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Im Göhltal ZEITSCHRIFT DER VEREINIGUNG FÜR KULTUR, HEIMATKUNDE UND GESCHICHTE IM GÖHLTAL Nr 47 August 1990 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstraße 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Maxstraße 9, 4721 Neu-Moresnet, Tel. 087/65.75.04 \ » Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, 4728 Hergenrath. 5) Kassierer: Fritz Steinbeck, Hasardstraße 13, 4721 Neu-Moresnet. Postscheckkonto N" 000-0191053-60 Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten. Entwurf des Titelblattes: Alfred Jansen, Moresnet-Kapelle. Druck. Hubert Aldenhoff, Gemmenich.
3 Inhaltsverzeichnis A. Jansen, Zum Umschlagbild 5 Moresnet-Kapelle F. Pauquet, Kelmis Die Revolutionsjahre 1789-1794 und das Limburger Land (1. Fortsetzung) 15 M.Th. Weinert, Aachen Lilliput 43 A. Bertha, Hergenrath Die Abtretung Eupen-Malmedys an Belgien i.J. 1920 44 V. Gielen, Eupen Konrad Hermann Cardoll aus Kettenis: Aachens Domdechant in schwerer Zeit 62 Katharina Comoth, Köln Zur Erinnerung an Emil Dovifat 68 F. Pauquet, Kelmis Eine Darstellung des Altenberges aus dem Jahre 1843 2 Jos. Langohr, La guerre scolaire ou la lutte heroique Gemmenich des Montzenois en 1879 98 W. Meven, Hergenrath Peter Zimmer (+) 103 A. Bertha, Hergenrath Auf dem Büchermarkt 105
3 Zum Umschlagbild Das alte Schloß Ruyff in Henri-Chapelle von Alfred Jansen Der Ursprung von Ruyff, das etwa auf halber Strecke zwi- schen Henri-Chapelle und Welkenraedt am gleichnamigen Bach liegt, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Mit Gewißheit kann man aber sagen, daß Ruyff schon im 12. Jahrhundert bestand, denn als Herzog Heinrich III. von Limburg i.J. 1172 der Abtei von Stave- lot den Neunten in Henri-Chapelle bestätigte, befreite er den Herrn von Ruyff, Heinrich, Neffen des Arnold von Ruyff, von dieser Ab- gabe. In der Urkunde wird der Herr von Ruyff ”Henricus apud Ri- vam” genannt. 1313 bzw. 1314 treten die Formen Ruve und Rueve auf, Das in einer Talmulde gelegene Schloß hat ein weniger herr- schaftlich scheinendes Äußeres als das nur 300 m. entfernte Schloß Baelen, ist aber malerischer als dieses. Die wie von Patina überzoge- nen Mauern spiegeln sich in den das Schloß dreiseitig umgebenden Wassergräben sowie in dem nach Süden liegenden Teich. Die Anla- ge besteht aus zwei parallel zu einander stehenden Flügeln, die nordseits durch einen schmaleren Querflügel verbunden sind. In Letzterem öffnet sich der Haupteingang, der von einem dreieckför- migen von Säulen getragenen Ziergiebel überragt wird. Dieser Ver- bindungsbau sowie der Westflügel scheinen aus dem frühen 19. Jh. zu stammen und sind von keinem besonderen Interesse. Der u-förmige Komplex besitzt einen rasenbedeckten und frü- her mit einigen Obstbäumen bestandenen Vorhof, der zum Teich vorspringt und von diesem durch eine halbrunde, von einem hüb- schen schmiedeeisernen Gitter bekrönte Stützmauer getrennt wird. Im Gitter war das Wappen der Fromenteau und der Le Pas zu se- hen. Beiderseits der Mauer führt eine Steintreppe zum Wasser. Der beachtenswerteste Teil der Burg ist zweifelsohne der Ost- flügel: ein robustes Viereck mit nur einem Obergeschoß, das im Nord- osten von einem stark vorspringenden viereckigen Turm flankiert wird. Der vierseitige Turmhelm trägt keine Wetterfahne, sondern ei- nen Kamin. Der Bau ist gedeckt von einem Walmdach, das früher zahlreiche Gauben trug.
7 In den Außenmauern sind noch die Spuren früherer Entla- stungsbögen zu erkennen; da jedoch keine zugemauerten Fenster- öffnungen auf bauliche Veränderungen schließen lassen, dürften diese Entlastungsbögen mit dem Einsatz von Verteidigungsgeschüt- zen in Zusammenhang stehen. Schießscharten geben dem Bau ein wehrhaftes Aussehen. Die hohen und schmalen Kreuzsprossenfen- ster aus dem 17. Jh. haben Holzrahmen. Der Nordgiebel zeigt unter dem Dach eine kleine dreieckige Öffnung, die aus dem 14. Jh. stammen könnte. Das Innere weist nichts Besonderes auf, es sei denn einen großen, aus rosa Marmor gearbeiteten Kamin im ehema- ligen Salon, der nachmals als Kapelle gedient hat, heute aber wieder als Salon eingerichtet ist. Ein weiterer mächtiger, säulengetragener Kamin aus Ruyff befindet sich heute auf Schloß Neuhaus. Die Liste der jeweiligen Besitzer von Ruyff vom 14. Jh. bis heute liegt uns lückenlos vor. Wir wollen uns auf die wichtigsten Daten und Namen beschränken. Heinrich von Rueve, Sohn des Winand von Jule&mont, emp- fängt das Leben 1314. Um 1380 geht Ruyff an die Familie Krüm- mel von Eynatten. Gerhard Krümmel relevierte Ruyff 1518. Er fand 1521 bei der Belagerung von Mezieres (an der Maas, in den französischen Ardennen) im Kampf gegen den Grafen von Nassau den Tod. Durch weibliche Erbfolge (über Johanna von Krümmel) kommt das Schloß 1531 an die Familie von Palant, die bis 1627 in seinem Besitz bleibt. Werner von Palant verkauft Ruyff an den Be- vollmächtigten des Nicolas von Croonenborg, Laurent Doenraedt. Von Croonenborg kaufte am 16.3.1644 auch die Herrschaft Henri- Chapelle, nachdem er schon Viljaeren (Hombourg) erworben hatte. Ruyff und die dazugehörenden Güter blieben im Besitz der Croo- nenborg bis 1708. Die Zeit der Croonenborg auf Ruyff ist mit aller- lei nicht alltäglichen Ereignissen verbunden. Nicolas von Croonen- borg wurde am 8. Juni 1645 in seine Rechte als Herr von Henri- Chapelle eingesetzt. Vor dem auf der ”Halle” (dem Gemeindehaus) versammelten Gericht und in Anwesenheit einer großen Volksmen- gen leistete er in flämischer Sprache folgenden Eid: "Ick, Nicolas Croonenborg, oberste Luytenant, swere einde ge- loeve dat volgens de pattente ende geobtineerde verckoopinge der Borgerije ende Banck van Hendrix Capelle, deselve sal onderhou- den bij hunner Coustuymen, gerechtigheeden ende Privilegien, ge- Iyck die by de Justitie van ouden tyde is geobserveert, nyts te ver- minderen dus viel te helpen vermeederen. Ende sal maintineren en- de doen maintineren myne ondersaeten naer mynen besten vermoe-
8 gen den Catolischen, Apostolichen ende Roomischen goeloeve. Ick sal getrouw syn synner C. Maj. als Hertoge van Limborg. Alle vonnissen die by Justitie dieser Herlyckheyt sullen worden gegeven ende gepubliceert t'sy in saeken publicq, civil off criminel sal ick doen stellen ter behoorlycken executie. Ick sal geenen van myne ondersaeten hoe danig het wesen sal, vueren noch tracteren buyten Justitie ende oude gerechtigheyten. Comende eenigen Schepen van Heerlickheijt t’overlyden, sal doen electie macken ende eenen daeruit kiesen. De overtreders ende delinquanten doen straeffen ende tracteren miet recht en Justitie naer merit van hunnen feyten”. Der neue Herr von Henri-Chapelle zeigte sich der Dorfgemein- . schaft gegenüber als äußerst großzügig. Er half ihr aus finanziellen Engpässen und hinterließ den Armen der Gemeinde durch Testa- ment eine Rente von 8 Müdden Gerste. Noch vor seinem Tode wurde sein Sohn Adam-Philippe am 15. Juni 1661 Herr von Henri-Chapelle. Dieser kam schon bald in fi- nanzielle Schwierigkeiten und sah sich gezwungen, bei der Gemein- de 1000 Patacons zu leihen, die er dann allerdings nicht zurückzah- len konnte oder wollte, so daß die Gemeinde gerichtlich gegen den Herrn von Ruyff vorgehen mußte. Als der vom Gericht dazu beauf- tragte Forstmeister des Herzogtums Limburg dem Schloßherrn die Nachricht überbringen wollte, man werde zwecks Deckung der Schulden den Croonenborgschen Besitz pfänden und verkaufen, er- schien die Schloßherrin, eine geborene van der Heyden genannt Bel- derbusch, und erklärte ihm, das Limburger Gericht habe keine Ge- walt in Ruyff. Der Forstmeister begab sich nun über den Hof in Richtung der Stallungen, wo er zwei Rindtiere erblickt hatte, die er sofort pfänden wollte. Dazu kam er jedoch nicht, denn die adlige Dame entriß ihm das Papier, das er in der Hand hatte, gab ihm ei- nen kräftigen Schlag auf den Mund und beschimpfte ihn mit Dieb, Gauner usw. Dann erschienen die Töchter des Hauses mit Mistga- beln bewaffnet und der Forstmeister mußte sich mit seinem Gefolge zurückziehen. Nachdem er den Hof verlassen hatte, setzte der Mann sich auf den Boden, um das ihm Widerfahrene schriftlich fest- zuhalten. Und während er damit beschäftigt war, näherte sich ihm unbemerkt Adam-Philippe von Croonenborg. Ohne ein Wort zu sa- gen, gab er dem armen Forstmeister einen Schlag mit einem Knüp- pel ins Gesicht. Die blutende Stirnwunde genügte dem wütenden Manne noch nicht. Er holte zu einem weiteren heftigen und gefährli- chen Schlag (”un violent et prericuleux coup”) auf die Wange aus.
wi 2 2 SE bo £ SL 0 PM. 218 SAL N 208 75a N 20 2 2 7a VS 7 2 TE nn ZZ BE a m SA 2 2 2 EA AD en - E DS Der nordöstliche Winkel der Wirtschaftsgebäude. BL & (Foto A. Bertha) ME a A ä DM En Mn U A a DO 3 ARE ER 7 U EEE a U Ye 5 On A A BE 2 Aa U s n @ DR 5 ba A ba A Sr A } ne SS WW nA On A ® $ 7 2 nn 7 AM — ; 0 Kahnpartie auf dem Schloßteich, Ein Bild aus den zwanziger Jahren,
10 Wie der Forstmeister in seinem später erstellten Bericht schreibt, sei der Knüppel dick und mit einer Eisenspitze versehen gewesen (”estant le dit baston gros et muni d’un fer pointu”). Darauf ging der Herr von Croonenborg in den Schloßhof zurück, um, wie er sagte, seine Feuerwaffen zu holen, nachdem er mehrmals gedroht hatte, er werde den Forstmeister töten. Nach mancherlei turbulenten Szenen wurde der Besitz der Croonenborg zum Verkauf ausgeschrieben, doch immer wieder ge- lang es Adam-Philippe, diesen hinauszuschieben. Als Adam-Philippe starb, hinterließ er seinem gleichnamigen Sohn einen riesigen Schuldenberg. Gemeinsam mit seinem Schwa- ger Francois-Leopold Brouvelt kam der Herr von Ruyff auf die . Idee, sich mit Falschgeld aus der Notlage zu retten. So richteten sie auf Ruyff eine Falschmünzerwerksatt ein und begannen, Dukaten | lütticher und niederländischer Prägung herzustellen. Die Sache blieb nicht lange geheim. Die Justiz schaltete sich ein und am 22. Mai 1682 beschloß das Strafgericht, die Schuldigen am nächsten Tag verhaften zu lassen. Da diese es aber vorgezogen hatten, das Weite zu suchen, konnten ihre ”Verbannung auf ewig” und der Ein- zug ihrer Güter nur im Abwesenheitsverfahren verfügt werden. Die Mutter des Schloßherrn, die beim Vertrieb des Falschgeldes tüchtig mitgeholfen hatte, schaffte es dennoch, den Verkauf von Ruyff bis 1708 zu verhindern. Neuer Besitzer von Ruyff wurde der Baron von Dopff, Feld- marschall in österreichischen Diensten, Reitergeneral in Diensten der niederländischen Generalstaaten, Oberst mit eigenem Dragoner- regiment und Gouverneur von Maastricht. Das Schloß und die dazu gehörenden Güter und Ländereien erwarb von Dopff am 8. Mai 1708. Das gesamte Areal hatte eine Fläche von etwas mehr als 97 Bundern; ein kleiner Teil davon lag auf Baelener Gebiet. Außer der Schloßkapelle gehörte zu Ruyff eine am Wege von Henri-Chapelle nach Welkenraedt liegende St. Rochus-Kapelle, die nach 1560 in vielen Urkunden bzgl. Ruyff genannt wird. In dieser Kapelle befanden sich einige Totentafeln, die heute in der Burg auf- bewahrt werden. Die Herren von Ruyff hatten eine eigene Begräb- nisstätte in der Pfarrkirche von Henri-Chapelle, und zwar vor dem St. Anna-Altar, für den sie im 17. Jh. eine Stiftung errichtet hatten. Als Herren von Henri-Chapelle hatten sie zudem zeitweilig eine zweite Gruft im Chor der Kirche. Vor dem St. Anna-Altar hatten die Herren von Ruyff auch ihre eigene Bank. Das Altarbild trug ab
x SS | PP 4 BA 5 A Ex SO 3 BL ; a SL Rochuskapelle bei Ruyff Ba Zn E db F- be b A X 7 da 8 % 0 a A N y en A apa . 8 7 a Bi BE 7 DR a 2 0 a RE 1 RR A A On 7 DU Me 2 ee De N ZZ Or a ee Dar De 6 7 KL Reste eines von Schloß Mützhagen herkommenden Gartenpavillons, heute im Park von Ruyff (Fotos A. Bertha)
12 1739 das Wappen der Familie Fromenteau, der damaligen Besitzer von Ruyff. Doch damit greifen wir der Geschichte Ruyffs schon etwas vor. Von Dopff fand die Burg in einem desolaten Zustand vor. Der Bau war durch die finanzielle Notlage der vormaligen Besitzer und durch die Wirren des ausgehenden 17. Jh. stark heruntergekom- men. Der zum Garten hin stehende Turm war 1693 von den Fran- zosen unter Beschuß genommen worden und verfiel zusehends. Die Burg hatte in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Ludwig XIV. und den anderen europäischen Mächten eine gewisse Rolle gespielt. Zeitweilig war sie Residenz des Gouverneurs von Limburg, Don Francisco Hernandez. Am 1. Juli 1690 gab dieser auf ; Ruyff dem Gerichtsschreiber von Henri-Chapelle, Daelen, den Befehl, am nächsten Morgen in der Frühe mit Arbeitern zu erschei- nen, um die Befestigungsanlagen von Ruyff abzubauen und nach Henri-Chapelle zu bringen. Am 16. Juli erhielt derselbe Daelen von Hernandez den Befehl, früh am nächsten Morgen Arbeiter auf das Schloß zu schicken, um die Palisade wiederaufzurichten und die anderen Befestigungen wieder in Stand zu setzen! Auch mußte Dae- len für Erfrischungen für die von Hernandez aus Aachen mitge- brachten Soldaten sorgen. Das Innere des Schlosses bot einen traurigen Anblick. Von Dopff ließ den Bau total entkernen. Nur der alte Kamin im Salon blieb erhalten. Nachdem er viel Geld in den Umbau gesteckt hatte, verkaufte von Dopff, der nie auf Ruyff gewohnt hat, dieses im Jahre 1716 an Francois Beaumont. Nach dessen Tode i.J. 1736 wurde der hoch- verschuldete Besitz verkauft und ging an Francois de Fromenteau, dessen Sohn Lambert Antoine Generaleinnehmer der herzoglichen Domänen in Limburg, den Landen von Overmaas und der Herr- schaft Sprimont war. Joseph II. ernannte ihn 1784 zum Baron. Er starb auf Schloß Ruyff am 9. Juli 1831. Ruyff ging nun an eine der beiden Töchter de Fromenteau’s, Frau von Waha-Baillonville. Am 31. Oktober 1853 verkaufte Baron de Waha den Besitz an den Freiherrn Florent de Thiriart für die Summe von 200.000 F. Durch Erbfolge kam Ruyff sodann an.den Baron Gaston de la Rousseliere, der das Schloß 1898 den zur deut- schen Ordensprovinz gehörenden Lazaristenpatres aus Theux ver- mietete. Die vor allem als Volksmissionare tätigen Lazaristen, auch Vinzentiner genannt, waren im Kulturkampf aus Deutschland aus- gewiesen worden. Da das Haus in Theux zu weit von der Grenze
14 ablag, wechselten sie in das grenznahe Ruyff über. Das Haus in Theux, (heute Lehrerseminar, eine sog. Ecole Normale, ging ihnen I nach dem 2. Weltkrieg verloren. Am 15. Januar 1907 kauften die Patres das alte Haus, das sie noch heute besitzen. Quellen: POSWICK, G., Les Delices du Duche de Limbourg, S. 75-80. PAUCHENNE, L6on, Histoire de la Franchise et de la Paroisse de Henri-Chapelle, Dison, 1955, WE ae N ba KO A Ko 7 HH z A zn ES Schloß Ruyff von Süden gesehen (Foto A. Bertha)
15 Die Revolutionsjahre 1789-1794 und das Limburger Land (1. Fortsetzung) von Firmin Pauquet Die progressistische Opposition und die Vereinigung der Oppositionen Anführer der Opposition in Brabant wurde nun der Rechtsan- walt beim Souveränen Rat Jean Francois Vonck (1743-1792) (30). Um sich herum scharte er viele Juristen und Mitglieder des niederen Klerus, die nicht in den Ständen vertreten waren, darunter den Rechtsanwalt J.B.C. Verlooy (1746-1797) (31), den ersten Vor- kämpfer der flämischen Bewegung und späteren französischen ”maire” von Brüssel (1795-1797). Verlooy gründete den geheimen Bund ”Pro Aris et Focis”, der den Aufstand vorbereiten sollte. Kon- takte wurden mit der französischen Revolutionsbewegung aufge- nommen, insbesondere mit Honore Gabriel Riqueti Graf von Mira- beau (1749-1791), der in seinem 4. Brief über die Freiheit der Schel- de die Belgier zum Aufstand aufforderte. AR EA ES dA DE A A ar $ N er aa N WE 5A an 1 WE TE % 5 VE AAZA | ES [LArouPRRMPPE tur I jener La cas on TEquitie foren tonjonra ses ger Neprouve Apresentle sort des Arakdes | 2 La werde senfle um jo Te wengrera E Jean-Francois Vonck, 1743-1792 (Nicht signierter Stich, Brüssel, Kgl. Bibliothek)
16 Dieser neue Opponentenkreis um Vonck und Verlooy sprach sich für Reformen aus, insofern dieselben nicht vom Fürsten aufge- drängt würden. Er sorgte u.a. für die Verbreitung der konstitutio- nellen Ansichten des französischen Jakobiners, Abbe Emmanuel Jo- seph Sieyes (1748-1836). Grundlage einer Verfassung nach Sieyes war, daß ”alle Gewalten vom Volke auszugehen” haben. Anfang 1789 kam es zum offenen Konflikt, der in der Aufhe- bung der ”Blyden Inkomst” durch kaiserliches Edikt vom 18./20. Ju- ni 1789 gipfelte. Der Souveräne Gerichtshof von Brabant und die Deputation der Brabanter Stände, als Hüter der ”Blyden Inkomst”, wurden abgeschafft. Die Antwort auf diesen Staatsstreich von oben war der von den Privilegierten, dem Klerus und den Brüsseler Zünf- ten inszenierte Aufstand. Die Ereignisse in Frankreich konnten na- " türlich als Beispiel dienen. In Paris hatte sich nämlich der Dritte & Stand am 17. Juni zur Nationalversammlung konstituiert und sich am 20. mit dem sog. Ballhausschwur (Serment du Jeu de Paume) je- der Machtdemonstration der Krone entgegengesetzt. Am 6.-9. Juli bestritt die Versammlung, die sich nun selbst zur verfassunggeben- den Nationalversammlung erhoben hatte, im Vollzug der Volks- souveränität die monarchische Herrschaftslegitimität. Am 14. Juli erstürmte das Pariser Volk die Bastille-Festung, die als Wahrzeichen des königlichen Absolutismus galt. Diese Unterstützung der Nationalversammlung seitens des Pa- riser Volkes zwang zuerst Ludwig XVI., die ”Constituante” als Sou- verän Frankreichs zu bestätigen und somit die erste Hälfte der Re- volution anzuerkennen. Es ist wohl kein Zufall, daß es kurz darauf zum Aufruhr in ver- schiedenen brabantischen Städten kam: in Tienen am 22. Juli anläßlich der Steuererhebung, am 26. in Löwen, am 14. und 15. Au- gust in Tournai. In Brüssel wurden massenhaft Spottschriften ver- teilt, in welchen angeraten wurde, es den Parisern nachzumachen. In seinem Bericht an den Kaiser vom 27. Juli drückte Graf Trautt- mansdorff seine Befürchtungen über einen baldigen Aufruhr aus. Im selben Brief erwähnte er, das Erkennungswort der Verschwörer sei ”Orleans”. Mindestens ein Teil der Opponenten hatte also Kon- takt mit dem aufklärerischen französischen Prinzen von Orleans aufgenommen (32). Dazu gehörte die Brüsseler Gruppe um Vonck und Verlooy, die vor allem Unterstützung bei der aufgeklärten Bourgeoisie, bei Juristen und den niederen Weltgeistlichen fand. Dagegen suchte das Komitee von Breda, Sprachrohr der Privilegier- ten, Unterstützung bei den Vereinigten Niederlanden, England und vor allem Preußen, dem alten Erbfeind Habsburgs.
18 Die Lage in Limburg Nach Aufhebung des Souveränen Gerichtsrates von Brabant schlug der bevollmächtigte Minister von Trauttmansdorff den Lim- burgischen Ständen die Errichtung eines eigenen Obersten Gerichts- rates für Limburg vor. Diese Reform entsprach schon früher geäußerten Wünschen verschiedener Limburgischer Juristen. Die Stände nahmen das Angebot im Juli an und gaben sogar ihre Zu- stimmung zur Einführung einer endgültig festgelegten Jahresbei- steuer. Bis dahin hatten die Stände diese schon früher geäußerten Wünsche der Regierung abgelehnt und sich stets auf die ”Blyde In- komst” berufen, um den Betrag der Beisteuer nur jeweils für ein Jahr festlegen zu wollen. Der Oberste Gerichtsrat zu Limburg wur- de durch kaiserliche Verordnung vom 30. Juli 1789 errichtet und ] am 27. August eingesetzt. Präsident wurde der Limburger Rechts- anwalt und Ratskonsulent (Conseiller pensionnaire) der Stände Francois Joseph Legro (5). Als Gerichtsräte wurden ernannt: Pierre Olivier Albert von la Saulx zu Alensberg (13), Jean Joseph Tielen, Maximilien Corneille von Reul (34), Jean Vincent Pelsser von Lich- tenberg (35), Walthere Joseph von Looz und Lambert Philippe Pos- wick (36). Als Fiskalrat und Generalprokurator (37) fungierte Jean Pierre Havenith (38). Am 26. Juli hatte Trauttmansdorff den limburgischen Ständen die Befriedigung des Kaisers über die Bewilligung der ständigen Bei- steuer mitgeteilt: ”sa royale satisfaction des marques reelles de zele et d’attachement ä son service relativement a la fixation du subside permanent”. Durch ihre kaisertreue Haltung hatten sich die limbur- gischen Stände also von ihren brabantischen Kollegen getrennt. Die Opposition der brabantischen Stände, eine solche ständige Beisteuer unter Berufung auf die ausdrücklichen Bestimmungen der ”Blyde Inkomst” zu bewilligen, hatte ja zum formalen Bruch mit Joseph II. geführt. Damit hatten die Limburger aber auch den Unionspakt vom 4. November 1415 mit den brabantischen Ständen, auf den sie sich noch im Mai 1787 beriefen, in Frage gestellt. Wegen des allge- meinen Aufruhrs in den belgischen Provinzen lag es natürlich im In- teresse der Wiener Regierung, sich mindestens östlich der Maas be- haupten zu können; somit verfügte sie über eine gute militärische Basis, um die anderen Provinzen wiederzuerobern. So ist es auch verständlich, daß der sehr gewandte Trauttmansdorff den Kaiser da- zu brachte, seine ”fidele province de Limbourg” im oben erwähnten Schreiben zu loben.
19 Trauttmansdorff erreichte es auch, daß die Stände am 3. Sep- tember ihren kaisertreuen Ratskonsulenten Legro durch den eben- falls kaisertreuen Mathäus Joseph Wildt (39), bis dahin Sekretär beim Generalgouvernement, ersetzten. Andererseits wurden aber auch Gegenreaktionen durch diese Handlung provoziert. Im demokratischen Lager Limburgs wurden u.a. aus Hodimont Stimmen laut, die den Ständen vorwarfen, eines der schönsten Privilegien des Landes, d.h. die Bewilligung der jähr- lich festzulegenden Beisteuer, über Bord geworfen zu haben, ohne die Nation dazu angehört zu haben. In einem Schreiben, das das ”Journal General de l’Europe”, Nr. 149 (40) veröffentlichte, wurde ausdrücklich vermerkt, daß die Stände nur die Vertreter der Nation seien und nichts Außerordentliches bewilligen könnten, ohne dieselbe angehört zu haben. Das entsprach haargenau den Thesen des Abbe Sieyes in Frankreich und ging vielleicht in der Schlußfolgerung noch weiter, und zwar von der repräsentativen Demokratie minde- stens teilweise zur direkten Demokratie mit Anwendung der Volks- befragung. Merkwürdig war auch die Entwicklung im sonst stets kaiser- treuen "Journal General”. Natürlich entsprach dies im Grunde den Vorstellungen des französischen aufklärerischen Herausgebers Le- brun, der nur in dem Maße josephistisch und kaisertreu war, wie der Kaiser im aufklärerischen Sinne handelte. Andere negative Reaktionen waren eher ortsgebunden. Ent- täuscht über die Festlegung des Sitzes des Obersten Gerichtsrates zu Limburg waren Magistrat und Kaufmannschaft von Eupen und noch mehr das bis dahin von der Regierung bevorzugte und zentra- ler gelegene Herve, für das auch das "Journal General” plädierte. Demokratischer Aufruhr in Limburg Wie in Frankreich und im benachbarten Lüttich führte auch in Limburg die im Herbst 1789 eingetretene Kornmißernte zu einer be- deutenden Teuerung des Brotes und zur Unzufriedenheit breiterer Volksschichten, desto mehr, da Limburg seit der Vergrünlandung der Landwirtschaft gänzlich vom Kornimport abhängig geworden war. Wegen der Mißernten vom Herbst 1788 und 1789 war die Ausfuhr aus dem Fürstentum Lüttich, dem Kurfürstentum Köln so- wie aus Lothringen, aus welchen Ländern Limburg normalerweise beliefert wurde, untersagt worden.
20 Bedeutender noch war besonders im wallonischen Teil des Herzogtums der Einfluß der Presse, die mit Begeisterung über die Ereignisse in Frankreich und Lüttich berichtete. Neben dem ”Journal General de l’Europe” wäre noch der ”Fu- ret Politique et Litteraire” zu nennen, der kurz nachher in ”Avant- Coureur” umbetitelt wurde. Ab dem 2. Juli 1789 gab auch ein ge- wisser Freiherr von Schecht die deutschsprachige Zeitung ”Schau- platz der Welt” in Herve heraus. Diese Zeitung wurde übrigens in der Druckerei des ”Journal General” gedruckt und verbreitete sich schnell in den ”flämischen” Banken, besonders in Eupen. Fiskalrat Havenith berichtete dem bevollmächtigten Minister Trauttmans- dorff im September über den Einfluß dieses Blattes und nannte den Hauptredakteur ”un 6crivain incendiaire”, einen Brandstifter. Am ‘ 18. August 1789 kam es zum Aufruhr in Lüttich und in Verviers. In beiden Städten wurde ein neuer aufklärerischer Magistrat eingesetzt und am darauffolgenden Tag trafen sich in der benachbarten Mark- grafschaft Franchimont die Volksvertreter der Gemeinden und bil- deten den ”Congres de Polleur”. Dieser Kongreß verabschiedete u.a. eine Menschenrechtserklärung, die noch progressistischer als die französische erscheint. (41) Die enge wirtschaftliche Verbindung der limburgischen Ort- schaften Hodimont und Dison mit der Vervierser Textilindustrie verursachte, daß auch Limburger am Vervierser Aufruhr teilnah- men. Im Westen der Provinz, in der Grafschaft Dalhem, brachte die Verquickung der Nagelherstellung mit Lüttich eine ähnliche Situa- tion. Ein Haufen Schmähschriften aus Lüttich überflutete das Lim- burger Land. Den Limburgern wurde warm empfohlen, es den Lüttichern nachzumachen und das Joch der Privilegierten abzuwerfen. Die Haltung der limburgischen Stände wurde u.a. stark kritisiert und die Wiedereinführung der im Erlaß vom 1. Januar 1787 vorgesehenen Gerichte ausdrücklich gewünscht. In seinem ausführlichen Bericht vom 12. September zitierte Fiskalrat Havenith den Meier von Hous- se (42), Notar Fafchamps, und dessen in Lüttich wohnenden Bru- der, den abbe Fafchamps, als die Anstifter der aufrührerischen Be- wegung. Inzwischen war es am 20. August in Herve zu einem Auf- ruhr gegen die Bäcker gekommen. Der Hauptvertreter der Regie- rung, der Auditor bei der Rechnungskammer, Wunsch, mußte sogar ein Aufgebot von 17 Husaren unter Leutnant von Grand’Ry aus Limburg zur Wiederherstellung der Ordnung kommen lassen. Am 31. August verbot die Regierung dann auch die Verteilung der Lüt-
21 ticher Flugblätter. Fiskalrath Havenith hatte schon am 29. Septem- ber das Tragen der ”Kokarden” seitens der Leute, die aus Lüttich kamen, untersagt. Am 14. September wiederholte sich der Aufruhr wegen der Brotteuerung in Herve. Am selben Tag verlangte eine Volksver- sammlung der Gemeinde Housse die Festlegung des Brotpreises auf 7 Stüber (43) und die Wiedereinsetzung der im Jahre 1787 einge- führten neue Gerichte. Auch in Eupen befürchtete man einen Auf- ruhr der Scherer, die Lohnerhöhungen und die Einführung des gün- stigen Lütticher statt des üblichen Aachener Wechselkurses verlang- ten. Am Tage zuvor hatten sich die Arbeiter von Hodimont aufrüh- . rerisch versammelt und beschlossen, sich am 14. zum Markt zu be- geben. Zeugen berichteten dem Fiskalrat Havenith, daß über 600 Aufrührer aus Hodimont. Dison, Verviers-Lambermont, Petit- Rechain und Herve über Clermont nach Aubel unterwegs waren und eine noch größere Menge über Thimister. Insgesamt trafen sich 4.000 bis 5.000 mit Knüppeln und Säbeln bewaffnete Leute auf dem Aubeler Markt. Die Aufrührer legten den Brot- und Kornpreis wie folgt fest: das Roggenbrot 7 Stüber, das Weizenbrot 8 Stüber, das Maß Roggen 17 Gulden, 10 Stüber und das Maß Weizen 20 Gulden, 10 Stüber (44). Diese Preise stellten eine Minderung von ca. einem Drittel dar. Etwa 700 Aufrührer marschierten von Aubel zur Abtei Gottestal und verlangten Brot, andere wollten sich zur Abtei Rolduc begeben. Vertreter der versammelten Menge kamen nach Limburg und verlangten vom Präsidenten des Obersten Ge- richtsrates Legro, daß die Stände sich verpflichten sollten, die in Au- bel festgelegten Preise während einer Zeitdauer von drei Monaten zu akzeptieren. Daraufhin versammelte sich die limburgische Ständedeputa- tion am 16. September im Hause des Schöffen Bonnie (45) am Bilt- gen (Bildchen) und nicht, wie üblich, im ”Hotel de la Couronne” zu Henri-Chapelle. Gegen 4 Uhr nachmittags erschienen Delegierte der aufrührerischen Menge, und zwar Fabrikanten und Anwälte aus Hodimont und Dison, die dem Fiskalrat Havenith zu verstehen ga- ben, daß das Volk unverzüglich Brot verlangte. Die Delegierten wurden von einer Menge von 3.000 bis 4.000 Leuten begleitet. Die Ständedeputation war inzwischen vom Biltgen nach Aachen geflo- hen. Während der Nacht erschienen die Delegierten auch in Aachen, wieder von Aufrührern gefolgt. Unter dem Druck der Menge mußte die Ständeputation unter dem Klosterrader Abt Chai- neux am 17. September die von den Aufrührern verlangten Brot-
22 preise gutheißen. Daraufhin zogen die Aufrührer sich am frühen 17. September unter Vivatrufen auf den Kaiser zurück. Dieser limburgische Volksaufruhr beschränkte sich auf den wallonischen Teil der Provinz; in den ländlichen ’flämischen’ Banken Baelen, Montzen und Walhorn verhielt sich das Volk still, sogar im Textilzentrum Eupen, wo der Magistrat zeitig für eine genügende Kornreserve gesorgt hatte. Fiskalrat Havenith. hatte dem bevoll- mächtigten Minister Trauttmansdorff schon am 15. September über die gesamte Lage in Limburg berichtet. Am 17. September fragte Trauttmansdorff General Graf d’Alton, eine Truppe von 200 bis 300 Mann Stärke aus der Festung Luxemburg nach Limburg zu entsenden. D’Alton wollte seinerseits aber nicht auf soviel Soldaten verzichten und schlug die Bildung einer Bürgerwehr in Herve vor. In seinem Schreiben befürchtete Trauttmansdorff, daß die Brotteue- rung nicht die wirkliche Ursache des Aufruhrs sei, da viele Manu- fakturarbeiter eine allgemeine Lohnerhöhung verlangten und scheinbar von Verviers und dem Lütticher Land aus geleitet wür- den. Fiskalrat Havenith riet am 22. September von der Bildung ei- ner Bürgerwehr ab, da dieselbe die Aufrührer nur unterstützen wür- de, und verlangte wieder die Entsendung von Militär. Inzwischen hatte die Ständedeputation mit dem Fiskalrat Ha- venith ein ”Comite pour les affaires de grains” gebildet, das sich be- mühte, Korn aus den umliegenden Ländern anzukaufen. Alle Ge- meinden wurden aufgefordert, eine Aufstellung ihrer Bevölkerung und der verfügbaren Kornmengen mitzuteilen (46). Nachdem Have- nith am 25. September auf den aufrührerischen Einfluß der Gebrü- der Fafchamps aus Housse und der Herver Zeitung ”Schauplatz der Welt” hingewiesen hatte, befahl ihm am 25. September der Vize- Präsident des Generalgouvernements, Henri van Crumpipen (9), heimlich eine Untersuchung über Fafchamps einzuleiten und die Zeitung eher zu zensieren als zu verbieten. In seinem Bericht vom 27. September an den Kaiser befürchte- te Trauttmansdorff einen Aufstand wie in Frankreich: ”Das Volk beteuert wohl seine Kaisertreue, regt sich aber gegen die Stände und die Privilegierten auf”. Der ”Avant-Coureur” vom 30. September vergleicht die von Joseph II. gewollten Reformen mit den Beschlüs- sen der französischen Nationalversammlung. Er plädierte ausdrück- lich für die Wiedereinführung der 1787 vorgesehenen Reformen, die Intendanten und die neuen Gerichte, und sprach sich für eine Abänderung der Ständeverfassung nach französischem Muster aus:
23 ”qu’il n’y eüt qu’un seul corps, que chaque village eüt un represen- tant et que tout se reglät par tete et ä la majorite”. Die von den Aufrührern durchgesetzte Festlegung der Korn- und Brotpreise brachte die Stände in große Verlegenheit. Das durch den Korneinkauf im Ausland verursachte Defizit mußten sie notge- drungen wieder als Ausgleichssteuer auf die Banken und Gemein- den umlegen. Vertreter verschiedener Steuerzahler wünschten nun die Wiedereinführung der Marktpreise, wie aus dem Schreiben von Fiskalrat Havenith vom 4. Oktober ersichtlich ist. So beschlossen die Stände am 6. Oktober, Einwohnerversammlungen in den Ge- meinden abhalten zu lassen, die über den Brotpreis zu bestimmen hätten. Vom Fehlen des Solidaritätsgeistes zeugen die Beschlüsse die- ser Versammlungen, da 7/8 derselben sich dafür aussprachen, daß jede Gemeinde selbst für die ihrerseits erlittenen Verluste aufzu- kommen hätte. Havenith rechnete, daß die Brotpreissenkung die Provinz mehrere tausend Gulden pro Tag kostete. Auf Anraten des bevollmächtigten Ministers ließ General d’Al- ton nun aus Luxemburg ein Aufgebot des Regiments von Würtem- berg nach Limburg marschieren, wo es am 27. Oktober eintraf. In seiner Depesche, die diesen Beschluß mitteilte, erwähnte General d’Alton als Ursache der Brotteuerung ”la rapacite de quelques mo- nopoleurs ou accapareurs ecclesiastiques”. Diese Bemerkung war vor allem auf den Abt von Klosterrade gemünzt, dem das Volk die gleichen Vorwürfe machte. Derselbe verteidigte sich in einem Flug- blatt ”Avis au peuple limbourgeois de la part de l’abbe de Rolduc pour le desabuser des calomnies repandues contre cet abbe au sujet de la traite des grains”. Inzwischen versuchte auch das brabantische ”Comite patriotique” von Hasselt, die limburgischen Aufrührer für sich zu gewinnen, und ließ einen Haufen Schmähschriften in der Nacht vom 19. zum 20. Oktober in Aubel, Teuven, Homburg und Henri-Chapelle verteilen. Nach dem Sieg der brabantischen Patrioten am 27. Oktober zu Turnhout befahl General d’Alton den Rückzug des würtembergi- schen Regiments nach Luxemburg. Dies wurde sehr von den kaiser- treuen Verantwortlichen in Limburg bedauert. Glücklicherweise hatte sich nun die Versorgungslage günstig geändert: eine große Menge von den Ständen in Holland gekauften Korns war endlich eingetroffen, und am 26. Oktober konnte der Aubeler Markt wieder unter normalen Verhältnissen abgehalten werden. Trotzdem ver- langte das Volk Anfang November noch das Beibehalten des vorhin
25 Gleichschaltung mit der Brabantischen Bewegung Am 5. und am 24. November 1789 versicherten die limburgi- schen Stände dem bevollmächtigten Minister ihre Kaisertreue. Im letzten Schreiben befürchteten sie aber, daß sie sich zeitweilig der Macht der Insurgenten beugen müßten. Nach den Erfolgen der Patrioten bei Namur am 17. und bei Marche-en-Famenne am 21. Dezember beschlossen die Stände, eine Delegation nach Brüssel zu entsenden, um die Union mit Brabant zu erneuern. Mitglieder dieser Delegation waren der Abt von Kloster- rade, der Freiherr von Negri, Herr zu Henri-Chapelle (47), Herr von la Saulx zu Sainte-Marie (48) und der Ratskonsulent Wildt. Anläßlich der Generalversammlung vom 15. Januar 1790 spra- chen sich die Äbte von Klosterrade und Gottestal mit Begeisterung für den Anschluß an die Brabantische Bewegung aus. Nach dem Appell an die Vernunft, der vom Auditor Wunsch und vom Rats- konsulent Wildt ausging, blieben die Stände aber noch kaisertreu und verweigerten die Veröffentlichung des ”Manifeste du peuple brabancon”, die Van der Noot von ihnen am 9. Januar verlangt hat- te. Sie baten sogar die Brabantischen Stände, keine Truppen nach Limburg zu entsenden. Dies kam aber zu spät, da die brabantische Vorhut am 11. Ja- nuar schon Herve erreichte und das 800 Mann starke Patriotenregi- ment unter dem Freiherrn von Fraye zu Schiplaeken dann auch am 17. Januar in Herve vom Magistrat und vom Klerus empfangen wurde. Vor dem Te Deum begrüßte Dechant Lys die Brabanter, gratulierte ihnen für ihre Erfolge und nannte sie Brüder und Befrei- er. Dagegen berichtete Auditor Wunsch aus Aachen, wohin viele kaisertreue Limburger sich zurückgezogen hatten, der nach Trier geflohenen Regierung, daß nur einzelne aus eigenem Interesse wirk- lich den brabantischen Patrioten zugeneigt seien, daß das Volk aber irritiert sei und Hilfe erwarte. Entgegen allen Versuchen von Wunsch und Wildt hielten die Stände nun an der eingeleiteten Politik fest und beschlossen am 25. und 26. Januar 1790 unter Führung des Abtes von Klosterrade, dem Unionspakt der belgischen Provinzen, den Etats-Belgiques- Unis, beizutreten. Die demokratische limburgische Bewegung wurde weiter durch den ”Journal General de l’Europe” geschürt, den Lebrun nun aus Lüttich herausgab, wo die Demokraten seit dem Lütticher Auf- stand von August 1789 das Sagen hatten und Lebrun selbst im Juli 1790 zum Sekretär des neuen Generalrats der Stadt ernannt wurde.
27 Am 8. März ratifizierten die Limburger Stände den am 18. Fe- bruar von ihren Delegierten in Brüssel unterzeichneten Unionsakt und am 9. März erklärten sie die Absetzung Josephs II. als Herzog von Limburg. Ihr Manifest veröffentlichten sie aber erst am 24. Ju- ni. Die Stände beschlossen auch, den Obersten Limburgischen Ge- richtsrat aufzuheben, die Zuständigkeit des Souveränen Rats von Brabant anzuerkennen und die Kommission der öffentlichen Lasten (49) abzuschaffen. Während dieser Sitzung nahmen die Stände auch Kenntnis von einer Depesche der Generalstatthalter, Erzherzog Al- bert und Erzherzogin Maria Christina, die die Versöhnungsvorschlä- ge ihres Bruders, Kaiser Leopolds II. (* 1747, H. 1790, + 1792), vom 2. März mitteilte. Leopold, bis dahin Großherzog der Toskana, hat- te gerade die Nachfolge seines älteren Bruders, Josephs II., nach des- sen Tod am 20. Februar 1790 angetreten. Die limburger Stände be- schlossen, keine Antwort zu geben, bis die Generalstände sich ausge- sprochen hätten. Die Generalstände ihrerseits haben niemals geant- wortet und somit die vom neuen Herrscher ausgestreckte Hand völ- lig ignoriert. Als Vertreter Limburgs zum Souveränen Kongreß der ”Etats- Belgiques-Unis” wurden bestimmt: der Klosterrader Abt J.P. Chai- neux, Graf von Hoen zu Neufchäteau und Herr Guillaume Albert von La Saulx, Herr zu Sainte Marie. Inzwischen waren brabantische Truppen in mehreren Ort- schaften stationiert; seit dem 10. Februar in Henri-Chapelle, um die Ständeversammlung zu schützen, und seit dem 20. in Limburg, Her- ve und Eupen. Auf die Märzbeschlüsse der Stände folgten Reaktionen in ver- schiedenen wallonischen Gemeinden, wie das ”Journal General de l’Europe” vom 27. März berichtet. Seitens der demokratischen Par- tei wurde den Ständen vorgeworfen, sich gerade in dem Moment mit der konservativen brabantischen Bewegung zu vereinigen, wo der neue Herrscher eine Versöhnung anbot. Es wurde auch eine Ab- änderung der Ständezusammensetzung vorgeschlagen: Aufnahme mehrerer Pfarrer beim Klerus und Erweiterung der anderen Vertre- tungen oder sogar Bildung einer einzigen Volksvertretung ohne Un- terschied der Stände (50). Mitte April versammelten sich ca. 400 Einwohner der walloni- schen Gemeinden im Freien zwischen Dison und Petit-Rechain und verlangten die: Anerkennung der Volkssouveränität seitens der Stände, eine Erweiterung der Ständevertretung und die erneute Festlegung des Brotpreises.
28 Andererseits tagte der von den Ständen abgesetzte Oberste Ge- richtsrat zu Limburg ruhig weiter. Sein Präsident Francois Joseph Legro blieb auch weiterhin kaisertreu und berichtete sogar Erzher- zogin Maria Christina über die Lage in Limburg. Die Statthalterin freute sich hierüber in einem Schreiben vom 24. April an ihren Bru- der. Kaisertreue Mitglieder der Ortsverwaltungen, u.a. aus Herve, konnten auch ohne große Schwierigkeit Kontakte pflegen mit höhe- ren Beamten, die sich nach Aachen zurückgezogen hatten. Der Mißmut gegen die Stände wuchs noch bei der Bevölkerung anläßlich der Erhebung der Steuern, die u.a. zur Unterhaltung der brabantischen Truppen dienen sollten. Um die demokratische und kaisertreue Opposition zu brechen, ließ der Befehlshaber der bra- bantischen Truppe, von Faye zu Schiplaeken, Anfang Juli ihre An- - führer verhaften: den Präsidenten des Obersten Gerichtsrates, Le- gro, die Gerichtsräte Pelser von Lichtenberg und Mathar sowie den Herrn Fabritius, Mitglied des Dritten Standes für Valkenburg. Am 15. Juli beschlossen die Stände aber, die Verhafteten wieder auf frei- en Fuß zu setzen. Am selben Tag war auch ein Teil der brabantischen Garnison in Richtung Namur abgezogen. Dies setzte die Ständevertretung in Unruhe; sie bat den Kongreß, ein Freiwilligenkorps nach Limburg als Ersatz zu entsenden, um Ruhe und Frieden zu sichern. Rückkehr der Österreicher in Limburg Nach langwierigen Verhandlungen konnte sich Kaiser Leo- pold II. am 27. Juli 1790 in Reichenbach mit Preußen und den See- mächten England und Holland über die Wiedereingliederung der belgischen Provinzen in den habsburgischen Machtbereich einigen. Somit war das Los der ”Etats-Belgiques-Unis” durch die Mächte be- siegelt. Die österreichischen Truppen konnten sich nun von Luxem- burg aus in Marsch setzen. Am 26. Juli befahl Generalleutnant Graf von Baillet de la Tour dem Hauptmann d’Aspre vom Regiment Ligne, einen Exkurs ins Limburgische vorzunehmen. In der Nacht vom 27. zum 28. Juli besetzte d’Aspre das limburgische Sprimont. Am 29. Juli rief Hauptmann d’Aspre die treuen Einwohner des Her- zogtums auf, sich gegen die ”Patrioten” zu erheben. Mit Unterstüt- zung der Freiwilligen aus Limburg konnte d’Aspre dann am 2. Au- gust die 600 Mann starken brabantischen Truppen versprengen und anschließend am 3. August unter dem Jubel der Bevölkerung und unter Glockenläuten in Herve einziehen. Eine Abteilung von 40 Wurmser Husaren wurde nach Eupen einquartiert, wo sie unter Beifall empfangen wurden.
29 Am 7. August kamen die Patrioten, sich zu rächen. Eine 2000 Mann starke Abteilung stieß gegen Herve vor. Die Österreicher und ihre limburgische Hilfstruppe, darunter u.a. auch 54 Bergarbeiter des Kelmiser Altenberges (51), konnten die Patrioten bei Soumagne nicht aufhalten und mußten sich bis Battice und dann in Richtung Aachen zurückziehen. Herve wurde durch die brabantischen Pa- trioten in der Nacht vom 8. zum 9. August geplündert; dabei wur- den auch sieben Einwohner und ein brabantischer Oberst getötet. Freiherr von Fraye zu Schiplaeken lagerte mit ca. 800 Mann bei Battice und wollte dort die Limburger Stände einberufen. Haupt- mann d’Aspre wurde seinerseits nicht in Aachen aufgenommen und mußte bei Haren verweilen. Verschiedene limburgische Persönlich- keiten hatten sich ebenfalls in Aachen in Sicherheit gebracht. Am 11. August kam dann österreichische Verstärkung an: 600 Mann in Eupen, 600 in Olne und 200 in Henri-Chapelle, dazu ca. 1000 be- waffnete Bauern. Am Tage zuvor hatten sich die Österreicher um 5 Uhr morgens in den Waldungen bei Eupen versammelt und festgestellt, daß die Patrioten sich nach Henri-Chapelle absetzten. Am 13. zogen die Österreicher gegen Herve, von wo die Patrioten schnellstens nach Lüttich ausrückten. Zwei starke österreichische Abteilungen unter Oberst Graf von Gontreuil und Oberst Anton Freiherr von Mylius zogen in Herve ein. Die limburgischen Hilfstruppen wurden noch als limburgisches Freiwilligenkorps durch den aus Aachen zurück- geeilten Auditor Wunsch und auf Anordnung der Generalstatthal- ter vom 10. August organisiert. Wunsch selbst wurde am 29. August zum Zivilkommissar bei der Armee für die Provinz Limburg er- nannt (52). Am 22. August beklagte sich Oberst Seckenkorf aus Bonn aber in einem Brief an Wunsch über die ungenügende Unterstützung sei- tens der limburgischen Bauern (53). Am 22. August zählte das Freiwilligenkorps 600 Mann. Am 18. September war es endgültig mit 1143 Mann in 27 Kompanien unter Leutnant Michel von Grand’Ry aus Eupen konstituiert (54). Die Österreicher erreichten die Maas am 11. September bei Vise und Chenee, und das Freiwilligenkorps lagerte am 14. Oktober bei Jupille. Am 1. September hatten die Freiwilligen die Abteien und Klö- ster der Provinz besetzt, um über Geiseln gegen eine eventuelle Rückkehr der brabantischen Patrioten zu verfügen. Eine Abteilung von 6000 Patrioten wurde dann auch am 24. September durch die
30 Freiwilligen bei Rotheux westlich der Ourthe in den sogenannten limburgischen Herrschaften jenseits der Wälder (55) geschlagen. Am 17. Oktober konnte die Thronbesteigung Leopolds II., der am 30. September in Frankfurt zum Kaiser gewählt und am 9. Oktober dortselbst gekrönt worden war, in Herve feierlich begangen wer- den. Die Habsburgische Restauration und die Reform der Stände der Provinz Limburg Mit der Frankfurter Deklaration vom 14. Oktober hatte Leo- pold II. die Wiederherstellung der habsburgischen Souveränität in - den südlichen Niederlanden unter Berücksichtigung der Landespri- vilegien als vorrangig vor den von seinem Bruder geplanten Refor- men bekanntgegeben. Diese Deklaration wurde im Vertrag von s’Gravenhage mit Preußen und den Seemächten am 10. Dezember bestätigt. Der frühere kaiserliche Gesandte in Versailles, der Belgier Graf Florimond Claude von Mercy-Argenteau (Lüttich 1727, + London 1794) (56), wurde zum bevollmächtigten Minister er- nannt. Am 25. November überschritten die kaiserlichen Regimenter die Maas und am 3. Dezember rückten sie kampflos in Brüssel ein. Nach der Wiederherstellung der habsburgischen Herrschaft ver- suchten die Demokraten doch noch, eine Modernisierung der Stän- deverfassung zu erreichen. Mehrere nach Paris geflohene brabanti- sche Demokraten, nicht aber ihr Anführer Francois Vonck, kamen aus dem Exil zurück und gründeten wieder in Brüssel eine ”Gesell- schaft der Freunde des allgemeinen Wohls” (Societe des Amis du Bien Public), die vom bevollmächtigten Minister genehmigt wurde. Aus Limburg hatte Francois Joseph Legro am 25. Oktober ei- ne Reform der limburgischen Stände vorgeschlagen, die eine bedeu- tende Erhöhung der Vertretung des Dritten Standes (von 13 auf 16) und die Durchführung der Abstimmung in gemeinsamen Versamm- lungen, in welchen der Dritte Stand die Mehrheit (16 Sitze gegenü- ber 8) gehabt hätte, vorsahen. Der Herver Pfarrer und Dechant Pierre Simon Claude Lys reichte am 27. Oktober im Namen der Pfarrer ebenfalls einen An- trag zur Abänderung der Ständevertretung ein. Die Pfarrer verlang- ten, wie schon im Jahre 1766, ihre Aufnahme in die Vertretung des Klerus und sogar die Bestimmung dieser Vertretung durch allgemei- ne Wahl unter allen Klerikern.
31 In einem weiteren Bericht vom 5. November machte Präsident Legro auf folgende wichtige Punkte zur zukünftigen Lage der Pro- vinz aufmerksam: 1. Reform der Stände; 2. Beibehaltung des Obersten Gerichtsrates in Limburg; 3. Förderung der Tuchmanufaktur durch steuerliche Maßnahmen; 4. Wiederbesetzung der Garnison Limburg mit einer 300 Mann starken Abteilung als Ordnungshüterin. Legro unterstrich dabei die Kaisertreue Haltung der großen Mehrheit der Bevölkerung während der letzten Jahre. Bis zur Rückkehr der Regierung in Brüssel unterstand Limburg ab dem 19. Oktober 1790 der in Luxemburg eingerichteten Königli- chen Kommission (57). Dieselbe beauftragte am 2. November den Gerichtspräsidenten Legro und den Ratskonsulenten Wildt, gemeinsame Vorschläge zur provisorischen Verwaltung der Provinz Limburg einzureichen. Die beiden antworteten am 10. November mit einer längeren Denk- schrift. Sie wiesen auf die bestehende Kluft zwischen Volksmeinung und Äußerungen der Stände hin. In den Ständen konnten die beiden Äbte von Klosterrade und Gottestal meistens ihre Meinung durch- setzen, da nur wenige Adlige an den Beratungen teilnahmen und der Dritte Stand durch die Abstimmung nach Ständen minorisiert war. Sie schlugen dann auch vor, die Vertreter des Dritten Standes, die kaisertreu geblieben waren, die Herren Fabritius und von Lim- pens für Valkenburg sowie Lamberts aus Walhorn zu bestätigen und sie durch folgende Personen zu ergänzen: den Pfarrer von Wan- dre, den Freiherrn von Hodiamont, Herr zu Eupen, Herrn von Limpens, Hoher Drost von Herzogenrath, Herrn Devigne aus Her- ve, Herrn von Grand-Ry, Tuchmacher aus Eupen, und Herrn De- thier, Kaufmann aus Hodimont. Die Frankfurter Erklärung vom 14. Oktober wurde den Lim- burger Ständen am 10. November mitgeteilt und kurz danach über die Presse allgemein bekanntgegeben. Laut Schreiben des Ratskon- sulenten Wildt vom 19. November an Graf von Mercy-Argenteau _ herrschte darauf Enttäuschung in Limburg, wo die Demokraten die Wiederherstellung der alten Ständeordnung bedauerten und Rache- akte der Ständedeputierten gegen die kaisertreue Mehrheit befürch- teten. Am 23. November antwortete der bevollmächtigte Minister, die Einberufung der Stände sei zurückzustellen und die Provin-
32 zialverwaltung könne provisorisch durch Wildt und die drei kaiser- treuen Ständevertreter weitergeführt werden. Inzwischen hatten auch verschiedene Vertreter der beiden privilegierten Stände dem Ratskonsulenten eine Unterwerfungserklärung abgegeben. Am sel- ben Tag beauftragte Mercy-Argenteau den Gerichtspräsidenten Le- gro, mit Wildt eine eventuelle Reform der Stände zu besprechen. Die beiden berieten sich dann am 29. und 30. November mit den drei kaisertreuen Ständevertretern und dem Fiskalrat Havenith. Am 2. Dezember übermittelte Wildt dann dem Minister eine länge- re Denkschrift, die ihrem Memorandum vom 10. November ent- sprach. Am 17. Januar wiederholte Wildt dem Grafen die Vorschlä- ge der Kaisertreuen und schlug vor, alle durch den Aufstand ent- standenen Unkosten durch den Klerus tragen zu lassen, der densel- . ben provoziert habe. Unter der Bevölkerung stieg indessen die Unzufriedenheit, und ganz besonders unter den limburgischen Freiwilligen. Das Korps war wohl im November 1790 aufgelöst worden, aber die Ehemali- gen trugen öfters weiter stolz Uniform, Waffen und Abzeichen mit dem Doppeladler, u.a. in Herve. Es entstanden Auseinandersetzun- gen mit den Parteigängern der brabantischen Patrioten, wie Auditor Wunsch am 25. Januar 1791 dem Staatssekretär Freiherr von Feltz mitteilte. Anläßlich des Karnevals im Februar 1791 wurden die Anhän- ger der Patrioten, insbesondere der Abt von Klosterrade, in Herve ausgeschimpft und lächerlich gemacht. Am 24. Februar beantrag- ten zwei ehemalige Freiwillige die Gründung eines politischen Ko- mitees nach dem Modell der Brüsseler ”Societe des Amis du Bien Public”. Sie veröffentlichten dann vier Tage später eine ”Adresse des Volontaires limbourgeois ä leurs concitoyens”, in welcher sie ih- re Vorwürfe gegen die Stände aussprachen, ihre Kaisertreue be- schworen, den Ausschluß der früheren Anhänger der Patrioten aus jeder Landesvertretung sowie eine Reform der Stände verlangten. Sie stellten fest, daß die meisten Gemeindevorsteher sich weigerten, Gemeindeversammlungen einzuberufen, um ihre Wünsche anzuhö- ren und schlugen die Ernennung von ”Konstituierten” in jeder Ge- meinde vor. In Herve wurde dann ein Club gebildet, in welchem sich später während der ersten französischen Besetzung die Jakobi- ner versammelten. Einige Gemeindevorsteher riefen danach Volksversammlun- gen ein, so am 27. März in Baelen mit Bilstain, Villers und Go6e. Die- se Versammlung beauftragte den Drost Coll und die Bürgermeister
33 P. Wintgens und P.L. Cormann, ihre Wünsche dem Kaiser vorzu- tragen. Diese Wünsche entsprachen den Vorstellungen der Adresse der Freiwilligen und den Vorschlägen der Herren Legro und Wunsch. Ähnliche Versammlungen wurden Ende März bzw. Anfang April in Limburg, Dison und Walhorn abgehalten. Dort, wo die Ge- meindevorsteher sich weigerten sie einzuberufen, übernahmen ”Konstituierte” die Initiative, so in Herve, Aubel, Eupen und an- derswo. Ende März 1791 erschien in Herve ein ”Memoire adresse ä Sa Majeste l’Empereur et Roi par les Constitues de la Province de Limbourg”. Unterzeichnet war diese Denkschrift von den Konsti- tuierten des Fleckens Eupen, der Stadt und Freiheit Herve, der Hochbank Baelen, von Goe, Bilstain, Aubel, Teuven, Beusdael, Homburg, Housse, Cheratte, St. Martins Voeren, des Landes Val- kenburg usw. Diese Denkschrift erläuterte die bekannten Vorstel- lungen der Demokraten über die Reform der Stände und versuchte zu erklären, daß eine solche Reform nicht gegen den vom Kaiser mitunterzeichneten Vertrag von s’Gravenhage verstieß. Nach all diesen Bemühungen der Demokraten kam nun die Antwort der Konservativen. Ihr Anführer war wieder der Kloster- rader Abt P.J. Chaineux, der sich am 8. Februar auch an den Gra- fen von Mercy-Argenteau wandte, um die alte Ständeordnung und seine Haltung während der Kornteuerung zu verteidigen. Darin ver- merkte er auch, daß die jetzige Unzufriedenheit meistens im wallo- nischen Teil der Provinz Limburg von Gegnern des Klerus und des Adels geschürt würde. Um diese Bewegung einzudämmen, schlug er vor, die Pressefreiheit einzuschränken, die Stände wieder einzuberu- fen und eine Militärabteilung von 400-500 Mann nach Limburg zu entsenden. Kurz darauf erschien auch die konservative Streitschrift ”Le Masque Limbourgeois se leve” als Antwort auf das ”Memoire des Constitues”. Hierin wurde die Einführung eines allgemeinen Wahlrechtes als Utopie und Hirngespinst abgetan. Die in Hodimont und Herve gegründeten Klubs wurden mit dem französischen Jako- binerclub verglichen, der die Nationalversammlung unter Druck setzte. Wie sollte nun die Regierung entscheiden, da sie im Grunde im Vertrag von s’Gravenhage einer Wiederherstellung der alten Ord- nung zugestimmt hatte? Graf von Mercy-Argenteau vertrat persön- lich den Standpunkt, den limburgischen Demokraten mindestens ei- nige Zugeständnisse zu machen, wie er am 23. März Staatskanzler Fürst von Kaunitz vorschlug. Anfang April berief er die limburgi- schen Stände ein und ließ sich durch Staatsrat Le Clerc vertreten.
34 Da die Ständevertreter Unruhen befürchteten, beantragte der Graf von Woestenraedt, Hoher Drost von Limburg und Vorsitzen- der der Ständeversammlung, die Entsendung eines Streitkorps, und zwar 15 Dragoner in Eupen, 150 Infanteristen und 15 Dragoner in Herve, 10 Infanteristen in Dison, 10 Infanteristen und 7 Dragoner in Petit-Rechain, 25 Infanteristen und 15 Dragoner in Battice, 15 Infanteristen in Clermont, 45 Infanteristen und 15 Dragoner in Henri-Chapelle, 15 Infanteristen in Kelmis und 45 Dragoner am Biltgen. Diese beantragten Maßnahmen spiegeln die bestehende Un- zufriedenheit gegen die Stände wieder, wenn die Regierung auch darauf nicht einging und sich begnügte, im Notfalle die österreichi- sche Garnison von Lüttich zur Verfügung zu stellen. Mercy-Argenteau antwortete dem Abt von Klosterrade am . 25. März und riet ihm, die öffentliche Meinung zu berücksichtigen. Andererseits warnte er seinen Vertreter Le Clerc, den zu progressi- stischen Vorschlägen des Ratskonsulenten Wildt bezüglich der Er- höhung der Zahl der Vertreter des Dritten Standes und der Abstim- mung nach Köpfen zu folgen. Der Klosterrader Abt fürchtete sich, der zu Battice einberufe- nen Ständeversammlung beizuwohnen. Er sagte erst zu, nachdem Staatsrat Le Clerc ihm versprochen hatte, ihn persönlich mit Major d’Aspre und Auditor Wunsch zu beschützen. Am 3. April traf Le Clerc die Vertreter der Freiwilligen und der Gemeinden, die ihre Wut gegen die Stände äußerten. Er konnte sie aber beruhigen und auf ihre Kaisertreue rechnen. Am 5. April wurde die Ständever- sammlung in Battice in aller Ruhe eröffnet, die Freiwilligen sorgten selbst für Ordnung. Die Versammlung bestimmte ihre Vertretung zur Antrittsfeier Leopolds II. in Brüssel. Die ständigen Deputierten, die sich am stärksten für die brabantischen Patrioten eingesetzt hat- ten, der Abt von Klosterrade und der Herr von Lassaulx zu Sainte- Marie, traten zurück und wurden durch den vor kurzem eingesetz- ten neuen Abt vom Gottestal, Jacques Uls, und den Limburger Rechtsanwalt Thimus ersetzt. Ferner wurde beschlossen, die Ab- rechnungen der Ständeverwaltung seit 1784 in den beiden Landes- sprachen zu veröffentlichen. Den Bemühungen des Regierungsver- treters zum Trotze beschlossen die Stände eine bescheidene Erweite- rung des Dritten Standes von 13 auf 15 Vertreter, zusätzlich einen Beobachter der Fabrikanten von Hodimont, und besonders die zu- künftige Abstimmung nach Köpfen und nicht mehr nach Ständen. Die beiden privilegierten Stände nahmen also die ausdrückliche For- derung des gesamten Dritten Standes an. Nach langen Überlegun- gen siegten dann doch die Demokraten im Wesentlichen.
35 Mercy-Argenteau war darüber gar nicht begeistert, wie er es Le Clerc am 10. April mitteilte, hatte auch einige Vorbehalte bzgl. der Form. Am 11. April berichtete er Fürst von Kaunitz über die Lage und schlug vor, die Wünsche des kaisertreuen Volkes anzuerken- nen. Der Staatskanzler willigte am 22. April ein. Am 20. hatten die Stände die kaiserliche Bewilligung zur neuen Ständeverfassung be- antragt, die dann am 9. Mai in Kraft trat. Diese demokratische Reform der Stände wurde kurz darauf auch in Obergeldern, Tournai und dem Tournaisis eingeführt. Anmerkungen (30) Jean Francois Vonck wurde am 29. November 1743 in Baerdegem als Sohn be- scheidener Landwirte geboren. Er studierte bei den Jesuiten in Brüssel und anschließend Jura an der Universität Löwen. Im Jahre 1767 wurde er als Anwalt beim Souveränen Gerichtsrat von Brabant zugelassen und wegen seiner Fähig- keiten bald auch Fiskalanwalt des Brüsseler St. Gudulastiftes. Er war vor allem von den Lehren des französischen Philosophen und Rechtsgelehrten Montes- quieu beeinflußt. Mit den Anwälten Verlooy und Willems, dem Kaufmann Weemals und den Priestern Hoope und De Broux bereitete er einen bewaffneten Umsturz nach amerikanischem Muster vor. Da er dem konservativen Flügel, be- sonders dem Abt von Tengerloo, verdächtig war, versuchte dieser mit Erfolg, ihn aus der neuen rebellischen Regierung auszuschalten. Er mußte endlich nach Na- mur und Lille fliehen, wo er sich Edouard von Walckiers näherte, der für die ge- meinsame Sache mit den radikalen Lüttichern plädierte. Obschon zurückhal- tend, gab Vonck doch am 28. Mai sein Einverständnis zur Gründung einer "Legion belge” in Frankreich und zur Unterzeichnung eines Abkommens mit General Dumouriez. Vonck starb kurz darauf am 1. Dezember 1792 in Lille. (31) Jean Baptiste Chrysostome Verlooy wurde am 22. Dezember 1746 in Ooster- wijck (Antwerpen) geboren. Er konnte nur schwer eine Karriere als Rechtsan- walt beim Souveränen Gerichtsrat von Brabant antreten. Er wurde sehr stark durch die französischen Philosophen Voltaire, Montesquieu und Raynal beeinflußt. Aus demokratischer Überzeugung wurde er auch Vorkämpfer der flämischen Bewegung. Er verlangte die Wiedereinführung des Niederländischen als Hof-, Wissenschafts- und Unterrichtssprache. Am 15. März 1790 trat er in ei- ner Adresse für eine demokratische Reform der Ständevertretung ein. Er mußte dann mit Vonck nach Namur und Lille fliehen. Von hier aus bereitete er Hand- streiche in Kortrijk und im Hennegau vor. Nach Jemappes wurde er Mitglied der provisorischen Vertretung von Brüssel. In derselben hatte er eine andere Meinung als die Mehrheit um Cornet de Grez. Letzterer befürwortete die sofor- tige Wahl eines Konvents. Dagegen wünschte Verlooy zuerst die Bildung einer Zentralregierung der Belgischen Republik. Nach der Veröffentlichung des Anschlußdekretes des französischen Nationalkonvents koordinierte Verlooy die Protestaktionen. Später sprach er sich aber zugunsten der Annexion aus, so vor allem bei der Brüsseler Primarversammlung, die er präsidierte. Der Brüsseler Anschlußantrag wurde aber nur von wenigen demokratischen Vertretern gefaßt. Am 20. April 1795 wurde Verlooy als erster französischer Maire von Brüssel eingesetzt. Aus Überanstrengung starb er verfrüht am 4. Mai 1797 in Brüssel.
36 (32) Louis Philippe II.. Joseph, Herzog von Montpensier (1747-1752), Herzog von Chartres (1752-1785), Herzog von Orleans ab 1785, war am 13. April 1747 in Saint-Cloud als Enkel des Regenten (1715-1723) Philipps II., Herzog von Orleans (1674-1723) geboren. Er war der reichste Grundbesitzer Frankreichs, wurde aber Gegner der Politik seines Vetters Louis XVI. und schloß sich früh den An- sichten des Dritten Standes an, u.a. in der Hoffnung, selbst König zu werden. Während der Revolution als ”Philippe Egalite” gekannt, trat er 1790 den revolu- tionären Clubs der Jakobiner und dann sogar der Bergpartei im Nationalkon- vent bei. Obschon er noch für den Tod des Königs stimmte, wurde er durch die Flucht seines Sohnes Louis Philippe III. kompromittiert, Anfang April 1793 ver- haftet und am 6. November guillotiniert. (33) Jean Andre van der Mersch geboren in Menen am 10. Februar 1734 trat zuerst im April 1757 während des Siebenjährigen Krieges in französische Dienste. Am 14. Oktober 1761 wurde er zum Oberstleutnant ernannt. Da das Garnisonsleben ihm nicht gefiel, quittierte er den Dienst 1772 und zog sich nach Dadizeele bei Menen zurück. Im Jahre 1778 trat er während des Schlesischen Krieges unter General Wurmser in österreichischen Dienst und wurde bei Kriegsende am 12. Mai 1779 zum Oberst befördert. Danach zog er sich wieder auf sein Gut zu- rück. Bevor er als Generalleutnant in den Dienst der aufrührerischen Stände trat, erklärte er dem Kaiser seinen Rücktritt als kaiserlicher Oberst. Nach sei- nem Sieg bei Turnhout kam er wegen der anzuwendenden Strategie in Konflikt mit der konservativen Gruppe um van der Noot und van Eupen. Er handelte am 2. Dezember 1789 einen Waffenstillstand von 10 Tagen mit General d’Alton aus und konnte anschließend Brüssel am 12., Löwen am 13. und sogar die Festung Namur am 17. Dezember besetzen. Da er mit der demokratischen Partei um Vonck befreundet war, geriet er aber- mals in Konflikt mit den Konservativen, die dem Preußen Schoenfeld die Lei- tung der Insurgentenarmee anvertrauten. Am 8. April wurde Van der Mersch verhaftet und nacheinander in der Festung Antwerpen, im Alexianerkloster zu Löwen und in Tournai inhaftiert. Er wurde erst am 2. Dezember kurz vor dem Rückzug der Österreicher, freigelassen. Er zog sich zuerst nach Lille zurück, wurde aber vom bevollmächtigten Minister Graf Mercy-Argenteau am 8. Ja- nuar 1791 nach Brüssel eingeladen und am 2. Februar im Zuge der von Leo- pold II. versprochenen Amnestie empfangen. Anschließend zog er sich wieder auf sein Gut Dadizeele zurück, wo er am 17. September 1792 verstarb. [Biographie Nationale, Bd. XIV, Brüssel, Bruylant, 1897, Sp. 590-596.] (34) - Maximilien Corneille von Reul, Herr von Neuberg bzw. Wilre zu Bilstain, wurde am 26. Juli 1722 in Limburg geboren, wo er 1804 verstarb. Als Lizen- ziat der Rechte bekleidete er hintereinander folgende Ämter: 1755 Richter und Gerichtsschreiber bei der limburgischen Mannkammer, 1757 Richter bei der Zollkammer (Chambre des Tonlieux); 1781 Schöffe beim Hohen Gerichtshof zu Limburg. Er heiratete nacheinander am 10. Juli 1754 zu Lüttich Marie Catherine von Jaminet, gestorben zu Limburg am 23. Juni 1764, und dann am 17. Juli 1767 in Bilstain Catherine Therese Odile von Goer zu Herve. Die stark verzweigte Familie von Reul gehörte zur alten limburgischen Sippe der Scavedriesche, die das Kerbkreuz in ihrem Wappen trägt. Seit dem 17. Dezember 1765 war er auch im Bezitz des sog. Brounjaarleens in Herbesthal. Präsident und königlicher Richter beim Gericht erster Instanz zu Limburg. (35) Jean Vincent Francois Pelzer, Herr von Lichtenberg bei Henri-Chapelle, war in Limburg am 27. Dezember 1753 geboren. Lizenziat der Rechte der Universi- tät Löwen am 24. August 1774; Mitglied der 1778 eingesetzten Kommission der öffentlichen Lasten (Commission des charges publiques) am 4. Mai 1785;
37 Schöffe zu Henri-Chapelle; Schöffe des Hohen Gerichtshofes zu Limburg ab dem 26. April 1734. Im Jahre 1787 wurde er Rat am Gericht erster Instanz zu Herve. Nach dem französischen Einmarsch 1794 wurde er mit all seinen Kollegen des Hohen Gerichtshofes als Miglied des neuen Obertribunals von Limburg am 27. Brumaire des Jahres III (17. November 1794) ernannt und am folgenden Tage von seinen Kollegen zum Präsidenten gewählt. Nach dem Anschluß an Frankreich und der eingeführten Justizreform wurde er als Richter beim Zivil- gericht zu Lüttich ernannt. Er scheint dieses Amt aber nicht angetreten zu ha- ben. Geheiratet hatte er am 22. Mai 1789 in Limburg Marie Therese Hubertine Jo- sephe von Reul, geboren zu Limburg am 13. Mai 1759, Tochter seines Kolle- gen Maximilien Corneille. Er starb am 4. Mai 1803. Jean Vincent Pelzer von Lichtenberg hatte sich 1769 ein schönes Haus im Stil Louis XV in der rue Haute (heute rue Oscar Thimus Nr. 34) in Dolhain er- bauen lassen. (36) Lambert Philippe Poswick wurde am 22. Juni 1747 in Limburg als Sohn des Jean Guillaume und der Marie Elisabeth Chevalier geboren. Er besuchte das Jesuitenkolleg in Maastricht, studierte Philosophie am Laurentium in Köln und Jura an der Universität Löwen, wo er 1770 als Lizenziat beider Rechte promovierte. Zuerst Rechtsanwalt beim Hohen Gerichtshof von Limburg, wurde er 1776 Mitglied der Mannkammr und 1785 Schöffe des Hohen Ge- richtshofes. Nach dem französischen Einmarsch wurde er Präsident der Zen- tralverwaltung von Limburg und 1796 Kommissar des Directoire bei der Lütti- , cher Zentralverwaltung. Er geriet in Opposition zu den Lütticher Revolutionä- ren, den Gebrüdern Bassenge, und wurde wegen seiner ”aristokratischen Ge- sinnung” abgesetzt. Er war u.a. zugunsten verschiedener Emigranten, die zu- rückkehren wollten, interveniert und schützte die Zisterzienserabtei Gottestal (Val-Dieu) und das Kreuzherrenkloster zu Huy. Trotzdem wurde er 1798 zum Sekretär der Zentralverwaltung ernannt und 1800 Generalsekretär der Präfektur. Kurz danach wechselte er zum Gerichtswesen über, zuerst als Gerichtsschrei- ber am Apellationsgericht zu Lüttich und dann 1811 als Hauptgerichtsschrei- ber des kaiserlichen Gerichtshofes zu Lüttich (Obergerichtshof ab 1814) bis zu seinem Tode in Lüttich, am 31. Januar 1830. Er heiratete am 6. Februar 1783 die in Lüttich, am 13. Dezember 1755, geborene Marie Catherine von Lantre- mange, Tochter des kaiserlichen Generalpostmeisters zu Lüttich, Ritter Jean Pierre Lantremange, Herr zu Goe und zu Hougarde und der Marie Dieu- donnee von Rumthum, [STRAET, Henri C.: Lambert Philippe Poswick. Commissaire du Directoire executif pres de l’administration centrale de Liege et de l’abbaye du Val-Dieu. Aux premieres annees de l’occupation francaise (An 3- An 5 de la Republique) in Bull. SVAH, 48. Verviers, Gerard, 1959. S. 147-157]. (37) Durch Verordnung vom 15. April 1529 hatte Kaiser Karl V. als Herzog von Brabant die jeweiligen Kompetenzen des Fiskalanwaltes und des Generalpro- kurators beim Souveränen Rat von Brabant festgelegt. Das erste Amt war 1495 von seinem Großvater Kaiser Maximilian eingeführt worden. Demnach oblag es dem Fiskalamt, die Rechte der herzoglichen Domäne und Hoheiten vor dem Rat zu verteidigen. Das Amt des Generalprokurators hatte Maximi- lian 1482 wieder eingeführt, nachdem seine Gattin es auf Druck der Stände 1477 hatte abschaffen müssen. Erstmalig war dieses Amt unter Philipp dem Guten am 12. Juli 1434 eingeführt worden. Der Generalprokurator war die höchste Polizeibehörde, ihm oblag die Oberaufsicht über alle herzoglichen Be- amten und die Verteidigung der herzoglichen Vorrechte. Trotz der Verord-
38 nung von 1529 kam es zu zahlreichen Kompetenzkonflikten zwischen Fis- kalanwalt und Generalprokurator. Beim Obersten Gerichtshof von Limburg wurden dann auch beide Ämter dem Rat Havenith anvertraut. (38) Johan Peter Havenith wurde 1740 in Raeren als Sohn des Peter und der Ka- tharina von Schwarzenberg geboren. Er heiratete die Eupenerin Sybilla Rö- mer. In seiner Sterbeurkunde vom 31. Oktober 1817 wird sein Beruf mit ”Ad- vokat” angegeben. Wie viele Juristen seiner Zeit gehörte er der demokrati- schen kaisertreuen Partei an. Während der Besetzung Limburgs durch die bra- bantischen Aufständischen muß er sehr gelitten haben, wie sein Freund, Ge- richtspräsident Legro, dem Auditor und Zivilkommissar Wunsch am 29. Au- gust 1791 berichtete. Havenith sei damals ein sehr kranker, wassersüchtiger und bedauernswerter Mann gewesen, Er selbst beklagte in einem Schreiben vom 17. Februar 1792, daß die treuen Anhänger der Habsburger nun nach der österreichischen Re- stauration noch von den Anhängern der Insurgenten ausgeschimpft würden. Tief enttäuscht über die Haltung der Regierung überlegte er damals, Land und A Gut mit seiner Frau und sieben kleinen Kindern zu verlassen. [Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Commissariat general civil, 524. Eupen, Stadtarchiv, Sterbeurkunde 1817, Nr. 262, liebenswürdigerweise von Herrn Stadtarchivar Leo Hermanns übermittelt]. (39) Matthäus Joseph Wildt war am 16. Januar 1756 in Aachen geboren und ent- stammte einer alten Eynattener Familie. Im Jahre 1776 wurde er als Primus Magister artium der Universität Löwen in Brüssel vom Generalgouverneuer Karl von Lothringen empfangen und anschließend am 24. August in Henri-Chapelle von den limburgischen Ständen und in seiner Vaterstadt gefeiert. Nachdem er als Lizenziat in beiden Rechte an der Löwener Universität promoviert hatte, wurde er Sekretär beim Brüsse- ler Generalgouvernement. Im Jahre 1785 wurde er Mitglied des Aachener Schöffenstuhls. Er war mit der Brüsseler Anne de Solrie verheiratet und starb 1804 in Wien. [GRONDAL, Guillaume: Eynatten, Notices historiques. Bull. SVAH, Bd. 42]. Verviers, Lelotte, 1962, 95 S. Siehe S. 90. (40) Journal general de l’Europe. Nr. 149. S. 96-97. (41) MEUNIER, Joseph: Un acteur de la Revolution liegeoise, 1’Avocat Laurent- Francois Dethier - Bull. Soc. Verv. Arch. Hist. Bd. 44. Verviers, Gerard, 1957. S. 7-114, bes. S. 11-16; Bd. 46, S. 7-144. DOMS, Alex: Documents pour servir ä l’histoire de la revolution franchimon- toise de 1789. Polleur en 1789-1790. Breve chronique de J.F. Mawet avec com- mentaires et complements d’archives, BSVAH, Bd. 64. Dison, Lelotte, 1984. S. 129-167. (42) Die Ortschaft Housse liegt in der frühren Grafschaft Dalhem, Bank Cheratte, auf der Anhöhe westlich des Maastales nördlich von Barchon. (43) Der Stüber (Stuiver, patard, sol) war die Untereinheit des brabantischen Gul- dens (florin). 1 Gulden Brabant = 20 Stüber. Ab dem Rechnungsjahr 1540-1541 diente der Gulden Brabant dem limburgi- schen Rentmeister als Währungseinheit bei der Aufstellung der jährlichen Ab- rechnungen, der Einkünfte und Ausgaben der herzoglichen Domäne. Er entsprach einer seit 1507 unter Kaiser Karl V. geprägten Goldmünze, dem Carolus Gulden. Dieser enthielt damals 20,367 g reines Gold. Im Laufe der Jahrhunderte wurde dieses Feingehalt bis auf 8,3112 g im Jahre 1791 redu- ziert. Laut Ruwet blieb der Wechselwert des brabantischen Guldens ab 1580 dem Lütticher Gulden und der Aachener Mark gegenüber konstant und zwar 1 Gulden Brabant = 4 Lütticher Gulden = 20 Aachener Mark. Dabei han-
39 delte es sich um sogenannte Rechnungswährungen (monnaies de compte), de- nen nicht notwendigerweise geprägte Münzen entsprachen. Nach dem ”Almanach du Departement de Meuse et Ourte (rive droite) et de F’Ourte (rive gauche) pour l’an 1815” (S. 60) war der Gulden Brabant = 1 Lüt- ticher Gulden, 10 Stüber, 2 Heller (= 1,525 Lütticher Gulden) bzw. 1,81179 Goldfranc wert. [RUWET, Joseph: L’Agriculture et les Classes rurales au Pays de Herve sous V’ancien Regime. Liege, Universite, 1943. 336 S. Siehe S. 72-74, 78, 80-84.] Im 18. Jahrhundert verdiente der königliche Kontrolleur beim Altenberger Bergwerk 400 Gulden Brabant jährlich, dagegen ein einfacher Arbeiter des Bergwerkes 10 Stüber täglich im Sommer, 9 im Winter und der Pumpenmei- ster 12 Stüber. Laut Thisquen verdiente ein Zimmermann meistens 30 Stüber täglich im Jahre 1793. Zum Vergleich seien einige Preise mitgeteilt: ein Pfund Kabeljau kostete 1798 18 Stüber; ein Pfund Rindfleisch kostete 1787 5 Stüber; ein Pfund Butter kostete 1796 14 Stüber; ein Viertelhundert Eier 1796 18 Stüber; ein Schweinekopf 1781 14 Stüber. [THISQUEN, Joseph. Histoire de la ville de Limbourg. Bull. Soc. Verv. Arch. Hist., Bd. X. Verviers, Feguenne, 1908. 325 + III S. Siehe S. 229-235]. (44) Im Herzogtum Limburg gebrauchte man verschiedene Hohlmaße für Korn. In den östlichen flämischen Banken war es das Aachener Mud (muid, Scheffel) zu 8 Faß (vaet, setier) für Weizen und Roggen: 1 Aachener Mud = 245,696 Liter. Im wallonischen Landesteil wurden fast ausschließlich die Lütticher Hohlmaße gebraucht, die Ruwet den Aachenern gleichsetzte. Im ”Almanach du Departement de Meuse et Ourte (rive droite) et de l’Ourte (rive gauche) pour V’an 1815” wird das Lütticher Mud mit 238,51 Liter angegeben. Auf dem Aubeler Markt waren die Maastrichter Maße vorgeschrieben. Das Maastrichter Mud entsprach 560,16 Liter und zählte 4 Malter (maldre) oder 24 Faß. In der Grafschaft Dalhem, zu welcher Aubel gehörte, wurde dieses Maß allgemein für Roggen und Hafer benutzt. Für den dort meistens angebauten Spelz gebrauchte man wieder das Dalhemer-Lütticher Mud. [RUWET, Joseph: L’Agriculture (Siehe (43) S. 72-74, 78]. Nach dem aus dem 15. Jahrhundert stammenden Landrecht waren die Lütti- cher Maße für Spelz und Hafer und die Aachener Maße für Weizen und Rog- gen anzuwenden. [THISQUEN, Jean; MOORS, Joseph; MASSART, Robert: L’ancienne coutu- me du duche de Limbourg en versions romane et thioises du debut du XVII“ siecle. Liege, Gothier, 1961. 360 S. S. 50-51]. (45) Es handelt sich um die Herberge ”Der schwarze Löffel” am jetzigen deutschen Zollamt. Dieses Haus wurde im Hergenrather Teil des Weilers Bildchen vom Eupener Notar Nicolas Bounie (Notar 1760-1795) um 1764 gebaut. Nicolas Bounie war auch seit dem 2. Oktober 1790 Schöffe von Kelmis, von Walhorn und von Lontzen. (46) Staatsarchiv Lüttich, Bestand Limburg, 1034. Die Gemeindevorsteher von Moresnet benötigten 988 Brote zu 7 Pfund pro Woche für ihre 494 Einwoh- ner, d.h. 19,5 Faß. Korn (Roggen ?) und Weizen. Sie verfügten über 998,5 Faß Korn, 42 Faß Weizen, 927,5 Faß Spelz, 575,5 Faß Gerste, 78 Faß Bohnen, 88 Faß Erbsen, 102,5 Faß Buschweizen und 2368 Faß Hafer. Gerste, Bohnen, Erbsen, Buschweizen und Hafer dienten vorwiegend für das Vieh. Die Ge- meinde Montzen, die 1185 Einwohner zählte, verfügte über 1109 Faß Korn und 317 Faß Weizen.
40 Für eine Periode von 10 Monaten brauchte sie 11.850 - 1.424 = 10.424 Faß zusätz- lich. Ein Faß Korn maß ungefähr 30 Liter. Die Gemeinde Gemmenich zählte 204 Haushalte, bzw. 994 Einwohner, und verfügte über 2099 Faß Korn. In der Gemein- de Homburg buken 93 Familien mit 632 Personen ihr Brot selbst, aber 259 andere Familien mit 1152 Personen besorgte es sich beim Bäcker. In der Gemeinde wurden produziert bzw. benötigt: 3.702,5 Faß Korn gegenüber 20.618 1.431,25 Faß Weizen » 1.438 1.157,5 Faß Spelzen » 3.923 4.869 Faß Gerste » 6.604 16.665 Faß Hafer » 16.051 888,5 Faß Erbsen ” 698,5 1.938 Faß Bohnen » 1.488 281 Faß Wicke » 237 Die Tabelle der Gemeinde Kelmis fehlt. (47) J.A. Freiherr von Negri war mit der Herrschaft Henri-Chapelle am 5. Juli 1780 belehnt worden. Seine aus Italien stammende Familie hatte die Herr- . schaftsrechte über Henri-Chapelle 1694 erworben. Diese vom König am 15. März 1644 veräußerten Herrschaftsrechte waren mit keinem Grundeigen- tum verbunden, so daß die Familie von Negri in Henri-Chapelle kaum begü- . tert war. Ihr Hauptvermögen besaß die Familie im Lande Valkenburg, wo sie Grundherren von Brunssum waren. [PAUCHENNE, L6on: Histoire de la Franchise et de la Paroisse de Henri- Chapelle. Dison, Jespers-Gregoire, 1955. 180 S. Siehe S. 52-53] (48) Guillaume Albert Rene Joseph von la Saulx war am 17. Januar 1757 in Lim- burg als ältester Sohn des Ignace Augustin Joseph Louis, herzoglicher Wald- meister, und der Catherine Josephe Godart geboren. Lizenziat der Rechte und Anwalt beim Obersten Gerichtshof zu Limburg, wurde er am 9. September 1789 Abgeorneter des Dritten Standes. Er hatte für das Amt eines Distrikt- kommissars anläßlich der Verwaltungsreform Anfang 1787 vergebens kandi- diert und war vielleicht deswegen verbittert. Während der Wirren gehörte er dem streng konservativen Flügel an. Auch nach der österreichischen Restau- ration zeigte er sich in Limburg sehr impertinent. Der Zuname ”zu Sainte- Marie” deutet darauf hin, daß er Grundherr des Hofes Sankt Marien zu Eupen war. Er heiratete am 12. November 1792 Marie Ida Larbalette in Lüttich, wur- de später Mitglied der Vervaltung des Ourthedepartements und der Lütticher Provinzialstände. Er verstarb in Lüttich am 2. März 1842. (49) Die Kommission der öffentlichen Lasten (Commission des Charges publiques) der Provinz Limburg war durch Verordnung der Kaiserin Maria Theresia vom 29. Januar 1778 errichtet worden. Sie war zuerst eine Art Verwaltungsgericht, dem es oblag, die Klagen der Privatpersonen und der Gemeinden über die öf- fentlichen Lasten zu überprüfen. Wegen der ungeregelten finanziellen Lage der meisten limburgischen Gemeinden wurde die Kommission zur Aufsichtsbe- hörde der Gemeinden in finanziellen Sachen. Sie schrieb den Gemeinden eine einheitliche Buchhaltung vor. Sie bestand aus einem Chefpräsidenten, fünf Beisitzern und einem Gerichtsschreiber, (50) Journal General de l’Europe. 13. März 1790. S. 103-104; 1. April 1790. S. 212- 213. (51) Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Finanzrat, 1203. Erklärung des Inspektors Wirtz vom 19. Februar 1791. (52) Allgemeines Reichsarchiv, Brüssel. Commissariat general civil ... u.a. Nr. 381. Ein Generalzivilkommissariat bei der Armee wurde 1784-1786 eingerichtet, um die Versorgung der Truppen im eigenen Lande zu gewährleisten. Es wurde 1789 während der Unruhen wiederhergestellt.
41 (53) ”Les cris mutiplies des habitants avaient donne l’assurance &vidente que plu- sieurs milliers d’hommes &taient prets a defendre leurs foyers. Oü sont ces habi- tants armes? C’est aujourd’hui qu'il les faut.” [Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Commissariat General Civil, 524] (54) Michel von Grand’Ry war am 13. Januar 1744 in Eupen geboren. Am 21. April 1768 war er beim Regiment Murray eingetreten und wurde Leutnant am 8. Oktober 1779; später wurde er beim Zivilkommissariat bei der Armee beschäftigt. Als kaisertreu fühlte er sich in Brüssel verunsichert und floh am 1. August nach Limburg. Er verstarb am 15. Oktober 1808. . (55) Die eine Enklave bildenden limburgischen Gebiete an der Ourthe wurden "Herrschaften jenseits der Wälder” genannt. Dazu gehörten Baugnee, La Cha- pelle, La Rimiere, Tavier, Villers aux Tours, Esneux und Sprimont. (56) Florimont Claude Graf von Mercy-Argenteau wurde am 26. April 1727 als einziger Sohn des Feldmarschalls Graf Antoine in Lüttich geboren. Er studier- te u.a. an der Akademie von Turin, Hauptstadt des damaligen Königreichs Sardinien. Nach einem kurzen Soldatenleben im Österreichischen Erbfolge- krieg entschloß er sich für die diplomatische Karriere. Im Jahre 1752 war er junger Botschaftsattache beim österreichischen Gesandten in Paris, Graf Kau- nitz. Nach der Beförderung seines Vorgesetzten zum Außenminister des Wie- ner Hofes wurde Mercy nacheinander 1754 Gesandter in Turin, 1781 in Sankt Petersburg und 1784 in Warschau. Von 1766 bis zur Kriegserklärung vom März 1792 vertrat er den Wiener Hof als Botschafter in Versailles. Im Jahre 1785 zeichnete Joseph II. ihn mit dem Großkreuz des Stephansordens aus. Von der französischen öffentlichen Meinung wurde Mercy als eine Art Wie- ner Agent bei der Königin Marie-Antoinette angesehen und als solcher war er verhaßt. Nach der Thronbesteigung Leopolds II. verließ er Paris am 9. Okto- ber 1790, um den neuen Kaiser beim Haager Kongreß zu vertreten und die Österreichische Restauration in den Niederlanden mit den Seemächten und Preußen auszuhandeln. Seine Verhandlungen mit den verschiedenen belgi- schen Parteien während seiner sechsmonatigen Amtszeit als bevollmächtigter Minister vom 30. November 1790 bis zum 8. Juli 1791 wurde voll und ganz + vom Staatskanzler, Fürst von Kaunitz, gutgeheißen. Obschon er noch immer österreichischer Botschafter in Frankreich war, blieb Mercy in Brüssel, da er nun die Entwicklung in Frankreich fürchtete. Am 26. März 1792 erhielt er ein Schreiben der Königin Marie-Antoinette, die ihm den französischen Einfalls- plan des Generals Dumouriez in die Niederlande verriet. Mercy tadelte die am 23. Juli vom Herzog von Braunschweig veröffentlichte Proklamation, die nach . seiner Meinung das französische Volk noch mehr in seiner Haltung bestärken würde, was auch eintrat. Nach dem französischen Einmarsch zog Mercy als letzter aus Brüssel am 10. November zuerst auf seinen Landsitz, dann nach Maastricht und Wesel. Von hier aus bereitete er die österreichische Rückkehr vor. Er verhandelte anschließend mit General Dumouriez über dessen Abfall. Da die französische Nordarmee ihrem Oberberfehlshaber nicht folgte, blieb dieser Abfall politisch aber bedeutungslos. Mercy wurde noch dem kaiserlichen Oberbefehlshaber Herzog von Coburg als politischer Bevollmächtigter beigeordnet. Als solcher versuchte er, Einfluß auf die Kriegsführung auszuüben, um schnellstens nach Paris zu gelangen und vielleicht die Königin zu befreien. Er nahm auch noch Kontakt mit Danton auf, um über den diplomatischen Weg einen hoffnungs- vollen Versuch zu machen. Nach der Enthauptung der Königin wurde Mercy, der selbst auch sein ganzes Vermögen in Paris und Lothringen verloren hatte, der erbittertste Gegner der französischen Republik. Gegen den Oberbefehlsha- ber Coburg und den neuen Staatskanzler Graf Thugut, die die Niederlande schon aufgegeben hatten, konnte sich Mercy nicht bei Franz II. durchsetzen, um eine Offensive zu erzwingen.
42 Ende Juli wurde er doch noch als außerordentlicher Bevollmächtigter nach London gesandt, um mit dem englischen Hof zu verhandeln. Kaum angekom- men, erkrankte er und verstarb am 25. August 1794. [Biographie Nationale. Bd. XIV. Brüssel, Bruylant; 1897. Sp. 462-495]. (57) Nachdem die Regierung aus Brüssel geflohen war, wurde zuerst die ”Jointe de Luxembourg et de Treves” mit der Verwaltung der restlichen habsburgischen Niederlande (17. Dezember 1789 - 16. Februar 1790) beauftragt. Sie wurde später durch die "Commission royale de Luxembourg” (23. März 1790 - 8. Ja- nuar 1791) ersetzt. [De Smet, J.: Inventaire des archives des Jointes de Luxembourg et de Treves et de la Commission royale de Luxembourg - N° 284.] (58) Maria Christina berichtete ihrem Bruder hierüber am 16. Juni. In Herve er- schien in der Druckerei F.J.-Vieillevoye eine ausführliche Beschreibung der Festlichkeiten unter dem Titel: ”Le Limbourg illustre par le passage de Leurs Altesses Royales Marie- Christine, Archiduchesse d’Autriche et le Duc Albert-Casimir de Saxe- Teschen, Gouverneur Generaux des Pays-Bas autrichiens et leur entree triom- ” phante dans la ville de Herve le 13 juin 1791”. (59) Franz Georg Karl Graf Metternich-Winneburg (* 1746, + 1818) war der Vater des berühmten österreichischen Staatskanzlers Klemens Wenzel Nepomuk Lothar Fürst (seit 1813) Metternich (* Koblenz 1773, + Wien 1859). Die Fami- lie stammte aus Metternich bei Euskirchen, Wurzbach, Constant. Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich. 60 Bde, 1856-91, 832, 109-115. (Schluß folgt)
43 Lilliput von M.Th. Weinert Ein Storch, der schnell durch Wiesen schritt, nahm unterwegs Verschiedenes mit, ein Fröschlein hier, ein Schneckchen dort, Eidechsen, Heuschreck und so fort ... Es braucht der große Vogel so zum Frühstück fast ’nen Kleintierzoo ... Nur Lilliput, die magere Maus, die kannte sich mit Störchen aus, sie duckt’ sich tief ins Ufergrün, sah Adebar vorüberziehn. Oft kann sogar ein kleines Hirn die großen Schnäbel irreführn.
44 Die Abtretung Eupen-Malmedys . ° an Belgien i.J. 1920. Ein Britischer Journalist berichtet über die Volksabstimmung von Alfred Bertha Unter den vielfältigen Grenzverschiebungen und territorialen Neugliederungen im Gefolge der Verträge von Versailles, Saint- Germain-en-Laye und Trianon, Neuilly und Sevres ist die in Artikel 34 des Versailler Vertrages beschlossene Abtretung der bis dahin deutschen Kreise Eupen und Malmedy an Belgien sowohl von der Gebietsgröße wie von der Zahl der betroffenen Personen gesehen eher unbedeutend: 1.036 km? mit 63.940 Bewohnern kamen unter belgische Souveränität, während das Deutsche Reich doch beinahe 1/7 des gesamten Staatsgebiets und 1/10 seiner Bevölkerung verlor. Inzwischen hat eine umfangreiche wissenschaftliche und heimat- kundliche Literatur das damalige Geschehen aufgearbeitet (1). Ob man die Abtretung Eupen-Malmedy als völkerrechtswidrig ansieht oder sie als ”Rückkehr der lange getrennten Brüder zum bel- gischen Vaterland’ betrachtet, über eines sind sich die Historiker all- gemein einig: die in Absatz 2 des genannten Artikels 34 vorgeschrie- bene und in den auf die Unterzeichnung des Vertrages folgenden 6 Monaten durchzuführende Volksbefragung geriet zur Farce. Bel- gien wurde seinem Ruf als einem der demokratischsten Staaten Eu- ropas nicht gerecht (2). 27 Staaten nahmen an den Friedensverhandlungen in Paris von Januar bis Juni 1919 teil. In 52 Arbeitsausschüssen wurden die einzelnen Fragenkomplexe erörtert; die Entscheidung lag aber im wesentlichen bei den Vereinigten Staaten, Groß-Britannien, Frank- reich und Italien. Das besiegte Deutschland war an den Diskussio- nen nicht beteiligt. Über den Hergang der Verhandlungen wurde die Bevölkerung ausführlich durch die Presse informiert. Doch was ging in den betroffenen Gebieten vor? Wie war die Stimmung ”vor Ort” während der langen Monate der Ungewißheit über die Zu- kunft des Gebietes? Mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages am 10. Januar 1920 ging Eupen-Malmedy zwar in die belgische Souveränität über, doch war der für das Gebiet ernannte Hohe Königliche Kommissar,
46 ”Aachen, Mittwoch Gemäß Artikel 34 des Friedensvertrages verzichtet Deutsch- land zu Gunsten Belgiens auf alle Rechte und Ansprüche auf das ge- samte Gebiet der Kreise Eupen und Malmedy. Abstimmungsgebiete wie Schleswig-Holstein bleiben deutsch oder hören auf, deutsch zu sein, je nachdem wie die Bewohner in geheimer und durch eine in- ternationale Kommission überwachter Wahl abstimmen (4). Der Friedensvertrag erlaubt es auch den Bewohnern von Eupen und Malmedy, ihre Wünsche zu äußern, doch in einer anderen Weise. Register sind durch die belgischen Behörden ausgelegt worden und man erlaubt es den Bewohnern des Gebietes, "schriftlich den Wunsch auszudrücken, das ganze Gebiet oder einen Teil desselben unter deutscher Hoheit verbleiben zu sehen”. Der Friedensvertrag | sagt nicht, ob der Wunsch der Bewohner über die letztendliche Zu- gehörigkeit des Gebietes bestimmen wird, aber "diese öffentliche Meinungsäußerung” muß ”durch die belgische Regierung dem Völ- kerbund mitgeteilt werden, und Belgien verpflichtet sich, dessen Beschluß zu akzeptieren”. Da man den Bewohnern der beiden Kreise eine Anhörung ge- ; währt, darf man voraussetzen, daß deren Wünsche zumindest be- rücksichtigt werden. Deshalb ist es wichtig, daß die Wünsche unver- fälscht, unbehindert und unbeeinflußt zum Ausdruck kommen, so daß der Völkerbund etwas Authentisches und nicht eine Erfindung (”a concoction”) vor sich hat. Von Zeit zu Zeit werden Klagen laut, daß die Abstimmung in Eupen und Malmedy schlecht durchgeführt werde. Es gab einen Notenwechsel zwischen der deutschen Regierung und der Entente und es wurde wiederholt die Versicherung abgegen, daß die Abstim- mung vollkommen frei sei und keinen Beschränkungen unterliege (5). Eine unlängst im Reichstag erfolgte Interpellation führte zu ei- nem Angriff auf die belgische Politik. Aus Eupen und Malmedy ka- men viele übertriebene Gerüchte, aber wenig zuverlässige Informa- tionen; als aber die unbestreitbare Tatsache veröffentlicht wurde, daß in Eupen ein Generalstreik und eine Kundgebung stattgefun- den haben sowie ein Sympathiestreik mit einer Kundgebung in Aa- chen, die sich auf das übrige durch die alliierten Truppen besetzte Gebiet auszubreiten drohten, wurde klar, daß der Streit zumindest eine Untersuchung wert war. Der Kreis Eupen liegt südlich von Aachen längs der belgischen Grenze. Er umfaßt ein Gebiet von 176 km? und zählt 26.000 Be- wohner, alles Deutsche, außer einigen Belgiern und wallonischen
48 Familien (sic!'). Mit seinen Wäldern, Hügeln, reichen, von Weißdornhecken umzäunten Wiesen erinnert einen das Land sehr stark an Südengland. Die Landbevölkerung lebt in der Hauptsache von der Milchwirtschaft. Die Stadt Eupen, das Verwaltungszen- trum des Kreises, hat 13.500 Einwohner, die zum größten Teil in der sehr alten Eupener Tuchindustrie beschäftigt sind. Südlich von Eupen liegt das Hohe Venn, eine wilde und hügeli- ge Gegend mit Wäldern und ödem Moorland, voll herrlicher Land- schaften. Südlich des Venns und ebenfalls entlang der belgischen Grenze liegt der Ackerbau und Milchwirtschaft betreibende Kreis Malmedy mit einer Fläche von 813 km? und 37.000 Einwohnern, wovon 9.500 Wallonen sind. W Die kleine Stadt Malmedy, hübsch gelegen inmitten mächtiger bewaldeter Hügel, hat eine Bevölkerung von 5.000 Wallonen, die größtenteils in den lokalen Papierfabriken und Gerbereien beschäf- tigt sind. Man setzt voraus, daß die Bewohner von Eupen und Malmedy belgische Untertanen sind. Genau genommen, stimmen sie über- haupt nicht ab, sondern, sie dürfen, wie es der Friedensvertrag vor- sieht, ihren Namen in die ”Register” oder ”Listen” eintragen und zum Ausdruck bringen, daß sie den Wunsch haben, die Kreise möchten deutsch bleiben. Es liegt eine Liste in Eupen und eine in Malmedy aus. Weitere Listen gibt es nicht und Bewohner weitablie- gender Bauernhöfe und Dörfer können mehrere Stunden unterwegs sein, um einen der beiden Orte zu erreichen. Werktags liegen die Li- sten offen von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr, sonntags von 10 bis 12. Sich darin eintragen, das nennen sowohl die Deutschen wie die Belgier ”protestieren”, nämlich dagegen, belgisch zu sein. Die Aufsicht über die Eupener Liste hat der Zivilkommissar Xhaflaire (gesprochen Hafflaire, - das X ist spanisch (6)). Ich kam an einem Nachmittag in Eupen an. Ich rief Herrn Xhaflaire an. Er empfing mich mit der größten Herzlichkeit. Er sprach gut über die Eupener und sagte, sie seien nahezu alle für Belgien — die Landwir- te einmüttig, die städtischen Arbeiter überwiegend. Was die Beam- ten und die Arbeitgeber angeht, so war er ziemlich unsicher, aber sie seien nur eine kleine Minderheit. Er sagte, er sei äußerst populär, er habe viele Hochachtungsschreiben von Eupenern bekommen und er sei gebeten worden, Ehrenpräsident eines lokalen Kaninchen- züchtervereins zu werden. Welchen besseren Beweis der Popularität könne man verlangen?
49 ”Welchen Anspruch hat Belgien auf die zwei Kreise?” fragte ich ihn. ”Vielerlei Ansprüche. Beide Kreise waren 1814 belgisch. Sie sind immer noch belgisch in ihrer Kultur. Die Deutschen haben während des Krieges ganze Wälder in Belgien abgeholzt und wir brauchen das Bauholz von Eupen und Malmedy, um unsere Verlu- ste zu ersetzen. Wir müssen die Kreise auch aus militärischen.Grün- den annektieren, um eine bessere strategische Grenze zu haben. Außerdem, die Bewohner selber wollen uns — wenigstens 2/3 von ihnen. Sie haben uns tatsächlich gebeten zu kommen.” ”Haben viele Eupener ’protestiert’?” ”Siebenundsiebzig?” (7) ”Ist das alles ?” ”Das ist alles! Hier ist die Liste. Werfen Sie einen Blick darauf.” Er zeigte mir die Liste, einen großen, einem Hauptbuch ähnli- chen Ausgabe. Sie hat vom 10. Januar an wochentags 5 Stunden und sonntags zwei Stunden offen gelegen. Sie wird am 10. Juni geschlos- sen werden. Und doch waren nur 77 Proteste darin enthalten, ge- nau wie Herr Xhaflaire es gesagt hatte. Ich warf einen flüchtigen Blick auf die acht Seiten, die mit den Namen und Personalangaben der Protestler gefüllt waren. Die meisten davon schienen Eisen- bahnbeamte zu sein und im Begriff, Eupen zu verlassen. ”Jedermann ist frei, protestieren zu kommen”, fuhr Herr Xha- flaire fort. Aber sie kommen nicht — sie wollen keine Deutschen sein, das ist der Grund.” Der Kreis Eupen war niemals belgisch (Belgien bestand nicht vor 1830). Niemand, selbst nicht Herr Xhaflaire, bestreitet, daß bei- nahe alle Einwohner zur Zeit der Unterzeichnung des Friedensver- trages Deutsche waren, und selbst Deutsche sind nicht ohne gefühlsmäßige Bindung an ihre Heimat. Die geringe Zahl — 77 — machte sehr stutzig. Ich verbrachte mehrere Tage in Eupen und Malmedy, mischte mich unter die Menge, sprach mit dem Volk, mit Armen und Reichen, Landwirten, Arbeitern, Geschäftsleuten, Geistlichen, Beamten, Ladeninhabern, Lehrern, aber es gelang mir nicht, auch nur eine einzige Person zu finden, die belgisch zu wer- den wünschte. Ich weiß, daß es solche Personen gibt, und ich weiß auch, daß diese eine Bittschrift für die Annexion verfaßt haben (8), aber ich kann nicht umhin zu schlußfolgern, daß sie keine große Mehrheit sind. Ein hochgebildeter Eupener sagte mir, daß er allein von mehr als 77 Personen wisse, die zum Protestieren gegangen seien, aber er könne nicht sagen, ob alle zugelassen worden seien.
50 ”Viele gehen hin und müssen Stunden warten. Es kommt häu- fig vor, daß sie bis 5 Uhr warten, dann ist es zu spät hineinzugehen. Ich weiß von verschiedenen, die mehrmals hingegangen sind, ohne zugelassen zu werden. Ich bestreite nicht, daß vergleichsweise weni- ge gegangen sind, aber doch nicht nur 77. Es ist zu gefährlich. Es ist jedermanns Pflicht hinzugehen, und doch würde ich niemandem anraten zu gehen. Ich bin noch nicht gegangen, aber ich werde ge- hen: Ich wohne hier seit 23 Jahren und ich will meine Heimat nicht verlassen, aber wenn ich protestiere, so fürchte ich, daß ich sie ver- lassen muß. Nichtsdestoweniger werde ich protestieren, aber ich werde es bis zum letzten Augenblick hinauszögern. Ich bin nicht so schlecht dran wie manche andere, denn ich beziehe meinen Lohn vom Staat. Für die meisten Eupener wäre die Ausweisung gleichbe- deutend mit dem Ruin. Sie wagen es nicht zu protestieren. Wenn wir eine faire Chance hätten, wenn wir geheim abstimmen könnten Oder wenn ein britischer oder amerikanischer Offizier die Aufsicht über die Liste bekäme und wir vor Bestrafung sicher wären, dann wären wir zufrieden. Wir verlangen keine Revision des Friedensver- trages, aber wir wünschen, daß der Friedensvertrag fair ausgelegt wird. Das ist alles.” In der nächsten Nummer, am 18. Mai 1920, brachte der ”Man- chester Guardian” den zweiten Teil des Berichtes seines Sonderkor- respondenten aus Eupen-Malmedy. Unter dem Titel ”Eupen und Malmedy. Ihre wirtschaftliche Lage und ihre Übertragung an Bel- gien” schreibt die Zeitung: ”Eine kluge Eupener Büroangestellte erzählte mir, sie sei vor etwa 14 Tagen zum Protestieren gegangen, aber als sie um die Liste bat, wurde sie mit Bestimmtheit um ihre Gründe gefragt. Darauf antwortete sie, sie sei nicht verpflichtet, irgendwelche Gründe anzu- geben. Man informierte sie, daß sie ohne gültige Gründe nicht zum Protest zugelassen werde. Nach langem Wortwechsel ließ man sie endlich zu und registrierte ihren Wunsch. Als sie den Raum verließ, machten die herumstehenden Beamten sich über sie lustig als ”une protestante” und sie machten unverschämte Bemerkungen. Sie er- zählte mir ihre Geschichte mit ungekünstelter Entrüstung. Um den Kreis zu betreten oder ihn zu verlassen, braucht man einen Paß mit dem sog. Dreisprachenstempel, dem runden Stempel der alliierten Besatzungstruppen, in englischer, französischer und deutscher Sprache. Etwa 3.000 Eupener arbeiten an den Webstüh- len und in den Fabriken in Aachen und fast der gesamte Eupener Handel wird mit Aachen abgewickelt. Wenn ein Eupener seinen
31 Dreisprachenstempel verliert, ist er in dem kleinen Kreis gefangen, was eine große Härte bedeuten kann. Ich habe von verschiedenen Seiten gehört, daß dieser Stempel manchmal als Strafe für das Prote- stieren annulliert wurde und ich sprach mit einem Arbeiter, dem dies widerfahren war. Er erzählte mir, er sei zum Protestieren ge- gangen und man habe ihn um seine Gründe gefragt, worauf er ge- antwortet habe, er wünsche deutsch zu bleiben, und man habe ihm erlaubt, seinen Namen einzutragen. Dann bat man ihn um seinen Paß (der Paß eines jeden Protestierenden muß eine Kennzeichnung erhalten, um zu vermeiden, daß jemand sich zweimal einträgt). Er reichte den Paß und der belgische Beamte machte den Dreispra- chenstempel mit roter Tinte ungültig. Ich bat den Mann, mir den Paß zu zeigen. Er tat es und ich sah, daß der Stempel, so wie er es ge- sagt hatte, durchgestrichen war. Anfangs wechselten die belgischen Behörden Beträge bis zu 300 Mark pro Person zum großzügigen Wechselkurs von 1 Mk = 1 F. (Beim gegenwärtigen Wechselkurs ist die Mark weniger als 1/3 Franken wert). Manche Arbeitgeber hatten größere Kredite zum selben Kurs (eins zu eins) aufgenommen. Wie ich höre, muß die Eu- pener Stadtkasse den Verlust aus diesen Transaktionen ausgleichen. Verschiedene Personen mit großen Familien forderten und erhiel- ten 300 Franken zum Satz von eins zu eins für jedes Familıenmit- glied. Dann tauschten sie das belgische Geld in Aachen wieder in deutsches Geld um, wobei sie 200 bis 300 % Gewinn machten (9). Andere, die große Auslagen hatten, gaben ihre 300 Mark in kurzer Zeit aus und mußten dann in Aachen belgisches Geld mit hohen Verlusten kaufen. Am härtesten betroffen waren diejenigen, die ih- ren Lohn in Aachen erhielten, denn zum gegenwärtigen Wechsel- kurs ist selbst ein hoher Lohn in Deutschland überall anderswo ein Hungerlohn. Man hat Kompromißversuche gemacht, und ich habe mit Leu- ten gesprochen, denen man kleinere Beträge zum Satz von eins zu eins, eins zu zwei oder gar eins zu drei gewechselt hat. Viel hänge davon ab, so sagte man mir, ob jemand protestiert habe oder nicht. Man erzählte mir von mehreren Personen, denen man als Strafe für ihren Protest den Umtausch des deutschen Geldes in belgisches ver- weigerte und deren Existenz man so gefährdete. Es handelte sich um arme und ungebildete Personen, bei denen es höchst unwahr- scheinlich ist, daß sie Wiedergutmachung verlangen. Es wäre besser gewesen, mit der Einführung der belgischen Währung so lange zu warten, bis die belgische Souveränität nach
52 den Worten des Friedensvertrages ”definitiv” (endgültig) geworden ist. Ich habe mit vielen Eupenern gesprochen, die deutsch zu blei- ben wünschten und doch nicht protestiert haben. Ein gutsituierter Fabrikant sagte mir, er könne unmöglich das Risiko eingehen: die Liste, so sagte er, sei ganz einfach eine ”schwarze” Liste und wenn er sich darin eintrage, so laufe er Gefahr, daß sein Paß annulliert werde, daß man ihm belgisches Geld verweigere oder daß er sogar aus dem Kreis ausgewiesen werde und von großen Schwierigkeiten bis zum vollständigen Ruin alles zu erdulden habe. Am zweiten Tag nach meiner Ankunft in Eupen wurden verschiedene Personen aus- gewiesen, einige davon, weil sie nach August 1914 im Kreis ansäs- sig geworden waren (— Art, 34 des Friedensvertrages sieht vor, daß, nachdem die Kreise definitiv unter belgische Hoheit gelangt sind, deutsche Einwohner, die nach dem 1. August 1914 dort wohnhaft geworden sind, die belgische Nationalität nur mit bosonderer Ge- nehmigung der belgischen Regierung erlangen können —) (10). Andere wurden ausgewiesen unter der Anklage, politische Agi- tation betrieben zu haben. Andere wieder aus Gründen, die mir un- erfindlich blieben. Hier — in Aachen — sprach ich mit einem Leh- rer, der 15 Jahre in Malmedy gelebt hatte und vor einigen Tagen als ”Agitator” ausgewiesen wurde. Er hatte sich in die Liste in Malme- dy eingetragen, war sich aber nicht bewußt, politische ”Agitation” betrieben zu haben. Er sprach mit großer Bitterkeit und großem Kummer. Er sagte, Lehrer, die protestierten oder sich weigerten, in den belgischen Staatsdienst zu treten, seien früher oder später zur fast sicheren Ausweisung verurteilt (11). Deutsche Gymnasiallehrer seien durch belgische ersetzt und Französisch zur-offiziellen Unter- richtssprache geworden, beides sowohl in Eupen wie in Malmedy (12). Vor einigen Tagen wurden die Techniker einer bestimmten Fa- brik ausgewiesen, und wie mir der Fabrikbesitzer selbst sagte, litten die Arbeiten sehr darunter. Personen, die den Befehl erhalten ha- ben, den Kreis zu verlassen, werden anscheinend aufgefordert, alles belgische Geld, das sie erhalten haben, zurückzuerstatten, und ihre Möbel werden in der Zwischenzeit als Pfand genommen. Es ist mir nicht möglich, die Namen der vielen Personen, die mir persönliche Informationen gaben, zu nennen, oder Details über Einzelfälle zu geben, denn jeder meiner Gesprächspartner bat mich, keine. Namen oder Einzelheiten zu erwähnen, die zur Entdeckung und Bestrafung führen könnten. Oft würden die beiläufigsten Fra-
53 gen Verdacht und Beunruhigung auslösen. Es herrschte dort Furcht vor Spionage und Denunziation und eine Atmosphäre allgemeinen Mißtrauens und allgemeiner Angst. Protest durch Streik Am 14. April entlud sich der aufgestaute Groll in einem Gene- ralstreik. Alle Geschäfte und Fabriken waren geschlossen und es gab eine Kundgebung, an der Arbeiter, Arbeitgeber und alle ande- ren Klassen teilnahmen. Ein örtlicher Gewerkschaftsführer mit Na- men Pontzen formulierte eine Entschließung, die einstimmig ange- nommen wurde. Hauptpunkt dieser Entschließung war die Forde- rung nach dem Recht, ohne Einmischung oder Bestrafung abstim- men zu dürfen. Der Streik sollte nur einen Tag dauern, aber am Abend des 14. wurde Pontzen verhaftet; am 15. begann der Streik aufs neue und es fand eine große Kundgebung statt. Die Eupener beschlossen, ihren Fall dem belgischen Kommissar vorzutragen und die Kundgebung formierte sich zu einem Zug, der sich zum Haus des Kommissars be- wegte. Schätzungen über die Stärke des Zuges gehen von 5.000 bis 10.000. Unterwegs kamen ihm belgische Polizei und berittene Gen- darmen entgegen. Es gab kein Blutbad durch Maschinengewehrfeu- er und der Zug löste sich mit nur geringem Tumult auf (13). Am Nachmittag fand eine weitere Kundgebung statt, die größte von allen, sagt man, und eine Abordnung wurde zum Kom- missar geschickt. Man sagte der Abordnung, jede weitere Kundge- bung werde verboten und wenn noch irgendwelche Unruhen aus- brächen, würde das Kriegsrecht ausgerufen. Einige geringere Zuge- ständnisse wurden in einer Note General Baltias, des Gouverneurs der beiden Kreise, versprochen (14). Es kann nicht den geringsten Zweifel daran geben, daß mehr als 77 Eupener deutsch zu bleiben wünschen. Es könnte so schei- nen, als ob es keinerlei Vorteil gäbe, Deutscher zu sein, Bürger eines ruinierten, in schlechten Ruf geratenen Landes, das von Steuern be- lastet und von sozialen Unruhen geschüttelt wird. Gibt es außer rein sentimentalen Gründen noch irgendwelche andere, weshalb ein Eu- pener deutsch zu bleiben wünschen könnte? Und, wie dem auch sei, was hat das mit Aachen zu tun? Die beiden Kreise Eupen und Malmedy, wie auch der Kreis Monschau (Montjoie) mit der wichtigen Monschauer Eisenbahn- strecke, den die Belgier jetzt als ”Grenzberichtigung” fordern, ha- ben, obwohl an der Grenze gelegen, wenig Verkehr mit Belgien,
lim 10,80 U6r verjammelten fie die männlichen @inmohner Fupen3 nach Taufenden auf der {tüdtis (An Epielwieie, die allein groß genug mar, eine oldie Maffenverfammlung zu fallen. Der Gimmel gab mit HeNem Schein Teimen Segen dazu, Gegen 11 Uhr waren dort die Beratuns gen der AuSihiüfe vollendet und cS wurden durch Gewerfichaftsiekretär Bongen folacnde fünf Proteftounkte für Streit und Kundgebung Hffenilidy verfündiat: 1. Proteit gegen die rücficht3lvie Behandlung und gegen die Öle:chgültigkfe.t gegeniütber der Lage der in Deutichland tätigen Arbeitnehmer, 2. Proteit gegen die Nictbeantwortung und Nicht- . annahme der Zorderungen der Ständevertreterver: famm lung vom 29, März 1920, 8. Broteit gegen die unerträglide Handhabung und Ungerechten AbjtimmungsSbedingungen und Zor- derung acheimer Wbitimmung unter Zuzichung: von gewählten Vertretern der Ständeorganiiarionen uud Vertretern der neutralen Staaten alg Yeijißer, 4. Proteit gegen die Verichlechterung des Schulz meijicnS gegen die Holizeim Afürherridhaft (Weriamme Iungsauflöfungen, Augsmeifungen, Austeilung von Schlägen auf offener Straße 1uim.), ferner gegen die Verichlechterung der Selditvermwaltungsrechte und gegen die Pagichwierigfeiten im Verkehr von und nad) Deutichtand, 5, Proteit gegen öle Lostrennung von der Erz: didzeie Köln, Dann jtelte man fd zum Umzug auf, der jetnen Weg über Judenitrage, BerakaypeNitraße, Dank: itraße Schilsmeg, Diengraben, Neurage, Kirchjrabe, Paveritruße_ bi8 zum Rathaus nahın und wohl eciuc Länge von fajt 1 ilometer erreicht hat. Dabei ging c8 in Öliedern von .6—3 Mann d.t gedrängt und in. (Onelem Schritt, E3 mar fkeinesweg8& nur en Arbeiterumzug und man darf mohl behaupten, daB außer Altersidhwachen und Kranken e8 nur fedr wenige Diänner gemweien find, die den Zug nicht mit: machten. Yabhrifanien und Kaufleute, Beamte und HEademiker, Gewerbetreibende und Handıverker ninz gen zwildien den gewaltigen Ärbeiterbataillonen, Ein einig Bolf von Brüdern, auf3 tiehjte ergriffen von der Bedeutung der Stunde, von Heimut» Liebe und VBaterlandsgetuhl, auch wohl über. äeugt davon, dafı €S fich hier um die Die ”Aachener Rundschau” vom 15. April 1920 berichtete ausführlich über die am Vortage in Eupen stattgefundene Protestkundgebung.
Der Markt iit dihtaedränat non Menihen, Kovf an Kopf idaut die ermartunadvole Menae zum Nede her empor. Klar ideflt jeine Stimme in den Früß- linastaa. be £flinat das? Echo vom jenieitigen e!ien nad, Dr. Krieaer benrükt die Erihienenen und verlieit jetne Eingabe an die Ortskvmmandantur, Cinaabe Yın Kreife Monidau ift Feute vormittag 10 116r der Generalitreit. al8 lebte® Abmehrmittel einer von gemalttätigen Geguern bedränuten. Lerndeutihen Bez völferung gegen ungerechte Behandlung ausgebrochen. Sir bitten nicht, jondern wir fordern vor dem Chr der Welt al8 unier qutc8 Mecht: 1. Uniere Bahnlinie Kalterherberg—Naeren Sletbt unantajtbarer denticher Beiit. 2.6Geheime Abitimmung in fürzeiter Frift unter neutraler Aufficht in den ftrittiqgen Grenz» gebieten, beipnders au In unieren Nachbarkreiien GCupen und Malmedn, * 3. Beihrtänkung ber DGohen Funter: alliierten Sommiffion auf die ihr aus dem Ytheinlandabfommen beitehenden Yejugniiie, 4. Unterbindung Eingriffe der ciner Diktatur aleihfommenden Militärgewalt in dentiihe Verwaltungsangelegenheiten. Wir unteritügen ferner die mwirtidhaitlihen For» derungen unferer bedruhtem und durg Adtrerung an Yeinien wirtichnitlid grelähmten Nahbarkreife Eupen und Malmedn, die wir nach mie vor al8 au ung gehörig betrachten, im Einvernehmen mis dem Willen der dortigen Bevölkerung, Mir verurteilen aufs Ihärfite den Sinmario fran zöiigher Truppen in friedlihes deutihes Gebiet mitten im rieden ohne Kriegserklärung. Wir verurteilen aufs ichärfie die Meaterung deutihen Gebiete$ dur Senegalnener und Belagerungszuitand, Die Bevölkerung wird üch aller AuzZihrein tunaen enthalten. Die Öffentliche Lrduung {ft durch die Streifenden nicht aejtört. Der Ausihun dcs Dentihen Semwerfidaftsbundes jür den Kreis Monidhau: Dr. Krieger, VBorügender. Für die Arbeiterornanijationen: Hoiei Föriter. Für die Angeitellten: Yean Beder, Für die Yeamten: Yulius Stint, An die Reichsregierung fit Folgendes . Telcaramm gerichtet worden: Seneralitreit jm Kreis Munichau ausgehtochen. Bevölkerung yroteftiert Acgen Ueberlafung ihrer Eifenbahn an Belgien und gegen Gebietsabtreiungen, fordert von Meichsregierung unsweidenıine Sr£lä- tungen ın Narionalveriammlung und Ddesgleihen von Dreußiicher Vandesverjammlung, bittet deutiche Preiic um tatfräftige Unterititkung. Monihaw iolis dariich erklärt mit Eupen und Malmedn bezünlid Horderung der gcheimen NAojtimmung in den beiden Sireijen, Die Streikleitung: gea. Dr. Kricger. * Auch in Monschau forderte man eine geheime Abstimmung in den Kreisen Eupen und Malmedy und unterstützte die wirtschaftlichen Forderungen derselben. ("Aachener Rundschau”, 15.04.1920)
56 sind aber durch die Straße, die Eisenbahn und die Tram eng mit Aa- chen verknüpft und bilden dessen Hinterland. Aachen, eine Stadt der Textilfabriken mit 156.000 Ew., bezieht einen großen Teil seines Wasserbedarfs und fast den gesamten Nahrungsmittelbedarf aus sei- nem Hinterland. Jetzt, wo die Grenzen der Kreise für Deutschland geschlossen sind, gibt es in Eupen und Malmedy ein Überangebot an Milchprodukten, die sich die ärmere und unterernährte Bevölke- rung Aachens sehnlichst wünscht. Ich sah nirgendwo in Deutsch- land so viel Milch und Butter, so viele Eier und Laibe von Weißbrot wie in den Schaufenstern der Geschäfte von Eupen und Malmedy. Aachen ist der natürliche Absatzmarkt für die Milchprodukte der Kreise und Deutschland ist der Markt für die Eupener Textilien und das Malmedyer Leder. 5 Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Annexion Eupen ist sozusagen eine ländliche Vorstadt von Aachen: es ist Aachens Gemüsegarten und Milchbetrieb. Heiraten zwischen Aa- chenern und Eupenern sind häufig und Angehörige einer selben Fa- milie wohnen in beiden Städten. Jeden Morgen fahren 3000 Eupe- ner mit der Straßenbahn zur Arbeit nach Aachen (15). Wenn Eupen belgisch wird, dann müssen diese Männer entweder anderswo Ar- beit suchen, — der Wechselkurs wird es ihnen nicht erlauben, mit dem deutschen Lohn in Belgien zu leben —, oder sie werden ihre Heimat verlassen müssen, was sehr hart ist, denn viele von ihnen be- sitzen ein kleines Stück Land oder ein Häuschen; diese zu verlieren, hieße ihren gesamten Besitz verlieren. Überdies, in Deutschland eine neue Arbeit zu finden ist schwierig, ein neues Haus zu finden fast unmöglich. Die Eupener und Malmedyer Fabriken werden ihre Märkte verlieren. Drei führende Eupener Fabrikanten sagten mir, sie befürchteten den kompletten Ruin, das wäre gleichbedeutend mit dem Ruin von Hunderten von Arbeitnehmern. Ihre Unterneh- men wurden schon hart vom Krieg betroffen und sie zweifeln dar- an, ob es ihnen gelingen wird, die Übergangsperiode, die Zeit, die zwi- schen der definitiven Schließung der Grenzen nach Deutschland und der Erschließung neuer Absatzmärkte in Belgien oder im. Aus- land liegt, zu überleben (16). + Die Eupener und Malmedyer Milchwirtschaftsbetriebe werden ebenfalls eine neue Kundschaft suchen müssen, denn das gegenwär- tige Überangebot droht, die Landwirte zu ruinieren. Bis heute ha- ben sie nur die Konkurrenz unter sich selber, aber bald werden sie der Konkurrenz aus dem Vervierser Raum zu begegnen haben, wo,
57 so sagte mir ein Eupener Landwirt, der Boden fruchtbarer ist und die Milchwirtschaft höher spezialisiert. Aachen wird seine Nah- rungsmittel anderswo suchen müssen; die Stadt ist schon zu einer der teuersten Deutschlands geworden. Wohlhabende Aachener wer- den ihren Grundbesitz und ihre Landhäuser aufgeben müssen. Selbst jetzt ist es schwierig, die Kreise zu betreten. Ein führender Aachener Baumwollspinner erzählte mir, die belgischen Behörden hätten sich geweigert, ihm eine Genehmigung zum Besuch seines ei- genen nahe Eupen gelegenen Hauses auszustellen und man habe ihm trotz mehrmaligem Nachfragen keine Gründe für die Weige- rung gegeben. Er sagte, sein eigener Fall sei keine Ausnahme, son- dern die Regel. Später traf ich einen Aachener Journalisten, dem dasselbe widerfahren war. Die Annexion von Eupen und Malmedy bedeutet alles: von fi- nanziellen Verlusten und Arbeitslosigkeit bis zur Verbannung und zum Ruin mehrerer, wenn nicht vieler Tausender Menschen. Die Zahl 77 stellt nicht die Zahl derjenigen Eupener dar, die deutsch bleiben wollen, sie zeigt, in welch furchtbarem Ausmaße die Bevöl- kerung verängstigt und eingeschüchtert wurde..” * x * * * Soweit der Bericht des englischen Journalisten, dessen Name uns leider nicht bekannt ist. 70 Jahre sind inzwischen seit ”Versail- les” vergangen. Eupen-Malmedy ist als feststehender Begriff in die Geschichtsbücher eingegangen. Die wechsel- und leidvolle Geschichte dieser Jahrzehnte zeigt, wie schwer sich das neue Vaterland mit seinen ”wiedergefundenen Brüdern” getan hat, wie schwer es aber auch die Eupen-Malmedyer hatten, die Annexion zu verkraften und innerlich Frieden mit Bel- gien zu schließen, mit dem sie 1920, nach 115 Jahren Trennung von den ehemaligen Stammgebieten Limburg und Luxemburg, kaum noch Gemeinsamkeiten verbanden. Zu unterschiedlich war die Ent- wicklung beiderseits der deutsch-belgischen Staatsgrenze verlaufen. Der im 19. Jh. überalt in Europa gepredigte Nationalismus tat ein Übriges, daß in Ostbelgien eine stark dynastisch geprägte Anhäng- lichkeit an das Kaiserreich entstand, dem man noch lange nachtrau- erte. Hatte nicht König Albert von seinen ostbelgischen Neubür- gern gesagt, sie hätten das erdulden müssen, ”was für eine recht- schaffene Seele das schmerzlichste ist, nämlich das Vaterland zu wechseln”?
58 Die Kontroversen um das ”Diktat” von Versailles haben einer nüchternen und emotionsfreien Betrachtungsweise Platz gemacht. Viel Leid wäre Europa erspart geblieben, wenn nicht die Bestrafung der besiegten Nationen, sondern die Schaffung einer neuen, auf Ausgleich bedachten Friedensordnung die Entscheidungen von Versailles bestimmt hätte. * x * * * Anmerkungen: 1) Aus der Fülle der zu diesem Thema erschienenen Publikationen, die auch jeweils umfangreiche weiterführende Quellen- und Literaturverzeichnisse bieten, seien nur folgende genannt: . P. Thomas u. H. Jenniges, 50 Jahre Geschichte der Ostkantone, Veröffentli- chung einer Sendereihe des BHF vom 30.9., 7.10., 14.10., 21.10. und 28.10.1972. Fußt im Wesentlichen auf mündlichen Aussagen von Augenzeugen. Dr. Klaus Pabst, Eupen-Malmedy in der belgischen Regierungs- und Parteienpo- litik 1914-1940. Sonderdruck aus Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, Bd. 76, Aachen 1964. Heinz Doepgen, Die Abtretung des Gebietes von Eupen-Malmedy an Belgien im Jahre 1920. Ludwig Rohrscheid Vlg., Bonn, 1966. Paul Veithen, Die deutsch-belgischen Beziehungen im Hinblick auf die an Bel- gien abgetretenen Gebiete von Eupen-Malmedy-St. Vith (1919-1927), hektogra- phierte Lizenzarbeit, Löwen, 1968. Roger Collinet, L’annexion d’Eupen et Malmedy ä la Belgique en 1920, Verviers, 1986. 2). Sehr hart gingen ausländische Journalisten mit der belgischen Vorgehensweise ins Gericht. Die ”Basler Nachrichten” (24.9.1920) nannten die Volksabstim- mung die ”Karikatur eines Volksentscheids”; die in England erscheinende ”Fo- reign Affairs” sprach von der Volksabstimmung als von einer ”complete farce” und die ”Basler Nationalzeitung” schrieb, Belgien habe es vorgezogen, "durch dieses kleine Unrecht Deutschland eine Waffe in die Hand zu drücken oder bes- ser ein Lärminstrument... Die Grenzregulierung hat Zusammengehöriges ge- trennt und Wesensfremdes zusammengeschweißt, sie bedeutet alles andere als ei- ne Wiedergutmachung.” (Zitiert von P. Thomas-H. Jenniges, op. cit. S. 13) 3) Text der Proklamation bei Doepgen, op. cit. S. 222-225. 4) Abstimmungsgebiete waren neben Schleswig-Holstein auch Oberschlesien, Westpreußen und Masuren. 5) Die deutschen Proteste bei der Botschafterkonferenz in Paris, bei der Frankreich, Großbritannien, die USA, Italien und Japan tonangebend waren, führten dazu, daß der belgische Vertreter, Gaiffier d’Estroy, sich zu den Vorwürfen zu äußern gebeten wurde. Er bedauerte den ”Übereifer” eines Kommissars (Drohungen, Vergeltungsmaßnahmen für Protestierende), beteuerte jedoch, Belgien halte den Friedensvertrag ein. Die deutschen Behauptungen seien falsch. (Collinet, op. cit. S. 111) In diesem Zusammenhang ist nicht uninteressant, was der Walhorner Pfarrer Jos. Bayer zu der Abstimmungsprozedur in der Pfarrchronik vermerkt: ”Jeder mußte durch die Sprechstunde des Kreiskommissars, angeblich der Kon- trolle halber, und dabei stand schwere Strafe auf Eintragung durch Unberechtig- te. Die Kommissare hatten allerhand Schwierigkeiten verabredet. Bald waren sie nicht da, bald war der Schlüssel verlegt oder die Papiere nicht in Ordnung, ohne
3 zu sagen, was dann nicht und warum nicht. Gesorgt war, daß die Sprechstunde gut besucht war, durch mancherlei Bestimmungen, ja oft stand man bis auf die Straße; Bekannte kamen durch’s Hinterpförtchen außer der Reihe vor, pünktlich wurde geschlossen, nicht angefangen, so daß nur wenige mit einmaligem Erschei- nen ihr Ziel erreichten. Gefragt wurde nach dem Grund der Eintragung, man trieb Beeinflussung, wollte keine dulden, selbst nicht vom Manne, worauf eine Lehrersfrau aus Hergenrath die Antwort des Katechismus gab: das Weib soll dem Mann in allem, was recht und ehrbar ist, gehorchen. Abstimmenden wurden die Lebensmittelkarten entzogen, sie ausgewiesen oder Ausweisung angedroht... Schon am 3. Juli 1919 hatte Xhaflaire, der von Pfingsten bis Ende September im Katharinenstift in Astenet wohnte, den Rektor telegraphisch nach Eupen be- schieden, weil er vor der Post 2 Herren belgische Taten, die in Neuß und bei Neuß und in Crefeld vorkamen, erzählt hatte... Xhaflaire drohte mit Bringen auf die rechte Rheinseite oder 1/2 Jahr Gefängnis und sagte, die Leute dürften nicht beunruhigt werden; Eupen und Malmedy würden und blieben belgisch; die Ab- stimmung habe nichts zu bedeuten, sei ’Humbug‘; er werde das Abstimmen zu verhindern wissen, ihm solle einer kommen, und er wollte ihn verpflichten, nichts mehr gegen die Belgier zu sagen...” 6) Das ”Xh” in wallonischen Orts- und Familiennamen ist meist auf eine‘ ältere Form auf ”Sk” bzw. ”Sch” zurückzuführen. Xhendelesse (b. Herve) aus Skendre- lach / Schenderlaiche, Xhendremael (b. Lüttich) aus Schendermala / bzw. Sken- dermala... 7) Bis zur Schließung der Listen am 23.7.1920 trugen sich in Eupen von 13.975 Stimmberechtigten des Kreises 209 ein, und zwar 164 Männer und 45 Frauen. In den beiden Kreisen Eupen und Malmedy zählte man 271 Proteste gegen den Anschluß an Belgien. Eine nicht offiziell zirkulierende Liste kam bei 17.000 Stimmberechtigten auf weit mehr als 10.000, die für den Verbleib bei Deutschland votierten. (Frankfur- ter Ztg. Nr. 202, 16.3.1919, S., zitiert von P. Veithen, op. cit. S. 88). P. Thomas und H. Jenniges schreiben in diesem Zusammenhang, die noch funktionierende deutsche Verwaltung habe auf Initiative des St. Vither Apothekers Schiltz Listen verteilen lassen und in diese hätten sich von 17.000 stimmberechtigten Einwoh- nern des Kreises Malmedy innerhalb von 14 Tagen 8.330 eingetragen. Der Be- fehlshaber der englischen Truppen in Malmedy, General Hyslop, dem die Listen übergeben wurden, habe aber nichts weiter unternommen. 8) In Malmedy war eine Unterschriftenaktion dieser Art gestartet worden. 200 Malmedyer Bürger hatten um den Anschluß an Belgien gebeten. In Neutral-Moresnet und Umgebung waren auf Initiative des Direktors der Vieille Montagne, Charles Timmerhans, 500 Unterschriften von Personen zu- sammengekommen, die den Anschluß an Belgien befürworteten (Doepgen, op. cit. S. 89). Wie Direktor Timmerhans ausdrücklich in einem Schreiben an das Außenministerium hervorhebt, ist die Annexion des Kantons Eupen nicht nur aus geschichtlichen oder gefühlsmäßigen Gründen erforderlich. Sie ist eine wirt- schaftliche Notwendigkeit, denn ”die Vieille Montagne im besonderen würde schwer geschädigt, wenn dieses Gebiet deutsch bliebe, so schwer, daß die Abtei- Jung Moresnet keinen Gewinn mehr machen könnte... Übrigens: Die Zukunft des Kantons beunruhigt nicht nur uns. Die ziemlich zahlreichen Belgier, die dort ansässig sind, unterzeichnen eine Bittschrift an den König der Belgier, um die Annexion zu fordern.” (Text des Briefes abgedruckt bei Collinet, op. cit. S. 38). Schon am Waffenstillstandstag, dem 11. November 1918, hatte der nachmalige erste belgische Bürgermeister von Kelmis, Pierre Grignard, folgende Huldi- gungsadresse namens der Neutral-Moresneter Bevölkerung an König Albert ge- richtet:
60 Sire, An diesem Tag, wo der Weltkonflikt beendet wurde, feiert die Bevölkerung Neutral-Moresnets in einer beeindruckenden Kundgebung die Rückkehr zu Bel- gien. Lange Zeit war sie bedroht von einer Teilung, die eine historische Unge- rechtigkeit besiegelt hätte; nun empfindet sie eine große Freude zu sehen, daß ih- re Wünsche in Erfüllung gegangen sind und daß ihr Schicksal nun mit dem des- jenigen freien, mutigen und treuen Volkes verbunden ist, dem ihre Sympathien gehören. Sie drückt Ihrer Majestät ihre Gefühle der Bewunderung und der Dankbarkeit aus und legt zu Ihren Füßen die Huldigung der unverbrüchlichen Treue zur Kro- ne, zur Verfassung und zu den Gesetzen Belgiens. Sie jubelt mit Begeisterung ih- rem König zu, der die unsterbliche Personifizierung von Ehre und Recht ist, so- wie Ihrer Majestät, der Königin, der reinen Verkörperung von Anmut und Güte; der tapferen und siegreichen belgischen Armee, dem glorreichen Belgien und der Nationalfahne, dem heiligen Symbol des Vaterlandes,” Am 23. Januar 1919 wandte sich der bei der Gesellschaft ”Vieille Montag- . ne” tätige Ingenieur R. Germay in einer von zahlreichen Hausvorständen des Kantons Eupen mitunterzeichneten Ergebenheitsadresse an König Albert mit dem formellen Wunsch, von neuem Belgien angegliedert zu werden und — so wie einst — das Leben Belgiens zu teilen. (”... le desir formel d’&tre de nouveau rattaches ä la Belgique et voir notre vie et la vötre associees comme elles l’etaient autrefois”, heißt es im Dankschreiben vom 9.3.1919 aus dem königlichen Palais unter Bezug auf Germay’s Adresse). Ein weiteres Telegramm Grignards, dessen Wortlaut uns leider nicht vorliegt, be- antwortete der Kabinettschef des Königs, Graf d’Aerschot, am 25.6.1919, indem er sich namens des Königs aufrichtig bedankte ”für die glühenden Gefühle der Vaterlandsliebe”. Der König sei glücklich, die ”treue Bevölkerung von Neutral- Moresnet wieder am Leben des Vaterlandes teilnehmen zu sehen”. Am 13. August 1919 wandte sich der Kelmiser Gemeinderat an den König mit einer Eingabe, die uns leider nur durch die Antwort aus dem königlichen Palast bekannt ist. Der Kabinettschef des Königs teilte dem Gemeinderat mit, er habe auf Anordnung des Herrschers das Gesuch der Kelmiser an den Außenminister weitergeleitet mit der Bitte, die Wünsche der Kelmiser Gemein- deväter gemeinsam mit dem Innenminister zu prüfen, damit diesen, wenn mög- lich in allem nachgekommen werde. An jenem 13. August wurde im Senat über das Eingliederungsgesetz für Neutral- Moresnet diskutiert, ”qui desormais est appele a former la commune de ”la Cala- mine”. 9) Diese Spekulationen führten dazu, daß in Eupen-Malmedy ein Geldumlauf von 3.000 Mark pro Kopf festgestellt wurde, während der Betrag im Reich bei 800 Mark lag. Ursprünglich hatten die Eupen-Malmedyer pro Kopf 50.000 Mark zum Umtausch anmelden dürfen, doch angesichts der offensichtlichen Mißbräuche sahen sich die belgischen Behörden veranlaßt, diese Summe auf 1.000 Mark pro Person zu begrenzen. 10) Von Mitte April bis Mitte Mai 1920 wurden mehr als 150 Personen ausgewiesen. (Thomas-Jenniges, S. 11). 11) Während der Volksbefragung erklärten sich nur 12 reichsdeutsche Lehrer bereit, in belgische Dienste zu treten. Man zählte im Sommer 1920 an den Volksschulen Eupen-Malmedy 106 reichsdeutsche, 8 einheimische und 76 altbelgische Lehrer. An den höheren Schulen waren es 32 deutsche, 2 einheimische und 8 belgische Lehrkräfte. (Pabst, op. cit. S. 299, Fußnote 146). 12) Das stimmt nicht ganz. In seiner Proklamation vom 10. Januar 1920 hatte Gene- ral Baltia unter Punkt 3 versprochen: ”Der öffentliche Unterricht wird in seiner
61 bisherigen Form beibehalten. Nur nach und nach werden die nötigen Verände- rungen eingeführt, um der Jugend zu gestatten, auf (sic!) den belgischen Univer- sitäten und Hochschulen zu studieren, oder die zum Eintritt in die belgischen Verwaltungen vorgeschriebenen Prüfungen zu bestehen.” In den wallonischen Gebieten um Malmedy wurde Französisch schon 1920 Un- terrichtssprache, Deutsch blieb jedoch Lehrfach. In den Volksschulen des deut- schen Sprachgebietes wurde Französisch ins Programm aufgenommen. Ein am 1. Mai 1922 in Kraft getretenes Schulgesetz sah die Erlernung der zwei- ten Landessprache vom 5. Schuljahr an vor, doch Baltia ordnete an, auch ver- schiedene Unterrichtsfächer in der Oberstufe in französischer Sprache zu unter- richten. An den höheren Schulen Eupen-Malmedys wurde Französisch die vorherrschen- de Unterrichtssprache. Im April 1922 verbot der Gouverneur den schulpflichti- gen Neubelgiern den Besuch einer ausländischen Schule. 13) Thomas-Jenniges, op. cit. S. 12: ”Ein Gendarmerieleutnant teilte der aufgebrach- ten Menge mit, daß der Belagerungszustand verkündet sei. Militär und Polizei 1ö- sten die Kundgebung danach auf und besetzten die Stadt. Am Nachmittag emp- fing Xhaflaire eine Abordnung der streikenden Arbeiter.” Pabst, op. cit. S. 313: ”Der Streik... mußte nach zwei Tagen durch die Verhaf- tung des Streikführers Pontzen, die Erklärung des Belagerungszustandes und die vorbeugende Konzentration belgischer Truppen gebrochen werden.” ”In Aachen, Monschau und Herbesthal fanden gleichzeitig oder bald darauf Sympathiestreiks statt, während in Malmedy alles ruhig blieb.” (Ebd., Fußnote 209). Doepgen, op. Cit. S, 163-164: ”Die Zahl der Streikenden, die an der Kundge- bung teilnahmen, belief sich auf 7.000 Personen. Am 15. April bildete sich gar ein Zug von 10.000 Personen, darunter viele Frauen und Kinder”. 14) Die Konzessionen waren vor allem wirtschaftlicher Art. Gouveneur Baltia stellte 20 Millionen Franken zur Verfügung, um die Härten bei der Währungsumstel- lung und beim Lohnausgleich der Arbeiter abzufedern. Jeder in Deutschland be- schäftigte Arbeiter konnte fortan täglich 7 Mark zu 7 Franken umwechseln. Ausgenommen waren Kleinbahnarbeiter und die Arbeiter bzw. Angestellten bei Behörden. Im Gegenzug mußten die Arbeiter sich verpflichten, jede ihnen ange- botene Arbeit im Distrikt Eupen oder in den angrenzenden belgischen Gemein- den anzunehmen. 15) Die angegebene Zahl von 3.000 Grenzgängern scheint zu hoch gegriffen zu sein. Der Wirklichkeit näher kommen dürften die im 3. Bericht des Gouverneurs, 1922, S. 9, gegebenen Zahlen von 1011 Personen Ende 1919 und 966 im Mai 1921. (Pabst, op. cit. S. 310, Fußnote 191). 16) Die wirtschaftliche Eingliederung sollte sich tatsächlich als einer der schwierig- sten Fragenkomplexe im Zusammenhang mit der Lostrennung von Deutschland erweisen. Bis 1925 gestand Deutschland den Exporten aus Eupen-Malmedy Zoll- freiheit zu.
62 Konrad Hermann Cardoll aus Kettenis: Aachens Domdechant in schwerer Zeit von Viktor Gielen Im Herbst 1818 stand die Kaiserstadt Aachen zwei Monate lang im Mittelpunkt der europäischen Politik. Nach dem Sieg über Napoleon hielten sich die verbündeten Hauptmächte - Österreich, Preußen und Rußland - fortan für den Frieden Europas verantwort- lich. Sie vereinbarten, in persönlichen Zusammenkünften die Fra- - gen zu lösen, welche die Sicherheit Europas beträfen. 1817 regte der österreichische Außenminister Metternich ein solches Treffen an und schlug als passenden Ort Aachen vor. Im Herbst 1818 ist es soweit. Ende September treffen die Mo- narchen in Aachen ein: König Friedrich Wilhelm von Preußen, Zar Alexander von Rußland und Kaiser Franz von Österreich. Beson- ders begeistert wird der österreichische Kaiser begrüßt: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation lebt weiter in den Herzen der Aachener, wenn sie auch seit 1815 zu Preußen gehören (1). Begegnung Cardolls mit Kaiser Franz von Österreich im Aachener Dom Über den Verlauf des Monarchenkongresses berichtet ausführ- lich der damalige Aachener Stadtarchivar Karl Franz Meyer in sei- nem 1819 erschienenen Buch ”Aachen, der Monarchenkongreß 1818”. Die Monarchen nahmen an den Konferenzen der Diplomaten nicht teil; es wurden ihnen lediglich die Berichte zur Begutachtung vorgelegt, worauf sie ihre Entscheidungen trafen. So blieb ihnen viel Zeit und Muße zu Besichtigungen, Spaziergängen und Ausflügen in die Umgebung von Aachen. Am Mittwoch, dem 30. September, be- gibt sich Kaiser Franz zum Dom, um dort die berühmten Heiligtü- mer zu verehren, die alle sieben Jahre das Ziel vieler Wallfahrer sind. Am Eingang des Münsters wird er vom Klerus empfangen und in den Dom geleitet, wo König Friedrich Wilhelm ihn erwartet. Hier nun spielt sich folgende rührende Szene ab, über die Friedrich Haa- gen in seiner ”Geschichte Aachens”, Bd. II, S. 525 wie folgt berich- tet:
64 Der Gutshof Hasenhof in Kettenis gehörte in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts dem Johann Theodor Cardoll, Magazinschef des Aachener Marienstifts (2). Hier auf dem Hasenhof erblickte Konrad Hermann Cardoll das Licht der Welt. Er war der Sohn von Jakob Cardoll und Maria Gertrud Wildt, Nichte des Wilhelm Wildt, Kanonikus am Aachener Marienstift. Wie aus dem Ketteniser Taufregister (Stadtarchiv Eu- pen) hervorgeht, wurde er am 26. März 1741 in der Pfarrkirche von Kettenis getauft. Wo der junge Cardoll seine Studien gemacht hat, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Er entschied sich für den Priesterberuf. Erst 19 Jahre alt, erhielt er am 14. November 1760 die Domherren- Prae- bende seines am 13. Oktober 1760 verstorbenen Onkels Franz Wil- helm Wildt, Mitglied des Aachener Domkapitels (3). 1766 wird er zum Priester geweiht, 1783 Vize-Dechant und Kardinalpriester (4). Cardoll als Domdechant Am 16. April 1787 wird Cardoll als Senior einstimmig vom Domkapitel zum neuen Dechanten gewählt (5). Im Protokoll der Wahl nennt man den neuen Domdechanten ”einen Mann, der sich auszeichnet durch Umsicht, Klugheit, einen guten Lebenswandel, Gelehrsamkeit und Lebenserfahrung...” Da das Marienstift zur Lütticher Diözese gehörte, lag die Be- stätigung des neugewählten Dechanten in den Händen des Lütti- cher Bischofs. Nachdem Fürstbischof Hoensbroeck die erbetene Be- stätigung gegeben hat, erfolgt am 7. Mai 1784 die feierliche Einfüh- rung des neuen Domdechanten. Wie es damals Tradition war, mußte der Neugewählte drei Festessen veranstalten: das erste für die Bürgermeister, den Stadtrat und die Domherren, das zweite für die Mitglieder der Aachener religiösen Gemeinschaften und das drit- te für die Angestellten und Pächter des Marienstifts. Schwierige Zeiten für den neuen Domdechanten | Die Wahl Cardolls fällt in die Jahre, da Aachen von schweren Parteikämpfen — Mäkelei genannt — erschüttert wurde. Diese Streitigkeiten der Aachener Bürgerschaft zogen auch das Marien- stift und seine Insassen mehr oder weniger in Mitleidenschaft. Der friedliebende Cardoll sucht zu vermitteln. Zusammen mit dem Alt- bürgermeister Strauch und einigen anderen Männern wendet er sich am 3. Juli 1788 an die Kreisdirektorial-Gesandtschaft und kaiserli-
65 che Kommission mit der Bitte, zwischen den streitenden Parteien ei- nen Vergleich zustande zu bringen. Sie weisen auf den jammervol- len Zustand der Entzweiung der Bürger unter sich und auf den daraus notwendig erfolgenden Ruin der Stadt hin. Auch im Stift selbst gab es manche Mißstände. Heinrich Lichius schreibt dazu: ”Mißstände, die von außen einwirkten und im Stifte empor- wuchsen, machten sich trotz vieler Gegenmaßregeln geltend. Nicht zum wenigsten trugen dazu unruhige, herrschsüchtige, habgierige und eitle Mitglieder bei. Öfters standen sich ausge- sprochene Parteien gegenüber, deren Meinungen manchmal hart aufeinander stießen. Dazu kamen noch im letzten Jahr- hundert Gegensätze zu den Bischöfen von Lüttich und be- ständige Streitigkeiten mit Stadt und Magistrat. Allzu peinlich und kleinlich pochte das Stift auf Rechte, die im Mittelalter wohl gegründet waren, für die aber die neue Zeit kein Ver- ständnis mehr hatte” (6). Bald aber naht auch für das Marienstift die Schicksalsstunde. Die Wogen der Französischen Revolution verschonen auch nicht den alten Kaisersitz. S Zuvor aber durfte Cardoll noch einige frohe Tage erleben. Er war anwesend bei den beiden letzten Kaiserkrönungen, der Leo- polds II. (1790) und der Franz II. (1792) in Frankfurt, wo der neue Kaiser den Eid auf das Aachener Marienstift in seine Hände ableg- te. Unter französischer Herrschaft Am 15. Dezember 1792 rückten die französischen Revolutions- truppen in Aachen ein, wo sie Winterquartiere bezogen. Alle kirch- lichen Güter wurden unter Siegel gelegt. Aber nur 10 Wochen konnten sie bleiben. Am 2. März wurden sie von den Österreichern in der Schlacht von Aldenhoven geschlagen. Die Sieger wurden in der alten Kaiserstadt mit Jubel begrüßt. Dieser Jubel war jedoch verfrüht. Am 10. Juli 1794 marschieren die Franzosen wieder in Brüssel ein. Das Kriegsgetümmel rückt immer näher an Aachen heran. Im August besteht kein Zweifel mehr, daß es zu einer neuen Besitzergreifung der Stadt durch die Franzosen kommen wird. Pa- nikstimmung breitet sich unter der Bevölkerung aus, geht doch das Gerücht um, die Franzosen würden fürchterliche Rache an der Stadt nehmen, weil verschiedene Bürger beim Rückzug der französi- schen Armee im März 1793 zugunsten der Österreicher in den
66 Straßenkampf eingegriffen hätten. Wer es eben ermöglichen kann, ergreift die Flucht über den Rhein. Domdechant Cardoll ist in großer Sorge wegen der Kostbarkei- ten des Münsterschatzes, u.a. der Heiligtümer und der drei Reichs- kleinodien, die sich noch in Aachen befinden. Das Kapitel beschließt darum, die Kostbarkeiten über den Rhein zu bringen und in einem Kapuzinerkloster zu Paderborn zu verstecken. Der Trans- port, an dem u.a. Domdechant Cardoll teilnimmt, geht am 24. Juli 1794 von Aachen ab, um am 1. August Paderborn zu erreichen. Ka- nonikus Blees bleibt als Wächter der kostbaren Schätze zurück, während die anderen Begleiter des kostbaren Transports mit Dom- dechant Cardoll nach Aachen zurückkehren. n Unter Führung von Marschall Jourdan zogen die Franzosen am 23. September 1794 in Aachen ein, wo sie bis zum Januar 1814 bleiben sollten. I Am meisten empören die Aachener die glaubensfeindlichen Verfügungen der Franzosen. Blutenden Herzens muß Domdechant Cardoll zusehen, wie die ehrwürdige Münsterkirche verunstaltet wird. Schon am 27. September wird das Bleidach vom Münster ab- getragen. Am 25. Oktober folgt der Abtransport des kostbaren Porserpina-Sarkophags. Auch der sogenannte ”Wolf” und der Pi- nienzapfen aus der Vorhalle des Münsters nehmen den Weg nach Paris. Selbst vor den antiken Säulen des Münsters macht man nicht halt, 38 von ihnen werden weggeschleppt. Mit dem linksrheinischen Gebiet wird auch Aachen der franzö- sischen Republik einverleibt. Durch das Kondordat vom 15. Juli 1801 wird der Friede zwischen der Kirche und Napoleon, dem Er- sten Konsul der Republik, wiederhergestellt. Nach diesem Konkor- dat ernennt Napoleon die Bischöfe, die der Papst nur zu bestätigen hat. Besonders für Aachen hat das Konkordat weitreichende Fol- gen. Das alte Erzbistum Köln wird aufgehoben und ein neues Bis- tum Aachen gebildet, das eine riesige Ausdehnung hat. Als erster Bi- | schof zieht der Elsässer Marc Antoine Berdolet in Aachen ein, mit dem Cardoll jetzt zusammenarbeiten muß. Das alte Marienstift ge- hört der Vergangenheit an; stattdessen gibt es jetzt ein Kathedralka- pitel. Am 9. November 1802 ernennt Bischof Berdolet den früheren Dechanten des Krönungsstiftes, Konrad Hermann Cardoll, zum De- kan des neuen Kapitels.
67 Die letzten Lebensjahre Cardoll erlebte es noch, daß die von Napoleon gegründete Di- özese im Jahre 1821 aufgelöst und das Erzbistum Köln wiedererrich- tet wurde. In seinen letzten Lebensjahren war der alte Domdekan sehr abständig und leidend. Trotzdem unterließ er es nicht, jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe am Muttergottes-Altar die heilige Messe zu feiern (Todesanzeige, Domarchiv). Der Muttergottes, die er besonders verehrte, hatte er im Jahre 1800 einen goldenen Kelch geopfert. In seinem Totenzettel (Diözesanarchiv Aachen) heißt es dazu: "Besonders groß war sein Vertrauen zur Gottesmutter, der er zum beständigen Denkmal seiner kindlichen Ergebenheit einen kostbaren goldenen Kelch zum Opfer brachte, wozu u.a. die zwei ihm als Kapitular-Abgeordneten zu den Krönungen der römischen Kaiser Leopold II. und Franz II. zuteil gewordenen goldenen Ket- ten und Denkmünzen verwandt wurden” (7). Konrad Hermann Cardoll verstarb am 24. Juni 1822 im 82. Lebensjahr. In einer bedeutenden Zeitenwende hat dieser Sohn des Eupener Landes eine wichtige Rolle gespielt. Er hat es verdient, daß sein Andenken erhalten bleibt. (1) Heute noch erinnern die Franzstraße, die Alexanderstraße und der Friedrich- Wilhelm- Platz an die Anwesenheit dieser drei Monarchen in Aachen. (2) Angehörige der Familie Cardoll haben in Kettenis des öfteren das Bürgermeister- oder Schöffenamt bekleidet. S. hierzu: Bernhard Heeren: ”Kettenis”, Eupen 1977, S. 337 und S. 262. (3) Praebende: Den auf den einzelnen Kanonikus entfallenden Anteil an Vermögen und Einkommen. Heute ersetzt das Diensteinkommen das Vermögen. (4) S. Guillaume Grondal: Kettenis, Notices historiques, Verviers 1966. (S) Domarchiv, Repertorium I, 4. (6) ”Die Verfassung des Marienstiftes zu Aachen bis zur französischen Zeit”, Zeit- schrift des Aachener Geschichtsvereins, Bd. 37, S. 1 ff. (7) Dieser Kelch wurde in der Nacht vom 26. auf den 27. Februar 1843 aus dem Domschatz gestohlen (Poll: Geschichte Aachens in Daten)
68 Zur Erinnerung an Emil Dovifat * von Katharina Comoth, Köln ”Es ist stille geworden... Alle Augen wenden sich dem Redner zu. ’Incipit actio’, würde der Römer sagen. Die Rede hebt an”, ”Inci- pit actio”: Professor Dovifat hatte das Wort (1). Ihn zu feiern, sind wir versammelt. Emil Dovifat wurde am 27. Dezember 1890 in Neutral-Moresnet geboren (2). Hier war sein Vater Apotheker (3): Emil Hypolit Wilhelm Maria Joseph Dovifat stand in öffentlichem Ansehen, war Mitglied des Gemeinderats und erregte mit einem be- freundeten Arzt internationales Aufsehen, als sie im Oktober 1886 , Briefmarken von 1, 2, 3, 4, 5, 10, 20 und sogar 50 Pfennig für das . kleine neutrale Gebiet mit etwa 800 Häusern hatten herstellen, ver- kaufen und verwenden lassen (4). Als Emil Dovifat 5 Jahre alt war, zog die Familie nach Köln am Rhein. Als Rheinländer hat sich Dovifat später vorgestellt, rhei- nisch war der Tonfall seiner Stimme, des Persönlichsten der Per- son. Der Knabe besuchte zunächst das Gymnasium in der Kreuz- gasse, das nur wenige Meter von der traditionsreichen. Apotheke ”Zum goldenen Kopf” (auf der Schildergasse) entfernt war, die der Vater 1897 erworben hatte. Die Zeugniseintragungen erwecken den Eindruck, daß Religion sein Lieblingsfach war, ein Interesse an Her- kunft, aus dem die Aufgabe wächst: 1911 erwirbt er am Nippes- Gymnasium das Reifezeugnis mit dem präzisen Berufswunsch, ”Journalistik” zu studieren. Über die Universität München, wo er ein Sommer- und ein Winter-Semester verbrachte, kam er 1912 nach Leipzig. Hier war im selben Jahr Karl Büchers ”Vorbildung für den Journalistenberuf an Universitäten” erschienen (5); akademische Journalistenausbil- dung, das kam dem ”gewählten Fakultätsstudium” des Abiturienten nahe, die Arbeit des Journalisten allgemein zu begreifen und sein Sendungsbewußtsein im besonderen. | Das Studium wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. An der Front erlitt Dovifat eine schwere Beinverletzung. Er konnte weiterstudieren und 1918 das Doktordiplom erwerben, die Voraus- * Vorgetragen am 11.7. 1990 anläßlich der feierlichen Enthüllung der Gedenktafel für Emil Dovifat durch den stellvertretenden Bezirksbürgermeister von Berlin- Zehlendorf, Bezirksstadtrat Ulrich Arndt, und die Kinder Dovifats am Haus Charlottenburger Str. 2
70 Theorie ist”, so steht es mit Goethe in der Einleitung zum Hand- buch, und was ist das für ein Handbuch: Die Grundbegriffe der Pu- blizistik, die Erscheinungsformen der Publizistik, die Wege des pu- blizistischen Prozesses, die Publizistik der Massenführung, Freiheit und Bindung in der Publizistik, die praktische Publizistik und hier vor allem das gesprochene Wort, die Rede, der Vortrag, die Vorle- sung, und was für eine Vorlesung! ”Nimm den Anfang aus dem be- sten Marke deiner Sache!” rät er mit Cato. Das Audi Max war da- } mals überfüllt mit Hörern aller Fakultäten. ”So wird begonnen”. Aus innerer Berufung stellte er die publizistische Persönlichkeit vor. Ihr Lebenselement ist die Öffentlichkeit, ihre Grundhaltung die Ge- sinnung und damit Bewertung, Unterscheidung und deren ”großes Einmaleins” sind die Typen der Publizistik. ; Für Dovifat war sicher: Unterscheidung, Bewertung, Gesin- nung, Überzeugung und Meinung im Interesse der Wahrheit ma- chen Publizistik in ihrer mehr als 2000-jährigen Geschichte seit der ”Rhetorik” des Aristoteles zu einer Geisteswissenschaft, und die Ar- beit des Journalisten, soll sie vorbildlich erfüllt werden, zu ”eine(r) geistige(n) Schwerarbeit sondergleichen”. So steht es in der ”Zei- tungslehre”, von deren zwei Bändchen er 5 Auflagen erlebte (6). Von der Notwendigkeit, die Regeln der Unterscheidung, Ord- nung, mit dem religiösen Gemüt, religiöser Tradition, zu verbinden als Bildung, war er überzeugt. Ein Blick auf seine kleineren Veröf- fentlichungen, Vorträge und Aufsätze weist u.a. auf Vorbilder wie Joseph Görres und Carl Sonnenschein im Gang der Aktualität: ”Jo- seph Görres in den geistigen Kämpfen der Gegenwart” oder ”Carl Sonnenschein in unseren Tagen”. Aktualität, Gegenwartswirkung wird aus der Zeit geboren, auf die Gesinnung kommt es dabei an: ”Es gibt nur ’öffentliche Meinung’ (die in sich pluralistisch ist) oder ’Meinungen in der Öffentlichkeit’.” In allen Stufen der Meinungsbil- dung ist die Publizistik aktiv, ”der mächtige Hebel, der das Geister- reich in Bewegung setzt” (8) durch berufene Publizisten im einzel- nen von Demosthenes bis zu den Redakteuren und Reportern, den Kameramännern und -frauen, den Nachrichtenleuten und den Kommentatoren, Interviewern, Bildjournalisten und Zeichnern mit ihrer tüchtigen und unentbehrliche Tagesleistung. Die von Dovifat formulierte ”Hauptfrage” ist geblieben: ”Wird es gelingen, auch in der unabwendbaren technischen Perfektion, die bis hinein in das Al- lerprivateste höchst gefährliche Überwachung möglich machen kann, die Freiheit zu wahren, nicht als blasses Idol, sondern in der natürlichen Wirklichkeit, die jeden Menschen, wo immer er lebt und
71 arbeitet, sein eigenes Leben leben läßt, ihm seine Menschenwürde und darin die Freiheit der Meinung erhalten kann, doch ebenso auch seine Mitarbeit für das Ganze verpflichtend fordert: die so oft übersehene andere Seite der Demokratie” (9). Sein größtes Werk, die mit universellem Weitblick verfaßte Systematik der Publizistik, hat er ”Allen gewidmet, denen tätige Mitarbeit im öffentlichen Leben Gewissenspflicht ist”: Die Tat ist letztlich das Entscheidende. Früh schon hatte Dovifat in Köln das strenge Wort geübt: ”Nil sine mag- no vita labore dedit mortalibus”, später frei übersetzt; Vor den Er- folg haben die Götter den Schweiß gesetzt und berlinerisch verdich- tet: ”Jelernt ist jelernt!” Vivat! HESSEN SE 77 Indiesem Hayse jehie yon 192951008 A = am DovEaT | 0 | Sowie Leiter des dortigen Instituts für Publizistik, N Die Tafel ist aus weißem Porzellan mit preußisch-blauer Antiqua-Beschriftung in den Maßen 60 X 40 cm, hergestellt von der Staatlichen Prozellan-Manufaktur KPM (Königliche Porzellan-Manufaktur). (1) Handbuch der Publizistik, Bd. 2, S. 4. (2) Der bei Aachen im heutigen Kanton Eupen liegende Ort hob sich von Belgisch- Moresnet und Preußisch-Moresnet ab. Seit 1919 ist er belgisch und heißt in der deutschsprachigen Gemeinschaft Kelmis und französisch La Calamine. (3) Geburtshaus mit Apotheke bis auf den heutigen Tag sind noch erhalten in der Kirchstraße (jetzt Nr. 44: Apotheke Cornely). (4) Einige Sendungen dieser Post sind im Heimat-Museum ausgestellt: Für Informa- tionen am Ort danke ich Herrn Stella und Herrn Bertha sowie dem Gemeinde- amt und dem Kath. Pfarramt. (S) In: Hochschulfragen. Leipzig 1912, S. 71-90. (6) 5. A. (1967) Bd. 1, S. 36. (7) Bd. 1: 1.A. 1968 (2. 1971), 5. 16 f. (8) nach Görres (in: Gesammelte Schriften, Bd. 1, Köln 1928, S. 76). (9) Handbuch Bd. 1, S. 293.
n Eine Darstellung des Altenberges aus dem Jahre 1843 von Firmin Pauquet Anläßlich eines gemütlichen Spazierganges im November 1988 hatte ich das Glück, ein für Kelmis sehr interessantes Gemälde in der Galerie Berko, Place du Grand Sablon - Grote Zavel, 36, in Brüssel zu entdecken. Dieses Werk, das 1843 datiert ist, wurde von dem aus Löwen stammenden Aachener Maler Jean-Baptiste Ba- stine hergestellt und ist ”La Carriere”, die Steingrube, betitelt. Wie auf den ersten Blick ersichtlich - auffallend ist die oben in der Mitte stehende Villa, die frühere Direktorwohnung — handelt es sich um + eine Darstellung des großen Tagebaus des Altenberges, d.h. um den Teil der Kelmiser Galmeierzlagerstätte, den die Gesellschaft der ”Vieille Montagne” das ”Nordlager” nannte. Ich war sofort von der Bedeutung dieses 83 x 108 cm großen Gemäldes für das Göhltal- museum überzeugt und habe dann die Anschaffung mit der notwen- digen Ausdauer vorangetrieben und dies trotz des für Gemeinde und Museum verhältnismäßig hohen Ankaufspreises. Die Kommis- sion zur Beratung der Exekutive bei der Anschaffung von Kunst- werken hat am 23. Januar 1989 ein günstiges Gutachten für die An- schaffung des Werkes erteilt. Dank dem Zusammenwirken der Na- tionallotterie, der Exekutive der Deutschsprachigen Gemeinschaft und der Gemeinde Kelmis konnte das Werk endlich 1990 beim Galeristen angekauft werden. Nachfolgend werde ich an Hand des Gemäldes und anderer hinzugezogener Dokumente eine Beschrei- bung des Altenberger Bergwerkes im Jahre 1843 versuchen. Direktorwohnung, Königliches Haus, Stallungen Im Hintergrund des Bilds erkennt man in der Mitte die kurz zu- vor gebaute neue Direktorwohnung, die heutige Parkvilla. Etwas weiter links steht ein halb verfallenes Gebäude. Es handelt sich um die frühere Direktorwohnung. Dieses Gebäude bestand aus zwei pa- rallelen Flügeln links und rechts eines Hofes, der vorne durch eine Verbindungsmauer mit großem rundbogigem Tor abgeschlossen war. Über dem Tor befand sich ein kleiner Dachreiter, in welchem Zu nebenstehendem Bild: So sah Bastin& den Altenberg im Jahre 1843.
74 das Glöcklein aufgehängt war, mit welchem Arbeitsbeginn und -ende angekündigt wurden. man A NE Mn Pa In der Mitte erkennt man die frühere Direktorwohnung, die heutige Parkvilla, links davon die Reste des sog. königlichen Hauses, rechts die ehemaligen Stallungen. Von diesem ”königlichen Hause” besitzen wir keine Ansicht, wohl aber Grund- und Aufriß und zwar auf mehreren Plänen des Altenberger Betriebes von 1773 bis 1840. Auf einer undatierten Karte der Gesamtanlage der ”Vielle Montagne” (ca. 1843) ist klar ersicht- lich, daß das Gebäude zur Hälfte in den großen Tagebau, den Alten- berg, eingestürzt ist (1). Nachdem dieses Gebäude vollständig abge- brochen worden war, wurde ein aus demselben geretteter Wappen- stein nach Angleur an den Sitz der Generaldirektion der A.G. Vieille-Montagne überbracht. Heute schmückt dieser aus dem Jahre 1662 datierte Stein mit dem Wappen des Erzherzogs Albert von
76 der Generalrentmeister des Herzogtums Limburg hatte ab 1649 sein Amtszimmer im zweiten Flügel des königlichen Hauses. Am 19. September 1718 fand sogar eine Versammlung der limburgi- schen Stände im königlichen Hause statt. Rechts der neuen Direktorwohnung erkennt man die Stallun- gen, die im Jahre 1968 abgebrochen wurden, um durch den drei- stöckigen Neubau Albertstraße Nr. 1 des Herrn Aloys Dumbruck ersetzt zu werden. Drei weitere Gebäude geben den Straßenzug Albertstraße - Kapellstraße (früher Vonsstraße) an. Die Kapelle, die auf den um 1850 gezeichneten Lithographien von Maugendre deutlich erscheint und der unteren Vonsstraße ih- ren späteren Namen gab, kann auf dem Gemälde nicht erscheinen, da sie erst 1845 von der ”Vieille-Montagne” gebaut wurde. & Schmiede und Zimmermannswerkstatt Rechts im Bilde, auf einer tieferen Stufe als die Kapellstraße, stehen parallel zu einander zwei Gebäude, deren Giebel sich dem Beobachter präsentieren. Auf der Grundlage eines Bergwerksplanes aus dem Jahre 1833 kann festgestellt werden, daß es sich links um die Schmiede und rechts um die Zimmermannswerkstatt handelt. Der Anbau vor der Schmiede ist die Hütte des Aufsehers. Diese Ge- bäude sind alle mit Stroh gedeckt. Schmiede und angebaute Aufse- herhütte sind weißgekalkt und wahrscheinlich in Fachwerk errich- tet. Die Zimmermannswerkstatt ist wohl später in Fachwerk mit ro- ter Ziegelsteinfüllung gebaut worden. Heute sind die Fundamente eines dieser Gebäude noch unter- halb des aufgeschütteten Gemeindeparks zu sehen. Bis ca. 1950 stand hier das ”anjen Shell” genannte Häuschen. Dem Namen nach muß in diesem Aufseherhäuschen das Glöcklein aufgehängt worden sein, das sich früher im Dachreiter des Torbogens am königlichen Hause befand. Schmiede mit Aufseherhütte und Zimmermanns- werkstatt sind erst einige Jahre zuvor dort gebaut worden. Auf ei- nem alten Plan vom 1. Oktober 1773 steht an dieser Stelle nur die Schmiede. Auf demselben Plan sowie auf Plänen der Jahre 1807 und 1812 entdeckt man zwei andere Gebäude, zwischen Schmiede und Tagebau, die wegen der Erweiterung des Tagebaus am Südflü- gel verschwinden mußten. Es handelt sich einerseits um das große Lager (Galmei, Kohle, Galmeiabfall, Bauholz) mit der Hütte des vereidigten Wägers, ein länglicher Bau, der doppelt so lang wie ein Flügel des königlichen Hauses war, und andererseits um die abge- deckte quadratische Kalzinier- oder Röststelle.
78 Dem damaligen Pächter aller limburgischen Galmeigruben, der Antwerpener Kaufmannsgesellschaft Conrath Schetz und Co., wur- de seitens der Generalstatthalterin der Niederlande, Margaretha, Herzogin von Parma, am 29. Mai 1562 die Verpflichtung auferlegt, einen Abwässerkanal oder Stollen vom Tagebau zum Göhlbach durchzubohren. Im Jahre 1628 war man so tief angelangt, daß ein Pumpwerk angelegt werden mußte, das 1632 fertiggestellt wurde. Im Juli 1673 erreichte der Tagebau eine Teufe von 18 bis 19 Faden, d.h. ca. 31 m., wie der Londoner Arzt Edward Brown be- richtet, der als Mitglied der englischen Royal Society den Altenberg besichtigte. Die Beschreibung des Altenberges erschien 1680 in Lon- don in ”A brief account of some travels in divers parts of Europe” des Edward Braun und 1862 in Amsterdam in niederländischer Über- ” setzung unter dem Titel ”Nauwkeurige en gedenkwaardige Reysen”. In der von Constans am 9, Nivöse des Jahres IX der Republik (30. Dezember 1800) erschienenen Beschreibung des Ourthedepar- tements teilt der Pariser Autor mit, daß der Tagebau eine Teufe von 50 m erreicht habe (3). Derselbe werde, so Constans, auf einer Breite von ca. 40 m betrieben und die Galmeierzlagerstätte fülle den Oberteil einer Mulde, deren beide Flügel im Nordwesten und Südo- sten aus felsigen. Formationen bestünden. Constans erklärt auch, daß in seiner Zeit der Tagebau zugunsten des Untertagebaus aufge- geben worden ist. Auf dem Gemälde erkennt man genau vor dem Tagebau und in dessen Achse im Südwesten eine kleine strohbe- deckte Hütte, die als Schachtgebäude dient. Auf den Bergwerksplä- nen der Jahre 1773 bis 1821 erkennt man 7 solcher Schachthütten. Auf dem Bilde erscheint der Abbau im Tagebau wieder aufgenom- men worden zu sein, was auch durch Pläne der Jahre 1833 bis 1847 bestätigt wird. Zwischen dem oberen Rande des Tagebaus, wo die Direktor- wohnung sich befindet, bis zur Sohle desselben in der Mitte des Bil- des erkennt man die Abbaustufen, die terrassenartig an den beiden Flügeln des Tagebaus angelegt worden sind. Dies entspricht noch genau der von Brown 1673 (4) beschriebenen Abbaumethode. An verschiedenen Stellen der beiden mittleren Abbaustufen sind Berg- arbeiter mit dem Brechen des Gesteins bzw. dem Aufladen beschäf- tigt. Der in der Mitte der mittleren Abbaustufe emporsteigende Qualm weist auf die Benutzung von Pulver zum Abbrechen der fel- sigen Erzmassen hin.
79 Die Vor- und Nachteile der beiden Abbaumethoden, Tagebau oder Untertagebau, wurden schon Ende des 17. Jhs. diskutiert. Da- mals plädierte der 1682 engagierte Direktor des Bergwerkes, Faul- quin Fiebus, der vorhin das Aachener Galmeibergwerk zu Verlau- tenheide geleitet hatte, für den Untertagebau (5). Die Hauptverant- wortlichen der Altenberger Regie, die limburgischen Rentmeister Hendrick Van Eyck und Jan de Winkel sowie der Kontrolleur Jan Frank und sein Beigeordneter und Schwiegersohn Lambert Janssen van den Stock, konnten sich aber erfolgreich bei der Domänenver- waltung zugunsten des traditionellen Tagebaus durchsetzen. Im Laufe des 18. Jhs. hat man dann wohl Untertagebau neben Tagebau betrieben, wie zuerst in einem Bericht des Finanzrates aus dem Jahre 1718 ersichtlich ist (6). Der erste Plan des Bergwerkes wurde erst am 1. Oktober 1773 vom Landmesser L.W. Mennicken aufgestellt und am 1. April 1774 vervollständigt, nachdem der Brüsseler Finanzrat die Bestellung am 27. Februar 1773 beschlossen hatte. Es ist doch sehr erstaunlich, feststellen zu müssen, daß die Domänenverwaltung es erst Ende des 18. Jhs. für nötig erachtete, einen Plan des für ihre Einkünfte so wichtigen Bergwerkes des Altenberges zu besitzen (7). Nachdem das Bergwerk 1805 von der französischen Regierung in Konzession gegeben worden war, sah Art. 15 des Lastenheftes vom 22. Messidor des Jahres XIII (11. Juli 1805) vor, daß der Kon- zessionär einen Plan des Bergwerkes mit Querschnitten aufzustellen und jährlich zu vervollständigen habe (8). Mehrere Exemplare sol- cher Pläne sind sowohl in Angleur bei der Generaldirektion der Vieille-Montagne wie auch in den Pariser Archives Nationales auf- bewahrt (9). Pläne aus den Jahren 1833 bis 1847 zeigen, daß das Nordlager in der Zeit der Entstehung unseres Gemäldes wieder vorwiegend im Tagebau abgebaut wurde. Auf Vorschlag des neuen Bergwerkdirek- tors Adolphe von Scherpenzeel-Thim (10) vom Juli 1846 beschließt die Gesellschaft der Vieille-Montagne im Jahre 1847, eine Schief- ebene mit einer Dampffördermaschine zur Förderung der Erze aus den tieferen Stufen des Tagebaus, der nun 50 m. bis 60 m tief ist, einzurichten. Diese neue Einrichtung wird von Maugendre auf sei- ner Lithographie des Nordlagers dargestellt (11). Die Einrichtung dieser Schiefebene erwies sich aber später als eine Fehlinvestition, die einen Verlust von ca. 10.000 F verursach- te (12). Sie wurde dann auch 1851 aufgegeben. Die tiefsten Schich- ten des Erzlagers wurden nun von einem 37 m. tiefen Schacht aus-
80 gehend durch einen 90 m langen Stollen erreicht und teilweise wie- der im Untertagebau abgebaut. Im Jahre 1858 ist dann das Nordlager, d.h. der eigentliche Al- tenberg, den die Aachener bis zur Beschlagnahme durch Herzog Philipp den Guten von Burgund im Jahre 1439 ausbeuteten, nach Jahrhunderten erschöpft. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die gewaltige Pinge des ehemaligen Tagebaus, die sogenannte ”cuyl” = Kull, als Abraum- stelle für Rückstände aus der Galmeiwäsche benutzt. Nachdem 1928 die Zinkoxydfabrik, bei der Kelmiser Bevölkerung als ”Gift- mühle” bekannt, eingerichtet worden war, förderte man diese Rück- stände aus dem alten Tagebau mittels einer neuen Schiefebene wie- der heraus, um daraus nochmals Zinkoxyd (Zinkweiß) zu gewinnen. - Der Tagebau wurde wieder bis 1950 fast bis zur vollen Teufe freigelegt; das sich ansammelnde bzw. eindringende Wasser mußte ) auch wieder hochgepumpt und mittels des alten Wasserhaltungs- stollens zum Göhlbach geführt werden. Während dieser Jahre stürz- ten regelmäßig Erdmassen am Nordrand, gegenüber Schützenlokal und Parkvilla, in die Pinge hinein. Als die Förderung der alten Gal- meirückstände 1950 aufgegeben wurde, sammelten sich die Wasser im alten Tagebau und bildeten dort einen großen, tiefen Weiher, dessen Niveau dem Wasserspiegel der Göhl kurz oberhalb der Göhl- brücke entsprach. Die Pinge diente nun einige Jahrzehnte lang als Müll- und Abbruchdeponie. Anläßlich einer Korrektur des Gefälles ; der Lüttich-Aachener Landstraße am Paß oberhalb Bildchen im Aa- chener Wald wurden große Erdmassen von dort zum alten Tagebau überbracht, so daß der kurz zuvor entstandene Weiher wieder ver- schwand. Da die Kelmiser Mülldeponie aber von der Schützenstraße und nicht von der Lütticher Straße bedient wurde, wurde die Pinge von oben aus gefüllt und planiert, so daß die vor Beginn des Abbaues bestehende leichte Böschung durch eine viel stärker geneigte ersetzt wurde. Der Südflügel des ehemaligen Tage- baus, der während Jahrhunderten denselben überragte, liegt nun ca. 20 m tiefer als der über dem Tagebau entstandene neue Gemeinde- park. Das Pumpenwerk In der Mitte des Gemäldes steht das Pumpenwerk: rechts das unterschlägige große Wasserrad, links das über den Pumpen errich- tete Gebäude und dazwischen das hölzerne parallelogrammartige Getriebe, wodurch das Wasserrad die Pumpen in Bewegung setzt.
82 Das eigentliche Gehäuse des Pumpenwerkes ist ein ziemlich großes Fachwerkgebäude mit roter Ziegelsteinfüllung und mit pfannenge- decktem Dach. Wie schon vorhin erwähnt, hat der Brüsseler Finanzrat dem damaligen Pächter des Altenberges, dem Aachener lutherischen Kaufmann Hans Stoupart, am 18. Juni 1628 die Erlaubnis erteilt, ein Pumpenwerk zur Wasserhaltung im Tagebau anzulegen. Die Arbeiten begannen am 3. Juli 1628 und dauerten bis März 1632, wie uns die vom Kontrolleur Jan Franck am 1. Dezember 1632 be- glaubigte Abrechnung zeigt. Insgesamt hat diese Anlage 9232 Bra- banter Gulden und 18 Stüber gekostet (13). Um das Wasserrad zu betreiben, hatte man durch Kanäle und teilweise Stollen die Wässer des Tüljebaches, der Göhl und eines Brunnens in der Kelmiser Heide unterhalb des sogenannten Hols- berges (heute Heidkopf) angezapft. Für den Bau der Anlage hatte man einen Pumpenmeister aus Eschweiler, Cryn Cryns, angewor- ben, der schon Erfahrung im Kohlenbergbau hatte. Das Wasserrad wurde in Aachen hergestellt. Dieses erste Pumpenwerk konnte die eindringenden Wassermassen über eine Teufe von 19 m bis zum 1562 angelegten Entwässerungsstollen heben. Im Laufe der Jahr- hunderte ist das Pumpenwerk manchmal repariert und sogar voll- ständig erneuert worden. So vernehmen wir, daß im Jahre 1714, zu Beginn der österrei- chischen Regierung, eine neue Wasserhaltungsmaschine unter Lei- tung des Ingenieurs Jean Honin gebaut wird, die es ermöglicht, den Abbau 7 bis 8 Klafter (ca. 15 m) tiefer anzusetzen. In den Jahren 1732 bis 1734 wird ein neuer tieferer Wasserhaltungsschacht ge- teuft. Im Jahre 1789 erkennt man wieder die Notwendigkeit, eine neue zusätzliche Wasserhaltungsmaschine einzurichten (14). Dies wurde dann im selben Jahr angefangen, konnte aber we- gen der kriegerischen Ereignisse erst 1794 fertiggestellt werden. Von der neuen Maschine besteht noch ein Plan im Brüsseler Allgemei- nen Reichsarchiv (15). Die Anlage wurde erst unter der französi- schen Verwaltung im Jahre V (Ende 1796) fertiggestellt. Es ist wahrscheinlich diese Anlage, die der Maler Bastine gesehen und dar- gestellt hat. Kurz danach, in den Jahren 1844-1845, wurde wieder ein neues Pumpenwerk angelegt und der Wasserhaltungsschacht bis 35,75 m geteuft. Das Pumpenwerk wurde vom Maschinenwerk Regnier et Poncelet zu Lüttich geliefert. Im Juni 1851 wird das treibende Wasserrad aufgegeben, da nun ungenügend Wasser im Mühlenteich vorhanden ist. Seit August
83 1850 konnte die Wasserhaltung durch eine auf dem Schacht Luise im Dezember 1849 aufgestellte Dampfmaschine besorgt werden. Diese 30 PS starke Dampfmaschine war durch die Cockerillwerke in Seraing geliefert worden. Durch den Ersatz des Wasserantriebes durch Dampf hatte sich nun 1850 die industrielle Revolution auch am Altenberge vollzogen (16). Schachthütte Hinter dem Pumpenwerk steht noch eine kleine strohgedeckte Hütte in Fachwerkbau mit roter Ziegelfüllung. Laut Plan vom 14. Januar 1833 handelt es sich um das Schachtgebäude des Wetter- schachtes (bure d’aerage) (17). Auf dem Plan vom 17. Juli 1812 (18) wird derselbe als Wasserhaltungsschacht (puits aux eaux) angege- ben. In seinem Schachtsumpf sammeln sich die Gewässer aller nord- westlich gelegenen Betriebspunkte. Er steht in Verbindung mit dem nahen tieferen Wasserhaltungsschacht. Desgleichen auf dem Plan vom 31. Oktober 1821 (19). Er erreichte damals eine Teufe von 27,48 m und sein Eingang lag 30,39 m tiefer als die alte Direktor- wohnung. Auf dem Plan vom 1. September 1773 - vervollständigt am 1. April 1774 - wird dieser Schacht als ”puits ou pegel dans la fosse ä la pompe” genannt. Er war damals 6 Klafter, 5 Fuß 1 !/2 Zoll tief, war aber auf ca. 3 Klafter aufgefüllt worden. Nach Aussage des Landmessers L.W. Mennicken mißt jedes Klafter 6 Lambertusfuß = 1,752 m, so daß der Schacht damals noch ca. 12 m tief war (7). Dieser Schacht lag damals still. Dargestellte Personen In der Mitte, im Vordergrund des Bildes, hat sich der Maler selbst vor seiner Staffelei im Kreise seiner Familie dargestellt. Links der Gruppe ein Kind auf einem vor einem abgebroche- nen Karrenrad liegenden Stein. Hinter diesem Kind, noch etwas mehr nach links, liegt eine weggeworfene Keilhaue oder Spitzhacke, das Hauptwerkzeug der damaligen Bergleute. Noch weiter links, etwas mehr im Vordergrund, ein umgeworfener Schubkarren. Vor dem Maler sitzt eine Frau mit Haube, wahrscheinlich eine Magd. Neben ihm sitzen zwei dunkelhaarige Frauen, die eine mit einem Kleinkind auf dem Arm, wahrscheinlich die Töchter des Malers. Hinter der sitzenden Frau steht noch eine Frau im weißen Kleid mit blauer Stola, die sich umdreht und auf das vorbeiziehende Pferd blickt. Es könnte die Frau des Malers sein.
85 eben groß und rollen. auf Schienen. Hinter dem Karren, densel- ben drückend, schreitet ein Karrenknecht oder Bergmann mit weißer Kapuze und weißem Hemd. Er trägt scheinbar seinen blau- en. Kittel über der linken Schulter und eine braune lederne (?) Ta- sche unter dem rechten Arm. Auch er trägt graue Hosen, dagegen ist das Schuhwerk schwer bestimmbar. Man kann sich vorstellen, daß solche oder ähnliche Fuhrwerke seit Jahrhunderten am Alten- berge gebraucht wurden. Der am 25. Mai 1562 abgeschlossene Ver- trag der Brüsseler Regierung mit dem Pächter, der Antwerpener Kaufmannsgesellschaft Schetz, sieht ausdrücklich die Beschäfti- gung zweier Jungen vor, die die Karren führten (21). Seit das Berg- werk in eigener Regie — ab dem 9. Mai 1611 — betrieben wurde, sind in den vierzehntägigen Ausgabenaufstellungen des Kontrol- leurs genaue Angaben über die Benutzung der Fuhrwerke ver- merkt. Während der ersten vierzehn Tage werden so zwei einspän- nige Karren benutzt. Die Fuhrwerke werden von Anwohnern des Bergwerkes vermietet. Darunter erscheinen zuerst der Grundherr zu Eynenberg, Junker Dietrich Dobbelstein, und der vereidigte Wä- ger Jakob Groteclaes. Pro Arbeitstag kostete ein solches Fuhrwerk 2 Gulden, 4 Stüber, während ein Bergmann 9 Stüber täglich ver- diente (22). Rechts der Gruppe um den Maler, auf einer kleinen Anhöhe, steht ein bärtiger Mann im langen schwarzen Gehrock mit aufge- setzter schwarzer Mütze, allem Anschein nach der Bergwerksdirek- tor. Er steht zur rechten Bildseite gewandt, zeigt mit dem linken Arm auf die im Tagebau arbeitenden Bergleute und stützt sich mit dem rechten Arm auf einen Stock. Er trägt etwas hellere graue Ho- sen. Leicht links von ihm liegt sein Hund. Er empfängt einen sich nähernden Mann in blauem Kittel, weißem Hemd und dunkelgrau- en Hosen, mit rotem gebundenem Halstuch, der seinen großen hel- len Hut gerade, ihn grüßend, mit der rechten Hand abgenommen hat. Die kleine Bergwerkshaue, die er in der linken Hand trägt, weist darauf hin, daß er der Steiger oder Bergwerksaufseher ist, der seinem Direktor Bericht erstatten kommt. Nun versteht man auch, weshalb der Fuhrmann die Mütze ab- genommen hat: er muß nämlich an dem Direktor vorbeiziehen. Noch mehr rechts eilt ein ganz in grau gekleideter junger, bar- köpfiger Bursche, einen Brief in der rechten Hand tragend, zu den beiden heran, offensichtlich ein Bote.
86 Im Mittelfeld des Gemäldes und schon in etwas größerer Ent- fernung hinter dem Pumpenwerk treten mehrere Personen in Grup- pen oder einzeln hervor. Fast am linken Rand auf der tiefsten Abbaustufe erkennt man eine Frau mit Kind, die allem Anschein nach einem Bergarbeiter das Essen gebracht hat und sich nun entfernt. Das Kind scheint sich noch zum Vater hin umzudrehen. Die Frau trägt einen roten Rock, eine hellere Schürze, eine helle Bluse und ein helles Kopftuch. Im rechten Arm hält sie einen Korb, womit sie wohl die Mahlzeit ge- bracht hat. Etwas mehr nach rechts, auf das Gestelle eines Karrens gestützt, steht wohl der Mann, ein Bergmann im blauen Kittel mit Mütze. Pu 7 a VA 7 VE BD 8 7 Se 0 2 HE BA BO RE 140 A SE 3 SE en A 4 ya ; ; N N 8 BO A ) N | PA - LO nn : 2 8 N A en . 8 UAE On VE N £ ” Sie brachten dem Mann bzw. Vater das Essen. Auf der höheren Abbaustufe oberhalb des Bergmannes arbei- ten vier Bergleute in Hemd mit Keilhauen, um das erzhaltige Ge- stein zu brechen. Auf einer noch höheren kleineren Abbaustufe sind ebenfalls zwei Bergleute beschäftigt.
87 Noch tiefer als die tiefste Abbaustufe geht ein Arbeiter in Hemd ohne Kittel, einen langen Pfahl tragend, in das Pumpenhaus hinein. Im mittleren Teil des Bildes erkennt man wieder verschiedene Bergarbeitergruppen. Unterhalb der Stallungen, am Ende der mittle- ren Abbaustufe, sind zwei Arbeiter entweder vor dem Eingang eines Stollens oder beim Abbruch. der Wand beschäftigt. Auf der unteren Abbaustufe, etwas mehr nach links, leitet ein Fuhrmann ein Pferd zu einer Gruppe dreier Bergleute, die einen Karren laden. In der rechten Ecke dieser Abbaustufe stehen vier Arbeiter, davon einer mit Hut und Kittel, vielleicht ein Aufseher, der allem Anschein nach darauf wartet, daß nach einer gerade erfolgten Sprengung mit dem Abbau begonnen werden kann. Ein anderer Bergmann steht abseits etwas zurück am Rande einer Vertiefung. Bei ihm erkennt man gut die helle Zipfelmütze. 8A 3 E K En SEE VE VS ” DE Ye VA | A . Bi ba Ps : KR EZ Od - A SP ZZ 2 En # _ ACH NL Os . HS en 5 KU A KEN \ PO "um OA Yo Mn X I En S A 8 ; Sa * 9... 8 een HI EEE Ba Essenspause
89 Auf der oberen rechten Bildpartie erscheinen noch einige Per- sonen in der Nähe der Schmiede und eine am Eingang der Zimmer- mannswerkstatt. Auf seinem Gemälde hat Bastine es verstanden, nicht nur eine industrielle Landschaft bis ins Detail zu präsentieren, sondern uns auch gezeigt, daß er ein guter Beobachter des Betriebs war. Er hat es geschafft, die verschiedenen am Bergwerk arbeitenden Personen- kreise sehr lebendig darzustellen und die feinen Unterschiede der so- zialen Schichten zu unterstreichen. Auffallend ist, daß unser Gemälde von Bastine Herrn Dr. Felix Kuetgens unbekannt geblieben war. In seinem Verzeichnis der Gemälde in chronologischer Reihen- folge, das 82 Werke aufweist, wird es nicht erwähnt (23). Es gehört der allerletzen Schaffensperiode des Künstlers an, der am 14. Januar 1844 im Alter von 61 Jahren verstarb. Der vorwiegend als Porträtist schaffende Maler hat sich erst in seinen letzten Lebensjahren der Landschaftsmalerei verschrieben. In seinem Werkverzeichnis sind die Nr. 73 bis 80 Landschaften. Andere Teildarstellung des Altenberges von Bastine Die Nr. 79 des Werkverzeichnisses wird von Dr. Felix Kuet- gens als ”Ziegelei” angegeben und auch auf Seite 61 seiner Studie abgebildet (Abb. 62). Dazu vermerkt der Autor, S. 62, Note 47, es handele sich um eine unvollendete Landschaftsstudie, Leinwand auf Pappe, 24 cm hoch und 35 cm breit, die laut alter Aufschrift auf der Rückseite eine Ziegelei bei Altenberg darstellen soll. Es ist die siebte und vorletzte Landschaftsmalerei des Verzeichnisses. Ver- gleicht man diese kleine Studie mit unserem Gemälde, so stellt man sofort fest, daß es sich in Wirklichkeit um den Tagebau am Nordla- ger des Altenberges handelt. Auffallend ist, daß auf dieser Studie alle auf unserem Gemälde dargestellten Personen fehlen. Es steht nur ei- ne einzige weiß gekleidete Frau vorne in der Mitte. Ebenfalls fehlen mehrere Gebäude, so die neue Direktorwohnung und die Stallungen und vor allem das große Wasserrad. Dagegen sind Häuser im Hin- tergrund, die Schmiede mit Aufseherhütte, das Gebäude des Pum- penschachtes und die Hütte des Luftschachtes deutlich zu erken- nen, auch das hölzerne Transmissionsgetriebe zwischen Pumpen- werk und Wasserrad ist mehr als angedeutet, wenn auch das Was- serrad selbst fehlt. Es handelt sich also auf keinen Fall um eine Zie- gelei, sondern eindeutig um den großen Tagebau des Altenberger
90 Galmeierzlagers. Es ist wohl anzunehmen, daß diese Studie als Vor- stufe zu unserem größeren Gemälde gedient hat. Der Altenberg auf einem Stahlstich aus dem Jahre 1847 In der Pariser Zeitschrift ”L’illustration, Journal universel” Nr. 214, Ausgabe IX, von Samstag, dem 3. April 1847, erschien S. 75- 77 ein Artikel über die Fabriken der ”Vieille-Montagne” und insbe- sondere über Gewinnung und Verarbeitung des Zinks, Arbeitsglie- derung sowie Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitneh- mer. Dieser Artikel scheint vom damaligen Generaldirektor Charles de Brouckere (24) angeregt worden zu sein, der auch darin persön- lich zu Wort kommt. Unter den vier veröffentlichten Abbildungen befindet sich auch der Altenberger Tagebau (Extraction de La Cala- > mine ä Moresnet). a zZ ESS za ES OO ——— EZ SS GTZ EEE U NIE DEZ mE N Da PEST NEE FTTTZ Nez‘) DS ED OS ZZ X PER EEE Zw AHA O7 Sc ae BE es FI Ef AN AU ES Mn NAT. U N NZ 8 AAN BES e PO Sa x De NA SE Ta ZEN X EEE ZEN AO FÜ ZN SO BR) = DER Sa DZ Ph A WA a FE > SS OR Da Ya SSL ESS SS ET SE EEE, Die Altenberger Grube in ”L’Ilustration, Journal Universel”
91 Im Vergleich zum Gemälde von Bastine, der den Betrieb vier Jahre zuvor darstellte, ist derselbe hier viel einfacher und weniger kunstvoll dargestellt. Der Standort des Künstlers ist auch ein etwas anderer, Er hat sich nicht am Fuße des Pumpenwerks wie Bastine hingestellt, sondern auf eine Anhöhe südwestlich vom Tagebau. In Hintergrund erkennt man oberhalb des Tagebaus die neue Direktorwohnung, die heutige Parkvilla, daneben die Stallungen und etwas mehr nach rechts einige Häuser. Darunter betont die 1845 von der Vieille-Montagne gebaute Kapelle, in welcher die erste Messe am Sonntag, dem 10. September jenes Jahres, gefeiert wurde (25). Die Kapelle stand auf dem der späteren Apotheke der Vieille- Montagne — heute Wohnhaus Dr. L. Schifflers — nach Norden an- grenzenden Grundstück. Am deutlichsten ist das gesamte Pumpenwerk dargestellt, un- verändert wie im Bilde von Bastine. Dagegen scheint der Tagebau nun bedeutend tiefer ausgebeu- tet'zu werden und dies insbesondere links vom Pumpenwerk. Auf den verschiedenen Abbaustufen liegen die Schienen, worauf noch immer von Pferden gezogene Karren zur Förderung der Erzmassen fahren. Im Vordergrund hat der Künstler zwei Personen vor einer run- den Strohhütte dargestellt: ein Arbeiter und ein Meister? Ob dies mehr als ein Einfall des Künstlers ist, um das Bild etwas zu beleben, sei dahingestellt. Im begleitenden Text wird mitgeteilt, daß das Moresneter Eta- blissement damals 500 Arbeiter beschäftigte, darunter 400 beim ei- gentlichen Bergwerk, das 25.000.000 kg Erz jährlich liefert, woraus 6.500.000 kg Rohzink gewonnen werden. Plan vom 14. Januar 1833 Dieser Plan des Bergwerkes ist vom damaligen Direktor Jean- Baptiste Crocq selbst, ca. 10 Jahre bevor Bastin& den Tagebau mal- te, erstellt worden (26). Darauf wird das alte königliche Haus noch als Direktorwoh- nung eingezeichnet. Die Höhenangaben des Planes beziehen sich auf einen Punkt am Fuße der rechten vorderen Ecke dieses Hauses als Nullpunkt. Als weiteres Gebäude erkennt man nördlich des Tagebaus ein Haus Henrotai in der Schützenstraße und ein Haus Kolin unweit
93 der Ecke Schützenstraße-Albertstraße. Dieses Haus erscheint wahr- scheinlich noch auf dem Gemälde von Bastine in der Nähe der neu- en Direktorwohnung. Im Tagebau besteht noch der Schacht Nr. 5, wahrscheinlich mit einer kleinen strohgedeckten Hütte als Schachtgebäude. Durch die spätere Abteufung des Tagebaus muß dieses Schachtgebäude vor 1843 verschwunden sein, da Bastine es nicht malt. Das Pumpen- werk mit treibendem Wasserrad und der Luftschacht entsprechen den von Bastine gemalten Einrichtungen. Am Gebäude des Pumpenschachtes gibt ein Nagel die Nivellie- rung an: der Fußboden des Pumpengebäudes liegt 32,32 m tiefer als der Fußboden der alten Direktorwohnung. Weiter nach Südwesten 7 sind noch die drei Schächte 6 bis 8 eingezeichnet, die dem Maler 1843 im Rücken standen. Weiter nach Südwesten wird der Tagebau durch einen dolomitischen Fels begrenzt, hinter welchem das Haus Cuper am Krickelstein zu finden ist. Bevor der Tagebau vollständig aufgeschüttet wurde, waren dolomitische Felspartien noch sichtbar unterhalb der Häuser an der Ecke Neustraße-Krickelstein. - Dieser Fels ist wohl der obere Teil des ”Dolomits, der sich zwi- schen den Galmei eindrängt und zwischen dem Nord- und Südlager noch einzelne Galmeinester und Trümmer enthält”, wie Max Braun, der damalige Oberingenieur der Vieille-Montagne in seiner Beschreibung der Galmeilagerstätte des Altenberges 1857 dar- legt (27). Am Südflügel der Erzlagerstätte sind folgende Gebäude ent- lang der Lütticher Straße zu entdecken: das Haus Mingelbier im Bruch, die beiden neu errichteten Röst- oder Kalzinieröfen und da- vor das Galmeilager. Im Gebäude steht auch ein Mühlenrad, das ei- ne Galmeimühle zum Mahlen des gerösteten Galmeis antreibt. Von dieser Anlage bestehen heute noch hinter dem früheren Laboratori- um von der Straße aus sichtbar, Reste der aus Bruch- und Ziegel- steinen gebauten Röstöfen, die den Kalköfen ähneln. Weiter in Richtung Aachen auf der rechten Straßenseite das Haus Francois, genannt Penning, nach dem Erbauer, dem früheren Schmied beim Altenberger Betrieb Wilhelm Anton Pennings (28), dann höher links das Haus Hermanns, ein früheres Löherhaus mit Werkstatt, worin später die sogenannten Herrenhäuser der Vieille-Montagne eingerichtet wurden. Gegenüber das Haus Carabin, heute Gastwirtschaft, und am Eingang der unteren Vonsstraße, später Kapellstraße, die Stallun-
94 gen Hermans, die auch später durch die Vieille-Montagne zu Beam- tenwohnungen umgebaut wurden, Im Tagebau sind deutlich fünf Abbaustufen erkennbar. Am Nordflügel sind auch vier Abbruchstellen zu sehen, in der nordöstli- chen derselben sind Treppen, die vom Tagebau zur Direktorwoh- nung führen, angelegt worden. Auf der Anhöhe südlich des Südflügels des Tagebaus stehen schon Schmiede mit Aufseherhütte und Zimmermannswerkstatt. Aus den Angaben des Planes ist ersichtlich, daß der Fußboden der Schmiede 14,969 m tiefer als der Fußboden der alten Direktorwoh- nung liegt. Der Plan gibt noch den Verlauf der teilweise unterirdischen Kanäle an. Ein Kanal bringt das Wasser der Göhl und des Tüljeba- > ches zum oberen Mühlenteich des großen Wasserrades, welches das Pumpenwerk antreibt, und zum neuen Wasserrad, welches die Gal- meimühle in Bewegung setzt. Der untere Mühlenteich, in welchen sich auch die hochgepumpten Gewässer der Bergwerkes ergießen, führt wieder zur Göhl. Er entspringt dem schon 1562 angelegten Entwässerungsstollen. Dieser unterirdische Mühlenteich besteht heute noch als Abflußkanal der Kelmiser Abwässer und ist als Berg- kanal bestens bekannt. Plan des Jahres 1847 Im Jahre 1847 verfertigt Direktor Adolphe van Scherpenzeel- Thim einen neuen Bergwerksplan (Plan superficiel de l’exploitation de Moresnet). Auf demselben erkennt man an der Lütticher Straße die neue Zinkhütte mit Nebenanlagen. Südlich des Tagebaus bestehen noch die beiden Gebäude, die 1833 als Schmiede und Zimmermanns- werkstatt angegeben sind. Im Westen sind ebenfalls das große Was- serrad, der Pumpenschacht und der Luftschacht angegeben. Etwas mehr westlich ist eine neue, größere Schmiede gebaut und noch etwas weiter westlich ein neuer Schacht geteuft worden. Letz- terer trägt den Namen Saint Paul des neuen Generaldirektors Louis Alexandre-Saint Paul de Sincay (29). Am Nordflügel der Lagerstätte sind auf Höhe zweier Abbaustufen je zwei Versuchsstollen getrie- ben worden. Die tiefsten Schichten des Nordlagers werden nun im Untertagebau mittels eines neuen geteuften Schachts gewonnen. Westlich des Krickelstein-Dolomitfelsens sind vier weitere Schächte auf dem sogenannten Südlager erkennbar. Zwischen den- selben und der Hütte wird noch ein neuer Schacht geteuft.
95 Östlich vom Tagebau entdeckt man die neue Direktorwoh- nung, die Stallungen und das Haus Collin. An der westlichen Seite der Kapellstraße zwei Häuser und die Kapelle. Etwas mehr nach Westen drei Häuser am Ort genannt Kaldenbach und dann an der - Lütticher Straße das Haus Carabin und ein weiteres zwischen Kal- denbach und Kapellstraße. Schlußfolgerungen A Die beschriebenen Dokumente geben ein Bild des Altenberger Betriebes in den Jahren 1833 bis 1847, d.h. kurz vor der von der Ge- sellschaft ”Vieille-Montagne” um 1850 durchgeführten Modernisie- rung des Betriebes, wie sie uns Maugendre auf seinen bekannten Lithographien dargestellt hat. Die gemachten Erkenntnisse ermöglichen es uns, ein Bild der Arbeitsweise zu gewinnen, wie sie während Jahrhunderten am Al- tenberge vorherrschte. Unter den analysierten Dokumenten ist das Gemälde von Ba- stine bei weitem das lebendigste. Anmerkungen: (1) PAUQUET, Firmin, ZIMMER, Peter, CLAES, Peter, KLÖCKER, Eddy, RU- LAND, Herbert: Arbeit, Kampf und Glaube. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte und zum Werdegang der Christlichen Arbeiterbewegung im Kelmiser Raum, CSC Verviers, 1987, 200 S. Siehe S. 55. (2) PAUQUET, Firmin: L’exploitation de la Vieille-Montagne au XVII“ siecle. Pu- blications de la Societe d’Histoire et d’Archeologie de Herve. Liege, Jullien, 1970, 62 5. - S. 33. (3) CONSTANS, fils (de Paris): Tableau politique du departement de l’Ourthe. Bru- xelles, Lemaire, An IX. 150 S. Siehe Seiten 50-56. (4) BROWN, Edward: A brief account of some travels in divers parts of Europe. London, Benj. Tooko, 1680. - Naukeurige en gedenkwaardige reysen. Amsterdam. Jan ten Hoom, 1682. (5) PAUQUET, Firmin: Vieille-Montagne. S, 19, Note (22) - S. 23 (6) Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Finanzrat, 1194. (7) Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Cartes et Plans manuscrits, Nr. 1107. (8) LE HON, Comte: Rapport sur la concession des mines de la Vieille-Montagne fait le 16 avril 1849 au Conseil d’administration de la societe. Bruxelles, Devor- ge, 1853, 184 p. Siehe Annexe G, S. 76. (9) PAUQUET, Firmin u.a.: Arbeit, Kampf und Glaube. S. 50. Archives Nationales, Paris. F. 14, 10303 - Plans et coupes 1808-1812. (10) Adophe-Hubert van Scherpenzeel-Thim wurde am 2. Juni 1824 in Venloo gebo- ren. Er studierte an der Universität Lüttich und wurde Mitbegründer des Inge- nieurverbandes dieser Universität (A.I.Lg.). Im September 1847 wird er als Di-
96 rektor der Zinkhütte zu (Neutral-) Moresnet ernannt. Am 26. August 1854 wird er von den beiden Königlichen Kommissaren für die Verwaltung des Neutralen Gebietes zum beigeordneten Bürgermeister und am 21. Februar 1859 zum Bür- germeister ernannt. Er ist der Initiator der Pfarrgründung im Jahre 1858 und wohl deswegen wurde eine Kelmiser Straße (Thimstraße) nach ihm benannt. Kurz danach mußte er Neutral-Moresnet am 30. Mai 1859 verlassen, da er ab dem 1. Juni die rheinischen Betriebe der Vieille-Montagne in Mülheim und Bor- beck zu leiten hatte. Im Jahre 1871 kam er nach Belgien zurück als Direktor des Betriebes von Valentin Cocq in Hollogne-aux-Pierres bei Lüttich. Adolphe von Scherpenzeel-Thim verstarb am 20. Mai 1877. (11) In der Lithographien Sammlung, mit welcher der französische Künstler Mau- gendre seitens der Vieille-Montagne beauftragt wurde und die in einem kunst- vollen Album der Gesellschaft ediert wurde, befinden sich Aufnahmen des Al- tenberger Betriebes um 1850, und zwar eine Gesamtansicht von der Anhöhe oberhalb Kelmiser Mühle aufgenommen, eine Ansicht des Nordlagers von der Ecke Lindenweg-Schützenstraße aus, eine Ansicht des Südlagers, eine Ansicht des als ”Plaine” bekannten Aufstapelungslagers der Erze sowie eine + Außenansicht der Zinkhütte. All diese Lithographien sind im Göhltalmuseum zu bewundern. (12) Bericht der Herren Max Braun, Oberingenieur, und von Carnall, Konsulent, vom 10. Februar 1850. (13) PAUQUET, Firmin: Vieille-Montagne. S. 26-29 + S. 49-50. Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Rechnungskammer, 50629. Es sei darauf hingewiesen, daß die Bergarbeiter 9 bis 10 Stüber täglich verdienten, so daß das Pumpenwerk ca. 18.500 Tageslöhne eines Bergarbeiters darstellte. (14) Allgemeines Reichsarchiv. Finanzrat 87, 1194-1204. (15) Idem. Finanzrat 1203. (16) Privatarchiv Pauquet. Notizen aus den Berichten der Bergwerksdirektoren der ”Agence de Moresnet” der Vieille-Montagne”. (17) Privatarchiv Pauquet. ”Plan de Vexploitation calaminaire de la Vieille- Montagne leve et dresse par J.B. Crocgq, Directeur. Fait a La Calamine le 14 jan- vier 1833. Echelle 1:1000” Kopie auf Pauspapier. Original im Archiv der Vieille-Montagne, Angleur. (18) Nationalarchiv, Paris, F. 14, 10 303. Plans et coupes 1808-1812. (19) Archiv Vieille-Montagne, Angleur. (20) Aachener Kunstblätter, Nr. 14. S. 65-136; 63 Abbildungen - Sonderdruck, 71 S.; Johann Baptist Joseph Bastine, der vergessene Schüler Davids und der erste Leh- rer Alfred Rethels. Aachen, 1928. Siehe auch GIELEN, Viktor: Tausend Jahre Nachbarschaft. Lüttich. Aachen, Maastricht. Eupen, Grenz-Echo, 1979, 211 S. Siehe S. 153-156. (21) Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Rechnungskammer, 2461. f° 320; 140, F° 86 ff.: ”eenen iongen ofte twee, om die gewoenlijcke kerren te vaeren”. (22) Allgemeines Reichsarchiv Brüssel. Quittungen der Rechnungskammer (Acquits). 362 - Contrerolle (89 Blätter). (23) KUETGENS, Dr. Felix: Bastine (Siehe 20). S. 70-71. (24) Charles de Brouckere wurde 1796 in Brügge geboren und verstarb 1860 in Brüs- sel. Er war Mitbegründer der ”Banque de Belgique” und der Aktiengesellschaft ”Vieille-Montagne” und Vize-Präsident des Verwaltungsrates der Letzteren vom 24. Mai 1837 bis 1841. Anschließend wurde er Direktor der Gesellschaft in Belgien bis 1846. Er war Mitglied des Repräsentantenhauses, Kriegsminister, Professor an der Freien Universität Brüssel und Bürgermeister von Brüssel. Aus dem Verzeichnis seiner Publikationen seien ”Principes generaux d’&cono- mie politique, Brüssel, 1851” und ”La charite et l’assistance publique. Conferen-
97 ces. Brüssel, 1853” erwähnt. Er war der Initiator der Sozialpolitik der Vieille- Montagne, die sein Nachfolger weiter ausdehnte. (Centenaire de la Societe des Mines et Fonderies de Zinc de la Vieille-Montagne. 1837-1937. Liege, Desoir, 1937. 114 S.) (DE SEYN, Eugene. Dictionnaire biographique des Sciences, des Lettres et des Arts de Belgique. Bruxelles, L’Avenir, 1935. Bd. 1. S. 212.) (25) PAUQUET, Firmin: Hundert Jahre Pfarre Kelmis. 1858-1958. Notizen zur Pfarrgeschichte. Eupen, Braun, 1958, 32 S. Siehe S. 8, 10. (26) Jean Baptiste Crocq tritt am 31. Mai 1831 in die Dienste der Vieille-Montagne als Direktor des Moresneter Betriebes, den er bis zum 1. Juli 1839 führte. Unter seiner Leitung werden 1833-1834 die ersten Schienen für das Rollen der belade- nen Förderkarren angelegt. Von 1834 bis 1835 wird auch die erste Zinkhütte in Neutral-Moresnet gebaut. Unter Anweisung des Herrn Emile Mosselmann ließ Crocq auch die ersten Röst- oder Kalzinieröfen mit Feuerzug in der Nähe der Lütticher Straße bauen. Diese Öfen mußten 1847 der neuen Halle zur Bearbei- tung der feuerfesten Tonwaren (Tiegel u.a.m.) weichen. Crocq verläßt Mores- net, um Hilfslehrer bei der Genter Bauwesenschule (Ecole de genie civil) und Bauführer beim Straßenbauamt zu werden (Mitteilung der Generaldirektion der Vieille-Montagne). (27) BRAUN, Max: Über die Galmeilagerstätte des Altenberges in Zusammenhang mit den Erzlagerstätten des Altenberger Grubenfeldes und der Umgebung. In Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft. Nr. 9, 1857. S. 354 ff. (28) Im Schlußstein oberhalb der Haustür ist die Inschrift AO 1776 JHS WAP ABG zu lesen. Wilhelm Anton Pennings war mit Anna Barbara Groenenschild, der Tochter seines Vorgängers als Schmied beim Alten- berg, verheiratet. (29) Louis Alexandre Calley Saint Paul de Sincay wurde in Paris am 3. Juli 1815 als Sohn des Paul und der Alexandrine de Normandie geboren und verstarb in An- gleur am 28. Juli 1890. Im Jahre 1846 wurde er Direktor der Vieille-Montagne in Belgien. Unter seiner Leitung gewann die Gesellschaft Weltbedeutung, u.a. durch Ausdehnung der Gruben und der Hütten in Frankreich, Deutschland, Schweden, Algerien und Sardinien. Im Jahre 1889 ließ er eine neue Hütte in Baelen-Wezel am Kempener Kanal in der Nähe des Antwerpener Hafens bauen, die noch heute der größte Betrieb der Gesellschaft in Belgien ist. Als Generaldi- rektor der Gesellschaft ab 1856 hat er aus ihr den größten Zinkproduzenten der Welt gemacht. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten sowohl im technischen wie im wirtschaftlichen Bereich und sein Weitblick ermöglichten diesen gewalti- gen Aufschwung. Die Gesamtproduktion der ”Vieille-Montagne” stieg von 3.631 Tonnen Zink im Jahre 1840 auf 60.846 Tonnen 1900. Im Jahre 1910 zähl- te die Gesellschaft 38 Betriebe in zehn verschiedenen Ländern und eine Beleg- schaft von 12.000 Arbeitern und 500 Angestellten. Er bemühte sich auch mit Erfolg, die von seinem Vorgänger schon eingeleitete Sozialpolitik zugunsten der Belegschaft auszubauen. "Für ihre sozialen Einrichtungen erhielt die ”Vieille-Montagne” mehrere Preise bei der Pariser Weltausstellung von 1867, (Biographie Nationale. Bruxelles, Academie, Bd. 21. 1911-1912. S. 120-129).
98 La guerre scolaire ou la lutte heroique des Montzenois en 1879 par Jos. Langohr La moitie du 19° siecle vient de s’achever quand, en 1851, Jean Joseph Nyssen, anciennement po6te et litte&rateur a l’ecole normale de Rolduc, fit appel d’une part 4 Mademoiselle Catherine Scharren- broich et ä4 Monsieur Edouard Langohr d’autre part afın d’assurer Venseignement ä l’ecole de Montzen; l’abbe Nyssen etait alors pas- teur avant de devenir doyen ä Stavelot. A cette epoque l’enseignement n’etait pas obligatoire; en 1905, , on comptait encore 25 % d’hommes et 35 % de femmes analphab6- tes; l’&cole n’a ete rendue obligatoire qu’a partir de mai 1914; dans les ”dix communes” la langue allemande a €te remplac&e par la lan- gue francaise apres la premiere guerre mondiale. Une classe pour garcons €tait organisee, du moins avant 1876 (date de la construction de l’actuelle maison communale et de son Ecole), dans une chambre ä l’etage du cafe ”Deux Fontaines” et ceci sous la conduite experte de Monsieur Edouard Langohr, alors que les filles etaient prises en charge par Mademoiselle Scharrenbroich dans la maison d’un petit tailleur d’habits, Bischof-Coenen; l’ardeur et le zele de cette institutrice sont restes legendaires dans la memoire de quelques Montzenois. A Montzen, la vie journaliere s’&coulait paisiblement au rythme de la culture villageoise et paysanne de l’epoque jusqu’au jour oü la politique de Frere Orban vint perturber et troubler la tranquillite des braves citoyens. En effet, en 1878, Henri van der Heyden, de la lignee noble des van der Heyden (dit Belderbusch) officiait en tant que bourgmestre liberal et bien entendu adversaire de l’&cole libre qui subit a l’epoque la tristement celebre loi dite ”loi de malheur”. Les crucifix ”valserent” hors des classes, les cures furent inter- dits dans les &coles, les enseignants chretiens furent mis au ban de V’ecole officielle. A propos de l’&cole de Montzen, et par ailleurs aussi des autres Etablissements d’enseignement de notre region, la prise de position de l’eveque de Liege Monseigneur Doutreloux etait sans €quivoque: ”seuls pour des motifs particuliers et exceptionnels” quelques insti- tuteurs pouvaient encore garder leur charge ä l’&cole officielle; ’Eve- que se montra intransigeant quant ä l’application de cette regle.
99 Cest alors que les Montzenois ”monterent sur les barricades” sous la conduite du cure Nicolas Lamberts (futur 1° doyen de Montzen par decision du synode, le 29 mai 1888); il mit reellement F’&cole libre sur les rails. S Mademoiselle Scharrenbroich, enseignante par vocation et par idealisme chretien, demissionna de son poste officiel afin de rester fidele a l’Eglise; elle se donna corps et äme ä sa nouvelle fonction de maitresse d’&cole libre pour filles; son zele et sa competence furent d’ailleurs reconnus plus tard par le gouvernement qui lui decerna la möedaille du merite de 1'° classe. Monsieur Edouard Langohr, arrive de Rolduc et naturalise belge en 1870, fut entre-temps promu inspecteur de l’enseignement officiel dans notre region; il n’hesita pas un instant ä renoncer ä sa belle situation pour suivre la m&me destinee que sa collegue et retro- grada ainsi au poste d’instituteur de l’ecole libre pour garcons. Les moteurs de la nouvelle structure scolaire etaient en place, resta a creer le comite scolaire. Celui-ci fut constitue des membres suivants: Messieurs: - Lersch, president - Duyckaerts Theodore - Pauly Lambert - Ernst Arnold - Pelzer Nicolas - Klinkenberg Winand - Langohr Edouard, secretaire - Von Troyen de Broich - Xhaflaire, notaire, tresorier - Lamberts Nicolas, cure. Le cure Lamberts devint bailleur de fonds; lors de la collecte speciale dans la paroisse en octobre 1879, il r&colta parmi les 1715 habitants montzenois la somme extraordinaire de 13.000 Fr. Quand on sait qu’un verre de biere coütait a l’epoque 10 cts! ”M' le Vicaire etant allemand, n’osait pas collecter; il &tait menace d’&tre mis a la frontiere s’il s’etait compromis dans la lutte” &crit le cure Lamberts. Les Montzenois joignirent l’utile a l’agreable en organisant un bal annuel, rapportant 700 ä 800 Fr., assurant ainsi le soutien de fonctionnement de la nouvelle &cole. De suite commenca la construction des nouveaux bätiments scolaires a ”Bomke”, c.-a-d. l’actuel cercle paroissial appele dans notre dialecte ”Poutes”. (”Put” signifiait ”gosse”, ”Putes” pourrait Etre traduit par ”maison des petits (gosses”). Une autre interpreta-
100 tion — dest peut-&tre de l’ethymologie populaire — repose sur le conflit existant entre les liberaux et les catholiques. Ces derniers appelaient la maison des liberaux — la maison Demoulin — ”blau jaar”, Faisant allusion a la forme du bätiment scolaire des catholi- ques (designes comme les ”noirs””), les liberaux auraient alors appele la nouvelle &cole ”Poutes”, c.-ä-d. ”boudin noir”.) Quel dommage qu’on ne donne pas ä cette salle un nom plus significatif, comme par exemple salle de la Rousseliere! En effet, le baron de la Rousseliere offrit le terrain et une somme importante de 3.000 Fr., tandis que les fermiers chariaient gratuitement les terres; la construction plus le mobilier coüta 14.687,89 Fr. ln n nn 2 r n Dan ir ms - N ar 2 Le ”Poutes”, actuellement le Cercle Paroissial, rue Hubert Denis C’est dans cette maison - place communale - que s’ouvrit en 1881 une 6cole complementaire, Les nouveaux locaux furent benits le 1° dimanche de mai en 1880; c’etait jour de communion solennelle 4 Montzen. Apres les v6pres a l’eglise, tout Montzen se rendit en procession, musique et drapeau en tete, vers l’actuelle rue Hubert Denis. , L’&cole catholique vecut une Eclosion formidable. Elle fut fre- quentee non seulement par les villageois, mais aussi par de nom- breux etrangers a la commune gräce au savoir faire des enseignants. Dejaä au cours de la deuxieme annee de son existence une &cole com- plementaire fut ouverte dans la maison privee de l’inspecteur Lan- gohr; on engagea Monsieur Louis Crahay comme sous-instituteur,
102 2° Fourniture classique aux indigents, assurances, contribution, dis- tribution des prix, nettoyage... entrainaient une depense de 4.300 Fr. Au mois d’octobre 1882, Mgr. l’Eve&que nomma Monsieur Edouard Langohr inspecteur de quelques &coles libres de la region au traitement de 400 Fr., tout en restant instituteur libre, charge qu'il assuma jusqu’a sa nomination d’inspecteur a Wavre. En 1884, le pouvoir liberal fut renverse et remplace par les catholiques; l’&cole libre fonctionna toutefois sans subsides jusqu’en 1885. Elle devint par la suite &cole communale. Ainsi s’acheva le plus beau combat de l’histoire de Montzen. Sources: - Archives paroissiales; notes du doyen Nicolas Lamberts - Notes personnelles de M" le Cure Ernest Langohr - L. Gielen, plaquette souvenir 325° anniversaire du Tir St. Etienne - Grenz-Echo du 21.9.1950.
103 Peter Zimmer ? Wir haben die traurige Pflicht unseren Mitgliedern und Freun- den den Tod unseres Präsidenten und Ehrenpräsidenten Peter Zim- mer mitzuteilen, der am 2. Februar 1990 im Alter von 82 Jahren verstarb. Seit acht Jahren lebte er im Katharinenstift zu Astenet, wo er seine Ehefrau Elise, geborene Müllender, am 17. März 1989 ver- lor. Peter Zimmer leitete von 1969 bis 1982 mit viel Engagement und großem Erfolg die Geschicke unserer Vereinigung. Er war geboren am 16. Dezember 1907 zu Preußisch- Moresnet, das im Jahre 1918 Neu-Moresnet wurde. Nach seiner Schulzeit arbeitete er auf einem Bauernhof und wurde später Berg- mann bei der heimischen Vieille-Montagne. Wenn auch die Schließung einen Arbeitsplatswechsel in den Kohlebergbau erfor- derlich machte, blieb er seinem Beruf bis zu seiner Pensionierung treu. Schon früh trat er der Gewerkschaftsbewegung bei und wurde bald in den nationalen Vorstand der Zentrale der ”Freien Bergleu- te” berufen. Im Zweiten Weltkrieg geriet er wegen seiner politischen Grundhaltung in Konflikt mit den damaligen Machthabern und sah sich zwingend genötigt, seinen geliebten Heimatort zu verlassen. Bei den im Jahre 1946 stattgefundenen Kommunalwahlen war er Spitzenkandidat der ”Christlichen Einheitsfront” und erhielt un- mittelbar ein Mandat in den Kelmiser Gemeinderat. Im jahre 1958 wählte man ihn zum 1. Schöffen und als solcher übernahm er nach dem Tode von Peter Kofferschläger im Jahre 1960 für vier Jahre das Amt des Bürgermeisters. Als Vorsitzender des Kelmiser Bergmannsvereins knüpfte er zahlreiche Kontakte zu Grubenarbeitervereinigungen des In- und Auslandes und leistete damit einen Beitrag zur Völkerverständi- gung. Nicht nur als Vertreter öffentlicher Ämter fand er eine gebüh- rende Anerkennung, sondern aüch durch seinen frühen Beitritt in die Jugendbewegung verschaffte er sich durch Gesang, Theater- spiel, die Pflege und Erhaltung der Muttersprache unvergessene Er- folge. Als volkstümlicher Autor von Gedichten und Bühnen- stücken, die in zahlreichen Orten unserer Gegend von den Theater-
105 Auf dem Büchermarkt + von Alfred Bertha ”Die Autoren der verschiedenen Kapitel... haben oft wählen müssen. Selbst die Höhepunkte des Kulturlebens im Limburgischen konnten bei weitem nicht alle erwähnt werden.” So schreibt Gou- verneur J. Kremers im Vorwort zu ”Limburg — Kunst und Kultur in Limburg”, herausgegeben von der Limburgischen Provinzialverwaltung, 1989, aus Anlaß des 150. Jahrestages der Gründung der niederländischen Provinz Limburg. Als Mitarbeiter an diesem prachtvollen 234 Sei- . ten starken großformatigen Text- und Bildband konnten hochquali- fizierte Wissenschaftler gewonnen werden. Dr. M.E.Th. de Grooth für die Archäologie und Siedlungsgeschichte bis zum Jahre 1000 n. Ch., Prof. Dr. J.J.M. Timmers für die Kapitel ”Kirchen, Schlösser und Wohnhäuser vor 1800” sowie für die Bildhauerei, die Malerei und das Kunsthandwerk; P.L.M. Mertens und A. Peters bearbeite- ten das Thema ”Baukunst von 1839 bis 1989” und K. Sarneel zeigt die Entwicklung der Malerei von 1800 bis 1945, während Alexan- der van Gravenstein die Wege der Malerei und Skulptur nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgt. Was heute die niederländische Provinz Limburg darstellt, ist ein vergleichsweise junges Gebilde. ”Limburg” bezeichnete ur- sprünglich das Herzogtum gleichen Namens mit der hoch über der Weser gelegenen Festung Limburg als Hauptstadt. Erst 1815, nach dem Zusammenbruch des napöleonischen Reiches, wurde die Pro- vinz Limburg, vor der Franzosenzeit ein bunter Flickenteppich auf der Karte Europas, geboren und als 17. Provinz dem Königreich der Niederlande angegliedert. Die Grenzen jener neuen Provinz deckten sich in den großen Linien mit jenen des Gesamtgebietes der beiden heutigen Provinzen niederländisch- und belgisch-Limburg. 1839 kam es zur Trennung beider Provinzen, wobei kurioserweise die niederländische Provinz dem Deutschen Bund beitrat, sozusagen als Ausgleich für den Ver- lust der belgischen Provinz Luxemburg. Hätte man damals eine, freie Volksbefragung durchgeführt, so wäre ohne Zweifel eine Mehrheit der niederländisch-Limburger für einen Anschluß an Bel- gien gewesen... Mit ”Holland” verband die Limburger seit jeher we- nig. Was in diesem Gebiet zwischen Venlo und Maastricht (in der Form einem auf den Kopf gestellten Seepferdchen ähnlich) an Zeugnissen kulturellen Schaffens, vor allem in Architektur, Plastik
106 und Malerei zu finden ist, das haben die Autoren von ”Kunst und Kultur in Limburg” zusammengetragen. Ein handlicheres Format würde das Buch zu einem unersetzlichen Reisebegleiter in unsere leider viel zu wenig bekannte Nachbarprovinz machen. Der Text ist viersprachig — Niederländisch, Deutsch, Englisch und Französisch — gehalten. Die vielen Illustrationen, darunter ei- ne Reihe ganzseitiger Buntaufnahmen, sind von hervorragender Qualität. Die Provinzialregierung in Maastricht hat mit-dieser Ver- öffentlichung allen Heimatfreunden ein Werk von bleibendem Wert in die Hand gegeben. Dafür verdient sie Lob und Anerkennung. * x x * * W Die hier oben angesprochene Trennung der beiden limburgi- schen Provinzen war auch Gegenstand eines Kollogiums, das am 26. Mai 1989 in Alden Biesen unter dem Thema ”Eenheid en Schei- ding van de beide Limburgen” stattfand und dessen Wortbeiträge unter dem gleichen Titel im Verlag EISMA B.V., Leeuwarden/ Maastricht in der Reihe ”Maaslandse Monografien” erschienen sind. Neben der industriellen Entwicklung seit 1839 wurden behan- delt: Verkehrswege als Bindeglieder (?), Heirat und Partnerwahl in der Grenzstadt Maastricht 1830-1910, der Einfluß des Katholizis- mus auf das gesellschaftliche Leben in den beiden Provinzen sowie die Reaktionen auf die Teilung von 1839. Auch dies ein in jeder Hinsicht lesenswerter Beitrag zur Regionalgeschichte. * x * * * Der industrielle und wirtschaftliche Aufschwung Westeuropas im 19. Jh. verläuft parallel mit dem schnellen Ausbau des Eisen- bahnnetzes. In vielen Fällen bedingten beide einander. Bahnanschluß führte zur Ansiedlung von Industrie, Industrieanla- gen forderten einen Anschluß an das Schienennetz. Man weiß, wie energisch sich Dr. Hansemann dafür eingesetzt hat, daß die Strecke Köln-Antwerpen über Aachen geführt wurde und wie in der zwei- ten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die wirtschaftliche Erschließung der Eifel nur durch den Bau der Vennbahn möglich schien. Kleine und kleinste Orte brachten große Opfer, um eine Hal- testelle bzw. einen Bahnhof zu erhalten. In den Großstädten wur- den die Bahnhöfe zu den ”Kathedralen” des 19. Jh., wo die neuen Bauweisen in Stahl und Glas Anwendung fanden.
107 Die rasante Entwicklung des Transportwesens hat inzwischen zu einer immer stärkeren Verlagerung des Verkehrs von der Schiene zur Straße geführt. Eine große Anzahl nicht mehr wirtschaftlich ar- beitender Strecken wurden stillgelegt, Gleise abgebaut, Bahnhöfe abgerissen. e Am 5. Mai 1835 fuhr der erste Zug auf dem Kontinent auf der Strecke Mechelen-Brüssel. 1839 wurde sowohl die erste Strecke der Rheinischen Eisenbahn wie auch die der Düsseldorf-Elberfelder Bahn eröffnet. Zum 150. Jahrestag dieser Ereignisse erschien 1989 im Verlag J.P. Bachem in Köln Lutz-Henning Meyer, 150 Jahre Eisenbahnen im Rheinland, - Entwicklung und Bauten am Beispiel der Aachener Bahnen-, (Bd. 30 der Beiträge zu den Bau- und Kunstdenkmälern im Rheinland), 6715. Es ist das erste vollständige Inventar aller Eisenbahnbauten im Aachener Raum. Dr. Ing. Lutz-Henning Meyer ist Gebietsreferent im Rheinischen Amt für Denkmalpflege. Sein Interesse für die Bahn versteht sich also auch aus seinem Aufgabenbereich heraus. In unse- rer Zeit, wo sich die Denkmalpflege mehr und mehr auch der Indu- striebauten annimmt, ist ein solches Inventar eine Grundvorausset- zung für sinnvolles und gezieltes Vorgehen im Rahmen des Denk- malschutzes. Der Autor beschränkt sich jedoch nicht auf eine Auflistung der Strecken und Bauten. Er geht auch der Frage nach, welche Gründe für den Bau dieser oder jener Strecke ins Feld geführt wor- den sind, wie die wirtschaftliche Lage im Aachener Raum war, wie der Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Eisenbahngesell- schaften verlief, welche Zusammenhänge zwischen Eisenbahn und Bevölkerungsentwicklung bestehen. So wird diese sehr ins Detail ge- hende Arbeit nicht nur die Eisenbahn-Nostalgiker ansprechen, son- dern einen sehr viel breiteren Leserkreis finden. Für unseren Raum ist zu begrüßen, daß der Autor seine Unter- suchungen auch auf das diesseits Aachens liegende Grenzgebiet aus- gedehnt hat. Raeren, Eupen, Herbesthal, Montzen, Moresnet, Gemmenich, Bleyberg... Die Eisenbahngeschichte dieser Orte ist nicht losgekoppelt von jener Aachens zu sehen. Das letzte große Bauprojekt, das von der preußischen Staatsbahn durchgeführt wur- de, war übrigens die schon lange vor dem Ersten Weltkrieg geplante Strecke von Aachen-West über Gemmenich, Moresnet, Montzen, Vise nach Tongeren, die am 18. Februar 1917 eingleisig eingefahren wurde.
108 Ein umfangreicher Karten- und Bildteil führt anschaulich Streckenverläufe und Bahnaufbauten vor. Unter den Abbildungen sind zahlreiche historische Aufnahmen. In den Textteil eingestreut sind weitere 16 Seiten Farbbildaufnahmen, darunter beachtenswer- te Zeugnisse des 1983 abgerissenen Bahnhofs Herbesthal. Abgerun- det wird der hervorragend aufgemachte Ausgabe durch umfangreiche Orts-, Sach- und Personenregister, die das Aufsuchen bestimmter Einzelfragen erleichtern.