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Im Göhltal ZEITSCHRIFT der VEREINIGUNG für Kultur, Heimatkunde und Geschichte im Göhltal No 17 1-75
Vorsitzender : Peter Zimmer, Kelmis, Siedlung P. Kofferschläger, 10. Sekretariat : Rue du Calvaire, 8, 4671 Moresnet Lektor : Alfred Bertha, Hergenrath, Bahnhofstraße, 20b. Kassierer : Fritz Steinbeck, Kirchstraße, 20. Postschekkonto N” 000-0191053-60 Die Beiträge verpflichten nur ihre Verfasser, Alle Rechte vorbehalten. Entwurf des Titelblattes : Frau Pauquet-Dorr, Kelmis. Diese Skizze zeigt den Moresneter Göhlviadukt sowie die Hergenrather Hammerbrücke in ihrer ursprünglichen Form. Druck. Jacques Aldenhoff, Gemmenich.
Inhaltsverzeichnis Firmin Pauquet, Kelmis Die Umgebung von Hergenrath und Hauset im Jahre 1775 nach der Bestandsaufnahme der Ferraris- Karte 5 Alfred Bertha, Hergenrath Der Rückzug der Franzosen aus u. W. Meven, Aachen Aachen am 2. März 1793 8 Alfred Bertha, Hergenrath Aus der Pfarrgeschichte Hergenraths (Fortsetzung) 29 M.-Th. Weinert, Verlassener Hof (Gedicht) 41 Aachen-Forst Rene Jongen, Löwen Rechtschreibenormen für das Süd- niederfränkische 42 Franz Uebags, Kelmis Rückblick auf den Werdegang der Theatergruppe der Kelmiser Pa- tronage 58 Leonie Wichert-Schmetz, Heimat (Gedicht) 87 Bad-Driburg Peter Zimmer, Kelmis 50 Jahre Christliche Arbeiterjugend in Kelmis 90 Leo Homburg, Fossey Renommierbauern 97 Gerard Tatas, Gemmenich Der Gemmenicher Kiosk (Gedicht) 100 Dr. G. De Ridder, Moresnet Das Fortrait : Adolf Christmann 101 Alfred Bertha, Hergenrath Auf dem Büchermarkt 105
5 Die Umgebung von Hergenrath und Hauset im Jahre 1775 nach der Bestandsaufnahme der Ferraris-Karte von Firmin Pauquet Im Nummer 16 dieser Zeitschrift habe ich allgemeine Angaben über die Ferraris-Karte gegeben und einen Karten- ausschnitt um den damaligen Weiler Kelmis als Mittelpunkt kommentiert. In dieser Nummer erscheint, mit dem Einver- ständnis des Gemeindekredits, ein Ausschnitt aus Blatt 232, Eynatten, um das Dorf ”Hergenraet” als Mittelpunkt. Um dieses Dorf herrschen ebenfalls durch Hecken einge- zäunte Wiesen vor. Man erkennt einige Obstgärten sowohl westlich der Dorfsiedlung, wie auch östlich derselben, beim Gut ”Bertholff”. Dasselbe gilt für die nähere Umgebung des Weilers Hauset. Die Waldungen nehmen eine größere Fläche in Anspruch ; im Westen, im Göhltal und auf dessen Westufer : der Eynen- burger Wald; im Norden, am Südufer des Tüljebaches ; im Osten vor allem : ”Bois Bern Haege”, ”Bois Steffensberg”, ”Bois Pruntenberg” und — schon außerhalb des Kartenaus- schnittes — ”Caperberg”, alle am Rande des ”Bois d’Aix”, letztgenannter noch auf limburgischem Hoheitsgebiet. Diese sich in schlechtem Zustand befindenden östlichen Waldungen, mit sehr viel Heiden, bilden einen Teil der Gemeindewaldun- gen, welche die Gemeinden der Bank Walhorn nach der am 20. April 1611 durchgeführten Teilung des Reichwaldes unter die Stadt Aachen, die herzoglich-limburgische Domäne und die Ge- meinden für ihre eigenen Bedürfn:sse nutzen konnten. Der Name ”Steffensberg” erinnert an den Pfarrheiligen der Mutter- pfarre Walhorn ; die Brennhag deutet darauf hin, daß die Hergenrather sich in diesen Waldteil mit Brennholz versorg- ten. Südöstlich von Hauset, in Richtung Eynatten, erkennt man den heutigen ”Großen Busch”, dessen Namen auf der Karte aber nicht angegeben ist.
7 Heide kommt in der nordöstlichen Ecke vor: ”Bruyere de Bingerberg”. Felder bekrönen den Kalksteinrücken südlich der Bach- linie Hornbach-Göhl-Tüljebach von Husent über Eynenburg bis Hergenrather Feld im Nordwesten. Es kommen noch Fel- der auf zwei anderen Kalksteinstreifen vor: südlich von Himmelsplatz und südöstlich des Weilers Prester. Der Hauptstraßenzug ist der von Bildchen kommende Limburger Weg, an dem sich das Dorf Hergenrath als eine Art Straßensiedlung entwickelt hat. Dieser Weg führt weiter nach Südwesten südlich des Eynenburger Waldes über Lont- zen zur Hauptstadt Limburg. Er ist die Verbindungsstrecke der Badestädte Aachen und Spa, der der russische Zar Peter der Große am 25. Juli 1717 und Kaiser Joseph II. am 18. Juli 1781 folgten. Die große Zahl 73 steht an der alten Hergenrather Kirche, die abseits der Dorfsiedlung, halbwegs zwischen Burg Eynen- burg und Gut Bertholf gebaut wurde. Zur Pfarre Hergenrath gehören demnach der Weiler ”Den Caper”, der Gutshof ”Bertholff”, die Eyneburg (”Chäteau d’Eynenbourg”), die Müh- le (”Moulin d’Hergenraet”), sowie mehrere nicht genannte Einzelhöfe. Die nordwestliche Ecke, nördlich des Tüljebaches, gehört zur Pfarre Moresnet - 71 - und wurde schon beim ersten Kartenausschnitt besprochen. Im Süden gehören die Bauern- höfe -”censes”- ”Nieuwheyde” (heute Neuhaus), ”Hemels- platz”, ”Wossenhage” (heute Hammer), der Weiler ”Wossen- hage” (heute Fossey) zur Pfarre Walhorn -74-. Der Weiler ”Presler”, für Prester, mit dem Bauernhof ”Ravesweyde”, die ”Hausseter Capelle”, der Bauernhof ”Hausseterbenent”, der Weiler ”Hauset”, um die Rochuskapelle im jetzigen Ortsteil Schallenberg und der Weiler ”Testere”, der heutige Dorfkern von Hauset, liegen alle schon auf Eynatter Pfarrgebiet - 76 -. Dasselbe gilt für den Weiler ”Windtmeulen”, der sich um eine alte Windmühle entwickelt hat, unweit der jetzigen Brücke der Straße Hauset-Eynatten über die Autobahn. Welche Be- deutung die mitten im Ackerland zwischen Prester und Hauset gelegene und heute nicht mehr bestehende Hauseter Kapelle hatte, wäre noch zu erforschen.
8 Der Rückzug der Franzosen aus Aachen am 2. März 1793 von Alfred Bertha u. Walter Meven Kampflos war Aachen am 16.-17. Dezember 1792 in die Hände der von General Dumouriez befehligten französischen Revolutionstruppen gefallen. Die Österreicher unter General Clairfayt hatten sich in Richtung Jülich, Düren und Linnich bis hinter die Rur zurückgezogen und nach Zerstörung der Brückenübergänge eine neue Verteidigungslinie aufgebaut. Die Franzosen meinten nun, das Land diesseits der Rur $ fest in der Hand zu haben. Sogleich gingen sie auch daran, die Verwaltung dieses Gebietes nach den von der franzö- sischen Revolution verkündeten Prinzipien zu organisieren (1). Die Truppen hatten sich auf ein langes Verweilen bei uns eingestellt. Von den Österreichern und den anderen euro- päischen Königen und Fürsten schien im Augenblick keine Gefahr auszugehen. Doch wirkte die Enthauptung des entthron- ten Ludwig XVI. am 21. Januar 1793 auf die anderen Staaten wie ein Signal zum geschlossenen Angriff gegen Frankreich. In aller Stille rüstete die antifranzösische Koalition jenseits der Rur zum Gegenstoß. Den Oberbefehl aller Truppen hatte der Prinz von Coburg. Als die Verbündeten dann am 1. März 1793 den Augen- blick für gekommen hielten, dem revolutionären Spuk ein Ende zu bereiten, kam ihr Angriff für die Franzosen genauso überraschend wie Hitlers Winteroffensive 1944 für die Alli- ierten (2). Die Verwirrung in den Reihen der Republikaner war umso größer, als General Dumouriez in jenen Tagen in Paris weilte und seine Offiziere sich zum Teil von den Trup- pen entfernt hatten, um ihren Sonderinteressen nachzugehen. Die rückflutenden Truppen boten ein bemitleidenswertes Bild höchster Disziplinlosigkeit, wovon der Haarener Pfarrer eine anschauliche Schilderung gibt : ”Gegen halb fünf uhr sahe ich diese flüchtlinge theils zu fuß theils zu pferde in größter unordnung, einige ohne
9 schuhe oder strümpfe, andere ohne Rock, ohne Kamisol, ei- nige ohne Hudt, vile mit blutigen Köpfen, oder sonsten ver- wundet, bey der Pastorath vorbeilauffen, daß die stras selbige schier nicht fassen konnte. Sie lieffen alle erblast und sprach- los auf Aachen zu. dieses währete also ununterbrochen bis halb neun uhr in der nacht. Keinem im Dorf wurde von ihnen etwas genommen, noch einiges leyd zugefügt”. Auch in der späten Nacht kamen noch Truppen durch Haaren. ”Abgemattet, hüngrich, dürstig, zitternde und be- bende, begehrten sie demütig labung und nachts-quartier”, schreibt der Pfarrer (3). Dies waren nicht mehr die siegreichen Revolutionsheere, die mit ”ca ira” auf den Lippen 10 Wochen vorher in unsere Heimat eingedrungen waren. Im Gedenkbuch des F. Cool lesen wir folgende Eintra- gung: ”...bist den 2 Mertz und am selbigen tag seynd die keyserliche trouppen in das Reich van Aeche an gecommen dere seyndt gewesen bey 6.000 man zu füß und zu perdt diesse habe sie wegg geschlagen den meisten theil zu todt und dise sindt von Collen her uber die rohr gecommen unde habe sie zu gelich die frantzossen angrieffen ende weege geschlagen bis und durch Achen man hat uber alle gassen und Straßen funden und sehn todten liegen und die keyserliche habe ihnen verfolgen bist uber die Maas und so fort durch brabant bist an ihre grentzen” (4). Und der Walhorner Dorfchronist Caspar Scheen - damals noch in Eupen ansässig - berichtet, daß die Franzosen an nichts weniger als an die ”Retirad” dachten. Als dann am 2. März um ein Uhr nachmittags die Trommel geschlagen und Alarm gemacht wurde, sah man ”Jammer und Schrecken” unter den Truppen. ”In Zeit von einer viertel stund waren alle truppen beysammen und rieffen : Wehe uns unsere leuth sind geschla- gen ! unsere armee ist verstreuet. Kurtz darauf ehe es noch nacht war, kamen allbereith die blessierte, und es war jammer zu sehen, etliche hatten die arm abgehauen etliche einen theil des gesichts verlohren und etliche anderwärts tödtlich bleciert. In dieser Angst bleiben die Republicaner bis des anderen tags morgens 4 stund, und da der tach anbrach zoche sie gantz still aus” (5).
10 Ganz anders verhielten sich die geschlagenen Franzosen in Raeren. Auf der Anhöhe beim ehemaligen Kloster Bran- denburg lagerte eine größere Einheit. Unter Plündern und Brandschatzen zogen sie sich am 1. und 2. März zurück. ”Ein Teil von 2.700 Mann zog über Honien und Schossent bis in den Proelbruch, wo sie die Nacht über kampierten und dann über Eupen abzogen. Im Rover kam es noch zu einem Gefecht, bei dem sechs Franzosen den Tod fanden...” ”Es waren diese Tage, der 1. und 2. März, überaus schreck- lich und gefährlich sowohl für meine Pfarre wie für unsere ganze Heimat”, schreibt Pfarrer Vincken von Raeren. ”Wir sind frei! Gott sei Dank ! Laßt uns ihm dienen !” ruft er- + leichterten Herzens der Pfarrer aus (6). Am folgenden Tag, dem 2. März, mußten die Franzosen sich auch aus Aachen zurückziehen. Nur wenige Stunden nach dem überraschenden Angriff der Österreicher an der Rur wurde der französische General Stengel davon benachrichtigt. Sogleich (es war halb drei Uhr nachts) traf er alle notwen- digen Gegenmaßnahmen und ließ Truppen zur Verstärkung ausrücken. Doch schon um 11 Uhr vormittags kam die Kunde nach Aachen, die Franzosen seien aus ihren Verschanzungen vertrieben und bis auf zwei Stunden vor Aachen zurückge- drängt worden. Wagen mit Verwundeten, Kanonen, Pulver- und Bagagewagen fluteten nach Aachen hinein. Am Abend des 1. März rüstete sich die ganze Besatzung Aachens zum Rückzug. Das große Packen war allgemein und im Schutze der Nacht wurden Bagage und Vorratslager der Armee soweit wie möglich in Richtung Henri-Chapelle gebracht. Über den folgenden Tag, den 2. März, berichtete ”Des Königlichen Stuhls Kais. freyen Reichs-Stadt-Aachen-Zeitung” (1). Wir wollen jedoch eine bisher unveröffentlichte Darstel- lung der Ereignisse geben. Von einigen Ausschmückungen ab- gesehen, deckt sie sich mit den zeitgenössischen Zeitungsbe- richten. Es handelt sich um die schon in unserem ersten Bei- trag (”Im Göhltal Nr. 15) zitierte Franziskanerchronik. Der Chronist schrieb zum 2. März : ”Nachdem die Keyserliche 11 Wochen lang die ruhr be- setz haben, und auff Versterckung gewartet, seynd sie mit
11 3 colonen über die ruhr gegangen zu Duren, julich, und zu Linnich in diese Gegenden seynd viele 100 Francosen geblie- ben gar wenige Keyserliche. dieses geschae den 1 martii des nachts um 12 uhren; um 9 uhren morgens waren sie schon zu Högen 3 stund von hier; alwo die Keyserliche 1 battri von 8 canonen erobert haben und 500 mann getodtet. nach dieser schlacht wusten die Francosen nicht wo Hin und wo Her sie Lauffen solten, alle weg und straßen in und um aachen waren fast zu klein. um 9 uhren des abends stürmten 700 man im Kloster hinein und legten sich auff die blose erd damit sie 1 oder andere Stund ausruhen konten, um 2 uhren mach- ten sie sich wiederum auff die Lauff. den 2gmartii hat sich erst der Francösische general Dam- pier aus aachen fortgemacht : um halber 9 waren schon 9 Keyserliche Scharff Schützen und 9 ulanen in die Stadt, diese haben 7 Francosen erschossen, welche sich zu lange in aachen auffgehalten. nach diesem worden sie von dem populass auff dem marck gefuhret und zeigtten ihnen den freyheits baum an, welche sie also bald abgehauen, und die buben nahmen diesen baum mit freuden und Jubel auff ihre Schulteren und rieffen dieses ist der Teuffels baum und tragten den selbigen durch die gantze Stadt: aber diese freud ist bald in einen großen Schrecken verändert worden. auff einmahl kam das Gespräch die Francosen kommen wiederum zurück. es wird 11 uhren und sie stehen schon für pfund Thor (7), schießen es mit canonen auff, ziehen unter Trummen und Spiel über den seilgraben auff Köllen‘ Thor loß, schantzen auff dem wall 4 canonen auff, um 1 uhr nachmittags finge das canonieren beyder seits an, aber ohne allen Effect, bis endlich die Keyserliche Scharffschützen die wallmauren be- stiegen welche nur 12 an der Zahl waren, da fingen die Fran- cosen an mit ihre canonen zu relevieren, und jagten was sie jagen konten. sie musten aber auff die Jacob Straß 2 canonen hinder lassen, welche ihnen von den burger seynd abgenoh- men worden. wir haben mit augen gesehen, daß 6 Scharff- schützen mehr als 300 man Francosen bis auff den marck verfolgt haben, welche sack und back, wehr und waffen von sich abgeworffen, damit sie desto besser lauffen konten. 3 Francosen wolten sich in unserem Kloster verstecken, weilen
12 aber das Kloster verschlossen war, so musten sie sich ergeben. der Teusche bekam pardon, die 2 worden erschossen, dieses haben wir mit augen zugesehen. Es feuert von allen Seiten mit klein gewehr und canonen, der schrecken war allgemein groß. in die Affer (Affaire) seynd nur 5 Keyserliche geblieben und 1 verwundet, von den Fran- cosen aber 55 mehrere gefangen welchen man nicht bestim- men kann. In Zeit von 30 Stunden seynd die Francosen aus 4 Herren Länder geschlagen worden. aus dem julicher Land, aus dem Spanischen, holländischen und Nb. aus dem Aacherreich. den 2 martii haben die Francosen nachts um halber 12 die blocki- rungen von mastricht auffgehoben, und den 3ten seynd die Keyserliche in mastricht ingezogen. Den 5ten martii haben wir 80 mann Keyserliche bekom- men, welche 1 stund hinter Herve zu Sumer von den waloner bauren seynd verwund worden. für diese Verwundten haben die äacher burger freywillig hergegeben butter, decken, läcken, Kussen und desgleichen” (8). Wie hat sich nun die Aachener Zivilbevölkerung während der Kampfhandlungen verhalten ? Hat sie direkt in die Kämpfe gegen die Franzosen eingegriffen ? Der Franziskanerchronist schreibt, die Bürger hätten den Franzosen in der Jakobsstraße zwei Kanonen abgenommen. In fast allen Straßen sollen Ge- metzel stattgefunden haben, doch sogar ein so zuverläßiger Augenzeuge wie der Ratsherr Schillings sagt in seinen Auf- zeichnungen nicht, daß die Aachener auf die: Franzosen gefeu- ert hätten. Auch er weiß nur von der Erbeutung der zwei Kanonen in der Jakobsstraße zu berichten (9). Nur im ”Aache- ner Zuschauer” konnte man in der ersten Nummer nach dem 2. März lesen, die Aachener Bürger hätten ihren Rettern die Tore geöffnet und den Feinden Deutschlands: die Waffen aus den Händen gewunden. Gegen drei Uhr nachmittags hätten sie in der Jakobsstraße zwei Kanonen erobert, welche der Prinz von Württemberg der Stadt zum ewigen Andenken geschenkt habe. Auch dies geht also nur wenig über das hinaus, was die anderen zeitgenössischen Quellen zu den Vorfällen des 2. März
13 zu berichten wissen. Wiewohl es den Anschein hat, daß die Bevölkerung Aachens sich kaum ins Geschehen einzemischt hat, warfen die Franzosen ihnen bei ihrer Rückkehr im Sep- tember 1974 vor, sie hätten französische Soldaten niederge- schossen, Verwundete in roher Weise mißhandelt und sogar aus den Fenstern des Militärspitals auf die Straße geworfen. In Aachen selber ging das Gerücht um, Robespierre, der Führer des Konvents, habe den Untergang der Stadt beschlos- sen und bei einer eventuellen Wiederkehr der Franzosen müsse Aachen mit dem Schlimmsten rechnen. Viele Bürger verließen denn auch die Stadt, als der Kriegslärm im Spät- sommer 1794 näher rückte (10). Als die Vorhut der Franzosen schon vor den Stadttoren stand, sandten die Stadtväter Unterhändler ins französische Hauptquartier nach Herve mit dem Auftrag, die Modalitäten der Übergabe der Stadt zu regeln. In dem Geleitschreiben der beiden Abgesandten, Stadtsyndikus Vossen und Baumei- ster Cromm, (11) hieß es wörtlich: ”...declarons par les presentes d’avoir Deputes et commis en qualite de deputes Envers Messieurs les Generaux et commandants des Trouppes francaises pour concerter et regler la Reception des Trouppes francaises en cette ville...” (12). Vossen und Cromm begaben sich am 23. September früh morgens auf den Weg ; in Henri-Chapelle trafen sie im Hotel Belle-Vue den Kommandanten der französischen Vorhut, Ge- neral Hatry, der sie nach Herve bringen ließ, wo sie vom Oberkommandierenden General Jourdan und dem Volksre- präsentanten Gillet empfangen wurden. Sie überreichten den Franzosen die Schlüssel der Stadt ”und erwarben sich um ihre Mitbürger das unschätzbare Verdienst, durch ihre Für- sprache von der französischen Nation für unsere Vaterstadt Schutz und Nachsicht zu erwirken”. So wenigstens schrieb der ”Aachener Zuschauer” (13). - In einem ausführlichen Bericht über diese Mission, den Vossen 1830 veröffentlichte, stellte der inzwischen Siebzig- jährige die Fakten allerdings so dar, wie sie sich nicht abge- spielt haben können. So schrieb er z.B., der Rat habe ihnen den Auftrag erteilt, zu versuchen, ”ob bei dem Volksreprä-
14 sentanten und bei der Generalität eine Milderung der ange- drohten Verwüstung zu erflehen wäre”. In einem längeren Aufsatz hat A. Pauls seinerzeit alle im Vossenschen Bericht steckenden Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüche aufge- zeigt (14). Vor allem auch hat Pauls eindeutig klargestellt, daß es einen sog. Ächtungsbeschluß Aachens durch den Konvent nie gegeben hat. Dagegen spricht besonders die vom Volksrepräsentanten Gillet aus dem Burtscheider Hauptquartier am 3. Vendemi- aire Jahr 3 an die Bevölkerung der Stadt erlassene Prokla- mation, in der es u.a. heißt: ”Die Verleumdung war uns in diese Gegend vorangegangen, unsere Feinde haben uns ihre ' eigenen Laster aufgebürdet, sie haben sich bemüht, Euch in Schrecken zu versetzen, beruhigt Euch, die französische Re- publik bestraft ihre Feinde, aber sie ist die Freundin aller Völker, die mit ihr in Frieden zu leben gesonnen sind. Bleibet in Euren Wohnungen. Eure Personen, Euer Eigentum, Eure Gesetze, die Gegenstände Eures Gottesdienstes sollen unange- tastet bleiben... .”. Wollte man diesen beruhigenden Versicherungen Glauben schenken, so hatte Aachen nichts Schlimmes zu gewärtigen. Dennoch haben die Franzosen nach ihrer Wiederkunft im September 1794 die angeblichen Ausschreitungen der Aache- ner Bevölkerung am 2. März 1793 wiederholt zum Vorwand genommen, der Stadt außergewöhnlich hohe Kriegslasten auf- zubürden (15). Bei der Wiedereinnahme der Stadt wurden die Aachener entwaffnet und dies ”wegen der im März 1793 begangenen Exzesse” (”en raison des exces qui furent commis envers nos troupes en mars 1793”) (16). Die Greuelmärchen waren so sehr aufgebauscht worden, daß Gillet selber schon gleich nach seiner Ankunft im Burtscheider Hauptquartier am 24. September 1794 eine Untersuchung der anderthalb Jahre zurückliegenden Vorfälle anordnete. Wörtlich schrieb er den ”Einwohnern der Stadt Aachen” : ”In Eurer Stadt sind gegen die französischen Soldaten beim Rückzug der Armee im März 1793 greuliche Handlungen begangen — die kranke und verwundete Soldaten sind aus
15 den Fenstern auf die Straße hinausgeworfen —,' und: andere (die sich in den Häuseren verborgen hatten) sind durch Bürger niedergeschossen worden (17). SM BODEN Se De WO ; 7 EEE] GE che ELSE ED £ | 5 RS Vendeniacre 80 SE x Yes fen GezorQlige. ins? Res ZZ Bl Agerescn (a ALL £ & Wr „ME VATER EEE f - nn Be Zen nid WE EA Ef DA EZ EA | ne fi SP tn oO N VE Bd A u Anal Ai WB mE Kerne PERLE DA KA | WE f A Se BE SR fl VA al SC | Yankee 9 VAREL Eher ek Ben BE A VW nd Ah En A SET es X - . 7 Y 3 72 An EM IL tieren Ef VE ZZ ) 7 DD ABLE MR DB A UT An Wh Wen Bf E if ei} ZZ EG Ze | WELL SAL TSfNG EF rfann gl ne fi EA al Zi A ED AT A GEAR, uw) DE | ES INA ZT LA Kafı pc EA Kebpf FO al en ep ir DO Pa
16 Wir wollen das Recht nicht gebrauchen, dessen wir uns vermöge des Wiedervergeltungsrechtes bedienen könnten. Wenn die Feinde der französischen Nation sich mit allen Lastern bemackelt haben, so wird diese jedoch sich zur Ehre rechnen, allzeit grosmüthig zu seyn. Allein das so grausam ver- gossene Blut unserer ermordeten Brüder fordert Rache...” Der Kriegskommissar Lombard forderte Ende Sept. 1794, die Aachener sollten bei den für die Spitäler ausgeschriebenen Requisitionen ”sowohl durch die Qualität der Lieferung, als die Schleunigkeit der Erfüllung” das begangene Unrecht ver- gessen machen. Gillet war überzeugt, daß die ”barbarischen Handlungen” auf das Konto einer Minderheit zu setzen seien. Innerhalb 24 Stunden solle die Stadt diese Leute ausliefern (18). Der Rat der Stadt Aachen setzte daraufhin eine Unter- suchungskommission ein, die ihre Arbeit am 8. Oktober auf- nahm und bis zum 5. November tagte. Die Bürger wurden ”bey Leib- und Lebens-Strafe” aufgefordert, dem Magistrat diejenigen anzuzeigen, die ”dergleichen abscheuliche Thaten begangen”. (S. Text der Ratsverordnung S. 17.) Obwohl die Ratsverordnung erst vom 29. September 1794 datiert ist und die Untersuchungskommission laut einer im Stadtarchiv Aachen aufbewahrten Empfangsbescheinigung über die Vernehmungsprotokolle ihre Arbeit erst am 8. Okto- ber aufnahm, sind die heute noch erhaltenen Protokolle über die Ereignisse des 2. März alle aus der Zeit zwischen dem 26. September und dem 6. Oktober 1794. Wie sich diese fehlen- de Übereinstimmung erklärt, ist bisher nicht erforscht. Angeblich wurden die Protokolle 1797 an die Bonner Mittelkommission geschickt und gingen verloren (19). Doch fand A. Pauls in den Militärakten des Aachener Stadtar- chivs 42 der teils eidesstattlichen Aussagen Aachener Bürger (20). Bei der Durchsicht ungeordneter Akten aus der Fran- zosenzeit stießen wir nun auf weitere 94 Vernehmungsproto- kolle (21). Von den insgesamt 136 Aussagen (79 Blätter) stammen 131 von Aachener Bürgern, 5 von Franzosen, denen persönlich
18 durch Aachener geholfen wurde oder die bezeugen, daß Aache- ner den Gefangenen und Verwundeten geholfen haben. Sie erstreckten sich über alle Stadtgebiete (mit Schwerpunkten in der Jakobs- und Marschierstraße) und durch alle Schichten der Bevölkerung, vom Geistlichen bis zur Hausfrau. In allen Fällen klingen diese Aussagen glaubwürdig. Die Aachener Bevölkerung hätte allen Grund gehabt, bei der Vertreibung der Franzosen aktiv in die Kampfhandlungen einzugreifen, hatten sich doch die Republikaner durch ihre Plünderungen verhaßt gemacht (22). Dennoch taten alle nur das, was ihnen Pflicht eines Christenmenschen zu sein schien : sie nahmen die fliehenden Feinde in ihre Häuser auf, ver- " steckten sie und gaben ihnen Zivilkleidung. Sie verbanden ihre Wunden und besorgten manchem Franzosen einen Paß oder gar Arbeit in der Stadt. Aus der Vielzahl der bisher nicht veröffentlichten vor dem Untersuchungsausschuß ge- machten Aussagen können wir hier nur einige stellvertretend herausgreifen. Fretag den 26 Sept. 1794 Eodem (d.h. am nämlichen Tage) erschiene Joseph Preut und declarirte an Eides Stadt, daß er einen französischen Kanonier sein Lebn zu retten im Jahr 1793 am 2ten Mertz gesuchet habe, indem er selbigen bei Vervolgung der Kaiser- lichen in sein Haus aufgenommen, 14 Täge frei beköstigt, ihm hernach arbeit gesucht als tabacksräpper im Cardinal, welcher Kanonier hernach mit einem Pass nach frankreich kommen sey”. Joseph Preut wohnhaft am Berg. Eodem erklärte Arnold Maahsen, daß er einen franzö- sischen Soldaten am 2. Mertz hierdurch das Leben gerettet, indem er zwei Kaiserliche Scharfschützen die schon gezielte Gewehre angehalten und durch seine Vorspruch Pardon er- halten habe. Ferner erklärte er unter Anerbietung seines Eides, daß er am nämlichen Tag zwei Französische Soldaten hierdurch das Leben gerettet habe, indem er selbige über die Stadt- Maueren und durch den Stadt Graben gebracht habe.
19 Eodem erklärte unter anerbietung seines Eides Herr’ Peter Joseph Schiens, daß er am 2ten Mertz 1793 einen kranken Soldaten hierdurch vom Todte gerettet, indem er selbige durch seine Knechte von der Straß, wo bereits die Kaiserliche Scharfschütze waren, habe fortnehmen Lassen, in ein Haus gebracht, und dort zehn Tage frei beköstiget und gekleidet und sonächst glücklich fortgeschafft habe. Eodem erschien Simon Vouss und erklärte unter anerbie- tung seines Eides, daß er am 2. Mertz 1793 hierdurch zwei französsiche Soldaten gerettet habe, indem er selbige in sein Haus mitgenommen unter den Holzspänen für Verfolgung der Kaiserlichen verborgen gehalten, und diese hernächst frei be- köstiget und gekleidet und sonächst glücklich fortgeschafft habe. Handzeichen S. Vouss wohnhaft in Scherbstraße Eodem erschiene Nicolas Clous wohnhaft in Weinertsbon- gart und erklärte unter anerbietung seines Eides, daß am 2ten Mertz 1793 zwei französische Soldaten sich bei ihm für Verfolgung der Kaiserlichen hätten retten wollen, einer wäre zwar in der Thür von den Kaiserlichen erschossen worden, den anderen aber habe er gerettet und selbiger wäre auf seine Vorspruch das Leben gerettet geblieben weshalb er noch dem Keiserlichen einen halben Kronenthaler und einen Maasse Brandwein habe geben müssen. Eodem erschien Wilhelm Gutteusch, wohnhaft in Wei- nertsbongart und erklärte unter anerbietung seines Eides, daß er zwo Kranken welche aus Furcht am 2ten Mertz 1793 wegen dem Kaiserlichen überfall aus dem Hospital fortgeloffen, und Elend auf der Strass waren sich angenommen wieder ins Spital geführt, und in ihre Bette eingedeckt, und sogar gebe- ten ruhig und ohne Furcht zu seyn. Eodem erschien Johann Plum wohnhaft in Weinertsbon- gart und erklärte unter anerbietung seines Eides, daß er im hiesigen Carmeliter hospital im Jahre 1793 mit steinen geschier gehandelt und dort gearbeitet habe. er wäre vom lten bis den
20 2ten Mertz 1793 bis nachts zwei uhren im hospital geblieben und habe den Franzosen helfen drei Waagen Leinen Zeuch und Decken aufladen und die Kranke helfen verbinden, wie Montron Magasinis bezeugen müsse. Er habe noch acht Täge hernächst Lebens Mittel von den Nachbarn für das Spital erhalten und solches dahin getragen. Freytag, den 26 Sept. 1794 Erschiene Ehefrau Paul Schumacher in Jacobstrass wohnhaft, und erklährete an Eides Statt : daß sie und Ferdinand Küttgens am 2ten Mertz 1793 einen französischen Soldaten, der von einem Kaiserlichen am Bein verwundet worden, in ihr Haus ‚, getragen, selbigen durch den N. Kossain Von der Ross habe Verbinden und ihn sonach ins Hospital bey den hiesigen Car- melitern habe tragen lassen, sie habe hernach durch die ganze Stadt für die im Hospital befindliche französische Soldaten Leinwand und sonstige Lebens Mittel gesammelt, und solches ins Hospital getragen, selbigen aus dem ihrigen Geld und Le- bens Mittel gegeben... Eodem erschien Arnold Forster in Köllnstrass wohnhaft und bezeugte : daß er am 2. Mertz 1793 einen französischen Soldaten aus dem Elsass gebürtig mit Namen Joseph Arn... in seinem Haus aufgenommen, und selbigen bis dem 4. Mor- gens verborgen gehalten habe. Eodem erschienenen Mathias Schlösser auf der Ross und Heinrich Ortmann in Marschierstrass wohnhaft und erklähr- ten, an Eides Statt, daß sie am 3. Mertz 1793 von hiesigen Klosterfrauen zum Marienthal beordert worden wären, um den französischen Krancken im Carmeliten Kloster Fleisch und wein und Bier hinzutragen, sie hätten diesen geschehenen Auftrag genau erfüllt und sich den ganzen Tag hindurch mit Aufwartung der Kranken beschäftigt. Eodem erschien Niklas Clashen dahier in Pontstrass wohn- haft, an Eides Statt erklärend, das in der Nacht vom 1ten bis zum 2ten Mertz zur Zeit des Rückzuges der französischen Armee, \ er Declarans und sein nun unpäßlicher Bruder Robert Clashen
21 ...einen französischen Soldaten ganz von Kleidung bis aufs Hemd entblösst, auf der Strass liegend gefunden hätten ; sein Declarans besagter Bruder habe selbigen Soldaten in sein Haus aufgenommen, ihm Kost und Trank nebs einem bür- gerlichen Rock samt Strümpf und Schuhe unentgeltlich her- gegeben, und bei sich im Hause verborgen gehalten bis er bei Gelegenheit der sonach durch das Ponttor wieder einge- rückten Franzosen fortgegangen wäre... Eodem erschienen die Herren Doctor Lesoinne, Werner, Beckers, Joseph Klein, Ludwig Bündgens, Martin Weber, Egidius Recker, Dominicus Zimmermann, Joseph Heckmann und Gerard Görres alle in Marschierstrass wohnhaft und er- klähreten an Eides Statt: daß sie und der grösste Theil der Nachbarschaft mehrere Hundert Kranken französische Solda- ten bis zum 19. April alle erdenkliche Erfrischungen und Le- bens Mittel verschafften, fort daß sie denen selben bei ihrem Abzug Von hier Kleydungs Stücke gaben und vieles Nöthige gegeben hätten (sie erklährten weiter, daß sie jederzeit unter Eid wahrhalten könnten, nicht bewußt zu sein, daß kein ein- ziger französsischer Soldat sei in besagten Hospital wäre er- schossen, destoweniger noch dort aufs elendigste ausgeplün- dert worden sei noch zum Fenster herausgeworfen worden sei. Sondern daß alle französischen Soldaten, welche sich beim + Einmarsch der Kaiserlichen Truppen in dieses Spital hätten befunden, von keinem Bürger nicht das mindeste Leid zugefügt worden sei.) N.B. : Der in Klammer stehende Teil der Aussage ist im Ori- ginal durchgestrichen. Sonach erschien Heinrich Joseph Beck in Marschierstrass wohnhaft und erklärte an Eides Statt, daß er von der Nach- barschaft in besagter Strass bestellt worden sei, um den kran- ken französischen Soldaten welche beim Rückzug der franzö- sischen Armee im Merz 1793 zurückgelassen wurden, Brot, Fleisch und Wein zu reichen ; ihm seien auch vom ehrwür- digen Herrn Koppstadt in Marschierstrass Decken gegeben worden, um die kranken Soldaten, welche von den Kaiser- lichen Truppen weggeschafft worden wären auf den Karren damit zu bekleiden, und für die Kälte zu bewahren.
22 Sodann erschien Franz Schwan in Marschierstrass wohn- haft und erklärte an Eides Statt, daß er am 3ten Mertz von hiesigen Handelsmann Herrn Claus dreimal Geld empfangen, um für die Kranken französischen Soldaten in dem Hospital zu den Carmelitern Brot, Fleisch und sonstige Bedürfnisse zu kaufen, er habe diesen Auftrag richtig erfüllt gehabet und den Kranken mit eigenen Händen die Speisen gereicht. Le Soussigne declare que Thomas Bosquet natif de Lan- guedoc nomme au 56. regiment belle humeur aiant 6t6 blesse par les imperiaux d’un coup de Balle dans cette ville a la retraite du 2 Mars 1793 il s’etait retire au village de Moresnet , pres de cette ville chez un paisan, ou le chirurgien Armbruster de Borchet (Burtscheid) lui a tire le ball et l’a traite ; apres le comparant l’a pris & son service quoique par la ressain- tement de sa blessure et le frequentes coliques qui lui pre- naient au moindre mouvement, il n’a pu faire aucun service, il l’a garde dans la seule intention et le garde encore pour le pouvoir rendre avec surete ä sa patrie. Dann erschien Ehefrau von Anton Cüppers und erklärte an Eides Statt daß sie in der Judenstrasse wohnhaft den 2ten Mertz 1793 morgens um 8 Uhr einen französischen Soldaten in ihr Haus aufgenommen und verborgen haben, da die Kai- serliche Scharfschütze denselben Verfolgten und ihn an ihrem Haus aufsuchten, aber nicht fanden. Diesem Soldaten hätte die Ehefrau von Peter Schiffgen Bürger-Kleidung verschaffet und sie, Frau Cüppers Ihm seine französische Montierung in einem großen Schnupftuch eingebunden und mitgegeben ; da denn ihr Nachbar Ferdinand Mommer, seinen blauen Mantel umgeschlagen dessen französische Montur unter seinen Man- tel genommen, und ihm solche gestalt zur Stadt hinaus geholfen... Der erscheinende Ludwig Schramm, auf Malteser-Hof wohnhaft, erklärte an Eides Statt, was massen sich auf Sonn- tag den 3. Mertz 1793 die Ehefrau eines französischen Ser- ganten Vor hiesigen Ponthor zu ihm gekommen und ihn gebe- | + ten habe, sie in Schutz zu nehmen, fort ihr behülflich zu sein,
23 damit sie zu ihrem Ehemann kommen könnte. Er habe also diese Serganten-Frau drei Wochen lang an seinem Hause ge- habt, bis sie einen Pass bekommen, um nach Frankreich zu retourniren. Der älteste Sohn von Herrn Bürgermeister Kreitz habe gesagter Sergeanten-Frau ein Viertel Kron, er aber Vier Schilling derselben zum Zehr-Geld mitgegeben. Die erschienene Ehefrau von Niklas Ruland und die Maria-Agnes Legers erklärten Beide an Eides Statt: daß sie damals in der Eilfschornsteinstrass beisammen wohnend die französischen Soldaten bey der Retirade vom 2ten Merz 1793 das Leben dergestalt gerettet haben : weilen ihr Nachbar Prümpener diese drei französische Soldaten in sein Haus auf- genommen habe. Da dieselbe aber in diesem Hause aufgesuchet wurden : so hätten sie beide attestantinen diese drey fran- zösischen Soldaten durch ihren Garten und sodann ferner durch andere Nachbar-Gärten, und endlich über eine Garten- Mauer bis in den Hinter-Bau von Jacob Startz gebracht, und daselbst verstecket haben, welche alle drey des anderen Tags fortgeholfen worden sind. Eodem erschien Theordor Beckers Bürgerleutnant dahier, und erklärte unter anerbietung seines Eides, daß er am 1ten Mertz 1793 in dem Spital zu St Elisabeth gewesen wo etliche Kranken abends ausgegangen wären; wo die Ehrwürdige Mutter selbige Brod, geld und Fleisch auf die reise gegeben hätte. Den 2ten Mertz wäre er im nämlichen Spital Morgens frühe gewesen, wo er noch drei Kranken vorgefunden, welche auch fortgehen wollten, allein weil sie schwach gewesen, habe die Ehrwürdige Mutter sie aufbehalten wollen, weil sie aber fortgehen wollten, so habe diese sie wiederum Brod, Fleisch und Geld gegeben und so fortgehen lassen. Weil aber noch ein Kranker, der gar zu schwache gewesen, in diesem Spital war, so hätten die Nonnen ihn für die Kaiserlichen verbor- gen gehalten, und umgekleidet mit einem Rock des Haus- knechten und erst drey Täge hernach durch ihn Declarant in Köllenstrass bringen lassen bei Sieur Förster, der ihn her nach glücklich fortzubringen gesucht habe.
24 Eodem erschien Joseph Lejeune welcher im Jahre 1793 bei den Franzosen im Spital gedient, und er erklärte unter anerbietung seines Eides, das er vom 1lten auf den 2ten Mertz im Spital gewesen und er wäre selbst morgens im Spital alleine gewesen, als die Kaiserlichen Ulanen im Spital einge- fallen. Diese hätten den Kranken Geld und Assignaten abge- nommen, sonst aber nichts getan. Er habe noch selbst 158 teils blessierte teils kranken im Spital aufbehalten welche die Kaiserlichen in Empfang genommen. Er Müsste aber fer- ner declariren, daß er bis zum 22. Mertz 1793 diese aufge- wartet habe, wobei er gesehen, daß die daige Nachbarschaft sich bestrebt, immer mit Lebensmitteln und Erfrischungen aller Art in der Zeit den Kranken beizustehen. . Dienstag 30. Sept. Erschiene Agnes Dulie und erklärte unter anerbietung des Eides, daß sie am 5ten Mertz 1793 in das hiesige Hospital zu den Karmeliten zu den Französischen Kranken hingegan- gen sey, wo sie einige und täglich in Gesellschaft der Jungfer Theresia George diese Kranken allerlei Erfrischungen zuge- tragen habe, bis daß selbige transportirt worden seyen, welche sie auf die reise so gar Brod, geld und wein mitgegeben, und weilen die erwähnte Kranken in Köllen Mangel gelitten, was selbige ihr Declarantin geschrieben hätten, so hätte sie dorthin noch selbigen geld geschickt. desfalls einige der Kranke selbst oder ihre Eltern sich schriftlich bei ihr bedankt hätten, wovon Declarantin jederzeit die Brief noch aufzuweisen erbötig sey. Erschien der Weltgeistliche Niclas Bey und declarirte an Eidesstatt daß am 2ten Mertz 1793 zwei Korporälen vom Dauphins Regiment durch hiesige Bürger in St. Leonard ge- bracht worden, wo die Geistliche selbige einige Wochen auf- bewahrt und beköstiget hatten ; er Declarant habe mit anderen Freunden noch diesen zwei Soldaten bürgerliche Kleidung angeschafft und gegeben, der andere aber wäre noch lange Zeit hernach frei in Aachen geblieben. Mittwoch den 1. October 1794 | Erschiene Joseph Schasmann in der Jacobstrass gegen der
25 Stromgas über wohnhaft und erklärte an Eidesstatt, daß bei dem am 2ten Merz 1793 geschehenen überfall nachmittags zwischen 1 ad 2 ühr zwei Französische Soldaten in sein Haus retirirt seyen, um dem Verfolgen der Kaiserlichen auszuwei- chen ; er Declarans habe sich dieser beiden Soldaten ange- nohmen, selbige durch seinen Garten hinausgeführt und solchergestalt diese auf dem weege zur Stadt hinaus an Junckersthor gebracht. Item erklärte er, daß an besagtem Tag nachmittags zwi- schen 1 ad 2 uhr die französische Soldaten vor seiner Thür zwei Kanonen aufgepflanzet hätten, womit sie die Jakobstrass hinab gegen die eindringende Kaiserliche gefeuert hätten, der- gestalt daß ihm Declaranti von dem Knall der Kanonen fast alle Fenstere zerschmettert wären. und als auf einmal durch der Stromgas einige Kaiserliche des Mihalowitzer freikorps durchgekommen, hätten die an erwähnten Kanonen stehenden Französische Kanonier sich gezwungen gesehen, um nicht völlig mit alles abgeschnitten zu sein, da die Kanonen just ab- gefeuert gewesen, die Stränge an den Kanonen los zu thun und mit den Pferden sich eiligst zu reterieren, hierauf wäre gleich ein Kaiserlicher Scharfschütz am ersten hinzugeeilt, und habe auf einer der Kanonen seinen Degen und hierauf sein Huth gesetzet und gerufen : vivat der Kaier! ein in der Gegend stehender trunkener Mensch namens Baumhuber, habe hierauf mit Hand an die Kanonen gelegt und eine umdrehen helfen ; welche hernach durch die Kaiserliche zur Stadt hinab- geführt worden. Item erklärte er, daß beim Reziment Flandern ein Sergent wäre namens Bos 1ten bataillon und compagnie, der am besten erklären würde, welchen Dienst er ihm geleistet und wie er ihm zu seiner rettung behülflich gewesen. JUMBO ONE OO Auch der Aachener Kaufmann Aloys Perger berichtet in seinen Lebenserinnerungen, es seien bei den drei Tage lang bis über Lüttich hinaus stattgehabten Kampfhandlungen viele Verwundete eingebracht und ins Franziskanerkloster einquar- tiert worden. ”Die armen Menschen‘ hatten sich drei Tage lang geschlagen, waren daher sehr hungrig”, schreibt er.
26 ”Darum ging ich zu Hause und bat meine Frau, eilig einen großen Kessel voll Kalbfleisch, Suppe mit Reis zu kochen. Als selbe fertig war, ging ich mit meiner ältesten Tochter Trinette hin, sie selbst zu vertheilen, weil ich fürchtete, die militärischen Aufwärter würden den Kranken nicht viel davon übrig lassen. Herr Stanislaus besorgte auch nebst andere eine solche Suppe. So wurden diese Leute für den ersten Tag gespeist” (23). Von Ausschreitungen der Aachener gegenüber den Franzosen am 2. März schreibt Perger nichts, wohl aber heißt es bei ihm, die Aachener Bürger hätten an ”der Sache”, d. h. den Straßenkämpfen, teilgenommen, sie hätten die Pferde von den Pulverwagen losgeschnitten und in sie die Ställe gebracht. - Aus all dem darf man den Schluß ziehen, daß der Stadt Aachen ganz zu Unrecht härtere Kriegslasten unter dem Vor- wand von Ausschreitungen gegenüber den französischen Trup- pen auferlegt worden sind. Der französische General Dam- pierre hatte kurz vor dem Verlassen der Stadt dem Bürger- meister Beissel einen kurzen Brief geschrieben, worin er ihn bat, sich der zurückbleibenden Kranken anzunehmen und de- ren Wohl auch den österreichischen ‘Offizieren ans Herz zu legen. ”Je pars”, so schrieb Dampierre, ”avec le deplaisir de ne pas vous remercier de tous les soins que vous vous @tes donnes pendant le sejour des Francais ici. Je recommande ä votre humanite les malades que nous laissons ici. Je vous prie aussi de les recommander aux officiers genereux autrichiens qui commanderont ä Aix. Je n’oublierai jamais vos vertus et votre franchise. Dampierre”,. Im Karmeliterkloster lagen Anfang Februar 1793 309 Fie- berkranke und 69 Verwundete. Die Kirche war zum großen Krankensaal umfunktioniert worden und auch in der Sakris- tei lagen Verwundete. Außerdem hatte man, um mehr Kranke unterbringen zu können, eine Art Orgelbühne gebaut und mit Kranken belegt. (”une tribune pratiquee vers la partie supe- rieure de V6glise”). Nach dem 2. März blieb das Karmeliter- kloster als Militärspital bestehen, nur die Kirche wurde Ende Mai wieder für den Gottesdienst frei. Vorübergehend scheint
27 auch das eigentliche Klostergebäude von Kranken und Ver- wundeten geräumt gewesen zu sein, denn in einer Eingabe an die Stadtverwaltung schreiben die Karmeliterväter, Kirche, Klostergänge und Zimmer seien durch die Einrichtung des Spitals verändert worden. Man hab auf diese Weise die größte Verwüstung dulden müssen. Da aber nunmehr die franzö- sischen Truppen die Stadt geräumt hätten und auch das Laza- rett in dem Kloster aufhöre, sei der Fall zur Herstellung des Klosters und der Kirche wie überhaupt zur Abhilfe der be- sagten Verwüstung vorhanden (24). Abschließend darf man wohl sagen, daß die Aachener Bevölkerung dem Wunsch des abziehenden Generals Dam- pierre entsprechend gehandelt und alles in ihren Kräften ste- hende getan hat, um den Kranken im Karmeliterkloster und hinterher auch den Gefangenen im Jesuitenkloster zu helfen. Die amtliche Untersuchung der Vorfälle des 2. März führte denn auch erwartungsgemäß zu keinem uns bekannten kon- kreten Ergebnis, es sei denn zu dem, daß die Aachener über alle nationalen Schranken hinweg ein Zeugnis der Mitmensch- lichkeit gegeben haben. KONONOLAKEREIONECIEEOEAUKCIC Anmerkungen : 1. Siehe dazu unseren Beitrag in Nr. 15 dieser Zeitschrift. 2. Einen ausführlichen Bericht über die Kampfhandlungen brachte die ”Kaiserliche Reichs-Oberpostamts-Zeitung zu Cöln” vom 4. März 1973, abgedruckt in ”Aachener. Familien- blatt”, Beilage zum ”Echo der Gegenwart” vom 5.3. 1914. 3. Chronik der Pfarre Haaren. 4. ”Heem”, Sept. - Dez. 1968, S. 8. 5. Chronik des Caspar Scheen, Stadtarchiv Aachen, Hs. Nr. 935. 6. Hans Wirtz, ”Eupener Land”, S. 56-57. 7. Ponttor. 8. Stadtarchiv Aachen, KK, Franziskaner Nr. 5. 9. A. Pauls, ”Haltung der Aachener Bevölkerung während der Fremdherrschaft” in ZAGV, Bd. 63, Jg. 1950, S. 58. Dort auch weitere Literaturangaben zum Thema 2. März 1793. 10. So schrieb der Aachener Kaufmann Aloys Perger in seinen Lebenserinnerungen : ”Im Monat Juni rückte der Feind wie- der auf Aachen vor und drohte, dort keinen Stein auf dem
28 andere (sic) ruhen zu lassen, weil die Bürger im vorigen Jahr die (sic) Österreicher geholfen hätten”. (ZAGV, Bd. 56, Jg. 1935, S. 143). 11. Der Werkmeister Jardon, der als dritter vom Rat für diese Mission ausersehen war, hatte den Auftrag nicht angenom- men. 12. Stadtarchiv Aachen, Militärakten 63, 8. 13. A. Pauls, a.a.O. S. 49. 14. ebda. S. 41-80. 15. S. Aachener Zuschauer Nr. 117 vom 29.9.1794. Original im Stadtarchiv Aachen. Ungeordnete Akten aus der Franzosen- zeit. Zu den Kriegsabgaben s. auch Pauls a.a.O. S. 53. 16. Akten des ”Comite de Salut Public” Bd. 17, S. 92. Eintragung vom 26. 9. 1794. ) 17. A. Pauls, a.a.O. S. 51, schrieb : ”andere sind durch Bürger, die sich in den Häusern versteckt hielten, erschossen worden”, Das hieße, daß aus dem Hinterhalt auf die Franzosen ge- schossen worden wäre. Dies ist eindeutig falsch, wie die Photokopie auf S. 15 zeigt. 18. Stadtarchiv Aachen, RR 1060. 19. A. Pauls, a.a.O. S. 52, Fußnote 28. 20. Stadtarchiv Aachen, Militärakten 63, 8. A. Pauls a.a.O. S. 72, Fußnote 87. 21. Stadtarchiv Aachen, Akten aus der Franzosenzeit, ohne AZ. 22. Französisches Staatsarchiv, Paris, Akten des Wohlfahrtsaus- schusses, Bd. 2, S. 320 : ”Les brigandages nous font des enne- mis parmi le peuple. On assure qu’äa Aix-la-Chapelle quelques bourgeois ont tire sur nos troupes ; ce qui est certain, c’est quw’elles ont te insultees”. 23. ”Lebenserinnerungen des Aachener Kaufmanns Aloys Perger” in ZAGV, Bd, 66, Jg. 1935, S. 142. 24. Über die Militäspitäler in französischer Zeit s. E. Schmitz- Cliever in ZAGV, Bd. 70, Jg. 1958, S. 135-165.
29 Aus der Pfarrgeschichte Hergenraths (Fortsetzung) von Alfred Bertha Die Aufzeichnungen des Hergenrather Kirchenrendanten Claes Beelen (1) haben es uns ermöglicht, einige bisher zeit- lich nur mehr oder weniger genau umrissene Fakten aus der Hergenrather Pfarrgeschichte klarer einzuordnen und besser zu verstehen. Die schon 1447 genannte Martini-Kapelle wurde 1619 zu einer regelrechten Kirche ausgebaut. Schon 1618 hatte die Gemeinde neben der Kapelle einen Friedhof ange- legt. Neben Raeren und Eynatten erhielt auch Hergenrath 1617 oder spätestens 1618 das Taufrecht. Der Taufstein mit der Jahreszahl 1619 ist noch erhalten. Den bisher frühesten Hinweis auf einen residierenden (?) Geistlichen in Hergenrath finden wir im Register ”Institu- tiones” des Erzdiakonats Condroz vom Jahre 1608, wo es heißt : ”(Walhorn) hat unter sich folgende Kapellen : Eynatten, dessen Einwohner den Kaplan bzw. Desservitor auf eigene Kosten halten indem sie ihm außer den Gefällen ein be- stimmtes Einkommen geben ; Raeren, dessen Einwohner den Kaplan ebenfalls auf eigene Kosten halten wie die von Ey- natten ; Herckenraedt, an dessen Martini-Kapelle der Dienst wie bei den vorstehenden versehen wird” (2). Der erste uns namentlich bekannte Hergenrather Geistli- che ist Pastor Arnoldus gen. Arret aus Aldenhoven. Er wurde zwar Pastor genannt, unterstand aber offiziell weiterhin dem Pfarrer von Walhorn. Als am 23. Februar 1633 der Walhorner Kirchenmomber Anton. Lambertz im Auftrag des in Aachen residierenden Pfarrers Wilhelm Darimont (”wegen ende in naeme des voorsc. pastoirs”) vor dem Walhorner Schöffen- gericht erscheint und bittet, ”daß in bester Form durch das Gericht aktiert werde”, daß Pfarrer Darimont angesichts der weiten Entfernung zur Mutterkirche Walhorn den Kapel- len von Eynatten, Titfeld und Hergenrath das Tauf- und Be- gräbnisrecht zugestehe, wird in der Urkunde ausdrücklich vermerkt, daß dies geschehe ohne irgendeinen Schaden oder Nachteil der vorgenannten Mutterkirche oder deren Pfarrer (3).
30 Letztere behielten auch das _Verkündigungsrecht für Trauungen, sowie das Recht, in besagten Kapellen zu taufen und zu beerdigen, wie denn überhaupt alle der Walhorner Kirche von alters her zustehenden Rechte gewahrt blieben. Vom Bankgericht wurde überdies an die Abtretung der ge- nannten Rechte an die drei Kapellen die Bedingung geknüpft, daß der Pfarrer von Walhorn gehalten sei, im Notfall in den genannten Kirchengemeinden wie vordem die Sakramente zu spenden. Es wird zwar gesagt, das Abkommen zwischen Pfarrer Wilhelm Darimont und den drei Kapellengemeinden sei auf ”Intervention” des Weihbischofs von Lüttich zustande gekom- men, doch läßt sich heute nicht mehr sagen, welche Rolle der Weihbischof im einzelnen dabei gespielt hat. Auch der Aachener Domherr (Kanonikus) Peter Darimont, hat daran mitgewirkt ; verständlich, wenn man bedenkt, daß das Aache- ner Marienstift den Pfarrer von Walhorn ernannte. Auch nach dem 23. Februar 1633 änderte sich nichts am rechtlichen Status des Hergenrather Seelsorgers ; der Akt des Walhorner Gerichts sanktionierte nur einen schon min- destens anderthalb Jahrzehnte bestehenden Zustand. Einer Lostrennung von Walhorn ist er nicht gleichzusetzen, wenn auch in der Praxis die Bindungen Hergenraths und der an- deren Kapellengemeinden zu Walhorn immer laxer wurden. Auch in der Folgezeit hat es von offizieller Seite, d.h. vom Lütticher Bistum aus, nie eine Änderung dieses Status gege- ben. Nur von Kettenis ist eindeutig und klar belegt, daß es 1648 zur ”ecclesia media”, zu einer Pfarrkirche, erhoben wurde (4). In dem einzigen bestehenden Visitationsprotokoll der Pfarre Walhorn vom 22.9.1698 ist Hergenrath nicht genannt. Eine offizielle Pfarrerhebung Hergenraths hat es also nie gegeben. Kraft ihrer tatsächlichen Befugnisse betrachteten sich die Hergenrather Seelsorger jedoch als von Walhorn nicht mehr abhängig. Unter dem Walhorner Pfarrer Joh. van den Daele (1739-1788) mußten sich die Seelsorger von Raeren, Eynatten und Hergenrath energisch wehren, da der Pfarrer auf die angestammten Rechte der Walhorner Mutterkirche
31 in diesen Gemeinden pochte. 1726 betrachtete das Bistum Hergenrath noch als zu Walhorn gehörig und den Hergen- rather Geistlichen als ”Vicarius” des Walhorner Pfarrers (5). Im Bewußtsein der Bevölkerung war die Selbständigkeit Her- genraths jedoch eine Tatsache ; so konnte der Gerichtsschrei- ber der Bank Walhorn, H. Heyendael, 1749 schreiben, die Pfarre Walhorn bestehe aus den vier Orten Walhorn, Merols, Rabotrath und Astenet. Er stützte sich auf das 1705 in der Bank Walhorn angelegte Grundbuch (6). In den ältesten noch erhaltenen Zehntrechnungen der Pfarre Walhorn (1632-1635, unter Pfarrer Darimont) werden Rabotrath, Merols, Eynatten, Astenet, Hauset, Neudorf und Kettenis genannt. Eigentümli- cherweise fehlt Hergenrath (7). Aus den Zeiten der Großpfarre Walhorn stammte die gemeinsame Nutzung der Wälder Stockem und Vosselocker. Am 30.3.1710 einigten sich die ehemals zu Walhorn gehö- renden Orte (mit Ausnahme von Kettenis) über die Verwal- tung und Nutzung der genannten Wälder. Sie bestimmten drei ”Boschmomber”, die für eine Dauer von drei Jahren gewählt wurden und wiederwählbar waren. Von den Bosch- mombern war der eine ein Edelmann oder Geistlicher, die anderen ”roturiers”, d.h. dem gemeinen Volk angehörend. Von den beiden letztgenannten kam einer aus Walhorn, der andere aus einem der Orte Eynatten, Hauset, Raeren, Neudorf oder Hergenrath. Die Hälfte der Erträge aus Holzverkäufen. so wurde festgelegt, solle Walhorn mit den Weilern Astenet, Merols und Rabotrath zukommen, die andere Hälfte solle un- ter die Kirchen von Titfeld (Raeren), Eynatten und Hergen- rath nach einem Verteilerschlüssel von 40% für Raeren, 36% für Eynatten und 24% für Hergenrath aufgeteilt werden. Überdies sollten die genannten Orte sich alljährlich in Form von ”Kierspeldaegen” (Kirchspieltage) am Mariä Himmel- fahrtstag versammeln, um über alle ihre Buschprobleme zu beschließen. Noch am 15.8.1792 fand ein solcher ”Kierspel- daeg” statt (8). Auf die Zugehörigkeit zur Mutterpfarre Walhorn gingen auch die bis um 1700 mehrmals jährlich stattfindenden Bank- prozessionen zurück (9). 1753 schrieb Pfarrer van den Daele, von der ehemaligen Abhängigkeit der Filialkirchen von Wal-
32 horn sei nichts mehr zu spüren, außer daß dieselben am Oster- tag das hl. Öl und den Chrisam von Walhorn bekämen (10). So kann man also sagen, daß der Gegensatz zwischen dem rechtlichen und dem tatsächlichen Status der Hergenrather Geistlichen mit der Zeit immer mehr verwischte. Die Her- genrather Kapellengemeinde fühlte sich als Pfarrgemeinde auch ohne den rechtlichen Titel einer solchen zu besitzen. Über das Pfarrleben und die ersten uns bekannten Her- genrather Seelsorger wurde im ersten Beitrag zur Hergen- rather Pfarrgeschichte (Im Göhltal Nr. 16) berichtet. Demnach fungierten in Hergenrath folgende Geistliche : . 1. Arnoldus aus Aldenhoven 1618-1624 Umbau der Kirche, Anlegung eines Friedhofs, Taufstein u. andere Anschaffungen. 2. Eyffo Arrentsweiler ”aus dem Land von Jülich” 1627-1630 Erbauung eines Pfarrhauses. 3. Jacobus Schleich 1635 1635-37 sind Pestjahre; dazu kommen Kriegswirren d. den Dreißigjährigen Krieg. S. dazu: Viktor Gielen : Die Mutterpfarre und Hochbank Walhorn (S. 38-39). Auf der im Vorraum der Hergenrather Kirche angebrach- ten Holztafel mit den Namen der Hergenrather Pfarrer steht als erster Johannes Priem. Der Name dieses Priesters weist auf eine bodenständige Familie aus dem Walhorner bzw. Lontzener Raum. 1705 ist Anton Priem Schöffe von Walhorn und 1777 fungiert dortselbst der Notar Joh. Stephan Priem. Auf dem Lontzener Friedhof finden wir das Grabkreuz des ”gewesenen Schöffen der Herrlichkeit Lontzen” Arnold Priem. Er starb 1701. Lebensdaten von Johannes Priem sind keine erhalten. Das Lütticher Diözesanarchiv verfügt über keine Unterlagen aus dieser frühen Zeit. Wir wissen, daß Joh. Priem in Hergenrath von 1648 bis 1660 wirkte. Ihm folgte Jakob Schleich, der am 15. 12. 1670 unweit von Moresnet (Kelmis ?) in der Göhl ertrank. Es ist ungewiß, ob es sich dabei um den schon 1635 als Pastor von Hergenrath
33 genannten Jak. Schleich handelt. Einzelheiten zu seiner Person sind bisher nicht bekannt. j £ 4 7} | 7 EA 16 X ee A m aM | | $— £ + A | 7 A A a | |} 1 @ | 1 | LM a Ko HAN 4 M A * 2 HM s FE 2A | HE k VA EM : SL) u ' | a A 1 ee en SZ Dr le EN EZ Die Kanzel aus der alten Hergenrather Kirche (datiert vom 1. April 1645) Wilhelm Vorpfiehl leitete die Pfarre von 1670 bis 1690. Auch von ihm wissen wir nur, daß er im 56. Lebensjahr und im 30. Jahr seines Priestertums starb. Heinrich (Hendricus) Weyers aus Jülich, dessen Toten- zettel nach Angaben von Pfarrer Piepers vor einigen Jahr- zehnten noch vorhanden war, kam 1690 nach Hergenrath, wo er bis- zu ‚seinem Tode im Jahre 1726 blieb. Er führte den
34 Titel eines Apostolichen Protonotars, ist uns aber weiter nicht bekannt. Am 18. Juli 1726 ernannte der Bischof von Lüttich den in der Pfarre Walhorn tätigen Lambert Smitz für die Dauer von 3 Jahren zum Vikar von Hergenrath. Smitz stammte aus Kettenis, wo er am 26.3.1697 als Sohn des dortigen Bürgermeisters geboren war. Er verließ Hergenrath im April 1729, um die ihm angetragene Pfarrstelle von Eynatten zu übernehmen. Um diese Pfarrernennung entbrach jedoch ein heftiger Streit, da sowohl die Besitzer des ”Großen Hauses”, das Aachener Jesuitenkollegium, wie auch der Besitzer der Herrschaft Eynatten, der Herr von Liverlo aus Lüttich, das . Recht der Pfarrernennung für sich beanspruchten. Zw’schen den Aachener Jesuiten und dem Herrn von Liverlo kam es zu einem sich mehrere Jahre hinziehenden Prozeß, der schließlich vom Brabanter Obergericht zugunsten der Jesui- ten entschieden wurde. Die Kandidaten der streitenden Par- teien - Lambert Smitz als Kandidat des Herrn von Liverlo und Matthias Reuland als Kandidat der Jesuiten- wurden natürlich in den Streit hineingezogen. Lambert .Smitz mußte nach dem für ihn ungünstigen Urteilsspruch Eynatten wieder verlassen (11). Er kam 1731 nach Hergenrath zurück. In der Zwischenzeit 1729-31 hatte erst ein Kreuzritter aus Aachen (Bruder Kasters) und dann ein Geistlicher mit Namen Nicolas Poetgens die Verwaltung unserer Pfarre. Unter Pfarrer Lambert Smitz wurde 1744 die Hergen- rather Kirche umgebaut, vielleicht auch ein Neubau errichtet. Beim Abbruch der alten Kirche im Jahre 1850 ging ein im Schiff eingemauerter Zahlenstein mit jener Zahl verloren. In der Düsseldorfer Sammlung Hetjens befindet sich auch eine Abrechnung. von Holzverkäufen aus dem Walhorner Kirch- busch, in welcher es heißt, laut Beschluß vom 10. Dezember 1744 bekomme die Gemeinde Hergenrath aus dem Erlös des am 11.3.1745 stattgehabten Verkaufes die Summe von 400 Gulden ”voort bouwen van hunne kercke”. Der mündlichen Überlieferung nach geriet Pfarrer Smitz am 18. Juni 1765, als er von einem Besuch beim Freiherrn
35 von Donrath auf der Eyneburg zurückkehrte, im Dunkel der Nacht vom Wege ab und ertrank in der Göhl. In die beiden letzten Jahre der Amtszeit von Pfarrer Smitz fiel ein seit dem 18.4.1763 vor dem Hohen Rat von Brabant anhängiger Prozeß um das Einkommen des Pfarrers von Hergenrath. Dieser klagte gegen die Einwohner seiner Pfarre, den Dekan und das Kapitel des Aachener Marienstifts und seinen Amtsbruder, den Pfarrer von Walhorn, Johannes van den Daele. Er machte geltend, daß er in seiner Pfarre ”over de dry hondert Communicanten” habe und eine Anzahl von Kindern ”daer aen geproportioneert” (12). Beinahe alle seien arme Leute (13), so daß sein Pfarreinkommen aus Ren- ten und ”erven” jährlich nicht mehr als 10 Pistolen und sogar weniger betrage. Hinzu komme eine jährliche Abgabe an Fleisch, Eier und Käse (”een termijn van vleesch, eyeren ende kaes”). Da er jedoch von diesen Abgaben in Naturalien ”niets ofte luttel” profitiere, d. h. daß diese Abgaben nicht oder doch nur unregelmäßig entrichtet wurden, habe er den Einwohnern vorgeschlagen, ihm statt dessen jährlich eine Pistole zu zahlen ; sie hätten sich aber geweigert, auf diesen Vorschlag einzu- gehen. Die ”iura stolae” (Stolgefälle) brächten ihm in einer so armen Gemeinde ”luttel ofte niets” ein, so daß er, um überleben zu können, all seinen Besitz habe verkaufen müssen. Pfarrer Smitz war ein Armer unter Armen. Seine kleine Landwirtschaft ernährte ihn nur kümmerlich. Aus einem von Bürgermeister Chabert im Jahre 7 der Republik verfaßten Schreiben geht hervor, daß die Gemeinde dem Pfarrer einen Pferdestall, eine Scheune und einen Garten überließ, damit er aus dem bisher als Pferdestall genutzten und an den ein- zigen Wohnraum des Pfarrhauses angrenzenden Raum ein zweites Zimmer herrichten konnte. 2/3 der Zehnteinnahmen von Hergenrath gehörten dem Dekan und dem Kapitel des Aachener Marienstiftes. Das rest- liche Drittel zog der Pfarrer von Walhorn ein. In seiner Not wandte sich Pfarrer Smitz vergebens sowohl an die Zehnt- herren wie auch an die Gemeinde von Hergenrath mit der Bitte, ihm doch das einem Pfarrer zustehende Einkommen zu sichern. Die Einwohner von Hergenrath fühlten sich zu
36 nichts verpflichtet, so lange der Zehnt dazu vorgesehen "sei, der Pfarrer von Walhorn machte geltend, er könne nicht mal sich selbst versorgen, das Aachener Marienstift aber vertrat die Ansicht, es sei eine Sache des Walhorner Pfarrers, dem Hergenrather Geistlichen ein genügendes Auskommen zu sichern. Da nun also niemand sich für eine angemessene Besol- dung des Pfarrers verantwortlich fühlte, nahm dieser seine Zuflucht zum Hohen Gericht in Brüssel. Er bat, man möge N eine der drei anderen Farteien dazu verpflichten, ihm ein jährliches Einkommen von 350 Gulden zu sichern, zahlbar in vier Raten und ”bij anticipatie”, bzw. 450 Gulden, wenn er auf alle ”pastoreele renten ende erven” verzichte. Der Frozeß schleppte sich sehr langsam hin und erst am 18. Juli 1767 kam das Hohe Gericht zu einem Urteilsspruch. Es verurteilte den Pfarrer von Walhorn, dem Hergenrather Geistlichen jährlich eine Einkommenszulage von 315 Braban- ter Gulden zu zahlen, und dies ”a tempore litis motae”, d.h. rückwirkend von Prozeßbeginn an, bzw. 420 Gulden, wenn der Hergenrather Pfarrer zugunsten seines Walhorner Amts- bruders auf seine Pfarrgüter und Renten verzichte. Der Pfarrer von Walhorn könne aber auch, so das Gericht, dem Pfarrer von Hergenrath das Drittel des Zehnten, das er bisher bezogen habe, zuzüglich der seit Prozeßbeginn angelaufenen Zinsen überlassen. Sofern das vom Pfarrer von Walhorn abge- tretene Drittel des Zehnten weniger als 315 Brabanter Gul- den einbrächte, sollte die Gemeinde Hergenrath die fehlende Summe beilegen. Die Gemeinde Hergenrath und der Pfarrer von Walhorn mußten sich auch die Prozeßkosten teilen (14). Pfarrer Smitz war inzwischen tödlich verunglückt. Aus einer vor Notar Bounie am 27. Juli 1768 von seinem Nach- folger Johannes van Weerts gemachten Aussage ersehen wir, daß der Pfarrer von Walhorn sich dem Urteilsspruch des Hohen Rates gebeugt hat und dem Hergenrather Geistlichen 420 Gulden zahlte (15), d.h. daß der Walhorner Pfarrer auch die Nutznießung der Hergenrather Pfarrgüter besaß, die auf 105 Gulden jährlich geschätzt war. Zusammen mit den 315 Gulden, die er hätte zahlen müssen, wenn van Weerts Nutz-
37 nießer dieser Güter geblieben wäre, kam Pfarrer van den Daele so auf die vorgenannte Summe. Am 25.9.1776 klagte nun seinerseits der Pfarrer von Walhorn gegen den Dekan und das Kapitel des Aachener Marienstiftes einerseits und den Pfarrer von Hergenrath an- dererseits. Die 315 Gulden, die er Letzterem zu zahlen ver- pflichtet sei, gingen, so van den Daele, über das hinaus, was er aus dem ihm zukommenden Drittel des Hergenrather Zehnts gewinne. Er verlangte, Dekan und Kapitel des Ma- rienstiftes sollten ihm das schon zuviel Bezahlte zurückzahlen. Aus dem in dieser Sache am 5. Mai 1778 ergangenen Urteil und der Urteilsbegründung geht hervor, daß der Wal- horner Pfarrer den Pfarrer von Hergenrath nur als Desservi- tor, d.h. Pfarrverwalter, nicht aber als eigentlichen Pfarrer betrachtete, da, wie Pfarrer van den Daele sagte, ”de Capelle van Hergenraedt niet en was gedimembreert ofte gesepareert van de moederkercke van Walhorn ende dat desselvs desser- vitor scheen onberecht ja inhabiel was om te possideren de thiende bij den Impetrant als pastoir aldaer beseten”. Es hatte nie eine Lostrennung Hergenraths von Walhorn stattgefun- den, folglich war der Hergenrather Seelsorger auch weiterhin rechtlich nur der Vikar einer von Walhorn abhängigen Fi- lialkirche. Pfarrer van Weerts wurde gerichtlich verpflichtet, die von seinem Amtsbruder van den Daele in Hergenrath abgetretenen Güter und Renten anzunehmen ; das Gericht entschied auch, er habe gegen den Pfarrer von Walhorn keine Ansprüche mehr geltend zu machen. Was die Zehnteinnahmen von Her- genrath betraf, so entschied das Gericht, !/3 stehe dem Her- genrather Pfarrer zu, die restlichen %3 dem Aachener Marien- stift. Jedoch müsse, wenn das Drittel des Hergenrather Pfarrers bei der Verpachtung weniger einbringen sollte als 315 Brabanter Gulden, das Aachener Kapitel aus seinen eige- nen Zehnteinnahmen soviel beilegen, wie zur Erreichung der festgelegten Summe erforderlich sei (16). (Zwischenzeitliche Urteile vom 6. Mai 1768 und 14. Fe- bruar 1770 lassen wir außer Acht, da sie keine endgültige Klärung der Streitfrage brachten). .
39 von den Einwohnern bestimmt wurde, ein Recht, daß” der Pastor von Walhorn den Hergenrathern energisch absprach. Die Einsetzungsurkunde vom 27. Juni 1765 wollte Pfarrer van den Daele sogar durch den Brabanter Oberhof annullieren lassen (19). Johannes van Weerts trat sein Amt am 30. Juni 1765 an. Nach beinahe 17-jähriger Tätigkeit als Pfarrer in unserem Ort sollte auch er eines nicht alltäglichen Todes sterben. Am 17. April 1782 befand sich der Pfarrer nach der Messe gegen 10 Uhr vormittags in der Sakristei (”am Fuße des Altares”, schreibt Bürgermeister von Lasaulx in der Gemeindechro- C nik), wo er die Danksagung verrichtete. In dem Augenblick wurde er von einem geistesgestörten Mädchen angefallen. Sie schlug mit einem Hammer auf den Pfarrer ein und fügte ihm so schwere Kopfverletzungen zu, daß er am 25. April in Aachen, wohin man ihn gebracht hatte, verstarb. Er wurde im Totenkeller der St. Foillanskirche beigesetzt. Die Pfarrchronik vermerkt, der Pfarrer habe versucht, durch die Kirche zu entkommen und das irre Mädchen abzu- schütteln. Erst an der Kirchentüre sei ihm dies gelungen. Es heißt sogar, das Mädchen habe den Priester in einen Finger gebissen. 25 Kopfverletzungen will man bei Pfarrer van Weerts gezählt haben. Im Totenregister von St. Foillan steht zu lesen : ”Rdvs Dnus von Weertz, pastor dignissimus in Hergenraed. Hic a quadam filia parochiana sua, furore, ut dicitur, correpto mal- leo, taliter ad caput percussus, ut mors inde sit secuta. * 25 Aprilis”. Forsetzung folgt. LREBOOOKIUIOEIOKCUELOOOEE Anmerkungen : 1. ”Im Göhltal” Nr. 16, S. 12-29. 2. Staatsarchiv Düsseldorf, Sammlung Hetjens, Nr. 39. 3. Staatsarchiv Düsseldorf, Sammlung Hetjens, Nr. 40. 4. Diözesanarchiv . Lüttich, Visitationsprotokolle, Erzdiakonat Condroz,
40 5. Pfarrarchiv Walhorn, Ernennungsurkunde v. Lambert Smitz zum Vikar von Hergenrath v. 18.7.1726 : ”...tibi facultatem et licentiam ... impertimur ad triennium ut... in Herken- raedt sub dicta parochia vicarli munus exercueris...”, 6. Pfarrarchiv Walhorn. 7. Ebda. 8. Ebda. 9. V. Gielen, Mutterpfarre und Hochbank Walhorn, S. 30-32. 10. Staatsarchiv Düsseldorf, Sammlung Hetjens, Nr. 39 11. Chr. Quix, Beiträge zu einer historisch-tovographischen Be- schreibung des Kreises Eupen, Aachen 1837, S. 167 ff, 12. Aus einem im Aachener Domarchiv aufbewahrten Dokument mit dem Titel: ”Reflexions ä Vecrit de la communaute de Hergenraedt” geht hervor, daß der Ort damals 80 bis 85 Häuser zählte. 13. Eine grundlegende Untersuchung über die wirtschaftliche La- ge unseres Gebietes in der österreichischen Zeit liegt bisher nicht vor. 14. Archives Generales du Royaume, Conseil du Brabant, 1051. 15. Domarchiv Aachen, X.A. 52. 16. Staatsarchiv Brüssel, Conseil du Brabant, 1051. 17. Nach dem Taufregister war der Name ”Van Werst”, doch hat sich die Form ”van Weerts” durchgesetzt. 18. Diözesanarchiv Lüttich, Erzdiakonat Condroz, Reg. Insti- tutions. 19. Staatsarchiv Düsseldorf, Sammlung Hetjens, Nr. 39.
41 Verlassener Hof von M.-Th. Weinert Schweres Gemäuer auf hoher Weide umschließt im Geviert den verlassenen Ort... Fenster entfielen den morschen Rahmen, lassen den Blick ein in leere Behausung. Schwärzlicher Rauchfang, Schnitzwerk am Wandbrett, wem gabt Ihr Wärme, Heimat und Hort ? Urahn und Enkeln N dienten die blauen, steinernen Fliesen, knarrte die schmale, gewundene Stiege jahrhundertelang. Letzte der Erben, was trieb Euch fort ? Seht, es lagert noch Heu in der Scheune, faulig, es fehlt manche Schindel im Dach, und unter feuchten, mulmigen Balken % wartet noch immer der Leiterwagen... Kehrt niemand heim ? Moos überwächst . das Holzkreuz im Hofe, 3} löscht einen eingeschnittenen Namen, doch -an die Stille der Steine gelehnt, - blüht, so wie früher, der Apfelbaum. | | | |
42 Rechtschreibenormen für das Südniederfränkische von Rene Jongen Mit mehreren Punkten der von P. Xhonneux gemachten Vorschläge zur Schreibung der südniederfränkischen Mund- arten (siehe ”Im Göhltal” Nr. 16, 2-74, S. 94-97) kann ich nicht einverstanden sein. Es werden dabei m. E. grundlegende Kriterien übersehen, die bei der Erarbeitung eines solchen Schreibsystems beachtet werden sollten. Ich möchte hier einen Gegenvorschlag machen, in dem bewußt versucht wird, einer Gesamtheit von verschiedenen pertinenten Kriterien gerecht zu werden. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß hier- mit eine Polemik angezettelt wird, die anderorts bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert ausgetragen worden ist (etwa für den Aachener Dialekt ab 1912, siehe Hermanns, 1970, S. XXVII folg.). Dieses ”kulturelle” Nachhinken braucht nicht unbedingt als schimpflich gedeutet bzw. empfunden zu werden. Nur sollte man versuchen, den größten Nutzen zu ziehen aus den uns inzwischen zuteil gewordenen sprachwis- senschaftlichen Errungenschaften ... Erfunden werden soll ein für die schriftliche Wiedergabe aller denkbaren mundartlichen Spracheinheiten angemessenes Schreibsystem (Schreibung). Die Frage ist aber, nach welchen Kriterien die Angemessenheit einer Schreibung bewertet wer- den soll. Die Antwort auf diese Frage ist rein funktionsbe- stimmt : erst nachdem ich weiß, wozu ein solches Schreib- system dienen soll, bin ich imstande, über dessen Adäquatheit zu urteilen. Was ist die Funktion eines Schreibsystems in unserem spezifischen Falle? Es soll ein System von Symbolen sein, das den Sprechern eines mehr oder weniger einheitlichen Mundartgebietes (des sog. Südniederfränkischen) die Möglich- keit bietet, die Worteinheiten des jeweiligen gesprochenen Dialekts schriftlich darzustellen, und zwar so, daß beim Leser eine entsprechende Dekodierung gesteuert wird. Voraussetzung ist natürlich, daß der geschriebene Text nur von dem, der die Mundart bereits kennt, verstanden werden soll. Dies bedeutet,
43 daß der Dekodierungsprozeß eher ein Wiedererkennen von bereits Bekanntem sein darf (und daß die Transkription keine phonetische zu sein braucht). Vom Standpunkt des Hörers (Lesers) aus gesehen, soll die Schreibung demnach zunächst dem grundlegenden Kriterium der Unzweideutigkeit genügen : zumindest jene Lautunterschiede, die in der betreffenden Mundart eine distinktive, d. h. wortformdifferenzierende Funk- tion ausüben, sollen in der graphischen Wiedergabe in ein- deutiger Weise zum Ausdruck kommen. Wird dieser Grund- satz systematisch durchgeführt, so besteht die Garantie, daß die Worteinheiten immer richtig interpretiert werden. Dies ist das phonologische Prinzip: verschiedene Worteinheiten, denen in der gesprochenen Sprache verschiedene Ausdrucks- formen entsprechen, werden nach diesem Prinzip anhand von verschiedenen Symbolen dargestellt ; identische Wortformen bzw. identische Bestandteile verschiedener Wortformen, wer- den anhand von identischen Symbolen dargestellt. Wenn dem- nach etwa die mundartlichen Entsprechungen für Bart und Markt mit der Zeichenfolge aat dargestellt werden, ohne daß eine minimal verschiedene Graphie vorgesehen wäre, mit der aat opponieren würde (Xhonneux S. 95), so geht dadurch eine für die Wortformidentifizierung wichtige Information verlo- ren : in beiden Wörtern ist der Vokal zwar lang, er hat jedoch zusätzlich Trägheitsakzent (wie etwa in zaal = Saal, vaan = Farn, schaaf = Schrank, graaf = Grab, paat = Pate, haas = Haß, gaas = Gast...). Für die mit diesen Formen minimal opponierenden Wörter maat = Dienstmädchen (”Magd”’), zaal = Sattel, vaan = Fahne, schaaf = Hobel, graaf = Gra- ben, paat = Teil (Ndl. part), haas = Hase, gaas = Gas...), die alle Schärfung haben, soll also ein verschiedenes graphi- sches Symbol vorgesehen werden (etwa maa:t, zaa:l, vaaın . . .) Anderseits gibt es in jeder Sprache Lauteigenschaften, die keine distinktive Rolle spielen, weil deren Auftreten durch allgemeine Gesetze der Koartikulation gesteuert wird. Es handelt sich meistens um allgemeine Sprechregeln, die sich die Mitglieder der Sprachgemeinschaft von Kind auf ange- eignet haben und über die sie eine quasi automatische Kon- trolle besitzen. Da vorausgesetzt werden darf, daß der Leser die Mundart kennt, brauchen solche durch fast unbewußte
44 Anwendung von automatischen Regeln produzierbaren Laut- erscheinungen nicht mit in die Schreibung aufgenommen zu werden. Ein schönes Beispiel, das für zahlreiche germanische Sprachen und Mundarten gilt, ist die Sprechregel, nach der ein stimmhafter Konsonant im absoluten (Silben) Auslaut stimmlos ausgesprochen werden soll : die deutschen Graphien Land, Bad, Tag, usw. werden demnach automatisch als lant, bat, tak ausgeprochen (1). Ich komme unten auf diese Fälle zurück. Auch etwa der Sachverhalt, daß ein langer Vokal in ein- silbigen Wörtern länger ausgesprochen wird als in mehrsil- bigen Formen, kann als das Ergebnis der Anwendung einer auto- % matischen Sprechregel gedeutet werden. (z. B. in maak = mache ist der Vokal etwas länger als in maake = machen). Es handelt sich hier um eine Regel, nach der die tatsächlichen Dauerverhält- nisse eines Vokals aus sprechtaktlichen Gründen der Gesamt- dauer der Worteinheit angepaßt werden (geringere Dauer des Vokals bei größerer Gesamtdauer der Worteinheit und umge- kehrt). Es ist aber anzunehmen, daß diese unterschiedliche Verteilung der physikalischen Vokalquantität (2) von den Mundartgebrauchern nach den Anweisungen einer automa- tischen Sprechregel vorgenommen wird. Diese Unterschiede können demnach in der Graphie ohne weiteres unberücksich- tigt bleiben. So muß der von Xhonneux gemachte Unterschied zwischen etwa mäke und baat als eine völlig überflüssige, das Schreibsystem mit entbehrlichen Symbolen überlastende Differenzierung gedeutet werden. Beide Wörter haben einen phonologisch gleichen Vokal, nur wird er durch Anwendung einer automatischen Sprechregel im einen Fall kürzer reali- siert (also : maake und baat). Das phonologische Prinzip fordert also, daß distinktive, für die Wortformidentifizierung unentbehrliche Laute in ein- deutiger Weise repräsentiert werden, daß nicht-distinktive, durch Anwendung einer allgemeinen Sprechregel prädizier- bare Erscheinungen dagegen ignoriert werden können (und aus systemökonomischen Gründen ignoriert werden sollen). Hiermit ist jedoch nur ein - wenn auch fundamentaler - Aspekt der oben gegebenen funktionalen Definition eines
45 Schreibsystems berücksichtigt. Aus dieser Definition ergeben sich noch zwei weitere Faktoren, mit denen zu rechnen ist : 1. der Tatbestand, daß das Schreibsystem nicht von dessen Interpretanten und Gebrauchern losgedacht werden kann ; 2. der Tatbestand, daß das System teilweise spezifischen Zwecken dienen soll. Da das Schreibsystem von Mundartschreibern und -lesern verwendet werden soll, muß es derart konstituiert sein, daß es einfach zu handhaben ist und daß es sich jeder mühelos aneignen kann. Dies hat zunächst zur Folge, daß womöglich versucht werden soll, jene Zeichen und Zeichenwerte zu ver- wenden, die bereits in den Alphabeten jener Hochsprachen vorkommen, mit denen die Mundartsprecher sowieso vertraut sind. ‘In diesem Zusammenhang muß bereits auf den oben erwähnten zweiten Punkt eingegangen werden : das zu ent- | werfende Schreibsystem soll dem spezifischen Zwecke dienen, verschiedene, in gewissen wenn auch geringen lautlichen Er- scheinungen voneinander abweichende Mundarten graphisch wiederzugeben. Die Schreibung soll sowohl Mundartschreibern aus der Eupener Gegend dienen wie solchen aus dem Mont- zener, Heerlener oder Aachener Bereich. Dies bringt mit sich, daß es nicht angeht, eine der drei in diesem Grenzbereich als Kultursprache verwendeten Hochsprachen zu stark zu bevor- rechten. Sollten in der Schreibung etwa systematisch Zeichen- werte vorgesehen sein, die dem alleinigen hochdeutschen Wort- bild entnommen sind (z. B. Bezeichnung der Vokallänge durch | ein folgendes h, etwa nehmen), so wären alle nicht-deutsch- kundigen Mundartsprecher insofern benachteiligt, als von | ihnen verlangt würde, daß sie sich eine große Anzahl von | höchst spezifischen Regeln aneignen. Ausgegangen werden kann jedoch von jenen Zeichen, die in allen drei Sprachen einen identischen bzw. ähnlichen Wert haben (etwa a, b, d, f, i,k, l, m, n, o, p, r, t; auch etwa, falls sich ein besonderes Zeichen für einen spezifischen Wert der Vokalkürze als not- wendig erweist, die Wiedergabe der Vokalkürze durch folgen- den doppelten Konsonanten, z.B. Dtsch Kette, Ndl. letten, Frz. cette) (3). Ferner wird das Schreibsystem nur insofern leicht zu handhaben sein, als es intern kohärent und wider- spruchslos ist, und nach allgemein, klar formulierbaren Re-
46 geln aufgebaut ist. Das gleiche Zeichen soll überall den glei- chen Wert haben (4) und umgekehrt soll der gleiche Wert ständig durch das gleiche Zeichen angedeutet werden. Das Schreibsystem soll jedoch ferner der Wiedergabe von verschiedenen leicht von einander abweichenden Mundarten bzw. Mundartregistern dienen. Der jeweilige Sprecher/Schrei- ber soll zumindest über die technische Möglichkeit verfügen, spezifische Besonderheiten seines eigenen Dialekts zum Aus- druck zu bringen. Solche Eigentümlichkeiten können verschie- dener Art sein, je nachdem ob sie distinktiver oder nicht- distinktiver Natur sind. Beide können ferner einen ganzen Dialekt kennzeichnen oder nur die Sprache einer begrenzten Gruppe von Sprechern innerhalb eines Dialekts. Spezifische Erscheinungen distinktiver Natur müssen ihren Ausdruck in der Schrift finden können. So machen viele Sprecher im Montzener Bereich keinen Unterschied mehr zwischen einem geschlossenen /e/ (z.B. Welter, Nol, S. 4 und 7: treke = ziehen, tele = zählen, bet = Biß) und einem offenen /i/ (5) (z. B. Welter, Nol, S. 7: schlike = schlucken, wile = wollen, mit = mit). Für sie haben alle diese Wörter ein /e/ (siehe Jongen, 1972) (6). Da solche Sprecher den Unterschied /i/: /e/ nicht kennen, kann nicht von ihnen verlangt werden, daß sie ihn in der Schrift wiedergeben (dies würde heißen, daß sprachhistorische Kenntnisse von ihnen verlangt werden). Ähnliches gilt etwa für jene Sprecher, bei denen die stimm- haften Ach-Laute (7) mit /r/ zusammengefallen sind (sagen heißt bei ihnen zaare) und die stimmhaften Ich-Laute (8) mit /j/ (lügen heißt bei ihnen leeje). Wichtig in dem hier erörter- ten Zusammenhang ist jedoch nicht der sprachwissenschaft- liche Standpunkt - etwa die Frage, ob und, wenn ja, in wel- chem Umfang, eine bestimmte Eigenschaft im Sprechen eines bestimmten Mundartgebrauchers vorkommt -, sondern der alleinige pragmatische Standpunkt des Mundartschreibers : dieser soll nicht zum Phonetiker werden, es wird nicht von ihm verlangt, daß er den eigenen Sprachgebrauch möglichst präzise wiedergibt ; aber es soll ihm ein leicht zu handha- bendes Transkriptionsmittel zur Verfügung gestellt werden, anhand dessen er ohne allzu große Mühe schriftlich darstellen kann, was er tatsächlich zum Ausdruck bringen möchte.
47 Selbstverständlich wird die Brauchbarkeit des Schreib- systems nicht ausschließlich in bezug auf die unmittelbaren Interpretanten bestimmt (Schreiber, Leser), auch muß der Tatbestand berücksichtigt werden, daß der geschriebene Text vielfach zum gedruckten Text werden soll. Dadurch tritt als weitere Forderung hinzu, daß nur solche Symbole zu verwen- den sind, zu deren Herstellung es keine drucktechnischen Schwierigkeiten gibt. Schließlich möchte ich auf die oben besprochene Sprech- regel der Entstimmhaftung der Konsonanten im Silbenauslaut zurückkommen. Der Tatbestand, daß eine solche Regel zur Sprachkenntnis der Mundartsprecher gehört, kann zur weite- ren Differenzierung der Worteinheiten ausgenutzt werden. Dies geschieht bereits - jedoch nur teilweise (9)- im Hoch- deutschen und Niederländischen : wenn ein bestimmtes auf echten Konsonanten endendes Sprachzeichen (Wort) je nach Umgebung zwei verschiedene Formen aufweist, die eine mit stimmhaften Konsonanten vor folgendem Vokal (z.B. Dtsch baden, Bunde, rauben, lieber, Tage; Ndl. liederen, hebben, vegen), die andere mit stimmlosen Konsonanten im Silben- auslaut (z. B. Bad, Bund, Raub, lieb, Liebling, Tag mit gespro- chenem t, p, k ; lied, heb, veeg mit gesprochenem ft, p, ch), so wird im zweiten Fall nicht phonetisch geschrieben, sondern gemäß der Sprachkenntnis der Sprecher : jeder Deutschspre- chende weiß, daß die Wörter Bad, lieb, Raub, Tag trotz der stimmlosen Aussprache des Endkonsonanten in Wirklichkeit alle auf einen stimmhaften Konsonanten enden (im Gegensatz etwa zu er bat, bunt, ein Lump, Glück). Sie wissen das, weil 1. baat eben zu baaden wird (während er baat zu wir baaten wird), und 2. weil es die allgemeine ausnahmslose Sprech- regel der Entstimmhaftung im Silbenauslaut gibt. Die Ein- führung dieser Schreibregel, die für die Mundarten auf alle echten Konsonanten verallgemeinert werden kann, bietet ver- schiedene Vorteile : Vereinheitlichung der Wortformen (Bad = Bade = baden); Unterdifferenzierung von Worteinheiten, die sonst zu Homonymen' (und Homographen) werden würden (bad : bat ; bund : bunt ; Ndl. lied : liet ; Mundart rat (Ratte) ; rad (Rad).)
48 Ich möchte nun zu meinem konkreten Gegenvorschlag kommen. Ich habe als Ausgangsbasis den -an sich reichlich besetzten - Lautbestand der Moresneter Mundart gewählt (für die zumindest drei verschiedene Subsysteme ermittelt werden konnten, Jongen, 1972, S. 81-82). Im wesentlichen werden je- doch nur die phonologisch-distinktiven Werte berücksichtigt. Da mein System anderseits nach allgemeinen, klar formulier- ten Gesetzen aufgebaut ist, dürfte es prinzipiell kaum Schwie- rigkeiten geben bei Versuchen, es auch für die Transkription von anderen südniederfränkischen Mundarten zu verwenden. I. VOKALE 1. Geschlossene Vokale ; a) /i/ (Ndl. vlieg, Frz. ville, Dtsch mit, obwohl etwas offe- ner) Mda. kik = gucke, Imperativ b) /ü/ (Ndl. duren, obwohl etwas länger, Frz. but, Dtsch Nüsse, obwohl etwas offener) Mda. bük = Bäuche c) /u/ (Ndl. moeten, Frz. tout, Dtsch Nuß, obwohl etwas offener) Mda. buk = Bauch 2. Der Murmellaut (das sog. e muet) = /e/, oder /&8/ (in den Fällen, wo es trotz des Kontextes nicht deutlich sein dürf- te, ob der Murmellaut oder der Vollvokal /6/ gemeint ist) Ndl. de, Frz. le, Dtsch ohne, Mda. der = der 3. Bei den Vokalen gibt es eine doppelte Schwierigkeit : 1) der Tatbestand, daß es vier bis fünf (10) distinktiv verschiedene Öffnungsgrade gibt : CE BA z. B. ping = Pein schut = Schutt PLA sting = stand & mut = er muß € oo steng = Steine &n mot = eine Motte 2 66 leng = Länder jöt = Gott a lang = lange schwat = schwarz 2) der Tatbestand, daß jeder dieser Vokale noch zwei- mal weiter distinktiv unterdifferenziert werden kann, einmal in kurz : lang, ein zweites Mal in geschärft : ungeschärft (oder ohne : mit Trägheitsakzent). In die- ser Weise ergibt sich für das Südniederfränkische ein überraschend reichlich besetztes Vokalsystem (jeweils vier Möglichkeiten, z.B. &n mot = eine Motte (mit
49 Trägheitsakzent) ; & mott = er muß (mit Schärfung) ; Ene moothovvel = ein Maulwurfshaufen (lang und mit T.) ; moo:t = Mut (lang und mit S.) Es wäre sinnlos, zu verlangen, daß die somit vorhan- denen (4 X 13) + 1 (Murmellaut = 53 unterschied- lichen und distinktiven Vokallaute jeweils transkri- biert werden müssen. Das Inventar soll also auf ein Minimum von unbedingt notwendigen Differentiato- ren reduziert werden. Diese Möglichkeit ergibt sich, weil eben vorausgesetzt wird, daß der Leser die Mund- art bereits kennt und das Lesen also im Wesentlichen ein Wiedererkennen von bereits Bekanntem ist (11). Anderseits jedoch sollte denen, die für diese Unter- schiede ein scharfes und williges Ohr haben, und sie zum Ausdruck bringen möchten, die technische Mög- lichkeit gegeben sein, sie ohne alzu große Mühe schrift- lich zu repräsentieren. Ich schlage deshalb ein maximales Transkriptions- system vor, das jederzeit auf ein Minimum reduziert werden kann : | 3) 1A : Das Maximalsystem der Öffnungsgrade (12) | 1) X | 2)r. ZHO : | 3) (e78:10 4) & 56 | 5) a 3) 1B : Das Minimalsystem der Öffnungsgrade D Od 23) 610 DEE 4) & 5) a 3) 2A : Der Unterschied kurz : lang kann nicht unbe- rücksichtigt bleiben. Die Länge wird durch Verdoppelung des Vokalbuchstabens bezeichnet (z.B. naat = Nacht). Für langes i wird jedoch /ie/ verwendet (z.B. piep = Pfeife). Die Länge braucht jedoch nicht angedeutet zu werden in den Fällen, wo der Langvokal nichts als eine freie
50 Variante des Kurzvokals ist, z. B. land = laand (Land), welt = weelt (Welt)... 3) 2B : Obwohl die Schärfung ein wichtiges Unterschei- dungsmittel darstellt, braucht sie nicht unbedingt in allen Fällen angedeutet zu werden. Da sie anderseits aber eine der meist charakteristischen Eigenschaften des Südnie- derfränkischen ist, erscheint es mir empfehlenswert, sie dennoch womöglich zu bezeichnen. Dies kann durch drei einfache Regeln geschehen : 1) Trägheitsakzent (Nicht- schärfung) wird nicht besonders bezeichnet ; 2) Schärfung bei Kurzvokal wird durch Verdoppelung des folgenden Konsonanten dargestellt (diese Regel entspricht der Fest- 3 stellung, daß ein geschärfter Kurzvokal tatsächlich als eine eingekürzte Kürze gehört wird); und 3) Schärfung bei Langvokal wird durch nachgestellten Doppelpunkt be- zeichnet. Also : — dow zis (du siehst), dow kiß oder kriß (du kriegst), jriez (greis), vie:z (schmutzig, Ndl. vies) — & met (er mißt), & mett (er mäht), leed (Leid) € lee:t (er ließ) — € welt (er will), weld (wild), ech well (ich will), well (wilde), steel (Stiel), & vee:l (er fiel) — € hat (ein Herz), & hatt (er hat), der maat (der Markt), de maa:d (das Dienstmädchen) — € ka(n) (er kann), va(n) (von), & kann (eine Kanne), vaan (Farn), vaa:n (Fahne)... Wird der auf geschärften Kurzvokal folgende Konsonant durch ein mehrstelliges Symbol bezeichnet, so wird nur der letzte Bestandteil dieses Symbols verdoppelt, z.B. lechht (Licht), &n tangg (eine Zange), wazjjele (”wascheln” = schwätzen, kuschh (Ndl. koest = ruhig) (im Gegensatz zu den nichtgeschärften Kurzvokalen in etwa zecht (Sicht), zeng (singe, Imperativ), vesch (Fisch)). Wer nicht auf diese Unterschiede eingehen möchte, läßt sie einfach wegfallen (d.h. zis, kis, jriez, viez, met, met, leed, leet, hat, hat, maat, maad...). Jedoch sollte dann wenigstens versucht werden, jede Inkonsequenz zu ver- meiden (13).
51 4. Die Diphtonge (Doppellaute) Hier gilt die einfache Regel, daß die Diphtonge in ihre Bestandteile zergliedert werden, d.h. entweder 1) Vokal + Murmellaut /e/ oder 2) Vokal + Konsonant /j/ bzw. /w/. Da diese Diphtonge nie hinsichtlich der Länge oppo- nieren, sondern ausschließlich nach den beiden Werten geschärft : ungeschärft, kann Schärfung in beiden Fällen durch Verdoppelung des folgenden Konsonanten bezeich- net werden. Die genauere Qualität des Anfangsvokals, die bekanntlich von Mundart zu Mundart leicht verschie- den ist, kann ohne weiteres anhand der Symbole für die einfachen Vokale bezeichnet werden. In den zwei folgen- den Umgebungen muß der Murmellaut unbedingt als /&/ repräsentiert werden : 1) nach dem Vokal i (damit keine Verwechslung mit /ie/, dem langen i-Vokal entsteht) und 2) nach dem Vokal e (damit keine Verwechslung mit /ee/, dem langen e-Vokal entsteht). Für die Moresneter Mundart ergeben sich beispielsweise die folgenden Unterschiede : 1l.a. ki&sch (Kirsche) : dow li&sch (du lernst) & hüet (er hörte = er würde hören) : & hüett (er hört) & ruet (er rührte) : ruett (rot) b. &peed / & peed (ein Pferd) : twaj peedd / peedd (zwei Pferde) ech zöet / zöet (ich seufze) : wöett / wöett (Wörter) & wöet / woet (ein Wort / er wurde) : &nkö6edd / koe&dd (eine Kordel) 2.a. schnij (schneide, Imperativ) : schnijje (schneiden) brej (Brei) : brejj (breite), brejjde / bredde (Breite) aj (Ei) (anderorts etwa ej) : ajjer (Eier) b. brüj (”bräute”, Imperativ = wirf) : lüjj (Leute) döjsch (Tisch), spöj (Speichel), höjschtel (Heustall, dummer Kerl) : höjj (Heu) ce. kruwwe (kräuten) dow (du), row (rauh) : roww (Ruhe) d. schlaw (schlau) : aww (alte)
52 1Il. KONSONANTEN 1. Die folgenden Symbole bieten keine Schwierigkeiten, da sie den hochsprachlichen Werten entsprechen : b, p, d, t, k, f, m, n, r, 1, auch h (dort wo der Hauchlaut tatsächlich aus- gesprochen wird, z. B. hee = er), Die Symbole c, q, x und y werden nicht verwendet. 2. Die Konsonanten werden nur nach geschärftem Kurzvo- kal verdoppelt, z.B. veel (Fell), zat (satt), valle (fallen)... 3. /v/ ist stimmhafter Reibelaut (wie im Nädl. und Frz.), z. B. vlejsch (Fleisch) 4. /w/ ist ein bilabialer Konsonant (wie im Ndl.), z.B. wat E (was / Watte) : watt (er wartet) 5. der hintere Nasalkonsonant wird als /ng/ dargestellt, wenn ihm kein k-Laut folgt ; folgt ein k, dann wird /nk/ geschrie- ben (wie im Dtschen und Ndl.), z. B. kenk (Kind), kenger / kengger (Kinder). 6. Für stimmloses s wird das Symbol /s/ verwendet, für den stimmhaften Laut /z/, z.B. kats (Katze), 1e&(:)ze (lesen), zaal (Saal), haa(:)ze (Hasen), has (Haß), dow haß (du hast), paase (passen), see(:)je / tsee(:)je (zeigen)... 7. Der Ich- und Achlaut wird anhand von /ch/ bezeichnet (wie im Ndl. und Dtschen), z.B. laache (lachen), vrech / frech (frech), (p)flecht (Pflicht). 8. Der sch-Laut kann entweder völlig konsequent durch die Symbolfolge /sch/ angedeutet werden, oder aber es werden die Regeln des Hochdeutschen verwendet, d.h. /s/ vor p und t, sonst /sch/, z.B. schlöo(:)pe (schlafen), schrie(:)ve (schreiben), schnup (Schnupfen), schmaal (schmal), pö- sch(h)e (Ostern), neks nöttsch / neks nötts / neks nöjjts (nichts Neues), stad / schtad (Stadt), spi& / schpie = s(ch)pöo(:) (spät)... 9. Der stimmhafte sch-Laut (den es kaum im Ndl. und Dtschen gibt) wird durch die Symbolfolge /zg/ ausgedrückt, z.B. der Zjang (der Johann) (14), &n krözjjel (eine Stachelbeere), wazjjele = wüezjele (”wascheln”, ”wüscheln”).
53 10. Die Lautfolge ts wird als /ts/ geschrieben, z. B. tsoch (Zug). 11. Größere Schwierigkeiten ergeben sich bei der Wiedergabe der stimmhaften hinteren Reibelaute, vor allem deswegen, weil hier die Aussprache stark schwankt. Die Differen- zierung zwischen Reibe- und Verschlußlaut wird meistens nur ausnahmsweise ausgenutzt (z.B. schwigge = schwei- gen, mit ndl. frikativem g : brigge = Backsteine, Frz. bri- ques, mit okklusivem deutschem bzw. frz. g). Sie kann also ohne weiteres aufgegeben werden. Für die Wiedergabe der sonstigen Werte möchte ich die folgende Lösung vor- schlagen 1) Sprecher, die noch den Reibelaut verwenden, bezeichnen ihn anhand von /g/ (schwigge), schweigen; zee(:)ge, sägen; glök, Glück; goo(:)d, gut; waa(:)gel, Wagen; plogge, pflüzen...) 2) Sprecher bei denen der stimmhafte ich-Laut mit j zusammengefallen ist, können ihn an- hand von /j/ bezeichnen (schwijje, ze&(:)je, Höher 3) Sprecher bei denen der stimmhafte ach-Laut mit r zusammengefallen ist, können ihn anhand von /r/ bezeichnen (waa(:)rel, plorre . . .). Die okklusive g-Aussprache kann entweder unmöglich be- zeichnet werden (Fall 1.), oder sie wird durch /g/ ausge- drückt (Fälle 2 und 3), z.B. im ersten Gedicht von Tatas, (Im Göhltal Nr. 16, S. 84), steht (jloet) = jlöet / jlo&t, im dritten dagegen (S. 86) steht (jegloet) = jeglöet / jeglo&t. 12. Die bereits besprochene Entstimmhaftungsregel im Silben- auslaut gilt algemein für alle echten Konsonanten, außer für silbenauslautendes /j/, das stimmlos ausgesprochen wird (d.h. als ch, Fall 2., oben) sowie für alle silbenauslau- tenden ng, die nk ausgesprochen werden (= /nk/), z.B. tobb (Eimer), bad (Bad), trögg (zurück, mit Verschlußlaut), plogg bzw. plorr (Pflug), ech 1e&(:)g bzw. ech lee(:)ch (ich lege), lang (lange), lank (lang), ech schrie(:)v (ich schreibe), ech lee(:)z (ich lese), &n jaraa(:)zj (eine Garage), &n bommb (eine Bombe); aber pop (Puppe) €&k (Ecke), vof (fünf)... 13. Assimilationserscheinungen an den Stellen, wo dem Grund- wort eine Flexions- oder Derivationsendung angehängt
54 wird, brauchen nicht in der Schrift bezeichnet zu werden, z. B. lutsche (lutschen) —» er lutschte = & lutschde / ludzj- de; maake (machen) —» er machte = & makde / magde; € bedd (ein Bett) —> Bettchen = bettsche / beddsche. Assi- milationen an den Wortgrenzen werden am besten nicht bezeichnet, z. B. ech vröo(:)g dat (ich frage das) (und nicht etwa : ech fröo(:)ch tat). 14. Zur Andeutung, daß zwei aufeinander folgende Wortfor- men eng miteinander verbunden sind, können sie durch einen Strich verbunden werden, z. B. wann kommt er zu- rück = winig könt-& trögg / trökk; ich sehe ihn = ech S zenn-&Em ... % I. Auch die im Deutschen geltende Regel, daß Substantive (Hauptwörter) mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben werden, kann für die Mundart übernommen werden. Dadurch wird dem Leser eine weitere Interpretationshilfe verschafft. IV. Allgemeine Schlußbemerkung Das hier vorgeschlagene Rechtschreibesystem dürfte den erwähnten Kriterien der Differenzierungsfähigkeit, der Brauch- barkeit (Handhabbarkeit) und Ausdrucksfähigkeit genügen. Ferner bietet es den Vorteil, daß sowohl maximal wie auch minimal differenzierend geschrieben werden kann. Wem etwa der Schärfungsunterschied oder die sekundären Vokalqualitä- ten (siehe 3, 1A) als zu ungewiß oder zu kompliziert erschei- nen, der läßt sie einfach unberücksichtigt... Dem Mundart- schreiber selbst wird also die Entscheidung überlassen, ob er dem Leser nur das Allernotwendigste oder noch zusätzliche Dekodierungshilfen mitgibt. Der Übergang vom einen System zum anderen fordert keine besondere Anpassung und kann demnach ohne weitere Umstände vollzogen werden, z.B. für die mundartliche Entsprechung von Dtsch er hat kann ich zunächst schreiben & hat oder gar e hat (die Interpretation er hat ? oder ein Herz ? wird dann dem Leser überlassen), oder aber ich schreibe e hatt... Vermieden werden soll lediglich die Verwendung eines Doppelkonsonanten nach nichtgeschärf- tem Kurzvokal oder nach Langvokal: für die mundartliche
55 Entsprechung von Dtsch ein Herz ist nur die Graphie e hat / € hat möglich, für Dtsch Haß ist nur has möglich (im Gegen- satz zu Tassen = taß oder du hast = dow haß, mit Schärfung). Zur Veranschaulichung habe ich das dritte Gedicht von Tatas (Im Göhltal, Nr. 16, S. 86) zweimal nach meinem System transkribiert, ein erstes Mal dem maximalen System gemäß, das zweite Mal dem Minimalsystem gemäß (jedoch mit Dop- pelkonsonanten nach geschärftem Kurzvokal). Aus einem kur- zen Vergleich der beiden Transkriptionen (der von Tatas und meiner) ergibt sich, daß die beiden Texte einander über- raschend nahe stehen. Die wichtigsten Unterschiede sind den Umständen zuzuschreiben, daß Tatas vielfach weder Länge noch Schärfung bezeichnet. Auch bezieht er sich m. E. zu sehr auf das entsprechende hochdeutsche Wortbild. Zum Gedicht : links steht die Transkription im Minimalsystem; rechts stehen mögliche Alternativgraphien, die zum maxima- len System gehören... De Ammtsbelajdijong De belajjdigong Der Börjemeester schnapt no Luet Der nö Luet E hat jraad open Stroot gehuet, jraa:d open Str66:t gehuet Dat ejen Wi&tschaft jester Naat Wiettschaft ej&n jester Jet Viezes woet va hömm jezaat. Vie:z&s wö6et hömm Drömm löpte en eng Rooserej löpte Rö6:zerejj Trek nojjen Börjemeesterej, nöjjen ...&rejj En röppt Schampet, wajl - dat es kloor - klö6:r De jants bestemmt derbej werr woor. bästemmt därbej wö6ir Denn ajjen / a-jen Teek es, wi me wet, a-jen Tee:k m De schönnste Plaatsch och va Schampet. De Plaa:tsch Der Börjemeester hatt no oove Der nö 66:ve Zech in zi Kabinet bejoove. b&j66:ve Now röppte zech Schampet alleng. ”Hm zette, makt de Stem zech reng, Lett aatenövver zech en lett aatenövver Der Blek enns rööste op Schampet. Du vrotte &n vrivvt zech der Baat: vrötte ”Wat hatt me övver mech jezaat ? - me Ech wüür / wüer ne Ezzel? - Es dat wuer?” Wüü:r ne wuerr Schampet kratst zech &ns / enns aat’r’n Uer: Uerr > ”Joo” - zette, - dat hant vörrje Naat J66 E paar Maan ajjen Teek jezaat, Tee:k
56 Der Pit, der Klöß &n och der Steeve. Klöß der Stee:ve Dat woole di mech schreftlech jeeve !” woo:18 jee:ve ”Wat ?” -röppt der Börjemeester, - ”Wat?” - En platst bo wi 6 Pollvervat, bö ”Dat wedd döön düür te stue koome ! düür t& k6ö6:me& dö6n Haß dow dat schreftlech aajenoome ?” aa:je&n66:me ”Nee”, jrommt Schampet, de op-&n Lat Noch eng va jester ovend hatt, Nöch ”Herr Börjemeester, op et Wo&t et Wöet Hann ech döön dat &zu@ jeglo&t !” j&glöet dö6n ARKRKREARNENEERORCOEEE UE NOENKOEXE Anmerkungen : 1. Diese Sprechregel ist bei vielen Mundarten dermaßen tief eingewurzelt, daß sie häufig mit in ihr Französisch über- nommen wird (z.B. Frz. vide wird dann als vie:t ausge- sprochen). 2. Der beschriebene Prozeß ist jedoch in dem Sinne komplexer als hier angedeutet wird, daß noch andere Faktoren (etwa die Stellung des Wortes im Satzganzen) eine determinierende Rolle spielen. Die Sprechregel bleibt indes eine einfache und leicht zu handhabende Regel, 3. Diese Regel wird von Xhonneux in inkonsequenter Weise angewandt, z. B. doeff —= Taube, aber Tob = Eimer. 4. So verwendet Xhonneux einen Zirkumflex, einen Gravis (accent grave) und einen scharfen Akzent (accent aigu) in anscheinend dermaßen verwirrender Weise, daß nicht ein- mal für eines der drei Zeichen ein einheitlicher Wert auf- gestellt werden kann. Anderseits sind die Vokale von etwa duvv = Taube und huuz = Haus fälschlicherweise als Diph- tonge (Doppellaute) interpretiert und anhand des dem nie- der'’ändischen Alphabet entnommenen Doppelbuchstabens /ce/ dargestellt. Dadurch wird gegen die stillschweigend aufgestellte Regel verstoßen, daß ein Doppellaut durch eine Folge von nicht-identischen Vokalgraphen repräsentiert wird. 5. WELTER, NOL, verwendet für diesen Laut das Symbol /i/ (das untergesetzte diakritische Zeichen soll die offene Qua- lität des sonst geschlossenen i andeuten); XHONNEUX ver- wendet hier ein kursiv geschriebenes i. 6. z.B. e wet (er weiß) und e wit (ein Weißes) sind für sie völlig gleichlautend. 7. d.h. die stimmhaften hinteren Reibelaute (Ndl. g, wie in plosgen), insofern, als sie nach hinterem Vokal auftreten (nach u, o, 6, a). Siehe über diese Erscheinung, JONGEN, 1972, S. 63-70 8. d.h. die stimmhaften hinteren Reibelaute (Ndl. g, wie in liggen), insofern, als sie nach vorderem Vokal, nach Kon- sonanten (l, r) oder am Wortanfang auftreten. Siehe über diese Erscheinung, JONGEN, 1972, S. 63-70.
57 9. Nicht-hintere Reibelaute (d.h. die Konsonanten Nädl. v, f£, und Ndl./Dtsch z, s) werden im Silbenauslaut als /f/ bzw. /s/ geschrieben (im Deutschen dient der Einzelbuchstabe /s/ auch in anderen Stellungen zur Bezeichnung des stimmhaften Konsonanten z, z.B. sagen, lesen...). Beispiele : Ndl. geven —> ik geef, lezen —>» ik lees, Dtsch im Grase —» das Gras. 10. Nur vier bei jenen Sprechern, die den zweiten Öffnungsgrad nicht kennen (siehe oben). 11. Der Situations- und Satzkontext trägt sehr stark zu diesem Wiedererkennen bei: so ist der Anfang des zweiten Verses von G. TATAS, ”De Amtsbeleidigong” (Im Göhltal. Nr. 16, S. 86) an und für sich mehrdeutig (er hat? oder ein Herz ? oder in Herz? oder in hat ?; jrat ? oder jratt ? oder jraat? oder jraa:t ?). Der Satzkontext (e hat... jehuet, dat...) und die Kenntnis der Mundart (nur jraa:t = gerade, Adverb, ist eine im mundartlichen Lexikon vorhandene Worteinheit) er- möglichen jedoch die richtige Interpretation (er hat gerade). 12. Das Symbol /e/ steht also bereits hier für zwei verschiedene distinktive Werte (Vollvokal dritten Öffnungsgrades und Murmellaut). Hierdurch verursachte Zweideutigkeiten kön- nen jedoch in den meisten Fällen durch den Kontext aufge- hoben werden (wie etwa im Ndl. und Dtischen, z.B. leben). Aus drucktechnischen Gründen habe ich für den vorderen gerundeten Vokal dritten Grades das Symbol /ö/ gewählt. 13. So verwendet TATAS im oben erwähnten Gedicht verschie- dene Graphien für die gleiche Worteinheit (z.B. röpt, röpte, röppt ; oppen, op en, op et). Leicht zu handhaben wäre für die Kurzvokale die folgende Regel: nur dann ein Doppel- konsonant, wenn tatsächlich Schärfung vorhanden ist (z.B. im gleichen Gedicht : schnapt, hatt, open, ejen, jet, hömm, drömm, löpte, nojjen, ajjen...). Die komplexeren Symbole für die Konsonanten werden dann nicht verdoppelt (z.B. lecht, tang...). 14. Im zweiten Gedicht des von TATAS aufgestellten Lachtri- noms erscheint der Zjang als ”Jang” (obwohl zwei Zeilen weiter ”Jong” ganz anders zu lesen ist). MOON NN Literatur : HERMANNS, Will, Aachener Sprachschatz, Wörterbuch der Aache- ner Mundart, Beiträge zur Kultur- und Wirtschafts-Geschichte Aachens und seiner Umgebung, Ausgabe 1, Aachen, 1970. JONGEN, Rene, Phonologie der Moresneter Mundart, Eine Be- schreibung der segmentalen und prosodischen Wortformdia- krise, Studia Theodisca XII, Assen, 1972. WELTER, Wilhelm, Die Niederfränkischen Mundarten im Nord- osten der Provinz Lüttich, Noord- en Zuid-Nederlandsche Dialectbibliotheek Deel IV, Haag, 1933. XHONNEUX, Pierre, Pour une grapie plus rationnelle du patois, in, : Im Göhltal, Nr. 16, 2-74, S. 94-97.
58 Rückblick auf den Werdegang der Theatergruppe der Kelmiser Patronage von Franz Uebags Einleitung Über die Tätigkeit der Amateurschauspieler in der Kel- miser Patronage ist bisher noch nichts niedergeschrieben wor- den. So kam mir als langjährigem Mitglied dieser Gruppe der Gedanke, einen historischen Rückblick bis in die Anfänge des Theaterspiels in Kelmis zu tun. Diese Theatergruppe der ”Patronage” hat immer nur ein Ziel verfolgt : der Bevölkerung eine gesunde, moralisch ein- wandfreie Unterhaltung zu bieten. Ritterschauspiele und Dra- men der früheren Jahre, Sing- und Lustspiele in unserer zeit haben bei den Zuschauern immer reichen Beifall geerntet. Kurz, das, was man den Zuschauern bot, kam gut an. Ich denke aber nicht daran, die Theatergruppe jetzt zu ”beweih- räuchern”; ich werde mich bemühen, den Verlauf der Dinge so wiederzugeben, wie sie sich abgespielt haben. Ich darf getrost behaupten, daß ein großer Teil der heu- tigen Kelmiser Amateurspieler in der Patronage debütiert ha- ben; nachdem sie dann eine gewisse Routine erworben hatten, gingen manche zu anderen Theatervereinen über. Wie in allen Vereinen oder ähnlichen Organisationen kam es auch bei uns zu Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen. Die zu einer Schwestergesellschaft übergegangenen Spieler ver- ursachten sinnlose und unnütze Reibereien, die dann oft von beiden Seiten geschürt wurden. Die Vereine versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Zum Glück sind solche Kon- kurrenzkämpfe meist wieder schnell beigelegt worden. In Kelmis ist man immer schnell bereit, wieder Frieden zu schließen ... Die Theatergruppe des Jugendheims bzw. Pfarrsaales hat früher wie heute nie.für eigenen Gewinn gespielt. Immer galt die Mühe einem guten Zweck oder, wie wir in unserem Platt
59 sagen, man spielt ”vör et Herrejöttsche” (für den Herrgott). Die Einnahmen dienten stets dazu, das dauernd reparaturbe- dürftige Gebäude zu unterhalten. Viele der Reparaturen wären uns erspart geblieben, wenn die dort verkehrende Jugend ihren Übermut etwas gezähmt hätte... Vielen wird in Erinnerung geblieben sein, daß in diesem Hause bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges keine ”ge- mischte Bühne” gestattet war. Das hat früher zu mancher Diskussion geführt, stellten unsere Spieler doch oft die Frage, warum denn im Eupener Kolpinghaus das Spiel mit Damen erlaubt sei, in Kelmis aber nicht. Die Antwort, es sei dies eine vom Bistum getroffene Maßnahme, befriedigte nur we- nige. Die ”gemischte Bühne” blieb ein heißes Eisen. Man hatte den Eindruck, hier würde von Seiten der Obrigkeit mit zwei- erlei Maß gemessen, und so entstanden bei jeder Gelegenheit herbe Kritiken. Auch vermuteten manche, die damaligen al- ten Herren des Vorstandes hätten in ihrer tiefreligiösen Ein- stellung dies so beschlossen, weil sie im gemischten Spiel vielleicht eine Gefahr für die ihnen unterstellten jungen Leute sahen. Bei unserer heutigen Lebenseinstellung würden wir einen solchen Beschluß als lächerlich bezeichnen. Die leitenden alten Herren haben sich energisch bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges durchgesetzt und nie daran gedacht, in Punkto ”gemischte Bühne” eine Statutenänderung vorzu- nehmen... Die Gründung der Theatergruppe Gleich zu Beginn möchte ich darauf hinweisen, daß diese Gruppe nie ein Verein gewesen ist, sondern lediglich eine Spielschar, die sich innerhalb des Hauses gebildet hatte. Im Gegensatz zu anderen Vereinen ist die Theatergruppe denn auch nie von einem freigewählten Vorstand geführt worden. Es hat auch nie einen Schriftführer gegeben, der Protokoll über die verschiedenen Tätigkeiten oder Beschlüsse geführt hätte. So blieb also, um die Geschichte dieser Gruppe zu schreiben, nur der Weg der direkten Zeugenbefragung, und es galt, Personen zu finden, die die Anfänge noch miterlebt ha- ben. Einige der Herren, die ich 1968, als ich diese Chronik anfing, angesprochen oder angeschrieben habe, sind inzwischen verstorben.
60 Genau wie heute sorgte auch in früheren Zeiten die Pfarr- geistlichkeit sich besonders um die heranwachsende Jugend. Der aus Ulfingen (Gr.-Herzogtum Lux.) stammende Priester Guillaume Kept kam am 7. Februar 1896 in das neutrale Gebiet ; am 28. Oktober 1900 wurde er zum Pfarrer von Kel- mis ernannt. Vier Jahre später schickte der Bischof den in Homburg geborene Henri Bosch als Kaplan zu den Neutralen. Pfarrer Kept und Kaplan Bosch bildeten ein gutes Gespann, das mustergültig zusammenarbeitete. Kaplan Bosch hatte schon bald festgestellt, daß für die heranwachsende männliche Jugend etwas getan werden mußte. Ihr stünden, so meinte er, nur die Straße und das Wirtshaus . offen. Diese Jugend ohne festes Ziel zu sehen, quälte ihn. Im Einvernehmen mit seinem Pfarrer faßte er den Entschluß, für die Jungen ein Pfarrheim einzurichten. Der Entschluß stand fest, nur stellte sich die Frage nach den dazu nötigen Mitteln. Nach langem Sinnen und Überlegen meinte der Ka- plan, ein energiegeladener Mann mit eisernem Willen, die Lösung des ihn bedrückenden Problems gefunden zu haben. Im Oktober 1907 hatte er erreicht, was er wollte : in der * Kaplanei, die damals dem heutigen Gemeindehaus gegenüber lag, stellte er seine eigenen Räume als Pfarrheim bzw. Unter- kunft für die Jugend zur Verfügung. Dies zeigt wohl zur Genüge, daß es Kaplan Bosch wirklich eine Herzensangelegen- heit war, die Jugend von der Straße zu bekommen. Jeden Sonntag lud er nun eine Anzahl junger Burschen zu sich ein. Böschke, so pflegte man ihn zu nennen, verstand es großartig, die versammelten Jungen durch Spiel und Ge- sang zu unterhalten. Geschichten wurden gelesen und keiner kam daran vorbei, eine Passage vorzulesen, wobei der Kaplan großen Wert auf gute Aussprache legte. Er spornte die Jungen an, selbst auswendig gelernte Gedichte vorzutragen, worauf, wie ich erfahren konnte, ein Wetteifern im Gedichtelernen begann. Wie mir mein Informant, Herr Peter Braun, erzählte, war der Kaplan gewiß schon damals auf der Suche nach talen- tierten Theaterspielern. Auf diese Art habe er die Burschen getestet und ihre Fähigkeiten beurteilen können. Am zweiten
62 Beim ersten Auftritt haben Leonard Kohl und Peter Herff, bekannt unter dem Namen ”Pitt en Nades” mit komischen Vorträgen die Pausen ausgefüllt. Leonard Kohl weiß heute noch, was er damals vorgetragen hat. ”Der Seiltänzer”, ”der Michel in der Tanzstunde” und ”Schuster Sohle” hießen die Einlagen. Ein schöner Start, sagt ”Nades”. Die Leute seien alle zufrieden nach Hause gegangen. Ich erfuhr auch von Nades, daß die Theatergruppe der Patronage zum ersten Male am 14. Januar 1909 auftrat und Kaplan Bosch selbst Regie führte. ”Dann kannst Du auch noch schreiben”, sagte Nades lächelnd, ”daß der Eintrittspreis an diesem Abend ein ganzer Franken war”. f YV2r = 9 CA A ( SA Ad Ü OO 38 7 Pal Het‘ — Leonard Kol, genannt PH en Anden komisches Du, Atnbarg Athen ”Mit unserem ersten Programm”, so sagte mir Herr Braun, ”gastierten wir anschließend in Homburg, Gemmenich und Raeren. Unsere Mühe erntete unerwarteten Erfolg”. Kaum waren die letzten Ansichten und Kritiken zum ersten Theaterabend verklungen, da übertrug der fortwährend planende Kaplan das Regisseuramt dem schon eben erwähnten Peter Herff. Diesem Manne wird nachgesagt, daß er mit großem Eifer und sehr geschickter Disziplin sein Amt ausführte. Auf den Spielplan des Winters 1910 setzte Herff ”Hansjörg der Findling”. Er griff auf die schon ”routinierten”” Spieler
64 Gebäudes anzufertigen. Dem hiesigen Bauunternehmer Niko- laus Emonts wurden kurz darauf die Bauarbeiten übertragen. Kaplan Bosch brachte in der Zwischenzeit die beträchtliche Summe von 21.000 Franken zusammen. Jedoch wurde ihm die Freude, sein Projekt verwirklicht zu sehen, nicht zuteil. Er starb schon am 16. November 1910, im frühen Alter von 34 Jahren. Ein großer Verlust für die Pfarre, die in der Patro- nage, dem Pfarrheim, eine stete Erinnerung und ein Denkmal seiner Hingabe und Aufopferung vor sich hat. Nach dem Tode des Geistlichen liefen die Arbeiten an der Patronage zügig weiter. Ein halbes Jahr später konnte das neue Heim seiner Bestimmung übergeben werden. Die Thea- terspieler fanden dort alles, was sie brauchten, Räume und vor allem eine große Bühne. Im Winter 1912 spielten Herff und seine Truppe zum ersten Male auf der neuen Bühne, Leider war nicht mehr zu erfahren, mit welchem Stück diese Bühne sozusagen einge- weiht wurde. Auch im folgenden Jahr, dem letzten Friedens- jahr, kamen viele Zuschauer, das Spiel der Truppe zu be- wundern. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges, am 4. August 1914, änderte sich alles. Die deutsche Wehrmacht machte aus der Patronage erst ein Spital und später eine Kaserne. Jegliche S Vereinsaktivität ruhte während der Kriegsjahre. Die meisten Spieler und auch der Regisseur standen unter den Waffen. Die frohe Kunde des Waffenstillstandes am 11. November 1918 brachte auch recht bald die Freigabe des Pfarrheimes mit sich. Die Landsturmkompagnie, die dort Unterkunft ge- funden hatte, rückte im Januar 1919 ab. Nun konnte das Gebäude wieder seinem ursprünglichen Zwecke dienen. Laut Pfarrchronik veranlaßte Kaplan Josef Wenders die Wieder- eröffnung. Kaplan Wenders (aus Gemmenich) kam im Sep- tember 1919 nach Kelmis. Zusammen mit seinem Konfrater Kaplan Josef Simons aus Bleyberg, der am 24. November 1908 nach Kelmis gekommen war, unternahm Wenders alles, die Folgen des Krieges auszuräumen und der heruntergekomme- nen Patronage wieder einen würdigen Anblick zu geben. Wie mir Herr Jacques Fryns erzählte, hat er zusammen mit Herrn
65 Jean Hendricks die übereinander stehenden Soldatenbetten auseinander geschlagen und daraus Bänke für den Raum an- gefertigt. Das vorhandene Mobilar war arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Vieles mußte notdürftig ersetzt werden und für die Freizeitschreiner gabs viel zu tun, denn wollte man wieder Theater spielen, so mußten vor allem Sitzgelegenheiten geschaffen werden. Wie dann das Spiel nach dem Ersten Weltkrieg wieder anlief, konnte ich nach manchem Hin und Her von einem ge- bürtigen Kelmiser und Veteranen der Truppe, dem in Esch- weiler ansässigen Herrn Nikolaus Schneider, erfahren. Er schrieb mir : ”Mit dem Theaterspiel in der Patronage haben wir 1919 begonnen. Damals waren wir noch alle sehr jung. Wir waren durschnittlich im Alter von 16-17 Jahren. Wir führten Schau- spiele, Dramen und vor allem Lustspiele auf, manchmal aüch Duette und Singspiele. 1921, bei einem Theaterwettstreit in Welkenraedt, konnten wir unseren schönsten Erfolg verbu- chen. Dort wurde uns mit dem Lustspiel ”Der Herr Professor” der erste Preis zugesprochen. Vereine aus Gemmenich, Eupen, Verviers, Vaals und die Gruppe ”Fidele Freunde” aus Kelmis waren unsere Konkurrenten. Nur diese Gruppen sind mir in Erinnerung geblieben. Mit Pferd und Wagen brachte uns Adolf Braun aus der Kirchstraße (heute Klosterstraße) dorthin. Es war in der Winterzeit, denn während der Fahrt hat es dauernd geschneit. Der errungene Preis bestand aus Geld und einem Diplom. Die aufgeführten Spiele der Reihe nach, wie wir sie ge- spielt haben, anzugeben, ist mir unmöglich, da mehr als 50 Jahre vergangen sind. Die Schauspiele ”Am Scheideweg des Lebens”, ”Dein Sohn wird mein Rächer. sein”, ”Das Geheim- nis auf Schloß Falkenstein” und das Singspiel ”Wer trägt die Pfanne weg ?” wurden, soviel ich weiß, in den ersten Nach- kriegsjahren aufgeführt. Ich kann es mit Sicherheit sagen, da ich selber mit von der Partie war”, Die Spielschar stand nach wie vor unter der Regie des Herrn: Herff, der auch zusammen mit dem geistlichen Ratge- ber Kaplan Simons die Auswahl der Stücke traf. Auch ließ
67 Regisseur Herff war dauernd bestrebt, neue Stücke ein- zustudieren. So sah man unter seiner Leitung in den Jahren 1921-25 ”Die Grafen von Uhlenhorst”, ”Der Renegat”, ”Der edelmütige Sohn” und ”Das Geheimnis auf Schloß Falken- stein”. Alle diese Stücke bedurften eines mehrmaligen Büh- nenbildwechsels und nach jedem Akt kam es zu einer längeren Pause. Die Spieler selber waren Kulissenschieber. Die Uhr schritt voran, aber den Abschluß bot ja immer ein Lustspiel, das die Lachmuskeln in Bewegung versetzte. Auf Bänken und Gartenstühlen, in Mantel und Schal gehüllt, harrten die Zuschauer aus. Die beiden Öfen, die links und rechts des Saals standen, spendeten zu wenig Hitze für den großen Raum. Heute ist das Innere des Saales durch eine zweite, tiefer gezogene Decke, niedriger geworden. Früher sah man die im Dach befindlichen Glasscheiben und der rauh- betonierte Fußboden, auf dem wegen der Feuchtigkeit stellen- weise Moos wuchs, machte es den Zuschauern noch ungemüt- licher. Dennoch erschienen sie immer in großer Zahl. Schwierigkeiten im eigenen Lager Wie bei so vielen jungen Unternehmen kam auch bei der Theatergruppe der Patronage nach einer Glanzzeit eine Zeit der Krisen. Pastor Kept verließ die Pfarre im November 1920. Im gleichen Monat übernahm Pastor Scherrer das Pfarr- amt in Kelmis. Kaplan Simons nahm 1924 seinen Abschied, er wurde durch Kaplan Boutsen ersetzt. Nun Oblag es Kaplan Wenders, die Geschicke der Patronage zu leiten. Wer diesen Mann gekannt hat, dürfte zustimmen, wenn man sagt, er habe vor der Arbeit nicht kapituliert. Am 11.10. 1925 grün- dete er die Kelmiser Abteilung der ”Christlichen Arbeiter- jugend” (J.O.C.). Dies sollte manchen jungen Theaterspieler in Konflikte bringen, da es nunmehr sehr oft vorkam, daß sie zur festgesetzten Probenzeit auch einen Termin der Arbei- terbewegung hatten. Die alten Spieler waren unzufrieden und hatten das Gefühl, man wolle sie auf Seite schieben. Die jün- geren warfen den älteren vor, sich nicht an die abgemachten Probenanfangszeiten zu halten und erst ein Plauderstündchen einzulegen, ehe sie sich zur Bühne bequemten. Es kam zum
69 wie ”Die Marienritter”, ”Im Strudel der Großstadt”, ”Wilhelm Tell”, ”Kronen und Palmen” und ”Triumph des Glaubens” haben unter seiner Regie größte Begeisterung geweckt. Die Spieler, die bei Kaplan Boutsen aushielten, brachten den Be- weis, echte Liebhaber zu sein ; andernfalls hätten sie die Flinte ins Korn geschmissen. Hubert und Philipp Hilligsmann, Josef Dumbruch, Martin Bonni und Leonard Wechseler sind damals der Truppe beigetreten. TESTEN NS 8 {| ee E22 2 2 6 AM A BA On E 0 A VE E22. Pa OBERES Sa FAR CE » X AS 28 8 1Ä SEC > <> CN m 77 5 > HS Po fen Z0A- A i % 3 WLAN a Yars| TE: N & As Win 7) VEN en { \v ke X (9 5 at BE 18 K = N Ve RS 4 7 an ir | A CS LANE | | Wilhelm Tell Anfang 1931 nahm Kaplan Boutsen krankheitshalber Ab- schied von Kelmis. In der Schweiz wollte er Erholung suchen. Dort starb er am 16. März desselben Jahres. ... und unter Kaplan Joseph Pennings Er kam 1931 nach Kelmis. Gleich bei seiner Amtsüber- nahme machte er schon den Eindruck, für das Theaterspiel nicht viel Erfahrung mitzubringen und auch wenig Verständ- nis zu haben. In seiner Zeit, es soll dies kein Vorwurf sein, hingen die Theaterabende stets in der. Schwebe. Es ist sogar vorgekommen, daß am Tage vor der Aufführung noch keine Programme ausgehangen haben. Die Dynamik der Spieler
70 nahm durch das phlegmatische Handeln des Kaplans ab und es entstand eine Flaute, deren Folgen bald zu sehen waren. Das Niveau sank so tief, daß es schwer war, noch ein Stück auf die Beine zu bringen. ”Der Bettelstudent”” und ”Die Frei- beuter” wurden während der Amtszeit von Kaplan Pennings in Kelmis aufgeführt. Das letztgenannte Stück wurde in Her- genrath wiederholt. Es soll nicht der Stab über den Regisseur gebrochen wer- den. Er verließ Kelmis im August 1934 und verstarb schon 3 Jahre später, am 14. Februar 1937. Der Retter in der Not . En 1932 wurde Kaplan Wenders Fi , zum Pfarrer von Homburg er- F OO N nannt. Der dortige Kaplan Franz F$ Oo K | _Darcis trat an seine Stelle in e 2 2 Kelmis. Der aus Heukolom in € a 5 2 der Provinz Limburg stammen- « PR a A de Priester sprach Deutsch mit Ce Kr = niederländischem Akzent. Schnell ® P 2 | hatten ihn die Kelmiser lieb ge- Di 5 2 1 wonnen. Kaplan Darcis zeigte . ie 9 viel Unternehmungsgeist und nn Pfarrer Scherrer fand in ihm ei- \ if ne gute Stütze. 1934 übertrug er ihm die Leitung des Pfarrheimes mit der Bitte, sich ebenfalls der Regie der Theatergruppe anzunehmen. Der Tiefstand der Truppe hatte einen Besucher- schwund mit sich gebracht und die Einnahmen deckten nicht mehr die durch den Unterhalt des Gebäudes entstehenden Unkosten. Kaplan Darcis ließ die Spieler sich versammeln und legte ihnen seinen Plan, mit religiösen Spielen einen Aufschwung zu erzielen, vor. Alle rümpften die Nase und niemand war so recht mit dem Vorschlag einverstanden. Dennoch setzte der Kaplan sich durch. Ende Januar 1935 lief zum Namenstage des Pfarrers das Missionsspiel ”Die drei Weisheiten des alten Wang” über die Bühne. Herr Josef Fellin, damaliger Gemein-
z1 desekretär, schuf eine beeindruckende chinesische Bühnende- koration. Das Spiel wurde zu einem unvergeßlichen Erlebnis. Nie wieder haben es die Spieler gewagt, in der Auswahl der Stücke den Kaplan zu kritisieren. Calderons ”Die Geheimnisse der heiligen Messe” wurde mit zweimaliger Aufführung eben- falls ein großer Erfolg. Nicht unerwähnt bleiben darf auch das Bergwerksdrama ”Zeche Rote Erde” mit seinen ergreifen- den Szenen in der Tiefe einer Grube nach einer Schlagwetter- katastrophe. Peter Zimmer, Leopold Bütz und noch einige andere Kumpel bauten ein naturgetreues Bühnenbild. Mehrere Wiederholungen waren nötig. 1936 war das Jubiläumsjahr der Patronage. Zum Ausklang der Feierlichkeiten hatte Kaplan Darcis auf Verlangen der Spieler ein Passionsspiel verfaßt, worunter er am 31. August 1936 den Schlußpunkt setzte. Schullehrer Pesche führte die Regie, Sekretär Fellin sorgte für die Bühnenbilder, Küster Feter Radermacher leitete die Gesänge und die Theaterspieler der Patronage übernahmen die Rollen (Siehe ”Im Göhltal” Nr. 1, S. 38). Niemand hätte damals gedacht, daß Kaplan Darcis mit seiner Passion einen solchen bis über die Grenzen des Landes gehenden Anklang finden würde. Die Passion wur- de inzwischen in den Jahren 1936, 1939, 1950, 1958, 1966 und zuletzt 1973 aufgeführt. Am 22. April 1973 wurde sie für Kranke und Körperbehinderte zum 50. Male gespielt. Leider verließ Kaplan Darcis Kelmis schon 1937. Er wurde Pfarrer in Schönberg in der Eifel. Ich vergesse nie, wie Kaplan Darcis uns eines Abends zu sich rief und uns mitteilte, daß er in seinem Heimatdorf Heu- kelom mit unserer Truppe ein Lustspiel aufführen wolle. Er hatte bereits den Einakter ”Der selige Florian” in die Mundart dieses Ortes übersetzt, die Rollen verteilt und die Proben festgelegt. Mit Hilfe des geduldigen Kaplans lernten wir die Sprache und die Aufführung im Limburger Land klappte tadellos. Man bat uns sogar, noch einmal wiederzukommen, was wir denn auch im darauffolgenden Jahre taten. Wir spiel- ten ”Wer melkt die Ziege ?” und ich kann nur sagen, es war ein Allotrio. Wir haben uns alle köstlich amüsiert und trafen erst am frühen Morgen wieder in Kelmis ein. Nach dem
73 Auch 1958, wo wieder eine Serie von Aufführungen statt- fanden, führte Lehrer Pesche Regie. 1966 mußte er aus Krank- heitsgründen darauf verzichten. Alle, die von 1936 an mit ihm zusammengearbeitet haben, wissen seine Arbeit zu schät- zen. Gott gebe, daß er noch lange Jahre die Erfolge der ”Passio Christi” miterleben kann ! Der Gemeindesekretär als Bühnenbildner 5 SEAN Daß der Gemeindesekretär v || K Josef Fellin sich in seiner Frei- & = zeit als Hobbymaler betätigte, . ns | kam Kaplan Darcis sehr gelegen. 2 a Es gelang dem Kaplan, sich die CR Mitarbeit des Sekretärs bei der FO JE | Bühnengestaltung zu den ”Drei \ SEA 24 Weisheiten des alten Wang” zu KL sichern. Von nun an zählte Jo- Dr sef Fellin zu den ständigen Stüt- x An a zen der Theatergruppe. % 4 Fellin legte den Spieler je- NE desmal einen Entwurf des Büh- nenbildes in Kleinformat zur Be- gutachtung vor. Als man an die Aufführung der Passion dachte, war es wichtig, auf die Mitarbeit von Fellin rechnen zu können. Obschon er sich der vielen Arbeit bewußt war, nahm Josef Fellin ohne Zögern den Auftrag des Bühnenbild- ners an, als Kaplan Darcis ihn darum bat. Der Sekretär ging sofort an die Arbeit. Nächtelang hat er im Saal der Patronage ohne Heizung beim Pinseln verbracht. Zeitweise half ihm Herr Louis Claes. Wenn ich nicht irre, wurden elf komplette Bühnendekorationen gemalt, ganz zu schweigen von den klei- neren Bildern. Bei der ersten Aufführung, am 22.11.1936, standen alle voller Staunen und Bewunderung vor der Arbeit des Gemeindesekretärs. 1939, bei der ersten Wiederholung, spielten alle Darsteller in neuen Kostümen die Jos. Fellin entworfen, und die seine Gattin in Zusammenarbeit mit Frau Jos. Heuschen-Voss genäht hatte. Als nach dem Kriege der Wunsch laut wurde, eine neue Aufführung der Passion zu erleben, waren leider die dazu
74 benötigten Kulissen und Bühnenbilder unbrauchbar geworden. Mit Hilfe der Kelmiser Anstreicher schuf J. Fellin wiederum ganz neue Dekorationen, die auch nach seinem Tode noch dreimal benutzt worden sind. Den Christusdarsteller hat der Sekretär auch mit Freude und einem gewissen Stolz frisiert und geschminkt. Zusammen mit seiner Gattin, die bis zum heutigen Tage die Verantwortung für die Kostüme und deren Pflege trägt, hat er der Patronage und der ”Passio Christi” unbezahlbare Dienste geleistet. Er starb leider zu früh, am 12. Februar 1951. Das Schminken Wie bereits geschrieben, hat Regisseur Peter Herff als $ erster diese zum Theater gehörende Arbeit getan. Nach seinem Tode hat seine Frau sie weitergeführt. Frau Herff war eine herzensgute Person, die von allen in der Patronage ”Tante Marie” gerufen wurde. Familie Herff hatte in der Patronage Hausmeisterfunktion. Ihre Wohnung lag aber im Dachge- schoß. Es tat den Spielern oft leid, wenn sie sahen, wie Frau Herff wegen irgend einer ver- gessenen Kleinigkeit all die Stu- fen bis zu ihrer Wohnung hoch £ mußte. Bei jeder Vorstellung A - sorgte die gute Frau für Kaffee 7 A nn und ”Püffelschere” (Krapfen). Ed Stets war sie guter Laune und RR liebte zu scherzen. Viele Jahre id . lang blieb sie der Theatergruppe m ? treu, doch 1938 holte sie der liebe | % Gott zu sich. Ihr Tod hat den damaligen Spielern weh getan. CE Immer, wenn frühere Erlebnisse in der Patronage zur Sprache kamen, war auch von Tante Marie die Rede. Ihre Gutherzig- keit blieb als Andenken. Nach dem Tode von Frau Herff betätigten sich als Schminker in der Patronage Guillaume Emonts aus Gemme- nich, die Gebrüder Hubert und Johann Pelzer aus Kelmis, Heinrich Meesen aus Neu-Moresnet, J. Dalen aus Verviers und in den letzten Jahren Egide Corda aus Welkenraedt.
75 Die Kriegsjahre 1940-45 Mit der Annektion von Kelmis am 18.5.1940 wurde der Tätickeit der Theatergruppe in der Patronage ein Ende ge- setzt. Die Truppe war versprengt, die einen standen unter den Waffen, andere waren über die Grenze gegangen und den wenigen Verbleibenden blieb keine Zeit zum Theater- spielen. Vom Verbleib der alten Kollegen hörten sie nur sel- ten. Die Reichstheaterkammer schickte ihnen Formulare zu, die ausgefüllt und unterschrieben zurückzusenden waren. Nur wenige kamen der Aufforderung nach. Die Kostüme der ”Pas- sio Christi” waren teils bei den Spielern zuhause, teils in der Patronage versteckt und sind, Gott sei Dank, den Spinnstoff- sammlern nicht in die Hände gefallen. So mußte denn abge- wartet werden, bis nach dem Kriege ein freies Vereinsleben wieder möglich war. Der Neubeginn Am 12. September 1944, nachdem die deutsche Wehrmacht einige Tage zuvor Kelmis geräumt hatte, rückten die ameri- kanischen Soldaten hier ein. Das Ausgehverbot wurde verhängt und trat sofort in Kraft. Die beschädigten Stromleitungen brachten lange Abende mit Kerzenlicht mit sich. Doch nahm man alles gerne in Kauf, weil die Aussichten auf ein baldiges Kriegsende wuchsen. Der Gedanke, bald wieder frei leben zu können, ließ die Herzen höher schlagen. Langsam normalisierte sich denn auch das Leben in der Gemeinde, Gesellschaften und Vereine erwachten zu neuer S "ze % . Tätigkeit. Herr Peter Zimmer, . E + langjähriges Mitglied A 2 tergruppe und heute Präsident a der Göhltalvereinigung, ergriff » A) als erster die Initiative. Er ließ S Bl alle ehemaligen Spieler zusam- ii A menkommen und man beschloß, en 6 so bald wie möglich die Theater- \ € arbeit wieder aufzunehmen. Pe- _ | ter Zimmer hatte die Zeit, die x Ma Bl er hinter dem Stacheldraht ver- > 6 bracht hatte, dazu genutzt, Stük- ke für die Theatergruppe zu ar-
76 rangieren. Jetzt hegte er den Wunsch, sein der Zeit ange- paßtes Werk in plattdeutscher Mundart, ”Minsche onder Minsche” (Menschen unter Menschen) aufzuführen. Nach Ver- teilung der Rollen wurde mit den Proben begonnen. Die Pa- tronage war allerdings noch mit amerikanischen Soldaten belegt. So mußten die Proben privat stattfinden. Es war ein Wagnis, denn nach den Proben mußten die Spieler es vermei- den, von patrouillierenden amerikanischen Soldaten, die nur zu leicht im Alkoholrausch von der Schußwaffe Gebrauch machten, gesehen zu werden. Die Häuserfronten entlang schlichen sich die Spieler nach Hause. Ein weiteres Problem war die Bühne. Zum Glück bot sich eine Ausweichmöglich- , keit im Schützenlokal an, dessen Inhaber, Herr Charles Struckmeyer, mit größter Bereitwilligkeit seine Bühne zur Verfügung stellte. Nach eifrigen Proben lief das Stück ”Minsche onder Minsche” am 15. April 1945 zum ersten Male über die Bretter. Der Erstaufführung folgten drei Wiederho- lungen. Bei jeder Vorstellung war das Schützenlokal bis auf den letzten Platz besetzt. Zwei weitere Aufführungen in Mo- resnet und Gemmenich zogen ebenfals viele Zuschauer an. Im Monat Juli, bei der Feier zur Wiederkehr von Pastor Scherrer und den beiden Kaplänen Xhonneux und Hendriks, — die drei Geistlichen waren im Dritten Reich zu längeren Haftstrafen verurteilt worden — wurde ”Minsche onder Min- sche” zum letzten Male gespielt. Die Kritik war allgemein sehr positiv. Mit ”Pitt” Zimmer brachten folgende Spieler den Stein nach dem Krieg wieder ins Rollen: Henri Serwas, Hubert Hilligsmann, Willi Schyns (Bürgermeister), Franz Uebags und Joseph Dumbruch. Der Regisseur übernahm selber auch eine Rolle. Die Damenrollen hatten Marie Aussems (Fr. L. Wech- seler), Elly Stammen (Fr. W. Schmetz) und Rosalie Zeevaert (Fr. Beaurang), während die Kinderrollen von Elly Aussems (Fr. H. Conrath) sowie Käthi Simons (Fr. Bongarts) übernom- men wurden. Im Flüsterkasten saß damals Karl Zeevaert. Es ist den Lesern vielleicht aufgefallen, daß das Verbot der gemischten Bühne nicht mehr bestand. Man durfte damals nicht wählerisch sein, sondern mußte spielen, was zur Verfügung stand. Die Texte und Kostüme der Vorkriegs-
77 spiele waren den Papier- und Lumpensammlungen zum Opfer gefallen. Die Stücke von Peter Zimmer galten als Rettung in der Not ; über das Problem der ”gemischten Bühne” ist Gras gewachsen. Es war für den Vorstand und die Spieler ermutigend zu sehen, wie sie mit ihrem Spiel nicht nur in Kelmis, sondern auch in den umliegenden Orten Erfolg ernteten. Die platt- deutschen Stücke ”Et örm Wiet”, ”Et ess mär ene Köhler”, ”Stiekluet”, ”Die Revue” und das Singspiel ”Dörpspleseer” überboten sich an Erfolg und mußten nicht nur mehrere Male in Kelmis wiederholt, sondern auch in Homburg, Bleyberg, Teuven und Henri-Chapelle aufgeführt werden. Für die Erstaufführung des Stückes ”Et ess mär ene Köh- ler” bekamen Saal und Bühne der Patronage eine neue Licht- anlage, ein Geschenk der Fa. Niederau aus Eupen. Herr Nie- derau hatte nämlich während des Krieges, als sein Sohn ins Feld zog, gelobt, bei dessen unversehrter Rückkehr irgend ein gutes Werk zu tun. Sein Versprechen kam der Patronage zugute. Herr und Frau Niederau nebst Sohn saßen in Kelmis auf den Ehrenplätzen und Herr Niederau erklärte den An- wesenden, wie es zu seinem Gelöbnis gekommmen war. Die erstaunlichen Erfolge der Theatergruppe ließen eine ganze Reihe von Jungen und Mädchen dazustoßen. Da nun jeder Spieler den Ehrgeiz hatte, wenigstens einmal auf der Bühne gestanden zu haben, mußte die Leitung mehrere Thea- terabende im Jahr auf die Beine bringen. Bei den Theater- vereinen der umliegenden Orte konnten manche Stücke aus- geliehen werden. 1946 wartete man mit dem Nachkriegs-Lust- spiel ”Schweinefleisch in Dosen” auf. Zuvor war das Spiel in Eupen von einem dortigen Spielerkreis aufgeführt worden. Die Eupener Truppe hatte sich geweigert, den Kelmisern die Texte zu überlassen. Dennoch gelangte ein Textbuch nach Kelmis, wurde in der Nacht von freiwilligen Helfern abge- tippt und war morgens wieder beim Mittelsmann. Das urko- mische Stück stand wieder unter der Regie von Peter Zimmer, der mit viel Idealismus noch bei einer Reihe weiterer Stücke Regie führte. An gegebener Stelle werde ich die Titel anfüh- ren. Auch innerhalb des Bergmannsvereins St. Leonardus
80 dels) wurden von Joseph Bonny U WS a mit den verschiedenen Rollen De N betraut. Am 27. Februar 1957 a war die Erstaufführung in Kel- A A Ü mis. Leider war es dem Spiellei- AM 9 ter nicht vergönnt, bei der Pre- ® nn miere dabei zu sein, da der Tod Me Ca > ET seines Vaters ihn zurückhielt. E N % A Zwei weitere Vorstellungen folg- 7 v A | ten und alle Zuschauer waren fe E 4 . De 3 A hellauf begeistert. X nn Im Herbst desselben Jahres, | <> 2 am 16. und 23. Oktober, entfes- 1 selte der Dreiakter ”Alles wegen Laura” anhaltende Lachstürme im ausverkauften Saal der Pa- tronage. 4 FE x DA x WI CE Al A % ' DA: \ * A A % % er 8 \ A Ö d Der Etappenhase Das hundertjährige Bestehen der Pfarre Kelmis wurde im Ort glanzvoll gefeiert. Auch die Theatergruppe der Patro- nage sah es als ihre Pflicht an mitzumachen. Am 22. Februar
81 1958 begannen die Feiern in Anwesenheit von Mgr. Jean Fryns, einem Sohn unserer Pfarre. Am folgenden Tag lief die vierte Spielperiode der ”Passio Christi” an. Auch Joseph Bonny wollte zu den Feierlichkeiten eine Glanznummer beisteuern. Am 5. Oktober begeisterten seine Spieler die Zuschauer mit dem Singspiel ”Im weißen Röss’l”. Durch Textstreichungen, Gesang- und Tanzeinlagen hatte er diese Operette in Kelmis spie!'bar gemacht. Die musikalische Leitung lag in Händen des routinierten Dirigenten der ”Kleinen Kelmiser Sänger”, Herrn Charles Cravatte. Die Tänze studierte Herr Henri Dütz ein. Henri Vondenhoff und F. Billet schufen ein bezaubern- des Bühnenbild. Der Erfolg war so groß, daß vier Wiederho- lungen notwendig waren. Nach einer Zwischenzeit von 5 Jahren sollte 1959 wieder ”Drei patente Jungen” aufgeführt werden. Für den verhin- derten Joseph Bonny sprang Franz Uebags als Regisseur in die Bresche. Zwei gutbesuchte Vorstellungen am 27. Septem- ber und am 4. Oktober 1959 belohnten Spieler und Regisseur für ihre Mühe. Anschließend wurde von Joseph Bonny ein oft beiseite gelegtes Schauspiel über eine Heilung in Lourdes, ”Aram Bela”, in Angriff genommen. Allerdings muß gesagt werden, daß die Zuschauer nur bei der Premiere am 20. No- vember zahlreich erschienen, die beiden Wiederholungen je- doch, am 27. November und 4. Dezember 1959, nur wenig besucht waren. Dennoch ist ”Aram Bela” in die Chronik als eines der bestgelungenen Werke einzutragen. ”Walzermädl von Wien”, das Singspiel mit den schönsten Walzern von Johann Strauß, war, offen gesagt, ein Wagnis und mußte sich in mancherlei Hinsicht eine berechtigte Kri- tik gefallen lassen. Doch sind solche Mängel bei Neulingen verzeihlich und im Ganzen gesehen, gefiel das 65 Mann starke Ensemble gut. Die K.K.S. unter Charles Cravatte sangen und tanzten die schwungvollen Walzer nach den Anweisungen von Henri Dütz. Erstaufführung war am 25. September 1960 und die Wiederholung am darauffolgenden Sonntag. ”Der Dörpschuster”, ein Lustspiel, brachte im Jahre 1961 nur wenig Erfolg. Umso mehr zündete im nächsten Jahr der
82 ”Barong Flöckmösch” des Aachener Heimatdichters Hein Janssen, der an zwei Sonntagen im Oktober die Herzen aller Zuschauer eroberte. Doppelt komisch wirkte das ”Öcher Platt” von Kelmisern gesprochen. Der langgezogene Dialekt mit sei- nen derben und aparten Ausdrücken, bot den Spielern keine Schwierigkeiten. Der Verfasser hätte gewiß dazu gesagt: ”Haben die sich aber Mühe gegeben, echte Öcher zu sein !” Nach einer Serie von Erfolgen zog Joseph Bonny mit dem ”Barong Flöckmösch” sozusagen einen Schlußstrich unter seine Arbeit in der Patronage. Er zog sich von der Theater- arbeit zurück. Sein kameradschaftliches Verhalten und seine Arbeit verdienen Dank und Anerkennung. . Gesang und Musik in der Patronage Singspiele wären niemals bühnenreif geworden, wenn nicht ein Idealist mit Gemüt und Kenntnissen in Gesang und Musik sich zur Verfügung gestellt hätte. Diesen Idealisten hat die Patronage nach dem Zweiten Weltkrieg in der Person des Herrn Charles Cravatte gefunden. Wer lange Jahre mit ihm zusammen gearbeitet hat, weiß, wieviel Stunden Herr Cravatte darauf verwandt hat, die Solisten, Chorsänger und Musiker ”bühnenreif”” zu machen. Auch Tänze konnten nur einstudiert werden, wenn der ”Mann am Klavier” zur Mitarbeit bereit war. Bei allen Proben und Wiederholungen verlor der Päda- goge Cravatte nie die Nerven. Immer strahlte seine Ruhe auf die anderen aus. Obschon die ”Kleinen Kelmiser Sänger” ihn | stark beanspruchten, fand er stets Zeit, sich für die Proben in der Patronage freizumachen. Alle erwähnten Singspiele standen unter seiner musikalischen Leitung. Nur einmal, und zwar 1961, mußte er wegen zu großer Überlastung absagen. Zum ”Fischermädel von Helgoland” spielte Herr Albert Hilligsmann die Tänze ein. Auch bei den Passionsspielen hat Hauptlehrer Ch. Cra- vatte tatkräftig mitgewirkt. Bis zum Jahre 1958 hatte die Leitung des Chores in Händen von Herrn und Frau Peter Radermacher gelegen. Der St. Gregorius Kirchenchor und die K.K.S., die beide unter der Leitung von Charles Cravatte ']
83 standen, trugen 1958 mit dazu bei, die gesangliche Umrah- mung der Passion in Klang und Schönheit zu verbessern. HESSEN Große und kleine Sänger, in Al- Bo 5 a a ben gekleidet, standen auf der A LS ‚ Vorbühne und sangen gemein- A 5 ME de E schaftlich den Einleitungschor. 14 vn A Auch das Schlußlied wurde von 2 Mes = 8 beiden Gruppen gemeinsam ge- N SE # A ' sungen. Dreimal hat Herr Cra- LE gu EA vatte sich mit seinen Sängern si \ - a für die Passion zu Verfügung \ gestellt. Inzwischen hat dieser rührige Musiker, der nach dem ® N Krieg auch das Orchester der Fatronage bildete und bei jeder Veranstaltung dort dirigierte, den Dirigentenstab seinem Nachfolger, Herrn Hubert Pauly, über- geben. Seine uneigennützige Weise aber und sein Einsatz auf kulturellem Gebiet werden für alle ein Beispiel bleiben. Nur einer blieb übrig. f Nach dem Abschied meiner « as beiden Kollegen Zimmer und E Mn Bonny blieb mir, Franz Uebags, DO A nichts anderes übrig, als allein Ö X Regie zu führen. Schon 1956 A NM N y a. hatte ich begonnen, mich mit ' AA | fl C dieser Arbeit vertraut zu ma- LO 5 A chen. Die Einakter, die gelegent- A "Ba x, } 3 lich der traditionellen Christ- A SA baumverlosung der christlichen Arbeiterbewegung aufgeführt A A wurden, sind bis zur Einstellung = x dieser Veranstaltung im Jahre 1959 von mir einstudiert worden. Einige der Lustspiele seien hier genannt : ”Die Kiste”, ”Die Verlobungshose”, ”Verlobung durch die Wurstmaschine” und ”So ein Unikum”. Auch einige Dramen (”Die stille Nacht” und ”Katalanische Weihnachten”), ein Mär-
84 chenspiel mit Kindern (”Das Mädchen mit den Schwefelhölz- chen”) und das heitere Singspiel ”Das Singvögelchen” liefen un- ter meiner Regie. Mit letztgenannten Spiele ernteten wir beim ”Cercle Musical Kelmis’”” am 27. 10. 1959 großen Applaus. Zwei- mal auch traten wir in der Kelmiser Mittelschule auf und bereiteten den Kindern mit ”Max hat einen Vogel” und ”Ge- müsehändler Knöllchen” eine Stunde des Lachens. In der Vorweihnachtszeit organisiert die Vereinigung Co- vical alljährlich einen bunten Nachmittag für die Betagten der Gemeinde. Mit einigen Spielern habe ich drei- oder viermal den Nachmittag durch ein Lustspiel verschönt. In einer Neuinszenierung habe ich auch die ”Fischermä- del von Helgoland” und ”Im weißen Röss’l” aufgeführt. Lust- spiele wie ”Kein Auskommen mit dem Einkommen”, ”Hurrah Petroleum”, ”Nonk Gastong”, Miss Flundermünde”, ”Das le- benslängliche Kind”, ”Tweimol verpacht”, ”Der blinde Hahn”, ”Was will er nur ?”, ”Liss wätt verkloppt” und (in der Wie- derholung von 1960) ”Der Etappenhase” waren alle ohne Aus- nahme kassenfüllende Knüller. Als Herr Jean Pesche 1966 krankheitshalber auf die Regie der Passionsspiele verzichtete, beschloß das zuständige Komi- tee der ”Passio-Christi-Vereinigung” mich mit der Leitung der Spiele zu beauftragen. Keine leichte Aufgabe, zumal viele Rol- len neu besetzt werden mußten. Es ist mir, Gott sei Dank, * gelungen, den guten Ruf des Werks von Pfarrer Darcis zu wahren. 1973 leitete ich die Spiele zum zweiten Male. Der | Erfolg war ermutigend. Die Bühnenbauer Anhand einer passenden Bühnengestaltung und passender Bühnenbilder lebt der Zuschauer sich besser in das Bühnen- geschehen ein. Eine mit Farbe gestrichene oder tapezierte Bühne, auf der man die im Spiel verlangten Möbel sah, gefiel im allgemeinen besser als ein stilisiertes Bühnenbild. Bis zum Zweiten Weltkrieg etwa haben die Spieler selber die Bühnendekorationen angefertigt. Nach 1945 hat Peter WW
85 Zimmer für die unter seiner Regie gespielten Stücke mit Hilfe eniger Freunde auch die Bühnengestaltung vorgenom- men. Mit und mit bildete sich aber eine Gruppe, die sich aus- schließlich mit dem Anfertigen der Bühnenbilder befaßte. Ge- nannt seien in diesem Zusammenhang Karl Zeevaert, Henri Ramakers, Henri Vondenhoff, Willi Brandt und Joseph Heye- res, die viele Stunden für die Bühnengestaltung geopfert haben. Auch augenblicklich kennen wir auf diesem Gebiet keine Sorgen, da wir auf die Mitarbeit von Willi Debey, Aloys Dumbruck, Jacqui und Jeanny Rixen, sowie Frl. Marlene Pauly rechnen können. Die Malerarbeiten, die zur Zeit in Händen des Herrn Aloys Dumbruck liegen, wurden in den ersten Nachkriegsjahren von Joseph Decroupet, Michael Tielemans und Francois Billet erle- digt. Auf die Leistungen Joseph Fellins wurde an anderer Stelle hingewiesen. Bliebe noch ein Wort zu den Souffleuren zu sagen. Meist werden sie nicht beachtet, und doch haben sie eine äußerst wichtige Funktion zu erfüllen, müssen sie doch dem im Text hängengebliebenen Spieler weiterhelfen. Während der vielen Proben ist die Souffleurrolle sehr anstrengend. Es hat in der Patronage oft über längere Zeit ein und denselben ”Flüsterer” gegeben, so Cornelius Vankann, Jean Uebags, Jean Reul, Karl Zeevaert, Joseph Havenith und Gerard Emonts. Augenblick- lich fungiert als Souffleur Peter Coonen. Schlußbetrachtung Auf einer Generalversammlung im Januar 1951 beschloß die Theatergruppe der Patronage sich den Namen ”Volks- bühne” zuzulegen. Gleichzeitig wurde beschlossen, Mitglieds- karten einzuführen und von jedem Mitglied einen Jahresbei- trag von 10 Franken zu verlangen. Dieser Beitrag sollte ein Beweis dafür sein, daß der Betreffende sich der ”Volksbühne” verbunden fühlte und ihr gegenüber eine Verpflichtung hatte. Die Schwestergesellschaften ”Fidele Freunde” und ”Tipp Topp”, die in jener Zeit entstanden und durch gute Leistun-
86 gen manch schönen Erfolg verzeichnen konnten, sind inzwi- schen eingegangen. Es hat eine Zeit gegeben, wo das Fern- sehen alle Vereine, die keine Mühen und Anstrengungen scheu- ten, der Bevölkerung wohltuende Unterhaltung zu bieten, in eine äußerst schwierige Lage gebracht hat. Doch ich glaube, daß inzwischen eine bemerkenswerte Wende eingetreten ist. Wenn Musik- und Theaterabende den Geschmack des Publi- kums treffen, kann man mit Zuversicht der Zukunft entgegense- hen. ”Volksbühne” und auch die ””Theaterfreunde Kelmis” be- mühen sich, dieser Forderung zu entsprechen. Durch eine kolle- giale Zusammenarbeit beider Gruppen, die in Freundschaft denselben Zweck verfolgen, wird, so hoffen wir, das Amateur- theaterspiel in Kelmis noch recht lange blühen. D
87 Heimat von Leonie Wichert-Schmetz Heimat, ich hab’ mich bewährt, Als eins deiner echtesten Kinder, Mitten unter den Fremden. - Zäh ist mein Sinn, am einmal Erfaßten haftend, Wie der rote Lehm deiner eisenhaltigen Scholle. Hieltest du doch und verzehrtest schnell unsere Toten, Ihre Spuren verwischend. - Du wurdest dadurch noch mehr unseres Fleisches, Wie wir deines uns schenkenden Schoßes. War es darum, daß so fest unsere Wurzeln in dir gebettet ? So tief, wie die Grundwasser suchenden Pappeln Tief graben an deinen Bächen ? Tat es darum so weh, als der Friede des großen Krieges Uns von dir vertrieb und vom Vaterhause ? Aber du hieltest uns doch, rissen die Wurzeln auch los, Und spürt’ das Weh ich im Herzen. Doch du hieltest mich fest mit unsichtbaren Fäden. Wen du nicht hieltest, der fiel in die Leere, Niemals mehr faßt er dann Halt. Ich nahm dich mit in die neue Heimat, Wo ich auch wandert’. Immer zogst du mich mächtig im Frühjahr. Flog ich nicht, einem Zugvogel gleich, dich zu sehen ? Und ich sank dir weinend ans Herz, Heimaterde, Unter den hängenden Zweigen der jungroten Buche in unserem Garten, Wo das Kreuzchen ich fand, den Gruß aus den Gräbern der Ahnen. Ja, ich weinte auch wirklich und glaubte, Uferlos, ohne Ende weinen zu müssen, Wie die Bäche grenzenlos strömen zum Meer, Als mein Kind geboren werden sollte in der Fremde. Mich riß es zu dir, doch ich konnte nicht flüchten An dein Herz, an das Herz meiner Mutter, Aber der Blutstrom des meinen nahm die Richtung zu dir ; Und mein Kind hat die hellen Augen der Ahnen Und ihr lichtblondes Haar, Ihren schweren fälischen Körper mit flämischem Einschlag. Auf deinen Höfen, o Heimat, sitzen die Menschen noch heute, Die so aussehen wie meine Ahnen, gute Menschen und treu.
88 Ihr Wort ist schlicht und schwer, ja fast mühsam Polternd kommt es heraus - Schwer bricht es ab, wie der Stein aus deinen Brüchen, o Heimat, Schmucklos wie sie, es verträgt kein Behauen. Und doch ist es schön, Einfach, wie Gott es uns schuf im Munde der Ahnen. Einfach rede auch ich ; und doch, manchmal hüpft mir das Wort auch, Wie Quellen über die Steine in deinen Bächen, X Wie die sanften Wellen der Hügel mit deinen Wiesen, Umhegt und geschirmt und heimlich gemacht Durch der Hecken schützende Vierung. Die Hecken schmiegen sich an und teilen und schmücken ; v Bäume ragen heraus, jeder nach seiner Wuchsform, Buschig nach seiner Laubart, leicht und frei so wie Gott sie gebildet. Nur an den Häusern bezwingt sie die fressende Schere, Daß nichts hemmet den Blick der freiheitliebenden Bauern, Wenn er schaut aus der Festung des aus Blaustein erbauten Hauses, Weit wie die Weiden ihm reichen zur Grenze seines Besitzes. Ce U 2 7 N) EEE Va HA SE SH N A A a 2 DE | a AR VO VAN LU A VE N ae Te, ; N 2 29 DO 2 2 MN N u 5 A A DS EN Es SA a N a A ZN Des ME 0 AN U VA N A AST Al LA N KUN PA EL OS A \IS VE N MT OR ZA ESS KASSE SETS Te MO N AS OO a NN N SE N En N a SA N BT DE 25 Se TE a A A N . a A ED 8 WERBEN ESEL NS
89 Ja, so ist uns zumute, trotzig im milden Frieden Des Augusttags, an dem die Sonne lautlos über den weißen Wegen liegt. Wege, die hartgewalzt sind aus kleingeschlagenen Steinen. Hart widerstehen sie dem Schritt des festen, suchenden Fußes. Jetzt sind sie weiß und blank mitten zwischen den tiefgrünen Wiesen Nach vollendetem Schnitt. Leise nur mahlen die Kiefer der Kühe. Unsichtbar hinter Hecken streifen melkende Hände Die nährende Milch, die weiße Fülle, aus den strotzenden Eutern. Und es klappt rhythmisch dazu die fressende Schere über wuchernden Zweigen zusammen. Friede ist über mir trotzigem, freiem Menschen - Und heitere Fülle des ruhenden Sommertags. - Alles hab’ ich von dir gelernt, o Heimat ! Auch das noch, daß durch die Stille des Sommers Die helle Freude nicht aufhört, Freude an kleinen Dingen, Freude an Spiel und Tanz. Aber nichts auch beginnt, nicht das Schießen der Schützen, Nicht das Tanzen und Feiern bei der Kirmes, Mit Bergen von Fladen aus Reis und aus Früchten, Mit Strömen von Bier und von Weinen Zwischen den buntblumigen Sträußen aus Bauerngärten, Auf dem weißen Damast. Nichts auch beginnt, oder es sei denn im Gotteshaus Unter Orgelgetön vor dem Opferaltar. Immer ziehen zuerst die Bauern mit Musik in die schöne geräumige Kirche Ohne falsches Gepränge, schlicht, mit echten Blumen verziert Die herrlich geschnitzten Altäre. Nichts daran ist falsch, auch nicht das einfache Beten An unserer Feste Beginn, bei unserer Toten Gedächtnis. Ja, auch das ist von dir, Heimat, du Kind meines Gottes, Daß ich nichts beginne, ohne feierlich fromm in die Kirche zu treten, Fröhlich und ernst in das Haus meines Schöpfers. Ja, du bist noch zu Haus, Heimat, bei deinem Schöpfer, Als wärest du aus seiner Hand gar noch nicht weit entrückt. Darum bist du noch Heimat, wie Mütter, Die Gott noch im Herzen, Mütter, die ihre Kinder Überreich und über die Maßen beglückt.
90 50 Jahre Christliche Arbeiterjugend in Kelmis ! U von Peter Zimmer Welche tiefergreifenden Erinnerungen muß wohl in diesem Jahr der im Altenheim Belceil im Ruhestand lebende Pfarrer Wenders empfinden, wenn er von der Anhöhe in Henri-Cha- pelle in das Göhltal hinabschaut und dabei die größte Göhl- talortschaft Kelmis erblickt, wo er als junger Kaplan tätig war, als nach dem Jugendkongreß in Charleroi, im September 1924, in unserem Lande die Christliche Jungarbeiterbewegung (J.O.C.) und ein Jahr später dieselbe Organisation für Jung- " arbeiterinnen (J.O.C.F.) gegründet wurde, zu deren Verant- wortlichen Leiter man, nachdem die Bischöfe unseres Landes * diese Bewegung anerkannt hatten, Kaplan Cardyn aus Brüssel ernannte. Vor allem aber, wenn er an den elften Oktober 1925 zurückdenkt, wo er im heutigen Restaurant der Patronage, im Beisein des damaligen Direktors der sozialen Werke von Verviers, Kaplan Vaessen, die Kelmiser J.O.C. gründete, die nun auf ein 50-jähriges Bestehen zurückblicken kann. Da es nun üblich ist, daß man gelegentlich eines solchen Jubiläums den Gründern eine kleine Aufmerksamkeit erweist und über die Vereinsgeschichte berichtet, freue ich mich, daß mir die Göhltalzeitschrift zur Verfügung steht, um an erster Stelle Pfarrer Wenders im Namen aller ehemaligen Jocisten nun nach 50 Jahren ein herzliches ”Danke schön” und inniges ”Vergelt’s Gott” übermitteln zu können, gleichzeitig aber auch, um jener ehrend zu gedenken, die nicht mehr zu den Leben- den zählen, zu Lebzeiten aber Pioniere dieser Kelmiser Jung- arbeiterbewegung gewesen sind. Ferner erachte ich es auch als angebracht, den Lesern einige Einzelheiten über die Grün- dung und Erfolge dieser Bewegung zu berichten. Warum wurde diese Bewegung gegründet ? Vor 50 Jahren zählte Belgien rund 350.000 Jungarbeiter und 250.000 Jungarbeiterinnen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren. Die meisten davon waren gezwungen, sofort nach ihrer Schulentlassung im Alter von 14 Jahren unvorbereitet
91 in Fabriken, Werkstätten und Zechen eine Arbeit aufzuneh- men, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Am Arbeitsplatz aber herrschten zu dieser Zeit, besonders für Jungarbeiter, menschenunwürdige Verhältnisse, mußten sie doch nicht nur schwere gesundheitsschädliche Arbeiten ver- richten, sondern gerieten dabei auch noch in den Strudel des Verderbens, weil es damals weder soziale Gesetzgebung noch Abmachungen zum Schutze der Jungarbeiter gab. Angesichts 3 dieser Tatsachen richteten Priester und verantwortungsbe- wußte Laien einen Appell an alle Jugendlichen, sich in einer Organisation zusammenzuschließen, um durch dieselbe stark genug zu werden, diesen Mißständen entgegentreten und bes- sere Arbeitsbedingungen fordern zu können. Folgten die Jugendlichen diesem Appel? Schon im April 1925 versammelten sich 500 Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren in Brüssel zu einem Kongreß, um von dem Programm der Bewegung Kenntnis zu nehmen und dasselbe gut zu heißen. Kurz danach folgte dann eine soziale Woche in Fayt, sowie im September 1925 ein zweiter Kongreß in Namür. Bei dieser Gelegenheit erklärte der junge Metall- arbeiter Louis Deraux: ”Wir werden Missionare in blauer Arbeitskleidung mit schwarzen schwieligen Händen und einer weißen Seele sein”. Daß man es ernst mit dieser Erklärung gemeint hatte, bewies der Refrain des Jocistenliedes : ”Für Christus König stolz voran”, welches zum erstenmal im Juli 1926 gelegentlich einer Sozialen Woche gesungen wurde. Seit 1926 erklang dieses Lied aber nicht nur bei feierlichen Anlässen in den Großstädten unseres Landes, sondern auch im Göhltal und vor allem in Kelmis, wo sich mutige Jungarbeiter seit Oktober 1925 bereit erklärt hatten, das Programm aktiv mit verwirklichen zu helfen. Zu diesem Zwecke fanden mehrmals in der Woche unter Kaplan Wenders Studienzirkel und Ver- sammlungen statt, um soziale und religiöse Themen ausführ- lich besprechen und den Jungarbeitern diesbezüglich Wissens- wertes übermitteln zu können. Auch wurde die arbeitende Jugend angespornt, sich während ihrer Freizeit kulturell zu betätigen.
93 im ganzen Lande Lob und Anerkennung. Dies kam klar und deutlich zum Ausdruck, als 1933 seitens der Bewegung eine deutschsprachige Monatszeitschrift, ”’Die Christliche Arbeiter- jugend”, herausgegeben wurde. Am 27. August 1933 fand in Lüttich ein Kongreß der Christlichen Jungarbeiter der Pro- vinzen Luxemburg, Namür und Lüttich statt. Er begann mit einem feierlichen Hochamt in der dortigen St. Jakobskirche, die Festpredigt hielt Kanonikus Cardyn. Er umriß die Bedeu- tung dieser Veranstaltung mit den Worten: Der Kongreß ist für uns ein Bekenntnis zu der Aufgabe, das Erlösungs- werk unseres Heilandes fortzusetzen, nicht indem wir Haß und Unfrieden säen, sondern als Apostel der Liebe und Brü- derlichkeit auftreten. Nach dem Hochamt folgte ein Festzug, dieser zog durch das Zentrum und Arbeiterviertel der Stadt. Auf dem Kongreßplatz defilierte man vor dem Hochw. Herrn Bischof und den zahlreichen Ehrengästen. Hierbei sangen die Teilnehmer aus unserer Gegend das Jocistenlied in deutscher Sprache. Am Ufer der Maas bestiegen alle Teilnehmer die bereitstehende Schiffe und der Festzug nahm so in origineller Weise seinen Fortgang. Anschließend wurde dann im Palais des Princes-Eveques die Generalversammlung abgehalten. Maurice Henkard, Sekretär von Radio Catholique, sorgte da- für, daß diese einzigartige Kundgebung in die ganze Welt ausgestrahlt werden konnte. Dem Hl. Vater, dem König und dem Kardinal wurden Telegramme zugesandt in welchen es hieß : Wir Jocisten kennen keine Politik, unser Programm ist das der Liebe und Brüderlichkeit. 1935 setzte sich die Bewe- gung auf Landesebene aus 28 Föderationen mit insgesamt 85.000 Mitgliedern in 2.204 lokalen Sektionen zusammen und es konnte zu Recht als Jahr des Erfolges und der Eroberung gefeiert werden. Bemerkenswert ist auch das Informations- material, welches den Jungarbeitern zur Verfügung gestellt wurde ; allein im Jahre 1934 waren es 6 Millionen Exemplare. Zu einem unvergeßlichen Erlebnis wurde aber der 25. Au- gust 1935 als 60 Sonderzüge 100.000 Jungarbeiter unseres Lan- des, sowie aus Frankreich, Holland, Luxemburg, Schweiz, England, Kanada und Kongo nach Brüssel brachten, ein Be- weis dafür, daß zu dieser Zeit die J.O.C. schon eine Weltor- ganisation geworden war, die den Weg einer friedlichen Evo-
95 den war. Er wurde damals sogar von Bürgermeister Peter Kofferschläger und den Ratsmitgliedern im Gemeindehaus empfangen und der erste Kelmiser Präsident Laurent Fryns sprach gelegentlich der Festversammlung über Werdegang und Tätigkeit der Kelmiser Ortsgruppe. Was tat die Bewegung für die Jungarbeiter ? Eine Hauptaufgabe bestand darin, der arbeitenden Jugend schon vor ihrer Schulentlassung die Möglichkeit zu geben, sich auf ihr späteres Arbeiterleben vorzubereiten. Dies geschah durch spezielle Zusammenkünfte mit Ärzten, Priestern und Lehrern, auch dienten Betriebsbesichtigungen und Berufsbe- ratungen diesem Zwecke. Ferner wies man auf die Wichtig- keit der Christlichen Gewerkschaften hin, organisierte einen moralischen und materiellen Hilfsdienst für arbeitslose Jugend- liche, kümmerte sich um Gesundheit und Sicherheit in den Betrieben und schuf Dienststellen, um Gesuche und Beschwer- den bei zuständigen Ämtern einzureichen. Zur gründlichen Ausbildung stellte man vor allem aber zahlreiches Informa- tionsmaterial zur Verfügung und veranstaltete regelmäßig zu diesem Zwecke soziale Bildungswochen. Auch wurde eine Vorbereitung auf die Militärdienstzeit nicht außer Acht ge- lassen ; man stellte Spareinrichtungen zur Verfügung und bot den Jugendlichen Gelegenheit sich kulturell zu betätigen. Dies sind einige der vielen Dienste, die heute vielleicht als etwas Selbstverständliches betrachtet werden, die es aber vor 50 Jahren noch nicht gab und die zeigen, wie notwendig es da- mals war, diese Bewegung ins Leben zu rufen. Kann die Bewegung nun nach 50 Jahren auf eine erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken ? Wenn das vorhin erwähnte heute auch im allgemeinen überall besteht, so ist es doch hauptsächlich dank der Christl. Jungarbeiter Bewegung Wirklichkeit geworden, denn gerade sie hat im Laufe der verflossenen Jahrzehnte Jungarbeiter herangebildet, die als Vertreter der Arbeiterwelt im Rahmen der Christl. Gewerkschaft oder anderer christl. Organisationen auf sozialer und politischer Ebene tätig waren und es auch
96 heute noch sind, in nationalen, regionalen, lokalen Einrich- tungen und Betrieben. Gerade diesbezüglich hat die Kelmiser J.O.C. Beachtliches geleistet, denn man kann den ehemaligen Kelmiser christl. Jungarbeitern bescheinigen, daß sie es waren, die vor 50 Jahren und im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte, unterstützt von älteren Arbeitern der Christl. Gewerkschaft, die Toren zu den Betrieben öffneten und sich als Delegierte derselben in den Fabriken und Kohlenzechen für die Belange ihrer Mitarbeiter einsetzten, ohne diejenigen zu vergessen, die Jahrzehntelang als Angestellte christl. Organisationen der Bevölkerung wertvolle Dienste leisten oder geleistet haben. Vieles könnte diesbezüglich über die Pionierarbeit der ehe- maligen Jocisten von Kelmis und Umgebung berichtet werden, aber das würde zu weit führen. Was die Bewegung aber im allgemeinen betrifft, bleibt noch zu erwähnen, daß dieselbe nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht mehr öffentlich sondern nur im Verborgenen tätig sein konnte, sich aber nach Kriegsende über die ganze Welt ausbreitete, ganz besonders nach der internationalen Zusammenkunft in Montreal im Jahre 1947, sodaß 1950 das College Kardinal Mercier in Braine l’Alleud Delegierte aus 40 Ländern empfan- gen konnte. Im August desselben Jahres zeigte sich die Be- wegung in Rom mit 32.000 Jungarbeitern aus 91 Ländern. Februar 1963 wurde ihr Gründer, der im Jahre 1882 in Brüs- sel geborene Joseph Cardyn, der nach 1945 79 Länder besucht hatte, von Papst Johannes XXIII. als Experte ins Konzil be- rufen und danach von Papst Paul VI. zum Kardinal ernannt. Kardinal Cardyn verstarb im Alter von 85 Jahren zu Brüssel, aber die durch ihn gegründete Bewegung der Christ- lichen Jungarbeiter lebt weiter in der ganzen Welt. Möge dieser kurze Rückblick über die Tätigkeit derselben nach 50 Jahren die jetzige Generation der Jungarbeiter anspor- nen, dieser Bewegung beizutreten, damit sie auch weiterhin ihre erfolgreiche Tätigkeit fortsetzen kann. | | | |
97 Renommierbauern von Leo Homburg 1867 Großer Vieh» und Mobilar» Verkauf zu Altenet, YUuf Anfehen von Wild. Jacquemın, Uderer und in deffen Wohnung zu Afenet auf dem Oute Hivmelslag, follen am Donnerfag, den 441. dIıyrilk d. S., Morgens 9 Uhr anfangend, vor dem unterzeichneten Nurar auf Kredit gegen Bürgfchatt, öffentlich verkauft werden : 17 fchöne Kühe, mobei eine leere, 5 Rinder, 1 Stier, 4 Fofelfchweine, 5 Hühner ‚und Habn, 1 farfes Ucferpferd, 20 Malter fchdue Saamıs bafer, fämmtliche Hangmobikien, Küchen» und Kellergeräthichaften, als; Tilhe, Stühle, Kanapees, 1 Kleiderfchranf; 1 Sladfchranf, 4 Betrladen, 2 Hauduhren, Z Defen nedbft Zuhehör, Kupfer, Zım, Porzellan, ESchildereien 2. 20., 1 Butterfaß, 250 hölzerne Meulchnäpfe, Butrerbütten und Milchbürren, Fimer, Bahren und große Bütten, Käjeveeken, Käfeplanfen und Horden, Milchgeftell, 1 Braus Feffel, 1 Eupferner Syrupfeffel, CSyrunpreffe, 4 “Parrie Apfelfyrup, . Zöpfe mr eingemachtem Semüle, 1 lange Karre mit 4zölligen Rädern und eiferner Uchfe, I Schlagkarre, 1 Pflug, Tgge, Walze, Hechfelkifte, 4 Leitern, 2 Schweis nelröge, 300 Etüt Kohnenftangen, 1 Partie Setzen und Pferdegefchitr, Jämmtliches Arbeitss gefehirr und ein, Nettenhund. . Schüller Vor hundert Jahren waren Anzeigen wie die vorstehende im Korrespondenzblatt des Kreises Eupen (1867) keine Selten- heit, im Gegensatz zu heute. Wenn in unseren Tagen ein öf- fentlicher Verkauf auf einem Bauerngut stattfindet, handelt es sich um Vieh und landwirtschaftliche Maschinen. Auf Haus- mobilar, das schon Generationen gedient hat, würde kein Gebot gegeben, es sei denn, es würde als ”antik’” angesehen. Zur Zeit meiner Großeltern war das anders. Noch in meiner Jungend habe ich bei Verkäufen zuge- schaut, wo vom wackeligen Stuhl bis zur morschen Bettstatt
98 alles seinen Käufer fand. Wollte die Tochter eines mit mehr Kindern als Kühen gesegneten Bauern heiraten, so ging der Vater zu einem öffentlichen Verkauf und es konnte sein, daß er dort ein Bett erstand, in dem schon ein halbes Dutzend oder mehr Kinder das Licht der Welt erblickt hatten, einen nur noch auf drei Füßen stehenden Schrank, einen wackeli- gen Tisch, eine wurmstichige Bank und ein paar Stühle, viel- leicht noch einen Ofen dazu und die nötige Möbelaussteuer war vorhanden. Auf solchen Verkäufen geschah es auch, daß besser ge- stellte Bauern auf etwas, was ihnen gefiel, ein Gebot machten und, um ihr Renommee nicht zu gefährden, andere Kauf- " liebhaber so lange überboten, bis sie den Zuschlag erhielten, auch wenn der gebotene Preis oft den Neuwert überstieg. Einen solchen Renommierkampf zweier Bauern erlebte ich noch im Frühjahr 1921. Herr Nikolaus Ahn, Pächter der Aste- neter Mühle, verkaufte öffentlich einen Teil seines Viehbe- standes und seines Materials. Unter anderem wurde ein Pferdegeschirr zum Verkauf angeboten. Auf einem Balken hängend, war seine ganze Pracht zu bewundern. Das Kummet (”Hamen’”) war mit Schellen- kranz versehen, der reiche Beschlag aus versilbertem Kupfer. Es ist anzunehmen, daß das Pferdegeschirr schon von Matthias Josef Thönnissen, der Jahrzehnte die Asteneter Müh- le betrieben hatte, benutzt worden war. ”Ahne Kolla”, wie der jetzige Pächter genannt wurde, war als Gehilfe bei Thön- nissen tätig gewesen und hatte 1910 den Mühlenbetrieb mit allem lebenden und toten Inventar übernommen. Die Mühleninhaber hatten damals ein besonderes Pferde- geschirr, das sie nur bei großen Gelegenheiten benutzten, so z. B. wenn einer ihrer bäuerlichen Kunden den Gutshof wech- selte und sie mit ihrem Gespann beim Umzug halfen. Nun hing also dieses Prachtstück von Pferdegeschirr da und wurde von allen bewundert. Auch ein Bauer aus Astenet bestaunte es und sagte dann zu den Umstehenden : ”Dat Päts- geschier gäl ech”. Ein dabeistehender Berufskollege aus Hergen- rath dämpfte seinen Optimismus, indem er sagte : ”Dat mängst
99 du mer ; dat gäl ech”. Die Umstehenden, die die beiden kann- ten, wußten, daß es spannend werden würde. Man schloß Wetten darüber ab, wer das Geschirr bekomme, wenn auch nur um ein paar Glas Bier, und wartete auf den großen Au- genblick. Endlich war es soweit. ”Dieses Pferdegeschirr, was wird geboten ?” Der Asteneter bot gleich ungefähr den Preis eines neuwertigen Geschirrs ; er hoffte wohl, dadurch seinen Rivalen zum Schweigen zu veranlassen. Doch der hatte sich auf eine zum Verkauf stehende Futterkiste gesetzt, hob eine zur Faust geballte Hand mit hochstehendem Daumen, überbot und sag- te : ”Solange er noch steht !” Gemeint war der Daumen. Nach jedem Übergebot des Asteneters.. warf der Ausrufer einen Blick auf den Daumen des Konkurrenten und erhöhte den Preis um die gleiche Summe zu dessen Gunsten. Der Asteneter begann zu schwitzen, seine Übergebote kamen langsamer, er trocknete sich zwischendurch den Schweiß aus dem Gesicht. Der Ausrufer hatte schon ein paarmal ”zum ersten, zum zwei- ten...” gesagt, ehe ein letztes Übergebot des Asteneter Bauern kam. Dann hieß es schließlich : ”Zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male”, und das Pferdegeschirr ging nach Her- genrath. Der Asteneter gratulierte dem! Hergenrather mit den Worten : ”Dat koost dech mie wie twee neu”. Dieser ant- wortete nur : ”Ech han wahl dat he gegauwe !” KARA Die im Verkauf angezeigten 250 Milchnäpfe dienten vor Er- findung der Milchzentrifuge zum Entrahmen der Milch.
100 Der Gemmenicher Kiosk Ein Nachruf, der sich reimt von Gerard Tatas Er wurde zu dem schönen Zweck Der Ex-Gemeindevater auch Erbaut, um — bei Visiten — Versagte bei dem Thema ; Frau Musica statt Gras und Dreck Hartnäckig wie ein dicker Bauch Am Ort genannt «Leclerre-Eck» Sind Sitten und lokaler Brauch, Ein Lusthaus anzubieten. Es blieb halt ein Dilemna. Doch kaum kam in der ganzen Zeit So fristete der Titelheld Die Dame her, die schöne, Ein heldenloses Leben. Weil ihren Thron man nicht geweiht Was kann es Schnöd’res auf der Welt, Aus Gründen der Parteiichkeit Die sich im Heldentum gefällt, Der achtzig Musensöhne. Als solch ein Dasein geben ! Und Weihe ohne «Harmonie» ? Nun hat ihn Bürgermeister Straet Absurd ! — Doch welche wählen ? Erlöst und abgebrochen, Die Lösung, wohl so wichtig wie Nachdem schon x-mal diese Tat Die Hamlet-Frage, fand man nie Der löbliche Gemeinderat Und spielte — in den Sälen. Kraft seines Amts versprochen. (Den Fremden zur Information : Entzieht jedoch der Politik Die beiden Blaskapellen, Sich Gemm’nichs Adenauer, (*) Die führen achtzig Jahre schon Vielleicht in diesem Augenblick Mit Taktgefühl und gutem Ton Errichtet - wer kennt das Geschick? - Reputationsquerellen. Ihn wieder der Erbauer! Und welche hatte in dem Fall Die Ehr’ gewissermaßen, Mit Pauken- und Trompetenschall, Vielleicht gar Wagners Parsifal, Als erste drauf zu blasen ?) (*) Ehemaliger Bürgermeister, der in Gemmenich bei den Wah- len so siegreich war, wie Adenauer in Deutschland, deshalb die Bezeichnung,
101 Das Portrait: Adolf Christmann von Dr. Gisela De Ridder Mit Adolf Christmann wird ein Künstler unserer Gegend vorgestellt, dessen Ruf weit über Europa bis nach Amerika reicht. Sein künstlerisches Schaffen soll hier aufgezeigt werden. Der 1927 in Eupen geborene Adolf Cristmann fing bereits mit 12 Jahren an zu malen. Zunächst malte er einfach ab. Doch schon bald bemerkten Lehrer sein Maltalent. Der Mutter legte man es nahe, den begabten Jungen in Malen und Zeich- nen unterrichten zu lassen. Damals lebte der bekannte deut- sche Maler Weitz, der seine Heimat verloren hatte, auf Schloß Liberme. Dieser nahm sich des Jungen an und so kam es, daß Adolf Christmann von seinem 16.-19. Lebensjahr täg- lich auf Schloß Liberme Unterricht erhielt. Waren es anfangs Bleistift- und Federzeichnungen, so waren es kurze Zeit später Aquarelle und Kreidezeichnungen. Die ersten Landschaftsbil- der enstanden von allen möglichen Blickwinkeln dieses Schlos- ses aus. Er malte alles, was er von dort aus sehen konnte. Heimlich besorgte er sich Ölfarben und ohne Wissen seines Lehrers malte er zu Hause in Öl. 1946 besuchte er zur Vervollständigung seiner Ausbildung die Malschule St. Luc in Lüttich. Diese Schule wurde von Ordensbrüdern geleitet. Der Unterricht beschränkte sich auf das Malen von Männerhalbakten und Portraits. Nach 4 Mo- naten trat er in die Akademie von Lüttich ein. Aufgrund seines Ausbildungsstandes übersprang er 4 Klassen und wurde sofort in die Portraitklasse aufgenommen. Von dieser Schule kamen die Impulse, die der schon erfahrene Christmann für seinen späteren Werdegang brauchte. Bereits nach einem Jahr wurde ihm der erste Preis in der Portraitklasse zugesprochen. Der unermüdlich arbeitende Künstler nahm auf Raten seiner Lehrer an verschiedenen Wettbewerben teil. So erhielt er 1947 den Ste Marie-Preis der Stadt Lüttich, 1947 den Watteau- Preis, 1949 den Rantzy-Putzey-Preis und den Preis der belg. Regierung, 1956 den Deauville-Preis, 1963 den Preis des Festi- vals von Saint-Tropez, 1973 den New-Yorkpreis für Paris und
102 den Preis der öffentlichen Wahl bei den Wettbewerben um den Preis von New York. Zwischen diesen Jahren, in denen ihm große und größte Auszeichnungen zuteil wurden, liegen Zeiträume intensiven Schaffens. Der Künstler versuchte stets, um seine künstleri- sche Fertigkeit zu verbessern, alle bestehenden Techniken zu erlernen und alle möglichen Farbmischungen nachzuvollzie- hen. So führte ihn auch sein Weg nach vierjährigem Aufent- halt in Lüttich 1!» Jahren auf die Akademie nach Antwerpen. Hier folgte er der Akt-, Portrait-, und Tierklasse. Noch heute amüsiert er sich darüber, daß er in der Tierklasse lebende Modelle, wie eine Kuh, ein Pferd, unter Aufsicht eines Tier- " pflegers malen durfte. Viele Exkursionen in den Zoo führten dazu, daß der Künstler mit Begeisterung hunderte von Skizzen und Zeichnungen fertigte, wobei er sich jedesmal beeilen mußte, die sich rasch ändernden Bewegungen der Tiere fest- zuhalten. Ende 1951 ging er nach Paris. Für 2 Jahre erhielt er Un- terricht an der bedeutendsten Malschule, der Akademie des Beaux Arts, bei Maitre Brianchon. Sein Lehrer, der ihn sehr förderte, verschaffte ihm bald ein paar Schüler, so daß er nunmehr selbst im Malen unterrichtete. Für seine Arbeit an der Schule wurde ihm seine erste Staffelei überreicht. Sei- nen Lebensunterhalt bestritt er durch den Verkauf seiner Bilder. Ab 1957 führten ihn Studienreisen in die Schweiz, nach Südfrankreich und vor allem in den Mittelmeerraum. Zeigte er vorher eine Vorliebe für Grautöne, so stellte er sich jetzt auf frische, kräftige Farben um. Eine starke Helligkeit trat in seinen Bildern hervor. Das Farbenspektrum dieses Raumes beeinflußte ihn nachhaltig. Statt des Pinselstrichmalens in der kleinen Fläche wandte er sich dem großflächigen Malen zu, um sich später der Spachteltechnik für immer zu verschreiben. Rückblickend hatte der Künstler mehrere Perioden durch- gemacht, in denen nur jeweils eine ganz bestimmte Farbe in allen Varianten auf seinen Bildern zum Ausdruck kommt. So hatte er zunächst eine blaue Periode, dann über viele Jahre eine Periode, in der er die Rotskala bevorzugte. 1967, bei |
104 dann greift er zur Staffelei, beeilt sich, den Kontrast von Licht und Schatten zu fixieren, entwirft mit dem Pinsel rasch die Konturen und erfaßt großflächig und farblich so das ge- samte Bild in kurzer Zeit. Unabdingbar bezieht er den Men- schen in sein Schaffen mit ein. Er, der aus dem Vollen zu schöpfen vermag, stellt seine Werke ohne besondere Erwartung dem Betrachter zur Ver- fügung. Wenn sein Werk dann noch gefällt, hält er es beschei- den für einen Zufall. Seine erste Ausstellung in unserer Gegend fand 1963 nach dem Umbau und der Neueröffnung des Grenz-Echos statt. Er war der erste Künstler, der dort ausstellte. Ihr folgten viele mit Erfolg gekrönte Ausstellungen, die immer mit bisher nicht gezeigten Bildern beschickt werden, ob sie in Europa, in den USA oder in Kanada stattfinden. Seit 1963 ist ihm seine Gattin, Frau Heidi Christmann, Doktor der Philosophie, eine verständnisvolle Lebensgefährtin. Auf all seinen Studienreisen ist sie ihm eine umsorgende Begleiterin, die nach Kräften sein Schaffen unterstützt.
105 Auf dem Büchermarkt von Alfred Bertha Die grundlegenden Veröffentlichungen über die jüngste Geschichte der Kreise Eupen-Malmedy sind so spärlich gesät, daß man sie an den Fingern einer Hand abzählen kann. Es ist schon ein Wagnis, das in mancherlei Hinsicht auch heute noch ”heiße Eisen” der Nazizeit anzufassen. Umso höher muß man das Verdienst einschätzen, wenn es einem Autor gelingt, trotz aller Tabus und Schwierigkeiten das Thema Eupen-Mal- medy 1940-45 mit der größtmöglichen Objektivität zu be- handeln. Es soll hier die Rede sein von Martin R. Schärer: ”Deutsche Annexionspolitik im Westen .- Die Wiedereingliede- rung Eupen Malmedys im Zwei- ten Weltkrieg”, Herbert Lang Vlg., Bern und Peter Lang Vlg., Frankfurt/Main, 1975, 359 S. + 19 S. Abb., 650 Fr. - 41 DM. Ein kurzer Überblick über die ”geschichtlichen Grundla- gen”, in dem vor allem die Jahre 1920-1940 breiteren Raum einnehmen (S. 23-27), endet mit der Feststellung, daß am 10. Mai 1940 der Wunsch vieler Eupen-Malmedyer in Erfüllung ging. Dank der Vorarbeit der prodeutschen Gruppierungen und der positiven Einstellung eines Großteils der Bevölkerung konnte die Wiedereingliedrung ins Reich verhältnismäßig rei- bungslos vonstatten gehen. Der Autor kommt dann zum eigentlichen Thema seiner Arbeit. Der Einmarsch und die Kriegshandlungen werden ab- sichtlich schnell abgehandelt, da Schärer ”militärische Ereig- nisse... lediglich als zeitliche Abgrenzung der Annexions- politik” erwähnt. Der Führererlaß vom 10. Mai (Art. 1: ”Die durch das Versailler Diktat vom Deutschen Reich abgetrennten Gebiete von Eupen, Malmedy und Moresnet sind wieder Bestandteil des Deutschen Reiches”), das Echo in der Bevölkerung und vor allem die rechtlichen Probleme, die durch besagten Erlaß aufgeworfen wurden, werden eingehend untersucht. Dabei
106 unterstreicht Schärer, daß der Annexionserlaß, weil voreilig, d.h. vor der ”debellatio”, der endgültigen Niederlage des Gegners, proklamiert, zwar nicht als rechtgültig im Sinne des Völkerrechts zu betrachten war, daß das Dritte Reich sich jedoch um internationale Rechtsnormen nur wenig scherte, seine eigenen. aber mit allen Mitteln durchzusetzen imstande war. Das Verhalten der belg. Regierung, die ”die Annexion mit Schweigen quittierte”, mußte bei den Eupen-Malmedyern den Eindruck erwecken, als ob sich Belgien mit der Abtrennung der beiden Kreise abgefunden habe. Die Londoner Exilregie- rung erinnerte sich der Eupen-Malmedyer erst wieder im Juli , 1943. Premierminister Pierlot versicherte, ”sie seien Belgier und würden es auch bleiben. Drei Jahre lang aber hatte alles darauf hingewiesen, daß sie deutsch bleiben würden”. (S. 70-71). Anders verhielt es sich allerdings in den durch Runder- laß vom 29. 5. 1940 ebenfalls an das Reich angegliederten Ge- meinden bzw. Gemeindeteilen des ”Montzener Gebietes” und Behos (Bochholtz). Die Bevölkerung dieser Gebiete war davon überzeugt, daß die Annexion nur vorrübergehend sei und wieder rückgängig gemacht würde. Bei der Untersuchung und Darstellung der durch den An- schluß entstandenen Wirtschafts- und Grenzprobleme kommt manche bisher kaum bekannte Einzelheit zutage. Ein aus- führliches Kapitel widmet der Autor auch der allgemeinen Verwaltung und den öffentlichen Einrichtungen (Finanz- und Steuerpolitik, Post, Bahn- und Straßenverkehr, S.108-142). Daß mit der Wiedereingliederung E-M die Bewohner dieser Gebiete nicht sofort zu vollwertigen Bürgern deutscher Staats- angehörigkeit wurden, schuf einen Zustand der Ungewißheit und des Unmuts, da sich die Eupen-Malmedyer als Bürger zweiter Klasse behandelt fühlten. 16 Monate dauerte es, bis ihnen rückwirkend vom 18.5.1940 an die endgültige deutsche Staatsangehörigkeit verliehen wurde. Bis September 1941 wa- ren sie, wie die Regierung in Aachen sie bezeichnete, ”Belgier, vorbehaltlich der Regelung nach dem Führererlaß vom 23. Mai 1940”. Alle übrigen ”deutschstämmigen” Einwohner der annektierten Gebiete, vor allem also die der altbelgischen Gemeinden um Montzen, erhielten unter bestimmten Voraus-
107 setzungen die deutsche Staatsangehörigkeit auf Widerruf. ”Mit der Widerrufsmöglichkeit hatte man ein politisches Er- ziehungs- und Druckmittel gegen bewußte Ablehnung aller dt. staatlichen und politischen Einrichtungen in der Hand”. (S. 151). In den altbelgischen Gemeinden stieß der Begriff der Deutschstämmigkeit auf Unverständnis, da man es dort nicht verstehen konnte, daß zwischen Volkszugehörigkeit und Staats- angehörigkeit ein Unterschied gemacht wurde und daß auch belgische Staatsangehörige deutschstämmig sein konnten. Es bestand hier die Möglichkeit, den Beweis für die Nicht- Deutschstämmigkeit zu erbringen und somit Belgier zu bleiben. Trotz aller Regelungen über die Staatsangehörigkeit wurden sämtliche Einwohner Eupen-Malmedys vom Reich als Doppel- staatler angesehen, und zwar bis zu einer völkerrechtlichen Regelung mit Belgien ! (S. 156). Sehr unterschiedlich waren die Reaktionen der Neu- und Altbelgier, als die Wehrmacht ab Herbst 1941 zur Aushebung der ersten Jahrgänge schritt. Enthusiasmus bei den einen, Feindseligkeit bei den anderen. Die Zahlen der Wehrdienst- verweigerer und Fahnenflüchtigen sind wie ein Stimmungs- barometer. Einschneidende Maßnahmen mußte auch die Landwirt- schaft hinnehmen. Die Änderung des Pachtwesens, eine Um- schuldung und bes. die Einführung des Erbhofrechts bedeu- teten wesentliche Umstellungen. Im Gegensatz zu den Bauern der altbelgischen Gemeinden, nahmen die Eupen-Malmedyer eine positive Grundhaltung ein, was wohl zum Teil auch da- rauf zurückzuführen war, daß sie ihre Lebenshaltung infolge der höheren Agrarpreise verbessern konnten. In Kleingewerbe, Industrie und Handel machte sich die Kriegswirtschaft viel stärker als in der Landwirtschaft spür- bar. Schärer untersucht die durch die Kriegsbewirtschaftung entstandenen Probleme und Schwierigkeiten. Unter dem Titel ”Finanzwirtschaft, Preise und Löhne” behandelt der Autor das Bank- und Kreditwesen, die Preisbildung und Lohnan- gleichung. Die Lohn- und Preisregelungen führten übrigens zu einem Absinken des Lebenstandarts der Arbeiter und zu Unzufriedenheit. Der Reichstreuhänder der Arbeit war aller-
108 dings der Ansicht, die Eupen-Malmedyer müßten ihren Beitrag zum Wiederaufstieg leisten. Nach dem Kriege werde Über- fluß herrschen und die Preise würden wieder sinken... (S.201). Das Kulturleben Eupen-Malmedys wurde einer gründli- chen Säuberung unterzogen, um es von allen fremdländischen Einflüssen freizumachen. Schärer beschreibt ausführlich die vom Nazistaat ergriffenen Maßnahmen in der Sprach- und Schulpolitik, die auf dieses Ziel hinarbeiteten. Auch im kirch- lichen Bereich sollte die Zugehörigkeit zum Reich sich durch eine Unterbindung aller belgischen Einflüsse und eine Los- lösung von Lüttich dokumentieren. Wenn im Falle E-M der Vatikan die Wiedereingliederung faktisch dadurch sanktionier- . te, daß er den Bischof von Aachen gleichzeitig zum Aposto- lischen Administrator des neuen Gebietes ernannte, so hütete sich Rom im Falle der altbelgischen mitannektierten Gemein- den zu jeder voreiligen Entscheidung. Diese Gemeinden wur- den zwar auch von Aachen verwaltet, aber der Aachener Bischof fungierte dort als Generalvikar im Auftrag des Bi- schofs von Lüttich. Die Besoldung der Geistlichen erfolgte von Aachen aus. Die beiden letzten Kapitel seines Buches widmet der Au- tor dem Sozialwesen und der Stimmung in der Bevölkerung (S. 236-252), ehe er dann den Versuch unternimmt, Bilanz zu ziehen (”Vier deutsche Jahre” und ”Nachwirkungen bis in die Gegenwart”, S. 254-273). Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, wollte man weiter auf Einzelheiten ein- gehen. ”Die Kontroversen um die deutsche Annexion und um die teilweise immer noch spürbaren Folgen sind in der Bevöl- kerung Ostbelgiens bis heute noch nicht zur Ruhe gekom- men”, schreibt Schärer in der Einleitung. Wir sind überzeugt, daß es mit vorliegendem Werk dem Autor gelungen ist, zu ciner Klärung der Probleme beizutragen, wenn die Kontro- versen auch noch lange anhalten werden. Nicht zuletzt verdient das Werk Beachtung ob seines reichhaltigen Quellenmaterials ; vor allem die Gemeindearchi- ve der annektierten Gemeinden wurden hier zum ersten Male systematisch durchgearbeitet.
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