Im Söhltal mM Ohlta Landschaft im Grenzraum Nordostbelgiens A a > AU A 3 CE B SE) a, LAS A A SEE Ya a U A A Sl de Be SE a SM 7 ame % ART ME A li n | l | id {l Ü M | U N MEERE BRUNNER MAN TEN ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr 51 — August 1992
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Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr 51 August 1992 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04. Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Kassierer: Fritz Steinbeck, Hasardstraße 13, 4721 Neu-Moresnet. Postscheckkonto N’ 000-0191053-60. Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser, Alle Rechte vorbehalten Entwurf des Titelblattes: Alfred Jansen, Moresnet-Kapelle. Druck.: Hubert Aldenhoff, Gemmenich.
3 Inhaltsverzeichnis A. Jansen, Zum Umschlagbild 5 Moresnet-Kapelle Heinr. von Schwartzenberg Aachen Der Dreiländerpunkt 9 Ren6€ Jongen, Sprachschöpferische Wirkungs- 29 Louvain-Jla-Neuve möglichkeiten in der Mundart Jakob Langohr, Lihrer Pesch&s Jraaf 41 Aachen-Bildchen Alfred Bertha, Vor 80 Jahren: 42 Hergenrath Herbesthal wird selbständige Pfarre Astrid Schmitz, Kinderaugen sehen ihre Heimat 65 Kelmis ' Alexandra Ardeleanu-Jansen, Aachen - Montzen Der sogenannte Jagdsaal von 74 Schloß Streversdorp/Chäteau Graaf Hub. Jenniges, Kampf um einen Bischof: 93 Kraainem J. Th. Laurent, Apostolischer Vikar des Nordens M. Th. Weinert, Aachen In der Nacht 101 F. Nijns, Walhorn Tätigkeitsbericht 102
6 Die Bedachung des Westturms gehört ebenfalls zu einem nicht seltenen Typusjener Zeit, ähnlich der von Schloß Hoensbroek, während die Dachform des Bergfrieds durch die vier Ecktürmchen mitbestimmt wurde. Wichtige Elemente zur Datierung des Daches sind die Wetterfahnen, sechs an der Zahl, die den Bergfried und den Westturm bekrönen. Sie tragen das Wappen des Gerard Colyn und dessen Ehefrau Alexandrine von Efferen, die die Herrschaft Beusdael von 1606 bis 1643 besaßen. Ein Wappenstein Colyn- von Efferen trägt die Jahreszahl 1626. Somit dürfte feststehen, daß die Dachpartien.etwa 100 Jahre jünger sind als Palas und Westturm. Wie P.-J. Rensonnet wohl zu Recht vermutet, dürfte das ursprüngliche Dach durch einen Brand zerstört worden sein. Bei der Neueindeckung wäre der Westturm um eine Etage aufgestockt worden, was die ovale Form der Fensteröffnungen erklären könnte. BO PEN BO 21 tt 0 EEE K ) a N | On A VA N 2 - { A | On 4 5 Diese vor 1882 gemachte Aufnahme zeigt den Schloßhof von Beusdael vor den Umbauten. (Reprod. A. Jansen)
7 Die Besitzerfolge auf Beusdael ist vom frühen 14. Jh. bis in unsere Tage lückenlos belegt. 1323 ist Johann genannt Schevart von Oys Herr zu Beusdael. Ende des 14. Jh. und während der ersten Hälfte des 15. ist Beusdael im Besitz des Herman von Eys (+ 1462), dessen Vater Johann 1370 Eva von Beusdael geehelicht hatte. Nach dem Tode des Gerard von Eys (1578) ging Beusdael an die Eheleute Joh. Colyn und Eva von Eys über. Die Familie Colyn blieb bis 1760 im Besitz von Beusdael. Letzter Herr von Beusdael vor der Franzosenzeit war Graf Pierre Charles Francois Antoine de MEan- Beaurieux, ein Neffe des Lütticher Fürstbischofs Francois Constantin de Hoensbroek., Im 19. Jh. folgten sich (durch Heirat) die Familien von Copis und d'Oultremont. Graf Florent Ferdinand J.L. d'Oultremont ließ 1882 bedeutende Umbauten an Schloß Beusdael vornehmen: erwähnt sei der Bau einer neuen Brücke über den Wassergraben und eines wenig stilgerechten überdimensionalen Portals. Die Wirtschaftsgebäude ließ Graf d’Oultremont niederlegen und außerhalb der Wassergräben neben dem eigentlichen Bauernhof Pferdeställe, Kutschenremisen und Wohnungen für das Dienstpersonal erbauen. Beusdael erhielt damals durch den Architekten Emile Janlet sein heutiges Aussehen. Graf Florent d'Oultremont verstarb ledig und hinterließ Beusdael dem ältesten Sohn seines Bruders Eugene, dem Grafen Joseph-Antoine M.E.H. d'’Oultremont. Der neue Besitzer entschloß sich 1921 zum Verkauf von Beusdael, das damit zum ersten Male in seiner siebenhundert- jährigen Geschichte verkauft wurde. Der aufwendige Lebensstil des Käufers, Guillaume-Jean- Abraham Huyser, führte 1934 zur Zwangsversteigerung seines Beusdaeler Besitzes, den ein Vervierser Industrieller, Victor Voos, erstand, dessen Erben Schloß und Ländereien von Beusdael (mit Ausnahme der Waldungen) 1950 an L. Vanderheyden verkauften. Das Schloß ging im folgenden Jahre an die Lütticher Vereinigung "Les colonies scolaires catholiques Liegeoises" über, die Beudael noch heute besitzt. Für die "petite histoire" sei noch folgende Begebenheit erwähnt: der genannte Abraham Huyser hatte bei einer seiner zahlreichen Reisen seine junge Frau (sie war 25 Jahre alt) in Athen
8 verloren. Er ließ die Tote nach Sippenaeken überführen und die einbalsamierte Leiche in einem Glassarg in Schloß Beusdael in einer Krypta unter dem Gang zur Kapelle beisetzen. Die Einbalsamierung scheint jedoch nicht fachgemäß vorgenommen worden zu sein, denn die "Mumie" zerfiel nach und nach. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg war der Glassarg mit den sterblichen Überresten der jungen Frau eine der Attraktionen von Beusdael. Heute erinnert noch eine Grabplatte an die damalige Gruft. Sie trägt die Inschrift: "HIER RUST MYNE INNIG GELIEFDE VROUW MEVROUW ODETTE HUYSER GEB WEHRY, GEB. NEUILLY s/SEINE 5-2-1897 ; OVERL. ATHENE 30 APRIL 1922. GOD ZY HARE ZIEL GENADIG." Seit 1976 steht Schloß Beusdael unter Denkmalschutz. e Literatur de Fossa, Paul-Andr&: Chäteaux en terre vervi6toise. Beusdael, in Le Courier, 9.-10.-11. April 1977 Poswick, Guy: Les DElices du Duch€ de Limbourg, Verviers, 1951, S. 259-264. Rensonnet, Paul-J.: Beusdael, son Chäteau et ses Seigneurs, in Bulletin de la Soci&t€ Vervi&toise d'Arch&ologie et d’Histoire, Bd. 53, 1966, S. 1-112. Ders. in Journal d'’Aubel, 11.6.1982.
9 1. Der Dreiländerpunkt Ein historisches Denkmal von Heinrich von Schwartzenberg 8 8 IN N NN VNA un | ACH 8} A) N 10 a2 } N # | U Ü UN Wi | | 0 di Y' RE N DEREN AR DR dk SA A GC N 2A nk UN 2 2 8 e BO . BO A 2 Am Dreiländerpunkt, dort wo die Grenzen von Belgien, Deutschland und den Niederlanden zusammenstoßen, steht heute der "Blaue Stein", Der achteckige Grenzstein trägt auf den entsprechenden Seiten die Buchstaben "B" für Belgien, "D" für Deutschland und "NL" für die Niederlande. Außerdem trägt er die Nr. 1032 der belgisch-deutschen und die Nr. 193 der deutsch- niederländischen Grenzstein-Numerierung, Die Grenzsäule Nr. 1 der belgisch-niederländischen Grenze steht, eigentlich nicht exakt, einige Meter entfernt am "Höchsten Punkt" der Niederlande.
10 A. Entstehung und Entwicklung des Dreiländerpunktes im Aachener Wald Man kann sagen, daß das Gebiet westlich von Aachen noch im Jahre 1000 ein wenig besiedeltes Wald- und Ödland war, das als solches nach dem damaligen Recht dem König gehörte (1). Nach dem Jahre 1000 fingen die Herrscher an, die Nutzungsrechte über Teile ihres Eigentums an Klöster und Kirchen zu verschenken. So schenkte Heinrich II. am 6. Dezember 1016 dem Kloster Burtscheid einen Hof in Uillam (Vijlen bei Vaals) (2). Nach und nach erwarb die Abtei Burtscheid weitere Besitzungen hinzu, u.a. den Mönchshof, den Panneshof und den Hof Bellet, alle gelegen . in oder bei Vijlen (3). An der Kirche in Vijlen und am Hof Bellet sind heute noch Wappensteine der Burtscheider Abtissin von Renesse zu sehen. ZZ AZ 0 : 0 A BE 2 } ; | El u N En A Mn NS X A 2 A Va Wappen der Burtscheider Äbtissin von Renesse am Hof Bellet in Cottessen
11 Heinrich III. schenkte am 13. Februar 1041 Landgüter in Vaals, Gemmenich, Mamelis und Vijlen dem Kloster St. Adalbert zu Aachen (4). Am 27. April 1072 weilte Heinrich IV. in Aachen und schenkte bei dieser Gelegenheit dem Aachener Marienstift den Königshof Walhorn, woraus später die Lehnsherrschaft des Marienstiftes über Walhorn entstanden ist (5). Aus den Schenkungen bildeten sich später kleine Ver- waltungsbezirke (Banken), Herrlichkeiten oder Herrschaften, bei denen die Beschenkten meist nur die Grundherrschaften erhielten, d.h. sie konnten alle Verkäufe, Geschenke, Übergaben und Hypo- theken beurkunden, also ausschließlich Grundbuchtätigkeiten wahrnehmen (6). Am Dreiländerpunkt kamen die Bank Montzen und die Dreibank Vaals/Vijlen/Holset zusammen. Die Erhebung von Orten zu kleinen Herrlichkeiten fällt vor- wiegend in die Regierungszeit Philipps IV., der 1621 König von Spanien wurde und mit dem Verkauf von Orten an zahlungsfähige Adelsfamilien seine Finanzmisere beheben wollte (7). EEE A ÜZR nn Sn A NE Ne EEE AO KErABEEHO BÄUEE ELZ EEE SE SPP EEE Dale VER ER angeht ZZ ZZ SZ GEL A BE CP 5 Bart bh LE 7 LT Br CHE RI hy ESSÜCTEE TE Auszug aus den Finanzbüchern der Herzoglichen Rechnungskammer zu Brüssel. In dem Dokument wird bestätigt, daß Adolf v. Belven Holset und Vaals am 18, August 1626 für 3700 fl gekauft hat. Ferner ist zu ersehen, daß Winand de Berlo Vijlen für 3100 fl erhielt. (Kopie aus Familienarchiv Bern. v. Schwartzenberg) Im übrigen ist dem Schreiber der Urkunde ein grober Fehler unterlaufen. Statt Adolff Bertoldt de Belven muß es Adolf(f Bertolf(ß de Belven heißen. (Freundliche Mitteilung von Herrn A. Bertha) .
2 Im Jahre 1626 kaufte Adolf v. Belven die Bank Holset/ Vaals, die er später an Jan v. Schwartzenberg weiterverkaufte (8). (Siehe Auszug aus den Finanzbüchern der Herzoglichen Rechnungskammer und Bild des Hauses "a gene Banket".) ES ZN DE IC % SZ A Z AD MS ZB AM | — za Zn 3] 1 EB Wir Ka \ Ta Fa SnenE WE BR A A A EN DEN TE ET SE RE EC fin. Holen Sen Das Haus "a gene Banket" war Sitz der Schöffenbank Holset; hier wurde im 17. Jahrhundert Recht gesprochen. (Foto aus "Speo Invidiam Vaals"). Der spanische König Philipp IV. verkaufte 1626 als Nachfolger der Limburger und Brabanter Herzöge und damit als Landesherr von Herzogenrath dem Adolf v. Belven die neuerrichtete Herrlichkeit Holset und Vaals. Unter Protest von Adolfs Nachfolger, Jan (Johann Wilhelm) v. Schwartzenberg, kommt die Herrlichkeit 1656 unter die Verwaltung des Drossarts von Herzogenrath. Die hohe Gerichtsbarkeit lag im Westen von Aachen im wesentlichen bei den Herzögen von Limburg bzw. deren Rechts- nachfolgern, obwohl das Aachener Reich nach einer Urkunde des Königs Sigismund von 1423, die eine andere von 1391 bestätigte, zeitweise weit in das Limburger Land hineinreichte. (Es dürfte sich wohl nur um die Vergabe von Nutzungsrechten gehandelt haben.) Die Dreibank Vaals/Vijlen/Holset gehörte bis zum Jahre 1662 zum Limburger Land Herzogenrath und unterstand dem dortigen Obergericht des Limburger Hofes (9). Daß die Herzöge von Limburg das Sagen hatten, läßt sich wie folgt erklären:
13 Unser hiesiges Land gehörte durch den Vertrag von Verdun (843) zum Mittelreich Lothringen und später durch den Teilungsvertrag von Meersen (870) zum Ostreich Ludwigs des Deutschen. Kaiser Otto I. teilte im Jahre 959 das Ostreich in Ober- und Niederlothringen ein, wobei unser Land zu Niederlothringen kam. Um 1100 erschienen die Herzöge von Niederlothringen auch als Herzöge von Limburg, die damit die Herren über die 1066 zuerst erwähnte Grafschaft Limburg wurden (10). Das Land Herzogenrath wurde erst 1137 dem Herzogtum Limburg einverleibt. Nach dem Tode des Grafen Adalbert von Saffenberg fiel Herzogenrath an seinen Sohn Adolf, der Margareta von Schwarzenberg, eine Nichte des Erzbischofs von Köln, Friedrichs I. (+ 1131), heiratete. Mathilde, die Erbtochter des Grafen von Saffenberg, heiratete im Jahre 1137 den Herzog Heinrich II. von Limburg, wodurch Herzogenrath und das dazugehörige Gebiet zum Herzogtum Limburg kamen (11). Ab 1410 wurde Herzogenrath dauernd verpfändet, zuletzt an Jülich, bis es 1544 wieder eingelöst wurde und an Limburg zurückkehrte (ZAGV, 56, 1935; S. 29). Die am Dreiländerpunkt angrenzende Bank Montzen blieb noch bis zur Franzosenzeit (1794) beim Herzogtum Limburg, während die Dreibank Vaals/Vijlen/Holset durch den Partagevertrag im Jahre 1662 als Exklave zu den "Generalstaaten" der Niederlande geschlagen und seitdem von Den Haag aus regiert wurde. Das Herzogtum Limburg war von 1288 bis zu seiner Auflösung im Jahre 1794 nie selbständig. Es gehörte durch die wechselvolle Geschichte nacheinander zu Brabant, Burgund, Habsburg (Österreich) und Spanien (12). Zugehörigkeiten des Herzogtums Limburg (13): 1288-1477: Nach der Schlacht von Worringen im Jahre 1288 kam das Herzogtum Limburg an den Sieger, d.h. an Brabant. (1406 wurde es mit Brabant Burgund einverleibt, das damals von Philipp dem Kühnen regiert wurde.) 1477-1555: Übergang an das Haus Habsburg (Österreich) durch Heirat der Tochter Karls des Kühnen mit Maximilian von Österreich. 1555-1714: Durch Teilung wurden die Niederlande Spanien zugeschlagen.
14 (Nach dem 30-jährigen Krieg (1648) wird die Unabhängigkeit der nördlichen Niederlande anerkannt. Durch den Friedensschluß in Den Haag vom 29. Dezember 1661 (Partagevertrag) wurden die Grafschaft Daelheim und die Herrschaften Valkenburg und Herzogenrath zwischen Spanien und den "Generalstaaten" der Niederlande geteilt. So kam auch die Dreibank Vaals/Vijlen/ Holset als Exklave zu den sogenannten Ländern Overmaas. Seitdem gehörten die zu den "Generalstaaten" geschlagenen Gebiete nicht mehr zum Herzogtum Limburg (14). Siehe Karte von 1739.) r BETA REES fe FF ; z Ar SUN Di es GR 1 Evan ann nn Laxesd SE AR EN Dat es Ka AO EN EEE EN Aa BD N dal EL m A | ss ENSECAERNDEN LE AS I N ZA sr WS a NS ar EN En are 37 Wa ZEN AG A VL ARE FE EEE EN NAHE LEN NE) a AT N WS m Sa HA VNA A Wen er a € Viren NA OA Ee Pz 1 ESS SEES Zn ME EVEN EEE w =” m — zz = En E7 > = en Karte der Länder Overmaas "Valkenburg, Daelheim, Herzogenrath" von 1739 Die vorgenannten Länder wurden durch den Partagevertrag von 1661 zwischen Spanien und den "Generalstaaten" der Niederlande geteilt. Die spanischen Anteile kamen 1714 mit dem Herzogtum Limburg an Österreich. (Die Herrlichkeitsnamen, die die Vorsilbe "Staats"tragen, sind die niederländischen Anteile).
15 1714-1794: Durch den Frieden von Utrecht wurden die südlichen Niederlande und damit auch das Herzogtum Limburg wieder Österreich angegliedert. Mit der Ersterwähnung des Aachener Reiches im Jahre 1336 und mit der Benennung einer Aachener Hoheitsgrenze um 1430, die von Vaals über den Dreiländerpunkt in Richtung Entenpfuhl, Steinknipp, Hirtzplei, Grüne Eiche verlief, kann man auch die Entstehung des Dreiländerpunktes annehmen, kamen doch hier die Grenzen des Aachener Reiches, der Bank Montzen und der Dreibank Vaals/Vijlen/Holset zusammen. Die vorgenannte Aachener Grenze von Vaals nach Grüne Eiche ist wahrscheinlich 1545 mit Adlersteinen des Aachener Reiches markiert worden (15). Von Vaals bis zum Dreiländerpunkt sind noch zwei Adlersteine vorhanden. * SR „To Sn 2 “ee WE N a Va ; 2 = Aachener Adlerstein in Vaals, Aachener Adlerstein auf dem Akenerstraat 2 £ Schorenkopf (ca. 1 km nördl. vom Dreiländerpunkt)
17 Bei der Neuaufteilung im Jahre 1615 fiel das umstrittene Gebiet als Pufferzone zwischen Aachen und Montzen an die herzogliche Domäne. (Das trapezförmige Landstück wird heute noch Königswald genannt.) Die Aachener Adlersteine wurden zerstört und durch Wappensteine mit dem burgundischen Andreaskreuz, dem Burgunderabzeichen (briquet) und mit dem Goldenen Vlies ersetzt, die heute noch in größerer Zahl vorhanden sind (17). Ein Ausgangspunkt für die Grenzziehung war der Dreiländerpunkt. Durch den Partagevertrag vom 29. Dezember 1661 kam die Dreibank Vaals/Vijlen/Holset im Jahre 1662 als Exklave zu den niederländischen "Generalstaaten", bei denen sie bis zum Jahre 1794 blieb. EN ga A AA as 6% MR m Zn Grenzsteine aus der Burgunderzeit mit goldenem Vlies (1.) bzw. "Briquet" (r.)
20 Nicht mehr das Aachener Reich, sondern die "mairie de Laurensberg" war Anrainergemeinde des Dreiländerpunktes. An der alten Grenze zwischen den Departements Niedermaas und Ourthe befindet sich heute noch ein dicker Quaderstein, der vermutlich aus napoleonischer Zeit stammt (19) (s. Abb.). Br ES e SEA = A SA VE On 2 A Üh e u x ad A Mn Va * EA A “ | 2 « a KO 2 N De a A N BO OA BON AB ME 3 A } Quaderstein an der alten Departementsgrenze Nach der Niederlage Napoleons wurde im Jahre 1815 beim Wiener Kongreß unser Gebiet neu aufgeteilt. Die Grenzlinie ist aus der nachstehenden Karte zu ersehen. Östlich dieser Grenze wurden aus den früheren französischen "Mairien" preußische Gemeinden und aus den Kantonen entstanden die Kreise.
ZB CE Se ANGE HE En AR BE ES OCT « & WE ME Br 222 A S UNE I N Ce] BE 8 a] ET DANN DI a 2 a 5 SE a SE Die Grenzziehung 1815-1816 "Die Nord-Süd-Grenze bei Aachen zwischen Preußen und den Niederlanden wird fast in ihrem ganzen Verlauf willkürlich gezogen. Sie entsteht auf dem Wiener Kongreß als Kompromiß. Die Niederlande hatten zwischen Roermond und Trier die (historisch vernünftigere) Rur-Urft-Kyll-Linie gefordert, Preußen dagegen (auf Drängen der Tugendbündler) die Maas-Linie. Man legte die Grenze irgendwo dazwischen: bei Moresnet sogar in doppelter Linienführung. Zu den neuen Vereinigten Niederlanden gehört auch Luxemburg; allerdings nur in Personal-Union, denn es ist Bestandteil des Deutschen Bundes, einschließlich des heute belgischen Teils."(20) Die doppelte Linienführung bei Moresnet kam dadurch zustande, daß die Artikel der Wiener Abmachungen von Preußen und den Niederlanden unterschiedlich ausgelegt wurden. Ein Festpunkt, der nie umstritten war, war der Dreiländerpunkt. Preußen las aus den Bestimmungen, daß die Süd-Nord- Grenze des Kantons Eupen verlängert werden sollte, bis sie auf den Dreiländerpunkt träfe.
22 Die Niederlande meinten dagegen, daß vom Dreiländerpunkt aus in exakter Nord-Süd-Richtung eine Linie zu ziehen sei, bis sie auf die Grenze des Kantons Eupen stoße. (s. Karte unten 1.) Man konnte sich nicht einigen und erklärte den Streifen zwischen den beiden Grenzlinien "vorläufig" zum neutralen Gebiet (Neutral-Moresnet). Dieses Provisorium dauerte allerdings bis zum Jahre 1920. Eigentlich wären die verschiedenen Auffassungen für dieses kleine Gebiet gleichgültig gewesen, aber je nach der Auslegung wäre ein Land in den Besitz eines Galmei-Bergwerks gekommen. Galmei wurde zur Messingherstellung von beiden dringend benötigt. . Es ist nur merkwürdig, daß in den ganzen Verhandlungen . das Bergwerk, um das es eigentlich ging, nicht erwähnt wurde (21). Durch diese Regelung blieb zumindest der Dreiländerpunkt erhalten, der 1839 bei der Entstehung von Belgien sogar (bis 1920) zum Vierländerpunkt wurde. Die Grenzsteine von Neutral-Moresnet sind noch in großer Zahl vorhanden. S- BO Er Sa SE x : BL ) Sn — SL on % Den Lit A Sn Com en Re AfL 7 DE A Grenzziehung bei Neutral-Moresnet Grenzstein von Neutral-Moresnet
24 verhindert hätte. Nur Maastricht unter General Dibbetz bleibt neun Jahre als eingeschlossene Festung unter holländischer Flagge. Nur ab und zu öffnet sich ein Tor der Stadt, um Proviantholer aufs flache Land zu lassen. Auch Luxemburg fühlt belgisch, aber da es zum Deutschen Bund gehört, bleibt es für sich. Die Stadt Luxemburg selbst ist Bundesfestung und hat preußisches Militär. "(20) ; SE nn } ERS ER A SE when) - A Man Bi HN A EN nf SA 7 son N Ca N A NN SE fee) Mi V a ER A A SV] 0a 5 a CT RR filed { Ab 1839 Wert der Beuntten Ende ER RER OE SY "Das Dreiländereck rückt 1839 von Cleve nach Aachen. Holland hat in den Teilungsplan eingewilligt: Halb Limburg kommt zu Holland, halb Luxemburg zu Belgien. Da die abgegebene luxemburgische Hälfte zum Deutschen Bund gehört, muß — so will es der Bund — das Tauschobjekt Limburg jetzt in den Deutschen Bund hinein. Nur die Festungen Maastricht und Venlo nimmt man davon aus. Willem 1., jetzt nur noch halber Großherzog von Luxemburg, wird für die verlorene Hälfte Herzog von Limburg und sitzt zweimal im Deutschen Bund, halb großherzoglich, halb herzoglich. Jedoch schon 1840 dankte er ab." (20)
25 4 WEN LAT (NW i N u en + DL E UM Ä } 2 8 } DE FO E 0 % Nachdem das Dreiländereck wieder von Cleve zum Aachener Dreiländerpunkt verlegt worden war, begann man 1843 die Grenze zwischen Belgien und den Niederlanden mit spitzen Grenzsäulen zu versehen, die lebhaft an die Helmspitze eines Gendarmen der Biedermeierzeit erinnern. Vom Dreiländerpunkt bis Knokke markieren sie heute noch die belgisch-niederländische Grenze (23). Die Grenzsäulen zeigen neben den beiden Staatswappen die Jahreszahl 1843 und die Nummer des Grenzpunktes, Die Abb. zeigt die Grenzsäule Nr. 2 (ca. 700 m vom Dreiländerpunkt). Nach dem Ersten Weltkrieg kamen im Jahre 1920 Neutral- Moresnet und der Kreis Eupen zu Belgien, so daß nunmehr die Aachener Stadtgrenze und die Laurensberger Gemeindegrenze auch die Landesgrenze zwischen Deutschland und Belgien bildeten. Nur bei Bildchen bekamen Aachen und damit auch Deutschland einen sonderbaren Grenzsack zugesprochen. In diesem Gebiet, das z.T. zum obengenannten Königswald gehört, sollte nämlich ein Grenzübergangsbahnhof für die Güterabfer- tigung errichtet werden. Daraus wurde nichts, weil man später feststellte, daß die Güterbahnhöfe Aachen-West und Montzen zur Abwicklung genügten (24).
26 NIEDERLANDE AO DEU SICH LLACHCD . 1815-1830 u. ab 1839 ES SE (Belgien 1830-1839) NE Zn DL . MR HS #8 Stadt x 5 x 2 ‚Aschen! 4 ; 2 $ VO . BELGIEN AL (ab 1830) m“ uö En Zr a %. ee U utsch1ana Se + 4920-1940 und ab *, 1944 zu Belgien C Zeichenerklärung: 1 = Burtscheid 1897 zu Ac - 2 = Forst 1906 zu Ac 3 = Bildchen 1921 zu Ac + D (1947-1958 u. belg, Verw.) 4 = Sief 1921 zu Ac+D 4a = Todtleger (1948-1958 u. belg. Verw.) 5 = Laurensberg 1972 zu Ac Sa = Lemiers 1816 1 Haus zu D - 6 = Richterich 1972 zu Ac 7 = Haaren 1972 zu Ac - 8 = Eilendorf 1972 zu Ac 9 = Kornelimünster/Walheim 1972 zu Ac 10 = Neutral-Moresnet 1816-1920 neutral, danach zu B Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das besagte Gebiet vorübergehend unter belgischer Verwaltung (1947-1958). Im Jahre 1921 erhielten Aachen und damit auch Deutschland in Raeren-Sief einen weiteren Streifen des Kreises Eupen, weil sich dort ein Aachener Wasserwerk befand. Das Waldstück Todtleger bei Lichtenbusch, in dem vorgenannten Gebiet gelegen, stand von 1948-1958 ebenfalls unter belgischer Verwaltung. Im Zweiten Weltkrieg gehörte der Kreis Eupen von 1940 bis 1944 wieder vorübergehend zu Deutschland.
EX Quellennachweis 1) Gielen: Die Mutterpfarre u. Hochbank Walhorn. Walhorn 1987, S. 16 2) Wurzel: Die Reichsabtei Burtscheid. Aachen 1984, S. 94 3) Wurzel, a.a.0. S. 132 4) V.V.V. Vaals: Speo Invidiam Vaals, Vaals 1979. Deutsche Übersetzung. S. 4 5) Gielen, a.a.0. S. 16 ‚von Coels: Die Lehensregister der Propsteilichen Mannkammer des Aachener Marienstiftes. Bonn 1952, S. 1 f. 6) Wurzel, a.a.0. S. 98 7 Meven in Zeitschrift "Im Göhltal" 24/1978, S. 43 8) Limburg Verleden. Maastricht 1976, S. 203 9) Wurzel, a.a.0. S. 97 10) Gielen, a.a.0. S. 22 11) Aachener Volkszeitung: 19. Mai 1982 % 12) V.V.V. Vaals, a.2a.0. S. 4 13) Gielen: Raeren und die Raerener im Wandel der Zeiten. Eupen 1967. S. 12 14) Quix: Kreis Eupen. Aachen 1837, S. 2 15) Liese: Vom Aachener Stadtwald, Aachen 1930, S. 17 16) _Pauquet in Zeitschrift "Im Göhltal" 22/1978, S. 5 f. Liese, a.a.0. S. 16 17 Liese, a.a.0. S. 14 f. 18) _Hollatz in Zeitschrift "Im Göhltal" 24/1978, S. SO und 55 19) Queck: Wandern durch unsere schöne Heimat. Ausgabe 1. Aachen 1963, S. 100 20) Queck: "Raum Aachen 125 Jahre am Dreiländereck" in Aachener Volkszeitung. 1965 (Karten und Text) 21) Spandau: Zur Geschichte von Neutral-Moresnet. Aachen 1904, S. 21 f. 22) Queck: Wandern durch unsere schöne Heimat. Ausgabe 1. Aachen 1963, S. 119 23) Queck, a.a.0. S. 100 24) Queck: Wandervorschlag 54/1966 in Aachener Volkszeitung Bilder- und Kartennachwels Alle Fotos und die Karten 1,2,3 und 8 vom Verfasser. Karten 4, 6 und 7 von Walter Queck., Karte 5 von Fritz Spandau. x Nachtrag 1. Zur Entstehung der Banken Montzen und Vaals/ Vijlen/Holset Die Bank Montzen entstand erst 1447. Bis dahin reichte die Bank Sinnich-Völkerich an den Dreiländerpunkt heran (25). In den Jahren 1323 bzw. 1356 wurden bereits die Schöffenbank Vijlen und Richter und Schöffen von Vaals erwähnt (26). 1464 wird die Dingbank Holset genannt, die mit Sicherheit schon vorher bestand (27). |
28 Die Banken Holset und Vaals wurden später vereinigt und im Jahre 1626 an Adolf von Belven verkauft. Im Jahre 1656 kam noch die Schöffenbank Vijlen hinzu, so daß daraus die Dreibank Vaals/Vijlen/Holset entstand. (28). 2. Zur Abbildung S. 20 Die von W. Queck geäußerte Vermutung, daß der Quaderstein aus napoleonischer Zeit stamme, trifft nicht zu. Es handelt sich vielmehr um einen jener Zwischensteine, die nach 1843 zwischen den gußeisernen Grenzpfählen (s. Abb. S. 25) gesetzt wurden (29). Die Grenzmarkierung zwischen Belgien und den Nie- ö derlanden erfolgte nach 1843 zwar im wesentlichen auf der alten Departementgrenze, jedoch wurden bei dieser Gelegenheit kleine Grenzkorrekturen vorgenommen. Es fand ein Tausch von Grundstücken zwischen den Gemeinden Gemmenich und Vaals statt (30). 3. Zu den Jahren 1940-1944 Gemäß Führererlaß vom 23. Mai 1940 wurden im Zweiten Weltkrieg von Deutschland neben den Kreisen Eupen und Malmedy auch noch einige altbelgische Gemeinden annektiert, die nie zum Reich gehört hatten, darunter auch die Gemeinden Gemmenich, Kelmis und Moresnet. Durch diese Regelung, die am 1. Juni 1940 in Kraft trat und die in Belgien und wohl auch in Deutschland aus völkerrechtlichen Gründen als Provisorium betrachtet wurde, entstand aus dem Dreiländerpunkt vorüber- gehendein Zweiländerpunkt. Bei der Befreiung durch die Alliierten am 12. September 1944 wurde der alte Zustand wieder hergestellt 1) (25) "Im Göhltal" 49/50. 1991, S. 120 Pauquet, F. in Jahrbuch Eupen-Malmedy-St. Vith. 1966, S. 163 f. (26) v.Agt: De Nederlandse Monumenten van Geschiedenis en Kunst. ” Zuid-Limburg: Vaals, Wittem en Slenaeken. s' Gravenhage 1983, S. 12 Quix: Reichsabtei Burtscheid. Aachen 1834. Urk, 141 (27) OQuix: Die Frankenburg. Aachen 1829, S. 59 (28) v. Agt, a.a.0., S. 12 (29) _H. Beckers in "Im Göhltal" 37/1985, S. 7 (30) v. Agt, a.a.0., S. 12/13 (31) Schärer. Deutsche Annexionspolitik im Westen. Frankfurt 1978, 5.77 f.
29 Sprachschöpferische Wirkungsmöglichkeiten in der Mundart. von Ren€ Jongen * "Die Affen sehen auf den Menschen herab, wie auf eine Entartung ihrer Rasse, so wie die Holländer das Deutsche für verdorbenes Holländisch erklären." (H. Heine) Wie genau Heine es im obigen Zitat bezüglich der Einstellung der Holländer zur deutschen Sprache mit der Wirklichkeit nimmt, soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Wir wollen uns zunächst nur mit der bloßen Aufzeichnung des Gemeinten begnügen: im Menschen schlummert ein Dämon des Eigendünkels und des Hochmuts, der ihn dazu veranlaßt, sich selbst als das höchste aller Wesen zu betrachten, alles Eigene und Eigentümliche - auch anderen Angehörigen der menschlichen Spezies gegenüber - für das Beste und das einzig Vollkommene zu halten. Daß eine solche Einstellung in ganz besonderem Maße auch der eigenen Sprache gelten dürfte, entspricht allen Erwartungen, da die Muttersprache, weil reines Erzeugnis der Überlieferung, gern als höchster Ausdruck der eigenen Volksart erlebt wird... Jedoch ist eine solche Haltung nicht unbedingt in einem moralischen Sinne zu deuten, sie kann auch einfach als der Ausdruck eines Dranges nach lebensnotwendiger Selbstbestätigung verstanden werden... Umso überraschender ist daher die Feststellung, daß sich der oben erwähnte Dämon häufig in sein Gegenteil verwandelt zu haben scheint sobald es nicht mehr um die Hochsprache, sondern um die (muttersprachliche) Mundart geht. Es zeigt sich nämlich, daß viele von der Mundart eine Vorstellung haben, die, statt von Selbstvertrauen und Eigendünkel, vielmehr von Selbsterniedrigung und Selbstvernichtung zeugt. Die eigene Mundart wird leicht als (*) Prof. an der Universit& Catholique Louvain-la-Neuve und den Facult&s Universitaires St. Louis in Brüssel
30 "verdorbene" Hochsprache aufgefaßt, als unvollkommene und minderwertige Sprache, mit unvermeidlich begrenztem Wortschatz und reduzierten, wenig differenzierten Ausdrucksmöglichkeiten, mit vereinfachter Aussprache und vergrobten Lautungen... Eine solche Auffassung beruht auf einem leider tief eingewurzelten und folgenschweren Vorurteil. Ich will jedoch keineswegs in Abrede stellen, daß es bei bestimmten und besonders bei den gegenwärtigen gesellschaftlichen Voraussetzungen tatsächlich dazu kommen kann, daß die Mundart als ein echtes Hindernis auf dem Wege zu gerechter menschlicher oder sozialer Entfaltung und Promotion erlebt wird, daß manche es demnach vorziehen, der Mundart den Rücken zu kehren... Obschon für ein solches Verhalten, nach unvermittelt eng pragmatischen Kriterien gemessen, einiges Verständnis aufgebracht werden kann, bleibt dennoch die unverkennbare Tatsache, daß dabei auf den Trümmern von Vorurteilen und Fehldeutungen aufgebaut wird. Zwar dürfte es nicht schwer fallen, nachzuweisen, daß die Mundart den Zugang zu bestimmten Wissens- und Lebensbereichen versperrt, oder gar als soziale Barriere fungiert. Solche Geschicke haben jedoch nichts mit dem Wesen der Mundart zu tun, - auch die Hochsprache ist schließlich "nur" eine zur Einheitssprache erhobene Mundart -, sondern sind durch äußere geschichtliche Faktoren bedingt. Anderseits steht fest, daß solche historische Tatbestände nicht oder kaum rückgängig gemacht werden können: die Mundart ist nun einmal ein Kommunikationsmittel, welches auf räumlich und sozial begrenzte Gruppen beschränkt bleibt... Dennoch sehe ich keinen zwingenden Grund, um eine Zweisprachigkeit Mundart/Hochsprache für nachteilig zu halten. Jedoch auch hier scheint die unnachgewiesene Meinung vor- zuherrschen, daß Nichtzweisprachler (d.h. Nichtmundartsprecher) es zu einer besseren Kenntnis der Hochsprache bringen... Im Göhltalgebiet (Nordosten der Provinz Lüttich = NOL) indessen ist diese Problematik insofern spezifisch, als in den fran- zösischsprachigen Gemeinden Hochsprache (Französisch) und Mundart verschiedenen, nicht (mehr) eng verwandten Sprach- gruppen angehören. Dadurch wird der rein sprachliche Abstand zwischen beiden bedeutend größer. Zugleich aber wird die Gefahr von Interferenzen und gegenseitigen Verwechslungen umso geringer.
31 Die Schwierigkeit liegt im Grunde einzig und allein darin, daß verschiedene Sprachen gleichzeitig bewältigt werden müssen, und zwar ohne daß Merkmale der einen auf den Gebrauch der anderen übertragen werden. Nicht die Zweisprachigkeit als solche istm.E. fragwürdig, sondern der Tatbestand, daß die Hochsprache vielfach unter sprachdidaktisch ungünstigen Verhältnissen erlernt wird: im Hochsprachenunterricht auf der Schule werden die sprachlichen (= mundartlichen) Voraussetzungen einfach ignoriert; häufig wird das Kind, und zwar bereits im Vorschulalter, mit einer mundartlich "kontaminierten" Hochsprache konfrontiert usw. In allem Übrigen - d.h. im Wesentlichen - dürfte die Mundart der Hochsprache in nichts unterlegen sein. Eine Sprache ist ein Kommunikationsmittel, anhand dessen die Mitglieder einer Gemeinschaft bedeutungsvolle Aussagen über Sachverhalte im Bereich der menschlichen Erfahrungen machen können. In diesem einzig grundlegenden Sinne ist auch die Mundart eine (vollwertige) Sprache, in der alle nötigen Ausdrucksmittel zur Verwortung und Bezeichnung der zu benennenden Wirklichkeit vorhanden sind, etwa Sprachzeichen wie Wörter (z.B. wiederholen, gestern), Wortbestandteile (z.B. -ung, -ig), syntaktische Verkettungen von Wörtern zu Wortgruppen und Sätzen (z.B. die gestrige Ver- anstaltung wird morgen wiederholt werden). Wie jede Sprache erfüllt auch die Mundart in perfekter Weise alle Anforderungen, die an sie von den Sprechern gestellt werden. Eine Sprache (oder Mundart) würde keine (lebende) Sprache mehr sein, wenn anhand der in ihr vorhandenen Ausdrucksmittel die zu besprechende Wirklichkeit nicht mehr benannt werden könnte. Es ist deshalb unsinnig, behaupten zu wollen, daß die Mundart weniger als die Hochsprache leisten könne, etwa weil sie ärmer an Aus- drucksmitteln zur Bezeichnung von bestimmten Inhalten wäre. Wohl kann festgestellt werden, daß die Mundart auf gewisse, etwa für den alltäglichen Verkehr wichtige Bereiche beschränkt bleibt, daß etwa wissenschaftliche oder sonst gedanklich eng durchstrukturierte Bereiche kaum in ihr besprochen werden (können). Dies liegt aber keineswegs an der Mundart selber, sondern an dem rein äußeren Tatbestand, daß sich die Mund- artgebraucher - aus historisch-praktischen und sozio-kulturellen Gründen - nicht zu solchen Benennungsaufgaben veranlaßt sa- hen.
32 Das Wesen der Sprache zeigt sich nicht nur in deren Fähigkeit, als Kommunikationsmittel zu dienen, sondern und vor allem auch in der Eigenschaft, daß sie einen unerschöpflichen Vorrat an Verwortungs- und Benennungsmöglichkeiten der äußeren Wirklichkeit darstellt. Jedesmal, wenn die Gemeinschaft oder der einzelne Sprecher vor die dringende Aufgabe gestellt wird, einen neuen bzw. spezifischen Erfahrungsinhalt begrifflich zu verworten und zu benennen, findet er in seiner Sprache die nötigen Rohstoffe und Anweisungen zur schöpferischen Gestaltung einer angemessenen Bezeichnung. Es ließen sich zahlreiche Typen von möglichen, sprachlich belegten Bezeichnungsmodalitäten unterscheiden. Im Folgenden sollen lediglich einige Haupttypen . am Beispiel der Mundart besprochen werden: 1) Handelt es sich um eine neue, aus fremder Kultur einge- führte Sache, dann kann auch die fremde Bezeichnung mit über- nommen werden, z.B. schwing-gom oder 'kau-jumi (= chewing gum/ Kaugummi; dagegen sonst köjje = kauen). Ist etwa in einem bestimmten Bereich eine eindeutig fremdsprachliche Terminolo- gie belegt, so ist dies ein Zeichen, daß auch die betreffenden Begriffe (und eventuell Sachen) über diesen Weg eingeführt worden sind; im östlichen NOL ist dies etwa der Fall im Bereich der Eisenbahnterminologie, wo von Baan: hof, Jelajjze, Schie:ne (jedoch auch rajj), Wartezaal (dagegen sonst waa:de = warten), Tsoch (= Zug) usw. die Rede ist. Der Tatbestand, daß das NOL-Gebiet seit längerer Zeit, als Kreuzpunkt von mehreren Kulturen, eine Übergangszone bildet, findet seinen sprachlichen Ausdruck darin, daß der mundartliche Wortschatz einen ziemlich heterogenen Charakter aufweist. Zusätzlich zum ursprünglich westlich-niederdeutschen Wortmaterial ist dem Lexikon - und zwar wiederholt zu verschiedenen Zeiten - eine Fülle von Wörtern fremden Ursprungs einverleibt worden: östlich-rheinisch-deutsche Wörter einerseits, französisch-wallonisches Wortmaterial anderseits. Die meisten der älteren Entlehnungen sind den einheimischen Wortge- staltungsgesetzen angepaßt worden, nur den neueren und neuesten Bildungen ist noch ihre Herkunft anzusehen. Auch ist darauf hinzuweisen, daß es im Gebrauch der neuesten Entlehnungen deutliche Unterschiede nach Ortschaft oder Generation geben kann. Mundartsprecher etwa, die während der Kriegsjahre die
33 deutsche Schule besucht haben, verwenden für den Schulbereich, im Gegensatz zu den jüngeren Generationen, vielfach Entleh- nungen aus dem Deutschen, z.B. Tafel, Aufjaa:p, Bl&jstaf, Rade&:rjumi, Strich, Schwaam, Buchstaab, u.a. Einige weitere Beispiele: a) Wörter östlichen Ursprungs (es ist jedoch auch damit zu rechnen, daß französische Wörter häufig über den Umweg des Deutschen eingeführt worden sind, z.B. komeles&&:re = kommunizieren) : Würfel (dagegen sonst worep = Wurf), stolz, schlau, einfach, Blitzableiter (dagegen sonst aa: flEjje = ableiten), Vulentser (auch vullecht oder vulle b&&:r=Faulenzer), wichtech (auch in der Bedeutung "Prahler"), bequem, Firlefanze, Lenk(stange), lenken, (T)sie:dong (Zeitung), Feuerzeug (auch: 'Brik? = briquet)... b) Wörter westlichen Ursprungs: 'Plafong (mit Charakteristischer Verschiebung des Wortakzents auf die erste Silbe, vgl. das gleiche sogar in Vor- und Familiennamen wie "mars@l, 'haari (Henri), 'toseng (Toussaint), 'd&lvoo (Delvaux)...), 'kamjong (camion), 'Baseng (bassin (de nata- tion)), Schampel'jong (champion), Scham'pet ((garde) Champötre), wall.bj&sse, föd: (faux = "feige"), VErschet (fourchette), Bezjuu:re maake ("bonjours" machen), B&&:ske (baiser), Pü'n&:z (punaise)... 2) Aufschlußreich und kennzeichnend für das NOL-Gebiet istin diesem Zusammenhang die Feststellung, daß das mundartliche Sprachmaterial eine auffallend reiche und bunte Struktur aufweist. Die NOL-Mundarten, d.h. in letzter Instanz die Mundartsprecher, erweisen sich als besonders aufnahmebereit. Der Wortschatz dürfte annähernd ebenso viel dem westlichen Sprachprinzip entsprechendes Material enthalten wie Wörter, die an östliches Sprachgut erinnern, z.B. a) Östliches Sprachgut: (t)s&€:je (deutsch zeigen / aber niederl. tonen), bej&&:ne (begegnen / ontmoeten; auch trefe), belle (bellen /blaffen; auch bletsche), Fieber (Fieber / koorts), Kr66€:ch (Krieg /oorlog), vuul (faul /lui, rot), Lök (Loch / gat), Tajsch (Tasche / zak), St&vvel (Stiefel /1aars), spi& (spät /laat), bes (bis oder (du) bist / tot oder je bent), bellech (billig / goedkoop), Tsiel (Ziel / doel), Stonnd (Stunde / uur), "66.veldech (einfältig = albern), Aan(t)soch (Anzug), Spaß
34 haben ‚ nie, höö:flech, schlie:slech, wenn (wenn), vaa:re (mit dem Wagen oder Fahrrad fahren / rijden), röjjech (ruhig /rustig) USW... b) westliches Sprachgut: Moow (niederl. mouw / aber deutsch Ärmel), tr£ke (trekken /ziehen), döjje (duwen/stossen, rücken), 'Botram (boterham), vie:z (vies / schmutzig), kike (kijken), vervange (/ ersetzen), ku@&dd (kwaad / böse; auch vö@ltsch), Ejj&päl (aardappel / Kartoffel), Höchde (hoogte / Höhe), buute(s) (buiten / draußen), Unterschied her- / hinauf ist unbekannt, dek(s) oder dgk(s) (dikwijls / oft, häufig), ndd: + Infintitiv des Verbs (na + Inf. / nach) usw... Vor allem aber fällt das häufige Nebeneinander von koexistierenden gleichbedeutenden Bezeichnungen auf. Benen- nungsmittel stehen den Sprechern somit häufig im Überfluß zur Verfügung, was sie dann bisweilen dazu veranlaßt, die vorhandene Synonymie zu feineren Bedeutungsunterschieden auszunutzen. Beispiele: op-hüü:re (aufhören) = ut-sch6jje (uitscheiden) = ndd:-öd:te (nach-lassen); waa:de (warten) = bEjje (ndl. ver- beiden); Enk (inkt) = Tinte; schl&&m (schlimm) = &rech (ndl. erg); stoot (ndl. stout, jedoch nur in der Bedeutung "unartig") = vröch = fröch (frech); t(e)r@k (direkt) = sofort; straks = löts = gliks (gleich, in wenigen Augenblicken); stell (still) = lie:z (leise) = höjjsch ("hövesch"); lang h&&r = lang jel&: (lang(e) her / geleden); vutt (fort) = &w&ch (weg); altit (altijd) =ömmer (immer); aate(r) = hengge(r) (achter(aan) / hinten, hinter); B@k (bek) = Schnaa:vel (Schnabel); Ek (Ecke) = Hukk (hoek); fatsüngglech (fatsoenlijk) = anständig; jem@klech (gemakkelijk) = li&t (leicht); Kasske (frz. casque) = Helem (Helm); Klöör (kleur) = Verref (verf, Farbe); jek= veröckt (verrückt) = dööl ("toll"); plat = flach; wajl (weil) = ömdat = vgrdat (omdat); während = tit (z.B. tit der . Kre&:ch = tijdens de oorlog); der zellefde (dezelfde) = der nemmleje (der nämliche) = der €&:jeste ("der eigenste"); beldd;ve (ndl. beloven) = verspre&ke (dt. versprechen); 'utwenndech (auswendig) = va buutes (van buiten); dakd&t (akkoord) = "Everstannde (einverstanden); dat batt n&ks (dat baat niets) = dat nötst n€ks (nützt) = dat hatt jengge (T)Sw@Kk oder j&ngge Z&€n (das hat keinen Zwek / geen zin); dat €&s m&ch ejaa:l (das ist mir egal) = ... pa'rajj (frz. pareil) = ... al&'16€ ("all-allein") usw...
35 Zusätzlich sind selbstverständlich zahlreiche typische NOL- Wörter und Ausdrücke belegt, etwa Jölep (Hosenträger), D&&:m (Zitze am Kuheuter, Ar'tiss ("Artist" = Vieharzt), Jrülle (Geschirr zum Spülen), Pizzele (Plural = Prügel), 'Tuspang ("Zuspange" = Sicherheitsnadel), Schaav (Schrank), flot (schnell), &jen Denk ("im Ding" = im Hause), €ngge vgr der Nöll höwwe ("einen für den (Ar])nold halten" = einen foppen), aa:jenddö:me w&&:de ("angenommen werden" = gefirmt werden), j&t-wet-wi-veg:l ("etwas-weiß-wie-viel" = sehr viel), d& €&s onnder-ene Awto bl&&:ve (der ist unter einem Auto "blieben" = geblieben = über- fahren worden; auch etwa övvervaa:;re wö&de), wu&(n&)baa: ("wo auf an" = wohin, auch wu@h6&6€:(n)) usw... Änliches gilt für die anderen Sprachebenen (Lautebene, Morphologie, Satzlehre). Bekannt ist etwa, daß bei den Vokalen (Selbstlauten) nicht nur ein Längenunterschied gemacht wird (z.B. e Bat = ein Bad / ene Baat = ein Bart), sondern auch ein prosodischer Unterschied zwischen sog. Schärfung und Trägheitsakzent (z.B. e Hoot = ein Holz / ene Hoo:t = ein Hut; oder e Hat = ein Herz / e hatt = er hat). Dadurch wird die bereits hohe Anzahl von zehn Grundvokalen (im Deutschen etwa gibt es deren nur sieben) vervierfacht (z.B. vier verschiedene Werte für den alleinigen a-Laut, z.B. zat (= satt) / (der) zatt (dat) (= (ihr) sagt (das)) / zaat (= sagte) oder Maat (= Markt) / Maa:t (= "Magd" = Dienstmädchen)). In der Morphologie liegen häufig mehrere Varianten vor. So gibt es etwa drei Bildungsmöglichkeiten für das sog. schwache Präteritum: z.B. maake (machen) = e makde = e makdene = € maaket (er machte). Für ein starkes Präteritum wie "er tat" gibt es eine ganze Reihe von möglichen Entsprechungen: e dongg = e dengg = e doo:ch = e d&&:;ch = e diöch = e dien ... Auch gibt es typische Wortbildungsmöglichkeiten, z.B. das Suffix -es zur Bildung entweder von Kollektivbezeichnungen (z.B. et piepes = das, was zum Rauchen benötigt wird, Rauchwaren; et nienes = Nähzeug; et schrie:ves; et &ötes...) oder von Personenbezeichnungen (aus der lateinischen, häufig in Vornamen auftretenden Nachsilbe -us, vgl. Petrus, Cornelius; in der Mundart bezeichnen die entsprechenden Namen häufig den sonderbaren, kauzartigen, schelmischen oder einfältigen Menschen, z.B. e Votes (zu vot = der Hintere), e Tupes, ene Nölles ("(Cor)nelius"), ene
36 Tönnes, ene Tünnes ("(An)tonius"), ene Drikes ("Hen)dricus"), ene Duu:res ("(Theo)dorus")... Das Futurum (Zukunft) kann sowohl mit dem Hilfsverb we&:de (deutsch "werden") wie mit zölle (ndl. zullen) zum Ausdruck gebracht werden: et wett re&:ne = et zal re&&:ne (es wird regnen). Auch "gehen" istunter Umständen möglich: et j&e&t re&&:;ne (het gaat regenen, il va pleuvoir). Ein anderes Beispiel: die Mundart kennt zwei verschiedene bestimmte Artikel:l) der/de/ (het (= der, die, das) und 2) (DEn&/G)En/GE, jedoch nur nach Präposition und vor Sachnamen, z.B. der döjsch = der Tisch, aber op-jen& döjsch = op-&n& döjsch = ob-&n& döjsch = op-(jDEn döjsch = auf dem/den Tisch... 3) Erfahrungsgegenstände können jedoch auch anhand von bereits vorhandenen Wörtern, jedoch in übertragener Bedeutung, benannt werden. Es ergibt sich somit die Möglichkeit, daß ein bestimmtes Wort, das gewöhnlich einen Inhalt X bezeichnet, auch zur Bezeichnung eines mit diesem eng verwandten Inhalts Z verwendet werden kann, z.B. der Höös (Hals) als Körperteil, jedoch auch etwa zur Bezeichnung eines Flaschenteils (der Höds van-en Flaajsch) oder gar zur Bezeichnung des Ganzen, zu dem "Hals" normalerweise nur einen Teil darstellt (z.B. ene grreme Hdds = ein armer Kerl). Diese Möglichkeit beruht auf dem Tatbestand, . daß alle Menschen über die gleichen grundlegenden Bedeu- tungsgesetze zu verfügen scheinen, Gesetze, nach denen etwa ein Gegenstand Z nach einem anderen Gegenstand X benannt werden kann, wenn betimmte Bedingungen erfüllt sind: z.B. wenn beide Gegenstände bestimmte Ähnlichkeiten aufweisen (vgl. der längliche Flaschenteil zwischen Rumpf und oberem Ende gleicht einem menschlichen Halse) oder wenn beide Gegenstände in einem direkten Verhältnis zueinander stehen (so kann der Teil für das Ganze stehen oder umgekehrt, vgl. "die ganze Stadt hat sich vor dem Rathaus versammelt"; oder die Ursache steht für die Folge, oder umgekehrt usw...). Es handelt sich hier um einen der geläufigsten Benennungs- prozesse. Anderseits muß jedoch damit gerechnet werden, daß die ursprüngliche Motiviertheit, welche zur Zeit der Namengebung vorherrschte, im Laufe der Zeit leicht abgeschwächt werden oder gar völlig verloren gehen kann.
37 Wer etwa denkt heute noch daran, daß ein "Draht" ( = drdd:t) ursprünglich etwas "Gedrehtes" bezeichnete (nach dem gedrehten Faden aus Wolle oder Flachs; dri&ne ( = drehen) = drah- + Umlaut, vgl. spdd: (ohne Umlaut) = spi& (mit Umlaut) (spät), Nöd:t /niene (Naht/nähen), Kröd:n (Krähe)/kri&ne (krähen), Brömel (Brom- beere, ndl. braambes)/Briöme (Plural = ndl. braam, Dornstrauch). Oder daß "Kopf" (= Kop), welches ein früheres "Haupt" (= hövet, nur noch relikthaft und entmotiviert erhalten, z.B. Höjjerki@z = "Hauptkäse", Höttschel = "Häuptsel", Höö:pel = "Hauptpfühl", ze huwwech 6€-jöän Höö:t ha = "sie hoch im Haupte haben" = groß- tun) verdrängt hat, ursprünglich eine bildhaft-metaphorische Bezeichnung war: Kop bezeichnete zunächst einen rundförmigen Becher (vgl. noch heute ndl. een kopje koffie, engl. a cup), wurde aber, auf Grund einer Formähnlichkeit mit dem menschlichen Haupt, in anschaulichem Sprachgebrauch auch auf dieses ange- wandt; der Gefäßname ist auf den Körperteil übertragen worden. Ähnliches ist im Romanischen geschehen, wo "testa" (= frz. tete; ursprüngliche Bedeutung: Becher) das frühere "caput" ersetzt hat. Überhaupt ist das menschliche Haupt ein Erfahrungsgegenstand, der gern in bildhaft-ausdrucksreicher Versprachlichung benannt wird: vgl. mundartliche Bezeichnungen wie Tünnes, Klötsch oder Bölles (zu "bol" = knollenartiger, rundlicher Gegenstand). Eine solche Vielfalt von Bezeichnungen ließe sich auch für die meisten anderen Körperteile sowie für eine Menge von sonstigen lebenswichtigen Erfahrungsinhalten zusammenstellen, etwa für die "Hand" (bzw. die Finger): deutsch Hand (die Sprachwis- senschaftler denken, daß die ursprüngliche Bedeutung "die Fassende, die Greifende" gewesen sein kann), Patsche, Pfote, Klaue, Flosse, Tatze (häufig aus dem Tierreich); Mundart: bliev met dingg kndeke = Knuvvele = Fike döva = bleibe mit deinen Knochen/"Knuffeln" davon; oder für den Begrif "stehlen": st&:le = klauwwe = mgpse = stritse: "weinen" : jringge = kriesche = bgö&ke = brölle; "schnell laufen": v&e&:je = vitse = plete = kazöke = €n engge Kaje&r verb6&&€jloope ; "Angst": Anngs = Flup = Pgfel; "prahlen, großtun": ze huwwäch €-jen Höö:t ha = z&ch j&t / wonndesch wat mingge ("sich etwas/Wunders was meinen") = vgg:ldär-h66: maake (viel dahin machen") = vgg:1 Be£haaj maake ("viel Buhai machen") = der Jaan mank&6:re ("den Johann mankieren") = stüüte ...
38 4) Der Erfahrungsinhalt kann ferner auch aufgrund von be- stimmten ihn kennzeichnenden Eigenschaften und nach allge- meinen Wortbildungsregeln bezeichnet werden. Zu dieser Gruppe gehören die sog. Zusammensetzungen von zwei sonst unab- hängigen Wörtern (z.B. Schlddp-kaa:mer = Schlafzimmer; Ausgabe- opn&:mer = "Ausgabe-aufnehmer", Tonbandgerät), sowie die sog. Ableitungen (Grundwort + Affix, z.B. köpech = "Köpfig" = starrköpfig). Wichtig ist hier die Feststellung, daß wir einen Gegenstand (oder einen Vorgang, eine Handlung...) dadurch benennen können, daß wir uns mit der Bezeichnung einer bestimmten, diesen Gegenstand kennzeichnenden Eigenschaft begnügen. Der Gegenstand "Schlüssel" ist so benannt worden (= ene Schlgötel), weil mit ihm "geschlossen" (= schliöte) werden kann, d.h. ein Gegenstand X ist nach der Handlung Z benannt, zu deren Ausführung er hergestellt worden ist. Ein "Riß" oder "Spalt" heißt in der Mundart R&Ets/Retsch oder Baschh ("Barst"), weil er das Resultat eines Vorgangesist, daß als riete ("reißen") oder baschhte ("bersten") bekannt ist. An der Nase ist leicht zu erkennen, ob einem etwas schmeckt oder gefällt; somit kann einem etwas nicht nöd zingg Naa:z ("nach seiner Nase") sein, oder er kann etwas zu naa:ze haben (Verb, vgl. ndl. neuzen). Anderseits kann die Nase zum Stellvertreter der gesamten Person werden (vgl. unter 3), z.B. En vgrwitseje Naa:z ("eine vorwitzige Nase"). Der Graa:v (Graben) und das Graav (Grab) sind nach der Handlung des Grabens benannt, die Daak (das Dach) danach, daß es (das Haus) bedeckt. Die Pfeife (= Piep) ist ursprünglich nach ihrem röhrenförmigen Bestandteil benannt (vgl. Stdd:vepiep = Ofenrohr, Boksepiep = Hosenbein, frz. pipeau); das Rauchen ist im Deutschen, Niederländischen und Französischen nach dem dabei hervorgebrachten Rauch benannt (rauchen, roken, fumer), in der Mundart zunächst nach der dabei verwendeten Pfeife (= piepe), dann wurde dieses Wort auch auf das Rauchen von Zigarren oder Zigaretten übertragen. Der Garten (= Jaa:de) bezeichnete ursprünglich den um- zäumten, eingefriedigten Raum (germanisch = garda, indogerm. ghordho, vgl. lat. hortus = Garten, altslavisch gradu, russisch gorod = Einhegung, Stadt, vgl. Belgrad, Nowgorod), ist also nach der Eigenschaft des Umzäuntseins benannt worden, anderseits
39 aber auch nach einem der in ihm angebauten Gewächse (Kollef = "Kohl-hof"). Dieses Beispiel zeigt, daß auch hier die ursprüngliche Benennungsmotiviertheit leicht verloren gehen kann, bis in späteren Zeiten nur noch ein beliebiges, intern unalysierbares Wort übrigbleibt: koll ist eine Nebenform mit Kurzvokal zu kuäl, (vgl. ru@t = rot / € rott = ein Rotes); ku&l ist aber seinerseits ausgestorben, nur eine Nebenform mit Umlaut hat sich erhalten können, entweder als Allgemeinbegriff in Zusammensetzungen wie Blommkü&l = Blumenkohl, Kruzjjelkügl = Krauskohl... , oder als Bezeichnung des Krauskohls = kü@l. So bedeutete das Wort "Hahn" ursprünglich "der Singende" (vgl. germ. chanan, lat. cano = ich singe); die "Wand" war die aus Flechtwerk hergestellte "Hauswand", nach dem Ergebnis der dabei verrichteten Arbeit benannt (= "Gewundenes", zu winden)... Es ließen sich noch zahlreiche weitere Beispiele finden... Auch die hier gegebene Übersicht von Bezeichnungs- und Benennungsmodalitäten ist unvollständig... Ich habe jedoch nicht nach Vollständigkeit getrachtet, sondern danach, zu zeigen, daß man für die Mundart die gleichen Ansprüche auf sprachliche Vollwertigkeit geltend machen kann wie für die Hochsprache. Konkreter ausgedrückt: die Mundart ist eine vollwertige Sprache, und als solche trägt sie im gleichen Maße wie jede andere Sprache zur geistigen Entfaltung des Menschen bei. Wichtig dabeierscheint mir vor allem die ständige, durch die äußere Wirklichkeit an den Menschen gerichtete Aufforderung, für die sich in ihr ergebenden Kategorien eine Benennungsmöglichkeit zu erfinden. Die Welt verlangt immer wieder nach Versprachlichung. Jede Sprache, jede Mundart ist somit ein unersetzliches Dokument, in dem dieses Ringen mit der Wirklichkeit sichtbar wird... RESUME: Seuls des facteurs externes, non inhErents ä la r£alite dialectale, d'ordre politique ou social, peuvent determiner une position d'inf&riorit& du dialecte par. rapport ä la langue nationale, dite culturelle. S'il est vrai qu'il faut tenir compte de tels facteurs, iln'en reste pas moins que fondamentalement un dialecte est une langue au mö&me titre que n'importe quelle langue culturelle. En effet, comme toute langue, le dialecte r&unit en lui toutes les possibilit&s
40 de cr&ativit€, fournissant ainsi aux usagers les moyens n&cessaires leur permettant de d&signer et de nommer les contenus d'expe- rience et les donn&es de la r£alit€ avec lesquelles ils se trouvent &tre confront&s... C'est ce qu'on tente de montrer et d'illustrer dans cet article, au moyen d'exemples repris aux dialectes du Nord-Est de la province de Li@ge. Si donc il est question d’abandonner le dialecte, ce ne peut &tre que pour des raisons historiques fortuites, sans rapport direct avec la valeur intrins&que du dialecte lui-meme. Par ailleurs, une prise de conscience plus nette des facteurs en jeu devrait Etre de nature ä faire mieux voir le caract&re parfois gratuit et irr&fl£chi de certaines prises de position contre le dialecte... . SAMENVATTING: Dat een dialekt als een minderwaardige taal beschouwd wordt is verklaarbaar wanneer men voor ogen heeft, hoe zuiver externe faktoren, van politieke of sociale aard, tot een dergelijke opvatting kunnen leiden. Ook kunnen dgl. faktoren niet zonder meer over het hoofd gezien worden. Dit neemt echter niet weg, dat het dialekt in de grond precies dezelfde waarde heeft als om 't even welke taal, omdat het dezelfde onuitputtelijke rijkdom aan benoemings- en ver-talingsmogelijkheden van de te bespreken werkelijkheid biedt... Dit laatste wordt aan de hand van enkele aan de Göhltaldialekten ontleende voorbeelden aangetoond. Op die wijze zou moeten duidelijk worden dat sommige der argumenten die vaak ter staving van een prijsgeven van het dialekt aangevoerd worden, ongegrond zijn...
41 Lihrer Pesches Jraaf von Jakob Langohr Et jett en Platsch, janz röhsch än stell op Pere la chaise va Kelmes. Eck va Pavei än va Heyjraave do sönt er vöhl bejraave. Jon ech et Oddeschjraaf besöeke, rejits, wenn de roppjehs ajen Har, do litt och kött bej ajene Hang et Jraaf va ose Lihrer Schang. Wat dä als Lihrer os jejäve, es vör et Leäve hange bläve. Hej hauw ene Küll, hoof net domett, deä wor mär vör te zeege, och wen heä kohm, än dongs va Angs dech ejen Bank ens läge. Sing bletze Owwe füjde os, N do woesch dow jenge Vulle, dow krägs o' jömmisch jar jeng Tied, met dämm neävve dech te mulle. Mär wenn dat Leddche va l'enclume net klappte, jong et op die Krüng. Als Dank wat hej jov, wi vör kleng - ech jlöv, ech benn et net alleng - bliev an si Jraaf ech at ens stue, ech kann verbej do dra net jue. Weisch och der Steen dann at ens af, en donn e Blömke ejen Vaas. Ech weäd janz stell än denk terröck än bähn e Vater unser. En kann ming Hemmelfaaht ech fiere, da well ech noch ens bej höm liere. Denn heä kritt ejene Hemmel feädig än brengt mech an't stydiere.
42 Vor 80 Jahren: Herbesthal wird selbständige Pfarre von Alfred Bertha Der Aachener Grenzvertrag vom 26. Juni 1816 hatte den Weiler Herbesthal von Welkenraedt abgetrennt und mit Heistern (vorm. Henri-Chapelle), Grünstraß(e) und Wauw (vorm. Montzen) Preußen zugeteilt, ohne jedoch zu bestimmen, welcher Gemeinde diese Gebietsteile in Zukunft angehören sollten. Erst am 16. Oktober 1817 beschloß die Regierung zu Aachen, das hinzu- gewonnene Gebiet der Gemeinde Lontzen anzugliedern. Die von Eupen zum "Weißen Haus" an der Aachen-Lütticher Chaussee führende Verbindungsstraße wurde nun zur Grenzstraße (Neutral- straße) zwischen dem preußisch gewordenen Herbesthal und dem niederländischen (später belgischen) Ort Welkenraedt. Die Lostrennung von Welkenraedt brachte 1825 für Herbesthal auch die pfarrliche Zugehörigkeit zu Lontzen. Dieser Ort hatte im Ancien REgime (vor der Franzosenzeit) sowohl als Herrschaft, wie auch als Pfarre stets ein eigenständiges Dasein geführt. Das Ernennungsrecht der Pfarrer lag beim Aachener Marienstift, wurde diesem jedoch im 18. Jh. durch die Universität Löwen streitig gemacht. Die Angliederung von Grünstraß, Heistern, Wauw und Herbesthal brachte für Lontzen eine Zunahme von etwa 400 Seelen. Die 1826 erhobenen statistischen Tabellen geben für Herbesthal folgende Zahlen, wobei "Dorf" eine Ansammlung von mehr als 12, "Gehöfte" eine solche von weniger als 6 Wohnungen bezeichnet: Herbesthal-Dorf: 147 Katholiken, 1 Evangelischer Herbesthaler Baum (Hof) 5 Katholiken Meckendriesch (Haus) 2 Katholiken Kleinstachels (Haus) 3 Katholiken Kloster (Hof) 7 Katholiken Kohleweid (Gehöfte) 10 Katholiken Romar (Hof) 6 Katholiken Rottdriesch 8 Katholiken Stöck (Gehöfte) 13 Katholiken Struych (Sträuch/Hof) 9 Katholiken Verret (Landgut) 7 Katholiken
43 Weide (Hof) 5 Katholiken Gesamteinwohnerzahl von Herbesthal 223: 1831 zählte man in Herbesthal 46 Wohnhäuser, in der Gesamtgemeinde 226. Der Ort war rein landwirtschaftlich aus- gerichtet und rein katholisch. Nach der Inbetriebnahme der Eisebahnstrecke Köln- Antwerpen i.J. 1843 und der damit verbundenen Anlage eines Grenzbahnhofes entwickelte sich Herbesthal mehr und mehr zu einer vorwiegend von Beamten von Bahn, Post und Zoll bewohnten Siedlung. Ein erstes Zollamt wurde schon 1843 errichtet; 1889 wurde dasselbe zu einem "Nebenzollamt I mit hauptamtlicher Abfertigungsbefugnis" erhoben. Schon 1881 hatte der Ort eine eigene einklassige Dorfschule erhalten. 7 Die Entfernung zur St. Hubertus-Pfarrkirche in Lontzen betrug etwa 3/4 Stunden und für viele Beamte, die auch an Sonn- und Fei- ertagen Dienst tun mußten, bestand kaum die Möglichkeit, ihrer "Sonntagspflicht" nachzukommen. Für die Schulkinder hatte der weite Weg nach Lontzen zur Folge, daß sie den Tag ohne die da- mals übliche allmorgendliche Messe beginnen mußten. Die jünge- ren unter ihnen gingen auch sonntags eher mit ihren Eltern im nahen Welkenraedt zur Messe, wodurch die Bindungen zur Pfarr- kirche sich lockerten, auch wenn der Erstkommunionunterricht (— damals im Alter von 12 Jahren —) vom Pfarrer in Lontzen erteilt wurde. Den Religionsunterricht in der Schule von Herbesthal überließ der Pfarrer dem bzw. den dort tätigen Lehrpersonen. Schwierig gestaltete sich auch die seelsorgliche Betreuung der Herbesthaler Alten, Kranken und Behinderten durch den Lontzener Pfarrer, so daß man sich häufig an den Welkenraedter Geistlichen mit der Bitte um seelsorglichen Beistand wandte. Der Gründe, in Herbesthal ein Gotteshaus zu errichten, gab es also wahrlich genug. Dennochstieß ein diesbezüglicher Vorstoß der Herbesthaler Anfang 1893 in Lontzen auf Zurückhaltung. Der dortige Kirchenvorstand urteilte, der Bau einer neuen Kirche sei "gerade unmöglich". Es wohnten in Herbesthal durchgehend kleine Leute, welche die erforderlichen Mittel zu schaffen nicht imstande seien. Ohne die Notwendigkeit eines Kirchenbaues in Herbesthal zu bestreiten, wollte der Lontzener Kirchenvorstand doch die diesbezügliche Entscheidung dem Kölner Generalvikariat überlassen. Er tat dies mit der Bitte, einen Vikar für Lontzen zu ;
44 benennen, der dann "die Sache betreffend den Neubau einer Kirche in Herbesthal in die Hand nehmen und weiter fördern und am ehesten zum guten Ziele führen würde." Eine Ende März 1893 von 150 Familienvätern aus Herbesthal unterzeichnete Petition an den Kölner Erzbischof, dem die Notwen- digkeit eines Kirchenbaus dargelegt wurde, stieß zwar auf Ver- ständnis bei der Kirchenbehörde, fand jedoch nicht die wohlwollen- de Unterstützung der Lontzener Gemeindeväter, die die Meinung vertraten, es sei für einen Kirchenbau in Herbesthal "kein Bedürfnis vorhanden" und in absehbarer Zeit fehlten auch die Mittel dazu. Die Beschaffung der für einen Kirchenbau notwendigen Mittel war gewiß das vordringlichste der zu lösenden Probleme, da ja die Gegner des Projekts immer auf die fehlenden Geldmittel hinwiesen. Die erzbischöfliche Behörde, die, wie schon gesagt, eine positive Einstellung zum Kirchenbauprojekt hatte, zeigte dem Lontzener Pfarrer, wie die Schwierigkeiten umgangen bzw. gemeistert werden könnten. Es mußte ein Kirchenbauverein gegründet werden, der die nötigen Geldmittel zu beschaffen hätte. Zur Gründung eines solchen Vereins kam es allerdings erst am 11. Dezember 1898. Schnell gelöst war die Frage nach dem passenden Baugrundstück: Baron de Harlez de Deulin (Lüttich) schenkte eine günstig gelegene Bauparzelle, während Baron Gaston de la Rousseli@re einen Steinbruch zur Förderung des Baumaterials zur Verfügung stellte und die Eisenbahngesellschaft die Entnahme von Wasser aus ihrem Leitungsnetz genehmigte. Die Finanzierung des auf 39.000 Mark geschätzten Baues sollte sich jedoch schwieriger als erwartet gestalten. Nicht nur, daß die Schätzung des Kirchenbauvereins erheblich unter derjenigen des Kirchenbauinspektors (50.000 Mk) und unter den tatsächlichen Kosten (60.000 Mk) lag; da die Eigenmittel aus den Monatsbeiträgen des Bauvereins im März 1899 erst 10.000 Mk betrugen, galt es, so schnell wie möglich die Finanzierungslücke zu decken. Ein Antrag auf Unterstützung durch ein "allerhöchstes Gnadengeschenk" seitens des Kaisers wurde vom zuständigen Minister der geistlichen und Medizinalangelegenheiten negativ beschieden, weil, so derselbe, bei einer Seelenzahl von 800 ein Gotteshaus für 750 Kirchgänger geplant sei, "was über die tatsächlichen Bedürfnisse weit hinausgehe", selbst wenn die Seelenzahl sich noch erheblich vermehre.
„426 Os Bat ges P ; wi OT ER En DSL N 2 = Mn zz 8 Or TAN Pi ö E he Eh Ark je Sam PA CE SA A sn S Sn AT ame HOT EM TE NMTE S Av - 3 As Ze SP ZI | % : Ka) A pr En 4 ® ® N / v7 A = zu € 4 4 si vr 2 WE 4 % N ” * AAOSTD Sa OR >. KEN. "ek BR X A et an | 11 U 5 > r ig la . ) ES OR) . ea . —————Z zz — | Wa 24G + —— Sit) z „3 r SS ES AT a . Votes g rad Mala En a fe ch RG DS N 3 il A ne Das WEL a & VA RE VA 6, BL N PASS hmm ; = 7 be SE. en Ast, willzier He hc i Bei ine Kydn} A Pa nn SE, SALZ Pa CR Si 8 erde Y73- EL BON 5 3 sa AZ a nl ir Br IE “IE ES, DER EEE DEE De 20 SS Zn ESS ! i * E SE a ul nr Sl ALL ES Az a “& - N ” jenes mens PT 3 - 5 ER = RS BT ha MW ie A N. ER EEE SL £ VASE ) SI HS 1Awilog. SaCl IE X A — Au Ze Der von Regierungs-Baumeister Julius Busch aus Neuss entworfene Bauplan sah die Möglichkeit einer späteren Erweiterung vor. Der kreuzförmige Bau hat im Lichten eine Länge von 29,39 m, während die Breite des Längsschiffes 7,34 m, die des Querschiffs 17,14 m beträgt.
46 In Herbestahl war man von der Notwendigkeit eines Gotteshauses in der geplanten Größe überzeugt. Die Bevölkerung war von 1885 bis 1895 von 419 auf 813 Personen angestiegen und man erwartete in absehbarer Zeit einen Anstieg derselben auf 1200, so daß der Kirchenbauverein an seinem Projekt in der vorgelegten Größe festhalten wollte. Während staatlicherseits also keine direkte Hilfe zu erwarten war, stellte die Erzdiözese aus dem Diözesanfonds 1000 Mk zur Verfügung und genehmigte die Abhaltung einer Kirchenkollekte, die 8.775 Mk einbrachte. Weitere 25.815,26 Mk erbrachte eine seitens der Regierung genehmigte Hauskollekte, die von vielen freiwilligen Sammlern von Köln bis Krefeld äbgehalten wurde. Eine Anleihe von 1500 Mk und ein Hypothekendarlehen von 10.000 Mk brachten schließlich das verfügbare Kapital auf rund 60.000 Mk. Der mit der Bauplanung beauftragte Neußer Architekt Julius Busch hatte ein Gotteshaus im damals üblichen neugotischen Stil entworfen. Der Bau ist 30 m lang und bildet mit dem 17 m breiten Querschiff ein Kreuz, das in der Vierung von einem hohen Dachreiter bekrönt wird. Nachdem am 8. August 1900 der erste Spatenstich getan worden war, konnte am 28. Oktober die Grundsteinlegung erfolgen, die von der gesamten Ortschaft zu einer großartigen Feier gestaltet wurde, über die das "Freie Wort" vom 31.10.1900 in folgenden Zeilen ausführlich berichtete: Die feierliche Grundsteinlegung zur neuen Kirche Maria- Heimsuchung in Herbesthal (Spezialbericht) Sonntag, 28. Oktober. Am Morgen. Unheimliche Weststürme haben seit etlichen Tagen gehaust, Regenmassen strömen in Massen hernieder; trotzdem haben die braven Herbesthaler es nicht fehlen lassen, die Vorarbeiten zur Begehung des herrlichen und freudigen Festtages auszuführen. Der schwarzumwölkte Horizont macht einer trügerischen Herbstsonne Platz, der Regen läßt nach und alsbald sind zahlreiche emsige Hände bereit, Straßen, Häuser und den Kirchenneubau mit herrlichen Fahnen und frischem Grün zu schmücken. Von
47 Mittag an strömen zahlreiche Fremde herbei, die entweder im trauten Familienkreise oder der Einladung des Kirchenbauvereins folgend an dem Glückstage der Herbesthaler Katholiken teilnehmen wollen. Nachmittag. Horch, Trommelklang! es ist die brave, unerschütterliche Feuerwehr, die, wo es gilt, Thron oder Altar zu ehren, die Erste am Platze ist. Unter den Klängen ihrer Kapelle begibt sie sich von Welkenraedt zum Nachbarorte und nimmt vor der Kroe'schen Restauration den Herbesthaler Kriegerverein in Empfang, um gemeinsam dem Sammelplatze am Schulhause zuzumarschie- ren.Wie stehen sie da, die treuen Vaterlandssöhne in stattlichem Anzuge und tadelloser Haltung, die jungen Schirmer des deutschen Hortes und die alten Kämpfer, die Mitbegründer des deutschen Reiches! Am Schullokale hat sich der Vorstand des Kirchenbauvereins, die vereinigten Sänger und eine Anzahl eingeladener Herren eingefunden. Herr Landrat Gülcher, der Vater des Kreises, der friedliche Vermittler belgischer und deutscher Transaktionen, dessen Tugend esist, sich ununterbrochen dem kleinen Manne und dem Landwirten zu widmen, ist als einer der Ersten angelangt. Auch dieser Herr, dem zum Gelingen des Neubaues das Wesentlichste zu verdanken ist, will der hehren katholischen Feier seine innige Sympathie bezeugen. Die Schulkinder haben bereits Aufstellung genommen und alsbald nähern sich, das Bild des Gekreuzigten von herrlichen Kirchenfahnen umgeben, voran der Herr Pfarrer von Lontzen in Begleitung der Chorknaben, gefolgt von dem Kirchenchor, dem katholischen Kasino, den Schützengesellschaften St. Hubertus und St. Barbara sowie dem Kriegerverein Lontzen. Eine Abordnung der Feuerwehr bildet am Schulhaus Spalier und in alter deutscher Steinmetztracht erscheinen vier Maurer, die den in Sandstein ausgehauenen, mit einer schwarzen Marmorplatte versehenen Grundstein auf einer sinnlich geschmückten Tragbahre liegend, in Empfang nehmen. . Ca Der Zugsetztsichunter lustigen Klängender beiden Kapellen in Bewegung und zieht durch Alt-Herbesthal die neutrale Straße
48 entlang zum Kirchplatze. Deutsche und Belgier haben ihren Häusern herrlichen Fahnenschmuck verliehen. Eine unzählige Menschenmenge hält die Straße von beiden Seiten besetzt. An der Kirche angekommen, ergreift Herr Pfarrer Greven aus Lontzen, in Stellvertretung des verstorbenen Dechanten Herrn Hohlmann aus Raeren, der aber mittlerweilen durch Herrn Oberpfarrer Beys aus Eupen ersetzt ist, das Wort zu einer herrlichen erbauenden Ansprache. Im Chor der Kirche äußerte der hochwürdige Herru.a.: "Im Namen des hochwürdigsten Herrn Erzbischofs bin ich heute erschienen, um die Grundstein- ; legung eines neuen Gotteshauses vorzunehmen. Dieses Gotteshaus soll für Euch eine Stätte der Erbauung sein... Die Kirche ist ein Ort der Erbauung, in welchem wir um Schutz vor dem Feind, vor Bewahrung von Krieg, Pest und Hungersnot beten, wo wir himmlischen Segen, Regen und Sonnenschein erflehen. Jedes katholische Gotteshaus ist heilig, denn es heißt in der Heiligen Schrift: "Hier ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliges Land"... Die Kirche ist eine Stätte des Segens, des Trostes und des Friedens für Reich und Arm, Hohe und Niedere, Männer und Frauen, Väter und Mütter, Greise und Kinder, Jüng- linge und Jungfrauen. Sie ist der erhabenen Gottesmutter als Schutzpatronin geweiht und wir wollen dem Herrn, von dem alles Gute kommt, danken, daß seine heilige Stätte an der westlichsten Grenzmarke des deutschen Reiches entstanden ist. Möge der Neu- bau bis zum Turme ohne Unfall sich vollenden! Das walte Gott! Beten wir ein Vater unser für die Wohltäter dieses Gotteshauses." Soweit die wesentlichen Gedanken der Ansprache von Pfarrer Greven. Das "Freie Wort" berichtet nun weiter: "Hierauf verlas Herr Kaplan Schaeben die auf Pergament geschriebene Urkunde, welche dem Grundsteine einverleibt wurde: "Heute, am 28. Oktober 1900, als Papst Leo XII. Kirchenfürst, Kaiser Wilhelm II. Kaiser von Deutschland, Herr Greven Pfarrer und Herr Schaeben Kaplan von Lontzen sowie Herr Leo Esser Bürgermeister von Lontzen-Herbesthal war, wurde ich nach den Plänen des Regierungsbaumeisters Busch aus Neuß durch den Bauunternehmer Johann Joseph Koch ausAachen erbaut unter dem Schutztitel Mariä Heimsuchung."
49 Nachdem der Stein in die fertige Nische geschoben war, beteten die zahlreich anwesenden Geistlichen und Patres die Litanei von Allerheiligen und sang der Männer- und Knabenchor das Miserere. Nach Erteilung des Segens stimmte die Versammlung das Lied: "Großer Gott, wir loben Dich!" an. Hiermit schloß der feierliche Akt und die Vereine begaben sich zum Hotel Scholl, wo im geschmackvoll renovierten Saale die Festversammlung begann. Eingeleitet wurde dieselbe durch die Lontzener Harmo- nie und Feuerwehrkapelle, welche bald mit der Herbesthaler Mu- sikkapelle ein gut zusammengesetztes Streichorchester lieferte und den vereinigten Sängern von der Grenze den Platz einräumten." Unter den zahlreichen Reden und Trinksprüchen, hebt der Presseberichterstatter besonders die des Lontzener Kaplans Schaeben hervor, der kurz zuvor an einer Rom- und Jerusalem- Pilgerreise teilgenommen hatte und der Grundsteinlegung der Grabeskirche Mariens (Dormitio) beigewohnt hatte. Kaplan Schaeben ging von dem Spruch "gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist” aus, um auf "unseren Friedensfürsten, den allgewaltigen Kaiser Wilhelm II., auf dessen rastlose Arbeitsamkeit und Gottesglauben" hinzuweisen. "Unser Kaiser", sagte der Kaplan, "ist ein gläubiger Christ, der selbst die Stätte, wo der Fürst des Himmels, der Heiland, wandelte, besuchte und uns Katholiken das Grab der heiligen Gottesmutter erfocht, wo vor wenigen Tagenbei der Grundsteinlegung tausende Mahommedaner, Türken und Araber versammelt und aus deutschen Kehlen das 'Heil Dir im Siegerkranz' erscholl. Sein Hoch galt dem Kirchen- und Staatsfürsten; die zahlreichen Anwesenden stimmten begeistert in dasselbe ein". Bürgermeister Esser würdigte in seiner Ansprache die Verdienste des Lontzener Pfarrers als eines unermüdlichen Förderers des Kirchenbaues. Der Pfarrer wälzte den Dank auf seinen Kaplan ab, gedachte aber auch einzelner Wohltäter: des mittlerweilen verstorbenen Barons de Harlez, des Barons de la Rousseli@re und der kirchlichen und weltlichen Behörden, die die Kirchen- und Hauskollekten bewilligten. Der Journalist schließt seinen Bericht im "Freien Wort" in der Hoffnung und mit dem Wunsche, daß in nicht ferner Zeit "Gott dem Herrn das tägliche Meßopfer dargebracht werden kann, zum
50 ; Segen der Gemeinde und Aufrechterhaltung des Friedens in dem in seiner Art einzig dastehenden belgischen und deutschen Grenzgebiete". In den folgenden Wochen schritt der Bau der neuen Kirche zügig voran, "trotz der großen Terrainschwierigkeiten", wie die Presse berichtete. "Lobend ist die Ordnung, der Fleiß und die Ruhe, mit welcher an der Baustelle gearbeitet wird, anzuerkennen und gereicht dieses dem Unternehmer, Herrn Koch, zur Ehre; es ist nicht unwahrscheinlich, daß, falls kein Mangel an Materialien eintritt und die Witterung günstig bleibt, die Kirche vor Winteranfang unter Dach ist", schreibt die Zeitung am 12. Sep- tember 1900. Wenn nun auch der Bau "infolge verschiedentlicher Hinder- nisse und der ausnahmsweise abnormen und ungünstigen Wit- terung" im Frühjahr 1901 nicht in der gewünschten Weise voranschritt, so glaubte man doch mit Bestimmtheit, daß das Gotteshaus bis zum 2. Juli, dem Patronatsfest Mariä Heimsuchung, soweit fertiggestellt sei, daß die Kirchweihe stattfinden könne. Inzwischen war der Kirchenbauverein selbst nicht untätig und er konnte mit Freuden feststellen, daß der unter der Leitung der Frau Bürgermeister Esser stehende Paramentenverein ebenfalls ein er- hebliches Pensum Arbeit erledigt hatte: 5 komplette Meßgewänder, 9 Alben, 4 Stolen, weiße und rote Röcke für die Chorknaben, Schultertücher, Handtücher etc. hatten die Damen bis Ende April 1901 genäht. Notwendige Einrichtungsgegenstände wie Beicht- stuhl, Altarleuchter, Ölgefäße, Kelch, Ciborium, Meßbuch, Meß- pult, Altarschelle, Altarkreuz, Weihrauchfaß und Weihwas- serkessel: all dies wurde von großzügigen Gläubigen geschenkt. Schon jetzt wußte Bürgermeister Esser dem Kirchen- bauverein zu berichten, von höherer Stelle seider Kirchengemeinde Herbesthal eine absolute Selbständigkeit zugesprochen; die von Dombaumeister Statz zu Köln ausgearbeiteten Pläne für den Bau eines Rektoratsgebäudes seien vom Kölner Generalvikariat gutgeheißen und man werde diese Arbeiten dem Unternehmer J. Koch aus Aachen "zur promptesten Ausführung" übertragen. Ende Juni 1901 lieferte die Glockengießerei F. Otto in He- melingen 2 Glocken für das neue Gotteshaus. Der Tag der Kirchweihe, der 7. Juli 1901, gestaltete sich wiederum ähnlich wie der der Grundsteinlegung. Am Vortag
[| — . T&M LET Me er a WO EN A Aa Ne 0 (As A LT I SIR MA | BE Bl BT E | 7 Bl N | HER RE EEE EEE belle da NA WTA RE TI HA N SINTAO.T[ 25480 EGAL N EN TE N . Die Herbesthaler Pfarrkirche. Zeichnung des Architekten, Reg.-Baumeister Jul. Busch (Januar 1899)
52 bereits hatte der Ort durch Girlanden und Fahnenschmuck ein festliches Kleid angelegt und Glockengeläute und Böllerschüße hatten das Ereignis angekündigt. Die Feierlichkeiten begannen am Sonntagmorgen mit dem Empfang des Eupener Dechanten Beys und des Landrats Gülcher durch den Lontzener Pfarrer Schwarz sowie zahlreiche Vereine aus Lontzen, Herbesthal und Welkenraedt. Der Berichterstatter nennt im Einzelnen: das Katholische Kasino, den Kriegerverein, die Harmonie, die St. Hubertus-und Barbara-Schützengesellschaft. Aus Welkenraedt waren erschienen: der Cercle Catholique, der St. Josephs-Arbeiterverein, die St. Johannesschützen, der Turn- verein La Concorde und der Gesangverein Liederkranz. Unter Vorantritt der Evers'schen Kapelle aus Eupen zog der . vom Kriegerverein Herbesthal angeführte Festzug zum Gotteshaus, wo der Eupener Dechant die Weihezeremonie vornahm. Der Lontzener Kirchenchor, begleitet durch seinen Organisten, verschönerte die anschließende Meßfeier durch gregorianische Gesänge. Am Nachmittag fand um 4 Uhr eine Dankandacht statt, an der wiederum die gesamte katholische Bevölkerung des Ortes teilnahm. Im Anschluß daran traf man sich auf der Wiese des Restaurateurs Joseph Ahn, wo die weltliche Feier sich abspielte. "Der altbewährte und an Ehren reiche Gesangverein Concordia Eupen, der Liederkranz Welkenraedt und die Evers'sche Kapelle Eupen boten reichlichen musikalischen Stoff." Der ebenfalls eingeladene Welkenraedter Musikverein "Harmonie" wurde von der Festleitung "in tiefempfindlicher Weise vernachlässigt", so daß der Verein abzog und seine Weisen "in den schönen Garten- anlagen des Hotels Scholl und Herren ertönen ließ". Die größte Anerkennung zollte der anwesende Pressemann wiederum der "Papst- und Kaiserrede" des Kaplans Schaeben, der "mit einem fließenden, wohlklingenden Rednertalente" die Macht und die Stärke der katholischen Kirche hervorhob und auf die hohe Stellung, die Bedeutung und den Einfluß des greisen Kirchenfürsten, "vor dem sich alle gekrönten Häupter beugen", nicht nur bei den Katholiken, sondern bei allenVölkern hinwies. Den "allgewaltigen Kaiser Wilhelm II." stellte Kaplan Schaeben als den Friedensfürsten hin, dessen Werk es sei, den Völkern einen mehr als dreißig Jahre dauernden Frieden zu er-
53 halten. "Kaiser Wilhelm besuchte die heiligen Stätten, er besuchte Rom. Seinen Sohn brachte er uns an des Rheines katholische Gestade, daß er, der einstige Träger der deutschen Kaiserkrone, im christlichen Glauben seine Jugendjahre unbesorgt verleben möge. In das ausgebrachte Hoch auf den Kirchen- und Reichsfürsten stimmte die nach Tausende zählende Menge begeistert ein". Weitere Trinksprüche wurden ausgebracht, u.a. auf den Erz- bischof Hubertus (Simar) sowie "auf die Mutterpfarre Lontzen und auf die Pflegemutter Welkenraedt", "Herbesthal! siehe mit glücklichem Herzen auf den schönsten deiner Tage zurück." Mit diesen Worten und mit dem Wunsche des Eupener Dechanten Beys, es möge dem Kirchenvorstande gelingen, das begonnene Werk auf alle Zeiten fortzuführen und in Herbesthal eine Ära der Brüderlichkeit, Bescheidenheit, cha- rakterwürdiger christlicher Offenheit und echt ungeheuchelten überzeugungsvollen Glaubens herbeizuführen, wodurch das Land zwischen Reich und Arm, Alt und Jung, Hoch- und Niedergestellten einzig und allein auf immer erhalten werde, beendet der Zeitzeuge seinen Bericht aus Herbesthal. Nachdem der Kirchenbau vollendet war, mühten sich die Herbesthaler um die Erhebung ihres Ortes zu einer selbständigen Kapellengemeinde. Auf eine Aufforderung des Erzbischofs von Köln, den Nachweis zum Bedürfnis der Errichtung einer solchen Kapellengemeinde ausführlicher zu begründen, antwortete Kaplan Schaeben am 26. Februar 1902 mit folgendem Bericht: "Das Bedürfnis zur Errichtung einer selbständigen Kapel- lengemeinde Herbesthal dürfte sich ergeben aus der Tatsache, daß dortselbst nach Ausweis der letzten Volkszählung 832 Katholiken zusammenwohnen, die von ihrer bisherigen Pfarrkirche und dem Wohnort ihrer Geistlichen 3/4 Stunden entfernt sind. Die aus- reichende Pastorirung von der Mutterpfarre Lontzen aus, besonders auch der regelmäßige Religionsunterricht für die 160 Schulkinder, ist zum wenigsten mit großen Schwierigkeiten verknüpft und besonders müssen plötzliche Unglücksfälle, die bei dem großen Grenzbahnverkehr nicht selten sind, die beständige Anwesenheit eines Geistlichen am Orte selbst sehr wünschenswert erscheinen lassen. Indirekt hat ja die hohe königliche Regierung das Bedürfnis einer besseren Versorgung Herbesthals in kirchlicher Beziehung
54 schon anerkannt durch die Bewilligung einer Hauskollekte in der ganzen Rheinprovinz für die Errichtung einer eigenen Kirche in Herbesthal. Die Grenzen des neuen Kapellenbezirks sind nun in eine Generalstabskarte eingezeichnet, die zwar in ziemlich kleinem Maßtab dieselben zeigt, jedoch gerade die Grenzhöfe des verbleibenden Restes der Pfarre Lontzen in genügender Deutlichkeit zeigt. Die Abgrenzung ergibt für den Kapellenbezirk Herbesthal ein zusammenhängendes abgerundetes Gebiet (237 ha., A.d.R.), das ungefähr die Hälfte sämtlicher Katholiken der bisherigen Gesamtpfarre Lontzen umschließt. Auch etwa die Hälfte der bisherigen Cultussteuer der Pfarre Lontzen wurde von dem nun abzutrennenden Teile aufgebracht." Kaplan Schaeben drückte abschließend den Wunsch aus, die Abtrennungsange- legenheit möge bis 1. April 1902 erledigt sei, damit sowohl Lontzen wie Herbesthal mit diesem Termin nach dem neuen Etat arbeiten könnten. 8 Wie schon erwähnt, war die Bitte um ein "allerhöchstes Gnadengeschenk" negativ beschieden worden, weil die Kirche zu groß geplant sei. Am 8. Mai 1902, -die Kirche war inzwischen fertiggestellt-, reichte man ein neues Gesuch ein, das ebenfalls zurückgewiesen wurde, u.a. weil ein Gnadengeschenk nicht für bereits vollendete Bauten gewährt werde; man habe nach Fertigstellung des Baus nämlich keine Möglichkeiten mehr, auf das Raumprogramm (die Pläne) Einfluß zu nehmen. Daraufhin schaltete sich der Landrat Gülcher ein. Sein vom 14. August 1902 datierter Antrag um Gewährung einer Beihilfe in Höhe von 10.000 Mark blieb ebenfalls erfolglos, worauf der Landrat am 13. Mai 1903 ein neues Gesuch einreichte, worin er darauf aufmerksam machte, daß es für die Herbesthaler Katholiken fast ausnahmslos zur Regel geworden war, im belgischen Welkenraedt dem Gottesdienst beizuwohnen. Die dortige Kirche reichte aber für den Besuch von auswärtigen Gläubigen bei weitem nicht aus, so daß an jedem Sonntag eine ganz bedeutende Anzahl derselben vor dem Eingang des Gotteshauses auf der Straße stehen mußte. Unter Letzteren befanden sich auch viele Herbesthaler Schulkinder, für welche überhaupt in kirchlicher Beziehung nur sehr mangelhaft gesorgt werden konnte. Auch wurde in Welkenraedt nur in französischer Sprache gepredigt.
S5 "Nachdem die Kirche nunmehr ohne Einschränkung des Bauplanes ausgeführt worden ist", so Landrat Gülcher, hat sich herausgestellt, daß dieselbe in dem sonntäglichen Frühgottesdienst um 7 Uhr vormittags gefüllt und in dem späteren Gottesdienst um 10 Uhr sogar überfüllt ist. An hohen Feiertagen ist häufig ein beäng- stigendes Gedränge entstanden, so daß viele vor der Kirche bleiben mußten. Letzteres ist auch an nicht wenigen Sonntagen der Fall gewesen." (Was das erhoffte "Allerhöchste Gnadenge- schenk" angeht, so gab der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- Angelegenheiten am 12. Januar 1904 einen end- gültigen, ablehnenden Bescheid.) Die Gründe für die Überfüllung der Herbesthaler Kirche waren auch darin zu suchen, daß neben den ortsansässigen Katholiken auch zahlreiche Einsenbahnbeamte, die mit den Zügen zur Zeit des Gottesdienstes in Herbesthal ankamen, die dort üblichen Wartezeiten nutzten, um ihrer Sonntagspflicht nachzukommen. Zudem waren zahlreiche Gehöfte der Gemeinden Kettenis und Walhorn der Kirche in Herbesthal näher gelegen als den eigenen Pfarrkirchen. Die Bewohner dieser abgelegenen Höfe kamen nun ebenfalls zum Gottesdienst nach Herbesthal. Schon 1901 war in Herbesthal ein Rektoratshaus errichtet worden, doch blieb es vorerst unbewohnt. Die Kultussteuern flos- sen weiterhin nach Lontzen und solange Herbesthal keine selbstän- dige Kapellengemeinde bildete, blieben diese Geldmittel verloren. Die Klärung finanzieller Fragen führte dazu, daß die erwünschte Erhebung Herbesthals zur selbständigen Kapellengemeinde sich noch um rund ein Jahr verzögerte. Am 3. Februar 1903 wurde die Errichtungsurkunde der erzbischöflichen Behörde der Regierung zur weiteren Veranlassung vorgelegt. Die staatliche Bestätigung derselben erfolgte am 10.6.1903. Die Grenzen der nun selbständigen Kapellengemeinde entsprachen wohl eher den Wünschen Lontzens als denen der Herbesthaler. Pfarrer Plum, der die Pfarre Herbesthal im September 1940 übernahm, äußerte dazu ziemlich herbe Kritik an Lontzen, dessen Bestreben es gewesen sei, "möglichst wenig abzugeben, das Wenige auch in der wirtschaftlichen Kraft möglichst gering zu halten. So kam es zu Grenzen, die heute noch wie ein Unding bestehen."
56 Erster Rektor der selbständigen Kapellengemeinde Her- besthal wurde verdienterweise der bisherige Lontzener Kaplan Gottfried Schaeben, der der Gemeinde 5 Jahre vorstand, bis er am 2. Juli 1907 zum Pfarrverwalter von Willich ernannt wurde. Inzwischen hatte das rund um den Bahnhof gescharte Her- besthal einen weiteren mächtigen Aufschwung erlebt. Das "Freie Wort", eine damals im Grenzland viel gelesene Zeitung, schrieb dazu am 12. Mai 1906 u.a.: "Anfangs vorigen Jahres waren die Bahnhöfe Herbesthal-Welkenraedt infolge des westphälischen Kohlenarbeiter-Ausstandes mit aus Frankreich einlaufenden Kohlenzügen überlastet. Die enorme Entwicklung der deutschen Industrie, des täglich steigenden ungemein starken Exporthandels Deutschlands auf allen Gebieten, hat hier einen fast fabelhaften Verkehr geschaffen. Durch die vorjährige Mißernte in Belgien hat von Deutschland und Böhmen aus ein gewaltiger Export an Kartoffeln nach Belgien und Nordfrankreich stattgefunden. Von Ende August bis Ende Dezember v.J. kamen in Herbesthal 2000 Doppelwagen, vom 1. Januar bis 31. März 1450 und im Monat April nicht weniger als 1180 Doppelwagen an. Ein Doppelwagen zählt 10.000 Kilos, die meisten Wagen enthalten jedoch weit mehr, vielfach 12 bis 15.000 Kil. In letzter Zeit spielt sich in Herbesthal eine bedeutende Kartoffelbörse ab. Einerseits erscheinen deutsche und öster- reichische Großhändler, die zum Teil Mengen Kartoffeln nach hier unbestellt kommen lassen und sie an die täglich aus allen Teilen Belgiens eintreffenden Händler verkaufen. Daß demnach hier kolossale Summen umgesetzt werden, ist leicht begreiflich... Das Bild, welches sich täglich hier, besonders in den Hotels Herren und Scholl entfaltet, ist ein sehr interessantes. Da fragt man sich des öftern: "Wer kennt die Völker, ihre Namen?" Man denkt unwillkürlich an den babylonischen Turm. Außer den verschiedenen deutschen Dialekten hört man Französisch, Wallonisch, Flämisch, Polnisch, Ungarisch, usw... Der so große Kartoffelhandel hat ein bewegtes Leben und Treiben in Herbesthal verursacht und ist für die hiesigen Geschäftsleute, besonders für die Restaurateure, von großem Vorteil. Die Bahn- und Zollbeamten sowie die zahlreichen Arbeiter der Stationen Herbesthal und Welkenraedt haben durch den starken Verkehr einen harten Standpunkt. Sie entledigen sich, was
57 Jlobend anerkannt werden muß, ihrer Aufgabe mit allem Eifer und aller Hingebung. Das Bahnnetz beider Bahnhöfe hat sich in letzter Zeit wieder als viel zu klein erwiesen. Man ist aber bereits dabei, Abhilfe zu schaffen. So sind z. B. in Welkenraedt bereits über hundert Arbeiter beschäfigt, das Terrain zur Planierung für die Legung von 26 Gleisen zu bearbeiten... Bis zum Herbste wird der ganze Bahnhof Welkenraedt elektrisch erleuchtet sein, was einen feenhaften Anblick hervorbringen wird. Der Herbesthaler Bahnhof wird bekanntlich auch in kurzer Zeit bedeutend vergrößert werden." Einem weiteren Bericht aus Herbesthal-Welkenraedt vom 31. August 1907 entnehmen wir eine Fülle von Einzeldaten, die uns die Bedeutung des Grenzbahnhofs Herbesthal für die Bevöl- kerungsentwicklung dieses Ortes klar zeigen. Den Bahnhofsdienst gliedert der Berichterstatter in äußeren Bahnhofsdienst, Eisenbahnwerkstatt und Güterabfertigung. Der äußere Bahnhofsdienst setzte sich zusammen aus 1 Oberbahnhofsvorsteher (Hr. Weger), 1 Bahnhofsvorsteher (Hr. Poppe), 2 Assistenten, 3 Diätaren, 2. Praktikanten, 1 Eisenbahn- gehilfen, 1 schreibfähigen Arbeiter, 18 Weichenstellern und Hilfsarbeitern, 1 Aushelfer im Telegraphenbüro, 2 Wagennotierern, 2 Weichenstellern, 2 Portiers, 5 Bahnsteigschaffnern, 3 Putzfrauen, 5 Schirrmeister, 7 Hilfschirrmännern, 20 Rangierarbeitern und 4 Stationsarbeitern. In der Reparaturwerkstatt arbeiteten 1 Werkmeister (Hr. Lauprecht), 1 Werkführer, 1 Eisenbahngehilfe, 24 Mann Lok- personal, 10 Wagenmeister, 25 Werkstättenarbeiter (Schlosser, Schmiede, Schreiner, Sattler und Hilfsarbeiter), 15 Betriebsarbeiter (Lok- und Wagenputzer). Die Werkstatt war mit Metallbear- beitungsmaschinen ausgerüstet, die durch einen 15 PS starken Gasmotor angetrieben wurden. Die Güterbabfertigung beschäftigte ebenfalls eine erhebliche Anzahl von Personen: 1 Güter-Obervorsteher (Hr. Stuffmann), 5 Gütervorsteher und Kassenbeamte, 2 Oberassistenten, 25 Assistenten, Praktikanten und Eisenbahngehilfen, 7 Lademeister und 45 Güterbodenarbeiter. Zudem gehörten der Station Herbesthal noch 1 Bahnmeister, 3 Rottenführer und 40 Rottenarbeiter an. Wenn wir die Gesamtzahl der im Eisenbahnwesen in Herbesthal Beschäftigten nehmen, kommen wir auf 283 Perso- nen. d
58 Einen erheblichen Aufschwung hatte auch das Zollamt genommen, besonders nach dem Inkrafttreten von neuen Zoll- tarifen am 1. März 1907. Das "königliche Nebenzollamt 1" in Herbesthal zählte Ende August 1907 55 Zollbeamte, von denen 3 Oberbeamte, 6 Sekretäre, 12 Assistenten, 29 Aufseher und 5 Amtsdiener waren. Das Zollamt war (mit geringen Ausnahmen) zur Verzollung sämtlicher Waren, die in den 947 Positionen des Zolltarifs von 1902 aufgeführt waren, zuständig, wobei die zu zahlenden Zollsätze von 5 Pf bis 2.080 Mk pro Doppelzentner oder Stück liegen konnten. Der Amtsvorstand des Zollamtes Herbesthal bestand aus dem Oberrevisor Hannibal sowie den Steuerinspektoren Raback und Cordes, I Auch das Herbesthaler Postamt entsprach der Bedeutung des Grenzortes. Neben dem Postmeister, Herrn Homeyer, zählte man 4 Postassistenten, 5 Gehilfen und 14 Unterbeamte. Da das bisherige Postgebäude den Ansprüchen nicht mehr genügte, wurde 1907 mit dem Bau eines neuen Postgebäudes begonnen, das 1908 bezogen werden konnte. So fanden also allein bei Bahn, Post und Zoll 362 Personen Arbeit. Hinzu kamen Gasthäuser und Geschäftsleute, Fuhrunternehmer und Handwerksbetriebe, die alle von dem Grenzbahnhof profitierten. Von einem landwirtschaftlich geprägten Weiler war Herbesthal zu einer Beamtensiedlung geworden. a RO ak Im vergangenen Jahre konnte Herbesthal den 90. Jahrestag seiner Kirchweihe feiern; dieses Jahr kann der Ort auf 80 Jahre eigenständigen Pfarrlebens zurückblicken. Für den letzten und entscheidenden Schritt der Loslösung von Lontzen hat sich besonders der am 24. September 1907 eingeführte Rektor Jos. Hecker eingesetzt. Es galt wiederum, mannigfache Hindernisse zu überwinden. Vor allem die finanzielle Ausstattung der neuen Pfarrgemeinde mit dem erforderlichen Dotationskapital von 62.950 Mark, (— zur Hälfte vom Staat und zur Hälfte von der Kirche aufzubringen —) war eine große Schwierigkeit. Bei der "geringen Bevölkerungszahl von ca. 900 Seelen" sei nicht zu erwarten, so Generalvikar Kreuzwald, "daß
59 der Staat bzw. der Gesamtverband der Diözesen Preußens die großen Dotationssummen bewilligen wird, da viele Gemeinden mit Tausenden von Arbeitern Anspruch erheben." (Brief vom 22. April 1910) Auch das Fehlen eines eigenen Friedhofs und die hohen Kirchensteuern (70%) standen einer Erhebung zur Pfarre im Wege, so daß das Generalvikariat dem Rektor den Rat gab, "zunächst einen Kirchhof für Herbesthal zu beschaffen". Am 27. September 1911 berichtete Rektor Hecker dem Generalvikariat, die Verhältnisse in Herbesthal hätten sich seit Jahresfrist wesentlich verändert. Der Rektor geht auf die einzelnen bis dahin bestandenen Hinderungsgründe ein und schreibt: "ad 1: In der Sitzung des Gemeinderates Lontzen-Herbesthal vom 22. d.M. ist die Anlage eines eigenen Friedhofes zu Herbesthal beschlossen worden. Infolgedessen kann das Stelleneinkommen gewiß um 100 Mark höher veranschlagt werden. ad 2: Die Zahl der Katholiken beträgt jetzt etwas mehr als 1000. ad 3: Die Kirchensteuer, die jetzt 70% beträgt, könnte infolge der Erhöhung der Beamtengehälter im nächsten Rechnungsjahr allen- falls auf 50% ermäßigt werden, aber nur unter der Voraussetzung, daß die vom Erzbischöflichen Stuhle bisher der hiesigen Kapellengemeinde gewährte Beihilfe in ihrer ursprünglichen Höhe von 500 Mark bis zur Pfarrerhebung weitergezahlt wird". Weiter weist der Rektor auf das in Herbesthal bestehende Heimatlosenasyl hin, in dem ihm auch die Seelsorge oblag. Die Zahl der dort jährlich aufgenommenen Katholiken veranschlagte er auf etwa 600. Für Rektor Hecker war mit diesem Heim ein "Dringlichkeitsmoment" gegeben. Auch der starke Wechsel der eigentlichen Bevölkerung infolge andauernder Beamtenversetzungen machte in den Augen des Rektors die Pfarrerrichtung wünschenswert. Rektor Hecker schloß seinen Brief an das Generalvikariat mit den Worten: "Ich darf wohl endlich noch die Vermutung aussprechen, daß die Staatsbehörde bereitsein wird, für Herbesthal, das doch nichts anderes als eine Beamtenkolonie ist, auch etwas einigermaßen Außerordentliches zu tun." Die Argumente des Rektors werden am 21.12.1911 vom Kirchenvorstand aufgenommen und der Kölner Behörde vorgetragen. Auch der Kirchenvorstand weist auf die durch die
60 Beamtenversetzungen erschwerte Seelsorge im Ort hin. Ungefähr 70 % der katholischen Bevölkerung sei in ständigem Wechsel begriffen. Auch das seit dem 15.3.1911 bestehende Heimatlosenasyl, welches jährlich 500-600 katholische Insassen werde aufnehmen müssen, erschwere die Seelsorgearbeit erheblich. Am 16.2.1912 äußerte sich Rektor Hecker in einem Brief an den Lontzener Bürgermeister, die Seelsorgearbeit in Herbesthal habe einen solchen Umfang genommen, daß die Ausübung pfarr- amtlicher Tätigkeit von dem Pfarrer von Lontzen aus, zumal bei der weiten Entfernung, gänzlich unmöglich sei. Aus diesem Grunde sei der in Herbesthal angestellte Hilfsgeistliche schon vor 10 Jahren zu sämtlichen pfarramtlichen Handlungen delegiert | worden. "Daß diese Betrauung des Hilfsgeistlichen nur ein Provisorium ist und daß der als Pfarrer amtierende Geistliche einen Billigkeitsanspruch auf Titel und Mittel des Pfarramtes hat, liegt auf der Hand", so der Rektor. Die nach seiner Meinung "naturgemäße Weiterentwicklung der bisherigen Verhältnisse" mußte die Pfarrerhebung sein. Diese folgte kirchlicherseits am 3. September 1912; die Bestätigung durch die Regierung erfolgte am 7. September, Eine am 17. Oktober 1912 in lateinischer Sprache verfaßte Urkunde zur Pfarr-Erhebung (-in der Übersetzung des Hergenrather Pfarrers und Landdechanten A. Mertz-) hat folgenden Wortlaut: Peter KarlAlois Kreuzwald, Kapitular-Vikar der Erzdiözese Cöln, zum ewigen Gedächtnis. Wegen der steten Zunahme der Bevölkerung und der weiten Entfernung von der Pfarrkirche ist schon im Jahre 1901 in dem Bezirke Herbesthal, Pfarre Lontzen, eine eigene Kirche unter dem Titel "Maria Heimsuchung" erbaut und benediziert und bald nachher ein eigener Geistlicher zur Ausübung der Seelsorge ernannt worden. Jetzt aber, da alles vorgesehen ist, was von Rechts wegen zur Errichtung einer eigenen Pfarre gefordert wird, habe ich beschlossen, zur größeren Ehre Gottes und zur Förderung des religiösen Lebens die bisherige Filialkirche zur Würde einer Pfarrkirche zu erheben. Nachdem daher alle gehört worden sind, die von Rechts wegen zu hören waren, und auch zugestimmt haben, trenne ich
61 nunmehr bei der Sedisvakanz des Erzbischöflichen Stuhles, der infolge des Todes des Hochseligen Kardinals und Erzbischofes Antonius Fischer verwaist ist, kraft apostolischer Vollmacht, die mir durch Breve der Konzils-Kongregation unter dem 2. Oktober 1912 ausdrücklich erteilt ist, (tfrenne ich) hiermit die Tochterkirche unter dem Titel "Maria Heimsuchung" in Herbesthal mit allen Christgläubigen des Bezirks von der Mutterkirche in Lontzen unter dem Titel des hl. Bischofs Hubertus- und erhebe dieselbe zu einer eigenen und selbständigen Pfarre unter dem Titel "Maria Heimsuchung" des Ortes Herbesthal. Auch bestimme ich, daß der Geistliche, dem das Pfarramt in dieser neuen Pfarre übertragen werden soll, alle Pfarr-Rechte besitzen und die obliegenden Pflichten erfüllen soll, indem ich zu Gott hoffe, daß das christliche Volk, das seiner Sorge anvertraut ist, diese seine Pfarrkirche häufig besuche, dem Gottesdienste fleißig beiwohne, die hl. Sakramente oft andächtig empfange, die Feste unseres Herrn Jesu Christi und seiner jungfräulichen, glorreichen Mutter und der übrigen Heiligen mit der schuldigen Ehrfurcht feiere, das Wort Gottes fleißig anhöre und die Kinder, Knaben und Mädchen regelmäßig in den christlichen Unterricht schicke. Für das Einkommen der neuen Pfarre ist vorgesehen, wie es in der beiliegenden Urkunde ausdrücklich festgesetzt ist. Gegeben zu Cöln am 17. Oktober 1912 mit meiner Unterschrift und meinem Siegel Dr. Kreutzwald, Kapitularvikar. Quellen und Literatur Der Regierungbezirk Aachen, topographisch beschrieben, mit einer Sammlung der interessantesten statistischen Nachrichten, in kreisweise geordneten Übersichten, Aachen, J.A. Mayer, 1827, S. 43 Goor, Franz: Herbesthal, Selbstverlag 1981, S. 86-111 Pfarrarchiv Herbesthal Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Reg. Aachen 5.052 Das "Freie Wort", Archiv d. Göhltalvereinigung, Neu-Moresnet Amtsblätter der Regierung zu Aachen (ebd.)
62 Anhang 4 Burk- Grzbistum Söln.. Söln, den. 284.T014. 19034... 3.3307. ls EN A eutel Hummer anyameben.. Dienstinstrukt1onm ; für‘ den Rektor von Nerbesthal. ” Bezüglich der in der Kapellengemeinde Hersthal wohnenden Ka- tholiken werden dem Rektor die nachstehenden Befugnisse bezw.Ver- Pflichtungen Übereregens l.den Gottesdienst zu halten; 2.das Sacrament der Taufe zu spenden; 3.die Wächnerinnen auszusegnen; Sr + 4.die Angehörigen des Bezirks zu becrdigen und für sie die Exequien zu kaltenfaiese Befugnis, tritt in Kral't ‚sobald jlerbes- thal einen eigenen‘ Kirchhof hat; ‘ 5.den Eingesessenen des Bezirks die h.Ostercommunion in der ” Kirche zu Herbesthal zu spenden; | # 6.die Kinder zur ersten h.Communion vorzubereiten und in der Kirche zu Herbesthal zu derselben zu führen; 7.die Hatrimonialia der zum Bezirk ressortierenden Paare wahr- zunehmen; * 55-10 ; 3 S x ; . 8.in dem Rektoratsbezirk die Seelsorge überhaupt And, irsbeson- ni dere die Krankenseelsorge ‚zu verschen; Z £ 7 . 9.den schulplaumässigen ‚Religionsunterricht in den zun Benirk gehörigen sehfaen zu erteilen. £ Gegenwärtige Dienstinstruktion ist den Angehörigen des Bezirks rechtzeitig bekannt zu geben und tritt mit dem 15.August 1903 in Kraft,
Hinsichtlich der matrimonialia ist das Folgende zu beachten: 1l.Für die Proklamationen sollen die DEAN or in dem Erlass De proclamationibus matrimonialibus in ecclesiis filialibus facien- dis vom 9.März 1901(Kirchl.Anzeiger S.34)gelten.Demgemäss sind die # Proklamitiöndn wenn Braut und Bräutigam in dem Rektoratsbezirk Doz mizil oder” Quasidominil haben nur in der Filialkirche vorzunehmen. Wenn aber ein Teil der Nupturienten Domizil oder Quasidomizil in dem Rest der Mutterpfarre Kate sind die Proxlamationen in der Fi- lialkirche und in der Mutterkirche zu halten.Wenn endlich ein Teil “der XNupturienten aus einer andern Pfarre oder aus einem andern Fi- lialdistrikt stammt,so haben die Proklamationen nach den geltenden Vorschriften auch in jener Pfarre bezwiin jenem Filialdistrikt zu geschehen,nicht aber in der Mutterpfarre,zu welcher der Rek,torats- bezirk gehört. 2.Es ist ferner zu beachten,dass die Befugnis bezüglich der matrimönialia als potfestas delegata aufzufassen ist und daher nicht ad universitatem causarum sondern nur ad singulos casus delegiert werden kann. . { 3.Zur Eintragung der getrauten Paare ist bei dem Rektorat ein Traubuch anzulegen.Die hieraus zu” erteilenden Auszüge werden de mandato Barochi erteilt. nr A S Das Erzbischöfliche Generalvikariat: Dienstinstruktion für den Rektor in Herbesthal, Cöln, den 28. Juli 1903.
Nr, 681 Urtunde über Errichtung der Pfarre Gerbesthal, 1. Die bisherige felbftändige Kapellengenieinde Herbesthal wird zur Pfarre erhoben. | 2. Die Grenzen der neuen Pfarre find dies jelben wie dje der bisherigen Kapellengemeinde. . 8, Das Dienfteinkonunen des Pfarrer3 von Gerbesthal regelt fiH nad) dem Gefetz vom 26, Mai 1909 über das Dienfteinkunumen der FathHolifchen | Pfarrer. | ; a Soweit die Pfarrgemeinde über den Betrag. vor 2400 Mark einfhließlid des Staat8gehalt? von } 400 Mark da3 weitere Dienfteinkommen aufzus 6ringen außerftande ift, wird die eine Hülfte des FehlbetragS von der BifchHöflihHen Behörde aus fircdhliden Mitteln gewährleiftet, unter der Bor-, ausfegung,. daß die andere Hälfte feitenzZ des ‚Staates gewährt wird. 4 . . 4. Gegenwärtige, Urkunde ‚tritt am 1, Ofkto- ber 1912 in Kraft. 8 -. Cöln, den 3. September 1912. Der Kapitularvitar. O AD eG Wald: Die nach der vorftehenden Uikunde vom 3. Sepe tenıber 1912 von dem Kapitularvikar zu Cöln Firchliherfeit8 auggefprodjene Errichtung und Unı- {hreibung der Fätholifchen Pfarrgemeinde Herbes- ‚thal wird auf Grund der von dem Minifter der geiftlicdhen und Unterrviht3-Angelegenheiten nittel8 Erlaffes vonı 21. Auguft d. I8. — G IT. 4510. II. — ung erteilten Ermächtigung hierdurch von Stant3= wegen beftätigt und in Bolzug gefebt. Machen, den 7. September 1912, (8S) KöniglihHe Regierung, - ; - Abteilung für KirhHen- und Schulwefen. i DufeniB,. Urkunde über die Erhebung Herbesthals zur Pfarre Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Aachen, Donnerstag, 12. September 1912. ee a nr Dr tn Pe Ma Mi
65 Kinderaugen sehen ihre Gemeinde von Astrid Schmitz "Mein Dorf an der Göhl": So lautete das Thema eines Malwettbewerbs, den die Göhltalvereinigung im vergangenen Jahr anläßlich ihres 25-jährigen Bestehens organisierte. Bei dieser Aktion wurden alle Primarschulen von Lichtenbusch bis Bleyberg (Plombi@res) zum Mitmachen eingeladen. Erfreulich groß war das positive Echo bei den angesprochenen Lehrpersonen, wie aus der nachstehenden Liste der teilnehmenden Schulen zu sehen ist: die Gemeindeschulen von Raeren-Driesch, Lichtenbusch, Eynatten und Hauset; die Gemeindeschulen von Walhorn und Lontzen; die Gemeindeschulen von Hergenrath und Kelmis (deutsch- | sprachige Abteilung); das CEsar-Frank-Lyzeum, deutschsprachige Abteilung, Kelmis; die Ecole Primaire Maria-Hilf, Gemmenich; die Gemeindeschulen von Homburg, Montzen-Dorf, Montzen- Bahnhof und Bleyberg. Die 6 bis 12-jährigen Schüler(innen) sollten dabei eine Besonderheit ihres Dorfes zeichnerisch darstellen. Das notwendige Zeichenpapier wurde in großzügiger Weise von der "Generale Bank" zur Verfügung gestellt. Was dann an Zeichenarbeiten bei uns im Museum einging, übertraf alle Erwartungen. Nicht weniger als 673 (!) Kinder hatten sich, meist unter Anleitung einer Lehrperson, am Wettbewerb beteiligt. Ein Bild war schöner als das andere, so daß die aus Lehrern, Kunsterziehern und Graphikern bestehende Jury sich voreine schwere Aufgabe gestellt sah, sollte sie doch aus der Fülle der Arbeiten zehn Bilder prämieren. Bei der Auswahl der Bilder wurde jedes Dorf, aber auch das Alter der kleinen Künstler berücksichtigt. Schließlich wurden folgende «Sieger» ermittelt: 1. PERISSE Fabienne, 5. Schulj., Ecole Communale, Montzen 2. HILLIGSMANN Nicole, 6. Schulj., Gemeindeschule, Kelmis _ 3.KOHNEN Floriane, 1. Schulj., Ecole Communale, Plombi&res 4. MIRSCHEL Nancy, 5. Schulj., Gemeindeschule, Hergenrath 5. KLEIN Julia, 4. Schulj., Gemeindeschule Lichtenbusch ?
66 6. HORSCH Andreas, 4. Schulj., Gemeindeschule Hergenrath 7. SCHEEN Nadine, 2. Schulj., Gemeindeschule Raeren 8.HERMANS Miranda, 6. Schulj., Ecole Communale, Plombi&res 9. LANGELA Kim, 5. Schulj., Gemeindeschule Lontzen 10. GOEBBELS Mario, 5. Schulj., C&sar-Frank-Lyzeum, Kelmis Außerdem konnten wir eine Reihe von Trostpreisen verteilen. Einen solchen erhielten: NOENS Ve&ronique, BRÜLL Thierry und SCHMETZ Nicole (alle Gemeindeschule Kelmis); JOHR Rebecca (Ce6sar-Frank- Lyzeum Kelmis); CHRISTEN Frederic (Gemeindeschule Hergenrath); LANGELA David (Lontzen); FRANCK Oliver (Walhorn); DELNUI Norbert (Hauset); WELING Alexander (Lichtenbusch); NIESSEN Marc David und DREUW Michael (Raeren); BORN Olivier (Maria-Hilf, Gemmenich); CHARLIER Freddy und LOCHT Cedric (Ec. Comm. Hombourg); CLOSSET Christine und ALDENHOFF Vincent (Ec. Comm. Montzen- Vill.). Ein Sonderpreis für eine gemeinsame Klassenarbeit ging an das 4. Schuljahr der Gemeindeschule Eynatten. Die Preisverteilung fand am 6. Juni 1991 in den Räumen der "Generale Bank" in Kelmis statt, wo die Bilder auch bis Ende Juni ausgestellt waren. Unser besonderer Dank gilt der Direktion dieser Bank für die großzügige Unterstützung unserer Arbeit, dann aber auch allen Schulleitern und Lehrpersonen, die ihren Schülern durch diesen Wettbewerb ein Stück Dorfkultur näher gebracht und vielleicht bei einigen ein bleibendes Interesse für die Schönheiten und die spezielle Geschichte des Göhltales geweckt haben. Auf den folgenden Seiten zeigen wir eine kleine Auswahl der eingereichten Bilder, wobei wir bemerken müssen, daß aus drucktechnischen Gründen nur schwarz-weiß Arbeiten berücksichtigt werden konnten.
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74 Der sogenannte Jagdsaal von Schloß Streversdorp/Chäteau Graaf Anmerkungen zu einem spätmittelalterlichen Raumprogramm (*) von Alexandra Ardeleanu-Jansen Verläßt man Aachen in Richtung Lüttich und folgt der Lütticher Straße nach Belgien hinein, wo sie den Namen "Chaus- see de Liege" angenommen hat, eröffnet sich dem Reisenden bald hinter Kelmis/La Calamine eine pittoreske Hügellandschaft, die links und rechts des Hauptverkehrswegs so manches bauhistorische Kleinod vor dem eiligen Autofahrer verborgen hält. Nur wer sich auf die schmalen, kurvenreichen Nebenstraßen und die land- wirtschaftlichen Nutzwege im ostbelgischen Grenzgebiet begibt und wer hier mit Muße den unbegradigten Landstraßen von einem Dorf zur nächsten Kleinstadt folgt, dem wird sich diese uralte Kulturlandschaft in ihrer malerischen Kleinteiligkeit und in ihrer europäischen Geschichtlichkeit eröffnen. Unter den zahlreichen Sehenswürdigkeiten sind im Gebiet der belgischen "trois frontie&res" einige Burgen, Schlösser und Herrensitze angesiedelt, von denen das sogenannte Schloß Streversdorp oder Chäteau Graaf bei Montzen eine der älteren Anlagen zu sein scheint (Abb. 1). Erste urkundliche Erwähnung findet einer der mutmaßlichen Vorbesitzer der Wasserburg, ein gewisser Egidius de Triversdorp/Treversdorph, in den 70er Jah- ren des 13. Jhs. Zwischen 1273 und 1292 erscheint sein Name in verschiedenen Archivalien (1). 1273 tritt er als Zeuge bei einem Schiedsspruch für die Abtei Gottesthal (Val Dieu) auf (2), und 1275 findet er in einer Akte (3) zum Landfriedensbündnis des Herzogs Walram V. von Limburg mit der Stadt Aachen Erwähnung (4). Im nun folgenden Zusam- (*) Aus "Architektur und Kunst im Abendland", Festschrift zur Vollendung des 65. Lebensjahres von Günter Urban, hrsg. von Michael Jansen und Klaus Winands, Herder Editrice, Rom, 1992. Abdruck mit frdl. Genehmigung der Herausgeber.
75 menhang ist die Geschichte, bzw. Baugeschichte des Anwesens jedoch nicht das vorherrschende Thema. Ihr müßte man sich an anderer Stelle ausgiebig widmen. Aktuell ist wegen seines bedau- ernswerten Erhaltungszustandes ein mit spätgotischen Temperamalereien ausgestatteter Raum, der sogenannte "bunte Söller" im ersten Stockwerk der Kernanlage. Schon in den 30er und 50er Jahren unseres Jahrhunderts hat er die Aufmerksamkeit verschiedener Autoren auf sich gezogen (5), jedoch ist er weder kunsthistorisch noch philologisch oder gar denkmalpflegerisch auch nur annähernd hinreichend gewürdigt worden. 3a U W sr 0222 2 U € a 2 AN “N 0 A DO LEO 2 0 7A DO un 4 VO a SO CC A KO) A ze 2} We A) +. WO Mo a | “BL 0 BE A DO I \ x A ‘ AA | Ü x N ı | I a Abb. 1: Schloß Streversdorp/Chäteau Graaf, Montzen Wenn schon die belgische Denkmalpflege sich dieser raren Wand- und Deckenmalereien nicht angenommen hat, mag man es den im 19. und 20. Jahrhundert häufig wechselnden Besitzern der Burg vielleicht nachsehen, daß sie keine konkreten Schritte zu ihrem Erhalt ergriffen haben. Allerdings ist das Barbarentum, mit dem sie den Saal behandelt und seine Malereien dem weiteren Verfall anheim gegeben haben, erschreckend. Nun, zu Anfang der 90er Jahre unseres Jahrhunderts, schlagen, wenn nicht schnellstens etwas unternommen wird, die allerletzten Stunden des sogenannten "bunten Söllers". Der Putz bröckelt samt den Malereien allent-
76 halben von Gewölbe und Wänden, und es stellt sich überhaupt die grundlegende Frage, wie die auf dem fragilen Lehmputz aufge- brachte Temperamalerei noch erhalten werden kann (6). Ein großes Unglück war dem "bunten Söller" bereits zu Anfang des 20. Jhs. widerfahren, als durch das undicht gewordene Dach an der Westseite des Saales die Hälfte der Malerei verloren ging. Was heute noch vorhanden ist, beschränkt sich auf die Ostseite und die Südwand des Raumes. Diese Fragmente aus noch erstaunlich leuchtend grünem, spätgotischen Akanthuslaubwerk (Abb. 2) mit verschiedenfarbig gefaßten Phantasieblüten und Früchten wie Trauben, Granatäpfeln und Eicheln, aus Tier- darstellungen und Vögeln mit dazugehörigen Versen sowie aus _ Personengruppen, die in der östlichen Fensternische weiteren Spruchbändern zugeordnet sind, lassen keinen Zweifel daran, daß der Ausmalung des Saales ursprünglich ein zusammenhängendes Bildprogramm zugrunde lag. Einige der Vers-kommentierten Tierszenen, die sich in der Pflanzenwelt des Gewölbes abspielen, verraten, weshalb der Raum vielfach als "Jagdsaal" (7) bezeichnet worden ist. Wo ein Hase von einem Hund gehetzt wird (Abb. 3) und wo ein Eber und ein Bär sich feindlich gegenüberstehen, ist das vordergründige Thema unverkennbar. Nur, das Dargestellte allein auf den deko- rativen Hintergrund eines repräsentativen Gästezimmers (8) oder eines Feiersaales (9) zu reduzieren hieße, die Sujets der Wand- und Gewölbemalereien auf ihrer allerersten Bedeutungsebene zu belassen. Daß hier mehr im Spiel ist, verraten schon allein die dazugehörigen Spruchbänder. D'Oth&e und Belonje haben in den 50er Jahren anerkennenswerterweise erste Lesungsversuche dazu vorgelegt (10), die, wenn auch z.T. fehlerhaft, den allegorischen Inhalt des Bildprogramms bereits erahnen ließen. Ein Vers wie: "vyll geiacht und niet gevangen, vll gehoyrdt und niet verstanden, wII gesien und niet ver (merkt): dat synt al verloren werck." (11) der zur Darstellung des von dem Hund gejagten Hasen gehört, kann nur gleichnishaft verstanden werden. Diese sprichwörtliche Volksweisheit, die laut Wander auch einer Innsbrucker Handschrift aus dem Jahre 1430 entnommen werden konnte (12), bezieht sich freilich weder auf den flüchtenden Hasen (13) noch auf den
a7 Jagdhund, sondern auf das, wofür die Jagdmetapher hier steht, nämlich auf den Sinn des menschlichen Lebens. 7 NR A an BE 2? a Cl vr 8 M a A WS A |” SI a aa AS a a A NO A A 5 6 DE BE Ss AN EZ a A A vi MfS DE A SM U, OO AAO Abb. 2: Teil des Ranken- und Laubwerks im Gewölbe des "bunten Söllers", Schloß Streversdorp Schon der Physiologus gab seit dem 2.-3. Jh. n. Chr. Aus- kunft darüber, wie die beseelte Natur im göttlichen, d.h. christlichen Sinne zu deuten sei. Vom Hasen berichtet der Physiologus, daß er, "wenn er gejagt wird, in die Felsen flieht und den Berg hinauf und sich so rettet" (14). Berge und Felsen stehen seit Urzeiten für den festen, sicheren Zufluchtsort, für Gott schlechthin. Bereits im Alten Testament sind die Gleichnisse, mit denen Ewigkeit und Stärke des Göttlichen beschrieben werden, Bilder von Berg und Fels (15). So zitiert der Physiologus auch den heiligen Basilius: "Suche auch du, Mensch, den Felsen, wenn du verfolgt wirst vom bösen Hunde, dem Dämon, der Tag um Tag versucht, das Leben des Menschen in Besitz zu nehmen. Wenn er sieht, daß der Mensch bergab läuft und die irdischen und alltäglichen Dinge des Lebens im Herzen hat, dann kommt er ihm eifriger nach durch die verwirrenden Gedanken. Wenn er aber sieht, daß er im Willen Gottes läuft und den wahrhaften Felsen, unseren Herrn Jesus Christus, sucht und auf die Gipfel der Tugend steigt, wendet sich der Hund entsprechend dem Wort Davids: "Es müssen umkehren und zu-schanden werden, die mir übelwollen". (16)
78 Wenn im folgenden eine erneute Entzifferung sowie auch eine Zuschreibung der noch erhaltenen Verse vorerst zurückge- stellt wird, so dann, weil schon genug Leseversuche unternom- men worden sind, die nicht von hinreichenden Voraussetzungen ausgehen konnten (17). Darüber hinaus kann das Beispiel des vom Hund gejagten Hasen als Einstimmung auf die Bedeutungs- dimension der Malereien vorerst genügen, zumal es deutlich gemacht haben dürfte, daß die Jagdszenen im ""bunten Söller" von Streversdorp in einem moralisierend christlichen Sinn ver- standen werden sollten und weit mehr verbergen als bisher vermu- tet, bzw. darüber geschrieben wurde. VA U SA VA EPSON A N na 0 a Abb. 3: Jagdszene im Gewölbe des "bunten Söllers", Schloß Streversdorp Einen unmißverständlichen Hinweis auf den religösen Ge- halt des gesamten Bildprogramms muß man in dem Andachtsbild an der Südwand erkennen. Inmitten der vegetabilen Phantasiewelt des Rankenwerks ist ein ca. 1,40 x 2 m großes, gerahmtes "Tafelbild" auf die Wand gemalt, das bisher noch kein Autor hinreichend beschrieben hat. Pirenne und van Zuylen bezeichne- ten das Dargestellte lediglich als "deux figures de femmes assises; Yun tient un enfant debout sur les genoux (la Sainte-Vierge, probablement)" (18). Obwohl sie das Bild als die wichtigste Darstellung unter den Malereien des Saales erachteten, war ihnen
79 entgangen, daß sie eine "Anna Selbdritt" (19) vor sich hatten. Sogar Belonje, der Bruchstücke des unter dem "Tafelbild" ange- brachten Gebetes entziffern konnte und dabei die Namen von Maria und der Heiligen Anna identifizierte (20), war nicht aufge- fallen, daß zwischen diesem Gebet und dem darüber befindlichen "Anna Selbdritt"-Bild (Abb. 4) ein unmittelbarer Zusammenhang besteht. MEER Da A A 1) \& Se ae /%1 SI (er | A DS 2 Ä 3 Sad ACC I AINSLI Df AHA | BET ARE \ DO % [OuBAS VZO A VS \ ) FSZS>s EZ SZ a ESS \ SEO DZ en | ee BELA x = A Y Üs | Ü 1 Abb. 4: Umzeichnung der "Anna Selbdritt" an der Ostwand des "bunten Söllers" von Schloß Streversdorp Von Maria und dem nackten Christusknaben ist leider kaum noch etwas zu erkennen, aber die Marienmutter Anna, die in ihrem grünen Gewand mit dem rotem Überwurf auf der, vom Betrachter aus gesehen, rechten Bankhälfte sitzt und die aufgeschlagene Heilige Schrift auf dem Schoß hält, ist selbst heute noch deutlich identifizierbar. Anna hat die Bibellektüre unterbrochen, um ihrem göttlichen Enkel einen Apfel (21) zu reichen. Ihr schönes Gesicht
80 hat überhaupt nichts Matronenhaftes an sich. Die roten, vollen Lippen charakterisieren Anna (22) eher als jugendliche Frau denn als Greisin. Annas Blick ist wehmutsvoll auf den Knaben gerichtet, als ahnte sie seine Passion bereits voraus. Noch hat das Kind den Apfel nicht ergriffen. Es schaut auf die Frucht und hat den linken Arm nach ihr ausgestreckt. Die rechte Hand könnte zum Segensgestus erhoben sein, möglicherweise spielt sie aber auch nur mit der Halskette. Die junge Mutter, vom Betrachter aus auf der linken Bank- seite sitzend, trägt mädchenhaft über die Schultern herabwallendes Haar, das durch einen dünnen Haarreif aus der Stirn gehalten wird. Das alles ist nur noch schemenhaft zu erkennen. Maria scheint den auf ihrem Schoß stehenden Knaben mit beiden Händen festzu- halten, ebenfalls den Blick gesenkt, als wüßte auch sie von dem zukünftigen Leiden ihres Sohnes. Mutter, Tochter und das Jesuskind befinden sich an einem architektonisch gefaßten Ort, von dem nur schwer auszumachen ist, ob es sich um einen Innen- oder Außenraum handelt. Die Frauen sitzen in einer gemauerten Nische, in einer Art "Laube", an deren Holzgitterzaun sich Pflanzen emporranken. Hierdurch wird auf den Hortus Conclusus verwiesen, der seit der Inbezugsetzung Mariens zum Hohelied Salomonis und durch den bildhaften Vergleich der Unversehrtheit der Gottesmutter mit dem Paradiesesgarten seit dem 15. Jahrhundert zu einem vorherr- schenden Bildthema unter den Mariendarstellungen und Andachts- bildern wurde. Die Komposition der Anna Selbdritt von Streversdorp entspricht der "juxtaponierten gedoppelten Nikopoia" (23), wie sie insbesondere in der Spätgotik nördlich der Alpen weite Ver- breitung fand. Die Verbindung zwischen den beiden nebeneinan- der sitzenden Frauen wird durch das mehr oder weniger ins Bildzentrum gesetzte Jesuskind hergestellt. Zumeist reicht Anna dem Knaben eine Frucht (24). Bisweilen spielen Maria und Anna mit dem Kind oder es blättert in der heiligen Schrift, die in den meisten Fällen auf Annas Knien liegt (25). Trotz dieses ikono- graphisch festgelegten Bildschemas blieb den Künstlern des 15. und frühen 16. Jhs. jedoch genügend Freiraum, ihre Anna Selbdritt Darstellungen zu variieren. Anna kann links oder rechts sitzen, das Kind kann zwischen den beiden Frauen stehen, oder es wird A el
81 abwechselnd von Maria und Anna auf dem Arm getragen usw... Kompositorisch am ehesten verwandt mit dem Bild in Streversdorp sind Darstellungen wie beispielsweise die in der alten Pfarrkirche von Niedermendig (26), die Clemen aufgrund der Modellierung der Köpfe auf Vorbilder aus den Kölner Malerwerkstätten zurückführte und in die Mitte der zweiten Hälfte des 15. Jhs. datierte (27), sowie die Anna Selbdritt Gruppe des Meisters C.W. auf seinem Altarwerk von 1516 mit "Anna und ihrer Familie" (Stuttgart, Staatsgalerie). Am ehesten ließe sich für Streversdorp wohl an eine druckgraphische Vorlage denken, die der Maler dann aber so freizügig abgewandelt hat, daß sich das direkte Vorbild nicht mehr ohne weiteres festmachen läßt (28). Stiche wie die eines Meisters E.S., eines Israhel van Meckenem ” aus Kleve, bzw. Bocholt sowie die Blätter eines Hausbuchmeisters, der ebenfalls eine Zeitlang am Niederrhein tätig war, waren bekanntlich weit verbreitet und wurden abgewandelt und kopiert. Die kompositorische Anordnung der beiden Frauen mit dem Kind auf dem Stich "Die Heilige Familie in der Halle" des Hausbuch- meisters (L. 29) (29), der die heiligen Personen in einen erker- artigen Innenraum gesetzt hat und dem Betrachter durch zwei geöffnete Rundbogenfenster einen Blick in die dahinterliegende Landschaft gewährte, kommt dem Streversdorper Bild deutlich näher als das Blatt (L. 217) Israhels van Meckenems (30). Die architektonische Kulisse des Hausbuchmeisterblattes könnten den Streversdorper Maler dazu inspiriert haben, seine Personen in das perspektivisch noch etwas unbeholfen dargestellte Ziegel- mauerwerk mit einem Holzspalier zu versetzen. Selbst wenn heute im Bildhintergrund nur noch ein paar Kletterpflanzen zu erkennen sind und sich auf der linken Bildseite ein Arkadenmotiv lediglich erahnen läßt, wird dem Beschauer ursprünglich wohl ein Ausblick in den dahinterliegenden Außenraum und die Landschaft möglich gewesen sein. An die Arbeiten Israhel van Meckenems erinnern indes eher die Blattranken mit ihren Blüten und Vögeln, die sich im "bunten Söller" um das aufgemalte "Tafelbild" herum ausbreiten. Meckenem hat mehrere Blätter gestochen, die hierfür durchaus - als Vorlagen gedient haben könnten (31). Der Streversdorper Maler hat sich aber auch hierbei künstlerische Freiheiten heraus- genommen, die sein Rankenwerk von den Ornamentvorlagen
82 jener Zeit deutlich unterscheiden. Indem er die Ranken und Akanthusblätter raumgreifender umsetzte, ihre Spitzen nicht in dreiblättrigen "gotischen Krabben" auslaufen ließ und die Blüten- gebilde um einige phantastische Varianten bereicherte, läßt sich in den Arbeiten Meckenems und anderer Stecher freilich kein direktes, d.h. getreu kopiertes Vorbild mehr erkennen. Ein solches würde sich möglicherweise in den variantenreichen Rahmungen der Gebets- und Stundenbücher des 15. und 16. Jahrhunderts finden lassen. Aber auch dies ist keineswegs sicher, denn die Pflanzen- und Laubwerk-Phantasien der illuminierten Bücher jener Zeit machen deutlich, wie individuell und unterschiedlich das Thema Rankenwerk mit Blumen, Tieren und Menschen z.T. umgesetzt wurde. Sowie die sich emporrankenden Pflanzen an dem Holzspalier des "Andachtsbildes" auf den Hortus Conclusus verweisen, so scheint auch das paradiesische Gefilde an der Südwand des "bunten Söllers" auf den himmlischen Garten, auf die Friedlichkeit und Würde des abgeschiedenen Ortes, an dem die heiligen Per- sonen (Anna, Maria und das Christuskind) verweilen, zu deuten. Der Reiher auf der Rechten Wandseite, der mit seinem langen Schnabel ein (inzwischen?) leeres Spruchband hält, steht dabei möglicherweise für das Bild vom guten Christen (32). Das Eichhörnchen, dem zwar weder der Physiologus noch die Kirchenschriftsteller eine besondere Rolle zugesprochen haben, ergänzt die Paradiesesfauna dabei wie scheinbar zufällig durch seine friedliche Gegenwart (33). Was liegt in diesem Zusammenhang schließlich näher, als das gesamte Rankenwerk des Gewölbes mit seinen eingestreuten Blütengebilden, die nicht von dieser Welt sein können, sowie den Granatäpfeln, Weintrauben und Feigen, die durchaus auch als Christliche Symbole interpretiert werden können (34), als eine Projektion des Paradiesgartens, ja des Überirdischen, des Himmels, anzusehen? (35) Mögen zunächst auch die verschiedenen Tierarten, die sich doch zum Teil recht feindlich begegnen, nicht unbedingt dafür sprechen, so scheint dem Betrachter zumindest eine Paradiesesvision vor Augen geführt zu werden, der er - wie die Sprüche gemahnen - allein durch ein tugendhaftes Leben näher kommen kann. Die Spruchbänder erinnern daran, daß dem gläu- bigen Christen überall Gefahren auflauern, die ihn vom rechten
83 Wege abbringen können. Wo ein Hund, die Personifikation des Teufels, den Hasen, das Symboltier der Treue und Gottesfurcht, jagt, drückt sich auch eine Gefährdung des paradiesischen Zu- standes aus (36). Daß sich der Hase vielleicht doch noch retten kann, mag derjenige hoffen, der feststellt, daß der Gejagte in Richtung auf die Südwand flüchtet, dort wo Anna, Maria und der Jesusknabe auch dem Menschen Trost und Hoffnung spenden. Und da dem Verfolger, dem Hund, der Spruch: "Ich - sall - vangen - dat - ich - jaege - All - soelde - ich - iagen - al myn - dage" (37) zugeordnet ist, könnte man die Jagd auch in Auslegung religiöser Metaphorik als allegorische Anspielung auf die elementare Suche des Menschen nach dem rechten Weg, bzw. nach dem Sinn des Lebens verstehen (38). Daß selbst Gedanken an den sogenannten Tierfrieden indie Ausmalung des Gewölbes eingeflossen sein mögen, deutet die Begegnung zwischen einem Dromedar und einem Fuchs an der Ostwand über der Fensternische an. Die zu beiden Tier- darstellungen gehörenden Spruchbänder sind offenbar schon lange verschwunden, denn auch d'Oth&e und Belonje konnten nichts Entzifferbares mehr feststellen. Der Fuchs steht friedlich verharrend da, seinen Kopf aufmerksam dem fremdländischen Dromedar zugewandt. Dieser Fuchs hat nichts Listiges oder gar Dämonisches mehr an sich, auch wenn der Physiologus und die Kirchenväter kein gutes Haar an dem schlauen Räuber gelassen haben. Vom Alten Testament bis zu den Fabeln des Äsop ist der Fuchs die Verkörperung des Sünders, des Lasters und der Unauf- richtigkeit schlechthin. Wie das eschatologische Heilsbild des Alten Testamentes vom Friede im Tierreich (39), von der Versöhnung zwischen den wilden und den zahmen Tieren im Gewölbe von Streversdorp angedeutet ist, mag man in dieser Begegnung zwischen dem Dromedar und dem Fuchs erkennen. Als Verweis darauf, daß selbst die unzähmbaren Raubtiere Jesus Christus als Herrn und Retter der Welt erkannt haben (40), schaut der Fuchs vielleicht gebannt auf das Dromedar, das hier für Christus stehen könnte. Eine christologische Auslegung für das Dromedar gab der Physiologus bekanntlich noch nicht, aber die Bestiarien, Hrabanus Maurus und andere sahen im Niederknien des Tieres, um Lasten
84 aufzunehmen, ein Zeichen des Gehorsams und ein Sinnbild des Kommens Christi auf die Erde (41). "Der Tierfriede ruft dabei das vergangene und zukünftige Paradies in Erinnerung. Grundlage einer solchen Deutung ist der in den Evangelien geschilderte Aufenthalt Christi in der Wüste (vgl. Markus 1, 13), als Christus unter den wilden Tieren weilte, ... " (42) Die anderen Tiere, die heute noch im Rankenwerk des Gewölbes zu erkennen sind, stellen in der Hauptsache Vögel dar. An einer Stelle, die zum großen Teil abgeblättert ist, aber dennoch die Konturen eines Vogels hinterlassen hat, könnte ein Pfau (43) dargestellt gewesen sein. Andere Vögel sind weniger schillernd, wie beispielsweise ein Kauz (?) (44). Es überwiegen indes die Reiher (45), die wieder gerollte Spruchbänder ausbreiten und dabei mit den Flügeln schlagen, aber nicht, wie Belonje meinte, in Kampfesstellung aufeinander zugehen (46). Recht versteckt, in der Nordostecke sitzt ein kleiner Hase, der sich knabbernd an einem Akanthusblatt zu schaffen macht (47). Auch er ist mit einem Spruchband versehen, das bisher nicht zufriedenstellend entziffert werden konnte (48). Das rankenverzierte Gewölbe und die oberste Wandzone des "bunten Söllers" unterscheiden sich als Darstellung des vegetabilen Naturraums deutlich vom unteren Teil der Wände, die bis auf die Höhe von 1,90 m mit einem aufgemalten Gobelin versehen sind. Das Streben nach illusionistisch vorgetäuschter Realität geht hier sogar so weit, daß die Malerei umzusetzen versucht, wie die Draperie mittels Schlaufen an einer Metallstange festgemacht ist. Belonje hat fünf der ursprünglich wahrscheinlich acht Familienwappen, die den Wandteppich zierten, identifizie- ren können und zwei der inzwischen verschwundenen drei rekon- struiert (49). Die Fensternische (Estrade) in der Ostwand, die an ihrer Nord- und Südseite mit Sitzbänken ausgestattet ist, wurde in der j überwölbten Zone ebenfalls mit Laub- und Rankenwerk ausge- stattet. An den Wänden haben sich über der Wandteppich- verkleidung indes Darstellungen von in spätgotische Gewänder gekleideten Personen (50) erhalten, deren Bedeutung durch die dazugehörigen Spruchbänder sicherlich erhellt werden könnte, wären diese in ihrem Zusammenhang noch erhalten. Auf der Nordwand sind drei Personen (eine Frau und zwei
85 Männer) zu erkennen, die zwei nackte Eroten beobachten, wie diese die Weltkugel mit beiden Armen fest umgreifen. Daß der nur noch schemenhaft zu erkennende "Ball" (51) tatsächlich die Weltkugel repräsentiert, läßt sich an der T-förmigen Dreiteilung nach dem Schema der Noachidenkarte (52), dem antiken orbis tripartitus des Augustinus, ausmachen. Der größte und "vor- nehmste" der damals bekannten Erdteile, Asien, von dem "das Licht der Welt kommt" (53), liegt auch hier auf der oberen Hälfte des Globus, während Europa und Afrika sich die untere Hälfte teilen. Die Szene mit den die Erdkugel umgreifenden Eroten zieht nicht nur kompositorisch durch ihre Position im Zentrum der Darstel- lung das Hauptaugenmerk auf sich, auch die dazugehörigen Spruchbänder scheinen auf sie zu verweisen, Belonje las den Text, der zur Linken der Frauenfigur angebracht ist, wie folgt: "wer + nu + gijet + dair + die + tenden + dit + den + nu komt + wt + sij + geijkert + ..... + nu + gestoelen der + heijsche + nu + W..... scaem + der + des + syet + en +baet + ..... der + geijt + zo + gode + beuolen + ..... " (54) Wenn auch diese Lesart ganz offensichtlich wieder voll von Transkriptionsfehlern ist, könnte man den Inhalt der wenigen Zeilen aufgrund ihres Anfanges und Schlusses vielleicht redu- zierend auf den folgenden Punkt bringen: "Wer durch die Welt geht, ....., der geht so Gott befohlen". Aber nicht nur aufgrund dieser etwas kühnen und verkürzten Deutung des Textes wird klar, daß es sich bei den Darstellungen in der Fensternische wieder um Anleitungen zu einer tugendhaften Lebensführung handeln muß, sondern auch die auf die Eroten verweisenden Gesten der Randfiguren lassen eine Fortsetzung des didaktischen Gesamtprogrammes erahnen. Möglicherweise darf man in dem Bild der beiden nackten Amor-Knaben, die den Globus um- klammern, auch einen Hinweis auf die universelle Macht der Liebe sehen. Die Sprüche auf der gegenüberliegenden Wand sind in- zwischen gänzlich verschwunden. Zweifelsfrei auszumachen sind lediglich noch die Darstellungen sechs männlicher Personen, die in Zweiergruppen in einem Halbkreis um ein Liebes (?) paar in ihrer Mitte herumstehen, Das Paar scheint in einem Garten oder auf einer Wiese zu sitzen. Die Frau kniet über dem am Boden
86 kauernden Mann und hat die Arme schützend um ihn gelegt. Beide machen nicht gerade einen glücklichen Eindruck. Eine Deutung des Ganzen, das von Pirenne und van Zuylen als "cour d'amour" (55) interpretiert wurde, muß sich heute in den Bereich der Spekulation begeben, aber in Anbetracht der Tatsache, daß die nachdenklich dreinschauenden Männergestalten ebenfalls mit Handgesten auf das Paar in ihrer Mitte verweisen, ist eine moralisierend belehrsame Anspielung auf die weltliche Liebe nicht auszuschließen. Nun hat Belonje, der in seiner Studie von 1956 versuchte, die Entstehungszeit der Ausmalungen im sogenannten "bunten Söller" von Streversdorp einzugrenzen, dies an dem historischen Er- eignis der Hochzeit des Johann von Horrich III. mit seiner zweiten Frau Christina von Wachtendonk aus Germenseel bei Kleve im Jahre 1500 festgemacht. Diese Datierung, die auch durch die Familienwappen auf dem Wandbehang nahegelegt wird (56), rückt inzwischen nicht nur aus stilistischen und bildhistorischen Gründen immer mehr in den Bereich des Möglichen, sondern auch, weil das gesamte Bildprogramm diesem für die Familie so wichtigen Ereignis sehr entgegenkommt (57). Es gibt annähernd parallele Beispiele, die eine malerische Raumausstattung mit profanen und religiösen Motiven anläßlich einer Hochzeit bele- gen, beziehungsweise eine zweifache Nutzung von bestimmten Räumen als Andachts- und Wohnbereich erkennen lassen. So wie die Jagd- und höfischen Gesellschaftsszenen in der landes- fürstlichen Burg zu Meran wahrscheinlich anläßlich einer Hochzeit in Auftrag gegeben wurden (58), so ließe sich denken, daß das Ehepaar Horrich-Wachtendonk seinem Lebensbund durch die belehrenden Spruchbänder und Bildszenen in dem repräsentativ- sten Saal ihres neuen Heimes einen christlich-moralisierenden Anspruch verleihen wollte. Das Andachtsbild der "Anna Selbdritt" an der Südwand unterstreicht dieses Programm nicht nur, sondern es weist dem Raum schließlich auch eine doppelte Funktion als Prunksaal und als Sakralraum zu.. Daß dies zur damaligen Zeit durchaus üblich war, belegen andere Beispiele, wie die Malereien im "Grünen Saal" der Burg Reifenstein bei Sterzing. Dort findet sich neben dem beliebten Laubwerk mit seinen Jadgmotiven eine Madonna auf der Mondsichel, was nahelegt, daß der Raum sowohl als Wohnraum als auch als Burgkapelle genutzt werden et
87 konnte (59). Auf der Burg Gravetsch bei Villanders, wo ebenfalls Sakrales neben Profanes gesetzt wurde, ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen, daß dieses kleine Zimmer über seinen alltäg- lichen Nutzen hinaus auch als Sakralraum gedient haben muß, bevor das Anwesen am Ende des 16. Jhs. mit einer separaten Burgkapelle versehen wurde. (60) An dieser Stelle läßt sich eine weitere Parallele zu Streversdorp anknüpfen. Die Wasserburg bei Montzen erhielt erst zu Anfang des 16. Jhs. einen eigenständigen Kapellenbau auf dem Gelände der Vorburg (61). Heute steht hier der 1734 geweih- te Neubau aus Ziegelmauerwerk mit einem Blausteinaltar aus dem 16. Jh., der die Wappen der Familien Rodenburg, Horrich, Wachtendonk und Horst aufweist (62). Bisher spricht alles dafür, daß sich das Ehepaar Horrich-Wachtendonk zwar bald nach sei- ner Hochzeit an die Planung einer Burgkapelle begeben haben kann (63), aber daß zur Zeit der Eheschließung noch kein sepa- rater Sakralbau auf dem Burggelände gestanden hat. Durch eine Urkunde in den Maastrichter Archiven ist bekannt, daß Papst Eugen IV. der Familie von Horrich die Nutzung eines Tragaltares bereits im Jahre 1431 ausdrücklich gestattet hatte (64), aber von einer Hauskapelle ist erstmals im Jahre 1542 die Rede, Die Ausmalung des "bunten Söllers" könnte somit tatsäch- lich in einem direkten Zusammenhang mit der Hochzeit und dem Lebensprogramm, bzw. den individuellen Wünschen und Zielen der Frischvermählten stehen (65). Abgesehen von der Nutzung des "bunten Söllers" als Andachtsraum wird der aufwendig aus- gestattete Saal sicherlich auch als Repräsentationsraum gedient haben, Es ist die Mischung aus weltlichen und religiösen Motiven, die dem Saal seine doppelte Funktion verleiht. So wie "Anna Selbdritt" im Hortus Conclusus dargestellt ist, so werden sich die damaligen Nutzer des Raumes in einen säkularisierten Paradiesesgarten, möglicherweise auch in einen Liebesgarten, versetzt gefühlt haben. Die Darstellung der weißen Rose im Gewölbescheitel, die d'Oth&e und Belonje als Symbol der Ver- schwiegenheit deuteten (66), kann dabei durchaus in mehrfacher . Hinsicht interpretiert werden. Zum einen als Sinnbild des Ver- trauens und der Diskretion, Tugenden, denen man sich an einem Ort des Zusammentreffens mit Gästen und Freunden sicher sein wollte, aber zum anderen auch als Symbol der Liebe, als Inbegriff
88 der weltlichen und geistlichen Minne und Schönheit sowie schließlich ebenso als Sinnbild Mariens, wodurch die Paradiesesvision in ihrer sakralen Dimension wieder aufgegriffen wird, Die verfeinerte Geisteswelt der international höfischen Kultur des ausgehenden 15. Jhs. spiegelt sich somit auch in dem eher bescheidenen Herrensitz von Schloß Streversdorp wider. Die Auftraggeber haben durch die Ausmalung des Saales nicht nur ihrer religiösen Geisteshaltung Ausdruck verliehen, sondern mit- _tels der Leit- und Denksprüche haben sie ihre selbst gewählten Lebensdevisen in dem sowohl geistlichen als auch sinnlich welt- lichen Ambiente eines Raumes verewigt, der heute zu den wenigen, noch unveränderten Zeugen des spämittelalterlichen Lebens im ostbelgischen Grenzgebiet gehört. 1. Vgl. d'OthEe, Janne: Le Chäteau de Streversdrop et ses anciens Seigneurs, Les comptes de Belderbusch. Verviers, 1955: 40 2. Vgl. Quadflieg, Eberhard: Die Anfänge von Streversdorf. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, Bd. 69 Jg. 1957, Aachen, 1957: 59 3. Vgl. Belonje, Johan: Streversdorf. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, Bd, 68 Jg. 1956, Aachen, 1956: 71 4. Dies sind Daten, die den voraufgegangenen Studien entnommen werden konnten, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich weitere Belege oder archäologische Hinweise finden ließen und die Wasserburg Schloß Streversdorp oder Graaf sogar noch älter ist. 5. Vgl. u.a. Pirenne & van Zuylen: Chäteau de Graaf, prös Moresnet. In: Bulletin des Commissions Royales d'Art et d'Arch£ologie, No. 72, Bruxelles, 1933: 283-284; Poswick, Guy: Les Delices du Duch£ de Limbourg. Verviers, 1951: 199-204; Mertens, Charles: Chäteaux de Belgique. Bruxelles, 1951; d'Oth&e, J. 1955: 32-35, 163-166; Belonje, J. 1956: 61-71 6. Laut Expertise zweier Restauratorinnen aus Rom, Gigliola Patrizi und Januaria Guarini, ist das Hauptproblem die feuchtigkeitsanziehende Eigenschaft des Lehm- putzes, der sich dadurch im Laufe der Jahre vom Steinmauerwerk gelöst hat. Erschwerend kommt hinzu, daß der eigentliche "Bildträger", eine sehr dünne Kalkschlämme auf dem Lehmputz, nur zusammen mit dem Putz konsolidiert werden kann. An eine separate Rettung des Maluntergrundes zusammen mit den Malereien - etwa in Form von "Sträppo" (von ital. strappare = zerreißen, entreißen) - ist somit nicht zu denken. 7. Vgl. d’Ohtee, J. 1955: 32 8. Vgl. Belonje, J. 1956: 61-2 9. Vgl. d'Oth&e, J. 1955: 165 10. Vgl. d'Oth&e, J. 1955: 163-166; Belonje, J. 1956: 62-66 11. D'Othee, J. 1955: 163. Es ist zu befürchten, daß die häufig wenig befriedigenden Lesungen von d'Oth&e und Belonje in nicht geringen Teilen zum Ausgangspunkt einer erneuten Interpretation der Texte werden müssen, weil in den letzten 40 Jahren ee
89 noch viel mehr verschwunden ist, als es damals ohnehin der Fall war. 12. "Vill gejagt und nichts gefangen; vil gelesen, nichts verstanden; vil gehort vnd nichts gemerkt, das seindt eyttel vnnutze wergk." (Wander, K.F.W.: Deutsches Sprich- wörter-Lexikon Bd 2, Darmstadt, 1964: 978/35) 13. Der dramatischen Situation dieser Hatz, die im 15. und 16. Jh. häufig auf Ornamentblättern und in der Buchmalerei anzutreffen ist, hat der Künstler einen besonderen Ausdruck verliehen, indem er den Hasen mit zurückgewandtem Kopf darstellte. Nicht die Naturbeobachtung war hierbei das Vorbild, sondern mögli- cherweise eine Vorlage, wie sie auf druckgraphischen Blättern und in Musterbüchern des 15. und 16. Jhs. im Umlauf waren. Ein frühes Beispiel des Motivs, das einen vom Hund gejagten Hasen darstellt, der sich nach seinem Verfolger umschaut, ist in einem florentinischen Musterbuch eines unbekannten Meisters aus dem 15. Jh. zu finden (Paris, Louvre, Rothschild Sammlung. Vgl. hierzu Gazette des Beaux-Arts 1935 II: 65-74, Fig. 4 sowie Scheller, R.W.: A Survey of Medieval Model Books. Haarlem, 1963: Kat. 28, Fig. 145. 14. Treu, Ursula: Physiologus. Naturkunde in frühchristlicher Deutung. Hanau, 1981: 103 15. Vgl. 1. Mose 49, 24; Jesaja 28, 16; 2 Samuel 23,3 16. Treu, U. 1981: 104 17. Einweiterer Entzifferungsversuch setzt eine fachlich qualifizierte Fotodokumentation der Malereien und Spruchbänder voraus. Prof. Dr. Leo Wintgens, Brüssel/Montzen, Spezialist für die Sprachentwicklung im ostbelgischen Raum, und Dr. Reiner Nolden, Archivar im Trierer Stadtarchiv, haben sich freundlicherweise bereit erklärt, erneute Lesungen vorzunehmen. 18. Pirenne & van Zuylen 1933: 283 19. Anna, ihre Tochter Maria und Jesus. Die Annen-Verehrung, die in der Ostkirche auf das 6. Jh. zurückgeht (S50 ließ Justinian in Konstantinopel eine Anna-Kirche erbauen), gelangte zunächst über Rom (nach 770 Anna-Reliquie in S. Angelo in Peschiera) in den Westen. 1212 brachte man im Verlauf der Kreuzzüge eine Anna- Reliquie aus Jerusalem nach Mainz, von wo der Kult sich im 13. und 14. Jh. in Deutschland rasch verbreitete. Da insbesondere die Franziskaner leidenschaftliche Befürworter des Annen-Kultes waren, ergriff der ehemalige Franziskaner Sixtus IV. 1481 die Gelegenheit, das Anna-Fest (26.7) auf dem römischen Festkalender festzuschreiben. Einen vorläufigen Höhepunkt erlebte der Anna-Kult in Nordwest- Europa nach 1450 bis zum Ausbruch der Reformation durch die Lehre von der unbefleckten Empfängnis Mariens. Im Zuge der Reformation ging die Anna- Verehrung in vielen Gebieten zwar zurück, aber in katholischen Gegenden blieb ihre Popularität als Patronin der Eheleute (Kindersegen) und Eltern, der Frauen, Schwan- geren und Hausfrauen, aber auch der Armen und Arbeiterinnen, des Bergwerks, der Besenbinder, Böttcher, Dienstboten, Drechsler, Flachshändler sowie der Feuerwehr etc. ungebrochen. Die im Jahre 1500 erfolgte Translatio des aus St. Stephan in Mainz gestohlenen Annen-Hauptes nach Düren macht deutlich, welche Bedeutung die Heilige am Mittel- und Niederrhein gehabt haben muß. Gatz veröffentlichte allein 81 Verehrungsstätten von Speyer bis nach Nijmegen und von Maastricht bis Wetzlar (vgl. Gatz, Erwin: Zur Geschichte der Annaverehrung. In: Gatz, E. (Hrsg.): St. Anna in Düren. Mönchengladbach, 1972: 161-190) 20. "gemint + bistu + heilige + maiget + sijnt + anna + mä + geugede + sijdt + mutter + Maria - sta + mit + 0nS + ‚u... + baeuen + eben + .............,€ + vader + sijn + moene + wu... UF + + bitte + die + godt + " (Belonje, J. 1956: 63) 21. Indiesem Zusammenhang das Symbol! für die Erlösung von der Erbsünde durch Jesus
90 Christus, vgl. Kirchbaum, Engelbert (Hrsg.): Lexikon der christlichen Ikonographie, Bd. 1, Rom - Freiburg - Basel - Wien, 1968: 123, hiernach als LCI Bd. I-V zitiert. 22. Deren Ehe der Legende zufolge - nach dem sogenannten Protoevangelium des heiligen Jakobus - zunächst bis ins hohe Alter kinderlos blieb, bis sie dann als bereits alte Frau noch drei Töchter gebahr, denen sie allen den Namen Maria gab (vgl. Gatz., E.: 1972: 149). 23. Vgl. LCI Bd. 5, 1973: 188 24. Oftmals einen Apfel, aber auch Trauben oder eine Birne, wie beispielsweise bei Jan Baegerts "Anna Selbdritt" (Münster, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte) können dem Kind angeboten werden. 25. Vgl. z.B. Hans Baldungs Anna Selbdritt mit Markgraf Christoph I. von Baden mit Familie (Karlsruhe, Kunsthalle) 26. Vgl. Clemen, Paul: Die gotischen Monumentalmalereien der Rheinlande. Düssel- dorf 1930: Fig. 349 27. Vgl. Clemen, P. 1930: 341 28. Einen ganz individuellen Zug mag man in der Jugendlichkeit Annens erkennen. Die meisten Darstellungen der Zeit geben die Marienmutter als Matrone mit Haube * wieder. Es gibt vergleichsweise wenige Beispiele, die von dieser Vorstellung abweichen. Der Meister C.W. hat dies deutlich getan, auch wenn er, wie der Streversdorper Maler, auf die weiße Kopfhaube nicht verzichten konnte. Das blieb Leonardo vorbehalten, dessen "Anna Selbdritt" (Paris, Louvre) hier jedoch nicht als Vergleich dienen soll. 29. Vgl. Stange, Alfred: Der Hausbuchmeister. Gesamtdarstellung und Katalog seiner Gemälde, Kupferstiche und Zeichnungen. Studien zur deutschen Kunstgeschichte Bd. 316, Baden-Baden, Strasbourg, 1958: 60, Nr. 29 30. Vgl. Geisberg, Max: Verzeichnis der Kupferstische von Israhel van Meckenem, Straßburg, 1905: 186; Hollstein's German Engravings, Etchings and Woodcuts 1400-1700, Vol. 24 & 24 A: 94, Nr. 217, Amsterdam, 1986 31. Vgl. beispielsweise L. 599, L. 613, L. 620 bei Lehrs, Max: Geschichte und kritischer Katalog des deutschen, niederländischen und französischen Kupferstichs im XV. Jahrhundert, Bd. IX, Wien, 1934 32. Der Reiher gilt dem Physiologus als genügsamster aller Vögel, weil er nur eine Wohnung hat und kein totes Fleisch frißt. Das Lehrbuch interpretiert dies wie folgt: "Berühre nicht die toten Lehren... und suche nicht die Plätze der Ketzer auf." Vgl. Treu, U. 1981: 89-90 33. Vgl. hierzu E. Gall & L. H. Heydenreich (Hrsg.): Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. 4, Stuttgart, 1958: 922, hiernach RDK Bd. 1 ff. 34. Der Granatapfel könnte hier als Sinnbild der christlichen Liebe aufgefaßt werden, aber auch als Auferstehungs- oder Mariensymbol. Zur Bedeutung des Granatapfels in der christlichen Kunst vgl. LCI Bd 2, 1970: 198. Die Trauben können Sinnes- zeichen für das Blut Christi, Symbol der Tugend und Gottesliebe, der ewigen Seeligkeit usw. sein, vgl. LCI Bd 4, 1972: 484-5. Die Feigen mögen als Sinnbild des Heiligen Geistes und seiner süßen Früchte aufgefaßt werden, oder als Symbol Mariens und ihrer Jungfräulichkeit, vgl. LCI Bd 2, 1970: 22 35. Vgl. zur Dimension des Laub- und Rankenwerks als Kunstform sowie als Andeutung des Himmelsgartens: Oettinger, Karl: Laube, Garten und Wald. Zu einer Theorie der süddeutschen Sakralkunst 1470-1520, In: Festschrift für Hans Sedlmayr, C.H. Beck, München 1962: 201-228. Ferner Braun-Reichenbacher, Margot: Das Ast- und Laubwerk. Entwicklung, Merkmale und Bedeutung einer spätgotischen Ornament- form. Nürnberg, 1966: insbes.: 86-88 36. Vgl. Müller, Christian: Studien zur Darstellung und Funktion "wilder Natur" in deutschen Minnedarstellungen des 15. Jahrhunderts. Karlsruhe, 1982: 27 37. Belonje, J. 1956: 65 ASS NS
9% 38. Vgl. Ohly, Friedrich: Die Suche in Dichtungen des Mittelalters. In: Zeitschrift für Deutsches Altertum und Deutsche Literatur, F, Ohly (Hrsg.) Bd. 44, Wiesbaden, 1965: 171-184, insbes.: 178 39. Vgl. Jesaja 11, 6-8; 65, 25 40. Vgl. Markus 1, 12-13 41. Vgl. LCI Bd. 2, 1970: 491 42. Müller, Chr. 1982: 27 43. "Der Pfau ist der hübscheste unter allen Vögeln des Himmels. Dieser Pfau ist von bunter Farbe und hat schöne Flügel. Er geht umher, sieht sich selbst mit Freude an und schüttelt sein Gefieder, spreizt sich und blickt hochmütig um sich. Wenn er aber auf seine Füße sieht, wird er ärgerlich aufkreischen, denn es entsprechen seine Füße nicht seinem sonstigen Aussehen. So auch du, Christenmensch, wenn du deine Aufgaben siehst und das Gute, das du hast, freue dich von Herzen und jauchze in deiner Seele. Wenn du aber deine Füße siehst, das sind deine Fehler, rufe klagend zu Gott und hasse die Ungerechtigkeit wie der Pfau seine Füße, damit du vor dem Bräutigam gerecht erscheinst. Schön spricht der Physiologus über den Pfau." (Treu, U. 1981: 96-97) Zum Pfau als Paradiesvogel und Symbol des ewigen Lebens vgl. auch LCI Bd. 3, 1971: 409-411. 44. Der Physiologus erzählt, daß dieser Vogel die Nacht mehr liebt als den Tag. Auslegung: Unser Herr Jesus Christus hat uns liebgewonnen, die wir in Finsternis und Schatten des Todes sitzen, ..." (Treu, U. 1981: 13-14) 45. Wie bereits erwähnt, wird der Reiher im Physiologus als tugendhaftes Vorbild für den Rechtgläubigen beschrieben. "Suche auch du, o Christenmensch, nicht die vielen Plätze der Ketzer. Als einziges Lager diene dir die rechtgläubige Gemeinde Gottes und als Speise das aus dem Himmel herabgestiegene Brot, der Herr Jesus Christus. „.." (Treu, U. 1981: 89-90) 46. Belonje, J. 1956: 65 47. In diesem Zusammenhang ist das Tier möglicherweise als Symbol der Auferstehung zu deuten. Die frühchristliche Kunst kennt an Trauben naschende Hasen an Sarkophargen (vgl. Lexikon für Antike und Christentum, Bd. XIII, 1986: 670). "Ambros, [ius] Hex. V 33 (PL 14, 252), versteht H.[asen] u. die mit der Jahreszeit wechselnde Färbung der H.[asen] als Symb. der Auferstehung und der Verwandlung (1. Kor 15, 51s.)." (LCI Bd. 2, 1979: 221) 48. Vgl. Belonje, J. 1956: 66 "van - ien - een - ijss - swijgen - goet - die - mij - besser - den - mijen - moet" 49. "Horrich - Palant - (Krümmel von Eynatten) - Wachtendonk - Parlo - Horst - Gent" (Belonje, J. 1956: 67) 50. Die Frauen tragen Hauben, die mit der Kopfbedeckung des «Bildnisses einer jungen Frau» (Köln, Wallraf-Richartz-Museum, Inv. 189), das dem Meister von St. Severin und dessen Werkstatt zugeschrieben wird (vgl. Budde, Rainer: Köln und seine Maler 1300-1500. DuMont, Köln, 1986: 133) identisch sind. Wenn die Forschung also das Porträt in die Zeit um 1500 datiert hat (vgl. Budde, R. 1986: 133; Stange, Alfred: Deutsche Malerei der Gotik. Köln in der Zeit von 1450 bis 1515. Deutscher Kunstverlag, München, 1952: 99) und die in der Fensternische dargestellten Perso- nen vom Streversdorper Maler nicht durch antikisierend veraltete Kostüme "verkleidet" worden sind, dann könnte man in der Haubentracht einen recht konkre- ten Anhaltspunkt für die Datierung der Wandmalerei gewinnen. 51. Vgl. Belonje, J. 1956: 64 52. Die Bezeichnung Noachidenkarte bezieht sich auf die alttestamentarische Vorstel- Jung, die Erde habe erst nach der Sintflut ihre jetzige Gestalt angenommen. Nach der Sintflut sind die drei Söhne Noahs zu den Stammvätern der Bewohner der damals bekannten drei Erdteile Asien, Europa und Afrika geworden (vgl. RDK Bd. V: 1025) 53. Vgl. LCI Bd. 1, 1968: 660
92 54. Belonje, J. 1956: 64 55. Pirenne & van Zuylen 1933: 283 56. Vgl. Belonje, J. 1956: 67 57. Zumal der nicht mehr ganz jugendliche Bräutigam mit seiner zweiten Frau nun Streversdorp zu seinem Hauptwohnsitz machte (vgl. Belonje, J. 1956: 69-70). 58. Vgl. Weingartner, Josef: Die profane Wandmalerei Tirols im Mittelalter. In: Münch- ner Jahrbuch der bildenden Kunst, Neue Folge V, 1, 1928: 1-6, insbes. pp. 49-53. Desweiteren ist inmitten einer großflächigen Laub- und Rankenwerk-Ausstattung im Rübnacher Haus der Burg Eltz ein Verlobungszug dargestellt (vgl. Börsch-Supan, Eva: Garten-, Landschafts- und Paradiesmotive im Innenraum. Eine Ikonographische Untersuchung. Berlin, 1967: 233). 59. Vgl. Weingartner, J. 1928: 54 60. Vgl. Weingartner, J. 1928: 55 61. Vgl. d'Othee, J. 1955: 24-29 62. Vgl. Belonje, J. 1956: 58 63. Im Jahre 1542 fand eine Stiftung des Ehepaares Erwähnung, die durch den Bischof von Lüttich bestätigt wurde. Diese Stiftung von mehr als 200 brabantischen Gulden ” war von Johann Horrich III. und seiner Frau Christina von Wachtendonk für den regelmäßigen Meßdienst in der dem Heiligen Antonius geweihten Burgkapelle vorgesehen (vgl. d'Oth£e 1955: 24-27). 64. Vgl. d'Othee, J. 1955: 161-162; Belonje, J. 1956: 58 65. Als anekdotische Anmerkung sei nebenbei erwähnt, daß die erste Tochter, die aus dieser Ehe Horrich- Wachtendonk hervorging, auf den Namen Anna getauft wurde, 1530 heiratete Anna von Horrich Jakob von der Heyden und brachte das Anwesen von Streversdorp in ihre Ehe mit ein (vgl. Belonje, J. 1956: 72-73). 66. Vgl. D'Othee, J. 1955: 163; Belonje, J. 1956: 61-62 Dank Zum Schluß möchte ich es nicht versäumen, Peter Gerlach, Alfred Jansen, H. Herbert Mann und Leo Wintgens ganz herzlich für ihre wertvollen Hinweise zu danken. Ferner gilt mein Dank dem derzeitigen Besitzer des "bunten Söllers" von Schloß Streversdorp, Herrn F.J. Schiffer, der mir bereitwillig Zugang zu dem Saal gewährte. Abbildungsnachweis Abb. 1: Foto A. Ardeleanu-Jansen Abb. 2: Foto Alfred Jansen Abb. 3: Foto Alfred Jansen Abb. 4: Umzeichnung Frank Kistmacher VEN SENSE
93 Kampf um einen Bischof: J. Th. Laurent, Apostolischer Vikar des Nordens von Hubert Jenniges In Nummer 4 dieser Zeitschrift erschien 1968 aus der Feder von Fr. Darcis ein Aufsatz über Johannes Theodor Laurent: "Ein Pfarrer von Gemmenich wurde Bischof." Der Beitrag beschreibt Lebenslauf und Tätigkeit des Pfarrers Laurent in Gemmenich (1835-1839) und weist auch über das Biographische hinaus auf die Zeitumstände hin, die Laurents geistliche "Karriere" begleiteten (1). Vor mir liegt nun eine höchst aufschlußreiche und gut konzipierte Dissertation des luxemburgischen Kirchenhistorikers Georges Hellinghausen, die sich eingehend mit dem Kampf um die apostolische Vikarie des Nordens befaßt, und in diesem Sachverhalt die Tätigkeit des aus Aachen stammenden J. Th. Laurent nachhaltig im Lichte der vom Heiligen Stuhl betriebenen Politik gegenüber den protestantischen Staaten Norddeutschlands und Dänemarks um das Jahr 1840 würdigt (2). Roms Interesse am sogenannten nordischen Vikariat ent- sprach dem zu Beginn des 17. Jahrhunderts neu erwachten Be- wußtsein apostolischer Verantwortlichkeit des Papsttums für die gesamte Welt. Dasselbe fand in der Gründung der Römischen Kongregation für die Glaubensverbreitung (1622) ihren konkre- ten Ausdruck. Hierzu gehörten auch die Gläubigen, die im deut- schen und skandinavischen Raum lebten. Die Kongregation für die Glaubensverbreitung bestellte hier apostolische Vikare, die im Auftrag des Heiligen Vaters die geistliche Jurisdiktion über die nordischen Katholiken ausübten. Diese "nordische Mission" funktionerte mit unterschiedlicher Wirkung bis zur Wahl des Kongregationspräfekten Kardinal Cappelani zum Papst im Jahre 1831 unter dem Namen Gregor XVI. Nach der allgemeinen Dekadenz im Gefolge der Revo- lutionswirren erhielten die katholischen Missionen im allgemei- nen einen bedeutenden Aufschwung. 1837 faßte die Generalkongregation den Plan, einen haupt- amtlichen Apostolischen Vikar mit Sitz in Hamburg zu ernennen;
94 er sollte den offensichtlich unkompetenten Paderborner Bischof Ledebur, der seit 1836 Apostolischer Vikar des Nordens war, in dieser Aufgabe ablösen. Im Jahre 1839 erwog der Vatikan zunächst auf Vorschlag der Generalkongregation die Wahl eines holländischen Kirchen- mannes, des Barons van Wyherslooth, zum Apostolischen Provikar. Da dieser aber ablehnte, wurde nach neuen Kandidaten für das diplomatisch und politisch schwierige Amt Ausschau gehalten. Die Wahl fällt auf Laurent Der Vize-Superior der holländischen Mission, Antonucci, , und der einflußreiche Konsultor der Generalkongregation für die Glaubensverbreitung, Fornani, legten getrennte Namenslisten vor. Uns interessieren die Kandidatenvorschläge Fornanis, der zunächst ohne Erfolg beim belgischen Episkopat angefragt hatte, geeignete Kandidaten in Erfahrung zu bringen. Fornani erhielt über deutsche Vertrauenspersonen fünf Na- men, die er nach Rom weiterreichte: Adam Fennig, Pfarrer in der Diözese Mainz, Hutmacher, Pfarrer in einem nicht näher genann- ten Eifeldorf der Diözese Köln, Pfarrer Adam Keller von Burtscheid bei Aachen, Josef Istas, Kaplan in Aachen, und Johannes Theodor Laurent, Pfarrer in Gemmenich, Diözese Lüttich. Da man die vier erstgenannten Kandidaten nicht in ihrem Wirkungskreis auf preu- ßischem Territorium entbehren wollte, entschied sich die Generalkongregation am 15. Juli 1839 einstimmig für Pfarrer Laurent. Herkunft und Wirkungsstätte Laurents dürften zu dieser Wahl beigetragen haben. Der 1829 in Namur geweihte Johannes Theodor Laurent war 1804 als Sohn des Luxemburgers Franz Laurent und der Aachenerin Gertrud Schönen geboren worden. Er begann seine Theologiestudien in Bonn, das er 1826 wegen des dort an der theologischen Fakultät verbreiteten Hermesianismus (3) freiwillig verließ, um in Lüttich weiter zu studieren. Als Priester der Diözese Lüttich wirkte er 10 Jahre lang als Kaplan in Heerlen und schließlich von 1835 bis 1839 als Pfarrer in Gem- menich. In seine Gemmenicher Wirkungszeit fielen die sogenannten Kölner Wirren (1836-1840), an denen er regen Anteil nahm. Er EEE EN
95 trat nämlich als Verteidiger des gefangengenommenen Erzbi- schofs Klemens August von Droste-Vischering, dem früheren Weihbischof von Münster, auf. Publizistisch trat er in Artikeln des "Journal historique et litt&raire de Liege" für Klemens August ein. Dazu Georges Hellinghausen: "Durch seinen Aufenthalt im bel- gischen Grenzort Gemmenich in unmittelbarer Nähe Aachens war er in der Lage, einerseits mit seinen Freunden des Aachener ultramontanen Kreises zu verkehren, andererseits ungehindert Berichte über die Kölner Angelegenheit... an die Brüsseler Nuntiatur und durch diese nach Rom gelangen zu lassen" (4). J. Th. Laurent war also in römischen Kreisen kein unbe- schriebenes Blatt. Ernennung und Konsekration Mit Einverständnis seines Lütticher Bischofs Van Bommel nahm der Pfarrer von Gemmenich die Wahl an. Er wurde durch zwei Breven vom 17. September 1839 zum Apostolischen Vikar der Nordischen Mission und zum Titularbischof von Chersones ernannt. Gleichzeitig wurde Bischof Ledebur von Paderborn seiner Verantwortung über das nordische Missionsgebiet entle- digt. Der Sitz des neuen Apostolischen Vikars wurde Hamburg ("florentissima Hamburgi civitas"). Am 27. Dezember 1839 wurde J. Th. Laurent in der Lütticher Kathedrale von seinem Freund, dem Diözesanbischof Van Bommel, konsekriert. Als Leitmotiv für sein bischöfliches Wirken wählte Laurent den Wappenspruch: "Iter para tutum” (Bereite den sicheren Weg). Um seine Bischofswürde zu heben, wurde er zum Ehren- domherr der Lütticher Kathedrale ernannt und mit der Doktorwürde "honoris causa" der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Löwen ausgezeichnet. Widerstand der nordischen Staaten Bischof Johannes Theodor Laurent hat sein Amt als Apostolischer Vikar der nordischen Mission aufgrund des Wi- derstandes der betroffenen Staaten nie antreten können. Georges Hellinghausen geht ausführlich auf die Gründe des Scheiterns des römischen Projekts einer Reform der nordischen Missionen ein. Die von Politikern und Presse vorgebrachte Argu- 4
96 mentation richtete sich sowohl gegen die als "Neuerung" empfun- dene juridisch-kirchliche Konstellation "Apostolischer Vikar und Residenzstadt Hamburg", als auch gegen die konkrete Person des dazu bestellten Johannes Theodor Laurent. Auch im Norden schien Laurent kein unbeschriebenes Blatt zu sein. Hellinghausen berichtet von einem Pressekrieg um den neuen Bischof. "Viel- leicht wäre es ohne die Presse gar nicht zu einer Affäre gekom- men... Belgische, dänische und deutsche Blätter traten die Nachricht breit und bauschten sie schließlich zu einer Sensation auf, die noch hohe Wellen schlagen sollte " (5). Somit wurde die Ernen- ” nung Laurents im Ausland als eine Maschination.des belgischen Klerus hingestellt: die "Hamburger Affäre" entstand. » Auch die politischen Kreise Norddeutschlands und Däne- marks liefen Sturm gegen den ernannten Apostolischen Vikar. Der Bremer Senat verweigerte jede Kirchenvisitation durch Laurent; der Hamburger Senat sprach sich entschieden gegen die Installation des Apostolischen Vikars aus und informierte sich bei der dänischen Regierung über deren Weigerung, an den beste- henden kirchlichen Verhältnissen etwas zu verändern. Auch Lübeck lehnte Laurent ab. Es gilt festzuhalten, daß auch die Person des Ernannten eine Rolle spielte. Wurde er ja vielfach in den nordischen Ländern als "Jesuit", "Belgier" (was dieses Epithet auch bedeuten mag), "römischer Abgesandter" u.s.w. angesehen. Immer wieder kam in den Widerständen gegen J. Th. Laurent die Furcht vor einer katholischen Propaganda und Expansion der römisch-katholischen Lehre zum Ausdruck. Tatsache ist, daß zu dem Zeitpunkt in den protestantischen Ländern des Nordens der Prestigezuwachs des restaurativen Papsttums als "bedrückend und einengend" emp- funden wurde. Berücksichtigt man dies, "dann wird man gewahr, in welche Sprengstoffladung die Ernennung Laurents hinein- geplatzt war" (6). Was in den Hansestädten an Widerstand gegen die Ernen- nung eines Apostolischen Vikars und namentlich gegen die Be- zeichnung eines J. Th. Laurent zum Ausdruck kam, wiederholte sich im großherzoglichen Mecklenburg-Schwerin und in den dänischen Staaten. EEE SEN TEE TEE —
98 Laurents Ausweisung aus Aachen Auch Preußen versuchte, das Kommen Laurents zu vereiteln und "hantierte nicht nur auf dem diplomatischen Parkett hinter den Kulissen" (7). Am 4. Februar 1840 wurde Laurent durch eine preußische Kabinettsorder aus seiner Vaterstadt Aachen ausge- wiesen. Dem Vorfall war eine rege Tätigkeit des ehemaligen Gemmenicher Pfarrers in Aachen voraufgegangen, wo er sich mit einem Paß aufhielt, den das belgische Außenministerium ausge- stellt hatte. Das Dokument bezeichnete Laurent als "Mr. Laurent, particulier sans'profession, se rendant en Allemagne par Aix-la-- Chapelle" (8), eine Bezeichnung, die später als falsche Qualifikation ausgelegt wurde, um die Bevölkerung in Aufruhr zu versetzen. Tatsache ist, daß Laurent in Aachen mit bischöflichen Funktionstätigkeiten (wie Firmen... ) hervortrat; ein Umstand, der die preußischen Behörden beunruhigte. Hellinghausen berichtet (9), der König und verschiedene Minister in Berlin hätten sich mit dem Fall befaßt. Auch der Kölner Generalvikar Hüsgen habe sich über das Auftreten Laurents besorgt gezeigt und die Aachener Pfarrer zur Verantwortung ihres Verhaltens dem fremden Bischof gegenüber aufgefordert. Schlußpunkt unter eine Affäre J. Th. Laurent kehrte nach Belgien zurück, wo er auf die Ergebnisse einer Vermittlungsaktion der katholischen Mächte Österreich, Bayern, Belgien und Frankreich wartete. Als keine Resultate sichtbar wurden, reiste Laurent im Mai 1840 nach Rom, um seine Angelegenheit persönlich in die Hände zu nehmen. Letztlich scheiterte jedoch seine Ernennung zum Apo- stolischen Vikar der nordischen Missionen an der Opposition der protestantischen Regierungen und an der Passivität der katholi- schen Vermittlermächte. So wurde er am 1. Dezember 1841 zum Apostolischen Vikar Luxemburgs, seiner zweiten Heimat, ernannt. Anfangs war auch hier seine Tätigkeit von Spannungen begleitet, da die Regierung des Großherzogtums an der Tradition des napoleonischen Konkordats und der staatlichen Kirchenhoheit festhielt. Es kam zu Auseinandersetzungen in der Schulproblematik
99 sowie in der Frage der Verweigerung des umstrittenen Konkordatseides. 2 | HH a RN a 22200000 DB RR 5 Be Ko 2 3} 1 4 . 37 4A . 0 | En nn iR . m. Sn “HR NR az Ze 7 da en AR, aA ; ; 183226 4 : . a BU Nach seiner Ausweisung aus Luxemburg (1848) kam Bischof Laurent nach Aachen zurück und widmete sich nunmehr vor allem der geistlichen Leitung und Beratung verschiederner Schwesterngenossenschaften, besonders der von Clara Fey gegr. Genossenschaft der Schwestern vom Armen Kinde Jesus, deren geistlicher Direktor er 1876 wurde. Als die Schwestern im Kulturkampf Aachen verlassen mußten, folgte er ihnen ins nahe niederländische Simpelveld, wo das neue Mutterhaus des Ordens entstand. Hier, im "Haus Loreto", verstarb Bischof Joh. Theod. Laurent am 20. Februar 1884, Seine reichhaltige Bibliothek ist heute noch im Kloster erhalten. Im Revolutionsjahr 1848 wurde Laurent verdächtigt, gegen die bestehende Ordnung zu agieren. Rom ordnete seine Abberu- fung an. Obwohl ihn die luxemburgische Regierung 1856 reha- bilitierte, trat Laurent endgültig zurück. Das Fazit der Ernennung Laurents zum Apostolischen Vikar der nordischen Mission und später Luxemburgs überlassen wir G. Hellingshausen: (10) "Im Norden hätte ihn seine entschiedene und undiplomatische Art, insbesondere seine kämpferische Haltung gegen staats- kirchliche Ansprüche, wie er sie in Luxemburg zeigte, zu einer Entfremdung der sich eben erst emanzipierenden Katholiken
100 gegenüber Staat und Gesellschaft geradezu disponiert. Trotzdem hätte auch hier der für Laurent typische energische Einsatz für die gute Sache Aufbau und inneren Zusammenhalt der Katholischen Gemeinden fördern können." Anmerkungen: (1) Diese ausgezeichnete Darstellung findet auch in der einschlägigen Literatur der jüngsten Zeit über den "Fall Laurent" verwendung. Eine breite Literatur bietet Hellinghausen, siehe Anm. 2. (2) Georges Hellinghausen, Kampf um die Apostolischen Vikare des Nordens J. Th. Laurent und C.A. Lüpke. Der hl. Stuhl und die protestantischen Staaten Nord- deutschlands und Dänemark um 1840. Editrice Pontificia Universitä Gregoriana, Roma 1987, (In der Folge als Hellinghausen I) desgl. mit gleichem Titel: Excerpta ex dissertatione ad Doctoratum in Facultate * Historiae Ecclesiasticae Pontificiae Universitatis Gregorianae. Roma 1987. (In der Folge als Hellinghausen II). (3) Benannt nach Georg Hermes (1775-1831). Hermes geht von rationalisierenden Erkenntnissen aus, Er bestreitet die Wesenserkenntnis und nimmt die Offenbarung als notwendig zur Wahrung der Menschenwürde an. Die Lehre wurde 1835 von Gregor XVI. verworfen. (4) Hellinghausen I, S. 77 (5) Hellinghausen I, S. 92 (6) Hellinghausen I, S. 122 (7) Hellinghausen I, S. 200 (8) Hellinghausen I, S. 201 (9) Hellinghausen I, S. 202 (10) Hellinghausen II, S. 63 A
101 In der Nacht von M. Th. Weinert Tausend Lichter in dieser Stadt, und der Himmel ist weit. Niemand, der ihn gesehen hat, denn der Dunst liegt über der Stadt, das grelle Licht, es schreit, und es hat niemand Zeit. Draußen hat die Nacht ein Gesicht, von ruhenden Dingen bewohnt. Die scheuen Tiere lärmen nicht, sie lauschen. Nur die Quelle spricht, die glitzert in der Sterne Licht und schimmert unterm Mond.
102 .... ° ° Tätigkeitsbericht 1991 von Freddy Nyns Das Jahr 1991 nimmt in den Annalen der Vereinigung eine besondere Stelle ein, konnten wir doch das 25-jährige Bestehen der Göhltalvereinigung feiern. Dieses Jubiläum verdiente es, auf besondere Weise begangen zu werden. Unsere Tätigkeiten waren wie immer breit gefächert und reichten von Vorträgen und Exkursionen bis zu Ausstellungen und Werksbesichtigungen. Im einzelnen: Am27. Januar fand die statutengemäße Generalversammlung statt. Nach den üblichen Berichten und der Neu-bzw. Wiederwahl des Vorstandes folgte ein einstündiger Dia-Querschnitt durch unsere Landschaft mit dem Titel "Musikalische und poetische Naturbetrachtungen", für den Fr. Margar. Wahl reichen Beifall erntete. ® "Das Bistum Aachen im Dritten Reich": so lautete das Thema einer Wanderausstellung des Diözesanarchivs Aachen, die vom 18. Januar bis zum 14. Februar im Göhltalmuseum zu sehen war. Da unsere deutschsprachigen Pfarren in den Kriegsjahren der Diözese Aachen unterstanden, konnten die Besucher - auch wenn Eupen-Malmedy wegen fehlender Unterlagen in den Exponaten’ kaum berücksichtigt wurde - sich ein eindrucksvolles Bild über das Mit-bzw. Gegeneinander von Kirche und Staat in diesen kritischen Jahren machen. Eine weitere Ausstellung im Museum war der Postgeschichte im Göhltal gewidmet. Vortandsmitglied Leo Göbbels sammelt seit vielen Jahren Unterlagen zu diesem Thema und stellte vom 22. Februar bis 17. März die Früchte dieser Sammel-Leidenschaft aus: alte Briefe, Stempel, Freimarken etc. sagen viel zur wechselvollen Geschichte unseres Gebietes aus. Am 20. März führte unser Vorstandsmitglied Alfred Jansen eine Exkursion zur Trinkwasseraufbereitungsanlage des Kreises Aachen in Roetgen. Die Teilnehmer bekamen Einblick in die vielfältigen Probleme, die sich heute bei der Aufbereitung des Trinkwassers stellen. Am 11. April war Herr Peter Bertram aus Vaals unser Gast mit einem Lichtbildervortrag über die Mühlen im Grenzraum des Dreiländerecks, wobei der Vortragende auf die Tecknik und die Geschichte der bekanntesten Mühlen einging, die sich häufig von Kupfer- oder Getreidemühlen zu Textilbetrieben weiterentwickelten. Unter der Leitung unsers Sekretärs, Herrn W. Palm, fand am 11. April eine Tagesfahrt zum Braunkohlekraftwerk Weisweiler statt, wobei die Teilnehmer neben den technischen Anlagen auch die Rekultivierungsgebiete besichtigen konnten. Eine weitere Exkursion unter der Leitung von Vorstandsmitglied und Kassierer Fritz Steinbeck führte nach Vianden, wo das beeindruckende Pumpspeicherwerk besichtigt wurde. Die restaurierte Burg Vianden und das dort untergebrachte kleine Kriegsmuseum waren ein weiterer Höhepunkt dieser Tagesfahrt. Der9. Juni war Wandertag unter der Leitung unseres Vorstandsmitgliedes Astrid Schmitz. Mit einer zahlreichen Gruppe von Vennfreunden erwanderte sie EAN NENNE ESS SEEEETEEEEZEEEEEEESGEESEEEEEEEEEEEESESE
103 ab Mützenich eine ca 20 km lange Strecke unter dem Motto "der Frühling im Hohen Venn", Organisation und Leitung einer Exkursion in die Provinz Namür am 16. Juni lagen in den Händen von Frau M. Wahl, die die berühmte Prämonstratenserabtei von Floreffe mit der Klosterkirche und deren bemerkenswertem Chorgestühl, die Provinzhauptstadt Namür mit der Zitadelle und Fosses-la- Ville mit der Stiftskirche St. Feuillien ins Besichtigungsprogramm "gepackt" hatte. Da das Jahr 1991 auch dasjenige der "Königsfeiern" war, zeigte der Museumshausmeister, Herr Hub. Severin, von Januar bis Juli eine vor allem durch wertvolle Postkarten bemerkenswerte Darstellung der belgischen Dy- nastie von ihren Anfängen bis heute. Die mehrtägige kulturelle Fahrt in die ehemalige DDR, genauer: nach Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen (6.-14. Juli), stand ebenfalls unter der versierten Leitung von Frau Wahl. Die Teilnehmer übernachteten in Naumburg, von wo aus Leipzig, Dresden, Meissen, Saalfelt und Erfurt besichtigt wurden. Vor Ort erwartete die Gruppe jeweils ein Stadtführer, so daß die architektonischen Glanzlichter der einzelnen Städte fachkundig vorgestellt wurden. Auf Einladung des Monschauer Geschichtsvereines fand am 20. Juli das schon zur Tradition gewordene internationale Geschichtsvereinstreffen statt. Der gastgebende Verein legte den Akzent diesmal auf Stadtplanung und Stadterneuerung undzeigte, welche Möglichkeiten bestehen, Auto und Fußgänger miteinander leben zu lassen. Die Ganztagswanderung am 15. September stand wiederum unter der Leitung von Fr. Astrid Schmitz. Mit der Vennbahn fuhren die Wanderer von Raeren nach Konzen, von wo aus die Wanderung über Steinleyvenn, Brachkopf, Steinbach und Wesereinmündung nach Raeren zurückführte. Der Monat September stand unter dem Zeichen der Feiern zum 25- jährigen Bestehen der Göhltalvereinigung. Im Rahmen einer akademischen Feier, die vom Kelmiser "Cercle Musical” und dem Cäcilien-Gesangverein Eynatten umrahmt wurde, betonten die Redner, darunter der für kulturelle Angelegenheiten zuständige Minister Bernd Gentges und der Kelmiser Bürgermeister M. Grosch, das kulturelle Engagement der Göhltalvereinigung, das sie zu schätzen wissen, und sicherten weitere Unterstützung zu. Die Sieger eines in den Mittelschulen unseres Gebietes ausgeschriebenen Aufsatzwettbewerbs wurden proklamiert und die Preisverleihung vorgenommen. Ein in den Volksschulen von Raeren bis Bleyberg durchgeführter Malwettbewerb zum Thema "Meine Heimat im Bild" war bei Lehrern und Schülern auf ein lebhaftes Echo gestoßen. (S. den Bericht dazu in diesem Heft). Bei Gelegenheit dieser Festveranstaltung konnte auch die Sondernummer 49/50 der Zeitschrift "Im Göhltal" vorgestellt werden. Die Göhltalvereinigung konnte an diesem Abend auch die Glückwünsche der ihr freundschaftlich verbundenen Schwestervereinigungen Ostbelgiens sowie des deutschen und niederländischen Grenzgebietes entgegennehmen. Nach einem Dia-Vortrag von Dr. Peter Neu am 12. Oktober über die Eisenindustrie in der Nordeifel folgte vom 12. bis 28, Oktober eine Ausstellung zum Thema "Mit Wasser und Dampf. Zeitzeugen der frühen Industrialisierung
104 im belgisch-deutsch-niederländischen Grenzraum”. Die mit der Unterstützung der DG organiserte Ausstellung zeigte in zahlreichen großformatigen hervorragenden Schwarz-weiß-Aufnahmen den vor allem im 19. Jh. stattgefundenen Wandel vom Handwerks-zum Fabrikbetrieb mit den Auswirkungen dieser technischen Revolution auf die Landschaft, die Sozialstruktur der Bevölkerung und das Wohnungswesen. Als Komplement zu dieser Ausstellung und mit dem gleichen Titel legte der Meyer u. Meyer Verlag, Aachen, ein reichbebildertes Werk vor, an dessen mehr als 140 Seitenumfassenden Textteil rund 60 Autoren mitgearbeitet haben. Die Papierherstellung im Raum Aachen-Maastricht war das Thema eines Dia-Vortrages von Herrn Jaak Nyssen am 21. November. Die Herstellung des Papiers, die Lokalisierung der einzelnen bekannten Papiermühlen und vor * allem das mit kriminalistischer Akribie durchgeführte Studium der Wasserzeichen verstand der Redner in seinem spannenden und lehrreichen Vortrag darzustellen. Den Abschluß der Veranstaltungen bildete vom 30. November bis zum * 15. Dezember eine Ausstellung der Malerinnen Patrice Mennicken-Dorr und Myriam Generet (Kelmis). .u.\<."n.... Unser Museum wurde nicht nur durch die vielen Veranstaltungen belebt, sondern auch durch die Zusammenarbeit mit dem Verkehrsamt der Ostkantone, dessen Kontakte zu flämischen und wallonischen Reiseveranstaltern viele Tagesbesucher nach Ostbelgien und ins Göhltalmuseum brachten. Am 14. September konnte Minister K.-H. Lambertz dem Museum einen kurzen Video- Film über Neutral-Moresnet und die Zinkindustrie übergeben. Auch das sehenswerte Gemälde Bastine's, 1843 entstanden und den Kelmiser Tagebau darstellend, hat inzwischen einen definitiven Platz im Museum gefunden.