Im Göhltal ZEITSCHRIFT der VEREINIGUNG für Kultur, Heimatkunde und Geschichte im Göhltal Nr 30 Februar 1982
Vorsitzender : Herbert Lennertz, Stadionstr. 3, 4721 Neu-Moresnet. Sekretariat : Lütticher Str. 36, 4721 Tülje, Neu-Moresnet. Lektor : Alfred Bertha, Hergenrath, Bahnhofstraße 33. Kassierer : Fritz Steinbeck, Kirchstraße, 35, Kelmis. Postscheckkonto N° 000-0191053-60 Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten. Entwurf des Titelblattes : Frau Pauquet-Dorr, Kelmis. Diese Skizze zeigt den Moresneter Göhltalviadukt sowie die Hergenrather Hammerbrücke in ihrer ursprünglichen Form. Druck. Jacques Aldenhoff, Gemmenich.
Inhaltsverzeichnis Hubert Beckers, Eilendorf Über den Einsatz der deutschen Reichs- 5 bahn im September 1944 im Raum Eupen-Moresnet. M.Th. Weinert, Aachen Buche im Vennwald 26 Franz Uebags, Kelmis Die ”Schleifmühle” in Neu-Moresnet 27 Gerard Tatas (#), Gemme- De jrötzte Löge 52 nich Walter Meven, Hergenrath Ein Reglement der Gemeinde Kelmis 54 aus dem Jahre 1697 Peter Zimmer, Kelmis Bergmannslos 59 Alfred Bertha, Hergenrath Hergenrather Schulchronik (Forts.) 76 Leo Homburg. Fossey Als Schüler in Herbesthal 87 Leonie Wichert-Schmetz, Teufelsschlucht an der Göhl 90 Bad-Driburg Dr. Gisela De Ridder, Zum Ursprung des Menschen 92 Moresnet Eine denkwürdige Feierstunde im 96 Raerener Museum M.Th. Weinert, Aachen Alter Gewichtstein 100 Alfred Bertha, Hergenrath Auf dem Büchermarkt 102 Dr. Gisela De Ridder, Jahresbericht 1981 106 Moresnet
6 Am 22. Mai 1944, gegen 15,27 Uhr, wurden die beiden Flak- stände an der Hammerbrücke zwischen Hergenrath und Astenet, die dort zum Schutz gegen Fliegerangriffe besetzt waren, von sechs alliierten Flugzeugen angegriffen und mit Bordwaffen beschossen. Durch Treffer in das Munitionslager explodierte dasselbe, wobei es sechs Tote, drei Schwer- und drei Leichtverletzte gab (1). Lageskizze zum Bordwaffenbeschuß auf die Flakstände an der Hammerbrücke >> am 22. Mai 1944 Ba ı Hammerbrücke | 1 nach von —- MHerbesthal 1450 01451 0145 === zz Aachen) ! von an nach | 1 [=] a 1 Bk Hammerbrücke Flakstände 8 S A S NA Wenige Minuten später, gegen 15,30 Uhr, wurde der Bahnhof Montzen (2) durch etwa acht Tiefflieger angegriffen. Das Ergebnis : ein Toter, ein Verwundeter, drei durch Bordwaffenbeschuß beschä- digte Lokomotiven. Einige Minuten später, um 15,36 Uhr, setzten vier Jabos auf der Strecke Eupen-Herbesthal, bei km 1,3 zu einem Tiefangriff auf den Personenzug Pz 2595 an. Hier gab.es Verletzte sowie 20 Treffer in die Lokomotive. Aber auch in der vorhergehenden Nacht, vom 21. zum 22. Mai, waren um 1,30.Uhr Angriffe einzelner alliierter Flugzeuge auf den Grenzraum Slenaeken - Aubel - Gensterbloem - Wolfshaag - 1. Siehe auch : Leo Homburg, Notizen um die Hammerbrücke, Im Göhltal, Heft 26, Seite 27. 2. Hier hatte schon in der Nacht vom 27./28. April 1944 ein schwerer Hoch- und Tiefangriff größte Schäden angerichtet. Etwa 100 bis 150 alliierte Fugzeuge warfen alleine auf Bahnanlagen 315 Sprengbomben, 22 Blindgänger sowie 10 Brandbomben ab, wobei 14 Bahnbedienstete den Tod fanden (die Verluste der Zivilbevölkerung sind hier nicht berücksichtigt).
8 schaffung von Verpflegung, Werkzeug und Oberbaustoffen sowie der Schuttmassen zum Verfüllen der zahlreichen Bombentrichter wurden so gelöst, daß am Tage der alliierten Invasion, am. 6. Juni 1944, alle von Aachen nach Westen führenden Nachschubwege wieder voll betriebsfähig waren. Die Landung der Alliierten an der nordfranzösischen Küste war, wie wir wissen, erfolgreich. Es gelang ihnen die Bildung eines Brückenkopfes, der Ausgangspunkt für die weiteren Kampfhandlun- gen zur Befreiung Frankreichs und Belgiens von der deutschen Besatzung war. Bereits Anfang August 1944 waren die aus Belgien in Aachen ankommenden Reisezüge mit Flüchtlingen besetzt, die aus Angst 5 vor der Rache der ”Maquisards” und der ”Weißen Armee” Schutz in Deutschland suchten. Sonderzüge mit weiblichem Wehrmachts- gefolge, welches alarmierende Nachrichten über die Niederlage der deutschen 7. Armee verbreitete, trafen ein, ohne daß die Grenzbe- wohner daran dachten, daß es auch in kurzer Zeit ihr Schicksal wer- den sollte, Heimat, Haus und Hof verlassen zu müssen. Erst das Zurückfluten deutscher Truppen aller Waffengattun- gen, die ohne Vorgesetzte in kleinen und kleinsten Gruppen ungeordnet über die Grenze nach Aachen kamen und zum Teil Rauch-, Trink- und Seidenwaren verkaufend die Straßen der Stadt bevölkerten, ließ die Gefahr ahnen, die unaufhaltsam näher kam. Teilweise waren die öffentlichen Luftschutzbunker bei Luftwar- nung und Fliegeralarm mit diesen Soldaten überfüllt, so daß Frauen und Kinder nicht immer Schutz fanden. Eine allgemeine Demorali- sation machte sich überall bemerkbar, zumal Privatwagen aller Art, mit Offizieren und ihren Damen besetzt, über die Grenze kamen, während die Landser teils zu Fuß, teils mit Gelegenheitsfahrten die Flucht über die Grenze angetreten hatten. Angesichts dieser Er- scheinungen hatte sich der Bevölkerung in den unmittelbaren Grenzorten verständlicherweise eine bange Erwartung vor den kommenden Ereignissen bemächtigt. Mit der zivilen Räumung des Ortes Herbesthal begann man bereits am 3. September. Sie war am 5. September beendet. Auch die Zivilbehörden, wie Parteidienststellen, Bürgermeister, Gendar- merie und Ortspolizei stellten am 5. September ihre Tätigkeit ein und verließen den Ort, ohne sich weiter um die Zurückgebliebenen zu kümmern. Am gleichen Tag folgten Grenzpolizei, Zollverwal-
9 | E Ü ’ X . } ri A # { C £ fer RE f Wl A 4 8 Ef WEL Zn WE ) Ed HE } V om an E u EDS / vl UT 5 MM WE Zi EU AD FEIN / ea ET EEE = BE AT £ PL OO SEE ER mE EZ an I SE SE a EA a mi A => a UN i 3% HR u Va 222 8 A Susan gen — a 4 WED era m > 5 on FT a 1 EEE ST Se PD VA | | R | * MM | u Zr due BE A a € 9 ZEE AR 6 EM - LE a Mi Wa G a DE ” BR ga“ En ie SE OA BD ar 7 ee } SEE A A E 2 De ET N, # d SEE A CH Ch nn A EN 5 EB LE A \ # 2 AL EEE 2 7 * BO - BA 5 ai De da SA A Pr BL ARTE Be 4. Beim Angriff alliierter Flugzeuge in der Nacht vom 27. zum 28. April 1944 erlitt der Bahnhof Montzen schwerste Schäden,
10 tung und Reichspost, während die Reichsbahndienststellen erst am 9. September unter Leitung des Betriebsamtes Aachen räumten. Seit dem 4. September überstürzten sich die Ereignisse. Der ”Westdeutsche Beobachter” meldete feindliche Umgruppierungen in Frankreich. Die Alliierten standen mit 26 Divisionen zum Angriff bereit. Der Durchbruch bei Avranches war ihnen gelungen. Paris war unmittelbar bedroht. Die Fronten rückten immer näher und der Donner der tobenden Materialschlachten wurde im hiesigen Grenz- raum immer mehr vernehmbar. Jedoch ließ das Zurückfluten deut- scher Truppen nun nach, so daß auf wirkungsvolle Gegenmaßnahmen der deutschen Wehrmacht geschlossen werden ; konnte. Den Alliierten gelang es trotzdem, die 7. Deutsche Armee zu schlagen und die Schlacht in Frankreich in einen Bewegungs- krieg überzuleiten. Damit war auch das Schicksal der deutschen Truppen in Belgien besiegelt. Am 6. September meldete der ”Westdeutsche Beobachter” das Eindringen der Alliierten in Belgien und ihre Unterstützung durch die belgische ”Weiße Armee”. Am 9. September waren bereits die Kämpfe um die Zitadelle von Lüttich im Gange, ohne daß die deut- schen Truppen in der Lage waren, noch wirkungsvollen Widerstand zu leisten. Die unmittelbare Bedrohung des westlichen Grenzlandes sowie der Stadt Aachen mit ihrem Hinterland war nun Tatsache geworden. Das Tempo des Vorrückens der Alliierten ließ erkennen, daß das deutsch-belgische Grenzgebiet in einigen Tagen Kampfge- biet sein werde. Im Laufe des 9. Septembers trafen noch drei Räu- mungszüge mit Kranken und Flüchtlingen aus Belgien in Aachen ein. Am 7. September war die Tieffliegertätigkeit im Raum Herbesthal-Eupen-Raeren außergewöhnlich rege gewesen. Gegen 15.00 Uhr wurde im Bahnhof Herbesthal ein Munitionszug durch mehrere Tiefflieger angegriffen und in Brand geschossen. Vier Wagen mit Artillerie-Munition explodierten, so daß mehrere Gleise schwer beschädigt und unbefahrbar waren. Durch das mutige Han- deln eines Reichsbahnbediensteten, der unter eigener Lebensgefahr die unbeschädigten Wagen des brennenden Munitionszuges abzog, konnte die Vernichtung des ganzen Zuges und eines großen Teiles des Bahnhofs verhindert werden. Bereits am 8. September wurden auch die Bewohner der holländischen Provinz Limburg evakuiert. Die . Flüchtlinge wurden mit Planzügen über Herzogenrath- Mönchengladbach in das Innere Deutschlands abgefahren.
11 Am 8. September wurden über die Strecke Herbesthal-Aachen noch insgesamt 18 Räumzüge und zwei Flüchtlingszüge aus Belgien nach Deutschland geleitet, und am gleichen Tag, um 17.50 Uhr, standen alliierte Panzerspitzen bereits vor Verviers. Durch die beab- sichtigte Freimachung der holländischen Provinz Limburg, die am 20. September beendet war, wurde auch die deutsche Bevölkerung an der deutsch-holländischen Grenze in Angst versetzt. Ein Flücht- lingsstrom aus Herzogenrath und den umliegenden Ortschaften setzte daraufhin ein. Bedingt durch die Räumung Limburgs sah die Reichsbahn sich nun vor die Aufgabe gestellt, eine große Anzahl mit Kohle und Wehrmachtsgut beladener Wagen abzufahren, die noch auf den Zechen Emma und Hendrik in Nuth, Maurisse in Lutterade, Wil- helmine und Terwinselle sowie Nassau I, II, III und IV in Heerlen, Laura und Vereeniging, sowie in den Bahnhöfen Süsteren, Sittard und Heerlen standen. Da die holländischen Eisenbahner ihrem Dienst fernblieben, wurde die Strecke Kerkrade-Schaesberg mit 41 deutschen Eisenbahnern besetzt. Der Bahnhof Heerlen wurde durch den Bahnbevollmächtigen in Utrecht übernommen. Den wei- teren Schutz der Strecke übernahmen 29 deutsche Soldaten. Ein Beamter vom Bahnhof Montzen wurde nun beauftragt, im Einver- nehmen mit einem Verbindungsmann vom Bahnhof Herzogenrath, die holländischen Zechen und Bahnhöfe frei zu fahren. Beide Eisen- bahner haben ihre Aufgabe so hervorragend gelöst, daß in den Tagen vom 8. bis 11. September noch 21 Züge über Herzogenrath abgefahren werden konnten. Aber auch in den belgischen Grenzbahnhöfen Montzen und Herbesthal war die Betriebsabwicklung immer schwieriger gewor- den. Schon seit Anfang September war die Arbeitsunwilligkeit der belgischen Eisenbahner unverkennbar geworden, die sich beim Nähern der Front noch verstärkte. In Montzen erschienen vom 6. September an die belgischen Bediensteten nicht mehr zum Dienst. Auch die weiblichen Angestellten der Küche in Montzen blieben an diesem Tage aus. Außerdem war die Strecke Montzen-Vise durch Sabotage außer Betrieb gesetzt. Somit mußte der Güterzugverkehr Vise-Deutschland eingestellt werden. Die noch im Bahnhof Mont- zen stehenden Wagen wurden in Sonderzügen zu deutschen Nach- barbahnhöfen übergeleitet, während jedoch der Personenverkehr noch bis zum Abend des 7. September aufrecht erhalten werden konnte. Den Alliierten sind daher bei der Einnahme Montzen’s nur einige Schadwagen in die Hände gefallen.
12 Da amerikanische Truppen inzwischen bis Vise vorgedrungen waren und die Brücke in Vise gesprengt worden war, wurde den deutschen Eisenbahnern auf der Strecke Vise-Montzen der Befehl erteilt, sich auf den Bahnhof Montzen abzusetzen. Als am Abend des 7. September Meldungen eintrafen, daß die Einnahme Vise’s durch Freindtruppen gegen 22.00 Uhr erwartet werde, erhielt der Bahnhof Montzen nun auch Anweisung, einen Räumungszug mit den Küchenvorräten, wichtigen Akten, Vor- schriften, Personalunterlagen, Möbel, Schreibmaschinen usw. ; GG Heerlen 3 > A be Pr ,; ) 5 ö x Ze Kerkrade > A rs voten Sf A ehe r U N Pa \ ZH P “ Ükonischeid A / ZZ if NZ S A DS De \ “Richterich, * Al / QDoutpen Nez / VS 7 n A N — Fa f “/ Laurensz) Ä Mechelen Ca AL ex ne Wan SZ UP, X) Vals: ZA — Eilendorf RO iz A ÖAE AK > sonen 78) AL EHER EEE I OD % N 8 Teuven N Gemmenich Da VA Sn Yu. ——— Sippenaeken /""S A ( ee Remersdagl ADS in Kornelimünster 3% ZZ % PS <SN Tr mn «inne ZZ N Ghomdurg Pi X — ke \ > Üfauber a) }} hm Sa han (A izrheim ie (A wm / Ohmenen Of Henri Chapelle 7 \ N ZB \ Y, ZA Rosen Y N \o Walhorn Zn A N \ Kae PD AA = . lerbestha an ZZ Ansagen ae 7 AR < Ds 5 ZI N (x A Öl DÜS. a ZZ Limbourg D Ü FR EN Erläuterungen: ALS > ——— Bahnhof Die en ZZ — > —> — — \GNÄESGIENZE G AELFäveal(h, Smitn zalalıelal S a SF Stang: 111083 H_Beckers Eisenbahnstrecken im Dreiländereck Belgien - Holland - Deutschland
13 zusammenzustellen und abfahrbereit zu halten. Ein zweiter Räu- mungszug für das Deutsche Rote Kreuz und den Rest der Wehr- macht wurde ebenfalls gebildet und am 8. September, um 2,55 Uhr, nach Deutschland abgefahren. Fünf Minuten später, um 3,00 Uhr, erhielt auch der Räumungszug des Bahnhofs Montzen den Befehl, sich nach Aachen Süd abzusetzen, um später dem Bahnhof Geisecke (3) zugeführt zu werden. Zwischen Herbesthal und Lüttich war die Strecke noch in Betrieb, wenn auch die belgischen Eisenbahner dort zum größten Teil keinen Dienst mehr versahen. Seit den frühen Morgenstunden des 7. September fehlte jedoch jede Fernsprechverbindung. Das in den Abendstunden des 7. September für die Besetzung der Strecke Herbesthal-Lüttich vorgesehene deutsche Personal mußte in Aachen zurückgehalten werden, da mittlerweile die Strecke wegen Feindtätigkeit nicht mehr besetzt werden konnte. In den späten Nachmittagsstunden des 7. September wurde der erste Räumungszug aus Eupen mit sehr schwacher Besetzung über Raeren-Stolberg Hbf abgefahren. Auch durch Aufnahme weiterer Flüchtlinge in Raeren war der Zug in keiner Weise ausgenutzt, ob- schon die Benutzung dieses Zuges der Bevölkerung von der Partei zur Pflicht gemacht worden war. Die Tätigkeit alliierter Tiefflieger, meist waren es P-47 Thun- derboldt oder Lightnings, steigerte sich immer mehr. Im Bahnhof Herbesthal wurden drei Lokomotiven durch Bordwaffenbeschuß schwer beschädigt. Verluste an Menschen waren dabei jedoch nicht zu beklagen. Auch auf der Strecke Aachen-Monschau, zwischen Brand und Eilendorf, griffen 16 Jabos einen Personenzug an (4). Zwar schoß die Flak, was ihre Rohre hergaben, aber unbeirrt verrich- teten die Jabos ihr Werk, welches in wenigen Minuten beendet war. Anschließend mußten acht Tote sowie eine große Anzahl Verwun- deter geborgen werden, wovon am gleichen Abend noch drei ihren Verletzungen im Eilendorfer Kloster, wohin man sie gebracht hatte, erlagen. Unter den Toten befand sich auch der Lokomotivführer. Die Lokomotive sowie die beiden ersten Wagen waren von Ge- schossen durchsiebt. 3. Geisecke bei Schwerte. Dort erschoß sich im Dezember 1944 der Dienstvorste- her des Bahnhofs Montzen, Reichsbahnamtmann Davids. Nach dem Befund der Lei- che war der erste Schuß am Herzen vorbeigegangen. Der zweite Schuß ging direkt ins Herz und war tödlich. 5 Siehe auch : Hubert Beckers, Eilendorfer Kriegstagebuch, 1979, Seite 8f und
14 A Eindhoven f Venlo AS oM0n 7 1ES.A Z FS.D. 7 TE An Erdmann IT Y 85 (7 U al. Landst ff 176.4 Splitter A e Z nn Kl 6 7 SS N“ CZ Könn WLXKXT. | ad ma bang ham A K.Gr 116. Pz. Aachen Ad VA z Brig LöNiCh Er imbu 105 7 A 2» KA SE A fi. Bıl. 600 4echä ebene XXI. E (& +89, fe" a Gr. &Malmedy 9.Pz. AN (bis 9.9. abends) Reste 2.44 Pz. St. Vith Koblenz enzÄ zZ 1.44 Pz. en fe & Reste 2. Pz / Ze S Libramont a =. a ET ww. pr NE KG LXXX. Q Brasser MA 5.Fs.D0.QArlon Trier 48 PP TC —”[np— P 1. A. 5 ML CuxemburgS Longwy A I 19. Y Quelle: Bundesarchiv Freiburg € Akte RH 27-9/72 „7 \ (9. Pz.-Division) MDiedenhofen Die Frontlage im Bereich der 7. Deutschen Armee am 8. September 1944
15 Am 9. September verschärfte sich die Lage derart, daß den Bahnhöfen innerhalb der Stadt Aachen sowie den Bahnhöfen im Bereich Eupen-Moresnet Befehl gegeben werden mußte, vorsorglich ihre Räumung vorzubereiten. Die deutschen Bahnhöfe Walheim, Kornelimünster, Breinig, Stolberg-Hammer, Stolberg-Mühle, Rich- terich, Kohlscheid, Herzogenrath und Palenberg erhielten den glei- chen Befehl. Die Bahnhöfe Henri-Chapelle, Moresnet, Bleyberg, und Gemmenich sowie die Abzweigstellen Mühlbach und Botzelaer hatten bereits nach Auftrag alle wichtigen Akten, Verfügungen, Geräte usw. mit planmäßigen Zügen zum Bahnhof Aachen West geschafft. Außer den wenigen Schadwagen im Bahnhof Montzen sind auf den Strecken Montzen-Aachen Süd, Montzen-Aachen West, Herbesthal-Aachen West und Herbesthal-Aachen Hbf den Alliierten keine Geräte von Wert und kein sonstiges wichtiges Material in die Hände gefallen. Im Bahnhof Raeren standen, von der Deutschen Wehrmacht für besondere Zwecke angefordert, ein Pakzug sowie ein schwerer und ein leichter Flakzug, außerdem einige Güterwagen für spezielle Zwecke in Stellung. Da die Feindfliegertätigkeit jedoch außerordentlich rege war, wurden, im Einvernehmen mit dem Wehr- machtskommandanten, diese Züge gegen Abend in Richtung Hohenbudberg abgefahren. Sehr wichtiges Wehrmachtsgut der Phi- lipswerke konnte, nach Beiladung in Eupen, ebenfalls über Raeren- Aachen Rothe Erde nach Westfalen abgefahren werden. Schon in der Nacht zum 9. September, um 0,03 Uhr, hatte sehr starke Feindfliegertätigkeit mit Bombenabwürfen auf Eynatten und den Raerener Wald eingesetzt. Später, in den Vormittagsstunden, wurde der Personenzug P 2674 auf der Strecke zwischen Roetgen und Lammersdorf von Tieffliegern angegriffen. Lokführer und Hei- zer wurden dabei tödlich verletzt. Die Strecke mußte für zwei Stun- den gesperrt werden. Zwischen Walheim und Schmithof wurde der Personenzug P 2677 ebenfalls von Tieffliegern angegriffen, wobei größere Schäden an Lok und Wagen, jedoch keine Men- schenverluste zu beklagen waren. Am Morgen dieses 9 September war ebenfalls um 7,15 Uhr von Aachen aus ein Tankzug mit Generatoren für Eupen abgefer- tigt worden, der um 7,25 Uhr weitergeleitet wurde. Um 8.00 Uhr lief in Raeren ein Sonderzug der Philipswerke, von Roetgen kom- mend, für Eupen ein. Kurze Zeit später, gegen 8,35 Uhr, wurden aus Richtung Eupen Bombenabwürfe und starker Bordwaffenbeschuß wahrgenommen. Auch die Verbindung mit
16 dem Bahnhof Eupen war plötzlich abgeschnitten. Um 11,20 Uhr erschienen dann der Lokführer und der Heizer in Aachen und mel- deten, daß ihr Zug (der Tankzug) sowie der Sonderzug der Philips- werke angegriffen worden seien. Die Lok des Tankzuges sei durch zahlreiche Einschüsse schwer beschädigt. Die Menschenverluste betrugen drei Tote sowie zahlreiche Verletzte, deren genaue Zahl jedoch nicht bekannt wurde. Die Gleisanlagen der Ladestraße im Bahnhof Eupen waren bei diesem Angriff zerstört worden. Da die Feindtätigkeit im Raum Eupen-Raeren sich im Laufe des 9. September immer mehr verstärkte, wurde Befehl gegeben, die noch im Bahnhof Raeren stehenden 35 beladenen Wagen (darunter * 16 Wagen mit Wehrmachtsgut) der Philipswerke in den Abend- stunden abzufahren. Um 18.00 Uhr war der Bahnhof Raeren von allen Fahrzeugen geräumt. Die Tieffliegertätigkeit steigerte sich dann im Laufe des Tages so, daß eine weitere Besetzung des Bahn- hofs Raeren nicht mehr zu vertreten war. Deshalb wurde die Räu- mung des Bahnhofs und die Absetzung auf den Bahnhof Walheim angeordnet. Unter Mitnahme aller noch nach 18.00 Uhr eingetrof- fenen Fahrzeuge setzte sich der Bahnhof Raeren gegen 23.00 Uhr ab. Dem ergangenen Räumungsbefehl leisteten jedoch nur der Dienstvorsteher des Bahnhofs Raeren sowie ein Signalwerkführer der Bahnmeisterei Walheim Folge. Alle anderen Bediensteten blie- ben zurück und erwarteten in ihren Heimatorten den Einmarsch der Amerikaner. Aber auch in den anderen Bahnhöfen des Amtsbezirks Aachen hatten sich die Kampfhandlungen durch Tiefflieger gesteigert. Von allen Seiten liefen die Meldungen über Zunahme der Bomben- und Bordwaffenangriffe auf Bahnanlagen, Züge sowie Straßenfahrzeuge ein. Hinzu kamen die Rückzugsmaßnahmen der Wehrmacht, die Straßenkreuzungen und Brücken sprengten, wodurch dann letzt- endlich der Bahnbetrieb auf den Strecken Montzen-Aachen Süd und Montzen-Aachen West unmöglich wurde. Durch Feindeinwirkung waren u.a. gesperrt : + Gleis Köln-Aachen im Bahnhof Eilendorf (Bombenab- wurf), sowie Gleis Köln-Aachen und Gegenrichtung im Bahnhof Derichsweiler. Die durch die Streckensperrungen blockierten Züge waren natürlich ein bevorzugtes Angriffsziel der zahlreichen Tiefflieger.
17 Durch Rückzugsmaßnahmen der Deutschen Wehrmacht waren unterbrochen : Strecke Montzen-Aachen West bei Blockstelle Frie- drich, durch Sprengung einer Straßenunterführung, sowie Strecke Montzen-Aachen Süd beim Haltepunkt Buschhausen, durch Sprengung einer Straßenunterführung. Die Bahnhöfe Henri-Chapelle, Moresnet, Bleyberg, Gemme- nich sowie die Abzweigung Mühlbach waren vorher geräumt wor- den, so daß sie durch die Streckensperrungen nicht abgeschnitten waren. Im Verkehr nach Holland war die Strecke von Aachen über Herzogenrath-Heerlen bis Eindhoven noch befahrbar. Auch die Strecke Aachen Hbf-Herbesthal war noch in Betrieb. Um einigermaßen genaue Meldungen über die allgemeine Lage zu erhalten wurde vom Betriebsamt Aachen ein Verbindungsmann zum Wehrmachts-Kampfstand Gallwitzkaserne (Aachen) abgeord- net, da nunmehr alle weiteren Entscheidungen dem jeweiligen Stand der Kampfhandlungen im Grenzgebiet angepaßt werden mußten. Nach den vom Wehrmachts-Kampfstand einlaufenden Meldungen wurde mit dem Eintreffen amerikanischer Truppen an der alten deutsch-belgischen Grenze in den nächsten Stunden gerechnet. Aufgrund der Meldungen im Wehrmachtsbericht wurde um 10.00 Uhr die Räumung der Bahnhöfe Herbesthal und Astenet angeordnet. Vorbereitende Maßnahmen waren bereits nach Abreise der Zivilbehörden, am 5. September,eingeleitet worden, so daß die Totalräumung trotz der starken Fliegertätigkeit am 9. September gegen 14.00 Uhr als beendet angesehen werden konnten. Auch der starke Zulauf an Räumungszügen aus Richtung Belgien, am 7. Sep- tember und in der Nacht zum 9. September, brach in den Morgen- stunden des 9. September plötzlich ab. Daher nutzte man die Zeit, die noch im Bahnhof Herbesthal stehenden Wagen abzufahren. Zurück ließ man nur drei nicht lauffähige Fahrzeuge. Dem Anschluß Keramik, zwischen den Bahnhöfen Herbesthal und Henri-Chapelle gelegen, am Morgen des 9. September zuge- stellte leere Güterwagen zur Räumung der Philipswerke mußten wieder leer abgezogen werden, da Kräfte zur Räumung und Bela- dung der Wagen fehlten. Als jedoch gegen 14.00 Uhr etwa 70 Arbeiter aus Aachen zur Räumung eintrafen, konnten die vorher
19 Am Abend des 9. September, gegen 20.00 Uhr, verließ der letzte Räumungszug den Bahnhof Herbesthal. Mit diesem Zug verließen auch die Bediensteten der Bahnhöfe Astenet und Hergen- rath ihre Dienststellen. Am 10. September entfalteten die Alliierten wiederum eine sehr rege Fliegertätigkeit mit verstärkten Bombenabwürfen vor allem im Raum Eupen-Raeren. Daher mußte nun auch der Perso- nenzugverkehr auf der Strecke Walheim-St. Vith eingestellt werden. Um 10.00 Uhr verlief die Front auf der Linie Clermont- Limburg-Spa westlich Stavelot und bereits um 13.20 Uhr verlagerte sich starkes Artilleriefeuer auf die Orte Baelen und Herbesthal. Zum gleichen Zeitpunkt meldete der Bahnhofsoffizier Herbesthal nach Aachen, Generalleutnant von Schwerin habe den Hauptmann Abel beauftragt, die Hammerbrücke zwischen km 78,6 und 78,9 der Strecke Aachen-Herbesthal zur Sprengung vorzubereiten. Gegen diese beabsichtigte Sprengung legte das Betriebsamt Aachen sofort Einspruch ein, da sich herausgestellt hatte, daß doch noch Bedien- stete des Bahnhofs Astenet zurückgeblieben waren. Um 14,02 Uhr traf eine neue Meldung des Bahnhofsoffiziers ein, wonach Leutnant Schliepen den Auftrag habe, die Hammerbrücke gegen Abend zu sprengen. Um 16.01 Uhr erhielt Aachen die Meldung, daß das Reichs- bahnbetriebsamt Malmedy wegen starker Feindtätigkeit seinen Sitz nach dem Bahnhof Weismes verlegt habe. Eine Stunde später, gegen 17.00 Uhr, lagen die Strecke Raeren-Aachen Süd sowie die umliegenden Häuser unter amerikanischem Artilleriefeuer. Gegen 17.20 Uhr lagen die Artillerietreffer in der Hauptsache in unmittel- barer Nähe des Bahnkörpers zwischen den Posten 58 und 59 der Strecke Herbesthal-Aachen. Dadurch wurde nun auch die restlose Räumung des Bahnhofs Hergenrath notwendig, die auch ohne Ver- luste durchgeführt werden konnte. In Moresnet und Bleyberg waren wegen des starken Artilleriefeuers gegen 16.00 Uhr die Schanzarbeiten deutscherseits eingestellt worden und die Schanz- kommandos abgerückt. Der Verbindungsmann der Deutschen Reichsbahn meldete aus der Gallwitzkaserne, daß der Feind um 21.00 Uhr in Malmedy eingedrungen sei. Um 22.00 Uhr wurden dann die Bahnanlagen des Bahnhofs Weismes gesprengt. Während der Nacht zum 11. September hatte sich die Lage an der hiesigen Front weiter zugespitzt. Schon in den frühen Morgen- stunden lagen schwere Luftbombardements auf die etwa 3 km
20 westlich Aachens entfernt liegende erste Westwall-Bunkerlinie. Im Laufe des Tages wurden sämtliche strategisch wichtigen Straßenkreuzungen im Bereich Eupen-Moresnet von deutschen Truppen gesprengt. Laut Mitteilung des Oberleutnants Schilo, vom 1. Panzer-Battaillon 673 (1 16. Panzer-Division), wurde das erste öst- liche Feld der Göhltalbrücke zwischen Montzen Süd und Aachen West bzw. Aachen Süd gesprengt. Auf Befehl des Divisionskom- mandeurs der 116. Panzer-Division, Generalleutnant Graf von Schwerin, mußten auch Buschtunnel und Gemmenicher-Tunnel feindwärts zur Sprengung vorbereitet werden. Der Druck der Amerikaner auf den Raum Eupen-Raeren ver- stärkte sich nun immer mehr. Um 8.30 Uhr wurde der Bahnhof * Eupen von acht und um 11.00 Uhr von 20 Tieffliegern angegriffen. Dabei fielen drei deutsche Soldaten, acht wurden schwer verwun- det, 36 Eisenbahnwagen brannten aus. Am Nachmittag, gegen 17.00 Uhr, teilte die Kreisleitung der NSDAP Aachen-Stadt dem Betriebsamt Aachen mit, daß nunmehr ”Führerbefehl” ergangen sei, die Stadt Aachen von Zivilisten zu räumen. Alle Behörden beschlossen daraufhin, die weiblichen Bediensteten, Schwerbeschädigte und Männer über 65 Jahre mit der übrigen Zivilbevölkerung zu evakuieren. Auch die Reichsbahn beschloß für den Bereich des Betriebsamtes Aachen die gleiche Maßnahme. Für den Fall überraschender Ereignisse wurde befohlen, daß sich sämtliche Eisenbahner der Aachener Bahnhöfe sowie der Bahn- höfe Richterich, Kohlscheid, Walheim, Brand, Kornelimünster, Breinig und Eilendorf durch den Nirmer Tunnel zum Bahnhof Eschweiler durchschlagen sollten. Die Dienstgeschäfte des Betriebs- amtes Aachen sollten dann vom Bahnhof Eschweiler abgewickelt werden. Die Evakuierung der Kranken aus Aachen wurde jedoch schon im Laufe des 11. September durchgeführt. Zwei Züge für lie- gende Kranke hatten bereits vormittags den Bahnhof Aachen West mit Ziel Hamm (Westfalen) verlassen. Weitere Leerzüge für die Zivilbevölkerung waren angefordert worden, so daß im Laufe des Tages elf Räumungszüge das Stadtgebiet verlassen konnten. Um 11.45 Uhr erklärte sich der Kreisleiter von Eupen damit einverstanden, daß sämtliche Bahnhöfe westlich des Westwalls geräumt würden. Gegen 12.00 Uhr meldete der Verbindungsoffizier zum Armeeoberkommando 7, Oberleutnant Schilo, daß die Strecke
23 sprengt. Gegen 20.00 Uhr erhielt das Betriebsamt Aachen den Be- scheid, daß der Kreisleiter Schmeer in Stolberg zu erreichen sei. Da eine Verständigung mit der Kreisleitung Aachen-Stadt fernmünd- lich jedoch nicht mehr möglich war, wurde ein Reichsbahnoberin- spektor als Verbindungsmann zur Kreisleitung Aachen nach Stol- berg abgeordnet, um genaue Zahlen der noch zu evakuierenden Zivilbevölkerung zu bekommen. Dieser kehrte jedoch unverrichte- ter Dinge zurück, da die Kreisleitung schon nicht mehr besetzt war. Am Dienstag, dem 12. September, gegen 21.00 Uhr meldete der Verbindungsmann beim Platzkommandanten, Oberst von Osterroht, daß feindliche Schützengruppen sowie mehrere Panzer seitlich des Gemmenicher Tunnels durchgesickert seien. Kurze Zeit später, um 21.30 Uhr, meldete Kreisleiter Schmeer sich telefonisch aus Düren beim Amtsleiter des Betriebsamtes Aachen. Dieser infor- _ mierte Schmeer über die militärische Lage und die Abwicklung der Räumung Aachens. Nach diesem Gespräch versuchte Reichsbahn- oberrat Lambert vergeblich, auf verschiedenen Leitungen den Poli- zeipräsidenten, den Regierungspräsidenten und den Oberbürger- meister zu erreichen. Er bekam jedoch keine Verbindung mehr zu den Behörden, da diese bereits die Stadt verlassen hatten. Daraufhin wies RBO Lambert seine durch diese Umstände stark erschütterten Bediensteten an, ohne Rücksicht auf die Ereig- nisse weiter ihre Pflicht der Aachener Bevölkerung gegenüber zu tun. Er verfügte weiter, daß seitens der Reichsbahn erst dann geräumt würde, wenn der letzte auf dem Bahnsteig anwesende Flüchtling abbefördert sei. Das gleiche hatte er vorhin dem Kreislei- ter mitgeteilt. Zu diesem Zeitpunkt standen in Aachen Hbf etwa 7000 und in Aachen West circa 3000 Flüchtlinge. Ein für die Räumung zustän- diger politischer Leiter war nicht anwesend. Daher mußte Verbin- dung mit Aachener Luftschutzbunkern aufgenommen werden, um die Zurückgebliebenen zu verständigen, daß die ganze Nacht über Flüchtlingszüge in genügender Zahl fahren würden. Gegen 1.00 Uhr, am 13. September, waren die Flüchtlinge in Aachen bis auf etwa 500 in Aachen Hbf abgefahren worden. Wei- tere Wagenparks standen auf Abruf bereit. Zwischen 1.00 und 3.00 Uhr war der Zustrom der Flüchtlinge jedoch schwächer geworden, da Großalarm über Aachen war und zusätzlich starkes Artillerie- feuer auf Aachen lag. Gegen 3.00 Uhr verließ der letzte Flüchtlingszug Aachen, da sich keine Flüchtlinge mehr in den Aachener Bahnhöfen befanden.
25 Um 4.30 Uhr fuhren auch die Reichsbahnräumungszüge aus Aachen Hbf und Aachen West ab und nahmen je noch etwa 30 Flüchtlinge mit, die sich mittlerweile wieder eingefunden hatten. Auch die Wehrmachtsführung war zu diesem Zeitpunkt mit der Räumung der Reichsbahn einverstanden. In der Nacht vom 13. zum 14. September sowie am Morgen des 14. September wurden aus den Aachener Bahnhöfen Hbf. West und Rothe Erde nochmals Reichsbahnräumungszüge heraus gefahren. Am 14. September, gegen 11.00 Uhr, wurde der Aachener Hauptbahnhof mit starkem Artilleriefeuer belegt. Mit drei Schwer- verletzten haben sich dann die letzten Eisenbahner aus Aachen nach Stolberg abgesetzt. Harte Gefechte am Westwall, Feindberührung im Aachener Wald, Panzerdurchbrüche am Pelzerturm, Panzergefechte im Bereich der Vaalser Straße sowie das Eindringen amerikanischer Infanterie durch den Gemmenicher Tunnel und das Auftauchen feindlicher Spähtrupps auf dem Buschtunnel Aachen Süd ließen nun keinen Zweifel mehr erscheinen : Aachen und das Grenzland waren Frontgebiet geworden. Schlußbemerkung : Wenn auch die Deutsche Reichsbahn und ihre Bediensteten Aachen am 14. September 1944 räumten, so war damit ihr Opfer- gang noch lange nicht beendet. Fast acht Monate sollten noch ver- gehen, ehe auch ihr Kampf mit den Widrigkeiten dieses unseligen Krieges zu Ende sein sollte.
26 Buche im Vennwald M. Th. Weinert Aus altem, knolligem Wurzelstock, grünlich bemoost, wachsen die Stämme, breiten sich mächtig, treiben schon zeitig $ züngelnde Äste mit Knorpeln und Schlingen, Bilder des Waldes starr wiederholend : Siehst Du das Vogelgesicht? Und dort den Fuchskopf? Später winden sich rindenglatte, schlängelnde Baumleiber eng umeinander höher hinauf. Aus ihnen wachsen kräftige Arme, unendlich viele - eigenwillige Zweige. In allen pulst windbewegtes Drängen nach oben, formt sie zur Krone. Lodernden Zungen gleich flammen die Knospen im Licht.
27 ._ 99 . 99° Die ”’Schleifmühle”” in Neu-Moresnet von Franz Uebags In unserer Gegend, wo die plattdeutsche Mundart die eigentli- che Muttersprache ist, gibt es vielfach Flurnamen, Ausdrücke und Benennungen, die seit alters her gebraucht werden, von denen man aber nicht weiß, wie sie entstanden sind oder was sie bedeuten. Da gibt es z.B. in der Ortschaft Neu-Moresnet die Filztuchfabrik Bruch & Cie, die aber ganz selten unter diesem Namen genannt wird. Redet man über diesen Betrieb, so hört man meistens nur den Namen ”de Schliepmöhle” (die Schleifmühle), obschon nur wenige wissen, wo diese Bezeichnung herrührt. Was hat die Fa Bruch & Cie mit einer Schleifmühle gemein? Ich habe, offen gestanden, mich selbst auch nie um die Herkunft dieser Bezeichnung gefragt, bis ich den Entschluß faßte, für diese Zeitschrift den Werdegang der Filz- tuchfabrik etwas näher zu untersuchen. Bei meinen Recherchen fand ich bei Herrn Günter Bruch viel Entgegenkommen. Dafür möchte ich ihm gleich zu Beginn dieses Aufsatzes meinen herzlich- sten Dank aussprechen. U =. BEE | 4 3 Van“ . S „ö Jubiläumsfoto aus d.J. 1900
28 Zum Namen Schliepmöhle Sinngemäß hat diese Bezeichnung mit dem jetzigen Unterneh- men nichts zu tun. Eine Filztuchfabrik hätte sich bei ihrer Grün- dung gewiß nicht so benannt. In früherer Zeit gab es am Lauf des Tüljebaches - dort ist die Filztuchfabrik Bruch & Cie angesiedelt - drei ”Mühlen”, und zwar die Schleifmühle, die Lohmühle und die Jansmühle. Etwas weiter, auf Kelmiser Gebiet, beim Schnellenberg, lag die Kelmiser Mühle, die vom Wasser des Lontzener Baches angetrieben wurde. Alle diese Betriebe hatten mit einer Mühle nur die Antriebsart, das Wasserrad, gemein. Den Ursprung der Schleifmühle können wir bis ins frühe 16. Jh. zurück verfolgen. Sie wurde als Kupfermühle errichtet. Später diente sie als Nadelschleiferei, die von einer Aachener Nadelfabrik ihre Aufträge erhielt. Diese Nadelschleiferei ging 1835 ein. Der Betrieb wurde dann in eine Spinnerei (”Spinnmühle”) umgewandelt; doch der Name erinnerte weiter an die Nadelschleiferei. Im Volks- mund blieb das Textilunternehmen die ”Schliepmöhle”. Ein Wort zur Lage Das Textilwerk, das wir näher betrachten wollen, liegt im Drei- ländereck Aachen-Maastricht-Lüttich, in der Ortschaft Neu- Moresnet, die früher, vor dem 1. Weltkrieg, Preußisch-Moresnet hieß. Durch die beiden Ortschaften Kelmis und Neu-Moresnet führt die Landstraße Lüttich-Aachen. Traditionsgemäß liegen an solchen Hauptverbindungsstraßen die immer noch bestehenden Zollstatio- nen. Beim Verlässen der genannten Ortschaften in Richtung Aachen wird dem Reisenden durch die Zollstation Tülje ”Halt” geboten. Rechts, gegenüber dem in der Mitte der Straße aufgebauten Zoll, liegt das Hauptgebäude der Zollverwaltung. Ein altes Bau- _ werk, das im 18. Jh. aus Blaustein gebaut wurde und leider durch die Verwaltung durch das Brechen größerer Fenster arg verunstal- tet worden ist. An diesem Zollhaus vorbei führt der Weg direkt auf den Betriebsparkplatz der Filztuchfabrik. Das Firmenschild ”Bruch & Cie” ist schon von weitem sicht- bar. Vom Parkplatz aus sehen wir erst ein altes Backsteingebäude. Ein Schild mit der Aufschrift ”Bureau” orientiert den Besucher. Wirft man nun einen Blick nach links, hat das Ganze ein anderes Aussehen. Ein schöner großer Teich (”Bruchs Weiher”) säumt das Betriebsgelände. Auf der spiegelnden Oberfläche bewegen sich eine
z9 Anzahl schnatternder Schwäne und Enten, die es meisterhaft ver- stehen, sich Bewunderung zu verschaffen. Geht der Blick nach rechts, so fallen zwei große moderne Fabrikhallen auf. Der erste Eindruck ist nun : dieser Betrieb, das lassen die roten Klinker am Altbau erkennen, ist schon alt; doch die modernen Hallen zeigen, daß nicht alles von gestern ist. Die Fa Bruch hat nur dann größere Investitionen gemacht, wann diese dem Kunden zugute kamen. Man hat hier nie viel Wert darauf gelegt, große Verwaltungsge- bäude zu errichten, um Größe vorzutäuschen. Ein leistungsfähiger Produzent zu sein, das war stets Ziel und Streben. Wer war der Gründer von ”’Bruch & Cie”? Zu Beginn sei gesagt, daß die Filztuchfabrik schon mehr als 100 Jahre ununterbrochen arbeitet. Eine lange Zeit, in der die Firma viele gute und auch schlechte Perioden durchstanden hat. Schade, daß uns der Firmengründer nichts mehr dazu sagen kann. Kaum war der Krieg 1870-71 zu Ende, da ging es mit Handel und Wandel wieder bergauf. Es begann eine sehr rege industrielle Tätigkeit, viele neue Unternehmen wurden gegründet. Auch in der Papierbranche tat sich viel, diese Industrie geriet sichtlich in Schwung. Im 18. Jh. war es dem Franzosen Louis Robert gelungen, die erste Papiermaschine zu bauen. Der Engländer Bryan Donkin entwickelte dieselbe weiter. Ein kleines, aber wichtiges Spezialgebiet war die Herstellung von Naß- und Trockenfilzen für die Papierpro- duktion geworden. Ohne diese Filze ist die ganze Entwicklung der Papierproduktion in großem Ausmaß nicht denkbar. Reinhard Bruch, Sohn des Eifeler Mühlenmeisters Johann Wil- helm Bruch, erblickte am 17. Januar 1839 in Hellenthal das Licht der Welt. Am 2. Mai 1866 heiratete er in Schleiden die am 31.8.1834 in Homburg (Westerwald) geborene Emilie Haas, Toch- ter des dortigen Försters Johann Daniel Haas. Aus dieser Ehe ent- .sprossen 6 Kinder, eine Tochter und 5 Söhne. Reinhard Bruch hatte früh begriffen, daß auf dem Gebiet der Filztuchherstellung für die Papierindustrie eine Marktlücke be- stand. Er sah voraus, daß der rapide ansteigende Papierbedarf eine wachsende Nachfrage nach Filzen nach sich ziehen würde. Als der künftige Industrielle zu Beginn der siebziger Jahre nach einem günstigen Standort für die von ihm geplante Filzfabrik suchte, meinte er, derselbe dürfe nicht allzuweit von den Papierfa- briken des Rheinlandes gelegen sein. Auch mußte der Abtransport
31 Ailıfabeik, hei Merbesthal ES Sen ff , ZA ED Zrwch Bo Cie Alehlad le Sn EN RE VS 9a HAAG VE de Briefkopf aus dem Jahre 1877 Ne ® 2 ÄN- ld len A De TEA VS AA REES ZILZTUCH- FABRIKEN! 5 7 r - A Sn A LE, PR 14 Ya. JB) a 7 BES 1 NU7/ Z A] AN BRU &CGOMP- EA az = AS 0). Z SEEN AS BSR ie ZA DE PREUSS.- MORESNET. — GALAMINE (Belgien) 3 EA 7 UN TRLEGRAMM ADR. BRUCH, PREUSS, MORESNET. 7 & Bahnslation HERGENRATH. 8 Win BR Of RZ Briefkopf aus d.J. 1891. Lithographie von C.H. Georgi in Aachen. Besondere Beach- tung verdient die auf der internationalen Ausstellung in Berlin i.J. 1878 errungene % Verdienstmedaille. A BF EEE PER A ZA 3 BD EM 1 9 SE N An an A dA e CN Ya BASE 2 a A 3 AA WE EEE A ? AT AB A 4 E42 A £ De RA N EEE ES Se CO U Y RS 5 _ A KU da FA A "— ve Dale RA Sg an % Ka A ss >. on * Ss n «m 1 + A P A CE +0 N BE A a RN Belegschaft d.Fa. Bruch, Neu-Moresnet, um 1900.
82 Genüge zu leisten und namentlich der Papier-Fabrikation durch Herstellung von Trocken- und Naßfilzen I. und II. Presse, Manchon etc. in vorzüglicher Qualität zu dienen.” . Der junge Firmengründer hatte das Glück auf seiner Seite. Seine Filze waren von unübertroffener Qualität und der Absatz der- selben dehnte sich erfreulich aus. Außer Deutschland bezogen recht bald auch die nordischen Länder Filze aus Preußisch-Moresnet. Später gingen die Gewebe des Mühlenbauersohnes von der ”Schleif- mühle” in alle Staaten Europas. Die Schleifmühle im Vergleich Natürlich gibt es Filztuchfabriken, deren Leistungen das Werk 5 in Neu-Moresnet in den Schatten stellen. Sie produzieren dank einer größeren Mitarbeiterzahl tonnenweise mehr Filze. Dennoch wird es schwer sein, eine Firma zu finden, die mehr auf die individuellen Wünsche ihrer Kunden eingeht. Die ”Schleifmühle” verbessert stän- dig ihre Produkte und ihre Produktionsmethoden zum Besten der Kunden. Der Export ist heute weltumspannend., In der Kundenliste finden sich Holland, Deutschland, Frankreich, Schweden, Italien, England und Spanien. Einige technische Spezialtuche gehen in die USA, nach Südafrika und Neuseeland. Die Entwicklungsabteilung der Fa Bruch ist, wie nicht anders zu erwarten, klein und bescheiden. Doch hat man hier ”die Nase vorn” und der technologische Stand ist ”up to date”. Die Filze sind wie zu den Zeiten des Firmengründers von unübertroffener Quali- tät und die ”Schleifmühle” wird eines Tages auch auf dem Gebiet des Umweltschutzes durch neuartige Produkte von sich reden machen. ”Klein aber wendig” so lautet die Parole bei Bruch & Cie. Damit will man ausdrük- ken, daß die Firma an der Tülje für jeden Kunden da ist, daß sie auch diejenigen Aufträge annimmt, die ein Großer gerne links lie- gen läßt. Bei Bruch ist man in der Lage, die komplette Erstbespan- nung für jede neue Super-Papierstraße zu liefern. Selbst Papierma- schinen mit einer Arbeitsbreite von 8 Metern stellen für die ”Schleif- mühle” kein Problem dar. Für solche Aufträge hat sie die modern- sten technischen Einrichtungen. Die vernünftige Selbstbeschränkung des kleinen aber feinen Spezialisten rückt die Fa Bruch in eine besondere Kategorie. ”Klein
35 der modernen Nadelvliesmaschine bei der Arbeit zuzuschauen. Auch den Großkalander zur Thermofixierung der synthetischen Gewebe könnte man bewundern ... Erinnerungen ... Ein Werk mit einer 108-jährigen Geschichte darf mit berech- tigtem Stolz auf die Vergangenheit zurückblicken. Die Filztuchfa- brik Bruch & Cie ist in unserem engeren Raum das einzige Unter- nehmen aus dem vorigen Jahrhundert, das sich über alle Schwierig- keiten hinweg hat halten können. Die am 3.4.1904 notariell gegründete Firma "Reinhard Bruch u. Co G.m.b.H.” wurde am 29.12.1927 in eine Gesellschaft belgischen Rechts mit dem Namen ”Filztuchfabrik Reinhard Bruch u. Co anonyme Gesellschaft” umgewandelt. In all den Jahren hat es manche Krise gegeben. Die Arbeiter haben bei den Arbeitslosenämtern vorstellig werden. müssen. Doch zu einer totalen Stillegung ist es nie gekommen. Lohmühle, Jans- mühle, Kelmiser Mühle, Kratzenfabrik Sartenaer und selbst die Vieille Montagne haben ihre Tore schließen müssen. Nur die Erin- nerung daran bleibt noch. Die Lohnfrage war früher die am meisten diskutierte Frage. Vieille Montagne, Eisenbahn und Schleifmühle zahlten die niedrig- sten Löhne, so sagte man. Es wurden Vergleiche gezogen zwischen Arbeitern, die in Verviers, Eupen oder Aachen ihr Brot verdienten und den auf der ”Schleifmühle” gezahlten Löhnen. Dabei stand letz- tere im Schatten. Deshalb auch hatte die Filztuchfabrik manchmal Mangel an Arbeitern. Es hat immer wieder welche gegeben, die den Betrieb verließen, weil sie anderswo mehr verdienen konnten. Aber manch einer ist reuig zurückgekommen und hat darum gebeten, wieder seinen alten Arbeitsplatz einnehmen zu dürfen. Von vielen Arbeitern und Arbeiterinnen, die nie einen anderen Arbeitsplatz als bei Bruch gekannt hatten, hieß es : ”Dä ess met de Schliepmöhle jetrowt.” (Der ist mit der Schleifmühle verheiratet.) Viele haben auf der Schleifmühle im Silber-oder Goldkranz gestanden. Die Firma pflegt alljährlich ein Treffen aller ehemaligen Mitarbeiter zu organisieren. Dieses Veteranentreffen beginnt gewöhnlich mit einer Betriebsbesichtigung, wobei dann jeder fest- stellen kann, was sich seit seinem Ausscheiden aus dem Betrieb geändert hat. Alsdann folgt eine Ausfahrt und ein gemütliches Bei- sammensein bei einem durch die Firma spendierten Imbiß. Eine
37 Anerkennung für geleistete Dienste, wie man sie wohl nur selten fin- det. Und eine einmalige Gelegenheit, alte Erinnerungen aufzuwär- men. Bei einem kühlen Trunk will dann jeder zu Wort kommen, und groß ist immer wieder die Wiedersehensfreude. Leider wird der Kreis der Veteranen durch Sterbefälle immer kleiner. Wenn ich vorhin erwähnte, daß manch einer bei Bruch im Silber- oder Goldkranz gestanden hat, so möchte ich einen dieser Arbeiter besonders hervorheben. Frau Joseph Bindels-Beckers (Sandweg, Kelmis) überreichte mir eine Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der ”Firma Reinhard Bruch & Cie.” aus dem Jahre 1900. Sie hegte den Wunsch, diese Festschrift in unserer Zeitschrift veröffentlicht zu sehen. Mit einem gewissen Stolz verriet sie mir, daß darin auch die Rede vom Weber Wilhelm Meessen sei und daß dieser Wilhelm Meessen ihr an 2 A 4 a u “A 2 3 5 ua 32V RUM 108 ) . WU 2 8 . a » A N . - W N % 22 2 u 2 7 On N A ir 7 E Pa’ L L Wu Goldjubilar Wilhelm Meessen Reprod. A. Jansen
38 Großvater mütterlicherseits gewesen sei. Der im Jahre 1857 gebo- rene Webermeister konnte 1900 sein 25-jähriges Dienstjubiläum bei Bruch feiern. Eine Tochter dieses Wilhelm Meessen, Frau Guil- Jlaume Beckers-Meessen, lebt noch und wohnt in der Steinkaulstraße in Kelmis. Die Festansprache erwähnt ebenfalls den Betriebskutscher Kremer, den Walkmeister Frings, den Spinner Zimmer und die Spinnerin Fräulein Nautz, die alle wie Meessen zur alten Garde gehörten. Nachkommen dieser Belegschaftsmitglieder leben wohl auch noch im Kelmiser Raum. Der Verfasser der Festschrift ist lei- der unbekannt. Auch wo die Jubiläumsfeier stattgefunden hat, ist nicht ausfindig zu machen. . Der Pionier Wilhelm Meessen Filzweber Wilhelm Meessen wurde am 17. September 1857 zu Preußisch:Moresnet geboren. Nach seiner Schulentlassung fand er Arbeit in einem Aachener Betrieb. Bei der Eröffnung der ”Schleif- mühle” trat er, damals 17 Jahre alt, in die Dienste von Reinhard Bruch. Dieser konnte recht bald feststellen, daß er in dem jungen Mann einen der tüchtigsten und treuesten Mitarbeiter gefunden hatte. Mit 36 Jahren heiratete Wilhelm Meessen die 26-jährige Elisa- beth Beckers aus Montzen. Dieser Ehe entsprossen 9 Kinder, wovon sieben ganz jung zu Grabe getragen wurden. Nach 18 Ehe- jahren verstarb auch Frau Meessen. Trotz all dieser harten Schick- salsschläge ist Meessen stets seiner Arbeit gewissenhaft nachgegan- gen. Auf dem Jubiläumsfoto aus dem Jahre 1900 erkennen wir den Webermeister Meessen in der untersten rechten Ecke. Beim S0-jährigen Bestehen der Filztuchfabrik stand Meessen allein im Goldkranz. Wie das Bild zeigt, dekorierte man ihn mit Eichenlaub. Bei der Gelegenheit erhielt er den Orden Leopold I. Die Firma schenkte dem Jubilar eine Taschenuhr. Der Weber Meessen blieb noch weitere 5 Jahre im Betrieb. Mit 72 Jahren, nach 55 Jah- ren bei Bruch, nahm er Abschied von der Schleifmühle und von sei- nen Arbeitskollegen. Das war im Dezember 1929. Doch er konnte der wohlverdienten Ruhe nicht recht froh werden, denn er sah nun keinen Sinn mehr im Leben. Er hat lange gebraucht, sich an das Rentnerdasein zu gewöhnen. Dieser Firmenpionier ging am 14. Sep- tember 1945 im Alter von 88 Jahren aus dieser Welt. Mit ihm ging,
39 wie Herr Bruch in seinem Beileidsschreiben an die Familie es aus- drückte, ”ein Stück Geschichte unseres Ortes und unserer Firma” dahin. Noch ein paar Lebensdaten des Firmengründers Reinhard Bruch siedelte nach Eröffnung der Fabrik von Schleiden nach Aachen über. Um seinem Werk näher zu sein, faßte er zu Beginn dieses Jahrhunderts den Entschluß, nach Preußisch- Moresnet umzuziehen. Noch neun Jahre konnte er aus allernächs- ter Nähe sein Unternehmen führen. Er verstarb zu Aachen im Alter von 70 Jahren am 25. August 1909. Vierunddreißig Jahre lang hatte er seinen Betrieb aufbauen und führen dürfen. Das 25-jährige Firmenjubiläum, am 25. August 1900, wurde u.a., wie schon gesagt, durch den Druck einer kleinen Festschrift gefeiert. Verse und Lieder erinnern an den Firmengründer und die verdientesten Mitarbeiter. Wir möchten diesen Beitrag über die ”Schliepmöhle” abschließen mit der Wiedergabe dieser Verse und dem ”Steckbrief” der Firma, so wie derselbe im Jubiläumsband der Eupener Industrie- und Handelskammer (1979) zu finden ist.
40 SI wie ijt das heut’ Jo nett I Dier in Preußijh-Moresnet! Wo man hinblict — frohe Mienen! Und die Leute, fonjt wie Bienen 6 Stet8 jo fleißig und jo thätig, In der Arbeit meijft fo ftetig, Sie, die oft früh Morgens fchon Bei der Fabrikation Des bekannten Zuchs befunden, Haben heute {ih verbunden, Um mit ihrem Herrn und Meifter, Nämlich Reinhard Bruch, jo Heißt cı, Nach den Kegeln aller Kunft (Mit des Herrn und Meifters SGunft) Sin gar hehres Feft zu feiern, Hallend von der Freude Leyern. gr mich in die Saiten fahren: g, Seit ’nem Dierkelhundert Jahren Macht man jhon bei Reinhard Bruch Das bemwußte filz’'ge Zud. ; Ha, ein freundliches SGejchic Gibt in diejem Augenblick Such, trog Fünft’gem Miaufoleum, Diefjes Ihöne Jubiläum! Mander Mann der Kaifjer]tadt Sich hier eingefunden hat Und jogar das platte Land
41 Delegirte Hat gejandt. Alles jtrömt zu diejem Feft, Alle wünfchen Euch das Belt’ Und im ganzen Ort herum DHeißt’s: „Ein Dierkel Bärulum!“ Achtzehnhundertfiebzigfünf Machte Bruch jichH „auf die Strümpf“ Baute auf im Augenblick Seine Filzestuchfabrik. Mander, der hier Arbeit fand, Draußen liegt er, und das Ausgabe, Das an „Bruch“ gefnüpft ihn feit, Löfte auf ein rauher Weit. — Ihnen, die Euch nahm die Zeit, Bei das erie Glax geweiht! HI hr Andern {trebtet fort, Strebtet nach dem fichern Port, Den, jo ftark und viel begehrt, Arbeit nur allein beicdheert. Traf Euch auch manch’ harter Schlag, So auch mander Freudentag, Denn: auf fiherm Grunde lebt, Wer bei Bruch jpinnt, wirkt und webt. Diejes ijt mir ernft gemeint, Und, jeh’ ih Euch hier vereint, Sag’ id: Bruch kann mit Vertrau'n Hreudig in die Zukunft {Hauv'n. Hebet hoch, die Ihr im Saale, Becher, Humpen und Pokale, Angefüllet, wie ich hoffe, Mit Gambrinus’ beftem Stoffe. Laut ertönet dann, Fanfaren, _ Eymbelnflang der Janitfcharen, Hauchzet hell und Iaut und Har: „Divak hoch der Iubilar!“ „Divak hoch fein ganze Baus, „Felt Meh’ ex in Sturm und Braus!“
42 Se joll das Ddriffg Glas, Das Such quillt aus großem Faß, Allen, die in Treuen |Hier Seit der Oründung mweilen hier. Scht, da ift der Kutjher Rremer; Hat ein Menjh c8 wohl bequemer, 3 wie diejer brave Mann, Der dafür ja gar nichts Fann? Stolz fit er auf jeinem Bock Und e8 flattert Xremers Kock Dort in Iuft’ger Winde Schaar 7 Nun jhon fünfundzwanzig Jahr’! Blide ih im KXreife rings, Sehe ih da auch den Frings, Der jeit eben older Frift Hier als „Meifter“ thätig if{t, AlZ des Haujes Stüß’ und —- Balken. Ya, er Fennt fih gut aufs Walten! — Wacre Leute, das ijt wahr! Fünfundzmwanzig volle Yahır" Stehen fie, in Freud’ und Leid, Dem Herrn Reinhard Bruch zur Seit’. Sei’8 gefagt, fFrifch von der Leber! — Da ijft MeeRen auch, der Weber, Und, im Aug’ ’nen Freudenjhimmer, Seh’ ich figen dort den Bimmer, (Spinnen thut der Jubilar Auch {hon fünfundzwanzig Jahr’), Au Fräulein Bauk, die Spinnerin, „Sünfundzwanzig“ fah fie ziehn. — Hebt zum legten Mal das Glas! Allen mwünfhen wir noch das: Manchen Tag noch fo wie heut’, Treu in Leid und auch in Freud’!
43 x +44 + Brurch- Inbiläum-Lied, 1875. — 25. Auguft. — 1900. ENT Mel.: Studio auf einer Neij’. "A ijt das heute nett Ö) jupheidi, jupheida, Hier in Preußifdh-Moresnet! jupheidi, heida, Sieht man fih im KXreife um, Bleibt man fcOhier vor Staunen ftumm. Fupheidi, jupheida, jupheidi, heidallalla, jupheidi, jupheida, jupheidt, heida. Alle Leute find voll Freud’, jupheidi, jupheida, „Iubiläum“ ijt ja heut’! jupheidi, heida, Fröhlich heißt’8 im ganzen Nejt: „Bruch Fabrik hat Iubelfelt! Zupheidi u. f. w. Seit nun fünfundzwanzig Jahr’ jupheidi, jupheida, Die Fabrik „am laufen“ war, jupheidi, heida, Die, wie euch ja wohl bekannt, Hilztuch macht für’s ganze Land. upheidi u. 1. ww.
44 Und in diejfer großen Frift | jupheidi, jupheida, Reinhard Bruch ihr Lenker ift; jupheidi, heida, Unverdroffen und mit Glück Leitet er die Tuchfabrik. Hupheidi u. |. ww. Kräftig {teht ihm dort zur Seit’ jupheidi, jupheida, Ein „Quintett“ jeit langer Zeit: ; jupheidi, heida, Fünfundzivanzig volle Jahr’! — Sagt, ijt das nicht wunderbar ? Supheidi u. |. mw. Diejes fieht man {pät und früh jupheidi, jupheida, Schaffen, emfig, voller Müh’, jupheidi, heida, Wißt ihr, wer die Fünfe find? — Kennen „thut fie” jedes Kind! Hupheidi u. f. w. Kremer hier als Kutjher lebt, jupheidi, jupheida, Frings ijt Meijter, Meeken webt, jupheidi, heida, Bimmer treibet Spinnerei, Fräulein Mauk jteht diejem bei. Jupheidi u. |. mw. Seht, da jigen in der Keih’ jupheidi, jupheida, AU die Treuen, zwei mal drei, jupheidi, heida, Denen fünfundzivanzig Jahr’ Bruch’s Fabrik „ihr Alles“ war. SJupheidi u. |. w.
45 Freunde; hebt die Gläjer hoch: jupheidi, jupheida, „Erhte Treue Iebet noch! jupheidti, heida, „Bodz der Iubilare Bıhaar, „Pie vereint fo viele Jahr’! Zupheidi u. f. mw. „Mod ein Dierfel Bärulum jupheidi, juphetda, „Schmürk’ Euch Bürger-Rraft und -Ruhm, jupheidi, heida, „Bleibt zujJammen Mann für Mann, „Wer was will, man kommen dann!“ HYupheidi 11. f. mw. Doch wir Andern, meiner Seel’, jupheidi, jupheida, Trinken, fingen Freuzfidel, jupheidi, heida, Jubiläen, das ift wahr, Feiert man nicht alle. Jahr’! HJupheidt u. |. mw. I SD CM @/R9 8
46 Mel.: König Wilhelm faß ganz heiter. SZ‘ bedeutfam fhönem Fejte Sind wir allejammt als Gäfte roh verfammelt hier im Saal, Um heut feftlih das Beftehen Eines Werke8 zu begehen Mit bejond’rer Jahreszahl. Wic die Chronik uns verfündet, Singen, jeit man c$ gegründet, ] Fünfundzwanzig wicdht’ge Jahre, Wo die Welt auch Deutjhlands Waare Endlich an zu achten fing. Wo jept große Bauten ftehen, Röder jih im Fuge drehen, War nur Sumpf und Wiejenland, Nur ein Bächlein war zur Stelle, Das mit einigem Gefälle Seinen Weg durch’8s Schilfrohr fand. Da kam, wie das jo begibt fich, Achtzehnhundertfünfundfiebzig Reinhard Bruch vom Sijelland, Fing mit Muth und SGottvertrauen Die Fabrif hier an zu bauen Und mit praktijhem Berftand. Hing an Filz zu fabriziren Und in Woll’ zu fpekuliven, Was ihm beides fein gelang; Machte Filz von allen Arten, Bon dem Gröbiten bis zum Zarten, Bald war das Gejchäft im Gang.
47 Wohl ermacht’ ex früh am Morgen Mandmal auch mit jHmwmeren Sorgen, Die den nöth’gen Schlaf ihım bannt; Doch die Wolfe ward nicht dichter, Nein, fie wurde immer Lichter, Bis fie endlich ganz verfhwand. Der VBerbrauh von Filzgeweben Wuchs, der Abjag auch daneben, Daß man flott am Machen blieb. Webeftühle und Majchinen, Deren jährlich mehr erfchienen, Hoben mächtig den Betrieb. Doch noch eines: tücht’ge Leute Standen Reinhard Bruch zur Seite, Die ihm treu und brav gedient. Fünf befonders, deren Namen In der Filzfabrit Annalen Glänzend eingetragen find; Die Jeit fünfundzwanzig Fahren Ymmer dort befchäftigt waren, Scheuend Arbeit nicht und Mübh’, So zum Beifpiel Yofef Zimmer, Ein gewandter, feiner Spinner, Hleißig Jhaffend jpät und früh. Herner: Engelbertus Kremer, Des Gejchäfts Fuhrunternehmer, Fährt jegt fünfundzwanzig Jahr. MRüftig fieht man jederzeiten Neben dem Gefährt ihn fchreiten, Sei e8$ trüb nun vder Mar. Drittens ift au Wilhelm Meeßen Stet3 ein Webersmann gewejen, Wie man ihn nur juchen würd’,
48 So aud) Gerhard Frings8, ganz ähnlich Tücht’ger Walker, drum auch nämlich Zum Walkmeifjter avancirt. Und als fünfte diefer Runde Schließt fich an dem wiürd’gen Bunde Gertrud Nauß, die Spinnerin. Solde Treue heut’ zu finden, Dit auch vielfach zu begründen Durch der Herridhaft edlen Sinn. Mög’ fich diefer Geift erhalten, Durch ihn fih das Werk entfalten, Mächtig blühen und gedeih'n. Darauf laßt das Glas uns leeren Und auf frohes Wiederkehren Eines folgen Feft’8 ung freu'n. A Den 2SE y S Zr N A VE &
49 7 ea Deutjchland über Alles, 3 Veber Alles in der Welt, Wenn e8 jtet8 zum Schuß und Truße Brüderlih zufjammenhält! Von der Maas bis an die Memel, Von der EtjhH bis an den Belt, Deutichland, Deutjchland über Alles, Ueber Alles in der Welt! Deutjhe Frauen, deutjche Treue, Deutjher Wein und deutiher Sang Sollen in der Welt behalten Yhren alten, guten Klang, Uns zu edler That begeiftern Unjer ganzes Leben lang. Deutihe Frauen, deutjche Treue, Deutidher Wein und deutjher Sang! Einigkeit und Recht und Freiheit Hür das deutjche Baterland, DancH laßt uns alle ftreben Brüderlih mit Herz und Hand. Einigkeit und Recht und Freiheit Sind des Glüces Unterpfand. — Blüh’ im Ölanze diejes SGlüces, Blühe, deutfcdhes Vaterland! Je AV OO RT PA EN Ör A NG AM ( Ss Br
50 bruch--cie Im deutschsprachigen Gebiet Ostbelgiens, dort, wo der grosse Verbindungs- weg Lüttich-Aachen in Kelmis/Neu-Moresnet den belgischen Grenzübergang Tülje erreicht, liegt die von Reinhard Bruch im Jahre 1874 gegründete Filz- tuchfabrik R. Bruch & Cie. Aktiengesellschaft. Reinhard Bruch war der Sohn einer alten Eifeler Mühlenbauerfamilie, der, an- geregt durch die schnellwachsende Papierindustrie, sich der Herstellung von Filzen zuwandte, die in diesem Industriezweig in stets grösseren Mengen not- wendig wurden, Die Lage der rheinischen Papierindustrien insbesondere im Dürener Gebiet sowie die sichere Wasserversorgung führten zur Gründung des Unternehmens im Kelmiser Raum. Der zuverlässige Menschenschlag der: Gegend, aus dem sich überwiegend unser Mitarbeiterstab zusammensetzt, schafft die Voraussetzung zur Produk- tion hochwertiger Investitionsgüter. Ein auf Partnerschatt bauendes Unter- nehmerkonzept und die Bereitschaft des ‚Mitarbeiterstabes, auch Mitverant wortung zu tragen, ermöglicht auch noch in Zeiten der Stagnation eınen stetigen Ausbau des Produktionsfächers wie auch der räumlichen und techni- schen Gegebenheiten der Firma. Durch die Neuentwicklung langlebiger Produkte sowie verfeinerter Produk- tionsverfahren und Techniken wurde die Lebensdauer des früher aus Natur- produkten aufgebauten Filzes wesentlich verlängert. Diesen veränderten Voraussetzungen wusste sich das Unternehmen durch umfassendes Know-How, fundierte Kundenbetreuung und feines Gespür für die Marktbedürfnisse anzupassen. Unsere Verkaufsingenieure wie auch ein dichtes europäisches und ausser- europäisches Vertreternetz sorgen für den ständigen Kontakt zum Kunden. Im Verbund der Filztuchhersteller nimmt unser innerhalb einer internatio-
1 nalen Firmengruppe stehendes, jedoch völlig selbständiges und eigenverant- wortliches Unternehmen eine nicht zu übersehende Stellung ein. Das für unseren Raum schon bedeutende Unternehmen (110 Mitarbeiter) ist unter den marktbeherrschenden Unternehmen nicht gerade als Riese zu be- zeichnen. Es benutzt aber die überschaubare Grösse als grosses Plus zur Er- füllung auch individuellster Wünsche, Der Mitarbeiterstah ist zu rund 80 o/o in der Produktion tätig. In betriebs- internen und -externen Schulungen wird unsere Mannschaft auf neue und moderne Maschinen eingestellt. Unser Fachpersonal bringen wir durch Fortbildungskurse ständig auf den neuesten Stand der Erkenntnisse. Alle Mitarbeiter sind sich dabei der Tatsache bewusst, dass sie ihre Fähigkeiten zur Fertigung eines hochwertigen Investitionsproduktes einsetzen. Hinzu kommt die Gewissheit, im Kennen und Können mit den Kollegen der Grossen unserer Branche konkurrenzfähig zu sein. Das Produktionsspektrum unseres Betriebes bietet dem Kunden weit über hundert verschiedene Endprodukte, Vom Bereich PA Filze zur Bespannung der Papier- und Kartonmaschinen a) Nasspartie (Entwässerung und Transport der Papierbahn) b) Trockenpartie (Spezialfilze und ‚siebe für die Trocknung) über den Bereich TE technische Tuche (Drucktücher für die Tapetenindustrie und Lauftücher für die grossen Biskuiterien) zum Bereich FI verschiedenste Filtermedien reicht unser Programm bis hin zu ganz speziellen Wunschen, wobei jeder einzelne Filz ein massgeschneidertes Einzelstück darstellt. Eine durch die Unterstützung der Datenverarbeitung auf dem aktuellsten Stand stehende Planungsabteilung hat sich der in den sechziger Jahren auf- kommenden Nadel- und Vliestechnik angenommen, sie verfeinert und weiterentwickelt. Anwendung neuester Technologie, sorgfältige Arbeit und Kundenbetreuung erlauben der Firma, zuversichtlich in die Zukunft zu sehen.
52 Sn n De jrötzte Löge . von Gerard Tatas () Et Pittsche en et Jüppke, die vonte-wat e Jlöck!- Wie ut en Schuel se koemte e Twientegfrangestöck. Se hauwe flott dat Jeldstöck ter jlieker Tiet jesie, Tesame och jeböckt sech, - wä mott et da now krie? Se höje könne deele en dröwer sech verstue, Et lonnde sech doch domet net no Pastuer te jue, Nee, an et aftejäve, do daht och jenge dran, Et wol mer jedderenge et janze Jeldstöck han. ) Se hauwe sech tesame jeböckt en och dra räet, Mä jedderenge alles, dat jeht now eben schläet. Op enmol sätt et Pittsche : ”Vör knebble os net lang, Hüer, wä e betzte lege kann, kritt de twienteg Frang!” Tereck wor äverstande et Jüppke met die Wett, En hau wie op Kommando en dicke Löge prett : ”Sag, Pittsche, dat mie Vadder now bejde Mürer es E Brössel an et werke, dat wetzte jo jewess. Die bowe Wolkekratzer wie en Amerika, En och noch hell völ hujer, dat jlövste flex net, wa? Wie huech die Denger wäede, dat sitt me an dä Block, Dä now se sönd an’t bowe, denn van et letzte Stock Wor minge Pap der Hamer verlän eravgerullt, En wie dä onde lande, du wor der Steel vervullt!” Et Jüppke hauw jeloge, now lat e Pittsche los : ”Vör hauwe heem ne Jagshond, sö jruet ‘bo wie ne Os. Wie dä wor ut op Hase en Kning jov et je Deer, Der Vöeschter äl, dä viese, dä schoet der Tilli neer. Der Pap - now hüer ens Pittsche, - dä trok em af de Hut En makde vör der Wengter e Kamesol sech drut. Wie häe now how jevange ne Knien et letztemol, Du struwelde de Hoore sech op e Kamesol!” Sö wore se an’t lege, se loge wie jedröckt, Denn schliesslech hauw doch jenge sech ömesöns jeböckt, Doch hauw äl met sing Löge bes now noch jenge Chans, Du koem met wicht’ige Schrette der Börjermeester lans. Huet dä hönn schläet Jewesse bes an sie Amtsuhr schlue?
53 Wä wett - mä vör die Bengle bläv häe now wal ens stue. Nohdem dat die jestande, dat sej vör twienteg Frang Sönd öm de Wett an’t lege, sätt now der Amtsman strang : ”Dör Ströp, dör sott öch schame, et Lege es en Söng! Wat wöeder da wall sage, wenn ech esö jätt döng?!” Et Pittsche, dä sech plötzlich ne Owebleck versennt, Sätt an der Börjemeester : ”Now weet ech, wä jewennt : Wat dör os vör de Wahle beloft hat över lang, Dat wor de jrötzte Löge - hij sönd de twienteg Frang!”
54 Ein Reglement der Gemeinde Kelmis aus dem Jahre 1697 von Walter Meven Eine Gemeinde ist eine gesellschaftliche Vereinigung mehrerer Familien zu einem fortdauernden gemeinschaftlichen und vom Staat gebilligten Zwecke. Hierin sind vor allem die Erreichung der Vorteile, die das ört- liche Zusammenleben der Menschen bietet, zu sehen. Man unter- scheidet, je nach Anliegen der Einwohner, zwischen der weltlichen " und der kirchlichen Gemeinde. Letztere ist erst mit der Verbreitung des Christentums aufgekommen. Schon in der Frühzeit fanden sich die Menschen zu Gemeinden zusammen, wenn auch zunächst nur als Kampfgemeinschaft. Nach den kriegerischen Auseinanderset- zungen siedelten sie sich meist nachher im Frieden nebeneinander an, um vereint ihre Ansiedlung vor fremden Eroberern zu schützen. Das Zusammenleben im größeren Verband erforderte aber gewisse Verhaltensregeln der Glieder zum besseren und gedeihliche- ren Nebeneinander. Zwangsläufig ergaben sich daher. bestimmte Rechts- und Verhaltensnormen, nach denen ein jeder Einwohner leben sollte. Es wurden z.B. die Mitglieder der Gemeinde, im Falle der Unschuld eines Angeklagten, verpflichtet, als Eideshelfer mit dem Angeklag- ten zu schwören. Eine dem Angeklagten auferlegte Geldbuße mußten sie bei Vermögenslosigkeit des Angeklagten ebenfalls . gemeinsam aufbringen. Hier erkennt man bereits den erzieherischen Wert einer solchen Maßnahme, nämlich daß ein jedes Glied der Gemeinde auf” Recht und Ordnung achte. Ursprünglich waren zehn Familien zur Gründung einer Gemeinde erforderlich. Man nannte solche Gemeinschaften Deca- nien (Zehnschaften) und deren Vorsteher Decanus. Zehn Decanien bildeten zusammen eine Centene (Hundertschaft) unter einem Cen- tenarius, mehrere Centenen einen Gau, dessen oberster Richter Gau- graf genannt wurde. Mit der höheren Ausbildung des Staatslebens verschwanden diese Einrichtungen wieder, so daß viele unserer heutigen Gemein- den weitaus später gegründet wurden. Einige bestanden als Königs- höfe oder Königsvillen schon zu Karls des Großen Zeiten, bei uns
55 z.B. Walhorn, Gemmenich und Vaals. (Der in der Nonenbestäti- gung König Arnulfs im Jahre 888 erwähnte Orts Marsna ist nicht, wie früher häufig angenommen Moresnet, sondern Meerssen. Die Ersterwähnung von Moresnet findet sich als Morismahil in einer Urkunde des Jahres 1041 von Kaiser Heinrich Il.) Montzen, zu dem der Weiler Kelmis bis zur Neugründung der königlichen Herrschaft Kelmis im Jahre 1650 gehörte, wird zuerst im Jahre 1075 erwähnt. Erzbischof Anno von Köln verwendet bei der Dotierung der Kölner Kirche Mariae ad grados unter anderem einige von Ermentrudis erworbene Grundstücke, die in Montzen im Aachengau liegen. Die ursächliche Gründung des Gemeinwesens Kelmis ist sicherlich mit den bedeutenden und ausgedehnten Galmeivorkom- men in Zusammenhang zu bringen, die den dort lebenden Men- schen Arbeit und damit den notwendigen Unterhalt sicherten. Mit Bleiberg haben wir einen ähnlichen gelagerten Fall. Im Jahre 1370 findet dieser Weiler unter der Bezeichnung ”blyberch” in einem Zinsregister der Herrschaft Eynrode bei Vaals Erwähnung. In Kelmis tagte seit dem 15. Mai 1654 ein eigenes Schöffenge- richt unter dem Vorsitz eines Drossards als Vertreter der hohen Obrigkeit. Im Jahre 1655 besteht bereits eine Administration mit zwei Bürgermeistern, wie dies im Herzogtum Limburg üblich war. Die fortgesetzten Kriegswirren des ausgehenden 17. Jh. hatten viele unserer Gemeinden an den Rand des finanziellen Ruins gebracht und vielerorts war die Verwaltung zu reorganisieren. In diesen Zusammenhang müssen wir auch ein ”Reglement” stellen, das der Brabanter Oberhof 1697 auf Bitten der Kelmiser Einwohner für die Herrschaft Kelmis erließ. (1) Eingangs zu dem vom obersten Brabanter Gerichtshof erlasse- nen Reglement heißt es, daß die ”gemeyne Ingesetenen ende geerfte” des Weilers Kelmis in ihrer Eingabe an den Oberhof darauf hingewiesen hätten, daß sie vor dem Verkauf der Herrschaften immer gemeinsam mit Moresnet den zehnten Teil der anfallenden Lasten der Bank Montzen getragen haben. Nach besagtem Verkauf seien in Kelmis ein Offizier und sieben Schöffen angestellt worden, welche für Kelmis ein drittel der Lasten des ”Quartiers” Moresnet übernommen haben. Zum großen Schaden von Kelmis hätten die- selben einen eigenen Steuereinnehmer angestellt; infolgedessen sei die allgemeine steuerliche Belastung stark angestiegen, vor allem auch, weil die meisten der Schöffen weder in Kelmis wohnten, noch über Besitz dort verfügten und nichts anderes im Sinn hätten, als
56 zum Nachteile des Dorfes große Unkosten zu verursachen und sich selber so viel wie möglich zu bereichern; da keine Aussicht auf Ab- stellung der Mißstände bestehe, würden die Bittsteller gezwungen sein, ihre Güter und Wohnungen in Kelmis aufzugeben, was wiede- rum den Interessen Seiner Majestät zuwiderlaufe. Wörtlich fährt das Reglement dann fort : ”Im genannten Wei- ler sollen alle zwei Jahre aus den Reihen der Dorfbewohner, durch Stimmenmehrheit der Meistbegüterten, die mindestens 8 Stüber Steuern zahlen, zwei Bürgermeister gewählt werden. Die Wahl soll stattfinden im Hause des ältesten ausscheiden- den Bürgermeisters und auf dessen Einladung hin am 1. Sonntag im Oktober oder (in besonderen Fällen) am nächstfolgenden Sonntag. . Sollte man es für gut halten, die ausscheidenden Bürgermeister in ihrem Amte zu belassen, so sollen die Gewählten in die Hände des ältesten begüterten und in Kelmis wohnenden Schöffen den Eid ablegen. In Ermangelung eines solchen, soll der Eid vor einer ande- ren Amtsperson geleistet werden. Sie sollen schwören, ihr Amt getreulich auszufüllen, d.h. die Aufteilung der Lasten, Steuern und Kontributionen, die Einquartierung von Kriegsvolk etc. vorzuneh- men, und all das in Wahrnehmung der Interessen des genannten Weilers. Im Ort wohnende und dortselbst Eigentum besitzende Schöf- fen können zu Bürgermeistern gewählt werden; die anderen (nicht in Kelmis wohnenden) haben nicht das Recht, in ihrer Eigenschaft als Schöffen polizeiliche Funktionen auszuüben und noch viel weni- ger ein Anrecht auf ein Salär oder eine Entschädigung. Allen Einwohnern soll es freistehen, an den Zusammenkünf- ten der Bürgermeister teilzunehmen und sich über die Art der Ver- waltung, gut oder schlecht, zu informieren. Desgleichen bestimmen wir, daß die Bürgermeister für einen Tag Mühewaltung innerhalb des Ortes 1 1/2 Schillinge Entschädi- gung erhalten sollen, in der Bank Montzen 2 Schillinge und in der Provinz oder darüber hinaus fünf Schillinge pro Tag, ohne weitere Ansprüche stellen zu dürfen. Dieselben Bürgermeister sind gehalten ein besonderes Register zu führen, in das am Tage einer jeden Versammlung alle Vor- schläge und Beschlüsse eingetragen werden. Sie dürfen dieses Regi- ster durch einen anderen begüterten und durch die Bürgermeister dazu bestimmten Einwohner führen lassen. Das Register soll mit
57 allen anderen Archiven der vorgenannten Gemeinde in Händen desjenigen verbleiben, der mit seiner Führung beauftragt ist. Er soll dafür nicht mehr als Entschädigung erhalten, als das Entgeld eines Bürgermeisters.” Des weiteren bestimmte der Hof, daß der Einnehmer von Kelmis durch die meistbegüterten und zu diesem Zwecke von den Bürger- meistern zusammengerufenen Einwohner zu wählen sei. Dieser Ein- nehmer dürfe keinerlei Zahlungen vornehmen, zu denen er nicht ausdrücklich durch die beiden ”Regleurs” ermächtigt worden sei. Widrigenfalls würden Zahlungen solcher Art aus den Rechnungen des Einnehmers gestrichen. Ferner heißt es, der Einnehmer habe 14 Tage vor Rechnungsabschluß seine Bücher im Hause des ältesten Bürger- meisters offen zu legen, um es den daran Interessierten zu ermögli- chen, am Tage der Rechnungsablage Beanstandungen vorzubrin- gen. Die Rechnungsablage muß pünktlich alljährlich stattfinden; für die Pünktlichkeit haften die Bürgermeister, und alle eventuell ent- stehenden Kosten oder Nachteile, die aus einer nicht fristgemäßen Erledigung entstünden, gehen zu Lasten der Bürgermeister, Auch für eine rechtzeitige Bekanntgabe des Prüfungstermins sind die Bür- germeister verantwortlich. Ein weiteres Kapitel bezieht sich auf Flurschäden die durch Vieh angerichtet werden könnten. Um sol- ches zu verhüten, sollen die Bürgermeister einen ”Veltschütz” oder Sergeant anstellen. Dieser zu vereidigende ”Veltschütz” soll seinen Dienst gemäß den Vorschriften des Landes verrichten. Da Seine Majestät sich beim Verkauf der genannten Herrschaf- ten die Ortschaft Kelmis vorbehalten hat, hoffen die Bittsteller durch die verschiedenen Punkte dieses Reglements alle bis zu die- sem Zeitpunkt bestehenden Mißbräuche und Mißstände abstellen zu können. E Das Reglement weist abschließend darauf hin, daß es auch im Interesse des Königs sei, den Bitten der Einwohner von Kelmis nachzukommen und bemerkt, daß alle die Bestimmungen im Ein- klang stehen mit demjenigen Reglement, daß Seine Majestät für die Herrschaften von Eupen, Clermont, die Bank von Baelen, Grand- Rechain und das Quartier Montzen erlassen habe. OO all al ala al ala Ra al ak ak ak RO OR OR Zu den Obliegenheiten der Gemeindeväter gehörten auch Auf- sichtsfunktionen über die verschiedensten Belange der Gemeinde. So mußten sie z.B. den ordnungsgemäßen Zustand der Wege kon-
58 trollieren oder Aufsicht darüber führen, daß niemand verbotene Wege benutzte; kurzum, sie waren für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zuständig. Der im Reglement von 1697 genannte Feldschütz mag anfangs, seiner Bezeichnung entsprechend, nur für den Schutz von Feld und Flur zuständig gewesen sein; in der Folgezeit weitete sich sein Betätigungsfeld jedoch erheblich aus, so daß wir in ihm eine Art Polizeidiener sehen können. Ein interessantes Beispiel hierfür liefert eine Verordnung des Kelmiser Drossards W.J.F. Birven vom 24. Aug. 1775 über das vor- geschriebene Brotgewicht. Der Drossard erklärt, daß es nötig sei, gegen die Unregelmäßigkeiten des Brotbackens und des Brotverkaufs ein- zuschreiten. Dazu bedürfe es eines Brotwiegers. Da auch ein Feld- schütz anzustellen sei, ernenne er den Peeter Schyns ”tot weegher ende velt schuth” für die Dauer eines Jahres. Zu diesem Zwecke erhielt Peter Schyns die Waage und den dazugehörenden Topf, die im Kelmiser Gerichtsgebäude aufbewahrt wurden, ausgehändigt. 1) Das Dokument ist in Privathand.
59 Bergmannslos von Peter Zimmer Als nach dem 2. Weltkrieg die ganze Welt nach Kohle schrie Ss und wegen Mangel an einheimischen Arbeitskräften in diesem Industriezweig viele ausländische Arbeiter herangezogen werden mußten, um genügend Steinkohle abbauen zu können, hätte nie- _ mand geglaubt, daß schon einige Jahrzente später so viele Zechen ihre Tore schließen und tausende Bergleute ihren gewohnten Arbeitsplatz sowie jede Möglichkeit, ihren Beruf weiter auszuüben, verlieren würden. Trotz des technischen Fortschrittes und zunehmender Arbeits- leistungen ist dies aber Wirklichkeit geworden. In der Provinz Lüt- tich, wo jahrhundertelang viele Generationen von Bergleuten im Steinkohlenbergbau das tägliche Brot verdienten, ist seit 1980 das Rattern der Abbauhämmer an der Kohlenfront verstummt. Förder- bänder, Stoß- und Wurfschaufellader sowie zahlreiche andere WE 7 U E MW a 004 5 2 8 Rn a On De N in 7 Ce aA A AM 2 | von OO 2 BO ON 0 2 - 338 2 In diesen Baracken, rechts im Bild, wohnten nach dem 2. Weltkrieg italienische Gast- arbeiter der Grube Xhawirs, (Herver Gegend) Hinten links im Bild der Förderturm auf dem sich das Maschinenhaus und die För- dermaschine befand. Niedergerissen im Jahre 1970. Repr. A. Jansen
60 Maschinen sind außer Betrieb gesetzt worden. Der Räderlauf der Wagen, Diesel- und Elektroloks kam zum Stillstand, und zur glei- chen Zeit erloschen auch in diesem Revier die letzten Grubenlichter der Bergleute für immer. Nur noch einige Berghalden und Fördertürme erinnern heute an die ruhmreiche Vergangenheit der einst so blühenden Lütticher Steinkohlenindustrie. Sie sind zu stummen Zeugen von Wagemut, Tatkraft und Verantwortungsbewußtsein vieler Männer, Frauen und Jugendlichen geworden, die jahrelang zum Wohle der Allge- meinheit sowie der gesamten Wirtschaft den Segen Gottes unter der Erde abbauten und an das Tageslicht förderten und dabei auch kämpfen mußten, um einen würdigen Platz in der menschlichen N Gesellschaft zu erlangen. Wie die Seeleute eines Schiffes, welches vom Untergang bedroht ist, versuchen, ihr Schiff vor diesem Unheil zu bewahren, so haben auch die Bergleute verschiedener Zechen den Versuch unternom- men, durch wochenlange Sitzstreiks und andere friedliche Aktionen die Schließungen der letzten Kohlengruben im Lütticher Raum zu verhindern. Jedoch alle diesbezügliche Hoffnungen und Erwartun- gen gingen nicht in Erfüllung, sodaß mit der Schließung der Grube ”Argentaux” in Blegny-Trembleur ein Kapitel von Arbeit und Müh- sal seinen Abschluß fand und eine stolze Tradition zu Ende ging. Für die Bergleute verschiedener Göhltalortschaften, die wäh- rend der Zeit von 1920 bis 1980 in gewissen Zeitabschnitten zu Hunderten im Steinkohlebergbau des Herver Landes tätig waren, war dies auch der Fall. Trotz der Tatsache, daß ihr Beruf nun endgültig zum Aussterben verurteilt ist, versuchen sie aber bergmännische Sit- ten und Bräuche in den ehemaligen uralten Erzbergbaugemeinden weiter zu pflegen. Deshalb erachtet die Vereinigung für Kultur, Hei- matkunde und Geschichte im Göhltal es als eine Pflicht, diesen Ver- such zu unterstützen und in ihrer Zeitschrift verschiedene Einzel- heiten über die Entdeckung und Gewinnung der Steinkohle, das Ansehen der Bergleute, sowie die schweren Schicksalsschläge, die den Bergbau in diesem Jahrhundert heimsuchten, zu veröffentli- chen, damit unter den jetzigen und späteren Nachkommen der Bergleute die Erinnerung an diesen Beruf und das damit verbun- dene Brauchtum nicht in Vergessenheit gerät, sondern noch viele Jahre lebendig erhalten bleibt.
61 Wann wurde die Steinkohle in Lüttich entdeckt? Es sind vermutlich die Chinesen, die als erste diese schwarze Erde unter dem Namen ”moui” gekannt und 1000 Jahre vor Chri- stus verwendet haben. Auch haben griechische Autoren bereits im Jahre 315 vor unserer Zeitrechnung über eine solche Erde, die brannte und wie Holzkohle benutzt werden konnte, geschrieben. In Lüttich aber haben sehr wahrscheinlich die Eburonen, ein germani- sches Volk, welches sich zwischen Maas und Rhein niedergelassen hatte und von Julius Cäsar besiegt wurde, als erste kurz nach ihrer Ankunft diese zerbrechliche, schwarz schimmernde Erde unter freiem Himmel entdeckt und zum Feuermachen ausgegraben, da sie schon Eisenerz kannten, welches auf gleiche Art und Weise an der Erdoberfläche zum Vorschein kam. Auch stammt der Name ”Ebu- ronen” aus der keltischen Sprache der indo-germanischen Volks- stämme, die ursprünglich in Süd- und Westdeutschland ansässig waren. Er wurde als Bezeichnung für Arbeiter benutzt, die Stein- kohle bearbeiteten. Auch ist aus diesem Namen das Wort ”Bure” entstanden, welches sich rasch in der Lütticher Gegend verbreitete und auch noch in unserer Zeit benutzt wurde, wenn man vom Schacht eines Bergwerkes sprach, durch den man die unterirdischen Stollen erreichen konnte. Man kann also annehmen, daß die Steinkohle im Lütticher Raum schon in längst vergangenen Zeiten von den ersten Bewoh- nern entdeckt worden ist. Da sie an verschiedenen Stellen in Form von sogenannten Adern an der Erdoberfläche zum Vorschein kam, konnte sie dort sozusagen von jedem ohne besondere Kenntnisse mit einfachen Werkzeugen ausgegraben und in Körben nach Hause transportiert werden. Nachdem dann aber diese Vorkommen er- schöpft waren und man die tiefer im Erdinnern gelegenen Schichten ausgraben wollte, wurden diese Arbeiten nicht nur mühsamer, son- dern verursachten auch große Schwierigkeiten, vor allem wegen des Wassers, welches in die Gräben drang und damals noch nicht bewäl- tigt werden konnte. Dies hatte zur Folge, das man zuerst an verschiedenen anderen Stellen unter freiem Himmel das Erdreich durchwühlte, um Kohle- vorkommen zu entdecken. Da man aber nicht die geringsten Kennt- nisse über den Verlauf der Kohlenschichten besaß, führten diese Sucharbeiten zu keinem Erfolg. Infolgedessen waren unsere Vorfah- ren gezwungen, angesichts der zunehmenden Nachfrage nach Kohle eine neue Methode zu erfinden, um dieses begehrte Brennma-
63 zur Maas oder zu den Brunnen der Wohnviertel ablaufen konnte. Verschiedene dieser Kanäle hatten eine Länge bis zu 15 Kilometer. Um das Jahr 930, unter Bischof Richard, dienten sie sogar dazu, den Marktplatz mit Wasser zu versorgen. Wegen der großen Bedeutung, die sie ursprünglich für den Lütticher Steinkohlenbergbau hatten, waren sie durch strenge gesetzliche Verordnungen geschützt. Nie- mand durfte Hand an diese Wasserläufe legen, und für Beschädi- gungen derselben war die Todesstrafe vorgesehen. Zu welchem Zeitpunkt und an welcher Stelle diese unterirdi- sche Abbautätigkeit in Lüttich begonnen hat, läßt sich nicht mit Genauigkeit sagen; auf keinen Fall darf man sie aber mit der Kohle- gewinnung mittels senkrechter Schächte, die erst später begonnen hat und heute noch üblich ist, vergleichen oder verwechseln. Gewisse Gelehrte sind der Ansicht, daß im Lütticher Raum die Kohlen schon vor 714 auf diese Art und Weise abgebaut wurden. Man hat nämlich an den ältesten Abteien und Stiftskirchen des Lüt- ticher Landes Mauern gefunden, die ab dem Jahre 712 unter Sankt Hubertus mit Sand und Steinen errichtet wurden, die aus steinkoh- lehaltigem Boden stammen. Dies scheint nach ihrer Meinung auf den Kohlenabbau mittels Stollen hinzuweisen, der es mit sich brachte, daß gleichzeitig mit der Kohle auch Steine abgebaut wer- den mußten, die dann haufenweise zur Verfügung standen und eventuell zur Erbauung dieser Mauern gedient haben. Wie dem auch sein mag, eines ist sicher : der Lütticher Steinkohlenbergbau hat durch dieses Abbauverfahren einen neuen Aufschwung erhal- ten, wenn auch trotz allem Wissen und aller Gelehrsamkeit bezüg- lich der Daten und Begebenheiten gewisse Zweifel bestehen bleiben. Daten und eine Legende über den Abbau der Kohle in Lüttich Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang eine Nachricht, die uns der im Jahre 1155 in Lüttich geborene und dort 1230 ver- storbene Mönch Reiner oder Reinier von der Abtei Sankt Jakob hinterlassen hat. Dieser Mönch hat in sein Tagebuch alle wichtigen Ereignisse, die ihm bekannt wurden, niedergeschrieben. Ohne nähere Angaben bestätigt diese Nachricht, daß im Jahre 1195 oder 1213 in Lüttich an verschiedenen Stellen durch ”Hesbaniam” eine schwarze Erde entdeckt wurde, die sich vortrefflich zum Feuerma- chen eignete.
64 5 | ; Pay DI ® A a ve SILAFS BIP ASEEE N * A b 7 » . PR 8 RZ I { = A ) & u. „5% BE ‚‚ ; Ja 7 - 8 } Bergleute der Grube Xhawirs, die anläßlich eines Protestmarsches in Lüttich gegen die Schließung der Grube vom Provinzgouverneur empfangen wurden. Repr. P. Zimmer Ein anderer Schreiber, Gilles d’Orval, der im Jahre 1230 zum gleichen Thema schrieb, berichtet, daß im Jahre 1198 in Lüttich die Steinkohle entdeckt worden sei. Seine phantasievolle Beschreibung gab Anlaß zu der schönen Legende über ”Hullos von Plainevaux.” Sie beginnt mit den Worten : ”Man erzählt ...” und schildert dann folgende Begebenheit : Unter Albert de Cuyck, Fürstbischof von Lüttich (1194-1200) ging ein alter Mann mit schneeweißen Haaren und mit einem unbe- fleckten Gewand bekleidet durch die Straße Cochet en Puplement. Als er vor der Schmiede, die Hullos von Plainevaux gehörte, ankam, blieb er stehen und wünschte dem Handwerker viel Glück bei seiner Arbeit sowie eine erfolgreiche Zukunft. Im Verlaufe der weiteren Unterhaltung beklagte sich der Schmied Hullos über den hohen Preis der Holzkohlen und brachte die Befürchtung zum Ausdruck, daß er höchstwahrscheinlich aus diesem Grunde seine Schmiede verlassen und in seinen Heimatort zurückkehren müsse. Daraufhin
65 gab ihm der Greis den Rat : ”Gehen sie doch zum Berg der Mönche und holen sie sich von der schwarzen Erde, die dort an der Oberflä- che in Schichten zum Vorschein kommt, sie ist sehr sauber und geeignet, die Holzkohle zu ersetzen.” Nach diesen Worten ver- schwand er. Der Schmied befolgte den Rat des alten Mannes und warf, nachdem er heimgekehrt war, von der schwarzen Erde, die er ausgegraben hatte, auf seine Feuerplatte. Groß war sein Erstaunen, als er feststellte, daß sie sehr entzündbar war und ausgezeichnet brannte. Voller Begeisterung eilte er zu seinen Nachbarn und berichtete diesen von der schwarzen Erde und dem erzielten Resul- tat. Dies hatte zur Folge, daß nach und nach der Steinkohlenberg- bau zu einem bedeutenden Zweig in der Lütticher Industrie wurde. Diese.beiden Nachrichten, die sicherlich bezüglich der Entdek- kung der Kohle in Lüttich ein anzweifelbares Datum angeben, gaben Anlaß zu zahlreichen Meinungsverschiedenheiten. Wenn man aber alle vorhandenen Nachweise vergleicht, kann man bezüg- lich der Legende nur sagen, daß sie die Wahrheit verdreht, denn es ist sicher, daß es gegen Ende des 12. Jh. nicht weit vom Weiler Plai- nevaux ein Kohlenbergwerk gab, dessen Schacht zugefüllt war. Das Gelände dieser Schachtanlage wurde im Jahre 1202 durch den Bi- schof Hugues de Pierpont der Abtei von Val-Saint-Lambert überge- ben, um auf demselben eine Scheune zu errichten. Dieses erste Steinkohlenbergwerk, welches auch in der Geschichte des Lütticher Landes erwähnt wird, muß sich in der Umgebung der Gemeinde Yvoz-Ramet, zu der auch der Weiler Plainevaux, Heimatort von Hullos gehört, befunden haben. Dies geht auch aus dem Schenkungsakt.aus dem Jahre 1202 von dem vorhin erwähnten Bi- schof an die Zisterzienser Mönche hervor. Da zu diesem Zeitpunkt also schon ein Bergwerk mit einem Schacht in diesem Gebiet bestan- den hat, ist es höchstwahrscheinlich der Schmied Hullos gewesen, der im Jahre 1198 die Idee hatte, durch diese neue Abbaumethode die tief im Untergrund vorkommenden Kohlenablagerungen abzu- bauen. Vermutlich ist dieses bedeutende Ereignis von Mönch Rei- ner notiert worden und hat auch zur Entstehung der Legende von Hullos de Plainevaux beigetragen. Da diese Daten in glaubwürdigen Dokumenten angegeben sind, kann man wohl annehmen, daß die Lütticher Steinkohlenindustrie die älteste des Kontinents war und auch fortwährend zum Fortschritt, der in diesem Industriezweig erzielt werden konnte, wesentlich beigetragen hat. Der gesamte bel- gische Steinkohlenbergbau hat in Lüttich seinen Anfang genom- men.
66 Sachverständige und Fachleute aus Lüttich wurden zu Hilfeleistungen in anderen Revieren herangezogen Aus dem im Jahre 1968 erschienenen Buch : ”Geschichte des Aachener Steinkohlenbergbaus” von Friedrich Schunder, geht her- vor, daß zwischen dem Aachener und Lütticher Revier sehr gute nachbarliche Beziehungen bestanden haben und daß die erfahrenen Lütticher Bergleute diesem Revier vielfach durch Ratschläge und Hilfe wertvolle Dienste geleistet haben. Erwähnenswert ist diesbe- züglich, daß schon im Jahre 1555, als man auf dem Eschweiler Kohlberg mit der Aufstellung eines neuen Pferdegöpels begann, wallonische Arbeiter herangezogen wurden, um diese Arbeiten aus- 0 zuführen, weil man es damals nicht wagen konnte, Einheimische hiermit zu beauftragen. Da schon im Jahre 1721 in Lüttich durch den Irländer O’Kelly auf der neuen Schachtanlage Gromet zur Wasserhaltung die erste Dampfmaschine des Kontinents erbaut worden war und man 1785 N 3 nn A ee aa tn EEE Span SUSE A EEE FA AD ae Ye aaa HABE WEL LAS KG "88 LE BUhS DOMMER am Mo N x | MAN NS IK N ee 2 ) A ER nn WALL A Sr m ae AR 2 vd X yasem Aa N Tan Pan | ee Le a 5 men MEMBERS ES UML SE 2 = ba 7 A m DL Die An. Grubengesellschaft Gosson-Kessalles stellte im April 1957 der Gemeinde Jemeppe bei Lüttich kostenlos ein Gelände zur Verfügung, um zur Erinnerung an die Errichtung der ersten Dampfmaschine auf dem Kontinent durch O’Kelly ein Denk- mal zu erbauen. Die Aufnahme zeigt die Gedenktafel mit Aufschrift an diesem Denk- mal. Photo : A. Jansen
67 auch im Aachener Revier erstmalig beabsichtigte, zum selben Zweck eine Maschine aufzustellen, ließ man den Lütticher Maschi- nisten Waseige nach Eschweiler kommen. Dieser machte den Vorschlag, statt einer neueren eine ”atmosphärische” Dampfma- schine nach der Bauart des englischen Mechanikers Thomas New- comen, der Ende des 17. Jh. als einer der ersten eine Dampfma- schine gebaut hatte, anfertigen zu lassen. Nachdem dann ein Berg- rat und ein Pumpenmeister 1787 eine derartige Maschine in Lüttich besichtigt und als Wunderwerk bezeichnet hatten, faßte man den Entschluß, sie dort anfertigen zu lassen. Sie wurde 1793 fertigge- stellt. Ferner erwarb 1817 der Lütticher Gerard Demet die alte Grube Gouley im Aachener Revier, deren technischer Leiter der Belgier Lambert Rasquinet wurde. Der Lütticher Grubeningenieur Jules Henri Gernaert wurde durch Heirat Mitbesitzer dieser Grube und unterzeichnete auch mit anderen den Entwurf der Statuten zur Gründung einer ”Vereinigungs Gesellschaft” im Aachener Wurm- revier am 3. Mai 1836. Dieses Revier bezog ebenfalls aus Charleroi in Belgien die erste Maschine zur Herstellung von Briketts. Die erste druckluftbetriebene Grubenförderung des Kontinents wurde 1865 auf der Steinkohlengrube Sars-Longchamps bei Charleroi eingerich- tet. Anhand dieser kurz zusammengefaßten Angaben sowie der Tatsache, daß der belgische Steinkohlenbergbau im Jahre 1840 schon eine Förderung von 3,93 Millionen Tonnen aufwies, der . Aachener dagegen nur 0,28 Millionen Tonnen, kann man ohne Übertreibung sagen, daß die belgische Steinkohlenindustrie, und ganz besonders die Lütticher, eine glorreiche Vergangenheit auf- weist und stolz auf ihre wirtschaftlichen und sozialen Verwirkli- chungen zurückblicken kann. Entstehung der Kohle und ihre Gewinnung Die Kohlenablagerungen sind durch unermeßliche sumpfige Waldungen, die sich vor mehr als 250 Millionen Jahren am Rande des nördlichen Meeres ausbreiteten, entstanden. Im Saarbrücker Bergmannskalender aus dem Jahre 1970 weist Dipl.-Geol. Günter Rehkopf auf das Werk des französischen Forschers Buffon (1707 bis 1788) ”Epochen der Natur” hin. In diesem Werk schreibt dieser Forscher unter anderem : ”Die Steinkohle verdankt ihren Ursprung
68 den ersten Gewächsen, die von der Erde gebildet wurden; all das zuerst über Wasser erhobene Land zeugte von Beginn an eine unge- heure Fülle von Kräutern und Bäumen jeglicher Art; vom Alter ge- stürzt, wurden sie von den Wassern überschwemmt und bildeten unendliche Lager vegetabilischen Stoffes. Der Weg der Kohlebil- dung führt von der Pflanzensubstanz über Torf, Braunkohle und Steinkohle zum Anthrazit. Abgestorbene Pflanzensubstanz verwest an freier Luft oder in bewegten sauerstoffreichen Wässern, in Torf- mooren jedoch dichtet hochstehendes Grundwasser die Luft und ia A N ; | } B ve Ja & v3 2 PS & wa pl . Ds P ._. Pf «Aa SL Yemen AN a u SE a 1 Ti Su H\ ES BP EN E % Oö Ve 2 Ka 5 AN RO | Be WA U X 5 Sn 7 3 \ ' 2 da N = —_. * “7 aA 4 en SS Ausschnitt aus dem sog. Kuttenberger Kanzionale, einer aus Kuttenberg in Böhmen stammenden Handschrift, die um 1500 entstand. Das Titelblatt zeigt das umfangrei- che Getriebe eines Bergwerks. vw Unten im Bildausschnitt ist ein Pferdegöpel mit mehreren Pferden zu erkennen. Repr. P. Zimmer
69 ihren Sauerstoff ab und verhindert so die Zerstörung durch sauer- stoffverbrauchende Lebewesen. Nur gewisse Pilze und Bakterien benötigen keinen Sauerstoff aus der Luft, sondern holen sich ihn aus den organischen Stoffen selbst, die sie verzehren. Sie allein bewirken eine Zersetzung und Vergärung der vom Grundwasser bedeckten Pflanzensubstanz, welche dabei nicht nur ihre ursprüng- liche Struktur mehr und mehr verliert, sondern ärmer an Sauer- stoff und relativ reicher an Kohlenstoff wird.” Dies ist der biochemische Vorgang der Vertorfung und das erste Stadium des Werdens der Kohle. Da diese Entwicklung sehr langsam abläuft, sind im allgemeinen große Zeiträume zur Bildung von Steinkohle erforderlich. Durch Einwirkungen von hohen Tem- peraturen und Gebirgsbildung können junge Lager verhältnismäßig schnell die Reifung zur Steinkohle und Anthrazit durchmachen. Am Anfangspunkt dieser Reifung steht Torf, am Endpunkt der Graphit. Die Mächtigkeit der Lager von Pflanzenanhäufungen nahm bei der Umwandlung zu den verschiedenen Kohlearten stän- dig ab. Aus 20 m. mächtigen Pflanzenablagerungen wurden 10 m Torf, daraus 4 m Braunkohle und schließlich 2 m Steinkohle. Zur Bildung von 1 kg Steinkohle waren 10 kg frischer Pflanzensub- stanz erforderlich. Trotz unterschiedlicher Mächtigkeit und Unregelmäßigkeit in Höhe und Gefälle, handelt es sich in Belgien um Kohleablagerungen, die vom äußeren Westen des Departements Pas-de-Calais durch Nordfrankreich und Belgien bis ins Ruhrgebiet eine Einheit bilden. Nur werden oder wurden sie von Bergwerk zu Bergwerk anders benannt und erhielten den örtlichen Verhältnissen entsprechend Tauf- oder mineralogische Namen und Nummern. Flöze, die besonders schön aussahen, nannte man im Lütticher Bek- ken : ”Diamant” oder ”Beaujardin”, falls sie sehr hart oder dick waren, ”Dure Veine”, ”"Quatre Paumes” u.s.w. sowie, je nach ande- rer Beschaffenheit und Umständen: ”Desire”, ”Lurtay”, ”Flairante”, ”Pucelles”, Grande Veine d’Oupeye”, ”Bouharmont”, ”Grande Delsemme”, ”St. Nicolas” und ”Veine de Herve”. Diese Kohleschichten kamen an mehreren Stellen an der Erdo- berfläche zum Vorschein; meistens aber befanden sie sich in waage- rechter, abschüssiger und senkrechter Lage, stellenweise nur wenig . unter der Erdoberfläche, andernorts in Tiefen bis über 1000 m; sie hatten eine unterschiedliche Mächtigkeit (Höhe oder Dicke) von 0,30 m bis 2 m. Der Durchschnitt der Flöze, welche man im soge- nannten Kohlenstreb abbaute, betrug 0,45 m. bis 0,65 m. Durch die Unregelmäßigkeit und wechselhafte Lage der Kohleablagerungen
70 war deren Abbau in Belgien manchmal sehr schwierig und mühe- voll. Dies führt auch dazu, daß häufig dünne Steinschichten, die sich über und unter den Kohleadern befanden oder zwischen denselben eingebettet lagen, mit abgebaut werden mußten, was zur Folge hatte, daß fast niemals vollständig reine Kohle aus den Streben gefördert werden konnte; vielfach enthielt das Fördergut sogar bis zu 30% und 35% nutzloses Gestein. In den nachstehenden 5 soge- nannten Becken wurden in Belgien zur Gewinnung der Kohle Zechen errichtet. a) BECKEN der BORINAGE : Es erstreckt sich westlich von Mons bis zur französischen Grenze und erfaßte die Orte Blaton, Quie- vrain, Quaregnon, Jemappes, Hensies, St. Ghislain, Hornu, Fra- & meries, Päturages, Flenu und Nimy. b) BECKEN des ”CENTRE” : Östlich von Mons mit den Ortschaf- ten Havre, Maurage, Obourg, Strepy, Houdeng, La Louviere, Haine St. Paul, Haine St. Pierre, Manage, Morlanwelz, Traze- gnies und Binche. c) BECKEN CHARLEROI-NAMUR: Westlich und östlich von Charleroi sowie in Anderlues, Thuin, Lobbes, Monceau s/Sambre, Fontaine L’Eveque, Marchienne au Pont, Montignies, Gosselies, Jumet, Ransart, Couillet, Marcinelle, Gilly, Chateli- neau, Tamines, Aiseau, Auvelais und Andenne. d) BECKEN von LÜTTICH : Ab Wanze bis zur östlichen Grenze mit den Orten : Jehay-Bodegnee, Loncin, Horion-Hozemont, Vel- roux. Milmort sowie im ganzen Lütticher Industriebecken ab Chokier bis Herstal, Jupille, Wandre, Milmort und in einem großen Teil der Herver Gegend mit den Zentren von Romstee, Micheroux, Xhendelesse und Battice. e) BECKEN der KEMPEN : Es erstreckte sich über die Umgebung der Orte Beringen, Helchteren, Zolder, Houthalen, Genk und Eis- den. Anzahl der Steinkohlenbergwerke in Belgien Im Jahre 1910 waren in den drei erstgenannten Becken 198 und im Lütticher Becken 75 Zechen in Betrieb, die zusammen insge- samt eine Jahresproduktion von 23.917.000 Tonnen Steinkohlen erzielten. In den Kempen bestand zu dieser Zeit noch kein Kohle- bergwerk, da dort die Kohle erst am 1. August 1901 in einer Tiefe
3} von 541 m /angebohrt wurde. Das erste Bergwerk in diesem Raum begann im Jahre 1920 seine Abbautätigkeit und förderte 246.000 Tonnen Steinkohle. Den Höhepunkt seiner Kohleproduktion erreichte Belgien im Jahre 1952. Sie betrug 30.357.000 Tonnen. Im gleichen Jahr hatten aber schon in den Becken Borinage, Centre, Charleroi, von den 198 Schachtanlagen 97 ihre Tore geschlossen und im Lütticher Revier waren von den 75 Bergwerken nur noch 35 in Betrieb. In den Kem- pen dagegen förderten 7.Bergwerke 32% der gesamten belgischen Steinkohleproduktion, und zwar 9.712.000 Tonnen. Während der Jahre 1960 bis Ende 1970 verminderte sich die belgische Produktion von 22.465.000 Tonnen auf 11.362.000 Ton- nen und die Anzahl der Gruben auf 12 im südlichen Landesteil, auf 7 im Lütticher Raum, sowie auf 5 in den Kempen. Im Verlaufe des folgenden Jahrzehntes. verschlechterte sich die Lage von Jahr zu Jahr, so daß 1980 in den Kempen nur noch die Gruben Beringen, Eisden, Waterschei, Winterslag und Zolder in Betrieb blieben; im wallonischen Landesteil arbeitete nur noch die Zeche Roton- Farciennes. Ende März desselben Jahres schloß auch die letzte Grube im Lütticher Raum ihre Tore. In den Kempen betrug die Produktion im Jahre 1980 6.949.000 Tonnen. Die Einfuhr ausländischer Steinkohle stieg aber im gleichen Jahr um 483.000 Tonnen und betrug insgesamt 10.231.000 Tonnen. Der größte Lieferant unseres Landes ist die U.S.A. mit 4.155.000 Tonnen, dann folgen Westdeutschland mit 2.435.000 Tonnen und Südafrika mit 2.048.000 Tonnen. Im Jahre 1980 sind die Bedürfnisse unseres Landes an Kohlen zu 62,7% durch Ankäufe im Ausland gedeckt worden. Durch die Zechenschließungen verloren in der Zeit von 1971 bis 1980 rund 15.000 Arbeiter ihren Arbeitsplatz. Ein anderer erwähnenswerter Vergleich ist, daß es im belgischen Bergbau im Jahre 1974 27.881 beschäftigte Arbeiter gab, zum gleichen Zeit- punkt ihnen gegenüber aber auch 37.938 Berginvaliden, darunter 16.000 italienische, 13.000 belgische und der restliche Teil setzte sich zusammen aus Gastarbeitern 20 anderer Länder. Zu bemerken ist ebenfalls, daß im Lütticher Becken nur Anthrazit, Mager- und halbfette Kohlen abgebaut wurden, Fettkohlenvorkommen gab es nur im Kempener Becken sowie in einigen Bergwerken der Provinz Hennegau.
72 ”Houilleur, Steinkohlengräber, Köhler und Knechte” So wurden die im Steinkohlenbergbau beschäftigten Männer, Frauen, Knaben und Mädchen, letztere sogar unter 10 Jahren, genannt. Je nach Art der Arbeiten, die sie ausführten, nannte man sie aber auch Hundemacher, Hundlader, Hundzieher, Schleiferjun- gen, Haspelzieher, Handpumper, Pumpenknechte, Zimmerleute, Meisterknechte, Kohlenwieger, Kohlenhauer, Schichtmeister u.s.w. Mit Keilhaue und Schaufel erkämpften sich anfänglich die Kohlen- gräber durch Stollen den Weg in die Tiefe zu den Kohleadern, die sie liegend, knieend oder sitzend mit einer spitzen Haue abbauten. Die abgebauten Kohlen wurden in Schleifkörben oder Hunden 7 durch niedrige enge Gänge von Jugendlichen krummgeduckt gezo- gen, oder auf dem Rücken liegend aus dem Kohlestreb gerutscht und anschließend in Truhen oder Räderhunden durch Stollen trans- portiert. Danach gelangte sie mit Handhäspel, die später durch Pfer- degöpel ersetzt wurden, an das Tageslicht. Nachdem zur Kohlege- winnung Schächte benutzt wurden, stieg man durch Fahrschächte über Leitern in die Grube hinab und am Ende der Schicht hinaus. Diese Leitern aus Holz oder Eisen, auch Fahrten genannt, standen schräge auf einem Bodensatz, sodaß man immer wieder, die Rich- tung ändernd, von rechts nach links und umgekehrt über diese Lei- tern, wie es in der Bergmannssprache heißt, in die Grube hinein- oder ausfahren konnte. Eine Besonderheit des Bergmannsstandes ist seine Fachspra- che. Manche bergmännische Ausdrücke können bei Nichtbergleu- ten Anlaß zu Mißverständnissen geben. Als Beispiel hierfür ist das vielgebrauchte Wort ”Hund” erwähnenswert. Vor 400 Jahren ist es völlig eingedeuscht bei Agricola erschienen und mit dem Haustier Hund in Verbindung gebracht worden, weil das seltsame Geräusch der fahrenden Fördertruhen dem Bellen eines Hundes ähnlich gewe- sen sein soll. Aus diesen kurzen Hinweisen bezüglich der anfänglichen Koh- legewinnung geht hervor, daß die Arbeiten im Steinkohlenbergbau nicht nur sehr mühsam und Kräfte raubend waren, sondern daß man damals viele Arbeitskräfte, besonders Jugendliche, benötigte, um den Bodenschatz Kohle abbauen und an das Tageslicht fördern zu können. Durch die Erfindung und den Einsatz von Preßluft, Bohr- und Abbauhämmer, Kohlehobeln und eisernen Förderwagen, Gruben- loren genannt, sowie die Benutzung zahlreicher Maschinen und
75 Geräte aller Art, wie Schrämm- und Lademaschinen, Panzer, Trans- portbänder, sowie die Einführung der Pferdeförderung unter Tage, konnten die schwere Arbeit der im Bergbau Beschäftigten erleichtert und manche Gefahren weitgehend abgewandt werden. Diese Neue- rungen verhalfen aber auch einer alten Tradition zu neuen Möglich- keiten und diesem Industriezweig zu einem blühenden Auf- schwung. Aus Hundestößern, Haspelknechten und Pferdeführern von einst wurden Lokomotivführer und Fördermaschinisten. Alle Knechte konnten zur Zeit der Köhlergesellschaften selbständige : ”Köhler” werden und größere Gesellschaften beauftragten sogar erfahrene Hauer ohne theoretische Ausbildung mit der Leitung ihrer Gruben. Erst nach der französischen Bergpolizei-Verordnung aus dem Jahre 1813 durften in den Gruben nur Steiger und andere Grubenbeamte angestellt werden, die mindestens während 3 Jahren ununterbrochen als Berg-, Zimmerleute oder Maschinisten tätig gewesen waren. Einige Jahrzente danach mußte dann jeder Gruben- leiter in Preußen dem dafür zuständigen Bergamt nachweisen, daß er die erforderlichen Fachkenntnisse zur Ausübung dieser Tätigkeit besaß. Im Industriezeitalter aber stand der Bergbau durch die Berg- schulen hinsichtlich der Ausbildung seiner Führungskräfte an der Spitze aller Industriezweige. Mit der Technisierung der Grubenbe- triebe wurden aber auch Verbesserungen bezüglich der Frauen- und Kinderarbeit im Steinkohlenbergbau eingeführt. Nach einem napoleonischen Dekret aus dem Jahre 1813 durften Kinder unter 10 Jahren, wie es bis zu diesem Zeitpunkt häufig der Fall war, nicht mehr in den Bergwerken arbeiten. Das Bonner Oberbergamt verord- nete im Jahre 1827 sogar, Frauen nicht mehr unter Tage und oberir- disch nur noch auf Halden, in Wäschen und Magazinen zu beschäf- tigen. Bezüglich der Kinderarbeit unter Tage, setzte 1836 eine preus- sische Kabinettsordre das Mindestalter auf 13 Jahre herauf, bis schließlich 1854 die Altersgrenze auf 16 Jahre festgelegt wurde. Was Belgien diesbezüglich betrifft, - dies ‘geht aus einer Industrie- zählung vom Jahre 1896 hervor -, so waren zu diesem Zeitpunkt im Bergbau noch Jugendliche beiderlei Geschlechts unter 16 Jahren beschäftigt. (Fortsetzung folgt)
76 Hergenrather Schulchronik (3. Fortsetzung) von Alfred Bertha Wieder ein Neubau? Der Schulneubau an der Altenberger Straße i.J. 1910/11 hatte eine Entlastung des alten Schulgebäudes an der Aachener Straße gebracht. Doch die Unterbringung der in diesem Altbau verbliebe- nen Schulkinder ließ sehr zu wünschen übrig. Schon 1923 äußerte die vorgesetzte Schulbehörde des Gouvernements Baltia die Absicht, . in Hergenrath eine neue Schule errichten zu lassen. Der Gemeinde- rat beschloß, dem Wunsche der Regierung entsprechend ein vorläu- figes Projekt und die nötigen Pläne ausarbeiten zu lassen. Dann aber verschlechterte sich die finanzielle Lage der Gemeinde von Monat zu Monat. Die Übergangsbedingungen brachten die Gemeinde in eine so schwierige Lage, daß sie sich sogar außerstande sah, die Löhne und Gehälter sowie die sonstigen Aus- gaben für den Monat Februar 1923 aufzubringen. ”Unter den augenblicklichen trostlosen Verhältnissen”, so lesen wir im Proto- kollbuch der Gemeinderatssitzungen,” ist die Gemeinde vollständig außerstande, die Geschäfte weiterzuführen und den Zahlungsver- 8 pflichtungen nachzukommen. Es wird daher verständlich sein, wenn der Gemeinderat beschließt, den Bau einer neuen Schule bis zum neuen Jahre zurückzustellen.” Die Gemeindeväter rechneten mit einer Verringerung der Schülerzahl durch den Verbleib bzw. die Abtretung eines Teiles des Gemeindegebietes an Deutschland sowie auch durch den Wegzug vieler Einwohner, die für Deutschland optierten. Die Gemeindever- treter plädierten dafür, die alte Schule ausschließlich für Lehrerwoh- nungen vorzusehen, die Lehrerwohnungen im Neubau aber in Klas- senräume umzugestalten. Ein Anbau an die neue Schule sei wegen der sumpfigen Beschaffenheit des Geländes nicht ohne erhebliche Kosten durchzuführen. Der ”Rat für Kunst und Wissenschaften”, Herr L. Mallinger, teilte der Gemeinde mit, wenn sie sich weigere, einen Neubau zu errichten, so werde dies unter Fortfall der Staadtssubsidien auf ihre Kosten vorgenommen. Er forderte die Gemeinde auf, im Budget 1924 die zum Schulneubau notwendigen Mittel in Höhe von 250.000 Fr + 80.000 Fr für Schulwohnung vorzusehen.
PT Das Ende der Übergangszeit (31.5.1925) enthob die Gemeinde der Verpflichtung zum schnellen Handeln. Erst 1949 wurde das Projekt wieder aufgegriffen. Kluges Verhalten der Regierung Baltia Der Gouverneur, der den Auftrag bekommen hatte, dafür zu sorgen, daß "alles schnell geht und daß es nicht zu kostspielig wird”, im übrigen aber sich wie ein Kolonialgouverneur zu betrachten, ”aber einer Kolonie mit direktem Kontakt zum Mutterland”, hatte immer in der allgemeinen wie in der Schulpolitik ein Auge auf das französische Vorgehen in Elsaß-Lothringen gerichtet. Er hatte ja auch als Aufgabe, das neubelgische Gebiet ins belgische ”Mutter- land” einzugliedern, d.h.die Assimilation der Bevölkerung zu begünstigen. Im Fall Eupen-Malmedy bedeutete dies, daß es vor allem vordringlich schien, der französischen Sprache einen gebüh- renden Platz im Unterricht zu sichern. Dennoch war Baltia in seiner Haltung der deutschen Sprache gegenüber viel liberaler als die Fran- —_ zosen im Elsaß, die dort jeden Deutschunterricht aus den Schulen verbannten. Diese liberale Haltung des Gouverneurs mag mit dazu beigetra- gen haben, daß das Unterrichtswesen keinen radikalen Umschwung erlebte, und die altbelgischen Lehrpersonen sich auch schnell anpas- sen konnten, wenn sie den notwendigen Takt zeigten. Es war be- stimmt eine schwierige Aufgabe, die diese Lehrpersonen überneh- men mußten. Frau Generet weiß sich zu erinnern, wie sie beim Gesangsunterricht (sie versuchte, die ”Brabanconne” mit den Kin- dern zu singen) von einem kleinen Jungen, der zaghaft den Finger gehoben hatte, als Antwort auf die Frage, was er denn wolle, zu hören bekam: ”Ich bin Deutscher.” Es hieß also, auch solche Gefühle zu respektieren. Berechtigten Wünschen der Bevölkerung kam die Regierung Baltia auch soweit wie möglich entgegen. Dies war z.B. der Fall in der Frage des schulfreien Nachmittags. Die Gemeindeväter von Hergenrath bestanden darauf, daß entgegen den Bestimmungen der Regierung, der Samstagnachmittag schulfrei bleiben müsse, denn c ”am Samstagnachmittag gehört das Kind der Familie und nicht der Schule”. Als Begründung wurde angeführt, daß die Gemeinde Her- genrath in der Hauptsache aus weitab liegenden Höfen bestehe, und viele Kinder einen Schulweg von 40 Minuten und mehr hätten. Fer- ner gehörten viele dieser Kinder der ärmeren Bevölkerungsschicht
78 } Wan N BUN OO De Br PR A 2 a4 SE ER OO ES ba Pa ‘a US 0 2 9} 0 4} a A ) 2 . Ya . U A IM . n 2 N On A N U nn a Das 1. Nachkriegsfoto : Frau Generet mit den Kindern des 1. Schuljahres (1945) an, wodurch es unbedingt notwendig sei; am Samstagnachmittag die Kleider und Schuhe der Kinder für den Sonntag in Ordnung zu bringen. Auch müßten bei kinderreichen Familien die Kinder Bedarfs- und Lebensmittel für den Sonntag herbeiholen. Der erste Schulschöffe in Hergenrath war der erste Schöffe Bauens. Er wurde 1927 beauftragt, sich speziell mit den Problemen der Gemeindeschule zu befassen. Noch im gleichen Jahre wurde eine ”Musterverordnung für die Volksschule” erlassen, worin es u.a. heißt : ”Der Rat ist der Ansicht, daß die Schiefertafel in den ersten 3 Jahren verlangt und gebraucht werden soll, und wird dies im Einverständnis mit dem Hauptlehrer geregelt.” ”Beurlaubungen können nur vom Schulleiter den Schülern der 3. und 4. Stufe (d.h. des 5.-8. Schuljahres) bewilligt werden, um ihnen die Teilnahme an der Heuernte zu ermöglichen.”
79 ”Die jedem einzelnen Schüler im Laufe des Jahres zu genann- tem Zwecke zu bewilligenden Beurlaubungen dürfen die Gesamt- zahl von 14 ganzen Tagen nicht überschreiten.” ”Schülern, die schon wegen Schulversäumnis bestraft worden sind, dürfen Beurlaubungen vorerwähnter Art nicht bewilligt wer- den ...” Schulbücher wurden von 1928 an allen einheimischen Schulkindern kosten- los von der Gemeinde zur Verfügung gestellt. Andere Schulgegen- stände, wie z.B. Bleistifte, Radiergummis, Hefte, Tafeln, Griffel etc sollten von den Eltern gestellt werden. Die Bücher mußten am Ende des Schuljahres in sauberem Zustand wieder abgegeben werden. Für Beschädigungen hafteten die Eltern. Wieviel Französischunterricht in der Volksschule? Auch sprachlich-kulturell mußte sich der Anschluß der Kreise Eupen-Malmedy an Belgien auswirken. Es war verständlich, daß der belgische Staat, dessen Strukturen damals noch zentralistisch geprägt waren und wo das Französische viel mehr als heute eine Vormachtstellung besaß, ein Interesse daran haben mußte, seine neuen Bürger so schnell wie möglich denen des Landesinnern anzu- gleichen. Da die neubelgischen Gebiete an die Provinz Lüttich kamen, wollte man dieselben auch am französisch geprägten kultu- rellen Leben dieser Provinz teilhaben lassen. Dennoch muß nochmals betont werden, daß in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg keine forcierte Assimilationspolitik betrieben wurde. Obschon spätestens 1927-28 klar war, daß das Gebiet Eupen- Malmedy nicht mehr an Deutschland zurückfallen würde, wurde erst 1933 im Gemeinderat ein Beschluß bzgl. des Französischunter- _ richts in der Hergenrather Gemeindeschule gefaßt. Man sprach sich für eine Einführung dieses Unterrichts vom 4. Schuljahr an aus, eine Regelung, die bis 1938 in Kraft blieb. In den beiden letzten Vorkriegsjahren wurde im ersten Schul- jahr wöchentlich 1/2 St. Französischunterricht erteilt; im 2. Schul- jahr steigerte man denselben auf eine und im 3. Schuljahr auf 2 Stunden wöchentlich. Vom 4. Schuljahr an sollten ”entsprechend mehr französische Stunden” gegeben werden, jedoch so, ”daß die Muttersprache als Hauptsprache beibehalten werde.”
81 Die Kriegsjahre Über das Schulwesen in den Jahren 40-45 gibt es keinerlei Unterlagen im Gemeindearchiv, wie denn überhaupt keine Sit- zungsprotokolle aus den Jahren 1940-45 erhalten geblieben sind. Hergenrath gehörte damals zum ”Amt Moresnet”, dessen Zentrum Kelmis bildete. Dennoch läßt sich aus mündlichen Aussagen ein Bild der damaligen schulischen Verhältnisse entwerfen. Der nazionalsozialistischen Ideologie entsprechend mußte der Unterricht als erstes darauf abzielen, aus den Kindern glühende Patrioten zu machen, sie zu gehorsamen Untertanen heranzubilden. Die religiösen Symbole, vor allem die Kreuze, wurden aus den Klas- senräumen entfernt; an ihre Stelle trat das Führerbild. Statt des vor dem Schulanfang üblichen Gebetes stand die Klasse stramm und grüßte mit erhobenem und ausgestrecktem Arm ”Heil Hitler!” Der Religionsunterricht wurde aus der Schule verbannt und mußte in die Freizeit gelegt werden. Aber auch die Freizeit der Schulkinder wurde durch Jugendbewegungen wie Hitlerjugend und BDM mehr und mehr kontrolliert. Lehrpersonen, die keine ausgesprochen deutschfeindliche Handlung an den Tag legten, durften im Unterricht bleiben. Da aber fast alle Lehrer der Vorkriegszeit sich ins Landesinnere abge- setzt hatten, kam es zu einer gänzlichen Neuformierung des Lehr- körpers, der, wie dies auch schon im 1. Weltkrieg der Fall gewesen war, durch Einberufungen der Junglehrer häufiger in seiner Zusam- mensetzung wechselte. Fräulein Anna Hamacher aus Astenet (geb. 1906) ist allen Her- genrathern, die bei ihr in die Schule gegangen sind, noch in bester Erinnerung. Sie hatte das 3. Schuljahr. Wie die anderen Lehrpersonen, die in den Jahren 40-45 im Dienst geblieben waren, wurde auch sie nach dem Kriege nicht mehr zugelassen. Frl. Hamacher ging dann nach Berk und schließlich nach Nöthen bei Münstereifel. Sie starb 1978 in ihrem Heimat- dorf. Fräulein Johanna Schoenauen, die zuletzt die Oberklasse für Mädchen geleitet hatte, verließ den Schuldienst im Jahre 1942. Der Hauseter Hermann Heutz war einer der vielen Junglehrer, deren Karriere durch Krieg und Wehrdienst unterbrochen wurde. Er war kurzzeitig - genaue Angaben fehlen - in Hergenrath im Dienst. Nach dem Kriege wirkte H. Heutz in Verlautenheide.
82 Die zweite belgische Zeit Die längsten Ferien, die, wenn auch unfreiwillig, der Hergenra- ther Schuljugend beschert wurden, führten vom Sommer 1944 bis zur Wiederaufnahme des Schulunterrichts im Frühjahr 1945. Ob- schon der Ort nicht unter direkten Kriegshandlungen zu leiden gehabt hatte, gestaltete sich der Neubeginn recht schwierig, hatten doch amerikanische Truppen in den Schulen Quartier bezogen und das sämtliche Schulmobilar mutwillig zerstört. Die ”neue” Schule an der Altenberger Straße bot einen traurigen Anblick. Architekt Phi- lippart schützte die Höhe der dort angerichteten Schäden auf 685.844,70 Franken, eine wohl absichtlich überhöhte Summe, da man davon ausging, daß die Kriegsschädenregelung folgen würde x und der Gemeinde somit keine Kosten entstünden. Auch die Leh- rerwohnung war unbenutzbar geworden. Die Instandsetzung der neuen Schule zog sich bis 1948 hin, obwohl die Regierung verfügt hatte, daß alle Schulen der Ostkan- tone bis zum 31.7.1947 wieder in Stand gesetzt sein mußten. Her- genrath sah diesen Stichtag für die so stark beschädigte Schule als nicht bindend an. & Zum neuen Schuljahr 1947-48 lieferte der Schreiner Bastin aus Walhorn 76 neue Schulbänke. Das 2. und 3. Schuljahr waren im Frühjahr 1948 noch immer in einer Privatwohnung untergebracht, und zwar im Hause von den Driesch, dem an der Hauseter Straße gelegenen ”Jägerhof”. Durch Gemeinderatsbeschluß vom 30. Dez. 1946 wurden die Instandsetzungsarbeiten der ”neuen”Schule dem Lütticher Unter- nehmer Julien Gillard anvertraut. Am 13. August des folgenden Jahres waren die Arbeiten immer noch nicht beendet, der Unterneh- mer hatte dieselben jedoch eingestellt, unter der Angabe, sein Auf- trag sei erledigt. Die besondere Lage in den ersten Nachkriegsjahren führte dazu, daß die Gemeinden das Recht, die Lehrpersonen der Gemein- deschulen zu ernennen, nicht wahrnehmen durften. Dieses Recht behielt sich nun die Regierung vor, wogegen die Gemeinden durch ihre Bürgermeister energisch - aber vergebens - protestierten. Auch das Problem des Französischunterrichts in den Volks- schulen wurde nun besonders unter dem Aspekt der schnelleren Eingliederung der sog. Ostkantone in die Wallonie und Belgien wie- der aufgegriffen. Der am 14.8.1933 gefaßte Gemeinderatsbeschluß bzgl. des Anteils des Französichunterrichts am Gesamtunterricht
84 wurde aufgehoben und eine Neuverteilung vorgenommen, wonach in den ersten drei Schuljahren Deutsch der Vorrang vor Franzö- sisch haben sollte. Im 4. Schuljahre sollte der Unterricht zu je 50% „in Deutsch und Französisch erteilt werden, während in den vier letzten Schuljahren das Französische eindeutig den Vorrang erhielt. ( Die heutige, auf die Sprachgesetzgebung vom 30.7.1963 und 2.8.1963 zurückgehende Regelung, sieht vor, daß im 1. und 2. Schul- jahr Französischunterricht erteilt werden kann. (2) Im 3. und 4. Schuljahr sind 3 Stunden wöchentlich, im 5. und 6. Schuljahr 5 Stunden wöchentlich als Pflichtfach vorgeschrieben. Von den Lehrpersonen der Vorkriegszeit nahmen Herr und $ Frau Generet, Herr Tonteling und Fräulein Bertrams ihren Dienst wieder auf. Hinzu kam noch Fräulein Luise Schifflers. (3) AM tt BA nn N Frl. Luise Schifflers Schon 1923 hatte das Gouvernement Baltia auf eine Erweite- rung der Hergenrather Schule durch den Bau neuer Klassen gedrängt, doch war dieses Vorhaben damals wegen fehlender Mittel zurückgestellt worden. Der 5-Jahresplan für öffentliche Arbeiten, 1) In der Praxis sah das allerdings so aus, daß schon bei den Schulanfängern das Französische dominierte. 2) Das führt dazu, daß diese Kann-Bestimmung von Schule zu Schule sehr unter- schiedlich gehandhabt wird. 3) Geb. in Aachen, 1915. Diplomiert in Baives, war vor dem Kriege vorübergehend in Neu-Moresnet tätig gewesen. Während des Krieges war Frl. Schifflers in Stavelot. Sie starb 1981 in Lüttich.
85 den die Gemeinde 1948 aufstellte, sah unter anderem eine Erweite- rung der ”neuen” Schule um 4 Klassen und die Aufhebung der ”alten” Schule vor. Der von Architekt Jacquemin aus Beaufays angefertigte Plan entsprach den Vorstellungen der Gemeinde und so beschloß die- selbe am 28.4.1949, den Schulerweiterungsbau entsprechend dem Vorprojekt auszuführen. Von Seiten des Staates waren 60% Baukostenzuschuß zu erwarten. Für Besatzungsschäden an den Schulgebäuden rechnete man mit einer Entschädigung von 170.000 Fr. Der Fehlbetrag sollte durch einen außergewöhnlichen Holzver- kauf sowie durch den Verkauf des alten Schulgebäudes gedeckt wer- den. Die Angliederung der Enklave Bildchen an die Gemeinde Her- genrath (von 1949 bis 1956 war diese Enklave unter belgischer Ver- waltung) ließ ein Anwachsen der Schulbevölkerung erwarten. Auch dies trug dazu bei, den Erweiterungsbau zu begründen. Erst im März 1954 - kurz vor Ablauf der im 5-Jahresplan gesetzten Frist - genehmigte das Ministerium für öffentliche Arbei- ten den vorgelegten Plan. In aller Eile wurden nun die Arbeiten aus- geschrieben. Den Zuschlag für die Maurerarbeiten erhielt der Her- genrather Unternehmer Peter Bauens, unter besonderer Berücksich- tigung der Tatsache, daß dieses Unternehmen 14-15 hiesige Arbeiter beschäftigte. Die Schreinerarbeiten, Elektro-Installation, Heizungs- anlage und Anstreicherarbeiten wurden dem Mindestfordernden zugeschlagen; damit hätte der Bau sofort in Angriff genommen wer- den können, wenn nicht Finanzierungsschwierigkeiten sich aufge- tan und die zahlenmäßige Entwicklung der Schulbevölkerung zu Besorgnis Anlaß gegeben hätte. Im Sommer 1953 zählte Hergenrath 145 schulpflichtige Kin- der; davon besuchten jedoch 64 auswärtige Schulen. Das führte mit Beginn des Schuljahres 1953-54 zur Aufhebung der 5. Schulklasse, da für 49 Mädchen und 42 Knaben je 2 Klassen genügten. Da Fräulein Bertrams sich bereit erklärte, ihren Antrag auf Ver- setzung in den Ruhestand einzureichen - sie war inzwischen 66 Jahre alt - verlor keine Lehrperson ihren Arbeitsplatz. ö In den nächsten Jahren ging die Schülerzahl noch weiter zurück, sodaß im September 1957 beschlossen wurde, das 7. und 8. Schuljahr aufzuheben. Von 127 schulpflichtigen Kindern besuch- ten damals nur 83 die Hergenrather Volksschule, während 44 andernorts ihrer Schulpflicht genügten.
86 Die Neuaufteilung der Klassen ergab nun folgendes Bild : 1. und 2. Schuljahr : Frau Augusta Generet (28 Kinder) 3. Schuljahr : Frl. Luise Schifflers (18 Kinder) 4. Schuljahr : Herr Jos. Tonteling (21 Kinder) 5. und 6. Schuljahr : Herr Emile Generet (16 Kinder) Erst 1965 konnte wieder eine 5. Klasse eröffnet werden, was vor allem auf den Zuzug vieler junger Familien zurückzuführen war. Das i.J. 1954 kurz vor der Ausführung zurückgestellte Projekt der Schulerweiterung wurde 1965 wieder aufgegriffen. Der Archi- tekt Jacquemin wurde beauftragt, ein komplettes Dossier zu erstel- len. } Forts. folgt Berichtigung : Die auf den Schulfotos auf S. 77 - 78 und 80 der Nr. 28 unserer Zeitschrift abgebildete Junglehrerin ist nicht Frl. Krückel, sondern Frl. Maria Liesenhoff aus Burtscheid, die Ostern 1916 diplomiert wurde und etwa 1 1/2 Jahr in Hergenrath wirkte. Anschließend war sie in Wallerode bei St. Vith tätig. Frl. Krückel hat Hergenrath 1916 verlassen und ist kurz darauf an Tuberkulose gestorben.
87 Als Schüler in Herbesthal von Leo Homburg Am Sonntag, dem 4. Oktober 1981, feierte die Herbesthaler Gemeindeschule ihr hundertjähriges Bestehen. Eucharistie und aka- demische Feier waren zweisprachig, deutsch-französisch, in gemütli- cher Runde wurde auch noch Plattdeutsch gesprochen. Das erinnerte mich daran, daß in meiner Jugend in Herbesthal nur Deutsch gelehrt wurde, während im gegenüberliegenden Wel- kenraedt, das zu Belgien gehörte und wo keine Schulpflicht bestand, Französisch und Deutsch auf dem Lehrplan standen. Heute hat sich die Lage verkehrt: Herbesthal hat den damaligen Sprachvorteil Welkenraedts übernommen. Daß meine Mutter mich Ostern 1909 als ältestes ihrer Kinder auf dem 20 Minuten langen Weg zur Schule begleitete, war eine Ausnahme. Damals wurden die Schulneulinge meist von ihren älte- ren Geschwistern oder von einem Nachbarkind zur Schule gebracht. Als meine Mutter mich dem Lehrer Lousberg übergab, bestand meine Schulausrüstung aus einem Lederranzen. Der Inhalt : eine Schiefertafel, an der ein Schwamm und ein Läppchen befestigt waren, sowie eine Holzbüchse mit einem Griffel. Mehr habe ich im ersten Schuljahr nicht benötigt. Lehrer Lousberg lehrte uns zuerst das Abc. Er holte hin und wieder einen neu angekommenen Buchstaben aus seinem Schrank, schrieb ihn an die Tafel und ließ uns denselben solange abschreiben, bis er mit unseren Schreibübungen zufrieden war. Als erste Wortübung setzte er neben das ”E” ein ”i”. Das ergebe, so sagte er, das Wort ”Ei”. Ein Ei kenne ja wohl jeder. Bei den Zahlen begann er mit der Null, sagte, sie sei wertlos, schrieb dann eine ”1” und erklärte, das sei ein Pfennig. Nun setzte er die soeben als ”wertlos” betitelte Null neben die 1 und aus einem Pfennig waren 10 geworden! Am Nikolaustag erhielt jedes Kind von Lehrer Lousberg eine Printe. Im zweiten Schuljahr vermehrte sich meine Schulausrüstung um ein kleines Lese- und Rechenbuch, ein Schönschreibheft und einen Federhalter mit Feder (Tintenschreiber). In diesem Jahr 1910 wurde ein Foto der beiden Herbesthaler Schulklassen gemacht : 32
88 Mädchen und 29 Jungen hatte der Lehrer zu betreuen. Davon leben heute noch 4 in Herbesthal und Umgebung. Lehrer Lousberg hat uns eine gute Grundausbildung gegeben, ohne von dem damals als Erziehungsmethode erlaubten Stock Gebrauch gemacht zu haben. Mit Beginn des 3. Schuljahres kamen die Mädchen zu Fräulein Schomer, die Knaben zu Lehrer Pünter; dort blieben sie bis zur Ent- lassung. In der Zwischenzeit vermehrte sich meine Ausrüstung wei- ter : ein Katechismus, eine Bibel, ein Aufsatz- und ein Zeichenheft waren hinzugekommen. Katechismusunterricht gab uns Pfarrver- walter Rektor Hecker. Wenn er in die Klasse kam, mußten alle auf- stehen und ihn mit ”Gelobt sei Jesus Christus” begrüßen. Vor X Schulbeginn wurde übrigens immer gebetet. Rektor Hecker wachte auch darüber, daß niemand die Schulmesse (dienstags und freitags) versäumte. Als er uns zur ersten Beichte zuließ, mußten wir nicht nur unsere Sünden im Beichtstuhl bekennen, sondern dem Geistli- chen dazu noch eine schriftliche Liste dieser Sünden übergeben! 1912 ließ er mich zur Erstkommunion gehen. Den Stock hat auch der Rektor nie gebraucht; es kam höchstens vor, daß er mit der einen Hand den Sünder am Ohrläppchen festhielt und ihm mit der anderen ein paar Backenstreiche verabreichte. Anders war Lehrer Pünter. Er erklärte uns zwar die Bibel, machte aber vom Stock reichlich Gebrauch. Häufig stellte er den Verprügelten auch noch in die Ecke. Seine Standardstrafe für nicht gemachte Aufgaben waren 6-7 Schläge mit einem dünnen Stock auf jede Innenhand. Am 2. August 1914 wurde mein Vater Soldat. Bis dahin war ich gut mit Lehrer Pünter ausgekommen. Jetzt aber bürdete mir meine Mutter manche Arbeit auf, die mein Vater vorher getan hatte. So mußte ich z.B. noch vor der Schule (wir hatten keinen elektrischen Strom) die Milchzentrifuge mit der Hand drehen. Das- selbe abends. Dazu mußte im Winter das Vieh gefüttert, Wasser zum Tränken der Tiere von draußen hereingetragen und die Ställe entmistet werden. Da‘Petroleum Mangelware war, brannte die Stal- laterne nur bei heruntergedrehtem Docht und im Wohnzimmer war die große Hängelampe durch ein kleines ”Herrgottslämpchen” ersetzt worden. Wenn meine Mutter die drei Jüngsten zu Bett gebracht hatte, mußten wir drei älteren Geschwister noch knieend einen Rosen- kranz beten. Wen wundert es, daß meine Leistungen in der Schule
89 nachließen? Hin und wieder bekam ich denn auch Lehrer Pünters Standardstrafe zu spüren. Anfang April 1915, es war einige Tage vor meinem 12. Geburtstag, mußte mein einziges Paar Schuhe zur Reparatur. Meine Mutter setzte es durch, daß ich auf Holzschuhen zur Schule ging, etwas absolut Einmaliges bis dahin. Als Lehrer Pünter meine Holzschuhe sah, sagte er wörtlich : ”Diese Dinger da, womit man über den Ozean schwimmen kann, läßt Du da unten ste- hen.” Es war ein naßkalter Tag. Schnee fiel mit Regen vermischt. Ich mußte auf den Strümpfen drei Steinstufen hoch, dann durch den Flur und wieder 14 Holzstufen hoch in die Klasse und an meinen Platz gehen. Dort zog ich die naß gewordenen Strümpfe aus, rieb mir damit die Füsse ab und zog sie nach Schulschluß auch nicht wie- der an. Ich steckte die nackten Füsse in die nassen Holzschuhe und klapperte so nach Hause. Dort war mein Vater zum ersten Male in Urlaub gekommen. Als er meinen Aufzug sah und hörte, wie es mir am Morgen in der Schule ergangen war, sagte er : "Wenn Du Mut- ter weiter so gut hilfst wie bisher, bist Du zum letzten Male in der Schule gewesen. Vorläufig bist Du krank!” Er machte von der damaligen Möglichkeit Gebrauch, kinder- reichen Soldatenfrauen einen Sohn zur Hilfe in der Landwirtschaft beurlauben zu lassen. Er erreichte, daß ich vorerst für ein halbes Jahr vom Unterricht beurlaubt wurde; dieser Urlaub wurde dann nochmal um 6 Monate verlängert. Anschließend wurde ich mit den besten Segenswünschen und einem schlechten Schulzeugnis aus der Schule entlassen. Als der nach meiner Zeit in Herbesthal angestellte Lehrer Lin- gens im Winter 1919-20 einen Fortbildungskursus abhielt, ging ich auch hin. Nach Abschluß dieses Kursus’ im Frühjahr 1920 sagte der Lehrer, er werde nach Deutschland zurückkehren. Ein Zeugnis wolle er uns nicht ausstellen, da dasselbe in Kürze uns mehr schaden als nutzen würde. Dies sind. einige Erinnerungen an meine Schulzeit in Herbes- thal. Beim Jubiläum 1981 gehörte ich zu den vier ältesten noch lebenden Herbesthaler Schülern, die als Gäste zu den Feiern eingela- den waren, und manche Erinnerung wurde wieder lebendig ...
90 Teufelsschlucht an der Göhl von Leonie Wichert-Schmetz Steile, graue Felsenwände, Efeuübersponnen streben, Recken ihre Zackenhände Ganz versteckt in Waldesreben. Heute schaut ein öder, trüber Himmel durch das Baumgezweige. Dunkle Wolken ziehn vorüber, Und der Tag, er geht zur Neige. Wißt ihr noch, ihr grauen Riesen, z Wie ihr hörtet meine Lieder, Wenn ich sang auf grünen Wiesen? Diese Zeit, sie kehrt nicht wieder. Wißt ihr noch, ihr grauen Steine, Wenn ich mit den kleinen Füßen Klettert auf vom Wiesenrain? Ach, der Waghals mußt es büßen. Wißt ihr noch, ich kollert tiefer, Immer tiefer dann herunter, Riß die Händ’ an eurem Schiefer, War doch bald dann wieder munter. Wißt ihr noch, ihr kargen Eichen, Wenn mit Schwestern und mit Basen Forschte nach der Mär vom reichen, Lieben, guten Osterhasen? Wenn ich in die Höhlen spähte, Ernst und träumend, still versonnen, Während meine Schwestern pflückten Bunte Blumen drunt’ am Bronnen, Für die Basen Blumen pflückten, Die als Elfen zart sich dünkten Und mein Märchenherz berückten. Hell und licht in Waldestiefen, Weiße Kleider trugen alle Meine lieben Spielgefährten, Tanzten dann mit lautem Schalle Wie Gestalten aus dem Märchen. Märchenglaube, Kindersehnsucht, Waldesgrund und Lenzesflammen, Helle, klare Kinderherzen, Das gehöret all zusammen. (9.2.1915)
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92 Zum Ursprung des Menschen : Begegnung mit der ”Deutschen Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte von Dr. G. De Ridder Nachdem im April 1981 die Regionaltagung der ”Deutschen Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte” in Kelmis stattgefunden und man gemeinsam den 5000 Jahre alten Bergbau von Rijkholt besichtigt hatte, fand im Oktober 81 der Gegenbesuch im Neander- tal statt. Mit einer großen Gruppe begab sich die Göhltalvereini- E gung in den Düsseldorfer Raum und wurde dort von Herrn Tripp, dem Leiter des ”Arbeitskreises Neandertal” sowie von Herrn Korell, Geschäftsführer der ”Deutschen Gesellschaft für Vor- und Frühge- schichte” empfangen. Viele der Teilnehmer wußten um die Abstam- mung des Menschen, um den Altmenschen, den man als Neanderta- ler bezeichnet. Keiner war jedoch bisher an den Ursprungsort im Neandertal bei Düsseldorf gewesen. Diese Begegnung verdient in unseren Annalen festgehalten zu werden, denn es war doch ein merkwürdiger Eindruck, in dem Tal zu sein, in dem der klassische Neandertaler unserer Breitengrade allem Anschein nach im Laufe des ersten starken Kälteeinbruchs der letzten Eiszeit (ca 60.000- 40.000 vor Chr.) gelebt hat und ausgestorben ist, ohne Nachkom- men zu hinterlassen. Die ehemals großartigen Kalkhöhlen lieferten diesem Menschen Unterschlupf. Bei der Besichtigung des Museums im Neandertal konnte man dem Homo - Neanderthalensis ein wenig auf die Spur kommen. Die ersten Überreste dieser Art wurden 1856 im Lehm einer kleinen Kalkhöhle des Neandertals gefunden und als der Urmenschenfund bezeichnet, aber von vielen Gelehrten der . damaligen Zeit zunächst abgelehnt. Prof. Dr. J.C. Fühlrott (1803-1877) war der Entdecker des Neandertalers. Der Neandertaler lebte in der ausgehenden letzten Riss-Würm - Zwischen-Eiszeit und während des ersten Vorstoßes der Würmeiszeit (ca. 100.000 - 40.000 vor Chr.) Er war hauptsäch- lich Jäger, seine Beutetiere waren Bison, Urrind, Waldelefant, Höh- lenbär, Wildpferd und Mammut. Ergänzt wurde diese Nahrung durch Sammeln von Pflanzen und Beeren. Sobald seine Jagd- und Sammelgebiete nicht mehr genügend Nahrung boten, zog er in aus- giebigere Gegenden weiter, wobei ihm stets natürliche Höhlen als
93 Wohnungen dienten. Typisch für den ca. 155-165 cm. großen Nean- dertaler waren gewisse urtümliche Merkmale : Der lange und flache Gehirnschädel mit zurückweichender Stirn, starke Überaugen- wülste und ein großes und grobes Gesicht mit fehlendem Kinn sowie eine leichte Biegung des Oberarmes und des Oberschenkel- knochens waren kennzeichnend für diesen Menschen. Zwar haben Messungen eine Gehirnkapazität des Schädels festgestellt, die teil- weise über dem Mittelwert des heutigen Menschen liegt, doch war das Gehirn selbst noch nicht so differenziert. Immerhin hatte der Neandertaler bereits eine Kultur entwickelt, die unter anderem ver- schiedene Steinwerkzeuge, Faustkeile und Schaber hervorbrachte. Aber so ohne weiteres wurde damals der Fund Fühlrotts nicht ange- nommen. Erst als man 1886 in Belgien weitere Skeletteile entdeckte, wurde das eiszeitliche Alter des Neandertalers anerkannt. Bis heute es = C_ A De . > A DA AURAC Monument in unmittelbarer Nähe des Neandertal-Museums Foto Herbert Emonts-pohl
94 wurden zahlreiche weitere Funde zum Teil vollständige Skelette, in vielen Teilen Europas gemacht und alle in Höhlen, so daß man über diesen Urmenschen inzwischen recht gut Bescheid weiß. In unserer Gegend wurden bisher über tausend Funde des Neandertalers auf- gedeckt. Noch am gleichen Tage konnte Herr Bricteux, Geschichts- lehrer an der Kelmiser Mittelschule, in Düsseldorf, im Löbbecke- Museum, die Funde des Neandertalers aus belgischer Sicht darstel- len. Inzwischen wurden in Maastricht bedeutende Funde des Prä- Neandertalers gemacht. Die Gebrüder Felder, uns bekannte Geolo- gen, werden uns diese Funde eines Tages an Ort und Stelle präsen- tieren können. ; SKELETT DES ® 1856 GEFUNDEN NEANDERTALERS nn U IM NEANDERTAL & & \ u K N | \
95 Wenn wir uns dann heute als den sogenannten Homo sapiens Stein- heimensis bezeichnen, als den Neumenschen, so wurde noch immer ein langer Weg zurückgelegt bis der Mensch zum Jetztmenschen so bescheiden eingeordnet wurde in die Eusapiensgruppe. Bei der großen Lückenhaftigkeit des Fundmaterials kann die Frage nach der Abstammung des Menschen noch immer nicht restlos beant- wortet werden, auch wenn man jetzt in der Afarwüste im Nord- Osten Äthiopiens den ältesten Vorfahren des Menschen, der 3 Mil- lionen Jahre alt sein soll, ausgegraben hat. Geblieben ist jedoch bei dem Besuch im Neandertal das Bild des Neandertalers, der im August 1856 in der kleinen sogenannten ”Feldhofergrotte” im Zuge des Kalkabbaues entdeckt wurde. Im Tal der Düssel ist als letztes land- schaftliches Dokument nur noch der ”Rabenstein”, (ein ca. 15 m hoher Kalkstein) geblieben. Der Prediger und Kirchenlieddichter Joachim Neander (1650-1680) suchte häufig das malerische Tal der Düssel auf, das früher ”Gesteins” hieß und dem er viele schöne Lieder wid- mete, das aber bereits 1930 mit der ehemaligen Landschaft keinerlei Ähnlichkeit mehr bot. Geblieben war der merkwürdige Moment, vor diesem Rabenstein zu stehen und damit an dem Ort, an dem vor Jahrtausenden Menschen Leben weitergetragen haben. Daß wir, die wir da vom Göhltal kamen, an diesem merkwürdigem Platz ein Blu- mengebinde aus Moos und Farn niederlegten, hinterließ ein denk- würdiges Gefühl. Die Begegnung mit Herrn Anton Tripp, mit Herrn Dr. Dieter Korell, mit Herrn Peiffer und Herrn Franck wird unsere Gruppe zu schätzen wissen, und vielleicht kann auch der Wunsch dieser Gesellschaft in Erfüllung gehen, nämlich an die Stät- ten des belgischen Neandertalers geführt zu werden.
96 Eine denkwürdige Feierstunde im Raerener Museum von Dr. Gisela De Ridder Schon lange warteten die Geschichtsfreunde unserer Gegend auf eine Neuauflage von Dr. Hermann Wirtz’ ”Eupener Land”. Der Göhltalvereinigung ging daher ein großer Wunsch in Erfüllung, als die Witwe des Autors, Frau Änny Wirtz-Schauff, ihr die Genehmi- gung zum Nachdruck erteilte. Nach den erforderlichen Vorarbeiten war es dann am 10. Oktober soweit : die Gemeindeväter von Raeren luden zur Vorstel- lung des Nachdrucks zu einer kleinen Feier in die Burg Raeren ein. Schöffe Dr. Michel Kohnemann hieß in Vertretung von Bürger- meister Schumacher die zahlreichen Gäste aus nah und fern herz-
98 Geschäft. Dem jungen Hermann Wirtz sollte es an nichts fehlen. Man schickte ihn ins Internat nach Neunkirchen, wo er das Abitur machte, um anschließend in Bonn Philosophie und Jura zu studie- ren. Er promovierte mit dem Thema ”Die Gerichtsbarkeit von Aachen”. Seine erste Anstellung bekam der Jurist an der Handels- kammer in Aachen; später kam er nach Eupen. Eine Mittlerrolle zu spielen dachte Dr. Hermann Wirtz nach dem Ersten Weltkrieg. Er vertrat den Völkerbund auf deutscher Seite. 1922 wurde er durch Gouverneur Baltia aus Eupen-Malmedy ausgewiesen. Innerhalb von 24 Stunden hatte er das Land zu ver- lassen. Noch im gleichen Jahre ehelichte er in Zweifall die gebürtige f Eupenerin Änny Schauff. Nach einer vorübergehenden Bleibe in Aachen konnte er über die Verbindungen seines Schwiegervaters Mitinhaber einer Kölner Bank werden. Für seine Beziehungen zur alten Heimat waren diese Kölner Jahre entscheidend. Acht Jahre hindurch verbrachte er jeden freien Tag, alle Ferien, im Eupener Land. Unendlich viele Kilometer hat seine Frau ihn mit dem Auto durch die Gegend gefahren. Unge- zählte Male haben sie dabei das Walhorner Gemeindehaus und das dortige Archiv besucht. 1929 baten ihn die Raerener um einen Auf- satz zur Raerener Pfarrgeschichte, der die Festschrift zum 75- jährigen Bestehen des Raerener Gesangsvereins krönen sollte. 1930 führte der Lebensweg den geborenen Raerener nach Berlin, wo er zu seiner großen Freude auf die Landsmannschaft Eupen-Malmedy- Monschau stieß, die seit 1926 bestand und über 200 Mitglieder zählte. Jeden Monat veröffentlichte man eine Zeitschrift mit Nach- richten aus der Heimat. Regelmäßig traf man sich und tauschte die neuesten Nachrichten aus. 1936 veröffentlichte Hermann Wirtz das Ergebnis seiner vielen heimatkundlichen Quellenstudien in dem Buch ”Eupener Land”. Das Werk fand viel Beifall und war schnell vergriffen. Der Ausbruch des Krieges brachte für den Juristen und Finanzfachmann Wirtz neue Aufgaben : 1940 wurde er Stadtkom- mandant von Paris; später war er in gleicher Funktion in Nizza. Nach dem Krieg und bis 1960 war Dr. Hermann Wirtz wieder als Jurist tätig. Noch als 67-jähriger legte er die Prüfung als Wirt- schaftsprüfer und Treuhänder ab und war noch zehn Jahre am Gericht in Berlin tätig. Große Prozesse, in denen er als hauptverant-
99 wortlicher Gutachter fungierte, konnten für seine Klienten erfolg- reich abgeschlossen werden. Bei aller Arbeit und trotz der großen Entfernung blieb die Bin- dung zur Heimat bestehen. 1972 war es ihm vergönnt, im Kreise vieler Freunde, unter ihnen Pastor Viktor Gielen, seine Goldhoch- zeit in Raeren zu feiern. Daß er diesen Tag erleben durfte, war für ihn ein Höhepunkt, der in manches erlittene Weh vergessen ließ. Als Hermann Wirtz am 19.12.1973, im 81. Lebensjahr, in Ber- lin verstarb, schloß er versöhnt mit dem Leben die Augen. Seiner Gattin hinterließ er ein Erbe, das vor allem den Auftrag enthielt, den Heimatgedanken weiterzutragen. Dr. Hermann Wirtz, Träger des päpstlichen Ordens vom hl. ; Grab, hat die Geschichte mit dem Herzen sehen und lesen gelernt. Wir, die wir nach ihm kommen, sollten seinen Auftrag weitertragen, weil wir nur so die Ereignisse der Geschichte verstehen und diesel- ben für die Gegenwart und die Zukunft zusammenfügen können. Es war der Göhltalvereinigung eine Ehre und eine Freude, das Werk Dr. Hermann Wirtz vorzustellen. Wir sind stolz auf diesen Auftrag.
100 Alter Gewichtstein von M.Th. Weinert Es ist ein Kalkstein, ein Kegelstumpf, leicht gerillt an dem langen Rumpf, und die Kante ist rund. Hätt’er einen Mund, und wär er gewillt, er könnte berichten, von Menschen und Waagen und Steingewichten ... uralte Geschichten, X die an ihm hängen, und die er niemals loswerden kann : angefangen bei jenem Mann, der ihn behauen, fünf Kreuze geritzt, Andreaskreuze, je eins für zehn Pfund, vor vielleicht fünfhundert Jahren, derselbe, der Hab und Gut verpraßt, hat ihm den eisernen Ring verpaßt, ihn dann eingetauscht, ihn, den Wiegestein gegen ein kleines Fäßchen Wein - und ist davongefahren. Der Stein kam zum Müller und wog und wog, daß sich die Schale der Waage bog, das Mehl und die Kinder, den Esel, das Korn, bis der Müller durch Feuer die Mühle verlorn. Den Stein fand ein Krämer und schaffte ihn fort. ; Er wog dann an einem heimlichen Ort : Salz, Wachs und Honig und Rüben und Tuch, und was er auch wog, es war nie genug ... Drum meißelt’ der Krämer mit eiliger Hand eine Zahl hinzu an den steinernen Rand ... So wurde der ehrliche, alte Stein ”Unehrlich Gewicht”! Und der Krämer machte ein dummes Gesicht, als der Büttel kam und lochte ihn ein! Was nun mit dem Stein? Mit dem Wiegen war’s aus, der Büttel schafft ihn ins eigene Haus { und steckt’ ihn ins Krautfaß für fünfzig Jahr!
101 Dort preßt’er das Kraut, bis das sauere Naß ihm Löcher fraß in die steinerne Haut. Erst als der Büttel verstorben war, sein Kraut und Gut verteilt, nahm einer sich des Steines an und kettete seinen Hund daran. Der Stein stand im Hof an die dreihundert Jahr. Bauern und Hunde wurden nicht rar, der Stein blieb immer derselbe. Als dann der Hof zuschanden kam, verrostet die Hundekette, ein Vagabund den Stein aufnahm, verlor ihn bei einer Wette ... Und der ihn gewann, schlug die Halterung flach, der Stein kam unter den Schragen, er half, drei Menschenleben lang, Fässer voll Wein zu tragen. Die Menschen verstarben, er wechselt’ den Ort seit der Xten Generation. Er dauert. Wie lange dauert er noch? Er steht jetzt auf meinem Balkon ...
102 Auf dem Büchermarkt von Alfred Bertha Nur noch antiquarisch zu haben war eine der bedeutendsten Veröffentlichungen der Vorkriegszeit über das Eupener Land. Unserer Vereinigung ist es gelungen, die Nachdruckrechte dieses Werkes zu erhalten. Gemeint ist Hermann Wirtz : Eupener Land, 92 Seiten Text und 4 Bildta- feln, Verlag Volk und Reich, Berlin 1936. Dr. Hermann Wirtz, geborener Raerener, hatte seine Heimat . nach dem Anschluß an Belgien verlassen müssen. Doch die Liebe zum Eupener Land war in ihm wach geblieben. Eifriges Quellenstu- dium und intensives Sammeln geschichtlicher Unterlagen führten schließlich zur Veröffentlichung des obengenannten Werkes. Wirtz konnte sich dabei auf manches inzwischen verloren gegangene Dokument beziehen und so kommt seiner Arbeit heute ein besonde- rer Stellenwert zu. Nach einer kurzen allgemeinen Übersicht über die Geschichte des Herzogtums Limburg wendet der Verfasser sich speziell Raeren und Neudorf zu und geht auf Lage, Namen, Flurbezeichnungen, Straßen, Klima und Bodenerzeugnisse ein. Die geschichtlichen Daten für die beiden Orte, eingebettet in den größeren geschichtlichen Zusammenhang, zeigen, welche krie- gerischen Ereignisse im 17. Jh. das Eupener Land heimgesucht haben. Sodann behandelt Wirtz” Gewerbe und Handel um 1700 in Raeren und Neudorf”, die Ereignisse während des spanischen Erbe- folgekrieges und die langen Friedensjahre bis zur französischen Revolution. In besonderen Kapiteln werden Verwaltung und Gericht der Bank Walhorn sowie Lehnswesen und Besitzverhältnisse abgehan- delt. Die französische Zeit leitet dann über zu den langen Jahrzehn- ten friedlicher Entwicklung in preußischer und deutscher Zeit, womit der Autor seine Untersuchungen abschließt. Im Anhang finden wir eine Münz- und Maßtabelle, einen Belehnungsbrief über Hof Belven, eine Aufstellung der Kapitalbe- lastungen der Gemeinden Raeren und Neudorf um 1650 und 1750 und eine Liste der Drossarde und Schöffen der Bank Walhorn.
103 Dr. Heinrich Neu, bekannt als Mitherausgeber der Kunstdenk- mäler von Eupen-Malmedy und als nachmaliger Ehrenpräsident des Geschichtsvereins ”Zwischen Venn und Schneiffel”, schrieb kurz nach dem Erscheinen dieses Buches : ”Es ist ein Buch, das jedem Sohne des Eupener Landes etwas zu sagen hat, ein Heimatwerk, dem man nicht nur in der näheren Heimat des Verfassers, sondern auch in dem schicksalverbundenem Malmedyer und St. Vither Land eine weite Verbreitung wünschen kann.” Auch wir wünschen, daß die nun vorliegende Neuauflage die- ses Werkes das wohlverdiente Echo in der Leserschaft finden möge. ”Eupener Land” ist erhältlich im Sekretariat der Göhltalverei- nigung sowie in der Geschäftsstelle des Grenz-Echo, Eupen zum Preise von 320 Fr. (Abholpreis). II a al I ak ak ak ak ak aR al Ra al al aka aR RR RR al all OR EI I OR al OR ak aR ak RI RR OR ak ık- Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz Der neunte Ausgabe in der von Paul Clemen herausgegebenen Reihe ”Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz” umfaßte ursprüng- lich (im Erscheinungsjahr 1912) in der II. Abteilung ”Die Kunst- denkmäler der Landkreise Aachen und Eupen”. Der Bearbeiter, Dr. Heribert Reiners, hat später, 1935, den Kunstdenkmälern der in- zwischen zu Belgien gekommenen Kreise Eupen und Malmedy einen Sonderband gewidmet. Dabei hat er seinen Beitrag über den Kreis Eupen von 1912 wesentlich überarbeiten und erweitern kön- nen. Aus diesem Grunde hat der Verlag Schwann in dem nun vor- liegenden Nachdruck der Kunstdenkmäler des Landkreises Aachen die Kunstdenkmäler des Kreises Eupen ausgeklammert und statt dessen diejenigen der Kreise Aachen und Monschau (1927 erschie- nen, bearbeitet von Karl Faymonville) in einem Ausgabe vereint. Der Verlag hat jedoch die Absicht, ”im Zuge des Nachdrucks aller Cle- men’schen Kunstdenkmälerbände auch den Ausgabe ”Die Kunstdenk- mäler von Eupen-Malmedy” wieder aufzulegen.” Die ”Kunstdenkmäler” sind allen Freunden der Geschichte und der Kunst (im weitesten Sinne) wärmstens zu empfehlen. Die gedie- gene Aufmachung (Leineneinband mit Schuber) verdient ein beson- deres Lob. Hier noch kurz der Steckbrief : ”Kunstdenkmäler des Landkreises Aachen und des Kreises Mon- schau”, (von Heribert Reiners und Karl Faymonville), Nachdruck 1981, Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf. Preis 128 DM.
104 Der sehr rührige Geschichtsverein ”Zwischen Venn und Schneiffel”, der vor allem das deutschsprachige Gebiet südlich des Venns abdeckt, ist in den letzten Jahren schon mehrfach durch auf- sehenerregende Buchveröffentlichungen hervorgetreten. Den 850. Jahrestag der Ersterwähnung von neun Pfarrdörfern des St. Vither und Büllinger Landes hat nun ZVS-Ehrenpräsident Hubert Jenni- ges zum Anlaß genommen, die Geschichte der Pfarren Aldringen Bellevaux, Büllingen, Bütgenbach, Dürler, Neundorf/St Vith, Weis- mes und Weiswampach in ihren großen Zügen nachzuzeichnen. Ausgangspunkt sind zwei Urkunden aus den Jahren 1130 bzw. 1131 bezüglich der Kollationsrechte des Abtes von Stavelot- Malmedy und der Unterhaltsleistungen verschiedener Kirchen. In, dem einen oder anderen Zusammenhang werden dabei auch die genannten neun Kirchorte erwähnt. Einleitend gibt der Autor einen ”kirchengeschichtlichen Rück- blick” auf das Land zwischen Venn und Schneiffel, stellt dann die Urkunden von 1130-1131 in den geschichtlichen Kontext und bringt abschließend für jeden der in diesen Urkunden zum ersten Male erwähnten Kirchorte einen gedrängten pfarrgeschichtlichen Abriß. Neben dem historischen Wissen, das diese Publikation vermit- telt, - es ist die erste dieser Art im Land zwischen Venn und Schneif- fel - sind die reichhaltigen Literaturhinweise und die hervorragende Bebilderung zu erwähnen; ebenfalls hervorheben muß man die gediegene Druckarbeit der Grenz-Echo Druckerei. Hubert Jenniges, ”’850”, Verlag des Geschichtsvereins ZVS, 1981, 213 S., 250 Fr, wird gewiß nicht nur jenseits des Venns viele interes- sierte Leser finden. OH I Oak OR a aa ala Ra al al RR ak RI a al RR I RR Ra ak aka aR al RR I Ik RIO RR OR OR OR ”Eilendorfer Flurdenkmäler”” stellt Hubert Beckers (Autor unseres Artikels auf S. 5-26 dieser Zeitschrift) in einer sehr gefällig aufgemachten, 83 Seiten starken Broschüre, vor. Seiner Arbeit stellt er das Wort voran : ”Es ist eine Schande, in der Heimat zu leben und die Heimat nicht zu ‘kennen.” Kreuze, Denkmäler und Grenzsteine Eilendorfs sind hier zum ersten Male systematisch in Wort und Bild erfaßt und dargestellt. Diese reichhaltige Bebilderung und die Wiedergabe der Kreuzin- schriften machen das Werk auch für Nicht-Eilendorfer interessant, erlauben sie doch, sprachliche und stilistische Vergleiche zwischen den Flurdenkmälern diesseits und jenseits der Grenze zu ziehen.
105 Erwähnt sei noch, daß die Arbeit kostenlos bei der Stadtspar- kasse Aachen,.Zweigstelle Eilendorf, von-Coels-Straße oder Zweig- stelle Karlstraße an Interessierte abgegeben wird. Sollte sie dort schon vergriffen sein, so kann dieselbe auch beim Verfasser (Rödgerbachstraße 9, 5100 Aachen) zum Preise von 6,80 DM plus Versandkosten bestellt (oder abgeholt) werden.
106 ° Jahresbericht 1981 von Dr. Gisela De Ridder 1. Veranstaltungen JANUAR: Am 25.1.1981 fand die jährliche Generalversammlung unter Leitung des Präsiden- ten, Herrn Peter Zimmer, im Park-Cafe, Kelmis statt. Zahlreiche Freunde aus Nah und Fern, unter ihnen auch Kulturhauptinspektor Firmin Pauquet und Gattin, wur- den aufs Herzlichste willkommen geheißen. Wieder wurde den Mitgliedern für ihre Treue und rege Mitarbeit gedankt. Der Präsident dankte vor allem der Gemeinde Kelmis und dem Kulturamt für die finanzielle Unterstützung. Die Vizepräsidentin, Frau Dr. De Ridder, verlas den Jahresbericht für 1980. Der Kassierer, Herr Fritz Stein- beck, legte einen ausführlichen Finanzbericht vor, der mit einem Bonus abschloß. Durch Wiederwahl wurden folgende Verwaltungsratsmitglieder wieder in den Rat - gewählt : Frau Dr. De Ridder, die Herren A. Bertha, F. Nyns, H. Heydasch, A. Jan- sen, W. Palm, J. Radermacher und P. Zimmer. Neu in den Rat wurden Frau Schu- macher aus Moresnet und Herr Lennertz aus Neu-Moresnet aufgenommen. Kulturhauptinspektor Pauquet verwies auf die Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen der belgischen Dynastie und damit wurde eine Fahrt nach Coburg be- schlossen. Der Historiker Dr. A. Minke aus Eupen beeindruckte anschließend die Zuhörer- schaft mit einem Thema, das nur wenigen geläufig war: ”Die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse im Göhltal nach dem Konkordat von 1801”. Da das Göhl- tal nie eine verwaltungsmäßige oder kirchliche Einheit gebildet hatte, behandelte er die Gemeinden bzw. die Pfarreien des Göhltals und deren Nächbarpfarreien, die zu einem gemeinsamen Verwaltungs- und Kirchenbezirk zusammengeschlossen waren, und beschränkte sich auf die Pfarreien, die zum Kanton Eupen gehörten. Mit seinen Ausführungen erntete Dr. Minke, dem es gelungen war, die Atmosphäre einer bewegten Zeit unserer Gegend (Ende 18., beginnendes 19. Jahrhundert) wiederzuge- ben, viel Beifall. FEBRUAR: Am 20.2. lud die Vereinigung im Park-Cafe, Kelmis, zu einem interessanten Vortrag ein. Der Kunsterzieher Ulrich Noppeney aus Aachen begeisterte mit seinem Lichtbil- dervortrag über die Wohnkultur des Aachener Raumes einen sehr interessierten Zuhörerkreis. Er zeigte das Aachener Wohnhaus in seiner Gestalt und in seiner Ent- wicklung, unter besonderer Berücksichtigung des 17. bis frühen 19. Jahrhunderts. Mit seinen 200 Lichtbildern stellte er eindrucksvoll Aachens Stadtbaugeschichte dar. MÄRZ: 28.3. : Zu einem Lichtbildervortrag über die Wienreise 1980 lud die Vereinigung in den Saal Kockartz in Hauset ein. Nicht nur die Teilnehmer der Wienreise, sondern auch zahlreiche Interessierte konnte die Vizepräsidentin Frau Dr. De Ridder aufs Herzlichste begrüßen. Noch einmal wurden alle Stationen der Wienreise durch sehr gelungene Lichtbilder, die Herr Herbert Emondtspohl aus Raeren auf der Fahrt fest- gehalten hatte, gezeigt. Während 3 Stunden wurde die Reise nach Österreich durch Frau Dr. De Ridder wieder lebendig. APRIL : 25.4. : In Zusammenarbeit mit der Göhltalvereinigung veranstaltete die Deutsche Gesellschaft für Früh- und Vorgeschichte im Park-Cafe, Kelmis, eine Regionalta- gung, zu der sehr viele Teilnehmer erschienen waren. Herr Tripp aus Düsseldorf, als Sprecher der Gesellschaft für Früh- und Vorgeschichte, dankte der Vereinigung für diese Initiative. Kulturhauptinspektor F. Pauquet, Präsident Peter Zimmer und - im Namen der Gemeinde Kelmis - Schöffe Leonhard Hamel tauschten Grußworte aus.
107 In den anschließenden Referaten mit Lichtbildern berichtete Dr. Siegfried Lehmann aus Gießen über ”Die wilden Leute aus den Bergwäldern”. Von dem niederländi- schen Geologen, Herrn Felder, folgte der Vortrag ”S000 Jahre Bergbau in holländisch- und belgisch, Limburg”. Nach einem gemeinsamen Mittagessen begab man sich zum niederländischen Rijkholt und konnte ein prähistorisches Feuerstein- bergwerk besichtigen. Die nächste gemeinsame Tagung wurde für den Herbst im Neandertal geplant. Die Organisation dieser Tagung lag in den Händen von Frau Dr. De Ridder. m A A BE WW 3 S UN, ER RENER Gm ad a N 7 # B a BSR UNE, PAR Tagung der Westdt. Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte : Ausflug nach Rijkholt (Maastricht) Foto A. Jansen MAI: Am 10. Mai leitete Herr Alfred Jansen eine Exkursion, die unter dem Thema "Eine Höhlenfahrt nach Han s/Lesse” 54 Teilnehmer begeisterte. Was die Natur dort im Laufe von Jahrmillionen an ”Kunstwerken” geschaffen hat, löste viel Staunen aus. Auch das anschließend besichtigte Tele-Kommunikationszentrum der belgischen Post in Lessive wurde sehr interessiert aufgenommen. JUNI: 14.6. : Schon lange war es der Göhltalvereinigung ein Herzenswunsch gewesen, "von Altenberg nach Altenberg” ins Bergische Land zu fahren. Unter der Leitung von Frau Dr. De Ridder und Herrn Walter Meven ging die Fahrt nach Hückeswagen. Dort wurde die Gruppe vom stellvertretenden Bürgermeister, Herrn Hoffmann und Herrn Dr. Dieter Corell, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte, empfangen. Herr Dr. Corell führte die Gruppe durch das Museum und durch den Stadtkern Hückeswagen. In Lennep, der Vaterstadt Wilhelm von
108 Roentgens, wurden die Teilnehmer von Studiendirektor Franke, Mitglied der Deut- schen Gesellschaft für Früh- und Vorgeschichte, willkommen geheißen. Unter seiner Führung wurde die Geschichte der Stadt sehr lebendig geschildert. Die Besichtigung des Altenberger Domes war die letzte Etappe dieser ausgefüllten und eindrucksvollen Studienfahrt. 28.6. : Unter der Leitung von Ernst Gilles organisierte die Vereinigung eine Ganz- tagsexkursion in das Hohe Venn. Herr Gilles aus Raeren verstand es einzigartig, diese einmalige Moorlandschaft Europas den Teilnehmern unvergeßlich nahezu- bringen. August : In der Zeit vom 10. bis 15.8. organisierte die Vereinigung unter der Leitung von Frau Dr. De Ridder und Herrn‘ Walter Meven eine Studienreise in das Coburger Land unter dem Motto ”150 Jahre belgische Dynastie”. 47 Teilnehmer erlebten Coburg, das Coburger Land, Bayreuth, Bamberg und Würzburg kulturhistorisch, landschaftlich und kulinarisch. Der Empfang im Coburger Rathaus durch die Bür- > germeisterin Seyrath war ein Erlebnis. Auf der Hinfahrt wurde unter Leitung von 2 eh Der Besuch von Vierzehnheiligen war einer der vielen Höhepunkte der . 3 Coburg-Reise. Foto A. Jansen
109 Ba _ N 5 DR BE s BC a Ban Pa S e KA ; % ZA .w Die Teilnehmer der Reise nach Coburg Foto A. Jansen Herrn Dr. Lehmann dem ”Wilden Frauengestühl”, einer prähistorischen Stätte im Wetteraukreis bei Dauernheim, ein Besuch angestattet. Die gute Unterbringung in den Hotels in Coburg und Bamberg, die freundliche Bewirtung, die fränkische Küche und die alten deutschen Kulturstätten, komprimiert erlebt, trugen dazu bei, daß diese ausgefüllte Studienfahrt für alle Teilnehmer als eine unvergeßliche Reise in Erinne- rung bleiben wird. September : Unter der Leitung von Frau Dr. De Ridder führte die am 6.9. organisierte Studien- fahrt die Teilnehmer durch das Göhltal bis zur Mündung der Göhl. Die Fahrt, die über Holset in den Valkenburger Raum führte, gab der Gruppe Gelegenheit, das hol- ländische Göhltal kennenzulernen. Der Besuch des heimatkundlichen Gartens an der Wassermühle Schaloens lieferte einen Beweis dafür, was von holländischer Seite zum Schutze der Natur unternommen worden ist. In den Gemeindegrotten Valken- burgs wurden die Teilnehmer im Namen der Gemeinde Valkenburg durch Archivar Mülleners empfangen. Über den Reichtum an Kunstschätzen in unmittelbarer Nähe waren die wenigsten der Teilnehmer vor der Fahrt im Bilde. Zum ersten Mal war die Göhltalvereinigung mit einer Gruppe an der Mündung der Göhl in die Maas bei Vol- wames. 19.9. : In bewährter Weise leitete Präsident Peter Zimmer seine 22. Grubenfahrt nach Waterschei und brachte 58 Teilnehmer die Welt der Bergleute nahe. Auf der Sohle in 1040 Meter Tiefe wurden die Bergleute des Göhltals durch Bergsteiger über viel Wissenswertes im Bergwerksaufbau und den Einrichtungen informiert. Der Bergmannsberuf wurde nach der Fahrt unter Tage in einem ganz anderen Licht gesehen.
110 20.9. : Auf vielfachen Wunsch organisierte die Vereinigung unter der Leitung von Herrn H., Lennertz eine Studienfahrt nach Brüssel zu der Ausstellung ”Wir, König der Belgier, 150 Jahre belgische Dynastie”. Der königliche Palast, höchst selten zugängig, war Schauplatz einer hervorragend dargestellten Ausstellung. Mit einem Bummel durch das Zentrum endete ein sehr interessanter Nachmittag. Oktober : Am 3. Oktober lud die Deutsche Gesellschaft für Früh- und Vorgeschichte die Verei- nigung ins Neandertal bei Düsseldorf ein. Der prähistorische Mensch wurde mit dem Besuch des Museums im Neandertal vorgestellt. Herr Tripp und Herr Dr. Dieter Corell führten durch dieses Tal und an historische Stätten im Düsseldorfer Raum. Bei der anschließenden Tagung im Löbbecke-Museum hielt Herr Anton Tripp einen Lichtbildervortrag über die Ergebnisse der Neandertalforschung in den vergangenen 125 Jahren. Der Historiker Roger Bricteux, Studienrat an der Kelmiser Mittelschule, gab eine historische Zusammenfassung über den belgischen ”Neandertaler”. Der Besuch an der Fundstätte dieses prähistorischen Menschen gab der Vereinigung E Anlaß, ein Blumengebinde mit den belgischen Farben niederzulegen. Die Organisa- tion der Tagung oblag Frau Dr. De Ridder. Am 25. Oktober veranstaltete die Vereinigung ihre letzte Studienexkursion mit 55 Teilnehmern : unter der Leitung von Kunsterzieher Ulrich Noppeney begab man sich nach Brabant. Auf dieser großen Rundfahrt wurden die Orte Wezeren im Has- pengau, Gingelom, Tienen, Neerhespen, Hoegarden und Zoutleeuw besucht. Die Grundlinien des Kirchenbaus, die Entwicklung des christlichen Altars und die schwierigen kostspieligen Restaurierungen wurden durch Herrn Noppeney allen Teilnehmern anschaulich vermittelt. Herr Walter Meven aus Hergenrath referierte über die Christianisierung und die frühe Kirchengeschichte Belgiens. Herzliche Worte des Dankes wurden Herrn Noppeney zuteil. N A M “% 2} A CE HM m | 1.4 = 8 a N a DA A - N Ca & AA Die St. Amandus-Kirche in Wezeren mit romanischem Chor und merowingischem Altar
12 4. Veröffentlichungen 1981 : Das Heft "Im Göhltal” Nr. 28 erschien im Mai, Heft Nr. 29 im Oktober. Die Gestal- tung der Hefte lag in den Händen von Lektor Alfred Bertha. Am 10. Oktober wurde im Schloß zu Raeren mit Unterstützung der Gemeinde Raeren der Nachdruck des historisch wertvollen Buches "Das Eupener Land” von Dr. Hermann Wirtz der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Witwe des Autors, Frau Wirtz-Schauff, kam als 80- jährige eigens mit dem Wagen aus Berlin, um an dieser sympathischen Feier, die mit einer Führung durch das neugestaltete Raerener Töpfermuseum verbunden war, teilzunehmen. 5. Pressemitteilungen 1981 : Alle Veranstaltungen der Vereinigung : 8 Exkursionen, 4 Lichtbildervorträge, 1 ein- wöchige Studienreise und eine Studientagung, wurden in der hiesigen Presse ange- kündigt und anschließend besprochen. 6. Mitgliederzahl Die Mitgliederzahl (am 31.12.1981) ist auf 717 geklettert. Damit sind im Jahre 1981 ; 92 Mitglieder in die Göhltalvereinigung neu eingetreten. 7. Die Verwaltungsratssitzungen In der Verwaltungsratssitzung vom 18.2.81 ging es um die Organisation der Studien- reise nach Coburg. Am 18.5.81 war zu vernehmen, daß die Töchter des Autors und heimatkundlichen Schriftstellers Jeuckens, Frau Hamacher und Frau Hedel Coninx, die Erlaubnis zum Nachdruck des Buches ”Eupener Land im Wandel der Zeiten” gegeben haben. Als diskriminierend empfindet die Vereinigung das Einstellen der geschichtlichen Sen- dungen im BRF, die unter dem Titel "geschichtliche Funkbilder”liefen. Verschie- dene Schritte sind vorgesehen, damit eine Rechtfertigung stattfindet. Die Begrün- dung, man werde Sendungen in Mundart des Eupener und des St. Vither Raumes bringen, reicht nicht, weil Kelmis ausgeschlossen ist. Außerdem war zu erfahren, daß die Westdeutschen Kalkwerke einen Beschwerde- brief an die Gemeinde Kelmis gerichtet haben, in dem sie sich beklagten, nicht mehı Herr im eigenen Haus zu sein. Gemeint sind die Galmeihalden, die immer wieder von geologisch Interessierten aufgesucht werden. Am 3.8.81 wurden ausführlich die letzten Fragen zur Gestaltung der Coburger Reise besprochen. Am 14.10. beschließt der Rat eine geeignete Geschäftsstelle für das Sekretariat zu suchen. Herr Zimmer legt mit dem zu Ende gehenden Mandat sein Amt nieder! Aus beruflichen Gründen legt die Vizepräsidentin Frau Dr. De Ridder ebenfalls ihr Amt nieder und scheidet aus dem Verwaltungsrat aus. Herr Lennertz und Herr Nyns kan- didieren für den Vorsitz. Am 7.12. verliest der Präsident, Herr Peter Zimmer, ein Schreiben, in dem Frau Trouet mitteilt, daß sie das Amt des 2. Schriftführers niederlegt. Beschlossen wird der Umzug des Sekretariats in die Lütticher Str. 36 auf Tülje. Dem Kassierer, Herrn Steinbeck, erscheint die Miete als tragbar. Das endgültige Programm für das 1. Halbjahr 1982 wird festgelegt. Nach 13-jähriger Tätigkeit scheidet nunmehr der Präsident, Herr Peter Zimmer aus. Die anwesenden Ratsmitglieder wählen in geheimer Wahl zum Präsidenten : Herrn H. Lennertz, zum 1. Vizepräsidenten Herrn F. Nyns, zum 2. Vizepräsidenten Herrn A. Bertha.