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Im Göhltal ZEITSCHRIFT der VEREINIGUNG für Kultur, Heimatkunde und Geschichte im Göhltal N “27
Vorsitzender : Peter Zimmer, Sandweg 8 - 3, Kelmis Sekretariat : Kirchplatz, 6 - 4720 Kelmis - Tel. 087/65.99.62 Lektor : Alfred Bertha, Hergenrath, Bahnhofstraße, 33 Kassierer : Fritz Steinbeck, Kirchstraße, 20, Kelmis Postscheckkonto N° 000-0191053-60 Die Beiträge verpflichten nur die Verfasser. Alle Rechte vorbehalten. Entwurf des Titelblattes : Frau Pauquet-Dorr, Kelmis Diese Skizze zeigt den Moresneter Göhltalviadukt sowie die Hergenrather Hammerbrücke in ihrer ursprünglichen Form. Druck. Jacques Aldenhoff, Gemmenich.
3 Inhaltsverzeichnis Firmin Pauquet, Kelmis Erste urkundliche Erwähnung der Orte 4 Hergenrath und Kelmis am 22. März 1280 Dr. Gisela De Ridder, Die ehemaligen Zinkgruben des Kelmis Altenberger Grubenfeldes 10 Walter Meven, Hergenrath Die ”’Herrlichkeit’” Eynatten 24 Alfred Bertha, Hergenrath Die Anfänge der evangelischen 27 Kirchengemeinde zu Neutral- und Preußisch-Moresnet Leonie Wichert-Schmetz, Alles hat seinen Ort und seine Zeit 53 Bad-Driburg Leo Homburg, Fossey Deutsch-belgischer Grenzverkehr im 54 Spätherbst 1939 Gerard Tatas, (+) Die salomonische Antwort 59 Gemmenich In memorian Gerard Tatas 61 Alfred Bertha, Hergenrath Hergenrather Schulchronik 64 Walter Meven, Hergenrath Aushebung in Raeren und Neudorf 77 Albert Janclaes, Walhorn Ein altes Haus erzählt 80 Gerard Tatas () Ein zweiter Diogenes 88 Walter Meven, Hergenrath Das Amt des Henkers in alter Zeit 90 Alfred Bertha, Hergenrath Auf dem Büchermarkt 106
4 Erste urkundliche Erwähnung der Orte Hergenrath und Kelmis am 22. März 1280 von Firmin Pauquet Es mag ein Zufall sein, daß die beiden Orte Kelmis und Hergenrath, die seit der Gemeindefusion (1977) der Großgemein- de Kelmis angehören, vor 700 Jahren erstmalig in derselben Urkunde erwähnt werden. Immerhin zeugt dies von gewissen % durch die Nachbarschaft bedingten Gemeinsamkeiten im Laufe der Jahrhunderte. Die besagte Originalurkunde gehört zum Bestand der ehe- maligen Zisterzienserabtei Camp (Gem. Kamp-Lintfort, Land- kreis Moers, am Niederrhein), der im Hauptstaatsarchiv Düssel- dorf lagert. (1) Dr Wilhelm Mummenhoff, langjähriger Aachener Archivdirektor, veröffentlichte dieselbe i.J. 1961 in Regestenform, d.h. in einer ins Deutsche übersetzten Kurzfassung, im ersten Ausgabe der ”’Regesten der Reichsstadt Aachen 1251-1300.” - Datiert ist die Urkunde wie folgt : ’”’Datum feria tertia ante festum annunctiationis beatae virginis Mariae Anno Domini Millesimo ducentesimo septuagesimo nono’”’ d.h. ”’Getätigt am dritten Tage vor dem Feste Mariä Verkündigung i.J. des Herrn 12790 Da damals im Bistum Lüttich, wozu der Ausstellungsort Aachen gehörte, das Jahr erst mit Ostern anfing und das Fest Mariä Verkündigung auf den 25. März, also vor Ostern fällt, entspricht der 22. März 1279 damaliger Zeitrechnung dem 22. März 1280 nach unserer Zeitrechnung mit Jahresbeginn am 1. Januar. (2) Dem Regest von Dr. Mummenhoff folgend, möchte ich aus dem Inhalt folgendes hervorheben : (1) Staatsarchiv Düsseldorf, Abtei Kamp, Urkunde nr. 193. (2) Entgegen Dr. Mummenhoff, der die Urkunde vom 19. März, d.h. 6 Tage vor dem Feste Mariä Verkündigung datiert, bin ich der Meinung, daß sie vom 22. März d.h. 3 Tage vor diesem Feste - feria tertia ante festum - stammt.
5 Es wird bekundet, daß Aleidis, Witwe des Aachener Bürgers Willelmus de Roza, einerseits, ihre beiden Söhne, ihr Schwieger- sohn und der Abt des Zisterzienserklosters Camp als Vertreter des Ludovicus, des dritten Sohnes besagter Witwe, der sein Probejahr noch nicht beendet und noch keine Profess abgelegt hat, anderer- seits, vor den Richtern und Schöffen zu Aachen erschienen sind, um die Erbteilung zu regeln. Die Witwe Aleidis verzichtet auf alle ihre Güter und die Erben lassen durch Schöffenurteil feststellen, daß dieser Verzicht rechtskräftig erfolgt sei. Im einzelnen wird dann aufgeführt, wie die Güteraufteilung aussieht; Abt und Konvent des Klosters erhalten u.a. : ”Tres solidos et duos capones qui apud Kelms solvuntur. Item unum modum siliginis qui apud Heyenrot solvitur”, d.h. 3 Schillinge und 2 Kapaune (verschnittene Hähnchen) von einem Gut bei Kelmis und ein Müd (ca 255 Liter) Roggen von einem Gut bei Heyenrot. Der Teilung stimmten alle zu. Der Teilungsakt wurde getätigt vor dem Vogt und Schultheiß, dem Meier, dem Untervogt und den Schöffen zu Aachen. Zu der Abmachung wurden außerdem eine Reihe von Aachener Bürgern und Handwerkern als Zeugen und ”’’Dingmannen”’ hinzugezogen. 10 davon werden namentlich genannt, unter ihnen einer der beiden Bürgermeister der Stadt. Die Urkunde wurde auf Bitten der Parteien ausgefertigt als Chirograph, d.h. in doppelter Ausfertigung, und mit dem Siegel von Aachen besiegelt. Das an einer grünen Seidenschnur anhän- gende Siegel ist leider verloren. le RR Außer den oben genannten Renten in Kelmis und Hergen- rath werden dem Kloster Kamp Einkünfte in Helkenrode (heute Elkenraad) bei Wijlre, Sledenaken (heute Slenaeken) und Hum- burg (Homburg/Hombourg), zugesprochen. So kam das Kloster - das erste Zisterzienserkloster auf deutschem Boden, gegründet 1122 - in nicht unerheblichen Besitz von westlich der Kaiserstadt Aachen gelegenen Gütern und Renten, u.a. im Herzogtum Limburg und in der späteren Grafschaft Wittem. Der Aachener Patrizier Wilhelm von Roza, dessen Witwe noch zu ihren Lebzeiten zu Gunsten ihrer Kinder auf den
6 gesamten Besitz verzichtet, besaß also schon vor 1280 eine Grundrente von einem Gut, vermutlich einem Bauernhof, in Keimis und eine andere Rente von einem Gut zu ”Heyenrot”, woraus wir schließen dürfen, daß Kelmis und Hergenrath zu jener Zeit besiedelte Orte waren. Die Erbteilung erlaubt uns, eine Aufstellung des gesamten Besitzes dieses Aachener Patriziers vorzunehmen. Wilhelm von Roza besaß nicht nur in der Kaiserstadt, dem wirtschaftlichen Zentrum der Region, ausgedehnten Besitz, sondern auch in den umliegenden Gebieten : ein Haus und einen Backofen in Aachen, ein Haus und landwirtschaftliches Anwesen in Gulpen, 278 Morgen Land in verschiedenen Ortschaften, zahlreiche Geld- und . Naturalrenten von Häusern in der Stadt und auf dem Lande sowie eine Herde von 1200 Schafen die wohl in der an die Stadt angrenzenden ”’Aachener Heide’”” weideten, doch möglicherweise auch am Westhang des Aachener Waldes in der Kelmiser und Hergenrather Heide, wo die Aachener Bürger und die Einwohner der nahen limburgischen Orte gemeinsames Nutzungsrecht be- saßen. Diese bedeutende Schafherde läßt auf Tuch-"industrie” in Aachen schließen. Die Urkunde stellt auch ein Zeugnis der wirtschaftlichen Verbindungen dar, die zwischen Aachen, dem Zentrum erst des karolingischen Reiches, dann des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einerseits, und den ostlimburgischen Orten andererseits bestanden. Moll Was die Schreibweise des Hauptortes unserer Gemeinde in dem Dokument von 1280 angeht, so entspricht dieselbe genau der heutigen plattdeutschen Aussprache des Ortsnamens. Die stum- men ”e’” sind vom Schreiber der Urkunde nicht notiert worden. Von ”Heyenrot” läßt sich dasselbe nicht sagen. Zwar ist die hier vorkommende Form der plattdeutschen Benennung ”’Herjent”’ verwandt, aber von Gleichsetzung kann nicht die Rede sein. Die Formen ”Hargenroth’” (1290) und ”’Hergenrath’”” die in den ältesten Nekrologen des Aachener Marienstiftes und der Burt- scheider Abtei‘ als Familiennamen auftreten, sind hingegen mit der heutigen Schreibweise identisch oder derselben sehr ähnlich. Die Endung ”rath’” oder ”rode’” weist in die Zeit der letzten großen Rodungsperiode im Gebiet des Reichswaldes. Man ver-
7 gleiche Rolduc/Herzogenrath (1104), Nuroth/Nöreth (1213), von den roideren /Raeren 1400, Welkenrot/Welkenraed (1442) u.a. Philologische Spitzfindigkeit wird darauf hinweisen, daß ”Heyen”’rot sprachgeschichtlich nicht zu Hergenrath hat werden können. Der Umtext der Urkunde läßt jedoch keinen anderen Schluß zu, als Heyenrot und Hergenrath gleichzusetzen. Die Familie von Hergenrath dürfte ihren Sitz auf dem später an die Familie Bertholf gekommenen Gut gehabt haben. Unter ‘dem Namen ”’Gut Bertholf” ist der Hof heute noch bekannt. Aus dem Jahre 1280 stammt auch die erste urkundliche Erwähnung der Eyneburg, deren Besitzer als Grundherren eine bedeutende Rolle in der Geschichte der beiden Ortschaften Kelmis und Hergenrath gespielt haben. Johann von Eyneburg wird 1280 als Stiftsherr von St. Servatius in Maastricht erwähnt. ”Keleme’” nennt der Bergmann heute noch im Dialekt die vier Zinkerze : Zinkspat, Zinksilikat, Kieselzinkerz und Zink- blüte. Wie das dt. ”’Galmei’’, das mittelfranzösische ”’Calamine””, das wallonische ’”’calmene’”’, so wird auch die plattdeutsche Bezeichnung vom lateinischen ”’lapis calaminaris”” hergeleitet. Die Nennung des Ortes Kel(e)m(e)s i.J. 1280 beweist, daß die Existenz des großen Erzlagers zu jener Zeit bekannt war. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß der Kelmisberg schon der karo- lingischen Hütte unter Alkuin in Aachen bekannt war und daß seither ununterbrochen dort Erz gefördert wurde. Man darf sogar einen Abbau des Zinkerzes in der keltorömischen Zeit nicht ausschließen, liegt Kelmis doch im Bereich des Fundus des römischen Veteranen Geminius. Dieses keltorömische Landgut ist der spätere karolingische Königshof Geminiacum, aus dem sich die herzogliche limburgische ’’Bank’’ Völkerich, später Montzen genannt, entwickelte. Der Passus in der ”’Historia Naturalis’”” von Plinius dem Älteren (23-79), Buch 34, Kap. 2, man habe neuerdings in der Provinz Germanien Cadmia entdeckt, könnte sich, wie vielfach angenommen, auf den Altenberg in Kelmis beziehen. Die französische Schreibweise ”’Calamine’”” erscheint zum ersten Male auf einer der ältesten Karten des Herzogtums Limburg, die von Gilles Martini i.J. 1603 herausgegeben wurde. Urkundlich belegt setzt der Bergbau in Kelmis erst 1344 ein. Wie in den Aachener Stadtrechnungen zu lesen steht, wurde er
8 £ von der Stadt Aachen betrieben. Wie kommt die Stadt in den Besitz des Bergwerks? Man kann nur vermuten, daß dasselbe mit anderen Gütern und Gerechtsamen stillschweigend von der Aachener Kaiserpfalz auf die Stadt übergegangen ist. Die Stadt bringt stets ihren Besitz am ’’Kalmijnberg’’ mit ihren Gerecht- samen an Feld, Busch, Heide, Wasser und Weide in ihrer Gemeinde in enge Beziehung. Diese ”’Gemeinde von Aich’’, auch Reichswald genannt, gehört zur ehemaligen Foresta, die von der Pfalz aus verwaltet wurde. Die Westgrenze des Forstes folgte dem Göhlbach und dern Gemmenicher Bach, wie es die Walhorner Schöffen 1391 weisen. In diesem Weistum sind auch die Ortschaf- ten Kelmys und Hergenrath, an der Göhl liegend, ausdrücklich 7 erwähnt. Es ist hier nicht möglich, auf die Geschichte des Bergbaues am Altenberge weiter einzugehen. Es sei nur noch erwähnt, daß Herzog Philipp der Gute von Burgund, kurz nachdem er Brabant- Limburg erworben hatte, den ”alden kalmijnberge daer die van Aken inne plegen te graeven’” mit Gewalt innebehielt. Seitdem bildete das Bergwerk das geschätzte Kleinod der limburgischen Domänenverwaltung. So blieb es bis zur französischen Revo- lution. Sowohl im Gebiet der Bank und Urpfarre Walhorn, wozu Hergenrath gehörte, als auch im ehemaligen Königshof Geminia- cum hatten die Grafen (ab 1155 Herzöge von Limburg) schon vor der Schlacht bei Worringen fest Fuß gefaßt. Durch den Ausgang dieser Schlacht - es war der 5. Juni 1288 - wurde Limburg mit Brabant vereinigi und so endgültig nach Westen orientiert. Kelmis und Hergenrath gehörten seitdem zum Fürstentümerver- band, aus dem Belgien entstehen sollte. Die Landesgrenze gegen Aachen wurde am 31. Juli 1431 durch Weistum der Völkericher und Walhorner Schöffen als dem Waldkamm innerhalb des Pruys- und Reichswaldes folgend beschrieben. oo RE Aus der Burgunderzeit stammen die ersten Angaben über Bevölkerungszahlen in Kelmis und Hergenrath. Letzteres zählte i.J. 1445 19 Steuerpflichtige, während in Kelmis, damals ein kleines Dorf an der Rochuskapelle, 30 Steuerpflichtige ansässig waren, die sich auf Montzener, Moresneter und Walhorner Pfarrgebiet verteilten.
9 Hergenrath hatte 1441 eine Martini-Kapelle, die 1619 zur Taufkapelle ausgebaut wurde. Die Kelmiser Rochuskapelle wird erstmals 1646 erwähnt. Als der spanische König Philipp IV. nach den Kriegsjahren sich genötigt sieht, seine herrschaftlichen Rechte (Jagd, Fisch- fang, Ernennung der Schöffen) in den limburgischen Dörfern zu veräußern, behält er sich dieselben vor ”in het gehucht van Kelmis ende tgene daeraen cleeft ter oirsaeke vande importancie van onzen Calmynberghe aldaer’’. So entstand am 28. September 1650 die königliche Herr- schaft Kelmis, deren Gebiet mit dem späteren Neu-Moresneter Territorium und dem bewohnten Teil von Neutral-Moresnet (Kelmis) bis zum Roebach übereinstimmte und die als unab- hängige Verwaltungseinheit bis zur französischen Revolution bestehen blieb. Erst 1794 wurde sie mit der Herrschaft Moresnet zur ”Municipalite de Moresnet et Kelmis’’ zusammengelegt. Auch Hergenrath war nach 1650 mindestens während einer gewissen Zeit als Herrschaft von Walhorn getrennt, das der Herr von Walhorn, der die Herrschaftsrechte vom König erworben hatte, sie aber teilweise weiter veräußerte, so in Eynatten und scheinbar auch in Hergenrath. Die Frage bedarf jedoch noch weiterer Forschungen, um endgültig geklärt zu sein. Die jüngere Geschichte ist allen besser bekannt. Wir werden hier nicht weiter darauf eingehen. Die 700-Jahrfeier unserer Orte Kelmis und Hergenrath schien uns ein willkommener Anlaß, die Urkunde aus dem Jahre 1280 etwas näher zu analysieren und auf die ältere Geschichte unserer Gemeinde zurückzukommen.
10 Die ehemaligen Zinkgruben des Alten- berger Grubenfeldes der Gesellschaft der Vieille - Montagne von Dr. G. De Ridder Die erste diesjährige Exkursion unserer Vereinigung führte zu den ehemaligen Zinkgruben des Altenberger Grubenfeldes der ) Gesellschaft der Vieille Montagne. Trotz Schneeschauer waren sehr zahlreich Interessenten gekommen, um das etwa 8000 ha große Konzessionsfeld der Vieille Montagne im Überblick ken- nenzulernen. Kulturhauptinspektor Firmin Pauquet übernahm die geschichtliche Führung. Unter den Gästen befanden sich der Mineraloge Dr. Schmitz und seine Gattin und der Geologe Dr. Gussone aus Aachen. Vom Kirchplatz Kelmis begab man sich zur Lütticher Straße, zu den ehemaligen Verwaltungsgebäuden der Vieille Montagne, die heute Lagerräumen und einer Garage dienen. Gegenüber diesen Gebäuden befinden sich noch immer große Galmeihalden, auf denen im Frühling und im Sommer die Galmeiflora zu bewundern ist. Bereits zur Römerzeit wurden Erze in der Umgebung Aachens abgebaut und verhüttet. So berichtet Plinius der Jüngere 77 n. Chr. über Erzlagerstätten in der Provinz Germanien : Historia naturalis (Lib. XXXIV, cap. 2) ”’Metall bereitet man aus einem erzartigen Stein, der cadmia genannt wird.”” Über das Wort cadmia entwickelte sich später ”’Calamine, Calmine, Kel- me, Galmei’’. Jahrhunderte hindurch wurde am Altenberg in Kelmis hochprozentiges Zinkerzgestein Galmei, eine sekundäre Bildung aus ZnCo3 (Smithsonit, Zinkspat) und Zn4 (OH2Si207 Hemimorphit, Kieselzinkerz, Kieselgalmei) zunächst im Tagebau abgebaut. Auch die Hütte Karls des Großen unter Alkuin verwendete wahrscheinlich Erz aus diesem Raum. Erst viel später, als der Altenberg ausgebeutet war, etwa gegen 1850 suchte man Erz in Tiefen bis zu 300 m. Von 1837 bis 1884 wurden aus der Grube Altenberg insgesamt 1.414.328 Tonnen Galmei gefördert.
11 Die Rundreise führte zunächst in Richtung Hauset nach Fossey, einer Grube, die (nach Bohrungen und Versuchsschäch- ten um 1875) 1878 in Betrieb genommen werden konnte. In diesem Gebiet gab es zunächst vier Galmeilager, die teils im Tagebau, später dann unter Tage abgebaut wurden. Besonders das Grundwasser bereitete viele Schwierigkeiten. So mußte auf der 36-Meter-Sohle ein 633 m langer Tunnel angelegt werden, um hier 1881 bis 1884 Abhilfe zu schaffen. 1883 entdeckte man 200 m weiter nordöstlich ein fünftes Galmeilager (’’Prester’’), das mit Fossey verbunden wurde. Bohrungen bis zu einer Tiefe von 50 m mußten wegen zu großer Wassereinbrüche abgebrochen werden. Ein breiter Schacht und der Einsatz einer kräftigen Pumpe erlaubten schließlich den Abbau der vorhandenen Erze. Südwestlich von Fossey auf der Flur ”’Lindengraben”” stieß man um 1900 auf weitere Galmeivorkommen, die eine ausge- zeichnete Qualität aufwiesen. Zwei Schächte wurden bis auf 84 m abgeteuft. Ein 3. Schacht führte auf die Sohlen 104, 126 und schließlich 146 m. Die Erze von ”Lindengraben” wurden durch den sogenannten ”Luisenstollen’” bei Hammer ausgebracht, dort aufgekippt und später dann mit einer Pferdebahn nach Kelmis befördert. ZONEN ONE Ka ; NZ DUO A er DE \ A * KL UN A VE DET AL \ FAN % CL WON U - A NN 3 S Sat PAR A Wr + DS NEN EAN % AB 0 AD OPEN RU di A % Fat EA a9 Abb. 1 Lindengraben
12 ”Lindengraben” mußte im Dezember 1918 wegen Kohlen- mangels die Arbeiten einstellen. Die noch vorhandenen Erzvor- kommen lohnten eine spätere Wiederaufnahme der Tätigkeit nicht. Es sei noch erwähnt, daß diese Grube - hochwertiges Galmei (mit einem hohen Anteil an Willemit) lieferte; auch die Blende war außergewöhnlich rein und schwefelarm. (s. Abb. 1). Von der 4S-jährigen Grubenarbeit blieben nur Weiher, Hügel und das Ausgangstor des Luisenstollens übrig, die heute diese Landschaft prägen. Die Grube wurde 1923 endgültig geschlossen. Herr Homburg, langjähriges Mitglied des Verwal- tungsrates unserer Vereinigung, führte die Gruppe durch Fossey ‚und berichtete aus eigenen Erinnerungen an diese Grube. (1) Die Besichtigung von Rabotrath, einer Zinkgrube, die bereits im 15. Jh. und später unter der Kaiserin Maria-Theresia, etwa um 1737, in Betrieb war, hinterließ nur durch verschiedene Hügelbildungen und ein in ein Bauernhaus umgebautes Verwal- tungsgebäude Spuren der Zinkerzgewinnung, die hier intensiv von 1751 bis 1766 und 1848 bis 1852 betrieben wurde. Der Bau eines EN 2 2 2 2 u | WA EN VL 2 A a 2 AL A RR 7 Sal 22a A AN A WE A A ML sol 3 ) KA KA ve ya AN WR Val a DE EEE SEEN 2 a Abb. 2: Die Anlagen der Grube Rabotrath Lithographie von A. Maugendre 1850 - Reprod. A. Jansen
13 Lagers und die Anstellung eines Kontrolleurs erfolgte 1751. Neue Versuchsschächte und die Anlage einer Erzwäsche entstanden um 1848. Die größte Teufe betrug hier 24 m. In allernächster Nähe befand sich ein aufschlußreicher Kohlenkalksteinbruch, über den Dr. Schmitz ausführliche Erklärungen abgab. (S. Abb. 2) (2) Auf einem Hügel, fast in geradliniger Fortsetzung zu Rabot- rath, befand sich die ehemalige Zinkerzgrube Poppelsberg. (S. Abb. 3) Diese Grube wurde bereits 1499 als ”’Bleiberg’’ erwähnt. Erste Bohrungen erfolgten 1849. 1851 konnte hier vor allem viel Schalenblende (ZnS Sphalerit, Zinkblende, Typ Schalenblende) gewonnen werden. In der Zeit von 1858 bis 1867 betrug der Erzabbau etwa 18.000 Tonnen. Das Erz wurde bis zu einer Teufe von 37 m gewonnen. Heute verweisen nur frühere Stallungen und das ehemalige Verwaltungsgebäude, jetzt in einen Hühnerstall umgebaut, auf die vergangene Bergwerksgeschichte. (3) Die Grube Lontzen ’’Am Berg’’ war dann das nächste Besichtigungs- ziel. A a ka + A Abb. 3: Der Poppelsberg Foto: A. Jansen Bereits 1475 bis 1521 kann man über Streitigkeiten über das Bergrecht in der Vogtei Lontzen lesen. Erst 1850 wurde ein Versuchsschacht angelegt, Bohrungen in größerem Ausmaß folgten 1878. Jedoch erst 1900 konnte die Inbetriebnahme der Lontzener
14 Grube erfolgen, die dann bis 1935 wertvolles Zinkerz lieferte. (3) In 35 Betriebsjahren wurde auf fünf Sohlen, und zwar in 3 m, 40 m, 80 m, 112 m und 118 m, Erz gewonnen. Die Ausbringung des Erzes erfolgte durch einen Schacht; zur Aufbereitung wurde das Erz zunächst mit einem Fuhrwerk und ab 1908 mit einer Seilbahn - 3,15 km - nach Kelmis transportiert. Etwa 60 Bergleute waren hier ständig beschäftigt. Das Gebäude im Jugendstil hoch auf dem Berg läßt noch deutlich das frühere Hauptgebäude der Grube Lontzen erkennen. (4) Über die Grünstraße führte die Exkursion nach Roer, eine Grube, die aufgrund von Bohrungen um 1918 und von 1926 bis 1938 auf drei Sohlen, u.a. in 30 und 80 m Tiefe, Erz erbrachte. . Mit dem Fuhrwerk wurde das Zinkerz zur weiteren Aufbereitung nach Kelmis befördert. In den 12 Betriebsjahren waren in der Grube Roer etwa 26 Bergleute ständig bei der Arbeit. Roer war die letzte Grube, die von der Vieille-Montagne erschlossen wurde. (5) In der Vogelfluglinie Roer und Poppelsberg befinden sich noch heute in Tiefen bis zu 300 m Zinkerzvorkommen. Unweit hinter dem ehemaligen Grubenfeld von Roer konnte jetzt eine Bohranlage der Gesellschaft der Vieille-Montagne beobachtet werden, die nun die Tiefe der Zinklagerstätten neu festgelegt. (S. Abb. 8) Prozentuale Zusammensetzung des Haufwerks der Altenberger Gruben. ; EAERAEE AH EE EURER REF RUE MEERE AAN RME LE EST SENSE EA ERSTER EEE OA ey ga) 4 Schmalgruf | Eschhruch Mützhapgon | Fonsoy A DE 31,6 32,1 23,0 | 81,8 POS SL 3,8 N 15 CE 19,5 24,8 21,8 6,2 KO 2,6 1,6 43 3 A 27,5 20,8 Spuren ! 5,9 ME L A Seyr 4 Spuren » i 1,8 Alı0s,MnsO0s. . . 4,2 5,6 5,1 | 2,8 BO A 5,6 8,4 41,4 |. 440
N Ahbhildung 4. N. 5 d Erläuterung. Concessionsfeld Sr ut Transpontbahnen DAN Mulzhagen - Moresnet. Dampflocomotiv Betrieb Vieille Monta gne. Schmalgraf -Moresneh Benzin-Locomotiv-Beirieb Fossey -Moresnet: Pferde-Betrieb Lonkzen - MoreSnek Drahtseilbahn-Betrieb M._1:125000, wusssem06 Unberirdische Verbindungen, Ss + +++ + Elochrische Kraftleitur,gen. # Ä === Grenze derBerechtsame, . X . ] \oimmm Landesgrenzen. - Ü / \—— Eisenbahnen. A la < N A 4 N H Ss ) Moraenat A f fß OR X ; zZ A 7 io Kousel SE A Ö SL Kar ge he / 7 DZ DO VA Y Ya ‚o BD AN RA S a N € DE S %
16 Mit der Besichtigung dieser Anlage verließ man die soge- nannte ”’Moresneter Agentur” und begab sich zum Konzessionsfeld Welkenraedt mit den Gruben La Bruy@re, Heggen, Heggelsbrück, Pandour und Dickenbosch ... Dickenbusch befand sich dort, wo heute die Fabrikanlagen der ”’Ceramique Nationale’’ stehen. Nach Streitigkeiten zwischen der Vieille-Montagne und dem Baron de la Rousseliere 1862-1867 konnte die Vieille-Montagne ab 1872 allein das Recht des Erzabbaues hier erwerben. Bis 1880 wurde hier Zinkerz gefördert. Die größte Teufe betrug 83 m. (6) In der Nähe der Autobahn und der Eisenbahnlinie sind heute noch Spuren der ehemaligen Grube Heggelsbrück (Heggen) erkennbar. Bereits 1434 wurden Heggen und Pangeren als Gruben beim Luyker Weg erwähnt. UN a a OO On 4 0% U ER A en Abb. 5: Alte Ansicht von ”Heggelsbrück” Welkenraedt Die Grube Heggelsbrück war von 1882 bis 1888 in Betrieb (7). Ein in ein Wohnhaus umgeändertes Verwaltungsgebäude bleibt als sichtbares Zeichen jenes Bergwerks.
17 In den ehemaligen Nachbargruben Saint-Paul und La Bru- yere wurde das Galmeierz von 1850 bis 1884 abgebaut. (8) (S. Abb. 6) VE N N BE Be N ak a BE Se a N OS ; ; Abb. 6: Die Anlage in Bruyere in Welkenraedt, das Haus an der linken Seite steht noch. Stich von A. Maugendre 1850 - Reprod. A. Jansen Von La Bruyere steht noch die mit einem Zinkdach versehene Direktorwohnung. Auf der Grube Pandour (auf dem Gebiet der ehemaligen Gemeinde Henri-Chapelle gelegen) be- gann der Erzabbau i.J. 1887, nach Versuchsbohrungen i.J. 1885. Man ging bis zu einer Teufe von 45 m. Die Galmeivorkommen erstreckten sich über eine Länge von 350 m. (9) An der Einmündung der Rue Mitoyenne, der Neutralstraße, in die Lütticher Straße befand sich die Grube Mützhagen. Nachdem 1891 hier erstmals nach Erz gebohrt wurde, konnte von 1900 bis 1935 auf drei Sohlen (28, 45 und 81 m) Erz abgebaut werden. Bis zu 30 Bergleute waren hier ständig tätig. Durch einen Schacht wurde das Erz herausgebracht und mittels einer werksei- genen Eisenbahn, die auch unter dem Namen ’”Bimmelbahn” bekannt war, gelangte es nach Kelmis. Von der ehemaligen
18 Schachtanlage ist nur noch eine kleine bewachsene Halde übrig- geblieben. (S. Abb. 7) (10) Abb. 7 : Schachtanlage von Mützhagen Reprod. A. Jansen Von Mützhagen ging die Fahrt in Richtung Lontzen-Busch über den Herzogweg, vorbei an der Grube Eschbruch oder Eschbroich. Mit größter Wahrscheinlichkeit ist diese Grube mit der Grube Comborn identisch, die bereits 1471 bis 1481 Erz förderte. Eschbroich war Zinkerzabbaustätte von 1882 bis 1931. (11) Auf der Sohle in 142 m Tiefe führte ein Stollen nach Schmalgraf. Unweit von Eschbruch ist durch eine Tannengruppe die ehemalige Zinkerzgrube Eselbach gekenntzeichnet. Bereits
19 1433 wurde hier durch Hermann Pael die Erzgewinnung aufge- nommen. Die Anlage eines neueren Versuchsschachtes erfolgte 1942. Wegen Unrentabilität wurde er aber nach dem Kriege nicht abgebaut. Vom Herzogsweg erreichte man die Grube Schmalgraf mit dem sog, Klousterschacht. (S. Abb. 8) Diese wohl größte Grube konnte 1867 in Betrieb genommen werden, nachdem 1858 ein Versuchsschacht und 1862 der Oskarstollen in 42 m Tiefe angelegt worden waren. Von 1867 bis 1932, also über 65 Jahre, lieferte Schmalgraf wertvolles Zinkerz, das auf den Sohlen in 7 m, 42 m, 92 m, 132 m, 155 m, 210 m, 255 m, 290 m und 300 m abgebaut wurde. Über den Oskarstollen im Hornbachtal wurde das Erz mit einer Bahn, die mit einem Benzinmotor angetrieben wurde, zur weiteren Aufbereitung nach Kelmis gebracht. Die Wasserhaltung bereitete den Bergleuten manche Schwierigkeit. Die Zahl der Beschäftigten über Tage betrug ständig etwa 30, während unter Tage 120 Bergleute nach Erz schürften. Nur noch kümmerliche bauliche Überreste sind Zeugen der größten Zink- erzgrube. Der Oskarstollen, verständlicherweise zugemauert, trägt noch heute die Initialen der Vieille-Montagne. (12) Na ) VA Na 18 \ 7 Al A VE 2 CA 5a, U dd % R % We A F ] Abb. 8 : Mauerreste auf Schmalgraf Foto: A. Jansen
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22 Eine zusammenfassende Darstellung über die Zinkaufberei- tung durch Herrn Dr. Gussone beendete die Exkursion. An dieser Stelle gilt Herrn Kulturhauptinspektor Pauquet für die geschicht- lichen Ausführungen über den Erzbergbau des Altenberger Grubenfeldes unser Dank. Viele bisher unveröffentlichte ge- schichtliche Begebenheiten sind in diese Arbeit eingewoben worden. Manches Wissen über den Zinkabbau unserer Gegend verdanke ich unserem Präsidenten, Herrn Peter Zimmer, der mir so manchmal seine Erlebnisse als Zinkerz-Bergmann berichtete. Auf dem Wege nach Heggen fuhr man an Lantzenberg vorbei, das bereits 1389 als Zinkerzabbaustätte Erwähnung findet. 1519 regelt eine Verordnung Karls V. die weitere Erzge- winnung, jedoch erst 1766 konnte mit dem Bau eines Lagers, nachdem man diese Stätte 1765 neu entdeckt hatte, begonnen werden. 1848 führte ein Versuchsschacht bis zu einer Tiefe von 51 m. 1850 bis 1875 konnte hier Zinkerz (größte Teufe bei 106 m) gefördert werden. BA SE 2 22 22 a 222??? 22 AR A BR 2 A ER.. 2 0H0202002—H—HH0°!0!0 A 0 <a) De Ss lan m han A ® Ne 2 m = SE 44 7 nm ans kamen m Q 5 San SS in ® vn 7 & Abb. 8 : Bohrungen a.d. Grünstraße im Frühjahr 1980 Foto: A. Jansen
23 Anmerkungen : Fördermengen der einzelnen Gruben : (1) Fossey lieferte von 1878 bis 1918 143.067 T. Galmei; 22.453,7 T. Blende und 1.327,6 T. Bleiglanz. (Fossey - Prestert und Lindengraben) (2)In Rabotrath hat im 18. Jhr. nur auf noch einzelnen vorhandenen Nestern ein sogenanntes Ausputzen stattgefunden und kein regulärer Abbau, (3) Poppelsberg von 1858 bis Februar 1867 : 222 T. Galmei, 5.507 T. Blende, 89 T. Bleiglanz. (Förderung : insgesamt 17.907 T. schwefelhaltiges Haufwerk). (4) Lontzen von 1900 bis 1935 : 66.641 T. Blende, 5566,8 T. Bleiglanz und 2.942 T. Schwefelkies. (S) Grube Roer förderte von August 1931 bis Dezember 1936 1.108 T. Galmei, 9.955 T. Blende, 1.277 T. Bleiglanz und 630 T. Schwefelkies. (6) Dickenbusch von 1868 bis 22. Dez. 1880 : 10.977 T. Galmei, 2913 T. Blende und 2.833 T. Bleierz. (7) Heggelsbrück von 1882 bis 1888 : 10.861 T. Roh - Galmei. (8) Saint Paul - Bruyere (Welkenraedt) von 1850 bis 1884 : 150.900 T. Galmei, 24.078 T. Blende und 8.954 T. Bleierz (9) Pandour von 1887 bis 1902 : 59.913 T. Galmei (10) Mützhagen von 19.00 bis 1927 3.674,1 T. Galmei, 34.243,6 T. Blende, 4.869,7 T Bleiglanz und 5.957,6 T. Schwefelkies. (11) Eschbruchseit 1882 bis 1. Okt. 1931 : 35.412,8 T. Galmei, 70.032,7 T. Blende, 4.514,7 T. Bleiglanz und 14.027,9 T. Schwefelkies. (12) Schmalgraf von 1867 bis 1. Mai 1932 : 22.641,5 T. Galmei, 333,654 T. Blende, 21.188,9 T. Bleiglanz und 29.295,8 T. Schwefelkies. Aus der Grube Altenberg wurden seit 1837 bis 9. Sept. 1884 613.492 T. Fels-Galmei und 800.836 T. gewaschener Galmei, insgesamt 1.414.328 T. Galmei gewonnen. |
24 Die ”Herrlichkeit’”” Eynatten (FORTSETZUNG) von Walter Meven Der Wunsch, einen männlichen Nachkommen zu haben, der nach der Übereinkunft mit der Familie Schuyl das Erbe und die Nachfolge als Herr der ”Herrlichkeit’” Eynatten und Hauset antreten sollte, erfüllte sich leider nicht. Die einzige Tochter Clara Anna, die vielleicht aus der ersten Ehe des Arnold Huyn von Amstenraedt entstammte, kam also für die Nachfolge nicht in Betracht. Erst ihre Heirat mit Gerart von Dieden Malatesta, der genau wie sein Schwiegervater Rittmeister in spanischen Diensten war und einem alten italienischen Fürstengeschlecht entstammte, löste das Problem auf besondere Weise. Durch den Kauf der Herrschaft Walhorn im Jahre 1665 vereinigte von Dieden Mala- testa die Herrschaftsrechte von Eynatten und Hauset sowie diejenigen über die neuerworbene Herrlichkeit Walhorn auf sich. Die Quellen aus der Zeit der Herrschaft des Arnolt Huyn von Amstenraedt fließen eher spärlich. Um so interessanter ist eine Eintragung in einem Rechnungsbuch der Brabanter Rechnungs- kammer, aus der hervorgeht, das Huyn von Amstenrath durch Beschluß derselben Kammer vom 27. August 1656 die Genehmi- gung erhält, ”in der Hauseter Heide innerhalb der Herrlichkeit Eynatten in der Bank von Walhorn, eine Windmühle zu bauen, um dort das Korn der gesamten Gemeinde mahlen zu können.” Die Erlaubnis wurde an die Bedingung geknüpft, daß der Herr von Eynatten und dessen Nachfolger jährlich einen Zins von 18 Pfund an die Kammer zu entrichten haben. Eventuell daraus entstehende Rechtsstreitigkeiten müsse Huyn von Amstenraedt auf eigene Kosten austragen. Sowohl für die Orts- wie auch für die Pfarrgeschichte bedeutsam ist das Testament, das die Gattin des Arnold Huyn von Amstenraedt, Anna Maria von Merssen, am 29. August 1662 vor einem Notar niederschreiben läßt. In der Gewißheit, daß nichts sicherer sei als der Tod, nichts unsicherer jedoch, als dessen Stunde, verfügt sie über ihre
25 zeitlichen Güter, die der allmächtige Gott ihr auf dieser Welt verliehen; nach reiflicher Überlegung bestimmt sie als Testament und letztwillige Verfügung unter anderem : ”” ... Desgleichen hinterlasse ich 1200 Pattacons zur Stiftung einer Kaplan- oder Frühmeßnerstelle zu Eynatten; die jährlichen Zinsen sollen demselben ausgezahlt werden, und als Gegenleis- tung soll der Kaplan verpflichtet sein, an allen Sonn- u. Feiertagen in der Kirche von Eynatten die Messe zu lesen, und zwar anderthalb Stunden bevor der Pfarrer das Hochamt beginnt, damit die Pfarrgenossen von Eynatten mit um so größerem Eifer dem Gottesdienst beiwohnen können. Darüber hinaus wird der ”Unterpastor’” verpflichtet, jede Woche zwei Seelenmessen zur Erlösung meiner Seele zu lesen; so der allmächtige Gott dieselbe noch in Pein oder Qualen zurück- halten sollte - was ich jedoch nicht hoffe -, bitte ich ihn um Vergebung aller meiner Sünden. Außerdem soll derselbe Unterpastor gehalten sein, jeden Sonn- tagnachmittag vom letzten ’Fastenabend’ bis zum heiligen Pfingstfest sowie vom 1. September bis 15. November jährlich kontinuierlich und ewig in der Kirche von Eynatten Katechismus oder Christenlehre zu halten, und dies zur Ehre Gottes, sowie zur guten und heilsamen Unterweisung der Jugend. Auch wird der vorgenannte Kaplan verplichtet sein, Schule zu halten, den Armen ’um Gottes Willen’, den Reichen für Geld. Sollte sich jemand finden, der die Jugend in allem unterrichtet, so mag der Collator den Kaplan vom Schuldienst dispensieren, ohne das dessen Einkommen dadurch geschmälert würde. Desgleichen hinterlasse ich dem Kaplan eine jährliche Natu- ralrente von 10 Faß Roggen Aachener Maß, wofür derselbe gehalten sein soll, als Jahrgedächtnis für meinen verstorbenen Neffen Jo. Leonard Christophel Merssen am Tage nach Maria Geburt eine Singmesse zu halten. Zur Vermehrung der Renten des Pastors von Eynatten stifte ich 100 Pattacons, wovon derselbe den Nutzen gemäß königlichem Plakat erhalten soll, und dafür zu Ehren des Namens Jesu, der heiligen Jungfrau Maria, der heiligen Mutter Anna und des heiligen Johannes Baptist 4 Singmessen zu den vier Quatembertagen oder unmittelbar danach zu meinem Gedächtnisse als Jahrmesse und das von Jahr zu Jahre lesen muß. Der Kaplan ist verpflichtet, dem heiligen Opfer beizuwohnen und den Pfarrer beim Gesang zu unterstützen. | | |
26 Umgekehrt soll der Pastor bei den heiligen Messen, die der Kaplan für meinen verstorbenen Neffen zu feiern hat, anwesend sein und dieselben am vorhergehenden Sonntag verkündigen. Auch hinterlasse ich den Armen von Eynatten und Hauset für ewig und alle Zeiten eine jährliche Fruchtrente von 12 Aachener Faß sauberen Roggen. Davon soll nach jeder der vorgenannten Singmessen 1/5 zu Brot verbacken und unter die Armen von Eynatten und Hauset gerecht verteilt werden. Die 1200 Pattacons sowie die jährlichen Zinsen derselben und die Stiftung einer Kaplanei, die genannten 10 Faß Roggen Aachener Maß als Stiftung für das Jahrgedächtnis meines Neffen, die 100 Pattacons und der Zinsertrag daraus zur Aufbesserung ; des Einkommens des Pfarrers von Eynatten, die 12 Faß Roggen für die Armen von Eynatten und Hauset sollen von nun an und für alle Zeiten meine Güter, Haus und Hof zu Eynatten, genannt das Reuschenberg Lehen, belasten. Dasselbe Lehen soll mit allem, was dazugehört, den Rechten und Gerechtsamen, als Sicherheit vorgenannter Stiftungen dienen, und der durch mich zu benennende Erbe sowie dessen Nachkommen sollen gehalten sein, jedes Jahr ohne irgendeinen Widerspruch die genannten Summen pünktlich auszuzahlen. Außerdem soll mein Erbe zum Neubau eines Chores der Kirche zu Eynatten eine Mindestsumme von 300 Pattacons zur Verfügung stellen. Unter diesem Chorraum soll eine Gruft angelegt werden, wo ich später beigesetzt werden möchte. Ferner soll man nach meinem Tode den Armen von Eynatten und Hauset einmalig die Summe von 100 Gulden auszahlen. Da das Vorstehende Ausdruck meiner Meinung, meines letzten Willens und meiner Absicht ist, habe ich es heute, den 29. August 1662, eigenhändig unterzeichnet.” Das Sterbedatum der Erblasserin ist uns bis heute nicht bekannt, jedoch entnehmen wir einer Eintragung in den Lehnsregistern der Propsteilichen Mannkammer, daß sie 1676 nicht mehr unter den Lebenden weilte.
28 U ? 2 8A U 2 0 YA Si A AS 2 REN 0 A OS BO 5 A VO 7 VO le A 2 2 . > A 2 N . Da . 2 OO 4 N 2M De Ce} 2 8} AR 2a MO 2. 22 NE U OO 2 En a n VE fe | X | u DA U OO ß 2 2% A A ? 4 N m Zn X ) A 2 2 A A N Ö N 2 2 & nn . A 2 a £ 2 A 5 N 2 A 5 a 2 N AA @ WU 0 N BE A 2 GEB 2 a Z 2 as \ S a 8 RS BO | S U A SO 0 2 pn MS ra Ad 3 2 5 U . 3 ve A 3 2 2 EA A 0 A A en LE 0 A Ale > 52 U V 2 BEL ä 8 N A 2 DO 7 E DO 0 8 a DO 6 An 3 | 2 2 2 3 El DO 2 7 2 3 8 DR DO & 2 On DO A A 3 x KO | { N 2 2 U 2 U 7 2
29 So reifte der Plan, die evangelischen Gläubigen Neutral- und Preußisch-Moresnets sowie die des Bleyberger Gebietes zu einer selbständigen Pfarrgemeinde zusammenzuschließen. In diesem Zusammenhang ist noch erwähnenswert, daß die evangelischen Christen von Neutral-Moresnet und Bleyberg keiner Pfarre ange- hörten. Bei der Bergwerksgesellschaft war damals auch ein Oberinge- nieur namens Max Braun beschäftigt. Dieser evangelische Beam- te stellte Anfang 1855 als Hauslehrer für seinen ältesten Sohn den Hilfsprediger und Lizenziaten der Theologie, Pfarramtsanwärter Eduard Lekebusch aus Kaiserswerth ein. Dieser stand kurz vor der Ordination und nahm nun in Preußisch-Moresnet die pfarr- amtlichen Geschäfte wahr. Mit dem 3. Januar 1855 wurde Ed. Lekebusch als Gehilfe des Eupener Pfarrers in Preußisch-Moresnet angestellt. Bei Max Braun hatte er freie Station und 100 Reichstaler, wofür er nicht nur die Kinder Brauns, sondern auch andere schulwillige Kinder unterrichten mußte. Für die Gottesdienste stellte die Gesellschaft des Altenberges einen Saal zur Verfügung, der gewöhnlich der Bergwerkskapelle zum Proben diente. Der erste Gottesdienst in Preußisch-Moresnet wurde unter reger Beteiligung der Gemeinde am Sonntag, dem 14. Januar 1855, gefeiert. Die Grubengesellschaft stellte der evangelischen Gemeinde auch ”ein geräumiges, schönes, Iluftiges Schullokal’” in den früheren Stallungen zur Verfügung. Am 10. Juni 1855 wurde die Schule «eröffnet. Als erster Lehrer wurde Peter Classen aus Kronenburg, der das Moerser Seminar mit der Note ”’vorzüglich bestanden” durchgemacht hatte, von der Gesellschaft angestellt und besoldet. Dem von der Gesellschaft gezahlten Gehalt von 200 Talern fügte die Gemeinde noch 50 Taler hinzu, welche vom Schulgelde bestritten werden mußten. Der Lehrer hatte freie Wohnung. Der Oberkirchenrat hatte der Schule 60 Taler jährlich bewilligt; sie wurden zur Beschaffung der notwendigen Schuluten- | silien verwandt. Etwa 25 schulpflichtige evangelische Kinder zählte man 1855 in Preußisch- und Neutral-Moresnet, 10 in Bleyberg. Ende 1856 besuchten 33 Kinder die evangelische
30 Schule; es waren 24 evangelische und 9 katholische. 5 Kinder kamen aus Bleyberg. (1) Pfarramtsanwärter Lekebusch hatte schon kurz nach seinem Amtsantritt beim Oberpräsidenten der Rheinprovinz um die Genehmigung nachgesucht, eine Kollektenreise zur Finanzierung eines Kirchenneubaus unternehmen zu dürfen. Der Eupener Land- rat von Harenne (1849-1866) befürwortete den geplanten Bau aufs wärmste, setzte jedoch hinzu, daß derselbe nur durch freiwillige Spenden finanziert werden könne, da die 600 Seelen zählende Zivilgemeinde erhebliche Schulden habe. Der Oberpräsident genehmigte eine Kollekte in den Regierungsbezirken Aachen und Trier. ; Im Juni 1855 lag der Plan des projektierten Kirchenbaus schon dem Regierungspräsidenten in Koblenz zur Begutachtung vor. Er trug die Unterschrift ”’Classen’”’, ohne weitere Bezeich- nung. Der Landrat vermutete, daß es sich dabei um den auf dem Altenberge beschäftigten Maurer dieses Namens handelte, dem die Regierung am 20.5.1855 das Qualifikationsattest ausgestellt hatte. Er stellte sich auch die Frage, ob dieses Attest genüge. (2) Der Bau war auf 150 Sitzplätze angelegt, S0 Fuß lang, 20 Fuß breit und 30 Fuß hoch. Er sollte massiv in Ziegelsteinen erstellt und mit einem Zinkdach überdeckt werden. Die Regie- rung zu Aachen erteilte dem Plan am 3. Januar 1856 die Genehmigung. Bereits am 16. Juni 1856 wurde auf einem von der Gesell- schaft der ”’Vieille Montage”’ zur Verfügung gestellten Platze mit dem Bau der Kirche begonnen. Die Ziegelsteine überließ die Gesell- schaf zum geringen Preis von 2 2/3 Taler pro Tausend Stück. Die Bauarbeiten wurden dem Aachener Bauunternehmen Prevot übertragen, die Bauaufsicht hatte der Aachener Civil-Ingenieur Friedrich Wittfeld übernommen. Noch vor Einbruch des Winters 1856 konnte der Rohbau unter Dach gebracht werden. Von äußeren Arbeiten fehlte nur noch das Türmchen. (1) Die Schule war konfessionslos, doch wurde den evangelischen Kindern weniger Schulgeld abverlangt. (2) Theodor Wilhelm Ludwig Claessen hatte nach bestandener Meisterprüfung "die Berechtigung zum selbständigen Betrieb des Maurergewerbes” erlangt.
82 1. Private Spenden : - Die Altenberger Gesellschaft ................... 533 Tlr, 10 Sgr - Herr Ernest Andre (Paris) .................... 933 Tlr, 10 Sgr Herr Des Arts (Pan) de ee 200 Tr - Herr Courvoisier (Hamburg) ................... 53 Tlr, 10 Sgr - Generaldirektor Schmieder (Breslau) ........ 26 TlIr, 20 Sgr - Herr Lekebusch, Kaufmann in Barmen ..... 10 TIr - Herr Lehrer Lekebusch in Kaiserswerth ..... 10 Tlr 2. Die verschiedenen Gustav-Adolph-Vereine .... 850 Tlr 3. Die Kollektenreise a) im Reg: = Bez. Aschefi ee) O22 TIr 5 Spt . b) im Reg: Bez. Te areas. 156 TIr; 4 Sgr c) in der Freien Stadt Frankfurt ..............4. 73 Tlr, 23 Sgr Spesen der Kollektenreise : 62 Taler, 7 Silbergroschen und 6 Pfennige. Somit blieb als Reinertrag der Kollektenreise die Summe von 789 Tlir, 26 Sgr, 4 Pf. 4. Die Pfarrgemeinde bringt etwa 300 Taler auf. Folglich standen Ende 1856 3.706 Taler und 16 Silbergroschen zur Verfügung. Lekebusch hoffte, die noch fehlenden Mittel (rund 800 Taler) durch eine schon bewilligte Kollektenreise im Reg. - Bez. Düsseldorf aufbringen zu können. Diese Kollekte wurde später sogar auf Rotterdam und Den Haag ausgedehnt. Aus einem Schreiben des Ministers der Geistlichen, Unter- richts- und Medicinal-Angelegenheiten vom 9. Juni 1857 ersehen wir, daß noch immer 500 Taler ungedeckt waren. Die Kgl. Regierung zu Aachen hatte Bedenken, diesen Fehlbetrag aus der Staatskasse zu decken. Das Berliner Ministerium teilte diese Bedenken, ”’da die Kirche, obwohl auf diesseitigem Gebiet (d.h. auf preußischem Territorium) belegen, doch meist nur von Ausländern, namentlich Belgiern, besucht werden wird, und das Bedürfnis zur ihrer Errichtung zunächst durch den Geschäftsver- kehr der ausländischen anonymen Gesellschaf des Alten Berges herbeigeführt worden ist. (1) (1) Wir wissen, daß die evangelische Gemeinde sich vorwiegend aus deutschen Grubenangestellten und deutschen ”’Grenzaufsehern”” (Zöllnern) zusammensetzte, auch wenn viele dieser Gemeindemitglieder auf neutralem Gebiet oder in Bleyberg wohnten,
33 ”Die von dieser Gesellschaft bisher bewiesene rühmliche Sorge für die sittlichen und religiösen Interessen ihrer Arbeiter und die sichtbare Bestätigung dieser Fürsorge auch bei dem in Rede stehenden, dem eigenen Bedürfnisse der Beamten der Gesellschaft entgegenkommenden Kirchenbau läßt mit Zuversicht erwarten, daß die Gesellschaft auch zur Beschaffung der noch fehlenden 500 Reichstaler im Wege freundlicher Unterhandlung sich bereit finden lassen wird. Die Regierung hat daher diese Unterhandlung in unserem Namen einzuleiten und von dem Ergebnisse zu seiner Zeit Anzeige zu machen.” Der Oberkirchenrat hatte seinerseits nach einer von ihm aufgemachten Rechnung einen Fehlbetrag von 600 Reichstalern errechnet und in einem Brief an den Minister von Raumer vom 26. Sept. 1856 auf Antrag des Kgl. Konsistoriums um die Bewilligung dieser Summe von Sr Majestät dem König als ”Allerhöchstes Gnadengeschenk”’ ersucht. ’’Das Bedürfnis der dauernden Gründung einer Kirchenanstalt in Altenberg”, so schrieb der Oberkirchenrat, ”’welches sich in dem raschen Auf- blühen dieser jungen Gemeinde documentiert, müssen wir aner- kennen. Die Anstrengungen der kleinen Gemeinde, der Gesell- schaft sowie einiger Mitglieder derselben, sind der vollen Aner- kennung würdig.” (1) Ende 1856 war die Zahl der in Preußisch- und Neutral- Moresnet ansässigen Evangelischen auf etwa 120 Seelen ange- wachsen. Auf dem Bleyberg zählte man 45-50 evangelischen Gläubige, in Hergenrath und Astenet ca. 10, im ganzen also 175-180. Ed. Lekebusch erhielt, wie schon erwähnt, als Hauslehrer bei Oberingenieur Max Braun freie Station und 100 Taler jährlich. Aus dem Kollektenfonds legte die Kirche 100 Taler dazu, die Gemeinde selbst nochmals 25 Taler. Die Altenberger Grubenge- sellschaft gab dem Geistlichen keinen Gehaltszuschuß, doch (1) Der Gesamtbetrag der zur Verfügung stehenden Gelder belief sich letztendlich auf fast 18.000 Mark, die Baukosten waren auf 13.500 Mark angestiegen. Die verbleibenden 4.500 Mark wurden zum Stammkapital für Pfarrhaus und Schule bestimmt.
3 3. Der Arzt Bleissner 4. Obersteiger Kern 5. Bierbrauer Scheur 6. Ingenieur Venator 7. Ingenieur Sachs 8. Zolleinnehmer Lüdke 9. Lehrer Classen 10. Grenzaufseher Wohlfahrt 11. Der Musikus Kölling 12. - 15. : die Bergleute Rausch, Bierberg, Jungbluth und Oschmann 16. Der Nachtwächter Grundgeiger Nur der Oberingenieur Braun gehörte in die obere Steuer- klasse, die unter 2. - 9. aufgeführten waren in der mittleren, die restlichen in der unteren Steuerklasse. Am 2. September 1857 konnte die junge evangelische Ge- meinde ihr neues Gotteshaus beziehen. Generalsuperintendent Schmidtborn hielt die Weiherede, Pastor Michels aus Eupen die Liturgie und Pfarrvikar Lekebusch (er war am 18. Juni ordiniert und zum Pfarrvikar ernannt worden) hielt die Festpredigt. Zwischendurch hatte der Berliner Oberkirchenrat am 23. April die Erhebung der Gemeinde zu einem selbständigen Pfarr- . bezirk verfügt. Hohen Besuch auf dem Altenberg verzeichnete man i.J. 1856 : die spätere Königin und Kaiserin Augusta, Gemahlin Wilhelms I., besuchte Kelmis. Im folgenden Jahr schenkte sie der evangelischen Pfarrgemeinde eine Bibel für die Abendmahlsfeier, eine Patene und einen Kelch, beide vergoldet, eine kristallene Kanne sowie ein Kruzifix mit zwei Leuchtern. Eduard Lekebusch, der sich so sehr für den Aufschwung der jungen Gemeinde eingesetzt hatte, verließ dieselbe kurz nach der Vollendung des Kirchenbaus, im Oktober 1857. (1) Sein Nach- folger wurde der Predigtamtskandidat Max Döring aus Elberfeld, in dessen Amtszeit am 26. Juni 1858 der evangelische Friedhof hinter der Kirche seiner Bestimmung übergeben wurde. (1) Er wurde Gesandtschaftsprediger in Neapel
36 Die Bitte um Genehmigung des Friedhofes, der anfangs auf etwa 8 Quadratruten (1) angelegt war, hatte die Gemeinde am 4. September 1857 eingereicht. Man rechnete in Preußisch- Moresnet mit einer Höchstzahl von etwa 140 Seelen; das würde einer durchschnittlichen Zahl von 3 Sterbefällen im Jahr ent- sprechen. Der projektierte Friedhof hätte diesen Berechnungen nach für 10 Jahre ausgereicht. Die Platzwahl (auf einer Anhöhe, dicht neben der neuen Kirche) schien glücklich getroffen zu sein. Aus hygienischer Sicht gab es keinerlei Bedenken. Auch die Pfarrer der Nachbarpfarren Aachen und Eupen hatten gegen die Anlage eines evangelischen Friedhofes in Moresnet nichts einzuwenden. Daraufhin erteilte i die Regierung die erbetene Genehmigung am 2. Oktober 1857. In den Jahren 1857-1877 wurden 34 Personen auf dem neuen Friedhof beigesetzt. Dieser wurde in der Folgezeit vergrößert und auf ein Fassungsvermögen von 160 Grabstätten gebracht. Er gliederte sich in Erwachsenengräber, Kindergräber und Privatgrä- ber. Eine Privatgrabstätte für die Dauer von 40 Jahren, was dem auch für die anderen Gräber gültigen Turnus entsprach, kostete 25 Mark an die Kirchen- und Armenkasse sowie ein Geschenk von 15 Mark für Wohltätigkeitszwecke an die Ortsarmenkasse. Max Döring verließ Kelmis/Neu-Moresnet nach genau einem Jahr, im Oktober 1858. Unter seinem Nachfolger, dem Lizenzia- ten Theodor Hossbach, wurde im Frühjahr 1859 die staatliche Anerkennung der Gemeinde beantragt und der Bau eines Pfarr- hauses ins Auge gefaßt. Die beantragte staatliche Anerkennung wurde 1862 zugestanden, doch die Pfarrstelle als ”’feste’” wurde erst nach Bewilligung eines dauernden Staatzuschusses zum Pfarrergehalt i.J. 1866 genehmigt. Unterdessen hatte Hossbach die Gemeinde verlassen. (2) Sein Nachfolger, Walter Vielhaber, war der erste ”’Pfarrer’” der evangelischen Kirchengemeinde von Moresnet. Unter Pfarrvikar Vielhaber konnte 1864 mit dem Bau eines Pfarrhauses begonnen werden. Dasselbe war im Herbst 1865 bezugsfertig. Die zu diesem Bau notwendigen Mittel herbeizuschaffen, war keine leichte Aufgabe. Wie im Falle des Kirchenneubaus wollte es (1) Etwa 113,5 m2 (2) Er übernahm das Predigeramt in Berlin an der Jerusalems- und Neuen Kirche.
37 die Gemeinde zuerst auch mit einer von der Regierung genehmig- ten Kollekte versuchen. In einem Brief an den Superintendenten der Synode Aachen, Pfarrer Rosshof, beschrieb Pfarrer Vielhaber die Lage seiner Gemeinde. Es heißt da : ”Die Mehrzahl der erwachsenen Männer ernährt sich not- dürftig durch ihre Arbeit in der Grube des Bergwerkes. Ein kleines Contingent liefern die Grenzaufseher. Nur wenige Gemein- deglieder haben ein gutes Einkommen, tragen aber auch im Verhältnis umso mehr zur Kirchensteuer bei. Diese ist bisher freiwillig und zwar in der Weise entrichtet worden, daß das evangelische Familienhaupt und jedes selbständige Mitglied der Gemeinde 50% der Einkommensteuer resp. Klassen- und Grund- steuer zur Kirchensteuer beitrug. Bei gemischten Ehen gibt der protestantische Teil 25% der eben genannten Steuern. Auf diese Weise beläuft sich die Einnahme der Gemeinde aus der Kirchensteuer auf ungefähr 150 Taler, wovon ich selbst 100 Taler als Beitrag zu meinem Gehalt bekomme, während der evangelische Beamtenlehrer 20 Taler für den Organistendienst bekommt. Das übrige erhält z.T. der Küster, z.T. fließt es in die Sparkasse und wird zu den laufenden Ausgaben an Reparaturen usw. verwandt. Sea 2 AA BA Em A| Vo Aa f en DO 38 Kirche und Pfarrhaus (Vorderansicht) | Foto : A. Jansen | |
38 Zu dem Pfarrhausbau haben wir bis jetzt erst 50 1/3 Taler bekommen, welche ein Wohltäter der Gemeinde schenkte. Außer- dem werden wir von der uns durch die hochlöbliche Königliche Regierung in einer Verfügung vom 12.5. d.J. erteilten Erlaubnis Gebrauch machen, einen Teil unseres Pfarrlandes öffentlich in Parzellen zu verkaufen, woraus wir gegen 600 Taler zu lösen hoffen. Endlich werden wir auch das Geld, das wir augenblicklich auf der Sparkasse haben, zu dem Bau verwenden, so daß wir im Ganzen etwa 1000 Taler haben würden ...” Da man aber mit Baukosten in Höhe von etwa 2.500 Talern rechnete, bat Pfarrer Vielhaber um die Vermittlung der Aachener Regierung beim Oberpräsidenten der Rheinprovinz, damit dieser eine Kollekte in den drei Regierungsbezirken von Düsseldorf, Köln und Aachen genehmige. Oberpräsident von Pommer Esche teilte unter dem 23.7.1963 mit, er könne angesicht der vielen schon bewilligten Kollekten der evangelischen Gemeinde von Preußisch-Moresnet' eine solche nur im Regierungsbezirk Aachen zugestehen. Noch im Herbst des gleichen Jahres begannen Pfarrer Vielhaber und Küster Adolph Jungbluth, der als Grubenaufseher bei der Gesellschaft des Altenbergs fungierte, mit der Kollekte, die insgesamt rund 470 Taler einbracht. Als besonders spenden- freudig erwiesen sich die Kreise Aachen-Land (53 T), Aachen- Stadt (202 T), Düren (72 T) und Eupen (91 T). Am 19. September 1864 legte das Presbyterium der evangeli- schen Kirchengemeinde Preußisch-Moresnet den Plan nebst Kos- tenvoranschlag des projektierten Pfarrhauses vor. Der Plan war von dem Aachener Bauunternehmer und Maurermeister Reisdorff angefertigt worden. Der Kgl. Kreisbaumeister Castenholz in Eupen hatte denselben revidiert und einige Abänderungen daran vorgenommen. Die veranschlagte Bausumme lag bei 3.500 Taler. Reisdorff sah nicht nur eine Wohnung für den Pfarrer, sondern auch ein Schullokal und eine Lehrerwohnung vor. Man befürchtete näm- lich, früher oder später würde die ”’Vieille Montagne”’ die private Schule, die sie bis dahin unterhalten hatte, auflösen. Der notwendigen Summe von 3.500 Talern stand ein tatsäch- lich vorhandenes Kapital von 1.500 Talern gegenüber. Die Bitte
34 der Gemeinde, die Regierung möge eine Unterstützung aus Staatsmitteln, ein sog. allerhöchstes Gnadengeschenk gewähren, wurde abgeschlagen. Die Regierung bemängelte nicht nur, daß der Bau "mit Raum Verschwendung’ projektiert sei, sondern auch, daß man mit dem Bau begonnen habe, ohne sich vorher mit der Zivilgemeinde ins Benehmen zu setzen. Auch wollte es der Regierung nicht einleuchten, daß sie zum Bau eines Pfarrhauses beitragen solle, wo doch hauptsächlich Bewohner des neutralen Gebietes und aus dem Bleyberger Raum davon den Nutzen hätten, die belgische Regierung aber nicht dazu beitrage. Die Argumente der evangelischen Gemeinde, 102 Evange- lischen auf preußischem Gebiet stünden nur 80 auf neutralem (und belgischem) gegenüber; die Neutralen seien nicht ”’wirkliche Gemeindeglieder”” sondern ’”’Gäste’” in der evangelischen Ge- meinde, welche eine rein preußische Gemeinde sei; auch seien die Neutralen durchgängig Untertanen des preußischen Staates und sie kämen ihren staatsbürgerlichen Pflichten demselben gegenüber nach : alle diese Argumente vermochten nicht, die Regierung umzustimmen; sie blieb bei ihrer starren Haltung. | Indessen waren die Arbeiten am Pfarrhausneubau weiterge- | gangen, und im Herbst 1865 war der Bau bezugsfertig. Es blieb eine Schuldenlast von 1700 Talern, wovon 200 durch eine Spende | des Gustav-Adolph-Vereins abgetragen werden konnten. Zur Tilgung der Restschuld sah sich die Gemeinde schließlich ge- | zwungen, eine Kapitalaufnahme zu 4 1/2 % zu tätigen. | |] Wie schon erwähnt, war Pfarrer Walter Vielhaber der erste evangelische Geistliche in Preußisch-Moresnet, der sich zu Recht | ”Pfarrer”” nennen durfte. Mit der Pfarrstelle war 1866 folgendes | Einkommen verbunden : | 1. Freie Benutzung der Pfarrwohnung in dem hierzu errichteten | Gebäude; die für Schulzwecke vorbehaltenen Räumlichkeiten | werden ihm gleichfalls zur freien Benutzung gestellt, solange das | Presbyterium nicht zu Schulzwecken darüber verfügt. Für die baulichen Reparaturen des Pfarrhauses sorgt das Presby- terium.
40 2. Nutznießung des Gartens und Pfarrlandes der Gemeinde. 3. Gehalt : a)l\aus. der Staatskasse UL Re 131. Taler; 7 Spe, 6 Pf b) aus der Kirchenkasse ................... 139 Taler, 15 Sgr c) aus der Kirchensteuer .................. 100 Taler d) Zuschuß der Bergwerksgesellschaft ... 53 Tlr, 10 Sgr, 6 Pf Züsammen ih 2102. 7424 Taler, 2 Sgr 6 Pf Stolgebühren wurden keine erhoben. Es ist erstaunlich, in wie kurzer Zeit die zahlenmäßig doch schwache evangelische Gemeinde all dies leisten konnte. Groß war der Opfersinn der Gläubigen, nicht minder beachtenswert die Solidarität der verschiedenen evangelischen Kirchengemeinden | des In- und Auslandes. Die materiellen Schwierigkeiten hatten so verhältnismäßig schnell überwunden werden können. Doch in der Folgezeit war der Bestand der evangelischen Gemeinde mehr als einmal gefähr- det. Hilfsprediger Karl Angermünde aus Duisburg (1872-1876) erlebte den Wegzug von Max Braun nach Aachen, was zum Wegfall der Hälfte der bisherigen Kirchensteuer führte. Doch der Verlust wurde zum großen Teil durch einen höheren Zuschuß der Bergwerksgesellschaft ausgeglichen. Unter Pfarrer Wilhelm Lohman (1877-1878) kam es zu einer Krise, die durch Streitigkeiten innerhalb der Beamtenschaft ausgebrochen war. Das führte zum Weggang mehrerer Familien ... Pfarrer Karl Furck (1878-1882) mußte erleben, wie verschie- dene evangelische Gemeindemitglieder zur katholischen Kirche übertraten. Sein Nachfolger, Ferdinand Hermanns, amtierte von Anfang 1883 bis Ende 1887 in Preussisch-Moresnet. In dieser Zeit schrumpfte die Gemeinde erheblich, was auf den Rückgang der Grube zurückzuführen war. Der spätere Gemeindepfarrer Her- mann List schreibt in der Gemeindechronik, man habe für den Bestand der Gemeinde und des Ortes gefürchtet. Nur 2 Jahre blieb Pfarrer Max Heinrich Brost in Preussisch- Moresnet. Er starb 31-jährig im Jahre 1890. Ihm folgte, wie Julius Boehmer schreibt, ”’der letzte Pfarrer von Preußisch-Moresnet, der zugleich am längsten im Dienste der Gemeinde gestanden und fast die Hälfte ihres Bestandes
41 ausgefüllt hätte, wäre er nicht vorzeitig aus der Gemeinde verdrängt worden : Hermann List. Er hat genau 30 Jahre das Amt geführt : vom 26. August 1891 bis zum 31. August 1920, und mit seiner Gemeinde die allerschwersten Zeiten durchlebt.”” Pfarrer List sah die Seelenzahl auf 100 zurückgehen. Viele der älteren Gemeindemitglieder starben oder verzogen, die neu Zuziehenden waren zumeist Grenzbeamte, die selten lange blie- ben. Die Belegschaft des Bergwerks setzte sich mehr und mehr aus belgischem Personal zusammen, das durchweg katholisch war. Nun war aber das Bergwerk von jeher eifie mächtige Stütze der evangelischen Gemeinde gewesen. Durch die Besetzung der Beamtenstellen mit Katholiken lockerten sich die Bindungen zwischen der Gesellschaft und der Kirchengemeinde immer mehr. Pfarrer List mußte zusehen, wie die frühere Eigenart der evangelischen Gemeinde Preussisch-Moresnet, die einheitliche Beamten- und Arbeitergemeinde, allmählich schwand. Es gab (1902) nur noch wenige fest ansässige Familien, die Grenzbeamten kamen und gingen, neue Stände und Berufe waren aufgekom- men. Der Abfall von der Kirche war beachtlich und in der Gemeinde sah der Pfarrer wenig Bruder- und Schwestersinn. Doch dieses Tief konnte überwunden werden. Die Kirchenvi- sitation vom 22. Dezember 1909 durch Superintendent Anger- münde konnte ein ”’trotz mancher Gebrechen im ganzen blühen- des Gemeindeleben”’ feststellen. (J. Böhmer) Das Fest des 50-jährigen Bestehens feierte die Gemeinde am 27. Oktober 1907. Es war der letzte Höhepunkt im Leben der selbständigen evangelischen Pfarre Preussisch-Moresnet. eG RIO RO RR Als im Februar 1919 das Gerücht sich verbreitete, der Kreis Eupen werde an Belgien kommen, sah man den Untergang der evangelischen Gemeinde als gewiß an. Als dann am 10. Januar 1920 der Friedensvertrag in Kraft trat, zogen die preußischen Zollbeamten ab, die evangelische Schule wurde geschlossen und die belgische Verwaltung tat alles, der evangelische Gemeinde das Leben zu erschweren. Dem Pfarrer wurde zum 1. April 1920 das Gehalt gesperrt; weil, wie man sagte, die geringe Seelenzahl keinen eigenen
42 Pfarrer mehr erfordere. Daraufhin verließ Pfarrer List die Ge- meinde am 31. August 1920. Die Folge dieser Verwaisung war, daß die evangelische Gemeinde sich wieder Eupen zuwandte. Mit dem 1. September 1920 übernahm der dortige Pfarrer wieder die Gemeinde Neu- Moresnet (ehemals Preußisch-Moresnet). eo RR x + 0 ; 7 /} u ve 4 1 0 A ; En / VE nn ‘ 5 A X 1 En u) \Nan 8a \/ı x 98 Pe ü X \ ID a < S_ 5 \ ] RB 4 DO Cd 4 E De Y Pfarrer Hansruedi Amann, seit 1969 Pfarrer der evangelischen Gemeinde Eupen/ Neu-Moresnet
4 U nn A VA 2 a - a 2 A s nn DD . ba nr N ‘3 2 N ZN 7 aa ee U a @ TS j pi 2 A ET 2 Seit 1964 residiert Wilhelm Flückiger in Neu-Moresnet. Er ist seit 1975 vollamtlicher Religionslehrer und Hilfspfarrer der Gemeinde Eupen/Neu-Moresnet. Quellen : | Staatsarchiv Düsseldorf, Zweigstelle Kalkum, Reg. Bez. Aachen, Kirchen- und | Schulwesen, 8603, 8604, 8766/A 193, 5115, 5116, 5117. | "Chronik der evangelischen Gemeinde Preußisch-Moresnet, zusammengestellt | nach vorhandenen Aufzeichnungen der Pfarrer der Gemeinde vom Jahre 1855 an | und weitergeführt von dem derzeitgen Pfarrer Hermann List 1897-1920”. | Julius Böhmer, "Evangelium und Evangelisch in Eupen-Malmedi””, Aachen 1937, S. 259-269. Pfarrarchiv Neu-Moresnet. || | | |
45 Gutreahiemaer gewichtet, Muslaeı wude der GolkerdeusT un eamem ‚der Sesell; „chat gebaugait, vow der Knappachafts- Mussk Am Ubrem Srobei um vom dem Se- meet Rath am name Sılammgemw beunizte, Saale halleu, her, wbgeschem Zavow Iafe diene Lokal und nk ifo Iie ÖreayCuchhest mes Koller diemster Jedem Ach mm em wWerdemw Kamm, ut Tafselbe weder widmen gemmer, noch auch fa de Bf Din 0X kr Zumofr une (Eiyrifemenz Gerne uf 9 Dane Bimeschend Lmdeww ut zu des Daw emmes be sandesem Qolkes hanaıs umeraum- „Leramaf rem das Sule, Sch Mb, um emme Selbabatnduge tem unde Aw uw. SD Bildung einer, solchem year heilich auch ee enauge liche Schule umd em Afhanhans. Oz weh 30 kessgew evamgelichtw Kunden 3 wow der Sea lichaht nd A glich besuchen How.’ +wo um Der Setliche few Malin ber Herım Dramw hak, so uf dus Strich: mg emer Schule um) Uines Marchamser; vo Lauge die gegew. warlugew Yor- “ße obwaltew. Kar Bedafudfe und ww Bebcfrankdw umaıe Hinsche fur jebye «A dew Daum eimem Kirche, | Aw dem Ede halım wur vow dem huesugew | evamgeAuciem) Mermrermeiwkar Chan viva Alan anferkigew Lafocw, welchen JrBgE Da Buße Oben Rasch runde am Bemehunr vorliegt wm defiew Kortenaunch Sg sich af frames $0, 500 beläuft. a A GR mg 3: Alben Kat die AMenberger Bezllschaft 2.900 "ruucs um) Das Terrain bewilligt, emumge wangeduche Mitglieder des Yorwaltuunse talhen Dias Gesellschaft habeıw aus Dürsabmittchw yeqem A000 (urucs ver 10 Ayew; die Biesuge Bameinde abet abe Kamt, Daraıe ale WeimEie ea „ge Crchem Bölamaktı, wun aus, armmıw Beigleutew Tel cht wichı ale Böcfietewa A090 Kat app N Le Aa dan! event wu da wen der amgerchematen IN rylıeder, muderen Öeuriinde WEN Sl wullug heit“ zasf 00 8% 200 frame gelem wol- „Car. Win Kamaraser 3a BAT DR na De U der WE hichem KXorlew, veortug em ® baden nerkgem WU WC nv Der Umoführung eures Hezke> welches zw der Herım Ehregerescht, aumderu nerlzemen, "das Su ellek es wuhl zu. Slide Grumgem um) um "zumal Dwuch dew Iheuermm Gustan-(Cdolblb:- Tores. See Sein Herdiv schow wo 40 vilew auge lichen Druiden gediewt ‚heffen weidem ODie hieawge Sememde verdient un des Thal, an prelem Kücksuchltn, eme Prem Liche Beachtung vow Selen der Yevemms / Erstens ER A Uhren bißerigew olaten Tafafeund. ame Krchlichen MUtelpumktes auf das 9) ınumyendrle, Lt uber, hobi wller [5 wicht uw Stande , sich dievmelben wu eigremwem MNeillebu am echtem‘ We Wr dieslbe sche smpfämglich Bü die Predigt des Spangel tum. Umkerseuchneltr, Xoamnu ws fremdem Geneudew, Dafo vow der CF 95E 106 Erwuch- yemew Soma ZU Alig 664 70 dem Gottes len Besucher nm? la um SE RN „Belte, habew gegew. bo Tewomen ad IemmelBew Thest yamommmmem. Cuch zw) die geboleien Dbehm md Mauk mg emomm mem Wordew | 0 MDülkemy BE Die Bememde unmee.ı mehr ınmumb men. Wahrend die vangelischew Deamtew umd Arbeiter such birler, wegew des Mangel einen evamgeluchenw Kunche, Bald vom hier wegachutew umd wühlich eutfrin lem werdew de ww ZuhemmA Iwech dew new sochaflewew Kirzchlichew NMuıktzEiunkt [7 est eh allem, auch wweme Meukglieibe Dicht o eaugew werden. Schau el wehmew 3% Kınder am dem KeligiQuaumterrichte heil: 0A uber oa uadue- Som dab die Lahl derselbew im die llernachstim La auf mindestens 20 sTergem ww | } Endlich ur unch veerlens die Pedeutung der hiesigen Oiken ‚wegen: einer Loge iw einen Alec. Katholischen Gegemwd ; A mem Biber Ike” Erame “Hiadbe Kam) le Ohielew auaucht, 157 Die Kaafqung mad nahe Kar de ang Airchew Kucche berbauht gem ß micht ge wg ac hlag en n Umter, solchen Ummtanden Br Unmletthne eeen de wrXan- + Yoreimew dir AA 5 asclbem ur Liebe ES
46 am gedenken und ie Arm Da ifrcs GZolierbanuses um dem Umkerstükgumngs . nlan Ders Jahren und yurwehrmew. ; Atenberg Del ni AM06 I Nahe. N ER BD AReh th, Co Aal Kolhprediger Des em, inch ew Gemeinde MA een VE DO Ya EN A RA 2 Dan KA ad SS < ne 7 Alf dam Safe de Gamteöch BEER DZ / D W“ G A ZZ VE Kürhen, An MB £ VER Ge As
49 3/ Dieselbe bildet ein Glied der Kreis-Synode Aachen ... Ab- schließend heißt es : ”’Wir fertigen derselben diese Gründungs- Urkunde mit dem Wunsche aus, daß sie unter dem Schutze des dreieinigen Gottes nach Innen und Außen wachsen und gedeihen und Alles in ihr zum Preise seines heiligen Namens, zur Förderung seines Reiches und zum Heile der unsterblichen Seelen immerdar gereichen möge.” 3. Bekanntmachung der Errichtung der neuen Pfarre (6 LEE ; SZ m EEE BER a Ar VE AA E DE = KA WEEZE DA ES A a SA ME LS Ca STIER AG EL) ink Bagger) 2) lackieren Brfenih DE DEE WR ZZ FR SAL ZPO fan Mr nn EG 2. TED EOTSEOÜfFAfFE Blems abe ZZ EP ffir ZB Mit nih Tmnn fl viechern a 7 LEN DEZE ARTE Mailen ie DZ BER Cohlerg, ED LTD GC Ce a EEE SE Hndg fe Een DZ ZB 3 LM GBBI. CAD:
50 4. Vertrag über die Lieferung einer Kanzel . ? Ye} a. bet Atfan Sg Über ri fee Üble Gafn um 4 | ES Merle El egeh Ob Al Ebak DZ Batien Se GL ML u Anh anug, Sheikh SGB EL . KDD eat ib tpunhs KEMGFA KH ME EEK üfen U Dh Ben ine St RT $ innen Kocher Ga chen ynbellüg fen ZOG ner An EHRE pi fles A za ZÄ LASER fan Sf ih Bee ann ADELS SAT KR EEE Pf NE gib Bann nr SELLER SEE A fin Hafen Argus. As Anna He, 00 CL S AED AD A 1 BM fa af MY BE, DGAOS BO gie ME GA u A - VE A AB Mnfae Wen ba B HE wem Ib ZZ EEE 5 Zn Kanr Mb fe Markın Bei AfA ET Zr Clean S VO Sch Dir Aachener Schreinermeister N. Balck verpflichtet sich, ”nach einer von beiden Theilen begilligten Zeichnung eine Kanzel nebst Treppe und Stuhl aus gutem ‘rockenem fehlerfreien Eichenholz” anzufertigen.
5. Vierter Jahresbericht 51 des Altenberger Gustay-Adolf-Vereins zu Preuss-Moresnet pro 1890 u, 1891. Eine traurige Zeit liegt hinter unsrer kleinen Diaspora- Gemeinde: Im Juli 1890 wurde ihr nach längerm Leiden der Pfarrer M. Brost durch den Tod entrissen Sein An- denken steht bei allen Gliedern der Gemeinde in Segen. Er hat trotz schwerer Krankheit für die Förderung unserer Gustav-Adolph-Sache gesorgt. Bei seinem "Tode belief‘ sich die Zahl der einheimischen Mitglieder auf etwa 20, die der auswärtigen auf annähernd 70. In den langen 13 Monaten der Pfarrvakanz sind manche der auswärtigen Mitglieder uns untreu geworden, auch hat die Einsendung der Beiträge fast ganz gestockt, was wohl vielfach darin seinen Grund hatte, dass im letzten Jahre kein ‚Jahresbericht verteilt werden konnte. Denjenigen Freunden unsrer Sache, die auch in den letzten beiden Jahren uns durch ihre Peiträge unterstützt, sprechen wir an dieser Stelle unsern besten Dank aus. Den neugewonnenen Mitgliedern danken wir für ihre bisher geleisteten Beiträge und hoffen, dass sie unserm Verein treu bleiben. __ Veranlasst durch die oben geschilderten Verhältnisse bitten wir die verehrl. Mitglieder dringend, ihre noch fälligen Beiträge nunmehr an den unterzeichneten einsenden zu wollen, (Die Gustav-Adolph Blätter werden fortan wieder regelmässig allen Mit- gliedern übersandt.) Es steht noch offen für der Jahresbeitrag pro 189 ä AM. 2.60, in Summa: Preuss.-Moresnet, im Jan. 1892. Pfarrer List.
52 Die einheimischen Mitglieder, zahlten ihre Beiträge regelmässig und beläuft sich die Zahl derselben z. Z. auf 27, dA. i. über ein Viertel der Seclenzahl unsrer Gemeinde. Laut Kassabuch belief‘ sich der Bestand unsrer Kasse nebst. den Einkünften im Jahre 1890 auf: 701.38 Ab Ausgaben 516.45 „ blieben 184.93 Mb. Bestand und Einnahmen im Jahre 1891: 219.78 Mb Ausgaben 31T blieben 183.61 Mo. Die grossen Ausgaben im ‚Jahre 1890 entstanden durch Ratenzahlungen an, die Herren Simmler ‚und Venator, für gelieferte, Fenster. Ihre Rechnung belief sich insgesammt auf 410 Mark. | Wenn wir nun an unsere verehrl. Mitglieder mit der Bitte herantreten, auch fernerhin unsere Sache zu unter- stützen, so, bedarf es wohl einer kurzen Begründung dieser Bitte: In den letzten ‚Jahren ist es uns gelungen, unser kleines Gotteshaus im Innern einfach aber würdig auszu- schmücken, der Chor konnte ausgemalt, drei gemalte Glas- fenster im Schiff‘ eingesetzt werden. Was wir noch für erstrebenswert halten. ist folgendes: Die Wände des Schiftes sind in sehr verwittertem Zustande, ein, wenn auch einfacher Oelanstrich würde nicht nur zur Verschönerung beitragen, sondern wird mit der Zeit auch notwendig werden Kin rechtes Schmerzenskind ist unsere Orgel, eine Reparatur derselben (von einer Neuanschaffung ganz zu schweigen) wird bald unumgänglich sein, wenn nicht der Gottesdienst leiden soll, Sollten dann die Mittel es ge- statten, so dürften wir daran denken, die Jetzten Fenster in Uebereinstimmung mit den übrigen zu bringen, Das sind. viele Wünsche in Hinsicht auf die, geringen Mittel, die uns augenblicklich zu Gebote stehen. Aber wir hoffen zuversichtlich, dass uns durch die Hülfe der Glaubens- genossen von nah und fern auch das jetzt Unmögliche möglich gemacht wird, Es ist ja nichts unberechtigtes, was wir erstreben, Gilt doch unser Bemühen der Stätte, wo uns allsonntäglich das Evangelium erschallt, dem Kirchlein, das als ein Wahr- zeichen evang. Glaubens von der Höhe hineinschaut ins katholische Land. Für dieses treten wir denn wiederum vor unsre Freunde und bitten sie: Helfet uns! PREUSS.-MORESNET, im ‚Januar 1892. Mit frdl. Gruss Hermann List. Pfarrer.
5 Alles hat seinen Ort und seine Zeit von Leonie Wichert-Schmetz Nichts, was du denkst, Und nichts, was du tust, Fällt werklos ins Leere. Auch wenn du ruhst, Geschieht, was du lenkst Oft an der Kehre. Nach dem Gesetze Sind wir geformt In der Seele; Ohne Zeitdruck und Hetze, Und nicht genormt Ohne Fehle, Dir kommt es zu, Was dir begegnet, Richtig zu wählen, Ohne Rast, ohne Ruh’ Wirst du gesegnet, Statt dich zu quälen. Sorge dich nicht; Sei nur bereit, Immer zu spüren, Daß alle Zeit Vom Dunkel ins Licht Gute Geister dich führen.
54 Deutsch-belgischer Grenzverkehr im Spätherbst 1939 von Leo Homburg Nach Beginn des Polenfeldzuges am 1. September 1939 wurden hier im Westen unsere Grenzkarten durch neue ersetzt. Diese waren nur noch für den Stadtkreis Aachen gültig, welcher, im Gegensatz zu vorher, durch einen offiziellen Grenzübergang Ö betreten werden mußte. Auch die bestehenden Devisenbestim- mungen wurden jetzt schärfer gehandhabt. Am 5.10.39 stellte ich bei der belgischen Paßbehörde in Eupen den Antrag auf die neue Grenzkarte; am 13.10 wurde dieselbe dem Ausländeramt beim Polizeipräsidium in Aachen vor- gelegt und am 21.10 wurde sie mir zugestellt. Dem Paß war ein Beiblatt des Grenzpolizeikommandos Aachen, das auf Bildchen in schwarzer SS-Uniform Dienst tat, beigefügt. In dieses Beiblatt wurde jede Ein- und Ausreise mit Stempel und Uhrzeit eingetra- gen. Es durften damals pro Person nur 3 RM nach Deutschland eingeführt werden. Belgisches Geld mußte bei der Einreise angegeben werden und durfte, soweit noch übrig, mit zurückge- bracht werden. Der offizielle Kurs lag bei 8,50 Fr pro Reichs- mark, während man sie hier für 3-4 Fr kaufen konnte. Schon am Zustellungstag der neuen Grenzkarte fuhr ich mit meinem Motorrad nach Aachen. Der Beamte stempelte mir ins Beiblatt : ”Eingereist 21. Okt. 1939, 14, 20, Grenzpolizeiposten Bildchen.’”” Dann befahl er mir, mit dem Motorrad einem der Polizeiwagen zu folgen. Die Fahrt endete in einer Garage in Aachen. Dort wurden vom Motorrad die Reifen abmontiert, Lenkstange und Lampen auseinandergenommen, der Soziussitz genauestens untersucht und der Tank geleert. Als sie nichts fanden, bauten sie alles wieder zusammen, wünschten mir gute Weiterfahrt und ließen mich gehen. Da ich für die Stallarbeit wieder zuhause sein mußte, fuhr ich sofort wieder zur Grenze, wo sie den Ausreisestempel mit der Uhrzeit 18,10 ins Beiblatt drückten.
es Einige Tage später versuchte ich es wieder, diesmal mit dem Fahrrad. Nachdem der Beamte mir den Einreisestempel gegeben hatte, befahl er mich in einen Nebenraum, wo ich mich entkleiden mußte. Er wies mir eine Liege an, warf mir eine Decke zu und zog mit meiner Kleidung und meinen Schuhen ab. Ich hatte ein gutes Gewissen, hatte ich doch vorher meine Taschen geleert und außer etwas belgischem Geld nur 3 RM und meine Grenzkarte bei mir. Natürlich auch Pfeife, Tabak und Streichhölzer! Als der Beamte zurück kam, hielt er mir einen in Französisch ausgestellten Viehbegleitschein unter die Nase (einen ”passe avant’””) den er irgendwo in meiner Kleidung gefunden hatte, und er fragte, was das sei. Obschon ich versuchte, es ihm zu erklären, blieb er miß- itrauisch. Er holte einen zweiten Beamten herbei, um sich mit demselben zu beraten. Als sie mich laufen ließen, schienen sie doch festgestellt zu haben, daß das Dokument nur als Viehbe- gleitschein dienen konnte. Ich hatte nun die Nase voll von diesem Polizeikommando und wäre gerne auf dem kürzesten Wege nach Hause gefahren. Um mich nicht verdächtig zu machen, fuhr ich geradewegs nach Köpfchen und atmete auf, als der dort tätige Beamte mir den Stempel ”Ausgereist 28. Okt. 1939 Grenzpolizeiposten Köpfchen 11 Uhr” ins Beiblatt gedrückt hatte. Früher zogen viele Bauern am Mariä Lichtmestag, dem 2. Februar, zum Aachener Dom. Um 11 Uhr war dort ein Hochamt und vor der Muttergottesstatue beteten die Bauern für die Fruchtbarkeit des Viehs. Von Hergenrath aus gingen manche gruppenweise durch den Wald. Nun mußte ein offizieller Grenz- übergang genommen werden. Ich hatte meine Mutter alljährlich seit 1930, seitdem ich verheiratet war, auf den Pilgergang nach Aachen begleitet. 1940 aber wäre ich bestimmt nicht mit ihr gegangen, wenn das Grenzkommando Bildchen nicht auf Veranlassung eines Nach- barn versetzt worden wäre. Wie es dazu gekommen war, möchte ich kurz schildern. Der Nachbarn war führend im Verein für Auslandsdeutsche tätig, er war auch einer der Hauptverbindungsmänner der hiesigen Heimattreuen Front und der NSDAP des Gaues Köln-
57 AUERMER KAT er PS U s = a Ein-Aysgereist Fi Aust eri EEE en MEN Grenzpeizciposten f Grenzpotize near $ 7 d 17 Bildchen Bildeken Douler | N ı | ——] "0010hG Brenzpellzel 4 ; ' 1Ein-Avsgereist X A:chen - Bildchen - | rs A * jan ’ | 28. 0kKTt 1936 FE ED a0 | Grenzpolizeiposten A A 1940 ; | . Bildchen A . z PP AD ef v ü : TEin-Ausgereis pn Sa ) | N Grenzpolizeipöston | En 2 FEB. 1940 ER 4 Köpfchnn A V05 4 Aachen. Auch im Kriegerbund war er Mitglied, und wenn in der Umgebung ein Kriegsteilnehmer 1914-18 beerdigt wurde, hielt er die Grabrede und ließ den Verstorbenen eingehen in die große Armee. Meistens fuhr er mit dem Zug nach Aachen, doch ausnahm- weise reiste er eines Tages über Bildchen ein. Als die Beamten seinen Paß sahen, sagte einer : ”Aha, auf Sie haben wir schon lange gewartet, Sie sind vorläufig festgenommen.” (Der Nachbar trug nämlich zu seinem Unglück denselben Namen wie ein von den Deutschen gesuchter Devisenschieber.) Sich seiner Macht bewußt, beteuerte der Angeschuldigte, nicht mit dem Gesuchten identisch zu sein und er drohte den Beamten, wenn sie ihn nicht unverzüglich freiließen, würden sie ihr schönes Kommando auf Bildchen verlieren und in Polen eingesetzt.
58 Die Beamten scheinen nicht sehr intelligent gewesen zu sein, sonst hätten sie es sich gewiß zweimal überlegt, ehe sie den Verdächtigten zusammenschlugen und nach Aachen antranspor- tierten. Einige Tage später wurde er wieder - noch ziemlich angeschlagen - freigelassen, das Grenzkommando abgezogen und durch ein anderes ersetzt. Auch jetzt, am Lichtmestag 1940, kontrollierten SS-Männer unsere Pässe, stempelten sie wie gewohnt, stellten aber keine Fragen. Der Beamte warf nur einen vielsagenden Blick auf die alte ”rückständige’’ Frau, die in der einen Hand den Rosenkranz, in der anderen den Grenzausweis hielt. Auch als wir mit der Elektrischen zurückkamen und auf Bildchen (damals Endstation) ausstiegen, stempelten sie ohne Frage : ”Deutsche Grenzpolizei Aachen-Bildchen, A (= ausgereist) 2. Feb. 1940, 15.40”.
59 Die salomonische Antwort Eine Schmunzelgeschichte vom Dreiländereck von Gerard Tatas (t) Obwohl mein Vater kein dürres, zappeliges. ziegenbärtiges Männlein. war, übte er doch den zu seiner Zeit so gängigen Beruf eines Schneidermeisters aus. Am rentabelsten führte er Schere und Nadel in den zwanzi- ger Jahren, als viele Deutsche und Holländer über die nahe Grenze nach Gemmenich kamen - wo mein Vater als Marchand- Tailleur in der Bahnhofsstraße ansässig war - um sich hier preiswertere Anzüge machen zu lassen. Als Avantgardisten der sich erst in unserer Zeit zur Verwirk- lichung hinschleppenden Idee einer europäischen zollfreien Union, kamen sie in Vogelscheuchenaufmachung, die in den Lumpensack der Schneider wanderte, zum Abholen ihrer neuen Anzüge und stolzierten in der funkelnagelneuen Kluft wieder nach Aachen oder Vaals zurück. So sorgten sie dafür, daß die Zöllner ihre sitzende oder horizontale Stellung ihretwegen nicht zu wechseln brauchten. Außer meinem Vater gab es noch zwei Schneider in dem belgischen Ort am Dreiländereck : Pierre Barbay, der einen «Ich hab’s erreicht» - Schnurrbart trug und Doktor Barbay genannt wurde, weil er sich zur Erhöhung seiner Anziehungskraft auf das andere Geschlecht mit akademischen Federn geschmückt und sich bei einem Flirt mit einer netten Dame in Lüttich als Doktor vorgestellt hatte, und den nur einen Katzensprung vom Grenz- übergang wohnenden Anton Vanberg. Dieser schmunzelte ver- gnügt : An der Quelle saß der Knabe. Jedoch geschah es oft, daß die profitlichen Grenzgänger mit dem Nützlichen auch das Angenehme verbanden und nach einer eingehenden Information über Preise und Qualität beim erstgele- genen Schneider talwärts zum malerischen hingestreckten Dorf wanderten, um das weite Panorama bis zur Höhe des Herverlan- des zu bewundern, das sich zur rechten Hand bietet. Da man einmal da war, wurde dann auch den beiden andern Kleider- machern im Zentrum des Ortes zwecks Vergleichsmöglichkeiten der Laden umgekramt.
60 So kam denn auch eines schönen Sonntags ein Aachener zu meinem Vater ins Geschäft, ließ sich Stoffe zeigen, erkundigte sich nach den Preisen und sagte dann : «Ich war zuerst bei Vanberg, der sagte mir, Tatas (mein Vater also) und Barbay verstehen beide nichts von ihrem Fach. Als ich darauf zu Barbay kam, meinte dieser, Vanberg und Tatas seien nur Stümper. - Was sagen Sie denn dazu, Herr Tatas?» Mein Vater war ein sehr gemütlicher und gutmütiger Mensch. Er konnte sich kaum über den Steuerbescheid ärgern. Wenn er ein böses Gesicht machen wollte, gelang ihm das meistens daneben, da ein halbes Lächeln den strengen Ausdruck sogleich wieder entschärfte. Auch wußte er, daß die Worte seiner S Kollegen - sofern sie überhaupt von diesen stammten und nicht von dem Städter erfunden waren, um den Dorfschneider hoppzu- nehmen - keine maliziöse Verleumdung, sondern eher ein Witz waren, da er mit seinen Konkurrenten auf freundschaftlichem Fuß stand. Deshalb ärgerte sich mein Vater nicht; er bewahrte seine unerschütterliche Bonhomie und erwiderte : «Ja, mein Herr, wenn ich jetzt noch behaupten würde, Barbay und Vanberg seien Pfuscher und Stümper, dann könnten Sie nur nach Aachen zurückkehren und sagen : In Gemmenich gibt es keinen Schneider, der was kann. Sie haben es mir bestätigt.» An diese Antwort habe ich oft denken müssen, wenn in der Wahlkampagne jede politische Partei den andern die Fähigkeit zu regieren abspricht. Ein Überparteilicher kann da nur zu der Feststellung gelangen : Im ganzen Land taugt keine einzige Partei. Jedenfalls gefiel die salomonische Antwort auch dem Aache- ner so gut, daß er sich sofort einen Anzug bestellte und bis zum Lebensende meines Vaters dessen tieuer Kunde blieb. Die Zollangelegenheit aber wurde immer so geregelt, als ob schon damals die Europäische Union existent gewesen wäre.
61 In memoriam Gerard Tatas DONE Jahrzehntelang hat G6e- . 2 rard Tatas das kulturelle Le- 2 ben des Gemmenicher Rau- as KO mes mitgestaltet. Nun ist er ) 0 KO von uns gegangen. Er starb am 23. Mai d.J. Am 28. Mai % BO = wurde er in Gemmenich zu Grabe getragen. Sn A Gerard Tatas wurde am A 15.7.1918 als Sohn eines A Schneiders und Frisörs gebo- 4 ren. In seinem Heimatort U Gemmenich besuchte er die 4 Volksschule und ging an- schließend in die Frisörlehre nach Kelmis. Schon früh zeigte sich bei dem Jungen eine bemerkenswerte schau- spielerische Begabung. Bei der katholischen Arbeiterjugend (J.O.C.) stand er schon mit 13-14 Jahren auf der Bühne der ”Patronage”’. In der Zeitschrift der J.O0.C. erschienen auch seine ersten Verse. Der Frisörberuf war keine ”’Berufung””. Gerard .Tatas fühlte sich innerlich nicht ausgefüllt. So sah er seine große Chance gekommen, als er in den Kriegsjahren am Theater in Diedenho- fen (Lothringen), wo sein Freund und Schwager Franz Straet arbeitete, eine künstlerische Laufbahn beginnen konnte. Das Kriegsende zerstörte diesen Traum, doch Gerard Tatas blieb dem Theater verbunden. Zusammen mit einigen Gleichgesinnten gründete er die Theatergruppe ”Neue Bühne”. Mit Komödien und Schwänken (’””Tante Jutta aus Kalkutta””, ”’Hurrah, ein Junge”) errang die Truppe anfangs große Erfolge. Doch beim Versuch, auch ernstes Theater zu machen (”’Kabale und Liebe”) blieb das Publikum fern. Die ”Neue Bühne” löste sich zu Beginn der fünfziger Jahre auf.
62 Gerard Tatas sah man aber weiterhin im kulturellen Leben engagiert. Beim ”’Cercle les 21°” trat er als Conferencier und Vortragender auf und gab Proben seines hintergründigen Humors. Als Leo Wintgens im Jahre 1966 die Initiative zur Gründung eines Geschichtsvereins im Göhltal ergriff, erklärte sich Gerard Tatas spontan zur Mitarbeit bereit. Die Gründungsversammlung bestimmte ihn zum 2. Schriftführer und übertrug ihm die Aufgabe, die Sitzungsprotokolle zu verfassen und die jährlichen Tätigkeitsberichte zu erstellen. Zu der periodisch erscheinenden Zeitschrift ”Im Göhltal’”” , steuerte Gerard Tatas regelmäßig Gedichte bei. Meist waren es Verse in Gemmenicher Mundart. Diesen heimatlichen Dialekt beherrschte er wie kaum ein zweiter in all seinem Nuancenreich- tum und seinen feinen Schattierungen. Alle Möglichkeiten dieser bodenständigen Sprache wußte er dichterisch auszuschöpfen. Die Mundartgedicht zeigen uns eine Seite des Wesens von Gerard Tatas. Sie zeigen seinen manchmal tiefsinnigen Humor, der in der Beobachtung des Menschen wurzelt, einen Humor, der niemals bissig oder gar verletzend wirkt und der sich meist zu einer überraschenden Pointe steigert, die beim Leser ein gelöstes Lachen hervorruft. Doch dies war nur die äußere Hülle des Wesens von Gerard Tatas. Er war, wie schon gesagt, vor allem dem Theater verpflichtet. Auch das Weltgeschehen betrachtete er als ein Schauspiel, in dem er, der Poet, manches absurde Verhalten seiner Mitmenschen registrieren mußte. Und er kam dabei zu dem Schluß des römischen Dichters Juvenal: ”’Es ist schwierig, nicht satirisch zu sein’”’. (Difficile est, satiram non scribere). In einem längeren, nicht veröffentlichten Gedicht mit dem bezeich- nenden Titel ”’Die beste aller Welten’ hat Gerard Tatas seine Sicht der Weltgeschichte von der Erschaffung der Erde bis Hiroschima dargelegt. Die letzten Verse dieses Gedichtes geben etwas von der verzweifelten Seelenstimmung des Dichters wieder, der unter der Sinnlosigkeit des Lebens litt, aber in der Maske des Clowns seine Mitmenschen zum Lachen brachte.
63 ”Unter der Maske des Clowns, Der skurillen, Schlug mein Herz und litt An Weltschmerz. Den müden Körper Ans Kreuz geschlagen, Suchte mein Geist Sinn und Zweck des Lebens Mit Zweifelsqualen, Suchte die Wahrheit, Suchte Inhalt 2 Und fand nur Leere, Ein Vakuum ...” Einen so vielseitig begabten Menschen zu würdigen, fällt schwer. Gerard Tatas liebte die Musik, spielte Mandoline und komponierte Melodien zu eigenen Texten. Als Zeitungsberichter- statter schrieb er vielbeachtete Kritiken zu Musik- und Theater- aufführungen in der jetzigen Großgemeinde Bleyberg. Als Mit- glied der Provinzialjury für Laienbühnen wußte er stets ein sachkundiges Urteil abzugeben. Er begnügte sich auch nicht, bei solchen Gelegenheiten seine Punktwertung zu geben. Mit dem Text in der Hand sah man ihn im Anschluß an die Aufführung den Laienspielern praktische Hinweise geben: ”’So hätte ich diese Szene gebracht ...” Der Tod Gerard Tatas’ hat eine schmerzliche Lücke gerissen. Das Kulturleben im Göhltal ist ärmer geworden. Die Göhltalver- einigung im besonderen ist ihrem treuen Mitarbeiter zu tiefem Dank verpflichtet. Ehre seinem Andenken.
64 Hergenrather Schulchronik (1. Forts.) von Alfred Bertha Vergrößerung der Schule an der Altenberger Straße 1869-70 mußte zur Vergrößerung des Schulhauses geschritten werden. Die öffentliche Verdinggabe erfolgte am 11. August 1869. ”Der Kostenanschlag betrug mit Ausschluß der Steine, A welche die Gemeinde stellte, 2.443 Thaler. Die Ausführung dieses Baues wurde dem Mindestfordernden, Jakob Schiffer, Steinhauer- ; meister zu Raeren, für sein Abgebot von 11,5% übertragen. Schiffer begann mit den Arbeiten am 26. August und brachte den Rohbau noch vor Schluß des Jahres unter Dach. Die Errichtung einer dritten Schulklasse wurde inzwischen dringendes Bedürfnis, so daß noch vor Beendigung des Vergrößerungsbaues des Schul- hauses das Bürgermeistereilokal als Schulsaal hergerichtet wurde.” Es steht nicht geschrieben, ob die Verwaltung anderswo un- tergekommen ist, oder ob sie nur einen von mehreren ihr zur Ver- fügung stehenden Räume für die Schule geleert hat. (1) An dieser neuen Klasse nahm am 5. Juli 1869 die Schul- amtskandidatin Sybilla Beuss ihre Tätigkeit auf. Nach Fertigstel- lung des Vergrößerungsbaues wurde am 25. Oktober des folgen- den Jahres an Stelle der Sybilla Beuss der aus Eupen stammende und bisher in Klinkum tätig gewesene Lehrer Jakob Ludwigs (2) in Hergenrath angestellt. Anna Gertrud Beck verließ Hergenrath am 1. März 1873, um eine Stelle in Stolberg anzutreten. Am 16. April nahm ihre Nachfolgerin im Amt den Unterricht an der Mädchenklasse hier auf. Es war die aus Sistich stammende Anna Preckel (3), die zu- erst eine provisorische Anstellung erhielt. Das Dreigespann Schmetz, Ludwigs und Preckel arbeitet eine Reihe von Jahren zu- sammen im Dienste der Hergenrather Jugend. Ludwigs erhielt (1) Der Neubau, mit Ausnahme der Bürgermeisterei, des Sitzungssaales und des dritten Schulraumes,wurde zur Wohnung des Bürgermeisters. (2) Geb: zu Eupen, 4.3.1834. (3) Geb. 1845 zu Warendorf; Ausbildung zu Karthaus bei Trier (1868), gest. 1906 in Eupen,
65 1878 seine definitive Anstellung. Im selben Jahr muß Lehrer Schmetz, seit 1847 hier tätig, wegen Krankheit einen vierwöchi- gen Urlaub nehmen. Dies scheint dem Chronisten der Erwäh- nung wert. Er litt unter rheumatischen Beschwerden und Kurzat- migkeit. Während dieser Zeit erteilt Ludwigs vormittags in der Ober- und nachmittags in der Unterklasse Unterricht. Anna Preckel wurde am 13. Dez. 1880 endgültig angestellt, ”unter der Bedingung, daß dieselbe nach den bestehenden und noch zu erlassenden Vorschriften die mit ihrer Stellung verbun- denen Obliegenheiten erfüllen, besonders aber durch Unterricht und eigenes Beispiel dahin wirken werde, die ihr anvertrauten Schulkinder zur Gottesfurcht, zur Treue gegen Se Majestät den König, zur Anhänglichkeit an das Vaterland und seine Verfas- sung anzuleiten, dieselben zu einsichtsvollen gesitteten Mitgliedern der Gesellschaft und in allem zu rechtschaffenen und glücklichen Menschen zu erziehen”. (1) Das Gehalt der Lehrerin betrug 675 Mark. Hergenrath zähl- te zu den ”’billigen’”” Orten, wo die Lehrerstellen weniger gut do- tiert waren als in anerkannt ”’teuren” Orten. 1881 zählte die Unterklasse (1. - 3. Schuljahr), die von Lehrer Ludwigs unterrichtet wurde, 106 Kinder. In den nach Ge- schlechtern getrennten beiden Oberklassen unterrichteten Lehrer Schmetz und Lehrerin Preckel. Die Schülerzahlen lagen hier bei 65 Knaben und 75 Mädchen, was eine Gesamtzahl von 246 Schul- kindern ergab. 1882 mußte Lehrer Schmetz, der seit 1847 fast ununterbro- chen hier tätig gewesen war, sich zum zweiten Male wegen Krankheit beurlauben lassen. In seinem Gesuch um Dispensie- rung vom Unterricht schreibt er, sein Zustand sei so schlimm, daß er es in der Schule nicht mehr aushalten könne. Durch das Sprechen und den Aufenthalt daselbst sei er nach dem Unterricht derart hinfällig und von Husten geplagt, daß er das Bedauern der Seinigen und aller, die ihn dann sähen, errege. Nach kurzer Ruhepause konnte Lehrer Schmetz seine Arbeit wieder aufnehmen. Erst Ende 1890 ging er in den Ruhestand. Lehrer Ludwigs hatte schon vorher wegen Krankheit beur- laubt werden müssen und war am 9. Juli 1890 durch Verfügung der Kgl. Regierung wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt worden. (1) Staatsarchiv Düsseldorf-Kalkum, Schulwesen Hergenrath, 11856
66 Mehrere Schulamtskandidaten folgten sich in schnellem Rhythmus : Carl Kopp aus Büsbach, Karl Willms aus Aachen, Joseph Weber (1) aus Ripsdorf. Letzterer trat seine Stelle in Her- genrath am 15. September 1890 an. Es folgte nach dem Abgang von Joseph Schmetz als neuer Hauptlehrer der von Hauset hierher versetzte Georg Klein (2) aus Schiffweiler (Kreis Ottweiler/ Saarland). Das Wohl älteste Hergenrather Schulfoto, - leider stark verblichen - , entstand vermutlich 1893 und zeigt Lehrer Joseph WEBER mit den Kindern der drei ersten Schuljahre. Man zählt 34 Jungen und 41 Mädchen. Schon 1895 erweisen die vorhandenen Schulräume sich er- neut als ungenügend, da man eine zweite Mädchenklasse errich- ten möchte. Durch bauliche Änderungen im Inneren der Schule gewinnt man einen zusätzlichen Klassenraum und am 21. Oktober 1895 tritt die Junglehrerin Therese Koep (3) aus Eupen die neu errichtete Stelle an. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts waren also vier Lehrpersonen an der Hergenrather Schule tätig : Georg Klein war Hauptlehrer und unterrichtete in der Oberklasse der Jungen; Joseph Weber hatte die Unterklasse für Jungen; (1)-Geb. in Ripsdorf am 7.5.1867, Ausbildung in Kornelimünster (1890). (2) Geb. 3.4.1862 (3) Geb. 1875 in Eupen; Ausbildung in Münstereifel (1894).
67 Die Schüler dieser Klasse (mit Lehrer Weber, inzwischen mit Bart) gehören zum Jahrgang 1888. Die Aufnahme entstand um 1896. Unter der Lupe erkennt man die genagelten Schuhsohlen der Kinder. Es deutet manches darauf hin, daß dieses Bild am selben Tag wie das vorhergehende entstanden ist. Die Kinder dürften die des 3. Schuljahres sein.
69 hier und definitiv angestellt. Verheiratet, ein Kind, Schulkinder 1. bis 3. Jahrgang : 64. Alle katholisch. Schulbesuch : ziemlich regelmäßig. Durchschnitt der Abwesen- den : 8,37%. Der Lehrer arbeitet fleißig, er besitzt ganz befrie- digendes Lehrgeschick. Gesamteindruck : Recht befriedigend.” Klein Georg, 33 Jahre, 1. Prüfung 1882, 2. 1886. Definitiv angestellt. Unverheiratet. Einkommen 1150 Mark bar und 100 Mk Dienstalterszulage. Klasse 4. - 8. Schuljahr : 63 Kinder Schulbesuch : ziemlich regelmäßig. Durchschnittlich abwesend (1895), 7,5% Der Lehrer ist fleißig, er besitzt ganz befriedigendes Lehrgeschick. Gesamteindruck : Ganz befriedigend.” Anna Preckel, 51 Jahre, 1. Lehrerprüfung 1868. Ist seit 27 Jahren im Amt, seit 23 Jahren in Hergenrath. Einkommen 930 Mk und 280 Mk Dienstalterszulage. Klasse : Schuljahre 4. - 8. : 59 Mädchen Schulbesuch im Ganzen regelmäßig. Der Lehrerin fehlt infolge chronischer Halsleiden und körperli- cher Schwäche die Kraft zu rüstiger Arbeit. Ihr Lehrgeschick ist genügend. Gesamteindruck : genügend.’ Therese Koep, 21 Jahre, 1. Lehrerprüfung 1895, im 1. Jahre im Amt, seit 3/4 Jahr hier und provisorisch angestellt. Klasse : 1. - 3. Schuljahr : 48 Mädchen. Gesamteindruck : Gut.” Über Therese Koep heißt es in einem Bericht aus dem Jahre 1900, sie sei eine gut befähigte, recht fleißige Lehrerin. Lehrer Georg Klein wurde 1902 nach Aachen versetzt. Die vakant gewordene Stelle wurde von dem bis dahin in Heppenbach tätig gewesene Lehrer Peter Theissen besetzt. 1903 verließ Lehrer Weber Hergenrath. Er wurde nach Düsseldorf versetzt. An seine
70 Diese beiden Aufnahmen mit Lehrer Johann Grein entstanden in den Jahren 1903/04. Lehrer Grein wirkte in Hergenrath von 1903 bis 1906.
A Stelle trat der bis dahin in Büllingen angestellte Lehrer Johann Grein. (1) Schon Ende 1903 übernahm Lehrer Theissen eine Stelle in Mülheim / Rhld. Seine Stelle nahm Christian Kranz (2) ein, der in Obermaubach im Kreise Düren angestellt gewesen war. Es ist erstaunlich zu sehen, wie mobil der Lehrkörper in jener Zeit war. Es ist die Ausnahme, wenn jemand eine Stelle an- tritt und dieselbe bis zu seiner Pensionierung nicht mehr verläßt. Lehrerin Anna Preckel war eine solche Ausnahme. Von 1873 bis 1905 wirkte sie unermüdlich und trotz schwacher Gesundheit zum Wohle der Hergenrather Schuljugend. Wegen Erkrankung ging sie am 1. Oktober 1905 in den Ruhestand. Sie starb überra- schend am 18.5.1906 in Eupen, wo sie sich auf Besuch befand. Für Anna Preckel fand sich bis zum Schluß des Sommerse- mesters eine Vertretung (Maria Ackermann). Es meldete sich jedoch keine Bewerberin auf die ausgeschriebene Stelle. Bis März 1906 waren nur 3 Lehrpersonen hier tätig, und zwar Christian Kranz, Johann Grein und Therese Koep. Im März 1906 übernahm Josephine Stein aus Monreal die zweite Lehrerinnenstelle. Sie verließ Hergenrath aber schon zwei Jahre später, um in Koblenz eine Stelle anzutreten. Er Johann Grein blieb in Hergenrath bis 1.1.1907. Seine Stelle übernahm der aus Lontzen-Busch kommende Josef Mennicken. Die durch den Weggang von Josephine Stein vakant gewordene Stelle wurde von der Schulamtsbewerberin Josephine Krückel besetzt. Dieselbe stammte aus Aachen. (1) Geb. 1874 in Millen, Ausbildung in Kornelimünster (1897) (2) Geb. 1868 in Effeld, Ausbildung in Linnich (1888)
73 Abtrennung Preußisch-Moresnets vom Schulverband Hergenrath Schon 1904 findet sich in der Gemeindechronik die kurze Eintragung : ”’Die Schulen in beiden zur hiesigen Bürgermeisterei gehörenden Gemeinden (= Hergenrath und Hauset) sind über- füllt und sollen deshalb in beiden Gemeinden neue Schulsäle beschafft werden.” 102 Knaben und 105 Mädchen drängten sich 1904 in den Räumen der Hergenrather Schule. Diese Überbelegung ließ keinen ” geregelten Schulunterricht mehr zu. Eine Vergrößerung des Schulbaues war unumgänglich. Dies aber bedeutete, daß die Gemeinde Preußisch-Moresnet, die zum Schulverband Hergen- rath gehörte, ihren Beitrag zu den Schulkosten erheblich steigern mußte. Preußisch-Moresnet, das heutige Neu-Moresnet, zählte da- mals beinahe 80 schulpflichtige Kinder. Es bestand dort zwar eine private Schule der Bergwerksgesellschaft ”’Vieille Montagne”’, die jedoch von den katholischen Kindern Schulgeld erhob. Wenn diese Schule zur Gemeindeschule würde bzw. wenn die Berg- werksgesellschaft für eine Gemeindeschule die erforderlichen Räume zur Verfügung stellte, so wäre nach Meinung der Hergen- rather und Neu-Moresneter Gemeindeväter eine Entlastung der Hergenrather Volksschule möglich und bauliche Veränderungen oder gar eine Vergrößerung dieser Schule vorerst nicht mehr unumgänglich. ‚In einer Eingabe von 68 Haushaltsvorständen der Nachbar- gemeinde vom 29.4.1905 wird zum ersten Male der Wunsch nach einer eigenen Schule ausgesprochen. Am 7. Juni 1905 fand eine gemeinsame Sitzung der Gemeinderäte von Hergenrath (15) und Preußisch-Moresnet (7) statt. 19 Ratsmitglieder waren erschie- nen; sie sprachen sich einstimmig für eine Abtrennung von Preußisch-Moresnet aus. Die Regierung gab ihr Einverständnis zu diesem Beschluß, nachdem die Bergwerksgesellschaft die nötigen Klassenräume zur Verfügung gestellt hatte. Die bis dahin bestehende Privatschule wurde zur Gemeindeschule von Preus- sisch-Moresnet. Für die Gemeindekasse von Hergenrath war die Abtrennung von Preußisch-Moresnet eine schwere finanzielle Belastung. Die Gemeinde mußte nämlich eine Entschädigung von 4.572,74 Mark
74 zahlen, wozu eine Anleihe von 4.000 Mark bei der Kreis- und Darlehenskasse in Eupen aufgenommen werden mußte. Schulneubau an der Altenberger Straße Die erhoffte Entlastung der Hergenrather Schule trat aller- dings nicht ein. Der gewonnene Raum wurde augenblicklich wieder belegt, und zwar durch Fremdarbeiterkinder. Zu jener Zeit waren nämlich viele Ausländer, vor allem Italiener, mit der Verlegung der Eisenbahnstrecke Aachen-Herbesthal beschäftigt. Diese Linienverlegung, die das starke Streckengefälle bei Ron- heide ausschalten sollte und deren Spuren, wie z.B. Tunnels und Bahndämme, noch zu sehen sind, ist wegen ungünstiger Boden- 5 verhältnisse (Laufsand) nie zu Ende geführt worden. Durch Gemeinderatsbeschluß vom 23. September 1908 wurde für Her- genrath die Erhebung von Schulgeld von nicht einheimischen Kindern eingeführt. Es belief sich auf 12 Mark jährlich pro Kind. Der Beschluß wurde durch die Regierung in Aachen genehmigt. In Hauset hatte man errechnet, daß jedes Kind die Gemeinde jährlich mehr als 26 Mark koste. Die Schulgelderhebung sollte den Zuzug fremder Kinder stoppen. Daß die Gemeindeväter sich in dieser Erwartung getäuscht hatten, beweisen die Schülerzahlen jener Jahre : 1907 zählte die Hergenrather Volksschule 269 Kinder, 1908 waren es 283 und 1909 gar 294! In einem Gemeinderats-Sitzungsprotokoll vom 19. August 1908 steht zu lesen, an der 4-klassigen Volksschule zu Hergenrath werde in der Mittel- und Unterklasse nur Halbtagsunterricht erteilt, so daß tatsächlich 6 Klassen mit 4 Lehrern vorhanden seien. Der Schulinspektor berichtete der Regierung, die Anstellung einer weiteren Lehrkraft und die Errichtung wenigstens einer neuen Klasse seien ”’unabwendbares Bedürfnis”. Der Gemeinderat beschloß einen Schulhausneubau, wozu er - ein Grundstück aus der Hauswiede des hiesigen Armengutes ent- nahm; bezüglich der Ausführung des geplanten Neubaus bat er um Erteilung von Ratschlägen seitens der Regierung. Letztere ordnete'an, den Bauplan ”’gemäß Par. 17 des Volksschulunterhal- tungsgesetzes’’ aufstellen zu lassen. Daraufhin wurden Bauplan
75 und Kostenanschlag dem Bausachverständigen Leonard Palm (Hergenrath) übertragen. Am 10. Dezember 1908 reichte der Landrat den von Palm ausgearbeiteten Plan ein, welcher jedoch in der vorliegenden Form abgelehnt wurde. Die Beanstandungen waren so zahlreich, daß die Regierung den Vorschlag machte, duch den Kreisbau- meister einen neuen Plan ausarbeiten zu lassen. Auch der zweite Entwurf von Palm war nach Ansicht des Kreisarztes so mangelhaft, daß ”eine Neubearbeitung erforder- lich” war. Schließlich wurde das Kreisbauamt in Eupen mit dem Entwurf neuer Pläne beauftragt. Am 30. November 1909 wurden dieselben mit Erläuterungsbericht, Trinkwasseranalyse, Gutach- ten des Kreisarztes und Gemeinderatsbeschluß vom 16. Novem- ber 1909 eingereicht. Die Regierung genehmigte die Pläne am 29. Dezember 1909. Am 12. April 1910 wurde der Neubau in 6 Losen ausgegeben und am darauffolgenden Tage verschiedenen Unternehmern zu- geschlagen. Bedingungsgemäß mußte der Bau bis zum 1. Okto- ber unter Dach gebracht werden. Am 25. Oktober 1910 konnte der Landrat der Regierung mitteilen, daß der Rohbau seit einiger Zeit fertiggestellt und mit einem Asphaltdach überdeckt sei. Am 10. April 1911 meldete der Bürgermeister dem Landrat, der Schulhausneubau sei so weit gediehen, daß das Gebäude” zu Beginn des kommenden Wintersemesters’” seiner Bestimmung übergeben werden könne. Die Kosten seien auf 39.200 Mark veranschlagt. 1/3 der Baukosten wurden durch den Staat getragen. Bänke und Turngeräte, die neu angeschafft werden mußten, schlugen mit 2000 Mark zu Buch. Zur Deckung der Kosten nahm die Gemeinde eine Anleihe von 30.000 Mark auf, mit 4 1/8% jährlich zu verzinsen und mit 1 3/4% jährlich abzutragen. Der Bitte der Gemeinde an die Regierung, einen Zuschuß zur Deckung der Beschaffungskosten zu gewähren, gab die Regierung gerne nach, unter der Bedingung jedoch, daß auch der Kreisausschuß sich bereit erkläre, aus dem Kreisfonds einen Zuschuß zu gewähren. Beide Seiten bewilligten 500 Mk.
76 Am 25. September 1911 zogen die ersten Kinder in die neue Schule an der Altenberger Straße ein. Der Landrat machte der Regierung Mitteilung von den Gesamtkosten des Neubaus, die sich ohne Grunderwerb und innere Einrichtung auf 43.882,25 Mk beliefen, wovon die Regierung 13.870,47 Mk übernahm. An der neuen Schule wurde eine weitere Klasse errichtet; Lehrer Peter Stommen aus Gey übernahm dieselbe am 16.9.1911. Am 25. September 1911 wurde der Neubau durch Pfarrer und Landdechant Aloys Mertz feierlich eingesegnet. Im Jahre 1913 unterrichteten die fünf Lehrpersonen Krückel, Koep, Kranz, Mennicken und Stommen 262 Schulkinder in den . beiden Schulen an der Aachener und Altenberger Straße. Im Durchschnitt kam so jede Lehrperson auf mehr als 50 Kinder! Mit dem Jahre 1913 enden die Eintragungen des Chronisten betreffend die Schulverhältnisse in Hergenrath. Fortsetzung folgt.
7 Aushebung in Raeren und Neudorf von Walter Meven Man schrieb das Jahr 1702. Das Schicksal unserer Heimat war infolge der Auseinandersetzung zwischen den mächtigen Nachbarn im Osten und im Westen wieder einmal sehr ungewiß. Sollte die Kriegsfurie auch jetzt wieder mit all ihrem Schrecken über unser Land kommen? Entbehrungen war man gewohnt, denn es war selbstverständlich geworden, den eben im Dorfe lagernden oder durchziehenden Truppen von dem Weni- gen, was einem geblieben, den größten Teil abzugeben. Am 2. Februar des gleichen Jahres versammelten sich gemäß Aufruf durch einen Plakatanschlag Seiner Majestät, die ”’Naebe- ren” (d.h. die Einwohner) von Neudorf mit den Junggesellen des gleichen Ortes, um durch Losentscheid zwei wehrfähige junge Männer zu einem dreijährigen Dienst in der Armee des Souveräns zu bestimmen, unbeschadet dessen, daß Raeren und Neudorf zusammen einen weiteren Rekruten stellen mußten. Das Quartier Neudorf war verpflichtet, den beiden Männern, auf die das Los gefallen war, einmalig eine Entschädigung von 80 Pattacons zu zahlen. Davon erhielten sie ein Zehrgeld in die Hand ausbezahlt. Den größten Teil der Entschädigung sollten sie auf Verlan- gen oder nach Ableistung der Dienstpflicht erhalten. So wollte es die Absprache mit den Naeberen. Für den Fall aber, daß sie im Dienste Seiner Majestät ihr Leben ließen, mußten die Naeberen, vertreten durch die Bürgermeister Jacob Schonmecker und Len- nert Mennicken bots, den Eltern oder den nächsten Verwandten die versprochene Summe auszahlen. Diese Art der Rekrutenwerbung wurde noch bis in unser Jahrhundert hinein praktiziert. Von unsern Großeltern hörten wir oft: ”Der hat sich freigezogen.’”” Vermögende Bürger verstanden es häufig, sich durch Zahlung einer Ablösungssumme an einen Ersatzmann freizukaufen. Die Rekrutenaushebung fiel in die Zeit des spanischen Erbfolgekrieges (1701-1713). Kaum waren die Eroberungskriege König Ludwigs XIV. von Frankreich durch den Frieden von Rijswijk am 25. September 1697 beendet, so gab der Tod König Karls II. von Spanien, der kinderlos starb, Anlaß zu neuen kriegerischen Auseinanderset-
78 zungen, die sich an der Nachfolge auf den spanischen Thron entzündeten. Ludwig XIV. von Frankreich und der deutsche Kaiser versuchten, den spanischen Thron mit Kandidaten ihrer Gunst zu besetzen - ein Umstand, der später noch einmal, im Jahre 1870, Anlaß zum Krieg zwischen Frankreich und Preußen sein sollte. - Ein hartes Ringen um den Sieg entspann sich unter den rivalisierenden Nationen; Niederländer, Franzosen, Englän- der und Kaiserliche bekämpften sich in zahllosen Treffen, bis es den Engländern gelang, den Franzosen eine schwere Schlappe beizubringen. Doch erst der vereinigte Einsatz kaiserlicher Trup- pen unter Prinz Eugen führte die Entscheidung herbei. Fast 14 Jahre sollte der spanische Erbfolgekrieg dauern. Durch den N Frieden von Utrecht am 11. April 1713 werden die Habsburger und damit Österreich die neuen Herren im Lande. Die Stimmung unter den Teilnehmern der Naeberversamm- lung war sicherlich gedrückt. Wer möchte, wenn überhaupt, in solchen schlimmen Zeiten Soldat werden? Diese Männer erwarte- ten genau wie die Bevölkerung schwere Zeiten der Strapazen und der Entbehrungen. Nicht selten sah man seine Lieben nicht wieder oder kam als Krüppel aus dem Felde zurück. Diese und andere Gedanken haben gewiß damals die Menschen bewegt. Wen wird das Los treffen? Nun, es mußten, wie wir gesehen haben, von Raeren und Neudorf insgesamt 3 Männer sein. Dabei ist interessant, daß sich nur Junggesellen zur Wahl stellen mußten. Der Name eines Betroffenen, der infolge des Krieges sein Leben ließ, ist uns überliefert. In einem Beschwerdebrief an den Drossard und den Schöffen der Bank Walhorn bittet ”Mareycken weduwe van Monschen Hendrich””, als Mutter ihres gefallenen Sohnes Lennert Hen- drichs, die Herren um ihre Hilfe bei der Eintreibung der bei der Auslosung ihres Sohnes versprochenen Entschädigung von 40 Pattacons. Sie erklärte, daß sie sich des Öfteren vergeblich bemüht habe, in den Besitz des ihr zustehenden Geldes zu kommen. Untertänigst bittet sie den Drossard und seine Schöf- fen, die Naeberen aufgrund des Vertrages, der seinerzeit durch die Herren Bürgermeister Jacob Schonmecker und Lennert Men- nicken bots beglaubigt wurde, zur baldigen Auszahlung aufzu- fordern.
79 Hier der Bericht der ’’Vergaedering”” im Wortlaut: A ”Op huyden den 10. february 1702: Syn die naeberen van nuydorp veraccordeert mette jongesellen desselffs Dorps Volgens Syne Mats. placcaten moeten lotten om t’gaen in dienste van Seine Mat. den tyt van dry jaeren, sonder preiuditie van eenen jongesell die sy met Raren saemen naer rato moeten doen, dat sy aendeselve twee daer het Lot op vallen sal, sullen geven eens voor all tachentich pattacons, waeraf sy hun sulden teergelt op de Handt geven, ende meerest sullen sy hun geven als sy sullen begehren, oft wel als sy sullen wederomcomen naer expiratie van dry jaeren samen, ofte in cas sy souden comen doot t'bleiven sullen die naeberen de voorscr. beloffte Somme geven aen hunne ouders ofte naeste verwanten alles onder obligatie als naer recht, ter oirconde hebben die gesworen in naeme der naebern dit op dagh ende dato onderteeckend, was geteeckend Jacob Schon- mecker ende Lennert Mennicken bots, onderstond concordat cum originali quod attestor was geteeckent L. Roemer Leonards Notaris. Quelle: Stadtarchiv Aachen, Hochbank Walhorn, Bündel Nr. 4.
80 Ein altes Haus erzählt Walhorn, Dorfstraße ... von Albert Janclaes Staunend stehen wir vor der Bautätigkeit der letzten dreißig Jahre, führt sie uns doch den relativen Wohlstand der Bevölke- rung vor Augen. Viele junge Ehepaare beginnen heute den gemeinsamen Lebensweg in eigenen vier Wänden. Für viele Jahrzente werden sie dieses Haus bewohnen. Sie fühlen sich wohl darin und es sei ihnen auch von Herzen gegönnt. Jeder dieser Hausbesitzer ist stolz auf sein Lebenswerk. Da man sich bekannt- lich über Geschmack nicht streiten sollte, möchte ich dies hier auch nicht tun, obschon ich viele Häuser wirklich nicht besonders originell noch schön finde. Vor allem fehlt all’ den modernen Häusern das, was alten Häusern eigen ist : ihre Geschichte. Sicher, eines Tages werden auch sie ihre Geschichte zu erzählen haben. Ich jedenfalls bin verliebt in alte verwinkelte Häuser mit ihren An- und Umbauten, ihren ächzenden Balken, ihren mit Hohlziegeln gedeckten Dächern und nicht ganz lotgerechten Wänden. Das Bewußtsein, in einem Haus zu leben, wo Genera- tionen vorher geboren und gestorben sind, geliebt und gelitten haben, vermittelt Wärme und Geborgenheit. Alte Häuser könn- ten wundervolle Geschichten erzählen, - wenn sie nur könnten. Manchmal hat man die Möglichkeit, die Geschichte solcher Häuser über viele Jahrzente zu verfolgen. Alte Akten und Zeitungsberichte geben mitunter beredte Auskunft. Ich möchte hier die Geschichte des Geburtshauses meines Vaters erzählen. Meine Mutter hat die dazu gehörenden Daten und Fakten in mühevoller Kleinarbeit gesammelt. Wertvolle Hilfestellung bekam sie, außer von alten Akten, durch die gebundenen Ausgaben des ”’Korrespondezblattes’”” aus dem ver- gangenen Jahrhundert. Nun handelt es sich bei besagtem Haus nicht nur um ein Privathaus, nein, in den Räumen dieses Hauses vollzog sich ein
€ 81 Teil des öffentlichen Lebens meines Heimatdorfes. Lassen Sie mich die letzten 170 Jahre dieses Hauses erzählen. Wann es erbaut wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, auch die Namen der früheren Besitzer sind mir unbekannt. Dem Baustil des Kernge- bäudes nach zu urteilen, hat das Haus sicher eine über dreihun- dertjährige Geschichte. Sicher war es auch vor den 170 Jahren, die ich überblicken kann, eine Gaststätte, eine Anlaufstelle für das ganze Dorf. Heute heißt die Gaststätte sinnigerweise ”Zur alten Post”” und es ist tatsächlich anzunehmen, daß sich zu früheren Zeiten dort eine Poststation befand, daß dort die Postkutschen mit ihren Fahrgästen haltmachten und sich Mensch und Tier von den Strapazen der Reise erholten. Vor 170 Jahren werden in dem alten Cassa-Buch der St. Stephanus Schützen Herr Theodor Jungbluth und Söhne als Eigentümer des Gasthau- ses und der Bäckerei laufend erwähnt. Der große langgestreckte Bau im Ortszentrum genau gegenüber der Kirche beherbergte demnach eine Gaststätte une eine Bäckerei, eine Kombination übrigens, wie sie noch vielfach auf den Dörfern anzutreffen ist. Besagter Theodor Jungbluth muß eine ortsbekannte und beliebte Persönlichkeit gewesen sein, denn das Korrespondenzblatt vom Jahre 1838 erwähnt ihn laufend als ”’Wirt, Bäcker und Organist- Küster”. Zudem betrieb er auch noch eine kleine Landwirtschaft, denn bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts befand sich vor dem eingentlichen langgestreckten Altbau ein kleiner Viehstall. Von dem eigentlichen Altbau ist heute nur an zwei Stellen etwas zu sehen, nämlich die zurückliegende Fassade des Gebäudeteiles ”Bäckerei”” und gegenüber dem Eingang der heutigen Wirtschaft die Fenster der ehemaligen Front. Hinter dieser alten Front liegt noch heute die ursprüngliche Gaststätte, im Volksmund immer noch ”Postkämerke” genannt. Der Vorbau der heutigen Wirt- schaft, wie auch der Vorbau der ehemaligen Bäckerei, bestanden 1838 beide noch nicht. Damals bestand, wie gesagt, nur der langgestreckte Hinter- bau. Darin befanden sich, links die Bäckerei und der Lebensmit- telladen und rechts das ’’Postzimmer”’, die uralte Gaststätte. Man stelle sich einmal den Tagesablauf des Theodor Jungbluth vor. In aller Hergottsfrühe mußte Brot gebacken werden, zu hohen Festtagen sicher noch Fladen und ”’Platz’’. Anschließend mußte er die Orgel beim Gottesdienst spielen und als Küster die Kirche zurecht machen. Dann mußte das Vieh versorgt werden. Wäh-
82 renddessen bediente die Frau die Kundschaft hinter der Laden- theke, versorgte den Haushalt und gemeinsam wurde abends die Gaststätte geführt. Auch muß ein Tanzsaal vorhanden gewesen sein, denn 1838 werden laufend Tanzfeste angekündigt und Schützenfeste abgehalten. Auch öffentliche Verkäufe finden dort häufig statt. Man kann mit Recht sagen, daß das öffentliche Leben des Ortes z.T. in diesen Räumen stattfindet, und der Inhaber und Besitzer kann sich über mangelnde Arbeit gewiß nicht beklagen. Sicher kann er sich bei all der Arbeit auf die tatkräftige Unterstützung seiner beiden Söhne Heinrich und Theo verlassen. Rund vierzig Jahre seines Wirkens haben wir über- schauen können. ; 1847 ist er tot. Seine Söhne teilen das Anwesen unter sich auf. Sohn Heinrich Jungbluth bekommt den rechten Gebäudeteil und sein Bruder Theo Jungbluth den linken, die Bäckerei. Im gleichen Jahr noch 1äßt der Gastwirt Heinrich in einem öffentli- chen Verkauf das Mobilar der beiden Erben Jungbluth (hier handelt es sich wohl um die Wirtshauseinrichtung) verkaufen, denn er beabsichtigt nicht, die Gastwirtschaft fortzuführen. Er verkauft nämlich seinen Gebäudeteil gleich mit. Mit dem Ver- kauferlös seines Hausanteils übernimmt er ein landwirtschaft- liches Anwesen von 46 Morgen auf der Walhorner Heide. Die Landwirtschaft muß ihn jedoch auch nicht befriedigt haben, denn er verkauft den Hof fünf Jahre später wieder und zieht nach Eupen. Das Haus unserer Geschichte ist nun getrennt. Käufer der Gastwirtschaft war ein Herr Nicolaus Timmermann. Fünf Jahre später, also 1852, verkauft nun auch der Bäcker Theo seinen Hausanteil an Nicolaus Timmermann. Das alte Haus ist damit nach fünfjähriger Trennung wieder in einer Hand vereint. Was aus den Gebrüdern Jungbluth geworden ist, wissen wir nicht. Der neue Besitzer muß mittleren Alters gewesen sein, als er das Haus kaufte, denn er hat erwachsene und heranwachsende Söhne. Er betreibt nur die Gaststätte und hat das Handwerk des Bäckers offenbar nicht erlernt, wohl aber versieht er das Amt des Küsters und Organisten. Dieser Nicolaus Timmermann hat mit seiner Frau Anna geb. Lambertz 5 Söhne. Einer dieser Söhne hat das Bäckerhandwerk erlernt. 1856 zieht der Vater mit seinem Sohn Victor Franz Emanuel in den Gebäudeteil der Bäckerei und überläßt dem Sohn Heinrich die Gastwirtschaft. Er ist es, der
83 vermutlich den heutigen, für damalige Verhältnisse kostspieligen, vorderen, neuen Gaststättengebäudeteil anbauen läßt. Hat er sich dabei finanziell übernommen oder was ist sonst passiert? Wir wissen es nicht mit Sicherheit. Jedenfalls erzählt man sich seitdem, daß sich an diesem Haus jemand ”’Kaputt gebaut hat”. Von Heinrich Timmermann jedenfalls hören wir nichts mehr. Hat er aus Walhorn ausziehen müssen, ist er gestorben oder fiel er im Kriege von 1866 (Preußen-Dänemark)? 1866 jedenfalls taucht der Vater für kurze Zeit wieder als Wirt auf. Im Herbst 1866 wird ein anderer Sohn, nämlich Ferdinand August, Wirt der ge- schichtsträchtigen Gaststätte. Eben haben wir gesehen, daß der Vater mit seinem Sohn Victor Franz Emanuel ab 1856 im Gebäudeteil der Bäckerei wohnte und wirtschaftete. Ab 1863 jedoch versucht der Vater vergeblich, die Bäckerei zu verkaufen. Sehr sonderbar. Sind die Zeiten so schlecht? Gehen die Geschäfte nicht mehr, oder bereiten ihm seine 5 Söhne Sorgen? Die ganze Familie scheint sich jedenfalls nicht wohl zu fühlen, denn noch im gleichen Jahr, also 1863, wird das ganze Anwesen, Gastwirtschaft und Bäckerei zum Verkaufe angeboten. 1866 steht das Ganze immer noch zum Verkaufe an. Es müssen offenbar sehr schlechte Zeiten gewesen sein. Wahrscheinlich hat die politische Lage (der Krieg zwischen Preußen und Dänemark) tiefgreifende Spuren hinterlassen, bzw. sind schwere Zeiten dem vorangegangen. Nach dem Krieg scheint es wieder bergauf zu gehen. Es werden viele Feste gefeiert. Der jetzige Wirt, der Sohn Ferdinand August Timmermann, baut im Garten des Anwesens, hinter dem Teil der Bäckerei, einen Saal mit Kegelbahn. Den- noch wird immer wieder versucht, das ganze Anwesen zu verkaufen. Dies gelingt erst im Jahre 1871. Der Vater ist inzwischen, wir wissen nicht wann, gestorben. Die Erben, die Söhne Timmermann, finden endlich einen Käufer. In diesem Akt wird der Sohn Heinrich nicht erwähnt. Was wurde wohl aus ihm? Der Akt spricht von folgenden vier Söhnen : vom Wirt Ferdinand August, vom Bäcker Victor Franz Emanuel, vom Redemptoris- tenpostulanten Hubert Joseph und vom Soldaten beim 25. Regiment in Straßburg Dominikus Leo. Am 27. September 1871 verkaufen diese vier Söhne das Anwesen des Vaters an Dominikus Kerres, Landwirt und Bürgermeister von Walhorn. Der Wirt
84 Ferdinand August übernimmt alsbald eine Gastwirtschaft in Eupen. Von den anderen Brüdern hören wir nichts mehr. Der neue Besitzer, Dominikus Kerres, ein wohlhabender Landwirt, bewirtschaftet das erworbene Anwesen jedoch nicht selber. Es ist anzunehmen, daß er Wirtschaft und Bäckerei getrennt verpachtet. Allerdings trachtet auch er bald danach, das Anwesen wieder zu verkaufen. Am 16. Juli 1876 kauft der Bäckergeselle Joseph Laschet mit seiner Ehefrau Elise geborene Zegels die Bäckerei. Das geschichtsträchtige Haus ist nunmehr nach 24 Jahren zum zweitenmal geteilt. Die Gastwirtschaft geht vier Jahre später, nämlich 1880, in neue Hände über. Eigentümer wird nun ein Mathias Croe. Für rund hundert Jahre werden nun beide Gebäudeteile getrennte Wege gehen. Der Bäcker Joseph Laschet und seine Frau Elise scheinen sehr fleißig und erfolgreich in ihrer Backstube zu wirken, denn schon nach sechs Jahren, am 7.11.1883, kaufen sie ein weiteres Haus, ein kleines Bauernhaus, das Haus, in welchem ich heute lebe und dieses schreibe. Wir haben zu Beginn unseres Artikels gesehen, daß vor der Bäckerei zur Straße hin sich ein kleiner Stall und eine kleine Mistgrube befanden. Der Bäcker Joseph Laschet betrieb also nebenbei noch erfolgreich die Landwirtschaft. Im Laufe der Zeit kauft er noch verschiedene Wiesenparzellen. An dem 1883 gekauften kleinen Bauernhaus läßt er neue Stallungen errichten und modernisiert gründlich das Wohngebäude, welches er verpachtet. Nun, da er neue Stallungen besitzt, kann er darangehen, auch die Bäckerei zu vergrößern und zu modernisie- ren. 1907 läßt er den Stall vor der Bäckerei abreißen und baut dort einen schönen modernen Vorbau im Stil der Zeit mit großer Geschoßhöhe. Im Erdgeschoß erhält er einen geräumigen Laden und im Obergeschoß befinden sich zwei geräumige Zimmer, ebenfalls mit hoher Geschoßhöhe und Stuckarbeiten an der Decke. Gleichzeitig läßt er einen neuen Königswinter Backofen installieren. Was geschah in der Zwischenzeit mit der Gastwirtschaft? Nun, genaueres wissen wir nicht. Offenbar betreibt Mathias Croe seit 1880 auch recht erfolgreich seinen Gaststätten- und Saalbe- trieb. Sein Wirken dauert genau dreißig Jahre, denn 1910 kauft Albert Schumacher die Wirtschaft, die er 1920 an den Gastwirten Paul Homburg-Stickelmann verkauft. Dieser kann sich aber nur knapp ein Jahr an seinen Besitz erfreuen, denn nach seinem Tode
85 wird sein Schwager Peter Stickelmann-Duiardin neuer Besitzer der Gaststätte. Wir schreiben das jahr 1921. Was macht nun Peter Stickelmann mit seinem Besitz? Er vergrößert den Saal und legt in den dreißiger Jahren eine neue, heute nicht mehr vorhandene Kegelbahn an. Da keine männlichen Nachkommen vorhanden sind, geht der Besitz an die Familie Aussems-Stickel- mann über. Der Gaststättenbetrieb sieht von jetzt ab nur noch Pächter. 1967 geht der Besitz in die Hände von Richard Pesch-Aussems, der vor allem neue sanitäre Installationen anbau- en läßt. Kehren wir nun zur Bäckerei zurück. Wir stellten eben fest, daß das Bäckerehepaar sehr erfolgreich wirtschaftete. Am 12.4.1883 wird ihnen die einzige Tochter geboren, ebenfalls eine Elise. Die Mutter befällt jedoch bald darauf ein schweres Leiden. Sie wird gelähmt und bleibt für die letzten drei Jahrzente ihres Lebens auf die Hilfe anderer angewiesen und an ihren Lehnstuhl in der Backstube gefesselt. ; Die Tochter Elise heiratet am 13.9.1911 Joseph Peter Jan- claes. Den beiden war bestimmt, die erfolgversprechende Bäcke- rei fortzuführen. Am 4.10.1914 wird ihnen im Hause der Bäckerei der einzige Sohn, Joseph, - mein Vater -, geboren. Joseph Janclaes senior, stammte von dem großen schönen Bauernhof auf dem Walhorner Feld. Er hatte noch einen Bruder und zwei Schwestern. Doch das Schicksal schlägt 1914 zweimal hart zu. Sein einziger Bruder, Stephan, fällt im ersten Weltkrieg vor Löwen auf dem Felde der Ehre. Im gleichen Jahr verunglückt die Schwester Gertrude im elterlichen Kuhstall tödlich. Die zweite Schwester heiratet und zieht mit ihrem Mann auf dessen elter- liches Gut in Kettenis. Mein Großvater kann nun nicht, wie vorgesehen, die Bäcke- rei übernehmen, seine Hand wird dringend auf dem elterlichen Hof gebraucht. Seine Mutter will nicht wahrhaben, daß ihr Sohn Stephan gefallen ist. Sie glaubt fest an seine Rückkehr. So kommt es, daß mein Großvater mit seiner Frau die Bäckerei bewohnt, seine Frau auch die Bäckerei noch einige Zeit bewirtschaftet und er tagsüber den elterlichen Bauernhof ver- sorgt. Am 31.12.1923 erben meine Großeltern die Bäckerei. Sie ziehen endgültig zum Bauernhof und die Bäckerei sieht von nun an nur noch Pächter. Peter Burtscheid und Frau Anni versorgten 40 Jahre die Bevölkerung mit dem lebenswichtigem Brot. Ganz
86 besonders während des Krieges, als Ihr Mann eingezogen war, hat Frau Burtscheid durch ihre Arbeit vielen Familien über den Hunger der Kriegsjahre hinweggeholfen. Meine Großeltern be- wirtschaften gemeinsam und mit Knecht und Magd den Bauern- hof und mein Großvater betätigt sich erfolgreich während vieler Jahre bis zu seinem Tode im Walhorner Gemeinderat. Der einzige Sohn, Joseph, mein Vater also, heiratet am 3.11.1938 Huberta Teller und übernimmt gleichzeitig den elterlichen land- wirtschaftlichen Betrieb. Als am 7.1.1943 meine Großmutter plötzlich stirbt, erbt mein Vater die Bäckerei. Das Ehepaar Joseph Janclaes-Teller, also meine Eltern, bekommen drei Söhne. Der erste Sohn, Rudolf, stirbt jedoch . 1940 im Alter von vier Monaten. Ich, der zweitälteste Sohn, bekomme von meinem Vater 1977 den kleinen Bauernhof ge- schenkt, den mein Urgroßvater 1883 von Peter Hodiamont kaufte. Der dritte Sohn, mein Bruder Raymond, bekommt am 13.12.1976 die Bäckerei geschenkt. Da mein Bruder statt des Bäckerhandwerks das des Druckers erlernte, ließ er den Backofen entfernen und richtete dort eine Druckerei ein. 1978 verkaufte Richard Pesch-Aussems die Gastwirtschaft mit Saalbetrieb an Gerard Renardy-Küpper. Gerard Renardy, der bisher recht erfolgreich mit seiner großen Familie ein großes Bauerngut bewirtschaftet hat und auch weiter noch bewirtschaf- tet, hat große Pläne mit seinem neuen Besitz. Vor allem der Saal ist in einem hoffnungslosen Zustand. Er entschließt sich, den Saal vollkommen neu und größer wieder aufzubauen. Natürlich sind gewisse baupolizeiliche Auflagen zu erfüllen und ein neuer großzügiger und separater Eingang .für den Saal wäre auch wünschenswert. Doch davor liegt die (Bäckerei) - Druckerei meines Bruders. Es kommt zu ersten Gesprächen, der Familien- rat tritt hier wie dort zusammen, am Ende ist mein Bruder bereit, sein Haus an Gerard Renardy zu verkaufen. Er möchte nicht im Wege stehen, wenn es darum geht, der Dorfgemeinschaft von Wal- horn wieder einen repräsentativen Saal zu verschaffen. Auch sieht er ein, daß man die Privatinitiative des neuen Wirtes und dessen enormes finanzielles Engagement unterstützen sollte. Am 9.2.1979 ist der Vertrag unter Dach und Fach. Nun sind die beiden geschichtsträchtigen Häuser im Zentrum Walhorns wieder vereint, nachdem sie zweimal auseinandergerissen wurden und zuletzt hundert Jahre getrennte Wege gingen.
87 Der neue Besitzer und seine fleißige Frau Emma haben den Saalneubau inzwischen vollendet, die Inbesitznahme durch die Walhorner Bevölkerung hat längst stattgefunden. Ganz Walhorn, vor allem die vielen hiesigen Vereine sind stolz, einen so schönen und modernen Saal zu besitzen. Mit dem guten Willen aller a] Beteiligten und der Bereitschaft zum Engagement ist doch etwas herrlich Neues geschaffen worden. Das Haus, Walhorn Dorf- straße ..., das Restaurant ’”’Zur alten Post” ist, wie schon vor 170 Jahren, das Begegnungszentrum schlechthin geblieben. Ja, es ist heute schöner denn je. Hiermit endet vorläufig die Geschichte dieses interessanten Walhorner Hauses. Möge es noch für viele Generationen ein Ort der Begegnung sein und mit dem öffentlichen Leben des Ortes verbunden bleiben. Möge der große Baumeister es vor Feuer und Unglück bewahren. Walhorn, den 13.1.1980
88 Ein zweiter Diogenes Eine Schmunzelgeschichte vom Dreiländereck von G. Tatas (T) Als sich der weise und äußerst genügsame Diogenes einst zu Korinth vor seiner Tonne sonnte, erhielt er den Besuch des großen Alexanders, der, von einem prächtigen Zuge begleitet, zu ihm gekommen war, um ihm auf den Weisheitszahn zu fühlen. Der Asket antwortete auf die wohlwollende Frage des mazedoni- schen Königs, ob er ihm eine Gunst erweisen können : «O ja, geh mir ein wenig aus der Sonne!» Wer in der Schule dumm genug war, das nicht zu verstehen und nicht zu behalten, ist vielleicht in späteren Jahren ein reicher, wer es aber verstand und beherzigt, ein glücklicher Mann geworden. In Gemmenich hat es nun einen Nachfolger dieses Diogenes gegeben, der um dieses klassische Beispiel gar nicht wußte und doch an Wunschlosigkeit, worin das Glück der Erdenkinder zu wurzeln scheint, sein großes Vorbild fast überragte. Jedenfalls entbehrte er sogar noch der Tonne als schützendes Dach und schlief oft unter freiem Himmel den Schlaf des Gerechten. Tagsüber war er - wenn möglich noch eifriger als der Philosoph - auf der Suche nach Wahrheit, die er in geistigen Getränken, gleich den alten Römern nach ihrem Spruch «In vino veritas» zu finden hoffte. Wie Diogenes trug er mit philosophischer Würde und Verachtung aller Ansprüche schäbige, zerrissene Kleider und einen schwarzen Stoppelbart, den er sich, darin von seinem griechischen Urbild abweichend, einmal in der Woche von seinem Friseur abrasieren ließ. n Der Figaro, dem noch als unverändertes Erbstück väterli- cherseits eine Schneiderseele innewohnte, flickte dann nach der wöchentlichen Rasur gewöhnlich die längsten Risse und größten Löcher im Gewand des Diogenes, alias Judesche Stäve, damit dieser nicht mit dem Sittengesetz, das ein öffentliches Auftreten im Adamskostüm untersagt, in Konflikt geriet und womöglich eingesperrt würde, womit er - der Figaro - um die Einkünfte des sonntäglichen Bartscherens eines seiner Kunden gekommen wäre.
89 An einem kalten Dezembertag geschah es nun, daß sich in der Brust des Mantelflickers außer zwei Seelen, der Barbier- und Schneiderseele, auch noch eine dritte, nämlich die menschliche Seele regte, als er noch einmal am Paletot des Genügsamen nähen sollte, der kaum noch Stoff für die Nadel bot. In sein Herz schlich ein Humanitätsgefühl, er nahm seinen eigenen Mantel vom Kleider- haken und sagte, den Stäve vorsichtig zum Kauf anregend : «Diesen Mantel hier könnte ich entbehren und ihn für 100 Fr. Verkaufen, wenn ihn jemand nötig hätte. Zieh ihn mal an, Stäve, ob er dir etwa paßt!» Der Stäve zog den Überzieher, der noch in fast neuwertigem Zustand war, etwas widerstrebend an, schaute an sich hinunter und meinte : «Tja - ein schöner Mantel, und er ist auch sehr billig - direkt geschenkt!» Dann entschlüpfte - um mit Homer zu sprechen, da wir einmal bei den Großen der Antike sind - dem Gehege der Zähne ein Wort, das des großen Diogenes würdig gewesen wäre und wonach der Stäve auch in dieser Geschichte dessen Namensvetter wurde : «Eine gute Gelegenheit für denjenigen, der einen Mantel nötig hat - ich brauche ihn nicht - ich habe ja noch einen!» Damit zog er ihn wieder aus und hing ihn an den Haken. Als er dann unbeweglich gegen das Sonnen- licht stand, das durch das Fenster der Barbierstube fiel und auf das abermalige Flicken seines zerfezten Mantels wartete, sah er mit seinem wetterharten Gesicht und dem langen ungepflegten Haar wie eine Statue des berühmten Tonnenbewohners aus. Wer über dieses Wunder an Bedürfnislosigkeit zu Beginn einer Zeit des hektischen Wetteiferns um Wohlstand und Prestige ungläubig das Haupt zu schütteln geneigt ist, dem kann Glaubwürdigkeit verschafft werden, indem sich der Erzähler mit der barmherzigen Schneiderseele dieser Geschichte identisch erklärt.
90 Das Amt des Henkers in alter Zeit von Walter Meven Mit der Inbesitznahme der Rheinlande durch die preußische Krone wurde die Verwaltung nach preußischem Muster reorgani- siert und ausgebaut. Im Bereiche der Justiz, von der wir aus einem Teilgebiet, * namentlich über das Amt des Scharfrichters, in diesem Aufsatz berichten, behielt der Code Civil Napoleons im wesentlichen bis zum Ende des 19. Jh. seine Gültigkeit. Die Skala der körperlichen Strafen für Verbrecher reichte noch sehr lange von mittelalterlichen Foltermethoden und das an den Prangerstellen bis hin zur Todesstrafe. Der Mann und seine Gehilfen, denen dieses Amt oblag, waren stets mit einer geheimen Furcht umgeben und wurden mit zitternder Neugier beobachtet. Es drängt sich die Frage auf : ’’Wer waren diese Männer, die ein so schreckliches Handwerk ausübten?” Viele Einzelheiten, auch über die Person derselben, können wir dem Schriftverkehr des ”Geheimen Ober-Revisions Rath und Ersten General-Advokat”” mit dem ”’königlichen Oberprocurator zu Aachen” entnehmen. Man beschäftigte sich mit der Anstel- lung eines Nachrichters, - so nannte man den Henker -, der eventuell sogar für zwei Assisenhofgerichtsbezirke (1) zuständig sein sollte. In einem Brief vom 18.11.1819 werden dem königl. Oberpro- curator in Aachen folgende Fragen zur Stellungnahme und Beantwortung vorgelegt : 1. Ob und von wem für den Bezirk des dortigen Assisengerich- tes ein Nachrichter angestellt, und wie derselbe besoldet ist, oder was er für die zu vollstreckenden Exekutionen erhält. 2. Ob eventualiter demselben ein Gehilfe beygeordnet ist, ob solcher Besoldung aus der Staatskasse bezieht und wie hoch sich diese beläuft. 3. In wie fern die Anordnung eines Nachrichters und Gehilfen
9% für jeden künftigen Bereich der einzelnen Assisengerichte durch- aus notwendig ist, oder ob es vielmehr hinreichend und mithin zweckmäßiger seyn würde, für zwey und zwey angrenzende Assisengerichtsbezirke nur einen Nachrichter anzustellen, wel- chem dann für beyde Gerichtsbezirke die Executionen übertragen werden könnten. Endlich 4. Wollen Sie sich darüber gutachtlich äußern, ob dem anzu- stellenden Nachrichter die gesetzlich verwilligte Besoldung zuzu- erkennen oder ob auch eine geringere Besoldung und wie viel hinreichend seyn möchte; oder ob es nicht zweckmäßiger seyn möchte, von aller fixen Besoldung zu abstrahieren und viel mehr nur Emolumente (2) nach einer festen Taxe zu bewilligen. Sollten wirklich in Ihrem Amtsbezirke dergleichen Nachrichter bereits angeordnet seyn, oder Wartegeld beziehen, so beauftrage ich Sie, deren Patente oder Anstellungs-Rescripte einzufordern und dieselbe bey Erstattung Ihres Berichts zur geeigneten Verfü- gung Urschrift oder vidimirter (3) Abschrift mir vorzulegen. Cöln den 18. November 1819 Der Geh. Ober-Revisions Rath und Erster-General-Advokat In seinem Antwortschreiben berichtet der Oberprocurator über den Aachener Scharfrichter Nicolaus Hammel, der bereits im Jahre 1779 dieses Amt übernahm und auch während der Franzosenzeit diesen Dienst verrichten mußte. Die Preußische Verwaltung schlug ebenfalls den nun mittlerweile 60-jährigen zum Scharfrichter vor, der, wie bereits erwähnt, an 2 Assisenhöfen tätig sein sollte. Der aufschlußreichen Details wegen, bringen wir den ungekürz- ten Originalwortlaut des Schreibens : Aachen, den 23. November 1819 Zur gehorsamsten Erledigung des mir mit dem verehrlichen Erlaß vom 18. hujus (4) ertheilten Auftrags, die bei den Assisenhöfen angestellten Nachrichter betreffend, ermangele ich nicht, Euer Hochwohlgeboren folgende Auskunft und gutachtliche Äuße- rung zu überreichen. ad 1. Ist bei dem hiesigen Assisengerichte der bereits. im Jahr 1779 dahier als Scharfrichter angestellt gewesene Nicolaus Hammel als Nachrichter angestellt. Es war derselbe, wie der abschriftlich hierbeiliegender Beschluß der Central-Verwaltung nachweist, in dieser Eigenschaft von dieser Behörde bei dem
WE vormahligen Criminal-Gerichte in Cöln angestellt, und ist bei der Auflösung dieses Gerichts dem hier errichteten Criminal-Gerichte gefolgt. In dem erwähnten Beschlusse war ihm ein Gehalt von 1800 Franken jährlich angewiesen; doch hat seit Errichtung des Criminal-Gerichts/1803/auf den Grund des Gesetzes vom 13. Juni 1793 Art. 3 einen jährlichen Gehalt von 2400 Franken bezogen. Außer den in dem Beschlusse des Groß-Richters vom 4. März 1813 festgesetzten Entschädigungen hat er für die Vollstreckung der Urtheile sonst nichts erhalten. ad 2. Es sind dem Nachrichter in Gemäßheit des Gesetzes vom 3. Frimaire Jahr 2/23. November 1793/ zwei Gehülfen, Joseph Hammel und Arnold Honnof, beigeordnet, wofür er jährlich 1600 ; Franken, 800 Franken nämlich für jeden, aus der Staatskasse erhält. ad 3. Halte ich es für hinreichend und zweckmäßig, für zwei und zwei angrenzende Assisen-Gerichtsbezirke nur einen Nachrichter anzustellen, vorausgesetzt, daß bei jedem Assisen-Gerichte zwei Gehülfen angestellt würden, welche bei Vollstreckungen der Todesstrafe unentbehrlich sind, weil in den meisten Fällen der Patient durch die Todesangst in einen solchen Zustand der Ohnmacht versetzt ist, daß er auf das Schaffot fast gehoben werden muß, auch zum Vorschieben der Bretter, worauf der Patient gebunden wird, zwei Menschen nöthig sind, dabei aber der Nachrichter selbst nicht mit Hand anlegen kann, weil er das ganze Geschäft zu dirigieren hat, und darauf bedacht sein muß, im Augenblick, wo der Hals unter die Maschine kömmt, schnell das Beil fallen zu lassen. Die Exekution muß zwar innerhalb der auf den Empfang des Urtheils, wodurch das Cassations-Gesuch verworfen worden / jetzt auf den Empfang des Allerhöchsten Bestätigungs-Rescripts / folgenden 24 Stunden geschehen / Art. 375 der K.P.O. /; indessen würde wenn dieselbe auch später statt hätte, die Allerhöchste Bestätigung dem Delinquenten aber erst 24 Stunden vor der Exekution bekannt gemacht würde, der Zweck des Gesetzes, welcher wohl darum besteht, daß der Delinquent nicht länger, als durchaus nöthig ist, in der schreckli- chen Erwartung des gewiß bevorstehenden Todes verbleibe, erreicht werden. Der Nachrichter würde sich auch nur Behufs der Vollstreckung der Todesurtheile, und allenfalls der Brandmarkung zu deponie- ren haben, da die Ausstellung an den Pranger und Vollziehung
93 der Contumaciale-Urtheile (5) durch die Gehülfen geschehen könnte. ad. 4. Könnte die Besoldung von 2400 Franken für einen Nachrichter zu stark scheinen, wenn man mit diesem Amte die Idee der Verworfenheit der dasselbe wahrnehmenden Person, so wie sie in der alten Gesetzgebung lag, verbinden dürfte. Nach der hier bestehenden Verfassung aber ist das Amt des Nachrichters kein unehrliches Gewerbe; es genießt derselbe vielmehr das Bürger- recht in seinem ganzen Umfange; und das Geschäft selbst gehört zu den beschwerlichsten rücksichtlich der auf das Gefühl des dasselbe ausübenden Menschen so schmerzhaft einwirkenden Verrichtungen. Es scheint mir demnach, daß dem Nachrichter die gesetzlich verwilligte Besoldung unbedenklich zuzuerkennen seyn möchte; und ich bin, unvorgreiflich, nicht der Meinung, daß von der Besoldung zu abstrahieren und nur Emolumente nach einer festen Taxe zu bewilligen seyn möchten; da der Nachrichter, bei dem immer bestehenden Vorurtheil gegen dieses Amt, ein Nebengewerbe wohl nicht mit Erfolg betreiben kann, auch keine andere Emolumente, z.B. von Bestellung der Wasenmeister (6) etc. mehr genießt, und der Betrag der Exekutions-Taxen ein zu sehr prekäres Einkommen darbietet; es übrigens auch den moralischen Gefühlen wiederstreben würde, einen Menschen in den Fall zu setzten, seiner eigenen Subsistenz (8) wegen die Vervielfältigung der Exekutionen wünschen zu müssen. Das Patent des Nachrichters Hammel, vom 14. July 1799, und den Beschluß der vormahligen Central-Verwaltung vom 2. Frimair Jahr 7; so wie ein Attest des Commissars des Vollziehen- den Direktorii 24. Brumaire nämlichen Jahres habe ich befohle- ner Maaßen eingezogen, und füge davon eine vidimirte Abschrift in der Anlage mit der Bemerkung gehorsamst hierbei, daß der N. Hammel den in dem Beschlusse vom 2. Frimaire bezogenen Ernennungs-Beschluß vom 7. Germinal Jahr 7 beim ehemaligen Criminal-Gerichte zu Cöln hinterlegt zu haben vorgiebt, wie dieses auch aus dem Atteste des Commissars des Direktorii zu schließen ist. eo RER Nicolaus Hammel gehörte einer alten hessischen Scharfrich- terfamilie an, wie wir einer Arbeit von Joh. Glenzdorf und Fritz
94 Treichel mit dem Titel Henker, Schinder, arme Sünder” ent- nehmen können. Dort sind die Namen von ca. 5000 Nachrichtern aufgeführt, die gebietsweise zusammengestellt sind. Für unser Gebiet sind folgende Namen ausgewiesen : Pons, Pontz, Ponz; Eichholz; Johann Knops (1670); Gregorius von Anhalt (1719); Nicolaus von Dillenbourg (1734); Nicolaus Hamel (8) (1779); Joseph Hamel, ein Sohn des Nicolaus; Moitzfeld. Den Scharfrich- ” tern blieb früher das Bürgerrecht versagt. So können wir in den Listen der Bürgerrechtsverleihungen, die Dr. Wilhelm Mummen- hoff einmal für Aachen zusammengestellt hat, keinen Scharfrich- ter finden. Heiraten konnten sie auch nur innerhalb ihres Standes. Grund N für diese eigentümliche ”’Erbfolge”” war die vollkommene Abge- schlossenheit, in welcher die einzelnen Scharfrichtersippen infolge ihrer ”Unehrlichkeit”” notgedrungen leben mußten. In den Ausgabelisten der Reichsstadt Aachen, wird lediglich die Entlohnung des Nachrichters, ohne Namensnennung, mit 800 gld (= Gulden) erwähnt. Erst in den Einwohnerlisten der Franzosenzeit wird Nicolaus Hammel als ”’Executeur en chef”” mit seiner Familie erwähnt. Er war katholischer Konfession und seine Ehefrau war eine Madale- na Spohr, ebenfalls eine Tochter seines Standes. Ein Sohn Joseph findet als ”’fils executeur’”’ Erwähnung. Josef heiratete später eine Albertine Eichholz, wiederum eine Tochter eines Nachrichters, wie wir oben sahen. Die Familie Hammel wohnte laut Einwohnerliste von 1802 in der Nähe der heutigen Krackaustraße. Die Angabe seiner Konfession veranlaßte uns, die Kirchen- bücher der Stadt Aachen in Augenschein zu nehmen. Leider finden sich keinerlei Eintragungen, die seine Familie betreffen. Auch hier können wir nur annehmen, daß sie von der Kirche wegen ihres ”unehrenhaften Gewerbes” nicht toleriert wurden. Aus der Eulenspiegelstadt Mölln, ist uns der Platz des Nachrich- ters in der Kirche, abseits von allen anderen und hinter einer Säule befindlich, überliefert. Die Listen der Beamteneide Aachens führen allerdings den jeweiligen Scharfrichter, der seinen Eid in die Hand eines Bürgermeisters leisten mußte, namentlich an ... ”Ihr sollt Einem Ehrbaren Rath zu Aach wie auch den Herren Bürgermeisteren gehorsamb, treu und hold sein, euren Dienst
‚ 95 treulich verwalten, alle geheime Sache so in der acht (9) oder sonst erfahren, und hören möcht in geheimb halten, und Euch außerhalb der Stadt und Reich Aach ohne der Herren Bürger- meisteren auch Vogts und Meyers oder Stadthalters Verlaub nit begeben ohne argelist. 1779. 5. Juni Juravit (10) Nicolaus Hammel zu Händen Herren 1 Bürgermeistere v. Richterich et v. Thimus.‘ Mit Erlaubnis seiner Vorgesetzten durfte er auch außerhalb Aachens sein Amt verrich- ten. So z.B. wissen wir aus Prozeßakten, daß er auch im ehemaligen Herzogtum Limburg auf Verlangen tätig wurde. (Vgl. unser Heft Nr. 23, S. 79 ff.) Ein Verzeichnis der verschiedenen Foltern und die dafür zu entrichtenden Gebühren war folgendermaßen zusammengestellt : Vor einen Kerl auf die tortur zu bringen (Folter) rthl. Darzukommen ohne anzurechen (dabei sein ohne 212 anzufassen) Vor einen Kerl zu visitieren, ob er ein Brandmirk (Brandmal) habe 2 rthl. Vor einen Kerl auszustreichen (zu peitschen) Srthl. Vor einen zu brandmirken (brandmarken) Srthl. Vor einen zu strangulieren (aufhängen) 10 rthl. Vor einen zu enthaubten 15 rthl. Vor das leichnam auf ein ratt (Rad) zu legen (flechten) 5 rthl. Den kop (Kopf) auf ein Stang zu setzen Srrthl. Vor einen rabrechnen (radbrechen) 15 rthl. Vor einem den kop mit dem beyl abzuhawen 5 rthl. Soll selbiger gewürgt werden Srthl. Vor einen die hand abzuhawen 5 rthl. Soll auch einer verbrant werden (11) 25 rthl. Ein weiteres wichtiges Detail erhellt aus den Stadtrechnungen. Dort sind mehrere Posten für den bei einer Tortur anwesenden Arzt vermerkt. Wir bringen hier auszugsweise 2 Eintragungen im Wortlaut, die uns die Grausamkeit der Peinigungen durch den Scharfrichter verdeutlichen sollen : ”’21.1.1777 Auf Ersuchen des Herrn Bürgermeistere von Wilre habe ich zweymahl der Tortur des Christian Müller beygewohnt, ersten 21.1.1777, zweytens 27.May 1777, wofür begehren 2 Ducaten, darneben noch 4 Visiten gethan bey denen Gefangenen 8 gulden aix - C. Barden- heuer Medicus.”” ‘Von weitaus schlimmeren Verletzungen berichtet die zweite
9% x Eintragung : ”,.. per Ordre Herren Bürgermeistere v. Thymus habe ich endesbenannter 1779 den 29. July die Tortur des inquisiten Müllers beygewohnt wofür 18 gld. Ferner denselben durch den spanischen Stiefel übel zugerichteten und offenen Beinen verbunden, und desfals gethan 46 Verbin- dungsvisiten, auch mit Medicamenten, Kräuter, Umschlägen, Lumpen und Töpf versehen 46 gld.” Chirurgio Malherbe ÄRA Rz EL 5 TEE CN VO EAU RR A % 0 EL ie 5 A 7 LE AN AA 4 Sa SA AA OR N AA S A WE KEN Az * ea A AA a DO Ba | Ma SS STE SD NE LA Zu den unrühmlichen Verirrungen auch des rheinischen Ge- richtswesens gehört die blutige Verfolgung von angeblichen Hexen und Zauberern. Besonders bei Prozessen dieser Art wird häufig die Folter angewandt, um Geständnisse der Beschuldigten zu erpres- sen. Erschreckende Zeugnisse der Torturanwendung bietet ein Buch des Hermann Löher, Schöffe und Bürgermeister zu Rhein- bach/Rhein-Sieg-Kreis, von 1676. Der Kupferstich zeigt einen De- linquenten auf dem ‚Peinstuhl‘ festgebunden. Um den Hals trägt er ein innen mit Spitzen versehenes Eisenband, das mittels Stricken an den Ecken des Raums befestigt ist. Der Folterknecht rüttelt den Stuhl, während andere mit Stöcken auf die Seile schlagen. Außer- dem ist unter dem Stuhl ein Feuer entzündet. Im linken Seitenge- mach wird währenddessen ein Schmaus des Gerichts auf Kosten des Beschuldigten gehalten
97 Wie und wo konnte man nun dieses Handwerk erlernen? Das Fallbeil, die Guillotine und der früher in Amerika gebräuch- liche elektrische Stuhl erforderten kein besonderes Geschick mehr. Dort, wo aber noch das Beil oder das Richtschwert verwandt wurde, war ein Erlernen unbedingt notwendig. Im mittelalterlichen Hamburg, wo die Hinrichtung von Seeräu- bern sehr häufig vorkam, hatte sich so eine Art Hochschule für Henker gebildet. Hier kamen die Söhne der Scharfrichter zusam- men, um ihre Studien zu machen. Manche verdingten sich sogar als einfache Henkersknechte, um die Prozedur aus der Nähe miterleben zu können. Ein solcher Entschluß kam einer Degradierung gleich, denn die alten Hen- kersfamilien besaßen ein ausgesprochenes Standesbewußtsein, das fast dem Adelsstolz gleichkam. Wie in vielen anderen Sparten hatten auch die Scharfrichter eine überlieferte Fachsprache. Das Auspeitschen hieß ganz einfach ”’fegen’’; ”’Zierlich zeich- nen” bedeutete brandmarken; ”’vernünftig die Glieder versetzen” hieß auf der Streckbank foltern; ”einen feinen Knoten schlagen” stand für hängen; ”rasch absetzen’’ für enthaupten; ”’artlich mit dem Rade spielen’”” hieß rädern; ”nett tranchieren’”” bedeutete vierteilen; "einem die Hitze abjagen’” war eine Umschreibung für verbrennen ... Gelegentlich kam es bei Enthauptungen zu schlimmen, für den Scharfrichter bedrohlichen und lebensgefährlichen Zwischenfäl- len. Gelang ihm nämlich beim ersten Henkerschlage die Ent- hauptung nur unvollkommen, so geriet das neugierig zuschauen- de Publikum in Rage und forderte das Blut des Scharfrichters. In einer alten Chronik heißt es : ”’Es mißhandelten den Scharfrichter Simon zu Zellerfeld, dem fünfmal der entscheidene Hieb mißlun- gen war, die aufgeregten Bergleute in seiner eigenen Fronfeste, zerrten ihn dann auf die Straße und zerhackten ihn in unmensch- licher Wut.” Die Behörden ahndeten ebenfalls die Untüchtigkeit eines Hen- kers. ”’... Im alten Berlin wurde ein solcher Pfuscher pädagogi- scherweise mit 32 Hieben, ausgeführt mit einer grünen, manns- daumendicken Eichenrute, zur Achtsamkeit gebracht.” In diesem Zusammenhang ist der nachfolgend sehr lebendig geschilderte Bericht einer Hinrichtung in Zeitz aus dem Jahre 1840 erwähnenswert. Hier wird uns die Mentalität und die Psysche der mit diesem Amte Betrauten recht deutlich :
98 ... ”Kaum hatte der Delinquent seinen Kopf auf den Richtblock gelegt, da blitzte das erhobene Beil nieder, und ein dumpfer Schlag wurde hörbar, und der Kopf war vom Rumpf getrennt. Der Scharfrichter aber wandte sich, das Beil in die Höhe hebend, mit der lauten Frage an die Menge : ”’Habe ich recht gerichtet?” - während Kopf und Rumpf des Gerichteten noch in Zuckungen und zitternder, pulsierender Bewegung dalagen und über dem verzerrten Gesicht sich die Haare nach und nach in die Höhe richteten. Mit ruhiger prüfender Miene, ohne ein Gefühl des Mitleids, nahmen der Scharfrichter und seine Umgebung den Kopf zur Hand, um die gute Durchführung des Hiebes zu beurteilen, und wohlgefällig legten sie ihn wieder hin, da der Hieb | gelungen war.” Von der Ausbildung wird uns berichtet, daß meist auch der Vater seinen Sohn unterrichtete : ”’... Zunächst lernte der Novize den schnellen entscheidenden Schlag an einem Kohlkopf, so auf einer Stange stack. Dann kamen hölzerne Teller an die Reihe. Doch ist nicht recht ersichtlich, wie diese eigentlich verwandt wurden. Schließlich aber durfte er an lebendigen Tieren den ersten, gewichtigen Meisterhieb erproben.’” Nun, wir können uns vorstellen, daß der Novize einen flach aufliegenden Teller genau zwischen Auflager und Tellerfluß treffen mußte. Womöglich durfte der Teller in Folge des schnel- len Hiebes nicht vom Auflager fallen? Kommen wir jetzt zurück zum eingangs erwähnten Schriftver- kehr. Im Jahre 1821 war immer noch keine devinitive Anstellung eines Scharfrichter erfolgt und in einem Schreiben vom 27. März 1821 richtete die vorgesetzte Kölner Behörde einen erneuten Fragenkatalog mit folgendem Wortlaut an den Aachener Ober- procurator ”’... Die Königliche Immediat - Kommission zur Justiz Organisation in den neuen Provinzen wünscht den jetzigen Dienstumfang der Scharfrichter und deren Gehülfen näher ken- nen zu lernen, der sich, seitdem Prangerstrafe bei weitem seltener erkannt wird, bedeutend verringert haben muß. Gedachte hohe Behörde hat daher verfügt, daß eine Zusammenstellung nach den jetzigen Bezirken angefertigt werden soll, aus welcher diese Übersicht zu entnehmen ist. Das Tableau muß die Arten der Strafen. genau sondern und ist daher nach folgenden Rubriken aufzustellen :
99 I. Bezeichnung der Strafen. a. Todesstrafe, b. Brandmarkung, c. Pranger und der-gleichen II. Art der Vollstreckung a. durch den Scharfrichter allein, b. durch denselben und zwei Gehülfen. JI1. Ort der Vollstreckung. IV. Tag der Vollstreckung. Es hat ferner zweckmäßig geschienen, daß die Executionsge- bühren beibehalten werden, da dieselben zum Theil die Vergü- tung baarer Auslagen enthalten und dadurch an dem festen Gehalt kaum erspart werden. Sie haben sich demnach über neue festzustellende Taxe zu äußern und den Entwurf davon einzurei- chen. Ich erwarte Ihren Bericht, Herr Oberprocurator! über diesen Gegenstand vor dem 15. des nächst künftigen Monats April Cöln den 17. März 1821 ER A DD WAS Ve N BEE SE VO AN AS | Sa N EN Ps N NE A 37a CE VE A WE KNOW eG N de km U Sn DOSE SS ca el 3 REN, ZA OWEN SB Be A A u} u 3 A a SF SE FON SEE Wa ® Va A Sale & ® RE Z Ya ER AX FAN US SO Pd ZA ÄERNZERA GENE Le An AZ ) 2 en N Aa Dieser Nürnberger Flugblattholzschnitt von 1589 zeigt die Marter und Hinrichtung eines Bauern aus Bedburg/Erftkreis. der angeblich als Werwolf gewütet hatte. Oben links der einen Men- schen anfallende Werwolf. unten die Marter und die Hinrichtung. Aus dem Scheiterhaufen oben rechts geht klar der Zusammenhang mit der Hexenverfolgung hervor. In seinem Antwortschreiben empfiehlt der Oberprocurator die von dem französischen Justiz-Minister am 4. März 1813 erlassene Regelung als eine so billige und sachgemäße Taxe zu überneh-
100 men, und fügt als Anlage folgende interessante Tabelle für unser Gebiet bei : Bezeichnung der Strafe E der Vollstreckung Ort der Durch den durch den-| Vollstrek-| Tag der Vollstreckung Jahr Todes- Brand- Pranger |Scharfrich- selben und| kung strafe markung terallein 2 Gehülfen 1817 1 Ja Aachen | 1. Merz 1818 2 idem idem 7. Merz 19. Mai 1819| 1 1 2 idem idem 11. Januar und 20. September] dito 3, idem Cleve 22. Dezember dito 13 allein idem Aachen | 8. Dezember sämtl. Contu- maciale Urtheile . 1820 1 idem Aachen |17. August dito 1 allein idem Aachen [{10. Februar, 14. Mai, 7 Sep-| tember. 24. Juni sämtl. Contumacial-Urtheile Mit dem Ministerial-Beschluß vom 26.8.1822 des Justizmi- nisters, kam die Anstellung eines Scharfrichters in die entschei- dende Phase. Die Kölner vorgesetzte Behörde teilte dem Oberprocurator in Aachen mit, daß ein Scharfrichter, welcher seinen Wohnsitz in Köln nehmen müßte, angestellt werden könnte, und deshalb umgehend Vorschläge eingereicht werden sollten. Man veranlaßte ihn, den in Aachen wohnenden Nicolaus Hammel ”’schleunigst vorfordern zu lassen” und ihn zu fragen, ob er die Scharfrichter- stelle für die Rheinprovinz annehmen wolle. Für den Fall, daß er dazu bereit sei, solle man pflichtgemäßig berichten, ob er zur Ausübung dieses Amtes, noch die erforderliche körperliche Rüs- tigkeit und Gewandtheit besitze. Der Beschluß des Justizministers hat folgenden Wortlaut : L Es soll fortan für die Rheinprovinzen nur ein Scharfrichter angestellt und demselben zwey von ihm selbst zu erwählende Gehülfen beygegeben werden. 2a Der anzustellende Scharfrichter ist gehalten, seinen Wohnsitz in Köln zu nehmen.
101 3 Sein jährliches Gehalt wird auf 400 Reichstaler und das Gehalt eines jeden Gehülfen auf 200 Reichstaler festgesetzt. 4. Bey der Feststellung der Unkosten, welche aus der Vollstreckung peinlicher Urtheile entspringen,- soll die dem gegenwärtigen Beschlusse beigefügite Taxe zum Grunde gelegt werden. Ka Die gegenwärtig bestehenden mehrern Scharfrichterreyen, werden aufgehoben. In wie weit die aufgelösten Scharfrichter in den verschiedenen Departements bis zu ihrer anderweitigen Anstellung, auf Beibe- haltung ihres bezogenen Gehaltes oder auf Wartegeld Anspruch haben, darüber soll, mit Hinsicht auf die Allerhöchste Kabinetts- ordre vom 1. August 1817, eine besondere Verfügung erfolgen. 6. Die von den gedachten Scharfrichtern angenommenen Gehülfen, sind zu keinem Entschädigungsanspruch berechtigt, ‚da sie mit dem Gouvernement in keiner unmittelbaren Beziehung stehen, noch mit besonderer Bestallung versehen sind. To Die obige Einrichtung nimmt mit dem 1. Oktober dieses Jahres ihren Anfang. Berlin, den 26. August 1822. Der Justizminister / : gez. : / Kircheisen Dem Beschlusse des Ministers war eine tabellarische Übersicht angefügt, woraus man die aufzuwendenden Kosten für die jeweils anstehende Prozedur ersehen konnte, die stets von dem Orte getragen werden mußte, in dem die Vollstreckung vorgenommen wurde : Taxe über die Unkosten wegen Vollziehung der peinlichen Urteile. Die Unkosten wegen Vollziehung der peinlichen Urteile in den Rheinprovinzen, sollen bezahlt werden, wie folgt : 1. Für den Transport des großes Blutgerüstes zur Vollziehung der Todesurteile in der Stadt, wo der Assisenhof seinen Sitz hat. 3rt. 2. Für den Transport der kleinern Schandbühne in der Stadt wo der Assisenhof seinen Sitz hat lt.
102 3. Für den Transport des großen Blutgerüstes, zur Vollziehung der Todesurteile und den Transport der kleinen Bühne zur öffentlichen Ausstellung außer der Stadt, wo der Assisenhof seinen Sitz hat : Für eine einspännige Fuhre und per Tag Zt Für eine zweispännige Fuhre und per Tag Irte Für eine dreispännige Fuhre und per Tag 4rt. Endlich für eine vierspännige Fuhre und per Tag Art. 4. Für den Transport eines Verurteilten, sowohl an den Gerichts- platz als an die Stelle der Beerdigung. So oft, als mehr als ein Verurteilter gefahren wird, soll für jeden von ihnen ein Zusatz 7 von ....... bewilligt werden. 16 sg. 5. Für die Aufschlagung und Abschlagung des großen Schaffots und der Kopfmaschine Kr 6. Für die Aufstellung und Wegräumung des kleinen Schaffots 211. Artikel 2 Dem Nachrichter soll gezahlt werden : 1. Für die Vollziehung eines Urteils, das wegen ungehorsamer Nichterscheinung wider einen Verurteilten erlassen worden ist, mit Inbegriff der Schrift, des Leims und der Nägel 6sg. 2. Für die Exekution eines Verurteilten ohne Brandmal : Für Schrift, Leim und Nägel 6sg. Für Seile um den Verurteilten an den Pfahl zu befestigen 6 sg. 3. Für die Execution eines Verurteilten mit Brandmarkung : Für Schrift, Leim und Nägel 6sg. Für Seile um den Verurteilten an den Pfahl zu befestigen 6 sg. Für Kohlen 3 sg. Für Salbe oder Schießpulver auf das Brandmahl des Verurteil- ten zu tun 6sg. 4. Für die Execution eines zum Tode-Verurteilten : Für Kleyen, Sand oder Segemehl und Stroh 8 sg. Für Fett oder Seife 4sg. Für die Schlingen oder Pfannriemen um die Beine zusammen zu heften 6sg. Für Kehrbesen und Wasser 3 sg. So oft mehrere Verurteilte als Einer sind, sollen zwölf Groschen Zusatz für jeden bewilligt werden. 12sg. 5. Für die Execution eines Vatermörders : Für die Kleyen, den Sand oder das Segmehl und Stroh 8sg.
103 Für Fett oder Seife 4sg. Für die Schlingen oder Pfannriemen 6sg. Für Kehrbesen und Wasser 3 sg. Für das Hemd Zgt. Für den schwarzen Schleyer 1rt. & Artikel 3 Wenn der Nachrichter verpflichtet ist, sich außer dem Orte zu begeben, wo der Assisenhof seinen Sitz hat; so sollen ihm die Transportkosten zu drei Thaler per Tag gezahlt und gar keine andere Entschädigung für diese Ortsverwechselung so-wohl für ihn selbst, als für seine Gehülfen bewilligt werden; Artikel 4 Im Falle, daß die Vollziehung der peinlichen Urteile außerordent- liche und durch den gegenwärtigen Tarif nicht vorgesehene Unkosten erforderte; so können dieselben nicht anders als mit der motivierten Ermächtigung der General-Procuratoren oder ihrer Substituten gemacht werden. Artikel 5 Die gegenwärtige Taxe soll vom 1. Oktober dieses Jahres an, vollzogen werden. Berlin den 26. August 1822 Der Justiz-Minister/gez. /Kircheisen. Am 16. September 1822 erschien der Scharfrichter Nicolaus Hamel vor dem Oberprocurator in Aachen und erklärte sich mit dem Zusatz bereit, daß er kein anderes Gewerbe habe, er um so mehr berücksichtigt zu werden hoffe, als er die Stelle des Nachrichters bereits seit 45 Jahren bekleide und seine zahlreiche Familie einzig mit deren Auskommen ernähre. Da er seinen Wohnsitz, wie bereits gesagt, nach Köln verlegen mußte, wurden ihm die Tagessätze für die Reisen zu den verschiedenen Assisenhöfen bekannt gemacht : Für die Reise nach Düsseldorf ä 5 1/4 Meilen 2 Tage für Hin- und Rückreise Für die Reise nach Cleve ä 15 3/4 Meilen 5 Tage für Hin- und Rückreise Für die Reise nach Aachen ä 9 1/4 Meilen 3 Tage für Hin- und Rückreise Für die Reise nach Coblenz ä 11 1/2 Meilen 3 Tage für Hin- und Rückreise
104 Für die Reise nach Trier ä 26 1/2 Meilen 8 Tage für Hin- und Rückreise. Es wurde hierbei vorausgesetzt, daß der Scharfrichter 5 Meilen je Tag zurücklege, gleichviel, ob er sodann die Reise zu Fuß machte, oder sich dazu, - und zwar, wie sich von selbst versteht, ohne Entschädigung - eines Fuhrwerkes bediente. Außer den Tagegeldern erhielt er für den jeweils erforderlichen Aufenthalt am Exekutionsorte eine besondere Entschädigung. Nach seinem Tode übernahm sein Sohn Josef Hammel, der ihm bis dahin als Gehilfe gedient hatte, dieses Amt. Letzterer war Scharfrichter bis zum 23. November 1856. 3 Er war es sicherlich, der die letzte öffentliche Hinrichtung um 1850 in Aachen durchführte. Der Richtplatz befand sich auf dem Gelände der heutigen Technischen Hochschule. Bei dieser letzten öffentlichen Hinrichtung auf dem damals so genannten Templerbend, handelte es sich gleich um zwei Missetäter : ein gewisser Plum und ein gewisser Mertens sollten vom Leben zum Tode befördert werden, weil sie gemeinsam einen Mord begangen hatten. Mit der Einrichtung des Richtplatzes auf dem Templerbend waren die Anwohner keineswegs einverstan- den. In ihren Beschwerdebriefen an die Verwaltung argumentier- ten sie hauptsächlich mit der zu befürchtenden Wertminderung ihrer Häuser und Gründe. Der bis dahin für diesen Zweck genutzte Platz, der 1818 in der Nähe des Vaalsertores dicht bei der Wallmauer in Richtung Jakobstor eingerichtet worden war, war aus baulichen Gründen unbenutzbar geworden. Durch die Aufhebung der Exekutionen in der Öffentlichkeit, die man bis dahin aus Gründen der besonderen Abschreckung an einem jedem Bürger zugänglichen Orte durchführte, wurde die Sorge der Anwohner des Templerbends gegenstandlos. Unter Ausschluß der Öffentlichkeit fanden Hinrichtungen von nun an im Gefängnishof statt. Zwölf achtbare Bürger der Gemeinde wurden entweder bestimmt, es konnten sich aber auch Freiwillige melden, um Zeuge des Geschehenes zu werden. ...”Es versteht sich, daß man den Platz auf dem Hofe so gewählt hat,
105 daß man sein Haupt bei der schrecklichen Verrichtung abwenden kann.” Die Anwesenden wurden zur strengsten Geheimhaltung ver- pflichtet und hatten Gewähr dafür zu bieten, daß über ihre Wahrnehmung nichts in die Presse gelangen könnte. Bei der Hinrichtung des Fürsorgezöglings Wilhelm Schily, am 9.3.1907, war sogar ein Sohn unserer näheren Heimat zugegen. Dr. med. Classen hatte für sich und seinen Freund, den Schriftsteller Josef Ponten aus Raeren, die Erlaubnis erhalten, bei der Hinrichtung zugegen zu sein. Die allerletzte öffentliche Hinrichtung in Deutschland fand 1864 in Mitteldeutschland statt. Scharfrichter war Emanuel Hamel, seines Zeichens Abdecker und wohnhaft in Sangerhausen. * Anmerkungen 1) Die Assisengerichte entsprachen unseren heutigen Schwurgerichten. 2) Emolumente = (Neben-Jeinkünfte 3) Vidimirt = beglaubigt. 4) Hujus = diesen Monats. 5) Contumacial - Urteil = im Abwesenheitsverfahren gefälltes Urteil. 6) Wasenmeister = Abdecker. Der Text ist unklar. 7) Subsistenz = Unterhalt, Auskommen. 8) Der Name kommt sowohl in der Form ”Hammel” wie Hamel” vor. 9) Gerichtsgebäude auf dem Katschhof. 10) Juravit = leistete den Eid. 11) Aus ”Rur-Blumen” 1938. Quellen Stadtarchiv Aachen, Beamteneide, HS 33/34 Stadtarchiv Aachen, Einwohnerverzeichnis 1802/1813 Stadtarchiv Aachen, Kirchenbücher St. Foillan St. Jacob St. Peter St. Adalbert St. Michael, Burtscheid Stadtarchiv Aachen, Stadtrechnungen Bd. 44, S. 243 Bd. 45, S. 73 Rur-Blumen 1938 Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Nebenstelle Kalkum : Staatsanwaltschaft Aachen, 23/103.
106 Auf dem Büchermarkt von Alfred Bertha ”1000 Jahre Nachbarschaft Lüttich - Aachen - Maastricht” Dies ist der Titel eines neuen Buches von Viktor Gielen, das . am 14.3.1980 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Im maasländischen Städtedreieck, dem ”’Dreiländereck’” Lüttich-Aachen-Maastricht, hatte letztere Stadt ursprünglich die besseren Chancen, die bedeutendste Metropole zu werden. Maastricht lag nicht nur an der wichtigen Römerstraße Köln- Tongern-Bavai, sondern war auch Flußübergang (””Trajectus ad Mosam’”’). Somit waren alle Voraussetzungen für eine günstige Entwicklung des an diesem wichtigen Verkehrspunkt gelegenen Ortes gegeben. Hinzu kam noch der Umstand, daß i.J. 382 der Sitz des Maasbistums in Angleichung an die römischen Provinz- grenzen durch Bischof Servatius von Tongern nach Maastricht verlegt worden war. Die Grenze zwischen den Bistümern Köln und Tongern bildete im großen ganzen die Wurm, die schon zur Römerzeit die Stammesgebiete der Ubier und Tungrer geschieden hatte. Trotz dieser günstigen Ausgangsposition sollte das etwa 30 Km flußaufwärts gelegene Lüttich Maastricht den Rang ablaufen. Diesen Aufschwung verdankt Lüttich, das um 700 noch ein unbedeutender Ort war, einem tragischen Ereignis : hier wurde der Bischof von Maastricht, Lambertus, i.J. 706 (?) ermordet. Sehr bald entstand an seinem Grabe eine Wallfahrtsstätte, die zum Aufschwung Lüttichs nicht unerheblich beitrug. Im Jahre 721 verlegte dann der Nachfolger Lambertus’, Bischof Hubertus, den Sitz des Bistums von Maastricht nach Lüttich. Die Folge davon war eine Schwächung der alten Bischofsstadt Maastricht und ein schnelles Aufblühen von Lüttich. Die spätere Kaiserstadt Aachen hätte wohl in diesem Drei- ländereck nur eine untergeordnete Bedeutung erlangt (Aachen
107 wäre vermutlich eine Bäderstadt ähnlich Spa geworden), wenn nicht der Wille eines großen Herrschers, der Wille Karls des Großen, die kleine Siedlungsoase Aachen zum Zentrum des christlichen Abendlandes gemacht hätte. 794 ließ sich Karl in Aachen nieder, das nun nicht nur geographischer, sondern auch kultureller Mittelpunkt seines Reiches wurde. Hier legte er das geistige Fundament einer aus germanisch-antiken und christlichen Bausteinen bestehenden Kul- tur, die das Werk sowohl der romanischen wie der germanischen Sprachgemeinschaft war. So wurde das Dreiländereck zu einem einheitlichen Lebens- und Kulturraum, dessen Glanz über ganz Westeuropa strahlte. Ein Dichter der karolingischen Zeit nannte Karl den Großen ”Leuchtfeuer Europas’’. Damit meinte er nicht die große politi- sche Leistung dieses Mannes, sondern die Idee, das geistige Element, gleichsam die ”’Seele”’, die dieser Herrscher der mittelal- terlichen Kultur gegeben hatte, die einzigartige Verbindung antiker und christlicher Lebensanschauung, die die Einheit des Abendlandes prägte. Viktor Gielen untersucht nun in seinem neuen Buch, welche Querverbindung zwischen den drei Städten im Maasdreieck über die Jahrhunderte bestanden haben und im besonderen, welche Spuren die gegenseitige kulturelle Befruchtung hinterlassen hat. Vor allem die vielfältigen Wechselbeziehungen Aachen-Lüttich werden eingehend untersucht. Das beginnt bei der Zugehörigkeit Aachens zum Bistum Lüttich (bis 1802) und Notkers Verbindun- gen zu Aachen (er ließ die Kirche St. Jean nach dem Plan der Aachener Pfalzkapelle errichten), führt über die Ausstrahlungs- kraft Lüttichs als Kunst- und Bildungszentrum, die Einheit in der Liturgie in den Kirchen Lüttichs, Aachens und Maastrichts, die Verbundenheit Aachens mit der Universität Löwen (Löwen gehör- te zum Fürstbistum Lüttich und seine Universität hat bis zum Ende des Ancien Regime eine starke Anziehungskraft auf die Aachener Studenten ausgeübt), die Metallverarbeitung (Messingin- dustrie) und Baukunst (JJ. Couven war Hofarchitekt des Lütticher Fürstbischofs), bis hin zur Rolle der Wallfahrten (Aachen, Maas- tricht, Scherpenheuvel, St. Hubert, Kevelaer) als völkerverbin- dendes Element. Die Aachener Bürgerrechtsverleihungen nach 1656 zeigen, daß die alte Kaiserstadt auf das nahe Lütticher und Maastrichter Land wie ein Magnet gewirkt hat.
108 Viktor Gielen hat an die 120 Namen mit Herkunft und Berufsangabe aus der von Dr. Mummenhoff zusammengestellten Liste (in ZAGV, Bd. 68, S. 192 ff) herausgegriffen und kommt zu dem Schluß, daß man in jener Zeit in Aachen nicht nur Hochdeutsch und Aachener Platt, sondern auch Französisch und Niederländisch hören konnte. Mit der Franzosenzeit begann die politische Entfremdung, ihr folgte die kirchliche. Zwar haben auch im 19. Jh. Künstler und Gelehrte ”’Brücken geschlagen”, Lütticher wurden zu Schrittmachern der industriellen Revolution in Aachen, die Eisenbahnverbindung Köln Antwerpen sollte den ”’Streit der S Regierungen mildern durch die Freundschaft der Völker’””, doch der wachsende Nationalismus führte zu einer immer größer werdenden Entfremdung der Menschen im Maasdreieck. Bei allen in den letzten Jahrzenten unternommenen Versu- chen, bei allen lobenswerten und nicht zu unterschätzenden Leistungen auf dem Wege der politischen und wirtschaftlichen Einigung Europas muß abschließend mit Viktor Gielen darauf hingewiesen werden, daß Europa mehr als einheitliche Butter- und Obstpreise braucht. Es braucht wie zu Kaiser Karls Zeiten ein geistiges Fundament. Das im Grenz-Echo Verlag, Eupen, erschienene, 216 Seiten starke Buch ist reich bebildert und gediegen aufgemacht [Leinen mit Schutzumschlag nach einem Entwurf von Peter Emonts- pohl). Es ist erhältlich zum Preise von 530 Fr.
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