Im Göhltal ZEITSCHRIFT der VEREINIGUNG für Kultur, Heimatkunde und Geschichte im Göhltal Nr 33 August 1983 Veröffentlicht mit der Unterstützung des Kulturamtes der deutschsprachigen Gemeinschaft
Vorsitzender: Herbert Lennertz, Stadionstr. 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat: Lütticher Str. 56, 4721 Tülje, Neu-Moresnet. Lektor: Alfred Bertha, Bahnhofstraße 33, Hergenrath. Kassierer: Fritz Steinbeck, Hasardstraße 13, 4721 Neu-Moresnet. Postscheckkonto N" 000-0191053-60 Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten. Entwurf des Titelblattes: Frau Pauquet-Dorr, Kelmis. Diese Skizze zeigt den Moresneter Göhlviadukt sowie die Hergenrather Hammerbrücke in ihrer ursprünglichen Form. Druck. Jacques Aldenhoff, Gemmenich.
3 Inhaltsverzeichnis H. Beckers, Eilendorf Angriffsziel: Montzen Der Bombenangriff vom 28.4.1944 4 A. Bertha, Hergenrath Die Hergenrather Kalkwerke i (Forts. u. Schluß) 16 P. Zimmer, Astenet Bergmannslos (3. Forts.) 38 E. Barth, Eynatten Adress-Buch Eynatten 1927-28 56 W. Meven, Hergenrath Eine Gemeinde feiert 73 A. Bertha, Hergenrath Die Spielbank Altenberg 74 M.-Th. Weinert, Aachen Das Mobile 88 M. Komoth, Raeren Zum 100. Geburtstag des Raerener Schriftstellers Josef Ponten 89 L. Homburg, Fossei Vor 30 Jahren 96 L. Wichert-Schmetz, Schlehen 9 Bad-Driburg P. Zimmer, Astenet In Memoriam Leonard Kohl, gen. Nades 100 F. Nijns, Walhorn Gemmenich, mein Heimatdorf im Göhltal 104 A. Bertha, Hergenrath Die Kulturschande 109
4 Angriffsziel : Montzen Der Bombenangriff auf den Bahnhof Montzen am 28. April 1944 von Hubert Beckers So schmerzlich es ist, die furchtbare Zeit des Zweiten Weltkrie- ges noch einmal vor Augen zu führen, so wäre es doch nicht zu verantworten, einen dicken Strich unter diese Vergangenheit zu zie- . hen und sich damit zu begnügen, ”noch einmal davongekommen zu sein”. Die leidvolle Geschichte der Jahre 1939 bis 1945 sollte viel- mehr - gerade in unserer heutigen Zeit - als nie mehr zu übersehen- des Warnmal der jüngeren Generation, aber auch den heutigen Politikern, vor Augen führen, wohin politische Urteilslosigkeit unsere Völker bringen kann. 1. Die allgemeine Entwicklung des Luftkrieges in den Jahren 1940 bis 1944 Nach dem Scheitern der ”Luftschlacht um England” durch die Deutsche Luftwaffe, war diese von der erhofften Luftüberlegenheit in die Verteidigung gedrängt worden. Eine weitere entscheidende Verschärfung der luftstrategischen Lage brachte der Eintritt der USA in den Krieg Ende des Jahres 1941. Mit dem Jahre 1942 beginnt nunmehr der massierte Bombereinsatz gegen das deutsche Heimatkriegsgebiet. Die Stadt Lübeck ist das erste große Ziel in der Nacht vom 28. auf den 29. März. Es folgen Köln am 30./31. Mai 1942 - als erster ”1000-Bomber-Angriff” bekannt. Diese Angriffe zeigen, daß es sich jetzt nicht mehr nur um einzelne militärische Ziele oder Anlagen, sondern um die systematische Zerstörung von Flächenzielen handelt. Entsprechend hoch sind von nun an auch die Verluste der Zivilbevölkerung. Das Jahr 1943 sieht einen neuen Aufmarsch der beiden gegne- rischen Luftflotten, wobei die Alliierten, jetzt jedoch besser gerüs- tet, ihre konzentrierten Angriffe fortsetzen. Sie haben inzwischen Langstreckenjäger entwickelt, die einen besseren Geleitschutz über deutschem Boden bieten. Außerdem setzen sie jetzt vorzugsweise viermotorige Bomber ein. Damit beginnt die Zeit der schweren Nachtangriffe auf deutsche Städte.
5 Die entscheidende Wende im Luftkrieg über Deutschland bringt jedoch das Jahr 1944 (1). Hatte sich bisher gezeigt, daß die all- gemein gegen die Bevölkerungs- und Wirtschaftszentren geführten Luftangriffe nicht die von den Alliierten erhoffte Wirkung brach- ten, so traten jetzt klar überdachte strategische Gesichtspunkte in den Vordergrund. Neben den teilweise weitergeführten Terroran- griffen schälten sich nun zwei weitere Gruppen von Angriffszielen heraus: das Verkehrsnetz und die Betriebsstoffproduktion. In Nordfrankreich erreichten die planmäßigen Zerstörungen des Ver- kehrsnetzes einen Rückgang auf 13% des Eisenbahnverkehrs und bilden damit - und der dadurch bedingten Lähmung der deutschen Führung - eine wirksame Vorbereitung der Invasion. Wie sich die- selbe dann unter dem Schutz der alliierten Luftüberlegenheit vollzo- gen und durch die wirksame Unterstützung der gelandeten alliierten Verbände durch deren Luftwaffe zum Durchbruch ausweitete, ist genügend bekannt. 2. Der Bombenangriff auf den Bahnhof Montzen Daß bei diesen Luftangriffen auf das Gesamt-Verkehrsnetz -speziell im Westen - auch die damals deutsch-besetzten Gebiete nicht verschont blieben, zeigt u.a. der schwere Bombenangriff in der Nacht vom 27. zum 28. April des Jahres 1944, als gegen 1.00 Uhr die Bewohner von Montzen und Umgebung aus ihrem Schlaf ge- schreckt wurden. Alliierte Bomber schickten sich an, Viadukt und Bahnhof mit Bomben zu belegen. Da die Anflugrichtung jedoch nicht exakt durchgeführt wur- de, fiel die Mehrzahl der geworfenen Bomben außerhalb der eigent- lichen Verkehrsanlagen und innerhalb der Ortsbebauung Mont- zens. Dadurch blieb der Viadukt soweit unbeschädigt. Der Bahnhof selbst wies jedoch nach dem Angriff erhebliche Schäden auf. Aber (1) Am Sonnabend, dem 1. April 1944, beginnt eine neue Phase des Bombenkrieges : Der Einsatz der RAF-Bomber wird voll mit der Operation ”Overlord”, der für An- fang Juni geplanten Landung in Frankreich, koordiniert. An diesem Tage kommt das Bomberkommando unter den Befehl vom S.H.A.E.F. (Supreme Headquarters Allied Expeditionary Forces - Oberstes Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte), und für die nächsten fünf Monate wird Sir Arthur Harris (bekannt als ”Bomber-Harris”) nominell General Dwight D. Eisen- hower unterstellt. Während dieser Zeit kann der Air Marshall die Offensive gegen deutsche Städte nur dann weiterführen, wenn seine Bomber nicht für Angriffe im Zusammenhang mit ”Overlord” gebraucht werden. Daher stellt man die Groß-Nachteinsätze der RAF gegen das Reichsgebiet - abge- sehen von den laufenden Mosquito-Störangriffen - für einige Wochen fast völlig ein. Dagegen steigern sich die USAAF-Tagesangriffe.
6 auch im Ort Montzen selbst waren rund hundert Wohnhäuser ge- troffen worden. Totalschaden entstand an ca. vierzig Gebäuden. Schlimmer als alle materiellen Schäden waren jedoch die Verluste an Menschenleben. Insgesamt sechsundzwanzig Zivilpersonen im Ort selbst sowie rund fünfzig deutsche Wehrmachtsangehörige und Bahnbedienstete fanden bei diesem Angriff den Tod. Doch lassen wir die amtlichen Angaben sprechen. 3. Der Ablauf des Angriffs Es war eine kalte, trockene und klare Nacht zum Freitag, dem 28. April des Jahres 1944, mit leichter Bewölkung und einem schwa- chen Wind, als man genau um 1.02 Uhr ”Öffentliche Luftwarnung” > gab. Bereits wenige Minuten später, so berichten auch private Auf- zeichnungen, war der Himmel im Raum Eupen - Montzen - Mores- net durch zahlreiche Leuchtschirme taghell erleuchtet. Alliierte Bomberverbände griffen, mehrfach anfliegend (2), den Bahnhof Montzen konzentrisch und, infolge ungenügender Warnbefehle und Luftlagemeldungen, überraschend an. Flakabwehr war soweit nicht vorhanden. Die Stärke der feindlichen Verbände betrug etwa hundertzwanzig Flugzeuge. Die Anzahl der auf den Bahnhof und ‚die Gemeinden Montzen und Homburg abgeworfenen Bomben be- trug rund 1200 Sprengbomben schweren Kalibers mit Verzöge- rungszünder, zahlreiche Leuchtbomben sowie eine geringe Menge Stabbrandbomben. Hiervon wurden alleine auf Bahngebiet abge- worfen : 315 Sprengbomben, 22 Blindgänger und 30 Brandbomben. Zusätzlich schlugen etwa 150 Sprengbomben in unmittelbarer Um- gebung der Bahnanlagen ein. Das Ausmaß der Sprengbombenschäden entsprach dann auch der ungeheuren Wucht und Massierung dieses Angriffs. Trotz der aufgelockerten, in der Gegend üblichen ländlichen Bebauung, wur- den aufgrund der bereits erwähnten falschen Angriffsrichtung ins- besondere in dem Ortsteil Montzen-Cite die meisten Häuser zerstört oder beschädigt. In einem abschließenden Bericht der Deutschen Reichsbahn vom 13. Mai 1944 werden folgende Gebäudeschäden angeführt : 57 Totalschäden, 71 schwere Schäden und 277 leichte Schäden. Als (2) Es handelte sich nicht, wie oft fälschlich berichtet, um sogenannte Bombenteppi- che, sondern um ein viermaliges Überfliegen der Bahnanlagen durch die feindli- chen Bomberverbände.
7 Verluste an Menschen zählte man 66 Gefallene sowie 150 Verwun- dete. Unter den Betroffenen befanden sich viele belgische Eisenbah- ner mit ihren Angehörigen, die 1940, nach dem Einmarsch der deut- schen Truppen, von der Deutschen Reichsbahn übernommen wor- den waren. Die Zahl der Obdachlosen betrug insgesamt 410 Perso- nen. Von den obenangeführten Personenverlusten waren nach dem Stand vom 13. Mai alleine vierzehn Eisenbahner in Ausübung ihres Dienstes gefallen. Außerdem wurden zu diesem Zeitpunkt noch zehn Eisenbahner vermißt, mit deren Tod man jedoch nach Lage der Dinge rechnen mußte. Unter den Verwundeten zählte man zweiundzwanzig Eisenbahner. Die feierliche Beisetzung der getöte- ten Zivilpersonen fand am Sonntag, dem 7. Mai, auf dem Ehren- friedhof Montzen statt. Es waren : Duyckaerts Florent Otten Jean Duyckaerts Ernest Otten Lucie Duyckaerts Alberte Otten Rosalie Duyckaerts Joseph Franck Marie-Jose Vanderheyden Philomene Heusch Catherine Lemmens Rosalie Micheels Henri Cormann Marie Micheels Irma Bouche Eugenie Chantrain Marie Jaquemin Pierre Laixhay Hubert Kreuz Paul Laixhay Elisabeth Kreuz Yvonne Kettmus Marie Roufosse Marie Verteurve Jacob Cool Elisabeth Hamers Maria. Die in Ausübung ihres Dienstes gefallenen und sofort als tot erkann- ten 14 Eisenbahner waren : Bleilevens Wilhelm Kohnen Hilde Bruckmann Johann Michels Heinrich Counotte Emil Rütten Julius Gielen Nikolaus Scheen Johann Hagelstein Johann Strerath Heinrich Harperscheidt Josef Vertreurve Jakob Jacquemin Peter von Royen Emil. Als zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufgefunden bzw. vermißt gal- ten: Belleflamme Johann Gülikers Hubert Bettenhausen Laurenz Hartmann Anton Conrads Ludwig Heindrichs Leonhard Engel Stefan Pons Heinrich Franssen Johann Schnitzler Wilhelm.
8 if 2 7 Y S A KT a a ON - _—_—_ u 2 a 2 (rät L NE a DB 2 Sen A Zn Ska On. H | A 8 m ES 67 # 5 8 Ü > 8 4 A. de | A SS ———_—. x. (U EM N DR | ; BL 3 Sa | | | 1 EN A > R 3 S a A . BTL 4 A En A a a BETEN Die beiden Ehrenmale auf dem Friedhof in Montzen, Sie halten die Erinnerung wach an die bei dem Bombenangriff auf den Bahnhof in der Nacht vom 27. zum 28. April 1944 getöteten Zivilpersonen.
9 4. Die Auswirkungen des Angriffs auf den Bahnbetrieb Infolge der massierten Bombenabwürfe entstanden durch Voll- treffer und Blindgänger schwerste Zerstörungen an den gesamten Bahnanlagen. Die Bombentrichter, mit einem durchschnittlichen Durchmesser von 10 - 15 m und einer Tiefe von 5 - 7 m, waren über das Gesamtgleisnetz verteilt. Sämtliche Gleise des östlichen Bahn- hofsteils waren daher unbefahrbar geworden. Auch alle anderen Gleisgruppen wiesen schwerste Schäden auf. Dies traf besonders auf die Umspanngruppe für die Wehrmachtszüge Deutschland - Belgien bzw. umgekehrt sowie auf die durchgehenden Hauptgleise am west- lichen Bahnhofsende zu. In den betroffenen Teilen des Bahnhofs waren sämtliche Hochbauten, mit Ausnahme zweier Stellwerke, zerstört oder schwerstens beschädigt. Insbesondere wurden sämtliche vorschriftsmäßig ausgebaute Splitterschutzräume zerstört. dagegen waren die Fahrzeugverluste und -schäden, trotz der vielen Fahrzeu- ge im Bahnhofsbereich, gering, da die Wagen sehr gut aufgelockert standen. Außerdem waren drei vollständige Güterzüge mit je 120 Achsen, die infolge einer Annahmesperre in Belgien in den schwer- stens getroffenen Einfahrgleisen abgestellt waren, drei Tage vor dem Angriff auf Anordnung höherer Stellen nach dem Anschluß Wesertalsperre beim Bahnhof Eupen abgefahren worden und ent- gingen somit ihrer Vernichtung. Ein 48 Achsen starker Zug mit Flugbenzin erhielt jedoch einen Volltreffer und geriet in Brand. Die- ser konnte jedoch mit Erfolg bekämpft werden, so daß nur zwei Wa- gen verloren gingen. Die Fahrzeugschäden betrugen insgesamt : 2 Loks schwer beschädigt : 17 Loks leicht beschädigt 23 Güterwagen durch Sprengbomben zerstört 47 Güterwagen durch Sprengbomben schwer beschädigt 62 Güterwagen durch Sprengbomben leicht beschädigt 2 Güterwagen durch Brandbomben zerstört sowie 9 Güterwagen durch Brandbomben beschädigt. Durch die schweren Zerstörungen im östlichen Bahnhofsteil war nun der gesamte Zugverkehr von und nach Belgien unterbro- chen. Die erforderliche Güterzugbildung mußte daher nach den Bahnhöfen Aachen-West, Aachen-Rothe Erde, Stolberg und Herzo- genrath verlegt werden. Zur Sicherstellung des Nachschubs für den Westen mußten ebenfalls vielerlei Maßnahmen getroffen werden. Hierhin wurden außer den schon vorgenannten Bahnhöfen u.a. die deutschen Bahnhöfe Rheydt, Dalheim, Hohenbudberg, Gremberg,
10 Da | US 3 te fr —— A A A | anne Wlanüa Zn A HH DE x bie A A C ED zn m 5 DH DL BEE EDEL 7 AS Zn 2 SE “a a BON x 2 a x gr A a SE m a A a WR, A EA ) N KO a SS N Cab Se NER Baa. ns zz N ZZ TEN \ X Sn WR) | Val SA U IS AS a N NM EEE Sn \ SE Sa Rn A BO LEAST EN 4 ED EBEN & sr dan Re N EN : Ra NR 5 Sn Yan 0 A E " - Bee W kr VCH a AA NSS DEN CR ES A NOBF WO Fon in „ Hr aa A a Sn S Mn I BA SAL ES DEZ ADS za SPEE dE Me EEE A ZZ EEE aa BE Pe den SP Camera 5 EEE LES EN KT AL Montzen - Belgien Bahnhof Montzen nach dem Angriff vom 27./28.4.1944
1 Düren und Kaldenkirchen mit einbezogen. Am 10. Mai 1944 konn- ten, da die Instandsetzungsarbeiten soweit fortgeschritten waren, diese Maßnahmen wieder aufgehoben werden, so daß der Bahnhof Montzen seine Zugbildungsaufgaben nun wieder voll übernehmen konnte. 5. Der Arbeitseinsatz bei der Schadensbeseitigung Die Schadensbeseitigung sowie der Wiederaufbau des bei dem Angriff schwer zerstörten Bahnhofs Montzen konnte, wie man sieht, in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit durchgeführt werden, dank der Einsatzbereitschaft der Eisenbahner sowie der hervorra- genden Unterstützung der Gauleitung Köln, der Kreisleitung Eu- pen (DAF-Einsatz und Verpflegung), der Kreisleitung Aachen (Ver- pflegung), der Wehrmachtskommandanturen Aachen und Eupen (Hilfskommandos), des Polizeipräsidenten Aachen (Spezialtrupps, TN und SHD) und nicht zuletzt durch den ausgezeichneten Arbeits- einsatz der OT. In unermüdlichem Einsatz und ohne die sonst bei je- der Gelegenheit üblichen Kompetenzquerelen hatten alle Beteilig- ten nur das eine Ziel vor Augen : die Wiederinbetriebnahme dieser so überaus wichtigen Nachschubstrecke zur Westfront mit allen Mitteln zu fördern. Im Einzelnen waren nach dem Angriff folgende Kontingente an Arbeitskräften zur Schadensbehebung eingesetzt : am 28. April 450 Einsatzkräfte u.a. Besichtigung der Schadensstellen durch den Staatssekretär und den Reichsbahnpräsidenten am 29. April 1097 Einsatzkräfte nach 40 Stunden bereits Richtungsverkehr durch den Bahnhof auf zwei Gleisen mit Lokwechsel möglich und damit Fahrten in Richtung Westen wieder mög- lich, so daß die Alliierten hiermit zu diesem Zeit- punkt bereits um ihren Haupterfolg gebracht waren am 30. April 3986 Einsatzkräfte davon 1000 DAF-Einsatz Eupen, 1070 Wehrmacht und 1220 OT, 60% der Bombentrichter in den be- triebswichtigsten Gleisen verfüllt, Gauleiter besich- tigt in Begleitung des Reichsbahnpräsidenten die Schadensstellen am 1. Mai 3965 Einsatzkräfte 90% der Bombentrichter in den betriebswichtigsten Gleisen verfüllt, 4 Güterzüge verlassen bereits den Bahnhof in Richtung Westen und Deutschland
12 am 2. Mai 2200 Einsatzkräfte u.a. Instandsetzung der wichtigsten Fernsprechver- bindungen am 3. Mai 2065 Einsatzkräfte mehrere Gleisdurchfahrten, Lokstände, Drehschei- ben, Bekohlungs- und Schlackenanlagen wieder ein- satzfähig, Lokreparaturen durch Werkstattzug am 4. Mai 2105 Einsatzkräfte im Stellwerk Mo alle Weichen und Signale wieder angeschlossen am 5. Mai 2275 Einsatzkräfte P weitere Gleise befahrbar, mehrere Dienstposten von Aachen-Rothe Erde wieder nach Montzen verlegt am 6. Mai 2189 Einsatzkräfte drei weitere Gleise wieder befahrbar am 7.Mai 2022 Einsatzkräfte zwei weitere Gleise befahrbar, Ablaufberg betriebsfä- hig am 8. Mai 2092 Einsatzkräfte weiteres Einfahrgleis befahrbar, Ablaufbetrieb wie- der aufgenommen, Arbeiten in der Umladehalle auf- genommen am 9.Mai 2104 Einsatzkräfte Besichtigung der Wiederaufbauarbeiten durch den Staatssekretär und den Reichsbahnpräsidenten, Wie- deraufbauprogramm zur Ausführung der Hochbau- arbeiten wird genehmigt, mit den Arbeiten ist bereits begonnen worden am 10. Mai 2034 Einsatzkräfte weitere Gleise befahrbar, zweiter Ablaufberg in Be- trieb genommen, der Bahnhof Montzen kann somit seine Zugbildungs- und Umspannaufgaben der Wehrmachtszüge wieder im alten Umfang überneh- men am 11. Mai 1026 Einsatzkräfte 650 OT-Leute und 320 Wehrmachtskräfte rücken ab; Belgien weigert sämtliche Züge, mit Ausnahme der Wehrmachtszüge; acht Züge für Belgien in Montzen abgestellt, sämtliche L- und Sf-Züge wer- den infolge Feindeinwirkung im Raume Lüttich über Montzen umgeleitet
13 am 12. Mai 994 Einsatzkräfte Gleis 11 wieder befahrbar am 13. Mai 957 Einsatzkräfte (16. Tag) Gleis 15 wieder befahrbar, Reisezugverkehr Aachen Hbf-Montzen-Homburg wieder in vollem Umfang aufgenommen. Listet man jedoch die Anzahl der bei dem Wiederaufbau eingesetz- ten Arbeitskräfte auf, so stellt sich heraus, daß die Anzahl der ver- muteten, eingesetzten Kriegsgefangenen (Serben und Franzosen) sehr gering war. Einige Beispiele mögen dies belegen : am 1.Mai 1256 OT + 979 Wehrmacht + 482 Rotte und Bau- zug + 812 DAF Eupen + 166 Kriegsgefangene = 3695 Einsatzkräfte am 3.Mai 1270 OT + 280 Wehrmacht + 416 Rotte und Bau- zug + 45 TN Aachen + 56 Kriegsgefangene = 2065 Einsatzkräfte. Dies klingt umso unglaubwürdiger, wenn man bedenkt, daß sich im Raum Aachen zu dieser Zeit 28 Kriegsgefangenenlager mit insgesamt 6506 Kriegsgefangenen sowie 31 Lager für ausländische Arbeitskräfte mit insgesamt 7430 Verpflichteten befanden. Ein schweres Unglück ereignete sich jedoch noch am 3. Mai durch die Explosion von Gasen bei der Bergung von Toten aus dem Hauptsplitterschutzraum, der von einem Volltreffer getroffen war. Bei dieser Explosion, vermutlich handelte es sich hier um Benzinga- se von dem 1000 m weiter weg entfernt stehenden getroffenen Ben- zinzug, wurden zwei deutsche Soldaten von der Marschkompanie 473, Eschweiler, schwer und drei leicht verletzt. Infolge des schweren Angriffs, der fast ohne jede Flakabwehr erfolgte, waren einige Tage später mehrere Flakeinheiten in den Raum Montzen verlegt worden. Am 15. Mai, nach Abschluß der Instandsetzungsarbeiten, besichtigte der General der Flak, Burg- hardt, gemeinsam mit dem Kommandeur der Flakgruppe Aachen, Oberstleutnant Werth, die Eisenbahnflakstellungen im Raum Montzen-Herbesthal. Um jedoch bei den jetzt im Bahnhof Montzen stehenden Eisenbahnflakbatterien Verluste zu vermeiden und auch eine weitere zusätzliche Gefährdung der Bahnanlagen auszuschließen, wurde befohlen, diese beiden Batterien außerhalb des Bahnhofsbereichs aufzustellen.
15 Bereits am 18. Mai 1944 sind die beiden Batterien dann aus dem Bahnhof Montzen abgezogen worden. Durch die neuen Auf- stellungsorte lagen die beiden wichtigen Bahnhöfe Montzen und Herbesthal sowie die Göhltal- und Hammerbrücke nun alle inner- halb des Wirkungskreises dieser schweren Batterien. Außer den 16 schweren Eisenbahnflakgeschützen mit einem Kaliber von 12,8 cm standen zu dieser Zeit noch 12 Vierlingsge- schütze zur Verfügung, die so eingesetzt werden sollten, daß für bei- de Brücken Sperrfeuer gegeben werden konnte. Weiterhin waren der Flugabwehr im Raum Montzen-Herbesthal vier Stellungen mit je zwei 60 cm-Scheinwerfern zugeteilt. Wie wir jedoch wissen, ist es in der Folgezeit außer kleineren Tieffliegerangriffen (3) nicht mehr zu größeren Aktionen seitens der Alliierten gekommen. (3) Siehe auch : Hubert Beckers, Über den Einsatz der deutschen Reichsbahn im Sep- tember 1944 im Raum Eupen-Moresnet, Im Göhltal Nr. 30, S. 5 ff
16 Die Hergenrather Kalkwerke (Forts. und Schluß*) von Alfred Bertha Schon im ersten Jahre nach der Übernahme des Steinbruchs durch die Westdeutschen Kalkwerke konnte eine beachtliche För- dermenge erreicht werden. Wie aus einer detaillierten Aufstellung hervorgeht, wurden vom 1.12.1911 bis zum 30.11.1912 nicht weni- ger als 4.098 Waggons versandt, und zwar waren es (jeder Waggon zu 10 To) : 4.036 Waggons Steine 47 Waggons Kleinschlag für Bahnmeisterei Herbesthal ; 3 Waggons Kleinschlag für Stadtbauamt Würselen 9 Waggons Packlagesteine 3 Waggons Packlagesteine f. Lauffs, Aachen. Da die Steine zu 1,65 M, Klein- und Großschlag zu 1 M verrechnet wurden, erzielte die Gemeinde Walhorn schon in diesem einen Jahr eine Einnahme von 6.721,40 M. Der größte Abnehmer für die Kalksteine waren die Deutschen Solvay-Werke in Würselen. Diese Firma war jedoch über das aus Hergenrath angelieferte Material nicht immer glücklich, denn der Hergenrather Stein war sehr mit Kohlensandstein, sog. Feuerstein, verunreinigt. ”Mit den Deutschen Solvay-Werken-Würselen, so schreiben die Kalkwerke am 17. Januar 1914 an die Gemeinde, ”ha- ben wir fortwährend Differenzen, auch über die Qualität der Steine, gehabt, weil der Kalkstein vielfach mit Kohlensandstein durchsetzt ist, welcher sich für Hüttenwerke u. chemische Fabriken nicht eig- net.” Gleichzeitig teilten die Kalkwerke mit, daß ihnen das Anschlußgleis zum 1.3.1914 gekündigt worden sei und sie deshalb genötigt seien, ein neues Anschlußgleis zu bauen oder den Betrieb einzustellen. Die Fa rechnete mit 30.000 M Unkosten für den neu- en Bahnanschluß. Bis dahin hätte sie noch keinen Gewinn aus dem Betrieb erzielt, sondern nur fortwährend Neu-Anlagen und Auf- schlüsse gemacht. Der Wunsch der Fa wäre es nun gewesen, die Abgabe - Ermäs- sigung für Kleinschlag und Packlage, die für die Dauer von 5 Jahren * S. ”Im Göhltal” Nr. 32, S, 39-53.
NH bewilligt worden war, auf die gesamte Dauer des Pachtvertrages auszudehnen, damit die maschinellen Einrichtungen zur Zerkleine- rung des Wegebaumaterials gleichzeitig mit dem neuen Gleisanschluß angelegt werden konnten. Diese Brecheranlage woll- te die Fa jedoch nur bauen, wenn dieselbe auch, auf Dauer gesehen Gewinn verspreche. Da die Gemeinde einer Verlängerung dieser verbilligten Abga- besätze nicht zustimmen wollte, richtete die Gesellschaft am 22. April 1914 ein längeres Schreiben an den Landrat des Kreises Eu- pen, in dem sie u.a. ausführte, daß es ihr nicht gelungen sei, nen- nenswerte Mengen Material für Packlage und Kleinschlag abzuset- zen, da bekanntlich in hiesiger Gegend zu Wegebaumaterialien vor- zugsweise Basalt und Grauwacke benutzt würden. ”’Wir müssen jetzt eine Ermäßigung sämtlicher Abgabesätze erbitten”, heißt es dann. Und weiter : ”Der Hergenrather Betrieb hat uns bis heute keinen Gewinn gebracht, weil noch fortwährend Transport- und Aufschließungsarbeiten in Betracht gekommen sind. Nachdem wir nun 2 Bruchstellen aufgeschlossen und eine Förderstrecke zum Bahnhof sowie eine kostspielige Überbrückung der Staatsbahn und einen Eisenbahn-Anschluß gebaut haben, wird uns von der Königl. Eisenbahn-Verwaltung das Anschlußgleis wegen Erweiterung des Bahnhofes Hergenrath gekündigt. In entgegenkommender Weise hat uns die Eisenbahnverwaltung gestattet, die bisherigen Verlade- vorrichtungen auch nach dem 1. April ds. Js. noch zu benutzen, sich jedoch die jederzeitige Schließung des Anschlußgleises vorbehalten. Voraussichtlich wird der jetzige Anschluß noch höchstens 8-10 Wo- chen erhalten bleiben können. Wir werden nun gezwungen, einen neuen Eisenbahnanschluß sowie eine neue Überbrückung über die Staatsbahn zu bauen. Die ® Überbrückung muß über 5 Staatsbahngleise hinweggeführt werden und eine lichte Weite von 28 Meter erhalten. Außerdem sind große Bodenmassen zur Dammerweiterung für das neue Anschlußgleis er- 1 forderlich. Ferner wird unsere ganze angelegte Transportlinie bzw. För- dereinrichtung und dann auch die jetzige Überführung hinfällig und damit fast vollständig wertlos, und wir müssen daher eine ganz neue Fördereinrichtung nach dem neuen Anschlußgleis herstellen, wenn wir den Betrieb weiter aufrecht erhalten wollen. Mit Rücksicht auf die bisherigen ungünstigen Ergebnisse des Hergenrather Betriebes und auf die sehr hohen, jetzt in Betracht
18 kommenden neuen Anlagekosten, mindestens 60/70.000 Mk, hat unser Aufsichtsrat nunmehr die Stillegung des Betriebs in Erwä- gung gezogen, wenn nicht die Gemeinde Walhorn eine Ermäßigung der Abgaben eintreten läßt. Wir werden vom Vertrage nicht zurücktreten, sondern der Gemeinde Walhorn die für die ersten 15 Jahre festgelegte Mindestrate von 900,00 Mk zahlen; für die weite- ren 15 Jahre je 1200 M und für die restlichen 20 Vertragsjahre je 2000 M. Im Höchstfalle würde die Gemeinde also 71.500 M erhal- ten.” Da die Kalkwerke im Jahre 1912 6.900 M und 1913 7.800 M an Bruchabgaben an Walhorn gezahlt hatten, hätte sich bei einem Durchschnittsbetrag von 7.800 M für 30 Jahre eine Summe von z 234.000 M ergeben und für 50 Jahre gar 390.000 M. Die Kalkwerke machen in ihrem Schreiben auch darauf auf- merksam, daß die sehr wohl ihre Kundschaft von den drei Stolber- ger Werken aus bedienen könnten, die alle mit Gleisanschluß verse- hen seien und auch günstigere Frachtsätze hätten als Hergenrath. Die geringen Abgaben, die die Fa nach der Stillegung an Walhorn zu zahlen hätte, würden durch die geringeren Frachtsätze von Stol- berg aus mehrfach aufgewogen. Das Hauptinteresse des Werks be- stehe übrigens darin, zu verhindern, daß in Hergenrath ein Konkur- renzbetrieb entstehe! Es müsse auch bedacht werden, daß die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke A.G.-Dornap, das größte deut- sche Kalkwerksunternehmen, naturgemäß darauf sehe, daß die Westdeutschen Kalkwerke nur solche Werke betreiben, die auch mit Bestimmtheit wenigstens eine mäßige Verzinsung der erforderli- chen Kapitalien in Aussicht stellten. Sowohl Hergenrath wie Walhorn hätten ein berechtigtes Inte- resse an der Weiterführung- des Betriebes, der in den Jahren 1911/12/13 101.205,88 M an Löhnen und Gehältern gezahlt habe. Die Kalkwerke schließen ihren Brief an den Landrat mit den Worten : ”Für den Fall, daß der Antrag von der Kgl. Eisenbahn- Direktion genehmigt wird (- ein Antrag auf Frachtermäßigung-) und die Gemeinde Walhorn uns eine angemessene Ermäßigung der Ab- gaben bewilligt, werden wir in die Lage versetzt, den Hergenra- ther Betrieb erheblich zu vergrößern und vielen Arbeitern eine loh- nende Beschäftigung zu geben und auch der Gemeinde Walhorn bei ermäßigten Abgaben größere Einnahmen zuzuführen und der Ge- meinde Hergenrath eine größere Steuerquelle zu erschließen.”
19 Der Gemeinderat von Walhorn diskutierte die Lage eingehend am 13.5.1914; an der Sitzung nahm ein Vertreter der Kalkwerke teil. Derselbe kam zu dem Eindruck, daß die Stimmung im Gemein- derat gegen die Kalkwerke angeheizt worden sei. In einem weiteren vom 19. Juni 1914 datierten Schreiben an den Landrat wiederholen die Kalkwerke ihre Argumente für eine Ermäßigung der Bruchabgaben und führen u.a. einige interessante Zahlenangaben hinzu. So erfahren wir, daß das Hergenrather Werk für 1911 einen Verlust von 7.215,40 M und für 1912 einen Verlust von 1.772,07 M ausgewiesen habe. 1913 schloß mit einem Gewinn von 8.775,37 M ab. Die Neuanlagekosten von 60-70.000 M ließen das Hergenrather Unternehmen für viele Jahre wirtschaftlich un- rentabel erscheinen. Wenn aber die Gemeinde einer Ermäßigung der Pachtabgaben zustimme, versprachen die Kalkwerke, eine größere Anlage zu bauen und auch gebrannten Kalk herzustellen. In den Monaten August und September 1914 lag der Stein- bruch still. Die Truppentransporte machten die Wiederaufnahme der Arbeiten und des Versands erst im Oktober wieder möglich. Die vorliegenden Zahlen über geförderte Mengen Kalkstein und Kleinschlag zeigen, daß der Hergenrather Betrieb in den Kriesgsjahren recht flott betrieben wurde. Anfang 1915 klagt das Werk über ”einen Arbeitermangel wie nie zuvor”, da die meisten Stammarbeiter im Felde stünden. Die Kalkwerke hatten Lieferungen für chemische Fabriken und Stahlwerke, welche Kriegsmaterial herstellten, auszuführen. Auch belieferten sie Zuckerfabriken, welche Kalksteine für die Rübenaufbereitung benötigten. Im Januar 1915 beschäftigten die Hergenrather Anlagen rund zwei Dutzend ausländische Arbeiter, vor allem aus Gemmenich, Mo- resnet und Kelmis. Diese Arbeiter, "über deren Gesinnung und Ruf die diesseitige Verwaltung nicht unterrichtet ist” (Bgm. Kyll) waren im Besitz von belgischen Personalausweisen mit einem Sonderver- merk des Landsturmbataillons. Der durchschnittliche Tageslohn betrug über 5 M, manche ver- dienten 6-7 M, jüngere oder ältere Arbeitnehmer” entsprechend we- niger”. Auch ungeschulte Arbeiter konnten zum Entladen und Bela- den der Waggons eingestellt werden.
20 Hier einige Zahlen über gefördertes Material : 3. Quartal 1915 : 14.065,67 Tonnen Kalksteine und 89,2 T Kleinschlag 4. Quartal 1915 : 13,133,85 Tonnen Kalksteine und 46,75 T Kleinschlag 1. Quartal 1916 : 15,677,9 Tonnen Kalksteine und 227,5 T Kleinschlag 2. Quartal 1916 : 19.367,90 Tonnen Kalksteine und 120,64 T Kleinschlag 3. Quartal 1916 : 21.239,47 Tonnen Kalksteine und 414,61 T Packlage 4. Quartal 1916 : 16.934,4 Tonnen Kalksteine und 15,06 T Packlage 1. Quartal 1917 : 19.575,96 Tonnen Kalksteine und 506,24 T Packlage Im 2. Quartal 1917 wurden erstmals Abgaben für gebrannten Kalk berechnet, wofür die Kalkwerke fast das Doppelte der norma- len Bruchabgaben zahlten, nämlich 3,20 M pro 10 T. Der Großteil des gebrannten Kalks ging in die Stahlproduktion, wo er zur Bin- . dung der Schlacke benötigt wird. Diese Schlacke, (die sog. Thomas- schlacke) findet in der Landwirtschaft als Düngemittel Absatz. Im April 1917 wurden 47 Tonnen Kalk gewonnen, im Mai waren es 962 T und im Juni 1.422 Tonnen, was für das erste Quartal 1917 ei- ne Gesamtmenge von rund 2.432 Tonnen Kalk ergab. Die in der gleichen Zeitspanne versandten Kalkstein erreichten ein Gewicht von 15.448 Tonnen. 4. Quartal 1917 : 5.000 T Kalk und 15.313 T Kalksteine 1. Quartal 1918 : 5.247 T Kalk und 15.435 T Kalksteine 2. Quartal 1918 : 6.260 T Kalk und 15.831 T Kalksteine 2. Halbjahr 1918 : 10.292 T Kalk und 19.976 T Kalksteine Da, wie wir schon vernahmen, die meisten Stammarbeiter in den Kriegsjahren im Felde standen, wurden viele Fremdarbeiter im Hergenrather Bruch eingesetzt. Russische, italienische und engli- sche Kriegsgefangene ersetzten das Stammpersonal. Neben dem Bauernhof Schrouff stand ein heute abgerissenes Fabrikgebäude, in dem diese Kriegsgefangenen untergebracht waren. Eine Grippeepi- demie raffte 1918 eine große Anzahl von ihnen hinweg. Besonders hart war auch der ”Steckrübenwinter” 1917/18. Wasser wurde in Fässern dem Wasserhahn am Bahnhof entnommen. Die Pumpsta- tion befand sich in der Nähe der Hammerbrücke. Nach Kriegsschluß ging der Steinbruch erheblich zurück, Im Januar 1919 teilten die Kalkwerke dem Bürgermeister von Walhorn mit, das Werk habe den Hergenrather Betrieb fast um die Hälfte ein- schränken müssen, die Gemeinde könne also in Zukunft nicht mehr mit den hohen Abgaben rechnen, es sei, denn, die Gemeinde zeige
21 sich in der Frage der Abgaben entgegenkommend. Die Kalkwer- ke befürchteten, die belgische Konkurrenz werde in kurzer Zeit schon den gesamten rheinischen Kalkmarkt wiedererobert haben. Sie müsse mit so hohen Brennstoffpreisen und Arbeiterlöhnen rech- nen, daß die Verkaufspreise mit den belgischen Gestehungskosten nicht mehr konkurrieren könnten. Trotz wenig versprechender Zukunftsaussichten zeigten sich die Kalkwerke an der Anpachtung einiger an das Kalksteinvorkom- men angrenzender Parzellen interessiert, waren jedoch sehr erbost, als sie erfuhren, daß die Gemeinde mit August Vandenesch einen Pachtvertrag abgeschlossen hatte. Im September 1919 klagt das Werk erneut über Mangel an } tüchtigen Steinbruch- und Kalkofenarbeitern. Die Hergenrather Be- triebsleitung wurde von Köln angewiesen, alle aus der Kriegsgefan- genschaft heimkehrenden ehemaligen Arbeiter sofort wieder einzu- stellen und sie in jeder Beziehung, auch bei der Beschaffung von Wintervorräten und Bekleidung, zu unterstützen. Im Jahre 1919 wurden 17.880 T Kalk und 33.405 T Kalksteine versandt, was für die Gemeinde Walhorn eine Einnahme von 11.233 M bedeutete. Im 1. Quartal 1920 betrugen die Mengen 54.206 T Kalk und 10.459 T Kalksteine. In das HGandelszegifter B,, Nr. 44 murde bei der Firma Hergenrather Nalkfteinus brüße SefeNlfdhaft mit bes Jhränkter Dajns in Supen eingetragen, daß die Gefell- {haft durch GefeNihaftSbefluß wom 18 Juni 1920 aufgelöft ‚worden ift, Die BertretungS- Befugnis des Kaufmann? Uırr ‚guit a a 8 TRUE SOCCER Auflösung der Fa ”Hergenrather Kalkstein- in Gergenrath ernannt. brüche G.m.b.H.” (Korrespondenzblatt vom 4260) Gupen, Amtsgericht, 16. August 1920)
23 Mit dem 1. April 1920 traten die Westdeutschen Kalkwerke al- le Rechte und Pflichten des mit Walhorn getätigten Ausbeutungver- trages an die ”Kalkwerke Hergenrath G.m.b.H.” ab. Die Gesell- schaft ”Hergenrather Kalksteinbrüche” wurde am 18. Juni 1920 aus dem Handelsregister gelöscht. Damit entgingen die Hergenrather Anlagen der Sequestrierung. Die Kölner Firma blieb aber eng mit Hergenrath verbunden und Generaldirektor Schnuch aus Köln blieb die maßgebende Persönlichkeit. Die neue Fa, deren Kapital zu 100% in den Händen der West- deutschen Kalkwerke lag, führte die Arbeiten in der Brennhag in unvermindertem Ausmaß weiter und förderte von April 1920 bis zum Jahresende 16.504 T Kalk und 45.336 T Kalksteine. Große Differenzen zwischen der neuen Gesellschaft und der Gemeinde gab es hinsichtlich der Verrechnung der Bruchabgaben. Sollte wei- terhin, wie es die Gesellschaft forderte, in Mark abgerechnet wer- den, oder war die Gemeinde im Recht, wenn sie auf einer Zahlung in Franken bestand? Die Gemeinde hatte nicht das geringste Inter- esse daran, ihr Material zu Schleuderpreisen abzugeben gegen eine mehr und mehr wertlose Markwährung. Sie vertrat den Stand- punkt, daß die Kalkwerke Hergenrath gemäß Dekret des Gouver- neurs Baltia vom 23.3.1921 verpflichtet seien, in Franken zu zah- len. Aus den vorhandenen Unterlagen geht hervor, daß sich die a g VE s Ele Horgenwralh KALKWERKE HERGENRATH Facltchufl mit beschränkter Haftung AN GUE DE ENGER Fernspracher: Amt Hergenrath 20 DL SENSE Alpen Hergenralk dn 88, Februar 1982 ea Pat EOE MA Cana An den SZ Herrn Bürgermeister der G&meinde AR abe, Walhorn, Briefkopf aus dem Jahre 1922
24 Kalkwerke nach längerem Sträuben dem Dekret unterworfen ha- ben. Die Hergenrather Kalkwerke zahlten nun 3,20 Fr pro Waggon Kalk und 1,65 Fr pro Waggon Kalksteine. Hauptabnehmer blieben die Deutschen Solvaywerke in Würselen. 1929 kamen 44.316 T ge- brannter Kalk und 11.238 T Kalksteine zum Versand. Man kann sagen, daß durchschnittlich pro Jahr etwa 4.000 Waggons Kalk und 2000 Waggons Kalksteine die Station Hergenrath verließen. Bis zum 1. Mai 1925 konnten die neubelgischen Gebiete ihre Produkte zollfrei nach Deutschland einführen und auch Waren von dort zollfrei beziehen.‘ Nach dem Ende der Übergangsperiode unter General Baltia k machte der Absatz der ostbelgischen. Produkte jedoch erhebliche Schwierigkeiten. Marc Somerhausen, damaliger sozialistischer Ab- geordneter, wies am 30. November 1925 den Minister für Eisen- bahn, Marine, Post- und Telegraphenwesen, Anseele, auf die Kkriti- sche Lage der Industrie in Eupen-Malmedy hin und auf die Gefahr, daß die Kalkwerke, ein Betrieb mit 180 Beschäftigten, möglicher- weise ihre Produktion einstellen müßten. Dazu ist es dann doch nicht gekommen, wie die vorstehenden Absatzmengen zeigen. Zu ernsten Meinungsverschiedenheiten zwischen den Kalk- werken und der Gemeinde Walhorn kam es erneut 1931. Die Ge- meinde erhielt nämlich trotz stark gestiegener Preise für Kalkpro- dukte weiterhin nur die im Pachtvertrag vorgesehenen Abgaben, d.h. 1,65 Fr pro 10 T Kalksteine und 3,20 Fro pro 10 T Kalk. Bei den für Kalk erzielten Preisen, - 950 Fr pro Waggon zu 10 Tonnen -, waren dies kaum 3 von Tausend. So war Walhorn, wohl zu Recht, der Ansicht, sein wertvoller Industriebesitz werde durch eine mäch- tige Industriegesellschaft für ein Almosen ausgebeutet. Nachdem schon juristische Schritte gegen die Kalkwerke ein- geleitet worden waren, kam es dank dem Einlenken der beklagten Firma, d’e ein für die Gemeinde günstiges Angebot machte, am 19. Mai 1921 zu einer gütlichen Einigung. Nachdem wir den Werdegang des Unternehmens skizziert ha- ben, wollen wir nun etwas näher auf die verschiedenen Arbeitsgän- ge eingehen. Die Förderer im Bruch arbeiteten in Akkord. Sternför- mig liefen die Gleise von der Bruchwand zu den Hauptschienensträn- gen, die zu einer Drehbühne führten, wo die vollen Loren an das Förderseil angehakt wurden, um nach oben, zu den jenseits der Ei-
25 senbahnstrecke gelegenen Öfen geschafft zu werden. Die dazu not- wendige Seilbahn war 1916 durch die Fa Adolf Bleicher aus Leipzig gebaut worden, und zwar mit hölzernen Stützen, die später (1928) durch solche aus Metall ersetzt wurden. Im Bruch führte etwa alle vier Meter ein Gleis von der Bruch- wand ab. Jeder Arbeiter hatte somit beiderseits seiner Lore 2 Meter Abbaufläche. Die Steine wurden mit der Hand in die Loren geladen, der Abraum mit der Gabel. Für jede Lore Steine, die der Förderer zur Drehbühne brachte, erhielt er ein rundes Metallplättchen mit dem Aufdruck ”Kalkwerke Hergenrath”. Für jede Lore Abraum gab es ein viereckiges Plättchen. Bei der Wochenabrechnung hatte letzteres einen höheren Wert als das runde, denn der Zeitaufwand zum Laden des Abraums war größer als der zum Beladen der Loren mit festem Stein. Jeden Abend gab der Arbeiter seine Plättchen ab und am Ende der Woche wurde er nach der geleisteten Arbeit ent- lohnt. Manchmal war es im Interesse der Männer, nicht alle Plätt- chen abzugeben, sondern einige für weniger gute Tage aufzuheben. So konnte die Betriebsleitung bei überdurchschnittlich guter Schicht nicht behaupten, der Arbeiter verdiene zuviel. Die Plättchenausga- be beschäftigte ständig einen Mann. ILöhnung war, wie gesagt, am Wochenende, und zwar in der ”Meisterbude”, wo jeder seine Lohn- tüte vom Meister in Empfang nahm. “SP =. % . 5 a EF nn) WR BO I . um A. 0 dm HA N DD ß PN 3 WE A Dada Pr A DE 4 2 JA ‘ 2 } AA B ana A 4 92 Oi z A # LE AT SETS a 2 A Eine Lore im Bruch
26 Um 1930 arbeiteten etwa 40 Mann im Bruch. Das Gleisnetz umfaßte rund 2.500 m. Da man gut verdiente, kam es nur selten zu Sozialkonflikten. Ältere Arbeiter erinneren sich, daß die Betriebslei- tung einmal, um einen Streik in Hergenrath zu brechen, unter Poli- zeischutz Arbeiter aus dem Stolberger Zweigwerk nach Hergenrath gebracht hat. Auf keinen Fall durften die Öfen ausgehen. Im Not- stand mußten sogar die Angestellten Kohle schaufeln, um die Öfen warm zu halten. international par chemins de fer. --- Internationaler Eisenbahntransport. {ETTRE DE VOITURE — Frachtbrief Zzra an A rt tie Grm ma TO Tg KA utsche Solvaywerke BE ZZ EZ 7" Würselen DEN GR Ze PP VA De za LM SE | a a EA ME ES EA MEN o- 1 |Waggon| Kalkeiming ZZ KFZ Sn Ep And [EZ ZEER pa Z = FE CE N en pr ED ‚Ca pm aa [FAZ Eee EEE JEREM RE Dana Par PO ——— = FE = a ——————— ae Ken EN A A — EA EEE f 2 | MR Sl A A Tr ad MEERE 7 Kalkwerke Hergenrath, & 1. NG EEE EEE kadae oi Lalrt m vr. Frachtbrief über 54.000 Kg Kalkstein für die Solvay-Werke in Würselen (10.1.1928)
28 AU WESEHSIBNUNNNSE SE ON N 2 nn 2 N HZ a Die Hergenrather Anlage (1934). In der Mitte der Motorenstand d. Seilbahn, Foto M. Gronsfeld Die Arbeit an den Öfen Die ersten Öfen waren technisch noch nicht ausgereift. Sie setzten viele schädliche Gase frei. Nach und nach verbesserte man sie und brachte Vorrichtungen zum Regulieren der Gasabgabe an. Den Kalkstaub trug der Wind in alle Richtungen. Der Wald war in der ganzen Umgebung mit einem weißen Schleier bedeckt. Es gab jedoch keine typische Berufskrankheit, die auf diesen Kalkstaub zu- rückzuführen gewesen wäre. Es ist nie gelungen, die Gase richtig in den Griff zu bekommen. Bei Ostwind mußte man mit den vollen Lo- ren durch sie hindurch, was öfters zu Ohnmachtsanfällen geführt hat. Versuche mit Gasmasken und Frischluftzufuhr durch Schläu- che schlugen fehl. Anfangs standen nur zwei Öfen. Es waren runde Ziegelsteinöfen mit einem Durchmesser von etwa 4 Meter; innen waren sie mit Schamottstein bekleidet. Hohe Schlote sah man keine. Während des Krieges 40-45 hatte man, um die Anlagen vor feindli- chen Bombenangriffen zu schützen, eine Vorrichtung ersonnen, um den Glutschein abzudecken. Das im Bruch geförderte Material kam, wie schon erwähnt, mit der Seilbahn zu den Öfer. Durch die Fliehkraft wurden die Lo- ren vom Seil ausgeklinkt, liefen auf den Ofen zu und wurden auf ei- ne Art Bühne, die vor dem Ofen war, gekippt. Im Ofen war zuun-
29 terst eine Lage Koks, dann folgte eine Lage Kohle und darüber wur- den dann etwa 35 Wagen Kalksteine gleichmäßig verteilt. Anfangs geschah dies mit der Hand, später führten die Gleise direkt bis an den Ofen, in die die Loren dann gekippt wurden. Im Ofen lagen unten vier Roste, über die der Kalk mit Haken herausgezogen wurde. Der Ofen war unten von 4 Seiten aus zu- gänglich. Die Kalkasche fiel durch besagte Roste hindurch in einen mit einem Schieber versehenen Trichter, Unter den Öfen befanden sich etwa 8 Meter tiefe Keller, in die man mit den Loren bis unter die Trichteröffnung fahren konnte. Öffnete man den Schieber, so fiel die Kalkasche in die darunter stehende Lore und wurde auf die Abraumhalden gebracht. Der Stückkalk kam ebenfalls in eine Lore, wurde dann per Aufzug eine Etage höher befördert, gewogen und anschließend zu den bereitstehenden Kalkwaggons, die 15-17 Ton- nen faßten gefahren. An alle Landwirte u. Bauunternehmer ! Landwirte, vergeßt nicht eure Wie- sen und Äcker mit unserm gemahlenen ERANNTKALK in prima Qualität zu düngen, Der Erfolg wird sich im näch- sten Jahr zeigen, An die Bauunternehmer geben wir unser WEISSXALKHYDRAT für Bau- und Verpuizzwecke ab, Das Material kann ejden Tag von 8 bis 13 Uhr von unserm Werk in Her- Anzeige in der ”Fliegenden gernratlı abgeholt werden, 105 Taube” vom 23.12.1944 KALKWERKE HERGENRRATH A.G. Gegen Ende der zwanziger Jahre wurde die Hydrat- oder Löschanlage gebaut. Der aus den Öfen gewonnene Stückkaik und die Kalkasche kamen in einen Brecher, wo der Kalk mehr oder we- niger klein gemahlen wurde. Über ein 18 Meter hohes Becherwerk (ein Förderband mit Bechern) ging es dann in zwei Silos, von denen jeder etwa 60 Tonnen faßte. Aus diesen großen Silos kam das Mate-
30 SO 5 | FH | Feuerfeste \ | Ausmauerung DE \ | 17 AZ roher Kalketpin KA | DIA IN N > | Kohlen-Koks IM WORAN \ ! LEO Brennzone | AO X | [ | 0 ZU | | Kohlen-Koks EN { Yen \ 7 NS BED fertiger Kalk | | Gebläse N 5 fh A \ { Ge \ ” NK \ N enBfehün Ygunb tn g800R a RR rememas alt ( Na & Se OR 7 =] \ NE &Y fl \ A N Kalkasche W NN GEST OD om N ZEN — \ Schema des Hergenrather Kalkofens (nicht maßstabgerecht) 1.430 Br,
3 8 a A N WO Kan A Da 5 eo 2 A 2 2 822 2 10000 2 N 0 AM KO ne VE a 2 N 5 En 2 0 N Se a KO AB a Da RE Da N Die Öfen. Der Bau hat am Fuß eine Länge von 48 u. eine Breite von 18 m. Die Höhe beträgt etwa 13 m. Die Dicke der Außenmauern beträgt 2 m; die Öfen haben einen Durchmesser von 5 m. ; DAS ra RA E A e Zi ae Ni aa. =] a 7 BUN LE Zn | AH | & ON. u NR DS Y ‘ Pe Ag 4 u E "a } i 8 LS Aa. A TR 2 ud PS KO & AED ze gg SE Dr ER ET SEO A ESS ET An REN SE. nie Die Ofenanlage in den dreißiger Jahren
32 rial über eine Transportschnecke in ein zweites Becherwerk, ging über verschiedenmaschige Siebe und landete schließlich in 4 kleine- ren Silos von ca. 30 Tonnen. Die eigentliche Löschmaschine bestand aus einer schweren Förderschnecke, in der dem Kalk Wasser zugeführt wurde. Das be- nötigte Wasser pumpte man aus einem Brunnen in einer nahegele- genen Wiese. (Der Pumpenstand ist heute noch in der Wiese hinter der Hammerbrücke zu sehen). Der so gelöschte Kalk kam anschließend über ein weiteres Becherwerk zur Sichtmaschine, wo das gute Material, der Kalkstaub, vom tauben Gestein getrennt wurde. Eine weitere Schnecke beförderte den Kalkstaub zu zwei X kleineren Silos von 15 Tonnen. In einen dritten Silo kamen die Rückstände. Aus einer Packmaschine, die mit zwei Abfüllstutzen ; versehen war, kam der Kalk in Säcke, welche zu den Waggons ge- tragen wurden. Gearbeitet wurde an den Öfen in zwei Schichten. Noch vor dem 2. Weltkrieg war der Bau eines vierten Ofens ge- plant worden. Wegen der Devisenbewirtschaftung konnte dieser Plan jedoch erst während des Krieges ausgeführt werden. Unterneh- mer war Cornel Bauens aus Hergenrath. 122 7/7 1. 4 700 RS aA 1 Ku N ET DL 7 vn 6 “man Me BEER EEG Ofenarbeiter 1947 - Der 4. von links ist Hubert Laschet, Hergenrath
33 3 A I are A 7a 8 BR HL % ‚N 7 5 a N Van ui N an Y EM Ad: a a Dh 1 | A S ae m DONE ALU AM a a - a 27) @ A gl I 0 / WR A a Meister Jos. Wirtz aus Sötenich führte die Aufsicht über den Steinbruch und die Ofenanlage. Nach dem 2. Weltkrieg kamen die Kalkwerke unter Sequester- verwaltung. Mit den noch vorhandenen Koksvorräten nahmen sie die Arbeit bald nach Kriegsende wieder auf, allerdings vorerst nur an einem einzigen Ofen. 1952 wurde eine neue Firma gegründet, die ”Chauffourneries | Hergenrath” die die Anlagen 1953 oder 54 rückwirkend zum | 1.1.1952 aufkaufte, und zwar unter Kapitalbeteiligung einer Lütti- | cher Gruppe. | Pro Tag und Ofen wurden bis zu 45 Tonnen Kalk hergestellt. | Für eine Tonne Kalk brauchte man die doppelte Menge Kalkstein. | Mit den Steinen wurden auch noch 30-40% Abraum gefördert. | Wenn man bedenkt, daß dies alles in Handarbeit, ohne moderne | Abbaumaschinen, geschah, kann man die Leistung des Hergenra- | ther Werks erst richtig ermessen. | Doch trotz hoher Produktion blieb das Hergenrather Kalk- | werk zu klein, das Kalkvorkommen auch zu gering, um eine Mecha- | nisierung großen Stils durchzuführen. So kam es 1955 zur | Schließung des Betriebes, der in Spitzenjahren bis zu 100 Mann Ar- | I |
34 beit und Brot gegeben hatte und damit das größte Industrieunter- nehmen des gesamten Eupener Hinterlandes gewesen war. Das Pachtverhältnis lief 1960 aus. Die Firmenbelegschaft war vorwiegend in Hergenrath, Kelmis, Hauset und Raeren zuhause. Neben den Steinbruch- und den Ofen- arbeitern beschäftigten die Kalkwerke zwei Schlosser mit je einem Gehilfen, einen Elektriker, einen Sprengmeister und Bohrer. Chri- stian Reneriken (+ 1981), der als ”Kaffeejunge” (Laufjunge) 1910 oder 1911 im Bruch begonnen hatte und dort zum Sprengmeister avancierte, erzählte, in der Südwand des Steinbruchs habe sich eine Steinlage mit vielen Fossilien befunden. Er habe Muscheln, Schnecken und Eidechsen gesehen. Ein besonders schönes Exem- ä plar einer Eidechse sei ins Hauptbüro nach Köln gegangen. Die Hydrat- oder Löschanlage mit Sackabfüllvorrichtung. Aufnahme um 1950 (?)
38 2 522 A kr a 522220 2 | Ma Pi dee 2 2 U Hip Ä 5) 4! nm Sam 5 a SC ea 3 A Val = S G Eine schöne Aufnahme der Ofenanlage (um 1950?) Bei der Schließung des Betriebes (1955) zählte die Belegschaft noch etwa 50 Mann, davon 25-30 im Bruch, die übrigen arbeiteten an den Öfen. Etwa 10 Mann gingen auf das Angebot der Firmenleitung ein, im Stolberger Kalkwerk weiter zu arbeiten. 7 blieben bis zur Schließung auch dieses Werkes in Stolberg tätig.
37 “Wer heute das als Mülldeponie genutzte Gelände neben den Kalköfen aufsucht, hat fast den Eindruck, vor einer Festung zu ste- hen : so wuchtig ragt dieser Bau empor. Inzwischen wachsen Bäume auf der Mauerkrone, haben Altmaterial- und (in jüngster Zeit) auch Schamottsteinsammler manches zerstört, doch der vielzitierte Zahn der Zeit wird noch lange an den Hergenrather Kalköfen zu nagen haben ... Der ehemalige Kalksteinbruch liegt heute als stiller Waldsee da. Bis vor etlichen Jahren konnte man hier bei warmer Sommerzeit reges Treiben von Kindern und Jugendlichen beobachten, die trotz Ver- bot in den klaren Wassern badeten. Auf Holzflößen und Schlauchbooten trieben die Kinder auf den See hinaus, einige Mutige erstiegen gar den in der Mitte des Sees aus dem Wasser emporragenden Eisenmast (die letzte noch stehen- de Stütze der Seilbahn) und benutzten denselben als Sprungbrett. Nach dem tragischen Tod eines 12-jährigen Jungen (Wolfgang Schuddert), der am 3. November 1973 mit herabrutschendem Ge- stein in den See fiel und erst nach Tagen durch Taucher tot gebor- gen werden konnte, wurde der Zugang zum Steinbruch strengstens untersagt. Halbverfallene niedrige Gebäudereste (Mannschaftsraum, Werkstatt, Munitionslager, Motorenstand) deuten darauf hin, daß früher einmal eine rege wirtschaftliche Tätigkeit in der Brennhag ge- herrscht hat. Der alte Steinbruch, der schon als Mülldeponie im Gespräch war, ist wieder eine Oase der Stille. Da der Pachtvertrag mit der Gemeinde Walhorn vorsah, daß der Pächter das ausgebeutete Gelände in den ursprünglichen Zu- stand zurückzuversetzen habe, einigten sich die ”Chauffourneries” und Walhorn dahingehend, daß der Pächter das ihm gehörende Hal- dengelände, das Gelände der Ofenanlage und eine Wiesenparzelle an Walhorn abtrat. Später haben die Kalkwerke den Bruch und das umliegende Gelände gekauft. Da in heutigen Kalksteinbrüchen die Steine gewaschen wer- den, würde der Hergenrather Bruch bei einer Wiederaufnahme des industriellen Kalkabbaus in Hergenrath ein ideales Fülloch für den bei der Wäsche anfallenden Schlamm darstellen ..,
38 Bergmannslos &. Forts)* von Peter Zimmer Unter welchen Verhältnissen haben die Bergleute im Göhltal gelebt und gearbeitet? In den heutigen Großgemeinden Bleyberg und Kelmis sowie einigen Randgemeinden, wo vom 13. Jahrhundert bis nach dem 1. Weltkrieg Erzbergbau betrieben wurde, haben die in diesem Indu- striezweig beschäftigten Berg- und Hüttenleute nicht immer rosige Zeiten gekannt. Schon im Jahre 1682 wurde das in englischer Sprache erschie- , nene Buch, in welchem die Reiseerlebnisse des englischen Arztes Dr. Edward Brown geschildert werden, ins Holländische und drei Jahre später ins Deutsche übersetzt. Dieser Arzt hat während der Jahre 1668 bis 1673 Studienfahrten durch Deutschland, die Nieder- lande und die Donauländer gemacht. Interessant ist für unsere Ge- gend, daß er bei seiner Durchreise durch das Limburger Land auch die Galmeigrube ”Altenberg” (Kelmis) besucht und besichtigt hat. Über dieses Bergwerk und die Arbeit der Bergleute schrieb er unter anderem, die Grube habe überall wie ein Steinbruch offen gelegen und sei länglich rund, ähnlich wie die Form eines Eies gewesen. Die Bergleute hätten an verschiedenen Stellen sitzend den Galmei stu- fenweise zwischen den Felsen mit einer Haue abgebaut. Dabei hät- ten sie oft wie auf einer großen Treppe sitzend und übereinander ar- beiten müssen. Der von einem Arbeiter abgebaute Galmei sei von einem an- deren in die Höhe befördert worden. Auch hat er betont, daß dieses Erz außergewöhnlich hart gewesen sei und nur mit großer Mühe und Kraftanstrengung in der Grube abgebaut und aus derselben hervorgeholt werden konnte. Bezüglich der Farbe dieses Boden- schatzes sagte er, daß das dortige Galmei zum Teil dunkelgelb, rötlich/schwarz und dunkelbraun ausgesehen habe. Als besonders merkwürdig wurde von ihm das Rösten und Kalzinieren des Gal- meis an Ort und Stelle bezeichnet. Zu diesem Zwecke habe man zu- erst auf dem Boden über eine Fläche von 40 bis 50 Ruten Reisig oder Büschel ausgebreitet und dasselbe mit einer Lage von Steinkoh- len bedeckt, bis das Ganze vom Boden aus eine Elle’und mehr hoch gewesen sei. Dann habe man auf dieser Anhäufung zunächst in Rei- S hen die großen Galmeibrocken gelegt und darüber in der gleichen * S. ”Im Göhltal” Nr. 30 S. 59-73, Nr. 31, S. 5-26, Nr. 32, S. 18-34.
39 Art und Weise die kleineren Stücke. Anschließend seien dann das Reisig und die Büschel rundherum am Boden in Brand gesteckt wor- den. Kurze Zeit danach hätten dann auch die Kohlen langsam zu brennen und glühen begonnen, wodurch schließlich der Galmei ge- röstet und kalziniert wurde. Nach ihm hat auch der vielgereiste Freiherr von Poellnitz um das Jahr 1736 die Galmeigrube im Weiler Kelmis besucht. Sein Be- richt, der im Jahre 1736 in französischer Sprache erschien, schildert uns ausführlich, wie es damals in der Nähe des Bergwerks ausgese- hen hat und unter welchen Verhältnissen damals unsere Vorfahren als Bergleute dort gelebt und gearbeitet haben. Aus diesem Bericht geht nämlich kurz zusammengefaßt hervor, daß die nächste Umge- bung der Grube Altenberg zu dieser Zeit wie eine Wüste aussah, ei- ne unfruchtbare Gegend war, auf deren trockenem Boden faßt nur verbranntes Gras stand. Dieser Zustand sei vor allem durch die Diese Ansicht vom Altenberg zeigt die Lütticher Straße in Richtung Henri-Chapelle. Links der Straße das Haus ”Am Penning”, rechts die ”Wäsche”, die Hütte und Werksanlagen sowie ein Teil des Bergwerksgeländes. Schärfe der Minerale und der metallischen Dämpfe, die davon aus- gingen, verursacht worden. Er nannte die Arbeiter, die das Erz aus | dem Innern der Erde hervorholten, ”bedauernswert”. Ihnen hätten |
40 während der Nacht als Schlupfwinkel nur einige elende Hütten zur Verfügung gestanden. Diese Zustände, so berichtet er weiter, und die mühsame Arbeit, welche die Arbeiter unter Gefahren sowie mit großen Anstrengungen verrichtet hätten, um ihr tägliches Brot zu verdienen, habe so großes Mitleid bei ihm und seinen Begleitern her- vorgerufen, daß sie diesen armen Menschen, die die Not dazu ver- dammt habe, diesen schweren Beruf auszuführen, aus Mitgefühl ei- nige kleine Geschenke gemacht hätten. Danach habe ihnen dann der Schöffe den Weg nach Stolberg gezeigt. Diese ungünstigen Lebens- und Arbeitsbedingungen am Alten- berg scheinen sich erst dann gewaltig gebessert zu haben, nachdem die Erben des Dominicus Mosselmann die Actien-Gesellschaft des Altenbergs (Vieille-Montagne) gegründet und neun Jahre nach der Gründung, im Jahre 1846, Louis Saint Paul de Sincay die Gesamt- leitung der Gesellschaft übernommen hatte. Er war ein großherziger Mann und Sproß eines alten französischen Adelsgeschlechtes. Durch ihn ging die Tätigkeit der Gesellschaft weit über das damalige Neutral-Moresnet und die belgische Grenze hinaus, wodurch sie ei- ne Blütezeit erreichte und ihre Arbeiter angenehme Arbeitsplätze. Infolgedessen entstanden im Göhltal und der Umgebung neue Erzbergwerke, und der Gesellschaft gelang es, zahlreiche Zink- und Bleierzlagerstätten in mehreren Ländern zu erwerben. Diese günsti- ee U) Pl a ; N N Im Jubiläumsjahr 1937 ließ die ”Vieille Montagne” eine Erinnerungsmedaille mit dem Bildnis von Louis und Gaston Saint Paul de Sincay prägen. Repr. A. Jansen
41 ge Entwicklung brachte es aber auch mit sich, daß die Arbeiter in der damaligen Zeit schon außergewöhnlich große soziale Vorteile erhiel- ten. Bemerkenswert sind die Wohlfahrtseinrichtungen, Kranken-, Spar- und Fürsorgekassen, welche die Gesellschaft für ihre Arbeiter und Angestellte schuf. Diese erfüllten den Zweck, kranken und ver- letzten Arbeitern sowie deren Familienangehörigen kostenlose ärzt- liche Betreuung zu gewähren und ihnen unentgeltlich Medikamente zur Verfügung zu stellen. Außerdem ermöglichten sie es, den Arbei- tern, die vorübergehend ihre Arbeit einstellen mußten, eine Lohn- entschädigung zu zahlen. Auch dienten sie dazu, den Arbeitern, die durch Alter oder Invalidität arbeitsunfähig geworden waren, eine le- benslängliche Rente zu gewähren. Erwähnenswert ist ebenfalls, daß dem Arbeiter und seinen Fa- milienmitgliedern außer einem Unkostenbeitrag zur Deckung der Begräbniskosten auch der Sarg zur Verfügung gestellt wurde. Auch leisteten die Kassen einen Zuschuß zu den Entbindungsko- sten der Arbeiterfrauen. Für fast alle Kassen wurden von der Gesell- schaft selbst die erforderlichen Geldmittel zur Verfügung gestellt. Heute wird man diese Vorteile als völlig normal bezeichnen; man darf dabei aber nicht vergessen, daß es damals noch keine Sozialge- setzgebung in unserem Lande gab und daß dieselbe zum Teil erst nach dem I. und 2. Weltkrieg geschaffen wurde. Ferner erbaute die Gesellschaft Arbeiterwohnungen, Schulen, Kirchen und Vergnügungslokale und spornte ihre Arbeiter zum Sparen sowie zum Erwerb eines Eigenheims an. Sie sorgte auch auf der Lütticher Hochebene in ”Cointe” für den Bau und die innere Ausstattung eines Altenheims und Waisenhauses, wo alte, pensio- nierte Arbeiter der verschiedenen Werke sorgenlos ihren Lebensa- bend verbringen konnten und Waisenmädchen eine angemessene Erziehung fanden. Dort haben damals auch ältere Alleinstehende und Ehepaare sowie Waisenmädchen aus dem Göhltal Aufnahme gefunden und sind von Schwestern des Ordens vom hl. Vincenz von Paul betreut und erzogen worden. Andere Einrichtungen, wie Erho- lungsvereine, die von der Gesellschaft geschaffen wurden, trugen zur Hebung der geistigen und sittlichen Lage der Arbeiter bei, weil ihnen durch dieselben Gelegenheiten geboten wurde, sich während ihrer Freizeit anständig und passend zu erholen. Die moralische Tragweite all dieser Einrichtungen führte dazu, daß die Arbeiter sich bei der Gesellschaft heimisch fühlten, gefallen an ihrer Be-
43 schäftigung fanden und glücklich und stolz waren, wenn sie bei ihr einen Arbeitsplatz erhielten. Dadurch erhielt aber auch die Gesell- schaft einen Stamm von guten und treuen Arbeitern, deren Beschäf- tigung vom Vater auf den Sohn überging. Wie uns die Geschichte über den Bleyberger Erzbergbau über- liefert hat, haben auch dort sowohl die Gesellschaften wie die Berg- und Hüttenleute schwere und böse Zeiten erlebt. Die erste Grube in diesem Raum wird erstmalig unter dem Namen ”Bradersbergh” im Jahre 1365 erwähnt. 1437 erteilte Herzog Philipp der Gute von Burgund drei Aachener Bürgern die Erlaubnis, dort Bergbau zu be- treiben. Diese mußten schon bald wegen Überschwemmungen ihre Tätigkeit einstellen. Später verlieh der Herzog dann wieder drei an- deren Herren das Recht, die Abbautätigkeit aufzunehmen. Auch sie blieben nicht vom Schicksal verschont und mußten aus demselben Grunde wie ihre Vorgänger aufgeben. Neben dem Wasser führten aber auch die Plünderungen, die während dieses Zeitalters stattfan- den, zu einer Verwahrlosung der Grube, die so unheilvoll war, daß die Förderstrecken und Stollen zusammenbrachen. Aus diesen Gründen mußte man im Jahre 1468 einen neuen Schacht teufen, aus dem aber nur sehr wenig gefördert werden konnte, weil schon 10 Jahre später erneut die Förderwege und Stollen zu Bruch gingen. Im Verlaufe der folgenden Jahrhunderte erlebte der Bleyberg ab- wechselnd schlechte und gute Zeiten. 1828 erhielten Ch. J. Cockerill, E. Peters, J.H. Jehenne, Lisette und Gertrude Peters sowie D. Lepomme die Genehmigung, im Bley- berger Grubenfeld Bergbau zu betreiben. Nachdem am 8. Mai 1837 der Leiter des Betriebes, Charles-James Cockerill, in Aachen verstor- ben war, wurde 1841 die Gesellschaft vom Bleyberg in Belgien, (So- ciete du Bleyberg en Belgique) gegründet. Durch diese Gesellschaft entwickelte sich die Tätigkeit am Bleyberg dermaßen, daß schon 5 Jahre später eine neue Gesellschaft, mit Namen ”Gruben und Hüt- tenwerke von Bleyberg”, (Compagnie des mines et Fonderies du Bley- berg) ins Leben gerufen werden konnte. Sie wurde aber schon 6 Jah- re später aufgelöst und eine neue ”Anonyme Gesellschaft von Bley- berg und Montzen”, (Societe Anonyme de Bleyberg et Montzen) ge- gründet. Im Verlaufe der Jahre verursachte aber der Göhlbach wie in früheren Zeiten immer wieder auf’s neue große Überschwem- mungen der Bleyberger Stollen. Im Jahre 1855 ertranken sogar 7 Bergleute in der Grube. Daraufhin stellte die Gesellschaft an die zu- ständige Behörde den Antrag, den Lauf der Göhl in der Nähe des
44 u | ROyA A a 2 ZU . 0 : L . nn 1 en ; De Ra > . An 8 Die Konzession des Bleyberger Grubenfeldes aus dem Jahre 1828 Repr. A. Jansen
46 Bergwerksgeländes umleiten zu dürfen. Hierzu erhielt sie schließlich im Jahre 1861 von der Gemeindeverwaltung in Montzen die Er- laubnis. Höchstwahrscheinlich fließt seit dieser Zeit in Bleyberg der Göhlbach durch einen Tunnel. Zwei Jahre zuvor hatte aber schon Remy Paquot das Amt als Direktor am Bleyberg übernommen; wie seine Vorgänger hat er manche Schwierigkeiten überwinden müs- sen, wie z.B. die sozialen Unruhen, die sich zu Beginn des Jahres 1886, wie überall, so auch am Bleyberg, bemerkbar machten. Wie im Wochenblatt der Pfarre Bleyberg vom 8. Oktober 1966 zu lesen stand, soll sich diesbezüglich der Bürgermeister von Montzen am 30. März 1886 an die höheren Behörden gewandt haben, um Gewehre und Munition zu erhalten, um den Streik der in der Bleyberger Grube auszubrechen drohte, verhindern zu können. N 8 DO a 2 7 2 2 2 2 2 2 Remy Paquot Repr. A. Jansen
47 SE BR 2 A On a A A SE SET ED TE - n Ka en OO Ä . 11} | Kae 3 pr er VE a CA Pl 7 ODE Zwei Ansichten der Gruben und Hüttenbetriebe Bleyberg i.J. 1862 N BU A ae ER FR N A? 4 LM fm gr nd % vn A 7 a AM # zen. A ee BE 2
49 Kasinos und die Gründung von Hilfs- und Unterstützungskassen so- wie der Erholungs- und Vergnügungsvereine waren ebenfalls Ini- tiativen Remy Paquots. T F A \ Ü \ ; WR 2 AS ) 1 Yun | A | .. 1; 9 MM | KO AR he & 3° a4 N EEE U a ” | Dr 9 8 Arbeiterwohnungen gegenüber der Bahn in Bleyberg Foto A. Jansen Zweierlei muß bezüglich dieser Einrichtungen besonders betont und hervorgehoben werden. Erstens, daß die Aufrechterhal- tung ihrer Tätigkeiten zum Teil durch Spenden der Gesellschaft und z.T. durch freiwillige Beiträge der Bevölkerung ermöglicht wurden. Zweitens, daß die Arbeiter und die Mitglieder ihrer Familien vor je- der Not bewahrt blieben und Sittlichkeit und Würde dadurch geho- ben wurden. Unter dem Motto ”Bete und Arbeite” (Ora et Labora) versuchten Remy Paquot und seine Nachfolger, die Tätigkeit im Weiler Bleyberg zum Wohlergehen der gesamten Bevölkerung auf- recht zu erhalten. Als nämlich während der Jahre 1878/79 Wasser- mengen bis zu 45 Kubikmeter pro Minute aus der Grube gepumpt werden mußten und die Abbautätigkeit dadurch immer schwieriger wurde, befürchtete Remy Paquot, daß dieselbe eines Tages einge- stellt werden müsse.
51 Aus diesem Grunde unternahm er damals schon die erforderlichen Schritte, um die Tätigkeit der Schmelzhütten in Bleyberg erweitern zu können. Er versuchte, Teilhaber spanischer Grubenbetriebe zu werden. Nachdem ihm dieses Vorhaben gelungen war, wurde die Bleyberger und Montzener Gesellschaft im Jahre 1881 aufgelöst; ih- re Güter wurden Eigentum der ”Compagnie Francaise des Mines et Usines d’Escombrera-Bleyberg” und Remy Paquot Verwaltungsde- legierter dieser Gesellschaft. Sein Sohn Paul, der sich zu dieser Zeit hauptsächlich als Grubeningenieur mit Gruben in Spanien beschäf- tigte, half seinem Vater, die schwere Bürde, die ihm 1892 als Verwal- tungsdelegierter auferlegt worden war, erfolgreich weiter zu tragen. Als Remy Paquot Anfang 1909 verstarb, übernahm der Sohn das Amt seines Vaters, bis die Gesellschaft im Jahre 1912 mit der ”Societe Miniere et Metallurgique de Pennaroya” fusionierte. Paul Paquot wurde dann Verwaltungsdelegierter dieser Gesellschaft für Belgien und Generaldirektor der Metallhütten von Bleyberg. Bezüglich der Erzgewinnung im Bleyberger Grubenfeld ist noch erwähnenswert, daß in dem Bleyberger Pfarrblatt vom 15. Ok- tober 1966 mitgeteilt wurde, man habe im Jahre 1896 in der Bley- berger Grube noch während 300 Tagen gearbeitet. Jacques Paquot schrieb dagegen in seiner Brochüre über die Geschichte des Bley- bergs von 1816 bis 1968, die er am 12. Oktober 1967 dem Herrn Andre Colin, Präsident und Generaldirektor des Handelshauses Gantois S.A. in Saint-Die (Frankreich), als Erinnerung widmete, in dieser Grube sei die Abbautätigkeit schon 1882 eingestellt worden und aus der Grube Terbruggen, in der Nähe der Ortschaft Sippenae- ken, habe man nur bis 1884 einheimisches Erz gefördert. Ferner gibt er an, daß seit dieser Zeit in den Bleyberger Hütten nur noch ausländisches Erz verarbeitet worden sei. Wie dem auch sein mag, diese Tätigkeit scheint schon anfäng- lich der Gesellschaft sowie den Bewohnern der Umgegend Schwie- rigkeiten bereitet zu haben, denn in dem schon zitierten Wochen- blatt vom 8. Oktober 1966 wurde berichtet, daß zu Beginn des Jah- res 1885 zahlreiche Bewohner und Eigentümer von Bauernhöfen Klagen bei der Regierung eingereicht hätten über große Schäden, die durch die oberirdischen Betriebe am Grasaufwuchs und an Obst- bäumen entstanden waren. Aus diesen Werksanlagen wären näm- lich mettalische Staubmassen und Dämpfe, die Arsenik, Antimoni- um, Schwefel und quecksilberhaltige Gase enthielten, in den Luft- kreis gelangt. Dadurch soll eine übermäßige Sterblichkeit des Vieh-
s3 Nach dem Weltkrieg sind dann auch die Hüttenwerke wieder teil- weise in Betrieb genommen worden, bis 1922 die letzten Öfen für immer erloschen, wodurch die Berg- und Hüttenleute ihren heimi- schen Arbeitsplatz verloren. So erging es auch zu dieser Zeit anderen Bergleuten des Göhl- tales, die vor und während des Ersten Weltkrieges im Aachener Steinkohlenrevier ihr tägliches Brot verdienten. Die Korrekturen der Staatsgrenzen zwischen Belgien und Deutschland führten u.a. zur Auflösung des Gebietes von Neutral-Moresnet, das zu Belgien kam. Infolgedessen mußten die vordem in Deutschland tätig gewe- senen Göhltal-Bergleute zusammen im Lütticher Becken, in den Kohlenzechen des Herver Landes, nach einer Beschäftigung suchen. Das gleiche geschah auch, als Anfang der dreißiger Jahre die Erz- bergwerke im Altenberger Grubenfeld ihre Tore zu schließen began- nen. Dies brachte für die älteren und jugendlichen Arbeiter vielfa- che Schwierigkeiten mit sich, denn sie mußten sich in eine zu dieser Zeit dem Christentum entfremdete Gegend begeben, eine zum Teil ungewohnte Arbeit ausführen und auf viele soziale Vorteile, die sie zuvor gekannt hatten, verzichten. Ebenso verstanden sie die Um- gangssprache der Arbeitskollegen, das Wallonische, schlecht oder gar nicht und wurden wegen ihrer heimischen Mundart von ihnen ”Flamen” (les flaminds) genannt. Bezüglich des Letzteren muß aber ausdrücklich betont werden, daß diese Benennung keineswegs als ei- ne Beschimpfung oder Verspottung angesehen werden darf. Im Ge- genteil, die wallonischen Bergleute waren alle sympathische, guther- zige und hilfsbereite Menschen, die unsere Nöten und Anliegen ver- standen und uns brüderlich behandelten. Zahlreiche Beispiele könn- ten diesbezüglich angegeben werden, wie zum Beispiel, daß sie uns am Arbeitsplatz, je nach Alter, entweder ”Bruder” oder ”Sohn” nannten und uns manchen guten Rat erteilten. Deshalb konnte man sich auch schnell in ihrer Mitte heimisch fühlen und Freude an die- sem harten und gefahrvollen Beruf finden. Deshalb sah man dann auch Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre täglich frühmorgens gegen 4 Uhr zahlreiche Er- wachsene und jugendliche Arbeiter, ab 14 Jahre, aus den heutigen Großgemeinden Bleyberg und Kelmis mit einem durch ein großes blaues Handtuch zusammengeschnürten Bündel am Rücken zu den Bahnhöfen nach Moresnet, Bleyberg, Gemmenich und einige Jahre später nach Kelmis eilen, um den sogenannten Köhlerzug zu bestei- gen. Mit diesem Zug erreichten sie dann nach einer langen Fahrt
54 von ca. 1 1/2 Stunden und einem anschließenden Fußmarsch von 10 bis 15 Minuten ihren Arbeitsplatz. Nach Beendigung der Schicht mußten sie dann in verschiedenen Bahnhöfen der Herver Gegend ei- ne halbe Stunde und mehr auf den Zug zur Heimfahrt warten, was zur Folge hatte, daß sie erst gegen 18 Uhr und später todmüde zu Hause ankamen. Heute kann man sich diese Strapazen kaum noch vorstellen und noch weniger glauben, daß sogar Hergenrather und Kelmiser ”Köhler” zeitweise das Fahrrad benutzt haben, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen, der rund 25 Km von ihrem Wohnort ent- fernt lag. Trotzdem sind sie ihrem Beruf jahrzehntelang treu geblie- ben und haben während dieser Zeit Seite an Seite mit ihren walloni- schen Arbeitskollegen gekämpft, um mehr soziale Vorteile zu erlan- . gen, die ihnen schließlich auch einige Jahre nach dem Zweiten Welt- krieg gewährt wurden. Auch sind sie stets gläubige Menschen ge- blieben und haben die christlichen Sitten und Bräuche ihrer Vorfah- ren als ”Köhler” hochgehalten und bis zum heutigen Tage gepflegt. Bemmenich — Ca Gare DO WW We 2 ) DB 3 8 2 Ve 8 N X 2 2 2 2 2 BO A DO 2 VL 2, De = 2 CU b x = BO N 4 Der Bahnhof Gemmenich. Von hier aus fuhren die dortigen ”Köhler” nach Bleyberg, wo sie umsteigen mußten, um mit den anderen Bergleuten aus dem Göhltal die Gru- ben des Herver Landes zu erreichen.
55 Entmutigend und unverständlich war jedoch für die ”Köhler”, daß sie im Vergleich zu den ehemaligen Bergleuten der Altenberger und Bleyberger Gesellschaft in der Öffentlichkeit im allgemeinen als minderwertige Menschen angesehen und auch dementsprechend be- handelt wurden. Jederman liebte und schätzte zwar die Kohlen, aber denjenigen, die diesen Bodenschatz im Schoße der Erde abbau- ten und schon als 14-jährige dafür sorgten, daß er mit ihrer Hilfe aus den niedrigsten Streben ans Tageslicht gefördert werden konnte, blieb selbst die geringste Achtung versagt. Aus welchem Grunde dies geschah, hat bis heute noch niemand erklären können und wird auch durch diesen Beitrag nicht gelingen. Trotzdem können even- tuell die nun folgenden Andeutungen und Fragen dazu beitragen, das Verhalten der Mitmenschen dem ”Köhler” gegenüber zu erklä- ren. Könnte nicht etwa die unsaubare Arbeit der ”Köhler” zu ihrer Mißachtung geführt haben? Oder ihre vom Kohlenstaub schwarz umrandeten Augen? Ihr bleiches Aussehen, welches durch man- gelnde frische Luft sowie die entbehrten Sonnenstrahlen entstand? Sind es die von der Kohle eingeätzten Merkmale gewesen, wel- che die ”Köhler” vielfach an den Händen trugen und die auch ihr Antlitz entstellten? Vielleicht waren es auch die blauen Streifen und Narben, die das Antlitz des ”Köhlers” bedeckten und Zeugen von Verletzungen wa- ren, die sie bei der Arbeit erlitten hatten. Ebenfalls könnte der Koh- lenstaub, der tief in den Poren der Haut festsaß und trotz allem Wa- schen immer auf’s neue zum Vorschein kam, ein Grund dafür gewe- sen sein, die Gesellschaft der ”Köhler” zu meiden. Ebenso kann auch die Unkenntniß über ihre Arbeit, die sie täglich im Reich der Finsternis ausführten, die Geringschätzung dieser Arbeit verursacht haben. Niemand wird dies mit Sicherheit bejahen oder verneinen können. Eines ist aber sicher : daß die Köhler zu Unrecht von den Mitmenschen als die minderwertigsten Arbeiter betrachtet worden + sind, was leider auch im Göhltal seit 1920 verschiedene jahrzehnte- lang der Fall gewesen ist und sich auch heute noch vereinzelt be- merkbar macht. Dies ist die geschichtliche Wahrheit und um dieser Wahrheit Willen ist es angebracht, da viele ”Köhler” nicht mehr zu den Lebenden zählen und andere im wohlverdienten Ruhestand le- ben oder als ”Köhler” keine Existenzmöglichkeit mehr haben, ver- schiedene Geschehnisse aus jener Zeit für die jetzige und kommen- de Generation zu schildern.
56 der Cantone Eupen : Malmedy : St. Vith 1 9 2 Nach amtlichem Material zusammengestellt 1 928 Bürgermeisterei Eynatten. Telephon Hergenrath 26. Gesamteinwohnerzahl 1171 Einwohner. Bürgermeistereidorf, Postagentur, Telefon, Gendarmeriestation Tel. Raeren 45, Bürgermeister : Esser Christian Gendarmerie: * Genen SS Sn an Junque Alfred, Oberwachtmeister, Allgemeine Ortskrankenkasse, Tel. Raeren 45 Tel. Raeren 42 1 Coomanns Alfred Direktor Esser Christian VelgEmank AA | Lehrpersonal : Weicker P. Franck Jean, Hauptlehrer Pfarrer: Arend Marie, Lehrerin Klein Barbara, Lehrerin Lassaulx Hubert Piana Arn., Lehrer (Schule Lichtenbusch) Zur Beachtung : Die heutige Aachener Straße trug um die Zeit der Herausgabe des Adreßbuches 1927/1928 ebenfalls die Bezeichnung ”Eupener Straße”. Die damalige Eupener Straße begann also am Ortseingang Merols (von Eupen.kommend) und endete am Ortsaus- gang in Richtung Aachen an der ”Eynattener Heide”, Hier und da taucht auch für die gleiche Straße die Bezeichnung ”Provinzialstraße” auf. Der Ortsteil Stangs ist ein Teil der heutigen Hauseter Straße. E. Barth
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71 Eine Gemeinde feiert ...... von Walter Meven Ein Jubiläum, das sich fast unbeachtet über Zeiten und Genera- tionen herangenähert hat. Dabei beinhaltet der Bogen, den es über- spannt, für den Lebensweg der Menschen sehr viel, reicht er doch vom Eintritt des Menschen ins Leben über dessen Höhepunkt bis zu Tod und Trennung. Gemeint ist das, was sich um die Seele des Menschen rankt, das, was Glauben, Gewissen und damit seine Kirche berührt. Sie ist nicht nur Mittelpunkt des Gemeinwesens in geographischer Hin- sicht, sondern auch Angelpunkt menschlichen Verhaltens. Nicht als steinernes Zeugnis, sondern als ein festes Gefüge der Nächstenliebe und der Hilfsbereitschaft einer Glaubensgemeinschaft. 125 Jahre Pfarrgemeinde Kelmis : ein geringes Alter gegenüber den altehrwürdigen Kirchen, die sie umgeben, deren Ursprung im Dunkeln liegt. Entstand sie doch einst aus einem kirchlich dreige- teilten Raum, der, von den Schätzen des Bodens begünstigt, die der WE dk Den nn AH EEE a | EP SO % RD y ne EP LEE TS I a WAR 3 a % % Yeowsnek N EA ES ME NEE e 7 4 Me generale de Coxtiaction Yes Ansicht vom Altenberg. Am oberen Bildrand erkennt man die ehemalige Kapelle in der Kapellstraße. Rechts die Hütte, links Werksanlagen; davor einige Wohnhäuser im Bruch und der zum Krickelstein führende Weg.
72 Mensch zu schürfen und zu nutzen lernte, sich eben dadurch all- mählich über Jahrhunderte zu einem Hort menschlicher Ansiedlung entwickelte. Es entstand eine Schicksalsgemeinschaft, ein Miteinan- derleben, das auch bald den Wunsch reifen ließ, an ihrer Heimstatt einen Ort des Gebetes und der Andacht zu besitzen. Aus eigener Kraft wurde der Wunsch Wirklichkeit. War es zunächst auch nur eine kleine Andachtsstätte, in der nur an bestimmten Feiertagen ein Gottesdienst gehalten wurde, so blieb ihnen für die übrige Zeit des Jahres der weite und beschwerliche Weg zu ihrer angestammten Pfarrkirche immer noch nicht erspart. Ihre Sonntagspflicht erforder- te es, je nach Pfarrzugehörigkeit, nach Montzen, Moresnet oder Hergenrath in die Kirche zu gehen. g Die frühen Bestrebungen und die bescheidenen Ansätze, eine eigene Kirchengemeinde mit einem für sie zuständigen Priester zu besitzen, erscheinen bei den erwähnten Umständen recht einleuch- tend. 100 Jahre und vielleicht noch mehr sollte es dauern, bis in der Ge- meinde Kelmis diese eigene Pfarrgemeinde, deren 125. Jubiläum wir in diesen Tagen begehen, Wirklichkeit wurde: ; Im Bereiche des Galmeiberges sind uns drei Kapellen bekannt ge- worden : Die heute noch bestehende Rochuskapelle, die vor 1646 erbaut wur- de; die kleine Kapelle im Hause des königlichen Kontrolleurs des Gal- meiberges, der sie aber nur zur Bequemlichkeit der ”Offiziellen” er- richten ließ. Sie hat neben den übrigen Bauten der Herrschaft ihren Standort in der Nähe des heutigen Parkcafes gehabt. Der Grundstein zu einer dritten Kapelle, die man jedoch noch drei- mal vergrößerte, wurde am 29. April 1845 feierlich gelegt. Ihr Stan- dort war in der unteren Kapellstraße. Noch heute erinnert dieser Straßenname an ihr einstiges Vorhandensein. Die ständig wachsende Zuwanderung von Arbeitskräften, die ihr Brot mit der Arbeit am Galmeiberg suchten und fanden, erforderte bald ein neues, größeres Gotteshaus, das schließlich mit der großherzigen Hilfe der beiden Herrscherhäuser Belgiens und Preußens sowie der Vieille Montagne gebaut wurde. Am 3. Oktober 1865 erfolgte die Einsegnung und damit die Überga- be an die sicherlich glückliche Bevölkerung. Die eigentliche Pfarrer- hebung war bereits einige Jahre zuvor erfolgt, nämlich am 25. Au- € gust des Jahres 1858. Diesem Tage wollen wir in diesem Jahre ein besonders Gedenken schenken.
BB Möge sich der diesen relativ geringen Zeitraum überspannende Bo- gen noch unzählige Jahre in Frieden über Generationen ausweiten und fernerhin den Lebensweg der Menschen begleiten und überdau- ern. Literatur : Firmin Pauquet, Hundert Jahre Pfarre Kelmis Walter Meven, Eine königliche Ordonnanz des Jahres 1786, in ”Im Göhltal”, Heft 31, Seite 40 ff.
74 Die Spielbank Altenberg Eine Episode aus dem neutralen Gebiet von Moresnet von Alfred Bertha Das um die Jahrhundertwende in einer Morgen- und einer Abendausgabe erscheinende Aachener ”Echo der Gegenwart” konnte sich rühmen, die älteste Zeitung Aachens zu sein. In einer Annonce in dem in Dolhain erscheinenden Blatt ”Das Freie Wort” schrieb das ”Echo” von sich, es unterrichte seine Leser rasch und zu- verlässig über alle wichtigen und interessanten Tagesereignisse und widme den Vorgängen in Holländisch-Limburg und den belgischen * Grenzbezirken besondere Beachtung. Besondere Beachtung fanden in dem Aachener Blatt auch die Ereignisse im nahen Neutral-Moresnet, und wir können das ”Echo” als eine aufschlußreiche und durchaus zuverlässige Quelle zur Ge- schichte des neutralen Gebietes betrachten. Als vor nunmehr rund 80 Jahren, am Samstag, dem 15. Au- gust 1903, eine Spielbank im damaligen Neutral-Moresnet (Alten- berg, Kelmis) ihre Tore öffnete, berichtete ”Das Freie Wort” (1) vom darauffolgenden Mittwoch über das Ereignis unter Berufung auf das ”Echo”, welches wörtlich zitiert wurde : ”Mit dem heutigen Tage (Samstag) wurde hier in den oberen Räumen des Hotels Bergerhoff eine Spielbank (Roulette usw.) eröff- net. Die Spielbanken von Ostende und Spa scheinen, da ja Belgien sei- ne Banken aufgehoben hat, sich hier (das Hotel Bergerhoff liegt auf neutralem Gebiet) sicher zu fühlen. Der Besuch der Bank war am Eröffnungstage sehr stark, namentlich Belgier waren vertreten. Von Aachen aus langten über Hergenrath mit den Morgenzügen bereits 60 Herren an. Auch bemerkte man viele Großgrundbesitzer aus der Aachener Umgebung. Herr Bergerhoff erhält für den Spielsalon mo- natlich 500 Frs Miete. Daß die ganze Sache von Belgien aus herüber gekommen ist, beweisen die genau wie in Spa gekleideten gallonier- ten Jeu-Diener. In Altenberg und Umgebung ist der Spielsalon ein offenes Geheimnis.” (1) Es war dies eine in Dolhain bei Willems gedruckte deutschsprachige halbwöchent- lich erscheinende Zeitung, die auch im Kelmiser Raum viele Abonnenten hatte.
75 A a KA 222o & 7 See len SS A — BötlRestanzant EEE - 5 ALERNDEra Sn a . A DE ZEN DE 4 A PERS FE ER A EEE GE EEE N | | | | * Original adressiert an ”Fräulein Katharina Aussems in Walhorn Gut Grütbach” mit Ankunftsstempel Astenet 5.11.02. 12.14. Karte trägt den Vermerk : N° 1353. Verlag : Hubert Grümmer. Aachen. Die ”Spielbank in Altenberg” war dann für das ”Echo der Ge- genwart” die Gelegenheit, den Rechtsstatus des neutralen Gebietes etwas näher zu untersuchen und demselben einen längeren, sehr le- senswerten Aufsatz zu widmen. Der Grenzvertrag von 1816 zwi- schen Preußen und den Niederlanden hatte sich darauf beschränkt, zu sagen, das Gebiet von Kelmis werde einer gemeinsamen Verwal- tung der vertragschließenden Parteien unterworfen. ”Weder das Grundgesetz der Niederlande, noch die belgische oder preußische Verfassung sind auf dem neutralen Gebiet verkündet worden. Kein organisches Gesetz des einen oder anderen Königreiches ist dort in Kraft getreten; Wahlgesetz, Provinzialgesetz, belgisches oder preus- sisches Gemeindegesetz sind dort gleichermaßen fremd ... In Wirk- lichkeit hört für das neutrale Gebiet die Gesetzgebung mit dem 26. Juni 1816 auf. ”So umschrieb die ”Revue de l’Administration” die
76 Rechtslage in Neutral-Moresnet. (1) Und die Zeitschrift bemerkte zutreffend, daß in dem neutralen Gebiet die Verfassung und die Ge- setze des nicht mehr bestehenden französischen Kaiserreichs weiter in Kraft waren. Diese ”merkwürdigen staatsrechtlichen Verhältnisse ”waren es auch, die die Initiatoren der Spielbank auf neutralem Gebiet bewo- gen hatten, dort ihr Glück zu versuchen. Das ”Echo der Gegen- wart” befürchtete, daß die Spielbank, wenn sie geduldet würde, bald das Ziel aller der Glücksritter werde, die in Spa und Ostende, nach der Schließung der dortigen Kasinos, ihrer Spielwut nicht mehr fröhnen konnten. In dem vom Strome der Kulturwelt bisher kaum berührten Ländchen würden dann auch die üblen Begleiterschei- , nungen einer Spielhölle nicht ausbleiben. Es dürfe bezweifelt wer- den, ob der materielle Vorteil, den sich gewisse Kreise in Moresnet von der Spielbank versprächen, diese wenig angenehmen Beigaben aufwögen. Um die Rechtslage zu verdeutlichen, holt der Schreiber dann etwas weiter aus. Er umreißt kurz die Entstehungsgeschichte Neutral-Moresnets und bemerkt zutreffend, daß diese Bezeichnung eigentlich nicht das Wesentliche treffe, denn unabhängig im völker- rechtlichen Sinn sei Moresnet nicht, da das Gebiet nach einer Eini- gung zwischen Preußen und Belgien bzgl. der Grenzfrage an eines der beiden Länder falle. Die Bewohner Neutral-Moresnets fanden sich, so das ”Echo” ganz gut mit diesen problematischen Verhältnissen ab. Man nehme teil an den Vorteilen, die jeder der beiden Staaten biete, ohne jedoch zu allen Verpflichtungen herangezogen zu werden. Wörtlich fährt der Schreiber fort : ”Da ist zunächst das Privilegium der Militärbefreiung. Ur- sprünglich waren alle Bewohner von Neutral-Moresnet von der Heerespflicht befreit. Seit 1848 sind jedoch die Einwohner belgi- scher Nationalität in Belgien und seit 1854 die Einwohner deutscher Nationalität in Preußen militärisch dienstbar. Nur die eigentlichen Neutralen, d.h. die Nachkommen der 1815 ansässigen Bevölkerung sind vollständig militärfrei. Es handelt sich hierbei um 439 Personen (1815 waren es 250), die übrigen 3000 Einwohner sind zur Hälfte (1470) Preußen, 1169 sind Belgier, 353 Holländer. (1) Revue de l’Administration de la Belgique, XI, 1864-1865, S. 198, zitiert von L. Maltoz, ”Le territoire Neutre de Moresnet (1816-1919)” im Bulletin des ”Credit Communal de Belgique”, Nr. 144, April 1983, S. 72-73.
A ED 5 Das Hotel Bergerhoff um 1903 (Foto Stadtarchiv Aachen) Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer Annehmlichkeiten in Moresnet, die aber nicht nur für die ”Ur”-neutralen, sondern für sämtliche Einwohner Moresnets in Betracht kommen. Die Steuer- verhältnisse halten mit unseren Verhältnissen keinen Vergleich aus. Das ist begründet darin, daß die Verwaltungskosten gering, und die Öffentlichen Bedürfnisse unerheblich sind. Die staatliche Verwal- tung wird gemeinsam von einem preußischen und einem belgischen Immediatkommissar besorgt; preußischerseits ist die Verwaltung dem Landrat des Kreises Eupen unter Aufsicht der kgl. Regierung in Aachen übertragen. Die Gemeindeverwaltung wird seit 1858 (1) von dem jeweiligen Bürgermeister des benachbarten Preußisch- Moresnet ausgeübt, dem ein Gemeinderat aus zehn von den Imme- diatkommissaren ernannten Einwohnern des Ortes zur Seite steht. Sie werden nur gutachtlich vernommen. Früher lösten die Bürger- meister von Preußisch-Moresnet und dem etwas entfernter liegen- den Belgisch-Moresnet einander in der Verwaltung ab. (2) (1) Nach dem Tode von Bürgermeister Arnold van Lasaulx (1859) wurde der Berg- werksdirektor Adolphe van Scherpenzeel-Thim zum neuen Bürgermeister des neutralen Gebietes ernannt. Ihm-folgte nach einigen Monaten Joseph Kohl, Bür- germeister von Preußisch-Moresnet. (2) Eine etwas ungenaue Formulierung. In Wirklichkeit handelten beide Bürgermei- ster gemeinsam.
78 Die Steuern sind noch die, welche schon unter der französi- schen Herrschaft erhoben wurden, mit Ausnahme der später einge- führten Gemeindeeinkommensteuer, welche 8.410 Frs einbringt. Außerdem werden erhoben an Grund- und Gebäudesteuer 1461 Frs, an Patentsteuer 893 Frs, an Personalsteuer 235 Frs, insgesamt also 10.999 Fr, was auf den Kopf der Bevölkerung ungefähr 3,25 Frs ausmacht. Zölle werden von Waren, die aus Preußen oder Belgien in Neutral-Moresnet eingeführt werden, nicht erhoben, dagegen sind die ausgeführten Waren zollpflichtig. Postalisch gilt Moresnet zu Preußen wie zu Belgien als Inland. E Schulzwang besteht in Wirklichkeit nicht, wenn auch das Bei- spiel Preußens die gute Wirkung gehabt hat, daß kaum ein Kind an dem Schulunterricht nicht teilnimmt. Doch gestattet der nur fakul- tative Unterricht größere Freiheit in der Auswahl der Erziehungsin- stitute. Schließlich herrscht in Moresnet noch ein weitherziges Konzes- sionswesen. Wer fünf Francs zu zahlen in der Lage ist, hat es ohne weitere Schwierigkeiten in der Hand, sich Herr Wirt nennen zu las- sen. Aue KB EN HH 2 NOS??? = BB DE A RO an N BA ; 3 a A U ‚DL 288 A BO Se HM Ve SD 2 2 | BA ”Bergerhoff” war auch Haltestelle der Postkutsche. Aufnahme um 1903 (Foto Stadtarchiv Aachen)
u} In kirchlicher Beziehung bildet Moresnet eine zur Diözese Lüt- tich gehörende Pfarre, die Kirchensteuern betragen 1107 Fres. Die Rechtspflege in Neutral-Moresnet ist die aller merkwürdig- ste in ihrer Unsicherheit und in ihrer Härte. Einen eigenen Gerichts- bezirk bildet das kleine Gebiet nicht, und so können Zivilstreitigkei- ten, den staatsrechtlichen Verhältnissen des Gebietes entsprechend, nach Wahl des Klägers in Preußen sowohl wie in Belgien anhängig gemacht werden. Ebenso ist es in Strafsachen, doch hat sich die Übung herausgebildet, diese fast ausschließlich in Preußen anzu- bringen. Die preußischen Gerichte verfahren nach den deutschen Prozeßgesetzen, urteilen aber nach dem code penal Napoleons, der, was insbesondere das drakonische Strafmaß bei Vergehen gegen das Eigentum anlangt, der heutigen Rechtsauffassung in keiner Weise mehr entspricht. Als Regel gilt allerdings die Herabminderung der Strafen im Gnadenwege auf ein den Bestimmungen des deutschen Reichsstrafgesetzbuches entsprechendes Maß. Immer scheint die Anwendung des code penal nicht unbeding- te Regel gewesen zu sein. Es wird uns von kundiger Seite berichtet, daß im Jahre 1859 oder 60 zwei junge Leute aus Neutral-Moresnet wegen Mißhandlung vor das Aachener Landgericht gezogen wur- den. Sie waren mit ihren Eltern zu Neutral-Moresnet ansässig, von Nationalität aber Belgier. Nach der Verhandlung wurde von dem damaligen Kammerpräsidenten Salm hervorgehoben, daß zwar der französische code penal für das neutrale Gebiet gelte, es aber Usus sei, den Angeklagten die Wohltaten der preußischen Strafgesetze zuteil werden zu lassen, wenn diese, wie im vorliegenden Falle, für den Angeklagten günstiger lauteten. So wurde jeder der beiden Brü- der zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Der ältere trat aber frech vor und erklärte, daß er Belgier sei und nicht nach dem preußischen Ge- setz, sondern nach dem französischen code penal verurteilt werden wolle. Ruhig erklärte ihm der Präsident Salm, daß diesem Wunsche willfahren werden könne. Er wurde also nach dem einschlägigen Pa- ragr. des code penal zur geringsten Strafe von 4 Wochen Gefängnis verurteilt, während es bei seinem Bruder bei 14 Tagen verblieb. Neuerdings stützt sich die Rechtsprechung auf eine Entschei- dung des Reichsgerichts vom 10. August 1898, welche ausführte, daß in dem Grenzbezirk das Strafgesetzbuch für das deut- sche Reich ebensowenig wie das preußische Strafgesetz- buch vom 14. April 1851 Gesetzeskraft erlangt habe, da das bestehende Kondominat diesen Landesteil der einseiti- gen Gesetzgebung eines der beteiligten Staaten entzogen
80 habe, was auf Grund des Artikels 17 des zwischen Preußen und den Niederlanden abgeschlossenen Grenzvertrages vom 26. Juni 1816, von der älteren preußischen Recht- sprechung anerkannt worden sei, daß demnach das durch die frühere französische Staatsgewalt eingeführte Strafge- setzbuch, der code penal, noch als das zur Zeit örtlich gel- tende Strafgesetzbuch anzusehen sei. Das Reichsgericht beruft sich in seiner Entscheidung auf eine Ver- fügung des preußischen Justizministers vom 31. Dezember 1852 in der es heißt : ”Die Ansicht, daß das Strafgesetzbuch für die preußischen Staaten in dem an den Regierungsbezirk Aachen angren- zenden sog. neutralen Gebiete keine Gesetzeskraft habe, ist nach dem gegenwärtigen staatsrechtlichen Verhältnisse dieses Landesteiles als richtig anzuerkennen; es folgt dar- aus aber auch, daß in Untersuchungen, welche sich auf strafbare, im neutralen Gebiete begangene Handlungen beziehen, die Formulierung der Anklagen und Beschuldi- gungen nach Maßgabe der Bestimmungen des früheren Rheinischen Strafgesetzbuches erfolgen muß.” Gegen diese rechtliche Auffassung wandte sich der Aachener Land- gerichtsdirektor Ferdinand Schroeder, welcher in einer i.J. 1902 er- schienenen Schrift (”Das grenzstreitige Gebiet von Moresnet, sog. Neutral-Moresnet”, Aachen, 1902) den Standpunkt vertrat, die Deutschen im neutralen Gebiete sollten - abgesehen von den für das streitige Gebiet erlassenen Verordnungen - in strafrechtlicher Bezie- hung dem deutschen Strafgesetzbuch, die Belgier dem belgischen Strafgesetzbuch unterstehen. Im Rechts- und Geschäftsverkehr mit Deutschen sollten die in Neutral-Moresnet wohnenden Deutschen unter das deutsche bürgerliche und Handelsrecht fallen, während im Sachrecht, namentlich dem Eigentumserwerb, der dinglichen Belastung von Grundstücken und der Immobilienzwangsvoll- streckung nach dem alten französischen Gesetz geurteilt werden sollte. Bei den Ur-Neutralen kämen sowohl das französische Zivil- recht wie der code penal zur Anwendung. Schroeder begründete seinen Standpunkt damit, daß, von preußischer Warte aus gesehen, das grenzstreitige Gebiet durch die Verträge zu einem Teil des preußichen Territoriums geworden Sei, lediglich belastet mit dem Anspruch Belgiens (Hollands), das das Ge- biet als zum belgischen Territorium gehörend betrachte; Preußen sei in der Anwendung seiner Gesetze nur durch die völkerrechtlichen Rücksichten auf Belgien beschränkt.
A A a a < AM 8 IH On A x { "ig A fd FF £ TE x m be {| A a] N a iM fs =. DB "a Das Hotel Select in den 60°" Jahren Mit dieser Meinung folgte Landgerichtsdirektor Schroeder der Auffassung des deutschen auswärtigen Amtes, das am 28. Oktober 1875 die‘ rechtliche Lage Neutral-Moresnet wie folgt beurteilt hat- te: ”... daß von Preußen sowohl wie von Belgien (Holland) von Anfang an der Anspruch auf das ganze Gebiet mit völliger Ausschließung jeder Berechtigung des anderen Teiles geltend ge- macht und auf diesen Anspruch zu keiner Zeit verzichtet, noch der Anspruch des anderen Teiles auch nur neben dem eigenen als recht- lich begründet anerkannt worden ist; daß die Ausübung des Ho- heitsrechts völkerrechtlich von Seiten Preußens nur beschränkt ist durch die Rücksicht auf den anerkannten faktischen Mitbesitz Bel- giens und nur durch diese Rücksicht; daß, wo die letztere fortfällt, Preußen für befugt angesehen werden muß, das gedachte Gebiet staatsrechtlich als Inland zu behandeln, und daß dieses Gebiet , so- bald Belgien seine Ansprüche aufgebe, von selbst ein hinfort unbe- strittener Bestandteil der preußischen Monarchie werde, ohne daß
82 es eines, auf Grund des Art. 3 der Verfassungsurkunde zu erlassen- den Gesetzes wegen Vereinigung dieses Gebietes mit der preußischen Monarchie bedürfe.” So betrachtete also Preußen das Moresneter Gebiet als durch die Verträge vom 30. Mai 1814 und die Wiener Schlußakte vom 9. Juli 1815 als zu Preußen gefallen an, demnach auch für Preußen in Besitz genommen. Die Niederlande und deren Rechtsnachfolger Belgien erhoben den gleichen Anspruch. Beide Staaten nahmen je- doch gegenseitig auf den Anspruch des anderen Rücksicht, indem sie es nicht als einen Eingriff in die Hoheitsrechte ansahen, wenn der andere Staat seine in Neutral-Moresnet wohnenden Untertanen verpflichtete, ihren Militärdienst in Preußen bzw. Belgien zu absol- % vieren. Daraus folgt, so meinte das ”Echo der Gegenwart”, daß ein Eingriff in die Hoheitsrechte des anderen auch dann nicht vorliege, wenn Preußen seine im streitigen Gebiet wohnenden Untertanen als seinen Gesetzen unterworfen ansehe. ”Es ist ja auch”, so die Zei- tung, ”eine geradezu ungeheuerliche Erscheinung, daß die Preußen, obwohl sie in Moresnet den staatsbürgerlichen Pflichten gegenüber ihrem Mutterstaate unterworfen bleiben, in ihren Rechtsverhältnis- sen nach einem gänzlich veralteten Strafgesetzbuch abgeurteilt wer- den.” Den Leitern der neuen Spielbank bot aber gerade dieses veral- tete Strafgesetzbuch, der code penal, die Rechtsgrundlage für ihr Unternehmen. Dieser code penal verbietet in Art. 410 Spielbanken nur dann, wenn die Öffentlichkeit zugelassen wird. Nun hatte man in Kelmis von vornherein sich dadurch abgesichert, daß von den Spiellustigen ein Beitrag von 30 Fr erhoben wurde, wodurch sie zu Mitgliedern der Spielgesellschaft wurden. Ein allgemeines Verbot der Spielbanken wurde in Frankreich erst im Jahre 1839 ausgespro- chen, kam deshalb für das schon 1815 abgetrennte Gebiet von Neutral-Moresnet nicht in Frage. Preußen und Belgien hatten beide das Glücksspiel verboten; solange jedoch der von Landgerichtsdirektor Schroeder verfochtene Grundsatz, nach dem die preußischen Neutralen nach deutschem und die belgischen Neutralen nach belgischem Recht abzuurteilen wären, in der Rechtssprechung keine Anwendung fand, war es un- möglich, strafrechtlich gegen die Mitglieder der Spielgesellschaft vorzugehen.
83 Die einzige Möglichkeit, dem Rollen der roten und schwarzen Kugeln in Neutral-Moresnet Einhalt zu gebieten, schien der Ver- waltungsweg zu sein. Den beiden Regierungskommissaren stand das Recht zu, Polizeiverordnungen zu erlassen. Zu den Gegenständen solcher Verordnungen gehörte ”alles, was im besonderen Interesse der Gemeinden und ihrer Angehörigen” polizeilich geordnet werden mußte. Jede öffentliche Tanzlustbarkeit bedurfte in Preußen einer polizeilichen Genehmigung, da sollte doch sicherlich ein Spielsalon zu schließen sein - auch in Neutral-Moresnet. Dazu bedurfte es allerdings eines gemeinsamen Vorgehens der beiden Regierungen, die bei anderer Gelegenheit, z.b. bei Einfüh- rung der Einkommensteuer gegen Ende der 50er Jahre, schon ein- mal ein gemeinsam beschlossenes Gesetz in Neutral-Moresnet zur Anwendung gebracht hatten. In seiner Ausgabe vom 26. August 1903 brachte das ”Freie Wort” unter der "Überschrift "Aus dem Altenberger Monte-Carlo” einen im ”Echo der Gegenwart” wenige Tage zuvor erschienenen Beitrag zur Vorgeschichte der Gründung eines Spielkasinos in Neutral-Moresnet. Darin wird nachgewiesen, daß die Bestrebungen zur Errichtung einer Spielbank im neutralen Gebiet bis in die siebzi- ger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückgehen. So soll im Jahre 1871 am Tage der Siegesfeier für die aus dem Feldzuge heimkehren- den Soldaten ein reicher Berliner Bürger den Bürgermeister von Neutral-Moresnet gebeten haben, ihm bei der Errichtung einer Spielbank in Kelmis behilflich zu sein. Dieses Ansinnen habe der Bürgermeister aber zurückgewiesen mit dem Bemerken, dies liege nicht in seiner Macht und er könne auch die Verantwortung für ei- ne solche Entscheidung nicht übernehmen, da notorisch der finan- zielle und moralische Ruin von Tausenden durch die Spielbanken herbeigeführt würde. Der Fremde habe daraufhin mit engen Bezie- hungen zu Personen fürstlichen Geblüts geprahlt und dem Bürger- meister versprochen, er werde in kürzester Zeit ein steinreicher Mann, wenn er das Unternehmen unterstütze. Da der Bürgermei- ster jedoch bei seiner ablehnenden Haltung verharrt habe, sei der Fremde wieder abgereist. 1898 ließ sich ein Franzose mit Namen Hector Lahousse in Al- tenberg nieder. Er ging mit dem Plan um, in dem neutralen Länd- chen Bäder und eine Spielbank zu errichten. Verschiedene Persön- lichkeiten des Orts interessierten sich für das Unternehmen und es soll sogar zu Spekulationskäufen gekommen sein. Zum Ärger der Spekulanten zerschlug sich der Plan aber wieder. Wie das ”Echo” zu
84 berichten wußte, hatten noch andere Bestrebungen zur Errichtung einer Spielbank in Neutral-Moresnet stattgefunden; die Freimaurer- loge stehe hinter diesem Projekt. Der "Frankfurter Zeitung” ging am 25. August 1903 eine Nachricht aus Köln zu, wonach zwischen Preußen und Belgien eine Einigung bzgl. des Gebietes von Neutral-Moresnet erzielt worden sei. Das Gebiet komme integral an Belgien, und zwar gegen eine an Deutschland zu zahlende Geldentschädigung. Damit würde wohl auch, so bemerkte das Frankfurter Blatt, die Altenberger Spielbank- herrlichkeit ihr Ende erreichen. Der ”Germania” ging eine ähnliche Nachricht zu. Ein Privat- Telegramm aus Köln wußte vom nahen Abschluß der Verhandlun- gen über die endgültige Regelung der politischen Zugehörigkeit Neutral-Moresnets zu berichten. Die Altenberger Spielhölle verursachte einigen Wirbel. Am 25. August 1903 kam es zu einem regen Depeschenwechsel zwischen Deutschland und Belgien. Eine Zusammenkunft der beiderseitigen Regierungsvertreter wurde auf den 28. August anberaumt, wozu deutscherseits der Landrat von Eupen, Geheimrat Gülcher, und Re- gierungsassessor Graf von der Goltz den Auftrag erhielten, ener- gisch bei den belgischen Vertretern auf eine Einwilligung zur Schließung der Spielbank zu drängen. Belgischerseits war der Be- zirkskommissar Fernand Bleyfuesz mit dem Problem befaßt. Dieser hatte kurz zuvor auf die Frage, welche Stellung die belgische Regie- rung zu dem Spielclub nehmen werde, erklärt : ”Es ist überhaupt keine Maßnahme zu treffen, da das neue belgische Spielgesetz auf das neutrale Gebiet nicht anwendbar ist. Für dieses gilt in dieser Hinsicht der alte Code Napoleon. Danach ist das Spiel in der Öffent- lichkeit verboten, aber gestattet, soweit es in einem Privatverein stattfindet. Wenn das neue Unternehmen sich den Vorschriften des Code Napoleon anpaßt, haben wir keine Veranlassung, in irgendei- ner Weise einzuschreiten. Ich habe noch keine Anzeige erhalten und es wird dies wahrscheinlich auch nicht der Fall sein, wenn keine Übertretung stattfindet.” (1) Die Unterredung zwischen den Regierungskommissaren fand in Herbesthal statt. Das Resultat derselben wurde diplomatisch als kein solches bezeichnet, ”daß auf Grund desselben die Aufhebung der Spielbank geraten erschien bzw. verfügt werden konnte”, (1) Correspondenzblatt des Kreises Eupen, 26. Aug. 1903
85 Unterdessen beschäftigten sich in- und ausländische Zeitungen weiterhin mit dem Problem Neutral-Moresnets im allgemeinen und der Spielbank im besonderen. Der Pariser ”Figaro” erhielt eine Nachricht aus Berlin, wonach die Verhandlungen über Neutral- Moresnet kurz vor dem Abschluß stünden; es sei jedoch falsch, daß das Gebiet gegen eine Entschädigung ganz an Belgien fallen solle. Jeder der beiden Staaten, die sich über die Teilung einig seien, erhal- te die Hälfte des Gebietes und es bleibe nur noch die Grenzlinie fest- zusetzen, was in Kürze geschehen werde. Der ”Figaro” schrieb auch, Belgien und Deutschland hätten gemeinsam die Aufhebung des Kelmiser Spielkasinos beschlossen, was wiederum von belgi- schen Blättern als völlig aus der Luft gegriffen dargestellt wurde. Die ”Kölnische Zeitung” widmete in ihrer Sonntagsausgabe vom 30. August der Rechtslage Neutral-Moresnets einen langen Aufsatz. Darin wurde die Regelung des Neutral Moresneter Pro- blems als eine Ehrenpflicht gefordert. Abschließend meinte der Schreiber : ”Wenn es unserer Zeit gelungen ist, im tiefsten Afrika den Interessensphären der einzelnen Staaten bestimmte Grenzen zu geben, wenn Helgoland und Samoa eine im deutschen Sinne glückli- che und günstige Besitzregelung erfahren konnten, so dürfte es nicht schwer fallen, auch den hundertjährigen Streit über Moresnet aus der Welt zu schaffen, zumal die Schwierigkeit der Regelung, die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in dem unermeßlich wertvollen Galmeibergwerk gegeben war, heute nicht mehr vorhanden ist.” In Altenberg wurde inzwischen flott weiter gespielt. Der Spiel- club ließ äußerste Vorsicht walten, um nicht mit dem bestehenden Gesetz in Konflikt zu kommen. Laut Prospekt zählte die Spielge- meinschaft Ende August 1903 schon 4000 Mitglieder und der Spiel- betrieb blieb nicht ohne Einfluß auf das Wirtschaftsleben im Ort. Der Landrat von Eupen legte die Polizeistunde für die auf preußischer Seite der Landstraße gelegenen Lokale auf 11 Uhr abends fest. Dadurch waren diese Wirtshäuser im Vergleich zu den auf neutralem Gebiet gelegenen im Nachteil. Die Zahl der Hotelgä- ste wuchs täglich. In manchen kleinen Gasthöfen waren mehr als 10 Fremde untergebracht. Dieser Zuzug an Fremden und die Spiel- bank wurden als eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit ange- sehen. Der Vorstand der Spielbankgesellschaft versuchte mittlerwei- len, ein günstiges Klima für seine Aktivitäten zu schaffen. Man sah die Herren bei der Vorstandssitzung eines Altenberger Karnevalsve- reins, wo sie für die Kasse desselben und zur Verschönerung des in Aussicht genommenen großen Karnevalsballes 250 Fr spendeten.
86 Doch die Ortspolizei hatte das Treiben im Hotel Bergerhoff im Au- ge und stattete dem Club fast täglich einen Besuch ab, ohne jedoch gegen die Spieler vorgehen zu können. Nach 17 Tagen kam dann doch das ”Aus” für die Spielbank. Nachdem am Vormittag des 3. September 1903 die beiden Kommis- sare eine neuerliche Besprechung in Herbesthal gehabt hatten, wur- de am Nachmittag desselben Tages die Bank durch die Ortsbehörde von Neutral-Moresnet geschlossen. Die Aufhebung erfolgte auf- grund des Par. 291 des Napoleonischen Strafgesetzbuches, welcher lautet : ”Eine gesellschaftliche Vereinigung von mehr als 20 Perso- nen, die zum Zweck hat, sich alle Tage oder an gewissen bestimm- ten Tagen zu versammeln, um sich mit religiösen, literarischen, poli- . tischen oder anderen Gegenständen zu beschäftigen, darf sich nur mit Genehmigung der Regierung und unter den Bedingungen bil- den, welche die Behörde der Gesellschaft vorzuschreiben für gut fin- det.” Nach deutschen Blättern erfolgte die Schließung der Bank durch den zuständigen Bürgermeister von Neutral-Moresnet in so unauffälliger Weise, daß die Bewohner des Ortes kaum etwas davon merkten. Dagegen schrieben belgische Zeitungen, die Schließung sei vom Polizeipräsidenten von Aachen in Begleitung von Schutzleuten vorgenommen worden. Der Polizeipräsident habe den von etwa 20 belgischen und deutschen Gendarmen besetzten Gasthof Berger- hoff besucht und den Anwesenden die Verfügung der beiden Regie- rungen mitgeteilt. Wie verlautet, hielten sich in Altenberg bereits 150 ”feste” Spieler auf, darunter Russen, Italiener und Amerikaner. Am letzten ”offenen” Sonntag standen in der Nähe des Spielhauses ungefähr 60 Wagen und Automobile. Der von den Unternehmern des Kasinos während des kurzen Bestehens des Clubs erzielte Rein- gewinn soll sich auf 25. - 30.000 Fr belaufen haben. Nach der Schließung, die gegen 13 Uhr verhängt wurde, verließen die Spielbankdirektoren Neutral-Moresnet in Richtung Verviers, ließen jedoch verbreiten, am nächsten Tage werde weiter gespielt werden. Sie wollten es offensichtlich auf eine Protokollie- rung und anschließende Gerichtsverhandlung ankommen lassen, wobei sie erhebliche Schadenersatzansprüche geltend machen konn- ten. Wie dem ”Freien Wort” aus dem neutralen Gebiet gemeldet wurde, .nahm die Bevölkerung im allgemeinen die Nachricht von der Schließung des Spielkasinos mit Befriedigung auf. Nur die Gast- wirte und Wohnungsvermieter waren eher gedrückter Stimmung,
87 da sie z.T. große Anschaffungen gemacht hatten, die nun abzuzah- len sie Schwierigkeiten hatten. Die Mieter ihrerseits waren befrie- digt über das Ende des Spuks, denn die Mietpreise waren in den we- nigen Tagen seit der Eröffnung der Spielbank sprunghaft angestie- gen. Einem Arbeiter, der bisher für 10 Fr monatlich zur Miete ge- z wohnt hatte, wurden nun plötzlich 50 Fr abverlangt! Die Gebietspresse, ”Das Freie Wort” meinte, Altenberg werde nun wohl wieder nach kurzer Zeit in seine beschauliche Ruhe zu- rückversinken, in der seine Bewohner dann den entschwundenen Träumen vom mühelosen Erwerb großer Reichtümer nachhängen könnten. Die Zeitung schloß ihren Kommentar zur Spielbankaffäre mit dem Hinweis, daß eine Wiedereröffnung des Spielclubs unter Ver- letzung des ausgesprochenen Verbots für Neutral-Moresnet unbere- chenbare Folgen nach sich ziehen würde, da der Widerstand gegen das behördliche Verbot nach dem code penal als Aufruhr angesehen und die belgisch-preußische Besetzung des Gebietes zur Folge haben würde. Dazu ist es jedoch nicht gekommen, da die Spielbankdirekto- ren klein beigegeben haben. Das ”Correspondenzblatt des Kreises Eupen” vom 16.3. und 23.3.1904 berichtet kurz über das gerichtliche Nachspiel des Neutral-Moresneter Spielclubs. Drei der Gründer des ”Cercle prive des Etrangers de Calamine ä Moresnet-Neutre”, ein Kohlenhändler, ein Makler und ein Handlungsreisender, sämtlich aus Lüttich, wur- den wegen Verstoßes gegen die Art. 291 und 292 (Vereinsgesetz) des code penal von der Aachener Strafkammer zu je 100 Fr Geld- buße verurteilt, während der Hotelbesitzer Jak. Bergerhoff, dem man vorwarf, er habe seine Räume für eine nicht behördlich geneh- migte Vereinigung zur Verfügung gestellt, zur Zahlung von 50 Fr verurteilt wurde. Vor gut 5 Jahren ging das Hotel Select, der frühere Gasthof Bergerhoff, durch Kauf in den Besitz der Gemeinde über. Nach umfassenden Um- und Erweiterungsbauten konnte das Gebäude am 11. Juni d.J. seiner zukünftigen Bestimmung als Kulturhaus und Be- gegnungsstätte der Kelmiser Vereine übergeben werden. An die Episode Altenberger Spielbank erinnern nur noch einige vergilbte Zeitungsnotizen.
88 Das Mobile von M. Th. Weinert Vier Fische, stumm und schön wie Schollen, tun so, als ob sie etwas wollen ... sie schweben leicht im Raum und streichen im Kreis um sich und ihresgleichen, Zuweilen stößt der Kopf des einen den Schwanz des andern leise an, ein Großer wendet sich zum Kleinen und schiebt ihn in die neue Bahn. „Doch bleibt ihr Kreis in sich geschlossen, kein Fischlein kann aus seiner Spur, sie hängen alle mit den Flossen an einer fadendünnen Schnur. Dies - scheint mir - ist ein wahres Zeichen, zuweilen möchte man entweichen ... und hängt doch schon, seit eh’ und je am Faden, wie ein Mobile.
89 Zum 100. Geburtstag des Raerener Schriftstellers Josef Ponten von Marc Komoth ”Ponten Josef : Schriftsteller, geboren in Raeren bei Eupen am 3. Juni 1883, gestorben in München am 3. April 1940. Schrieb Rei- sebücher (u.a. über griechische Landschaften), Erzählungen (”Die Insel”, 1918), Romane (”Der babylonische Turm”, 1918; ”Die Bock- reiter”, 1919). Stellte in dem Romanzyklus ”Volk auf dem Weg” (un- vollendet, 6 Bände erschienen, 1931-42) die Schicksale der Aus- landsdeutschen dar” (1) Mit diesen knappen Worten beschreibt das Lexikon eine der wohl größten Dichterpersönlichkeiten unserer engeren Heimat, die vor nunmehr genau hundert Jahren geboren wurde. Heute ist es um Josef Ponten zweifellos recht still geworden. Dennoch muß man ihn wohl zu den bedeutendsten rheinischen Dichtern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts rechnen. Ponten war Rheinländer und blieb dies auch auf seinen zahlreichen Reisen oder an seinen diversen Wohnorten von München bis Berlin. Natur und Landschaft sind für Ponten in all seinen Romanen, Gedichten oder Erzählungen stets mehr als der neutrale Hintergrund für das Geschehene, sie sind vielmehr Teil der Handlung. Wie tief Ponten besonders von der rheinischen Landschaft beeindruckt war, mag aus folgendem kur- zem Auszug ersichtlich sein : ”... Also stehen wir hier auf einem Gebirge aus harten Schie- fern mit viel Quarz, einem ungeheuer alten Gebirge, auf dem Stum- mel eines Gebirges, eines Berglandes, das sehr lange ziemlich still lie- genblieb, um während der endlosen Zeit fast bis zu seinem Fuße von Gerinnen, Bächen, Flüssen und Strom ab- und fortgetragen zu wer- den, und zwar von immer sich verlegenden Gruppen dieser unge- heuren Wasserspülung, wie wenn man den Hof mit einem reiser- und blättervollen Baumast bald in dieser, bald in jener Richtung Segt ...”. (2) (1) TO Brockhaus in zwölf Bänden, 18. Auflage, F.A. Brockhaus, Wiesbaden, (2) Josef Ponten, Die rheinische Landschaft (aus einem Sonderdruck ohne nähere Quellenangaben, vermutlich 1933).
90 Ein wunderschönes Gedicht sei als ein weiterer Beweis für Pontens tiefes Naturverständnis angeführt : (3) Frühling Vater ist wie Maienwind Mutter aber wie blühender Baum. Vater verstreut seine Gaben geschwind, Mutter steht wie ein Traum. Vater ist eifrig, launig beseelt, Mutter aber ist Natur. Vater wird nicht von Schmerzen gequält, Mutter nur. X Noch im Geburtsjahr des Dichters verzog die Familie Ponten aus Raeren nach Lontzen, wo sie bis 1890 im sog. Bürgerhaus an der Straße nach Lontzen-Busch wohnte, um dann nach Aachen um- zusiedeln. Doch immer wieder kam der kleine Josef nach Raeren zur Großmutter und Raeren hat die Kinderjahre des Dichters stär- ker als jede andere Landschaft geprägt. Gerhart Lohse schreibt hierzu : ”Das liebliche und unberührte Hügelland zwischen Aachener Wald und Hohem Venn mit seinen weiten Wiesen und wohlhabenden Höfen hat Josef Ponten stark beeindruckt. Ihm wohl verdankt er sein besonderes Verhältnis zur Landschaft, das ihn immer begleitet hat und das seine ganze Dich- tung durchzieht ...” (4) Ponten selbst schreibt in einem Rückblick auf die Zeit, die er in Aa- chen verbrachte : ”Wenn ich an diese ersten bis zum Ende der Kind- heit in Aachen verbrachten Jahre zurückdenke, so denke ich fast nur - an Raeren. Denn in Raeren verlebte ich alle und die ganzen Ferien, die vielen schulfreien Festtage des katholischen Kalenders und auch oft die Sonntage ... Ich lebte die Werktage und die Schul- zeiten in der Stadt fast nur im Hinblick auf die Sonntage und die langen Schulferien, die ich in dieser mir selig erscheinenden Land- schaft verbringen durfte.” In einem anderen, etwas längeren Auszug beschreibt Ponten eben (3) Josef Ponten, in Aachener Leben (Kur- und Verkehrszeitung) Nr. 6 vom 4. Fe- bruar 1934. (4) Gerhart Lohse, Josef Ponten, in Rheinische Lebensbilder (Bd 2), Düsseldorf, 1966.
91 diese Raerener Landschaft, die ihn so sehr prägte : »Raeren ist ein großes Streudorf, das aus vielen Einzeldörfern und Weilern besteht. Die Großmutter wohnte in einem der klein- sten Weiler, der Blaar hieß; im Tale des Iterbaches. In der Erzählung ’Unteroffiziersposten Bethanien legt die Waffen nieder’ ist diese Wiesentallandschaft ziemlich getreu gemalt. Die Großmutter be- wohnte ein vom Großvater erbautes schönes festes Steinhaus, das von Blumengärten umgeben und über und über mit Rosen und Kletterpflanzen bedeckt war. Die Treppe war vergoldet. Im Vorflur über altmodisch wurm- stichigen roten Möbeln aus der Biedermeierzeit hing gerahmt die lange Folge schöner bunter Bilder, welche die Geschichte der heili- gen Genoveva und des Schurken Golo erzählten - von dieser epi- schen Bilderfolge habe ich erste und tiefste Eindrücke erfahren, und für erzählerische Folgen oder wie man sagt : Zyklenwerke habe ich noch heute eine Vorliebe. Im Tale waren rauschende Tannen, to- sende Wasserfälle, eine schwindelhohe Brücke. Auch jene unheimli- che Gracht (»Unteroffizierposten«) war da. Zum Besitztum der Großmutter gehörte ein geheimnisvolles Wäldchen, das über star- renden Blausteinfelsen stand (von denen einmal - o Graus! - eine verstiegene Kuh der Großmutter sich zu Tode stürzte). Im Keller des großmütterlichen Hauses war jener fürchterliche Brunnen, der das Ende eines sehr langen unterirdischen Wasserkanals ausmachte, von dem in der Erzählung desselben vorgenannten Buches »Wasser- mann der Mörder«, berichtet wird. Da war eine aufgelassene Mühle mit einem tiefen schaurigen Brunnenschachte, da lag auch ein Spital (von einem reichen Verwandten der Familie gestiftet, von jener herrlichen großen lebensvollen Schwester Helmtrudis als Oberin ge- leitet, der sich einige Leser aus meinen »Bockreitern« erinnern wer- den. Und im Spitalsgarten am rauschenden Wehr des Iterbaches war die mit feinem, unter den Tritten knirschendem Kiese bestreute offene Sommer- und Naturkapelle mit einer Grotte aus Stalaktiten, in der die weiße Madonna von Lourdes, das blaue fliegende Ausgabe um den Leib, stand und vor der die engelhafte kleine Französin aus den Pyrenäen, Bernadette Soubirous, kniete. Und wie oft kniete ich selbst da und betete mit Helmtrudis und den anderen braunen Non- nen des Spitals den Marienrosenkranz!« x (5) Josef Ponten, Erinnerung und Bekenntnis, in Aachener Leben (Kur- und Ver- kehrszeitung) Nr. 6 vom 4. Februar 1934.
93 »In dem kleinen heiligen Raum, im Spital und im Spitalgarten war eine himmlische Stille, Vielleicht kehre ich als alter Mann da- hin zurück und werde Altpensionär im Spital«. (6) "Auch was seinen Lebenslauf angeht, lassen wir Ponten selbst zu Wort kommen : ”Ich bin geboren am 3. Juni 1883 aus einer maasfränkischen Fami- lie in dem einst durch seine Kunsttöpferei bekannten Dorfe Raeren im Lande Eupen im heutigen Zwangsbelgien. Mein Jugendwerk "”Siebenquellen”, ein nur mangelhaft geratenes, aber zeugnishaft ge- wordenes Buch, schildert dieses Land in einer Zeit, als es von ihm noch nicht zu zeugen galt. Die Vorfahren waren Bauern und Hand- werker, in der Mutterreihe erscheint das waldrodende Bauerntum der Vordereifel, in der Vaterreihe das Kunsttöpfertum und der Klein- adel, der sich im Mittelalter mit dem Großadel des Landes zwi- schen Rhein und Maas verknüpft. In den Reichsstädten Aachen und Köln treten in dieser Zeit regierende Bürgermeister aus der Blutsreihe auf. Man sieht eine landschaftlich sehr geschlossene und die Lebensstände kräftig durchgliedernde Vorfahrenschaft. Zusammen mit vier Brüdern und drei Schwestern wuchs Josef Ponten als Ältester auf, verließ aber schon wenige Monate nach der Geburt Raeren und zog in das nahe Lontzen. Hier machte sein Va- ter sich als Schreinermeister selbständig und unterhielt daneben ein kleines Geschäft. ”Ich besuchte das Gymnasium in Aachen, die Universität und Hochschule in Genf, Bonn und Aachen und erwarb in Bonn den Doktorgrad. Das halbe Jahrzehnt vor dem Kriege lebte ich zum gu- ten Teil in den Mittelmeerländern, der Krieg überraschte mich auf Spitzbergen. Nach Deutschland gekommen, trat ich ungedient ins Heer. Ich erlebte den Krieg vorwiegend in den weiten Räumen des Ostens, was für mich insofern von Schicksalsbedeutung war, als ich dort den Riesenfächer der deutschen Auswanderung früherer Jahr- hunderte kennenlernte. Im Jahre 1920 nahm die belgische Besat- zung das Haus in Aachen an sich, in dem ich wohnte, was für mich wieder den Wanderstab ergreifen hieß, ich wurde nach einiger Zeit in München, zuerst unter engen Verhältnissen, seßhaft. Auf dieser Wanderschaft kam ich 1920 zum erstenmal mit flüchtigen Rußlanddeutschen zusammen. 1925 führte mich der Weg ins östli- che Rußland, ich begegnete auf der Wolga im Lebensraume der Wol- gadeutschen meinem Thema "Volk auf dem Weg’, das, lange geahnt und vorbereitet, nun klar erkannt und aufgenommen wurde, mein (6) Ebda
85 Hauptarbeits- und vielleicht Hauptlebensthema. Von da ab war und bin ich im Dienste des weitläufigen Romanwerkes viel auf dem We- ge‘, 1928/29 in Nordamerika, 1931 in Nordafrika, 1932, 33 und 34 wieder in den Balkanländern, 1936, in Südamerika. Das Leben und die Arbeit sind für zwei Jahrzehnte bestimmt, das Wandern ist nicht Ss abgeschlossen”. (7) Die erste öffentliche Anerkennung für sein dichterisches Werk er- hielt Ponten im Jahre 1936, als ihm der rheinische Literaturpreis verliehen wurde. Nur ein Jahr später erhielt er auch den Literatur- preis der Stadt München. Am 3. April 1940 erlag der Dichter in seiner Münchener Woh- nung kampflos und ohne akute Krankheit einem Herzschlag. Wahr- A scheinlich hatte ihn das viele Reisen körperlich zu stark bean- sprucht. * * * Die Gemeinde Raeren hat vor 13 Jahren eine Straße nach Jo- sef Ponten benannt und damit wohl erreicht, daß der Name des Dichters in seinem Geburtsort nicht völlig in Vergessenheit geraten ist. Auch wurde vor wenigen Wochen am Geburtshaus Pontens (Hauptstraße 89) eine Gedenkplakette angebracht. Am 22. Oktober findet ein vom Museumsverein veranstalteter Josef-Ponten- Gedenkabend in der Schule Driesch statt, bei dem der Aachener Professor Gerhart Lohse das Festreferat halten wird. Außerdem soll vom 13, bis 21. August eine Ausstellung mit Fotos, Schriftstücken und Manuskripten des Dichters stattfinden. Schlußbemerkung Bei einer Betrachtung Josef Pontens muß man sicherlich auch er- wähnen, daß der Dichter ”gewissen Versuchungen der nationalso- zialistischen Zeit nicht widerstehen” (8) konnte. Mehrere Ponten- Kenner vertreten aber die Ansicht, daß Ponten im Nachhinein weit über Gebühr mit dieser Epoche identifiziert wurde. Eine eingehende Diskussion dieser Behauptungen liegt jedoch außerhalb unserer Kompetenz. (7) Josef Ponten, Kleiner Lebensbericht (8) Gerhart Lohse : cf. oben
96 Vor 30 Jahren von Leo Homburg Bis vor 30 Jahren waren die Wiesen und Weiden im Eupener Land noch mit hohen Hecken umgeben. Mein Pachtgut auf der Fossey hatte rund 800 m solcher Hecken, vor allem Weißdorn, und im Pachtvertrag stand, der Pächter habe alle 6 Jahre, ehe der Saft ins Holz kam, die Hecken auf 1,70 m Höhe zurückzuschneiden. In den meisten Pachtverträgen jener Zeit war der Unterhalt der Hecken vorgesehen. Das Zurückschneiden geschah mit einem Beil mit langem Stil; dabei wurde von unten nach oben glatt abgeschlagen. Es war nicht üblich, die Hecken auf die vorgesehene Höhe abzusägen, und das an- fallende Holz durfte nur zum Ausbessern der Hecke verwendet wer- den. So stand es noch in meinem Pachtvertrag vom 19. September 1928. Das Schlagen der Hecken fand meist bei Neumond (”jungem Licht”) statt, weil dann die Jungtriebe schlanker wachsen sollten. Bevor mit dem Heckenschlagen begonnen werden konnte, mußten die Drähte, die die Hecke von beiden Seiten zusammenhiel- ten - je zwei - abgenommen und zur Seite gelegt werden. War die Hecke auf die vorgesehene Höhe zurückgestutzt, wurden die dicken Äste auf 1,70 m gekürzt und unten zugespitzt. Man nannte sie ”Streckrieser”; die dünneren Zweige wurden mit dem Handbeil ab- geschlagen und zur weiteren Verwertung bereitgelegt. Man nannte dieses dünne Reisig ”Tüngsel”. Noch konnte jedoch nicht mit der Neueinzäunung begonnen werden. Erst hieß es, die Hecke von altem und abgestorbenen Holz säubern, den Kern der Hecke reinigen und da, wo es nötig war, Jungdornpflanzen einsetzen. Diese und andere Jungtriebe wurden duch das ”Tüngsel” geschützt, dann wurden alle 30 cm die ”Steck- rieser” in ein mit dem Steckeisen vorbereitetes Loch gesteckt und festgerammt. Nun kam als letztes der Drahtschutz. Die abgenommenen Drähte wurden wenn möglich wieder verwendet, sonst durch neue ersetzt. Sie wurden beiderseits der Hecke vorbeigezogen und alle 80 cm mit einem dünnen fest angezogenen Draht verbunden. Für das Binden waren 2 Personen erforderlich; doch die Mithilfe eines Kin- des genügte schon; es war nämlich keine schwere Arbeit, den durch- gereichten Draht an der anderen Heckenseite mit dem dicken Draht zu verbinden und ihn wieder durch die Hecke zurückzuführen.
9% In jeder Hecke befanden sich eine oder mehrere durch Pfähle und Holzstangen gesicherte Lücken, sogenannte ”Sprecksel”, wo sich das Vieh der angrenzenden Weiden gegenseitig beschnuppern konnte. Fehlte solch ein ”Sprecksel”, so wühlten die Tiere mit ihren Hörnern in der Hecke herum und zerstörten dieselbe. War man mit der Neueinzäunung fertig, so wurden alle Reste verbrannt oder fortgefahren. Um auf die beschriebene Weise 100 m Hecke zu erneuern, waren 3 Wochen intensiver Arbeit nötig. Wenn nun auch der Bauer trotz der vielen Arbeit ”kein Pfund Butter in der Hecke” gefunden hatte, so erfreute er sich doch, nachdem er die Zaunhandschuhe und die Lederschürze an den Nagel gehängt bzw. bis zum nächsten Jahre im Schrank untergebracht hatte, an den grü- nen Wänden der Hecken, an den dazwischen stehenden hohen Ei- chenbäumen, dem Blühen des Weißdorns, den Kätzchen der Salwei- de, den Blütendolden der Nußhecke, an Tausenden von Nüssen, die er im Herbst unter der Hecke fand, an Heckenrosen, an Blütenstaub und nicht zuletzt am Honig, den die Bienen in einer solchen Hecke sammelten. Auch freute es ihn zu sehen, wie das Vieh bei Regen
98 8 Kr N 2A ) N 0 2 PR A ı . ES . nn | und Kälte hinter der hohen Hecke Schutz fand, die im Sommer bei Hitze und grellem Sonnenschein Schatten spendete und in der zahl- reiche Vögel ihre Nester bauten. Wehmütig denkt man an diese Zeit zurück, wenn man sieht, was von den schönen Hecken allenthalben übriggeblieben ist. Mit Motorsägen werden sie abrasiert und selbst die Pächter, durch das heutige Pachtgesetz geschützt, halten sich nicht mehr an ihre Pacht- verträge, sondern ersetzen die-Hecken durch Zäune.Die wenigen Hecken, die man heute noch in unserer Gegend sieht, sind auf 1 m Höhe zurückgeschnitten, von vielen Lücken durchbrochen und die- nen nur noch als Halter für zwei Stacheldrähte. So haben die Bau- ern weniger Arbeit mit ihren Hecken und sparen auch noch Draht ...
99 Schlehen von Leonie Wichert-Schmetz Blütensterne auf schwarzem Dorn, Reich gesät. Ach, ein Schleier, der verweht In den Born, Früh und spät. Bildet hier im Wellenspiel Mustertausch. Weiß auf Grün, rasch und viel, Formenrausch. Fremde Muster, zart und fein, Japandruck. Kann es hier denn möglich sein : Eastern look ?
100 In Memoriam Leonard Kohl gen. Nades von Peter Zimmer Am Mittwoch, dem 30. März 1983, verstarb in der Klinik zu Moresnet-Kapelle der am 20. April 1889 in Neutral-Moresnet gebo- rene und weit über die Grenzen seines Heimatortes hinaus bekannte Humorist und Komiker Leonard Kohl. Unter seinem in der Kelmiser Mundart verkürzten Vornamen ”NADES” war er bei Alt und Jung gern gesehen und beliebt. So ein- fach und bescheiden wie er gelebt hatte, wurde er im Beisein von zahlreichen Freunden und Bekannten am Samstag, dem 2. April 1983, auf dem Kelmiser Friedhof beerdigt. Im Land der drei Gren- zen war er ein viel gefragter und bewunderter, ein einmaliger Vor- tragskünstler. Während beinahe 8 Jahrzehnten "hat er an unzähligen Wochen- enden seinen Mitmenschen im Göhltal und darüber hinaus von Aachen bis Köln, von Vaals bis Maastricht, von Eupen bis Verviers unermüdlich mit besinnlichen sowie urkomischen Prosa- und Ge- sangvorträgen, mit Büttenreden und witzigen Erzählungen über Geschehnisse aus Vergangenheit und Gegenwart, mitunter auch durch seine Mitwirkung in Theaterstücken, fröhliche und erbauen- de Stunden bereitet. Während all dieser Jahre ist er aber nicht nur ein unübertreffli- cher Komiker gewesen, der besonders in Mundart und Mimik eine außergewöhnlich große Begabung besaß, sondern hat auch ver- dienstvolle Pionierarbeit geleistet, um in seinem Heimarort das kul- turelle Leben fördern und erhalten zu helfen. Bereitwillig stand er zu diesem Zwecke jederzeit dem ehemaligen Theaterverein ”Fidele Freunde”, der Karnevalsgesellschaft ”ULK” und dem Karnevalsko- mitee zur Mitarbeit zur Verfügung. Auch nachdem im Göhltal die ”Vereinigung für Kultur, Hei- matkunde und Geschichte” gegründet worden war, unterstützte er deren Tätigkeit durch seine sofortige Mitgliedschaft und erklärte den Verantwortlichen : ”Jonge, wänn där mech nüdech hat, bruk- der et märr te saje!” (Jungens, wenn ihr mich benötigt, braucht Ihr es nur zu sagen!”) Wie oft er anderen Personen und Vereinen mit denselben Worten seine Mithilfe angeboten hat, ist schwer festzu- stellen; mit Sicherheit kann man aber sagen, daß dieser im Privatle-
101 ben äußerst stille und bescheidene Mensch immer, wenn man ihn benötigte, ob bei Hochzeiten, Familienfesten oder anderen Feier- lichkeiten, zur Stelle war. Manchmal sogar, wenn es sein mußte, an mehreren Stellen am gleichen Tag oder Abend. Er betrachtete es als eine Pflicht, jeder Einladung zu folgen und zum Gelingen volkstüm- licher Veranstaltungen beizutragen. : zugunsten des Soldaten Hilfswerk der Gemeinde Neu-Morganet am Sonntag den &. März 1940 im Saale des Herju Otfo REINARTZ. Veranstsliet anter dem Schatze der. verwaltung von den In der Gemeinde N a Männer-Gesahgrereins «St. Josef- und derliumoristen Nades und Peter Zimmer ; S Es wird auch Kasseneröffnung 7,30 Uhr. mm Anfang 8 Uhr, Einfrift 4 Franken je Person. Zu dieser Veranstaltung Inden ergebenst ef Der Arbfilsausschuss des Hilfswerks. ‚Die Voralande der In Neu-Mersamet Ia:rnden Vereine, Die Gemeindeverweitung m Besonders aber freute es ihn, wein jemand bereit war, mit ihm ein Zwiegespräch oder einen Duo-Vortrag, die aus der Zeit von ”Pitt en Nades” stammten, vorzutragen. Dies war besonders bei Wohltätigkeitsveranstaltungen, Betagtenabenden oder -nachmittagen, monatlichen Zusammenkünften der Pensionierten oder sonstigen Festlichkeiten der Fall. Bei all diesen Gelegenheiten
102 war er es, der hauptsächlich dafür sorgte, daß die Lachmuskeln der Anwesenden, besonders der Kranken und behinderten Mitmen- schen, derart in Bewegung gerieten, daß anhaltende Lachstürme die Sorgen und Nöten des Alltags hinwegfegten. Meisterhaft hat dieser sonst ruhige und unauffällige Mensch es verstanden, als Humorist vornehm aufzutreten und mit beein- druckenden Worten Mahnungen und gute Ratschläge zu erteilen, sich aber auch so zu verwandeln, daß er im Nu, ”ohne Wort, mit wechselhaften, ulkigen Blicken und Gebärden” beim Publikum un- aufhaltsames Lachen hervorrufen konnte. N 2 2 2 / RA 2 BE nn 8 A 2 a 7 KV a 4 A an U FO A Leonard Kohl war ein begnadeter Vortragskünstler (Foto A. Jansen)
298 All sein diesbezügliches Können ist bereits zu seinen Lebzeiten in den Göhltalzeitschriften Nr. 4 und 25 beschrieben und gewürdigt worden; doch soll heute, nach seinem Ableben, noch erwähnt wer- den, daß der Altmeister Nades trotz seiner Erfolge als Vortrags- künstler stets ein pflichtbewußter treuer Arbeiter und Berufskollege war, der unermüdlich als guter Familienvater für das Wohlergehen der Seinigen sorgte, seine Heimat und vor allem sein trautes Heim so sehr liebte, daß er nur den einen Wunsch hegte, dort bis zu sei- nem letzten Atemzuge schaffen und verbleiben zu können. Ferner, daß er von Jugend auf ein gläubiger Christ gewesen ist, allzeit als solcher gelebt hat und selbst im hohen Alter vor keinen Anstren- gungen zurückscheute, um den Gottesdiensten in der Kelmiser Pfarrkirche beizuwohnen. Als gläubiger Mensch hat er auch alle Schicksalsschläge beispielhaft, geduldig und gottergeben getragen sowie trotz derselben nie seinen ”goldigen Humor” verloren. Darum wird auch der Herr über Leben und Tod ihm das hohe Alter beschert haben, damit er den Mitmenschen viele, viele Jahre als Vorbild dienen konnte, wofür er jetzt nach seinem irdischen Le- ben den wohlverdienten Lohn empfangen wird. Seine Freunde und Mitarbeiter aber, mit denen er jahrzehnte- lang zusammen gearbeitet hat, um das kulturelle Leben sowie die guten alten Sitten und Bräuche in unserer Heimat zu erhalten, wer- den sicherlich versuchen, getreu nach seinem Beispiel weiterhin die- se edle und noble Tätigkeit fortzusetzen. Von dieser Hoffnung be- seelt wird auch die Göhltalvereinigung des ”UNVERGESSLI- CHEN NADES” stets dankbar und ehrend Gedenken.
104 Gemmenich, mein Heimatdorf im Göhltal von Freddy Nijns Obwohl ich in meinem Leben mancherorts gewohnt habe, ist Gemmenich doch mein eigentliches Heimatdorf geblieben. Unser Haus stand an der Verbindungsstraße nach Moresnet, am Fuße des massiven Klosters ”Maria Hilf” der Ehrw. Schwestern vom Armen Kinde Jesu und am Rande des gepflegten großen Parks, der das Klo- ster umgab ... S Ich kehrte jedes Jahr nach Gemmenich zurück, wenigstens so- lange, wie das Grab meines kleinen Bruders auf dem Kinderfriedhof erhalten war. Eine tückische Diphterie hatte den Kleinen im Alter von 3 Jahren dahingerafft und mehr als 40 Jahre hatte er auf dem Friedhof hinter der Kirche geruht. Auch heute noch mache ich von Zeit zu Zeit auf dem Wege nach Vaals in Gemmenich Halt und spüre, daß Bilder meiner Kind- ‘ heit und Jugend in Gemmenich verankert sind, Bilder, die im Rhythmus des modernen Lebens unterzugehen drohen. Es bleiben noch einige Anhaltspunkte: Laute, Töne, Gerüche, Gassen, Straßenecken, Hügel, Namen, Kreuze, Denkmäler, die heute, nach 50 Jahren, die Brücke zu damals schlagen ... Gemmenich ist diese reizende Gemeinde, die zwar anderen gleicht, aber doch etwas Besonderes an sich hat. Im äußersten Osten des Landes gelegen, im Osten an Deutschland und im Norden an Holland angrenzend, bildet Gemmenich einen Ausläufer des sog. Herver Plateaus. Grüne Wiesen und blühende Obstgärten bestim- men das Bild des langgestreckten Straßendorfes. Ringsum bewalde- ter Horizont. Weidelandschaft, Herden von schwarzbuntem Milch- vieh, viel Geflügel überall. Auf weniger fruchtbaren Parzellen deh- nen sich Heide und Brombeere aus. Die Enge des Tales führte zu dichter Bebauung. Mittelpunkt ist die romanisch-gotische Kreuzkirche St-Hubertus, aus Ziegelstei- nen gebaut, mit dem Chronogramm der Errichtung 1774 und Tür- und Fenstergewänden aus heimischem Blaustein. Gegenüber wurden früher einige Wohnhäuser auf dem trockengelegten ehem. Weiher gebaut. Gut befahrbare Wege erset- zen die früheren steinigen Pfade und einige Stege führen noch steil
105 hinauf zu isolierten Weilern von verstreut im Gelände liegenden Ar- beiterwohnungen und Bauernhöfen. Diese alten Bauten bestehen aus grauen Kalksteinen der Gegend, Ziegelsteinen, Holz und Lehm. Dachpfannen und Schieferplättchen haben das Stroh der Dächer verdrängt. Die für ein Dorf recht kosmopolitische Bevölkerung zählt ca. 3000 Seelen. Nur die Landwirte finden im Ort selber ihr Auskom- men, die Arbeiter und Angestellten hingegen müssen ihren Broter- werb auswärts suchen. Die meisten Leute sprechen Plattdeutsch, einen gemischten Dialekt mit niederländischen, deutschen und französischen Voka- beln und Ausdrücken. Einige Familien haben das Französische bei- behalten. Die ”offizielle” Sprache ist Französisch. Es sei daran erin- nert, daß Gemmenich und 9 andere belgische Dörfer ab Juni 1940 ohne Vertrag noch Konvention durch das III. Reich annektiert wa- ren, um als Hinterland von Aachen zu dienen. Unter den ”tragi- schen” Daten gibt es noch den 4. August 1914. Gemmenich war da- mals das erste belgische Dorf, das durch die deutschen Soldaten be- setzt wurde, wobei das 1. belg. Zivilopfer des 1. Weltkrieges den Tod fand und eine Reihe von Häusern am Gemeindeplatz Opfer der Flammen wurden. Sie waren in Brand gesteckt worden als Repressa- lie für den Zwischenfall, der sich in der Morgendämmerung am Dreiländerpunkt abgespielt hatte : zwei belgische Gendarmen hat- ten preußischen Husaren verboten, die Grenze zu überschreiten. Die Gendarmerie zog sich damals nach Vise zurück und unterrich- tete das Ministerium der Verteidigung über das Geschehene; kurz danach begann die Invasion. Die Bevölkerung ist immer sehr patrio- tisch gewesen und geblieben; sie mag keine Einmischung von Frem- den noch Drohung, gleich von welcher Seite sie auch kommen mag! Gemmenich a toujours €te un petit bourg peu connu des Belges et du monde. Il vivait dans un univers presque ferme. J’en ai garde maints souvenirs: par exemple; ces attroupements de femmes autour de la pompe ä eau, avant que ne soit installee l’eau courante. La gent feminine se retrouvait aussi dans les petits magasins ou bou- tiques, especes de ”drugstores”, olı on trouvait un peu de tout . En ce temps-lä tout n’etait pas tarifie ou pretexte a pourboire; la servia- bilite& entre voisins operait parfois des miracles pour trouver une solution a quelque probleme que ce soit. La solidarite avait encore un sens r6el! Il y avait de nombreux cafes ä Gemmenich. C’est 1ä que les hommes se reunissaient pour boire leur chope de biere ou
106 leur verre de ”Schnaps” ou de ”pecket”. La frequentation etait deter- minee par l’appartenance ä l’une ou l’autre societe patronnee par les ”Noirs” ou les ”Rouges” (harmonies). On y jouait aux cartes, fumait la pipe ou des cigarettes ”roulees”, racontait des histoires de fraude, braconnage ou tenderie, ou des blagues, tournant en derision l’un ou V’autre poltron du village. Les soirs d’ete les gens se reunissaient sur le pas de la porte, cha- cun apportant sa chaise; on y bavardait jusqu’ä la tombee de la nuit de tout et de rien. La vie dependait de la lumiere du jour: on se levait tous ensemble tres töt et se couchait avec le soleil. Le dimanche matin la plupart des gens allaient a la messe, un - gros missel sous le bras ou dans la main : les femmes presque toutes habillees de ”sombre” ou en deuil, les hommes en veston et cravate, les petits garcons en costume ”marin” et bas longs, les filles en lon- gues robes et avec ”tresses”. Apres l’office les hommes s’attardaient d’abord autour de l’eglise puis dans les cafes en commentant les meil- leurs ”resultats” de leurs pigeons! La population de Gemmenich &tait separee en 2 groupes, qui vivaient chacun leur vie : les femmes d’un cöte et les hommes de V’autre. Le groupe feminin ne se melait que tres peu aux travaux des hommes et ä leurs jeux; jamais les femmes n’entraient dans un cafe, par exemple. Et les hommes ne penetraient que rarement dans les boutiques ou dans l’eglise (sauf pour les enterrements, et encore ... car beaucoup attendaient sur le parvis qu’on sorte le cercueil pour V’emporter au cimetiere.) Les garcons et les filles cependant se frequentaient bien : il y avait la rue, l’&cole, le cate&chisme; ils jouaient au soldat, au mariage, ä la poupee, au maitre d’&cole. Les plus grand(e)s se promenaient le dimanche souvent en groupes, les un(e)s taquinant les autres de leurs plaisanteries. La vie suivait le rythme des saisons. Le calendrier gardait son importance : kermesse, f@tes religieuses et votives s’accompagnaient de rites d’antan. Le dimanche apres le 15 aoüt c’etait la f&te locale avec maneges de chevaux de bois, baraques de tir, friteries, bals, etc. La procession sortait aussi a cette occasion, par les vieux chemins, traversant hameaux et prairies, avec la participation de toute la population croyante et m&me mecreante. Pour la St. Nicolas l’ingenio- site des parents faisait vivre les petits dans un climat merveilleux fait d’impatience, de curiosite, de ”peur” et de joie. A No&l on mangeait de grandes tartes au riz, aux fruits et au sucre, fabrication maison.
107 Dans chaque ”bonne chambre” se dressait la cr&che bricolee artisa- nalement, au pied d’un sapin charge de ”boules” et de ”Wunderker- zen”, Et les jouets s’amoncelaient tout autour, emballes dans du papier colore. A la f&te de l’Epiphanie les ”rois mäges” faisaient le tour du village en chantant et en mendiant. A 1a Chandeleur on mangeait des beignets ”Boules de Berlin”. Et le Carnaval ramenait chaque annee sa mascarade et ses bals ... Au jour des Rameaux les arbustes de ”buis” etaient ”devalises” et a Päques on colorait les ceufs que rapportaient, disait-on, mysterieusement dans les jardins les cloches revenues de Rome ... Au mois de mai se suivaient les rogations, les communions solennelles, les pelerinages a ”Marie”. Mais au fond, qu’est-ce qui a change ä Gemmenich? ... Est-ce que j’ai &voque avec ces souvenirs d’il y a un demi-siecle un passe tel- lement lointain? ... Ce n’est pas le paysage, a part quelques villas et les villages de vacances ”prefabriques” dans la verdure; ce n’est pas le village m&me aux anciennes bätisses conservees intactes; certes, il n’y a plus de gare, ni de gendarmerie, ni de poste de douanes! Les rues et les places ont €te macadamisees et bien €clairees. On y sort moins en fin de soiree : la famille se retrouve pour le programme du soir devant le petit &cran de la TV. Mais ce qui a surtout change, je pense, c’est la mentalite des gens et le rythme de leur vie. Le passage des touristes, l’ete, l’installa- tion de riches etrangers, la societe de consommation, le progres des techniques nouvelles ont tout modifie. On est confronte a des modes d’existence diff&rents. Qu’on adopte ou rejette les moeurs des autres, des perspectives sur le monde se sont ouvertes. Gräce a l’usage de V’auto, le village se deploie vers l’exterieur. La petite epicerie du coin en souffre; la concurrence des supermarches est un fait reel. Avec le goüt des denrees, celui de la vie a change : le four du boulanger fonc- tionne au mazout et les menageres ont besoin d’appareils Electriques qui, dit-on, ”liberent” la femme; mais pour cela elles vont travailler dans les villas neuves des quartiers de residence, tandis que les maris, apres journee, entretiennent jardins et pelouses ou jouent au bou- chon ou aux boules ... Tout cela, et bien d’autres choses font que le Gemmenich de mon enfance existe encore, mais plutöt sous la forme d’un decor! Est-ce un mal? ... ... Wenn ich mich diesen nostalgischen Gedanken so hingebe, dann sage ich mir, daß es nicht das Gemmenich von damals ist, das ich bedauere mit seinem weder besseren noch schlechteren Leben
108 als heute, sondern die Tage, die Jahre, die dahin sind, meine Jugend- zeit! Damals gab es kaum Autos, kaum Villen, kaum Touristen ... damals konnte ich noch herumstrolchen in kurzen Hosen durch hohle Gassen und weite Wiesen, Beeren und Pilze suchend, Blumen pflückend, ja sogar dürres Holz sammelnd für den nächsten Winter! Diese Klischees gehören der Vergangenheit an : ein buntes Bil- derbuch mit fahlen Farben bemalt! Und das Leben geht weiter! Wenn man Gewohnheiten, Tradition, Strukturen ein für allemal festlegte, hieße das Entwicklungsstill- stand, mithin Tod! Gemmenich hat sich dem modernen Trend des Lebens angepaßt; Gemmenich hat sich gewandelt seit 50 Jahren; Gemmenich hat das Leben gewählt! ... Desto besser ... für alle!
109 . Die Kulturschande von Alfred Bertha Der Grenzbahnhof Herbesthal, die letzte Station vor der Ein- fahrt in Belgien, sollte ein Prestigeobjekt werden. Die 1843 in Be- trieb genommene Eisenbahnstrecke Köln-Aachen-Herbesthal- Antwerpen hatte dem kleinen Weiler Herbesthal, der 1850 erst 272 Einwohner zählte, zwar kein schnelles, aber doch ein stetiges Anwachsen der Bevölkerungszahl in Bahnhofsnähe gebracht, so daß man 1878 auf eine Bevölkerung von 369 Seelen kam. Eine rasante Auf- wärtsentwicklung gab es dann in den letzten Jahrzehnten des vori- gen Jahrhunderts, Als man sich 1901 mit dem Gedanken trug, Her- besthal zur selbständigen Pfarre zu erheben, ergab die durchgeführ- te Zählung allein 832 Katholiken. Die Volkszählung von 1910 wies eine Einwohnerzahl von 990 Katholiken und über 100 Angehöri- gen anderer Konfessionen nach. Die weite Entfernung von der Pfarrkirche Lontzen und die steigenden Bevölkerungszahlen führ- ten 1902 zum Bau einer Kapelle; im folgenden Jahre wurde Her- besthal zur selbständigen Kapellengemeinde erhoben und 1912 er- hielt der Ort den Status einer selbständigen Pfarre. E00 SH 6 WE | BL En m nn Der Bahnhof Herbesthal Aufnahme vor 1920. Das große Vordach verdeckt den Bau zum größten Teil.
110 Die Entwicklung Herbesthals ist nicht von der Eisenbahn und dem Grenzbahnhof zu trennen. Der erste Bahnhof, von dem unse- res Wissens keine Abbildung besteht, wurde 1889 auf den Abbruch verkauft. Inzwischen stand jedoch ein imposanter Neubau, der am 1. April 1889 begonnen und am 1. Oktober desselben Jahres seiner Bestimmung übergeben wurde. An reinen Baukosten ergaben sich 290.000 Mark, während der gesamte Umbau der Bahnhofsanlagen, die Verlegung der Gleise, die Herrichtung von Zoll- und Güter- schuppen u.s.w. etwa 1,25 Millionen Mark verschlangen. Das im klassizistischen Stil nach Plänen von Regierungsbaumeister Stöckich aus Köln ausgeführte Bauwerk enthielt neben Dienst- und Wirt- schaftsräumen eine Zollhalle von 30 m Länge und 17 m Breite, jeei- * nen Wartesaal erster und dritter Klasse, einen Nichtrauchersaal und ein Fürstenzimmer. Sämtliche Räume waren reich verziert, beson- ders die Wartesäle durch Ausmalung und Stuckarbeiten. In den Fenstern und Türen der Wartesäle und des sog. Fürstenzimmers trugen kreisförmige Scheiben in farbenprächtiger Bleiverglasung die Wappen deutscher Staaten und verschiedener rheinischer Städte, Die hier gegebene Raumnutzung ist in der Folgezeit verschiedent- lich geändert worden. So gibt es eine Ansichtskarte aus den zwanzi- ger Jahren, die das Innere des Bahnhofsrestaurants mit Speisesaal und Buffet zeigt. Als ”salle 4 manger” fungierte damals der Warte- saal 1. Klasse mit der Spiegelgewölbedecke; und als ”salle de restau- rant” der als Buffet bekannte Säulensaal. Es gibt leider keine Plan- zeichnungen mehr mit der ursprünglichen Bestimmung der Räume. So ist das genannte Nichtraucherzimmer wohl mit dem zuletzt als Gepäckraum verwendeten Raum identisch. Wenn man von dem vorgelagerten Verwaltungsteil mit zweige- schossigem Wohntrakt absieht, bestand der eigentliche Bahnhof aus einem symetrisch angeordneten Baukomplex, dessen erhöhter Mittelbau von zwei nur stockwerkhohen Seitenflügeln flankiert wurde. Die aus hellen Klinkern bestehende Fassade wurde durch Zieglfriese ho- rizontal gegliedert und durch 14 Tür- und Fensteröffnungen zum Bahnsteig hin aufgelockert. Tür- und Fenstergewände waren aus braunem Sandstein. Der Schlußstein der rundbogigen Öffnungen bestand aus Köpfen, deren Vorlage in der griechischen Götter-und Sagenwelt zu suchen ist, so das Schlangenhaupt der Medusa oder der Meergott Neptun. Alle diese Köpfe waren kunstvoll herausgear- beitet und sehr aussagestark. Im Innern des Bahnhofs waren klassizistische und romantische Elemente miteinander verbunden. Der Wartesaal 1. Klasse war mit Bahnsteig, Buffet und Flur (an der Hinterfront) verbunden. Er
111 besaß eine außergewöhnliche Holzdecke (eine sog. Spiegelwölbe- decke) aus dunkel gebeiztem Holz in Kassettenform. Durch Schnit- zereien und kunstvolle Intarsien machte diese Decke einen prunk- vollen Eindruck, den ein großes bleiverglastes Mittelfenster, das von der Decke durch ein Balustertriforium abgehoben wurde, noch er- ? heblich steigerte. Das Buffet fiel ebenfalls durch seine Decke auf. Sie bestand aus bemalten Stuckkassetten, die von Stucksäulen gestützt wurden, wo- bei zu bemerken ist, daß diese Säulen rein dekorativen Charakter besaßen und keine tragende Funktion ausübten. Die Kapitelle die- ser Säulen waren reich dekoriert (Kompositkapitelle). Der Wartesaal 2. Klasse war weniger prunkvoll ausgebaut. Die monumentale Holzkonstruktion der Decke war jedoch beein- druckend. Das Fürstenzimmer, auch Kaiser-Wilhelm-Saal genannt, hatte eine bemalte Kassettendecke aus Stuck. Zwei Marmorsäulen waren durch einen Kassettenbogen verbunden. Dieser Raum war Re- präsentationsraum und entsprechend kunstvoll ausgemalt. Auch nach dem Anschluß an Belgien i.J. 1920 behielt Herbest- hal seine Rolle als Grenzbahnhof, bis dann nach dem Zweiten Welt- krieg ein allmählicher Abbau in Herbesthal mit gleichzeitiger Verle- gung der Schwerpunkte auf Welkenraedt und Montzen begann. Schließlich entschied man sich Anfang der sechziger Jahre, Herbest- hal ganz fallenzulassen. Offizieller Grund : Herbesthal bot keine Wendemöglichkeiten bzw. nicht genügend Raum für den ständig wachsenden Busver- kehr. Doch hinter vorgehaltener Hand wurden die wahren Gründe genannt : Wenn Herbesthal weiterhin Grenzbahnhof mit Zollabfer- tigung etc. blieb, dann mußte die Eisenbahnverwaltung dort zwei- sprachiges Personal beschäftigen, während im offiziell einsprachi- gen Welkenraedt das Problem der Deutschkenntnisse der Beamten sich nicht stellte. Welche (unrühmliche) Rolle dabei gewisse Perso- nen gespielt haben, möchte man aus Rücksicht auf persönliche Empfindlichkeiten (noch) nicht aufzeigen. Das Intrigenspiel wird so schnell nicht vergessen sein. Auf der Strecke blieben die deutsch- sprachigen Kunden der Nationalen Eisenbahngesellschaft und der Bahnhof Herbesthal. Nach dem Bau des ”Barackenlagers” Welkenraedt (1964) ließ man den Bahnhof Herbesthal, der noch gar nicht lange zuvor reno- viert worden war, langsam verkommen. Zwar hat es Überlegungen
112 seitens. der Gemeinde Lontzen-Herbesthal gegeben, den Bau zu übernehmen und für kulturelle oder auch administrative Zwecke zu nutzen, doch war die Haltung der Gemeindeväter von Zögern und Zurückhaltung geprägt, auch nicht immer eindeutig genug für den Erhalt des Bahnhofs. Obwohl auch von höchster Stelle dem Herbesthaler Bahnhof ein unbestreitbarer Kunstwert bescheinigt wurde und sowohl Archi- tekten wie Kunsthistoriker darauf drängten, diesen Bau unter Denk- malschutz zu stellen, geschah nichts. Obwohl das kunsthistorische Gutachten, das der wallonischen Regionalverwaltung vorgelegt wurde, mit dem Satz schloß : ”Hier befinden wir uns vor einem wirklichen Kunstwerk, das man unbedingt zu erhalten versuchen ' muß”, stehen wir heute vor der Tatsache, daß die Räummaschinen einer Abbruchfirma den Bahnhof dem Erdboden gleich gemacht ha- ben. Wer hat versagt? Diese Frage wird man sich wohl noch oft stellen, und jede der angesprochenen Stellen wird die Schuld weiter- zuschieben versuchen. Auf die Gemeinde, auf die Eisenbahnverwal- | tung, die wallonische Region, den Staat, das Landesamt für Denk- malpflege ... Se Im Laufe der Jahre war manches Kunstliebhabern und Vanda- len zum Opfer gefallen : Die Vertäfelungen der Warteräume waren entfernt, der Parkettfußboden herausgerissen, Stuckmedaillons her- ausgelöst, Türen und Fenster eingeschlagen worden. Kurzum : es sah aus wie nach einer Plünderung. Nur Dach und Mauerwerk wa- ren intakt geblieben. Am 15. Mai 1983 war ein ständiges Kommen und Gehen auf dem Bahnhofsgelände zu beobachten. Viele der Besucher waren mit Fotoapparat oder Filmkamera ”bewaffnet”. Jetzt, wo der alte Bahn- hof, der in 6 Jahren seinen 100. ”Geburtstag” hätte feiern können, endgültig zum Verschwinden verurteilt war, wollten viele ihn noch ein letztes Mal im Bild festhalten. Am 16. Mai begann die Fa Rut- ten u. Sohn aus Dilsen (Limburg) mit dem Abbruch, Auch wir wollen in einer kleinen Bildnachlese die Erinnerung an Herbesthal und an die unrühmliche Kulturschande festhalten, doch nicht ohne eine kleine Notiz aus der im vorigen Jahrhundert in Dolhain erschienen Zeitung ”Das Freie Wort” wiederzugeben, wel- ches am 10.5.1890 schrieb : ”Bei Gelegenheit der Besprechung des Büdgets der öffentlichen Ar- beiten in der Kammer kam es auch zur Sprache über die mangelhaf-
113 ten Verhältnisse der Bahnhöfe auf der Strecke Welkenraedt - Ver- viers hervor, Thatsächlich bestehen in dieser Beziehung Einrichtun- gen, die dem Sparsystem des Eisenbahnministeriums nicht ganz zur Ehre gereichen und in Anbetracht des gerade herrschenden großartigen Verkehrs dringende Abhilfe erheischen. Kein Bahnhof von der Bedeutung des hiesigen dürfte wohl so beschränkte, unzu- längliche Gebäulichkeiten aufzuweisen haben wie dieser ... Nament- lich jetzt, wo der Welkenraedt gegenüberliegende deutsche Grenz- bahnhof Herbesthal eine prachtvolle bauliche Umgestaltung erfah- ren, macht die dürftige Ausstattung der oben angegebenen Bahn- hofsanlagen auf den von Deutschland kommenden Reisenden einen schlechten Eindruck ...” Wie gesagt, diese Zeilen stammen aus dem Jahre 1890. Ein Kommentar erübrigt sich. X 1 ® | } CE z Die Fassade des Hauptgebäudes (Foto A. Bertha)
115 a A A Sa A a a VS apa A ; ae A u | 1 & a ya U el 0 A A A A E Dana # 95 aan 0 ha ha | AN a, a Da a LO N | ns) u. VE | „1 Der Meergott Neptun — | a U U a a ED a N a nn aaa 7 lt | UA nn 8 0 5 a DB A _ sen Ar =.“ = ar an aa TOLL za a a 000] AM a na CHE DO Lt Dr A 2) 1 A 7 LI 1 1 4 En “na NA DEE nn a WB a SM >. 5 Lo - be 7} 1 up . 2 | lg BE 2 EEE BP 0 2 K ä Fi N Das (abgeschlagene) Schlangenhaupt der Medusa (Fotos A. Bertha)