Im Söhltal Landschaft im Grenzraum Nordostbelgiens 2 Se Ü | Pe = AB 0 AA WE AZ PA N ET x ae SE ea A ZZ A A Ss AAN, BE Bay 7 — DZ RTL Zn RE RE | a UL N ZN FO a SZ en RS EEE Cini TUT PETE ANSEHEN a) 6 nfE U ML ll 7 I UNTER Me 1 7 | Ti TC UN META Al ] VA U LEARN ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL N" 48 — Februar 1991
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Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr 48 Februar 1991 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04 Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. Kassierer: Fritz Steinbeck, Hasardstraße 13, 4721 Neu-Moresnet. Postscheckkonto N" 000-0191053-60 Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten. Entwurf des Titelblattes: Alfred Jansen, Moresnet-Kapelle. Druck. Hubert Aldenhoff, Gemmenich.
3 Inhaltsverzeichnis A. Jansen, Zum Umschlagbild 5] Moresnet-Kapelle F. Pauquet, Kelmis Die Revolutionsjahre 1789-1794 und das Limburger Land (2. Fortsetzung und Schluß) 9 M.Th. Weinert, Aachen Zur Nacht 40 A. Bertha, Hergenrath Der Umtausch des deutschen Geldes im Kreise Eupen i.J. 1920 41 A. Jansen Kelmis im ersten Jahrzehnt Moresnet-Kapelle nach dem Ersten Weltkrieg 63 A. Bertha, Hergenrath Das Stoßtruppunternehmen im Gemmenicher Tunnel am 10. Mai 1940 97 F. Nyns, Walhorn Tätigkeitsbericht 1990 103
6 Das zweigeschossige Herrenhaus, ein Wohnturm aus Sand- bruchsteinen unter einem hohen hohlziegelgedeckten Walmdach, ruht auf einem mächtigen vorstehenden Sockel und wird an den Kanten von mehr oder weniger regelmäßig versetzt angeordneten Quadersteinen aus heimischem Kalkstein gerahmt. Die vierachsige, nach Nordosten ausgerichtete Front hat unsymmetrisch angeordnete Rechteckfenster aus dem 18. Jh., manche mit Keilstein im Fenstersturz. Einige Ent- lastungsbögen weisen noch auf frühere Fensteröffnungen hin. Die rundbogige Eingangstür, früher über eine Zugbrücke zu erreichen, steht in einem rechteckigen Zugbrückenrahmen. Auch die Nordwestseite des Hauses hat unsymmetrisch angeordnet vier Achsen. Einige Fenster haben einen Sturz in Treppenstufenform. Im Südosten weist Groß- Weims im Sockel noch zwei Schießscharten auf; zwei Fenster dieser Seite sind noch aus dem 16. Jh. und tragen einen dreieckförmigen Sturz. Auch die Südwestseite trägt einige interessante bauliche Merkmale, so Schießscharten im Sockel und im Obergeschoß, ein zugemauertes Quersprossenfenster sowie die Spuren einer Außenlatrine, die auf starken Steinkonsolen ruhte. Ursprünglich war der gesamte Gebäudekomplex von Was- sergräben umgeben. Durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges war Groß-Weims stark in Mitleidenschaft gezogen worden; so meldete Anna Maria von dem Hirz gen. Landskron dem Aachener Lehnhof am 1. April 1651, «daß vor 8 Tagen ein großer Teil der Mauern des Schlosses Weims eingestürzt wäre, und daß dasselbe, weil es im Baue nicht unterhalten ; würde, sehr baufällig geworden wäre. Der Pächter des Guts erklärte: er hätte dem jr. Hermann von Hirz Landskron, Vater der Fräulein Anna . Maria, öfters den baufälligen Zustand des Schlosses vorgestellt, der Verstorbene hätte aber von Reparation desselben nichts wissen wollen.» Christian Quix, der diese Urkunde aus dem Aachener Marienstift zitiert, schreibt weiter: «Es war Pflicht der Vasallen, die Schlösser und Häuser oder Stocklehen-Gebäude immer im guten Baue zu erhalten, dieselben gar nicht verfallen zu lassen. Durch die kriegerischen Zeiten unserer Gegenden hatte das Haus Weims sehr gelitten und war baulos geworden. Die Dämme seiner vier Teiche waren von den Soldaten durchstochen worden, die Fische desto leichter zu erhalten.» (Quix, Kreis Eupen, S. 114-115) Bei einer damals vorgenommenen oberflächlichen Wieder- herstellung wurden die Wassergräben, welche die gesamte Anlage einschließlich der zweiflügeligen Vorburg umschlossen, zum großen Teil zugeschüttet. Nur um den eigentlichen Wohnturm blieben die Gräben noch erhalten. Kommen wir nochmals kurz auf die Geschichte des Hauses und dessen Besitzerfolge zurück. Zu Beginn des 15. Jh. war Groß-Weims im
% Besitz derer von Weims, genannt von dem Wambach (Waymbach). 1448 erwirbt Thomas Malherb(e) von Liberme€ das Haus. Dessen Tochter Elisabeth heiratet Johann von Hagen gen. von Merols. Diese Eheleute werden 1490 mit Groß-Weims belehnt. Die Tochter Johanna heiratet in erster Ehe Wilhelm von Weims und in zweiter Ehe Dietrich von Hir(t)z gen. Landskron. < Ch MV SE fü ZGN C SS A A SEN EN D, DE SS) CA NZ C ZZ IS Gr 7 NE A x“ Wappen des Diederich von Weyms, 1425 Der Sohn aus zweiter Ehe, Wilhelm von Hirz gen. Landskron, wurde 1551 mit Schloß Weims belehnt. Damals entstand der heutige Bau, bei dem sich aber der Bauherr so arg verschuldete, daß er den Besitz seinem Onkel, Hermann von Hirz und dessen Gattin, Katharina Kleingedank gen. Mommerloch, verkaufen mußte. Der Sohn und Erbe Isaak von Hirz gen. Landskron verkauft Weims nach dem Tode seiner Eltern an den Bruder seiner Mutter, Kaspar Kleingedank gen. Mom- merloch. Nach dessen Tod fällt der Besitz an Isaak von Hirz zurück, der seinen Sohn Johann zum Erben einsetzt. Durch Tausch geht Groß- Weims an den Bruder Hermann von Hirz und in der Folge an den Enkel Johann Hermann Dietrich von Hirz gen. Landskron. In den Jahren 1674 bzw. 78 ging das stark verschuldete Ketteniser Anwesen an den Aachener Bürgermeister Johann Bertrand von Wylre, dessen Sohn Hubert Friedrich Hyacinth das Haus 1710 an Frau Henrica von Brandt, verwitwete von Thenen, verkauft. Deren Tochter Susanne von Thenen verkaufte Groß- Weims 1740 an den K.u.K. General Leopold von Palfi von Erdöde.
8 Dieser tauschte es mit anderen Gütern 1755 gegen das Dorf Iserim in Ungarn, das der Gemahlin des Freiherrn Adolf von Berge zu Trips gehörte. Von Letzterer ging die Wasserburg im folgenden Jahr an den Walhorner Drossard Lambert Rasquin. Dieser läßt eine «dringend nötige und gründliche Wiederherstellung» (Reiners) der Burg vornehmen. U.a. erhielt das Herrenhaus die heute noch vorhandenen Stichbogen- fenster, die Zugbrücke wurde entfernt, der Graben vor der Hauptfront zugeschüttet. Die anderen Wassergräben blieben erhalten, verschlammten aber nach und nach. Durch Testament vom 30.8.1773 kommt Groß-Weims an Johann Wilhelm Poswick (1780), nach dessen Tod an den Sohn Peter Andre Wilh. Jos., der das Haus 1828 dem Eupener Bürgermeister Andreas Joseph Franz von Grand’Ry verkauft. 1852 wurde das Dach des Hauses durch einen Großbrand so stark beschädigt, daß es vollständig erneuert " 1 werden mußte. Die Familie von Grand’Ry blieb im Besitz von Weims bis zum Jahre 1919, wo Andreas Joseph Julius von Grand’Ry sein väterliches Erbe den Brüdern Nikolaus und Hubert Miessen verkaufte. 1929 wurde der Erstgenannte alleiniger Besitzer der alten Wasserburg. 1990 konnte die Familie Miessen mit Hilfe der Denk- malschutzkommission den alten Herrensitz von Grund auf renovieren, wobei die Erhaltung der alten Bausubstanz oberstes Gebot war. Der Wassergraben, der das Schloß von drei Seiten umgab, aber vollständig verschlammt war, wurde wieder gereinigt, die Südmauer des Schlosses neu hochgezogen, der Dachstuhl konsolidiert. Auch im Innern des Hauses wurden zahlreiche Arbeiten ausgeführt, die das Bild der alten Wasserburg erhalten, gleichzeitig aber auch den Bau so gestalten, daß er heutigen Wohnansprüchen genügt. Beim «Tag der offenen Tür», am 13. Okt. 1990, konnten sich die Besucher von der neugewonnenen Schönheit der alten Wasserburg überzeugen. Quellen: } Das Umschlagbild ist entnommen aus: G. Poswick, Les Delices du Duche de Limbourg. Der Text stützt sich auf G. Poswick, op. cit., S. 337-342. Chr. Quix, Beiträge zu einer historisch-topographischen Beschreibung des Kreises Eupen (Aachen, 1837), Reiners, H. u. Neu, H., Die Kunstdenkmäler von Eupen-Malmedy, (Schwann, Düsseldorf, 1935), Minist@re de la Communaute francaise (Hrsg;), Le patrimoine monu- mental de la Belgique, vol. 12.1, Prov. de Liege, tome 1, Vlg. P. Mardaga.
9 ° ° . Die Revolutionsjahre 1789-1794 und das Limburger Land (2. Fortsetzung und Schluß) von Firmin Pauquet Weitere Auseinandersetzungen im Limburgischen Im Juni 1791 zogen die Generalstatthalter Erzherzog Albert und Erzherzogin Maria Christina nach Brüssel zurück. Am 13. Juni wurden sie mit Begeisterung durch die Behörden und die Bevölke- rung der gesamten Provinz Limburg empfangen (58). Die durchgeführte Reform der Stände brachte aber nicht die erhoffte Aussöhnung. Im Juni 1791 entstanden Auseinandersetzun- gen zwischen Anhängern der ehemaligen Patrioten und ehemaligen Freiwilligen in Eupen, wie Fiskalrat Havenith den Generalstatthal- tern meldet. Anläßlich der Erneuerung des Magistrats konnten die Konservativen vier ihrer Anhänger in den Magistrat entsenden. Auditor Wunsch berichtete dem Staatssekretär hierüber am 1. Juli. Am 5. Juli wurde der neue bevollmächtigte Minister Graf von Metternich-Winneburg (59) auf der Durchreise nach Brüssel in Her- ve empfangen. Dieser erhielt kurz danach am 31. August eine Denk- schrift des Herver Pfarrers P.S.C. Lys, die mehrere kaisertreue Be- amte wegen ihrer rachsüchtigen Einstellung gegen frühere Anhän- ger der brabantischen Patrioten scharf angreift. Angezeigt wurden Auditor Wunsch, Rechtsanwalt Du Faur, Gerichtsschreiber bei der Domänenkammer zu Herve, und die Freiwilligen, denen vorgewor- fen wurde, verschiedene Geistliche lächerlich machen zu wollen. Im September herrschte wieder Unruhe in Herve und Eupen. Kurz darauf kam es zu einer neuen Auseinandersetzung bezüg- lich des Obersten Gerichtsrates, der am 30. Juli 1789 zu Limburg eingerichtet worden war und dessen Mitglieder stets der kaisertreu- en und demokratischen Partei angehört hatten. Die brabantischen Stände und der Souveräne Rat von Brabant verlangten die Aufhe- bung des Gerichtsrates. In Limburg selbst wurden sie nun durch die konservative Partei unterstützt. Dieselbe brachte es fertig, die Magi- strate von Herve und Eupen sowie die Gemeindevorsteher der mei- sten Gemeinden der ”flämischen” Banken dahin zu bringen, sich ih- nen anzuschließen. In seiner Denkschrift sprach sich der Herver Pfarrer Lys auch für die Aufhebung aus, um die demokratische Par-
10 tei einer ihrer stärksten Stützen zu berauben. Im November brachte Ratskonsulent Wildt als Gegenargument vor, der Oberste Gerichts- rat müsse bestehen bleiben, damit die Kaisertreuen nicht den Ge- richten der konservativen Adligen und dem reaktionären Souverä- nen Rat von Brabant ausgeliefert würden. Einstweilen entschied die Wiener Regierung, nichts zu ändern, so daß der Oberste Gerichtsrat zu Limburg weiter bestand. Allgemeine Entwicklung der Lage in den Niederlanden Wie in Limburg, hatten auch in den anderen Provinzen inzwi- schen die Parteigänger von Francois Vonck an Boden gewonnen, wie die Generalstatthalterin dem Kaiser im Juni 1791 meldete. Am 14. Juli vermerkte sie, daß die ”französischen Prinzipien furchtbare ' Fortschritte in mehreren Provinzen machten” und am 19. Dezem- ber schrieb sie, daß das demokratische System immer mehr Anhän- ger, sogar in den kaisertreuen Provinzen Limburg und Luxemburg, gewinnen konnte. Die hochmütige Haltung der französischen emi- grierten Adligen, die nach der mißglückten Flucht Ludwigs XVI. im Juni sich immer zahlreicher in den Niederlanden aufhielten, konnte in der Bevölkerung nur eine Reaktion zugunsten der Demokraten verursachen. Da sie nun aber eine Entwicklung nach französischem Muster befürchteten, distanzierten sich die Generalstatthalter im August 1791 von den Demokraten. Der Vorsitzende der Brüsseler Gesellschaft der Freunde des allgemeinen Wohls, Edouard von Walckiers (60), zog sich nach Lille zurück, wo der kranke Francois Vonck geblieben war. Von der österreichischen Regierung ent- täuscht, radikalisierte Walckiers seine Auffassung und bildete im Ja- nuar 1792 mit den schon immer radikaleren Lüttichern ein ”Comite general des Belges et Liegeois Unis”, in welchem auch der Journalist Pierre Lebrun eine maßgebende Rolle spielte, u.a. bei der Aufstel- lung eines gemeinsamen Manifestes im April (61). In diesem Mani- fest wurde nun die Gründung einer Republik erstrebt, in welcher Lüttich und die Niederlande vereinigt würden. Somit hatte der radi- kale Flügel der Demokraten gänzlich mit Habsburg gebrochen. Die gemäßigten Demokraten wie Vonck blieben aber weitgehend ab- seits. Das neue Komitee wurde von den Franzosen unterstützt, ins- besondere durch die Girondisten Charles Francois Du Perier, ge- nannt Dumouriez (* Cambrai 1739, + 1823), Außenminister vom 10. März bis zum 15. Juni 1792, und Pierre Henri Lebrun, den frü- heren ‚Herausgeber des ”Journal General de I’Europe” und Außenminister nach dem 10. August 1792.
DES UNIS NY WA Ol SZ WON A d N ae SE 4% A SEN AAN 7 RAU SA A Wr Na \ ML Wa7 d f Sg NN WE Am NEE AN. EZ PU N DN WA IN SID. KEEP DS N U en N >. ApyPiAHR-LSS L’AN 4 DE LA LIBERTE FRANGCOISE (ayril 1792 ) (Liege, Biblioth&que de l’Universite, cote X1L.48.7.) «La constitution dont le « Manifeste des Belges et Li&geois unis » promulgue les principes, est un des symplömes les plus caracteristiques de cette foi naive dans les lumi&res de la raison abstraite et dans la vertu du peuple... » (Voyez le texte, p. 293.) Page de titre du Manifeste des Belges et Liegeois unis. Publie A Paris « V’an IV de la liberte francaise ». En realite, {1 date d’avril 1792. Titelseite des Manifestes der vereinigten TE und Lütticher (Universitätsbibliothek Lüttich)
12 Im benachbarten Fürstbistum Lüttich wurde die demokrati- sche Radikalisierung noch durch die reaktionäre und rachsüchtige Haltung des zurückgekehrten Fürstbischofs Constantin von Hoens- broeck (62) begünstigt, der am 10. Februar 1791 durch Herve zog. Der Krieg mit Frankreich Wegen der unruhigen Lage in Frankreich zogen im Laufe des Jahres 1792 immer mehr österreichische Truppen durch Limburg und die südlichen Niederlande zum Schutze der Grenze gegen Frankreich. In Frankreich selbst bereitete die Girondistenpartei den Krieg vor, um dem Treiben der emigrierten Adligen in den Nieder- landen und im Rheinland ein Ende zu machen. Sie erhoffte sich . auch eine Untertstützung unter den Nachbarvölkern. Inzwischen war Leopold II. am 1. März gestorben. Sein Sohn, Franz II. (* 1768, H. 1972, + 1835), folgte ihm in den Habsburgischen Erbländern und als dt. Kaiser. Gekrönt wurde er in Frankfurt am 14. Juli 1792. Im April bewilligte die Generalversammlung der limburgischen Stände die jährliche Beisteuer für 1792 und am 27. August noch zusätzlich eine außerordentliche Beisteuer. Am 27. April beauftragten die Generalstatthalter den Zivil- kommissar Wunsch mit der Wiederherstelllung des limburgischen Freiwilligenkorps, das zur Verteidigung der Provinz dienen sollte. Am 18. Mai wurde eine Kompanie in Eupen stationiert sowie Po- sten in Herve, in verschiedenen Ortschaften der Grenze gegen Lüt- tich und an der Ourthe in den ”Herrschaften jenseits der Wälder” stationiert. Da für Limburg keine Gefahr zu befürchten war, beschlos- sen die Generalstatthalter Ende Mai wieder die Auflösung des Korps, wahrscheinlich aus finanzieller Überlegung. Die meisten Freiwilli- gen wollten aber auch außerhalb ihrer Provinz weiter dienen. Das Korps wurde am 24. Juni nach Namur beordert; es zählte 285 Mann unter 20 Offizieren. Am 27. August übernahm der Eupe- ner Michel von Grand’ Ry das Kommando über das Korps. Am 19. August um 20.00 Uhr konnte eine Abteilung der Limburgischen Freiwilligen den geflüchteten französischen General Marie Joseph Motier Marquis de La Fayette (* Chavaniac 1757, + Paris 1834), bei Rochefort festhalten. La Fayette hatte als Oberbefehlshaber der Garde Nationale vergebens versucht, dieselbe zur Befreiung des Kö- nigs einzusetzen. Ludwig XVI. war einige Tage vorher, am 10. Au- gust, vom Pariser Volk gestürzt und am 13. von der Pariser Kom- mune in Haft genommen worden.
13 Die französischen Revolutionsheere unter Dumouriez und Kellermann konnten das preußische Invasionsheer unter Herzog Karl Wilhelm von Braunschweig am 20. September bei Valmy zum Rückzug zwingen. Darauf gingen sie dann zur Offensive über. Die Sambre-Maas Armee unter Dumouriez siegte am 6. November über die Österreicher bei Jemappes im Hennegau und fing anschließend die Eroberung der habsburgischen Niederlande an. Am 5. Novem- ber hatte Zivilkommissar Wunsch seinen Sekretär Lemaire aufge- fordert, die Verwaltungsakten heimlich einzupacken und nach Aa- chen in Sicherheit zu bringen (63). Am 13. November zogen sich die Generalstatthalter nach Roermond in Obergeldern zurück. Am 20. bewilligten die Limburger Stände noch die Beisteuer für 1793 und am 21. beschlossen sie eine Deputation zu den Franzosen zu entsen- den, falls deren Heere nach Limburg zögen. Die Deputation soll- te die Franzosen bitten! wie Freunde zu handeln und jedermann in seinen Besitzungen und Ämtern entsprechend der Verfassung der Provinz zu belassen. Aus Furcht vor den Franzosen wurde die Re- gierung gebeten, das Freiwilligenkorps aufzulösen. Die erste französische Besetzung (Dezember 1792 - März 1793) Nach seinem Sieg bei Jemappes hatte General Dumouriez am 8. November den Belgiern die Unabhängigkeit versprochen, inso- fern eine auf die Volkssouveränität sich basierende Regierung ge- gründet würde. Dies entsprach der damals in den Regierungskreisen der Republik vorherrschenden Theorie der Gründung von Schwe- sternrepubliken, die der Leiter der Girondistenpartei, Jacques Bris- sot, noch am 21. November vertrat. So wurden auch Provinzialver- sammlungen in Flandern, im Hennegau, im Tournaisis und in Na- mur gewählt. Dumouriez selbst wünschte sich die Wahl einer Nationalver- sammlung; dagegen wollte das Komitee der vereinten Belgier und Lütticher zuerst die Bildung einer provisorischen Regierung. Die Lütticher Demokraten sprachen sich ihrerseits für den Anschluß an Frankreich aus und in Brabant widersetzten sich die ”Statisten” (- die Anhänger Van der Noots -) noch immer jeder Verfassungsän- derung. Die französische Regierung und der Nationalkonvent än- derten kurz darauf ihre Meinung. Brissot sprach sich schon am 26. November für die Festlegung der Grenze am Rhein aus. Am 31. Januar 1793 verlangte Georges Danton ausdrücklich den Anschluß Belgiens an die Französische Republik in Anlehnung an die neue ”Lehre von den natürlichen Grenzen”. Die siegreiche französische
14 - a } £ \ SM On 2 N 7 ) | General Charles-Francois Dumouriez Armee erreichte das limburgische Gebiet am 10. Dezember 1792, nachdem die Österreicher noch am 5. Dezember die Vorhut bei Sou- magne zurückgeschlagen hatten. Der Herver Magistrat sandte eine Delegation zum Oberbefehlshaber, General Dumouriez, um ihm die Meinung über eine angeblich französischfeindliche Haltung der Limburger auszureden. Die französische Vorhut erreichte Herve am 12. Dezember. Sie wurde unter Vivatrufen empfangen. Dieser Emp- ; fang war bei der Menge wahrscheinlich nur durch die Furcht vor der Plünderung begründet. Auch der Limburger Bürgermeister Del- court begab sich am 13. Dezember zum General Fregeville nach Verviers, um den Franzosen zu gratulieren. Am 14. Dezember zo- gen die Franzosen in Clermont ein und am 15. erschienen die fran-
16 Durch Dekret des Nationalkonvents vom 12. pluviöse des Jah- res I (31. Januar 1793) wurde die Bevölkerung der Niederlande auch verpflichtet, sich über die Form der Regierung innerhalb von vier- zehn Tagen in sogenannten Primarversammlungen auszusprechen. Am 3. nivöse des Jahres I (3. Dezember 1792) hatten schon solche Versammlungen in Spa und Theux, in der benachbarten Markgraf- schaft Franchimont, den Anschluß an Frankreich verlangt. Im sel- ben Sinne sprachen sich Lüttich und die zu Stablo-Malmedy gehö- rende Grafschaft Logne aus (65). Die Nationalkommissare erschienen erst im Februar 1793. Die bis dahin durchgeführten Wahlen der Gemeindeverwaltungen er- klärten sie als nichtig, da die Wähler den vorgeschriebenen Eid nicht geleistet hatten. ä Neue Wahlen wurden nur in wenigen Ortschaften (Herve, Housse, Hodimont, Bombaye, Esneux) und dies nur mit sehr be- schränkter Beteiligung durchgeführt. Darunter wird gar keine ”flä- mische” Ortschaft, auch nicht das Industriezentrum Eupen, er- wähnt. Dies zeigt, daß die Limburger in ihrer allergrößten Mehrheit kaisertreu geblieben waren. Auch unter den Demokraten zeigten sich nur die Gebrüder Fafchamps aus Housse als ausdrücklich fran- zösischfreundlich. Einige Radikale bildeten wohl Jakobiner- clubs in Herve und in Hodimont. Französische Truppen unter Colonel Pierson und General Neuilly blieben den Winter durch in der Bank Walhorn einquar- tiert. Die zweite österreichische Restauration (März 1793 - September 1794) Am 1. März 1793 wurden die Franzosen bei Aldenhoven an der Rur durch die kaisertreuen Truppen unter Friedrich Josias Her- zog von Sachsen-Coburg zurückgeschlagen. Am darauffolgenden Tage zogen sie sich nach Straßenkämpfen aus Aachen zurück. Aus Raeren nahmen sie unter Plündern und Brandschatzen Abschied, wie der dortige Pfarrer Vincken für den 1. und 2. März 1793 berich- tet. Laut Bericht der Stände wurden die Österreicher, "leichte Rei- terei und Tiroler Schützen”, überall mit Begeisterung empfangen und die Freiheitsbäume umgehauen und verbrannt. Der bevoll- mächtigte Minister, Graf von Metternich-Winneburg, beschloß am 8. März, das limburgische Freiwilligenkorps bestehen zu lassen.
18 Später wurden Offiziere der Freiwilligen anderen Regimentern zugewiesen und das Korps aufgelöst. Eine ”Legion Erzherzog Karl” von zwei belgischen Kompanien wurde im Juni gebildet. Diese Le- gion wurde bei den Schlachten zu Sprimont, Herve und Clermont stark aufgerieben. Im Jahre 1798 wurden die letzten Truppenkräfte der Legion den kaiserlichen Linienbataillonen 2 und 14 zugewiesen. Darunter befanden sich aber keine Limburger mehr. Der Zivilkommissar Wunsch ließ die von den Franzosen in Herve und Henri-Chapelle zurückgelassenen Sachen nach Maas- tricht überführen. Ab dem 11. März mußten die limburgischen Ge- meinden Fuhrwerk zum Nachschub der österreichischen Armeen nach Maastricht zur Verfügung stellen, so z.B., am 18. März, die Bank Baelen 50, Henri-Chapelle und Eupen jeweils 6, die Bank Wal- horn mit Lontzen 50 Fuhrwerke. Am 3. April wurde der Durchzug ) dreier Regimenter mit drei schweren Artilleriezügen angekündigt. Im Notfall wurden die Bauern gezwungen, Fuhrwerke zu stellen, so der Christian Stevens aus Homburg, am 16. April. Der Herver Ma- gistrat beklagte sich am 25. April über die Grobheit der einzuquar- tierenden Soldaten. Im Mai wurden die Arbeiter des Altenberges in Kelmis zur Instandsetzung der Straße im Aachener Wald eingesetzt. Im Monat Juni befürchtete man wieder Unruhen am Aubeler Markt wegen der Kornteuerung: 5 Dragoner und 12 Infanteristen wurden aus Lüttich als Ordnungshüter hingeschickt. Im Juli über- prüfte Zivilkommissar Wunsch die Möglichkeit, weitere Truppen- abteilungen über Verviers und Theux durchmarschieren zu lassen, um das überstrapazierte Limburger Land etwas zu schonen. Ende Juli und Anfang August zogen französische Kriegsgefangene durch, die in einer Wiese bei Clermont übernachteten. Am 9. August ent- deckte man bei Franck in Moresnet einen versteckten französischen Munitionswagen, der am 24. unter guter Bewachung nach Lüttich gefahren wurde. Nach dem Sieg der Kaiserlichen bei Neerwinden im Hespen- gau, am 18. März 1793, konnten die gesamten südniederländischen Provinzen wieder unter habsburgische Herrschaft zurückgeführt werden. In Limburg versammelten sich die Stände am 22. März und die alten Behörden und Gerichte nahmen wieder ihre Amtsgeschäf- te auf. Die Stände verlangten in mehreren Denkschriften, so u.a. am 10. und 23. Mai, die sie dem bevollmächtigten Minister zusandten, die Bestrafung der stürmerischen Anhänger der französischen Re- publikaner. Besonders wurden die Gebrüder Fafchamps genannt, die aber mit den Franzosen geflohen waren.
19 Als Generalstatthalter hatte der neue Herrscher Franz II. sei- nen Bruder Erzherzog Karl (* 1771, + 1847) (66) nach Brüssel ent- sandt. Am 18, Mai teilte dieser den Limburger Ständen den Willen des Kaisers mit, das Gerichtswesen der Provinz wieder so zu organi- sieren, wie es unter Maria Theresia gewesen war. Der oberste Ge- richtsrat wurde nun aufgehoben und Limburg wieder der Zustän- digkeit des Souveränen Rates von Brabant unterstellt. Im Dezember sandten die Stände eine Deputation zum Generalstatthalter nach Brüssel, um die Bestrafung der Gebrüder Fafchamps, die seit Mai wieder aufgetaucht waren, und die Abschaffung der ”Kommission der öffentlichen Lasten” zu beantragen. Der Einzug der Österreicher in Brüssel mit dem Erzherzog als General-Gouverneur der Niederlande, am 26.3.1793 Anfang 1794 befürchtete man wieder einen französischen Ein- fall. Kaiser Franz II. beschloß, sich persönlich zum Schlachtfeld zu begeben. Er wurde am 8. April an der limburgischen Grenze im Aa- chener Wald beim Biltgen von einer Delegation der Stände empfan- gen. In Battice wurde er von der Generalversammlung der Stände mit Begeisterung aufgenommen und übernachtete in Herve. Am 23. April 1794 wurde Franz II., nachdem er den Eid der ”Blyden In- komst” oder ”Joyeuse Entree” abgelegt hatte, feierlich als Herzog
20 von Brabant und Limburg eingesetzt. Im Jahre 1794 werden zusätz- liche Donativgelder (67) als ”dons patriotiques” zur Kriegsführung seitens der Stände gewährt. Am 9. Mai 1794 verabschiedeten die limburgischen Stände einen ”Tarif d’une imposition pour fournir aux deux Dons gratuits accordes a Sa Majeste l’Empereur et Roi pour les frais de la guerre”. Jedes Mitglied der beiden privilegierten Stände, Adel und Klerus, wurde mit 58 Gulden, 10 Stüber besteu- ert, desgleichen der Präsident des ehemaligen Obersten Gerichtsra- tes von Limburg. Jedes Mitglied des Dritten Standes wurde mit 19 Gulden, 10 Stüber belastet. Die höheren Beamten der Stände und der Regie- rung sowie die ”seigneurs haut justiciers”, Besitzer einer hohen Ge- richtsbarkeit, mit je 39 Gulden. 4 Alle Pfarrer mit 8 Gulden. Alle Tuchfabrikanten mit 1 Gulden pro beschäftigten Scherer. Die Wollkaufleute mit 50 Gulden. Die Nagelkaufleute mit 10 Gulden. Die Raerener Pottbäcker mit 2 Gulden pro Ofen. Jeder Krämer, je nach Einstufung in einer der drei vorgesehenen Klassen, von 3 bis 10 Gulden. Jeder Einwohner, je nach Einstufung in einer der vier vorgesehenen Klassen, von 1 Stüber bis 1 Gulden. . Pro Pferd, je nach Benutzung, 10 Stüber bis 4 Gulden. Pro Kuh oder Ochsen sowie Hund 10 Stüber. Pro Schaf, Ziege oder Schwein 1 Stüber. Den Gemeindevorstehern (regents) wird vorgeschrieben, die Aufstellung aller Steuerpflichtigen innerhalb vierzehn Tagen bei den Kanzleien der Stände und den Steuereinnehmern einzureichen. Letztere sollen anschließend die Steuer innerhälb der drei nächsten Wochen eintreiben. Die Beamten der Herver Kasse für Ein-, Aus- und Durchfuhr- zölle senden schon am 7. Juni 1794 die eingereichten Aufstellungen der Donativgelder vom 26. und 31. Mai an den Finanzrat. Einige eifrige Vertreter der kaisertreuen Partei hatten ihren Anteil schon vor der Veröffentlichung des Steuertarifs seitens der Stände bezahlt, so am 4. Mai der Gerichtsratspräsident Legro und der Fiskalanwalt Havenith jeweils 50 Gulden. Zusätzlich zur festgelegten außerordentlichen Steuer wurde noch als weitere ”patriotische Gabe” der Regierung eine zinslose Anleihe für die Dauer des Krieges gewährt.
22 Die österreichische Restauration sollte aber nicht lange dau- ern. Am 27. Juni siegte die französische Sambre-und-Maas-Armee unter General Jean-Baptiste Jourdan (* Limoges 1762, + Paris 1833) bei Fleurus. Am 29. Juni riet Zivilkommissar Wunsch seinem Sekre- tär Lemaire in Herve wieder zu packen. Die Franzosen zogen am 10. Juli in Brüssel und am 27. Juli in Lüttich ein. Zuerst hielten die Österreicher noch die Ourthe-Maas-Linie. Nach der verlorenen Schlacht bei Esneux, am 18. September 1794, zogen sie sich dann östlich der Rur zurück. Der Zivilkommissar Wunsch hatte sich nach Deutschland ab- gesetzt; am 14. Oktober schrieb er aus Spich seinem Sekretär Lemai- re unweit Siegburg, daß er sich nach Wetzlar und Frankfurt zurück- ziehen werde. Bei ihrem Wegzug wollten die Österreicher den Franzosen kei- . ne Lebens- und Futtermittel hinterlassen, so daß sie noch rasch scharfe Requisitionen vornahmen. Das Herzogtum mußte ihnen 200.000 Portionen Heu zu 15 Pfund und 200 Rinder abliefern. Die zweite französische Besetzung und der Anschluß an Frankreich Die Besetzung Limburgs Am 20. September 1794 fand ein Geplänkel zwischen österrei- chischer Nachhut und französischer Vorhut am Pireux oberhalb Clermont statt (68). Am selben Tag zog die französische Vorhut durch Henri-Chapelle und am 21. erschien sie vor den Stadtmauern von Aächen. Der Kommandant der Vorhut, General Hatry, nahm Quartier im ”Hotel Bellevue” zu Henri-Chapelle. Der Wirt des alten Hotels ”zur Krone” hatte schnell sein Etablissement umbenannt, um die Franzosen nicht zu ärgern (69). Beim Rückzug der Österrei- cher kam es noch zu einem Scharmützel an der Göhl. Österreichi- sche Husaren, die noch im Hergenrather Feld stationiert waren, rit- ten um die Eyneburg vor, nahmen einige französische Tirailleurs am Eyneburger Feld gefangen und beschädigten leicht die Göhl- brücke an der Lütticher Chaussee, bevor sie sich langsam zurückzo- gen (70). In Walhorn folgte ein Pikett von 200 französischen Dragonern den Österreichern am frühen 22. September. Es zog zuerst bis Ey- natten, wo es noch ein Gefecht gab, kam dann zurück, um von den Walhorner Dorfbewohnern allerlei Abgaben an Geld, Schmuck und Kleidungsstücken zu fordern (71). Am 23. September nachmittags erschien in Henri-Chapelle ei- ne Deputation des Aachener Magistrats, die den Eroberern die
23 Schlüssel der Stadttore überreichen wollte. Von Henri-Chapelle wurde sie nach Herve, zum Hauptquartier des Oberbefehlshabers General Jourdan geführt, wo sie vom Volksrepräsentanten Gillet empfangen wurde (69). Das Limburger Land, das bei den Franzosen als kaisertreu be- kannt war, wurde nach der Eroberung regelrecht durch die Solda- teska geplündert. Ein 16.000 Mann starkes Korps unter General Le- febvre lagerte im Walhorner Feld und erhielt die Erlaubnis, 24 Stun- den lang zu plündern. Kleinere Abteilungen lagerten um Lontzen, im Hauseter Feld und am Bildchen (71). Eine andere französische Einheit lagerte zwischen Henri-Chapelle und Homburg und plün- derte ebenfalls die Gegend. In Kelmis wurden auch die Betriebsanla- gen des Altenberges und die Direktorwohnung gänzlich geplündert, trotz einer französischen Bewachung, die das Etablissement im In- teresse der Republik schützen sollte (72). Der ehemalige Drost von Kelmis, Walthere Joseph Birven, beklagte sich bei der Walhorner Gemeindeverwaltung, daß sein Herrenhaus Mützhof wie alle ande- ren Häuser des Dorfes Astenet völlig ausgeplündert worden sei. Der Moresneter Pfarrer Palmatius Schlotmecker schrieb ebenfalls dieser Behörde ”dat in et inkommen van de franzosen so ben gemolestiert worden, dat het pastoral huys hebbe moeten vier tage verlaaten en- de tyds de soldaten alles geplundert hebben”. Am 25. September zogen die französischen Truppen weiter ins Rheinland, wo sie am 2. Oktober die Österreicher an der Rur schlu- gen und das Land bis zum Rhein besetzten. f Nach der Plünderung sah sich die Bevölkerung nun mit regelmäßigen Lieferungen an die vorbeiziehenden Truppen belastet. Durch ihre Lage an der Lütticher Chaussee trug die Gemeinde Kel- mis besonders hohe Lasten. Vom 23. bis zum 28. September mußte sie z.B. 24.410 Bund Heu zu 15 Pfund, 8.274 Bund Stroh zu 10 Pfund, 186 Malter Roggen und 712 Malter Hafer liefern (73). Am 30. vendemiaire des Jahres III der Republik (21. Oktober 1794) belastete der Volksrepräsentant Meynard das besetzte Land zwi- schen Maas und Rhein mit einer Sondersteuer von 10.000.000 Gul- den. Der Anteil der Gemeinde Kelmis wurde mit 2440 Gulden, 10 Stüber, und derjenigen der Gemeinde Moresnet mit 3.700 Gulden veranschlagt (74). Der Umsturz der alten Institutionen Die Franzosen beschlossen auch sofort, eine große Verwal- tungsreform im Geiste der Republik in den besetzten Ländern
24 durchzuführen. Das alte, mit Brabant seit der Schlacht von Worrin- gen vom 5. Juni 1288 in Personalunion vereinigte Herzogtum Lim- burg wurde aufgelöst und mit anderen Ländern verschmolzen (75). Am 9. vendemiaire des Jahres III (30. September 1794) hatte der Nationalkonvent den Anschluß Belgiens und der anderen an- grenzenden Länder an die Französische Republik beschlossen. Nachdem der Volksrepräsentant Frecine am 14. vendemiaire (5. Ok- tober) das Herzogtum Limburg mit dem französischfreundlichen Franchimont zum Arrondissement de Spa vereinigen hatte wollen, wurde dann doch durch Dekret vom 19. vendemiaire (10. Oktober) desselben Frecine und seines Kollegen Gillet eine Zentralverwal- tung von 12 Mitgliedern in Limburg selbst konstituiert. Diese Ver- waltung wurde sofort mit der Eintreibung einer Sondersteuer von , 1.000.000 Pfund zu Lasten des Klerus, der Emigrierten und all der- jenigen, die die Feinde der Republik unterstützt hatten, beauftragt. Diese Sondersteuer wurde zusätzlich zur vorhin festgelegten Steuer von 600.000 Pfund erhoben. Am 5. brumaire (26. Oktober) wurden durch ein weiteres Dekret von Frecine das Gerichtswesen, die Ver- waltung und die Polizei im Limburger Land neu geregelt, unter dem Vorwand, daß viele Verantwortliche geflohen waren (76). Das ero- berte Land wurde in sechs Kantone aufgeteilt, in jedem derselben sollte ein Mitglied der Zentralverwaltung wohnhaft sein. Unter den von Frecine bestimmten Mitgliedern der Zentralver- waltung befanden sich u.a. die Bürger Lambert Philippe Poswick aus Limburg, ehemaliger Gerichtsrat beim Oberen Gerichtsrat, als Präsident, Hodiamont aus Neau (Eupen), Aussems aus Aubel und J.A. Cormans aus Baelen. In jeder Gemeinde wurde eine Sekundärverwaltung eingesetzt, bestehend aus einem Maire und einem oder mehreren Beigeordne- ten, je nach Bevölkerungszahl. In jedem Kanton wurde ein Gericht und in Limburg ein Obergericht von sieben Richtern eingesetzt. Die Zentralverwaltung war mit der Ernennung der Mitglieder der Se- kundärverwaltungen und der Richter beauftragt. Ein ständiges Direktorium von sechs Mitgliedern der Zentral- verwaltung war mit der Veröffentlichung der Gesetze, Erlasse und anderer Maßnahmen beauftragt. Den sechs anderen in den Kanto- nen residierenden Mitgliedern, oblag die Aufsicht der unteren Ge- richte und Behörden. Die allgemeine Aufsicht über alle Behörden und Gerichte verblieb beim Befehlshaber der Streitmächte. Zusätz- lich wurde noch einem ”Agent de la Republique” bei der Zentralver- waltung eine Kontrollaufgabe anvertraut. Dieser Agent sollte den
25 Volksrepräsentanten, die sich in der Gegend befanden, bzw. dem Volksrepräsentanten in Brüssel, alle zehn Tage Bericht erstatten. Er sollte auch Beamte oder Richter, die ihren Pflichten nicht nachka- men, dem Revolutionären Kriminalgericht zu Lüttich überführen. Dieses Sondergericht war durch Erlaß vom 14. vendemiaire (5. Ok- tober) gegründet worden. Als besondere Pflichten wurden das Ein- halten des Gesetzes über den Höchstpreis der Lebensmittel (seit dem 29. September 1793 in Frankreich) und die Annahme der Assignate als Zahlungsmittel vorgeschrieben (77). Frecine bestätigte am 14. frimaire (4. Dezember) die von der Zentralverwaltung vorgeschlagene Kantonseinteilung. Zu den flä- mischen Ortschaften des 1. Kantons (Limburg! mit Gericht in Neau gehörten Neau (Eupen), Membach, Welkenraedt, Henri-Chapelle, Lontzen, Kettenis, Merols, Astenet, Walhorn, Nieudorp (Neudorf), Raeren, Eynatten, Hausseth, Hergenraedt und Rabot- raedt. Zum 2. Kanton mit Gericht in Aubel gehörten Aubel, Mont- zen, Kelmis, Moresnet, Gemmenich, Hombourg, Sippenaeken, Teu- ven, Remersdael, St. Martin-Fouron, St. Pierre-Fouron, Noorbeek, M’heer, Fouron-le-Comte und Mouland. Vor der Ernennung der Gemeindebehörden wurden auch ver- schiedene Gemeinden bzw. Quartiere zusammengelegt, so zum Bei- spiel Kettenis mit Merols, Walhorn mit Astenet und Rabotraedt, Hergenraedt mit Hauset, Moresnet mit Kelmis, Hombourg mit Re- mersdael, Teuven mit Sippenaeken. Inzwischen hatten die Volksrepräsentanten Hausman, Frecine und Joubert durch Erlaß vom 24. brumaire (14. November) die Gründung einer Zentralverwaltung mit Sitz in Aachen für die Län- der zwischen Maas und Rhein beschlossen. Die Arrondissements Limburg, Spa und Maastricht u.a. wurden dieser neuen Zentralver- waltung "nterstellt. Diese Zugehörigkeit sollte aber nicht von länge- rer Dauer sein. Durch das Gesetz vom 9. vendemiaire des Jahres IV (1. Okto- ber 1795), d.h. ein gutes Jahr nach der Besetzung des Limburger Landes, organisierte der Nationalkonvent den im Jahr zuvor be- schlossenen Anschluß der belgischen Provinzen. Die Habsburgi- schen Niederlande, die Fürstentümer Lüttich und Stablo-Malmedy und weitere Enklaven bildeten die neun vereinigten Departements, die noch vorübergehend einer gemeinsamen in Brüssel tagenden Verwaltung, dem ”Conseil de Gouvernement”, unterstellt blieben. Das Limburger Land war schon kurz davor, am 14. fructidor des Jahres III (31. August 1795), dem neu gegründeten Ourthede-
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28 partement mit Hauptort Lüttich einverleibt worden. Unter den 36 Kantonen des neuen Departements wurde ein neuer Kanton mit Sitz in Walhorn gebildet. Diesem Kanton gehörten alle Gemeinden der früheren Bank Walhorn sowie Lontzen und die Gemeinden Gemmenich, Montzen und Moresnet-Kelmis aus der früheren Bank Montzen-an. Verschiedene Umbildungen fanden dann im Laufe der Franzo- senzeit noch statt, die wir hier nicht mehr verfolgen wollen, da sie nicht mehr zur revolutionären Umbruchperiode gehören. In den großen Zügen blieben die durch die Franzosen einge- führten Gebietsumstrukturierungen und Verwaltunsreformen bis zur heutigen Zeit bestehen. Mit dieser Umstrukturierung verbunden war auch die Einfüh- rung der modernen französischen Gesetzgebung. Der unter dem Druck der Pariser ”Sans-Culottes” vom Natio- nalkonvent am 3. September 1793 ausgerufene Terror als Ausnah- mezustand wegen der Gefährdung des Vaterlandes durch Krieg und Zivilkrieg hatte wenig unmittelbare Folgen in den belgischen Pro- vinzen und besonders in Limburg, das sich während dieser Periode noch in österreichischer Obhut befand. Der Hautpvertreter des Ter- rorregimes, Maximilien Robespierre (* Arras 1758, + Paris 1794), wurde ja am 9. thermidor des Jahres II (27. Juli 1794) im National- konvent gestürzt, kurz nach dem französischen Sieg bei Fleurus und noch Wochen vor der Eroberung Limburgs. So blieb das Limburger Land von den schlimmsten Ereignissen der französischen Revolu- tion verschont. Von den verschiedenen französischen Verfassungen der Revo- lutionsjahre trat in Limburg, wie in den anderen belgischen Provin- zen, nur die am 5. fructidor des Jahres III (22. August 1795) vom Nationalkonvent verabschiedete in Kraft. Diese Verfassung des Jahres III führte das sogenannte Directoire-System ein: einem Exekutiv-Ausschuß von 5 Mitgliedern oblag als höchstem Gremium die ausübende Gewalt. Das erste Direktorium nahm seine Amtsge- schäfte am 12. brumaire des Jahres IV (3. November 1795) auf. Die französischen Gesetze über die Abschaffung des Feudalsystems (Dekret der Nationalversammlung vom 11. August 1789) traten im Oktober 1795 in den vereinigten Departements in Kraft. Von dieser Maßnahme waren nicht nur die echten Feudalrechte betroffen, son- dern auch der kirchliche Zehnt, Haupteinnahmequelle der Kirche, und die Vorrechte aller möglichen Körperschaften. Am 1. germinal des Jahres III (21. März 1795) war schon verordnet worden, daß der
30 Klerus die Kirchenbücher den Gemeindebehörden abzuliefern hat- te. Im Kanton Walhorn wurde dies erst am 15. fructidor des Jahres IV (1. September 1796) durchgeführt (78). Vor allem wurde die Vereinheitlichung des Gerichts- und des Steuerwesens eingeführt, nach dem modernen Prinzip der Gleich- heit aller Bürger vor dem Gesetz. Diese Modernisierung geschah so schnell, daß sie Ende Januar 1797 gänzlich vollzogen war. Als Nachteil für breite Schichten der Bevölkerung wurde in diesem Zu- ge nur Französisch als einzige amtliche Sprache zugelassen. Von den Beamten wurden der sogenannte Haßeid auf das Kö- nigtum verlangt (79), was zu einigen Schwierigkeiten bei den Beset- zungen der Stellen führte. Verschiedene frühere Amtspersonen lehnten es aus Gewissensgründen ab, dem neuen Regime zu dienen. N Die kirchlichen Maßnahmen (80) Auch im kirchlichen Bereich traten große Änderungen ein, be- sonders durch die Aufhebung der Klöster am 21. brumaire des Jah- res V (11. November 1796) und die Sekularisierung ihrer Güter am 16. brumaire (6. November). In den katholisch geprägten ländlichen Gemeinden Limburgs mußte dies mit Trauer aufgenommen wer- den. Es wurde aber zuerst keine Entchristianisierungspolitik betrie- ben, wie sie in Frankreich während des Terrors geherrscht hatte. Das Dekret vom 3. ventöse des Jahres III (21. Februar 1795) hatte die Glaubensfreiheit verkündet, wodurch die Ausübung der Reli- gion als Privatsache angesehen wurde. Am 3. brumaire des Jah- res IV (25. Oktober 1795) hatte der Nationalkonvent aber aus Furcht vor der Königspartei die Terror-Gesetzgebung gegen die Priester wieder eingeführt. Am 16. frimaire des Jahres V (6. Dezember 1796) beschloß das Direktorium, das Gesetz vom 7. vendemiaire des Jahres IV (29. Sep- tember 1795) in den belgischen Departements in Kraft zu setzen. Laut diesem Gesetz mußten alle Priester eine Unterwerfungs- erklärung unterzeichnen, durch welche sie den republikanischen Gesetzen Gehorsam schworen. Bei den allgemeinen Wahlen vom 1. germinal des Jahres V (21. März 1797) siegte in Frankreich die Rechtspartei, so daß das Direktorium die Zukunft fürchten mußte. Es kam der Königspartei zuvor und konnte am 18. fructidor des Jahres V (4. September 1797) mit Hilfe des Militärs die Annullierung der Wahlergebnisse von 48 Departements durchsetzen. Am darauffolgenden 19. fructi- dor beschloß das Direktorium, den Haßeid auf das Königtum nun auch ‚von allen Priestern zu verlangen.
31 FED 4 JED. Jr Zweerehaetacnhetk oningdom A en acn de regeerings-I ooshevd, A engeklecliheyd ende Ge{trouwicheyd acı de Republick ende aen de Constifutie van he(aer JIFM —EEE——— ()— EEE SERMEN'T, SEI ALM 7 \ ) Fa hd N JedureHaine & la Rovaute elta Anarchie Att achementet Ficlelise ala Ropu blique eial a Constitudon de wos Ban Sn 4 Een ı (0 Der Haßeid auf das Königtum In der Diözese Lüttich führte das Problem des Haßeides wie überall in Frankreich zur Bildung zweier Parteien unter den Kleri- kern. Die einen folgten dem in Lüttich gebliebenen Generalvikar de Rougrave und leisteten den Eid, um ihr Amt zugunsten des katholi- schen Volkes ausüben zu können. Andere verweigerten ihn aus Ge- wissensüberzeugung. Sie wurden in ihrer Haltung durch den geflo-
32 henen, in Erfurt residierenden Fürstbischof de M&an bestätigt (81). Von 111 Priestern der Kantone Aubel, Walhorn, Eupen und Lim- burg haben 57 den Eid geschworen und 54 ihn verweigert. Im Kan- ton Walhorn zählte man aber nur 2 ”Geschworene” auf 21 Priester. Wie Alfred Minke in seinem Aufsatz berichtet hat, konnten die vom Direktorium getroffenen Deportierungsmaßnahmen gegen die Eid- verweigerer (4. November 1798), die heimlich ihre Priesteraufgaben weiterführten, dank der Haltung der Bevölkerung und auch der Kantonalverwaltungen nicht durchgeführt werden. Während dieser Zeit und bis zum Konkordat vom 5. Juli 1801 durften aber keine religiösen Festlichkeiten außerhalb der Kirchen gefeiert werden und blieb das Glockenläuten verboten. Die kirchli- che Politik des Direktoriums verstärkte nur die habsburgertreue Meinung bei der Mehrheit der limburgischen Bevölkerung, wie viele Berichte der Lütticher Behörde während der Franzosenzeit bezeu- gen. Die Einführung der Wehrpflicht Eine. weitere Maßnahme sollte dies noch bestätigen. Am 19. fructidor des Jahres VI (3. September 1798) führte die Republik die Wehrpflicht ein, die niemals in den belgischen Provinzen bestan- den hatte. In mehreren ländlichen Gebieten kam es zum Aufstand, so auch im ehemaligen Herzogtum Limburg (82). Lambert Bassenge (84), Kommissar des Direktoriums, riet der Zentralverwaltung des Ourthedepartements schon am 21. vendemiaire (12. Oktober 1798), Vorsichtsmaßnahmen im ehemaligen Limburg zu treffen, um der Flucht der Wehrpflichtigen entgegen zu wirken. Am 12. pluviöse des Jahres VII (31. Januar 1799) stellte die Zentralverwaltung fest, daß sich im Kanton Aubel überhaupt noch keine Wehrpflichtigen der 1. Klasse gemeldet hatten. In der Nacht vom.20. zum 21. pluviö- se (8. - 9. Februar) kam es zu einem Gefecht zwischen französischen Gendarmen der Brigaden Herve und Henri-Chapelle sowie Husaren und wehrpflichtigen Rebellen am Rodenbusch bei Remersdael. Es wurden 6 Personen gefangen genommen, von denen eine kurz da- nach in Herve starb. Am darauffolgenden Tag wurde der Belage- rungszustand im Kanton Aubel verkündet; 18 Geiseln, darunter mehrere Gemeindevorsteher, wurden nach Lüttich ins Gefängnis geschleppt. Der kommandierende General Micas entsandte auch ei- ne Truppenabteilung in den angrenzenden Kanton Walhorn. Die meisten Rebellen konnten durch die Wälder in Richtung Wittem oder Walhorn fliehen. Von den sechs Gefangenen wurden vier durch das Lütticher Kriegsgericht am 18. germinal des Jahres VII
33 (7. April 1799) zum Tode verurteilt: Nissen aus Homburg, Michel aus Sippenaeken, Reep aus Lontzen und Stassen aus Aubel. Nach- dem der Belagerungszustand am 4. ventöse des Jahres VII (22. Februar 1799) aufgehoben worden war, wurden die Geiseln freigegeben. Eine genügend starke Militärabteilung blieb aber noch im Kan- ton bei den Eltern oder Verwandten der Widerständler einquartiert. Im Juni-Juli 1799 kam es wieder zu Unruhen im Limburger Land, wo u.a. am 21. messidor (9. Juli) der Freiheitsbaum in Char- ‘ neux und in Walhorn niedergeschlagen wurde. Eine 32 Mann star- ke mobile Abteilung war schon dauernd seit Monatsbeginn im De- partement unterwegs, um für Ordnung zu sorgen. Am 25. messidor (13. Juli) wurde der Belagerungszustand wieder in den beiden Ge- meinden verkündet. Er wurde erst am 19. thermidor (6. August) aufgehoben. In seinem Bericht vom 2. thermidor (20. Juli) mußte Lambert Bassenge zugeben, daß die Bevölkerung der altlimburgi- schen Kantone auf die baldige Rückkehr der Österreicher hoffte. Der endgültige Anschluß an Frankreich Die weiteren Kriegsereignisse mußten die Limburger enttäu- schen. Im Vertrag von Campo Formio vom 17. Oktober 1797 hatte Kaiser Franz II. schon auf seine südniederländischen Provinzen zu- gunsten der Französischen Republik verzichten müssen. Nach dem zweiten Koalitionskriege (1799-1800) wurde diese Bestimmung im Vertrag von Luneville am 9. Februar 1801 bestätigt. Inzwischen hatte in Paris Napoleon Bonaparte durch den Staatsstreich vom 18. brumaire des Jahres VIII (9. November 1799) das Direktorium beseitigt und die Macht an sich gerissen. Mit der neuen konsularen Verfassung vom 24. frimaire des Jahres VIII (15. Dezember 1799) kann der turbulente revolutionäre Umsturz des Ancien Regime als weitgehend abgeschlossen betrachtet wer- den. Hiermit schließe ich dann auch diese Beschreibung der Ereig- nisse der Revolutionsjahre im Limburger Land. Die weitere Ent- wicklung gehört einem anderen Kapitel, nämlich der 15 Jahre dau- ernden Franzosenzeit an. Nach den unruhigen Revolutionsjahren blieb für die Limburger eine neue Gesellschaft und eine neue politi- sche Ordnung. Dieselbe entsprach weitgehend den Wünschen der limburgischen Demokraten, die die Reformen Josephs II. unter- stützt hatten. Nur wurden sie leider von der Besatzungsmacht Frankreich aufgezwungen. Da sie von einem antichristlichen Geist begleitet und mit der verhaßten Wehrpflicht gekoppelt wurden,
34 stießen sie bei der ländlichen katholischen Bevölkerung Limburgs aber auch weitgehend auf Ablehnung. Unter den älteren Notablen blieben viele habsburgtreu. Sie er- hofften sich noch stets eine Rückkehr der Österreicher. Nach dem Sturz Napoleons sprach der Herver Gemeinderat noch am 8. Mai 1814 den Wunsch aus, daß das Limburger Land wieder un- ter habsburgische Souveränität gestellt werde (84). x k x * Quellen und Anmerkungen: (60) Edouard Dominique Joseph von Walckiers wurde in Brüssel am 7. November a 1758 als Sohn des Staatsrates Adrien Ange von Walckiers zu Tronchienne und der Dieudonnee Louise Josephe von Nettine, Erbin der berühmten Nettine’- schen Bank geboren. Als junger Mann zeigte er früh Unternehmungsgeist und konnte auf die Freundschaft des bevollmächtigten Ministers Graf Cobenzl rech- nen. Er wurde auch bald zum Generalrentmeister und Miglied des Finanzrates ernannt. Durch seine Verwandten stand er unter dem Einfluß der französischen Philoso- phen. Dies erklärt sein Engagement in der demokratischen Partei um Vonck. Er trat von all seinen Ämtern zurück und finanzierte großartig die aufrühreri- sche brabantische Bewegung. Nach der Übernahme der Macht durch die Privile- gierten versuchte er am 9. März 1790 mit dem Herzog von Ursel einen Umsturz und unterschrieb am 15. März 1790 die Vonck’sche Adresse der Patriotischen Gesellschaft an die Stände. Nach dem Staatsstreich der ”Statisten” mußte er nach Frankreich fliehen. Im April versuchte er Kontakt mit den Österreichern aufzu- nehmen, um Belgien in eine konstitutionelle Monarchie nach englischem Mu- ster umzuwandeln. Während der Restauration von Habsburg enttäuscht, zog er sich wieder nach Frankreich zurück. Am 10. Januar 1792 lud er zur Gründung eines ”Comite general des Belges et des Liegeois” nach Paris ein. Er ließ sich sehr schnell von den Lüttichern beeinflussen und geriet als Mitglied der französi- schen Garde Nationale, der er beitrat, in die vorherrschende revolutionäre Stim- mung. Nach Jemappes begleitete er General Dumouriez beim Einzug in Mons am 7. November und wurde am selben Abend Mitgründer einer ”Societe des Amis de la Libert€ et de l’Egalite”. Am folgenden Tage ließ er die Einwohner der Stadt zur Wahl einer provisorischen Vertretung zusammenrufen. Walckiers stellte derselben einen Betrag von 20.000 Gulden aus eigenen Mitteln zur Verfü- gung. Am 17. November widersetzte sich Dumouriez dem Walckiers’schen Plan zur Gründung einer provisorischen Regierung, um die Konservativen nicht zu erschrecken. Wieder enttäuscht, diesmal vom gemäßigten Dumouriez, zog Walckiers sich nach Paris zurück, wo er noch am 4. November mit anderen Bel- giern und Lüttichern beim Nationalkonvent zugunsten der Unabhängigkeit Bel- giens vorsprach. Nach dem Annexionsdekret vom 15. Dezember äußerte sich Walckiers begeistert dafür. Am 10. August 1793 wurde er aber von einem belgi- schen Flüchtling als ”Verdächtiger’ angezeigt, da er angeblich Börsenspekulant wäre. Es gelang ihm noch gerade, seine Haut zu retten, er verlor aber jeden poli- tischen Einfluß. Halb ruiniert starb er in Paris am 17. April 1837. [Biographie Nationale, Bd. XXVII, Brüssel, Bruylant, 1938. Sp. 37-42].
35 (61) Unter den Lütticher Teilnehmern befanden sich u.a. der geflohene Bürgermei- ster Hyacinthe Fabry und sein Freund Jean Nicolas Bassenge. Die Lütticher be- mängelten, daß die ”armen Belgier noch in der Finsternis beharrten und weit von den echten Prinzipien (der Revolution) entfernt blieben”. Als Belgier wur- den schon seit der Renaissance die Bewohner der habsburgischen Niederlande allgemein benannt. Jacques Hyacinthe Fabry wurde am 13. Dezember 1758 in Lüttich als Sohn des Lütticher Politikers und Juristen Jacques Joseph geboren. Am 4. September 1780 erwarb er das Diplom eines Lizenziaten der Rechte und im darauffolgen- den März folgte er seinem Vater im Amt des Meiers. Er wurde aber am 22. März 1786 vom konservativen Fürstbischof Hoensbroeck ohne triftigen Grund abgesetzt wegen der Stellungnahme seines Vaters im Konflikt um die Spielhäuser von Spa. Beim Lütticher Umsturz vom 18. August 1789 wurde sein Vater mit Chestret zum Bürgermeister gewählt. Jacques Hyacinthe selbst wurde zum Vertreter der Stadt Vis@ in der Generalversammlung des Landes bestimmt. Mit seinem Freund Jean Nicolas Bassenge gab er das "Journal patriotique” her- aus. Kurze Zeit danach wurde er Oberst des Lütticher Jägerregiments, bis er mit der Lütticher Gesandtschaft nach Berlin delegiert wurde. Während der ersten Restauration mußte er wie sein Vater nach Bouillon und dann nach Paris fliehen. In der französischen Hauptstadt gehörte er dem gemäßigten Flügel des ”Comite des Belges et des Liegeois re&unis” an. Nach dem französischen Einmarsch wurde Fabry am 20. Dezember 1792 in den Lütticher Nationalkonvent gewählt. Wie sein Vater nahm er den Anschluß seines Vater- landes in Frankreich nur mit Vorbehalt an. Während seiner Flucht nach Frank- reich wurde er mit seinem Vater von den Radikalen aus Franchimont als ver- dächtig angezeigt und konnte erst nach dem Sturz Robespierre’s wieder aufat- men. Nach dem zweiten Einmarsch der Franzosen wurde Hyacinthe Fabry aber nur für kurze Zeit Mitglied der Lütticher Arrondissementverwaltung. Am 18. November 1795 gehörte er der neuen Zentralverwaltung des Ourthedeparte- ments an und wurde 1797 in den ”Conseil des Cinq Cents” - den Rat der fünfhundert - gewählt. Von 1799 bis 1802 war er Mitglied des ”Corps legislatif”, zog sich aber wieder zurück, um das diktatorische Verhalten des Ersten Konsuls Napoleon nicht billigen zu müssen. Am 23. Germinal des Jahres XI (13. April 1803) wurde er zum Richter beim Kriminalgericht des Departements Nieder- maas in Maastricht ernannt und am 4. August 1807 Gerichtsrat beim Lütticher Appellationshof, dem er bis zu seiner Emeritierung am 16. Oktober 1830 ange- hörte. Hochbetagt verstarb er in Lüttich am 13. Januar 1851. [Biographie Nationale, Bd. VI, Brüssel, Bruylant, 1878. Sp. 821-827]. Jean Nicolas Bassenge wurde am 24. November 1758 in Lüttich geboren. Er stu- dierte am Kollegium der Oratorianer zu Vise. Im Jahre 1781 begann er eine Kar- riere als Schriftsteller unter dem Einfluß des französischen Philosophen Raynal, den er in Spa kennenlernte. Wegen Veröffentlichung seiner Reimsatire ”La Nymphe de Spa” wurde er vor das Lütticher Sendgericht zitiert. Kurz danach reiste er nach Paris ab. Nach seiner Rückkehr (1785) nahm er sofort Stellung im entstehenden Konflikt um die Spielhäuser von Spa gegen den Fürstbischof. Im Jahre 1787 zog er sich nach Köln zurück und wurde nach dem Lütticher Um- sturz vom 18. August 1789 Mitglied des Lütticher Stadtrates. Er gehörte nach- einander der Lütticher Delegation zum Reichskammergericht in Wetzlar, der Deputation, die mit den belgischen Aufständischen eine Einigung aushandeln sollte und mit der Lütticher Gesandtschaft nach Berlin an. Während der Restau- ration mußte er nach Bouillon fliehen und suchte nun Unterstützung in Frank- reich, nachdem Preußen und Habsburg den Lütticher Demokraten die verspro- chene Beihilfe versagt hatten. Er gehörte dem gemäßigten Flügel des im Januar
36 1792 gebildeten ”Comite revolutionnaire des Belges et Liegeois”.an, zog sich aber bald zurück. Nach dem französischen Einmarsch wurde Bassenge Sekretär des Lütticher Stadtrates und dann im Februar 1793 Vizepräsident der Lütticher ”Assemblee provinciale provisoire”. In der Diskussion über den Anschluß an Frankreich blieb er seiner gemäßigten Überzeugung treu und nahm die Anne- xion nur mit Vorbehalt an. Während der zweiten Restauration floh er wieder nach Frankreich, wo er dem Nationalkonvent im April den Lütticher Anschlußwunsch präsentierte. Nach dem Sturz der Girondisten durch die Berg- partei im französischen Nationalkonvent, am 2. Juni 1793, wurde Bassenge als verdächtig angeklagt und verhaftet. Erst kurz vor dem Sturz Robespierre’s frei- gelassen, konnte er mit den Franzosen nach Lüttich zurückkommen und wurde Mitglied der ”Administration centrale provisoire du ci-devant pays de Liege”. Im Oktober 1794 weilte er wieder in Paris, um den Anschluß des Lütticher Lan- des als Ganzes an Frankreich zu verteidigen. Nach seiner Rückkehr im Mai 1795 wurde er zum Prokurator des Lütticher Polizeigerichts ernannt und nach dem endgültigen Anschluß am 27. Brumaire des Jahres IV (18. November 1795) Mitglied der Zentralverwaltung des Ourthedepartements. Nachher wurde er * noch zum ”Conseil des Cinq Cents” gewählt und nach dem Staatsstreich des 18. Brumaire Mitglied des ”Corps legislatif” (bis 1802). In diesem Jahr wurde er durch die napoleonische Regierung wegen seiner Oppositionspolitik ausgeschlos- sen. Bis zu seinem Tode, am 16. Juli 1811, bekleidete er nur noch das bescheidene Amt eines Bibliothekars in seiner Vaterstadt. [Biographie Nationale, Bd. I, Brüssel, Thiry-van Buggenhout, 1866. Sp. 748- 761]. (62) Cesar Constantin Francois von Hoensbroeck (* 1724, H. 1784, + 1792) stammte als neuntes und letztes Kind aus einer alten adligen Familie des Landes Valken- burg, wo sie die Grundherrschaft und das Schloß Hoensbroeck besaß. Im Her- zogtum Limburg erbte er Schloß und Grundherrschaft Beusdael bei Sippenae- ken, womit er am 6. Januar 1760 belehnt wurde. Nach dem Theologiestudium an der Universität Heidelberg wurde er Mitglied und dann Scholaster des Aa- chener Marienstiftes und als solcher Zehntherr von Gemmenich. Im Jahre 1751 wurde er vom Fürstbischof zum Mitglied des Lütticher Hochstiftes und später zum Kanzler und Vorsitzenden des fürstbischöflichen Geheimen Rates berufen. Nach dem Tode des Fürstbischofs Franz Karl Graf von Velbrück (* 1719, H. 1772, + 1784) wurde er einstimmig von seinen Stiftskollegen zum Fürstbischof gewählt. Durch das sture Festhalten an seinen hoheitlichen Vorrechten bei der Errich- tung von Spielhäusern im Kurort Spa kam er in Konflikt mit den Lütticher Stän- den, insbesondere mit dem demokratischen flügel, u.a. dem Lütticher Meier Hyacinthe Fabry. [RENSONNET, Paul J.: Beusdael, son chäteau et ses seigneurs in Bull. Soc. Verv. Arch. Hist., 54. Bd. Dison, Lelotte, 1966. 112 S. Siehe S. 87-89.] (63) Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Commissariat general civil, 48. (64) Chronik des Johann Casper SCHEEN aus Walhorn, herausgegeben von HERMANNS, Will, in ”Der Volksfreund”, Aachener Gene- ralanzeiger für Stadt und Land, 1932. BISCHOFF, Heinrich: Geschichte der Volksdeutschen in Belgien, Heimat- Verlag, Aachen, 1941. 221 S. Siehe S. 17. WIRTZ, Hermann: Eupener Land. Beiträge zur Geschichte des Kreises Eupen. Nachdruck Grenz-Echo Vlg., Eupen, 1981. 92 S. + 8 Bildseiten, Siehe S. 56. (65) HANSOTTE, Georges: Histoire de la revolution dans la principaute de Stavelot- Malmedy. Bull. Inst. Arch. Liegeois, Bd. 69. Liege, Muste Curtius, 1955, S. 96 ff.
37 (66) Erzherzog Karl wurde in Florenz am 9.X1.1771 als Sohn des damaligen Großherzogs von Toskana und späteren Kaisers Leopold geboren. Er wurde 1790 Adoptivsohn des Herzogs Albert Kasimir von Sachsen-Teschen und der Erzherzogin Maria Christina, seiner Vorgänger als Generalstatthalter der Nie- derlande. Trotz labiler Gesundheit und unmilitärischer Erziehung hegte er doch seit frü- hester Jugend ”eine ordentliche Leidenschaft” für den Soldatenberuf. Er nahm . an den Feldzügen in den Niederlanden 1792-1793 teil. Im Feldzug 1794 befeh- ligte er ein Reservekorps, übernahm 1796 das Kommando über die österreichi- sche Rheinarmee und wurde zum Reichsgeneralfeldmarschall ernannt. Seit seiner Amtsführung in den Niederlanden geriet er in politischen Gegensatz zum Wiener Hof und besonders zum Staatskanzler Freiherr von Thugut. Nach dem Friedensschluß des ersten Koalitionskrieges wurde er zum Gouverneur und Generalkapitän in Böhmen befördert. Im 2. Koalitionskrieg besiegte er 1799 Jourdan bei Oostrach und Massena bei Zürich, bevor er 1800 das Kommando niederlegte. Am 9. Januar 1801 wurde er Feldmarschall und Präsident des Hofkriegsrates und versuchte anschließend ei- ne grundlegende Heeresreform. In den weiteren napoleonischen Kriegen prakti- zierte er als Generalissimus eine defensive Kriegsführung. Als gemäßigter Libe- raler geriet er auch in Gegenzatz zu Metternich. Er starb am 30. April 1847. [Neue Deutsche Biographie. Bd. XI, S. 242. Berlin, Duncker u. Humblot, 1977]. (67) Donativgelder (dona gratuita, don gratuit) sind im allgemeinen außerodentliche, von den Landständen bewilligte Abgaben, die häufig über längere Zeit erhoben wurden, so daß Donativgelder für jede außerordentliche Steuer gebraucht wur- den. In Frankreich hießen speziell "don gratuit” die Abgaben der Kirche an den König. In den österreichischen Niederlanden waren die Donativgelder zu einer regelmäßigen Landessteuer geworden, deren Höhe nur noch jährlich von den Landständen gebilligt wurde. [Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Finanzrat, 8527]). (68) DOMKEN, Alexandre: Histoire de la seigneurie et de Ja paroisse de Clermont- sur-Berwinne., S. 288. Liege, Demarteau, 1913. 416 S. (69) PAUCHENNE, L6on: Histoire de la Franchise et de la Paroisse de Henri- Chapelle, S. 64. Dison, Jespers-Gregoire, 1955. 180 S. (70) Gemeindechronik von Hergenrath. (71) GIELEN, Viktor: Geschichtliche Plaudereien über das Eupener Land. Der Kan- ton Walhorn in der Franzosenzeit. S. 40-69, Eupen-Walhorn, Schröder, 1964. 1765. Chronik des Johann Casper SCHEEN. Siehe (64). WIRTZ Hermann: Eupener Land. Siehe (64). (72) Staatsarchiv Lüttich, Fonds Francais, 1868. (73) Der Malter ist die Untereinheit des Maastrichter Muds. 1 Mud = 4 Malter = 24 Faß; 1 Malter = 140,004 Liter. [RUWET, Joseph: L’Agriculture... Siehe (43). S. 78]. (74) Staatsarchiv Lüttich, Fonds Francais 449. (75) BUCHET, Arsene: L’organisation judiciaire et administrative des pays de Lim- bourg, Dalhem, Fauquemont et Rolduc apres la conquete francaise de l’an III (1794). Verviers, Gason, 1949. (76) Freiherr von Fromanteau zu Ruyff hatte sich schon am 24. November 1792 - angeblich auf Geschäftsreise - nach Deutschland abgesetzt. Arnold von Thi- riart besorgte sich am 12. November 1793 Reisepässe für Familie und Diener- schaft. Zivilkommissar und Generalrentmeister Wunsch hatte sich im Septem- ber 1794 nach Deutschland zurückgezogen. [PAUCHENNE: Siehe (46). S. 63].
38 (77) Assignate hieß das Papiergeld, das die französische Regierung zur Deckung des großen Geldbedarfs ausgab. Im Grunde waren es zuerst Staatsobligationen auf die enteigneten Kirchen- und Emigrantengüter, Seit dem 17. April 1790 wurden die Assignaten aber als Papiergeld in Kurs gesetzt. Die ungeheure Menge der herausgegebenen Assignate führte zum rapiden Wertverfall: 90 % des Nenn- wertes Anfang 1791 bis !/3 % im Jahre 1796. Im Mai 1797 wurden die Assigna- ten entwertet, (78) GIELEN: Siehe (71), S. 62. (79) Der Haßeid lautete ”Ich schwöre Haß dem Königtum und der Anarchie, An- hänglichkeit und Treue der Republik sowie der Verfassung des Jahres III”. (80) MINKE, Alfred: Geschichtliche Betrachtungen zu einem Eid. in Geschichtli- ches Eupen VII, Eupen, Markus Vlg, 1973. S. 83-107. de CLERCOQ, Charles: Prötres assermentes et insermentes dans les cantons d’Eu- pen, de Limbourg, de Walhorn et d’Aubel. In Zeitschrift des Eupener Ge- schichtsvereins, 4, Nr. 1, S. 1-7; Nr. 2-3, S. 27. (81) Francois Antoine Marie Constantin Graf von Mean wurde am 6. Juli 1756 im Schloß Saive als zweiter Sohn des Francois Antoine und der Anne Elisabeth Francoise Gräfin von Hoensbroek und Oost geboren. Er entstammte einer alten " Lütticher Juristenfamilie und seine Mutter war die Schwester des späteren Fürstbischofs Cesar Constantin von Hoensbroek. Nach Studien in Mainz und Douai wurde er am 28. Mai 1777 Miglied des Lütticher Hochstiftes, Am 19. Fe- bruar 1786 zum Bischof geweiht, wurde er Suffragan seines Onkels. Während der Lütticher Revolution gehörte er der reaktionären Partei um seinen Onkel an. Nach dessen Tod wurde er am 16. August 1792 einstimmig vom Domkapitel zum neuen Fürstbischof erkoren. Kurz vor Einzug der Franzosen verließ er Lüt- tich am 28. November und suchte Zuflucht in Münster in Westfalen. Nach dem Rückzug der Franzosen am 3. März ließen ihn die Österreicher unter Coburg erst am 21. April in seine Hauptstadt zurückkehren. Obschon der Wie- ner Hof Mäßigung angeraten hatte, erließ er schon am 29. April scharfe Maßnahmen gegen all diejenigen, die den Franzosen gedient hatten. So wurde u.a. der Vervierser Arzt Gregoire Chapuis am 2. Januar 1794 enthauptet. Mean wurde erst am 9. Juli feierlich als Fürstbischof eingeführt. Am 27. Juli mußte Fürstbischof von Mean erneut vor den Franzosen flüchten und Asyl in Erfurt suchen. Nach Abschluß des Konkordates zwischen Napoleon und dem Heiligen Stuhl dankte er als Bischof ab, um den päpstlichen Wünschen nachzu- kommen. Beim Wiener Kongreß versuchte er, obschon stark behindert, seine Ansprüche auf Wiedergründung seines verlorenen Fürstentums geltend zu machen. Kurz danach sah er nun realistisch die neue Situation ein und empfing gerne vom neu- en König der Vereinigten Niederlande, Wilhelm I. von Oranien, seine Ernen- nung als Mitglied der ersten Kammer der Generalstände und den Fürstentitel, Am 28. Juli 1817 wurde er als Günstling des Königs zum Erzbischof von Me- chelen und Primas der Niederlande ernannt, wo er.am 13. Oktober feierlich empfangen wurde. In den letzten Jahren geriet er mit dem gesamten Klerus in Konflikt mit dem König, als Wilhelm I. am 17. Juli 1825 ein einziges philosophi- sches Kollegium zur Ausbildung der katholischen Priester, nach dem Muster Jo- sephs II., verordnete. Kurz nach der belgischen Revolution, am 15. Januar 1831, erlitt Mean einen Schlaganfall. [Biographie Nationale, Bd. XIV, Brüssel, Bruylant, 1897, Sp. 198-209.] (84) MINDER, Arthur: Un episode de la guerre des paysans, in Bull. Soc. Verv. Arch. Hist., Bd. 31. Verviers, Leens, 1939. Seiten 11-38. (83) Jean Thomas Lambert Bassenge wurde am 31. Juli 1767 in Lüttich geboren. Während der Lütticher Revolution engagierte er sich nach dem Vorbild seines
39 älteren Bruders Jean Nicolas. Im Januar 1793 wurde er zum Mitglied des Lütti- cher Stadtrates und dann der provisorischen Provinzialversammlung gewählt. Nach der Rückkehr der Kaiserlichen floh er nach Paris und engagierte sich in der republikanischen Armee. Beim zweiten französischen Einmarsch bekleidete er das Amt eines Divisionschefs der Transporttruppen bei der französischen ”Armsee du Nord”. In Lüttich gründete er kurz danach den ”Courrier du depar- tement de l’Ourthe”. Im Juli 1795 wurde er wieder Mitglied des Lütticher Stadt- rates, 1802 Unterpräfekt in Malmedy und zwei Jahre später Mitglied des ”Corps legislatif”. Ab 1811 wurde er Beamter bei der Tabaksteuerverwaltung, zuletzt im Departement der Vogesen, wo er 1821 in Epinal verstarb. [Biographie Nationale, Bd. I. Brüssel, Thiry-van Buggenhout, 1866. Sp. 761- 762]. (84) LECONTE, Louis: La Revolution brabanconne. Siehe (8). S. 175. Fußnote (3).
40 Zur Nacht von M.Th. Weinert Im Ohr Schrei der Wildgänse, knarrenden, orgelnden Klang rauher Kehlen, Laute die tragen, knüpfend die Kette der Vögel zum Keil ... . Uralte Geleitmelodie im Rhythmus schlagender Schwingen, verschworener Gemeinschaft herbes Lied.
41 Der Umtausch des deutschen Geldes im Kreise Eupen i.J. 1920 von Alfred Bertha Eine zufriedenstellende Regelung des Geldumtausches und der zukünftigen Handelsbeziehungen mit Deutschland: das war eine der Zusicherungen, die der Hohe Kommissar Baltia in seiner berühmten Proklamation vom 11. Januar 1920 den Einwohnern der Kreise Eupen und Malmedy gegeben hatte. Für eine Integration in das belgische Wirtschaftsleben war der Wechsel von der Mark- zur Frankenwährung unumgänglich. Schon am 6. Februar desselben Jahres — noch vor Abschluß der sog. Volksbefragung — forderte der Kommissar die Bürgermeister der beiden Kreise auf, einen Zettelkasten mit den Namen der "seit einem dem 1. August 1914 vorgängigen Datum "in ihrer Gemeinde ansässigen Personen anzulegen," um die Operationen der unmittelbar stattzufin- denden Einziehung der deutschen Geldwährung vorzubereiten". Es sollte je eine vorgedruckte Karteikarte angelegt werden "- für jedes Familienoberhaupt, dem gestattet werden wird, seine Markmünzen in seinem eigenen Namen sowie im Namen seiner nicht geschiedenen Ehefrau und seiner unverheirateten und unter demselben Dach wohnenden Kinder zu hinterlegen; "- für die Witwen, die geschiedenen Gatten, die großjährigen, nicht in der 1. Kategorie mit einbegriffenen Personen". Es wurde angekündigt, zu einem späteren Zeitpunkt auch Karteikarten für die minderjährigen Kinder sowie für die Gemeinden, die gemeinnützigen Anstalten, die Gesellschaften oder irgendwelche Verbindungen anlegen zu wollen. Die Bürgermeister waren gehalten, bis zum 20. Februar diese Registrierung abzuschließen. Gleichzeitig mit den Karteikarten gingen den Bürger- meistereiämtern Deponierungsscheine zu, auf denen die Summen der von den Einzelpersonen deponierten Markbeträge zu vermerken waren. Am 13. Februar 1920 erließ General Baltia eine 12 Artikel umfassende Verordnung, welche die Einwohner der Kreise Eupen und Malmedy, die schon vor dem 1. August 1914 dort ansässig waren, verpflichtete, ihre Markguthaben bei den dazu vorgesehenen Stellen zu deponieren bzw. anzumelden, Die Höhe der zum Umtausch zugelassenen Summen wurde auf 300 Mk pro Einwohner festgesetzt; der Kurs betrug 1 zu 1. Personen, die vor dem 1. August 1914 nicht in Eupen-Malmedy ansässig waren sowie Ausländern, konnte mit besonderer Genehmigung
- Gouvernement EUPEN und MALMEDY El = h ä DES Der Königliche Oberkommissar - Gouverneur der gemäss Art. 33 bis 35 des Versailler-Vertrages vom 28 Juni 1919 mit Belgien einverleibten Gebiete, auf Grund der ihm durch Art. 2 der Gesetzes vom 15 September 1919 verliehenen Befugnisse,
VERORDNET: ART. 2. Der Austausch des deutschen Geldes gegen bei- gischos goschichl bis auf 300 Mk per Einwühner, zum Kurse von Ant. 7. -- Die auf Grund dieser Verordnung vorzunehmenden Ir. = "1 Mk, sofern der Deponenl den Vorschriften der gegen- perlionen erfalgen nach Massgabe meiner Verfügungen, unler wärligen Verordnung nachkommt. Heranziehung der Rürgermeislereien, und zwar auf Kosten und + Ausser den im Art. 3 vorgesehenen Fällen, darf kein Peponal unter Verantwortung (der Gemeinden, je für ihre eigenen für Rechnung von Personen oder Vereinen welche nicht vor dem Einwohner, wie es aus folgenden Vorschriften hervorgeht. Tsten August 1914 in den Kreisen Eupen oder Makmedy ansässig waren, noch im Namen eines Ausländers, geschehen; doch kön- Ant. 8.” Die Regierung von Eupen und Malınedy wird den nen die, mil einer hesanderen Ermächtigung des Bürgermeisters Gemeinden Vorschüsse in beigischem Golde gewähren, und zwar: versehenen Familienhäupter einen Belrag von 150 Mk für jedes 1° Die für die in Arl. 2 vorgesehenen Wechseleperalionen nöti- Milglied ihrer Familie, gegen eine gleiche Zahl Franes gewach- gen Gekisunmen; sell bekommen. 2° Je nach den vorhandenen Bedürfnissen, diejenige (inld- Für jede Familie, oder für jede im Art. 6 (Absulz 4) ange- summen welche für «ie zu gewährenden Vorschüsse auf dopo- gebene Personengrüppe, darf kein Deponal 50,000 Mk überstei- nierten Markbeträge, und für den etwaigen Weilerwerhsel nölig “gen: eventuell ist der Ueberschuss anzumelden. Die Depanate sein werden, Diese Vorschüsse werden den Gemeinden zinslos welcher Ursprung verdächtig erscheinen würde, werden von uber gegen eine jährliche Vergülung von 0 fr. 35 % gewährt: der Hürgermeisterei oder von der beireflenden Gemeinde einer was die unler 2" erwähnten Vorschüsse betrifft, bleibt diese Ver- Untersuchung unlerzogen; nur wenn der Ursprung des Geldes külung zur Last der Gemeinden und telziere ‘werden eventuell von der Gemeindebehönde und von mir als nicht gesetzwidrig anch den Wechselverlust {ragen müssen zur Zeil wo die Flüssig- erkannt wird, werden die Deponalen endgüllig angenommen. machung der gewechsellen Markbeiräge erwünschl sein wird; in Unbeschadet aRer gerichtlichen Verfolgungen, kann jede Abwarlung dieser Flüssigmachung werden die Mark-Stücke oder ‚gegen diese Verfügungen verstossende Dekläralion dir Aoschla- Nolcn hei der Beigischen Nationalbank als Pfand [für die gewähr- grahme des Deponaten zur Folge haben. Ion Vorschüsse hinterlegt; wenn möglich werden diese Beiräge u gunsten der Gemeinden zinsbar gemacht werden. Art. 3. -— Ich behalte mir das Recht vor in besonderen wir { sofort. zu meldenden Fällen zu unlersuchen ob es sich nicht „Ant. 9. AMe Knanzieflen. Operationen in Bankkontos, auf Johnt vonder Ausführung der im Art. 2, Abs. 2 dieser Verordung Sicht oder mil Vorherbenachrichligung, oder auch mit Sparkas- vorgesehenen Massregel Absland zu nehmen. sendeposilen, sind bis auf weiteres unlersagt; die Bahık- und W Krodilanstallen sind gehalten an ihre auf Grund dieser Verord- Ant. 4. .- Die Verzeichnisse auf welchen die Deponaten ange- ming zum Deponicren der Markbeiräge ermächligien Kunden, meldet werden, werden vom Depositen-Beamten (Rentmeisler und auf Anfrage derselben, eine für richtig erklärle Bescheini- oder dessen Vertroier) ausgeferligl, und zwar in zwej Exempla- gung zu erfeilen, woraus den Saldo ihrer Kontos am 31 Dezem- ren vom denen das eine von ihm unterschrieben und gestempell, ber 1918, am 30 Juni 491%, am 34 Dezember 19419 und am heu- ‚dem Deponenten als Empfangschein für den nicht gewechseiten ligen Tage hervorgeht. n nnd zinsinsen Retrag ausgehämligt wird, Diese Bescheinigungen müssen vun den Interessenten am späleslens gleichzeitig ınil der Abgabe der auszulauschenden Ant. 5. -- Bevor ein neuer Auslausch, dessen Zweckmässig- Gelder an ihrer Bürgermeisterei abgegeben werden; gegebenen- keit’ noch geprüft werden könnte, stattfindet, können auch mn- falls wird auch das Sparkassebuch vorzulegen sein.” natliche Vorschüsse in belgischer Währung zum Kurse von Die Einwohner welche sich ats Inhaber eines Bank -oder Spar- {Mk = 1 fr. und gegen Beweisstücke bewilligt werden; doch kassekonlos angemeldet haben und welche am Tage der Mar- dürfen diese Vorschüsse den Höchstbelrag von 200 Ir. für das keinziehung kein firssendes Geld besilzen um den ersten Aus- Familienhaupt, und 100 fr. für jedes Mitglied der Familie nicht tausch von 300 Mk per Einwohner auszuführen, werden aus übersteigen. ‘Nur in gewissen Fällen und für erwiesent Bedürf- ihren Bank- oder Sparkassendepositen den nöligen Betrag be- ‚nisse kann dieser Hüchstbelrag überschrillen werden. kommen können, aber nur gegen Vorlegung eines von der Bür- Für in Deutschland zu teistende Zahlungen wird die Erstattung germeisterei visierlen Checks (oder Quitlung). des Depunalen ganz oder teilweise genehmigt werden können; dann aber sind die elwa früher erhaltenen Vorschüsse, zum Ant, 10, Die die Einziehung mer den Austausch von Mark- „selben Kurse wir sie bewilligt wurden, wieder rückzuzahlen, heiräge heireffenden Operationen sind der Aufsicht der belgi- Die in der Markwährung festgesetzten Guthaben deren Vorhan-, ‚schen Bohürde unterworfen; diese Rehörde bebAll sich das Recht densein auf sicherer Weise bewiesen ist werden ihren Ausgleich var sich alle von ihr als nötig geachleten Schriflstücke vorzeigen A Vehertragung aus der Rechnung des Schuldners nach eb rjenigen des damit einrerstandenen Gläubigers linden können. je il Ten Vorne Sea ge Oder EDEN AEE ve Ant. 11. Diejenige Person welche nach ihrem ersten Dupo- mir zur Gutheissung vorgwegl und dann güflig gemacht mitlelst nalen nber innerhalb der achilägigen im Art. 1 vorgesehenen einer vom Ben EEE ya BE AK SEC Allen Frist noch ein zweites Depanat ausführen möchte, wird ihre Erklärung, weiche auf dem Verzeichnisse abzugeben is!. SE DE AO RAS DE Doplaal mıin- ZE y fangen hal, einreichen. und emselhen den ersten Empfang- Etwaige Einsprüche gegen Erslallung eines Depanalen der schein vorzeigen müssen. <ines Teils davon sind hei der Rürgermeisterei welche das Dopn- OA nat angenommen hat, einzubringen, und zwar-unler Berücksich- | * * Ar, 12, - Sobald die achllägige im Art. 1 vorgesehenen Frist AM, kn sea algen in den Gebieten Eupen und Malmedy versirichen ist, wird das heigische Geld allein kursfähig sein. gen Geselze, Malmedy, den 43 Fehrunr 1990. Art. 6. Die Geldabgahr wird Inlgenderweise staliünden ) HA MEHEM general ‚4° Von dem Familienhaupt : im eigenen Namen ımd in Namen GENEHMIGT - seiner nicht geschiedenen Frau und seiner nicht verlgiraleten, Der Premier-Minister. mit ihm Jebenden Kinder: inanzminister, nie ‚auch Finanzminister, 2° Von volljährigen unverheirateten Persanen die im vorigen £ L£0on DELACROIX. FE AN NA BETEN EAN houdt,s. a.,5 et 7, rue du Marteau. Auszug aus der Verordnung bzgl. der Einziehung des deutschen Geldes
44 des Bürgermeisters ein Betrag von 150 Mark zum Kurse 1:1 umgewechselt werden. Die Höchstsumme der deponierten Markbeträge wurde auf 50.000 Mark pro Familie begrenzt. Bei verdächtigen Deponaten, d.h. Geldern, deren Herkunft nicht klar ersichtlich war, mußten die Gemeinden vor Annahme der Gelder den Fall prüfen. (1) Bei Vorlage von Beweisstücken konnte nach dieser ersten Umtauschaktion weiteres belgisches Geld als Vorschuß ausgegeben werden. Des weiteren regelte die Verordnung vom 13. Februar den Modus des Umtausches, die den Gemeinden zu gewährenden Vorschüsse, die Bankoperationen etc. Die Ausführungsbestimmungen zu der genannten Verordnung umfaßten 11 Schreibmaschinenseiten. & Es blieben nun noch die materiellen Einzelheiten des Umtausches zu regeln. In Eupen wurden 9, in Raeren 2, in Herbesthal 2 und in den übrigen Gemeinden je 1 Raum dafür vorgesehen. Die Einziehungsarbeiten begannen am 8. März 1920, morgens 9 Uhr, und endeten am 17. März 1920, nachmittags um 16 Uhr. Jedoch wurden dieselben in Eynatten nur vom 8.-13. März, in Kettenis vom 8.-12. März, in Neu-Moresnet vom 15.-17. März, in Walhorn vom 13.-17. März, in Hergenrath vom 8.-13. März, und in Hauset vom 15.-17. März durchgeführt. Jeden Tag waren die Annahmestellen morgens von 9-12 und nachmittags von 13-16 Uhr geöffnet. Bei der Abgabe des deutschen Geldes erhielten die Deponenten eine Empfangsbescheinigung. Es wurden «alle gediegenen Metallgelder angenommen. Was das Papiergeld angeht, so wurden nur Reichs- banknoten, Darlehenskassenscheine und Eupener Stadtbons be- rücksichtigt. Anderes Papiergeld, das von den deutschen Bundesstaaten oder von Städten und Gemeinden außerhalb der beiden Kreise Eupen und Malmedy in Umlauf gesetzt worden war, wurde nicht zum Umtausch zugelassen. Die Banknoten mußten sorgfältig entfaltet und nach ihrem Wert in Päckchen von 20, 25, 50 oder 100 Stück gebündelt werden. Um zu verhüten, daß ein und dieselbe Person mehrere Male vorstellig wurde, versah der Einzugsbeamte den Personalausweis an deutlich sichtbarer Stelle mit einem "P", wenn der Deponent in eigenem Namen erschien, und mit einem "R", wenn das Geld für Rechnung einer anderen Person abgegeben wurde, Monatliche Vorschüsse wurden in Höhe von 200 F für das Familienoberhaupt und 100 F für jedes weitere Mitglied der Familie
45 gewährt, und zwar wie beim ersten Umtausch zum Kurse von 1 Mk = 1 F. Für nachgewiesene Bedürfnisse (z.B. Familiengründung) wurde diese Beschränkung aufgehoben. Rückerstattungen von Markbeträgen waren nur für in Deutschland zu leistende Zahlungen zulässig, z.B. im Falle von aus Deutschland bezogenen Materialien der Industrie. Der Kgl. Kommissar Baltia ließ den Gemeinden für die bei der ersten Umtauschaktion notwendigen Beträge sowie für die den Deponenten nötigenfalls monatlich zu gewährenden Vorschüsse seinerseits einen Vorschuß zugehen. Für die monatlichen Wech- seloperationen, die im Falle dringender Bedürfnisse durchgeführt werden durften, hatten die Gemeinden einen jährlichen Zins von 0,35% der so vorgeschossenen Gelder zu zahlen. Auch Wechselkursverluste, die sich aus einem Wertverlust der bei der Belgischen Nationalbank deponierten Markguthaben ergeben konnten, waren zu Lasten der Gemeinden. Am26. Februar 1920 erging von der Finanzverwaltung in Malmedy die Aufforderung an die Bürgermeister, wenn möglich noch vor dem 1. März eine beglaubigte Abschrift der Lohn- und Gehaltslisten der Unternehmer von Mitte Januar bis Mitte Februar 1920 sowie eine in Franken libellierte begründete Aufstellung der für die erste halbmonatliche Frist nach Einziehung des deutschen Geldes für Rohstoffankäufe in Belgien etc. benötigten Mittel einzureichen. Die Frage des Markum- tauschs war damit aber noch lange nicht endgültig geregelt. Die Gemeinden wurden am 27. Mai 1920 zur Einsetzung von "schieds- gerichtlichen Kommissionen" zwecks Prüfung der Geldhinterlegung aufgefordert, wobei die am 31.12.1913 erfolgte Vermögenserklärung als Grundlage dienen sollte. Auch andere beweiskräftige Unterlagen, wie Spar- und Bankguthaben nach dem Stand vom 31.12.1913, konnten als Berechnungsgrundlage der umzuwechselnden Mark-Beträge dienen. Zur Umwechslung vorgeschlagen werden durften bei allen De- ponenten "die vollen bei der Steuererklärung oder von der Steuerbehörde eingeschätzten Einkommen der Jahre 1914 und 15 als Ersparnisse der sechs Jahre 1915-20". Waren Steuereinschätzungen nicht vorhanden, so konnte für Personen von mindestens 26 Jahren (mit Ausnahme der Ehefrauen) eine Ersparnis von 1.800 M, für Personen bis 20 Jahre eine solche von 300 M für die Jahre 1914-1920 angenommen werden. Vermögenswerte, welche am 31.12.1913 bestanden, «ohne einen Barwert darzustellen», wohl aber bei Deponierung Barwert besitzen (Wertpapiere), kamen zur Umwechslung in Betracht, sofern nicht angenommen werden mußte, daß solche im Hinblick auf den Markumtausch zu Bargeld gemacht worden waren und die Inhaber einen «übermäßigen Gewinn den Friedenswerten gegenüber» erzielt hatten. Auch mußten die für diese Vermögenswerte erhaltenen Summen bei
SGoudernement Enpen-Malmedy Finanzverwaltung, Malnedy, den 26, Februar 1920, Me. 2167. Einziehung des deutschen Geldes. Herr Bürgermeifter ! Ih beehre mich, Sie zu bitten, alle Yorficher jeglicher Unternehmen hrer Gemeinde einzuladen, . Zonen unorrzüglich folgende Urkunden zuzufenden: 1. Cine beglaubigte Aofchrift der Lohu- und Gehnltsliften, welche die Unternehmer für den legten Januarhatbmonat fowie für den erfien Februarhnalbmonat diefes Inhres 3wcd8 Zahlung der Löhne und Gehälter ihrc8 Rerfo= unl8 aufgeftellt Haben. 2. Gin Nechtfertigungsbeleg der in Franken aufgestellten Summen, deren fic unbedingt während der erften halb- monatlichen Frift nach Einziehung des deutfchen Geldes ; bedürfen zes Ankauf in Belgien von Nohftoifen 26. 8 it von Belang, mir die Urkunden in einer Sendung md wenn möglid noch vor dem 1. März zukommen zu Infjen, “Die Abgabe der den Arbeitgebern zu leiftenden Vorfhüjfe wird befonders von der Schnelligkeit, » mit welcher bie gefengten Urkunden eingereicht werden, abhängen. Hochachlungsvoll! Der Geheimrat des Finanzwefens, gez. (Unterfehrift.) Un den Heren Bürgermeifter in Eupen. N MVorftehendes Schreiben bringe id zur Kenninis der Inierejjenten mit der Aufforderung, die vorfichend angeführten Unterlagen bis fpäteflens Dienstag, den 2. März, undhmittags 5 Mohr . auf dem Lebenömittelamt I Neuftraße in doppelter Ausführung in verfehlofjenem Briefumfehlag einzureichen. Berfpätete Anmeldungen Können nigt mehr b-rücfihtigt werden. Eupen, 28. Februar 1920, Der Bürgermeißter: Dr. Graf Metternich,
47 dem Deponenten, der sie erworben hatte, von der Umtauschsumme in Abzug gebracht werden. Aus den steueramtlichen Unterlagen der Deponenten war zu entnehmen: - das Kapitalvermögen; - das Grundvermögen; - das gewerbliche Vermögen, welches das Betriebsvermögen der einzelnen Handwerker und Gewerbetreibenden angibt; - das Einkommen der einzelnen Jahre; - die Schulden. Bei größeren Betrieben dienten die Bilanzen zur Berechnung des Vermögens. Weitere amtliche Unterlagen für die Bearbeitung der Besitz- standserklärung konnten sein: Kaufakte bei Immobilientransaktionen, Hypothekenbriefe, Schuldscheine, Erbschaftssteuerbescheinigungen. Beträge aus Lebensversicherungen kamen nur dann zur Umwechslung, wenn es sich um wirkliche Todesfälle handelte oder die Lebens- versicherung vor Waffenstillstand ausbezahlt wurde oder abgelaufen war. Brandschadensvergütungen wurden umgewechselt, wenn der Brandschaden nicht bereits durch einen Neubau ausgeglichen war. Kriegsschädenvergütungen wurden nicht zum Umwechseln zugelassen. Wie man sieht, hatten die für die Einziehung des deutschen Geldes und den Umtausch der Markguthaben verantwortlichen Stellen viele mögliche Fälle in Betracht gezogen. Erbschaften und Lebens- versicherungen, Brandschäden und Immobilienverkäufe deckten aber noch längst nicht das gesamte Spektrum der Möglichkeiten ab. Wie hatten sich die Mitglieder der "schiedsgerichtlichen Kommissionen" im Falle einer von auswärts (sprich: Deutschland) kommenden Mitgift zu verhalten? Was war mit Geld, das aus dem Verkauf von Möbelstücken herrührte? Durften Geldgeschenke zum Umwechseln angemeldet werden? Solcher und ähnlicher Fragen gab es noch viele. Die Finanzverwaltung gab in allen Fällen klare Richtlinien, behielt sich aber immer die letzte Entscheidung vor. Bis zum 15. November 1920 sollten die Besitzerklärungen geprüft sein. Anschließend würde jedem Deponent ein Bericht über die zu wechselnde Summe zugehen. Gegen diesen Bescheid konnte Einspruch erhoben werden, was eine erneute Prüfung der Erklärung nach sich ziehen mußte. Die bei der Währungsumstellung auftretenden Härtefälle konnten nicht alle vorhergesehen werden. Nicht nur die Industrie wurde dadurch schwer getroffen und zunächst ihrer Konkurrenzfähigkeit beraubt (2). Viele Einzelpersonen, die schon seit Jahren in den beiden Kreisen ansässig waren, wurden nun als Ausländer beim Geldumtausch, wenn
€ | nl TRIACUN A + Nah BHeutiger Rüdjprade mit dem Herrn Gouverneur General Baltia fann ih der Bevölferung des Kreijes Eupen bekannt geben, day der Belgijhe Staat infolge der Bemühungen des Herrn Oberkommijjars eine Hinreidende Summe zur Vers Fügung geltellt Hat, um den ungejtörten Fortgang des Wirtjhaftslebens im Kreife Eupen für bie Mebergangszeit Jiher zu jtellen, Diefe Summe Hat der Kreis entjprechend der Verordnung des Herın Hohen Kommiffars vom 13, Februar 1920 auf Koften und Vers antwortung des Kreifes und der Gemeinden zur Verteilung zu bringen. In Ausführung diejes Auftrages wird der Kreis die Unterverteilung bdiefer Summe auf der Bafis 1 Franken für 1 Mark vornehmen. ) Mus diejfer Summe werden zunächit von Montag cb denjenigen, die dauernd eine gewijfe Anzahl Arbeiter befchäftigen, die für die BegahHluug der Löhne und Ges Hälter erforderlichen Gelder ausgewechfelt. Zu diejem Zwere ift eine Abfjchrift der für bie jegige Lohnzahlung in Frage fommenden LoHnlijte, die u. a. Namen und Stand ber in Betracht kommenden Arbeiter und Angeftellten enthalten muß, mitzubringen. Die LohHnlijten müjfen zur Endjunmme aufaddiert fein. Außerdem find die im Befif der Deponenten befindliden A, bezw. B. Vogen mitzubringen. Dieje Lifte ft von den Srtliden Behörden zu prüfen und vom Bürgermeijter zur Auszahlung zu genehmigen. In den Fällen, wo der deponierte Barbeirag zur entfpredenden Dedung der zu erhal tenden Frankenjumme nicht ausreiden jollte, ijt ein Sched zur Dedung des Mehrbetrags vorzulegen. Die Auszahlung der Franken erfolgt für alle Gemeinden auf dem [tädt, Lebensmittelamt in Eupen, Neuftrake, (Reftaurant Schwemmer). Des weiteren werden im Laufe der Woche nach Beendigung der nod anzu ftellenden Erhebungen an einem nom) näher bekannt zu gebenden Tage den Gewerbes treibenden unter gleiden Bedingungen diejenigen Gelder gezahlt werden, die zum Unfauf von Waren in Belgien unbedingt erforderlich find. Aud den Privatleuten, die zunächit über kein ausreidendes Frankeneintommen verfügen oder bet denen id fonjt aus irgend einem befondern Grunde ein dringendes Medürfnis zu einer weiteren Auswechjelung Herausftellen follte, Lönnen unter denjelben Bedingungen von Fall zu Fall entfpredjende Beträge zur Verfügung geftellt werden. Inwieweit von einzelnen Gewerbetreibenden oder von Privatleuten befondere Anträge auf Auswechfelung zu ftellen find, wird eine in den nädjjten Tagen erfheinende Bekanntmachung aut bezgl. Form und Aıt pp der einzureihenden‘ Gefuche Muftlärung geben. $ Eupen, ben 28. März 1920. Der Kreistommilfar Xhaflalre.
49 auch nicht ganz ausgeschlossen, so doch stark benachteiligt. Ein besonders schwieriges Problem stellten auch die vielen "Grenzgänger" dar, die tagtäglich im benachbarten Aachen ihr Brot verdienten. Für diese Personengruppe erließ der Kreiskommissar Xhaflaire am 26. April 1920 eine Reihe von "Richtlinien für die Umwechslung der außerhalb des Kreises verdienten Löhne". Danach galten für eine Höchstzeit von 120 Tagen, vom 19.3.1920 an gerechnet, folgende Bestimmungen: - Für den Haupternährer der Familie wurden in den ersten 8 Wochen wöchentlich 42 Mark gegen 42 Franken eingetauscht; in den folgenden 8 Wochen noch 84 Mark gegen 42 Franken. - Für jedes weitere Familienmitglied, das auch zum Unterhalt der Familie beitrug, wurden in den ersten 8 Wochen 84 Mark gegen 42 F gewechselt, danach 126 Mark gegen 42 Franken. Vorbedingung war, daß die Arbeiter täglich nach Hause kamen und «zur Weiterführung des Haushaltes» wesentlich beitrugen. In Fällen, wo der Arbeiter nur wöchentlich oder in noch längeren Abständen nach Hause kam, war zu prüfen, in wieweit derselbe «zur Lebensfähigkeit des Haushaltes» beitrug. Unter Umständen war ein solcher Arbeiter vom Umtausch auszuschließen. Nicht zum Umtausch zugelassen wurden Beamte und Arbeiter, die in staatlichen oder kommunalen deutschen Einrichtungen außerhalb des Kreises Eupen beschäftigt waren. "Da die Umwechslung nur eine beschränkte Zeit dauern soll", so Xhaflaire, "und voraussichtlich noch gekürzt wird, ist den Arbeitern klar zu machen, daß sie sich längstens innerhalb der festgesetzten Zeit in Alt- oder Neubelgien Arbeit suchen müssen. Neue Zugeständnisse sind auf keinen Fall zu erwarten." Der Kreiskommissar ordnete die Errichtung eines Arbeitsamtes an, das alle Berufe erfassen sollte, die für obige Umwechslung in Frage kamen. Die einzelnen Gemeinden hatten sich gegenseitig die Nachfragen und Angebote an Arbeitskräften zu melden. "Jeder, der eine halbwegs zusagende Arbeit verweigert, ist von der Umwechslung auszu- schließen." Zur Prüfung der einzelnen Fälle war durch die Arbeiter anzugeben, seit wann sie außerhalb des Kreises arbeiteten, welche Zeit sie voraussichtlich benötigten, um innerhalb des Kreises Arbeit zu finden und aus welchen Gründen sie im Kreise keine Beschäftigung fanden. (Am 15. April 1920 war es in Eupen zu einer Protestkundgebung von etwa 10.000 Menschen gekommen, die die Freilassung des in der Nacht vom 14. auf den 15. verhafteten Gewerkschaftssekretärs Pontzen erzwingen wollten. Schon am Vortag hatten etwa 7.000 Personen gegen die aus der Grenzziehung erwachsenen Schwierigkeiten protestiert. Die
50 Großkundgebung wurde durch Polizei und Militär aufgelöst. Kreiskommissar Xhaflaire kündigte einer Abordnung streikender Arbeiter an, die Regierung Baltia habe 20 Millionen Franken zur Verfüngung gestellt, um die Härten bei der Währungsumstellung zu mildern. In Zukunft sollte jeder Arbeiter von seinem Lohn 7 Mark pro Tag zum Kurs von 1:1 umtauschen können.) (3) Die von den erwähnten schiedsrichterlichen Kommissionen vorgelegten Berichte stießen bei fast allen Bevölkerungsschichten auf heftigen Widerstand. Die Industrie wehrte sich gegen die Anrechnung der Löhne auf die Wechselsummen; die Handwerker und Geschäftsleute fanden, die Betriebskapitalien seien in den Steuerkarten durchweg zu niedrig eingeschätzt; die Landwirte benötigten zusätzliche Mittel, um die während der Kriegsjahre vernachlässigten Felder in Stand zu setzen und die Hausbesitzer hatten lange unterbliebene Reparaturen auszuführen. Unwillen erregte auch, daß ein Teil des umzutauschenden Geldes 4 in Kassenbons zu 3% gezahlt werden sollte. Im belgischen Inland brachten solche Papiere meist 5%. Die Scheine, so sagten die Neubelgier, seien keine Zahlungsmittel, da niemand sie als solche annehme, deshalb auch nicht als Umwechslung zu betrachten. Eine Volksversammlung im Eupener Jünglingshaus, zu der am Sonntag, dem 30. Januar 1921, laut damaligen Presseberichten "alle Stände von Eupen Stadt und Land", "Hunderte und aber Hunderte" zusammengekommen waren, gab erstmals allen betroffenen Gruppen Gelegenheit, ihre Kritik öffentlich vorzubringen, und dies in Anwesenheit von Kreiskommissar Xhaflaire, den Bürgermeistern und sonstigen Vertretern der Stadt und der Landgemeinden sowie des Vervierser Abgeordneten Winandy. Der Pressevertreter, der von Hunderten von Teilnehmern gesprochen hatte, verbesserte sich und schrieb: «Man kann schon eher sagen: Tausende. Waren doch nicht nur der Saal selbst bis zum letzten Winkel, alle Gänge von stehenden Teilnehmern dicht besetzt, nach Hunderten zählten die allein, die draußen im Hof durch die geöffneten Fenster dem Gang der Verhandlungen folgten. Fast beängstigend war der Zudrang zur Versammlung, jene Enge im Saal; aber alle etwaigen Befürchtungen erwiesen sich als grundlos; ruhig, ohne Unfall, ohne Störung und — das sei schon vorweggenommen — ohne ein unrechtes oder auch nur allzulautes Wort aus dieser gewaltigen Menge verlief die Massenversammlung von Anfang bis zu Ende.” Beieiner am 17. Januar 1920 im Eupener Rathaus stattgefundenen Versammlung hatte der Wirtschaftsausschuß des Kreises Eupen schon vorgeschlagen, den örtlichen Kommissionen die Berechtigung zu erteilen, bei Vermögenswerten bis 25.000 M eine Wechselsumme zu befürworten, welche sich nicht aus den Steuerakten ableite. So könnten die «Geschäftsleute, Handwerker, Landwirte und der kleine Mann»
x OO ) } 0 A A SE a Die vertrauten Reichsbanknoten (hier verkleinert) wurden nach dem Anschluß Eupen-Malmedys an Belgien gegen belgische Scheine bzw. gegen "Kassenbons" eingetauscht.
53 berücksichtigt werden. Zu den Kassenbons hatte der WA den Standpunkt vertreten, nur 50% der gesamten Wechselsumme dürften aus solchen Scheinen bestehen, die zu 5% verzinst werden müßten und nicht über die Optionszeit, d.h. den 31.12.1922, hinausgehen dürften. Die Großversammlung im Jünglingshaus erlaubte es nun, wie gesagt, allen Berufsschichten, sich zu Wort zu melden und ihren Standpukt darzulegen. Als Vertreter des Kleinhandels machte Josef Pommee klar, daß der Hauptgrund der Unzufriedenheit darin liege, daß das zugrunde gelegte Betriebskapital von 1913 nicht akzeptabel sei, da damals jeder Geschäftsmann aus steuerlichen Gründen möglichst wenig angegeben habe. Kaum mit dem Zehnfachen komme der Geschäftsmann heute aus. Viele stünden denn auch vor der Frage, ob sie nicht ihr Geschäft schließen müßten. Der Redner erläuterte die schwierige Lage der Kleinhändler, deren guter Glaube in die Regierung enttäuscht worden sei, und er wies darauf hin, daß der Staat, wenn er uns übernommen habe, damit auch Verpflichtungen gegen uns auf sich geladen habe. Die altbelgische Presse und die Vertreter im Parlament sollten über die wahre Lage, über die man in Belgien nicht unterrichtet sei, berichten, die Parlamentarier aber hätten hier eine nationale Pflicht zu erfüllen. In Flandern sei die Not die Folge des Krieges, bei uns sei sie die Folge des Friedens. Der Eupener Oberpfarrer Löchte schilderte in bewegten Worten die Not der Kirche, besonders der Pfarre St. Nikolaus. Von den deponierten 120.000 M habe man nur 16% zum Umtausch angenommen, ähnlich sei es in anderen Pfarren des Dekanates gegangen. So habe seine Gemeinde kein Geld mehr, um die dringendsten Ausgaben zu bestreiten. Für die evangelische Kirchengemeinde sagte der Fabrikant W. Peters, die Gemeinde habe 40.000 M zum Umtausch deponiert, nur 20.000 seien umgetauscht worden, jedoch nur 4.000 in Bar, der Rest in Kassenbons. Als Vertreter des Handwerks legte der Obermeister der Bäckerinnung, R. Rinck, die Notlage und die Wünsche der Handwerker dar. Von allen Gruppen, so sagte Rinck, habe das Handwerk am schlechtesten abgeschnitten. Es fehle an Kapital und sogar eine Mehrumwechslung von 200% könne den Zusammenbruch vieler Handwerker nur noch etwas aufhalten, nicht aber verhindern. Allein die Handwerker der Stadt Eupen benötigten zusätzliches Kapital in Höhe von zwei Millionen F. Manchen Handwerkern seien nur 19% ihrer Deponate gewechselt worden. Die Landwirte des Kreises Eupen waren im Jünglingshaus durch Herrn Küpper aus Hergenrath vertreten. Er kritisierte zunächst, daß man bei der Umwechselaktion nicht auch den Geldwert von 1913 zugrunde gelegt habe. Damals habe eine Mark einen Gegenwert von 1,25 F gehabt, mindestens das Zwanzigfache müsse man heute haben, um "dasselbe damit machen zu können wie 1913". Jeder Haushalt solle, so die
54 Forderung der Landwirte, bis zu 25.000 M sofort umgewechselt bekommen, darüber hinaus noch bis zu 50.000 M in den beiden nächsten Jahren. Als Betriebskapital forderten die Landwirte mindestens 600 F mehr je ha "besonders zur Verbesserung des durch Raubbau entwerteten Bodens, für die lange unterbliebenen Gebäudeausbesserungen und zur Auffüllung des Viehbestands, der um ein Drittel zu gering" sei. Der Großhandel, vertreten durch H. Mennicken, hatte in den Kriegsjahren unter der Zwangsbewirtschaftung gelitten und war nun, da er sich zu hohen Zinsen mit Franken versehen hatte, der belgischen Konkurrenz gegenüber schwer im Nachteil. Bei der Umwechslung, so legte Mennicken dar, habe kein Großhändler mehr als 10.000 F erhalten, wofür man z.B. nur drei bis vier Stücke Tuch oder einen Wagen Hafer erhalten könne, während ein Wagen Mehl schon 14.000, Sohlleder schon 140.-160.000 F gekostet habe. Die Sperrung der Kredite müsse - unverzüglich aufgehoben werden, die jetzt dem Großhandel zugestandenen Beträge seien viel zu niedrig. Was solle man mit den Kassenbons anfangen? Bargeld brauche der Handel, um arbeiten und leben zu können. Und warum sollten die Neubelgier den Altbelgiern gegenüber im Nachteil sein? Niemand mache dem "Herrn Ober- kommissar" (Baltia) einen Vorwurf, es solle ihm keine Schuld an den beklagenswerten Zuständen beigemessen werden. Man wisse sehr wohl, daß das erste und letzte Wort nicht in Malmedy gesprochen werde: deshalb scheue man sich nicht, die Erwartung auszusprechen, daß es dem Herrn Gouverneur nicht von höherer Stelle aus schwer gemacht werde, sein in der Proklamation gegebenes Wort einzulösen, daß die Lösung der Geldfrage zur Befriedigung der Bevölkerung gelöst werde. Im Auftrag des Allgemeinen Arbeitgeberverbandes sagte Herr Alex. Mayer, daß der Herr Oberkommissar die Notlage der Industrie anerkenne, gehe aus einem Schreiben desselben an den Herrn Erstminister deutlich hervor, worin betont werde, die Regierung dürfe nicht weiter dulden, daß die Industrie der beiden Kreise Eupen und Malmedy nicht genügend Unterstützung finde. Dank gebühre dem Statthalter (Baltia) für seine klare Erkenntnis der Lage, bedauerlich sei nur seine geringe Bewegungsfreiheit in wirtschaftlichen und Finanzfragen. Jedenfalls werde ihm das Vertrauen, das er in seinem Aufruf an die Bevölkerung erbeten habe, auch heute noch entgegen gebracht, nicht aber allen seinen Beamten. Mayer gab zum Schluß seiner Ausführungen der Hoffnung Ausdruck, daß nach dieser Versammlung mehr Aufklärung in das belgische Volk kommen möge und man dann in Brüssel eher helfen wolle und könne. Gewerkschaftssekretär Dericum, der im Namen der christlichen Gewerkschaften sprach (— diese gruppierten 80% der Arbeiterschaft —) stand mit seiner Organisation geschlossen hinter den Wünschen und
55 Forderungen des Wirtschaftsausschusses. Nur Gerechtigkeit verlangten die Eupener. Wenn es wahr sei, daß in Kelmis und Moresnet eine Mark zu 1,25 F getauscht worden sei, so könnten auch die Eupener das mit Fug und Recht verlangen. Den Arbeitern müsse alles rechtmäßig Erworbene umgetauscht werden. Die Zahlen zeigten einen Anstieg der Arbeitslosigkeit; die Arbeitslosen erhielten jedoch keinerlei Unter- 5 stützung, außer durch ihre Verbände. Die Einheit der Wünsche von Arbeitgebern und Arbeitnehmern unterstrich der Vertreter der freien Gewerkschaften, Jos. Koch. Die Arbeiterführer sähen ein, daß die Industrie in der augenblicklichen Lage nicht zu Lohnerhöhungen in der Lage sei. Eine Herabsetzung der Löhne, um dadurch die Konkurrenzfähigkeit der Industrie zu stärken, komme jedoch auch nicht in Frage. Der belgische Staat müsse helfen, indem er der Industrie die Mitte] für die Löhne zu solchen Bedingungen verschaffe, daß sie mit Deutschland konkurrieren könne; auch die für die Sozialversicherung nötigen Franken solle der Staat zu einem für die Industrie tragbaren Kurs zur Verfügung stellen. Man erhoffe sich schnelle Hilfe von Brüssel; nur sofortige Hilfe könne noch Rettung bringen, bei weiterer Verzögerung komme sie für viele zu spät. Auch für die kaufmännischen und technischen Angestellten war die Umwechslung eine Überlebensfrage. So wenigstens formulierte es deren Vertreter, Herr Hermann Becker. Die bescheidenen Summen der Angestellten müßten restlos umgetauscht werden, und zwar so, daß die Besitzer jederzeit über ihr Geld verfügen könnten. Die Kriegsteilnehmer und Hinterbliebenen gehörten in der damaligen unmittelbaren Nachkriegszeit gewiß zu den am stärksten benachteiligten Gruppen. Manche Kriegsteilnehmer waren erst kurz vor Deponierung der Markguthaben aus der Gefangenschaft zurückgekehrt und verfügten infolge dessen nur über geringe Barmittel. Kriegs- beschädigte waren erst nach der Deponierung in den Genuß ihrer Ge- samtrente gekommen und waren folglich um die Möglichkeit gekommen, diese umzutauschen. August Vise, der Sprecher des Verbandes der Kriegsteilnehmer und Hinterbliebenen, gab der Hoffnung Ausdruck, daß diese Gruppe bei einer Änderung der Umwechslung seitens der Regierung gebührend berücksichtigt werde. Der Verband der katholischen Vereine setzte sich für die Milderung der Not der kleinen Rentner ein. Wie der Sprecher dieses Verbandes, August Thielen, darlegte, hätten gerade diese Menschen «durch die schwere Enttäuschung ihres Vertrauens, mit dem sie ihr Geld hingegeben, das härteste Los zu tragen». Teuerung und Geldentwertung trügen schon viel dazu bei, doch die Geldumwechslung mache das Elend vollständig.
56 Die alten Leute könnten sich nicht noch einmal umstellen, höchstens aufs Sterben! Viele von ihnen erhielten Unterstützung von ihren Kindern aus Deutschland, aber was sollten sie damit anfangen, wenn sie nicht umgewechselt werde? So seien Menschen zu Unterstützungsempfängern geworden, die sich das früher nie hätten träumen lassen. Die Eupener Großversammlung hörte als letzten Redner den Abgeordneten Winandy aus Verviers, der versprach, gemeinsam mit den Senatoren bzw. Abgeordneten Peltzer, Simonis und David sich mit allen Mitteln dafür einzusetzen, daß Zufriedenheit in die Bevölkerung gebracht werde, auch wenn ie nicht die Erfüllung all dessen versprechen könnten, was in der Versammlung gefordert worden sei. Die Worte des Abgeordneten wurden mit Beifall aufgenommen. Einstimmig angenommen wurde alsdann eine an die zuständigen , Behörden und die Volksvertretungen (Kammer u. Senat) zu richtende Entschließung folgenden Wortlaus: "Die von sämtlichen wirtschaftlichen Verbänden des Kreises Eupen auf Sonntag, den 30.Januar 1921, in den Saal des Jünglingshauses zu Eupen einberufene öffentliche Versammlung faßte folgenden Beschluß: Das Ergebnis der erfolgten Unwechslung des deutschen Geldes entspricht keineswegs den berechtigten Erwartungen der Bevölkerungen, es ist im Gegenteil geeignet, das wirtschaftliche Leben zu Grunde zu richten, sicher aber schwerstens zu gefährden. Die heute anwesenden, rund zweitausend Angehörigen aller Stände und Berufsverbände, die die gesamte Bürgerschaft der Stadt und des Kreises Eupen vertreten, erwarten in der Wechslungsfrage ganz bedeutend weiter gehende, noch über die Vorschläge des Wirtschaftsausschusses hinaus reichende Zugeständnisse der Regierung im Sinne der heute erstatteten Berichte, soll der sichere Ruin des werktätigen Lebens verhindert werden." Wie hart die Umwechslung im Einzelfalle einen Industriellen treffen konnte, zeigen die privaten Aufzeichnungen des Eupener Tuchfabrikanten Nikolaus Schunk (*). Er schreibt u.a: "Dann kam die Geldumwechslung. Den Arbeitgebern wurde am Dienstag mitgeteilt, daß sie am Samstag derselben Woche in Franken löhnen mußten, Die erste Löhnung war am 18. März 1920. In Eupen war ein Büro im Rathaus, wo man Freitags mit der Lohnliste für Samstag erscheinen mußte und man erhielt für soviel Mark dieselbe Zahl Franken mit der Bedingung, daß den Arbeitern auch 1 a 1 ausgezahlt werden mußte, unter Androhung von Strafe. Für den Haushalt erhielt ich eine kleine Summe ausgezahlt, resp. umgewechselt in Franken. Die Löhne (*) Privatarchiv Manfred Schunck, Eupen. Wiedergegeben‘in der Dokumentenmappe zur Ausstellung "Die verdrängten Jahre" Eupen-Malmedy-St. Vith 1914-1945. Hrsg. von F. Cremer, F. Goor und W. Mießen. InED, Eupen, 1990.
57 konnte ich ca 4 Wochen, wie vorhin gesagt abholen und auszahlen, dann stellten sie die Umwechslung ein. Man konnte sehen, wie man weiter seine Leute in Frs bezahlte, man hatte eben keine. Diese Anordnungen, von heute auf morgen die belgische Geldwährung einzuführen und I a 1 an die Arbeiter zu zahlen waren grundfalsch. Dann hätten wir eben genügend Frankengeld von Belgien erhalten müssen. Zu der Zeit kostete 1 m Tuch 40 Franken und 200 M, ein Zeichen, wie falsch die Lohnzahlung 1 a 1 an die Arbeiter war. Dann kam die Endumwechslung. Ich hätte erwartet, auch für die Bezahlung der in Franken gekauften Garne etwas Franken zu erhalten, aber weit gefehlt. Mir wurde gesagt, daß ich mit den erhaltenen Löhnen schon über das mir zustehende Maß an Franken erhalten hätte. So hatte ich also mein Barvermögen an meine Arbeiter abgegeben. Die Fabrikanten kamen in die größte Verlegenheit, da sie die gekauften Rohmaterialien nicht bezahlen konnten. Es wurden sogenannte Regierungskredite bei Banken gewährt. Ich mußte auch einen nehmen und da ich ca 1000 Kg Kammgarn zu bezahlen hatte, einen recht hohen von 80.000 Franken. Ich mußte 80.000 M zur Bank besorgen und erhielt dagegen soviel Frankenkredit. Dieser Kredit wurde für mich fast unerträglich, zumal ich keinen Meter Tuch in Franken verkaufen konnte. Das Rohmaterial, resp. das Kammgarn zum Arbeiten hatte ich gekauft von Leopold Michels fils in Verviers. Einer der Söhne glaubte auch in Verviers Tuch verkaufen zu können. Er verkaufte auch tatsächlich 25 Stücke blauen Serge an eine Firma Croufer in Verviers. Diese Firma ließ sich die Stücke vor und nach liefern und man glaubte, es sei alles in Ordnung. Aber, als alle Stücke dort waren, (es waren mittlerweile die Preise für Tuch mächtig gesunken) da fand Herr Croufer in den Stücken Appreturschatten und verweigerte mir die Annahme von sämtlichen Stücken. Ich ließ die Stücke bei Hüffer & Co, die dieselben appretiert hatten, nachbehandeln, aber man wollte sie eben nicht, weil die Preise gesunken waren. So konnte ich noch Lagergeld im Condionement, wo Croufer sie hinges (...) hatte, zahlen und die Stücke nach Hause holen lassen. Wenn wir nicht damals die «Boches» gewesen wären, dann hätte man event. die Sache gerichtlich entscheiden lassen. Aber so war ein solches Beginnen aussichtslos." Das so schwer angeschlagene Wirtschaftsleben kam nur langsam wieder in Gang. Die in Deutschland immer stärker werdende Inflation förderte die Umorientierung unserer Betriebe in Richtung Westen. Aber nicht allen glückte die Umstellung auf neue Märkte und die Suche nach neuen Absatzgebieten. Das Amtsblatt Malmedy-Eupen jener Zeit bringt zahlreiche Meldungen von Konkursen, die offensichtlich durch die Währungsumstellung und die Abschnürung von den bisherigen Absatzmärkten ausgelöst wurden. Die Regierung stellte insgesamt für
ER N 7 ) E . “ . Sn . ) ON | EEE DO VA 5 M 2 N "Da BL ENT Schon während der Besatzungszeit hatte die Nationalbank den Druck einer neuen Banknotenserie für die Nachkriegszeit geplant. 1920 kam diese sog. Nationalserie mit patriotischen Motiven nach und nach in Umlauf. Die Scheine im Werte von 1000, 100, 20, 5 und 1 Franken zeigen im Medaillon das Herrscherpaar König Albert und Königin Elisabeth. Im Wasserzeichen ist König Leopold I. zu erkennen. Die von der Besatzungsmacht in großer Menge in Umlauf gebrachten Reichsmark und die vielen von Gemeindeverwaltungen und Wohltätigkeitsverbänden herausgegebenen Notgelddrucke wurden gegen Scheine der Nationalserie eingetauscht, wobei der überhöhte Kurs der Reichsmark beibehalten wurde, was eine starke inflationäre Wirkung im Lande ausübte.
59 die Umtauschaktion die Summe von 65 Millionen Franken in bar und 45 Millionen in Staatsschuldscheinen ("Kassenbons") zur Verfügung, und zwar zum Vorzugskurse von 1:1. Wer mehr als die ihm zu diesem günstigen Kurs zugestandenen 1000 F benötigte, mußte sich auf dem freien Wechselmarkt zu einem wesentlich ungünstigeren Kurs eindecken, wodurch es vielfach zu hoher Verschuldung kam. Dennoch konnte Baltia in seinem Jahresbericht für 1922 eine spürbare Verbesserung der wirtschaftlichen Lage feststellen. "Das Ende der Übergangszeit sah die Wirtschaft des annektierten Gebietes mit wenigen Ausnahmen wieder ‘ auf dem Weg einer günstigen Entwicklung." (4) N ON . 2 N 4 2 7 8 . 7 AD Diese 5 Franken-Banknote war von 1914 bis 1922 in Umlauf. Auch sie wurde dann durch eine 5 Franken-Note der «Nationalserie» abgelöst. Anmerkungen: (1) Der günstige Wechselkurs 1:1 hat offenbar auch zu Spekulationen geführt, da die Banken im Gebiet Eupen-Malmedy einen Geldumlauf von 3.000 Mark pro Kopf der Bevölkerung feststellten, während es im Reich 800 Mark und in Belgien 750 F waren. Das führte dazu, daß schließlich nur 1.000 Mark pro Person umgetauscht werden durften. (2) Klaus Pabst, Eupen-Malmedy in der belgischen Regierungs- und Parteienpolitik 1914-1940, ZAGV, Bd. 76, S. 308 ff. (3)S. Peter Thomas, "Der große Wandel" in "50 Jahre Geschichte der Ostkantone", Publikation des BHF, 1972, S. 12 u. 16. (4) K Pabst, op. cit. S. 313.
61 Anhang: Aus der früheren Gemeinde Walhorn besitzen wir ein Verzeichnis der im Jahre 1920 in Aachen arbeitenden Personen, deren Verdienst für einen Zeitraum von 5 Wochen und die ihnen zugestandene Umtauschsumme. Die Liste enthält 31 Namen und gibt daneben auch den Beruf und den Namen des Arbeitgebers. Namen Beruf Arbeitgeber Haupt- oder Nebenernäher 1. Wertz Maria, Drossiererin Friedr. Erkens H 2. Klinkenberg Maria Presserin Peter Ney H 3. Brandt Maria Sortiererin Siegmont Berg H 4. Eikens Leonard Weber Carl Heinemann H 5. Mertens Maria Lehrmädchen Reinhold Thelen N 6. Kerres Leo Betriebsführer Geschwister Thelen H 7. Barth Josefine Leserin H. Croon H 8. Barth Luise Leserin H.Croon N 9. Fischer Ernst Fabrikarbeiter Peter Ney H 10. Becker Alex Fabrikarbeiter Peter Ney H 11. Ernst Magdalena Kontoristin Gebr. Schumacher H 12. Ernst Emma Modistin F.Mommer N 13. Braun Maria Modistin Kaufhaus H 14. Flas Peter Gartenarbeiter Anton Plumanns H 15. Kalf Johann Fabrikarbeiter Peter Ney H 16. Kalf Josef Fabrikarbeiter Peter Ney N 17. Ramjoie Josef Färber Carl Scheins H 18. Worms Mathias Heizer Aachener Quellprodukte H 19. Goor Josef Tagelöhner Franz Keutgen H 20. Kever Josef Fabrikarbeiter Peter Ney H 21. Laschet Johann Lagerarbeiter Fanz Flamm H 22. Rossaint Theresia Fabrikarbeiterin Alb. Brüls H 23. Mostert Lambert Gartenarbeiter Anton Plumanns H 24. Schlemmer Elise Fabrikarbeiterin DJ. Küpper Sohn H 25. Dujardin Wilh. Maurer Peter Dreuw H 26. Schaaps Anna Stöpferin Arnold & Schüll N 27. Mostert Barbara Tagelöhnerin Heleni Jordis N 28. Drolinvaux Hein. Architekt Rob. Grünsig H 29. Dreyer Emil Zeichner C. Mehler N 30. Timmermann R. Lehrmädchen Adolf Bosch N 31. Esch Josef Gärtner
62 Die in der Zeitspanne vom 19.3. bis 23.4.1920 gezahlten Löhne liegen zwischen 1125 Mark für den Betriebsführer Leo Kerres und 210 Mark für das Lehrmädchen Maria Mertens. Fast die Hälfte der in Aachen beschäftigten Walhorner (14 auf 31) sind Frauen, die vorwiegend in der Textilindustrie und in Geschäften Arbeit fanden. Da viele dieser Betriebe heute nicht mehr bestehen, fügen wir hier noch deren Art und Lage hinzu: Friedr. Erkens, Tuchfabrik, Burtscheid, Eller Str. 50 Peter Ney, Seifenfabrik, Kamperstr. 2 Siegmont Berg, Kunstwollfabrik, Emmichstr. 32 Carl Heinemann, Tuchfabrik, Burtscheid, Bachstr. 22 Reinhold Thelen, Plisseebrennerei, Harscampstr. 1 Geschw. Thelen, Gut Vogelsang, Burtscheid, Erzbergerstr. Ringofenziegelei, Hüttenstr. ' H. Croon, Tuchfabrik, Annastr. 56 # Gebr. Schumacher, Großhandl. Inst., Maurerstr. 108 F. Mommer, Putzmacherin, Kleinmarschierstr. 39 M. Braun, Kaufhaus, Adalbertstr. Anton Plumans, Gärtnerei, Mühlenberg 9 II Carl Scheins, Färberei u. Carbonisieranstalt, Schillerstr. Aachener Quellprodukte=Kaiserbrunnen, Jülicher Str. 121 Franz Keutgen, Landwirt, Burtscheid, Am Chorusberg Franz Flamm, Kolonialwarengroßhandl., Borngasse 27 Alb. Brüls, Spinnerei, Trierer Str. 99 J. Küpper Sohn, Tuchfabrik, Kaiserallee 19 Peter Dreuw, Eisenbetonbau, Burtscheid, Gregorstr. 11 Arnold u. Schüll, Tuchfabrik, Oranienstr. Drolinvaux H., Baugeschäft, Bergstr; 10 C. Mehler, Maschinenfabrik, Roermonder Str. 17 Adolf Bosch, Devotionalien, Seilgraben 1
63 Kelmis im ersten Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg von Alfred Jansen Ein Wort vorab Die folgenden Zeilen über das ehemalige Neutral-Moresnet (Altenberg, La Calamine, Kelmis) erheben keineswegs den Anspruch, eine umfassende Darstellung der Geschichte dieses Ortes in den zwanziger Jahren zu geben; sie wollen nur in einigen Episoden über den Alltag der Bevölkerung in diesem ersten Jahrzent der Zugehörigkeit zu Belgien berichten. Unser Mitarbeiter Franz Uebachs hat in den Göhltalheften Nr. 21,22,23 und 24 das Kelmis jener Jahre ziemlich ausführlich geschildert und manche Begebenheit festgehalten. Sollten sich im nachfolgenden Bericht auch gewisse Themen mit den damals von Franz Uebachs behandelten überschneiden, so hoffen wir doch, mit unserem Beitrag noch genügend bisher unbeachtete Aspekte jener Zeit aufleben zu lassen. Es soll ein Rückblick sein, der zu beschaulichem Vergleiche, wenn überhaupt, anregen möchte, eine Gegenüberstellung der «guten alten Zeit» mit unserer Computerära, die in weiteren 60-70 Jahren unseren Nachkommen ebenso rückständig und altmodisch erscheinen wird, wie uns Heutigen die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Vorkriegszeit Von der Maxstraße bis zur Göhlbrücke trug die Hasardstraße, im Volksmund «de Pavei» genannt, ein klobiges Kopfsteinpflaster. Sie führte mitten durch das Gelände der Bergwerksgesellschaft «Vieille Montagne»; links war Preußen, rechts das neutrale Gebiet. In Höhe der Werksanlagen wurde die Straße von einigen Feldbahngleisen überquert, die einerseits das Material von der Erzwäsche in kastenartigen Kippwagen zur Halde fuhren und andererseits das Elektrizitätswerk, «Centrale» genannt, in umgekehrter Richtung mit der nötigen Kohle versorgten. Verkehrshindernisse waren diese mit betulicher Ruhe vonstatten gehenden Transportzüge damals noch nicht, denn die Automobilindustrie stand noch am Beginn ihrer Entwicklung. Unten im Bruch zog sich zwischen Häuserfronten und Pflaster- steinstraße ein Schienenstrang dahin: der Anschluß an das Eisenbahnnetz. Ander anderen Seite verlief ein Feldbahngleis; es war die Zubringerstrecke vom Bergwerk Mützhagen am Weißen Haus. Dasjahrhundertalte Bergwerk war nur noch Aufbereitungsanlage und das ehemalige Abbaufeld, die «Kull», bildete eine riesige
64 Kelmis vom Heidkopf aus gesehen in den 20er Jahren Kraterlandschaft mit einigen toten Wassertümpeln, kargem Gestrüpp sowie einer einzigartigen Galmeiflora. Abgeschlossen wurde dieses gewaltige Abbaugebiet im Westen von der Neustraße. Es schlossen sich dann in nördlicher Richtung ein ausgedehnter Park sowie das Gebäude des Bergwerksdirektors an (das heutige Parkcafe); die östliche Seite bildete der Lindenweg. Neutral-Moresnet war zu Beginn des Jahrhunderts schon eine beachtliche Ortschaft, dessen Dorfkern stabile Häuserreihen aufwies undeine stattliche Kirche sein eigen nannte. Auch außerhalb des Zentrums hatten sich Menschen angesiedelt, hatten sich Häusergruppen gebildet und waren Ortsteile mit den skurrilsten Bezeichnungen (Vossölder, Ruhr, Soufflet u.s.w.) entstanden. Mit den Straßen haperte es allerdings, wie zu der damaligen Zeit ja überall. Einen asphaltierten Belag, wie ihn heutzutage fast jeder Feldweg aufweisen kann, kannte man noch nicht. Die Straßendecke bestand aus festgewalztem Schotter; zu beiden Seiten lagen Rinnsteine, die die Abwässer ableiteten, wenn nicht noch offene Abzugsgräben da waren, denen diese Aufgabe zukam. Dieses aus ganz alter Zeit stammende offene Kanalsystem verlief vor den Häuserreihen, deren Eingangstüren nur durch einen Steg zu erreichen waren. Bei sommerlichen Temperaturen stieg von diesen offenen Gräben ein scheußlicher Gestank auf. An sich war Neutral-Moresnet also ein stilles, besinnliches Dorf, das Jahr für Jahr so in den Tag hinein lebte und doch durch seinen
65 speziellen Status in aller Herren Länder bekannt war, was nun seinerseits wiederum Fremde dazu ermunterte, sich hier anzusiedeln. So wies beispielsweise am 1.7.1908 das Bevölkerungsregister von Neutral-Moresnet 3904 eingeschriebene Personen auf, die interna- tional eine recht bunte Palette darstellten. Da waren 1640 Preußen, 1457 Belgier, 388 Niederländer, 401 Neutrale, 8 Amerikaner(innen), 6 Fran- zosen, 2 Italiener, 1 Schweizer und 1 Russe. Davon bekannten sich 3875 zur katholischen und 29 zur evangelischen Kirche. Man sieht, es war ein bunt zusammengewürfeltes Völkchen, das bestrebt war, im besten Einvernehmen miteinander das Leben zu meistern. Aber die Zeit eilt uns in einem unheimlichen Tempo davon und heute, 1990, werden nicht mehr viele Kelmiser da sein, die noch vor der Wende zum 20. Jahrhundert ihren Lebensweg begannen, zwei Weltkriege erlebten und zum guten Schluß noch mit dem Atom- und Computerzeitalter konfrontiert wurden. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte das kleine Ländchen, das durch den Beschluß des Wiener Kongresses (1815) sich einer gewissen Freiheit erfreute, ohne große Probleme und soweit es die soziale Lage gestattete seinen Bürgern ein bescheidenes Dasein gesichert. Der erste Arbeitgeber am Ort war die Bergwerksgesellschaft «Vieille Montagne». Das im Umkreis noch abgebaute Galmeierz wurde dem Werk zugeführt und aufgearbeitet. Das war für viele Einwohner die einzige Erwerbsquelle. In Hergenrath war neben einer Marmorschleiferei eine Kalkbrennerei, deren Material vor Ort abgebaut wurde. Dann lockte Aachen mit seiner Industrie viele weibliche Arbeitskräfte an. Dieses Einkommen war mit einer für die heutige Zeit unzumutbaren Strapaze verbunden, mußte doch die Strecke Kelmis-Aachen jeden Tag hin und zurück zu Fuß bewältigt werden. Kleine Handwerksunternehmen, wie Klempner, Schreiner, Bäcker und Metzger hatten sich im Ort etabliert und fanden ihr Auskommen. Wenn das Geschäft einigermaßen lief, konnte man sich eine Dienstmagd leisten, zumindest aber eine Waschfrau, die dann montags schweißtriefend den ganzen Tag am Waschzuber stand und mittels Waschbrett und scharfer Sodachemikalien die deftigen Wäschestücke bearbeitete, was zur Folge hatte, daß die Frau abends mit verquollenen Händen und Unterarmen ihren Arbeitstag beendete. Nur 344 ha groß, eingekeilt zwischen Preußen und Belgien, mit seiner Nordspitze eben die Niederlande berührend, war das kleine Ländchen geradezu dazu prädestiniert, seinen Bewohnern auf nicht gerade legale Weise zu einem verbesserten Einkommen zu verhelfen. Schnaps wurde gebrannt, und das nicht nur für den eigenen Gebrauch. Das «Bonnewäske» (Kaffeebohnenpfad), das vom Dorf zum Wald hinaufführte, bedarf ebenfalls keiner weiteren Erklärung. Unten, auf der
66 «Pavei», der Landesgrenze zu Preußen, wechselten nachts Waren Land und Besitzer. Die wenigsten hatten sich aber den Schmuggel zum Beruf gemacht; meistens gingen die Menschen brav ihrer gewohnten Arbeit nach und gaben sich mit demjenigen zufrieden, was sie hatten. Kriegsausbruch Ausdieser beschaulichen Ruhe wurden die Bewohner des neutralen Gebietes jäh herausgerissen, als zu Beginn des Monats August 1914 mit Kopfnägeln bewehrte Knobelbecher über das Steinpflaster der Hasardstraße gegen Belgien marschierten. Die Träger derselben trugen Spitzhelme und sangen aus voller Kehle, so als gelte es, eine harmlose Feldübung zu machen. Der Krieg war ausgebrochen und das hatte für Land und Leute Folgen. Folgen, die auch im Ort tiefe Wunden gerissen haben. Man schaue sich nur einmal die Gedenktafel im Eingang der Pfarrkirche an! Da wird einem vor Augen geführt, welchen Tribut die Bewohner im Ersten Weltkrieg gezahlt haben. Vier Jahre gingen ins Land, vier Jahre Besatzungszeit. In dem großen Patronagesaal war eine Landsturmkompanie einquartiert. Das Brot wurde im Schützenlokal auf Lebensmittelkarten ausgeteilt. Für Ordnung und Ruhe sorgte der «Spitz», ein preußischer Feldgendarm, der, wenn nicht zu Fuß, dann hoch zu Roß, mit Pickelhaube und Capemantel bekleidet, seinen Dienst versah und mit dem nicht zu spaßen war. Das Schulwesen Die pädagogischen Aufgaben besorgten Ordensschwestern. So war im jetzigen Gemeindehaus eine 14-köpfige Gemeinschaft des Ordens von Notre Dame (aus Namür) zu Hause, darunter 6 Lehrerinnen. Ihnen oblag es, der weiblichen Jugend das nötige Wissen für den späteren Lebensweg mitzugeben. Diese Schwestern mußten 1940 das Land verlassen, da in der Zeit der Annexion in Kelmis eine andere Weltanschauung propagiert wurde. Im Jahre 1901 hatten sich hinter der Kirche Domini- kanerschwestern niedergelassen, deren Mutterhaus in den Vereinigten Staaten war. Von den 13 Ordensfrauen waren zwei aus den Staaten eingewandert, die anderen kamen aus Deutschland. Außer einem Schulraum im eigenen Klostergebäude hatte man in der Patronage zwei große Säle eingerichtet, wo zwei Schwestern ihren erzieherischen Aufgaben gerecht wurden. Diese beiden Nonnen hoben sich besonders hervor, nicht nur dadurch, daß beide im Klosterleben Männernamen angenommen hatten (Schwester Leo und Schwester Thomas), sondern auch, weil sie mit preußischem Drill und Stockhieben Wissen einbleuten.
67 Als der Krieg zu Ende ging, verkauften die Dominikanerinnen ihr Haus an die Gemeindeverwaltung, ließen sich den Erlös in harten Dollars auszahlen und zogen alle nach Amerika. Wäre noch der alte Lehrer Horgnies zu erwähnen, dem im Kloster der Schwestern von Notre Dame ein Klassenzimmer eingeräumt worden war, und der die obere Knabenschule führte, aber durch sein Alter sowie eine nicht stabile Gesundheit nicht mehr die Autorität aufbrachte, sich Respekt zu verschaffen. S Das Haus auf der Lütticher Straße, das jetzt die Hausnummer 156 führt, hat bis nach dem Kriege einer Ordensgemeinschaft der Minoriten gehört. Als der Ort dann 1919 belgisch wurde, zogen es die Patres vor, die deutsche Nationalität zu behalten. Sie sind größtenteils nach Würzburg abgewandert. Die Attraktion des Antoniushauses, so hieß die Niederlassung, war während der Weihnachtszeit, wenn die Fratres in ihrer Kapelle eine wunderschöne Krippe aufstellten, die Jung und Alt anlockte. Die Pfarre Drei geistliche Herren trugen für das Seelenheil der Bevölkerung Sorge: Pastor Kept, ein großer vierschrötiger Mann mit breiten Gesichtszügen und strengem Blick, eine Autoritätsperson; Kaplan Simons, eine kultivierte Erscheinung, dem u.a. die Chorknaben unterstanden, war auch zuständig, wenn außerhalb der üblichen Got- tesdienste, an Feiertagen, wie z.B. Ostern, Pfingsten oder Weihnachten, bis zu 30 Ministranten zur Verschönerung der Liturgie beitrugen. Kaplan Fis verkörperte den ausgesprochenen Landpfarrer, klein von Gestalt mit etwas unnatürlichem rotem Teint und wulstigen Lippen. Äußerlich sah man ihm das Energiebündel, das er in Wirklichkeit war, nicht an. Er rief verschiedene Institutionen ins Leben und wurde später Direktor der sozialen Werke in Verviers. Nachkriegszeit Ende 1918 war der Krieg zu Ende. Die deutschen Truppen strömten nach Deutschland zurück, ihnen auf dem Fuße folgten die belgische und die französische Armee. Neutral-Moresnet wurde Belgien unter dem Namen «La Calamine» einverleibt. Die Staatsgrenze wurde einige Kilometer nach Osten verlegt und die Grenzsteine, die bis dahin das freie Ländchen umsäumt hatten, zeigten nur noch die Gemeindegrenzen an. Die belgische Gemeindeverwaltung bezog dasselbe Gebäude, das unter Neutral-Moresnet demselben Zweck gedient hatte, nur lag es damals in Preußen, nun in Neu-Moresnet, dem früheren Preußisch-Moresnet.
69 Die Ordnungshüter Es war schon eine gewaltige Umstellung für die Einwohner von Kelmis. Bekanntlich verändern Kriege ja das Weltbild; Kriege verän- dern auch die Lebensweise; es dauerte auch eine geraume Zeit, bis gewisse politische Wellen sich geglättet hatten. Als Feldhüter im Dorf fungierte «Schingse Juhann», ein Mann, der dank seiner belgischen Nationalität aus der Anonymität herausgehoben wurde, als er den Uniformrock anzog. Ein Mann aus dem Volke, der einem «Dröpke» (Schnaps) gar nicht abgeneigt war. aa 4 A @ % FO ah YO 5 a, 8” VA al 4 {> ES MY S 8 ; 8. ve . = - ]. A e > = 9” € 8 . A 5 AN 4 Schülergruppe: (1919 oder 1920) der erste auf der Ecke vorne links ist Peter Kofferschläger; rechts mit Zylinder Schingse Juhann (Schampett) Die Gendarmeriebrigade hatte da ganz andere Sorgen: Grenzland war Schmuggelland und der blühte ganz besonders nach dem Waffen- stillstand. Da hatten sich rivalisierende Clans im Dorf gebildet, die meistens sonntags, natürlich unter Alkoholeinfluß, in Wirtschaften und Tanzsälen ihre Streitigkeiten ausfochten, ja sich förmliche Saalschlach- ten lieferten, deren die zahlenmäßig unterlegene Gendarmerie nicht immer Herr wurde. Diesem ein wenig außer Kontrolle geratenen Zustand mußte Einhalt geboten werden, und so stand zu erwarten, daß die Obrigkeit alles versuchen würde, die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Der Mann, dem diese Aufgabe anvertraut wurde, war der in Messancy geborene und in Verviers stationierte Gendarmeriekomman- dant Nikolaus Schrobildgen, der am 1.12.1919 seine Versetzung nach Kelmis antrat. Dieser Mann war ein Hüne von Gestalt. Mit Bärenkräften ausgestattet gelang es ihm mit Unterstützung seiner Brigade, auf ziemlich drakonische Art in kurzer Zeit diese Wildwestepisode zu beenden.
#8 So wurden in aller Eile am «Dörnchen», an der Stelle, wo jetzt die Mittelschule steht, drei langgestreckte Schulgebäude zu je vier Klassen gebaut. Dieser Eile waren nun doch allerhand administrative Hürden im Wege gewesen und es hatte des Besuchs des zuständigen Ministers be- durft, um demselben die Notwendigkeit einer neuen Schule vor Augen zu führen. Was jetzt in der Parkstraße errichtet wurde, waren ausgediente deutsche Militärbaracken, die irgenwo an der belgischen Küste gestan- den hatten. Also Schulgebäude «aus zweiter Hand». Mit der Zeit erwies es sich, daß die Temperaturen in diesen Baracken im Sommer wie im Winter, Anlaß zu Beanstandungen gaben; die Sache nahm aber schlim- me Folgen an, wenn es regnete. Die Dächer der Schulgebäude waren undicht, so daß es machmal an verschiedenen Stellen durchtropfte. Dann mußten die zweisitzigen Sehulbänke verrutscht werden, was dann in der Klasse zu einem lustigen Kunterbunt führte. In diesen Unterkünften nahmen dann zu Beginn der zwanziger Jahre die Lehrer Decker, Kessels, Hennico, P&che, Laurent und Renard für die Knaben, und die Lehrerinnen Letiexhe, Biver und Ponce für die Mädchen ihre Klassenzimmer ein. Ein Teil dieser Pädagogen ist für immer in Kelmis ansässig geworden, mit Ausnahme der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Edouard Laurent, allen Kelmisern als "Liehrer Laurent" bekannt, lebte im Ort bis 1987. Er verstarb in Verviers am 15.12.1989 im Alter von 88 Jahren. Einfallsreiche Schmuggler Kommen wir doch noch einmal auf das Thema Schmuggel zurück. In Deutschland waren direkt nach dem Kriege Kaffee und Schokolade begehrte und seltene Artikel. Für Leute, die auf einen lukrativen Nebenverdienst erpicht waren, war dieser Notstand natürlich Anlaß, rentable Geschäfte zu machen. Eine Zeitlang war es die begehrte Kwattaschokolade, die auf nicht ganz legale Weise den Weg über die Grenze fand. Dazu bot sich unten auf der Hasardstraße in geradezu provozierender Weise ein Transportmittel in Gestalt der "Aachener Kleinbahn" an. Von Aachen kommend blieb die Straßenbahn 40 Minuten lang in Kelmis stehen, bis die nächste kam. Zeit im Überfluß für "Sachverstän- dige", im Innern des Wagens von der Innenverkleidung Paneele abzuschrauben und die Ware in den freien Raum zu verstauen. Es war selbstverständlich, daß Fahrer und Schaffner in die Sache eingeweiht waren; sie erhielten ihre Provision und "hießen Hase" wenn mal eine Sache schiefging.
73 geschnappt wurden, verging das Lachen und noch mehr die Lust, weiterhin diese Risiken auf sich zu nehmen. Einkauf im Tante-Emma-Laden Seit Ende des Krieges waren auch wieder die Regale der "Colonial- Warengeschäfte" gut gefüllt. Diese "Tante-Emma-Läden" boten so ziemlich alles, was in der damaligen Zeit an Konsumgütern feilgeboten wurde. Aber viele Waren, wie Zucker, Reis und Kaffee, wurden in großen Behältern und Säcken angeliefert und mußten abgewogen werden. Da passierte es schon mal, daß der cleveren Geschäftsfrau zum Wiegen des Kaffees die dünnen Tüten ausgegangen waren und eine dicke aus Packpapier herhalten mußte. Um das schmackhafte, zähflüssige Apfelkraut aus dem Tönnchen in die vom Kunden mitgebrachte Schüssel abzuwiegen, bedurfte es schon einer gewissen Geschicklichkeit. Auf der Theke stand neben den Glaskugeln mit "Klömkere" (Bonbons) das ganze Jahr über die große Schüssel mit den eingemachten Heringen. Das ganze Innere des Ladens wurde aber durch den penetranten Geruch des Petroleumfasses beherrscht, das in der Ecke stand und dessen Inhalt trotz sichimmer mehr und mehr ausbreitendem Stromnetz rege Nachfrage fand. | O Ä a < Maison H. Schins-Ve38 i LA OALAMINE Bo | ; Rue du Patronage, 26 Rus da Patronago. 26 4 Empfichlt : Kolonial Kolonialivaren:. Weine — Liqueure — Spirituofen., Spezialität : Original Lugemburger Korn, E Auf ale Waren Kelmifer Rabattmarken Einzelhandelsgeschäfte nannten sich häufig «Kolonialwarenladen», d.h. daß sie Waren aus den Kolonien anboten.
74 A propos Kaffee. Dieses Gebräu wurde sozusagen niemals pur getrunken, es wurde immer Zichorie beigemischt, ein bitteres Wurzelprodukt, das der verwöhnte Kaffetrinker heute mit aller Entschiedenheit ablehnen würde. In Kelmis blieb die Zeit nicht stehen, der Fortschritt nahm seinen Lauf. Es wurde eine Delhaize-Filiale eröffnet und die soeben gegründete Arbeiterbewegung richtete einen "Konsumladen" ein. Das bekamen in erste Linie die kleinen "Potikskere" (= Läden, Boutiquen) zu spüren. Eine Situation, wie wir sie in unserem Zeitalter mit den großen Einkaufszentren erleben. Zum Thema "Läden" muß hier unbedingt eine kleine Attraktion eingeblendet werden. Es war der schwarze Pudel des evangelischen Pfarrers, der alleine mit dem Korb im Maul einige hundert Meter weit Waren einkaufen ging und sich sogar mitunter die Tür selbst öffnete. Es sollte da keiner wagen, ihm den Korb abzunehmen! Fuhrverkehr und Vandervelde-Gesetz An Autos war im Dorf noch nicht viel zu sehen; Pferdefuhrwerke beherrschten das Bild. Um die Exkremente der Vierbeiner brauchte sich die Gemeinde nicht zu kümmern. Da gab es im Dorf pfiffige Burschen, die mit kleinen Karren sowie "Quispelen Plett" (Handfeger und Schaufel) Grand Garage Henri BAIKRY LA CALAMINE 32, Rue de LA€6ge, 32 Genehmigte und besteingerichtete Hilfsstation für Autos-„Ford“. ad, 385 Verkauf von “BO Chassis und Wagen. Alle vorkommenden Reparaturen werden prompt u. fachgemäss ausgeführt. Accumulalores, — Ludeslalion, Reichhaltiges Lager in Ersatzteile Pneus, Benzin, Oele, Fett, Karbid ete. Chauffeur-Schulte, (Aukäufer werden auf Wunsch gratis angelernt.) En Die "rue de Li&ge, 32" entspricht der heutigen Lütticher Straße, Nr. 200.
75 die Straßen reinhielten und das eingesammelte Düngegut gewinnbringend an Gartenbesitzer veräußerten. Da gab es sogar bestimmte Standorte, die mit Sicherheit Erfolg versprachen. So, zum Beispiel, wenn die Fuhrleute vom "Berg" mit den beladenen Pferdekarren den Anstieg aus dem Bruch bewältigt hatten, mußte für die schweren Brabanter eine Rast eingelegt werden. Das nützte der Fuhrmann selbstverständlich aus, um ebenfalls gegenüber im "Nikenik" (heute Ratskeller) "e Dröpke" zu trinken. So beschaulich war die Zeit damals! Wirtschaften und Dorfschenken gab es inrauhen Mengen, darunter auch einige, denen ein nicht ganz untadeliger Ruf anhaftete. Diesem Erwerbszweig wurde im Jahre 1922 durch das allgemeine Alkoholverbot, das sogenannte Vandervelde-Gesetz, ein harter Schlag versetzt. Das hinderte den gewieften Wirtshausbesitzer aber nicht daran, klammheimlich hinten in der Küche den Stammkunden weiterhin das zur Gewohnheit gewordene "Pikske" einzuschenken. Ein blühendes Vereinsleben Es war auch die Zeit, wo eine Menge neuer Vereine gegründet wurden. Brieftaubenverein, Theatergruppen, Familienbund, der Fuß- ballverein, etliche Schützenvereine wurden ins Leben gerufen und bestehen zum Teil erfreulicherweise auch heute noch. Für die Jugend bildete man eine Pfadfindergruppe, ein Novum, dem die Kelmiser Jungen mit Begeisterung begegneten. Es hatte sich auch ein Raucherklub gebildet. Diese ehrenwerten Herren tagten im Hinterzimmer einer Wirtschaft und fröhnten ihrem Laster. Geraucht wurde aus jenen langen Opapfeifen mit gewaltigem Porzellankopf, denen man gut und gerne eine halbe Packung Tabak einverleiben konnte. Nunstelle man sich den dichten Qualm vor, der aus gut einem Dutzend Pfeifen in dem kleinen Zimmer während einer Sitzung im Raume stand. Aber nefaste Auswirkungen oder krebsfördernde Eigenschaften dieses Genußmittels waren zu jener Zeit kein Ge- sprächsthema. Die neu gegründeten Gesellschaften suchten ein Vereinslokal, und das war bei der Vielzahl von Wirtshäusern und Tanzsälen in Kelmis kein Problem. Wenn bis vor dem Ersten Weltkrieg allenfalls bei Kirmes, Karneval oder Schützenball das Tanzbein geschwungen wurde, so änderte sich das schlagartig mit dem neuen Lebensstil nach dem Krieg. Da lösten sich Fahnenweihe mit Turnfest und Königsvogelschuß ab; kurz, man feierte die Feste, wie sie fielen. Der abendliche Vereinsball war der Höhepunkt. Die älteren Semester traten mit Bratenrock und Röhrenhosen an , Kleidungsstücken, die noch von vor dem Kriege stammten, unverschleißlich waren und für \
76 die Ewigkeit gemacht schienen. Die Damen kamen in schweren Satinroben, eingezwängt in Korsetts. So den ganzen Abend von den kräftigen Dorfburschen herumgewirbelt zu werden, na, wenn das kein Spaß war! Getanzt wurden meistens die Tänze, die sich noch aus dem vorigen Jahrhundert herübergerettet hatten: Masurka, Polka, Lancier, Walzer u.s.f. Nachmittags wurde von 4 bis 6 "op de Krack gedanzt", d.h. die Veranstalter gingen mit dem Teller rund und kassierten bei jedem Kavalier 0.25 centimen (en Krak) ein. Hier wurde auch Foxtrott und Tango getanzt und — zum Entsetzen der älteren Generationen — auch Charleston. Das erste Kino Dann bot sich in Kelmis eine Sensation an: es wurde ein Kino eröffnet. Dazu war auf der Lütticher Straße ein Saal eingerichtet worden (Dentist Snoeck, heute Dr. De Ridder). Stummfilme von unendlichen Episoden mit Geige und Klavierbegleitung und einem Dolmetscher, der die Texte übersetzte, wurden nun wöchentlich den Zuschauern vorgeführt, und da dies eine noch nie dagewesene Attraktion war, brauchten sich die Inhaber des Kinos keine Sorgen über ein eventuelles Verlustgeschäft zu machen. Pitt u. Nades Ein gewisses Gegenstück dazu bot die Patronage, wo vom Jünglingsverein unter der Leitung der Geistlichkeit von Zeit zu Zeit Theateraufführungen gebracht wurden. Es war die Zeit, wo "Herve Pitt" (Peter Herff) und "Kohle Nades" ( Leonard Kohl) als Duo auftraten. A A 5 A nn A, an BD A " Peter Herff und Leonard Kohl (rechts) als komisches Duett
77 Nades wiederholt mit dem Gag, wo er einen Balanceakt mit Blechdosen vorführte. Dazu trug er ein an einem Stiel befestigtes Tablett, auf dem leere Konservendosen gestapelt waren, die er in gespielter Unge- schicklichkeit auf die in den ersten Reihen sitzenden Honorationen des Ortes fallen ließ. Die Dosen waren aber alle mit einer Schnur am Tablett befestigt. Der Saal brüllte vor Lachen. Zum Schluß der Vorstellung wurde dann mit Magne- siumbeleuchtung ein Bühnenbild von allen Darstellern gemacht. Danach war der Saal in eine dichte, stickige und stinkende Rauchwolke gehüllt. Neue Sportvereine Zu Beginn der zwanziger Jahre wurde die Jugend hier mit einer Sportart konfrontiert, von der wir bisher nicht die geringste Ahnung hatten, dem Radrennsport. Durch den Ort, von Bleiberg oder Moresnet kommend und auf Hergenrath zu führte eine Etappe der Tour de Belgique. Mit dem heutigen Radsport ist hier kein Vergleich möglich. Es hatte geregnet und die aufgeweichten Wege hatten die Radsportler in Schlammgestalten verwandelt. Einzeln oder paarweise durchquerten die Renner in ziemlich großen Abständen den Ort und strebten dem Etappenziel zu. Es war eine Sportart, die zu den widersprüchlichsten Kommentaren bei der Jugend führte. Trotzdem, bei uns Burschen, die wir in Sachen Leibesertüchtigung allenfalls mit den Leistungen der Turner vertraut waren, wurde in der Folge der Radsport sehr beliebt, etablierten sich doch kurz danach im Ort zwei Fahrradhändler. Ein Fahrradklub wurde gegründet, und es dauerte auch nicht lange, bis Radrennen organisiert und durchgeführt wurden. EAEAENEOENFNNETENAET Hotel DAHLEN, Neu-Moresnet. = NacdhHkirme8! Au V Zi Sonntag 21. September Grosser BALL mit Preistanzen veranftaltet vom Radfahrer-Klub „Calaminla“ Erster Walzer 6 Ubr. _— Entiröe 2 Fr. 50, SERBIEN EB VEREREE DEFSONEENTEEETNENUFTEMET, Die Freie Presse, 17.9.1924 Der Radfahrerclub «Calaminia» hatte sein Vereinslokal in Neu-Moresnet.
al «“ Vöio-Club GBR „EN AVANT LA CALAMINE DE Somntag, den 4. Mai 1924 BE’ OGroß. Radrennen Vs ß en” 70 Kilometer. — WertvyoNe Preije. Abfahrt der Redfaebrer halb 3 ur nachmittags ab Reftaurant Willy Bings. Ankunft und Preisverieilung dorifeib{t. Abends 6 Ubr, Im Vereinstokale Willy Bings : . Erites Stiftungsfeit | "und Ze Sieger-Ball. 2: Zu diefen Feßlichkellen laden ergebanft zin $ Velo-Clud „En Avant” und der Verzinswirt. Die Freie Presse, 3.5.1924 Im Vereinskokal Willy Bings trafen sich die Radler des 1923 gegründeten «V&lo-Club En Avant». ; UM Heil! RAD A in ZN), Radfahrer-Club Calaminia XEU-MORESNET. BE Am Sonntag den 24. Mai 1925 BE ; feiert der Radfahrer-Club Calaminia feln diesjähriges A » Champien-Mennen verbunden mit Konkurrenz-Rennen offen {für £a Calamine und Meu-«Moresnet, Abfahrt und Ziel Im Vereinslokale des Herrn Peter Dablen, 1. Rlafje 60 Klm. 2. Klajfie 30 Klm. für jeden Jugendlichen Fahrer unter 17 Jahren, Punkl balb 2 Ubr, Antrelzn der Renner. — 2 Ubr, Abfahrt Rumeldungen zu belden Rennen und Bedingungen beim Präfidanten Reflaurallon Hubert! Autmanns, Moresnezlerftrafje, bis 23. Mal. 2b 4 Uhr, Tanzvergnügen, Rbends, Grosser Champion-Ball. Anfang 7 Uhr. — Eniree 2 Fr. 50, Es Jade! ein Der Radfahrer=Club nebft Vereinswirt. Die Freie Presse, 23.5.1925
79 Zwei "Asse" hatten wir im Ort, die allen anderen überlegen waren, die sogar dem Rest der Fahrer zwei bis drei Minuten Vorsprung ließen, um dann noch als Sieger, Schulter an Schulter, das Zielband zu überqueren. YNeuw-Moreduet. Verfloffenen Sonntag hielt der Rudfahrer-Klub „Salaminia“ fein diesjähriges Cham ” pion-Iennen ab. Ab 1 Uhr waren die Straßen, wo die Durchfahrt ftattfand, von Zufchauern dicht befeßt, wollte fich doch jeder überzeugen, wer eigentlid) der befte Nenner von La Calamine und Neu-Moreonet fet. MWunkt 2 Uhr, nach einigen freundlichen Yillfomm- mworten des Präjidenten und Huldigung des vorigiäh- rigen Champions Henri Nicßhen, nahmen die Kenner Stellung 3ır Abfahrt. Um 2 1/4 Uhr, gab Herr Yailkry das Zeichen „lo3”. E38 nahmen adt Fahrer am Kennen teil. Als Zeuge der ganzen Fahrt muß ich geftehen, daß die Nenner cine Leiftung geliefert haben, die alle SER übertraf. 1. Or. Thomas Lemoine, Mitglied der „Calaminia”, crrang 3 Preife : Shampion-Chrenpreis, Chrenpreis für beften Jahrer und Konkurrenz-Chrenpreis. 2. Hr. Hub. Defonay, ebenfalls Vitglied der „Calaminia“, errang den 1. Championpreis und den 1, Preis im Konkurrenzreunen. 3. Hr. Zean Herf errang den 2. Preis im Konkurrenz: zennen, 4, Gr. Henri Nießen, vorigjähriger Champion, errang iroß feiner 48 Jahre den 3. Preis im Mon: Furrenzrennen, Ju der 2, Ilaffe errang Hr. Yanace Schmig den Chrenpreis und Hr. Jean Autmanz den 1. reis, Wir rufen dem waderen Nadfahrer-Alub „Calaminia“ fowie den diesjährigen Champions und Siegern ein Iräftiges „Gut Heil“ zu. Die Freie Presse, 31.5.1925 Im Jahre 1923 wurde der Fußballclub gegründet. Wenn er auch sofort seine begeisterten Anhänger fand, so blieb doch die Hauptsportart das Turnen. Drei Turnvereine hatten wir hier im Ort: den "Verein", die "Turngemeinde" und die "Einigkeit". Mannschaftlich waren sie sehr stark besetzt und auch äußerst aktiv, bestanden doch hier in der ganzen Umgebung zu jener Zeit in allen Dörfern Gymnastikvereine, die alle im Sommer ihr Turnfest abhielten. Dann versammelten sich mitunter 20-25 Vereine zum Wettkampf. Gewichtheben, Ringen, Geräteturnen, Freiübungen und Pyramidenbau waren die hauptsächlichsten Disziplinen, indenenes galt, sich als der Beste zu zeigen. Am Sonntagnachmittag zog der Festzug durch den Ort. Das war immer ein imposanter Anblick, wenn die Turnerriegen stramm und unter Musikbegleitung durch die Straßen marschierten, um so strammer, alses ja Preise für die beste Marschordnung gab. Höhepunkt war dann am Abend die Preisverteilung, wo die Kelmiser Turner niemals leer ausgingen. 1
82 Feste feiern wie sie fallen Mit den Schützenvereinen verhielt es sich genau so. Sechs Gesellschaften hatten wir im Jahre 1923 hier im Ort. Mit ihren schmucken Uniformen, den federverzierten Hüten und den großkalibrigen, schweren Gewehren boten sie ebenfalls bei den Vereinstreffen und Umzügen ein prächtiges und eindrucksvolles Bild. Größtenteils war diese Sportart aber einer Generation vorbehalten, die zwar noch stramm marschieren konnte, sonst aber schon einer beschaulichen Ruhe nachging und ihre ganze Konzentration über Kimme und Korn dem anzuvisierenden Ziel widmete. Eine bunte Prachtentfaltung bildeten die Radfahrvereine bei den Umzügen. Die Räder waren mit bunten Rosetten und Girlanden geschmückt und die Speichen der Räder durchzog farbiges Kreppapier. a ae 7 EN ® as Zum 75-jährigen Vereinsjübiläum stellten sich die Jubilare der St. Barbara und St. Sebastianus Schützengesellschaft am 12. Juni 1927 dem Fotografen zum Erinnerungsfoto. Man sieht, bei einer so mannigfaltigen Vereinsansammlung konnte von Mangel an Unterhaltung und Abwechslung keine Rede sein.
83 . 8 | A WS 2 8 % . ib 2 al - " «Narrheit getrieben, Kurz und mit Sinn, Wohltun den Armen, dem Herzen Gewinn». Der «Karnevalsklub Lustige Brüder Altenberg» im Mai 1922 Und schon damals nicht zu übergehen waren Karneval und Kirmes. Die Bevölkerung von Kelmis war und ist immer von Frohnatur gewesen. Die Feste wurden gefeiert, wie sie fielen, und dabei spielte der Karneval immer eine bedeutende Rolle. Hier Rot, da Blau, wetteiferten die Büttenredner, die sich im Laufe des Jahres zugetragenen, spottverdächtigen und schadensfrohen Begebenheiten zu Gehör zu bringen. Der Lacherfolg war ihnen sicher, kam doch da manches auf's Tapet, was sonst geflissentlich verschwiegen worden wäre. Die Kirmes fiel und fällt immer auf den zweiten Sonntag im September. Sie fand damals auf der "Pavei" statt. Der große Ort zog immer viele Schausteller an und die zusätzliche Teilnahme der hier ansässigen Fahrensleute, die die schönsten Karussells und Schiffsschaukeln im ganzen Umkreis besaßen, garantierten der Kirmes einen vollen Erfolg. Wenn die Familie Hülster im Frühjahr für den ganzen Sommer auf Tournee ging, war es immer beeindruckend zu sehen, wie diese aus 8 bis 10 Wagen bestehende Kolonne sich im Schrittempo fortbewegte. Gezogen wurde dieser Zug von einer Straßenlokomotive, wie sie die deutschen Soldaten aus dem Kriege mitgebracht hatten. Von Straßenverkehr im heutigen Sinne war natürlich keine Rede, die paar Autos und Pferderfuhrwerke, die die Wege belebten, fielen nicht ins Gewicht.
85 Bleibt nur noch die Fahrkunst zu erwähnen, wie der Lokführer mit dem langen Zug durch die Straßenkurven kam. ET Di a 0 U | ER KO A 2 u WU N a a SP Ze DE FL ap PO 222 ii PR a FR A a BE Mg FE 1 a . Lig YA N TE Dieses Bild der im November 1918 durch Kelmis zurückflutenden deuschen Armee zeigt eine sog. Lokomobile, wie sie die Fa. Hülster in den zwanziger Jahren als Zugmaschine benutzte. Neue Seelsorger Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges bekam die Pfarre eine neue Geistlichkeit. Pastor Kept wurde nach Baelen versetzt. An seiner Stelle kam der aus Henri-Chapelle stammende Pastor Franz Scherrer. 1919 kam an Stelle von Kaplan Simons ein geborener Gemmenicher, Jos. | Wenders, und 1924 der aus Dilsen stammende Kaplan Boutsen. | Kirchliche Feiern waren in Kelmis immer etwas Großartiges. Wenn auf der Orgel der damalige Küster Peter Radermacher Bach intonierte, konnte der Erhabenheit des Kirchenfestes nichts mehr | hinzugefügt werden. Trippe träne AFFE SSAS AS FA“ Z) / Melodie Trippe träne Den hohen Festtagen voraus erklang aus dem Kirchturm ein Geläute, das sich mit Unterbrechung auf den ganzen Nachmittag dahinzog und im Volksmund "Trippe träne" genannt wurde. Es war eine Melodie von 16 Noten, die zwei unterschiedliche Töne aufwies und im raschen Staccato heruntergespielt wurde. Dieser schöne Brauch sollte die
86 Bevölkerung auf das bevorstehende Fest vorbereiten. Aber wie kam es zu der Bezeichnung "Trippe träne"? "Träne" bedeutet "treten" und "Trippe" waren ein Mittelding zwischen Schuhen und Holzschuhen. Auf eine dicke Holzsohle wurde eine Lederhülle genagelt, die Ferse wurde ebenfalls mit Leder eingefaßt und die "Trippe" war fertig. "Trippe träne" heißt also zu gut Deutsch "Holzschuh treten", hat aber keinen Zusam- menhang mit dem Läuten. Woher der Brauch kam undseit wann er sich in Kelmis eingebürgert hatte, haben wir nicht in Erfahrung bringen können, auch nicht, ob in den umliegenden Dörfern dieselbe Gepflogenheit herrschte. Zum Geläute selbst war eine besondere Technik notwendig, denn die im raschen Rhythmus heruntergespielte Melodie konnte unmöglich mit dem herkömmlichen Glockenläuten erzeugt werden. Da saßen dann im zugigen Glockenturm zwei Männer, der Totengräber "Schares Pitter" und der "Wassermann Bings" auf ihren Schemeln jeweils vor einer Glocke, deren Klöppel mit einem Lederriemen versehen war. Jeder zog nun den Klöppel bis an den Schlagring der Glocke und durch abwechselndes Anschlagen an dieselbe erzeugten sie oben erwähnte Melodie. Natürlich wurde den beiden da oben bei Wind und Wetter nicht nur ein gewisser Kraftaufwand abverlangt; der Geräuschpegel des sich über den ganzen Nachmittag dahinziehenden Geläutes kann auf die Dauer den Gehörorganen der beiden nicht besonders zuträglich gewesen sein. Nach dem Tode der beiden ist das Läuten zwar noch fortgesetzt worden, hat sich aber im Laufe der Zeit leider gänzlich verloren. Im Jahre 1925 wurde in Kelmis eine Sektion der christlichen Arbeiterjugend (J.O.C.) ins Leben gerufen. Diese Jungarbeiterbewegung war von Monseigneur Cardyn gegründet worden, überzog sozusagen ganz Belgien und fand hier im Ort viele begeisterte Anhänger. Dank dieser Institution, die auf die Initiative des Herrn Kaplan Wenders zurückzuführen war, wurden die angehenden jungen Werktätigen in ihre Rechte und Pflichten eingeführt und trugen wesentlich mit dazu bei, die christliche Gewerkschaftsorganisation aufzubauen und daraus das zu machen, was sie heute ist. Luftkurort Altenberg Es mutet sonderbar an, daß man auf alten Altenberger Ansichtskarten liest: "Luftkurort Altenberg bei Aachen". Der Casinoweiher mit seinem schönen Hintergrund und die Eyneburg konnten unmöglich allein der ausschlaggebende Grund zu dieser Bezeichnung sein und die Bergwerksgesellschaft "Vieille Montagne" tat nichts, wodurch Kelmis dieses Gütesiegel verdient gehabt hätte.
| 87 Ganz im Gegenteil. 1929 errichtete oben genanntes Unternehmen | eine Werksanlage, die im Volksmund die "Giftmühle" hieß und das ganze Jahr rund um die Uhr in Tätigkeit war. Diese Verbrennungsanstalt ist immer ein unschönes Kapitel in der Kelmiser Geschichte gewesen. | Man hatte ein Verfahren entwickelt, um aus dem über Jahrzehnte | abgelagerten Galmeiabraum Zinkweiß herzustellen, ein Basismaterial . | für Ölfarbe. Dazu benötigte man Hochöfen, die dann auf ganz natürliche | Weise ihren gelben, stickigen, giftigen Rauch durch die Schlote in die Luft pusteten. Die anfallenden glühenden Schlacken wurden mittels Transportband der "Kull" zugeleitet und häuften sich im Laufe der Zeit zu einem gewaltigen Bergkegel an, der nur nachts einen grandiosen Anblick bot, wenn die feurige Asche zu Tal kullerte. | Kay N 2 ! Ba “ KK A - 3 x | Das Badehäuschen am Weiler | Die Leidtragenden waren in erster Linie die nächsten Anwohner, 1 die in ihren verseuchten Gärten noch nicht einmal einen Salatkopf oder eine Lauchstange zum Gedeihen brachten, von Fensteröffnen und Lüften ganz zu schweigen. Protestmärsche und dergleichen, wie wir sie heute kennen, waren damals nicht "in", Das ist erst später "erfunden" worden. Man hatte Brot und Arbeit, und das war damals bei den bescheidenen Ansprüchen der Bevölkerung das Wesentlichste. Dieser Zustand hat bis nach dem Zweiten Weltkrieg angehalten | undebenso lange ist auch die Gegend mit den giftigen Staubpartikelchen berieselt worden.
88 Die Spielbank Die kleine Ecke hier im Osten des Landes hat immer internatio- nale Beachtung gefunden, erst dürch das Erzvorkommen, nachher durch ihren besonderen Status und jetzt, im Jahre 1927, in bescheidenerem Umfange, durch die Eröffnung einer Spielbank. Das geschah in Kelmis nicht zum ersten Male. So wie in der Zeit des neutralen Gebietes im vorigen Jahrhundert einfallsreiche Persönlichkeiten versucht hatten, Briefmarken und Münzen aus Neutral-Moresnet in Umlauf zu bringen, so hatten auch schon lange vor dem Krieg (1903) pfiffige Köpfe im damaligen Hotel Bergerhoff eine Spielbank eröffnet, die jedoch mangels * gesetzlicher Grundlage durch die belgischen und preußischen Behörden geschlossen worden war. Jetzt, im ersten Jahrzehnt nach dem Weltkrieg, in einer Periode des wirtschaftlichen Aufschwungs, kam man auf den Einfall, dasselbe noch einmal zu versuchen. Die günstige Grenzlage zu Deutschland und den Niederlanden wird bestimmt die Standortwahl mit bestimmt haben, und so wurde dann zuerst im ehemaligen Preußisch-Moresnet, das jetzt Neu-Moresnet hieß, im Saale Astoria eine Spielbank eröffnet. Wenn nun auf der einen Seite der Hasardstraße ein so lukratives Geschäft blühte, warum sollte dann auf der Kelmiser Seite einem gleichartigen Unternehmen der Erfolg versagt bleiben? Esboten sich ja da dieselben Räumlichkeiten an, die schon vor dem Kriege diesen Zwecken gedient hatten, nämlich das Hotel Nessel, vormals Bergerhoff, heute Select. So weit, so gut. Aber wir haben und hatten nun mal in Belgien ein Gesetz vom 24. Oktober 1902, das grundsetzlich Glücksspiele untersagt. Bei diesem Kodex blieb aber ein Hintertürchen offen in sofern, als jeder Gast, der die Spielbank besuchen wollte, sich als Mitglied eintragen mußte; so bildete die ganze Gesellschaft eine geschlossene Vereinigung und dem Gesetz war Genüge getan. Also sollte am 1. Juli 1926 der Spielsaal «Cercle Selekt» eröffnet werden. Nun sind wir aber im Besitz eines Protokollauszuges der damaligen Gemeindeverwaltung von Kelmis, der uns deutlich zeigt, in welch konfuse Lage sich einerseits der Gemeinderat, andererseits die Direktion der Spielbank verstrickt haben. Es ging um umstrittene Steuerabgaben an die Gemeinde von Seiten des Präsidenten des «Clubs», Viktor Moyano, der aber auch gleichzeitig Schöffe der Gemeinde war. In dem Protokoll liest sich das wie folgt: «"Am Iten Juli ist die Eröffnung des Spielclubs noch nicht vorgesehen, aber am 26ten September beschließt der Gemeinderat, dem internationalen Club "Kursaal", die Gemeindesteuer in gleicher Höhe wie die Landessteuer aufzuerlegen. Als Direktor der Bank erhebt Herr
89 Moyano Einspruch gegen diese Abgaben und droht mit Schließung des Spielklubs, die auch am 14ten Juli erfolgt. Der Gemeinderat stellt dem Schöffen Moyano ein Vertrauensvotum aus, bedauert, daß der Bürgermeister die Bearbeitung der Akte verzögert hat und genehmigt der Spielbank einen letzten Aufschub, um bis zum Monatsende die Eröffnungssteuer in Höhe von 40.000 frs zu begleichen. Am 14ten November 1927 hat die Gemeindeverwaltung eine Unterredung mit den neuen Direktoren, den Herren Neid und Pirard; S dabei wurde festgelegt, daß für das Jahr 1928 die Gemeindesteuer mit 0,40 centimes (cent. additionnels) Zusatzsteuer zur Staatsabgabe belastet wird, außerdem muß eine Pauschalsumme von 30.000 frs gezahlt werden mit der Verpflichtung, daß die 40.000 frs von 1927 endlich bezahlt werden. Den 10ten und den 14ten Februar 1928 protestiert die Bank offiziell gegen diese Belastungen. Die Direktoren wechseln sich ab und am 15. Dezember 1929 übernimmt der ehemalige Gendarmeriekommandant N. Schrobildgen die Leitung der Bank, in der er bis dato die Buchführung erledigte. Ebenso wie seine Vorgänger beanstandete auch er die hohe Steuerbelastung und argumentierte, daß diese im Vergleich zu dem Konkurrenzunternehmen "Astoria" seinen Betrieb unrentabel mache." So weit ein Teil unseres Protokollauszuges. Hier wird uns wieder vor Augen geführt, wir widersprüchlich sich diese Situation darstellte. Es war derselbe Mann, der nach dem Kriege mit Brachialgewalt in Kelmis als Hüter des Gesetzes für Ordnung gesorgt hatte und jetzt einet Institution vorstand, die im Grunde genommen ein illegales Dasein fristete. Die Streitigkeiten haben bis weit in die dreißiger Jahre angehalten, und beide Parteien waren stets bemüht, die größten Brocken an Land zu ziehen. Währenddessen lief der Betrieb, erfreute sich die Spielbank eines regen Besuches und zog von nah und fern ihre Kunden an. Es war eine mehr oder weniger begüterte Kundschaft aus Belgien und den Niederlanden, aber vorwiegend ans Deutschland. Auf Faltblättern wurde das "Monte nächst Deutschland" in Altenberg den Gästen in überschwenglichen Worten vorsgestellt. Prospekte mit den Eisenbahnverbindungen von Hamm, Dortmund, Duisburg u.s.w. nebst denen von komfortablen Hotels in Aachen lagen zur Mitnahme bereit. Luxuriöse Ausstattung und eine erlesene Tafel boten die Spielbanken, kurz alles, was Besucher anlocken konnte. Die Gäste, die mit dem Zuge anreisten, wurden zu Lasten der Bank von einem Taxiunternehmen in Aachen am Hauptbahnhof abgeholt und auch wieder dorthin zurückgebracht.
90 Das erforderliche Einreisevisum, das nicht jeder vorweisen konnte, um belgischen Boden betreten zu dürfen, wurde durch den Chauffeur an der Grenze mit einem Trinkgeld erstanden. Und die Sache lief. Den Rekord brachte einer der Taxifahrer zu Wege, der an einem einzigen Tag 25 Pendelfahrten fuhr; eine außerordentliche Leistung, muß man sagen, denn um die mit Schlaglöchern übersäten Schotterstraßen zu befahren, bedurfte es einer soliden Fahrkunst. Es ist belegt, daß bei Glücksspielen die Bank immer im Vorteil ist, da letzten Endes die Spielleidenschaft des Menschen ihn meistens dazu verleitet, eine Pechsträhne mit aller Gewalt zu seinen Gunsten umgestalten zu wollen, mit dem Resultat, daß auch sein letzter Groschen der Glücksgöttin geopfert wird. In dieser Hinsicht hoben sich besonders die Damen hervor. In ihrer Besessenheit, das Glück zwingen zu wollen, ist es öfters vorgekommen, daß sie das mitgebrachte Bargeld nach einer Stunde schon verspielt hatten und daß sie dann die Ungeniertheit besaßen, sich beim Chauffeur das bei der Ankunft gespendete Trinkgeld zurückzufragen, um weiter ihrem Laster zu frönen. Bei Gewinn oder beim nächsten Besuch wurde es dann doppelt und dreifach erstattet. ALTENBERG $ N DEN ‚ (EA SALAHON ..[0B B) AACHEN 6) : Ü Ü Ze Dit TS a PO E S|| £ = EEE i 60 la : | S el A A 5 | Ri ‚PEKT 7 Danayza R KA SEE G? 7 2 ln“ al 2 = zen
91 | Einen grotesken Aspekt nahm die Sache, wenn irgend ein Gast eine große Summe Geld verspielt hatte und dann beispielsweise dessen Ehepartner Klage erhob. Flugs rückten Staatsanwaltschaft und Polizei an, beschlagnahmten das Geld, die Roulett- und Bakkarattische und nach acht Tagen lief der Betrieb wieder wie zuvor. Was die Chauffeure angeht, die mit ihren Taxen tagtäglich den Pendelverkehr Aachen-Altenberg fuhren, so war deren Fahrweise in Aachen berüchtigt. Der damalige Autoverkehr ist ja nicht mit den Blechlawinen unserer Tage zu vergleichen; Ampeln und Geschwin- digkeitsbegrenzungen waren noch unbekannt und wurden erst viel später eingeführt. So konnte man nach Herzenslust seine Fahrkünste zeigen, was besonders zu nachtschlafender Zeit auf den völlig leeren Straßen zum Hochgenuß wurde. Auf dem letzten Nachhauseweg wurde dann im Aachener Wald Jagd auf "Karnickel" gemacht, die zu Tausenden den Wald bevölkerten und die, vom grellen Licht der Autoscheinwerfer geblendet, auf der Straße stillhielten und eine leichte Beute wurden. Es war schon ein turbulenter, aber herrlicher Lebensabschnitt, den wir in den zwanziger Jahren miterleben durften, und es schwingt schon ein bißchen Nostalgie mit, wenn man an die «gute alte Zeit» zurückdenkt. Originale Wie schon eingangs erwähnt, lebte, als Neutral-Moresnet noch ein freies Ländchen war, dort ein bunt zusammengewürfeltes Völkchen. Zu den Einheimischen gesellten sich Ausländer, die irgend ein Schicksal nach hier verschlagen hatte und die in der neuen Heimat Zuflucht und Obdach suchten. So war es denn auch nicht verwunderlich, daß bei so vielen unterschiedlichen Mentalitäten und Lebensauffassungen sich hier und da einige Individuen hervorhoben, die auf schrullige Art und Weise die dörfliche Aufmerksamkeit auf sich zogen. So auch der unter dem Namen Rodolf bekannten Fotograf schweizer Nationalität, den es im Jahre 1910 nach Kelmis verschlagen hatte. Es war bis dahin mehr oder weniger den Berufsfotografen vorbehalten, mittels ihrer schweren Plattenkameras das Konterfei der Mitmenschen auf Papier zu verewigen. Eigentlich hieß unser Mann Conrad Rordorf, doch die Leute im Dorf hatten den Namen Rordorf in "Rodolf" umgewandelt. So hat er während der Jahre, die er im Ort verbracht hat, niemals anders geheißen. Eine Gefährtin hatte er nicht mitgebracht und auch hier nicht gefunden; er war ein eigenbrötlerischer Charakter. Durch sein Wesen und besonders durch seine harte deutsche Aussprache hat er sich niemals in die Dorfgemeinschaft eingliedern können; er ist immer ein Fremdling geblieben.
92 Nichtsdestoweniger stand der "Rodolf” Sonntag für Sonntag, wenn das Wetter es erlaubte, irgendwo am Casinoweiher und ersuchte die Spaziergänger, sich ablichten zu lassen; mit dem Erinnerungsfoto legten diese dann oft unbewußt den Grundstein für eine Bilddokumentation, Da die Fotografie erst im Kommen war, fehlte es auch nicht an Interesse und unser Mann hatte ein bescheidenes Auskommen. Das ging solange gut, bis nach dem Kriege das Fotografieren sich verallgemeinerte; die kleinen handlichen Boxen waren jedermann zugänglich und der "Rodolf" hatte das Nachsehen. Einen neuen Broterwerb hatte der Mann, als in Kelmis das Kino eröffnet wurde und dessen Besitzer den Conrad gewissermaßen als Faktotum anstellten. Unter anderm mußte er bei den Sonntagsnachmittags- vorstellungen, die für die Jugend bestimmt waren, im Saal für Ruhe und Ordnung sorgen: ein vergebliches Unterfangen, da die Jugend den "Rodolf" nicht für voll nahm und erst Ruhe eintrat, wenn auf der Leinwand der Film ablief und tosendes Gelächter den Saal erfüllte, wenn Harald Lloyd und Co. dazu Anlaß gaben. Bis 1927 ist der Conrad Rordorf hier geblieben, dann ist er untergetaucht, wie er gekommen war. Knoake Jupp Er hatte ein hageres Gesicht mit tief im Kopf liegenden stechenden Augen, die, von buschigen Augenbrauen umrandet, den Blick noch durchdringender erscheinen ließen, dazu einen Oberlippenbart, der bis über die Lippen herunterreichte, war eingehüllt in abgetragene Kleidung und machte absolut keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Er hieß Joseph Weber, war eines Tages in Neutral-Moresnet gelandet und versuchte, sich mit dem Sammeln von Lumpen, altem Eisen und Knochen durchzuschlagen. Bald hatte der Mann, der durch sein Äußeres schon auffiel, seinen Spitznamen weg: er war bei der Jugend und der Bevölkerung der "Knoake Jupp" (= Knochen Jupp). Es war ein Spottnahme, den der Joseph Weber oft genug zu hören bekam, wenn er mit seinem vierrädrigen Wägelchen irgendwo auftauchte. Natürlich aus respektabler Entfernung, denn mit dem Mann war nicht gut Kirschen essen, Seine Frau war eine kleine, rundliche Person, die ihr schütteres Haarnach hinten zu einem kleinen Knoten aufsteckte. Bei der Bevölkerung kam auch sie nicht gut weg, es war "et suupe Treske". Trank das Frauchen schon einmal einen über den Durst, dann war es zu verstehen, da Armut schon immer in Alkohol ertränkt worden ist. Zur Sommerzeit betrieb der Joseph Weber noch einen anderen Erwerbszweig. Er bastelte aus Haselnußgerten, Draht und buntem Papier kleine Windmühlen, die er dann meistens am Casinoweiher oder auf Aachen zu in der Nähe der sich dort befindlichen Waldcaf&s feilbot.
93 | Wenn die Oma uns dann bei dem Joseph eine Windmühle kaufte, | standen wir Knirpse mit einem ganz flauen Gefühl im Magen dabei, denn | wir hatten nicht vergessen, was wir dem Mann im Laufe der Woche | nachgerufen hatten. Aber der "Knoake Jupp" sah die Verdienstmöglichkeit und nur sein scharfer, durchdringender Blick sagte, was hinter der krausen Stirn vor sich ging. Wie gesagt, ein Außenseiter. Die ärmliche soziale Lage, in der sich der Mann befand, ließ gar nicht darauf schließen, daß wir es hier mit einem intelligenten, gebildeten Menschen zu tun hatten. Die wenigen Kontakte, die er hier mit den Leuten pflegte, darunter ! waren welche mit abgeschlossenem Studium, bestätigten dies, und letzten Endes trug die wertvolle Briefmarkensammlung, die er besaß, nicht unwesentlich mit dazu bei, den Mann aus einer ganz anderen Perspektive zu beurteilen. Wenn bis nach dem Kriege das Lumpensammeln für den Joseph noch lief, so wurde er im Laufe der Jahre von den aus der Wallonie anrückenden Altwarenhändlern, die das Geschäft in einer ganz anderen Größenordnung betrieben, verdrängt. Die Windmühlen waren auch nicht mehr "in" und so hat unser "Knoake Jupp» Kelmis eines Tages Lebewohl gesagt und ward nicht mehr gesehen. Der Schäle Wenner Ein flaches rundes Gesicht, schwarzer Schnurrbart, die Augen- behinderung war nicht zu übersehen, auf dem Kopf eine Kappe aus ganz grobem Stoff, angetan mit einer blütenweißen Jacke: eigentlich konnte man nicht von einem aus dem Rahmen fallenden Mann sprechen. | Er war Eisverkäufer, kam von Henri-Chapelle und war im Ort | ansässig geworden. In der guten Jahreszeit zog er, oder besser gesagt: / drückte er einen kleinen zweiräderigen, weißgestrichenen Kastenwagen | vor sich durch den Ort, lockte mit einer kleinen Trompete, die nur einen Ton von sich gab, die Kundschaft an und bot seine Delikatesse feil. Nach / einigen Jahren konnte er sich verbessern. Ein Pferdchen wurde gekauft mit dem dazu gehörigen vierräderigen, prunkvoll überdachten Eiswagen. Ein etablierter Mann also. Es läßt sich schwer verfolgen, wieso der Leo Wenner eines Tages mit dem einen oder anderen Bürger des Dorfes in Meinungs- verschiedenheiten geriet. Jedenfalls war unser Mann, der ein eher ungestümes Temperament besaß, auf besagte Personen nicht gut zu sprechen. Die ihrerseits wollten sich nur einen Jux machen und hatten ihre Gaudi, wenn sie den Mann für eine Nichtigkeit auf die Palme bringen konnten. Unser aufbrausender Hitzkopf rächte sich dann auf seine Weise. Kam er auf seiner Tournee durch den Ort an dem Hause des ihm nur zu gut bekannten Widersachers vorbei, dann hielt er sein Gefährt an und | trompetete, was das Zeug hergab, in Richtung Haustür. Zeigte sich nun | }
94 der Betreffende, — und das war immer der Fall, man wollte ja seinen Spaß haben —, dann machte der Leo mit gespreizten Händen eine lange Nase, streckte die Zunge heraus, schnitt seinem Gegenüber die scheußlichsten Grimassen und bedachte ihn mit den unflätigsten Schimpfwörtern. Wenn er auf diese Weise seinem Opponenten die Reverenz erwiesen hatte, zog er beruhigt weiter. Der Publikumserfolg war ihm auf alle Fälle immer sicher, Klüte Wilm Unter "Klüte" versteht man meist ein Brikett, aber es kann auch ein Schnapssein. Letzteres traf auf unseren Wilm zu. Der Mann, ein Original, war kein "Neutraler". Überall und nirgends zu Hause, durchkämmte er bettelnd die Gegend von Eupen bis Kelmis, scheute die Arbeit wie die Pest und ward sehr oft hier im Ort gesehen. Er hatte ein Gespür, sich immer da einzufinden, wo es spendable Unterstützer gab. Seine Lebensphilosophie war Schnaps, seine Nahrung war Schnaps und logischerweise umgab ihn immer eine Dunstwolke aus solchen Distillaten. Sommer wie Winter trug er einen langen braunen Mantel, auf dem Kopf einen undefinierbaren Filzhut und zur Seite eine Tasche, die mit aller Wahrscheinlichkeit sein ganzes Hab und Gut barg. Vor sich trug eraneinen Lederriemen befestigt das Instrument, dasihm sein Einkommen sicherte. Das war ein kleiner viereckiger Kasten in der Größe eines alten Phonographen, der an der Oberseite mit einer durchstanzten runden Messingplatte versehen war. Durch eine an der Seite angebrachte Kurbel versetzte er die Platte in Drehungen und entlockte dem Kasten ein wimmerndes Glöckchengebimmel, dem man nach gutem Zuhören diese oder jene Melodie zuordnen konnte. Nun war es janicht so, daß der Wilm in dem relativ ruhigen Ort sich an irgend einer Straßenecke aufstellte und der Dinge harrte, die da kommen würden, nein, er wanderte von Haustür zu Haustür, orgelte seine Liederströphchen herunter und wartete auf die milde Gabe. Eßwaren waren ebenfalls begehrt und verschwanden in seiner Hängetasche. Die gespendeten Groschen setzte er in sein Lieblingsgetränk um. Ob nun zu seinem Nutzen oder Schaden, der Wilm konnte, wenn die Gelegenheit sich bot, unheimliche Portionen Essen verzehren. Was heißt schon "verzehren"? besser gesagt: verschlingen! Dazu ergaben sich die besten Gelegenheiten, wenn auf den Dörfern die Kirmes stattfand und bei den Bauern Schlachtfest war. Da fand sich ungeladen unser Wilm ein, wußte er doch, daß auch für ihn immer etwas abfiel. Die Burschen im Ort hatten dann ihren Spaß, wenn sie den Wilm inirgendeine Wirtschaft hineinkomplimentiert hatten, ihm eine gewaltige Schüssel "Gekrösch" (Sülze), die entsprechende Maß Bier und ein
| 95 | zweipfündiges Brot vorsetzten, die unser Wilm sich dann in aller Ruhe einverleibte. Er hätte es aber nicht über’s Herz gebracht, einen Rest übrig zu lassen. Nun möge man nicht denken, daß der Mann überflüssige Pfunde mit sich herumschleppte, er war hager und mager, so daß man sich letzten Endes die Frage stellte: "Wo stopfte der Wilm das alles hin?" Irgendwann fiel es dann auf, daß unser Vagabund nicht mehr da . war. Er ward nicht mehr gesehen und wird eines Tages wohl auch den Weg gegangen sein, der uns allen beschieden ist. Schieve Wilm Schieve heißt zu gut Deutsch "Scheiben". In unserem Falle sind es aber nicht irgendwelche, sondern es geht hier um Mark- oder Talerstücke. Da sagte man hierzulande: "Dä hat waal vööl Schieve" (der hat wohl viel Geld). Der Wilm hatte welches, da er ein gut situierter Fleischermeister im Ort war und auch ganz brav und fleißig seinem Beruf nachging. Zu der damaligen Zeit standen die Metzger nicht nur in ihrer Wurstküche, sondern waren auch mit dem Pferdegespann viel unterwegs, um beim Bauern selbst Schlachtvieh aufzukaufen. Aber wie das nun so einmal ist, es steckt ja in jedem von uns irgend eine Untugend, und die bricht auch.schon mal durch. Kam es dann mal vor, daß der Wilm dem Bauern das Schwein oder Kalb etwas billiger als vorgesehen abgehandelt hatte, dann genehmigte er sich auch schon einmal ein Schnäpschen mehr als sonst. Aber wie so etwas ausarten kann, hat unser Mann öfters erlebt, und ehe er sich versah, hatte er einen Bombenrausch weg. Wenn dieser Zustand erreicht war, gab es kein Halten mehr für den Wilm. Übermütig zog er dann mit seinem Einspänner Runden durch das Dorf, hielt hier und da vor einer Schenke und rief auf der Straße den Passanten lauthals zu: "Der Wilm hat Schieve, der Wilm hat Schieve." Damit tat er jedem kund, daß er nicht zu den Ärmsten des Ortes gehörte. In Kelmis genügte das vollauf, um sich einen Spitznamen einzuhandeln, den der Wilm dann auch zeitlebens behalten hat. Das waren, am Rande vermerkt, einige kleine Anekdoten, durch die die Darsteller, die zeitweilig im Blickpunkt des Dorfgeschehens gestanden haben, in der Erinnerung weiterleben. Mitte der zwanziger Jahre hatte sich auch die schwerfällige Eisenbahnverwaltung dazu durchgerungen, den Bahnanschluß, der bis dahin ausschließlich dem Güterverkehr der "Vieille Montagne" diente, für den Personenverkehr freizugeben. Es war nicht normal, daß die Werktätigen morgens und abends den weiten Weg nach Moresnet machen mußten, um ein Verkehrsmittel vorzufinden, das sie zu ihrer Arbeitsstätte F brachte. Wenn der Pendelverkehr auch mit archaischen Vehikeln durchgeführt wurde, so war diese Vergünstigung, die einen wesentlichen Zeitgewinn brachte, den Benutzern doch sehr willkommen.
96 Viele Einwohner, die bis zum Ende des Krieges die deutsche Staatsangehörigkeit besessen hatten, hatten für die belgische Nationalität optiert; in den meisten Fällen wohl, um nicht ihr Eigentum zu verlieren oder des Landes verwiesen zu werden. Im Grunde wurde dieser Nationalitätenwechsel noch ziemlich leicht verkraftet, denn man war ja in erster Linie "Kelmiser", sprach dasselbe Platt, und wenn die jungen Männer nach dem belgischen Gesetz im neuen Vaterland den Militärdienst abzuleisten hatten, so war zwischen "Neubelgiern" und "Altbelgiern" kein Unterschied zu spüren. Im Laufe des ersten Jahrzehnts verlor sich auch nach und nach der bekannte Schimpfname, den man in der Wallonie während des Krieges der deutschen Besatzung zugelegt hatte und den die Werktätigen, die im französischsprachigen Teil des Landes ihrer Beschäftigung nachgingen, schon der mangelhaften Sprachkenntnisse wegen oft genug zu hören bekamen. Undso gingen die Jahre dahin. Unten im Bruch wurde noch immer das aufbereitete Erz zur "Plaine", dem Lagerplatz, gefahren, der Aschenberg wurde größer und größer, mit der Trambahn fuhr man nach Aachen und mit dem Zug nach Verviers, sechs Tage die Woche wurde gearbeitet, ein eingefahrenes Alltagskarussell. Die Generation, die in ihren ersten zehn Lebensjahren den Weltkrieg 14-18 miterlebt hatte, war nun erwachsen, die Schulausbildung war für die meisten mit 14 Jahren zu Ende. Fortan standen sie im Berufsleben. Man war im Turnverein oder hatte sich dem Fußball verschrieben. Sonntags ging man zum Frühschoppen und abends zum Tanz. Es war ja Friedenszeit, man lebte in einer heilen Welt, und das Leben war noch ohne Probleme, was ein Jahrzehnt später ja nicht mehr der Fall war. So ist es denn auch besser, wir beenden den Rückblick auf diesen Lebensabschnitt und schwelgen ab und zu in Erinnerung an die "gute alte Zeit", an unsere Jugendzeit.
97 Das Stoßtruppunternehmen im Gemmenicher Tunnel am 10. Mai 1940 von Alfred Bertha Seit September 1939 war ein deutscher Angriff an der West- || front siebzehnmal als unmittelbar bevorstehend angekündigt wor- den. Der Vatikan hatte gewarnt. Die Militärattaches Hollands und Belgiens in Berlin hatten ihre jeweiligen Regierungen gewarnt. Oberst Oster, Chef der Zentralabteilung der deutschen Abwehr, hatte den Westmächten die deutschen Angriffspläne, soweit sie ihm bekannt waren, verraten. Noch am Abend des 9. Mai hatte Oster den niederländischen Militärattache in Berlin vom unmittelbar be- vorstehenden Angriff unterrichtet. Die belgische Generalität war auf eine Wiederholung des von Schlieffen-Planes mit einem Vorstoß durch Holland eingestellt. Nach.dem Absturz eines deutschen Aufklärungsflugzeuges bei Me- chelen an der Maas am 10. Januar 1940, wobei den Belgiern die deutschen Aufmarschpläne in die Hände fielen, hätte eigentlich im belgischen Verteidigungsministerium höchste Alarmstufe herrschen müssen. Doch in Brüssel versuchte man, sich gegenseitig zu beruhi- gen. Hatten die den belgischen Behörden in die Hände gefallenen Dokumente nicht zum Ziel, von den tatsächlich vorgesehenen An- griffsplänen abzulenken? Auch angesichts der sich immer mehr zu- spitzenden Läge wollte Belgien nicht von der Anfang September 1939 verkündeten Neutralität abgehen. Man klammerte sich an die Hoffnung, man könne, ähnlich wie die Niederlande im Ersten Welt- krieg, aus dem drohenden Konflikt herausgehalten werden. Zudem war es beruhigend zu wissen, daß die verflossenen Jahre zum Bau ei- ner Reihe von Festungswerken genutzt worden waren: An diesen Festungswerken, sog. Forts, würde sich jeder Angreifer die Zähne ausbeißen! Besonders der Lütticher Festungsring mit dem Fort von Eben-Emael galt als nicht zu überwindendes Hindernis. In Grenznä- he hielten Grenzwachteinheiten die Stellungen an Brücken und son- stigen militärisch wichtigen Objekten, die allesamt bei einem even- tuellen deutschen Angriff gesprengt werden mußten. Bei den letzten großen Herbstmanövern vom August 1938 war ”La Meuse” zu dem Schluß gekommen, daß unser Land bis zur Grenze gut bewacht sei: ”Nous sommes bien gardes jusqu’a la frontiere”.
98 Seit September 1939 waren die belgischen Reservisten unter den Waffen, doch jetzt, ein paar Tage vor dem 10. Mai 1940, war die Urlaubssperre aufgehoben worden! Im deutschen Aufmarschplan, der von General von Manstein ausgearbeitet worden war und als ”Sichelschnitt-Plan” bekannt wurde, kam der Eisenbahnlinie Aachen/West-Montzen-Vise eine nicht unerhebliche Rolle zu. Im Ersten Weltkrieg war es den Bel- giern gelungen, am ersten Kriegstag mit aufeinandergefahrenen Lo- komotiven und Güterwagen den grenzüberschreitenden Tunnel bei Gemmenich-Botselaer für längere Zeit unbrauchbar zu machen. Wie dieser für den Nachschub so wichtige Tunnel unversehrt in die Hände der Deutschen fiel, beschrieb einer der Teilnehmer an dem Stoßtruppunternehmen, das am 10. Mai 1940 diese Aufgabe zu 1ö- sen hatte. Der Bericht erschien im ”Westdeutschen Beobachter” vom 10. Mai 1941 unter dem Titel ”Stoßtrupp durch den Tunnel von Gymnich”. Wie der nicht namentlich genannte Soldat schreibt, hatten er und seine Kameraden als Angehörige eines Grenzwachtregiments seit dem 26. August 1939 Bunker und Panzerwerke des Westwalls besetzt gehalten. ”Die Westgrenze des Reiches zu schirmen”, das sei ihr Auftrag gewesen. a 1 A SB RR 14 T % AA A E ar N AR UK KA A A Al A . DE 2 I Pe) a x — a ; az w 0 3 Belgische Grenzwachsoldaten an der Hammerbrücke (Hergenrath / Hauset - 1938)
99 Als die Soldaten in die Bunker einzogen, war ein Teil derselben erst im Rohbau fertiggestellt. Acht Monate sollten die Männer Zeit haben, ihre Unterkünfte bequem einzurichten. Während dieser Zeit wurden sie durch strammen Dienst, regelmäßige Übungsmärsche und häufige Probealarme auf ihre Auf- gabe vorbereitet. Eines Tages wurde aus Teilen verschiedener Kompanien eine besondere Abteilung zusammengestellt, bestehend aus einem , Schützen-, einem MG- und einem Pakzug (Pak = Panzerabwehrka- I none). Diese Abteilung, der nur ausgesuchte Leute angehörten, | wurde häufig zu besonderen Übungen aus der Bunkerlinie herausge- zogen, wobei zunächst niemandem klar war, was mit diesem Trupp ! beabsichtigt war. Als jedoch einige Verladeübungen am Stolberger Bahnhof und am Tunnel bei Bildchen durchgeführt wurden, ahnten alle, daß diese Männer für einen besonderen Auftrag geschult wur- den. Inzwischen war es Frühling geworden. Die ”dröle de guerre” im Westen dauerte an. Der 9. Mai hatte wie jeder andere Tag be- gonnen. Exerzierdienst hatte den Vormittag ausgefüllt. Nun saßen die Männer der Sonderabteilung nach dem Mittagessen um ihre Ge- wehrführer versammelt, als telefonisch Alarm ausgelöst wurde. Erst glaubten alle, es handele sich, wie schon so oft, um einen Probea- larm. Die zur Kompaniebefehlsstelle beorderten Zugführer erfuh- ren, daß in der Nacht ‚Alarm zu erwarten sei. Der Auftrag der Son- derabteilung wurde wie folgt umschrieben: ”Unter Führung des Kompaniechefs wird am frühen Morgen des 10. Mai mit der ge- mischten Abteilung, zu der noch ein Pionierzug tritt, ein Stoßtruppunternehmen durchgeführt. Zweck des Unternehmens: Sicherung des 850 m. langen Tunnels vor dem Ort Gymnich, dessen | letztes Drittel sich bereits auf belgischem Gebiet befindet. Der Tun- nel ist zu durchstoßen, die Sprengung oder anderweitige Unbrauch- barmachung ist zu verhindern. Darüber hinaus ist durch das Dorf Gymnich vorzustoßen, alle Vormarschstraßen sind freizumachen für die nachrückenden Truppen. Was sich auf der belgischen Seite des Tunnels befindet, ist nicht bekannt.” Die Nacht sollte kurz werden. Gegen 2 Uhr schrillte das Feld- telefon: ”Alarm!” Die Männer machten sich marschbereit und bega- ben sich zur Kompaniebefehlsstelle, einem nahe gelegenen Kloster. Hier sammelte sich die Abteilung. Waffen und Gerät wurden verla- den. Schweigend marschierte die Kolonne dann unter Führung ih- res Hauptmanns, eines alten Frontkämpfers, zum Güterbahnhof
100 Aachen/West. Unterwegs begegneten ihnen Truppen aller Art, die im Anmarsch auf die belgische Grenze waren. Am Bahnhof wartete schon die Pionierabteilung unter der Führung eines Leutnants. Die Uhr zeigte 4,50 Uhr. Ein Zug stand bereit. Der erste Wagen war mit Sandsäcken beladen, um bei einem möglichen Zusammenstoß das Schlimmste zu verhindern. Auf dem zweiten Wagen nahmen die Pioniere mit ihrem Gerät Platz. Pakge- schütze rechts und links auf dem dritten Wagen sollten bei der Aus- fahrt aus dem Tunnel sofort gegen Panzerziele feuerbereit sein. Der vierte Wagen nahm die Schützen auf, während auf dem fünften Wagen, auf einer Tribüne, ein schweres MG aufgebaut war. Es soll- te nach dem Durchstoß den Feuerschutz während des Entladens übernehmen. Der Rest des Stoßtrupps verteilte sich auf den letzten‘ Wagen. Ganz hinten befand sich die Lokomotive. Das Unternehmen mußte schnell und entschlossen durchge- führt werden. Nicht noch einmal wollte man den Belgiern die Zeit lassen, den Tunnel zu blockieren, wie sie es 1914 getan hatten. Von deutscher Seite hatte man festgestellt, daß in dem belgischen Teil des Tunnels Entgleisungsweichen eingebaut und Sprengvorrichtun- gen angebracht worden waren. 5 Uhr 25. Der Zug hält kurz vor dem Tunneleingang. Für 5 Uhr 27 war die Einfahrt vorgesehen gewesen. Der Hauptmann wechselt ein paar Worte mit dem Lokführer, dann geht es in den Tunnel hinein. Hier herrscht vollständiges Dunkel. Die Männer warten gespannt auf das, was ihrer Meinung nach eintreten muß: ein Knall, ein Flammenmeer, umherfliegende Felsbrocken. Doch nichts geschieht. Wieder hält der Zug. Die Pioniere springen ab und stellen die Entgleisungsweichen um. Alle zum Tunnel führenden Drähte und Leitungen werden durchschnitten. Dann erreicht der Zug den Ausgang, hält wieder an der Blockstelle, die mit Handgra- naten unter Bewurf genommen wird. Die Schützen gehen beider- seits des Bahndammes in Stellung. Inzwischen war es heller Tag geworden. Die Sonne ging leuch- tend auf. Die Soldaten des Stoßtrupps freuten sich, ihren Auftrag so reibungslos ausgeführt zu haben, als plötzlich das ganze Unterneh- men zum Scheitern verurteilt schien. Auf dem Schienenstrang, un- weit des Tunneleingangs, standen drei mit Sand beladene Waggons. Es sah so aus, als seien sie rein zufällig dort stehengeblieben. Da kam von Gemmenich her, immer lauter werdend, das Schnauben und Fauchen einer Lokomotive. In hoher Fahrt rollte sie führerlos die abschüssige Strecke hinunter, auf die auf den Schienen stehen-
101 den Waggons zu. Beim Aufprall würden diese ihrerseits den deut- schen Zug in den Tunnel zurückdrücken und wie 1914 die Durch- fahrt sperren. In letzter Sekunde gelang es jedoch den Pionieren, vor den ersten Waggon eine Sprengladung zu legen, die beim Aufstoß explodierte. Die Geleise wurden aufgerissen, die schwere Maschine hochgehoben und auf die Seite geworfen. Die Waggons setzten sich zwar in Fahrt in Richtung auf den deutschen Zug, doch dieser konnte den Stoß leicht auffangen. Es war 5 Uhr 40. Schon flogen Luftwaffengeschwader gegen Westen, um ihre Bombenlast auf strategisch wichtige Ziele abzu- werfen. Nachrückende Pioniere räumten die Minen an der Eisen- bahnstrecke, ein Werkstattzug machte die Strecke frei und richtete sie wieder für den Verkehr her. Der Stoßtrupp hatte seinen Auftrag noch nicht ganz erfüllt. Bis jenseits Gemmenich sollten sie vorstoßen. Unterwegs machten sie 16 Gefangene. Wie sie später erfuhren, handelte es sich um den belgischen Sprengtrupp, der den Tunnel von Botselaer hätte zerstö- ren sollen. Von drei Seiten drangen die deutschen Soldaten in Gem- menich ein, wo sie erfuhren, daß die Mehrzahl der belgischen Solda- ten sich schon am frühen Morgen zurückgezogen hatte. An den Dorfausgängen fanden sie ausgehobene Feldstellungen. Der Eingang des Tunnels auf Gemmenicher Seite Foto A. Jansen
102 Um 7 Uhr 10 konnte der Hauptmann der Division melden, daß der Tunnel nebst den davor liegenden Brücken unversehrt sei und die Orte bis Homburg vom Sondertrupp gesichert würden. So gelang es dem Stoßtrupp zwar, den wichtigen Eisenbahn- tunnel von Botselaer zu nehmen, die Sprengung des großen Mores- neter Viadukts jedoch, die durch Fernzündung von Battice aus vor- genommen wurde, konnten die deutschen Truppen nicht verhin- dern. Ein Jahr lang fiel diese Strecke für den Nachschub aus. Zur Zeit arbeitet ein deutsch-belgisches Firmenkonsortium am Ausbau des Tunnels von Botselaer, der nach Verbreiterung und Er- höhung auch Transporte mit Überbreite (5 m) aufnehmen kann. Die Arbeiten wurden im Juni 1989 in Angriff genommen und sollen im Mai 1991 beendet sein. Der 1872 durch die Bergisch-Märkische Ei- senbahn erbaute, 870 m lange Tunnel wird dann dreigleisig die deutsch-belgische Grenze durchschneiden und allen Anforderungen des heütigen Schienentransports auf dieser vielbefahrenen Strecke von Aachen-West nach Montzen gerecht werden.
103 ...“. ° ° Tätigkeitsbericht 1990 von Freddy Nyns Anläßlich der diesjähigen Generalversammlung im «Select», am 27.1.1991, konnte folgender Rückblick auf 1990 gegeben werden: Wir stellen zu unserer großen Freude fest, daß das Jahr 1990 sehr erfolgreich war, | sind doch im Ganzen 20 Aktivitäten zu verbuchen. Leider haben wir im verflossenen Jahr unseren Ehrenpräsidenten, Herrn Peter ZIMMER, sowie unseren langjährigen Mitarbeiter, Herrn Helmut HEYDASCH, durch den Tod verloren. Die Reihe der Vorträge, Studienfahrten, Besichtigungen, Wanderungen usw. umfaßte am | 21. Januar 1990: Generalversammlung im Hotel-Restaurant "SELECT" in | KELMIS mit einem DIA-Vortrag über "Die schwäbische Barockstraße". Es war eine | Rückschau auf die mehrtägige Studienfahrt im August 1989. Die Referenten waren Frau | Margarete WAHL und Herr Alfred BERTHA. 15. März 1990: DIA-Vortrag über «Die alten Straßen und Wege unserer engeren Heimat», besonders im Raume Aachen. Der Referent war Herr Rblf HASCHE, Aachen. 24. März 1990: Werksbesichtigung: "Ein Großbetrieb in unserer Gegend, die Molkerei in WALHORN". Leider kamen nur ein Dutzend Interessenten; vermutlich weil wir im Jahre 1989 zu dem gleichen Thema 200 Interessenten zählen konnten. Voraussichtlich werden wir in 2 Jahren nochmals eine Besichtigung durchführen, da dann der Erweiterungsbau abgeschlossen sein wird. Referent war Herr Freddy NYNS. 26. April 1990: Im Schloß "Vaalsbroek" in VAALS fand ein Vortrag über "Die Geschichte der Limburgischen Dialekte" statt. Der Referent war Herr Jan NOTTEN der "Vereniging Veldeke", Valkenburg (NL). 20. Mai 1990: Studienfahrt: "Von Maastricht über die Maas und den Albert-Kanal nach Lüttich mit Stadtrundfahrt in Lüttich und Besuch des Zoologischen Museums der Universität Lüttich". Der Organisator und Referent, Herr Alfred JANSEN, konnte 50 Teilnehmer begrüßen. 09. Juni 1990: "Internationales Geschichtvereinstreffen" in KELMIS. Im Saal des Hotel-Restaurant "SELECT" wurden Referate von unseren Vorstandsmitgliedern, den Herren Herbert LENNERTZ, Alfred BERTHA und Walter MEVEN, über unsere Region gehalten. Anschließend fand ein Besuch des hiesigen "Göhltalmuseums” statt und nach einem gemeinsamen Mittagessen erfolgte eine Busrundfahrt zu den Sehenswürdigkeiten in der näheren Umgebung: CLERMONT, CHAINEUX, SOIRON, VAL-DIEU und zurück über GEMMENICH, wo die 80 Teilnehmer im "HOME-FRANCK" zum Abschluß dieser erfolgreichen Veranstaltung zu einem kleinen Imbiß geladen wurden. 17. Juni 1990: Studienfahrt: "XANTEN, eine römische Siedlung am Niederrhein". Die Organisatorin und Referentin, Frau Marg. WAHL, startete mit 41 Teilnehmern zu dieser geschichtsträchtigen Fahrt. 24. Juni 1990: Halbtagswanderung: "Pflanzen und Kräuter entlang der Göhl". Es nahmen 17 Personen daran teil unter der Leitung von Frau Astrid SCHMITZ und Herrn Alfred EMONTSPOHL. 11.-16. August 1990: Mehrtägige Studienfahrt nach BURGUND (F) mit dem Besuch von BEAUNE, DIJON, CLUNY, VEZELAY, BOURG en BRESSE, VERDUN und REIMS. Diese hochinteressante Reise wurde organisiert und geleitet durch unseren Präsidenten, Herrn Herbert Lennertz. Teilnehmer: 49 Personen. 07.-23. September 1990: Ausstellung: "Bildmaterial über Denkmäler im Göhltalraum". Anläßlich der Königsfeiern wurde diese Ausstellung mit Unterstützung der Deutschsprachigen Gemeinschaft (Bildmaterial) durchgeführt. Es fanden sich 173 Besucher im Göhltalmuseum ein. Die Organisation lag bei unseren Vorstandsmitgliedern.
104 21. September 1990: DIA-Vortrag: "Beschreibstoffe der Vergangenheit und Gegenwart", wie z.B. Tontafeln, Papyros, Pergament etc. Der Referent, Herr ECKERT aus Neu-Moresnet, hielt einen mit großem Sachverstand gehaltenen Vortrag, der mit viel Beifall aufgenommen wurde. 26. September 1990: Werksbesichtigung: "Ein weltbekanntes Unternehmen der Zementindustrie im EUREGIO-Bereich: CBR-LIXHE". Der Organisator, Herr Willi Palm, fuhr mit 22 technisch interessierten Teilnehmern los. Nach einem von den Herren DEBRUCHE und CHALMET gehaltenen Einführungsvortrag begann die 3-stündige Werksführung, die bei allen Teilnehmern sehr großes Interesse erregte. 06.-28. Oktober 1990: Ausstellung: "Folklore im Göhltalraum". Anläßlich des 111-jährigen Bestehens der "Königl. Karnevalsgesellschaft ULK zu Kelmis" wurde diese Ausstellung in Zusammenarbeit mit unserer Vereinigung zu einem vollen Erfolg. Nicht weniger als 349 (!) Besucher wurden gezählt. Hierbei zeigte sich wiederum, daß eine das hiesige Publikum ansprechende Veranstaltung des Erfolges sicher ist. 21. Oktober 1990: Ganztagswanderung: "Ab OVIFAT durch die herrlichen Eifelwälder". Die Organisatorin und Referentin, Frau Astrid Schmitz, konnte zu dieser unter biologischem und biotopischem Aspekt organisierten Wanderung 42 Teilnehmer begrüßen. 27. Oktober 1990: Werksbesichtigung: "Ein internationaler Grenzbahnhof im EUREGIO-Bereich". Diese von Herrn Walter MEVEN organisierte und von Herrn Hans HECK (techn. Überwachungsbeamter bei der DB) durchgeführte Besichtigung wurde von den 22 Teilnehmern mit großem Verständnis aufgenommen. 03.-25. November: Ausstellung: Die Herren H. JANSEN und F. HELDEN stellten Aquarelle und Skulpturen vor. Zu dieser sehenswerten Ausstellung konnten wir 174 Besucher verzeichnen. Vor allen Dingen waren unter den Aquarellen manche Motive aus unserem heimatlichen Gebiet zu sehen. 14. und 21. November 1990: Zwei DIA-Vortragsabende: "Indiens tropischer Süden, eine landschaftliche, völkerkundliche und kunsthistorische Reise in zwei Folgen". Die Referentin, Frau Marg. WAHL, verstand es ausgezeichnet, den 106 Besuchern dieses hochinteressante Thema vor Augen zu führen. Wie immer bei solch fremdländischen Vorträgen, hatte sie auch diesmal als Abschluß eine Kostprobe eines dortigen Gebäcks vorbereitet. 13. Dezember 1990: DIA-Vortrag: "Alfred Jansen: Variationen im Bereich der Fotografie". Der Referent, unser lanjähriges Vorstandsmitglied, Herr Alfred JANSEN, verstand es meisterhaft, den Anwesenden die Mikro-, Makro- und Farbfotografie anhand vieler Beispiele näher zu erläutern. Der Vollständigkeit halber bliebe noch hinzuzufügen, daß auch 1990 2 Ausgaben “IM GÖHLTAL” erschienen, die Nr. 46 und 47. Die Mitgliederzahl schwankt um die 800. Beim Sommernachtsfest des “Cercle Musical” im August 1990 wurde gleichzeitig ein reger Besuch des Museums festgestellt. Ferner möchten wir schon jetzt auf unser 25-jähriges Jubiläum hinweisen, welches im September 1991 in der Patronage Kelmis gefeiert wird. Demnächst wird das durch die Gemeinde Kelmis erworbene Gemälde von Bastin€, welches die «KOUL» darstellt, Einzug ins Museum halten. Es wird in die Obhut der “Göhltalvereinigung” genommen. Der Termin wird rechtzeitig durch die Presse- und Rundfunkorgane bekanntgegeben. Zuletzt möchten wir allen unseren Mitgliedern danken für ihre Treue zur Vereinigung und ihre Unterstützung. Gleichzeitig danken wir der Gemeinde Kelmis, dem Kulturamt der Provinz Lüttich und der Verwaltung und Exekutive der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Wir hoffen, daß wir mit dert Hilfe vieler weiterhin unser kulturelles Programm fortführen können.
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