I S Shltal Landschaft im Grenzraum Nordostbelgiens =. nn DEN TAN TOT AUT NM 7 A A ZZ A a NT a Hal aM? ES ) WM To A 2 See 5 AT ff 0 MN N HS fs EN KU wa MM PS Ti AN ' M | id (EEE SE ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr 56 — Februar 1995
Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr 56 Februar 1995 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04. Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Kassierer: Fritz Steinbeck, Hasardstraße 13, 4721 Neu-Moresnet. Postscheckkonto N" 000-0191053-60. Generale de Banque: 248-0251251-51 Konto NL: AMRO-BANK: 46.37.00.090 Vaals/L Konto BRD: Aachener Bank: 88 266 (BLZ 390 601 80) Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser, Alle Rechte vorbehalten Entwurf des Titelblattes: Alfred Jansen, Moresnet-Kapelle. Druck.: Hubert Aldenhoff, Gemmenich.
3 Inhaltsverzeichnis Alfred Jansen, Zum Umschlagbild 5 Moresnet-Kapelle Dr. Nikolaus Schmitz, Galmei und Schalenblende aus 12 Aachen dem "Altenberger" Grubenfeld Alfred Jansen, Die Zyklopensteine 43 Moresnet-Kapelle im Hauseter Wald Jakob Langohr, Datt Dröppke Wiin 48 Aachen-Bildchen Alfred Bertha, Bürgermeister in bewegter Zeit 50 Hergenrath Peter Claes, Ich erinnere mich noch... 60 Brüssel M. Th. Weinert Boote am Meer 82 Aachen-Forst, H. v. Schwartzenberg, Vom Köpfchen zum Bildchen 84 Aachen Silvie Fabeck, Der Kelmiser Karneval und seine 94 Kelmis Symbolfigur Freddy Nijns, Kreuz am Wegesrand 102 Walhorn Der Vorstand In Memoriam G. De Ridder 103 In Memoriam Leo Göbbels 104 Freddy Nijns, Jahresrückblick 1994 105 Walhorn
5 Zum Umschlagbild Schloß Krickelhausen oder Kleinhaus in Lontzen” von Alfred Jansen Im Gegensatz zu dem nur 300 m entfernten Schloß Großhaus (Welkenhausen), hat Krickelhausen nicht das Außere eines adligen Hauses, ja, es unterscheidet sich kaum noch von einem beliebigen Bauernhof. Das einfache rechteckige Gebäude mit seinem flachen Walmdach sowie den links und rechts vorgelagerten Wirtschafts- trakten läßt nicht ahnen, daß Krickelhausen vor etlichen Jahrhun- derten eine von Wassergräben umgebene befestigte Anlage war. 5 . A A A n E 0 Sa ® : A ; (D.e” ) ; f a x CR 19x ME ie HAN Kleinhaus. Rückseitige Ansicht (Foto A. Bertha) In der Landesbibliothek zu Darmstadt finden sich im Nachlaß des Barons von Hüpsch zwei Zeichnungen, die das frühere Aussehen von Krickelhausen wiedergeben. Eine derselben trägt die Aufschrift "Casteel Krickelhausen vor dem Brandt" 1) Aus G. Poswick, Les Delices du Duche de Limbourg, Verviers, 1951, S. 405
6 (Handschriften 3541, Blatt 3) und zeigt einen von zwei Ecktürmen mit polygonaler Haube flankierten sechsachsigen Bau mit Mittelrisalit und großem rundbogigem Eingangstor. Im Dach vier Gauben. 00) A a M 00 foga0 6 fl . 8800 5895088 887 4OBB ae Id b] Od al of Bo olo o Schloß Krickelhausen, ein sechsachsiger Bau mit zwei Ecktürmen Die zweite Zeichnung (Hs. 3541, Bl. 8), "Scenographia castelli de Krickelshausen zu Lontzen", d. h. Plan des Schlosses Krickelshausen zu Lontzen betitelt, gibt nach Ansicht von Reiners (Kunstdenkmäler Eupen-Malmedy, S.158-159) die Gesamtanlage nach dem Wiederaufbau des durch Brand (im 17. Jh.?) zerstörten Schlosses wieder. Die Wassergräben sind noch erhalten. Übereine Brücke gelangt man zu einem rundbogigen überdachten Portal, das links von einer kleinen (Pförtner-?) wohnung flankiert wird. Von den beiden Ecktürmen des früheren Schlosses steht nur noch der linke, doch mit barocker Haube und anderer Anordnung der Öffnungen. Der Mittelrisalit ist weggefallen, links des Eingangs wurde ein kleiner Flügel vorgelegt. G. Poswick (2) glaubt aus den erhaltenen Bauresten des 17. Jh. schließen zu können, daß es sich bei der Darmstädter Zeichnung wohl eher um ein Bauprojekt als um die Wiedergabe einer konkreten Verwirklichung handelt.
7 ME eb | nal; 0 Sn |] EAN A DO | HP ) JE Zac DZ FC A ) Schloß Krickelhausen. Nur ein Umbauprojekt? Die Beweisstücke für die "adlige" Vergangenheit des Hauses liefern aber auch die vielen Wappen, die man an und in dem Gebäude findet: über der Eingangstür, im Wohnzimmer, an den Wirtschaftsgebäuden, ja, sogar ganz oben unter dem Dachgesims haben die ehemaligen Besitzer ihre "Visitenkarte" hinterlassen. Bei weitem nicht so alt wie "Großhaus", ist Krickelhausen -ein Stocklehen des Aachener Marienstiftes- 1420 im Besitz des Johann van den Werde, der sich nach dem Anwesen "von Kreckelberch" nannte. Johann von Krekelberg verkaufte einen Teil seines Lehens im Jahre 1426 dem Thierry von Welkenhuysen, Besitzer von Schloß Großhaus. Die Töchter des Pons von Welkenhuysen, Katharina und Margaretha, verkauften dasselbe 1495 an Johann Schiervelt (Schervell), Meier zu Lontzen. Dieser Teil bildete fortan das Krickels- oder Schirvelslehen. . Die Tochter des Johann Schiervelt, Johanna, heiratete den Meier Johann Kerijs (Kerris). (Während mehr als zweihundert Jahren übten die Besitzer von Kleinhaus das Amt des Meiers am Lontzener Gericht aus). Da Johann Kerris und Johanna Schiervelt kinderlos bleiben, fällt Krickelhausen an deren Nichte Anna, Tochter des Lambert von Huckelbach und der Katharina von Lontzen. (Schon im 16. Jh. nannten sich die Besitzer von Krickelhausen "von Lontzen"). Anna von Huckelbach war
9 BE EEE er 5 _a0002999 AT ET ” 0 OWEN 0 zn ES A Az a A aa N N % (0E AR A E BE 1A ‚A (C 0 Eee ) AQ DON 2 3 ANNE H U (LE zum SE RW et A DE BE N A A N br Me a a 40 a | We A BO A 2 19) PP An A Der wappengeschmückte Kamin. In den oberen Feldern "Hups von Lontzen" u. "Imbstenraedt von Oetegroven", in den unteren "Dounraed" u." Ritterbach" (Foto A. Jansen) Nach dem Tode des Johann Adam von Hüpsch, der unverheiratet geblieben war, geht das Erbe an dessen Schwestern Regina und Maria Isabella, von denen letztere ihren Vetter Johann- Wilhelm Kes(se)ler "zu Nydrum" bzw. "von Nydrum", Notar in St. Vith, geheiratet hatte. Die Eheleute Kes(se)ler-von Hüpsch hatten mehrere Söhne und zwei Töchter; die am 15. Januar 1708 auf Krickelhausen geborene Tochter Anna-Maria heiratete den Schöffen GErard Honvlez aus Vielsalm. Dessen drei Kinder erben Krickelhausen. Sowohl die beiden Söhne Johann-Wilhelm Honvlez, der sich "Baron von Hüpsch" nannte und 1805 in Köln verstarb, und Johann-Nikolaus Honvlez, der 1807 auf Krickelhausen starb, als auch die Tochter Maria-Eleonore, gest. 1809, blieben unverheiratet.
11 nicht klar. Im selben Jahre 1826 ging der Besitz durch Kauf an Joseph-Antoine Simonis aus Verviers, verheiratet mit Anna Franquinet. Dieses Ehepaar blieb kinderlos und vermachte Krickelhausen einem Neffen, Andr€ Joseph Francois de Grand’Ry, dessen Mutter eine geborene Simonis war und der 1845 auch das "Großhaus" erwarb. Krickelhausen geht nun vom Vater auf den Sohn Andre Joseph Francois Alfred de Grand’Ry über (1850), dann 1874 auf den Enkel Jules de Grand’Ry, der den Besitz im Jahre 1885 der Aachener Armenverwaltung verkauft. Von dieser erwirbt im Jahre 1921 Alois Stickelmann aus Walhorn das Gut Kleinhaus, das noch im selben Jahre an Hubert Biermanns aus Astenet weiterverkauft wird. Durch Schenkung kommt Kleinhaus 1948 an den Neffen des Vorgenannten, Leo Kessel aus Astenet. Wie Guillaume Grondal (4) berichtet, wurde der obere Teil der Vorderfront des Wohnhauses im Jahre 1894 mit Ziegelstein erneuert. Im selben Jahre wurden die Wassergräben angefüllt, so daß auf Krickelhausen nur noch wenig an die immerhin nicht ” unbedeutende Rolle dieses Landschlosses erinnert. Quellen 1) G. Poswick, les DElices du Duch€ de Limbourg, Verviers, 1951, S. 403-408 2) Poswick, op. cit. S. 407 3) Dr. H. Neu, Paul Aler und der Baron von Hüpsch, zwei bedeutende Persönlichkeiten aus dem St. Vither Land, in "Zwischen Venn und Schneifel", Dez. 1975, S. 188-191 4) G. Grondal, "Lontzen, Notices Historiques", Verviers 1954, S. 25-29
12 Galmei und Schalenblende aus dem "Altenberger" Grubenfeld Montangeologie und Bergbautechnik im Überblick (1. Forts. *) von Dr. Nik. Schmitz 4. Der Bergbau in den einzelnen Gruben-Revieren 4.1 Der "Altenberg" im ehemaligen " Neutral-Moresnet" 4.1.1 Zur lagerstättengeologischen Situation am "Altenberg" Die frühesten, dem Verfasser bekanntgewordenen Angaben zur geologischen Situation der Lagerstätte stammen von BROWN aus dem Zeitraum zwischen 1668 und 1673. Er erwähnt als Nebengestein "Kalk"10 und hebt besonders die außerordentliche Mächtigkeit der Galmei-"Gänge"11 (in einem Fall 11-12 Fuß, also 3,3 bis 3,6 m) hervor. Außerdem beschreibt er den Galmei als dunkelgelb bis rot und intensiv durchsetzt mit Aderchen von natürlichem Schwefel bzw. als schwärzlich bis rotbraun mit (* Den ersten Teil dieses Aufsatzes findet der Leser in Nr. 55, S. 51-68, dieser Zeitschrift). 10 Tatsächlich jedoch Dolomit. Zur damaligen Zeit kannte man den Unterschied zwischen Kalk CaCO3 und Dolomit noch nicht. Erst 1791 beschrieb D&odat de Dolomieu (1750-1801) dieses Mineral - CaMg(CO3);2 - welches ihm auf seinen Reisen im Alpenraum aufgefallen war. Später erhielt es auf Anregung von Nicolas Th6odore de Saussure (1767-1845) den heutigen Namen. Die Dolomiten -Region der Alpen ist nach diesem, die dortigen Gesteine prägenden Mineral benannt. 11 Als "Gänge" bezeichnet der Bergmann mit Mineralabsätzen gefüllte Spalten im Gestein.
13 Drusen voller schön entwickelter, aber schwärzlicher Kristallaggregate12, Aus den ersten Jahren der Franzosenzeit (1795) datieren einige geologische Angaben des "Bürgers" BAILLET!3, staatlicher Bergwerksinspektor aus Paris. Er beschreibt die Lagerstätte als eine Galmeierz-Masse, eingelagert in "Glimmerschiefer", bzw. harte quarzreiche "Glimmer-Sandsteine"14; er erwähnt aus der Nähe der Lagerstätte ebenfalls "Schichten blauer Kalke"15, die steil nach S einfallen und macht Angaben über die Ausbißgröße16 (500 x 40 m in NE-SW-Erstreckung). Desweiteren stellt er unterschiedliche, bunt gefärbte Erzqualitäten fest (kompakt - voller Hohlräume - vermengt mit Quarz - tonig verunreinigt). Der nächste Hinweis stammt erst aus dem Jahre 1817 (also aus der Zeit kurz nach dem Grenzvertrag von 1816, als dessen Folge "Neutral-Moresnet" entstand). Der Königlich Geheime Oberbergrat!7, GRAF VON BEUST, erwähnt in seinem Bereisungs-Protokoll (zit. nach BECKERS 1979), daß die Vererzung als sehr reiner Galmei an eine "große muldenförmige 12 Die Buntfärbung des Galmei beruht in erster Linie auf rotgelben Überzügen von Eisen-Hydroxid; die Schwarzfärbung wird durch Mangan-Hydroxid verursacht. Der Erwähnung von natürlichem Schwefel liegt eine Verwechslung zugrunde, höchstwahrscheinlich mit dem - ebenfalls damals noch unbekannten - Mineral Greenockit CdS, welches als Verwitterungsprodukt aus Zinkblende entsteht. 13 Die von BAILLET gemachten Angaben verschiedenster Art sind teilweise nicht korrekt. Das fiel schon den preußischen Beamten des Oberbergamtes Bonn bei ihrer Inspektionsreise zum "Altenberg" im Jahre 1817 auf. 14 Gesteine des Famenne (oberstes Devon) 15 Unterkarbonischer "Kohlenkalk". Interessant istdie Farbangabe: als "Aachener Blaustein" werden ja traditionell die als Werksteine seit jeher verarbeiteten Karbonatgesteine des Devon und Karbon aus dem Aachener Raum bezeichnet. 16 an der Erdoberfläche freiliegender Teil eines Erz- oder Gesteinskörpers 17 Die gemeinsame niederländisch-preußische Verwaltung von "Neutral- Moresnet" beinhaltete auch bergbehördliche Zuständigkeiten des Bergamtes Düren.
14 Vertiefung des Übergangs-Kalksteins"18 gebunden sei und einen "ungeheuren Stock" bilde, der hier zu Tage trete. Aus einem Bereisungs-Protokoll des Königlichen Oberberghauptmannes GERHARD von 1818 (ebenfalls nach BECKERS 1980) ergeben sich weitere geologische Details. So ist die Rede von "Massen eines sandigen Kalksteins" und auch von "Letten-Schichten"19, die beide in den Galmei-Erzkörper eingelagert seien. Bemerkenswert ist die Feststellung, daß weder im Galmeistock, noch im "sandigen Kalk", noch in den Lettenpartien eine "ordentliche Schichtung" erkennbar sei. Nur im Nebengestein außerhalb der Lagerstätte, im Nordwesten und Südosten davon, seien die Lagerungsverhältnisse im begleitenden Nebengestein, "Kalkstein" und "Grauwacke"20, erkennbar. Das ‘ "Streichen" der Gesteinsserien ist offenbar bekannt, wird aber nicht genannt. Als Einfallsrichtung (Neigungsrichtung der Schichten, verläuft immer senkrecht zur Streichrichtung) wird Südosten angegeben. Auch hier wird wiederum das Auftreten schöner Kristalldrusen erwähnt, wobei mit der Bezeichnung "blättriger Galmei" vermutlich Zinkspat in flachrhomboedrischer Kristallausbildung gemeint ist Aus der Schlußbemerkung dieses Berichts wird deutlich, daß offenbar zu diesem Zeitpunkt noch keine kartographische Darstellung der geologisch-lagerstättenkundlichen Verhältnisse am "Altenberg" existierte. In einer zusammenfassenden Darstellung der Zinkindustrie in Belgien geben PIOT und MURAILHE, zwei Bergbau- sachverständige, 1844 eine kurze grundsätzliche Übersicht über Nebengestein und Lagerungsverhältnisse am "Altenberg". Dabei 18 Damit ist der unterkarbonische "Kohlenkalk" (in der zeitgenössischen Fachliteratur der 1. Hälfte des 19. Jh. auch als "Bergkalk" bezeichnet) gemeint, auf den die sandig-tonigen Serien des jüngeren steinkohleführenden Oberkarbons folgen. 19 Als "Letten" werden tonige Bildungen bezeichnet, die im vorliegenden Fall vermutlich bei chemischen Umsetzungsprozessen im Zuge der Erzbildung entstanden sind. 20 Mit "Grauwacke" sind hieroffenbar die tonig-sandigen Schichten desobersten Devons, des Famenne, gemeint, die als geologisch ältere Bildung den galmeiführenden "Kohlenkalk" unmittelbar unterlagern.
45 erwähnen sie auch erstmals Dolomit als Erzbegleiter sowie die Aufteilung des Erzkörpers durch eine Dolomit-Partie in zwei Lagerstättenteile. Aus dem Jahre 1849 stammt eine leider nur kurze Protokoll- Notiz über einen einschlägigen Vortrag (25. Versammlung der "Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte" im September 1847 in Aachen) des Königlichen Oberbergrats RUDOLPH VON CARNALL21 vom Oberbergamt Bonn. Darin wird u.a. die überkippte Lagerung der gefalteten Gesteinsserien angesprochen und zugleich auch Dolomit (entstanden durch in-situ-Umwandlung des Kalksteins) als Nebengestein erwähnt. Interessant ist, daß von Carnall offensichtlich während seines Vortrages eine geologische Kartenskizze der Lagerstättenumgebung sowie einige geologische Profile durch den "Altenberg" vorlegte. Die erste veröffentlichte detaillierte Beschreibung der geologisch-lagerstättenkundlichen Verhältnisse am "Altenberg" und auch in der weiteren "Altenberger Concession" stammt von MAX BRAUN?2? aus dem Jahre 1857. In einer "Geognostischen Skizze des Concessionsfeldes Altenberg" (Abb. 9) samt Profilen stellt er die geologische Schichtenfolge in ihren Grundzügen sowie ‘die Prinzipien des Gebirgsbaus (gefaltetes, NE-SW- streichendes Grundgebirge mit aufgelagerter jüngerer Kreideüberdeckung) dar. Bemerkenswert ist seine Feststellung, daß reiche Erzvorkommen in aller Regel nur dort auftreten, wo die für diesen 21 Rudolph Arwid Wilhelm von Carnall (1804-1884), zuletzt Berghauptmann in Breslau, war eine treibende Kraft in der Entwicklung des Bergbaus im damaligen Preußen bzw. Deutschen Reich. Von 1844 bis 1847 war er am Oberbergamt Bonn tätig, von 1848, dem Jahr seiner Versetzung als Geheimer Bergrat ins Berliner Finanzministerium, bis 1852 war er Mitglied des Verwaltungsrats der "Vieille Montagne". Nach ihm wurde 1856 durch Heinrich Rose (1795-1864), Professor der Chemie in Berlin, das Salzmineral KMgCl3:6H20 Carnallit benannt. 22 Maximilian Karl Alexander Braun war von 1859 bis 1874 Direktor der VM-Betriebe in der Altenberger Konzession und hatte seinen Amtssitz in Kelmis (heutige Parkvilla, um 1840 errichtet, mit späteren baulichen Erweiterungen). Vor seiner Tätigkeit in Kelmis war er bis etwa 1848 Direktor der Blei-Zinkerz-Grube "Corphalie" bei Huy/Maas. Von ihm stammt übrigens eine interessante Arbeit über die geologisch-lagerstättenkundliche Situation in eben dieser Lagerstätte (1849).
16 Raumtypischen NW-SE-verlaufenden Störungen den "Bergkalk" (unterkarbonischer Kohlenkalk) und den "devonischen Kalk" kreuzen. Weiterhin wichtig ist die von ihm vorgenommene Klassifizierung der einzelnen Lagerstätten-Typen ("Gänge", "Contaktlagerstätten", "Nester", "Lager oder Flötze"), die in ihren wesentlichen Aussagen bis heute gültig geblieben ist.. Kernstück seiner Darstellung sind Schnitte verschiedener Orientierung durch die vererzte Muldenstruktur des "Altenberg". Der sehr unregelmäßig geformte Erzkörper ist im Ausbiß-Bereich durch eine bis in geringe Teufe reichende Dolomit-Partie zwei- geteilt. Dieses und auch die sehr unterschiedliche Ausbildung beider Teile gaben Anlaß zur Unterscheidung eines (großen) Nordlagers im NE und eines (kleineren) Südlagers im SW, wenngleich beide in der Teufe miteinander in Verbindung standen. Desweiteren beschreibt er die Dolomit-Partie zwischen beiden Lagerstätten-Teilen, das Auftreten von Letten?3-Partien und den Mineralbestand der Vererzung und hebt insbesondere den hohen Anteil an hartem kieseligem Zinkerz (Kieselzinkerz und Willemit) hervor. Der Mineralbestand in den auf den oberen Sohlen besonders häufigen Drusenhohlräumen setzt sich nach Brauns Beobachtungen aus Zinkspat, Kieselzinkerz, eisenhaltigem Zinkspat, zinkhaltigem Kalkspat und seltener Quarz zusammen. Gelegentlich wurden auch Gips-Kristalle beobachtet. Von Interesse ist in diesem Zusammenhang, daß aus dem "Altenberg" drei neue Minerale beschrieben wurden, und zwar Hopeit Znz [PO4]2‘4H,0 (durch Brewster 1822), Willemit Zn,SiO4 (durch Levy 1830) und Fraipontit ZngAl4[(OH)g/(SiO4)s:7H,0 (durch Cesäro 1883). Aus dem Jahre 1886 stammt eine zusammenfassende Darstellung über Geologie, Bergbau- und Hüttenindustrie des Raums Aachen von W. SCHULZ. Die ausführliche Schilderung der geologischen Verhältnisse (Schichtenfolge, Tektonik, Vorkommen nutzbarer Bodenschätze) läßt erkennen, daß der Wissensstand in geologischen Dingen inzwischen sehr stark erweitert wurde, nicht zuletzt aufgrund guter Aufschlußverhältnisse in den Grubenrevieren des einheimischen Steinkohle- und Erzbergbaus, aber auch wegen der intensiven Aufnahmetätigkeit und Prospektionsarbeiten durch Geologen und Bergleute im Gebiet 23 tonige Neu- bzw. Umbildungen im Bereich von tektonischen (Bewegungs-) Flächen, auf denen Wasser zirkuliert.
18 des damaligen Oberbergamtes Bonn, zu dessen Aufsichtsbereich die nachgeordneten Bergämter Düren und Aachen gehörten. Namentlich erwähnenswert sind hier ERNST VON DECHEN24 und E. HOLZAPFEL. Schulz übernimmt - mit einigen Abweichungen - die lagerstättengeologischen Aussagen von Braun. Er erwähnt im übrigen auch die großen NE-SW-verlaufenden Überschiebungen ("Längsstörungen", parallel zum Gesteinsstreichen). Dort, wo diese die NW-SE-verlaufenden Querstörungen (vgl. auch Kap. 3) kreuzen und zugleich auch den Devon-Kalk oder den "Kohlenkalk" mechanisch zerrüttet haben, fanden sich besonders gute Voraussetzungen für die Zirkulation metallführender Thermalwässer und für die Erzbildung. . Besonders hervorzuheben ist die geologische Karte, die Schulz seiner Arbeit beigelegt hat. Sie wurde von Holzapfel gemeinsam mit GUSTAV SIEDAMGROTZKY?26 entworfen. Der Bergbau auf der Lagerstätte "Altenberg" wurde 1884 wegen Erschöpfung der Erzvorräte eingestellt. Die bis dahin ermittelte Situation der lagerstätten-geologischen Verhältnisse wurde - im wesentlichen auf der Grundlage der Braun’schen Untersuchungen - ineiner amtlichen Beschreibung des Bergreviers Düren durch das Oberbergamt Bonn (1902) sowie durch FRIEDRICH KLOCKMANN?27 (1910) nochmals dargestellt. Auf dieser Grundlage und nach einer Zusammenfassung durch L. DEJHONGE et al. (1993) ergibt sich das folgende Bild (Abb. 10): Die berühmte und seit Jahrhunderten gebaute Lagerstätte wurde in der räumlichen Lage ihrer Vererzung durch zwei geologische Bau-Elemente kontrolliert, und zwar 24 Ernst Heinrich Karl von Dechen (1800-1889) war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Berghauptmann am Oberbergamt Bonn. Von ihm stammen die ersten überregionalen geologischen Kartenwerke von Rheinland und Westfalen. 26 Gustav Adolf Siedamgrotzky (1839-1890) war Markscheider (d.h. Vermessungsingenieur im Bergbau), baute in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts die erste moderne städtische Wassergewinnungsanlage für Aachen ("Eicher Stollen") und war von 1871 bis 1890 erster Direktor des Aachener Wasserwerks. 27 Friedrich Ferdinand Hermann Klockmann (1858-1937), Mineralogie- Professor in Aachen, Standard-Werk "Lehrbuch der Mineralogie", Stuttgart 1892, zahlreiche Auflagen, die späteren bearbeitet von Ramdohr, die 15. Auflage (1967) bearbeitet von Ramdohr und Strunz.
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20 1. tektonisch28 durch die NW-SE-streichende "Bleiberger Störung" (auch "Göhl- Störung" genannt), auf der die Lagerstätten von Bleiberg, des "Altenbergs" und von Fossey sowie einige weitere Vorkommen liegen bzw. lagen 2. petrographisch?? durch eine schmale Karbon-Mulde, deren Dolomit mitsamt Tonschiefer-Einschaltungen (aus dem unteren "Kohlenkalk") das unmittelbare Nebengestein des Erzstocks bildete. N R N / ES % | \ N ® a « S <A «S P.Von Dechen (en Gendarm es Da Mosselman EZ NP.Le Hon Zn P.Perier SS en Naeh SO ch # „nn 7 Pa Ver 9 100m ? TA 10.1 Altenberger Erzkörper kartenmäßige Darstellung, überlagernde Gesteine abgedeckt SW NE Krickelstein Gendarme Perier Le Hon | HZ 72 235m En mn Zn 5m 57 ion Da 10.2 Altenberger Erzkörper vertikaler Längsschnitt NE - SW 28 "Tektonik" = Lehre vom Bau der Erdkruste und den Kräften und Bewegungen, die diesen erzeugt haben. 29 "Petrographie" = Gesteinskunde
21 Die bauwürdig vererzte und ehemals im Raum Bleiberg (Plombi@res) gebaute "Bleiberger Störung" ist im engeren Gebiet der Altenberger Lagerstätte als unvererzte Lettenkluft zwischen dem Krickelstein-Schacht und dem kleinen Erzstock gleichen Namens nachgewiesen worden. Die vererzte und mit 10 - 20° nach NE aushebende Muldenstruktur enthielt in ihrer SW-Fortsetzung auch die Lagerstätten von "Schmalgraf", Eschbruch" und "Mützhagen". Der Ausbiß des Erzstocks umfaßte mit einer Fläche von etwa 200 x 100 m praktisch den gesamten NE-Bereich der Mulde. Das dolomitische Nebengestein war hier in nur geringmächtiger Entwicklung auf das Liegende des Erzstocks beschränkt, der stellenweise in direktem Kontakt zum Famenne stand. Im unmittelbaren Grenzbereich zum Erz war der Dolomit stark silifiziert und wasserführend; außerdem traten pyritisierte Tonschiefereinschaltungen auf. Nach SW wurde der Lagerstätten- Ausbiß durch eine bis in ca. 28 m Teufe reichende Dolomit-Partie ("Dolomit-Keil") unterbrochen. Jenseits davon setzte sich der Ausbiß weiter fort, wenn auch in wesentlich geringerer Ausdehnung. Diese Trennung in zwei unterschiedlich große, im Streichen aufeinanderfolgende Ausbißzonen führte zu der (historischen) Einteilung der Lagerstätte in ein Nord- und ein Süd- Lager. Beide Lagerteile standen jedoch unterhalb des "Dolomitkeils" miteinander in Verbindung, so daß die gesamte Lagerstätte einen, wenn auch äußerst unregelmäßig geformten, nach SW abtauchenden Erzstock ausmachte, in dem das Nord- Lager 65 m, das Süd-Lager 116 m Teufe erreichte, und dessen NE- SW-Erstreckung ca. 500 m, seine Breite etwa 100 m ausmachte. Für das Süd-Lager war - in seinen Hangend-Partien - der hohe Anteil lettiger Galmeierze ("calamine-terre") von (aufbereitungstechnischer) Bedeutung, wohingegen das Nord- Lager vorzugsweise stückiges kompaktes Galmeierz ("calamine- roche") geliefert hat. Der "Dolomit-Keil" sowie die zahlreichen Dolomit-Partien im Süd-Lager enthielten Galmei-Nester, waren durchzogen von netzartig angelegten Galmei-Trümern?0, waren "zerreiblich wie schwach verfestigter Sand", durch Mangan- Hydroxid schwarz verfärbt und enthielten bis zu 10% Zink! An 30 alter Bergmanns-Ausdruck für erzgefüllte Spalten und Risse im Gestein
22 der NW-Flanke der Lagerstätte verlief im Grenzbereich Erz/ Famenne-Schiefer auf "einige 50 m" eine mit roten und gelben Letten ausgekleidete "Kluft" (wohl eine tektonische Bewegungsfläche), in deren Nachbarschaft der Famenne-Schiefer stark zersetzt und dunkel bis schwarz verfärbt war und Pyrit enthielt Ca. 50 m SW des Süd-Lagers existierte in 75 bis 115 m Teufe ein kleiner isolierter Galmeierz-Körper, der Erzstock "Krickelstein". Mehrere nach SW vorgetriebene Unter- suchungsstollen haben eine Fortsetzung der Gesamtlagerstätte nicht auffinden können. DEJONGHE et al. vermuten, daß die Untersuchungsarbeiten seinerzeit zu früh eingestellt wurden. Das Fördererz wies einige Besonderheiten auf. So zerfiel der "calamine-roche" (das historische Zinkerz am "Altenberg") * nach längerer Lagerung im Freien zu einer feinstückig bis pulvrigen Konsistenz und war deswegen ohne Zerkleinerung weiter zu verarbeiten. Der "calamine-terre" enthielt das Erz in Form eckiger Bruchstücke verschiedener Größe bis hin zu feinkörnigen Fragmenten, alles eingebettet in eine lettige Grundmasse. Diese Letten waren einerseits durch Fe-Hydroxid rotbraun gefärbt, enthielten andererseits auch grüne Eisen- und Aluminium-Silikate. Interessant war die Beobachtung, daß der Galmei oberflächennaher Bereiche karbonatisch entwickelt war und der Anteil kieseligen Galmeis mit der Teufe zunahm; ab 80 bis 855 m war der Galmei ausschließlich silikatisch zusammengesetzt. Die Erzvorräte der in jahrhundertelangem Abbau betriebenen Lagerstätte "Altenberg" lassen sich nur abschätzen. Übereine Volumenberechnung des historischen Tagebaus gelangte BRAUN für das Nord-Lager zu einem Inhalt von 340 000 m3, entsprechend einer Galmeimenge von 20 000 000 Zentnern (entsprechend 1 Million Tonnen), die im Verlaufe des 500jährigen Abbaus bis etwa 1850 insgesamt hereingewonnen wurde. Die daraus ableitbaren Jahresfördermengen (im Schnitt 2 000 t nur) sindsehr gering3!; dabei istjedoch das händische Abbauverfahren früherer Zeiten sowie die ausschließliche Verwendung des geförderten Galmeis zur vorindustriellen Messing-Produktion zu berücksichtigen. 31 Zum Vergleich: Die größte Jahresförderung an Galmei aus dem "Altenberg" Jag 1850 bei 29 993 t Roherz (WINTGENS 1981)
23 Für die Zeit von 1850 bis 1900 stammen verläßliche Zahlen32 von TIMMERHANS (1905). In diesem Zeitraum wurden 1 150 000 t Roherz ("roche" und "terre") gefördert, so daß der "Altenberg" insgesamt mehr als 2 000 000 t Galmei geliefert hat. Davon entfallen auf die Betriebszeit der Vieille Montagne seit 1837 1414328 t Roherz, so daß bis zum Beginn eines industriellen Abbaus und der systematischen Führung von Förderstatistiken am "Altenberg" knapp 600 000 t Roherz abgebaut worden sind. 4.1.2 Zur Technik des Bergbaubetriebs am "Altenberg" Der "Altenberg" ist im Laufe seiner Geschichte bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts europaweit im Zusammenhang mit der zeitgenössischen Messing-Metallurgie bekannt geworden, lieferte er doch aus einer geradezu unerschöpflich erscheinenden Lagerstätte den seinerzeit besten Galmei?3. Darüber äußerte sich schon JOHANNES MATHESIUS?* 1562, ein Zeitgenosse von GEORG AGRICOLA. Im Gegensatz zu anderen historischen Bergbaurevieren, z. B. des Harzes oder des Erzgebirges, ist der "Altenberg" jedoch - was die bergbauliche Seite anbetrifft - nie im Zusammenhang mit montantechnischen Innovationen in Erscheinung getreten. Dieses hing ganzeinfach mit der besonderen lagerstättengeologischen und topographischen Situation an Ort und Stelle zusammen, die einen mehrhundertjährigen übertägigen Erzabbau in Form eines Steinbruchbetriebs ermöglichte. Und auch dieser mußte erst nach etwa 250jähriger Abbautätigkeit in 32 Die bei Schulz und im Bericht des Oberbergamts Bonn von 1902 genannten Zahlen sind widersprüchlich und vermutlich falsch wiedergegeben. Bei den oben genannten Zahlen ist zu berücksichtigen, daß zwar der Abbaubetrieb am "Altenberg" 1884 eingestellt wurde, aber die Aufbereitungs- abgänge früherer Betriebsperioden noch bis etwa 1900 verarbeitet wurden. 33 Im Gegensatz zu anderen Galmei-Bergwerken lieferte der "Altenberg" ein hochhaltiges und praktisch Blei-freies Erz. 34 Johannes Mathesius (1504-1565), ein Freund Agricolas und Luthers, war Pfarrer in Joachimsthal/Erzgebirge und verfasste eine Sammlung von 16 Predigten ("Sarepta..., 1562), in denen er in theologischer Ausdruckweise eine umfassende Darstellung der Berg- und Hüttentechnik des 16. Jh. gab. Georg Agricola (1494-1555), Begründer der Montanwissenschaften und Verfasser des Buches "De re metallica", in dem er das damalige Montanwissen zusammenfasste und welches bis ins 19. Jh.als montanistisches Lehrbuch diente und in viele Sprachen übersetzt wurde.
24 der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts (ab 1562) künstlich durch eine Rösche35 entwässert werden, da inzwischen die Abbau-Teufe für einen natürlichen Abfluß der anfallenden Grubenwässer zu groß geworden war. Es versteht sich deswegen, daß die im Bergwerk eingesetzte Montantechnik noch bis in die 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts weitestgehend auf die Wasserhaltung beschränkt war und dabei von AGRICOLA beschriebene Verfahren nutzte. Gegenstand des historischen Abbaus war das Nord-Lager. Detaillierte Angaben zur Entwicklung des Tagebaus im historischen Rahmen lieferte in umfassender Darstellung FIRMIN PAUQUET (1970, 1990), so daß hier nur kurz darauf eingegangen zu werden braucht. Erste genauere Angaben über die Tagebau-Teufe stammen mit "18-19 fathoms"36, entsprechend 31-34 m aus dem Jahre 1673 von EDWARD BROWN. Bei dieser Teufenlage blieb es bis wenigstens 1832. Der Erzabbau, ob übertage oder später auch zusätzlich untertage, verlief bis in die ersten Jahre der "Vieille Montagne" offensichtlich recht chaotisch, da man ausschließlich als Reicherz den "calamine-roche" abbaute und alles andere, was zugleich beim Abbau anfiel (insbesondere "calamine-terre"), ungeordnet im Übertagebereich der Lagerstätte deponierte. So konnte es geschehen, daß durch unsachgemäße Anlage der einzelnen Abbau-Strossen am Fuße des "Königlichen Hauses"37 (siehe Abb. 11) dieses 1806 in Teilen in den Tagebau abrutschte. Noch 1851 erfolgten Hangrutschungen im Tagebaubereich mit dem Ergebnis, daß auf 8000 t Galmei-Roherz im Nord-Lager 3200 t sterile Berge mitgefördert werden mußten; im Süd-Lager lag das Verhältnis mit 4500 T zu 10500 t noch ungünstiger. Mit den abbautechnischen Fehlern der Vergangenheit hatte die "Vieille Montagne" bis zum Auslaufen des Übertagebetriebs zu tun. Erst mit der absehbaren Erschöpfung des Nord-Lagers wurde auch die Gewinnung des "calamine-terre" erforderlich, was zugleich um 1848 den Einsatz zunächst einfacher aufbereitungstechnischer Verfahren ("Wäsche") notwendig machte. 35 unterirdisch geführter Wassergraben 36 Faden (engliches seemännisches Tiefenmaß) = 1,82 m 37 Das "Königliche Haus” ist in der Zeit zwischen 1596 und 1621 erbaut worden und diente dem königlichen Kontrolleur des Bergbaus am "Altenberg" als Amtssitz (PAUQUET 1970).
25 Mit dem Beginn einer systematischen Abbauführung unter Donys Teilhaber und Nachfolger Mosselman, vor allem aber nach dem Bau der Altenberger Zinkhütte (1835/37) und unter der 1837 gegründeten "Soci&t€ anonyme des Mines et Fonderies de Zinc de la Vieille Montagne" wurde der Tagebau schnell tiefer und erreichte um 1847 eine Teufe von 50 bis 60 m. 1858 schließlich war das Nord-Lager nach über 500 Jahren erschöpft. Aus der Zeit ab 1773 sind etliche Pläne der Bergwerksanlagen erhalten geblieben?8. Daraus und aus den Angaben historischer Beschreibungen und Grubenrisse lassen sich Aussagen zur bergmännischen Abbautechnik im Tagebau machen. Es handelte sich hier um einen Strossenbau (Abbau in stufenförmigen Absätzen von_oben nach unten), der schon den altägyptischen Bergleuten bekannt war (SUHLING 1983) und heute noch das wesentliche Abbauverfahren in modernen mechanisierten Großtagebauen des Erz- und Braunkohle-Bergbaus ist. Im "Altenberg" variierte die Strossenhöhe mit der Qualität der verfügbaren Abbauwerkzeuge und Fördermittel (Abb. 11). Zur Zeit der Brown’schen Befahrung des "Altenberg" waren die Strossen gut mannshoch (auf vielleicht 1.80 m) angelegt, damit das von Hand gewonnene Erz durch die Bergleute von Strosse zu Strosse "über Kopf" aus dem Tagebau herausgeschaufelt werden konnte, um die am oberen Rand stehenden Fuhrwerke beladen zu können. Als "Gezähe" (bergmännisches Werkzeug) dienten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Handwerkzeuge wie Hämmer, Keilhauen, Meißel, Brechstangen, Kratzen und Schaufeln (Abb. 12). Allein schon die Notwendigkeit des regelmäßigen Nach schärfens39, der Reparatur und Neuanfertigung von Werkzeugen machten die Unterhaltung einer Schmiedewerkstatt in Abbaunähe erforderlich. Aus der Zeit ab 1806 ist ein Abbau-Gedinge%0 38 Andieser Stelle sei Herrn Firmin Pauquet aus Kelmis für die Möglichkeit zur Einsichtnahme in sein Privatarchiv und für zahlreiche aufschlußreiche Gespräche herzlich gedankt. 39 Aus historischen Bergbaurevieren ist bekannt, daß ein Hauer auch bei nicht sonderlich hartem Gestein 12-24 "Bergeisen" (eine Art Spitzmeißel mit Stiel) pro Schicht verschlug ! 40 Alter Bergmannbegriff für einen Vertrag, in dem sich der Bergmann zu einer ausgehandelten Arbeitsleistung gegen ein ebenfalls ausgehandeltes Entgelt verpflichtet.
26 s & 3 % 4 SW ! ! ' ! 1 NE EEE a ‚GE RAS ———— == ar 008. 1 Dolomit 200m A DA AN. DER Abb. 11 (1): Galmei-Abbau im übertägigen Strossenbetrieb (umgezeichnet nach PIOT und MURAILHE 1844) 4 u } 3 ES } ; 200 m nf Abb. 11 (2)
; 27 Ay NS % | \ 5 14 7} A | l:83 E j: <| = vl N ) E al | 3 } AB KFN 2) ; A: ? Si 1 dm A A} RES N z “AE Ya 115 Es 11: | Sn LS . & SEE AA :B 5 ( A : E un | N N | \ Fair 5 a f A i Fe 0 7 zZ CS G FI38 KR $
28 überliefert, welches pro Mann und Schicht bei 3 Körben mit je 60 kg Erz lag. Den Einsatz von druckluftbetriebenen Bohrhämmern in den Grubenbetrieben der VM ab 1857 - übrigens erstmals im belgischen Bergbau - hat der Tagebau des Nord-Lagers offenbar nicht mehr erlebt, wohl aber die Verwendung von Sprengstoff (Schwarzpulver) etwa ab 184341. Beides führte zu einer enormen Verbesserung der Arbeitsabläufe beim Erzabbau. Mit der Intensivierung des Abbaus vergrößerte sich die Strossenhöhen auf bis zu 6 m im Jahre 1832. Die Absätze zwischen den Strossen wurden breiter und somit auch tiefere Tagebaubereiche für Pferdefuhrwerke erreichbar. Ab 1833/34 wurde der Erztransport im Tagebau durch den damaligen Bergwerksdirektor Jean-Baptiste Crocq auf schienengebundene * Pferdefuhrwerke umgestellt - eine signifikante Verbesserung der - Fördertechnik. Wie PIOT und MURAILHE berichteten, erfolgte 1844 der übertägige Abbaubetrieb gleichzeitig an 6 bis 9 verschiedenen, auf die einzelnen Strossen verteilten Abbau-Örtern. Jeweils 9 Arbeiter waren pro Abbau eingesetzt. Es wurde mit Schwarzpulver gesprengt (Monatsverbrauch 250 livres, entsprechend gut 120 Kg) und der noch grobklotzige Abschlag von Hand weiter zerkleinert; zugleich wurde das Haufwerk sortiert, bevor es aus dem Tagebau heraustransportiert wurde. Dieses erfolgte auf schienengebundenen hölzernen Kipp-Loren (800 kg Ladekapazität), die BASTINE übrigens 1843 dargestellt hat. Die Gleise waren offenbar die seit 1789 in Europa in Gebrauch gekommenen "Stegschienen mit Kopf" (6 cm hoch und mit Befestigungsschuhen auf Holzschwellen genagelt); dementsprechend muß es sich bei den Laufrädern der Loren um solche mit Spurkranz gehandelt haben. Zum Betrieb der Loren wurden Kinder, bei zu starker Steigung Pferde (maximal 4 im gesamten Tagebau) eingesetzt. Das Erz wurde bis auf die "Plaine"42 vor den Kalzinier-Öfen transportiert, die Berge jenseits der Straße 41 Die erste sichere Nachricht über den Einsatz von Schwarzpulver zur Sprengarbeit im Bergbau stammt aus dem Jahre 1627, und zwar aus Schemnitz im slowakischen Erzgebirge an der Grenze zu Ungarn (SUHLING 1983). Für den "Altenberg" wurde der Einsatz vonSchwarzpulver bereits 1681 zumindest ins Auge gefasst (PAUQUET 1970). 42 Stapelfläche für das Roherz
29 Aachen-Lüttich auf Halde gekippt. Auf eine Lore mit Erzentfielen seinerzeit drei Loren mit Abraum*3, Mit der erreichten Teufe von 50 bis 60 m um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es Probleme mit der bislang praktizierten Methode der Erzförderung durch Pferdefuhrwerke. Zur Umgestaltung auf eine rationellere Verfahrenweise wurde 1847 eine Rampe angelegt, über welche auf 2 Gleisen gleichzeitig jeweils ein mit Erz beladener Förderwagen herauf und ein leerer (bzw. ein mit Material beladener Wagen) abwärts transportiert wurde. Die Förderwagen ihrerseits wurden jeweils auf entsprechend konstruierte, das Gefälle der Rampe ausgleichende Roll-Bühnen aufgeschoben. Der Antrieb am oberen Ende der Rampe erfolgte durch 2 Haspelanlagen, die ihrerseits durch eine Dampfmaschine - die erste am "Altenberg" installierte*4 ! - angetrieben wurden. Der Betrieb dieser Rampe erwies sich - vermutlich wegen unzureichender Förderkapazität der Anlage - aber als uneffektiv, sodaß er 1851 eingestellt wurde. Die Materialförderung über Rampen ist übrigens eine Verfahrensweise, die im historischen hochalpinen Erzbergbau zwischen den hochgelegenen Lagerstätten und den tiefer gelegenen Aufbereitungen sehr verbreitet (so z. B. Goldbergbau in den Hohen Tauern und Blei-Silber-Erzbergbau in den Ötztaler Alpen) und dort bis zur Perfektion entwickelt war. Diese Rampe (vgl. Abb. 3: MAUGENDRE-Lithographie "Moresnet - territoire neutre - Gite Nord & plan inclin6") markiert einen Meilenstein in der bergmännischen Betriebstechnik am "Altenberg". Dieses Bilddokument zeigt den Übergang zwischen mittelalterlicher und neuzeitlicher Montan-Maschinentechnik, nämlich zwischen Wasserrad mit Stangenkunst zum Pumpenantrieb und früher Dampfmaschine zum Antrieb von Fördermaschinen. Desweiteren stellt die Rampe eine Zwischenstufe in der Entwicklung vom - zumeist untertage 43 Hier ist zu berücksichtigen, daß seinerzeit wegen des Erzreichtums der Lagerstätte nur die Reicherze in die Verarbeitung gingen. Wie die weitere Entwicklung am "Altenberg" zeigt, wurden die Halden früherer Betriebsperioden später zum Gegenstand eines "Sekundär"-Bergbaus, als verbesserte Aufbereitungsmethoden zum Einsatz kamen. 44 Über den Typ dieser Dampfmaschine lagen dem Berichterstatter keine näheren Informationen vor.
30 betriebenen - historischen "Bremsberg"45 zur modernen gewendelten Rampe dar, über die heutzutage durch gleislose Fahrzeuge (z. B. gummibereifte und dieselbetriebene Fahrlader) die Förderung mineralischer Rohstoffe über untertägige Teufendistanzen bis zu 100 m und mehr bewerkstelligt werden kann. Die karbonatischen Gesteine des Devon und Karbon im deutsch-belgischen Grenzgebiet - das Nebengestein der hiesigen Blei-Zinkerz-Lagerstätten- sind als natürliche Grundwasser- speicher sehrbedeutsam. Das hängt zum einen mit der ausgeprägten Klüftigkeit dieser Gesteine und dadurch bedingt mit ihrem hohen Kluftvolumen zusammen; andererseits kann sich dieses Grundwasser im Kluftraum der Gesteine in den verschiedenen * langgestreckten Kalkstein-Zügen auf große Distanzen nach dem physikalischen Prinzip der kommunizierenden Röhren46 verbreiten. Diese hydrogeologischen Verhältnisse waren so lange für den Bergbau am "Altenberg" nicht von Belang, wie der Abbau sich oberhalb des Göhltal-Niveaus bewegte, dem maßgeblichen natürlichen Entwässerungssystem an Ort und Stelle. Selbst als aus dem Tagebau das Oberflächenwasser wegen der erreichten Teufenlage nicht mehr auf natürlichem Wege abfließen konnte und 1562 eine Rösche*7 zur Entwässerung in die Göhl angelegt werden mußte, war dieses eine vergleichbar unbedeutende Maßnahme der Wasserhaltung‘8. Mit der zunehmenden Teufe des Tagebaus kam man ab 1628/32nicht mehr umhin, Pumpen zur Entwässerung einzusetzen (PAUQUET 1970). Damit vollzog sich auch am "Altenberg" der 45 Mit deutlichem Gefälle aufgefahrener Grubenbau (Strecke oder Stollen), über den - mit einem Haspel gebremst - Material abwärts (und auch aufwärts) gefördert wird. 46 Dieses Prinzip nutzte im vorigen Jahrhundert die Stadt Aachen beider Anlage ihres ersten städtischen Wasserwerks (durch Siedamgrotzky), welches heute neben mehreren anderen noch immer in Betrieb ist. 47 Diese Rösche, hier "Bergkanal" genannt, ist im Laufe der Zeit immer wieder instandgesetzt worden und heute noch Teil des örtlichen Abwassersystems. 48 Bergmännischer Begriff für die Gesamtheit aller Maßnahmen und Einrichtungen, die notwendig sind, eingedrungenes Grund- und Oberflächen- wasser aus einem Bergwerk zu entfernen.
31 Übergang zur zeitgemäßen Nutzung der Wasserkraft, die sich im Bergbau- und Hüttenwesen der Renaissance in vergleichbarer Weise revolutionär auswirkte wie später die Newcomen”sche "Feuermaschine" bzw. ihre Weiterentwicklung, die Watt‘sche Dampfmaschine. "Wasser hebt Wasser" - damit wurde es möglich, bergbautreibend in größere Teufen vorzustoßen, die mit dem Einsatz von Mensch oder Tier allein nicht mehr erreichbar waren. Der Einsatz von Wasserrädern zum Antrieb von Maschinen hatte in manchen Bergbaurevieren zu damaliger Zeit auch soziale Folgen, wurden hier doch vor allem die als "Wasserknechte" an Handpumpen oder als Wasserheber eingesetzten Bergleute arbeitslos®9, Das erste am "Altenberg" installierte Wasserrad°0 - es war aus Holz gefertigt - wurde durch einen "erfahrenen Pumpenmeister” (Cryn Cryns) aus Eschweiler, dem damaligen Zentrum des einheimischen Steinkohlebergbaus, in Aachen gebaut. Obes, wie BASTINE 1843 zeigt, ebenfalls als mittelschlächtiges Rad°1 betrieben wurde, ist nicht bekannt. Über zum Teil unterirdisch geführte Gräben wurden die notwendigen Aufschlagwässer von der Göhl und dem Tülje-Bach einem unmittelbar am Wasserrad angelegten Teich®2 zugeführt und anschließend mitsamt den herausgepumpten "Hub"-Wässern über den schon erwähnten "Bergkanal" der Göhl wieder zugeführt. Trotzdem dürfte die Versorgung mit dem erforderlichen Antriebswasser in trockenen 49 So waren im berühmten Silbererz-Revier von Schwaz/Tirol in der 1. Hälfte des 16. Jh. in einem Schacht bis zu 600 (!) Wasserknechte im Einsatz, die übereinander auf "Fahrten" (Leitern) im Schacht stehend sich gegenseitig gefüllte Eimer vom Schachtsumpf bis zum oberen Schachtende anreichten. Wegen der hohen Kosten für die Wasserknechte mußte der Schacht 1545 aufgegeben werden, so daß die Grubenbaue ersoffen und erst nach Einbau einer "Wasserkunst" ab 1556 wieder gesümpft werden konnten. 50 Wasserräder als Antrieb für Getreidemühlen sind aus Europa und Asien seit dem 1. Jh. v. Chr. bekannt, fanden aber erst im frühen Mittelalter Anwendung im europäischen Montanwesen (ZIMMERMANN, 1979). 51 Eine genauere Typisierung der historischen Altenberger Wasserräder aufgrund ihrer Beschaufelung ist dem Verfasser zur Zeit nicht möglich. 52 Zumindest in den Plänen des 19. Jh. ist unmittelbar am Wasserrad ein Staudamm mit Stützmauern eingezeichnet.
32 Jahren problematisch gewesen sein>3. Dieses Wasserrad hat BROWN auf seiner Reise 1673 gesehen; es war 1679 in völlig desolatem Zustand, sodaß die Pumpen nicht mehr arbeiten konnten und der Tagebau in seinen damals erzreichsten Partien knapp 6 m hoch unter Wasser stand. 1681 wurde deshalb ein neues (Eichen-) Rad eingebaut, welches aber diesmal an Ort und Stelle gezimmert wurde. Die Art und Weise der Energieübertragung vom Wasserrad auf die Pumpen ist für die erste Anlage nicht überliefert. Das grundsätzliche technische Problem dabei war, eine kreisförmige Bewegung in eine gradlinig gerichtete umzuwandeln. Dieses gelang - und das war eine der bahnbrechenden montantechnischen Anwendungen vermutlich aus der Mitte des 16. Jahrhunderts-mit dem "Krummzapfen"54, in unserem heutigen Sprachgebrauch als Kurbel bekannt. Die vonder Kurbel abgenommene Kreisbewegung eines exzentrisch angeordneten Punktes wurde mit Hilfe von Gelenken in gradlinige, hin- und hergehende Bewegungen umgeformt. Diese mechanische Energie konnte - bei gleichem Standort - direktvom Wasserrad an die anzutreibenden Maschinen (z.B. Pumpen) übergeben werden (Abb. 13). Sie mußte allerdings häufig auch über größere Distanzen übertragen werden. Dieses gelang durch eine wegweisende montantechnische Erfindung, die im übrigen selbst GEORG AGRICOLA offenbar nicht bekannt 53 Es war in europäischen Bergbaurevieren nichts Ungewöhnliches, wenn durch Mangel an Aufschlagwässern für Wasserräder (trockene Sommer z. B.) ganze Grubenreviere absoffen. Die Folge waren verstärkte Bemühungen, durch Anlage von ausgedehnten Teich- und Grabensystemen (z. B. im Harz oder Erzgebirge) eine dauerhafte Versorgung mit Betriebswässern sicherzustellen. Im Falle des "Altenberg" war es 1628/32 so, daß die Wasserentnahme aus dem Tülje-Bach durch eine "Kupfer-Mühle" (gemeint ist damitein Hammerwerk zur Herstellung von Messingprodukten) den Betrieb des neuen Wasserrades lahmlegte. Man war somit gezwungen, alternativ eine Quelle am "Heidkopf" anzuzapfen. Schließlich erwies es sich doch am günstigsten, den Göhl-Bach auf dem Gebiet der Herrschaft des Charles von Dobbelsteyn (Emmaburg) aufzustauen und ihm über eine entsprechende Ableitung zum Tagebau das notwendige Aufschlagwasser zu entnehmen. 4 Die früheste bislang bekannte Anwendung des (in der Antike bereits genutzten) "krummen Zapfens" im Bergbau ist 1550 aus St. Joachimsthal und 1554 aus Schneeberg, beide im Erzgebirge, überliefert(SUHLING 1983, WAGENBRETH und WÄCHTLER 1986).
33 war, nämlich durch eine "Stangenkunst"5, auch "Kunstgestänge”" oder "Feldgestänge" genannt. Damit konnte man Kraft- und Arbeitsmaschinen räumlich getrennt voneinander betreiben. Man kann davon ausgehen, daß die kraftschlüssige Verbindung zwischen Wasserrad und Pumpen auch schon beim ersten Wasserrad am "Altenberg" durch eine Stangenkunst hergestellt wurde. Besonders häufig verwendet wurden Doppel-Feldgestänge (Abb. 14, Fig. III, "Gedoppelte Gestänge"). Aus statischen Gründen betrugen die Abstände zwischen den aufrechtstehenden drehbar gelagerten "Schwingen" 4 m. Jede Schwinge wirkte, da in der Mitte drehbar gelagert, wie ein zweiseitiger Hebel; dieses führte im Betrieb zu einem stabilen gleichgewichtigen Bewegungsablauf deses Doppelgestänges, dessen Gesamtkonstruktion auch als "Schwingenstuhl" bezeichnet wurde (MAGER 1990). Anschaulich dargestellt wird ein solches Doppel-Feldgestänge bei BASTINE 1843. Zum Antrieb von Schachtpumpen mußte am Ende der Stangenkunst ihre schräg oder horizontal gerichtete Bewegung in die Vertikale umgelenkt werden. Diese Richtungsänderung der Bewegung erreichte man mit verschiedensten Konstruktionen, so z. B. mit dem "Kunstwinkel"("Kunstkreuz", "Wendebock" u.a.): Eintechnisch schwieriges Problem stellte die Verbindung zwischen dem bogenförmig schwingenden Ende des Kunstwinkel-Schenkels und der Gerade-Bewegung der Pumpenkolben-Stange dar. Hier verband man - da diese Art von Pumpen nur auf Zug arbeiteten - den schwingenden Kunstwinkel über eine Kette mit der starren Kolbenstange; zugleich erhielt der Kunstwinkel am Ende einen bogenförmigen Aufsatz, den "Krümmling", über den die Kette bei der Pumpbewegung sozusagen "auf- und abgewickelt" wurde (Abb. 15). Mit dieser Konstruktion wurden bereits technische Lösungen realisiert, die später in Form des "Balanciers" (Schwingarm) beim Einsatz der ersten Dampfmaschinen zum Pumpenantrieb zum Tragen kamen. Die beschriebene Art der Kraftübertragung zwischen Wasserrad und Pumpen, die am "Altenberg" höchstwahrscheinlich 55 Diese "Stangenkünste" sind seit wenigstens 1551 nachgewiesen. Sie überbrückten bis zu 1000 Klafter, also 2 km (LUDWIG 1979) und nahmen auf mechanischem Wege im Ansatz vorweg, was heutzutage selbstverständlich ist, nämlich die Energieübertragung über große Strecken (z.B. Überland-Strom- leitungen).
36 seit 1628/32 praktiziert, in jüngeren Grubenrissen immer wieder dargestellt und anschaulich durch BASTINE aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts überliefert ist, war technisch derartig ausgereift, daß in vielen Bergbaurevieren noch bis in die 80er Jahres des vorigen Jahrhunderts Wasserräder und Feldgestänge ganz nor- male Erscheinungen im Landschaftsbild waren. Angesichts erheblicher Reibungsverluste war der Wirkungsgrad dieser Anlagen naturgemäß recht bescheiden, trotzdem wurden sie im 18. Jahrhundert durch die verschiedenen Dampfmaschinen Newcomen'scher oder Watt'scher Bauart kaum verdrängt; selbst im beginnenden 19. Jahrhundert stellten sich Dampfmaschinen im Betriebskostenvergleich nur dort günstiger, wo preiswerte Steinkohle in nächster Nähe zur Verfügung stand (LUDWIG 1979). / CZ > a =. A Abb. 15: Funktionsprinzip von "Kunstwinkel" und "Krümmling”
39 den Kolbenstangen der einzelnen Pumpensätze verbunden war. Auf dieses Schachtgestänge wirkte die von außen zugeführte Antriebskraft des Wasserrades. Im ersten "Altenberger" Pumpenschacht waren 2 in Eschweiler gefertigte Pumpensätze installiert; wohingegen AGRICOLA eine Anzahl von 3 Pumpen über eine Teufendistanz von 20 m als normal angesehen hatte. Als Material für die Herstellung einer solchen "Wasserkunst", insbesondere der Pumpen, diente anfänglich®® wohl vorzugsweise Holz, abgesehen von metallenen (Eisen, Kupfer, Bronze) Drehgelenken in Gestängen oder Blecharmierungen an besonders beanspruchten Stellen. Als Ausgangsmaterial für die wenigstens 2 m langen Pumpenrohre wurden Baumstämme (Eiche, Lärche, Kiefer) genutzt, die mit speziellen Bohrern ausgebohrt wurden. In einer Inventarliste des Bergwerksbetriebes am "Altenberg" aus dem Jahre 180557 sind u. a. 12 Bohr-"Löffel" aufgeführt, wie sie schon bei AGRICOLA zur Herstellung von Pumpenrohren dargestellt wurden; andererseits aber auch hölzerne und eiserne Pumpenrohre. Man kann vielleicht davon ausgehen, daß noch wenigstens bis zum Ende des 18. Jahrhunderts am "Altenberg" Pumpen im Einsatz waren, die weitestgehend nach Konstruktionsprinzipien der AGRICOLA-Zeit (Abb. 18) an Ort und Stelle gefertigt wurden. Möglicherweise verwendete man am "Altenberg" zur Herstellung von Pumpenrohren ebenfalls die naturbedingt sehr gerade wachsenden und leicht bearbeitbaren Stämme der in unserem Raum weitverbreiteten Wild- oder Vogelkirsche, wie es aus dem frühen untertägigen Steinkohle- Bergbau im benachbarten Wurmtal überliefert ist (KALINKA und SCHÜTTEN 1993). In der weiteren historischen Entwicklung wurde, wie PAUQUET feststellte, die Altenberger Wasserkunst mehrfach 56 Erst in der 1. Hälfte des 18. Jh. setzten sich, nicht zuletzt wegen der Möglichkeiteiner paßgenauen Fertigung, allmählich Metalle für die Herstellung von Pumpen-Komponenten durch (MAGER 1993). 57 Für die Überlassung dieses von ihm im Staatsarchiv Eupen aufgefundenen Dony'schen Inventarverzeichnisses bin ich Herrn Alfred Bertha aus Hergenrath sehr verbunden. Dieses Verzeichnis liefert zahlreiche interessante Angaben über den Bestand an Werkzeugen, technischen Installationen, aber auch Gegenständen des täglichen Lebens in einer Bergwerksverwaltung des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
40 [8% ZA A Di Ha ER ‚FON LAY = AAN 3 TEN LE INEZ4 NE, Pre 2 DZ EZ SEAL, TE, > Ce U EZ EZ ZZ PRESS RAN SE AG EZ Adam Zi SD CE AU EZ AN zn PS Ä FW Zar N ED ETTBI SIR 20 Zf EA EN SZ ZU N HER 4 A 7 ERTL EN ESS SS On SEN = / ZZ A OTTO SZ, BEN ZN VAN Jos act {3 SS NE, ES ENT MS SA VS A (N = nl a &N Ss NDS Der Sumpf A. Die Rohre B. Das Schachtjoch C. Der Holz fick oder Saugkorb D. Die Löcher des Stockes E, Das Saugventil im Ring F*3, Das Ausgußrohr GC. Die Kolbenftange H.. Der GrifFT. Der Trichterkolben K. Der Kolben mit runden Löchern 1... Der Kolben mit länglichen Löchern M. Das lederne Ventil N, Kin Arbeiter, der die Stämme bohrt und daraus Rohre macht 0. Ein Schraubenbukrer P. Ein Löffelbohrer Q. Abb. 18: Herstellung, Komponenten und Betrieb einer Saughub-Pumpe (aus AGRICOLA 1556)
42 repariert und sogar vollständig erneuert, so z. B. 1714. In den Jahren 1732/1734 wurde ein neuer tieferer Pumpenschacht abgeteuft und 1789 begann man damit, eine neue zusätzliche Wasserkunst zu errichten, die jedoch erst 1794/1796 fertiggestellt wurde>8, Von ihr als einer "wohlgebauten Kunst" ist anläßlich einer Inspektionsreise des bereits erwähnten Königlichen Oberberghauptmannes GERHARD im Jahre 1818 die Rede (BECKERS 1980). Hier werden technische Details genannt: das Wasserrad hatte eine Höhe von 7,5 m, der Pumpenschacht war gut 39 m tief. Von besonderem Interesse sind jedoch Angaben zur Förderleistung der aus 4 Sätzen bestehenden Pumpenanlage: bei einem Kolben-Hub von 4,5 Fuß (ca. 1,4 m) und 8-zölligen (ca. 21 cm) Pumpenrohren ergibt sich pro Hub eine geförderte Wassermenge von 0,048 cbm. Bei einer durchaus realistischen Anzahl von 10 Hüben pro Minute hätte die Förderleistung dieser Anlage bei knapp 30 cbm/Stunde gelegen. Diese Wasserkunst ist vermutlich diejenige, die BASTINE 1843 dargestellt hat. Die Lage des Pumpenschachtes dieser Wasserkunst mitsamt Wasserrad ist auf allen Plänen des frühen 19. Jahrhunderts wenigstens bis 1847 verzeichnet. Er stand genau im "Dolomitkeil", der von BRAUN (1857) beschrieben wurde und der Anlaß für die (historische) Zweiteilung der Gesamtlagerstätte in ein Nord- und Südlager war. Die SW davon abgeteuften Schächte ("Bure VI - VII" des CROCQ-Plans von 1832) standen im Süd-Lager. Die letzte Wasserkunst am "Altenberg", gebaut in den Jahren 1844/ 45, hatte einen Pumpenschacht bis auf knapp 36 m Teufe; geliefert wurde diese Anlage von der Lütticher Maschinenfabrik Regnier und Poncelet. Mit dem Jahre 1851 endete die über 200-jährige Geschichte des Einsatzes von Wasserkünsten am "Altenberg". Deren Aufgaben in der Wasserhaltung übernahmen von nun (1850) an ganz wesentlich die durch Dampfmaschinen angetrieben Pumpenanlagen, in Einzelfällen aber auch völlig andere Maschinen-Typen wie z. B. "Wassersäulen-Maschinen". (Forts. folgt) 58 Von dieser Wasserkunst sollen Pläne existieren, die dem Verfasser aber derzeit nicht zugänglich sind. In seinem Bericht von 1795 erwähnt BAILLET zwei Wasserkünste, eine mit 3 Pumpensätzen im (alten) 40 m tiefen Schacht, die andere mit 2 Sätzen im (neuen) 45 m tiefen Schacht.
43 Die Zyklopensteine im Hauseter Wald von Alfred Jansen Es ist nicht die Absicht des Verfassers, in diesem Aufsatz eine Auseinandersetzung mit versierten Geologen zu beginnen, noch wollen wir uns in eine detaillierte Abhandlung über die verschiedenen Entwicklungsstadien unserer Erdgeschichte. verlieren. Doch als "Eingeborene" dieses Landstrichs haben wir einnatürliches Interesse daran, bei uns unbekannten oder sonderbar erscheinenden Phänomenen in unserer Umgebung die Frage nach dem "Wie" und "Woher" zu stellen. Diese Fragen sind bestimmt berechtigt im Falle der sog. Zyklopensteine im Hauseter Wald, in der Nähe des Landgrabens, auf der Höhe von Köpfchen. Im Sommer ist diese schöne Waldpartie von Spaziergängern überlaufen; manche werfen im Vorbeigehen nur einen kurzen Blick auf die Sehenswürdigkeiten, andere bekunden mehr Interesse und nehmen die Naturerscheinung - eingehender in Augenschein. "Zyklopensteine" heißen sie seit jeher im Volksmund, und wenn sie auch nicht mit den einäugigen Riesen der griechischen Sage in Verbindung gebracht werden, so soll der Name doch darauf hinweisen, daß wir hier vor Steinbrocken von ungewöhnlichen, zyklopenhaften, d. h. riesigen Ausmaßen stehen. Von einigen werden diese gewaltigen Steine als Spuren der Eiszeit angesehen, wozu konkret der Beweis nicht erbracht werden + kann. Es gab ja tatsächlich in unserer Erdgeschichte einen Abschnitt, der durch Klimaveränderung und Vergletscherung des größten Teils von Europa gekennzeichnet war. Der Anfang dieser Eiszeit liegt ungefähr 600.000, ihr Ende etwa 12.000 Jahre zurück. Unsere Gegend lag am südlichen Rande dieser Naturkatastrophe, war also nicht vollständig unter Eismassen begraben. Auch müssen wir berücksichtigen, daß innerhalb dieser Eiszeit Kaltzeiten mit Temperaturen, die 8 bis 12 Grad unter den heutigen lagen, sich abwechselten mit Zwischeneiszeiten, in denen Klima und Vegetation denen unserer Zeit ähnlich waren. Doch zurück zu unseren Steinen! Sie bedecken ein Areal von mehr als 1 ha und bieten durch ihre unterschiedlichen Größen und Formen ein erstaunliches Bild. Daß es sich um nichts anderes
44 als um Sandsteine, um versteinerte Sandhaufen handelt, wollen wir im folgenden zeigen. EN AL EA SD £ A PA 7 EA , EN Um aber den Werdegang dieses Phänomens deutlich zu machen, müssen wir weiter in die Erdgeschichte zurückgehen. Versuchen wir, uns in das Zeitalter der Oberkreide zu versetzen und blicken wir etwa 100 Millionen Jahre zurück. Was tat sich damals auf unserem Globus? Wir tun uns schwer mit der Vorstellung, daß das Meer verschiedene Male unser Land unter sich begraben hat zu Zeiten, als von uns Menschen noch keine Rede war. Zuerst als tropisch- warmes, austauscharmes Flachmeer im Devon-Karbon-Zeitalter (590-330 Millionen Jahre). Damals war unser Gebiet ein mariner Ablagerungsraum für Sandsteine, Tonschiefer, Steinkohle etc. In diesem Flachmeer finden auch die Kalksteinbänke ihre Erklärung. Eine zweite große Überflutung erlebte unser Raum im Zeitalter der Oberkreide, das vor rund 100 Millionen Jahren beginnt und mit dem Tertiär, vor 65 Millionen Jahren, endet. Im Vergleich zu den 100 Millionen Jahren sind die 2000 Jahre unserer Zeitrechnung nicht einmal ein Bruchteil einer Sekunde! Es ist schwer für den Laien, sich in solch ungeheure Zeiträume hineinzudenken. Als Beweis für sein Verweilen bei uns hinterließ das Meer gewaltige Sandvorkommen, z. B. auf dem Heidkopf in Kelmis oder in der Flög in Hauset.
45 Aber Sand liegt bei uns auch in Form von mächtigen Sandsteinbänken unter der Erde. Sand ist als solcher ein klastisches, d.h. zerbröckeltes, loses Gestein, dessen Einzelteile in Millimetern gemessen werden. Man unterscheidet grobkörnigen Sand (Quarz, Perlsand) und feinkörnigen, Mehl-, Staub- und Flugsand. Das . sandbildende Material ist ein äußerst mannigfaltiges, da die verschiedensten Mineralien und Gesteine, selbst Muscheln und Korallen, durch Zerkleinern Sand liefern können. 03 5 BE RR Bit ) WU {N BO SO ‚A WEN ie De KO ud GE HAN +; Se a A 3 A OS x nakıa N a Die Steine, mit denen wir es im Hauseter Wald zu tun haben, sind feste Gesteine, die fast ausnahmslos durch Verkittung von Sanden entstanden sind und Konglomerate bilden. Am meisten verbreitet sind die quarzigen, kieseligen Glaswacken unddie tonigen Quarzsandsteine. In großen Schichtensystemen ist toniges und quarziges Bindemittel oft nicht auf einzelne Schichten abwechselnd verteilt, sondern vielmehr in der gleichen Schicht anzutreffen. Da nun die Verwitterung die tonigen Sandsteine viel stärker angreift als die verkieselten, entstehen aus dieser unregelmäßigen Verteilung entsprechend den nur schwer angreifbaren verkieselten Schichtenteilen häufig groteske Felspartien. Dies könnte die Erklärung für die Form und Gestalt der Zyklopensteine im Hauseter Wald sein. Eine zusätzliche Verkittung des Sandes erfolgte, als nach Rückzug des Meeres Pflanzenwuchs aufkam, bei dessen
46 Verwesung ebenfalls Mineralien freigesetzt wurden und zur Gestaltung unserer jetzigen Bodenstruktur beitrugen. Die mineralischen Substanzen, die zur Versteinerung führen, sind sehr mannigfaltig; aber es sind immer durch chemische Prozesse gewonnene Lösungen, die das Versteinerungsmaterial ausmachen. Kalkspat, Dolomit, Quarz, Opal und Gips sind nur einige davon. ) n ED A EL DD Versteinertes Holz im Göhltalmuseum Vor rund 20 Millionen Jahren erhielt die Erdoberfläche in unserer Gegend ihr heutiges Aussehen, wenn auch noch in einem Rohzustande, an dem die Erosion durch Wind und Wasser ihre Spuren hinterlassen hat, wovon auch unsere Zyklopensteine nicht verschont geblieben sind. Auf dem nach drei Seiten abfallenden Gelände sind im Laufe der Zeit loses Gestein und Erdreich weggespült worden und zutage traten unsere Buckelsteine; noch waren sie nicht schön und glatt, wie wir sie heute sehen; diese Polierarbeit hat in den letzten Jahrmillionen die Natur übernommen. Am 4. 12. 1993 berichteten die Aachener Nachrichten vom Fund eines mächtigen Sandkonglomerats neben der Grundschule Vaalserquartier, auf einer Höhe von etwa 220 m, ein Beweis
47 dafür, wie tief dieser Stein durch die Unterspülung gesunken ist, liegen doch die Reste der Sandschicht, in der dieser Block entstand, im Vaalser Wald auf einer Höhe von 320 m! Als Findlinge, die durch Gletscherformationen sich hierher verirrt haben könnten, kann man die Zyklopensteine also nicht gelten lassen, da unser Gebiet mehr oder weniger in der eisfreien Zone lag und die Steine daher ganz bestimmt nicht von Süden herangetragen wurden, aber auch nicht aus dem nördlichen Flachland stammen können. Für den Geologen gehören unsere "Zyklopensteine" zu den sog. Aachener Schichten, die der Oberkreide (100 Mio bis 65 Mio J.), und dort wiederum dem sog. Santon zuzurechnen sind. Zu den Sandversteinerungen in unserer Gegend könnte man als Parallele die versteinerten Holzreste erwähnen, die man allenthalben in den Sanddünen der Gegend findet. Einige besonders schöne Exemplare sind in der Eingangshalle des Museums in Neu-Moresnet/Kelmis ausgestellt. In früheren Zeiten hat man auch vielfach gemeint, die Zyklopensteine seien aus dem Weltall auf unsere Erde gefallen; es handele sich also um Meteoriten. Doch für den Aachener und den grenznahen Hauseter bleiben die Steine "Zyklopensteine"! Sollten diese Steinformationen in einigen Millionen Jahren noch immer im Hauseter Waldliegen, was ja angesichts ihrer langen Vergangenheit nicht unwahrscheinlich ist, so werden sie dann bestenfalls durch Wind und Wasser um einige Millimeter abgehobelt sein. Möglich ist aber auch, daß sie dann, von einer dicken Humusschicht bedeckt, längst in Vergessenheit geraten sind. Quellen Meyers Conversations Lexikon Die Lexika von Brockhaus und Herder Gielen, V., Zwischen Aachener Wald und Münsterwald, Markus Vlg., Eupen, 1975, S. 184-186 Herr Felder, Geologe, Maastricht Knapp, Gangolf, Erläuterungen zur Geologischen Karte der nördlichen Eifel, Geologisches Landesamt Nordrhein- Westfalen, 2. Aufl., Krefeld 1978, S. 80-83 Richter, Dieter, Dr., Aachen und Umgebung / Nordeifel und Nordardennen mit Vorland, Sammlung geologischer Führer, hrsg. von Franz Lotze, Ausgabe 48, Gebr. Bornträger, Berlin-Stuttgart 1975, S. 56-58. Fotos vom Verfasser.
48 Datt Dröppke Win! von Jakob Langohr Ech wor wie ech kleng, änn datt es wuhr, ne brave Deenjong obene Chur, frodde ming Mamm: "Wie schmackt mäe Wiin?" Du saht se: "Kenk, lott datt mäe sie, denn wenn ech datt esue rechteg senn, es dow bestemmt ene Düvel dräe." Ömm Posche, ech weet et noch wie hüj, van et Huchamt jonge no hehm de Lüj, jong ech nojen Sakrestej eräe, dow stong e Kännche klitzekleng. Ech daht e minge domme Sähn, dow es vielleicht e Dröppke dräe, probeer et mäe, döch mäer ens kohre, dow bruks jo jenge Minsch te frore. Ech wor at rechteg ut der Ohm, kohm met de Tong net obene Bohm, mäe weil ech wor ene klenge Schlaue, datt Kännche e witschke schräg gehauwe, änn met ming Tong, die langk änn spetz, en datt Kännche römmgeschnützt. Der Köster trof mech eje Geneck, hauw bo datt Kännche metverschleckt, et knalldene wie en Makaiestöet, en ech, ech schlog de Tummelöet. E saht: "Watt maks dow do, ondöje Vennt?" Ech sog at Höllevüer, datt brennt, sog mech onde Wagels döjje, met Kohl va Battice, dä ant jlöjje, datt Schnuvvele an datt Kännche Wiin, ech jlöv, datt woet mech rechteg düer.
49 Now kom der Lihrer, dä hof dropp, hauw Knubbele an der ganze Kopp. Ech bände vofftie Ruesekränz änn noch en Letenej, änn daht, wenn ech datt met dä Wiin mäe net gedue höj! Soht ajen Modderjotts en Käez, en janze kleng, eng va bej Schmetz, die Käez wor dönn, datt wor net schönn, mäe ech hauw net vöhl Zentime kleng. Der Wäg now no der Herr Pastur, ech dong mech rechteg schaame, ech merkde jett, wor weneger bang, singe Ölm, dä wor ant schwaame. Pastur saht: "Minge leeve Jong, leck net mie Wiin af met de Tong, söss könnt der Luzifer dech hohle, da könns de onde ajen Kohle, esu jett moss de net mie due, änn datt es alles, now kanns de jue." Ech frodde mech wahl, wie kann datt sihe, now bes de jenge Düvel mie, änn daht, nee, nee, hej op de Welt, dow jett et janz döll Saake, now wets de wahl noch ömmer net, wie e Dröppke Wiin deht schmaake. Hüj ben ech er sövvenzech änn e paar mie, hann lang Tied jenge Wiin besihe, wenn ech kohm, wue Pastur Schihrer es, datt wor der Allerbetste, how ech et janze Reesgeld dropp, drenk Wiin met em van der Betste.
50 .. ° ° Bürgermeister in bewegter Zeit von Alfred Bertha Aufdie Geschehnisse im Limburger Land im Zusammenhang mit der sog. Brabantischen Revolution wurde in dieser Zeitschrift bereits eingegangen (1). Obschon der Aufruhr im Gebiet der Bank Walhorn nur wenig Resonanz fand, waren die damit verbundenen Truppenbewegungen doch mit erheblichen Belastungen für die Bevölkerung verbunden: Quartiere für die Truppen mußten be- reitgestellt, Futter für die Pferde herangeschafft, Fuhrwerke zur Verfügung gestellt werden. Bezahlung der entstandenen Unkosten wurde zwar zugesichert, blieb aber häufig aus. + Für die Bürgermeister unserer Dorfgemeinschaften war dies alles mit einem erheblichen Aufwand an Mühe, Zeit und Kosten verbunden. Über die bei der Bankverwaltung eingereichten Spesenrechnungen versuchten sie, für ihre außergewöhnliche Mühewaltung entschädigt zu werden. An dieser Stelle möchten wir etwas näher auf die Spesen- rechnung des Hauseter Bürgermeisters Hubert Timmerman ein- gehen. Sie beginnt mit der Ankunft der ersten regulären kaiser- lichen Truppen in unserem Gebiet, am 5. November 1790 (2), und endet mit dem 28. Februar 1793. Dazwischen liegen der erste Einmarsch der Franzosen, am 16. - 17.12.1792, und die bis zum 2. März 1793 dauernde erste französische Besatzungszeit. Die dem Bürgermeister für seine kriegsbedingte Mühe- waltung zustehende Entschädigung wird in lütticher Gulden an- gegeben. Im Text in Schägschrift wiedergegebene Passagen sind (1) S.F. Pauquet: Die Revolutionsjahre 1789-1794 und das Limburger Land, in "Im Göhltal", Nr. 46, S. 52-71, Nr. 47, S. 15-42 und Nr. 48, S. 9-39. (2) VonJanuar bis August 1790 waren mehrmals sog. Patrioten, d.h. Aufstän- dische, im Eupener Land, wo sie sogar Rekruten warben. Am 3. August wurden 600 dieser Patrioten aus ihrem Lager bei Eupen von 85 kaiserli- chen Husaren, Dragonern und "Fußgängern" vertrieben. Am 13. August, so schreibt der Euper Tuchscherer Arnold Breuer, liefen die Patrioten wie die Spitzbuben aus Herve weg und Freiwillige belegten das ganze Gebiet bis zur Grenze des Fürstbistums Lüttich. Am 5. November 1790 schließlich kamen die ersten kaiserlichen Grenadiere in Eupen an. Ulanen zogen in Richtung Henri-Chapelle und Coburger Dragoner auf Limburg zu. | NASSEN TEEN
51 wörtliche, z.T. in Übersetzung wiedergegebene Auszüge aus den in "Brabantisch" abgefaßten Spesenrechnungen, die allem An- schein nach vom Gemeindeeinnehmer redigiert und chronolo- gisch geordnet wurden. 5. Nov. 1790: Auf Befehl des Herrn Kommissars Wunsch den Einwohnern mitgeteilt, sich auf die Aufnahme der königl. - kaiser]l. Truppen vorzubereiten. Dafür habe ich mit dem Mitbürger- meister Walraff 3/4 Tag gebraucht. Rechne dafür nur 1-10-0. 20. Nov.: Auf Wunsch der Quartiermeister der k.-k. Ulanen nach Eynatten gewesen und dort vernommen, daß unsere Gemeinde Einquartierung bekommen soll. So hat er den Tag mit der Be- sichtigung der Quartiere und dem Herrichten der Ställe zuge- bracht. Dafür 2-0-0. 22. Nov.: Einen halben Tag damit beschäftigt gewesen, die Karren und die Zugpferde für die Fahrt ins Lager zu besorgen. 24. Nov.: Ein Leutnant der Coburger Dragoner ist mit zehn Gemeinen gekommen. Wir haben sie sogleich einquartiert. Nach- dem sie etwa zwei oder drei Stunden im Quartier waren, sind sie nach Eynatten gezogen; so haben die Bürgermeister die Dragoner in ihren Quartieren abholen und nach Eynatten bringen müssen... 1-10-0. Am selben Tage abends einen französisch geschriebenen Brief empfangen, den er nicht verstehen konnte; so ist er damit nach Astenet gegangen zum Bürger Birven, um denselben übersetzen zu lassen und zu erfahren, was darin stand. Also hat er erfahren, daß Karren besorgt werden mußten, um ins Lager zu fahren. Die ganze Nacht über mit dem Mitbürgermeister damit beschäftigt gewesen, diese Karren zu bestellen... 4-0-0. Am25.Nov. sind die Ulanen angekommen und er hat einen halben Tag damit verbracht, dieselben einzuquartieren... 1-0-0. Am 27. Nov. sich nach Henri-Chapelle ("Hendricx Capel") zum Kommissar Daelen begeben, um zu fragen, weshalb die am 18. Nov. weggefahrenen Karren nicht zurückgekommen sind. Der Herr Kommissar Daelen hat ihn dann gebeten, am nächsten Tag zurückzukommen. Am 28. Nov. also wieder nach Henri- Chapelle und der genannte Kommissar hat ihn bis zum nächsten Tag warten und ihm sagen lassen, er bekäme dann weitere Informationen. So mußte er dort über Nacht bleiben. Anderen Tags hat der genannte Kommissar befohlen, zwei weitere Karren
52 zur Verfügung zu stellen für eine Fahrt nach Chainee... 6-0-0. Am 3. Dezember wurde der Bürgermeister wieder durch einen Boten nach Henri-Chapelle bestellt, um über die am 23. Nov. zur Verfügung gestellten und bislang nicht zurückgekehrten Karren zu beratschlagen. Da dieselben sich noch im Lager befanden, wurde beschlossen, Timmerman mit einem Brief an den Kommis- sar Devigneron zu schicken und mit einem weiteren an den Kommissar Beckmeester zu Lüttich, um zu erfahren, wo die Karren sich befänden. Da der Bürgermeister die französische Sprache nicht verstand, war er gezwungen, einen Dolmetscher mitzunehmen, und zwar Gerard Daelen. Bei ihrer Ankunft in Hervetrafen sie Math. Wilh. Bischoff, der dann gebeten wurde, an Stelle des gen. Daelen mitzugehen, um das Wohl der Gemeinde - gemeinsam zu verteidigen, dies umso mehr, als sich der Bruder des genannten Bischoff bei einem der requirierten Fuhrwerke befand. So hat der Bürgermeister über Nacht dort bleiben müssen. Für zwei Tage... 6-0-0. Für den Gang nach Chainege und von dort nach Lüttich und, da sie auch dort nichts erfahren konnten, weiter nach Brabant, Namür usw. mußte der Bürgermeister, wie mit beiden abgemacht, 3 Gulden und 5 Stüber pro Tag zahlen. Da beide 9 Tage unterwegs gewesen waren, kostete die Nachforschung nach den verscholle- nen Transportkarren 28 Gulden und 15 Stüber. Am 16. und 26. Dezember war der Bürgermeister wieder mit der Quartiersuche für die Ulanen beschäftigt, und zwar jeweils einen halben Tag. Da diese in Hauset vom 25. November 1790 bis zum 16. Januar 1791 einquartierten Ulanen keinen Korporal bei sich hatten, waren die Bürgermeister vom Leutnant aufgefordert worden, jedesmal bei einer Fahrt ins Lager nach Eynatten da- beizusein. Fünfzehnmal waren sie so nach Eynatten gefahren, hatten Fourage geladen und diese unter die Truppe verteilt, was jedesmal einen halben Tag kostete und mit 15 Gulden in Rechnung gestellt wurde. Am2. Januar 1791 mußte der Bürgermeister wiederum nach Henri-Chapelle zum Kommissar Daelen, um die Liste der der kaiserlichen Armee gelieferten Karren und Zugpferde mit der des Kommissars zu vergleichen. Er stellt dafür 3 Gulden in Rechnung. Am 24. Januar schließlich treffen wir Timmerman beim Leutnant der Ulanen in Eynatten, wo er sich um die Quittungen für
53 die zum Fahren der Fourage zur Verfügung gestellten Karren bemüht, was ihn einen halben Tag kostet und mit 1 Gulden und 10 Stüber entschädigt werden müßte. Nach dem 16. Januar 1791 kehrt Ruhe in Hauset ein. Die Ulanen sind abgezogen, vorerst gibt es keine neuen Einquartierungen. So blieb es bis zum 19. November des folgen- den Jahres. Die internationale Lage spitzte sich inzwischen zu. Die Truppen der Franzosen hatten die Schlacht bei Valmy (20.9.1792) . gewonnen. Die Kaiserlichen waren im Rückzug. Als Durchzugs- und Aufmarschgebiet konnte unsere Heimat nicht außerhalb des Geschehens bleiben. So kamen am 19. November 1792 vier Quartiermeister des Regimentes London mit einem Brief des Kommissars Wunsch. <) AB | Ye a A ? EEE Mic? ten älted Bi hen ee (a 7dee? PneclEef A’ Bey GEN. ® it V CORE BEA Gen 7 Cem EEE dA VRR N EN EI Cac/ Mein den (Ede (sc Ho ana ogen WC GREEN BEER ED Äbin@ } Zi DASS > AB , Zeug A trleen dh Sa 9 SE Al a WO LEERE ‚ul Van ER Ze Beh FE A S co; 7 . IR De ZW C IL VE en Leon DIR Le & S F 5 Ver nemet A084 Onckoan Ak Z/, N fe Z 5 A She un KEY Ann A cf Y ‚ A ierie Gras fen EA 2 Pic Ya VÖ LU ER S . CA 5 D. e Pu A a AB nen Ar Yiherwen) Bl Sl Az ? > > S SEN = Sl iea el re £ h en N iR DA "Der 19 9bris arriveerden vier quartier meesters vant Reg. London ..."
54 Den französisch geschriebenen Brief mußte Bürgermeister Timmerman sich erst in Eynatten beim Schöffen Kessel überset- zen lassen. Es war die Aufforderung an den Bürgermeister, Truppenquartiere vorzubereiten, Einen ganzen Tag war Timmerman mit dem Fourrier des Regiments unterwegs, wofür er 2 Gulden berechnet. Auch den ganzen folgenden Tag, nachdem die Soldaten in Hauset angekommen waren, mußte Timmerman mit der Einquartierung verbringen. Am Abend des 20. November brachte man ihm einen in französischer Sprache geschriebenen Brief des Kommissars Wunsch. Wieder hieß es, denselben durch den Schöffen Kessel in Eynatten übersetzen zu lassen. Es handelte sich um den Befehl, "Rationen ins Depot nach Herve zu liefern". So war Timmerman am 21. November damit beschäftigt, diese (Futter-) Rationen zusammenzustellen und die für den Transport derselben not- wendigen Fuhrwerke zu bestellen. Am 25. November ließ ihn der Leutnant zu sich kommen wegen der Heu- und Hafervorräte, die die Truppen des Regiments London bei ihrem Abzug mitnehmen wollten. Timmerman mußte die Rationen auf die Einwohner umlegen, sie binden und Fuhr- werke für den Transport besorgen. Er verlangte 2 Gulden Ent- schädigung für den darauf verwandten Tag. Sogar beim Aufladen der geforderten Rationen mußte der Bürgermeister selbst mit Hand anlegen. Man benötigte einen halben Tag. Am 28. November kamen zwei Soldaten, die alle verfügba- ren Karren requirierten, "um die Kranken von Eupen nach Köln zu transportieren". Die ganze Nacht war Bürgermeister Timmerman von Haus zu Haus unterwegs, um den Befehl auszuführen; 2 Gulden verlangte er als Entschädigung. Wie wir aus anderer Quelle wissen, befanden sich seit dem 18. November etwa 700-800 verwundete kaiserliche Soldaten in Eupen, von wo sie am 29. November 1792 nach Köln gebracht wurden. (Tagebuchaufzeichnungen des Arnold Breuer, Eupen). Am 27. November hatten die Kaiserlichen und die Franzo- sen sich jenseits Lüttich eine Schlacht geliefert. Die Kaiserlichen mußten bis diesseits Lüttich zurückweichen, Auf beiden Seiten hatte es viele Tote gegeben. Trotz heftigem Widerstand der Kaiserlichen kam die Front immer näher auf unsere Heimat zu.
55 Am 29. November hatten sich die Franzosen schon Herve genä- hert. Am 6. Dezember kam es erneut zu Kampfhandlungen zwischen Lüttich und Herve, wobei die Franzosen zurückgetrieben wurden und zwei Kanonen verloren. Schon am 11. Dezember kam es zu erneuten Gefechten, diesmal bei Verviers und Dison. Viele Franzosen fielen, während die Kaiserlichen nur zwei Mann ver- loren. Dennoch mußten sie der Übermacht der Franzosen weichen und sich bis Henri-Chapelle zurückziehen. Immer mehr wurde nun Aachen Sammelplatz der zurückflutenden kaiserlichen Truppen. Schon am 1. Dezember hatte Bürgermeister Timmerman Befehl erhalten, Fourage nach Aachen zu liefern. Wieder mußte er die geforderten Rationen auf die Einwohnerschaft umlegen und die nötigen Fuhrwerke besorgen, womit er einen ganzen Tag beschäftigt war. Am nächsten Vormittag half er beim Aufladen der gelieferten Rationen. Den ganzen Nachmittag bis spät in die Nacht war der Bürgermeister dann mit der Quartiersuche für ein Korps Dragoner des Regiments Latour auf den Beinen. Am 3. Dezember verlangte man wiederum, Heurationen ins Aachener Lager zu liefern. Dem Bürgermeister blieb keine andere Wahl, als dafür zu sorgen, daß die geforderten Mengen nach Aachen geschafft wurden. Als das Futter am nächsten Tag ab- geliefert wurde, wartete Bürgermeister Timmerman auf die Quittung und die Bezahlung. Man ließ ihn bis zum nächsten Tag warten, "ohne jedoch die Bezahlung erhalten zu haben". Am 5. Dezember bemühte er sich wieder beim Kapitän und dem Ritt- meister des Latour-Korps um die Quittung, doch wieder vergeb- lich. So begab er sich nachmittags erneut nach Aachen, um das Geld für die gelieferten Rationen Heu und Hafer zu kassieren. Erst spät in der Nacht kam er wieder nach Hause; ob seine Bemühungen Erfolg gehabt hatten, ist nicht angegeben, doch da der Bürger- meister am 11. von Haus zu Haus geht, um genau aufzuschreiben, wieviel jeder an die Dragoner geliefert hatte, kann man anneh- men, daß die Bezahlung noch ausstand. Als der Bürgermeister am 7. Dezember einen Brief des Kommissars Wunsch erhielt, mußte er nach Eynatten zum Schöffen Kessel, denselben übersetzen zu lassen. Das "Magazin" in Aa- chen verlangte eine Lieferung Brot. So ging Timmerman am nächsten Tag "bij de Baeckers om te hooren, of sij konden t'noodig
57 Am 17. Dezember kamen die Franzosen. Doch Bürgermei- ster Timmerman scheint die allgemeine Aufregung nicht zu teilen. Er läßt an jenem Tag die 250 in Aachen bestellten Brote abholen und sie anschließend unter die Hauseter Bevölkerung verteilen. Da die Husaren Aachen in Richtung Köln verlassen hatten, begab sich der Bürgermeister am 18. Dezember nach Walhorn zu Rechtsanwalt Lamberts, dem er die Quittungen für die Husaren übergeben und den er beauftragen wollte, in Köln sich um die Bezahlung zu bemühen. Da Lamberts nicht anzutreffen war, mußte der Bürgermeister den ganzen Tag in Walhorn warten, doch vergebens. Am 20. Dezember begibt sich Timmerman erneut nach Walhorn zum Rechtsanwalt, dem er dann die Quittun- gen aushändigt. Die Entschädigungsforderungen des Hauseter Bürgermei- sters für Mühewaltungen im Dienste der kaiserlichen Truppen werden mit der Ankunft der Franzosen unterbrochen. Mit der Wiederkehr der Österreicher im März 1793 wird der Bürgermeister noch einige Male in Anspruch genommen, so am 12., am 19. und am 22. März, wo er auf Anordnung des Kommissars Lamberts dreimal nachts Fuhrwerke für die Kaiserlichen requirieren muß. Die letzte Eintragung ist vom 21. April 1793, wo Bürgermeister Timmerman kroatische Scharfschützen von Eynatten abholen und in Hauset Quartiere für dieselben herrichten ließ. Auch für die Franzosen mußte Bürgermeister Timmerman manchen Gang tun. Am 10. Januar 1793 kam der Befehl, Heu und Hafer für die Armee nach Verviers zu liefern. Der Bürgermeister berief daraufhin eine Einwohnerversammlung ein und beriet mit den Leuten über die Forderung. Am nächsten Tag wurden die verlangten Rationen zusammengebracht, gewogen und aufgela- den. Der Transport nach Verviers, am 12. Januar, kostete einen ganzen Tag. Die Fuhrwerke machten sich morgens um fünf auf den Weg und erst nach elf Uhr abends waren sie wieder in Hauset. Die Bezahlung erwies sich auch jetzt wieder als ein besonders schwer zu lösendes Problem. Timmerman begab sich am 14. nach Walhorn zum Herrn Priem, da dieser von den Franzosen zur Weiterleitung der Lieferforderungen angeschrieben worden war. Am selben Tag kamen neue Forderungen: Dragoner aus Aachen verlangten Heu. Timmerman machte mit einem der Dragoner die
58 Runde durchs Dorf und bereitete die Heurationen zum Ab- transport vor. Am 15. Januar brachte der Bürgermeister die Futterlieferung nach Aachen, wartete auf die Empfangs- bescheinigung und kam erst abends um 10 nach Hause zurück. Wegen der Bezahlung mußte Timmerman am nächsten Tage wiederum nach Aachen, wo er die Lieferungsbescheinigungen dem Greffier Loop übergab, damit dieser die Sache in die Hand nehme. Da die nach Verviers gelieferten Rationen ebenfalls noch unbezahlt waren, begab sich Timmerman am 18. erneut zum Herrn Priem in Walhorn, um Näheres zu erfahren. Am 22. war er wieder in Aachen beim Greffier Loop "om te hooren, ofte de Rationen betaelt waren". Von dort begab er sich nach Astenet zum "Bürger" Dobbelstein; da Hauseter Bürger Eigentum auf Asteneter Gebiet und umgekehrt Asteneter Bürger Grund und Boden auf Hauseter Gebiet besaßen, galt es, eine zufriedenstel- lende Regelung bezüglich der fälligen Abgaben zu finden. Das Walhorner Land war in den vergangenen Monaten so oft zu Lieferungen verpflichtet worden, daß Timmerman und Dobbelstein beschlossen, am 23. Januar nach Eupen zu gehen und den General zu bitten, von weiteren Lieferungen befreit zu wer- den. Die Franzosen zeigten sich jedoch wenig einsichtig, denn schon am 25. kam der Befehl, Heu, Hafer und Stroh nach Eupen zu liefern. Bürgermeister Timmerman begab sich daraufhin nach Eynatten, um mit Herrn Kessel zu beraten "over de Gronden (= Grundbesitz) , soo d’inwoonder van Eynatten onder Hauseth ende vice versa hebben". Sodann regelte er die Frage, wieviel jeder abzuliefern habe. Am darauffolgenden Tag begab er sich wiederum nach Aachen zu Loop, "om de Betaalinghe van de Livrantie", aber die Bezahlung stand noch aus. Am 28. Januar besorgte Timmerman die geforderten Rationen Heu, Hafer und Stroh nach Eupen. Mit dem Lieferschein ging er am folgenden Tag nach Aa- chen, zum Herrn Loop, "om de Betaelinghe te halen van gedaene Livrantiens". Ob mit Erfolg, ist nicht erwähnt. Zusammen mit dem Eynattener Bürgermeister Kessel wurde am 30. Januar die Aufteilung der Abgaben unter Hauset und Eynatten besprochen. Nur ein einziges Mal erwähnt der Bürgermeister, daß er mit der Auszahlung der Gelder für erbrachte Lieferungen beschäftigt gewesen ist. Es war dies am 1. Februar 1793. Timmerman war erst
59 nach Walhorn gegangen, hatte dort die eingegangenen Gelder kassiert und war dann bis in die Nacht hinein zusammen mit seinem Eynattener Kollegen Kessel im Haus des Steffen Raedermecker, wahrscheinlich einer Gastwirtschaft, mit der Auszahlung beschäftigt. Weitere Lieferungen von Heu und Hafer ins "Magazin" nach Eupen kosteten Timmerman am 9. Januar wieder einen ganzen Tag Vorbereitungsarbeit. Am 14. wurden die Rationen nach Eupen geschafft; am 28. bemüht sich Timmerman dortselbst um den "Bon", die Lieferbescheinigung, die bei Zahlung vorgelegt werden mußte. Damit endet die Aufstellung des Hauseter Bür- germeisters Timmerman. Für all seine vielen Demarchen und Bemühungen stellte er 176 Gulden und 10 Stüber in Rechnung. Da die Österreicher Anfang März 1793 wiederkamen und bis September 1794 im Lande blieben, ist es möglich, daß Timmerman für seine Mühewaltung im Dienste seiner Gemeinde entschädigt worden ist. Unterlagen darüber besitzen wir nicht. Dort liegt jedoch auch nicht das Hauptinteresse dieser "Spesenrechnung". Diese zeigt vielmehr exemplarisch am’ Beispiel eines kleinen Göhltalortes, welche Opfer der Dorfgemeinschaft in der kurzen Zeitspanne von November 1790 bis März 1793 abverlangt wor- den sind. Wir wissen aus weiteren Unterlagen, daß die zweite französische Besatzungszeit (1794-1814) noch ungleich größere Opfer, diesmal auch an Menschenleben, gekostet hat. Quellen; Früher Staatsarchiv Lüttich, Gerichtshof Walhorn 216 A. Die inzwischen vom Lütticher Staatsarchiv an Eupen abgegebenen Akten sind noch nicht klassiert und vorerst noch ohne AZ.
60 Ich erinnere mich noch ... von Peter Claes Die ursprüngliche Heimat ist eine Mutter, die zweite eine Schwiegermutter. (Russisches Sprichwort) Die verdrießlichen Jahre (1914-1918) Im Monat Januar des Jahres 1913 habe ich in Neutral- Moresnet (1) das Licht der Welt erblickt, und zwar im Schatten des damaligen Elektrizitätswerks der "Vieille Montagne" und nur - einen Steinwurf von der Göhl entfernt. Das Elternhaus war das damalige Haus Schoonbrodt, heute Lütticher Straße 305. Doch dieses weiß ich nur aus den Standesamtsregistern ... Mein Urgroßvater väterlicherseits, Joannes Baptist Claes, stammte aus Webekom bei Diest und hatte sich Mitte des vorigen Jahrhunderts in Altenberg niedergelassen. Peter Königs, Kustos der Rochuskapelle in "Kelemes", im Urkernder heutigen Ortschaft, war mein Großvater mütterlicherseits und zugleich mein Pate. Meine Patin, die Mutter meines Vaters, war Maria Schillings und war eine Nachkomme des letzten Drossards der Bank Montzen, nämlich Nicolaus Schillings' (1729-1794). Von meinen ersten Lebensjahren weiß ich natürlich nichts zu berichten. Die frühesten Erinnerungen entstammen der Kriegszeit. Der Großvater stand als Bahnwärter im Dienste der belgischen Eisenbahn und wohnte am Bahnübergang im "Hof". Nachdem ihn die deutschen Besatzungsbehörden ausgewiesen hatten, fand er Unterkunft etwa 100 m weiter auf dem Bauernhof Pelzer, auf belgischem Boden. Weil es jedoch den Einwohnern Neutral-Moresnets untersagt war, die Grenze nach Belgien zu überschreiten, konnte ich meine Großeltern nicht besuchen, da alle Grenzübergänge von deutschen Posten bewacht waren. Diese Zusammenhänge habe ich allerdings erst viel später erfahren und begriffen. Woran ich mich noch gut erinnere ist, daß mein Vater mich bei völliger Dunkelheit über eine Hecke einer anderen Person, wahrscheinlich meinem Onkel, überreichte. So kam ich zu meinen Großeltern, wo ich einige Tage verbrachte und die Welt von einer anderen Seite sah. [ET SENSE SAN
61 Ganz in der Nähe des Hauses Pelzer befand sich die große Baustelle des Moresneter Viadukts, wo unzählige russische Gefangene im Einsatz waren. Nachträglich habe ich ein anderes Russenlager am Breitenstein gesehen, das von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben war. Zweiandere Szenen ausder Kriegszeit sind inder Erinnerung haften geblieben. Sie spielten sich im Lindenweg ab. Dort wurden in einem Schuppen Kartoffeln und Speck an die Bevölkerung ausgeteilt; es hieß, diese Lebensmittel hätten die Vereinigten Staaten von Amerika den "Neutralen" zukommen lassen. Ich erinnere mich gut, mit einer Frauensperson dort Schlange gestanden zu haben. Das andere Ereignis spielte an einem Sonntag, als es zur Vesper, der um 15 Uhr stattfindenden Andacht, läutete. Ich war in Begleitung eines Mädchens und habe im Straßengraben einen erschossenen Mann liegen sehen, der von vielen Neugierigen umringt war. Allerdings habe ich nie Näheres darüber erfahren. Aneinem anderen Tage gingen wir scharenweise zum Hergenrather Feld, wo ein Militärflugzeug niedergegangen war. Als schließlich im November 1918 der Krieg zu Ende war, war ich fünf Jahre alt. In lebhafter Erinnerung ist der Rückmarsch der deutschen Truppen geblieben. Meine Eltern hatten nämlich im April 1914 den "Bruch" verlassen und auf der Hasardstraße (heute Lütticher Straße 222) ein Geschäft (Zuckerwarengeschäft?) eröffnet. Diese außergewöhnliche Lage erlaubte es mir; Film und Theater sozusagen am laufenden Ausgabe zu erleben. ‚Fast den ganzen Tag stand ich vor dem Haus, um mich an dem Schauspiel der vorbeiziehenden Truppen zu ergötzen. Unaufhaltsam zogen Lastwagen, Dampfwalzen, Lokomobile, Kanonen, Feldküchen sowie Rotten müder Soldaten und erschöpfter Pferde auf die nahe Grenze zu. Manchmal rasteten die Kolonnen und dann kam es schon mal vor, daß ein gutmütiger Soldat uns Kindern Zwieback schenkte. Kurz darauf folgten die Sieger, d. h. belgisches, französisches, englisches und sogar amerikanisches Militär, um Deutschland zu besetzen. Nur verschwommen sind die Erinnerungen daran, mit Ausnahme einer peinlichen Szene, die meinen deutschen Großvater betraf. Er war bei uns zu Besuch und hatte sich den Schaulustigen zugesellt. Als unvermittelt eine Militärkapelle die "Brabanconne", d.h. die belgische
64 Klasse, die beim Gastwirten Franz Schoenauen, unserem direkten Nachbarn, eingerichtet wurde. Nie mehr habe ich einen so kurzen Schulweg gehabt wie damals. In dem engen Raum saßen wir zu 30-40 Schülern zusammengepfercht. Für Schüler, Lehrpersonen und Eltern war jedoch der ständige Standortwechsel das Unangenehmste. Je nach den Gegebenheiten mußte der Klassenraum nämlich von Zeit zu Zeit gewechselt werden. Auch im Tanzsaal Grosch habe ich die Schule besucht. Dieser befand sich in der Patronagestraße-Ecke Albertstraße. Heute noch kann man über dem Eingang die Inschrift "Restaurant Coonen" lesen. Sonderbar war hier, daß wir die Pausen auf dem Hof der "Patronage" verbringen mußten. In Reih und Glied marschierten wir hin und zurück! . Im Pfarrsaal, der Patronage, haben wir in einer regelrechten Klasse von Schwester Thoma, einer der "weißen" Schwestern, Unterricht bekommen. En A Die Pavillons
65 Die meisten Hosen habe ich jedoch in den sog. Pavillons verschlissen. Das waren die ersehnten neuen Schulgebäude: drei langgestreckte Bauten, die je vier Klassen enthielten. In einem dieser Pavillons waren vier Mädchenklassen untergebracht, während die Jungen die beiden anderen belegten. Der ganze Komplex lag dort, wo sich heute das C&sar-Franck-Athenäum befindet. Pfarrer Franz Scherrer hatte diese Baracken am 11.11.1922 im Rahmen ziemlich großer Feierlichkeiten und im Beisein des ersten Nachkriegsbürgermeisters Pierre Grignard eingesegnet. Die beiden letzten Schuljahre, die Klassen 7 und 8, sind dann in das ehemalige Dominikanerinnenkloster verlegt worden (-hier steht heute die Gendarmerie-), wo auch der Oberlehrer Nicolas Decker seinen Wohnsitz hatte. Die anderen damaligen Lehrer waren die Herren Horgnies und Crahay (beide waren bereits vor dem Krieg im Dienst) sowie Eppe, Harlange, Hennico (später Oberlehrer in Moresnet), Kessels, Laurent, PE- che und Renard. Auch die Damen Biver, Kessels-Cormann, Letiexhe-Laurent und Ponc€ sowie Schwester Thoma erteilten Unterricht in den Knabenklassen. Die Mehrzahl dieser Lehrkräfte stammte aus der Areler Gegend. Meine schönsten Schuljahre verbrachte ich bei Lehrer Hennico, der zwar als strenger Erzieher angesehen, doch in meinen Augen ein tüchtiger Pädagoge war. Seine Lehrmethode fand ich ausgezeichnet. Jedes Tertial teilte er die Klasse in zwei Gruppen ein, wodurch ein gewisser Ehrgeiz entstand und ein vorteilhafter Wettbewerb sich entwickelte, der den Fleiß der beiden Parteien anregte und förderte. So ermunterten wir Schüler uns gegenseitig und spornten uns zur Arbeit an. Glücklicherweise habe ich drei Schuljahre mit Lehrer Hennico verbracht, da er jedesmal mit mir in die höhere Klasse aufstieg oder ich mit ihm ... Er scheute sich nicht, außergewöhnliche Initiativen zu ergreifen. So haben wir mit ihm den einzigen Schulausflug meiner Schulzeit gemacht. Es war schon ein kleines Abenteuer, gingen wir doch in aller Herrgottsfrühe zu Fuß nach ... Eupen, wo wir die Straßenbahn nach Go€ nahmen. Dort angekommen, ging es weiter auf Schusters Rappen bis zur Gileppe-Talsperre. Nachdem wir dieses Bauwerk wie ein Weltwunder bestaunt hatten, fuhren wir dann mit der Eisenbahn von Dolhain nach Kelmis zurück. Mit den Sommerferien 1926 war meine Zeit in der Kelmiser Gemeindeschule vorbei. In der "Ecole Albert" in Verviers begann
67 ich eine Mechaniker-Lehre. Diesen Beruf habe ich aber nie ausgeübt. Die technischen Neuheiten der Nachkriegszeit Neue Erfindungen und Fortschritte im technischen und kulturellen Bereich gab es auch nach dem Ersten Weltkrieg. Da waren zunächst das Motorrad und das Automobil. Zwar kannte man diese Fahrzeuge schon aus der Vorkriegszeit, da die Vieille Montagne bereits 1908 im Besitz eines Personenkraftwagens war (2). Doch jetzt konnten sich bemittelte Unternehmen und betuchte Geschäftsleute ebenfalls einen solchen Wagen leisten. Das machte sich besonders auf der "Pavei", der heutigen Lütticher Straße, deutlich bemerkbar. Wo vordem nur Pferdefuhrwerke gemächlich passierten, flitzten jetzt die Autos in "rasendem Tempo" vorbei. Ein anderes technisches Wunder war das Grammophon. Mein Onkel Hermann Kofferschläger führte ein Wirtshaus, in welchem er solch einen "Musikapparat" aufgestellt hatte, um die Kunden anzulocken und zu unterhalten. Die Leute fanden es großartig und unbegreiflich, daß man Musik einfangen und bewahren konnte. Das Gerät war an und für sich sehr primitiv, da man für jede Schallplatte den Apparat mit einer Kurbel aufziehen mußte. Die Musik oder der Gesang ertönte dann aus einem großen bunten Schalltrichter heraus. Auch das erste Radiogerät, das ich zu Gesicht bekommen habe und das ein anderer Onkel besaß, ist mir in sehr lebhafter Erinnerung geblieben. Es grenzte fast an ein Wunder, daß man Personen, die in Brüssel, Paris oder Köln sprachen, hören und verstehen konnte. Unvergeßlich bleibt mir der spöttische Kommentar eines Großonkels, der uns auslachte, als er zum ersten Male eine solche Radiosendung hörte. Es war die Übertragung eines Konzertes. Dazu sein Kommentar: "Ihr seid aber sehr naiv, Euch einzubilden, daß die Musik aus Paris kommt! Das sind nur einige Männer, die in der Ruine von Schimper sitzen (-diese bestand damals noch-) und dort auf ihren Geigen spielen!" Wäre das nicht auch ein Wunder gewesen? Ich muß natürlich hinzufügen, daß die ersten Apparate nur aus einer Spule mit Kupferdraht und einem Detektor, einem Kristall in der Größe
68 einer Nuß, bestanden hatten; doch mittlerweile hatten sich Leistung und Qualität der Geräte bedeutend gesteigert. Sensationell war die Reportage von der ersten Atlantiküberquerung, die Charles Lindbergh 1927 im Alleinflug gelang. Die größte Auswahl % Sprechapparate , befindet fi bei Olöment ORTMANS Rue de l’Harmonie, SG, Verviers . | Einziger Verkäufer po der berühmten u. echten (re RS x 4 Gramophone A) \] 'Lavoix de son a) Maitre \ LaVoix de ZZ I— Garantierte Maschinen — x SonMaitre : ab 95 Fre. x + ) Schallplatten.aller Marken, Grammophon der Marke "His Masters Voice" T. 8. FF. (Drahtlofe Telegraphic) Ale Konzerte (Paris — London — Brüffel — Berlin mittelft meine. garantierte Apparate. J.DAMBONS, Konstrukteur-Techniker des C,V.E.R. 83, rue de Francorchamps, Verviers. — Telefon 1100. Werbung für das Radio (1924) Der damalige Dorfkern Wie bereits erwähnt, befand sich mein zweites Elternhaus am betriebsamsten Punkt der Doppelgemeinden Kelmis und Neu- Moresnet, nämlich an der Lütticher Straße. Beide Ortschaften hatten ihre Gemeindeverwaltung im selben Gebäude, das heute
69 Si Aal State Mur ; A 1 Ruine von Burg Schimper (um 1910) noch besteht und gegenüber der Gaststätte Malmendier-Kerres liegt. Dieses Gemeindehaus war ein Kuriosum besonderer Art, weil die Verwaltungen der preußischen Gemeinde Moresnet und die des neutralen Gebietes sich unter einem Dach befanden. Dieser Zustand hat mehr als hundert Jahre (1816-1919) bestanden und auch nach dem Ersten Weltkrieg, als Preußisch-Moresnet und Neutral-Moresnet belgische Gemeinden geworden waren, blieben die Verwaltungen noch vorläufig im selben Gebäude untergebracht. Das Gemeindehaus stand also auf preußischem Gebiet und verfügte auch über ein "Kittchen", das an die Pferdeställe der Vieille Montagne angrenzte. In diesen Ställen waren die zwölf Pferde der Bergwerksgesellschaft untergebracht, die das Erz aus den verschiedenen Zinkgruben der Umgebung nach Kelmis brachten. Dem Gebäudekomplex gegenüber befand sich eine Waage für Fuhrwerke, deren Meßgeräte in einem kleinen Häuschen, das fast in der Mitte des Platzes stand, untergebracht waren. Auf diesem engen Raum fand auch die jährliche Kirmes statt, die sich allerdings bis über das Gelände der heutigen beschützenden Werkstätte hinweg ausdehnte. Hier spielte sich allerhand ab; es war sozusagen das Zentrum der Doppelgemeinde. Fast alle Festzüge bildeten sich hier oder lösten sich hier auf. Kein Verein feierte ein Fest, ohne über die "Pavei" zu ziehen.
70 Nen-Moresneter Kirmes 1926, efllichkeiten yeranftaltet von, der St. Nohus-Schühen« . Sefellfihaft, Zurnvercin „Einigkeit“, Männer-Sefange Verein St. Sofeph HadfahHrer- Klub „eglaminia“ und Humpr-Rlub „Tipp-Topp“ am 22. Mnd/ 23, Auguft. „EB, Fost-Pros ‚8 SER) ost KOETAn GE : Souutag, den 32. Wuguft,: vormillags 9 Ubr, Antreten der Milglieder ddr Skl. Rochus« Schliengefellfchaft 4m Vereinsiokale Hotel Reinarh. — Um 9 1/2 Ubr, Wbmarfch der Gefellfhaft zur, Rochus Kapelle, wofelbft hl. Mefje uud Yufprache flatfinden wird. | $ Nach derfelbgn, Rückınarfch zum Hotel Dahlenj dorlfelbft < ZMußikalifder Frühfdjoppen u. Tayzuergunügen, Nachmiliags 2 Ubr, Antreten fAmtlicher obengenannier VPerglne In der Feflwiefeg zwecks Abholung des Schühenkönigs und des Präfidenten der Si. Rochus-Schlhengefellfchaft-Gefellfchaft, . Mad) Rilchkebr zur Feftwiefe. > I ” Wa} Königs-Vogelschuss, | Während des Schlefens, |, 5 A Turnerijhe Yebungen, Nadfahrers' orführungen und Bolfzbeluftigungen ... wie Schubwechfeln, Stangenklellern, Brödchengffen, Ringlreiben,. Sacklaufen uf, ufw. -— Elntrit zur Feftwigfe ; 3. Fr, X Unterdeffen Im Botet Dablen, #- —5— Tanz- Vergnügen. —sö' Abends 8-/Ubr Im Holel’Dablan, 15 E Grosser Königs-Ball ; u. Proklamlerung des neuen Schützenkönlge? 7 Enireg a. Perfon SP a beiden I Ad N Ne Montag 283. Auguft, nadınifiags 3 Uhr, :* . am Verelnslokale 0lto Reinarh, 2 Grufer Preisvageljchuf (Flobert 6 m/m) der St. Kochus- Schülengefellfhafl. 5 Abend 8 Ubr, Im Hole) Dablen, |, 9 TA! Ä Großer Kirmes-Schluß=Ball- veranflaltet von den vereinigien Ge eilfchaften. * wide Entree & Pprfon: 1 Fr. {Ur aklloe Mitglieder und 3 Fr.:für fonftige Befucher. . % Kirmesprogramm 1926
71 Von hier aus wurden auch die Fäden des Schmuggels und des Schwarzhandels gezogen. Das hatte seine guten Gründe: die Lütticher Straße war damals die belebteste Geschäftsstraße von Kelmis und alle Verkehrsmittel hatten ihre Endstation in der Nähe des Platzes. Sogar ein Abwässerkanal unter der Hasardstraße diente den Schmugglern zur neutralen Zeit als diskreter Durchgang von einem Land zum anderen. Endstation Altenberg/Kelmis/La Calamine Die Lütticher Straße war seit ihrem Bestehen die wichtigste Verkehrsader zwischen Aachen und Lüttich. Sie bildete das Rückgrat der Ortschaft. In dieser Straße, ganz in der Nähe der beiden Gemeindeverwaltungen, hatten die öffentlichen Verkehrsmittel, wie gesagt, ihre Kopfstation. Die Aachener Kleinbahn, der Omnibus der Linie Kelmis-Verviers, die Buslinie Vaals-Kelmis fuhren von hier ab. Die Eisenbahnlinie nach Moresnet hatte ihre Endstation etwas weiter, im "Bruch". E - Altanberg (Übeneef Cie Besgriareshe ARM MT. S 4 2 R ia Anm ( x a ar 10 E SE AAN A X A Sn X | A a a Die Hasardstraße (Lütticher Str.), Endstation der Aachener Kleinbahn
72 Die erste Verbindung von Altenberg mit einer Nachbarstadt war 1907 durch die elektrische Kleinbahn nach Aachen hergestellt worden. In den zwanziger Jahren folgte die Omnibusverbindung nach Verviers, die ihre Endstation neben der Kleinbahnhaltestelle hatte. Diese "Bus"-verbindung war allerdings noch sehr primitiv, bestand das Fahrzeug doch aus einem einfachen Lieferwagen, ohne Fenster noch Luke, der mit zwei Holzbänken ausgerüstet war. Zum Ein- und Aussteigen der Fahrgäste mußte der Chauffeur jedesmal den Fahrersitz verlassen und ein Treppchen hinter dem Wagen aufstellen. Komfortabler war da schon der Busverkehr zwischen Kelmis und Vaals, der etwas später eingerichtet wurde. Jacques Pauly, ein gebürtiger Kelmiser, der in Vaals wohnte, war der Gründer dieser Linie. Daraus ist dann später die Firma SADAR hervorgegangen, die sich zu dem wichtigen Verkehrsunternehmen entwickelt hat, das wir heute kennen. amı Tarın Autobus La Calamine-Verviers DE Berjonen- und Padet-Yahrt. BE Jah rplan RAbfabrt : £a Calamine Mlonhenerweg Henri»Chapelle Andrimont Verviers Ubr: 8 8.10 8.20 8.40 8.59 11 über Moresnet 11.10 Monhen 11.20 Henri»Chap.11.35 2 210 2.20 2.40 2.50 5 5.10 5.20 5.40 5.50 Verviers Andrimont Benri-Chapelie Monkenerweg La Calamine 9.30 9.40 10.— 10.10 10.20 12.30 12.40 L— 1.10 1.20 3.30 3.40 4.— 4.10 4.20 6.— 6.10 6.30 Monhen»Dorf 6.40 Moresnet 6.50 AbgabefteNe für Pakete : in 2a Calamine, bei Herrn Jules Groffy, Hajarditraße, in Verviers, Cafe du Coin, M. Mathonet, rue des Fabri- ques 188, Jakob SCHYNS. Fahrplan Kelmis- Verviers 1925
73 Reisende nach Vaals über Meoresnel-Kichschen. YUb15. Mai bis 1. November verkehrt der Nutobus der Hirma H. SCHREUL, La Calamine, zwijgen Alten: berg (KleinbahHuhalteftelle) nad Vaals wie folgt: (Sonnt. abends) Altenberg ab 9.-— 12. 3.— b6.— 8.40 Vauls 410; 1.-— 4.— 7.— 9.30 belg. Bei In Baals ift eier Hahrıt nad allen Seiten fos fortiger Anfchluß, 3. Y. Valkenburg, Maaftridht, Witten, Simpelveld, Spedholzerheite, Kirhrath, Heerlen ujw. N.B. In dem Yutobdus der Firma Gebr. Uhn von ‚Derbesthal Fommend nach Morcsnet und Baals jofor» tiger Anfdluß in Altenberg. Hreundlichft empfehlend ! Garage H, SCHREUL, La Galamine. Fahrplan 1927 Die notwendigste Verbindung war damals die Eisenbahnstrecke nach Moresnet, die im Mai 1925 dem Personenverkehr zugänglich gemacht wurde. Diese 2,5 km lange Bahnlinie bestand zwar schon seit 1871, doch diente sie nur der Gesellschaft der Vieille Montagne zur Beförderung von Zinkerz und Kohle. Täglich mußten daher hunderte Arbeiter und Angestellte, die im Raum Eupen-Verviers beschäftigt waren, zu Fuß nach Moresnet gehen, um dort den Zug nach Herbesthal zu nehmen. Das Schlimmste dabei war das Passieren des Bauwegs, der sehr morastig (klebrige Lehmerde) und nicht beleuchtet war. 7 Moresnel — Lan Calamine Moreanet #348 4 48 *6 .3*7 0 753 1010 16 11 %17 14 1758 *19 7 La Calamine‘ 359 459 614 711 8 4 1021 1621 1725 18 9 1918 I» Calamine — Moreanet La Calem, *4 25 *5 22 *6 36 *7 32 *8 34 89 33 11 35 *16 36 $16 55 *17 35 18 35 *19 30 Moresnet 435 532 646 742 847 9431145 1646 17 5 17451845 1940 Die mit * bezeichnete: Züg- fahren nicht an Sonn- und Feieriagen, Dir mit $ bezeichneten Züge {ah-en nur an Sonn- und Feiertagen. I m x HORAIRE DES TRAINS valable jusqu'au 14 Mai 1926 Zugfahrplan Kelmis-Moresnet (1926)
75 "De Häre va jene Bärech" und andere Honoratioren Kommen wir nochmals zurück zur Hasardstraße. Hier war, wie schon gesagt, der belebteste Ortsteil von Kelmis/Neu- Moresnet. Im Jahre 1930 begann man dort mit dem Bau einer neuen Grundschule der Gemeinde Neu-Moresnet. Heute beherbergt diese ehemalige Schule die beschützende Werkstätte. Das Hasard-Viertel zeichnete sich durch einen gewissen Rang aus, wohnten doch hier die Führungskräfte und leitenden Beamten der Vieille Montagne. Die meisten stammten aus der Wallonie oder aus Deutschland, hatten aber ihren Wohnsitz in Preußisch- bzw. Neu-Moresnet. Beginnen wir mit unserer Aufzählung am damaligen Gemeindehaus, das die Herren Pelzer und Hocke€ bewohnten. Ein Sohn des letzteren, Wilhelm, ist am 28. Dezember 1941 als Patriot inder Lütticher Zitadelle erschossen worden. Auch Herr Xhonneux, Aufseher bei der Vieille Montagne, war in diesem Komplex ansässig. 2 7 BEE. MM 72 58 a es 9 ES WO BR Dan 2 5 a } 0 Rn . VAR ht ® £ Sams BB 8 \ 8 Die Angestellten der Vieille Montagne. Obere Reihe, v. 1. n. r. : Leo Palm, Jean Brandt (Bgm. von Kelmis von 1923-1933), Frl. Lombard, Ingenieur Dirix. Untere Reihe: ...Paquot, Fernand Bleyfuesz (letzter Direktor der Vieille Montagne), Jules Nossent, Charles Timmerhans (Direktor), R. Germay, Karl Zietzling, Albert Lemoine
76 Daneben hatte der Ober-Ingenieur Rodolphe Germay seinen Wohnsitz. Die allgemein bekannten Fotos vom Rückzug der deutschen Truppen im Jahre 1918 stammen von ihm. Zwischen Germay's Anwesen und dem Block der sog. Härehuser führt der Weg zur Judas-Taddäus-Kapelle. Im ersten Haus dieser Reihe wohnte der Ingenieur Fernand Bleyfuesz, der als letzter Direktor der Vieille Montagne fungiert hat und ein Sohn des von 1889-1914 und von 1918-1920 zuständigen belgischen Kommissars für Neutral-Moresnet war. Sein Nachbar hieß Johann Harrus und war bekannt als talentierter Karnevalist. Die Freiwillige Feuerwehr von Preußisch- und Neutral-Moresnet hatte er von 1895 bis 1901 geleitet. Neben Johann Harrus wohnte dessen Kollege Jules Nossent, Bürochef der Vieille Montagne, ebenfalls ein bekannter Karnevalist, der Präsident der St. Barbara-Schützengesellschaft war. Das vierte Haus in der Reihe der "Härehuser" bewohnte Herr Court, der die Schmiede im "Bruch", neben dem Elektrizitätswerk, leitete. Sein Nachbar war der aus Moresnet stammende Leo Palm. Als diensttuender Buchhalter ist dieser nach dem Kriege 1940-45 mit der Auflösung des gesamten Betriebs der Vieille Montagne in Kelmis/Neu-Moresnet beauftragt worden. Die letzten zwei Häuser der Reihe waren von Magazin- Chef Karl Zietzling (ebenfalls ein Karnevalist) und Ingenieur Heinrich Loupart belegt. Von den vier Söhnen des Herrn Loupart lebte einer in der Nähe von Bensberg, wo er vermutlich als Bergbauingenieur bei der A.G. Altenberg tätig war. Der Sohn Otto bekleidete eine führende Stellung bei Philips in Eindhoven (3). Der dritte Sohn war Professor in einer Vervierser Lehranstalt. Der vierte, Leopold, erlitt einen tragischen Tod; er kam kurz vor Kriegsende 1918 bei der Bombardierung eines englischen Munitionslagers (Long Eaton) ums Leben. Etwas weiter entfernt von der Lütticher Straße, am Weg nach Hergenrath, liegt die Jansmühle. Hier war Ingenieur und Betriebsführer Max Markstein ansässig, dessen Kompetenzbereich die "Wäsche" war. Ebenfalls in der Jansmühle wohnte der Grubenarzt Dr. Wilhelm Molly, der weit über die Grenzen Neutral- Moresnets hinaus bekannt geworden ist. Wir werden an anderer Stelle noch auf ihn zurückkommen. Auch die aus Aachen nach Neu-Moresnet/Jansmühle übergesiedelte Familie Schifflers sollte hier erwähnt werden. Sie
VE hat der Diözese Lüttich drei Priester geschenkt von denen der älteste, Hubert, der seine Studien in Rom gleichzeitig mit dem Kelmiser Jean Fryns, dem späteren Bischof von Kindu, absolviert und als Professor der Theologie die Seminaristen während ihres Militärdienstes in Beverloo unterrichtet hatte, 1983 verstorben ist. Derzweite Sohn, Franz, lebt als emeritierter Pastor in Lanaken, während der dritte, Josef Schifflers, am 1. 9 1989 in Steffeshausen die Pfarrstelle von Pastor P. Schoonbroodt, der der Lef&vre- Bewegung angehört, angetreten hat. Kehren wir zurück zur Hasardstraße. Gegenüber der Familie Loupart, d.h. auf neutraler Seite, wohnte der Obersteiger Pierre Grignard, der nach dem Ersten Weltkrieg der erste belgische Bürgermeister (1918-1923) von Kelmis wurde. Nach seinem Tod ging dieses Wohnhaus an den Ingenieur Emil Dirix. Der Park des Hauses bildete die Ecke Lütticher Straße-Kapellstraße. In letztere treten wir jetzt ein. 1925 sind meine Eltern in das Haus Nr. 7 eingezogen, um ihr Geschäft zu vergrößern. Vorher befand sich dort die Gendar- ” _merie, die von dem aus der Areler Gegend stammenden Kommandanten Nicolas Schrobiltgen befehligt wurde. Besonders die Schmuggler fürchteten diesen Mann. Jahre später ist er in die Politik eingetreten und sogar Gemeinderatsmitglied geworden. Fast gegenüber meinem Vaterhaus stand ein weiteres Haus der Vieille Montagne im Stil der Reihenhäuser auf der "Chaus- see"/Pavei, in welchem Herr Dechene, ebenfalls einer der "Häre", wohnte. In das Haus Nr. 9, das jetzige Haus Dr. Schifflers, war nach dem Krieg 14-18 Dr. Hugo Franssen aus Homburg eingezogen. Dr. Franssen war Nachfolger des Dr. Molly, d.h. er war Grubenarzt der Bergwerksgesellschaft. Vorher hatte eine Apotheke im Haus Nr. 9 bestanden. Ein Mosaik im Sprechzimmer der heutigen Arztpraxis mit der Inschrift "Glück-Auf Apotheke" erinnert noch an diese Zeit. Ein Sohn der Familie Franssen, Jean, war Priester im Brüsseler Raum. Man hat ihn vor einigen Jahren in Ixelles leblos vor seinem Fernseher gefunden. Gegenüber Dr. Schifflers (neben der heutigen Bäckerei Messerich) befand sich zu jener Zeit das Pfarrhaus. Im Hause Nr. 21 wohnten die Eltern von Charles Schriever (1889-1916), der es ebenfalls verdient, in dieser Galerie der Persönlichkeiten erwähnt R zu werden. Vor Kriegsausbruch befand er sich in China, um bei
78 der dortigen belgischen Gesandtschaft seine Militärpflicht zu erfüllen. Als dann der Krieg ausbrach, hat er unverzüglich seine Rückreise beantragt, um sein Vaterland zu verteidigen. Leider hat er sein Leben lassen müssen. In Kigoma, Ost-Afrika, erlitt er am 31.12.1916 den Heldentod. Charles Schriever war einer der Pfeiler der Esperantobewegung im Göhltal. Er lehrte die neue Sprache in den Esperantogruppen von Kelmis und Belgisch- Moresnet, gab Privatstunden und erteilte sogar Unterricht in diesem "Fach" in der Gemeindeschule (4). Ein anderer Arzt, Dr. Jos. Gottschalk, hatte sein Kabinett in der Kirchstraße und später in der Hasardstraße, der heutigen Lütticher Straße. Verstreut im Dorfwohntennoch weitere leitende Angestellte der Vieille Montagne, u.a. der Obersteiger Blissenbach, der als Betriebsführer der ehemaligen Grube Schmalgraf seinen Wohnsitz dort in der Nähe hatte. Er starb 1938. Jean Brandt, ein "Einheimischer”, ein guter Freund des unvergessenen Kaplans Bosch, lebte unter seinen Kelmisern, schräg gegenüber dem früheren Kino Pax. Von 1923 bis 1933 hat J. Brandt als Nachfolger von P. Grignard das Amt des Bürgermeisters ausgeübt. Die angesehenste Persönlichkeit des Ortes war ohne Zweifel der Bergwerksdirektor Charles Timmerhans, der die Villa bewohnte, in der sich jetzt das "Parkcafe" befindet. Der angrenzende Park, heute Gemeindepark, war damals natürlich der Öffentlichkeit nicht zugänglich! Als man am 1. Dezember 1918 das Patronatsfest König Alberts in der Pfarrkirche feierte, traf die Nachricht ein, die ersten belgischen Truppen seien am Ortseingang eingetroffen. Auch Louis Timmerhans, ein Sohn des Direktors, kehrte an jenem Tage aus dem Kriege heim. Als Freiwilliger hatte er in der belgischen Armee gekämpft. Erwähnt werden muß auch Herr Hubert Schmetz, der von 1884 bis 1915 als dritter Bürgermeister von Neutral-Moresnet fungierte. Er wohnte an der Lütticher Straße, gegenüber der beschützenden Werkstätte, in dem großen Haus mit dem hohen Treppenaufgang. Sein Amt war gewiß nicht leicht, da er in Neutral-Moresnet die in Kraft gebliebene französische Gesetzgebung beachten mußte, während in Preußisch-Moresnet, dem Schmetz ebenfalls als Bürgermeister vorstand, die deutsche Gesetzgebung Gültigkeit hatte. Der Bürgermeister hat übrigens
79 eine kleine Sammlung der für das neutrale Gebiet erlassenen Polizeiverordnungen veröffentlicht. Nach seinem Tode, am 15.3.1915, ist kein neuer Bürgermeister mehr ernannt worden. Der Bürgermeister von Hergenrath, Kyll, wurde kommissarisch mit der Leitung von Neutral- und Preußisch-Moresnet betraut. Rechts des heutigen Kulturzentrums "Select" wohnte Victor Moyano, der 1933 Bürgermeister von Kelmis wurde. Ein Betrieb, der heute in Vergessenheit geraten ist, war die "Kratzenfabrik Willy Zartenar", die etwa 15 Personen beschäftigte und sich ungefähr gegenüber der jetzigen Endstation des Aachener Busses befand. Der Prinzipal, Willy Zartenar, hat sich in den zwanziger Jahren auch politisch in Kelmis betätigt, ja sogar eine Partei gegründet. Außerdem war dieser Kleinindustrielle auf dem sozialen Gebiet tätig; er erbaute nämlich die erste Siedlung in ä Kelmis auf dem Krickelstein. Freizeit und Unterhaltung Sehr angenehme Erinnerungen sind die Sonntagsnach- mittagsspaziergänge. Die Bergwerkskapelle, die aus Angehörigen De SAN A nn | EM NUN N A A Ta ; (ES ar N OS | ar BE A al ES ee Ab Die "drie Piepe"
80 der Belegschaft des "Bergs" bestand, gab abwechselnd am Casinoweiher und am Schützenlokal (heute Skyline) Platzkonzerte. Die Bevölkerung schätzte diese Konzerte sehr, waren sie doch sozusagen das einzige Vergnügen, außer Kirmes und Karneval. Sehr viele Zuhörer kamen zum Casinoweiher und spazierten, der Musik lauschend, um denselben. Obwohl die Vieille Montagne im sog. Casino eine Gaststätte mit Cafe unterhielt, gab es für den Normalbürger keine Gelegenheit zum Trinken und Verzehren. Ins Casino hatten nur die Führungskräfte und die leitenden Angestellten der Firma sowie wallonische Angler Einlaß. Die Einheimischen konnten sich an den "drie Piepe" laben! Das war ein gußeiserner Behälter, aus welchem durch drei Rohrstutzen frisches Quellwasser floß. Heute steht er inmitten einer kleinen Grünanlage am Fuße der Treppe, die die Altenberger Straße mit dem Weiher und der Hasardstraße verbindet. In der Nähe dieses Brunnens befand sich früher ein Gebäude mit der Aufschrift "Altenberger Mineralwasser Anstalt". Dieses Wasser wurde hauptsächlich ins Ausland exportiert. Unsere Ortschaft besaß aber auch ein Kino an der Lütticher Straße, dort, wo sich bis November 1994 die Arztpraxis Dr. De Ridder befand. Es hieß "Cin&ma Luxor" und gab eine Vorstellung am Samstagabend und zwei weitere am Sonntagnachmittag. Jede Vorstellung begann mit einem ernsten Hauptfilm und endete mit einem kurzen Lustspiel, das die Lachmuskeln strapazierte. Da es sich um Stummfilme (natürlich schwarz-weiß) handelte, wurde der französisch verfaßte Begleittext laufend von einem Dolmetscher übersetzt. Zwischen beiden Filmen war eine Pause eingeschaltet, während der "der Rodolf", ein Schweizer (5), Süßigkeiten anbot. Sehr beliebt waren die Komiker Peter Herf und Leonard Kohl aus Kelmis. Das Duo nannte sich "Pitt en Nades" und amüsierte köstlich die Bevölkerung des ganzen plattdeutschen Raumes.
81 Anmerkungen 1) Damit sich der Leser in dem Wirrwarr der Ortsnamen leichter zurechtfindet, ist es unumgänglich, den Werdegang der nördlichsten Gemeinde der Ostkantone zu kennen. Inmitten der Ortschaft Kelmis befand sich ein Zinkerzvorkommen, der "Galmeiberg", der schon 1344 genannt wird. In der Franzosenzeit wurde die Herrschaft Kelmis mit der Herrschaft Moresnet zur "Municipalit& de Moresnet et Kelmis". Nach dem Zerfall des napoleonischen Reiches wurde diese Gemeinde dreigeteilt: ein Teil wurde niederländisch (später belgisch), ein Teil preußisch (unter dem Namen Preußisch-Moresnet), während der dritte, der mittlere Teil, in dem sich die Zinkgrube befand, der gemeinsamen Verwaltung Preußens und der Niederlande unterstellt wurde und fortan den Namen Neutral-Moresnet trug. Im Volksmund hörte man aber meistens nur die Bezeichnung Altenberg oder Kelmis. 1919 wurde Neutral-Moresnet zur Gemeinde Kelmis, während Preußisch-Moresnet in Neu-Moresnet umbenannt wurde. 2) Das erste Automobil ‚ Marke "Nogant" hat die Gesellschaft der Vieille- Montagne in Neutral-Moresnet besessen. 3) In dem Buch "Ein Leben mit Philips” schreibt der Firmengründer u. a. : "Ein ausgezeichneter Unterhändler war auch O.M.E. Loupart, jahrelang einer der führenden Kräfte bei Philips. Diese eminente und ungewöhnliche Persönlichkeit stammte aus der merkwürdigen Gegend Moresnet, früher Teil der Provinz Limburg, die später Streitobjekt zwischen Belgien und Deutschland wurde." 4) Claes, Peter, "Zum Esperanto Staat Amikejo" in "Im Göhltal", Nr. 52, S. 59 ff. 5) Jansen, Alfred, "Originale" in "Im Göhltal", Nr. 48, S. 91 (Schluß folgt)
82 Boote am Meer (Bild von Vincent van Gogh) von M. Th. Weinert Die bunten Segelboote sind auf den Sand gesetzt zum Rasten. Es knarrt in den Masten, i im Segelgestänge, schräg ausgestreckt, weisend wie Arme, wo Weite und Wind und die wogenden Wasser sind.--- Daß sich einer erbarme, das Meer ist so nah.- Schon segelt die Möwe stürmische Fahrten, Wind treibt die zarten Lämmerwölkchen einher, nur die Boote sind leer, sie warten.
84 Vom Köpfchen zum Bildchen Eine historische Wanderung von Heinr. von Schwartzenberg Wer eine historische Wanderung im Dreiländereck unter- nehmen will, dem sei der Grenzweg entlang der heutigen bel- gisch-deutschen Grenze vom Köpfchen zum Bildchen empfoh- len. Dieser Grenzstreifen, der schon seit 1611 Grenzfunktionen- allerdings zwischen den unterschiedlichsten politischen Herr- schafts- und Verwaltungssystemen- erfüllt, birgt noch mancher- lei Relikte aus vergangenen Zeiten. Nachfolgend sind die unterschiedlichen Grenzfunktionen ab 1611 aufgeführt: 1611-1748 Nutzungsgrenze zwischen dem Aachener Reich und dem Herzogtum Limburg (Bank Walhorn). 1748-1798 Hoheitsgrenze zwischen dem Aachener Reich und dem Herzogtum Limburg (Bank Walhorn). 1798-1815 Grenze zwischen den Departements Roer (Mairie de la Ville d'Aix - la - Chapelle) und Ourthe (Mairie de Hergenrath) . 1815-1920 Grenze zwischen der preußischen Stadt Aachen und der preußischen Gemeinde Hergenrath einschl. Hauset. (Von 1848 bis 1877 war Hauset eine selb- ständige Gemeinde) ). 1920-1940 Grenze zwischen Deutschland (Stadt Aachen) und Belgien (Gemeinden Hergenrath und Hauset). 1944-1977 Grenze zwischen Deutschland (Stadt Aachen) und Belgien (Gemeinden Hergenrath und Hauset). ab 1977 Grenze zwischen Deutschland (Stadt Aachen) und den belgischen Gemeinden Kelmis (mit Hergenrath) und Raeren (mit Hauset) 2. Als im Jahre 1166 Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) Aachen mit dem Marktrecht mit Abgabenfreiheit ausgestattet hatte, ent- wickelte sich Aachen allmählich zu einer freien Reichsstadt, die durch die im Jahre 1336 erfolgte Zuordnung der um Aachen gelegenen Dörfer und Gebiete Hauptstadt des "Aachener Rei- ches" wurde 3,
86 Endlich, im Jahre 1611, waren die Expansionsbemühungen Aachens von dauerhaftem Erfolg gekrönt. Am 20. April 1611 kam es zu einem Vertrag zwischen Albert, Erzherzog von Österreich, als Herzog von Limburg, und der Stadt Aachen, nach dem Aachen ein zusätzliches Stück des Reichswaldes und der Preus erhielt !2. Der Vertrag bedeutete eine Vorverlegung der Aachener Grenze um gut 1 km in das Gebiet der limburgischen Banken Walhorn und Montzen. Die Bank Montzen wehrte sich erfolgreich dagegen underreichte 1615, daß Aachen von ihrem Gebiet nichts erhielt 19, So kam es, daß die neue Grenze nur von Grüne Eiche bis zur Lütticher Straße vorverlegt worden ist und daß sie dort mit einem scharfen Knick entlang der Lütticher Straße bis zur alten Grenze lief. ? Der Vertrag von 1611, der erst 1616 ratifiziert worden ist, beinhaltete zunächst nur die Nutzungsrechte für Aachen, wäh- rend Limburg die Gerichtsbarkeit über dieses Gebiet behielt. Erst 1748 übte Aachen in dem hinzugewonnenen Territorium das Hoheitsrecht aus 19, Obwohl -wie erwähnt- die Aachener nur die Nutzungsrechte erhielten, sind sie anscheinend gleich nach 1611 hingegangen und haben die neue Grenze mit Adler-Grenzsteinen markiert, die ja eigentlich als Hoheitszeichen Rechtstitel für die Hoheitsgrenze bedeuteten. Selbst an der Montzener Seite hatte man bereits Adlersteine aufgestellt, die m. E. später zerstört und durch die sog. Burgundersteine ersetzt worden sind !9. Auf der Strecke vom Köpfchen zum Bildchen, die ja Gegen- stand unserer Betrachtung ist, sind noch vier Aachener Adler- steine erhalten, und zwar 1) beim Landesgrenzstein D-B 964 2) beim Landesgrenzstein D-B 965 3) beim Landesgrenzstein D-B 969 4) beim Landesgrenzstein D-B 973 (beschädigt). Neben dem Aufstellen der Adlersteine hat Aachen eine neue "Scheidung des Busches" (anscheinend nach 1616) durch einen schützenden Landgraben markiert, der auch heute noch auf wei- ten Strecken die Landesgrenze zwischen Belgien und Deutsch- land bildet. Gielen schreibt zum Landgraben: "Für die Freunde des Waldes ist ein Gang durch den Land-
88 Nachfolgend ein Auszug aus dem Protokoll des Land- grabenrittes vom 11. Mai 1694 von der zu betrachtenden Strecke: "Item die underste geissenbruck ein pael ohn adler beim disputablen schlagbaum (Köpfchen). Weiters in die holseter heid (Hauseter heide) ‚ wo ein pael ohn adler gebrochen und am holseter strauch (Hauseter Strauch) ein pael mit adler. Dan am wilden born oder stockborn, wo stehet ein pael mit adler; ferners am Clootsberg (Klausberg) ein pael mit adler. Weiter an die doubelmaar ein pael mit adler; von dannen auf die hergenraeder lücker strass (Lütticher Straße), alwo ein pael ohn adler und dan die strass auf nach dem breidenstein (Gut Breitenstein), alwo ein pael, nah am breidenstein zwei paelen gegeneinander über, jeder mit adler." 17 . Wie der Auszug aus dem Protokoll des Landgrabenrittes zeigt, wurde das Hauptaugenmerk auf die Standorte der Grenz- steine gelegt. Dieser Landgraben begrenzte ein Waldgebiet, das wie fast überall in Mitteleuropa durch Mißbrauch und Übernutzung große Schäden zeigte, so daß die Stadt Aachen sich veranlaßt sah, durch eine Waldordnung (1760) Abhilfe zu schaffen 189. Wenn bisher immer von Wald die Rede war, so stelle man sich keinen Hochwald vor, wie wir ihn heute kennen. Es handelte sich vielmehr um den sog. Niederbusch, der nicht gesät oder gepflanzt wurde. Die Verjüngung erfolgte durch Stock- und Wurzelausschlag. Etwa alle 20 Jahre wurde "geerntet" für Brenn- holz und Holzkohle, für Zaunpfähle, Rinde für Lohe und geringes Werkholz !9. Nach etwa 20 Jahren wiederholte sich die Angele- genheit. Zuderneuen Waldordnung von 1760 wurde die hierunter als Kopie beigefügte Karte erstellt, die am 25. April 1760 vom Rat der Stadt Aachen "approbiert" wurde 29, Aus der Karte von 1760 geht hervor, daß der im Jahre 1611 hinzugewonnene Wald als "Nach- barholz” und "Bäckerkauf”" genutzt worden ist. Der Name Nachbarholz besagt, daß die in der Nähe woh- nenden Berechtigten das nötige Holz -vor allem Brennholz- unentgeltlich aus dem Wald holen durften. Allerdings, ganz so unentgeltlich war die Holzabgabe doch nicht, denn die "Nachbarn" waren oft verpflichtet, Fronfuhren zu leisten, die Förster zu unterstützen, Wege zu räumen und auszu-
89 bessern usw. F. X. Schultheis hat 1982 ausführlich über "Das Nachbarholz im Aachener Wald und seine geschichtliche Ent- wicklung" geschrieben 2). an 2 A Er A A Le & Se ® in 4. AO " ? DE DNA FAN ZA { RA „ a Die Nachbarholzbezirke waren durch Steine markiert (Stein N 6 im Dreikreuzertal) Zum Bäckerkauf berichtet Meyer im zweiten Ausgabe seiner "Aachenschen Geschichten: "Infolge der Waldordnung von 1760 ist das Kreuzertal in 20 Holzschläge durch ebensoviele Merk- steine eingeteilt, deren einen der Rat jährlich zum Behuf der Stadtbäcker und wer sonst aus der Bürgerschaft hierzu Lust hat, in viele Nummern zerstücken und dem Meistbietenden gegen Stellung eines Bürgen verkaufen läßt." 22) Prof. Liese schreibt 1930, daß die alte Grenze (Hirtzplei- Entenpfuhl) und die neue Grenze (Köpfchen-Bildchen) durch Querlinien miteinander verbunden waren und daß Baumreihen parzellenbildend diese markierten 23. Wer aufmerksam den Grenzweg vom Köpfchen zum Bild- chen durchwandert, kann -außer den Adlersteinen und den herr- lichen Restbuchen des Landgrabens- numerierte Merksteine ent- decken, die etwa fünf Meter von der heutigen Grenze stehen. Sie
90 gehören wahrscheinlich zu jenen 20 Merksteinen, von denen Meyer 1781 berichtet. Gefunden wurden bisher: N1 beim Landesgrenzstein D-B 962 Dieser Grenzstein stand wohl ursprünglich nicht dort; er ist wahrscheinlich später für die Scheidung des Stadtwaldes und des Privatgrundstücks umgesetzt worden. Er trägt auch die Buchsta- ben Aund T (vermutlich Aachen und Anfangsbuchstabe des Privateigentümers). N5 beim Landesgrenzstein D-B 962 (+ ca. 35 m), NG X D-B 964 (- ca. 55 m), N9 % ® D-B 968 (-ca. 7 m), N 105 X D-B 970 (-ca. 60 m), | NIE 7 D-B 971 (+ ca 4 m), NIS X D-B 977 (+ ca. 60 m), NI6 " X D-B 979 (- ca. 35 m). Vielleicht sind noch mehr Steine des "Bäckerkaufs" vorhan- den. Mit Ausnahme des Merksteines N 1 sind alle übrigen -genau wie die "Nachbarholz-Steine"- oben abgerundet. . A =. iin 7 . - 17 Ce A DA ? EN 6 Bäckerkauf-Grenzsteine Nach der Übernahme der Rheinlande durch die Preußen im Jahre 1815 bestand die Niederwaldwirtschaft zunächst weiter fort. Die Preußen legten zwar in einer Verordnung von 1816 fest, daß die Gemeinden ihre Wälder nach eigenem Gutdünken bewirt- schaften durften, aber es dauerte noch bis zum Jahre 1882, bis eine Änderung eintrat.
91 7 AA REES iR AP UNTEN En 1ER NE STACS Meßk (N SNN "EEE UA 15 . SR Sa] { DE AS 4 es) | x NS A > X SZ MI As LO 08 PR € NAD E 45 Ai ER AN DE id BEE a ZN -. FAN LEN SE TA NG We EA TS MN + a. > | iM N “ RR. | A FE AN %. ' Ya Sg UN AA dA ——. DE } VAR N | STD an Be on } DS 3 DA A A 4 = GR a N N a | VA VAR BEE A En ER | 8 Ace N Le El A A TA SU Nr PS A ü En SE ZN f SA | SE JR. A kW 7 KA KR A ha | WAR A A AA | Sn A VE EN A Als DA a SEEN FD A AS VAN ACSAN ° Li Beh Pe a LM | 6 N fe N RN SE NO A NEN NR | be N N EN AN ne a 4 DE EC x 4 px ia ART CE EN NOR wu { - Seien NA I A 3 (SS A m | EN 5 3} N nA (ne SP fakznrcim a Plan der Stadt-Aachenschen Waldungen vom 25. April 1760 mit der Einteilung in "Nachbarholz" und "Bäckerkauf". Der Grenzknick und die Aussparung des Landgrabens an der Lütticher Straße sind deutlich zu erkennen. In dem Plan sind auch die Grenzsteine eingezeichnet (kleine Rechtecke).
92 Durch den Beschluß des Aachener Rates vom 22. Dezember 1882 änderte die Jahrhunderte alte Niederwirtschaft völlig zugun- sten des Hochwaldes, der wegen der "ästhetischen und sanitären Bedeutung des Waldes" angestrebt wurde. So kommt es, daß wir heute einen schönen Erholungswald mit Spazierwegen haben, die es bis zum Jahre 1866, als der erste hauptberufliche Aachener Forstamtsleiter Franz Oster seinen Dienst antrat, noch nicht gab 29, Ka & Für die Wanderung in "natura" vom Köpfchen zum Bildchen empfiehlt sich folgender Weg (ca. 6 km = etwa 2 St.) : Ö Ausgangspunkt: Bushaltestelle Köpfchen der Linie 14 (Aachen-Eupen). Beim ehemaligen "deutschen" Zollamt Köpf- chen benutzen wir in westlicher Richtung einen kleinen Wiesen- weg, der auf eine Straße mündet. Nach ca. 150 m zeigt an dieser Straße nach rechts der Wegweiser "Grenzweg (mit rotem Punkt)” unseren weiteren Weg an. Wir folgen dem Waldweg und stoßen bald auf die belgisch- deutsche Grenze, der wir bis zum Stein N 16 folgen. Es ist wichtig, daß man sich immer am Landgraben und an den D-B-Grenzsteinen orientiert. (Knicke auf den D-B-Grenz- steinen beachten). Wir werden überrascht sein von den z. T. bizarren Baum- formen am noch vorhandenen Landgraben sowie von den Adler- und Bäckerkauf-Grenzsteinen. Beim Bäckerkauf-Stein N 16 (nach D-B 978) nehmen wir den Weg nach rechts in nordöstlicher Richtung, bis wir auf einen Hauptweg stoßen (Ginsterbrückweg). Hier gehen wir links und dann immer ziemlich geradeaus und erreichen bald den Entenpfuhler Weg (in Gut Entenpfuhl Einkehrmöglichkeit). (Bei Stein N 16 nicht weitergehen, da die alte Grenze durch die Eisenbahn unterbrochen ist) . Der Entenpfuhler Weg führt zur Lütticher Straße und zur Bushaltestelle der Linie 24 (Kelmis- Aachen) .
93 ANMERKUNGEN 1) Im Göhltal, Nr. 49/50, 1991, S. 32 2) ebd., S. 32 und S. 75 3) Poll, Geschichte Aachens in Daten, Aachen, 1965, S. 38 Kaemmerer, Geschichtliches Aachen, Aachen 1967, S. 40 ff. 4) Poll, a. a. O., S. 56 und S. 69 Forstamt der Stadt Aachen: 100 Jahre Aachener Erholungswald, Aachen 1982,5. 8 5) Gielen, Zwischen Aachener Wald und Münsterwald, Eupen 1975, S. 27 6) Forstamt, a. a. O., 5. 8 7) Gielen, a. a. O., S. S. 27 8) Gielen, a. a. O., S. 29 9) Liese, Vom Aachener Stadtwald, Aachen, 1930, S. 8 und S. 17 10) Gielen, a. a. O., S. 32-33 11) Gielen, a. a. O., S. 34 12) Liese, a. a. O., S. 12 13) Pauquet, in "Im Göhltal", Nr. 22, 1978, S. 5 ff. 14) Gielen, a. a. O., S. 45 15) Liese, a. a. O., S. 15 ff, 16) Gielen, a. a. O., S. 41 17) Gross, in "Aus Aachens Vorzeit", 1/1893, S. 23 18) Forstamt, a. a. O., S. 8 19) Gielen, a. a. O., S. 84 20) Karte aus "Königs: Vom Jakobstor zum Bildchen". Aachen 1973, S. 19 21) Schultheis, in "Forstamt: Jahrhundertweg", Aachen, 1982, S. 33-49 22) Liese, a. a. O., S. 22 23) Liese, a. a. O., S. 22 24) Forstamt, Jahrhundertweg, S. 2 Alle Fotos vom Verfasser.
94 Der Kelmiser Karneval und seine Symbolfigur von Sylvie Fabeck Kelmis ist unbestritten eine der Hochburgen des ostbelgischen Karnevalstreibens. In kaum einem anderen Ort unseres Gebietes werden die tollen Tage mit soviel Begeisterung gefeiert. Jung und Alt, Arm und Reich, Mädchen und Jungen: alle machen sie an diesen drei Tagen Kelmis zu einem Ort, an dem ein sehr urwüchsiger Karneval eigener Prägung veranstaltet wird. Wie weit dieser Karneval in die Geschichte zurückgeht, läßt sich nicht sagen. Ballveranstaltungen werden in den uns zur Verfügung stehenden Quellen von 1852 an regelmäßig angekündigt. FRA a IT 04.0 sa mn! Wein am Saftnaht8-Sonutag und Montag des 22. und 23. Februar Hattfinden, Entree 3% Fre, bei S. DHotfchan, in Kelmis, EN DE Ba 1° am Fajtnacht$ » Sonntag und Montag bei SS. DeBVeauregard, in Kelmis. Für gute Getränke it beftens gerorgt. dm 2, März C(Laetare) wird PA Ä in dem Lokale der St. Barbara- | AN VANE— a 1 Shüßen-SGefellfchaft aufm Ale 74 8a Ss AR tenberg ein masEirter und Base unmastirter Ball Sıatt haben, moran fldj auch Nichtmirglieder, welche durch ein Mitglied eingeführt werden, betheiligen können. Der Borkund, Hinweise auf den Karneval in Kelmis im Korrespondenz-Blatt 1852 (0. ) und 1854 (u.) sowie auf einen Maskenball im Schützenlokal zu Mitfasten 1856
95 Auch am Sonntag Laetare (Mittfasten) ist kamevalistisches Treiben bzw. Maskenball nicht unbekannt. Die Zeitungsanzeigen lassen erkennen, daß Mitte des vorigen Jahrhunderts mindestens zwei Tanzsäle (Felix Hotschamps, auch "Hotchan" geschrieben, u. H. Gouder de Beauregard) und dazu noch das Schützenlokal für größere Veranstaltungen zur Verfügung standen. In seiner Anzeige zum Karneval 1853 weist der Wirt F. Hotchamps besonders darauf hin, daß bei dieser Gelegenheit "Mosel-, Rhein- und Bordeaux-Weine verabreicht werden". 1879 ist erstmals von einem durch die Gesellschaft "Unitas zu Altenberg" veranstalteten Karnevalszug die Rede (1). [2 > Unilas zu Altenberg. A ; AU We PN Faftnachts-Montag den 24. Febr. 0 >W Nachmittag8 1 Uhr 3 verfanımeln fich die Mitglieder m kam. 2111 den großen A Caruevalszug mitzumachen. Diejenigen fremden Herren, welche diefen Zug zu Pferde mitmachen wollen, werden gebeten {ich beim Präfidenten Herrn Müller zu melden, Abend8 7 Uhr MA KON Gostumirter Ball im DBereinslofale. Entree 1 Mark. Damen frei, Maskirte haben feinen Zutritt. Der Borfiand Anzeige im Korrespondenz-Blatt vom 22. 2. 1879 1886 wird Prinz Jean I. erwähnt und 1887 bittet ein Zug- Komitee die Gemeinde Preußisch-Moresnet um die "Erlangung einer Unterstützung" zur Veranstaltung eines Karnevalszuges. Wie es einleitend in dem an Bürgermeister Schmetz gerichteten
96 Schreiben heißt, habe die allseitig günstige Aufnahme, welche die Idee gefunden habe, "in diesem Jahre wieder einen Carnevals- Zug zu veranstalten, es angezeigt erscheinen lassen, auch bei der wohllöblichen Gemeinde-Verwaltung von Preußisch-Moresnet um die Erlangung einer Unterstützung vorstellig zu werden". Daraus geht hervor, daß man an die Veranstaltung des Vorjahres anknüpfen möchte und auch, daß beide Gemeinden um finanziellen Beistand gebeten wurden. Es ist nicht uninteressant zu lesen, wie die Antragsteller ihre Bitte begründen. Da heißt es u. a.: "In Erwägung, daß die Veranstaltung eines Carnevals- Zuges die eigenen Leute und mithin ihr Geld im Dorfe hält und wie bekanntlich viele Menschen aus der Umgegendnach Altenberg zieht; "InErwägung, daß diese Veranstaltung, welche im strengen Rahmen des Erlaubten gehalten werden soll, in moralischer Hinsicht ihren guten Einfluß ausübt, indem sie die unanständigen Masken und Schreiereien von der Straße verdrängt; "In Erwägung endlich, daß die Gesamt-Einnahmen des Sammelwagens den Armen zugewandt wird...” Aus der Formulierung "wie bekanntlich viele Menschen..." könnte man auch den Schluß ziehen, daß schon mehrmals ein Zug in Kelmis ausgegangen ist und daß derselbe eine stattliche Anzahl von Besuchern angezogen hat. Ob in den folgenden Jahren alljährlich Umzüge stattgefunden haben, läßt sich wegen der dürftigen Quellenlage (fehlende Vereinsarchive) nicht sagen, doch ist dies eher zweifelhaft. Die Lokalpresse weist nämlich bei Gelegenheit der Karnevalstage auf die verschiedenen Veranstaltungen hin, erwähnt aber für die folgenden Jahre keinen Karnevalsumzug in Kelmis. Aus der Vereinschronik der "K. G. Lustige Brüder", die in Reimform aus Anlaß des 75-jährigen Bestehens der Gesellschaft 1983 verfaßt wurde, entnehmen wir, daß 1908 ein Umzug stattfand. Dazu der Chronist: "Op de nächste Versammlung koem dä Vörschlag da och, Vör organisiere i Kelemes ne Karnavalszog; Di ander wore paff än du och begeistert, Joo, dat wät klappe, dat krij vör jemeistert. Än ine Februar 1908, ming liev Kameroote, Jung wirklich i Kelemes der Zog dörch en Stroote.”
98 Und der Chronist erwähnt auch, daß seine Gesellschaft im selben Jahre 1908 die erste Kappensitzung im damaligen vn . an Kaisersaal", dem späteren Saal "Astoria" organisierte und daß 1909 wieder Kappensitzung und Zug veranstaltet wurden: "I 1909 juv et wir Sitzung än Zoch, In di folgende Joore natürlich och...” 7 Es scheint, daß in der Zwischenkriegszeit erst 1936 wieder ein Karnevalszug organisiert wurde. Obes damals auch schon zur Wahleines Prinzen gekommen ist, ist unsicher. BVBermifdhte Nachrichten, ; „Karneval in Kelmi8‘“ — fo lautet das Motto für die bevorftehenben Fajdhing3tage. Diefelben fcheinen urz Zomifd und urgemiltlich zu werden, wie au einer Meinen Rebue zu erfehen ift, die wir, bevor der Tanz Io8geht, in ben verjchiebenen Lokalen, wo ber Karneval8jubel ant Ich: Hafteften zu werden bverfpricht, macdheıt wollen. Da ver: anftaltet 3. B. die „St. Barbara:-Sebhaftia- nu8:SchügengefelIfh a ft“ inder Schügenhale am Sonntag abend einen großen Loftüntierten Ball, wobei der geräumige Balfaal der tanzluftigen Welt Naum zur “ Entfaltung bieten wird. — „Du folkft und mußt Tagen“ heißt c8 am Montag von vormittags 11 1lhr an im of. Stammen’fhen Sokale beim Humoriftijhen Frühfhoppen ; man fan berfichert fein, daß ba Fräftige Lachfalven abgegeben werden. Befondere Srz r mwähnung verdient das dafelbjt am gleichen Tage abends 7 Uhr beginnende Foftümierte Tanzkränzdhen ; am Dienztag bverfammeln fich bei Hrn. Stammen alle Inftigen Brüder. — Sm MNeftaurant des Hın. Augufit Strauß finden während der KarnevalStage Miaskenball und hHöchft närrifd-Humoriftijde Borträge ftatt. Die Vortragenden “werden ihrer Mufgabe gemwachfen fein und einen durch: fhlagenden Geiterfeit&erfolg erringen ; die Zuhörer dürfen au8 ben Lachen gar nicht mehr herauskommen. Der Houpttummelplag aller Narren und Närrinnen ft am Dienstag abend in den Lokalen Stammen und Strauß. — Nun wollen wir fehen, was unZ die berühmte Karnca Val8gefeNjchaft „U IF bietet. Anı Nofenurontag abendZ von 7 Uhr an Hält fie im Natrenpalafte Hotel Berger: hoff ihre legte närrifdhe Neichstagsafigung in Gegenwart der geehrten Damen ab. Abgefehen von den qünftigen BilHnenverhältniffen und der trefflidhen UAkuftik des Saalc8, den Humorvollen Vorträgen und dem üÜberfprudelnden Srchlm wird um 11 Uhr ein munterer foftümierter Feftbal eginnen ; während deSfelben werden Neberrafchungen bereitet und Yraskartoffeln verabreicht. Sin burte8 farbenz prächtige Bild wird fi dem Befchauer bieten, deun die Ullfer mit ihrem Damen werden fich, wie voranzufehen, mit fhmucken Farnevaliftijhen Mügen bebedfen oder fonft auf gelungene Weife [ich traveftieren. Mie au8 Vorftchendem zu erfehen, Haben die Kelmijer während der drei Karneval&tage reichlihe Auswahl, wie fle am Dbeften dem toNlen Prinzen hHuldigen folen, bevor der anbrechende Afchermittwochsniorgen fie an den Ernft ber Faftenzeit und 8 Leben mahnt. J. En, Reges Karnevalstreiben ist angesagt. ("Das Freie Wort” vom 27. 2.1897)
99 Die Liste der Karnevalsprinzen ist erst seit 1939 (mit kriegsbedingter Unterbrechung bis 1950) vollständig. In einem Rückblick auf den Kelmiser Karneval i. J. 1947 schreibt der Grenz-Echo-Berichterstatter, es sei "wohl eher der Versuch gewesen, den Anschluß an die Vorkriegszeit zu finden" und er rät den Organisatoren, d. h. den Karnevalsgesellschaften, dem Karneval ein Leitmotiv zu geben, daß dann auch die Grundlage eines Rosenmontagszuges bilden könnte. Den Bericht des Jahres 1948 beschließt der Korrespondent mit der Frage: "Warum nicht einen Fastnachtszug auf die Beine bringen?" Daß Kelmis dazu in der Lage sei, habe es bereits vor Jahren bewiesen. Die Anregung des Zeitungsmannes wurde auf Initiative des Kegelclubs "Victoria" im Februar 1949 von den Karnevalsgesellschaften und vielenanderen Vereinen aufgegriffen und es bildete sich ein Karnevalskomitee, das die Durchführung eines Rosenmontagszuges in die Hand nahm. Der erste Nachkriegszug i. J. 1949 wird von der Presse als "eine schöne Leistung" , als "ein Zug nach alter, guter Kelmiser Art" bezeichnet. Noch hatte man den Zug ohne Prinz veranstaltet. Einen solchen wählte man zum ersten Male wieder 1950. Für sonntags und montags stellte das Komitee ein volles Programm auf die Beine: sonntags übergaben die Bürgermeister von Kelmis und Neu-Moresnet dem Prinzen das Zepter sowie die Schlüssel der Gemeindehäuser und der Weinkeller von Penning und Casino. Der Feldhüter überreichte dem Narrenherrscher den Polizeiknüppel, den sog. schwarzen Fränz, und die Schlüssel der Arrestzellen. Es seinebenbei bemerkt, daß der neue Herrscherstab vom Reitclub gestiftet wurde und ein Werk des Kelmiser Holzschnitzers H. Everts ist. Montags ging der Zug aus. Angeführt wurde derselbe vom Wagen des Karnevalskomitees mit dem "Küsch", dessen Erscheinen das Publikum mit dem Refrain " E Kelemes wätt ene Küsch jeschlacht" begleitete. 1951 nehmen Prinz Jaques I. und über 40 Wagen am Zug teil. Durch seine Höhe und noch mehr durch seine gutgenährte Gestalt überragt der "Küsch" des Komiteewagens mit dem elastischen Schwänzchen alle anderen Fahrzeuge. Das
100 Riesenschwein schien von weitem schwerelos über den Köpfen der Menschen zu schweben. Von Jahr zu Jahr nimmt der Kelmiser Fastnachtszug an Größe zu. Ob Schnee oder Regen, die Stimmung bleibt immer bis zur Auflösung des Zuges auf dem Kirchplatz erhalten. Hier nun lag, so meinten die Organisatoren, eine Schwachstelle. Mit Bedauern mußte man feststellen, daß die Menge sich sofort nach Ankunft auf dem Kirchplatz zerstreute. Wie konnte man die Besucher und Zugteilnehmer noch etwas länger zurück- und beisammenhalten? 1956 wurde der Zug umorganisiert. Die Bürgermeister überreichen seitdem beim sonntäglichen Empfang im Gemeindehaus dem Prinzen die prächtige Prinzenkette, die als ‘ offizielle Ehrung verliehen wird und künftig jeden Prinzen schmücken soll. Den Mittelpunkt dieser Kette bildet der traditionelle "Küsch", von Zepter und Schlüsselumgeben, während die Kette aus Medaillons mit den Bildnissen der gewesenen Prinzen gebildet wird. Die Kette ist ein gemeinsames Geschenk beider Gemeinden diesseits und jenseits der Lütticher Straße. Nach dem Zug nehmen die Wagen und Gruppen auf dem Kirchplatz Aufstellung und gruppieren sich dortum einen Galgen, an dem weithin sichtbar der "Küsch" (aus Stroh) baumelt. Der Prinz steckt nun diesen "Küsch" feierlich in Brand, wodurch er allen andeutet, daß die tolle Zeit zu Ende ist. Das Verbrennen des Kelmiser Karnevalssymbols wird von einer Art Volkstanz begleitet, den die Zugteilnehmer auszuführen haben, wenn sie die ihnen für die Teilnahme versprochene Prämie zur Gänze erhalten wollen. Nun erst, nachdem der "Küsch" in Rauch aufgegangen ist, beginnt die Abfahrt der Wagen und Gruppen. Um den in der Folgezeit noch immer anwachsenden Zug zu steuern, wurde im Gemeindehaus eine zentrale Leitstelle eingerichtet, von wo aus per Funk oder über Lautsprecher die notwendigen Informationen (unterbrochen durch Karnevalsmusik) durchgegeben werden können. Hergenrath und Moresnet schlossen sich dem Karneval an der Göhl an und so entstand der große "Ke-ne-he-mo"-Karneval. Nur zweimal ist in den vergangenen Jahrzehnten der Fastnachtszug ausgefallen: 1962 wurden wegen Pockengefahr alle öffentlichen Aktivitäten verboten und 1991 verzichtete man
102 Kreuz am Wegesrand von Freddy Nijns Rp a, so f % GE An ) On ) 5 a Hs DZ Kr a Qt FÜR WE ED G ef ob E 2 Se A NEO Isus Chiitus A ae N GO Ss DE WI er AAO DDR % AB Fan VA Am Wegesrand, schon ganz verwittert, ein Kreuz- alt, demütig, wie verbittert. Weiß zu erzählen vom Arbeiten, Beten, Kämpfen und Leiden vergangener Zeiten. Künder einfacher bäuerlicher Kunst, von Frömmigkeit, die fleht um Gottes Gunst. Derbe Fäuste und Kinderhand haben es geschmückt mit Blumen und Ausgabe. Mit Ehrfurcht grüßt es mancher Wandr'rer, im Gedenken still verharrt ein and'rer oder preist Ihn, der gibt das Leben und die ew’ge Ruh', nach der wir streben.
103 In Memoriam Schmerzlich und überraschend kam für uns alle die Nachricht vom Tode von Frau Dr. med. Gisela De Ridder, die am 31. 10. 1994 im Alter von nur 56 Jahren von uns gegangen ist. Gemeinsam mit ihrem Gatten, dem 1979 verstorbenen Jean De Ridder, engagierte sich Frau Gisela De Ridder im heimatgeschichtlichen und kulturellen Bereich ihrer Wahlheimat. Von 1971 bis 1982 war sie Vizepräsidentin unserer Vereinigung und zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie für Fahrten und Exkursionen. Aus beruflichen Gründen legte sie dieses Amt 1982 nieder und schied aus dem Verwaltungsrat aus, blieb aber im Rahmen des Möglichen weiterhin für Sonderaufgaben an- sprechbar, z. B. beim Aufbau des Göhltalmuseums, bei dem sie sich mit Rat und Tat eingesetzt hat. Mit der Geschichte der Göhltalvereinigung bleibt der Name von Frau Dr. Gisela De Ridder eng verbunden und wir alle bleiben ihr zu Dank verpflichtet. Der Vorstand
104 In Memoriam Am 27. Oktober 1994 verstarb in Kelmis nach längerer Krankheit im Alter von 63 Jahren unser Vorstandsmitglied { Herr Leo Göbbels. Der Göhltalvereinigung gehörte er seit den Anfängen an. Sein Interesse galt vor allem der Postgeschichte des Göhltalraumes und sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene wurde sein großes Fachwissen geschätzt. Die belgische "Acade&mie de Philatelie" wählte ihn zum Mitglied. Seit 1985 war Leo Göbbels Verwaltungsratsmitglied der Göhltalvereinigung und immer bereit zu helfen, wo es galt, Hand anzulegen. Mit dem Verstorbenen verlieren wir einen treuen Mitarbeiter, dessen Andenken wir stets in Ehren halten werden. Der Vorstand
105 Jahresrückblick 1994 von Freddy Nijns Vorträge Den Reigen der Veranstaltungen eröffnete die Vereinigung mit der Generalversammlung, die am 23. Januar 1994 im "Select" stattfand und zu der die Mitglieder sehr zahlreich erschienen waren. Der Berichterstatter konnte für das abgelaufene Jahr 1993 über eine sehr positive Entwicklung der Vereinigung berichten, die weiterhin im Aufwind ist und deren Tätigkeiten bei den Mitgliedern auf viel Resonanz stoßen. Die Generalversammlung wurde mit einem Dia-Vortrag über die Budapest-Fahrt des Sommers 1993 abgerundet (A. Bertha). Am 4. März 1994 zeigten wir im Göhltalmuseum den Video-Film von Harry und Trees Weckx-Jutte aus Landgraaf "Die Göhl von der Quelle bis zur Mündung". Das Publikumsinteresse war so groß, daß eine zweite Vorführung notwendig wurde. Die Einkünfte der Herzöge von Limburg": dies war am 15. 4. 1994 das Thema eines abendfüllenden Vortrags von Kulturhauptinspektor F. Pauquet, der anhand der sich über vier Jahrhunderte erstreckenden Rechnungsunterlagen (von 1388/90 bis 1787) nachweisen konnte, wie sich die einzelnen Einnahmeposten der Limburger Herzöge entwickelt haben. Ter- ritoriale Fragen sowie die Frage der Währungen und des Geldwertes wurden dabei ebenfalls behandelt. Daß die Regierenden recht einfallsreich waren, wenn es darum ging, neue Einnahmequellen zu erschließen, zeigen schon die frühesten erhaltenen Unterlagen, wo sich neben den Einkünften aus Zinsgütern und Mühlen, vom Zehnten und vom Straßengeld Posten finden wie "Lamm- und Wollzehnt", Abgaben bei Verkäufen (Erfpenninck), bei Todesfällen, bei Durchreise mit Lastpferden etc. Einen nicht unerheblichen Teil ihrer Einkünfte bezogen die Herzöge schließlich
106 auch aus den Bergwerken, wenn auch die Landwirtschaft immer die Haupteinnahmequelle geblieben ist. Am 1. 10. 1994 konnten wir das 10-jährige Bestehen des Göhltalmuseums feiern. Wir taten es mit einem großen Heimatabend in der Patronage , der mit plattdeutschen Texten, (Jos. Bindels, Jakob Langohr, Pascal Kreusen, Willy Timmermann), musikalischen Zwischenspielen des Kelmiser Salonorchesters, tänzerischen Darbietungen der K.G. 1927 aus Hergenrath und Filmszenen zum "Grünen Land Ostbelgien" einen interessanten Einblick in die Vielfalt kulturellen Schaffens in unserem Raum bot. Diese Gelegenheit wurde auch zur Buchvorstellung ‘ "Geschützte Denkmäler und Landschaften an Iter, Göhl und Gülpe" von A. Bertha genutzt. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule (VHS) Aachen referierte am 4. 11. 1994 Dr. Nik. Schmitz (VHS) im Select über die Kulturgeschichte des Metalles Zink und seiner Mineralien. Mit profunder Sachkenntnis gelang es dem Mineralogen, den Bogen zu schlagen von der Antike bis in die Jetzt-Zeit und anhand von Dias und Folienprojektionen sowohl die Entdeckungsgeschichte des Metalles Zink wie auch dessen vielfältige Anwendungsbereiche anschaulich darzulegen. Am 12. 11. 1994 stellten wir auf Einladung des Hauseter Verkehrsvereins in der dortigen Mehrzweckhalle den Videofilm "Die Göhl von der Quelle bis zur Mündung" vor. Auch hier stieß der Film auf ein großes Interesse. Exkursionen und Wanderungen Unter der Leitung von W. Meven fand am 12. 3. 1994 eine Museumsbesichtigung der Burg Frankenburg (Aachen) statt, wo vor allem die Aachener Stadtgeschichte von ihren Anfängen bis heute dokumentiert wird. Am 29. 5 1994 war die Stadt Luxemburg Ziel einer kulturellen Tagesfahrt unter der Leitung der Herren F. Steinbeck und W. Palm.
107 Eine für den 12. Juni geplante Wanderung um Limburg mußte leider ausfallen. Aufdie Einladung zu einer Fahrt nach Höhr-Grenzhausen im Kannebäckerland, am 19. 6. 1994, unter der Leitung von W. Meven, kam ein sehr positives Echo unserer Mitglieder. Der Westerwald-Ort Höhr-Grenzhausen mit seinen etwa 10.000 Einwohnern, wo heute noch 350 Personen in der Keramikproduktion beschäftigt sind, hat eine lange Tradition als Kannebäcker-Ortund Einflüsse aus Siegburg, Frechen und Raeren aufgenommen. (Noch heute findet sich dort der Name Mennicken). Die Gruppe konnte eine Tongrube und das Keramikmuseum besichtigen und einen Einblick in die breitgefächerte Produktionspalette moderner Keramik gewinnen. Vom Gebrauchsgeschirr früherer Jahrhunderte ist man zur Fertigung technisch hochwertiger Produkte wie Hüftgelenke, Zahnimplantate, Katalysatoren etc. übergegangen. Ein alljährlicher Höhepunkt in unserem Veranstaltungskalender ist die Mehrtagesfahrt, die uns 1994 vom 18. bis 23, Juli unter der Leitung von Herb. Lennertz in die Bretagne führte, wo die Teilnehmer in Dinard, der Zwillingsstadt von St Malo, untergebracht waren, um von dort aus einige Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten dieses nordfranzösischen Landstrichs zu erkunden. Neben der alten Korsaren-Stadt St Malo blieben als besondere Besichtigungsschwerpunkte in der Erinnerung die Austernzucht von Cancale, die Blumenstadt Van- nes, die Menhir-Felder von Carnac, das Naturreservat von Cap Fre£hel mit seinen Steilküsten, die "Calvaires" von St Th&gonnec und Guimiliau, der gewaltige Komplex des Mont Saint Michel und das mittelalterliche Dinan. Eine Führung in Chartres (auf der Hinfahrt) und eine Pause im Schatten der Kathedrale von Rouen (auf der Rückfahrt) rundeten das Programm harmonisch ab. Am23. 10 1994 führte die letzte Ausfahrt des Jahres in die Gemeinde Voeren, die sich aus sechs Orten (Teuven, Remersdael, "s-Gravenvoeren, St Martens-Voeren, St Pieters-Voeren und Moelingen/Moulan zusammensetzt und seit ihrer Eingliederung in die Provinz Limburg (1963) durch heftige sprachpolitische Auseinandersetzungen viel von sich reden gemacht hat.
108 Dr. Jaak Nijssen aus St Martens-Voeren war der Gruppe an diesem Tage ein sachkundiger Begleiter; er zeigte die Besonderheiten der Geologie und Architektur (Feuerstein) und wußte über die Landwirtschaft genau so kenntnisreich zu erzählen wie über Dialektunterschiede zwischen Teuven und Moelingen. Die Voeren laden zum Wiederkommen ein, doch sollte man sich mit einer guten Straßenkarte versehen... Ausstellungen Auch in diesem Jahre 1994 konnte das Museum in der Maxstraße durch einige Ausstellungen belebt werden. "Zeugen des ehemaligen Bergbaus im Göhltal” zeigte - Herr F. Pauquet vom 3. bis 18. September. Dabei konnte er auf sein reichhaltiges Privatarchiv mit seltenen Karten und Skizzen zurückgreifen und die Bedeutung des "Altenbergs" für Kelmis und Umgebung unterstreichen. "Hedendaagse Tekeningen" ‚ eine Ausstellung der Flämischen Gemeinschaft, zeigte vom 24. September bis 23. Oktober 1994 41 Werke von 15 zeitgenössischen flämischen Künstlern, eine Wanderausstellung, die einen Überblick über die Entwicklung der Zeichenkunst bietet. Ganz anders geartet waren die Exponate von Frau Therese Stuurman (Hoensbroek), die Ölgemälde, Aquarelle und kleine Bronzeplastiken vorstellte, wobei besonders die Aquarelle und die Arbeiten in Bronze eine sehr wandelbare und vielseitig begabte Künstlerin zeigten.