erzherzogs Albert und der Infantin Isabel- la geschaffen wurde, versah man die Grenzsteine 1615 bzw. in der Folgezeit mit den alten Burgunderabzeichen „Goldenes Vlies“, „Briquet‘“ und „Ast- oder Andreaskreuz‘‘, die die Habsburger von den Burgundern übernommen hatten. (S. Abb. 2, 3, 4). BB SS Fl S A A << 8 A A ‚ED A CO Abb. 2: Abb. 3: Abb. 4: Grenzstein Grenzstein mit dem Grenzstein mit dem Ast- oder Goldenen Viies mit dem Briquet Andreaskreuz Nachfolgend wird auf die Entstehung und Entwicklung der Burgunderabzeichen eingegangen.
B Das Goldene Vlies (französisch: Toison d’or) (4) Der Orden vom Goldenen Vlies ist am 30. Januar 1429 vom Herzog von Burgund, Philipp dem Guten, als Ritterorden gestiftet und wohl im Jahre 1430 offiziell eingeführt worden. Als Schöpfer der Kette des Ordens gilt der Goldschmied Jean Peutin aus Brügge. Dem Ritterorden durften satzungsgemäß nur 31 Mitglieder aus dem Fürsten- und Feudaladel angehören. Die Großmeisterwürde ging durch die Heirat Maximilians mit der Erbtocher Karls des Kühnen im Jahre 1477 an das Haus Habsburg. Großmeister des Ordens vom Goldenen Vlies wurde 1577 Philipp II. von Spanien (1556-1598), der auch über die spanischen Niederlande und so- mit über Limburg regierte. Er hatte die Befugnis, Mitglieder selbst zu ernennen und die bislang eingeschränkte Mitgliederzahl auf- zuheben. Nachdem der spanische Zweig der Habsburger erloschen war (Spanischer Erbfolgekrieg), nahmen sowohl Karl VI. von Öster- reich (1711-1740), als auch Philipp V. von Spanien (1700-1746) das Recht der Ordensverleihung für sich in Anspruch, was noch lange zwischen den Nachfolgern strittig war. So kam es, daß so- wohl Österreich als auch Spanien den Orden weiter vergaben. Auf vielen Bildern jener Zeit wurden die Herrscher mit dem Orden vom Goldenen Vlies dargestellt, wie der Holzschnitt von Albrecht Dürer mit dem Bildnis von Kaiser Maximilian zeigt (s. Abb. 5). Auch das berühmte Gemälde von Tizian zeigt Kaiser Karl V. mit dem Orden vom Goldenen Vlies. Der Orden vom Goldenen Vlies besteht im wesentlichen aus drei Elementen: 1. Dem Goldenen Vlies selbst, das in Anlehnung an die griechi- sche Sage (6) aus einem goldenen Widderfell besteht. Bei den Burgundern soll das Widderfell ein Hinweis auf Flanderns Tuch- fabrikation gewesen sein. 2. Dem Feuerstahl (7), von dem nach beiden Seiten mehrere Strahlen und Funken ausgehen. 3. Dem Briquet, eine an einen Flint- oder Feuerstein erinnernde Darstellung (s. nächster Abschnitt). Auf einem Grenzstein der Burgunderlinie sind die drei Elemente übereinander dargestellt (s. Abb. 2). Der Orden vom Goldenen Vlies wurde früher häufig an einer
16 Die Insignien des Ordens vom Goldenen Vlies erscheinen auch immer wieder auf Münzen, z. B. auf den Kronen männlicher Herr- scher, also nicht auf den Talern der Maria Theresia. Das Briquet (9) Das Briquet ist ein Bestandteil des Ordens vom Goldenen Vlies. Nach Liese setzt es sich aus eigenartig geformten Flint- oder Feu- ersteinen zusammen, deren Oberteil in eine Art „B“ bzw. umge- kehrtes „B“ ausläuft. Da man dieses „B“ auch für eine Krone hält, spricht man von einem Briquet couronne. Immer zwei dieser mit „B“ geschmückten Briquets sind einander zugekehrt und bilden in der Ordenskette eine Einheit. Auf dem Grenzstein der Burgunder- . linie ist nur ein einteiliges Briquet dargestellt (s. Abb. 3). Das Ast- oder Andreaskreuz (10) Der Apostel Andreas war ein Bruder des Apostels Petrus. Er wurde nach der Legende an einem schrägen Kreuz gekreuzigt. Deshalb nennt man ein Schrägkreuz in Gestalt des Buchstabens X auch Andreaskreuz. Das Andreaskreuz, aus zwei Knorrenästen ge- bildet, daher auch „Astkreuz‘“ genannt, war ein Emblem der Her- zöge von Burgund. Weil der hl. Andreas (Namenstag 30.11.) Schutzpatron von Burgund war, wird dieses Kreuz auch als Burgunderkreuz bezeichnet. Dieses Zeichen ist auch als Folge der Heirat der Erbin des Herzogtums Burgund, Maria, mit Maximili- an im Jahre 1477 in die habsburgische und kaiserliche Emblematik eingegangen. Es erscheint auch öfter verschränkt mit dem Feuer- stahl des Ordens vom Goldenen Vlies. Auch auf Münzen jener Zeit ist der hl. Andreas des öfteren zu sehen. Die folgende Abbildung zeigt einen Andreastaler des Bischofs von Minden. Man kann jedoch sagen, daß die Burgunder diese Emblematik zuerst angewandt haben. Der Heilige verschwindet nach und nach, nur die beiden Stäbe in Form des Schrägkreuzes bleiben. Zuletzt erscheint es, kaum noch als solches zu erkennen, auf einer Münze der Maria Theresia (1740-1780).
17 N I Die Embleme des KAT (95) N Burgunderkreuzes und N ) AA Pf Se des Goldenen Vlieses sind /) N NÖ 8 CD besonders häufig in der Ss BE ARENA SI a Regierungszeit von Albert VEN SA ESN und Isabella (1598-1621) ((<l DAB # AM ET I angewendet worden, wie x er BES ; 7 Ns AU 3 auch Zollzettel aus jener N 4 Öl NZ Zeit beweisen. AS Abb. 8: Andreastaler von 1624 (11) Zeitpunkt der Entstehung der Grenzsteine Zum Zeitpunkt der Entstehung der Grenzsteine ist zu sagen, daß der eine noch existierende Stein mit dem Orden vom Golde- nen Vlies die Jahreszahl 1615 trägt. Auch der einzige noch vor- handene Stein mit dem Briquet scheint aus dem Jahre 1615 zu stammen. Alle übrigen noch vorhandenen Grenzsteine sind mit dem Ast- oder Andreaskreuz versehen und tragen meist die Jahreszahl 1723 oder 1724. Während also die beiden erstgenannten Grenzsteine ihren Ursprung in der spanischen Zeit haben, stammen die übri- gen erst aus der österreichischen Zeit. Anmerkungen 1. Vergl. Zeitschrift „Im Göhltal‘“ 22/1977 und 59/1996 2. Kohnemann: Auflagen auf Raerener Steinzeug. Raeren 1982, S. 152 3. Lingen-Lexikon. Freiburg 1975. Bd. 3, S. 42 4. Rittmann (Hrsg.): Deutsches Münzsammler-Lexikon, S 131/132 Lexikon der Numismatik. Berlin 1976, S. 265 Liese: Vom Aachener Stadtwald. Aachen 1930, S. 14/15 5. Stange: Albrecht Dürer, Vollmer-Kunstbücher. Wiesbaden-Berlin. 0. J., S. 28 6. Das Goldene Vlies ist in der griechischen Sage das Fell des goldenen Wid- ders, der Phrixos und Helle über den Hellespont trug. Die Zurückholung des Goldenen Vlieses aus Kolchis war die Aufgabe der Argonauten (Lingen- Lexikon. Bd. 7, S.316).
18 7. Feuerstahl ist in der Heraldik eine dem Werkzeug Feuerstahl (womit früher durch Schlagen von Eisen und Stein Feuer erzeugt wurde) ähnliche Figur, die häufig an Ordensketten Verwendung fand. 8. Der kurkölnische Premierminister Freiherr Adolf von Plettenberg kaufte 1722 die Reichsherrschaften Slenaken, Eys und Wittem und das Schloß Neubourg. Als Herr dieser Reichsherrschaften erlangte er 1724 die Standeserhöhung zum Reichsgrafen. Seinem Mäzenatentum verdanken Eys und Wittem die Kirchen- bauten des berühmten westfälischen Baumeisters Johann Conrad Schlaun (Kottmann in AVZ v. 31.7.95). Die Reichsherrschaft Wittem reichte bis an die Grenze des Aachener Reiches, dort, wo heute noch die Gemeinde Wittem an Aachen grenzt. Ein Grenzstein mit einem „W*“ steht heute noch an der deutsch- niederländischen Grenze hinter Orsbach bei Grenzstein 201 A. 8a. Wieland: Herrschaft und Schloß Schwarzenberg, Scheinfeld 1983, S. 8 9. Liese, a. a. O., S. 14 10. Rittmann, a. a. O., S. 19 I Liese, a. a.0., S. 15 11. Rittmann, a. a. 0., S. 19 Fotos 2, 3, 4, 6 vom Verfasser
& 19 Am Schilfmoor von Maria-Theresia Weinert Wie hohe Speere schließt das Schilf den Bannkreis um die Kolben, die - wie aus zartem, braunem Samt - mit Gold bestäubt, im Tümpel stehn. Wer will durch diesen Wall der Lanzen in jenen grünen Zauber gehen? Die Mückenschwärme tanzen im Dunst vom Moore, wie betäubt, die Büschelgräser täuschen, um die der frühe Nebel zieht ... der Boden schwankt, es gurgelt dumpf, der rote Sonnenball erglüht und zittert auf dem Sumpf.
20 „Excursion nach dem Altenberge“ Bericht über eine Grubenbefahrung aus dem Jahre 1847 von Dr. Nikolaus Schmitz Bei der Suche nach alten Literaturstellen zur Montangeologie und -technik des „Altenberg“ stieß ich auf einen interessanten Text aus dem Jahre 1847. Im September jenes Jahres fand nämlich in Aachen die 25. Versammlung der „Gesellschaft Deutscher Natur- forscher und Ärzte“ statt. Im Rahmen des Tagungsprogramms der, „Section für Geologie, Mineralogie und Geographie“ wurde u. a. am Donnerstag, dem 23. September 1847, eine Exkursion zum Altenberg veranstaltet. Der darüber angefertigte Bericht (1) wur- de durch Rudolph von Carnall (Oberbergrat in Bonn) und Dr. H. Bleibtreu aus Bonn verfaßt. Er ist vor allem deswegen lesenswert, weil er einerseits eine zeitgenössische Darstellung damaliger Ver- hältnisse liefert und andererseits - für den heutigen Leser wohl recht gefühlvoll - die traditionelle bergmännische Gast- freundlichkeit vor nunmehr 150 Jahren beschreibt. Ich habe mich dabei an eigene Erlebnisse aus meiner Studenten- zeit und meinen frühen Berufsjahren erinnert, sei es auf Befahrungen kleiner Gruben im deutschen oder sonstigen mittel- europäischen Metallerzbergbau der 60er und 70er Jahre, sei es auf Besuchen und Einladungen bei großen Bergbaugesellschaften des südlichen Afrika oder des Mittleren Ostens. Häufig genug wurde der Aufenthalt einer Besuchergruppe - vor allem auf abgelegenen Bergwerksanlagen im Busch oder in der Wüste - zu einem ausge- lassenen Familienfest für das gesamte Gruben-Management. Ganz so weit ging man 1847 am Altenberg nicht, doch lesen wir selbst in der damals üblichen Schreib- und Ausdrucksweise ... „Die Sitzung (2) wurde schon um 11 Uhr geschlossen, worauf die Mitglieder der Section mit den übrigen Theilnehmern an der Excursion nach dem Altenberge zu gemeinsamer Fahrt zusammen traten.
28 Das große Galmeilager vom Altenberg (vieille montagne ) liegt zwei Stunden von Aachen, auf dem kleinen, zwischen Preußen und Belgien ungetheilten Landesgebiete, welches gewöhnlich das neutrale Gebiet genannt wird. Die naturforschenden Freunde fuh- ren in einer bedeutenden Anzahl Wagen dahin. Bei der Ankunft an dem Werke erschollen Böllerschüsse so zahlreich hinter einan- der, als wollten sie nicht endigen. Der Director des Werkes, Herr Saint Paul de Sincay (3), empfing und führte die Gäste zunächst zu dem großartigen Tagebaue, einer ungeheuren offenen Aushöhlung unter der ehemaligen Oberfläche, entstanden durch die Gewinnung des Galmeis, welche hier seit einer Reihe von Jahr- hunderten geführt und noch immer sehr lebhaft fortgesetzt wird. Im Inneren dieser Aushöhlung oder großen Pinge hielt der lange Zug der Naturforscher in der Begehung still. Herr Oberbergrath von Carnall (4) nahm das Wort und hielt einen höchst belehren- den Vortrag über die räumlichen Verhältnisse, die Art der Ein- lagerung und die technischen Beziehungen der Lagerstätte, aus welchem sich ergab, daß dieselbe noch sehr große und mächtige Reichthümer von Galmei in sich schließt. Herr Geheime Bergrath Nöggerath reihte daran einige Bemerkungen über die Entstehung dieser Lagerstätte; er behauptete ihren neptunischen Ursprung (5) und bezog sich dabei auf einen anderen umständlichen Vortrag (6), den er zu Aachen in der Sectionssitzung über denselben Ge- genstand gehalten hatte. Hierauf wurde nun die nähere Besichti- gung der mauerartig sich erhebenden Wände von reinem Galmei und die Bearbeitung derselben vorgenommen. Wie die Gesellschaft endlich aus der Tiefe der Pinge herausgetreten war, erfolgte auf ein gegebenes Signal die Abbrennung einer großen Anzahl zum Sprengen im Galmei gebohrter Löcher. Der Effekt dieser nicht auf einmal, sondern in kurzen Intervallen nach einander erfolgen- den Sprengschüsse (7), verbunden mit dem Auffliegen der dadurch gelösten Galmeimassen in der Pulverdampfwolke war imposant; die dumpfen Töne erschallten fremdartig aus dem Grunde der tie- fen Pinge. Noch wurde die Besichtigung der Massen, welche die Galmeilagerstätte begränzen (8), vorgenommen, die Vorräthe des bereits gewonnenen reichen Zinkerzes untersucht, die Hüttenan- lagen (9) nach der ganzen Reihenfolge der Vorrichtungen und Manipulationen zur Darstellung des Zinkmetalls in Augenschein genommen. Darauf lud der Director des riesigen Werkes, Herr Saint
22 Paul de Sincay, die Gäste zum Mahle ein. In einem geschmack- voll und reich decorirten Zelte, welches zu diesem Zweck errich- tet war standen drei Reihen Tische; die mittlere derselben war mit herrlichen Stufen (10) alles Vorkommens am Altenberg bedeckt und zu Geschenken an die Gesellschaft bestimmt; die beiden seit- lichen Tafelreihen waren auf das Geschmackvollste geziert und reichlich mit kostbaren Speisen besetzt, die besten Weinsorten flos- sen in Fülle (sic!). Ein aufgestelltes Musikchor erhöhte noch die Freude des Mahles ... Herr Geheime Bergrath Nöggerath brachte der Gesellschaft des Altenberges und deren Directoren in der ge- wohnten launigen und geistreichen Weise einen Toast, worin die Anwesenden freudig einstimmten. Herr Director de Sincay brach- + te dann den deutschen Naturforschern in den wärmsten und be- geistertsten Ausdrücken ein „Hoch“ aus und Herr Professor Wiebel ließ die rheinischen freundlichen Berggeister, den Geheimen Bergrath Nöggerath und Oberbergrath von Carnall hoch leben. Diesen Toasten reihten sich noch viele andere an und die freudigste Stimmung herrschte überall. Erst gegen Abend nahm die Gesell- schaft Abschied von den freundlichen Bewirthern und Alle stimm- ten darin überein, daß dieser Tag einer der lehrreichsten und schön- sten gewesen sei, welche sie je bei einer Versammlung der Natur- forscher verlebt hätten. Bei der Abfahrt nach Aachen ertönte aber- mals ein Lebehoch der Gesellschaft de la grande calamine, und es hallten die Schläge einer Batterie weit in die Berge.“ — Ebenfalls aus dem Jahr 1847, nämlich vom 26. Mai, datiert ein Grubenriß des „Altenberg‘“ im Maßstab 1:1000 („Plan Superficiel de l’exploitation de Moresnet‘“). Dieser Plan befindet sich im Privatarchiv von Herrn Firmin Pauquet, Kelmis, der mir freundli- cherweise Einblick und Benutzung gestattete. Es bietet sich also an, zugleich mit dem obigen zeitgenössischen Exkursionsbericht den bergbaulichen Zustand am „Altenberg“ zu erläutern und den genannten Plan hier vorzustellen. Er stammt aus der Hand von Adolphe van SCHERPENZEEL-THIM, der 1846 als 22jähriger Absolvent der Universität Lüttich zum Direktor des Moresneter Betriebs bestellt wurde. Er war der erste vollausgebildete Berg-
23 ingenieur am „Altenberg“ und sorgte für eine rasche Modernisierung der örtlichen Montanbetriebe. Der von ihm er- stellte Plan - am „Altenberg“ zeichneten anfänglich die Gruben- direktoren ihre Pläne noch eigenhändig - gehört mit zu den ganz frühen zeichnerischen Darstellungen, in denen auf lokale geologische Gegebenheiten Bezug genommen wird. Aus dem glei- chen Jahr stammen übrigens zeichnerische Darstellungen der geologischen Verhältnisse am „Altenberg“ von Rudolph von CARNALL, die aber leider bisher nicht aufzufinden waren (SCHMITZ 1995). „Direktor Thim“, wie er später immer genannt wurde, über- nahm den „Altenberg“ zu einem schwierigen Zeitpunkt. Es stand nämlich mit der weitgehenden Erschöpfung des Nordlagers u. a. die Frage an, wie man die restlichen Vorräte dieses Lagerstätten- teils hereingewinnen sollte, im Tagebau oder im Untertagebetrieb. Van Scherpenzeel-Thim schlug 1846 vor, wegen der inzwischen erreichten Tieflage der untersten Abbausohle von dort eine 4,5 m breite Rampe.hinauf bis zum nordöstlichen Tagebaurand anzule- gen und dort eine dampfmaschinenbetriebene gleisgebundene Förderanlage einzurichten. Eine andere Variante schlug von Carnall vor; er favorisierte eine Schachtanlage, damit also einen Unter- tagebetrieb zur Gewinnung der Restvorräte, wobei er allerdings die Rampenlösung Thims nicht in Frage stellte. Im November 1846 begann man mit dem Bau der Rampe (35 m lang und 60° Nei- gung), die erst 1848 fertiggestellt werden konnte (PAUQUET, SCHMITZ 1997). Diese Förderrampe ist auf der Maugendre-Li- thographie „Moresnet (territoire neutre), Gite Nord & plan inclin&“ abgebildet. Der genannte Plan Thims aus dem Jahre 1847 zeigt keine Hinweise auf die im Bau befindliche Förderrampe auf der SE-Flanke des Tagebaus; er gibt also offensichtlich die Verhält- nisse vor Baubeginn wieder. Diese stellen sich folgendermaßen dar: Der Tagebau verläuft NE-SW, also im geologischen Streichen; seine größte Tiefe beträgt ca. 30 m, seine streichende Länge etwa 450 m und die größte Breite rund 130 m. Der größte Teil seiner Erstreckung entfällt auf das weitgehend abgebaute Nordlager, an dessen SW-Ende im „Dolomit-Keil‘“ der historische und noch immer in Betrieb befindliche Pumpenschacht steht. Außer diesem sind 9 weitere Schächte eingetragen; diese sind von NE nach SW
24 - ein unbenannter Schacht vermutlich noch aus österreichischer Zeit. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um den im äußersten NE gelegenen Schacht auf dem MENNICKEN-Plan von 1773. Dessen Sohle lag seinerzeit etwa 60 m unterhalb des Tagebau- randes auf dem Niveau der im Liegenden des Nordlagers aufge- fahrenen Strecke, die zur Entwässerung des Tagebau-Untergrundes mit leichtem Gefälle zum Pumpenschacht hin angelegt war. In diesem NE-Bereich des Tagebaus ist das Nordlager schon seit lan- gem abgebaut. - ein an der tiefsten Stelle des Tagebaus gelegener Schacht („al- ter Grundschacht‘“ nach PAUQUET, unveröffentlichtes Manuskript 1997) : - ein Wetterschacht („Bure d’ Airage‘“‘) - der genannte Pumpenschacht („Bure des pompes“‘) im „Dolomit- Keil“ - ein Schacht „St. Paul‘, nach dem damaligen Generaldirektor benannt; übrigens der erste Schacht, der nicht mehr mit Zahlen oder Buchstaben gekennzeichnet wurde - 4 Schächte im Südlager (A, D, E, unbenannt) - ein neuer Schacht („Nouveau Bure*‘) außerhalb des Südlagers, halbwegs zwischen diesem und der Zinkhütte an der heutigen Lütticher Straße; es dürfte sich um den künftigen „Mosselman- Schacht“ handeln Weitere erwähnenswerte Montananlagen auf dem Plan sind das historische Wasserrad zum Pumpenantrieb, eine unmittelbar da- neben gelegene Schmiede und schließlich der Zinkhütten-Komp- lex. Auch der Dienstsitz des Grubendirektors, Teil des heutigen „Park-Caf&s“, ist eingetragen. Dieses Gebäude wurde ja als Er- satz für das abgerissene „Königliche Haus“ aus habsburgischer Zeit einige Jahre zuvor errichtet. Das Interessanteste am Thim-Plan sind jedoch die geologischen Eintragungen. Man hatte zwischen dem Wetterschacht und dem Grundschacht in einer gleichbleibenden Teufe von etwa 8 m unter der Tagesöffnung des Grundschachtes ein System von Untersuchungsstrecken aufgefahren mit dem Ziel, die seitliche Grenze des Nordlagers unterhalb der tiefsten Tagebau-Sohle, d. h. die Grenze zwischen Galmei und Nebengestein zu erkunden. Die handschriftlich auf dem Plan skizzierten Profile geben für den Grundschacht eine Teufe von ca. 8 m an und für die beiden erheb-
25 lich höher gelegenen Schächte dementsprechend ca. 42 m (Pumpenschacht) und ca. 32 m (Wetterschacht) Teufe an, so daß alle 3 Schächte das gleiche Untertage-Niveau erschlossen. Eben- falls dem Zweck einer geologischen Erkundung und Vorrats- ermittlung dienten 5 auf den verschiedenen Abbaustufen („Strossen‘‘) der Tagebauflanken angesetzte Stollen. Insgesamt war auf diese Weise die seitliche Grenze zum Dolomit-Nebengestein ab einer Teufe von ca. 8 m unterhalb der tiefsten Tagebausohle bis hinauf in die Flanken des Tagebaus zu lokalisieren. Durch diese Untersuchungsarbeiten im Nordlager wurden offenbar noch so große Galmeivorräte dort nachgewie- sen, daß die Entscheidung zur Anlage der Förderrampe zu vertre- ten war, deren Bau dann auch im November 1846 begonnen wur- de. Interessant ist, daß die im Bau befindliche und für damalige Verhältnisse außergewöhnliche Anlage im Bericht der „Natur- forscher und Ärzte“ 1847 nicht erwähnt wird. Anmerkungen 1) „Excursion nach dem Altenberge‘, Amtlicher Bericht über die 25. Versamm- lung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte in Aachen im Sep- tember 1847, 258-259, Aachen, 1849 2) Gemeint ist die Sitzung der „Section für Geologie, Mineralogie und Geogra- phie‘“ vom 23. September 1847 während des o. g. Kongresses in Aachen. 3) Louis Alexandre Calley ST. PAUL DE SINCAY (1815-1890) war zur dama- ligen Zeit Direktor des belgischen Teils der „Vieille Montagne*‘; Betriebs- direktor in Kelmis war 1847 Adolphe VAN SCHERPENZEEL-THIM. Daß St. Paul de Sincay die Führung der Besucher persönlich übernahm, spricht für die besondere Wertschätzung, die man offenbar dieser Besuchergruppe seitens der VM entgegenbrachte. 4) Rudolph Arwid Wilhelm von CARNALL (1804-1884), zuletzt Berghaupt- mann in Breslau, hielt auf dem 0. g. Kongress einen ausführlichen Vortrag über die „Lagerstätte und das spezielle Vorkommen des Galmeis am Alten- berge‘. Leider existiert darüber nur eine Protokoll-Mitteilung (S. 226-227 des o. g. amtlichen Berichtes). Von Carnall war eine treibende Kraft in der Entwicklung des Bergbaus im damaligen Preußen bzw. Deutschen Reich. Von 1844 bis 1847 war er am Oberbergamt Bonn tätig, von 1848, dem Jahr seiner Versetzung als Geheimer Bergrat ins Berliner Finanzministerium, bis 1852 war er Mitglied des Verwaltungsrats der „Vieille Montagne‘. Nach ihm wurde 1856 durch Heinrich Rose (1795-1864), Professor der Chemie in Berlin, das Salzmineral KMgC13.6H20 Carnallit benannt.
26 5) Das bezieht sich auf die damalige Lehrmeinung der „Neptunisten‘“ (nach dem römischen Wassergott Neptun), wonach sämtliche Gesteine der Erdkruste durch Ablagerung im Meerwasser entstanden seien. Daneben stand die Mei- nung der „Plutonisten“ (nach dem römischen Gott der Unterwelt), daß die wesentlichen geologischen Gestaltungskräfte aus dem „Zentralfeuer‘“ des Erdinnern ableitbar seien. 6) Der NÖGGERATH- Vortrag über die Entstehung der Galmei-Lagerstätte des Altenbergs ist leider ebenfalls nicht im Wortlaut oder einem ausführlichen Protokoll, sondern nur in Form einer kurzen Notiz (S. 245 des o. g. amtli- chen Berichtes) überliefert. 7) Die hier beobachtete Technik des genau geplanten Nacheinanderzündens der einzelnen Bohrlochladungen („Intervallschießen‘“) ermöglicht einen sehr ef- fektiven Abschlag des Haufwerks (Gestein oder Erz). Geschossen wurde noch” mit Schwarzpulver. Erst später wurde im Altenberger Revier Nitroglycerin eingeführt, welches in der Folgezeit durch das etwas sicherere Dynamit ab- gelöst wurde. 8) Gemeint ist damit das Nebengestein (unterkarbonischer „Kohlenkalk‘“ und tonig-schiefrige Gesteine des Famenne-Oberdevon) des Galmeistocks. 9) 1847 stand der Altenberg kurz vor dem Kulminationspunkt seiner Bergwerks- produktion; die 1837 in Betrieb genommene Zinkhütte arbeitete nach „Lütticher Manier“, d. h. nach dem von DONY seinerzeit entwickelten industrietauglichen Zinkverhüttungsverfahren, dem sogenannten „belgischen Reduktionsverfahren‘‘. Mit der weitgehenden Umstellung der Bergwerks- förderung in der Altenberger Konzession auf das primäre Sulfiderz, die Schalenblende, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war die be- stehende Hütte nicht mehr zu betreiben, da die entsprechenden Anlagen zur vorherigen Sulfiderz-Abrüstung fehlten. Die Hütte wurde 1885 stillgelegt und später abgerissen. 10) Schalenblende dürfte noch nicht dabei gewesen sein, da der Altenberg aus- schließlich Galmei geliefert hat und die späteren sulfiderzfördernden Gru- ben in der Konzession noch lange nicht in Produktion waren. Trotzdem hat es sich sicherlich um eine sehenswerte und mineralogisch wertvolle Kollek- tion gehandelt, da der Altenberg bekannt war für gutentwickelte Kristalle von z. B. Hemimorphit (Kieselzinkerz) Zn4[Si207/(OH)2].H20 und auch für Willemit (Zn2SiO4). Letzteres Mineral wurde übrigens durch einen an der Lütticher Universität lehrenden Mineralogen, Prof. LEVY, entdeckt und 1829 nach Willem I., König der Niederlande (1815-1840), benannt. Das Ori- ginal-Material stammte aus dem „Altenberg“ selber.
27 "Zeit-Vertreib bey den Wassern zu Achen" oder Wie der Freiherr von Pöllnitz vor 260 Jahren den Altenberg sah von Alfred Bertha Der Name des Memoirenschriftstellers Karl Ludwig Freiherr von Pöllnitz findet sich heute nur noch in wenigen Nachschlage- werken. Dennoch hat dieser 1692 in Issomin im Erzstift Köln als zweiter Sohn des kurbrandenburgischen Staatsministers und Generalmajors Gerhard Bernhard von Pöllnitz geborene Weltmann zu seiner Zeit Ruhm und Ansehen genossen. Er durchreiste den größten Teil Europas und fand wegen seiner liebenswürdigen Ei- genschaften zu fast allen Höfen Zutritt. Nach Kriegsdiensten in Österreich, im Kirchenstaat und in Spanien fand er schließlich eine feste Anstellung als Vorleser König Friedrichs d. Großen, der ihn später auch zum Theaterdirektor ernannte. Die zahlreichen Memoiren des Freiherrn von Pöllnitz zeichnen sich durch feine Beobachtungsgabe und Witz aus. Am berühmte- sten wurde er als angeblicher Verfasser des Werks "La Saxe ga- lante" (1737), das die Liebschaften Augusts II. von Sachsen ent- hält, ihm jedoch nicht von allen zugeschrieben wird. Der Freiherr von Pöllnitz schrieb alle seine Memoiren und Hof- geschichten in französischer Sprache, so auch die "Amusements des Eaux d'Aix la Chapelle", denen schon die "Amusements des Eaux de Spa" vorausgegangen waren. In deutscher Übersetzung erschien das Werk 1737 bei Johann Andreas Rüdiger in Berlin. Einen Aufenthalt in Aachen nutzten der Freiherr und seine Be- gleitung zu einem Abstecher nach Kelmis bzw. Altenberg. "Es wurden mancherley Ursachen vor (= für) und wider diese Reise angeführet", schreibt von Pöllnitz: die Beschwerlichkeit des We- ges, der Geruch und die Dünste aus den Bergwerken, die Teil- chen, welche davon aufsteigen, und "viel andere Zweiffel von glei- cher Wichtigkeit, davon der geringste zum wenigsten mit ein Dut- zend Kranckheiten drohete".
AM USEMEN S d’ATIX la CHAPELLE, Oder ’ Ä 7 LA Seit Serfreib ben den Waffen Mus dem Srangsfifchen SE | AMUSEMENS DES EAUX DE.SPA ins Da üıberfeßet Mit (hönen Rupffern gesieret, EB BERLIN, Zufinden bey Johann Andreas Nüdics:, 1737,
29 Der Bürgermeister hatte sich bereit erklärt, als Führer zu die- nen, den Damen aber empfohlen, ihre eigenen Wagen zurückzu- lassen und sich der Kutschen und Pferde des Landes zu bedienen, weil der Weg rauh und übel sei. Die Wagen, die man in diesen Gegenden gebrauche, seien zwar unbequem, fielen aber nicht leicht um, schreibt von Pöllnitz, und die an solche Wege gewöhnten Pfer- de vermieden die üblen Tritte von sich selbst. Wörtlich fährt er fort: "Die Damen folgten seinem Rathe, und waren kaum aus der Stadt, so spührte(n) sie den Nutzen davon. Man muß über Berge und unangenehme Wege ziehen, deren Beschwerlichkeit einen Theil unserer Ergötzlichkeiten ausmachte. Man führte uns Anfangs zu der Grube, daraus der Gallmey - Stein genommen wird. Diese Grube ist nicht gar zu weit von Achen, und der Ort, wo man sol- che antrifft, gleichet einer Wüsteney gar sehr: es ist eine dürre Gegend, von trockenem Erdreiche, und das Graß ist so wohl durch die Schärffe derer Mineralien, als durch die Berg-artigen Dünste, welche ausdampffen, fast geborsten Um die Gegend besagter Grube sind nur etliche schlechte Hütten, die denen unglückseeligen, so diesen Metallischen Stein aus dem innersten der Erde langen, des Nachts zum Auffenthalte dienen. Die Haupt - Grube ist wie ein tieffer Schacht, und gleicht de- nen, daraus man in denen Feldern in Franckreich, sonderlich in denen Landschafften Brie, Champagne und Picardie die Dünge - Erde ziehet. Die Berg - Knappen steigen vermittelst eines Seils hinunter, und theilen sich in unterschiedliche von ihnen nach Art derer Stein - Brüche gegrabene Wege aus, davon sie den Gallmey - Stein loßreissen, welchen sie in Körbe, die man hernach in die Höhe ziehet, werffen. Die Arbeiter in der Grube legten uns die Hebe - Kunst, Zubereitung und den Gebrauch dieses Steins aus. Wir suchten et- liche Stücke darunter vor (= für) uns aus, die wir aus Neugierigkeit mit nahmen. Es ist eine Sorte gegrabene, oder Pech - artige Erde, die nicht gar zu harte, und etwas von der Eigenschafft des Marsitt enthält. Es sind viel Kupfer - Theilgen darinnen, welche man bißweilen an der Sonne gläntzen siehet, wenn jene nicht lange zuvor zerbrochen worden. Es ist gewiß, daß viel von dergleichem Metalle darinnen befindlich, oder daß ihm selbige wenigstens sehr gleich kommt; denn es wird dadurch mercklich vermehret, wenn
30 man es bey dem Schmeltzen damit vermischet(!)- Gedachter Stein ist denen Kupfer - Hütten sehr nützlich, und kann nicht eher als nach etlichen Zubereitungen gebraucht werden: man muß ihn wa- schen, damit ihn das Wasser reinige, und die Erden - Theilgen, welche noch daran hängen, davon absondere; und nachdem sol- cher recht rein und wohl getrocknet worden, läßt man ihn fast wie den Kalckstein zu Asche brennen, alsdenn kan(n) er in denen Gieß - Hütten dienlich seyn. Der Bürgermeister sagte uns, daß ermeldeter Stein dergestalt mit Schwefel angefüllet wäre, daß wenn man ihn brennte, ein starcker schwefelichter Vitriolischer Dampff heraus gienge, der denen, die solchen an sich zögen, nicht zur Gesundheit diente, weil unterschiedliche Chymisten in denen Gedancken stünden, daß der Gallmey Quecksilber enthalte; ja einige unter ihnen betrach- ten selbigen als ein halb Mercurialisch Metall, weil es sich damit vereiniget; er hat auch ätzende Eigenschafften und wird in der Artzney - Kunst gebraucht. Alle Gegenden um Achen sind davon voll, und man findet dessen bey Ellendorff; die ansehnlichste Grube aber ist an der Seite des Dorffs Walhorn, welche einen großen Überfluß hervorbringet, von da man ihn nach Stalberg (=Stolberg) schafft, so nicht gar zu weit davon liegt. Dem sey wie ihm wolle, die Mühe, Gefahr und Beschwehrlichkeit, welche diejenigen, so man in diesen Gruben gebraucht, ausstehen müssen, errregte bey uns so viel Mitleiden, daß wir uns nicht enthalten konnten, unsere Betrachtungen über ihren harten Zustand, welchen des Lebens Nottdurfft bey denen Unglückseeligen, so von Armuth dazu verurtheilet worden, allein zu lindern vermögend ist, anzustellen. Wir gaben ihnen etliche kleine Geschencke, und der Bürgermei- ster veranlaßte uns den Weg nach Stalberg zu nehmen, welches eine kleine Stadt zwey Meilen von Achen und wegen ihrer Kupfer - Hütten berühmt ist.” (1) Durch Zusatz von Zinkerz (Galmei) zum Kupfer gewann man bekanntlich Messing, das zu Pöllnitz' Zeiten noch als eine Abart von Kupfer betrachtet wurde ("Gelbkupfer", Gelbguß, cuivre jaune, yellow brass, im Gegensatz zum "Rotkupfer", das ohne Fremdzusätze gewonnen wurde.
31 KELMIS - LA CALAMINE Ein Geschäftszentrum im Göhltal von Firmin Pauquet Der Ortsname bezeugt schon, daß die Entstehung des Ortes eng mit dem Abbau seiner reichhaltigen Galmeierzlagerstätte in Beziehung steht. Unter der Form ‚kelms' wird der Ort erstmals in einer Urkunde vom 19. März 1280 erwähnt. Erstaunlich, daß diese Form genau unserer heutigen plattdeutschen altlimburgischen Aussprache "Kel.m.s" mit zwei stummen "e" entspricht. "Keleme" ist die plattdeutsche Bezeichnung für Galmei, ein aus Zinkkarbonat und Zinksilikat bestehendes Erz. Wird der Ort nach dem Erz be- nannt, so ist die Lagerstätte bestimmt bekannt und wahrschein- lich auch im Abbau. Nach Prof. Dr. W. HAUBRICHS, Universität Saarland, Germanistik, den ich befragte, scheint folgende Rekonstruktion für die Entwicklung des Ortsnamens annehmbar. Ausgangsform wäre das romanische Toponym "*Cal(a)minis", d. h. "bei den Galmeisteinen". Dieser wird von den Germanen in der Form "*Kelminis" mit dem althochdeutschen Umlaut des "a" vor einer Silbe mit "i" übernommen. Da diese Umlautung im 8. Jahr- hundert anzusetzen ist, muß der germanische Ortsnamen aus seinem romanischen Vorgänger spätestens im 8. Jh. übernommen worden sein. Das ist die Zeit, wo Karl der Große in Aachen residierte und die Pfalzkapelle, den Zentralteil des heutigen Domes, erbauen ließ. Die in der Aachener Pfalzhütte gegossenen Bronzetüre und -gitter des Oktogons enthalten aber kein bzw. kaum Zink (0,5% bei Gitter VIII; BRAUNFELS 1985). Der "Kelmisberg" oder "Altenberg", die "vieille montagne des calmines du duche de Limbourg", ist die Wiege der weltbekannten A. G. "Vieille Montagne" und der belgischen Zinkindustrie. Im Jahre 1992 wurde diese Gesellschaft vollständig der "Union Mi- ni&re" durch Beschluß der Hauptaktionärin beider Gesellschaf- ten, der "Societe Generale de Belgique", einverleibt. Die älteste Erwähnung des Abbaus am Altenberg stammt aus dem Jahre 1344, in welchem die Stadt Aachen den Betrieb inne- hatte, mit Brabant-Limburg aber deswegen im Streit lag. Nach der Beschlagnahme der Grube i. J. 1439 durch Herzog Philipp den Guten von Valois-Burgund als Erben des Herzogtums Bra-
32 bant-Limburg, bildete das Bergwerk das "Kleinod" der limburgischen Domänenverwaltung bis zum Anschluß der habsburgischen Niederlande durch die französische Republik im Jahre 1794. Das Bergwerk lieferte den reinsten gebrannten Galmei zur Herstellung des sehr begehrten Messings, auch gelber Kupfer genannt. Bei der Festlegung der Grenze zwischen Preußen und den Nie- derlanden (mit Belgien) im Jahre 1816 können die Kommissare der beiden Mächte sich nicht über die Zugehörigkeit des Gebietes um die Grube einigen. Die ehemalige Bürgermeisterei Moresnet mit dem Weiler Kelmis wird dreigeteilt: der westliche Teil bleibt belgisch (Moresnet in der heutigen Gemeinde Plombi&res), der östliche Teil und das Gebiet südlich der Lüttich-Aachener Land- straße werden preußisch und der mittlere, 344 ha große Teil mit dem Altenberg wird provisorisch unter die gemeinsame Verwal- tung der beiden vertragschließenden Mächte gestellt. Dieser Teil bildet dann "das streitige Gebiet von Moresnet, genannt Neutral- Moresnet". Durch Artikel 32 des Versailler Friedensvertrages vom 28. Juni 1919 wird das Gebiet belgisch und bildet die Gemeinde La Calamine (ndl. Kalmis) im Kanton Aubel. Die Gemeinde Preu- ßisch-Moresnet wird Belgien in Anwendung der Artikel 33 (Teil nördlich der Landstraße) und 34 (Teil südlich der Landstraße, mit dem gesamten Kanton Eupen) des Versailler Vertrages zugespro- chen. Sie bildete von 1919 bis 1977 die Gemeinde Neu-Moresnet, die durch die Gemeindefusionen ab 1.1.1977 (wieder) mit Kelmis vereinigt wird. Vor der französischen Revolution hatte das Gebiet von Neu-Moresnet schon seit 1650 zur Herrschaft und Gemeinde Kelmis gehört und sogar den Kern dieser Herrschaft um die Rochuskapelle "en het dörp" gebildet. Kurz nach dem Einmarsch der Franzosen im September 1794 war die Herrschaft und Gemeinde Kelmis mit Moresnet zu einer einzigen Bürgermeisterei vereinigt worden.
33 Beschreibung einer Rundfahrt bzw. eines Rundganges (Zuerst eventuell mit dem Wagen). Folgt man, von Westen kommend, der Nationalstraße Nr. 3 ab Herve, so entdeckt män kurz nach Henri-Chapelle (Kapell) das Panorama um Kelmis auf dem rechten Göhlufer am Westabhang des Aachener Waldes, auch Preuswald genannt. Letztere Bezeich- nung bedeutet ‚"Pfarr- bzw. Gemeindewald" und ist abgeleitet aus dem französischen "paroisse" (Pfarre) und erst in "pareuse", dann in "preuse" umgewandelt worden. Diese Bezeichnung er- scheint im Artikel 49 des limburgischen Landrechts (romanische Fassung der Handschrift Franquin, vor 1600). In der germanischen Fassung steht "paroisse" in der Handschrift Hannot (vor 1600), bzw. "parochie" in der Handschrift Quoitbach (kurz nach 1600). Die "Preuse" bildete ein Grenzgebiet am Waldkamm zwischen Aachener Reich und Herzogtum Limburg. In diesem Gebiet besa- ßen ursprünglich die Bewohner beider Territorien ausgedehnte Nutzungsrechte: Weiden der Schweine und Rinder, Bauholz, Brennholz. Die Aachener durften im Westen bis zur Göhl und zur Gemmenicher Soue ihre Nutzungsrechte ausüben; die Limburger aus den Urpfarren "Geminiacum" und "Harne" (Wal- horn) bis vor "Rospoort" (Rostor) am Fuße der äußeren Aachener Stadtmauer. Wegen der dauernden Streitigkeiten wird der ge- meinsame Forst 1611-1615 aufgeteilt: Die Reichsstadt Aachen behält den Waldteil östlich des Waldkammes, der seit 1430 als Landesgrenze gilt; der Landesherr, der Herzog von Limburg, er- hält einen Streifen westlich der Grenze, den heutigen Staatswald "König", und die limburgischen Anwohner den übrigen Wald im Westen. Die große Siedlung Kelmis kommt besser zum Vorschein, so- bald man sich der Wegegabelung nach Moresnet und Bleyberg nähert. Diese Straße wurde 1849-1850 von der "Compagnie des Usines et Fonderies de Bleyberg" (Bleyberger Hütten- gesellschaft) gebaut. Sie folgt der Trasse des alten Herzogenweges von der Hauptstadt und Festung Limburg zur herzoglichen Grab- lege in der Abtei Rolduc (Herzogenrath). Der alte Bauernhof "a je Krüts" gegenüber der Wegegabelung wird so bezeichnet we- gen eines alten gotischen Wegekreuzes aus dem Jahre 1597, das in seiner Bruchsteinfassade. eingemauert ist. Von hier zieht auch ein alter Weg in südliche Richtung, der die Gemeindegrenze
34 Lontzen-Kelmis bildet. Wir wollen aber zuerst noch der Land- straße weiter folgen. Diese wurde 1750-1760 unter Kaiserin Ma- ria - Theresia als Pflasterstraße, "Pavei", seitens der limburgischen Stände ausgebaut. NE ANA KA £ al KLEE a) ae 4 4 KA S in A Bes a. Te 2 A R - -. "'A je Krüts'" (Am Kreuz) Bald erreichen wir einen stattlichen Bauernhof rechts der Stra- ße, "e jen häets" genannt, was in der preußischen Katasteraufnahme 1830 mit "Hirtz" verdeutscht wurde. Der Sinn dieses Hof- oder Flurnamens konnte noch nicht geklärt werden. Mit der Familie Hirtz genannt Landskron, die in Kettenis begütert war, darf er wohl nicht in Verbindung gebracht werden, da diese Familie hier nicht begütert war. Die große Anlage aus oberdevonischen Sandbruchsteinen (Famennestufe) wurde 1684 vom Ehepaar Lambert Franck und Catharina Weerts errichtet, wie der Keilstein am Karrentor der nach Westen orientierten Wirtschaftsgebäude bezeugt. Aus der weitverzweigten bodenständigen Familie Franck stammen meh- rere königliche Aufsichtsbeamte (sog. Kontrolleure) am Altenberger Bergwerk im 17. Jh. sowie der Pariser Komponist Cesar Franck, der 1822 in Lüttich geboren wurde. Alle Tür- und Fensterrahmen sind aus gehauenem unterkarbonischem Kalkstein/
35 Blaustein, (Dinantstufe) hergestellt. Im zweiten Stock und an der Hinterfront des imposanten dreigeschossigen vierachsigen Wohn- hauses sind die Kreuzsprossenfenster im ursprünglichen Zu- stand entsprechend dem traditionellen maasländischen Stil des 17. Jhs. erhalten geblieben. ( Sa > 1m 11 d Be Sa DS , UF} DO Der Hof Hirtz Dagegen sind die Rahmen der vier Öffnungen der Hauptfassade an der Landstraße in den beiden unteren Geschossen entsprechend dem vorherrschenden Stil der zweiten Hälfte des 18. Jhs. umge- ändert worden: stichbogig mit Keilstein nach dem Muster des fran- zösischen Louis XV-Stils. Anschließend ist nach Osten hin wahr- scheinlich am Ende des 18. Jhs. ein weiteres Wohnhaus im glei- chen Material erbaut worden. Dieser vierachsige Bau verbirgt die ehemalige Ostfassade des älteren Wohnhauses und zählt nur zwei Geschosse. Die einfachen rechteckigen Fensterrahmen entsprechen schon dem Empirestil. Der stark profilierte Türrahmen könnte aus dem älteren angrenzenden großen Haus stammen, sei- ne Form entspricht eher dem maasländischen Stil. Die Anlage steht seit dem 27. Februar 1984 unter Denkmalschutz. Der Weg östlich des Hofs führt zum kleinen Bauernhof "op en rotsche”", d. h. auf dem Felsen (vom Französischen "rocher"). Die sichtbare Nordfassade wurde umgebaut, früher bestand sie aus
36 Fachwerk. Als Hauptfassade gilt die gegen Süden zu den Wiesen gerichtete. Sie ist auch in Sandbruchstein errichtet mit Fenster- und Türrahmen in gehauenem Kalkstein. Bemerkenswert ist auch, daß der Bauernhof "e jen häets" nicht genau parallel zur Landstraße steht. Schaut man zum Tal hinunter, so entdeckt man rechts in den Wiesen eine längliche Vertiefung, die spitzwinklig zur Landstraße verläuft: die Trasse der alten Gracht, des Landweges aus der Zeit vor dem Bau der theresianischen "Chauss&e“. Der große Bauernhof wurde 1684 am Rande dieses Landweges errichtet. Nach dem Bau der "Chaus- see" war beim Bauernhof "e jen häets" Wegezoll zugunsten der Bauherren, der limburgischen Stände, zu entrichten. Der Ort hieß damals "Barriere Haute Folie". Die jetzige Landstraße bildete 1816- 1920 die Landesgrenze Preußen-Belgien und mußte als Neutral- straße (route mitoyenne) von beiden Staaten gemeinsam unter- halten werden. Entlang der Landstraße verlief auf preußischer Seite eine Schmalspurbahn, die die Erzgrube Mützhagen (1898-1927) am Weißen Haus mit der Erzaufbereitung oder Wäsche der "Vieille Montagne" in Preußisch-Moresnet verband. Etwas weiter bergab steht rechts der Landstraße mitten in der alten Gracht ein kleines Haus aus verputzten Bruchsteinen mit ziegelsteingerahmten Öffnungen, das als "nömerväedech" (nie- mals fertig) im Volksmund bezeichnet wird. Noch weiter auf Kelmis zu, etwas abseits in den Wiesen zwi- schen zwei hohen Hecken, erkennt man die alte Gracht noch viel besser. Ihre Richtung zeigt, daß sie von der jetzigen Landstraße kurz nach dem kleinen umgebauten Bauernhof "a jene pool" über- quert wurde. Dieser Bauernhof trägt seinen Namen wahrschein- lich vom gegenüberstehenden hölzernen Grenzpfahl 188 des neu- tralen Gebietes, der 1870 durch den heute noch stehenden Grenz- stein Nr. 1 ersetzt wurde. Früher war der Eingang zum Bauern- hof an der jetzigen Rückseite, wo der alte Landweg verlief. Dies bedeutet, daß der aus Bruchsteinen bestehende Bauernhof vor dem Bau der Landstraße (d. h. vor 1750) errichtet worden ist. Die Ziegelsteinrahmen der Öffnungen sowie Ziegelstein- reparaturen im Bruchsteinmauerwerk zeugen von einem späteren Umbau. ! Schräg gegenüber steht das Haus Ahn mit Zementbewurf-Fas- sade, hinter welchem die alte Gracht bis zu ihrer Verfüllung vor
37 einigen Jahren tief ins Gelände eingeschnitten zur Göhlfurt hin- unterlief. An der westlichen Seite der Gracht steht ein Fußfall aus Ziegelsteinen, der vor kurzem renoviert wurde. Wir fahren nun in Richtung Kreuzung bergauf zurück. Kurz hinter dem Fußfall liegt die Einfahrt zu der auf dem Gelände des abgerissenen Bau- ernhofes "i jen hof" angelegten Siedlung. Knapp danach, am Grenzstein I des ehemaligen neutralen Gebietes, bemerken wir die Zufahrt zum Hause auf der Anhöhe "op en hächter", das zur Gemeinde Bleyberg (Plombi@res) gehört. Noch etwas höher, ab- seits der Landstraße, liegt der Bauernhof "i jene jongeböisch". Vor einigen Jahren bestand hier noch ein schönes weiß angestrichenes Fachwerkhaus; an seiner Stelle stehen heute neue Stallungen. Zwischen Bauernhof und Landstraße zog früher eine weitere Gracht zur Göhlfurt hinunter, die noch gut im Gelände als Delle zu erkennen ist. Vor der Teilung von 1816 gehörten Hechter und Jongenbösch zur Kelmiser Sektion der französi- schen Bürgermeisterei Moresnet und vor 1794 zur Herrschaft und Gemeinde Kelmis. Die Grenze gegen Herrschaft und Gemeinde Moresnet bildete das nördlich hinter der Anhöhe fließende Iserentantenbächlein. Wir fahren zurück bis zur Kreuzung und folgen links dem Weg nach Schmalgraf. Wir überqueren ein teilweise verrohrtes Bäch- lein, als "Grünstraßerbach" auf der topographischen Karte bezeich- net. Unsere Vorfahren nannten es "Eselbacherbäcksken" nach dem etwas weiter nach Westen liegenden Flurnamen Eselbach (früher Montzen, seit 1816 Lontzen). Bis 1794 bildete dieser Wasser- lauf bis zur Einmündung in die Honn (auch Hornbach bzw. Lontzener Bach genannt) die Grenze der St. Remigius-Pfarre Moresnet im Norden und der St. Stephanus-Pfarre Montzen im Süden, die sich landzungenartig bis zur Göhl erstreckte. Wir fahren auf dem anderen Ufer bergauf zum Standort der frü- heren Erzgrube Schmalgraf (ca. 1888-1932), einer der wichtig- sten und berühmtesten der "Vieille Montagne", an der alten Flur "Drossent". Dieser Flurnamen weist auf einen Drossart (Amtmann) hin, der wahrscheinlich hier Eigentümer war. Aus diesem Betriebspunkt stammen die schönen nierenartigen Ex- emplare der bei Sammlern so beliebten Schalenblende, ein Zinksulfiderz (ZnS). Von der Werksanlage sind nur noch einige Fundamente der Maschinengebäude (Schacht I und II) und eine
38 kleine Halde aus dem beim Teufen der Schächte herausgeförderten Schutt übriggeblieben. Auf der Halde hat sich, wie üblich in der Gegend, eine Galmeitrift sekundär ausgebreitet. Hier wachsen besonders das bekannte gelbe Galmeiveilchen neben dem wei- ßen Galmeitäschel und dem grasartigen bläulichen Schafschwingel. Wo diese Pflanzengesellschaft primär anzutref- fen ist, konnten die alten Bergleute vermuten, daß sich Erzlager- stätten im Untergrund befanden. Die Grube Schmalgraf lieferte 774.839 Tonnen Haufwerk, ca. 12.107 T im Jahresdurchschnitt. Ana en En ‚PAR VENTO DE NENNE AS VL N A NER UM N OB x VE AU Du NS A WE as N BEN EN a N Ne WEL N = } N 4 NEE ZE £ x N 5 '/ 2 x Sn Sin De za PO Z WE 5 A SZ 1 - A An hell A007 AN BES BE ie LE 8 A KA a ES Bildstock bei der Siedlung Hof
39 Aus diesem Haufwerk wurden in der Aufbereitung 408.783 T Konzentrat, d. h. ca. 52,5 % gewonnen, darunter 22.821 T Galmei, 333.854 T Zinkblende, 21.188 T Bleiglanz und 29.300 T Eisen- kies. Nach dem Altenberg oder Kelmisberg in Kelmis selbst war Schmalgraf die zweitwichtigste Grube des Nordostens der Pro- vinz Lüttich bezüglich der Produktion. Die Lagerstätte wurde bis 290 m Teufe abgebaut. Wegen des Sturzes der Zink- und Blei- preise auf dem Weltmarkt und der sehr kostspieligen Wasser- haltung mußte die Grube am 1. Mai 1932 aufgegeben werden. Direktor Timmerhans schätzte die noch vorhandene Erzreserve auf ca. 55.000 T Haufwerk oberhalb von 290 m. Aus der Grube mußten 1907 schon ca. 15 m? Wasser /Std. im Durchschnitt gepumpt werden; es gab sogar vorübergehend Wassereinbrüche von 1700 m /Std. Auf der anderen Seite des Weges sehen wir einen lang- gestreckten und stark verschlammten Pfuhl; höchstwahrschein- lich ist es der Tagebau der Erzgrube Comborn (1471-1481). Wir fahren weiter bis zur Wegekreuzung "an der Sämel", wo rechts 1732 ein „Fußfall“ errichtet wurde. Der Montzener Pfarrer Birven mußte hier laut Notiz in seinen im Pfarrarchiv ruhenden Aufzeich- nungen den Teufel vertreiben. EA DD ET 7 EEE NEN ) ZA 5. DO WU RP" | ZN ATOM A La N AAE 8 AA N } “a EN u NO ER NS Re Ä 78 A ES I z Tr N I Yin "D X | | REN #z 5 OO —__. GE } 3 iA A - A . 2A Frühere Steigerwohnung der Grube Schmalgraf
41 erinnert an den Ingenieur Oskar Bilharz, der 1859-1884 zuerst Inspektor, dann Direktor der Agentur (Neutral-)Moresnet der "Vieille Montagne" und 1882-1884 auch Bürgermeister von Neu- tral-Moresnet war. . An der Kreuzung biegen wir nach links, um dem alten von Henri-Chapelle (Kapell) zur Göhlfurt in Kelmis und weiter nach Aachen ziehenden Landweg zu folgen. Irrtümlicherweise wird er auf Lontzener Gebiet als "Hertogenweg" bezeichnet. Auf der Lontzener Seite bemerken wir rechts der Kreuzung die Ruine des Bauernhofes "open sämel", der noch vor einigen Jahren die typischen Kennzeichen der ländlichen Bauweise des 18. Jhs. im Herver Land aufwies. Leider hat der Antwerpener Eigentümer die Anlage verfallen lassen. Etwas weiter sehen wir rechts hin- ter Sträuchern ein eingeschossiges, mit grüngestrichenen Eternitplatten bedecktes Häuschen: Es ist die ehemalige Wohnung des Steigers auf Grube Schmalgraf. Weiter rechts kommt der Bau- ernhof Schmalgraf, ein langgestreckter, aus unterkarbonischen Kalkbruchsteinen (Dinantstufe) errichteter Bau, dessen umge- baute Hauptfassade zur Wiese gerichtet ist. Bevor der Weg steil zum Tal hinunterführt, erreichen wir noch den Weiler "Schnellen- berg" auf dem Plateau. Er besteht aus drei ehemaligen Bauernhö- fen, die ebenfalls teils aus Kalkbruchsteinen, teils aus Ziegel- steinen gebaut sind. Die östliche Fassade des ersten (links) weist noch Fachwerk mit Ziegelsteinfüllung auf. Am gegenüber- stehenden Bauernhof erkennt man gut eine Erweiterung des Stal- les. Im Inneren weist eine halbrunde Öffnung in der Zwischen- wand des Stalles darauf hin, daß sich hier früher die Eingangs- tür befand. Der Rundbogen aus gehauenem Kalkstein trägt noch die Inschrift "1700 C. M." in einem Schild. Der Bauherr Claes Mommer oder Momboir "tot Snellenberg" schuldete dem Grund- hof St. Adalbert zu Moresnet eine Erbrente zu Lasten seiner Gü- ter. Dieser Grundhof war zuständig für Zinsgüter, die vorhin dem St. Adalbertstift zu Aachen gehört hatten. Diese stammten aus einer Schenkung von Streugut in der Gegend von Vaals, Gemmenich, Moresnet und Vijlen seitens König Heinrich III. an das Stift vom 13. Februar 1041 (!). Etwas weiter erreichen wir links den Ein- gang zum Feriendorf Country Club auf dem Felssporn zwischen Eselbacherbächlein und Hornbachtal gebaut. Von der Terrasse des Empfangszentrums haben wir eine gute Aussicht über Kelmis. Nun
44 Kelmiser Mühle habe ich vor Jahren die Inschrift "Ao 1822 I.P.H." gelesen. Der damalige Müller Johann Peter Heuschen hat wahrscheinlich in diesem Jahr die Anlage umgebaut. An der Wegegabelung sehen wir rechts einen ehemaligen klei- nen Bauernhof aus Kalkbruchsteinen, dessen alte Hauptfassade zum Weg einen interessanten rundbogigen Türrahmen aufweist. Im Schild in der Mitte des Rundbogens ist zu lesen "1695/ IHS /DI OH /HM GS". Bisher habe ich die beiden hier angedeuteten Ehepaare noch nicht identifizieren können. Im Giebel ist oben am Schornstein eine schmiedeeiserne Verankerung mit der Jahres- zahl 1843 angebracht. In diesem Jahr hat wahrscheinlich ein Um- bau stattgefunden. Vielleicht stammt auch die jetzige Haupt- fassade zu den Wiesen mit den rechteckigen Öffnungsrahmen im Empirestil aus dieser Zeit. Auf der linken Seite des Schnellenberger Weges, nachdem wir an einigen neuzeitlichen Häusern vorbeigefahren sind, entdecken wir einen langgestreckten Bau, ebenfalls aus Kalkbruchsteinen. Der rundbogige Türrahmen weist ein Schild mit der Jahreszahl 1696 auf. Diese Häuser gehören zum alten Weiler Kelmis, "en jen dörp". Im Jahre 1445 vernehmen wir aus einer Steuerrolle, daß der Weiler 30 steuerbare Familien zählte, die sich aber auf drei Pfarreien ver- teilten: Walhorn rechts des Hornbaches, wo heute in den sumpfi- gen Wiesen kein Haus mehr steht, Montzen zwischen Hornbach und Eselbacherbächlein und Moresnet auf dem linken Ufer des- selben. Zentrum des Weilers wird später die 1646 erstmals er- wähnte Rochuskapelle, die vom Montzener Pfarrer bis ca. 1820 bedient wurde. Unter der Linde bei der unter Denkmalschutz stehenden Kapelle (Erlaß vom 1.9.1983) versammelte sich 1654- 1794 dreimal jährlich das Schöffengericht der 1650 gegründeten königlichen Herrschaft Kelmis anläßlich der vorgeschriebenen Vogtgedinge. Bei diesen öffentlichen Sitzungen, zu welchen die gesamte Gemeinde eingeladen war, konnte jeder seine Klagen ein- reichen, insbesondere wegen des Zustandes der Wege, des Brot- gewichtes, des Bierbrauens, der Benutzung von Heide und Wald u.s.w. Die Herrschaft Kelmis wurde gegründet, als der Landes- herr, König Philipp IV. von Habsburg-Spanien, in finanzieller Not seine Herrschaftsrechte in allen limburgischen Dörfern veräußer- te, mit Ausnahme der Hauptstadt und Festung Limburg und des
45 Weilers Kelmis mit umliegendem Gebiet wegen der wirtschaftli- chen Bedeutung des Kelmisberges. Vor einigen Jahren wurde in die Kapelle eingebrochen und mehrere Statuen, darunter eine schöne gotische Muttergottes ge- raubt. Die Kapelle besitzt noch einen alten Altarstein, der leider hochkantig aufgestellt ist. Im schönen Barockdachreiter hängt ein Glöcklein mit der Inschrift "1651 + S. MARIA ORA PRO NOBIS". Die aus geweißten Kalkbruchsteinen gebaute Kapelle weist noch die alte rundbogige Tür auf. Die vier kleinen Fenster der Seitenmauern sind wohl später mit stichbogigen Rahmen aus Kalkstein versehen worden, wahrscheinlich nach einer Renovie- rung im 18. Jh. Gegenüber der Kapelle steht eine Häuserreihe, wovon eins gut renoviert wurde. Leider ist ein alter Fachwerkbau durch einen häßlichen aus grellen roten Ziegelsteinen ersetzt wor- den. Vom alten Weiler fahren wir weiter dem "Haagweg" folgend zur Chauss&e. Links bemerken wir einen alten Kalksteinbruch der Dinantstufe (Kohlenkalk des unteren Carbons). Die hier ge- brochenen Steine haben zum Bau der davor stehenden Häuser mit Ziegelsteinfensterrahmen gedient. Der Türsturz eines aus gehaue- nem Kalkstein errichteten Türrahmens trägt die Inschrift "C. R. 1865". Bauherr war C. Roberts. An der Kreuzung bemerken wir an der anderen Straßenseite das Dach der ehemaligen Neutral-Moresneter Mühle, die im Jahre 1850 vom Müller Jean Pierre Heuschen errichtet, aber erst 1852 genehmigt wurde. Es ist der oben erwähnte Müller der Kelmisermühle, der wahrscheinlich aus steuerlichen Gründen nach Neutral-Moresnet umgezogen war. Der Weg an der Mühle vorbei führt zum Weiler "Hoof" an der Kelmis-Moresneter Grenze und zur alten Göhlfurt. Wir folgen aber der Landstraße nach rechts. Nach der Göhlbrücke bemerken wir links im Tal zwischen der Göhl und der alten von der Flur "i jene vogelsank" kommenden Gasse die beiden Häuser "e jene kauch" ("im Koch" auf der Urkatasterkarte von 1860): Ein hoher Ziegelstein- und daneben ein kleiner älterer Bruchsteinbau. Der Flurnamen "in den coch" wird schon in einer Häuserliste aus dem Jahre 1651 erwähnt. Eine weitere Straße, Hagenfeuer, so genannt nach der Fiur "op en hagelvüer", führt bergauf zum felsigen Sporn, der 1627 einfach "berch" hieß, und weiter zur Arbeitersiedlung auf dem Plateau, die nach 1850 entstand. In der Steigung zweigt noch eine Gasse
46 nach links in Richtung "Schlack" zu der alten Streusiedlung am Osthang des Göhltales ab. Wir bleiben aber auf der Landstraße. Rechts, gegenüber der Hagenfeuerstraße, liegt ein ziemlich großer Bauernhof aus Kalk- bruchsteinen mit rechteckigen Öffnungsrahmen in gehauenem Kalkstein im Empirestil. Das Oberlicht der Eingangstür ist da- tiert: 1811. Es ist die Gastwirtschaft Göhlbrücke, in welcher auch 1821-1830 das gemeinsame preußisch - niederländische Zollamt untergebracht war. Nach Ausbruch der belgischen Revolution im September 1830 verlassen die preußischen Zollbeamten im Okto- ber das Zollamt auf Anordnung ihrer Vorgesetzten, um nicht gemeinsam mit Vertretern einer aufständischen Regierung zuhan- deln. Die belgischen Zollbeamten ziehen sich erst am 20. Dezem- ber 1832 zurück. Auch nach der Anerkennung der belgischen Un- abhängigkeit seitens Preußen wird das gemeinsame Zollamt nicht mehr besetzt. Neben dem Wohntrakt der Herberge mit Fassade zum Innenhof befindet sich ein älterer Wohntrakt mit Stall. Hier sind die Tür- und Fensterstürze stichbogig mit Keilstein, ent- sprechend der Bauweise des 18. Jhs. Oberhalb der Tür ist in ei- nem Trapez zu lesen: "MT/IHS/ MM/1783". Mathys Thimister und Maria Metz haben diese kleine Herberge "op hermens steen" errichtet, nachdem die Landstraße hier vorbeigezogen wurde. Die Fensterrahmen der Etage sind noch aus Holz gezimmert worden. Kurz danach folgt eine Häuserreihe aus Kalkbruchsteinen mit Fensterrahmen aus Ziegelsteinen, wie sie meistens um 1850 ge- setzt wurden. Schade, daß eine dieser Fassaden "modernisiert" wurde und das einheitliche Bild stört. Rechts führt dann eine Gasse zur Rochuskapelle und ein Pfad durch die sumpfigen Wiesen des "herkenbroich" sowohl zum Waldpfad der "Hon" bzw. des Horn- bachtales, wie auch zum ehemaligen "schopsweg" nach Eynenberg, wovon die alte Gracht in den oberen Wiesen gut sichtbar ist. Hier können wir eventuell parken und zu Fuß weitergehen. Nun folgt rechts das ehemalige Industriegelände, heute Gewerbegelände. Hier stand 1910-1951 das Kraftwerk (Zentrale) der "Vieille Mon- tagne”, das in diesem sumpfigen Gelände auf Rammpfählen ge- baut werden mußte. Es folgten nacheinander die sogenannte alte Wäsche, die 1848 zur Läuterung der Galmeierden gebaut und später mehrmals modernisiert wurde, die 1900 gebaute "neue Wäsche" zur Aufbereitung der nun vorherrschenden Sulfiderze
47 und endlich die hohen Halden aus den Rückständen derselben. Diese Halden sind auf ca. 20 m Tiefe entlang der Lütticher Straße abgetragen worden. Bis 1950 erreichten sie die Höhe der gegen- überstehenden Gebäude. Zwischen den Neubauten der Gewerbezone sind drei Ziegel- steingebäude der "Vieille Montagne" übriggeblieben, die als La- ger dienen, bzw. als Wohnhaus umgebaut wurden. Darunter, am Rande der Straße, der ehemalige Lokomotivschuppen der Schmal- spurbahn Mützhagen, heute Wohnhaus mit verputztem Mauerwerk. Gegenüber, auf der ehemaligen neutralen Seite, steht nach der Göhlbrücke zuerst die Häuserreihe "e jene brook". Diese Häuser aus Sand- oder Kalkbruchsteinen sind in der Mehrzahl um 1850 gebaut und im Laufe der Zeit manchmal umgebaut worden. Der Flurname erinnert an das morastige Gelände und an die 1443 er- wähnte Galmeigrube "herkenbroich", die später (1856-1884) als "Südlager" abgebaut wurde. Von 1870 bis um 1954 lag hier zwischen den Häusern und der Landstraße die Eisenbahnstrecke "Calamine-Moresnet", die die Agentur (Neutral-)Moresnet der "Vieille Montagne" mit der Linie Bleyberg - Welkenraedt ver- band. Wo leider ein Verkaufslager für LKW's eingerichtet wor- den ist, war früher der Güterbahnhof der "Vieille Montagne". An- schließend bleiben einige bedeutende Teile der großen Hütten- anlage erhalten. Zuerst hinter einem neuen Wohnhaus ein hohes Gebäude, dessen Unterteil als Kohlenlager benutzt wird. 1928- 1950 befand sich hierin die Cottrelanlage, in welcher die aus dem Drehofen der Zinkoxidfabrik herausströmenden Gase Zinkoxid auf elektrostatisch geladene Platten und Drähte (40.000 Volt . Gleichstrom) ablagerten. Im Volksmund hieß diese Anlage "Gift- mühle". Obwohl theoretisch keine Zinkoxidspuren in die Atmo- sphäre gelingen durften, lagerte sich massenhaft ein weißer Staub um die Schloten und bedeckte auch Häuser und Bäume, so daß die Linden des Lindenweges und der Schützenstraße schon im Frühsommer ihr Laub verloren. Zinkoxid oder Zinkweiß wird in der Farbenindustrie gebraucht. Im Hintergrund bemerkt man noch die Überreste der aus der Anlage stammenden Schlacken- halde, die nach 1951 von der Welkenraedter Firma Xhonneux ab- gebaut wurde, um Kunstbausteine ("blök") herzustellen. Nun er- reichen wir die wichtigste Hinterlassenschaft des ehemaligen Berg- baus, das im Jugendstil errichtete Verwaltungsgebäude aus
48 Ps DEN ; in E| Äh Aa . a A bh A JM ü | S N: dl | | MSN a F Ei a |} u »3 } AM A mg 15 nn a en De a | DA . D es AS 3 ; A Die frühere Herberge an der Göhlbrücke BP FAN 4 N # Pe. BETEN EN | zn ze Sn a ): A Y 8 m Cake f nn an SU AM _. anni N BD an sa te an nn EE —_- A BE Ge = Häuserzeile mit z. T. renovierten Fassaden
51 tuell parken. Wir entdecken den ca. 5 ha großen Casinoweiher. Diese Wasserreserve wurde im Jahre 1861 durch den Bau eines 300m langen Erdwalls am Zusammenfluß von Tüljebach und Göhl aufgestaut. Der höchstens 5 m tiefe Stauweiher diente als Wasser- reservoir für die 1849 gebaute Aufbereitung. Die später an- gehäuften Halden aus den Aufbereitungsanlagen überragen nun den Staudamm, dessen Funktion im Gelände gar nicht mehr wahr- genommen werden kann. Beim Bau der Stauanlage mußte das Göhlbett verlegt und kanalisiert werden, wodurch die Göhl ein bedeutend steileres Längsprofil mit Bachschnellen erhielt. Auch wurden die alten Gemeindegrenzen von Hergenrath gegen Preu- Bisch-Moresnet verwischt. Sie laufen seitdem unerkennbar durch das Haldengelände und sind nur noch auf den Katasterkarten entsprechend den ehemali- a 5 u A AL A STE a WB | A U a M | A ST WM Sn a 1 “A A 3a . Mi ee Verwaltungsgebäude der Vieille Montagne, daneben der frühere Bahnhof gen Bauchläufen von Tüljebach und Göhl eingezeichnet. Vor ei- niger Zeit hat der Kelmiser Verkehrsverein das nicht mehr be- nutzte Wehr zum Entleeren des Stauweihers äußerlich instand ge- setzt. Die Halden sind durch die Galmeitrift kolonisiert worden. Leider hat die Gemeindeverwaltung Neu-Moresnet in den siebzi- ger Jahren den schlichten Pfad an der Göhl entlang durch einen
52 breiten Weg ersetzt, um die Halden leichter mit Lastwagen abtra- gen zu können. Das abgetragene Material sollte als Wegeschotter gebraucht werden. Durch diese Maßnahmen wurden schöne Par- tien der Galmeitrift unnötigerweise zerstört. An charakteristi- schen Pflanzen erkennt man hier das Galmeitäschel, das Galmeiveilchen, die Grasnelke, den aufgeblasenen Taubenkropf und den bläulichen Schafschwingel. Die Frühlingsmiere ist hier nach den erwähnten Zerstörungen sehr selten geworden. Davor war diese allgemein seltene Art am Rande einer ziemlich tiefen mit schwermetallsalzhaltigem Wasser gefüllten Pfütze gut vertre- ten. Früher haben Kelmiser Kinder in dieser "der gröne" genann- ten Pfütze leicht schwimmen gelernt, da dieses salzhaltige Was- ser wegen seiner höheren Dichte den Körper leicht tragen konn- te. Neben der Galmeitrift sind auch andere Pflanzengesellschaften sowohl auf dem Schlammweiher der Halden, wie am Ufer des Casinoweihers zu entdecken, u. a. die Sumpfgesellschaften. Ver- lassen wir das Haldengelände und kehren zur Landstraße zurück. Am Parkplatz erkennen wir auf der anderen Seite der Casinostraße zwei Bruchsteinhäuser. Das erste aus Bruch- sandsteinen mit Kalksteinrahmen gehört zum typischen Stil des 18. Jhs. Die Bruchsandsteine (Famennestufe) konnten aus einem 8 nd 2522 AN Ep ei Va el Sn a Me IM \B \\ VEN JS 4 { Die Calden FOR ven m 8 SUN Bi % de } kr | 7 EEE 6 1 8 AA Der Penning
53 kleinen Steinbruch an Ort und Stelle gewonnen werden. Wie das Schild im Keilstein des Türsturzes mit der Inschrift "A.O 1776 / I.W.A.P./ A.B.G." zeigt, wurde das Haus in jenem Jahr vom Schmied Johann Willem Anton Pennings und seiner Ehefrau Anna Barbara Groenenschild gebaut. Das Ehepaar hatte am 25. Febru- ar 1775. in Moresnet geheiratet. Die Frau war die Tochter des Schmieds der Altenberger Galmeigrube Etienne Groenenschild, dem sein Schwiegersohn im Amt folgte. Das zweite Haus aus Bruchkalksteinen gehört dem 19. Jh. an und mag zuerst als Stall gedient haben. Die "Vieille Montagne" mietete das Haus "Penning" im Jahre 1847 vom Baron de la Rousseli&re, Guts- herrn auf der Eynenburg, und ließ hierin 3 Arbeiterwohnungen einrichten. Im Jahre 1898 bestanden hier 6 Arbeiterwohnungen, wohl in den zwei Häusern zusammen. Die Bevölkerungsliste von AN 1A A he 3“ 7 RA IN 8 x N A ) N 7 {4 >, EN II a UT UN x Pi Be 4 1 1 SE : EA E LH GE WI Pa En a DE Der Select, heute Kulturheim 1894 gibt drei Häuser am Penning an, d. h. wohl drei Eingangs- türen. Im Haus Nr. 73 wohnten 2 Witwen und eine siebenköpfige Familie; im Haus Nr. 74 eine elfköpfige und im Haus Nr. 75 noch eine siebenköpfige Familie!
54 Dem Penning gegenüber auf der anderen Seite der Lütticher Straße befindet sich der "Select", ein langgestreckter Kalkbruch- steinbau mit großen Fenstern in Ziegelsteinrahmen. Im Jahre 1977 erwarb die Gemeindeverwaltung das Gebäude, um ein Kultur- zentrum einzurichten, das am 10. Juni 1983 eröffnet wurde. Da- vor diente es als Hotel mit Restaurant. Als solches wurde es im vorigen Jahrhundert von einem Herrn J. Bergerhoff erbaut und im Mai 1885 eröffnet. Am 15. August 1903 wurde in diesem Ho- tel eine Spielbank eingerichtet, nachdem das belgische Gesetz von 1902 Glücksspiele in Belgien untersagt hatte. Die damals für Polizeimaßnahmen zuständigen Königlichen Kommissare für die Verwaltung des Neutralen Gebietes verordneten aber die Schlie- ßung dieses "Cercle prive des Etrangers de Calamine ä Moresnet- Neutre" am darauffolgenden 2. September. Im Juli 1926 eröffne- te der "Club Select International" wieder eine Spielbank im Hotel Bergerhoff. Diesmal wurden vor allem deutsche Kunden aus der Aachener Gegend angelockt. Auch diese Initiative wurde Anfang März 1928 durch den Prokurator des Königs in Verviers unter- bunden, obschon die Gemeindebehörden sich für die Beibehal- tung des Kasinos ausgesprochen hatten in der Hoffnung, Gemein- desteuern einziehen zu können. VA a . a m A A wer 7 X a7 „n) ] W = be = SE «x 3 7 N a 55T ‚IT, r=r aan X Zn Rau | aa 7: 2. Ey. Mn A a REN 7 we ENT Ze WE N SO 5 Sn 8 A Die Direktorvilla, heute Park-Hotel
55 Von hier aus fahren oder gehen wir die Lindenstraße hinauf. Diese wurde zwischen 1862 und 1873 von der "Vieille Monta- gne" auf dem von ihr gepachteten Domanialgrund der Galmeilagerstätte angelegt. Links befindet sich der Eingang zum Naturreservat der Galmeitrift, die sich an der südöstlichen Flanke des ehemaligen Tagebaues entwickelt hat. Dieses Gelände wurde 1995 von der Gemeinde an die Naturschutzvereinigung "Ardenne et Gaume” verpachtet. Es darf nur in Begleitung eines Vertreters dieser Vereinigung betreten werden. Nun können wir eine wohlverdiente Pause eventuell im Park- Caf& oberhalb des Lindenweges einlegen. Hier bietet sich eine weitere Parkmöglichkeit.
56 Vor 110 Jahren: Die Eisenbahn verbindet Raeren und Eupen von Alfred Bertha Trotz allen Modernisierungsversuchen und allen Plänen der Eisenbahnverwaltungen, das in den vergangenen Jahrzehnten ver- lorengegangene Terrain im Güter- und Personenverkehr zurück- zugewinnen, wird der Schienenverkehr auch in Zukunft nicht mehr die Rolle spielen können, die ihm einst zugedacht war. ; Vor hundert Jahren sah man noch in der Eisenbahn das einzige Mittel, rückständige Gebiete am allgemeinen Wohlstand teilneh- men zu lassen. Riesige Bahnhofsanlagen spielten die Rolle heuti- ger Autobahnkreuze und selbst kleinste Orte wollten um jeden Preis an das Eisenbahnnetz angeschlossen werden. Beim Bau der Rheinischen Eisenbahn Köln-Antwerpen in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts - die Strecke wurde am 15. Oktober 1843 eingeweiht - hatte man auf Betreiben des Aachener Kaufmannes und Präsidenten der Industrie- und Han- delskammer David Hansemann, des späteren preußischen Finanz- ministers, vom ursprünglichen Plan einer Trassenführung über Düren - Eschweiler - Stolberg - Kornelimünster nach Raeren und Eupen abgesehen und statt dessen die Streckenführung über Aachen und Hergenrath gewählt, was mit bedeutenden Mehrkosten verbunden war. Bei der zuerst ins Auge gefaßten Linie über Stolberg wäre Aachen mit einer Zweiglinie verbunden worden; nun war es Eupen, das durch den Bau einer solchen Stichbahn ans europäische Netz angeschlossen werden sollte. Ein höchster kö- niglicher Entscheid Friedrich-Wilhelms III. vom 12. Februar 1837 schrieb die Streckenführung in folgenden Worten vor: "Die Bahn soll beim Kölner Freihafen beginnen, über Düren, Aachen, Burtscheid an die belgische Grenze führen. Von da an soll eine Zweigbahn nach Eupen geführt werden." Die hier "verordnete" Zweigbahn blieb allerdings noch lange Jahre ein Wunschtraum der Eupener. Erst 1862 wurde sie von Herbesthal aus über Gemehret gebaut; Endstation war in Eupen der Bahnhof Ecke Herbesthaler - Vervierser Straße ("Residenz Reinartzhof"), der 1863 eingewe‘ht wurde und bis 1887 in Betrieb blieb.
57% Raeren blieb lange Jahrzehnte nach allen Seiten hin ohne Eisenbahnanschluß. Erst mit der sog. Vennbahn, der Verbindung des Aachener Kohlenreviers mit den luxemburgischen und lothringischen Eisenhüttenbetrieben, deren Planung und Verwirk- lichung ab 1875 konkrete Formen annahmen, (1889 war die ge- samte Strecke fertiggestellt) kam auch für Raeren das Ende seines Inseldaseins. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammen- hang ein preußisches Gesetz vom 15. Mai 1882, das den Ausbau des Eisenbahnnetzes und die Schaffung neuer Linien zum Gegen- stand hatte ("Gesetz betreffend die Erweiterung, Vervollständigung und bessere Ausrüstung des Staatseisenbahnnetzes"). Das Gesetz sicherte den Bau von sechzehn neuen Strecken finanziell ab. In unserem Gebiet wurden drei neue Linien vorgesehen, und zwar die Hauptlinie "von Prüm über St. Vith und Montjoie nach Aachen/ Rote Erde", sodann eine von dieser Hauptstrecke "von Rären (sic) oder einem anderen geeigneten Punkt der Bahn ... nach Eupen" führende Zweigbahn und eine weitere Zweigbahn von Walheim nach Stolberg. Nur drei Jahre nach dieser gesetzlichen Grundlage, am 1. Juli 1885, konnten schon mit der Verbindung Aachen-Monschau die ersten 48 km der neuen Bahnen eröffnet werden. Das "Correspondenzblatt des Kreises Eupen" vom 4. Juli 1885 berich- tete kurz: "Am 1. c. fand die officielle Eröffnung der Bahnstrecke Rothe- Erde - Montjoie statt. An der Feier betheiligten sich u. a. der Prä- sident der linksrh. Eisenbahn-Direktion, Herr Geheimrath Ren- nen, sowie der Regierungs-Präsident, Herr von Hoffmann. Der erste Extrazug wurde um 10 Uhr 10 Min. Vormittags von Aachen abgelassen; an jeder Station wurde gehalten und von einer auf dem Zuge befindlichen Musikkapelle ein Stück gespielt. Die An- kunft in Montjoie erfolgte Mittags um 1 Uhr, worauf ein Festzug durch die Stadt und demnächst ein solennes Essen in der Güter- halle des neuen Bahnhofs stattfand, an welchem sich 200 Perso- nen betheiligten. Um 1/2 8 Uhr Abends verließ der Extrazug mit den Gästen die Station Montjoie und traf um 1/2 10 Uhr wieder in Aachen ein." Auch die Raerener Gemeindechronik würdigt das Ereignis. Der Chronist schreibt: "Mit Fahnen und Fähnchen versehen zogen die Schulkinder des ganzen Ortes zum festlich geschmückten Bahn-
58 hof. Gegen 10,30 Uhr brauste der mit Kränzen und Girlanden ge- zierte Zug heran. Unterdessen sangen die Kinder der Driescher Klassen das Lied: 'Heil Dir im Siegerkranz'. Die den Zug beglei- tende Musikkapelle stieg aus und spielte ein Weise, worauf die Kinder das Lied 'Guten Morgen' sangen. Unterdessen sahen sich die Herren die durch Herrn Hubert Schiffer ausgestellten Krüge an und äußerten sich sehr lobend über die erzielten Fabrikate. Nach- dem die Herren wieder eingestiegen waren, fuhr der Zug weiter in Richtung Rötgen-Montjoie, wo das Festessen stattfand." Für viele in Aachen beschäftigte Raerener war dies eine große Erleichterung, wenn auch beileibe nicht alle von den Segnungen einer Eisenbahnhaltestelle in ihrem Ort überzeugt waren. { Neben Aachen bot Eupen als Textilstadt manchem Raerener Brot und Arbeit. In einer Petition vom 14. Januar 1881 wird die Not- wendigkeit einer Bahnverbindung nach Eupen hervorgehoben. Auch in einer Eingabe der Eupener Handelskammer an den Mini- ster der öffentlichen Arbeiten vom 2. September 1884 wird darauf hingewiesen, daß die Arbeiten an der Strecke Aachen - Monschau "außerordentlich gefördert" würden und die Schienen schon bis Kornelimünster verlegt seien. Bei der "großen Wichtigkeit eines zeitigen Anschlusses der Stadt Eupen an die Hauptlinie", von dem die Erhaltung der Verkehrsbeziehungen zwischen Eupen und der Eifel in hohem Maße abhängig sei, fühlten sich die Mitglieder der Handelskammer gedrungen, den Minister "ehrerbietigst dringend zu bitten, eine Entscheidung in unserer Bahn-Frage hochgeneigtest bald treffen zu wollen, damit die notwendigen Arbeiten energisch in Angriff genommen werden können". Lange vor der Inbetriebnahme des Raerener Bahnhofs am 1. Juli 1885 diskutierte man in der Weserstadt, ob es nicht angebracht sei, die Linie Raeren-Eupen mit Beibehaltung des alten Eupener Bahnhofs bis zur Haas weiterzuführen. Sowohl die Eupener Han- delskammer wie der Stadtrat waren mehrheitlich für die Beibe- haltung des Bahnhofs an der Vervierser Straße und auch der Regierungspräsident von Hoffmann verteidigte die Idee einer Weiterführung der Strecke bis zur Haas aufs wärmste. Im Bericht über eine Zusammenkunft in Eupen, am 17. Juni 1884, an der neben dem Regierungspräsidenten von Hoffmann, der Präsident der linksrheinischen Eisenbahndirektion, Rennen, Landrat Gülcher, Bürgermeister Mooren, Handelskammerpräsident
59 Fremerey, das Eisenbahnkomitee und mehrere andere Interessen- ten teilgenommen hatten, heißt es: "Für das Projekt, den Bahnhof nach dem Hook zu verlegen, sprach sich niemand aus, man war vielmehr der Ansicht, es wäre besser, wenn der alte Bahnhof bei- behalten und von dort aus ein Schienenstrang nach der Oe gelegt werde." Der für Eisenbahnfragen zuständige Minister Maybach hatte jedoch eine durchgehende Linie Herbesthal - Eupen - Raeren fest- gelegt und dabei einen Bahnhof "Hook" vorgesehen. In der Stadt- ratssitzung vom 7. November 1884 informierte Bürgermeister Mooren die Stadtverordneten über den ministeriellen Entscheid. Einzelne Stadtverordnete plädierten für diesen ministeriellen Be- schluß (Bahnhof Hook), wollten aber von diesem Bahnhof aus eine Verbindung zum Industrieviertel Haas schaffen. Dermifcte Mudridlen. Auszug aus dem Yrofokole der Handefskam: mer-SiHung vom 5. Iufi 1884, De Sifenbahu= bezw. Bahuhofs-Angekegenheit. Der VBorfikende kegt der Kanımer eine Eingabe mchrerer hiefigen Firmen vor, mittelft welcher dies felben Abjchrift ciner Petition vieler Bürger der Stadt an den Herrn Sijenbahn-Minifter un Beiz behaltung de8 allen Bahnhofs und Fortführung der neuen Linie NMacren=Caupen nach der Haas mit MAulage eines BahnhofeS dafelbft cinfenden und die Bitte ausiprechen, daß die Handelskammer diejer Petition ihre Unterftitkung angedeihen Laffen und in diefenm Sinne cbenfalls an Se, Grecllenz den Herrn Minifter Maybach berichten wolle, Mach Iebhafter Diskujfion befchlicßt die Kammer mit 5 gegen 4 Stimmen dem Antrag zu eutfprechen. Für Willfahrung fHinımnten: Fremerey, Gülcher Weblar, Ziumermann, Mayer. Gegen: Tonnar, LKenfd, Meichenberger, TheLofen, Gleichzeitig erklärt die Sammer einftimumig, daß die Weiterführung der Bahu zur HaaZ mit Errichtung eines Yahnhofe8 dajelbfit für die Kurz terefjen der ganzen Stadt dringend nothwendig ift. Die Minorität wiünfcht c& dent Herrn Minifler zu überlaffen, den Bahnhof dort anzulegen, wo Se. Gyeellenz c8 im Iuterejie des durchgehenden Berkehr8 und der Stadt angemejfen erachtet, KEGENAANPEE G EEE Auszug aus dem Protokoll der Eupener Handelskammersitzung . vom 5. Juli 1884 (Korrespondenzblatt vom 9.7.1884)
60 Minister Maybachs Konzept wurde verwirklicht. Das Amtsblatt der Kgl. Regierung zu Aachen brachte am 26. Februar 1885 "zur öffentlichen Kenntnis, daß die Kgl. Eisenbahn-Direktion in den nächsten Tagen mit der Absteckung der Bahnaxe für die Neben- bahn von Eupen nach Raeren beginnen wird". In Eupen hatte man sich wohl oder übel mit dem neuen Bahn- hof Hook anfreunden müssen. Als die Strecke Raeren-Eupen kurz vor der Fertigstellung und Eröffnung stand, sah sich der Stadtrat gezwungen, die "Festivitäten bei Eröffnung der Zweigbahn Eupen- Raeren" zu besprechen. Man wollte ein Festkomitee mit der Or- ganisation derselben betrauen und schlug als Mitglieder dessel- ben Kommerzienrat Gülcher, Andre von Grand'Ry und Julius’ Mayer vor. Gülcher lehnte ab, weil er stets ein Gegner der Verlegung des Bahnhofs zum Hook gewesen sei und ihm daher die notwendige Festesstimmung fehle. Grand'’Ry und Mayer er- klärten, sie müßten verreisen. Bei einer am 31. Juli 1887 "behufs Veranstaltung einer Feier bei Eröffnung des Hookbahnhofes" im Saal Tonnar einberufenen Versammlung bestimmten die ca. 30 anwesenden Personen ein vierköpfiges Komitee und beschlossen, am Mittwoch, dem 3. August, den ersten nach Raeren abgehenden und von dort eintref- fenden Zug durch eine Musikkapelle am neuen Bahnhof begrü- ßen zu lassen. Außerdem solle die Eröffnung durch 150 Böllerschüsse angekündigt werden. Für abends wurde im Tonnarschen Lokale großes Freikonzert im Garten angesagt. Am 3. August 1887 verließ der erste Zug den Eupener Bahnhof Hook in Richtung Raeren. Zur Eröffnung der neuen Strecke brachte das "Korrespondenzblatt" eine Lobeshymne auf die Eisenbahn. Mit der neuen Verbindung sei "dem großen Netz von Eisen eine Masche zugefügt" und "das teure Nachbarland" (Raeren), dessen Quellen seitwärts geflossen seien, "lange Eupen abgewandt”", sei nun wieder erschlossen. In der dritten Strophe zeigt sich der Fortschrittsglaube jener Zeit. Mit jeder neuen Eisenbahnverbindung sah man neue Absatz- märkte sich öffnen; jede Strecke biete den Ansatz einer neuen ... Die Strecke Raeren - Eupen ließ den Raerener Bahnhof zu ei- nem wichtigen Verbindungspunkt auf der Vennbahn werden, die nun von Herbestahl über Eupen erreicht werden konnte. Die Tuch- stadt an der Weser, die beim Eisenbahnbau bisher eher
61 stiefmütterlich behandelt worden war, fand einen weiteren An- schluß an die großen internationalen Strecken. Die neue Strecke Raeren-Eupen (mit Weiterführung nach Herbesthal) war recht rege befahren. Wie wir aus alten Fahrplä- nen ersehen, zählte man z. B. am 1. Oktober 1898 wochentags sieben Züge Herbesthal - Eupen und drei Züge Herbesthal - Raeren. Der lokale Verkehr Eupen - Aachen oder Raeren - Aachen konnte aber durch diese Strecken für die meisten nicht befriedigend be- schleunigt werden. Erst der Bau der Kleinbahnstrecken (Aachen - Eupen, 1906, Eupen - Herbesthal, 1910) bot eine schnellere und direktere Anbindung an die Kaiserstadt. Ga Zur Feier ( der A | Sröffnung der Sifenbafnfkredie Supen-Kaecen ; z am 3. Auguft 1887. | Seht das Dampfroß heute eilen 8 ZoU der Sthienenlänge, E Auf dem’ Bergestamme Fühn, er das Dampfroß weiter trägt, A Schnurrend über Schienenzeilen Schaffet neue AUbfabßgänge, E Bald durch Wald und Wiefengrün ; Neu er Glüdeswurzeln {Ahlägt : | £aßt den Tag uns jubelnd preifen, Yede Eifenbahn auf Erden 4 Der die Zukunft nimmer frügt, Zeigt den Sn unfrer Zeit, A Der dem großen Ne von Eifen Ai Strefe hat ein Werden | | Eine 2Mafche zugefügt! :iner neuen Stref” bereit! | : Si ift wieder ja erfchloffen } Werk des Friedens! fei willlonımen, ! ‚Uns das teure Nachbarland, 3. Rühmend wirft du ftets genannt; 8 |, Deffen Quellen feitwärts floffen, Was du bringft zum Heil und F$rommen,| | ange Eupen abgewandt ; Danfkt dir Stadt und Vaterland ! f eder foll des Tags fich freuen, £aßt den Tag uns jubelnd preifen, | Der ihm .frohe Hoffnung bringt Der die Zukunft nimmer trügt, 5 ; Und das Eifelland in Treuen An das große Weß von Eifen | S | Durch ein ftarfes Ausgabe umfchlingt. { Eine Mafche neu gefügt! 4 Ko ; si EEE Gedicht zur Eröffnung der neuen Eisenbahnstrecke (Korrespondenzblatt vom 3.8.1887) Die Kleinbahnlinie Aachen - Eynatten - Eupen wurde schon am 19. Juli 1906 durch eine Abzweigung nach Raeren erweiter!, dessen Ortsmitte damit eine schnelle Verbindung nach Aachen un
62 Eupen erhielt. Diese Kleinbahnstrecke war bis zum 11. Septem- ber 1944 in Betrieb. ( V. Gielen, Raeren und die Raerener im Wan- del der Zeiten, S. 135). öffnungs-Feier der Yahnftren Sröffnungs-Feier der Yahnftredke Supen-Kaeren, Mittwoch Morgen am 3. Auguft Dei Ab: und Anfahrt der erften planmäßigen Züge KXiarmonie-ANuhk auf der Terajffe des Bahnhojes, — Böllerfchießen, — Abends 8 Uhr BE GARTEN-CONCERT in der Neftauration Harmonie. IMumination des Gartens. Bei Einlauf |* de8 lebten Zuges Völlerjchießen und Feuerwerk. Im Falle ungünftiger Witterung findet das Conzert im Saale jtatt. # « ENTREEB FREI. MS Die Anwohner der dem Bahnuhofe nähfgelegenen Straßen werden gebeten, on diefem Tage ihre Hänfer zn beflaggen. Das Comite. FA DBekanutmachung, ra EM Um 3, Arguft d. N. wird die Neubau-Strede Eupen: ZOOS Maeren unter Einführung de8 weiter folgenden Fahrplan8 dem Da Tg ang Betrieb übergeben und der neue Bahnhof Eupen (Hood) eröffnet, XI IS dagegen der bisherige Bahnhof Eupen außer Betrieb gejebt. nr 9-E Anm Bom Tage der Betriebs-CEröfinung ab findet auf der Strefe Naeren-Eupen unter den Bejtimmungen des BetriebS-Neglements für die Eifenbahnen Deutjdiands die Beförderung von Perfonen 2., 3. und 4. Wagenklafje, Reijegepäk, Gü: tern, Leihen, Fahrzeugen und lebenden Zhieren ftatt. Die Tarife können auf den Stationen eingefehen werden. Fahrplan: Eupen (Hood) ab 7'5 Borm. 123 259 Nam, 7% AWbb3. RMaeren an AL FAR, ET art Raeren ab LM 1980788 arrimctin) Sn Eupen (Hood) an 8% 1% 3836 Ohr Ferner wird auf der Strede Herbesthal-Cupen ein Perjonenzug neu eingelegt, Mbjahrt HGerbesthal 12'° Nadmittags Ankunjt Eupen (Hood) 12% Nachmittags. Köln, den 28. Iuli 1887, 4 Königliche Eijenbahn-Direction (linksrh.) Eröffnungsfeierlichkeiten und Fahrplan der neuen Strecke Eupen-Raeren (Korrespondenzblatt v. 3.8.1887) Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Personenverkehr auf der Strecke Raeren - Eupen zunächst wieder aufgenommen, aber am 28.3.1959 von der Eisenbahngesellschaft eingestellt. Die einzi- gen Personenzüge, die den Bahnhof Raeren noch passierten, waren
63 ü Zn ; a DS Y = 2 as 1a "es ist EZ a VE A SE SE A ER SL A N 0 + ‚8 “ae. U SE 21 2 Y| Il a BE hun AR \IM hr 4 Jun en se M . A wm u“ & \ nm a EEE. a * Abfahrt des ersten Zuges nach Raeren, am 3. Aug. 1887 . Truppentransporter in Richtung Lager Elsenborn. Doch auch die- se ließ die Eisenbahngesellschaft ab Ende August 1988 aus Sicherheitsgründen nicht mehr zu. OHM SAH ASD 0S0T HEN Sigs nd Bon Ginzelfahrt. | püefahrt f He [ars Sen m nr, | wm. Ss IL. {II nad | | IS AND ME. ME. mt. me, oe. me, Brand 1 [E4010,90/0,50/0,3012,10 1,40” Büttgenbach 3,40 2,30 120.080 6.108,50 Conzen 1,90 1,80|0,70/0,50/2,9012,00 Coruelymünfter 1,10/0,80} 0,40 0,30 1.701,20 Kalterherberg 2,60|1,70/0,90/0,60|3,90/2,60 Lanımer8dorf 1,60/1,10/0,60/0,40{2,40/1,70 * Malmebdy 4,20/2,80 1,40/1,0016,30/4,20 Moutjoie 2,10/1,40 0,70/0,50/8,20 2,10 Nacren 0,50/0,40/0,20/0,20/0,80/0,60 Dötgen 1.100,70 0,40/0,30| 1,70/1,10 Sourbrodt 3,00 2,00/1,00'0,70 14,5013,00 Walheint 10,90(0,6010,80.0,20{1,4010,90 Von Eupen aus zu erreichende Stationen der „Eifelbahn“
64 Eisenbahnnostalgiker haben die Strecke Eupen - Raeren seit 1971 für Sonderfahrten ins Venn genutzt. BE ne 7 u zz 4 Bi 38 SE AA 310. . DO Wr AR} ; es 81° En kb a € Si EN DS N - Sa ' 8 A DT ki m nn 2 7 Se a WE A { mu Et Pe nal A en Da ET A in Der Bahnhof Raeren (Aufn. 1997) Die heutige touristische Nutzung der Vennbahn in den Sommer- monaten weckt auch seit 1990 den Raerener Bahnhof alljährlich wieder für einige Monate aus dem Dornröschenschlaf. Ein Rund- kurs ab Bahnhof Raeren über Weywertz, Jünkerath, Heimbach, Düren und Stolberg zurück nach Raeren, wie ihn Eisenbahnfreunde diesseits und jenseits der Grenze anstreben und noch vor der Jahr- tausendwende verwirklichen möchten, würde dem Raerener Bahn- hof zusätzliche Attraktivität verleihen.
65 Der Fluch der Nationalismen - Grenzen und Entfremdung durch vereinnahmte Kultur(en) - Kulturnation und Staatsnation * von Dr. Carlo Lejeune Die moderne Vereinsforschung wird durch eine einfache, aber be- merkenswerte These bestimmt: Jeder moderne Verein entstand in den vergangenen 200 Jahren aus einem konkreten Bedürfnis einer Grup- pe. Es gibt keinen Grund zur Annahme, daß dieser Verein nicht ge- nauso schnell wieder verschwinden kann wie er entstand, wenn die- ses Bedürfnis nicht mehr bei seinen Mitgliedern verspürt wird. Diese klare Feststellung führt zu der Schlußfolgerung, daß jeder Verein permanent um sein Überleben kämpfen muß. Er kann dieses Uberleben nur dann sichern, wenn er das Bedürfnis, das zur Grün- dung des Vereines führte, wachhält und zeitgemäß (d.h. dauernd dem Lebensumfeld angepaßt) bei der nachfolgenden Generation wecken kann. ; Was für jeden modernen Verein gilt, muß wohl auch für die Geschichtsvereine gelten. Befinden die drei Geschichtsvereine Ost- belgiens sich nun nach eigener Einschätzung in einer mehr oder min- der deutlichen Krise, so liegt das nicht nur an einem möglichen Generationenkonflikt, der für die meisten Geschichtsvereine sympto- matisch ist, sondern auch am Umgang mit diesem Bedürfnis nach Geschichte, das die Gründung der drei Vereine einstmals motivierte. Ein einfaches Beispiel mag dies belegen: Ein Blick auf den Bücher- markt zeigt, daß die Konjunktur für Orts- und Gemeindechroniken in Ostbelgien günstig ist. Die Zahl der Neuausgaben ist in den letzten zehn Jahren kontinuierlich angestiegen und die Nachfrage scheint zu- friedenstellend zu sein. Das scheint logisch. Denn desto mehr die Menschen im Informationszeitalter mit Informationen überhäuft werden, desto grö- ßer scheint das Interesse für die überschaubare Region und den eige- nen, engen Lebensbereich zu sein. Bestes Beispiel sind die regionalen Tageszeitungen in der Euregio Maas-Rhein. Sie haben fast ausnahmslos im letzten Jahrzehnt die Be- richterstattung aus der Region deutlich ausgebaut. Auch das Grenz- Echo hat sich diesem Trend kompromißlos angeschlossen. Selbst auf der ersten Seite werden nun regionale Themen in der Regel als
66 Schlagzeile oder Titelgeschichte angerissen. Dieser Trend setzt sich dann in den Blättern fort: Dort wird das Regionale immer häufiger auf den ersten Seiten vor den nationalen und internationalen Themen behandelt. Die Leser-Blatt-Bindung wird hierdurch erheblich verstärkt. Auch auf die historische Literatur scheint dieser Trend überzu- greifen. Hier gewinnen das Regionale ebenso wie die jüngere Ver- gangenheit an neuer Bedeutung: Eine besonders begrüßenswerte Ent- wicklung - besonders in der belgischen Eifel, weniger im Eupener Land - ist das neue, unverkrampftere Verhältnis, das Buchautoren und Leser im Bereich der Orts- und Regionalgeschichte zur Zeit des Na- tionalsozialismus finden. Die Zeit der Tabuisierung scheint vorbei und mit ihr ein unliebsamer Nebeneffekt. Denn bedeutsam ist nun auch, daß im Rahmen dieser Tabuisierung nicht nur die politischen Themen der jüngeren Vergangenheit verdrängt wurden, sondern gleichzeitig auch weite (und oft ungemein spannende) Teile der Alltagsgeschichte. Doch diesem Trend scheinen sich die drei ostbelgischen Geschichtsvereine bis heute kaum angeschlossen zu haben. Weite Themenfelder des 20. Jahrhunderts (und nicht nur die politisch brisanten Themen) sucht der Leser in der Regel in ihren Publikatio- nen vergeblich. Die größte Offenheit der jüngeren Vergangenheit ge- genüber zeigt wohl mit Abstand der Eifeler Geschichtsverein „Zwi- schen Venn und Schneifel". Im Gegenzug zeigt der Büchermarkt aber sehr deutlich, daß das Interesse für lokal- und regionalhistorische Bücher gesteigert werden kann, wenn die Leser erfahren, daß sie ein Produkt dieser beschriebe- nen Geschichte sind und sie über ein Buch vieles über ihre eigene Geschichte erfahren können. In der Praxis ist dies eine klare Auffor- derung an die Geschichtsvereine, das gesamte, schnellebige 20. Jahr- hundert möglichst umfassend zu berücksichtigen. Denn es ist einleuchtend, daß Geschichte nur dann nachvollzieh- bar wird, wenn der Leser sich in ihr wiederfindet. Daß der Durch- schnittsleser sich eher in der Alltagsgeschichte des 20. Jahrhunderts als in einem hörigen Bauern des Mittelalters wiedererkennt, darf nun kaum verwundern. Jüngere Leser lassen sich nun aber nur ansprechen, wenn die Ver- antwortlichen in den Geschichtsvereinen das überwinden, was ihre Verdrängungshaltung der jüngeren Geschichte gegenüber bisher mo- tivierte: den Fluch der Nationalismen, der das Resultat der wechsel- haften ostbelgischen Geschichte in den vergangenen 80 Jahren ist.
67 In meinen Augen scheint es lohnenswert, diesen Fluch der Natio- nalismen in einigen wesentlichen Etappen nachzuzeichnen. Zunächst ist festzuhalten, daß Nationalismus laut Duden "ein star- kes, meist intolerantes, übersteigertes Nationalbewußtsein ist, das Macht und Größe der eigenen Nation als höchsten Wert erachtet " Ad) Die Nationalismusforschung differenziert hier stärker. Zunächst hält sie den sogenannten Risorgimento-Nationalismus fest. Dieser "libe- rale Nationalismus" fand seinen Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zielte letzten Endes auf die Befreiung von politi- scher und sozialer Unterdrückung und diente zur Selbstidentifizierung im (häufig noch nicht verwirklichten) Nationalstaat. Der "integrale Nationalismus", auch "übersteigerter Nationalismus" genannt, setzt die Nation absolut. Er verpflichtet das Individuum auf einen einzigen Wert: die Nation (2). Diese Wortumschreibung fordert nun noch eine Klärung des Be- griffes Nation heraus. Einer der bekanntesten und immer noch ein- leuchtendsten Ansätze, sich dem Phänomen der Nation zu nähern, stellt die Unterscheidung von Staatsnation und Kulturnation dar. Die- sem Begriffspaar, für das es im Englischen oder Französischen keine Entsprechung gibt, hat der deutsche Historiker Friedrich Meinecke in der Nationalismusforschung zum Durchbruch verholfen. Ausgangs- punkt waren für Meinecke die Merkmale der Gleichheit oder Gemein- samkeit als Bestimmungsfaktoren der Nation. Folglich begreift sich die Kulturnation über Herkunft und Spra- che, geschlossenes Siedlungsgebiet, Religion, Gewohnheiten und Geschichte. Dagegen begreift sich die an der Idee der individuellen und kol- lektiven Selbstbestimmung orientierte Staatsnation aus dem freien Willen und dem subjektiven Bekenntnis des Individuums zur Nation (3). Zwei Beispiele. Der französische Religionshistoriker Ernest Re- nan formulierte 1882: "L’existence d'une nation est (...) un plebiscite de tous les jours (4)." Der Historiker Pierre Fougeyrolles erläuterte mehr als hundert Jahre später: "La nation, c'est d'abord une Emotion (5)." 1. Die umstrittene Volksbefragung Auch die Eupen-Malmedyer waren im 19. Jahrhundert in die un- terschiedlichen Formen von Nationsverständnis und Nationalismus (in Form von übersteigerter Vaterlandsliebe) hineingewachsen, die
68 spätestens mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine deutliche Überhöhung erfuhren. Ausschlaggebender Wendepunkt in der Ge- schichte dieser Grenzregion war aber die umstrittene Volksbefragung von 1920, der zahlreiche Makel anhafteten: Sie war keine Abstim- mung, da sie weder frei, noch geheim war. Die Abstimmungswilligen standen durch ihr öffentliches Votum in den Protestlisten unter Druck. Ihnen drohte der Entzug von Lebensmittelkarten, der Ausschluß vom Geldumtausch oder gar die Ausweisung, was besonders für die vielen Landwirte den Verlust der Lebensgrundlage bedeutet hätte. Schließ- lich war auch Belgien als möglicher Nutznießer gleichzeitig Schieds- richter dieser vom Völkerbund vorgeschriebenen "consultation po- pulaire"'. ; In der Bevölkerung wurde diese Volksabstimmung als Farce mit weitreichenden Auswirkungen empfunden. Sie entwickelte sich näm- lich zu einem weiteren Vehikel für einen belgischen oder deutschen Nationalismus, der fast ausnahmslos in übersteigerter Form auftrat. Der Fluch des Nationalismus konnte aber seinen Lauf nehmen, weil schon bald Kultur mit Nationalismus vermischt wurde: In der Weimarer Republik dominierte nach wie vor die Auffassung der Kulturnation, die alle Menschen deutscher Sprache und Kultur in ei- nem Land vereinigen sollte. Zu dieser Kulturnation sollten auch all die Deutschen gehören, die durch den Versailler Vertrag von anderen Ländern annektiert worden waren. Auf belgischer Seite herrschte zwar die Auffassung der Staatsnation vor, doch durch die deutliche Vor- machtstellung der französischen Sprache in diesem Land flossen auch hier klare Elemente der Auffassung einer Kulturnation mit ein. 2. Von Selbstbestimmung keine Spur 1 Nach der umstrittenen Volksbefragung begann das Ringen zwi- schen der Weimarer Republik und dem belgischen Staat um die Zu- stimmung der sogenannten Neubelgier. Deren Haltung war gespalten: Die einen empfanden die Volksbefragung als Unrecht und setzten sich für eine neue, faire Volksabstimmung ein. Die andere Meinungsgruppe nahm die Volksbefragung als vom Völkerbund abgesegnet an und versuchte, auch im neuen Vaterland Heimat zu finden. Vor Ort regierte Generalleutnant Baron Baltia mit quasi diktatori- schen Mitteln. Er konnte versuchen, die schwierige Aufgabe der Ein- gliederung der Neubelgier in ihr neues Vaterland mit allen Mitteln durchzusetzen. Das alte Vaterland Deutschland, als durch den Versailler Vertrag gekränkte Nation, stand nun aber vor der schwierigen Aufgabe, die
69 alten Landsleute für den eigenen Nationalismus zu begeistern. Nach 1920 galt es nicht mehr nur, eine kurzfristig zu erreichende Mehrheit von Protestierenden zu gewinnen, sondern nun bestand die Notwen- digkeit, „den deutschen Gedanken in Eupen-Malmedy mit allen Mit- teln zu erhalten und zu stärken" (6), wie das Preußische Innen- ministerium 1920 formulierte. Daß es dabei klar um die Verbreitung von Nationalismus ging, wird aus einer Wertung der Gemeinderatswahlen von 1926 deutlich. Hier schlußfolgerten die Deutschtumspolitiker, "daß sich der (Gemeinde- rats-) Wahlkampf von 1926 in zunehmender Schärfe als die Ausein- andersetzung der deutschgesinnten Bevölkerung von Eupen-Malmedy mit den probelgischen Elementen gestaltet" habe und daß trotz aller Bemühungen von belgischer Seite "das nationalpolitische Moment" (7) nicht habe verdunkelt werden können. Als Medium sollte der 1926 gegründete Heimatbund dienen. Es galt in dieser Vereinigung "alle lebendigen, bodenständigen und kul- turellen Kräfte der drei Kantone planmäßig zu sammeln, zu pflegen und für die kulturelle und damit auch politische Selbsthilfe (...) zu entfalten" (8). Diese frühzeitige Verquickung von Kultur und Politik wird auch in einem Schreiben von 1928 bestätigt, in dem Hans Steinacher, einer der wesentlichen Lenker des Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA), im Namen der Deutschen Arbeits- stelle den Landesverband des VDA Mittelrhein auf seine unter- geordnete Stellung hinweist, da die "kulturelle Arbeit für Eupen- Malmedy nur ein Teil der Deutschtumsarbeit ist, neben der die politi- sche Arbeit (...) und die wirtschaftliche Hilfsarbeit an Gewichtigkeit an die Seite gestellt werden muß" (9). Rückblickend scheint - trotz mancher scharfen Formulierung auf deutscher Seite - das Urteil trag- bar, daß die Deutschtumsarbeit auf deutscher Seite während der Weimarer Republik zwar stark nationalistisch ausgeprägt war, aber in der Praxis dennoch primär kulturell ausgerichtet blieb. Dieses Ur- teil wurde 1928 indirekt durch die belgische "Sürete" (Staats- sicherheitsdienst) bestätigt, die nach umfangreichen Haus- durchsuchungen in Eupen-Malmedy eingestehen mußte, daß die deut- sche Arbeit besonders kulturell ausgerichtet sei. Eine weitere Stützung dieser These findet sich im lange andauernden Meinungsstreit, der innerhalb des VDA bestand. Noch 1931 formulierte die VDA-Füh- rung, daß "die politische Durchsetzung nationaler Forderungen (...) nicht sein Gebiet ist" und er sich "berufen fühlt, innerhalb der beste- henden gesetzlichen Grenzen das Deutschtum auch im Ausland in seinen rechtlich begründeten Bestrebungen zu stützen" (10).
70 Die belgische Haltung wurde durch die unglückliche Politik die- ses Landes nach 1925 bestimmt. Zunächst hatten die inoffiziellen Rückgabeverhandlungen von 1926 und 1929 sowie der unglückliche Ausgang der Wahlen von 1926 bei den Eupen-Malmedyern Zweifel an der Haltung des neuen Vaterlandes aufkommen lassen. Zudem för- derte Belgien ebenso wie Deutschland die langsam aufkommende Polarisierung, die die nationalistischen Auseinandersetzungen zuneh- mend prägte. So teilte der belgische Staat beispielsweise dem (kultu- rell) ausgerichteten Heimatbund mit, daß "er das Vertrauen der belgi- schen Behörden nicht besitzt", da gerade die neubelgischen Zeitun- gen immer wieder den Standpunkt vertraten, "daß sich die kulturel- len Belange nicht vom Politischen trennen lassen" (11). n Erst zu Beginn der 1930er Jahre setzte sich in Brüssel die Erkennt- nis durch, daß die Vernachlässigung Neubelgiens in den vergangenen fünf Jahren fatale Folgen gehabt hatte und eine neue, zielgerichtete Politik in diesem Gebietsstreifen notwendig sei. Ein Sonderbüro wurde eingerichtet, das unmittelbar dem Premierminister unterstand und klare Ziele formulierte. Doch noch bevor diese neue Politik fassen konnte, veränderte die Machtergreifung der Nazis die politische Landschaft grundlegend. 3. Der Kampf der Weltanschauungen Der Kampf der Nationalismen entwickelte sich nun innerhalb re- lativ kurzer Zeit zu einem Kampf der Weltanschauungen: Diktatur gegen Demokratie, freiheitlicher Rechtsstaat gegen rassistisches Unrechtsregime, katholisches Land gegen kirchenfeindliches Regime. Der Fluch der Nationalismen fand nun seine erste Übersteigerung, weil die Nazis explizit die Kultur als Vehikel ihrer menschen- verachtenden Ideologie verstanden. Dies wurde auf belgischer Seite zum Teil durchaus begrüßt, da so die Verbindung von deutscher Kul- tur mit dem Nationalsozialismus zu einer Polarisierung führen sollte, die das eigene nationalistische Anliegen fördern würde. Die Haltung der Eupen-Malmedyer wurde aber durch eine Vielfalt von Meinungen geprägt, die häufig von Opportunismus und politi- scher Unreife, häufig aber auch von Starrsinn und bewußter Uberzeugung geprägt waren. Raum für Differenzierungen scheint es kaum gegeben zu haben. Und dennoch haben die Nazis ihr Ziel einer totalen Verquickung von Kultur und Weltanschauung nicht erreicht. Selbst über die heimat- treuen Führungskräfte, die den Ideen des Nationalsozialismus wohl zumindest nahe standen, beklagten sie sich noch 1938. Die Führungs-
KA schicht sei "morsch und verbraucht, da sie sich nicht vom Katholizis- mus lösen und sich nur auf die kurzfristige Lösung spezialisieren kön- ne) Gerade die Heimattreue Front brauchte nach Ansicht der Nazis aber eine ideologische Durchdringung, "weil der weltanschauliche Unter- bau fehlt und eine Volksgruppe, die allgemein deutsch, aber nicht nationalsozialistisch geführt wird, auf die Dauer die inneren Bindun- gen an das Reich verlieren muß" (13). Eine interessante Zusammenfassung der deutschen Haltung for- mulierte 1938 Franz Thedieck, der die Deutschtumsarbeit im Namen des Innenministeriums von Köln aus koordinierte: "Eine Kulturautonomie für Eupen-Malmedy zu fordern, würde einen Kurs- wechsel bedeuten. Wir haben bisher immer den Standpunkt vertre- ten, daß das abgetrennte Gebiet Eupen-Malmedy ein reines Irredentagebiet ist und daß alles darauf ankommt, ein Einleben dieses Gebietes in den belgischen Staat zu verhindern. Möglichkeiten, die deutsche Kultur in diesem Gebiet bis zu dem früher oder später kom- menden Tag der Rückkehr ins Reich zu erhalten, gibt es auch bei der jetzigen Sachlage ausreichend, auch ohne daß man die Forderung der Kulturautonomie erhebt (...). Für diese Forderung kann man nur ein- treten, wenn man die irredentistische Politik dieses Gebietes endgül- tig begraben will. Dann kann man aber auch gleich mit Dechant Keufgens und Bürgermeister Zimmermann zusammengehen, die auch die deutsche Sprache und Kultur pflegen wollen, die aber den deut- schen Willen töten wollen (14)." Es scheint nun logisch, daß diese Haltung der Nazis, die bewußt Kultur mit nationalsozialistischer Weltanschauung verbanden, fatale Folgen für das Selbstverständnis der 65.000 Ostbelgier haben mußte. Allerdings müssen hier mehrere Einschränkungen gemacht wer- den. Weder für die Zwischenkriegszeit, noch für die Zeit des Weltkrieges oder gar die Zeit der Säuberungen ist Pauschalieren angebracht. Die Eupen-Malmedyer standen im Alltag immer vor einer Fülle von Ent- scheidungen, die sie situationsgebunden treffen mußten. Hierbei spiel- ten aber in der Regel die politischen Überzeugungen nicht die einzige Rolle. Auch die von den Nazis (theoretisch an ihren Planungstischen) geforderte Verbindung von Weltanschauung und Kultur als Grundla- ge für den "deutschen Willen" hat die Eifeler bzw. die Ostbelgier nie in dieser reinen Form erreicht, geschweige denn berührt. Denn selbst für die rückständige Eifel war das Dorf nach dem Er- sten Weltkrieg nicht mehr die Lebenswelt. Auch in diesen damals
#2 recht abgeschiedenen Eifeldörfern bestanden erste Ansätze zum Kon- sum von Kultur ohne Grenzen (über Rundfunk, Zeitungen und deut- lich wachsende Mobilität). Hier scheint besonders die damals jünge- re Generation all diese Impulse dankbar aufgenommen zu haben und dadurch zu einem neuen Selbstverständnis gefunden zu haben, das scheinbar auch eine gewisse Offenheit für die Lockungen der Nazis zur Folge haben konnte. Vor diesem Hintergrund ist der Jubel zu verstehen, der doch am 10. Mai in vielen Orten vorherrschte, als die Wehrmacht einmarschierte und Hitler Eupen-Malmedy kurze Zeit später annektierte. Nun hieß deutsche Kultur nichts anderes mehr als schleimige Anbiederung an das neue Unrechtsregime, das sich so ganz anders | erwies als das deutsche Vaterland, das viele 20 Jahre zuvor verlassen und nostalgisch in Erinnerung hatten. Diese Anbiederung ging so- weit, daß sich viele "Ostkantönler" als Denunzianten verdient zu machen suchten. Offizielle oder inoffizielle Zusammenarbeit mit der Gestapo und dem Sicherheitsdienst war keineswegs die Ausnahme. Die Spannungen der 1930er Jahre schlugen nun oft in ein Klima des Hasses um, in dem viele alte Rechnungen im Namen von Führer und Weltanschauung beglichen wurden: Viele Mitbürger wurden ins KZ verschleppt, 62 dort ermordet. Den menschenverachtenden Charak- ter des Hitlerregimes bekamen auch die 8.700 Männer zu spüren, die ab September 1941 in die Wehrmacht eingezogen wurden. 3.400 ver- loren im Namen der Naziideologie für "Führer, Volk und Vaterland" ihr Leben. 4. Nationalismus mit Nationalismus austreiben? Für Martin Schärer, einen der profunden Kenner der ostbelgischen Nazizeit, hat diese unglückselige Epoche einem vorher durch den belgischen Staat angestrebten Ziel zum Durchbruch verholfen. Er urteilt: "Dem nationalsozialistischen Großdeutschen Reich gelang in vier Jahren, was Belgien in zwanzig Jahren ohne großen Erfolg ver- sucht hatte, nämlich die 1920 zu Belgiern gewordenen Eupen- Malmedyer auch innerlich an diesen Staat zu binden (15). ” Dieses 40 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gefällte Urteil ließe eigentlich auf eine nationalistisch emotionslosere Nach- kriegszeit schließen. Doch dem war nicht so. Das undifferenzierte und selbstgerechte Auftreten der "arm&e blanche", die angestauten Aggressionen in der Bevölkerung, die undifferenzierte Säuberungs- politik durch den belgischen Staat und all jene Opportunisten, die sich wieder auf der richtigen Seite wähnten oder als Wendehals dahin-
73 schlagen wollten, führten zu neuen Aufwallungen von Nationalismus, die in den Augen eines Zeitzeugen, Pierre Maxence, verheerende Folgen hatten: "La libert& individuelle, le respect du domicile et des biens n'existent plus. Dans les Cantons il n'y a que des coupables; möeme les citoyens paisibles sont coupables. Il faut &tre Belge cocar- dier. C'est qu'ils ont &t€ forts, les ouvriers de la onzieme heure. Ils ranconnent, r£quisitionnent, plastronnent et emprisonnent. Les pri- sons de Tongres, d’Alost, de Louvain regorgent d’Eupenois et de Malmediens. On ne sait plus oü les fourrer; on Equipe des centres d'internement (16)." Zunächst muß angemerkt werden, daß sich der belgische Staat 1940 nicht zur Annexion Eupen-Malmedys geäußert hat. Er hat diese Annexion weder akzeptiert, noch sie irgendwie aner- kannt. Zudem schwiegen die belgischen Exilpolitiker bis 1943. Erst im Juli jenen Jahres verkündete der belgische Premierminister Pierlot über Radio London in französischer Sprache, daß die Eupen- Malmedyer Belgier waren und Belgier blieben. Auf eine klare Bot- schaft von belgischer Seite warteten die Eupen-Malmedyer aber ver- gebens. Die erneute Übernahme dieses 1940 annektierten Gebietsstreifens durch den belgischen Staat im Winter 1945 war nun aber heikel: Na- tionalistische Grabenkämpfe und Irredentismus mußten verhindert, Unrecht bestraft und die Zukunft vorbereitet werden. In einer großangelegten Säuberung wurden 15.623 Ostbelgier und somit fast 25 Prozent der Bevölkerung angeklagt. Verurteilt wurden immerhin noch 1.503, weil der belgische Staat die Sonderrolle Ost- belgiens als annektierte Region lange Zeit nicht anerkannte. So wur- den - nach einem Umdenken, das erst 1947 einsetzte - zwar nur 2,41 Prozent der ostbelgischen Gesamtbevölkerung verurteilt. Der Landes- durchschnitt betrug jedoch nur ein Viertel davon. Hier fühlten sich die Ostbelgier, besonders die zwangsweise für die Wehrmacht rekru- tierten Soldaten, mißverstanden und enttäuscht. Und noch während der Säuberung setzte die abermalige Vermischung von Politik, Kultur und Nationalismus ein. So verkün- dete der Eupener Bürgermeister Zimmermann 1945: "Alle Eupener wollen nunmehr offen und ehrlich belgisch denken und belgisch füh- len und alle diejenigen sollen nunmehr mit Hab und Gut rechts- rheinisch umgesiedelt werden, die immer noch danach trachten soll- ten, wie dereinst dieses aufrichtige und rückhaltlose Wollen der Eupener Bevölkerung von Stadt und Land zu unterwühlen (17)." Dieses nationalistische Denken sollte durch Denunziation geför- dert werden. Sie wurde zur vaterländischen Tugend erhoben, denn
74 "es kommt auf die Zahl der Anzeigen an, um zu erkennen, welcher Prozentsatz der Bevölkerung den Willen zur aktiven Mitarbeit be- sitzt" (18), hieß es im Juli 1945 im Grenz-Echo. In diesem Klima der Verunsicherung setzte Henri Hoen, der starke Mann Ostbelgiens, der in Malmedy als Bezirkskommissar tätig war, die Akzente in der regionalen Politik. Eckpfeiler seiner nationalisti- schen Politik sollte die gezielte Förderung der französischen Sprache im Unterrichtswesen sein. Als einziger Bezirkskommissar des Lan- des stand Hoen im Range eines Generaldirektors der Zentral- verwaltung, dem ausdrücklich vorgeschrieben war nachzuforschen, ob es ratsam sei, das Sprachregime; soweit es in der Zwischenkriegs- zeit die deutsche Einsprachigkeit bevorzugt hatte, beizubehalten. Hoen war der festen Überzeugung, daß die Bevorzugung des Fran- zösischen in den Schulen eine wichtige Vorbedingung für die Assimi- lation, d.h. wortwörtlich (im soziologischen Sinne) "Angleichung eines einzelnen oder einer Gruppe an eine andere Volks- oder Gruppen- eigenart", der Bevölkerung sei. Aus diesem Grunde widersetzte er sich auch anfangs der Idee des Verteidigungsministeriums, eine deutschsprachige Kompanie inner- halb der belgischen Armee zu schaffen oder ostbelgische Rekruten in Deutschland zu stationieren. Er forderte wiederholt die nationale Re- gierung auf, die nötigen Kredite zur Finanzierung einer Kulturpolitik im nationalen Interesse zu gewähren, um nach und nach "die letzten Reste der deutschen Kultur" (19) aus den Ostkantonen verschwinden zu lassen. Ein weiteres wichtiges Instrument Hoens zur Reintegration der Ost- belgier in den belgischen Staat war die Schließung der Grenzen. Die nur unter erschwerenden Umständen ausgestellten Passierscheine, die für einen Grenzübertritt unerläßlich waren, "streben ein nationales, politisches Ziel an. Die Situation der Ostkantone kann nicht mit der Situation der Niederlande oder Luxemburgs verglichen werden. Die Einwohner dieser Länder bleiben unverkennbar, auch in Deutschland, Niederländer oder Luxemburger" (20), so Hoen 1948. Diese Haltung begründete er folgendermaßen: "Der Grenzverkehr nach Deutschland ist von ausschlaggebender Bedeutung im Hinblick auf die Reintegration der Ostbelgier. Sie müssen um jeden Preis zum Lan- desinneren hin orientiert werden (21)." Hoens Politik wurde durch mehrere Schwerpunkte bestimmt. So definierte er die sogenannte restauration culturelle: "Die Jugend, die die Zukunft dieser Region gestalten wird, muß in Zukunft mit Leichtig- keit alle Bereiche des belgischen intellektuellen Lebens erfahren
75 können. Die Ausbildung der zukünftigen Elite muß durch belgischen Geist getragen werden. Die Sozialisation des intellektuellen und künst- lerischen Kulturerbes ist dazu bestimmt, zum Ferment der zukünfti- gen Assimilation zu werden. Um belgisch zu denken und zu fühlen, müssen diese Menschen ihre geistige Nahrung in nationalen künstle- rischen und literarischen Produkten finden (22)." Diese politische Leitlinie, vom Zeitgeist der Nachkriegszeit dik- tiert, verkam spätestens seit Anfang der 1950er Jahre zum Anachronismus, obwohl sie bis in die 1960er Jahre fortbestand. Ein Beispiel aus der Eifel: Während die Eifeler der Grenzdörfer bis Ende der 1940er Jahre nur durch den Schmuggel enge Bindungen über die Grenzen hinweg knüpfen konnten, - Bindungen, die zum Teil noch heute bestehen -, rissen die überzeugten Europäer anderenorts bereits an den Grenzen die Schlagbäume nieder, um auf friedliche Weise für ein vereintes Europa zu demonstrieren. In der Eifel war die Europabegeisterung vielleicht nicht geringer. Doch Bezirkskommissar Hoen ließ einen ersten zaghaften Ansatz erst am 14. Juni 1953 zu: Über 4.000 Belgier und Deutsche kamen in Udenbreth, einem kleinen deutschen Grenzort, zum ersten Mal in ih- rem "Europa-Dorf" für einen Tag zusammen. Jakob Schmitt, einer der bundesdeutschen Pioniere und gleichzei- tig unermüdliche Triebfeder der grenzüberschreitenden Zusammen- arbeit, erinnert sich rückblickend: "Was heute so selbstverständlich klingt, war zu Beginn der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts noch heikle und unpopuläre Missionierungsarbeit, namentlich für unsere belgischen Freunde. Das Wort Aussöhnung hörte man noch nicht ger- ne. Allzu offen deutschfreundliche Gefühle zu bekunden, war sogar mit persönlichem Risiko verbunden. Zu tief lastete bei den Offiziel- len der Schuldvorwurf, daß dreimal (?) innerhalb 100 Jahren von deut- schem Boden aus der Krieg ins Land getragen wurde. Zu unnachgie- big übten die Kräfte der Resistance Druck auf jene aus, die dem zögerlichen staatlichen Annäherungsprozeß mit versöhnlichen Einzel- aktionen vorauseilen wollten. Gleichwohl waren es zu allen Zeiten die Menschen vor Ort und weniger die Behörden und Institutionen, die in ihrer Friedens- sehnsucht, im Wunsch nach Völkerverständigung, die Schrittmacher ihrer Regierungen waren. Das gilt vor allem für die Grenzbewohner, die Generationen lang unter ihrer Nationalstaatlichkeit gelitten haben und oft genug Subjekt willkürlicher Gebietsabtretungen und Grenz- verschiebungen waren (23)."
76 5. Civismus-Misere ohne Ausweg? Der Fluch der Nationalismen überlebte aber auch die unmittelbare Nachkriegszeit. Waren es in der zweiten Hälfte der 1940er und in den 1950er Jahren die materiellen Probleme (besonders in der vom Krieg stark getroffenen Eifel), die fast absolute Verdrängung und die politi- sche Monokultur (mit nur einer absolut dominierenden Partei), so verhinderte in den 1960er und 1970er Jahren die Civismus-Misere der deutschsprachigen Belgier eine Überwindung des Fluches der Na- tionalismen. Die Frage nach der Identität war in Ostbelgien seit 1940 tabuisiert. Als sie Ende der 1960er Jahre dann in die öffentliche (aber partei- politische) Diskussion eingebracht wurde, konnte sie aus zwei Grün- den abgeblockt werden: Einerseits diskreditierten einige wenige deutschnationaldenkende (Ost-)Belgier dieses Thema durch ihre ag- gressiven Töne, die an die Zwischenkriegszeit erinnerten und die Angst vor diesen Ewiggestrigen schürte. Andererseits wurden die konstruk- tiven Ansätze einiger demokratischen Politiker, insbesondere aus der 1971 gegründeten Partei der deutschsprachigen Belgier (PDB), so- fort politisiert, parteipolitisch instrumentalisiert und somit ein gesun- der, konstruktiver Prozeß wieder verdrängt. Rückblickend gewinnt man den Eindruck, daß sich stillschweigend eine Identität mit dem Begriff "Ostbelgier" festsetzte. Da diese Fest- setzung gerade in einer Zeit erfolgte, als das Begriffspaar Belgien und Belgier immer häufiger von Flamen, Wallonen und auch Deutsch- sprachigen hinterfragt und wo vor dem Hintergrund des erstarkenden Regionalismus nach neuen Identitäten gesucht wurde, besetzten die deutschsprachigen Belgier das Wort "Ostbel- gier" nicht primär posi- tiv, sondern durch Abgrenzung zu anderen Identitäten. Wohl deshalb erfolgte auch eine so klare Abgrenzung zu allem Deutschen, das heu- te nach wie vor in breiten Kreisen der Bevölkerung mit leichtem Miß- trauen beäugt wird. Dies heißt nun aber keineswegs, daß hierdurch ein Nationalismus konstruktiv überwunden worden wäre. Wohl im Gegenteil. Durch die oft recht aggressive Abgrenzung zu allem Deutschen scheinen neue Formen von Nationalismus vorhanden, die zwar nicht positiv besetzt sind, aber an Formen des integralen Nationalismus angelehnt scheinen. Wie schwierig und wie leicht nun die Überwindung alter, durch den "Fluch des Nationalismus" geprägter Grenzen sind, mögen eini- ge Beispiele aus der belgischen Eifel belegen. Ein erstes Beispiel: Eine Untersuchung unter den 18jährigen Abi- turienten der belgischen Eifel im Frühjahr 1995 befaßte sich u.a. mit
HT Vorurteilen. Entsprechend dem belgischen Bewertungssystem konn- ten die Jugendlichen die Vorurteile, die ihrer Meinung nach in der ostbelgischen Gesellschaft gegenüber den Menschen benachbarter Regionen bestehen, von 1 = gering bis 10 = sehr stark bewerten. Während die Luxemburger die Note 3,7 erhielten, kamen auch die Flamen mit 4,3, die Eupener mit 4,9 und die Wallonen mit 5,4 glimpf- lich davon. Mit ziemlich starken Vorurteilen in der ostbelgischen Ge- sellschaft sehen sich aber die Deutschen mit einem Wert von 8,2 kon- frontiert. Ein zweites Beispiel: Das Heiratsverhalten. 179 der 1582 zwischen 1984 und 1993 geschlossenen Ehen in vier der fünf belgischen Eifelgemeinden erfolgten zwischen Eifelern und sogenannten "Ausländern". Das sind 11,3 Prozent. Während in Amel auffallend wenige (4,2 Prozent) Gemeindebürger einen nicht-belgischen Partner wählten, lag die Rate im etwas städtischeren St. Vith mit über 15 Prozent deutlich über dem Durch- schnitt. In St. Vith war an jeder zweiten Ehe mit einem ausländischen Partner ein deutscher Staatsbürger beteiligt. Besonders aufschlußreich ist die Statistik der Gemeinde Büllingen: 77,1 % der in den letzten zehn Jahren geschlossenen Ehen erfolgten zwischen Partnern aus der (kleinen) belgischen Eifel. Nur 1,4 % wähl- ten einen flämischen, 1,9 % einen Partner aus dem Eupener Land, 1,9 % einen luxemburgischen, 7,3 % einen wallonischen und 10,2. % einen deutschen Partner. Interessant ist dabei, daß von den 42 deutsch-belgi- schen Ehen 35 Partner aus der angrenzenden deutschen Westeifel stammten und nur 7 aus weiter entfernt liegenden deutschen Regionen. Hinter diesen abstrakten Heiratsstatistiken steht natürlich mehr. Sie spiegeln indirekt auch die Kontaktmöglichkeiten im Alltag wider, die ebenfalls noch nie untersucht worden sind. Deshalb ein drittes Bei- spiel: Freizeit. Deutsche Gäste auf Veranstaltungen in der belgischen Eifel oder belgische Gäste auf Veranstaltungen in der deutschen Eifel sind zwar keine Ausnahme, aber selten. So liegt der Anteil der DM-Einnahmen bei großen Vereinsfesten in der belgischen Eifel bestenfalls bei fünf Prozent, meist deutlich darunter. Und diese Zahl ist mehr oder weni- ger repräsentativ, da die Bundesbürger fast ausnahmslos ihrer Ge- wohnheit treu bleiben und im benachbarten Ausland mit DM zahlen, was zwar akzeptiert, aber wenig geschätzt wird. Einzige Ausnahmen sind einige wenige Diskos im Grenzgebiet, die gerne von Bürgern beider Länder aufgesucht werden und so fast etwas wie grenzüberschreitende Freundschaftskneipen sein könnten.
78 Doch neben der Fremde, der fehlenden Gewohnheit und der Kontaktscheu spielen hier auch einfache ökonomische Zwänge mit: Es gibt erst ganz zaghafte Ansätze - über Kooperationsabkommen - für grenzüberschreitende Werbung. Sie ist aber natürlich nicht für den gleichen Preis auf beiden Seiten der Grenze möglich. Die Mehrkosten für eine Werbung in der Nachbarregion scheuen aber die meisten Ver- anstalter. Viertes Beispiel: der Arbeitsmarkt. Wesentlich positiver präsentiert sich da der Arbeitsmarkt: Man- cher Belgier findet in der wirtschaftlich etwas stärker entwickelten deutschen Westeifel Arbeit. Auch die Region Aachen ist nicht nur für das Eupener Land, sondern auch für die belgische Eifel ein nicht un- , bedeutender Arbeitgeber. Täglich pendeln 1.210 Belgier und 1.409 in Belgien wohnende Deutsche in die Grenzstadt ein. Die drei südlichen Eifelgemeinden sind hingegen auf Luxemburg ausgerichtet: Aus Burg Reuland pendeln täglich 441, aus St. Vith 334, aus Amel 99, aus Büllingen 48 und aus Bütgenbach 36 Arbeitnehmer nach Luxemburg. Die Wirtschaft scheint demnach das Ferment der wachsenden An- näherung zu werden. Schon immer wußte die Grenzbevölkerung die wenigen Vorteile der Grenze zu nutzen und ihr Kaufverhalten auf das unterschiedliche Preisniveau im Nachbarland abzustimmen. Ähnlich positiv wie die starken wirtschaftlichen Kontakte über die Grenze hinweg zeigt. sich auch die politische Zusammenarbeit. Die in den 1970er und 1980er vorhandene Europabegeisterung hat hier Spuren hinterlassen. Und das nicht nur in leeren verbalen Absichtserklärungen, sondern auch in der konkreten Tagesarbeit. Viele weitere Beispiele könnten folgen. Sie alle zeigen aber ausnahmslos, daß der Fluch der Nationalis- men nach wie vor den Alltag der Ostbelgier mitprägt. Mit Sicherheit sind Voraussetzungen, Entwicklung und Realität in Kelmis anders gelagert als in der Eifel, in der ich mich besser auskenne. Aber gerade das sollte doch eine vordringliche Aufgabe eines Geschichtsvereines sein: endlich die Aktualität vor dem Hintergrund der Vergangenheit deuten und erklären. Nur so wird Geschichte für junge und alte Leser nachvollziehbar, nur so können aber auch Kontroversen provoziert werden, ohne die eine konstruktive Auseinandersetzung mit der jün- geren Vergangenheit und eine konstruktive Geschichtsarbeit einfach nicht möglich sind. Gleichzeitig ist dies meiner Ansicht nach auch der einzige Weg, damit junge, geschichtsinteressierte Menschen (und deren gibt es immer wieder) den Mut finden, in den Geschichtsvereinen mitzuarbeiten. Ich wünsche hierzu zum Jubiläum viel Erfolg.
80 (15) SCHÄRER (Martin), Deutsche Annexionspolitik im Westen. Die Wiederein- gliederung Eupen-Malmedys im Zweiten Weltkrieg, 2. Aufl., Bern/Frankfurt a.M./Las Vegas, 1978, S. 260. (16) MAXENCE (Pierre), Les atouts gaspill&s ou le drame des Cantons de l'Est, St. Nicolas, 1951, S. 52. (17) Grenz-Echo, 7.4.1945. (18) Grenz-Echo, 10.7.1945. (19) Commissariat d’ Arrondissement adjoint d’Eupen-Malmedy-St. Vith, Rapport annuel, Exercice 1950, S. 118. (20) Im Original: «Ils visent un but de politique nationale. La situation des Cantons ne peut Etre compar&e A celle de la Hollande ou du Grand-Duche de Luxem- bourg, les ressortissants de ces deux Pays restant, me&me en Allemagne, tou- jours Hollandais ou Luxembourgeois», in: Commissariat d'Arrondissement ad- joint d’Eupen-Malmedy-St. Vith, Rapport annuel, Exercice 1948, S. 118. (21) Im Original: «La circulation frontali&re vers 1’ Allemagne revet une importance ” certaine au point de vue de la politique de rEint&gration des populations des Cantons de 1’Est, dont l’orientation doit se faire vers l'int&rieur du Pays», in: Commissariat d’Arrondissement adjoint d’Eupen-Malmedy-St. Vith, Rapport annuel, Exercice 1948, S. 46. (22) Commissariat d’ Arrondissement adjoint d’Eupen-Malmedy, Rapport d&cen- nal, 1945- 1955, S. 27-28. (23) SCHMITT (Jakob), 30 Jahre Grenzlandtreffen Hellenthal-Büllingen, 1989, S. 14.
81 De Moddersproek von Jakob Langohr Oss Moddersproek, die oss jejäeve, ess ett Schönste ennett Läeve. Wenn dusend Sproeke och jevalle, Jott oss ett Hemett Platt mäe kalle. Wells de schäele, bromme, senge, änn kanns de rechtege Wöet net venge, quetsch ett net wie ene Schottelsplack sag ett mäe op Kelmeser Platt! Bloometeppech, Moddersproek, verjäet se net, och wenn der ooet. E klee Lexiünche, ett sow jevalle, me kann ett schönn va Hatte kalle. Jütschke, Zuppeschnauz änn Küll, Krütschensmull änn Flockebüll, | enn Hoddelemull, ene domme Bölles, e schlörpe Liss änn ene vreiete Jelles, ene suupe Bäer, ene Vollenskopp e Knießuur änn ene Kaamerpott, enn Ohmeseek, enn Önnepiep, de Tummelöet änn Kuckepiep, Mascherang änn Kockelebox, Äeselsuur änn zommele Boks, Hahnepenkel, Huckepack; Bodschüll änn ene hohve Flapp. Vöel könne ner vremde Sproeke kalle, | da deht enn de Moddersproek net mie jevalle, datt sönt luus Lüj, die sönt jett schlauer, mäe och die wäede da op ehmol auwer, wenn die ove aje Pötzke, änn der Pitres vrott se da: "Könnt der Kelmeser Platt noch kalle?" änn se sage nee, da valle
82 de Balke an datt Pötzke tu änn da könne se lang dow stue. Wenn se wäede janz verläege, änn se welle da noch leäge, sätt Pitres: "Watt? je Platt mie kalle, änn der wellt hej enn die Halle! Tröck, now onde, liet öch datt, weil der datt verjäete hatt!" Die enn dä Köref, met die Klapp, hauwwe de Worret net gesaat, saate mech, se kösste Platt, # datt stemde net, datt hauw ech satt, änn die donge wie de Lusche, hej sech now die Poetz eräe fusche, die sönt now ömmer annet bromme, änn der janze Dag ant jromme, döhn schmackt je Drenke änn je Äete, die hauwwe de Moddersproek verjäete. . Och hörrem, die dönnt mech ihrlech leed, da sitt me wahl at werrem, wie datt jeht. (Mai 1996)
83 DEBEY, Hubert & PAUQUET, Firmin Erinnerungen an Laurent FRYNS Am 3. April 1997 hätte "Loreng" seinen 90. Geburtstag gefei- ert. Alle, die ihn gekannt haben, werden sich seiner gerne erin- nern. Für uns ist dies Anlaß, einige Begebenheiten seines Wirkens wieder aufleben zu lassen. Geboren wurde er in Neutral-Moresnet als ältester Sohn des Tagelöhners Heinrich FRYNS und der Maria-Anna AHN. Sein 1834 in Teuven geborener Großvater Jean FRYNS hatte sich als Schmied bei der "Vieille Montagne" verdingt. Er wuchs in einer tiefreligiösen Familienatmosphäre auf. Als Elektriker von Beruf wurde der junge Laurent in viele Be- triebe auf Montage geschickt und lernte dabei die Bedingungen kennen, die den Arbeitern auferlegt waren. Bei der Einrichtung der Straßenbeleuchtung im Dorf beschäftigt, hatte er dann Gele- genheit, Einblick in die häuslichen Verhältnisse der einheimischen Familien zu nehmen. Waren die Arbeitsbedingungen in den Be- trieben schon schwer, so waren die Lebensverhältnisse der Kelmiser Arbeiterfamilien manchmal kummervoll: Während der 100 Jahre der "neutralen" Zeit waren aus der tiefgläubigen Dorf- gemeinschaft (ca. 4500 Einwohner) nur drei Priester hervor- gegangen. In den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts kamen deren zwei hinzu. Es hatten nur drei Kelmiser bis 1940 die "Normalschule" absolviert, um Volksschullehrer zu werden; sie gaben vor 1940 Unterricht in der Kelmiser Primarschule. Wenn irgend etwas die große finanzielle Not der Dorfgemeinschaft dar- stellen kann, dann wohl der Mangel an "studierten Köpfen". Kaum einige Abiturienten und kein ausgebildeter Akademiker waren aus der Dorfgemeinschaft hervorgegangen, um im eigenen Dorf tätig zu sein. In Neutral - Moresnet gingen alle Maßnahmen zur Pflege und Entfaltung von Gesundheit und Bildung von Auswär- tigen aus. Der Reichtum der Kelmiser Bodenschätze hat der an- sässigen Bevölkerung wenig genutzt. Die Einheimischen waren derart gewohnt, von "Auswärtigen" geleitet und verwaltet zu wer- den, daß z.B. ältere Kelmiser Männer die Mütze zogen, wenn der Koautor dieser Zeilen als junger Schullehrer 1947 vorbeiging. Selbst Laurent Fryns nannte ihn noch 1967 "Herr Lierer".
84 Die 1911 von Kaplan Bosch errichtete Patronage wurde Treff- punkt vieler Jugendlicher. Dort verbrachte der junge Laurent auch manche Stunde und erlebte 1925 den Appell des Kaplans Wen- ders, den Ideen des Brüsseler Priesters Joseph Cardijn zu folgen: "Das Leben eines Arbeiters, so hieß es, hat einen größeren Wert als alles Gold der Welt." Für viele auch heute noch eine verrückte Idee! Dann weiter : "Der beste Vertreter der Arbeiter kann nur ein Arbeiter sein." Wie sollte aber ein Arbeiter die anderen vertre- ten? Schließlich hieß es: "Der gute Wille allein genügt nicht; wir bedürfen fähiger Leute.” Das war schon eine andere Sprache. Was hieß aber "fähig" in einem Dorf, aus welchem die meisten 14jährigen Knaben Arbeit in den Kohlenzechen für ein paar ' Franken Lohn suchten? Kaplan Wenders gelang es nach der gro- ßen Jungarbeiterversammlung vom 11. Oktober 1925, mit 33 wiß- begierigen Jungmännern eine Ortsgruppe der JOC ("Jocisten") zu gründen. Am 11. April 1926 wurde Laurent als deren erster Präsident gewählt. Bei den wöchentlichen Studienabenden in der Patronage wurde zuerst die Soziallehre der Kirche studiert. Da- rauf folgte eine "Rundschau im Arbeiterleben", die es ermög- lichte, die Unterschiede zwischen Theorie und Praxis hervorzu- heben. In Kirche und Öffentlichkeit war die Enzyklika "Rerum novarum”" bisher kaum behandelt worden, ihr Inhalt dem Volk meist unverständlich, wenn nicht unbekannt. Laurent und seine Freunde werden wohl mit Bedauern festgestellt haben, was ihnen bisher an Schulkenntnissen fehlte. Später hat Laurent diesen Mangel manchmal bedauert. Seit vielen Jahrzehnten gab es wohl christliche Gewerkschaf- ten in Belgien. Unsere plattdeutsche Gegend (Dekanat Montzen seit 1888) wurde von Verviers aus betreut. Nur die Zentrale für Eisenbahn, Post und Telegraf - Telefon hatte einen Vertreter in Welkenraedt, wo bis 1920 der belgische Grenzbahnhof lag. Für die Arbeiter der Privatindustrie der Gegend mangelte es an Koordinierung. Erst am 23. Januar 1927 beschließt die Vervierser christliche Gewerkschaft, einen ständigen überberuflichen Sekre- tär mit Deutschkenntnissen anzuwerben: Es war Felix Mauth, der dieses Amt ab Mai 1927 übernahm. Bald wurde vom Direktor der Sozialen Werke in Verviers, dem früheren Kelmiser Kaplan Bal- thazar FIS, die Notwendigkeit erkannt, einen zweiten Propagandisten für die deutschsprachigen Pfarreien einzustellen.
85 Laurent wird wohl zurückgeschreckt haben, als ihm 1929 das Amt des überberuflichen Sekretärs für den Privatsektor angebo- ten wurde. Zuerst mußte er aber ein Studium an der "Ecole supe- rieure pour ouvriers chretiens" (Hochschule für christliche Arbeiter) zu Heverlee bei Löwen, dem späteren Cardijn-Institut, belegen. Im Jahre 1932 nimmt er dann seine Arbeit als Angestell- ter der CSC in Verviers auf. Als erstes gilt es in diesen Vorkriegs- jahren, Ortsgruppen in der deutschsprachigen Gegend aufzubau- en und zu betreuen. Das ist das Jahr, ab welchem die Gruben der "Vieille Montagne" nach und nach geschlossen werden und auch der Bleyberger Hüttenbetrieb aufgegeben wird. Grubenarbei- ter, hier "Köhler" genannt, Textil- und Metallarbeiter, Arbeitslo- se, Rentner, alle erwarteten Hilfe von "Loreng". Sein Vervierser französischsprachiger Kollege Rene Dawant spricht von Laurent Fryns als "un homme en quelque sorte exceptionnel" dont "l'ac- tion et la d&termination sont ä mettre en relief pour comprendre V'&volution de la CSC". Es muß schon eine Ausnahme in der Ge- schichte der CSC sein, daß ein "überberuflicher" Sekretär nicht versucht, Sekretär einer Berufszentrale zu werden. Nach dem 2. Weltkrieg verdankt die CSC es Laurent Fryns, daß sie sofort nach der Befreiung ihre Tätigkeit im plattdeutschen Raum und in Eupen wieder aufnehmen konnte: Während des X Sa 2 nm < ) WE a A EEE ‘ - A ] | E} 3 3 | } { 3 . el A Li Diese Aufnahme (um 1950) zeigt Laurent Fryns (rechts) mit seinen Brüdern v.l.n.r. Franz, Joseph und Jean.
86 as Z5 ea a2,3% ed |! Sl 5 U $- 5 fi Y} 8 97 A Bi n E MI 8 ZANE Bo 3 | = m & 4 Vin U} a} X E X |} 5 £ Fa 7 I MC a 3 | Laurent Fryns (Mitte links) war eng befreundet mit Peter Kofferschläger (Mitte r.). Das Bild entstand im Juni 1955, Krieges hatte er die vom NS-Bürgermeister Josef Kriescher angebotene Mitarbeit in der Deutschen Arbeitsfront strikt abge- lehnt. Am Freitag, dem 15. September 1944, meldet er sich schon in Verviers beim Direktor der Sozialen Werke, dem späteren Mgr Dejardin, um seinen Dienst bei der CSC wieder aufzunehmen. In den Monaten September bis November nimmt er an unzähligen Versammlungen in den Vervierser Betrieben, in den Ortsgruppen, bei den Gemeindeverwaltungen und den amerikanischen Militär- behörden teil. Im Auftrag der CSC erreicht er nach vielen Be- sprechungen am 3. Oktober mit den Eupener Delegierten Jean Herpens und Jean Thielen, daß das Eupener Gewerkschaftshaus von den Behörden als Eigentum der CSC anerkannt wird. Das Gebäude war unter Sequester gestellt worden, da verschiedene Eupener Gewerkschaftler vor dem Kriege mit der Heimattreuen Front und während des Krieges mit der NS-Arbeitsfront zusam- mengearbeitet hatten.
87 Ende 1944 stellt Laurent Fryns ein Zimmer in seiner Wohnung in der Thimstraße in Kelmis zur Verfügung, um dort ein ständiges Sekretariat der CSC einzurichten, später das gesamte Erdgeschoß. Ab 1945 erscheint die Gewerkschaftszeitung "Werkvolk", deren Redaktion bis 1950 von Laurent und seinem Schwager Joseph Dahlen betreut wird. Laurent setzt sich weiter ein für den Bezug der Arbeitslosengelder, für die Auszahlung der Renten und Pen- sionen und für die Einführung günstigerer Eisenbahnverbindungen für die Arbeiter. Wie jemand sagte, ist "Laurent ein Mensch, der immer viel mehr als seine Pflicht getan und sich stets bis zum Letzten für die Arbeiter eingesetzt hat". Auf Grundlage einer Sta- tistik der einbezahlten Beiträge vom 1. Mai 1955 betreute das Kelmiser Sekretariat der CSC 1369 Mitglieder, davon 696 in der Textilindustrie, 173 im Baufach, 171 im Bergbau, 140 in der Metallindustrie. Aus Gesundheitsgründen muß Laurent Fryns ab 1955 "kürzer treten"; am 1. Mai 1972 tritt er in den wohlverdienten Ruhestand. Ab 1964 und bis zu seinem Tode am 29. Februar 1980 hatte er noch den Vorsitz der zunächst auf Kelmis beschränkten, dann regional tätigen Baugenossenschaft "Nos Cit&s" übernom- men, um weiter sozial wirken zu können. Um die tiefchristliche und echt demokratische Gesinnung unseres Freundes "Loreng" zu charakterisieren, sei daran erin- nert, daß er nach Kriegsende auch als Sekretär des örtlichen Lebensmittelversorgungskomitees fungierte, das in Kelmis ab dem 4. August 1945 tagte. Diese Instanz spielte eine Rolle bei der Erteilung der "Zivismuszeugnisse" für die Geschäftsleute und ent- schied u.a., darüber, welche Läden wieder öffnen durften. In der Sitzung vom 13. Oktober 1945 schlägt Sekretär Laurent Fryns vor, "daß jedem Delinquenten die Möglichkeit gegeben werde, sich zu verteidigen". Er beruft sich auf die belgische Verfassung und die Rechte der Verteidigung in einer gesunden Demokratie. Dieser Vorschlag wurde aber mit einer Mehrheit von sechs gegen zwei Stimmen abgelehnt. Derartige Mißachtungen der Menschen- rechte hat Laurent Fryns immer bekämpft. Danke "Loreng" für Deinen Einsatz zugunsten der Arbeiter- schaft und für das abgegebene Zeugnis eines tiefgläubigen, stets hilfsbereiten, christlichen Gewerkschaftlers. Dein Leben soll uns stets Beispiel sein. ‘
88 Ein Vieh- und Krammarkt für Lontzen? von Alfred Bertha Die 1816 erfolgte Grenzziehung zwischen Preußen und den Nie- derlanden hatte einen Teil des ehemaligen Herzogtums Limburg, nämlich die Stadt Eupen, die "Bank" Walhorn und einen kleinen Teil der ehemaligen Herrschaft Kelmis, zu Preußen geschlagen und damit von den früher gerne besuchten Märkten des Herver Landes, vor allem Henri- Chapelle, abgeschnitten. Die Land- bevölkerung mußte sich nun umorientieren. : Dem Landrat des Kreises Eupen dürften die Schwierigkeiten nicht unbekannt geblieben sein, so daß er mit Schreiben vom 24. Februar 1817 sich an die Bürgermeister seines Kreises richtet und diese bittet, ihm ihre Vorstellungen über eventuell zu verlegende oder neu zu errichtende Märkte zu unterbreiten. Bürgermeister Ägidius Schrynmecker von Hergenrath macht daraufhin eine ziemlich detaillierte Analyse der Situation; seine Gemeinde verfügte weder über einen passenden Platz noch war sie über "practicable” Wege gut zu erreichen. Aber in Lontzen sah Schrynmecker den idealen Standort für einen Vieh- und Kram- markt. Den Bericht Schrynmeckers haben wir in der Original-Schreib- weise des Bürgermeisters wiedergegeben, jedoch die Groß- und Kleinschreibung dem heutigen Gebrauch angepaßt. Hergenrath, den 5. Mertz 1817 Der Bürgermeister an den Königlichen Preußischen Landrath Herrn von Scheibler Um an die, mittelst, dero geehrtes vom 24. v. M. N° 431 geäu- ßerten Wünschen, zu wissen, ob die in dero Verwaltungs Kreis jetzt bestehenden Kram- und Viehe Märkten hinreichend, und hin- sichtlich der Zeit und des Orts, wo dieselbe gehalten werden, als zweckmäßig anzusehen sind, oder ob die Vermehrung derselben
89 und die Verlegung des einen oder des anderen Marktes von Nut- zen sein könnte, etc. etc. so viel mir möglich Genüge zu leisten, beehre ich mich ihro Hochwohlgeboren hinsichtlich dieses Ge- genstandes das Nachstehende zu bemerken, nemblich: 1tens Über die Hinreichung sowohl als über die Örter, wo die Haupt Viehe und Kram-Märkten für hiesiger ganzen Gegend ehe- mals bestanden, als nemblich Herve, Thimistre, Clermont, Henri Chapelle, wovon dieser letztere zwey die bedeutensten Viehe und Kram-Märkten, nemlich einen Frühjahrs und einen im Herbst hiel- te, ist zu bemerken; daß wegen der Grenz Berichtung zwischen Belgien und Preußen die ob-benannte Märkten von den diesseitigen Preußischen Unterthanen nicht anders als unter schwären Abga- ben, daß die zu verkauffende Gegenständen merklich im Preise steigeren, so wie auch die in dero Kreise, wirklich bestehende Kram- und Viehe Märkten, wegen ihrer Entlegenheit und unzugänglichen Wegen können benutzet werden, daher die Anlegung neuer Kram- und Viehe Märkten nicht allein als zweck- mäßig, sondern allen Vernunft Schlüssen nach als unumgänglich nothwendig zu erachten sind. 2tens Was das Local sowohl als die practicabelen Wegen be- trifft, beehre ich mich, ihro Hochwohlgeb. vorläufig zu bemer- ken, daß ich mich aus Mangel der zwey Objecten das Gesuche zur Anlegung eines Marktes in unserer Gemeinde gern müßigen will; indessen, um dero Wunsche so vollständig als möglich zu ent- sprechen, glaube ich es, meiner Pflicht zu sein, ihro Hochwohlgeb. in Kenntnis zu setzen, daß das Dorf Lontzen, ungefehres zwey ad drey Hectaren in sich fassendes, und in der Mitte dieses Dorfs gelegenes Stück Gemeinden Grundes, darbeut, welches Ihro Hochwohlgeb. wegen den nachstehenden Bemerkungen zweifels ohne für das bequemste dero gantzen Kreises, zur Anlegung, son- derlich eines Herbst Viehe und Kram Markt erachten werden. 1tens jst es allgemein bekannt, daß dieses Dorf, außer das an- geführte vortheilhafte Local, von allen Seiten, sonderlich bei jet- ziger neuer Grenz Berichtung, von die Stein Straße von Eupen und Achen umgeben ist und die Wegen dahin noch am zugänglichsten sind; sollten auch allenfalls sich hinsichtlich die
90 ses kleine und unbedeutende Schwierigkeiten darbieten, sind doch dieselbe leicht zu heben. 2tens ;st es nicht minder unläugbar, daß dieses Ort in dem Mit- tel Punkt, wo die Viehezucht am bedeutensten dero Kreises ist; auch das Mast- und mageres Viehe der gantzen Gegend, haupt- sächlich im Herbst, das erstere verkauft und das letztere einge- kauft wird; an welchen zwey Gegenständen auch um diese Jah- reszeit allda einen Überfluß zu finden ist, und also die Anlegung eines Herbst Markts an diesem Orte für den gantzen Kreis nütz- lich wäre, auch dazu in dem Mittel Punkt, wo die Metzger von Eupen, Aachen, Burtscheid, Corneli Münster, Stolberg etc etc. ohne Schwierigkeit gelangen können, gelegen ist. 3tens und schließlich bemerke ich ihro Hochwohlgeb. daß, was die Absetzung der Krämerey Waren betrift, immer in hiesiger Gegend der Gebrauch gewesen, und noch ist, wenn die Dorfbewohneren ihren Mast- und anderes Vieh verkauft, dieselbe für einen Theil ihres gelösten Geldes, wo nicht für alle, ihre nothwendige Haus und Kleidungs Gegenständen, als Hanf, Flachs, Leinentuch, Wollenlaken und Stoff etc. wieder einkaufen, und man also hinsichtlich dieses nicht einem geringen Absatz: entgegen siehet. Dieses ist es also, was ich ihro Hochwohlgeboren hinsichtlich der Markts Vermehrung und Verlegung zu benachrichtigen weiß, verhoffend, daß dieses genügend sein wird. Aus den vorhandenen Unterlagen geht nicht hervor, ob man höheren Orts auf den Vorschlag des Hergenrather Bürgermeisters eingegangen ist. Die Amtsblätter der Königlichen Regierung zu Aachen bringen erst im Jahre 1855 die Genehmigung eines Vieh- marktes in Lontzen, und zwar für den 2. Dienstag nach dem 3. November, d. h. nach dem Patronatsfest des hl. Hubertus. In späteren Jahren scheint Lontzen als Marktplatz an Bedeu- tung gewonnen zu haben. So findet sich in der Presse am 17. Ok- tober 1908 eine Ankündigung des "Oktober-Viehmarktes" und im letzten Vorkriegsjahr 1913 steht neben dem Oktober-Viehmarkt auch noch ein September-Viehmarkt. e
91 DBekanutmachung,. Pferde, Rindvieh: und Schweine:2Narfkt au Mittwoch, Den 12. Scpt. 1900 zu Lorgen,. Standgeld wird nicht erhoben. Herbesthal, den 6. ANuguft 1900. 2739) Der Bürgermeijter Esser, A anazer AL EN BE MM Ä DA Nindvieh:, Bferde- und Schweine-Markt am Dienftag, den 18, Sept, 1900 auf der Hauziwiefje der Wirthfhaft von Pefh-Simons zu KRaeren- Drie[h. Standgeld wird nicht erhoben. MRaeren, den 17. MAuguft 1900. 2800) Der Bürgermeifter, Becker, ZEN N ZN Bekanntmachung. Viehmarkt | findet in Walhorn am Mittwoch, den 10, Oktober d. I. ftatt, -—— BaHujtarion Uftenet 20 Minuten und Bahnjiation MRacren 11, Stunden entfernt. Standgeld wird nicht erhoben. MWalhorır, den 25, Auguft, 1900. 2943) Der Bürgermeifter, Ernst, Marktanzeigen im Korrespondenzblatt vom 8. September 1900
92 Die Amtsblätter bringen 1897 die vorläufig auf drei Jahre be- fristete Genehmigung eines Viehmarktes in Walhorn und 1899 diejenige eines solchen in Raeren. In Walhorn war der Markttag auf den 2. Mittwoch im Oktober und in Raeren auf den 1. Diens- tag nach dem 14. September (Kreuzerhöhung) festgelegt worden. Bekanntmachung. EEE 1 £ A SED ES am Mittwoch, den S, ; Oftober dS. IS, DBahnitation Aitenet 20 Min. und BahHnjtation RKaeren 1'/: Stunde; jowie Kleinbahn Miervls 20 Minuten entfernt, Standgeld wird vict erhoben, Walhorn, 15, Sept. 1913, Der Bürgermeifter 8368) Ernst, Noch im letzten Friedensjahr hatte Walhorn einen Viehmarkt.
93 Der Raerener Markt wurde in den Jahren 1902 und 1905 für Jeweils weitere drei Jahre durch die Provinzialbehörde genehmigt; in Walhorn wurde bis zum Ersten Weltkrieg am 2. Oktober-Mitt- woch Markt abgehalten. Über den ersten Markt am 16. Oktober 1897 hatte das "Korrespondenzblatt" wie folgt berichtet: "Walhorn, 14. Okt. - Auf dem gestern zum ersten Male hier abgehaltenen Viehmarkt waren aufgetrieben: 130 Kühe, 71 Rinder, 18 Kälber, 6 Stiere im Alter bis zu einem Jahr, 3 Ochsen und 120 Schweine. Der Handel war lebhaft. Preise: Kühe 300 - 400 Mk, Rinder 200 - 300, Kälber 100 - 120, Ochsen 300, Schweine bis zu 9 Wochen 21 - 22 Mk. Nach dem gestrigen Ergebnis dürfte das Fortbestehen des Mark- tes gesichert sein." Quellen: Archiv der Göhltalvereingung
96 Le tableau de la derniere cene fut commande en 1947 pour la somme de 12.000 F. Il est l’oeuvre de Monsieur Gilbert, directeur et professeur aux Beaux Arts de Liege; il vint contribuer ä faire vivre par nos paroissiens la Merveille par excellence de la foi: la Ste Messe. Ce tableau ose mettre en scene les contemporains et indigenes qui exercent une profession dont les apötres sont les patrons. En observant le tableau de gauche ä droite, nous reconnaissons ..... Pour Judas, inutile de chercher 4 Gemmenich, on n’en trouve pas sur les lieux. Il n existait que dans la t&te du peintre; il Etait capable d’en peindre cinq a 1l’heure, disait-il. (Monsieur Rene Schmets, ancien boulanger de la place, nous a * confie avec certitude qu’il s’agissait de Monsieur Counette de Moresnet). .... Pour St Thomas, un brave macon, Monsieur Jean Vandeweyer, est 1I’homme tout trouve. .... Pour St Barthele£my, un de nos vaillants peres de famille, cordonnier infatigable, Monsieur Antoine Herzet, fera 1’affaire. .... Pour Jude Thad&e, un menuisier courageux et Eprouve, V’ex-bourgmestre Renier Flas, grand d&vot de St Jude Thad6ee ... .... Pour Simon, un bücheron, Hubert Barth, espäce de zelote = partisan de son groupe ... musical (Enge van de ouw... un de la vieille harmonie...) ..... St Pierre, patron des pe&cheurs, represente par Monsieur Jean Ernst, ancien sacristain; a 87 ans, il manie les filets pour rem- plir sa gibeci&re, tr&s convoit&e, tr&s envige. ..... St Jean, un militant jociste, fils de tourneur, Etienne Leusch, tiendra ce röle. ... St Jacques Majeur, t&moin de la Transfiguration et de 1’ Ago- nie, patron des tisserands, est repr&sent& par G. Conzen. .... St Andre, disciple de Jean le Baptiste, repre&sent& par un brave ‚"traditionaliste", voisin de 1’Eglise, Joseph Niesten. ... Pour Jacques le Mineur, patron des foulons, drapiers etc ... un veteran du textile, Ste&phane Counotte de la rue de la Gare. ... Pour Philippe, l’apötre qui presente ä J&sus le gamin d’un geste genereux ( il fut le point de depart de la multiplication des pains) un boulanger, chantre et fabricien, Joseph Schmetz, 6tait 1l’homme de la situation.
97 z. Je 2 WO A N 8 N RO 4 90 N A zu Sa a AR A Ze 2 az AR 5 a Partie droite du tableau .... Pour St Mathieu, Monsieur Laforge, un percepteur doua- nier conciliant, il vint 4 Gemmenich et y laissa le meilleur souve- nir, il est I’homme tout indique. A ce tableau l'artiste travailla plus de 8 mois. Pour repr&senter le Christ, il fut 3 jours et 2 nuits dans des "trances" indicibles, il retoucha la figure du Sauveur pour l’adapter au manque ou au defaut de lumi@re de notre Eglise. Le coloris du tableau est une r&ussite splendide. Admirez - le paysage de Moresnet avec son viaduc &croule ä la fin de la guerre 40-45, - Plombi@res et sa belle Eglise dat&e de 1930. - Sippenaeken avec le moulin sur la Gueule. Nous nous permettons d’ajouter un commentaire important aux notes de Monsieur 1’Abb€ Nyssen: derri@re les apötres, dans le coin droit du tableau, nos remarquons, parmi la foule, deux per- sonnages ä lunettes. Il s’agit du Pere Etienne Conrath, Pre du Saint Esprit, aujourd’hui pasteur protestant, et derriere celui-ci Monsieur 1’Abbe Emile Nyssen, commanditaire de 1’oeuvre.
98 + Mr ]’Abb6€ Nyssen et le P. Conrath (detail du tableau) Kurzfassung: Bei Renovierungsarbeiten in der Gemmenicher Pfarrkirche wurde 1972 ein bis dahin im Chor der Kirche befindliches "Letztes Abendmahl" abgehängt und damach lange Jahre auf dem Dachboden des Pfarrhauses aufbewahrt. Das Bild kam 1988 zum "College Notre-Dame", wo es an der Stirnwand des Studiersaales eine neue Bleibe gefunden hat. Mit diesem Bild, einem Werk des Lütticher Künstlers Gilbert aus dem Jahre 1947, hat es eine besondere Bewandnis, wählte der Maler doch als Vorlage für die Apostel Männer aus dem Dorfe, deren Berufsgruppen mit dem jeweiligen Apostel als Schutzpatron in Verbindung gebracht werden. So erkennt man von links nach rechts : - Judas; er soll von Herrn Counette aus Moresnet dargestellt worden sein; - Thomas, dargestellt durch den Maurer Jean Vandeweyer; - Bartholomäus trägt die Züge des Schustermeisters Antoine Herzet; - Judas Thaddäus findet einen Darsteller in der Person des Schreinermeisters, Ex-Bürgermeisters und Verehrers dieses Apo- stels, Renier Flas;
99 - Für Simon stand der Waldarbeiter Hubert Bart Modell; - Petrus, der Schutzheilige der Fischer, fand einen würdigen Darsteller in der Person des früheren Küsters Jean Ernst, eines begeisterten Anglers; - Johannes wird dargestellt durch einen Propagandisten der JOC, Etienne Leusch; - bei Jakobus dem Älteren, Patron der Weber, erkennen wir die Züge von G. Conzen; - Andreas ist als Joseph Niesten zu identifizieren; - Jakobus der Jüngere, Patron der Tuchmacher, wird von Ste&phane Counotte aus der Bahnhofstraße, einem Textilarbeiter, dargestellt. - Philippus, der bei der wunderbaren Brotvermehrung und der Speisung der Fünftausend besonders erwähnt wird, trägt auf dem Bild die Züge des Bäckermeisters Joseph Schmetz. - Für Mathäus, den Zöllner, fand sich in Gemmenich der pas- sende Darsteller in der Person des Zollbeamten Laforge. Noch zwei weitere Personen sollen erwähnt werden: In der rech- ten Bildhälfte erkennt man in der Menge im Hintergrund zwei Brillenträger. Es sind (mit römischem Kragen) der frühere Pfarrer von Gemmenich und Auftraggeber des Bildes, Hw. Emile Nyssen, und der Pater Etienne Conrad, heute evangelischer Pastor. Der Künstler hat mehr als acht Monate an diesem Werk gear- beitet. Im Hintergrund erkennt man den Viadukt von Moresnet, die Kirche von Bleyberg und die Mühle von Sippenaeken.
100 MORESNET - Une page d'histoire Du VAL D'ENFER au VAL DE VIE Entre 1915 et 1918, tandis que les arm&es s’affrontaient dans les tranch6es de ]'Yser et du nord de la France, le village de Moresnet voyait son environnement transforme par la construction de la li- gne de chemin de fer Aachen-Montzen-Hasselt-Anvers. Ligne en projet des avant la "grande guerre", elle avait pour but d'amener les marchandises depuis l'Allemagne et l'Europe Centrale jusqu'au Port d'Anvers. Pour la r&aliser, un grand viaduc &tait necessaire,, enjambant la vall&e oü se niche Moresnet; viaduc prolonge de part et d'autre par un talus. La guerre 1914-1918 interrompit les 6tudes belges, mais devant l'importance vitale du projet (pour les besoins de guerre), l'occu- pant reprit ä son compte les projets initiaux et d&cida de construire sans plus tarder le fameux viaduc. La main-d'oeuvre fut facile ä trouver: des centaines de prisonniers russes, mais aussi des femmes, russes Egalement, furent contraints par la force de r&aliser ce gigantesque travail. Le camp des prisonniers russes &tait situ€ a Alensberg ( prairie de M. Jean SCHYNS). Celui des d&port&es russes &tait situe ä Buschhausen, ä l'interieur du triangle forme par la rue du Pont, la rue du Panorama et la for&t (la rue de La Calamine n'a &t& ouverte qu'en 1957). Ces camps &Etaient entour&s d'une double clöture en fil de fer barbel&, separ&s par un chemin de ronde parcouru par les sentinelles allemandes. Les conditions de vie Etaient tres dures; par pitie, les habitants de V'endroit lancaient de la nourriture par dessus les barbeles. Mais si elle tombait dans le chemin de ronde, les sentinelles la pietinaient. Le travail des dEport&es &tait penible: il consistait a niveler, avec comme seuls outils des brouettes, la terre que des wagonnets de- versaient pour Eriger l'&norme talus. La prairie oü se trouvait le camp des femmes &tait vraiment, pour ces expatriges, un veritable "Val de Detresse". Actuellement, cette meme prairie, devenue un quartier anim6&, s’ap- pelle le "Val de Vie". Heureux retournement, non?
101 (Sources: Jos. Jongen - Mad.Schunk-Cornet) Remy HARDY A UN Va RE SET. CA 2 A ER > A 0 2 Sa Va PA DB Se Ye Wa ZEN & OA 2 A 2 N ZA 2 ; Pi. 0! 3 Sn Da 5X a DE 0 PL oe 2 SEE SE * A Da 4 } - Da A Un 222 a 2 FE SZ 2 a A a _ A A OL 2 N, a N iD BE 0 EAN Ka EEE DNA . ‚x I A SEE a a en SP N ? £ 5 in a WEN = A PP WA PN 2 a D BE 4 u: Od ; :y ; FF et“ En Le "Val de Vie'' - vue aerienne (200 m d'altitude) - juillet 1996 (photo W. Marzodko)
102 In Memoriam Am 14. Mai 1997 starb im Alter von 86 Jahren im Alten- heim "Regina" in Moresnet Herr Alfred Jansen. Ed Unserer Vereinigung gehörte er N 7 V seit Bestehen derselben an; seit 7 ua 1991 war er Vorstandsmitglied. 8 eh Der gelernte Bäcker- und ra O3 Konditormeister, den die A Lebensumstände in den Kohle- 1” A bergbau des Herver Landes || TAN verschlagen hatten, hat über N MW Jahrzehnte mit der Kamera das | Leben um ihn herum im Bild Al _ festgehalten. Den Lesern unse- U N rer Zeitschrift ist er durch zahl- ES “reiche Beiträge zur Geschichte des Moresneter Gebietes kein Unbekannter. Gerne erinnern wir uns auch an seine vielen Dia-Vorträge und die von ihm geführten Wanderungen und Exkursionen, die von seiner großen Liebe zur Heimat zeugten. Mit Alfred Jansen verliert die Göhltalvereinigung eines ih- rer aktivsten Mitglieder, dessen Namen mit der Geschichte unserer Vereinigung verbunden bleiben wird. Sein nim- mermüder Einsatz wird uns Beispiel und Ansporn bleiben. In dankbarer Erinnerung Der Vorstand
103 Anzeigentext Der Fonds der König-Baudouin-Stiftung für Kulturerbe und Denkmalschutz in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Die Deutschsprachige Gemeinschaft ist seit kurzer Zeit für den Denkmal- und Landschaftsschutz zuständig. Der Spielraum für die Projektförderung ist jedoch begrenzt, neue Initiativen können nur mühsam umgesetzt werden. Doch gerade in diesem Bereich, d.h. für den Erhalt unseres Kulturerbes, sind die vereinten Kräfte von individuellen Initiativen, . Unternehmen und Behörden gefordert. Um Synergien zu ermög- lichen und auch kleineren privaten Initiativen eine Chance zu bie- ten, hat die König-Baudouin-Stiftung im vergangenen Jahr einen Fonds eingerichtet. Der Fonds der König-Baudouin-Stiftung für Kulturerbe und Denkmalschutz in der Deutschsprachigen Gemeinschaft er- möglicht einerseits, für anerkannte Projekte unbürokratisch und im Namen der Stiftung Mittel zu mobilisieren (100% der Spen- den werden an den Projektträger weitergeleitet; die Stiftung fi- nanziert ein PR-Faltblatt). Andererseits können manche Projekte in den Genuß von direkten Fördermitteln gelangen. Eingereichte Projekte müssen eine Reihe von Kriterien erfül- len: Ausschlaggebend ist der architektonische oder kulturhistori- sche Rang des Objekts. Dessen Wert für die Gemeinschaft kann auf lokaler Ebene lie- gen, seine Bedeutung kann aber auch weit über die Grenzen der Gemeinde bzw. Gemeinschaft hinausgehen. Alle Restaurierungs- und Sanierungsvorhaben kommen für eine Förderung in Betracht. Der gesetzliche Denkmalschutz ist keine zwingende Notwendig- keit. Antragsteller können Privatpersonen, Vereine, Gemeinden, Unternehmen oder andere Interessenten sein.
104 Ob sich Gebäude und Denkmäler in privatem oder öffentlichem Besitz befinden, ist unerheblich. Allerdings muß sich der Privat- besitzer für das Projekt einsetzen. Antragsteller und Besitzer ha- ben die Pflicht sicherzustellen, daß die restaurierten Objekte für die Bevölkerung zugänglich bleiben oder eine öffentliche Bestim- mung erhalten. Die Antragsteller legen ein Finanzierungskonzept für das Pro- jekt vor, das Eigen-und Fremdmittel (Zuschüsse, Sponsorengelder usw.) sowie die Arbeit von freiwilligen Helfern auflistet. Vorbereitung und Ausführung des Projekts erfordern Beratung durch externe Sachverständige. Ein Zeitplan sollte im voraus festgelegt werden. Das Projekt ” sollte gegebenenfalls auch kurzfristig gestartet werden können. Eine Förderung von bereits abgeschlossenen Projekten ist ausge- schlossen. Die Antragsteller kümmern sich um die Öffentlichkeitsarbeit auf lokaler und regionaler Ebene. Wenn ein Projekt vom Fonds für Kulturerbe und Denkmalschutz anerkannt worden ist, schließen Antragsteller oder Besitzer einen Vertrag mit der König-Baudouin-Stiftung, der die Ausführungs- bestimmungen zur finanziellen Förderung und Verwirklichung re- gelt. Nähere Informationen erhalten Sie beim Sekretariat des Fonds für Kulturerbe und Denkmalschutz König-Baudouin-Stiftung Rue Brederode 21 1000 Brüssel (Christophe HARDT - Tel. 02/549.02.61 - )