Im Göhltal ZEITSCHRIFT der VEREINIGUNG für Kultur, Heimatkunde und Geschichte im Göhltal N° 16 2-74
Vorsitzender : Peter Zimmer, Kelmis, Siedlung P. Kofferschläger, 10. Sekretariat : Rue du Calvaire, 8, 4671 Moresnet Lektor : Alfred Bertha, Hergenrath, Bahnhofstraße, 20b. Kassierer : Fritz Steinbeck, Kirchstraße, 20. Postschekkonto N” 000-0191053-60 Die Beiträge verpflichten nur ihre Verfasser, Alle Rechte vorbehalten, Entwurf des Titelblattes : Frau Pauquet-Dorr, Kelmis. Diese Skizze zeigt den Moresneter Göhlviadukt sowie die Hergenrather Hammerbrücke in ihrer ursprünglichen Form. Druck. Jacques Aldenhoff, Gemmenich.
Inhaltsverzeichnis Firmin Pauquet, Kelmis Die Umgebung von Kelmis im Jahre 1775 nach der Bestandsaufnahme der Ferraris-Karte 4 Alfred Bertha, Hergenrath Aus der Pfarrgeschichte Hergen- raths : Dokumente zur Frühge- schichte der Pfarre Hergenrath 12 Walter Meven, Hergenrath Zur Geschichte des Raerener Töp- ferhandwerks 30 Otto Hirtz, Aachen Die Galmeiflora im Göhltal - Eine vegetationskundliche Betrachtung (2. Teil) 36 Albert Stassen, Homburg Juppe u. Bretze - Homburger Fol- klore 45 L. Wichert-Schmetz, Die Blätter fallen ... (Gedicht) 56 Bad-Briburg Viktor Gielen, Raeren Wie unsere Raerener Vorfahren Kirmes feierten 57 Jacques Keil, Eupen Das Portrait : Maria Hasemeier- Eulenbruch 64 Leo Homburg, Fossey Fronleichnamsprozessionen 73 Elka Ledwon und Walter Eine Rundfahrt durch die frühere Janssen, Hauset Bank Wal'horn oder «Lerne Deine Heimat kennen !» 77 Gerard Tatas, Gemmenich 3 mal lachen : Der Feuerwehrmann, Et Beschlag, De Amtsbeleidigong, (Gedichte) 84 L. Wichert-Schmetz, Die Eyneburg in Hergenrath Bad-Briburg (Gedicht) 87 Josef Bonni, Kelmis Heinz Errens (1923-1973) 90 Fierre Xhonneux, Four une graphie plus rationnelle Bleyberg-Homburg du patois 94 G. De Ridder, Tätigkeitsbericht für das Jahr 1974 98 Moresnet-Kapelle
4 Die Umgebung von Ke!mis im Jahre 1775 nach der Bestandsaufnahme der Ferraris-Karte von Firmin Pauquet Die Kabinettskarte der Österreichischen Niederlande - einfach Ferraris-Karte genannt - wurde von 1771 bis 1778 als erste topographische Karte unseres Landes unter der Auf- sicht des Generals Graf Joseph de Ferraris (1) aufgenommen. Sie lehnt sich an die topographische Karte Frankreichs an, die + einige Jahrzehnte früher unter der Aufsicht des Cesar- Francois Cassini (1714-1784) aufgenommen worden war. Die Aufnahmen an Ort und Stelle wurden mit dem Meßtisch, aber ohne Triangulation (2), von den Schülern der Mathe- matikschule des Artilleriekorps unter Leitung des Hauptmanns Cogeur und der Leutnante Gillis und Wirtz durchgeführt. Die Karte wurde im Maßstab von ca. 1/11.520 handgezeichnet und gefärbt. Sie zählt 275 Blätter von 90 auf 140 cm. Der Zu- sammensetzungsplan zählt 15 große Rechtecke von meistens 25 Blättern, die von A bis Z unter Weglassung des ”J” gekennzeichnet sind. Die Rechtecke sind mit römischen Zahlen numeriert. 1. Graf Joseph de FERRARIS, in Lunö&ville, Lothringen, am 20. April 1726 geboren, war einer der vielen Lothringer, die von Kaiser Franz Stephan, dem Gemahl Maria Theresias, Herzog von Lothringen bis 1738, nach Wien geholt wurden. Mit zehn Jahren wurde er Edelknabe der Kaiserinwitwe Amalia, Er widmete sich dem Solda- tenstand. Am ‚14. Oktober 1768 trug er bei Hochkirch als Oberst des Regimentes Karl von Lothringen durch Erstürmung der stärksten preußischen Batterie zur siegreichen Entscheidung bei. 1767 zum Direktor der Artillerie in den Niederlanden, 1775 zum Gouverneur von Dendermonde (Termonde) ernannt, erhielt er nach Siegen von Onnaing am 1. Mai 1792 und von Estreux am 28. Mai 1793 das Kommandeur- und das Großkreuz des Maria-Theresien-Ordens. Nach der Einnahme von Valenciennes durch die Kaiserlichen wurde er Vizepräsident des Hofkriegsrates und erhielt 1809 den Marschallstab. Ferraris starb in Wien am 1. April 1814. — Nach BENEDIKT, Heinrich: Als Belgien österreichisch war. Wien - München, Herold, 1965; 291 S. — S. 263. 2. Das Fehlen einer echten Triangulation macht sich durch verschiedene Verzerrungen bemerkbar. Diese werden deutlich, wenn man die Ferraris-Karte auf die jetzige topographische Karte projiziert.
5 Das Gebiet des Herzogtums Limburg fällt in Rechteck XV und zwar auf dessen Blätter A15 Liege, B15 Forrest, G15 Mheer, 115 Herve, L15 Limbourg, Z15 Gemmenich, X15 Eynat- ten, V15 Eupen, T15 Saurbrodt. Zwölf handgeschriebene Bände von ”Memoires historiques, chronologiques et ceconomiques” geben’ jeweils allgemeine Er- läuterungen und Kommentare zu den einzelnen Blättern. Jeder Ausgabe entspricht prinzipiell einem Rechteck des Zusammen- setzungsplanes, mit dem Vorbehalt, daß Kommentare zu den unvollständigen Rechtecken in einem Ausgabe zusammengefaßt sind. Ausgabe 12 der ”Memoires” entspricht Rechteck XV und enthält die Beschreibung des Herzogtums Limburg. Von diesem herrlichen Kartenwerk, das insgesamt 200 m? mißt, wurden drei Exemplare gezeichnet. Eins dieser drei Exemplare, das dem Generalgouverneur der österreichischen Niederlande, Prinz Karl-Alexander von Lothringen, gehörte, wurde 1793 nach Wien in das Kriegsarchiv in Sicherheit gebracht. Belgien konnte es auf Grundlage des Vertrages von Saint-Germain-en-Laye vom 10. September 1919 von Österreich zurückverlangen und seitdem befindet sich dieses Exemplar in der Abteilung ”Karten und Pläne” der König- lichen Bibliothek zu Brüssel. In Wien wurde ein neuer Zu- sammensetzungsplan, die sogenannte ”Schlüssel Carte” auf- gestellt. Die Blätter wurden fortlaufend von NW nach SO numeriert und in Schachteln -numeriert von I bis XIV - untergebracht. Diese fortlaufende Numerierung ist von der Königlichen Bibliothek beibehalten worden. Die Blätter des Herzogtums Limburg tragen die Nummern 191, 192, 211, 212, 213, 231, 232, 233, 234 und gehören zur Schachtel IX. Die beiden anderen Exemplare der Ferraris-Karte befinden sich im Kriegsarchiv zu Wien - eh. Exemplar des Kaisers Joseph II. - bzw. im Topographischen Dienst der Niederlande zu Delft -eh. Exemplar der Wiener Hof- und Staatskanzlei -. Wegen der außerordentlichen wissenschaftlichen Bedeu- tung dieses Kartenwerkes, das ständig von vielen Forschern benutzt und dadurch langsam aber sicher beschädigt wird, war eine vollständige Reproduktion notwendig gewor-
6 den. Diese konnte glücklicherweise durch die ”Pro Civitate” Stiftung des Gemeindekredits von Belgien durchgeführt wer- den. Für die Herausgabe wurde der Maßstab ca. 1/25.000 gewählt, der demjenigen der jetzigen topographischen Karte . des Militär-Geographischen Instituts entspricht. Jedes Origi- nalblatt ist bei der Wiedergabe in 4 Viertel aufgeteilt worden. Im Jahr 1965 erschien die Allgemeine Einleitung mit einer historischen Notiz des Herrn Antoine De Smet, Leiter der Kartenabteilung der Kgl. Bibliothek, aus der ich den gegen- wärtigen Kommentar übernommen und übersetzt habe. Ausgabe 12 der ”Memoires” und die dazu gehörigen Blätter des Her- zogtums Limburg sind im Mai 1974 veröffentlicht worden. i Der hier mit dem Einverständnis des Gemeindekredits . in schwarz-weiß veröffentlichte Ausschnitt aus den Blättern 212, Herve und 232, Eynatten läßt dennoch die durch schöne Farben auf Original und Wiedergabe gekennzeichnete Boden- nutzung erkennen. Da auf der Originalkarte die Farben durch verschiedene Mitarbeiter und in verschiedenen Zeitabständen eingetragen wurden, konnte keine absolute Einheitlichkeit der Nuancen erreicht werden. Das zeichnet sich besonders bei dem in unserem Kartenausschnitt vorherrschenden Grün der Wiesen, Weiden und Wälder ab. Die meist durch Hecken eingezäunten Wiesen herrschen schon damals im Göhltal vor. Darunter finden sich einige mit reihenartig angepflanzten Bäumen gekennzeichnete Obst- gärten. Dieselben befinden sich in der unmittelbaren Nähe der Häuser, die rot gekennzeichnet sind. Als größere Waldungen erkennen wir den Einenburger Wald, ”Bois d’Eynebourg”, - Angabe außerhalb des Aus- schnitts - den Bambusch, ”Bois de Bamesch”. Kleinere Wälder kommen in den Nebentälern der Göhl vor. Im großen ganzen hat sich in dieser Beziehung das Landschaftsbild seit Ende des 18. Jh. kaum geändert. Dagegen beherrschen Felder noch gewisse ebene Anhö- hen zwischen den Nebentälern : Links der Göhl : am Schmal- graf, der Lütticher Landstraße entlang beim Gut Hirtz ; süd- lich von Moresnet. Zwischen Hornbach und Göhl : von Husent
8 bis zur Eyneburg. Rechts der Göhl : am Nordrand der jetzigen Ortschaft Kelmis (Driesch-Dörnchen-Ossenkop-Steinkaul). Von den Äckern schwieriger zu unterscheiden sind die Heiden, die sich in der Mitte des Einenburger Gutes ausdehnen. Die Mitte des Ausschnittes durchschneidet die kurz vor- hin -1750- seitens der Limburgischen Stände angelegte ”Chauss6ee de Liege a Aix-la-Chapelle”, die Pavei, die sowohl die Göhl wie alle kleine Bächlein mittels steinerner Brücken überquert. Von den anderen Wegen erkennen wir den ”Che- min de Limbourg ä Rolduc, nomme Chemin du Duc”, den Hertogenweg, der die Landstraße am Weiler ”Op den Krut”, 7 auf dem Kreuz (3), überquert und weiter nach Moresnet läuft. Dann den Weg von Henri-Chapelle über den Weiler ”Esselbach” nach Kelmis. Seine Fortsetzung erkennt man nördlich der Galmeilagerstätte ; es ist der des jetzigen Kel- miser Straßenzuges Krickelstein-Neustraße-Parkstraße-Patro- nagestraße-Sandweg-Hattich, der alten Kelmiser Naeberstraet. Ab Hattich vereinigt sich dieser Weg mit der nach Aachen ziehenden Landstraße, die ihn ersetzt hat. Auf unserem Kartenauszug erscheinen keine Dörfer. Die Zahlen (67, 71, usw.) sollen die Pfarrangehörigkeit andeuten ; diese Zahl ist bei jedem Weiler und Einzelhof wiederholt. In der Umgebung kennzeichnen 67 Montzen, 71 Moresnet, 73 ”Hergenraet”. Die auf der Karte angegebene Pfarrangehö- rigkeit entspricht nicht immer den damaligen Tatsachen : so soll der Weiler ”Esselbach” zur Pfarre Moresnet gehören, obschon wir mit Sicherheit wissen, daß die Pfarrgrenze von Montzen gegen Moresnet dem Eselbacherbächlein bis zur Einmündung in den Hornbach, ”de Honn’”, folgte, so daß ein Streifen zwischen diesem Bächlein und dem Hornbach mit der Kelmiser Rochuskapelle zur Montzener Pfarre ge- hörte. Höchstwahrscheinlich haben die Kartographen die Be- wohner gefragt, welche Pfarrkirche sie meistens besuchten. In einigen Fällen war dann die nächtsliegende besuchte Kirche eben nicht die rechtskräftige Pfarrkirche. 3. Heute steht an diesem Ort noch ein altes Steinkreuz aus dem Jahre 1597 eingemauert in der Mauer der Stallung des Bauernhofes ”Aje Krütz”. Sieh WINTGENS, Leo: Vergessene Zeugen der Vergangen- heit, Steinkreuze an unsern Wegen in ”Im Göhltal” Nr. 2 - 1967, S. 20.
9 Obschon die angegebenen Ortsnamen nicht sehr zahlreich sind, werden doch folgende Weiler bekannt gegeben : in der Pfarre Moresnet: Kelmisse ou Calmine, Op den Driesche (heute Bambosch) ; in der Pfarre Montzen, heute Lontzen, Op den Krut, Esselbach -irrtümlicherweise bei Moresnet ein- gepfarrt -. Wie aus anderen Quellen bekannt, liegt der Weiler Kelmis um die Göhlbrücke herum, da wo zwei alte Wege aus der Richtung Henri-Chapelle, die spätere Landstraße und der Schnellenberger Weg, die Göhl durch eine Furt passierten. Die alte Rochuskapelle ist aber keineswegs angedeutet (4). Von den vielen Einzelhöfen sind folgende mit Namen erwähnt : de Hertz, cabaret, Herberge oder Wirtshaus also, an der Landstraße von Osten nach Westen. Cense Snellen- berg ; Cense Hausset (Husent), gerade am untersten Karten- rand liest man noch ”Cse” = Cense. Von den Burgen und Schlössern erkennen wir ”Chäteau Eynenbourg” in Hergenrath. Von den Mühlen und Betrieben : ”Kelmisse” am ”Hond, ruisseau”” ; eine ”usine de Cuivre”, d.h. eine Kupfermühle, die Jansmühle ; die ”Calmine en Cuivre, A.S.M.” d.h. die Galmeilagerstätte des Altenberges, die seit 1439 zugunsten der herzoglich limburgischen Domäne ausgebeutet wird. A.S. M. bedeutet ”ä sa Majeste”. Innerhalb des Domanialgutes - als Heide erkennbar - erkennt man ein Gebäude, dem ein Wasserlauf entspringt : das Gehäuse des Pumpenwerkes, das mittels eines Wasserrades betrieben wurde, und für die Was- serhaltung in den unterirdischen Stollen und Gängen sorgte. Dann vier andere Gebäude : das große Galmeimagazin, den überdeckten Röstplatz, die Schmiede, und die Baracke oder Schutzhütte der Bergleute mit dem ”chauffoir”, einem ge- heizten Zimmerchen. Am Nordrande des Domanialgutes liegt in einem Obstgarten das königliche Haus, la ”maison du Roi de la montagne des calamines”, wo der ”contröleur” des Altenbergs, seit 1649 mindestens, seinen Wohnsitz hatte. In diesem wohnte auch zeitweise der herzogliche Rentmeister 4. PAUQUET, Firmin: Die ältere Besiedlung im Gebiet der ehemaligen Herrschaft Kelmis. ”Im Göhltal” Nr. 2, 1967, S. 25-35 + Karte; Nr. 5, 1969, S. 14-29; Nr. 6, 1969, S. 7-14.
10 und die Stände des Herzogtums versammelten sich hier am 19. September 1718. Die aus zwei parallel liegenden Flügeln bestehende Anlage wurde 1662 neuaufgebaut und stürtzte teilweise in den gewaltigen Tagebau im Jahre 1843 (5). Außer ”Geul” und ”Hond” (Honn, Hornbach oder Lontze- ner Bach) sind keine Bachnamen angegeben. Felsen sind erkenntlich bei der Eynenburg. Die Ober- flächenform, das Relief, wird durch Schattierung der Ab- hänge angedeutet. Dieses mangelhafte System läßt trotzdem manche Anhöhe, z.B. den Heidkopf, gut erkennen. . Den ”Memoires” zu den Blättern V15 und X15 entnehme ich noch folgende Erläuterungen : ”Das Gebiet, das auf beiden Blättern aufgenommen ist, ist sehr schwer zu durchqueren wegen der Hecken, die so zahlreich sind, daß man kaum eine geräumige freie Ebene vorfindet, und wegen der finsteren Wälder, die die Sicht nehmen (6). Anderseits sind die Wege außerhalb der Chausseen so schmal, daß nur ein einziger Wagen durchfahren kann. Die meisten Berge sind aber sowohl zu Fuß oder zu Pferde wie auch mit Wagen erreichbar. Man zählt zwei Kupfermühlen nordwestlich von Hergenraedt und zwei Schmieden nördlich des Weilers Kelmis, sowie eine Stein- grube im Aachener Wald unweit der Chaussee. Der Boden ist fett, dann und wann steinig. Im Osten eignet er sich für Ackerbau und Wald. Die geernteten Weizen, Roggen, Gerste und Hafer genügen aber nicht für die Versorgung der Ein- wohnerschaft. Obschon gebietsweise sumpfig, geben die Wie- sen so viel Heu, daß sehr viel Vieh gezüchtet wird. Der erzeugte Käse ist hervorragend und wird in der gesamten Umgebung verkauft. In den meist sumpfigen Wäldern wachsen Eiche, Buche und Hainbuche. Ein jährlicher Holzschlag liefert, zusammen mit dem Schnitt der Hecken, genügend Holz für Heizung und Zimmerung. Einige Heiden könnten wahrschein- 5. PAUQUET, Firmin: Exploitation de la Vielle-Montagne au XVI® siecle, Liege, 1970 ; Publications de la Societ& d’Histoire et d’Arche- ologie du Plateau de Herve; S. 1-62. Insbesondere S. 32-34. Allgemein. Reichsarchiv Brüssel; Pläne und Handschriften, Nr. 1107. 6. Der Autor der ”M&€moires” denkt vor allem an Militärverbände, Die Karte war ja unter anderem für militärische Zwecke bestimmt.
u lich urbar gemacht werden. Die Wege sind im Sommer brauch- bar, im Winter aber sehr schlammig. Die Göhl mißt 7 bis 11 Fuß breit und hat eine Tiefe von 2 bis 3 Fuß, wovon 1 bis 2 Fuß unter Wasser. Ihr Bett ist steinig und ihre Ufer steil. Es bestehen zwei gemauerte Brücken, die eine an der Lütticher Chaussee, die andere im Dorfe Moresnet. Die anderen Wege überqueren die Göhl an Furten. Der Hond hat 7 bis 8 Fuß Breite ab der Mühle von Lontzenbusch und 2! Fuß Tiefe, wovon 1 Fuß unter Wasser. Die Ufer sind steil, das Bett steinig und der Bachlauf reißend. Es besteht nur eine gemau- erte Brücke in Lontzen. Die anderen Bäche sind nicht erwäh- nenswert. Die Teiche und Tümpel können austrocknen oder durch Ablauf in benachbarte Bäche entwässert werden. Im Falle eines Krieges gegen Deutschland in der Aachener Gegend wäre dieses Gebiet wichtig, um den Feind anzugreifen oder um ihm den Einmarsch in das Herzogtum Limburg zu ver- sperren. Es bestünden aber viele Hindernisse für die Truppen- bewegungen und viele Maßnahmen wären notwendig, sowohl bezüglich der Viktualien wie auch der Wege” (7). 7. Nach dem Aachener Frieden von 1748 und dem Bündnis mit Frank- reich 1755 ist Preußen der Hauptfeind des Hauses Habsburg gewor- den. Preußen besitzt aber seit 1614 die niederrheinischen Herzogtü- mer Kleve, Mark und Ravensberg und kann von da her die öster- reichischen Niederlande bedrohen.
12 Aus der Pfarrgeschichte Hergenraths : Dokumente zur Frühgeschichte der Pfarre Hergenrath von Alfred Bertha Einleitung In Nr. 12 der Zeitschrift ”Im Göhltal” wurde versucht, das politische Geschehen des 19. Jh., so wie es sich nach der ”Chronik der Bürgermeisterei Hergenraed” darstellte, in den ‚, großen Linien nachzuzeichnen. Für die Pfarrgeschichte stehen uns neben genannter Chronik noch eine Reihe anderer Quellen zur Verfügung, vor allem die im Aachener Diözesanarchiv lagernde GVO-Akten betreffend Hergenrath, im Hergenrather Pfarrhaus liegende Dokumente sowie die sich auf diese Ort- schaft beziehenden Bestände der Staatsarchive Koblenz und Düsseldorf. Einige wenige Hinweise zur Person einzelner Pfarrer verdanken wir dem Lütticher Diözesanarchiv. Noch nicht voll ausgewertet sind die Archivbestände des ehemaligen Herzogtums Limburg, zu dem Hergenrath bis zur Franzosen- zeit gehörte. Sie lagern z. T. im Lütticher, z. T. im Brüsseler Staatsarchiv und bergen womöglich noch manch interessanten Hinweis auf die Hergenrather Pfarre. Auf einige Spezialab- handlungen weisen wir im Quellennachweis hin. 1. Kirche und Pfarrgemeinde Hergenrath von den Anfängen bis 1614 Im Mittelalter war das Bistum Lüttich in sogenannte Erzdiakonate unterteilt, wovon eines den Namen Erzdiakonat des Condroz trug. Jedes Erzdiakonat zerfiel wiederum in mehrere Dekanate, auch ”Konzile” genannt. Zum Erzdiakonat des Condroz gehörten 5 Konzile, und zwar Huy, Ouffet, Ciney, Hanret und St-Remacle. Letzteres geht uns direkt an, da es sich von der Maas im Norden von Richelle bis nach Her- genrath, Hauset, Eynatten, Raeren und Eupen erstreckte. Das ”Concile de Saint Remacle” bildete so den östlichen Teil des Erzdiakonats des Condroz. Die Karte mag dies deutlicher als Worte veranschaulichen (1).
14 Hof bei der Kirche, der dem Johan van Hergenraede gehört habe, empfange (4). Aus dem Martinus-Patronat der Hergenrather Kirche kann man nicht den Schluß ziehen, sie habe ein hohes Alter. Die über den Ursprung der Kirche vorhanden gewesenen Dokumente sind angeblich ”in früherer Zeit” bei Gelegenheit eines Pro- zesses zwischen den Pfarrern von Walhorn und Hergenrath an den Hohen Rat von Brabant in Brüssel geschickt worden, von wo sie nicht wieder zurückgekommen sein sollen (5). Es ist nicht ausgeschlossen, daß dies 1767 geschehen ist. In jenem Jahre hatten nämlich die beiden Pfarrer eine Streitsache bezüglich - des Zehnten in Hergenrath vor den höchsten Gerichtshof gebracht. Die Akten über diesen Streitfall sind bisher nicht wieder aufgefunden worden und der Prozeß selber ist uns nur durch einen zweiten, im Jahre 1777 geführten, bekannt (6). Leider müssen die Unterlagen also als verloren gelten, wenn nicht ein glücklicher Zufall sie eines Tages wieder ans Licht fördert. Dasselbe müssen wir von den alten Kirchenbüchern, den Tauf-, Heirats- und Sterberegistern, sagen (7). Damit sind äußerst wichtige Quellen zur Pfarrgeschichte verloren oder nur noch bruchstückweise erhalten. Der Überlieferung nach soll zu Ende des 16. oder Anfang des 17. Jh. die ursprüngliche Kapelle durch Anbau eines Schiffes und Turmes zu einer richtigen Kirche geworden sein (8). Auf die Frage nach dem genauen Zeitpunkt der Erhebung der Hergenrather Kapellengemeinde zur selbstän- digen Pfarre läßt sich bis heute keine definitive Antwort geben. Immerhin besitzen wir urkundliche Unterlagen, die etwas mehr Licht in die bisher dunklen Anfänge der Her- genrather Pfarrgeschichte bringen. Wenn sie uns auch nicht gestatten, die bisher um die Mitte des 17. Jh. angesetzte Pfarrwendung um 30 Jahre vorzuverlegen, so können wir doch anhand dieser Dokumente sagen, daß Hergenrath schon um 1620 eine de facto von Walhorn unabhängige Kirchengemeinde bildete, auch wenn diese Selbständigkeit de iure erst um 1650 zugestanden sein sollte. Auch können wir nunmehr der Na- menstafel der Hergenrather Pfarrer einige bisher unbekannte Namen hinzufügen. Bei diesen bisher unveröffentlichten Un-
15 terlagen handelt es sich um die ältesten erhaltenen Kirchen- rechnungen unserer Pfarre, die von 1614 bis 1643 führen (9). 2. Aus den Eintragungen des Kirchenrendanten Clas Beelen 1614 - 1643 Während mehr als 200 Jahren hat die Familie Beelen in Hergenrath eine hervorragende Rolle gespielt. 1576 kaufte Lambert Beeil van Embach (Heimbach ?) von den Eheleuten Peter und Marie Schardinel den Hof zu Hergenrath, nach seinen früheren Besitzern Gut Bertolf genannt. Aus Beeil bzw. Beylen wurde in der nächsten Generation Beel bzw. Beell. Nach dem Tode von Heinrich Beel kam das Gut an die Söhne Lambertus und Claes, welch letzterer 1621 seinen Anteil an ”Bertolf” empfängt (10). Dieser Claes Beel (die Namens- schreibung schwankt übrigens von Beel bis Bellen/Beelen) ist es, der das erste Hergenrather Kirchenbuch geführt hat. Da die Eintragungen nicht alle streng chronologisch geordnet sind (auf 1615 folgen 1629-30 und 1614), dürfte es sich z.T. 2 | ee A N N 2 . A ) 0 2 A 7 A nn 2 Ya A VE a WA Pr Ben Aa 2 DO N Ar MEAN N AP N FEN END m A NO Bi 2} HEN Wa Ma | A N a MAN L mia en NN „an SE ER j | ee ; 8 KON S I AN WAS C ‚{ el VAR AN AADEE A Das Gut Bertolf, auch Hergenrather Hof genannt Foto: A. Bertha
16 um nachträgliche Abschriften loser, nicht geordneter Unter- lagen handeln. So sind wir auch nicht in der Lage, genau zu bestimmen, von wann an Claes Beelen (dies ist die häufigste Schreibweise des Namens) Kirchenrendant gewesen ist. Es ist durchaus möglich, daß er dieses Amt schon 1614 innehatte, denn gleich aus den ersten Eintragungen geht hervor, daß er schon damals eine hervorragende Rolle in der Kirchen- gemeinde spielte. Später - 1634 und 1641- ist Claes Beelen auch als Schöffe der Herrlichkeit Hergenrath belegt (11). In der zweiten Hälfte des 2. Jahrzehnts des 17. Jh. mehren sich die Anzeichen, die auf eine unmittelbar bevorstehende ‚, Loslösung Hergenraths aus dem Pfarrverbande der Großpfarre Walhorn hindeuten. Alles deutet darauf hin, daß die Hergen- rather in jenen jahren enorme Anstrengungen gemacht haben, um aus dem Walhorner Kirchspiel auszubrechen. Als erstes galt es, die für eine selbständige Pfarre unerläßlichen Kult- gegenstände (Ziborium, Opferkelch, Ölgefäß, Taufstein, usw.) anzuschaffen, sowie einen eigenen Friedhof anzulegen. Die Gemeinde - es besteht keine Trennung zwischen Zivil- und Kirchengemeinde - besaß einigen Grundbesitz, vor allem aber einen Wald, St. Mertens Busch genannt, aus dessen Holz- verkäufen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen die Gemeindekasse aufgefüllt und die kirchlichen Ausgaben be- stritten wurden. Solche Versteigerungen von Holz aus dem St. Mertens Busch verzeichnet Claes Beelen für 1614, 1618, 1619, 1622, 1627, 1628 ‚1633, 1638 und 1643. Der Busch - etwa 22 Morgen groß - war in verschiedene ”Haue” eingeteilt, die dann in der Regel alle 9 Jahre abgeholzt wurden (12). Am 21. November 1614 wurde ein etwa 3 Morgen großer ”Hau” des Mertensbuschs - der sog. Herkenbruch - in drei Losen von je einem Morgen meistbietend versteigert. Den Erlös, rund 30 Taler, legte die Kirchengemeinde an einen Speisekelch. Dazu Claes Beelen : ”Den 18 Juny haeffen die Naeber (= Einwohner) des Dorps Hergenraedt ein Zebwiren (= Ziborium, abdeckbares Hostiengefäß zum Aufbewahren und Austeilen der Hostien) gegulden voir die Keirch tot Hergenraedt bey den golt schmeidt wonnende tot aichen (= Aachen) neist (= nahe) bey
17 et haus genandt die geidt (= die Geiß) tegen de Fleisch planck ouer (= gegenüber der Fleischplank : Aachen hatte zwei ”Fleichsplanken”, wo die Metzger ihre Ware anboten) wel- che Zebwiren-Monstrantis sawr (= swar, schwer) van ge- weicht twee pondt men (= weniger) ein Loedtt (13) beloipt ende (= und) koest an den goltt schmeidt seuentigh Daller 2 buischen aicher geltt (14) ; Noch dar beneben koest die Weyungh an die Mender bruider (= Minderbrüder, Franziskaner) erstlich vertert twee Kanen Weins meit (= mit) einen ouersten (= Obersten) van den bruideren 8 merck die Kan, facit 16 merck Noch an die vorsc (vorschreven = vorgenannte) bruiders verert (= geschenkt) einen Hamels buich (= Hammelbauch) bey Joireis Kettenis koest achthein merck men twee buischen. Noch op bouen vorsc dito Int hoellen (= Holen) ende ouer brengen der Zebwiren is vertert durch Reullen tot aste- net Lennert Schmeidt Klas Bellen veir aicher gulden bey Willem Bellen tot aichen”, Soweit die Eintragung über den Kauf des Speisekelchs bei einem Aachener Goldschmied, seine Segnung durch die dortigen Franziskaner und das Überbringen nach Hergenrath durch Reul aus Astenet, sowie Lennert Schme(i)dt und Klas Beelen. Was das Goldschmiedehaus ”zur Geiß” angeht, so hat es wenigstens zwei Häuser dieses Namens gegeben. Die um 1460 angelegten Grafschaftsbücher nennen ein solches Haus a) in der Schmiedstraße, mutmaßlich Nr. 9 (neben dem Gras- haus, heute Stadtarchiv). Hier wohnte Mitte des 17. Jh. der Weinhändler Andreas Amia. In seinem jetzigen Bestand dürfte das Haus Nr. 9 der Wende des 17. zum 18. Jh. zuhören. b) in der Königstorgrafschaft, Ecke Markt-Klostergasse. Die- ses Haus wird schon 1357 erwähnt. Bei Zurücklegung der Bauflucht fiel das Hausgrundstück Markt Nr. 2 in die Straßenerweiterung. Die Fleischplanken lagen gegenüber der ”Geis”, Markt Nr. 2, an der Ecke Jakobstraße - Kockerellstraße abwärts.
18 (Freundliche Mitteilung von Stadtkonservator a.D. Hans Königs). Als nächstes sollte das Taufrecht folgen. Dazu findet sich in den Kapitelsprotokollen des Aachener Marienstiftes unter dem Datum des 20. August 1618 folgende lapidare Eintragung : ”Item, weil die von Walhorn etliche Baptisteria auffge- richtet, solle darauf hienegst capitell gemacht werden”. Diese "etliche Baptisteria” waren die von Eynatten, Hergen- rath und Raeren. 1617 erhielten die an diesen Kapellen dienst- tuenden Priester das Recht, in ihrer Kapelle die Taufe zu spenden (s. V. Gielen, Mutterpfarre und Hochbank Walhorn, + S. 25). Erstaunlich ist, daß das Kapitel des Marienstiftes erst im August 1618 dieses Taufrecht erwähnt und daß entgegen der Ankündigung keine Kapitelversammlung zur Beratung über dieses Thema stattgefunden hat. Nachdem nun aber der Hergenrather Geistliche taufen durfte, war es vordringlich, einen Taufstein anzuschaffen. 1619 lautet denn auch eine der Eintragungen des Kirchen- rendanten : ”Noch betallt an den doep stein 13 Daller 10 Merck Voir dei deixsell (= Deckel) op den stein noch 1 merck an den schmett voir acy Klammen voir dey Kluister l (= Vorhängeschloß) op dey stein zalt 14 stuver”. Und am 16. April 1620 zahlt Claes Beelen ”an unsen pastoir herr arret 16 gl 2 merck voir seinen unmoetten er gehaedt hefft mit den doep stein er tot Meunster (= Kornelimünster ?) seluer hefft moetten goen umb den selbigen tebestellen ende auch mit dey Weyungh van unsen Keirchoff ende andere sachen mehr so unser Kirchen an gaedt”. Dieser erste Hergenrather Taufstein, den Pfarrer Arret (oder Arnoldus) in ”Münster” bestellte, ist noch erhalten, dient allerdings als Blumenkübel und steht im Vorgarten eines Hauses in der Bahnhofstraße. Der Deckel fehlt. Der Stein trägt die Jahreszahl 1619. Schon am 4. August 1618 hatte Claes Beelen 11 Aachener Gulden bezahlt für ”ein buich in uns Kirch nemlich ein bevell ende deup buich so uns pastoir arnoldus hefft doen
19 macken”. Taufbuch und Taufstein: beides war also 1619 vorhanden. Der erste Hergenrather Taufstein Foto: A. Bertha Aber auch die für die anderen Kulthandlungen notwen- digen Gegenstände wurden in jenen Jahren angeschafft : beim Küster Bastejan in Lontzen gab man 1618 ein Kirchenbuch in Auftrag, wahrscheinlich ein Meßbuch, wofür man ”zalt an vors Bastejan 16 gulden 5 merck voir seinen Schreiff Loen ende et papeir so noch in dat buich gebonden is”. Im selben Jahr ließ man eine der beiden Glocken neugießen. 1619 schaffte Pfarrer Arnoldus ein Gefäß für das heilige Öl und den Chrisam an. Ebenfalls 1619 wird ein Ausgabeposten von 6 Stübern ausgewiesen für eine ”feuir pan” in der Kirche (eine Feuerpfanne war eine flache Eisen-oder Kupferpfanne, die, in der Nähe des Altares aufgestellt und mit glühenden Holzkohlen gefüllt, bei großer Kälte das Gefrieren des Wassers verhinderte und dem zelebrierenden Priester etwas Wär- me gab). 1621 kaufte man in Aachen für 8! Gulden einen Kelch, ”um etheilich Sacrament voir dey krancken dar in tedra- gen”. 1622 verbuchte Claes Beelen eine Ausgabe von 16 Mark für zwei ”eiseren Branterten”, wahrscheinlich Brantreiten, d. h. Gestelle zum Auflegen bzw. Aufschichten der Holzscheite.
20 Wann aber wurde in Hergenrath der erste Friedhof anze- legt ? Auch dazu finden sich in den Kirchenrechnungen Hin- weise. Das älteste Hergenrather Grabkreuz trägt die Jahres- zahl 1624. Wir dürfen aber annehmen, daß schon einige Jahre früher, spätestens 1620, die Toten im Ort bestattet wurden, und zwar können wir uns auf die Eintragung Claes Beelens stützen, der ohne genaue Datumsangabe 1618 schreibt, der Weihbischof sei hier gewesen und habe den Friedhof eingeweiht. Unter dem Datum des 8. September 1619 lesen wir dann ”hatt uns pastor Herr arret mich don betallen 24 Stuver an den alden Kuister Bastejan van Lonssen voir ein buich (= Buch) in uns Kirch, pastor haven muist als men " Doeden begraffen sall” (Bis dahin scheint also noch keine Beerdigung in Hergenrath stattgefunden zu haben). Am 16. April 1620 heißt es schließlich, er habe 7 Aachener Gulden ”an unsen kuister voir einen neuyen Heudt (= Hut)” gezahlt, ”wegen seinen unmoetten (= Mühe) er nu mehr doen moett mit doep ende begreffenis als er voir mals hefft gedoen”, und dies auf Weisung des Pastors, Herrn Arret hin. (Von dem Küster wissen wir nur, daß er Hupert hieß und jährlich 11 Taler, 3 Mark und 1 Bausche verdiente.) Der Kirchhof war vermutlich von einer Mauer umgeben, denn für das Kirchhoftor liegt eine Rechnung vor. Auch wird mehrfach ein Vorhäuschen erwähnt ; wozu es diente, ist nicht festzustellen. Somit hatte die Hergenrather Kirchengemeinde schon 1618 eine große Selbständigkeit erlangt. Die Kapelle entsprach je- doch nicht mehr den Anforderungen, die nun an sie gestellt wurden. Eine Erweiterung des Baues tat not. Welche Arbeiten im einzelnen ausgeführt wurden, können wir ebenfalls aus den Unterlagen des Kirchenrendanten ersehen. Die erste Eintragung dieser Art trägt das Datum des 14. Juli 1619. Claes Beelen schreibt : ”Noch den 14 July 1619 haven wir Naber dey Keirch Meuir (= Mauer) verdeinckt (= verdingt, übergeben) voir 20 Daller ein halff thon (= Tonne, Faß) beirs (= Bier) darvoir tegeven 6 gulden eicks (=6 Gl. Aachener Geld) 1 merck noch 3 fannen (= Pfannen)
21 1 kan beirs dey steinmetzer verthert haven als sey dey Meuir verdenckt haven”. Am 12. August des gleichen Jahres übergab man den Steinmetzen weitere Arbeiten, nämlich ”2 oirt Meuiren ende dat Loeck in den Keirch thoen (= Kirchtum) als auch dey alde Meuir dey Loeken testoepen, woir voir wir geven motten 8 Daller sagen acht Daller”. Die Handwerker kamen von auswärts, denn Claes Beelen bezahlte beim Gastwirt Peter Michgellen ”voir schlaff geltt wegen datt dey steinmetzer dar auss und in gegangen haven ende dar geschlapen” sechs Aachener Mark. Den Kalk zum Mauern holten die Hergenrather bei Willem Raeff (er war Schöffe der Bank Walhorn), und zwar 14 Müdden weniger 2 Vat. Zwei weitere Müdden Kalk wurden ”bei Kereis” geholt, jedes Müd zu 15 Stüber. Die Maurermeister waren am 16. August 1619 mit ihrer Arbeit an der Kirche fertig. Zusammen mit den Dorfbe- wohnern wurde das Ereignis im Dorfkrug gebührend begos- sen, wofür der Rendant 5 Gulden und 2 Mark weniger 1 Bausche einträgt. Am 8. Oktober zeichnete der Schreinermeister mit dem Förster das Holz fürs Kirchendach. ”Domals ich betalt 3 Kanen Beirs”, lesen wir im Rechnungsbuch. Doch schon am 2. August 1619 hatte Claes Beelen Drauben Kereis ”van de buisch” (Lontzen-Busch ?) für 3.500 ”schendeln (= Schindel, Holzbrettchen) voir de kerck tedecken” 35 Aachener Mark gezahlt. Für den ”Leyendecker” trägt der Rendant an ”Deckloen op den Thorn” 35 Gulden, 4 Mark ein. Der ”Gelaeß mecker van Eupen” bekam 6 Gulden und drei Mark ”voir dey Gelaeßfeinsteren an dey keirck er ge- mackt hatt”. Aus all diesen Eintragungen geht hervor, daß der Er- weiterungsbau der Hergenrather Kapelle, von dem die Über- lieferung zu berichten weiß und der Ende des 16. oder Anfang des 17. Jh. vorgenommen worden sein soll, in das Jahr 1619 zu setzen ist.
22 Was das schon erwähnte Vorhäuschen am Friedhof an- geht, so wurde es am 24. Juli 1619 verdingt an ”Jacob den Teimmermann van den berlott”. Der ”schneider van Einat- ten” bekam den Auftrag, ”datt Hollz voir datt Haussken zu schneiden”. Bei Reynartt Brandt in ”Morssent” kaufte Claes Beelen 2.300 ”scheindelen” und ”Meister Jan den Leyendecker van Theitfeld” (Titfeld/Raeren) bekam als Deck- lohn 5 Gulden und 7 Stüber inklusive der 2 Kannen Bier, die der ”Leyendecker” täglich erhielt. 1624 verzeichnet man eine Ausgabe von 3 Stübern für einen Schlüssel, den der Schmied Merten Schmett ”op dat schrein (= Tabernakel) in uns Keirck” gemacht hatte ; schließlich schaffte man 1625 ein ”Eelter Kleidt” (Altarkleid) in uns Keirck” an für 7 Gulden, 9 Bauschen. Diese rege Kauf- und Bautätigkeit, die um 1615 einsetzte und in den Jahren 1618 bis 1623 ihren Höhepunkt erreichte, fand ihren Abschluß mit dem Bau eines Pfarrhauses, wovon zum ersten Male 1628 die Rede ist. Über die ”Verdeinckenis” des Baues schrieb Claes Beelen einen ausführlichen Bericht, den wir hier folgen lassen : ”Anno 1628 den 9 Aprill heben dey Naberen deises dorps Hergenraed sich verdragen (= einen Vertrag abgeschlossen) ende verdeinckt dey steinmetzer om des pastoir Haus tebouen tewetten (= zu wissen, nämlich) Fleiph op dey belott ende Weynant Jerusalem van Cetteneis dewelcke heben datt seluen aen genoemen ende verdeinght temoeren rond om tot ant Daeck mit moeren temacken enden Einen Keller daer aen ende den Brandt (= Kamin ?) groett senden twee seummer gekoent enden einen stall daraen 11 voett weidt bennen wercks . ende datt seluen voir dey zum (= Summe) van 56 Daller ende 2 thonne beirs verder alles tot ihren Coesten mit datt dey Naber sollen oepperen (= handlangern), stein und kalck bey draegen ende is versproecken datt sey sollen begennen ten Haluen Mey u. volgens naer den anderen wercken tott datt ferdich is welck zum sall betalt worden vant geltt van den buisch so vercoicht is int Jair 1627 den 21 merts ende int Jair 1628 den 12 merts geleick oick hir voir bleickt in dit boeck genoteirt is
23 ”Op dato vorsc heben dey Naber verdeinckenis gemackt mit Kereis Freirich om dey stein tebrecken voir den gantzen bauwe woer voir men den vorsc Kereis beloeft heft 6 Rix Daler ”Voir dey 2 thonnen beirs betalt 24 Gulden eix” Der ”Verding” fand statt in der Gastwirtschaft des Theis Michgellen, - wohl ein Sohn des schon 1619 erwähnten Peter Michgellen - und für ”Leickop und Gots Haeller” (15) wurden 26 Mark ausgegeben, wovon die ”Naber oft dey Keirck” 2 OÖ ee de I lt a AN KR Eine Seite aus dem Rechnungsbuch (Auszug)
24 18 Mark zahlen mußten, während die verbleibenden 8 Mark den Maurermeistern von den 56 Taler Lohn abgezogen wurden. Unter dem 25. Juli 1629 trägt Claes Beelen ein : ”betalt aen Theis Michgellen 12!» merck so dey steinmet- zer aen beir daer vertert heben als sey ett haus ferdeich gehaedt geleick alteyt ihr gebroeck (= Brauch) is als sey einen bauwe ferdich heben Heum (= ihnen) als daen datt geloech schuldig is tegeuen”. Wie man sieht, war es auch vor 350 Jahren schon Brauch, Richtfest zu feiern. Wie es kommt, daß schon am 2. Juli 1629 Claes Beelen bei Theis Michgellen 38 Kannen Bier zu einem | Stüber die Kanne bezahlte ”als dey Theimmer Leudt dat Haus gereicht heben so datt men schuldich is Coest u. Dranck an dey Toemmer Leudt”, läßt sich schwer sagen. Für Dach- und Innenarbeiten bekamen die Zimmerleute, Jacob und Reynart N.(16), und ”Dreis indehoelley tot Einetten 45 Daler eix” und 22 Gulden für ”2 thonnen beirs”. Das neue Pfarrhaus war mit ”schoeff” (= Stroh) und ”taeffelen” (= Schiefer vgl. Schiefertafel ?) gedeckt und wie- derum hatte man einen fremden Handwerker, nämlich ”Jan vuyt Meunster Landt” holen müssen. In Hergenrath selber scheint es um diese Zeit weder Maurer, noch Schreiner, noch Dachdecker gegeben zu haben. Wohl aber hatte das Dorf einen Schmied und einen Gastwirten. MOORE Die letzte Eintragung des Rendanten Claes Beelen bezieht sich auf einen Holzverkauf aus dem Mertenbusch. Bliebe noch ein Wort zu den ersten Hergenrather Pfarrern zu sagen. In einem Artikel der ”Eupener Zeitung” vom 17. 7. 1933 (”Erbau- liches und Tragisches aus Hergenraths Kirchengeschichte””) schrieb der Autor, der spätere Bürgermeister von Kelmis, J. Kriescher, u.a. : ”Zur Pfarrei erhoben wurde Hergenrath i.J. 1648” und: ”Um diese Zeit ist auch eine neue Kirche erbaut worden, und zwar an Stelle der alten Kirche”. Weiter schrieb Kriescher : ”Kürzlich ist in einem alten Taufbuch eine allerdings unvollständige Liste der Pfarrer zu Hergenrath ent- deckt worden... Der 1. Pfarrer war demnach vermutlich
25 Johannes Priem. Woher er kam, wie lange er amtierte, ist nicht angegeben” (16a). Auf Krieschers Artikel in der Eupener Zeitung haben sich manche spätere Chronisten berufen. Nun sind wir, dank den Aufzeichnungen des Claes Beelen, in der Lage, einiges hinzu- zufügen bzw. zurechtzurücken. Der erste Hergenrather Pfarrer hieß Arnoldus, wurde aber anscheinend Arret genannt und kam aus Aldenhoven (”Unser pastoir Aarett ab Aldenhoeffen”). Er war schon 1618 in Hergen- rath und hat sich für die junge Pfarrgemeinde sehr einge- setzt. Die Gemeinde entschädigte ihn am 16. April 1620 mit 16 Gu'den, 2 Mark für die Mühe die er sich mit der Beschaffung des Taufsteines gemacht hatte ”ende auch mitt dey Weyungh van unsen Keirchoff ende andere Sachen mehr, so unser Kir- chen angaedt”. Die Einweihung des Friedhofs fand 1618 statt. Letzte Erwähnung von Pastor Arret ist am 24. Juli 1624. Zur Hergenrather Kirmes und Prozession hatte der Pastor sei- nen Confrater ”den Pastoir van Brandeborch” herbestellt, wo- für Claes Beelen einen Ausgabeposten von 14 Mark einsetzt. Am 26. 4. 1626 heißt es, ein ”pastoir van Kerckroedt” sei gekommen um mit den Hergenrathern einen Vertrag zu schließen und hier Pfarrer zu sein. In Aachen und auch hier habe man 15 Mark Auslagen gehabt. Der Pfarrer von Her- genrath wurde also nicht vom Aachener Marienstift, sondern von der Bevölkerung ernannt (17). Der Geistliche aus Kerkrade -sein Name wird leider nicht genannt- blieb allerdings nur sehr kurze Zeit, denn schon am 29. Juni 1626 lesen wir : ”betalt 10 merck voir dey doep tehollen bey den pastoir tot Walhorn”. Eine weitere Eintragung des Rendanten bringt uns auf den Namen des nächsten Pfarrers : ”Noch int Jair 1628 betalt 7 Daler an Heinrich Brem wegen den Haus Zeins (= Miete) der pastoir Herr Eyffo vuyt Landt van Geullich ein Jair In Heinrichs Haus gewondt haft daer mitt inbegrepen wegen den kolhoff (= Kohlhof, Garten) nitt gesedt (= gesät) en waer geleick Heinrich den seluen ouerleuert heft”.
| 26 | Diese Eintragung scheint vor Ende Juli 1628 gemacht worden zu sein. Somit wäre ”Pastor Eyffo aus dem Land von Jülich” etwa von (Mitte ?) 1627 an in Hergenrath gewesen. Aus einer anderen Notiz sehen wir, daß der Pastor mit vollem Namen Eyffo Arrentsweiler hieß. Aus derselben Notiz geht hervor, daß der Pfarrer 100 Taler verdiente, die z.T. aus Kirchenrenten, z.T. direkt durch den Erlös aus Verkäufen aufgebracht wurden. Ein Jahr lang wohnte Pfarrer Arrents- weiler im Hause des Heinrich Brem. Es war dies kurz vor dem Bau des Pfarrhauses. Während des Baues wohnte der Pfarrer bei Claes Beelen, welcher schreibt : ”Item noch heft der pastoir 2! Jair in mein Haus ge- 4 wondt ; wes mich daer voir competheirt (= zusteht) stellen ich tot Discretion van guden freunden”. Auf Kirmessonntag 1630 ist Pfarrer Arrentsweiler noch in Hergenrath. Danach verliert sich seine Spur. Unter den bisher schon bekannten Pfarrern ist auch Jacobus Schleich, der von 1660 bis 1670 in Hergenrath wirkte und in der Göhl unweit von Moresnet am 15.12.1670 er- trunken sein soll. So wenigstens steht es in der Gemeinde- chronik zu lesen. Nun stoßen wir im Gudungbuch der Herr- lichkeit Hergenrath unter dem Datum des 7.12.1635 auf ”Jacobus Schleich, zeitlicher Pastor in Hergenrath” (18). Ob es sich dabei um den selben Priester handelt, der auch von 1660 bis 1670 hier tätig war, ist nicht zu sagen. Es ist bisher kein offizielles Dokument bekannt, aus dem hervorginge, daß Hergenrath 1648 sebständige Pfarre gewor- den sei (19). Wahrscheinlich hat man jenes Jahr als das Jahr der Pfarrerhebung genommen, weil der erste der bisher bekannten Hergenrather Seelsorger, Johannes Priem, von 1648 an hier wirkte. Aber schon ”’Pastor Arnoldus aus Aldenhoven” hätte mit gutem Recht den Titel eines ”Pfarrers” führen kön- nen, da er alle Rechte eines solchen besaß. Es ist auch wahr- scheinlich, daß der Aachener Domherr Wilhelm Darimont, als er am 23. 2. 1633 vor dem Walhorner Gericht ein Abkom- men unterschrieb, wonach es den Kaplänen von Titfeld, Ey- natten und Hergenrath erlaubt sei, die Pfarrfunktionen aus- zuüben, nur einen schon bestehenden Zustand sanktionierte. Jacobus Schleich führt denn auch als erster offiziell den
27 Pfarrertitel: ”Und ich Jacobus Schleich, zeitlicher Pastor zu Hergenrath ...”, steht im schon genannten Hergenrather Gu- dungbuch. Die umfangreichen Arbeiten an der Kirche lassen es höchst unwahrscheinlich, wenn nicht ganz ausgeschlossen er- scheinen, daß um 1650 eine neue Kirche an Stelle der alten errichtet wurde. Wie wir gesehen haben, deckt sich die Über- lieferung bezüglich des Anbaus eines Schiffes mit den Eintra- gungen des Kirchenrendanten. Im Jahre 1744 dürfte dann ein Umbau des Gotteshauses stattgefunden haben, denn im Schiff cer im vorigen Jh. abgebrochenen alten Kirche befand sich ein Zahlenstein mit jener Jahreszahl. Fortsetzung folgt. MAN Quellennachweis und Erläuterungen : 1. Die (vereinfachte) Karte ist dem Ausgabe XIV des Bulletin de la Societe d’Art et d’Histoire du Diocese de Liege, 1903, entnommen. Auf den in dieser Publikation erschienenen Aufsatz von Jos. Bras- sinne: ”La limite du Concile de St Remacle”, S. 267 ff; bes. S. 329-331, stützen sich auch die anderen Ausführungen zum ”Con- cile de Saint Remacle”. 2. Jos. Brassinne: ”Pouille de l’ancien Concile de Saint Remacle en 1558: Beneficia Concilii Sancti Remacli” in B.S.A.H.L., 1903, Ss. 332. 3. Regesten der Reichsstadt Aachen, Bd. I, 1251-1300, S. 190, Nr. 360. 4. L. von Coels: ”Lehenregister der propsteilichen Mannkammer des Aachener Marienstiftes”, S, 282, Nr. 172. Die Nummer 171 der Lehenregister spricht vom ”gueden synt Mertin”, bzw. dem ”guden sint Mertyns”. Diese Eintragungen stam- men aus den Jahren 1421 bzw. 1422. Ob der ”gute St. Martin” nicht die Hergenrather Martini-Kapelle meint ? Eine Parallele könnte man ziehen zu Malmedy. Die dortige Abteikirche St. Peter wurde auch ”der gute St. Peter” genannt. Wenn diese Annahme stimmt, hätten wir 1421 den bisher frühesten Hinweis auf die Hergenrather Kapelle. Wir wollen uns jedoch nicht darauf festlegen. 5. Pfarrarchiv Hergenrath, Urkundenbuch. Eintragung von Pfarrer Mertz. 6. Staatsarchiv Lüttich, Cours de Justice - Walhorn, Nr. 86 u. Domarchiv Aachen, Höfe und Ländereien, X, A.52, 10. Durch Urteil vom 5.5.1778 entschied der ”souveräne Rat von Brabant” die Zehnt- abgaben in Hergenrath stünden zu 1/3 dem Hergenrather Pfarrer, zu 2/3 dem Aachener Domdekan (bzw. dem Kapitel) zu. Jedoch müsse bei der Verpachtung des Zehnten das dem Hergenrather Pfarrer zukommende Drittel mindestens 315 Florins Brabanter
28 Währung erbringen, anderfalls sei der Domherr gehalten, von den ihm verbleibenden 2/3 des Zehnten soviel abzugeben, wie für die Erreichung der Mindestsumme von 315 Fl. notwendig sei. Der Walhorner Pfarrer ging leer aus. 7. Nach W. Fabricius: ”Geschichtlicher Atlas der Rheinprovinz”, Er- läuterungen V, 1. Hälfte, 1909, S. 392, begannen die damals noch erhaltenen Kirchenbücher i.J. 1690. Siehe auch Joh. Krudewig: "Übersicht über den Inhalt der kleinen Archive der Rheinprovinz”, Bd. 3, S. 197, s. v. Hergenrath. Demzufolge waren im Pfarramt noch Akten betreffend Stiftungen zugunsten der Her- genrather Kirche aus dem Jahre 1658 sowie weitere diesbezügliche Unterlagen aus dem 18. Jh. vorhanden. Die 1909 auf dem Bürger- meistereiamt ruhenden Taufbücher führten von 1590 bis 1709, 1755 bis 1796 und 1803 bis 1813. Die Heiratsregister umfaßten die Jahre 1691-1705, 1755-1796, 1803-1804, 1806-1811, sowie 1812-1813. Die Sterberegister begannen 1691, führten bis 1708, dann von 1755 bis 1796, 1804 und 1812-1813. Auffallend ist die Lücke von 1705 bzw. 1709 bis 1755. Insgesamt waren es zwei Schmal-Folio Pergament, bzw. Halbpergamentbände, Eine handschriftliche Ab- schrift der Taufregister 1690-1709 und 1755-1796 besorgte Pfarrer Pipers i.J. 1941. Sie wird heute im Pfarrarchiv aufbewahrt. Im Staatsarchiv Lüttich liegen Tauf- und Sterbetabellen von 1690- 1709 und 1755-Jahr XI. 8. Chronik der Bürgermeisterei Hergenrath und Pfarrarchiv. Einen Turm besaß die Hergenrather Kirche schon vor dem Umbau von 1619-1620. 9. Staatsarchiv Brüssel, Rechnungskammer Nr. 3238. Ein Nachtrag ist aus dem Jahre 1645, ein anderer aus dem Jahre 1697. 10. Über die Familie Beelen auf Gut Bertolf und die Erbfolge siehe L. v. Coels, Lehenregister Nr. 157, S. 266-271. 11. Eintragung des Kirchenrendanten vom 17.4.1641: ”und ich Clas Bellen, schepen”, sowie Hergenrather Gudungbuch (Aachener Hand- schriftenverzeichnis Nr. 29), S. 14 verso: ”Claes Beel, Schepen alhir” (24. 5. 1634). 12. Der Mertensbusch hat heute noch eine Größe von ungefähr 4 Ha. Er ist weiterhin Eigentum der Kirchengemeinde. Es überrascht, daß in den Eintragungen des Claes Beelen der Kirchenbusch (ge- nannt ”Stockem” und ”Vosselocker”), der der Großpfarre Walhorn gehörte und nach deren Aufteilung zu einer Hälfte von Walhorn mit den Weilern Astenet, Merols und Rabotrath, zur anderen von Eynatten, Hergenrath und Raeren genutzt wurde, keinerlei Erwäh- nung findet. 13. Ein Lot = etwa 14 Gramm. 14. Die meisten Eintragungen macht Claes Beelen in Aachener Wäh- rung - Taler, Gulden, Mark und Bauschen - doch manchmal rechnet er auch in Limburger Geld. 15. Leickop und Gots Haeller: Leikauf, Leukauf, Licop, Litkop, Litt- kauf, meist jedoch Weincauff (Vinicopium) nennt man den zur Be- kräftigung eines Kaufs gemeinsam eingenommenen Trunk. Der Gottesheller ist das bei Kontraktabschlüssen den Armen oder der Kirche gegebene Stück Geld. (s. Ed. Brinckmeier : ”Glossarium Diplomaticum”).
29 16. Es kommt häufig vor, daß der Familienname nicht genannt wird, wahrscheinlich war er dem Schreiber unbekannt. Oftmals genügt auch die Berufsbezeichnung: ”Jan der Leyendecker”, ”Dreis der Schmett”, ”Hermen der Schreinmecker”, ”Meister Hans Steinmetzer”. Von der Umwandlung der Berufsbezeichnung in den Familiennamen ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. 16a. Der Name Priem weist auf Walhorn oder Lontzen als Heimatort dieses Pfarrers. In Walhorn ist der Name Priem schon 1705 belegt, in Lontzen starb 1701 Arnold Priem. 17. Das geht auch aus folgender Eingabe der Hergenrather Gemeinde- vorsteher an das Bistum hervor: ”Da durch den Tod des Ehrwür- digen Herren Johannes Hennen, unseres Pastors, die Pfarrstelle in Hergenrath, Diözese Lüttich, Herzogtum Limburg, Erzdiakonat Condroz, erledigt ist und da es keinen Zweifel daran gibt, daß uns, den Einwohnern selbiger Pfarre, das Recht zukommt, den Pfarrer besagter Pfarre zu bestimmen, zu ernennen oder vorzuschlagen, während das Recht, ihn einzusetzen Ihnen, Hochwürdigster und Erlauchter Herr zusteht ; da die stimmberechtigten Einwohner einstimmig den Johann Joseph Schillings, Vikar allhier, zum Pfarrer gewählt haben, stellen wir ihn Ihnen demütigst vor, mit der Bitte, da seine Fähigkeiten erwie- sen sind, ihn wohlwollend in sein Amt einzusetzen. Hergenrath, den 5.12.1791 gez. N. Bounie regens in Herg. L.H. Barth idem (Diözesanarchiv Lüttich, Erzdiakonat Condroz, Reg. Institutions, S. 201-202). 18. Gudungbuch der Herrlichkeit Hergenraet, Stadtarchiv Aachen, Hs. 29,8. 21; 19. Die Kapitelsprotokolle des Aachener Marienstiftes weisen für die Jahre 1641-1648 incl. eine Lücke auf,
30 Zur Geschichte des Raerener Töpferhandwerks von Walter Meven Bei der Durchsicht nicht verzeichneter Akten im Aachener Stadtarchiv fand sich ein Schriftstück aus der Franzosenzeit, das uns die Schwierigkeiten eines alten Raerener Berufsstan- des vor Augen führt, in die er in Folge der französischen Okkupation gekommen war. Seinem Aufbau nach muß das Schriftstück sicherlich als ein Entwurf zu den Antworten eines vorgelegten Fragen- ‚, katalogs angesehen werden ; darauf deutet auch das dem ersten Absatz folgende ”Ci devant” hin, das man so inter- pretieren muß, daß die Frage 2 durch die Antwort auf Frage 1 als erledigt angesehen wird. Unter anderem wird auch Antwort gegeben auf die Frage nach dem Holz- und Salzverbrauch, der Herkunft der blauen Farbe, den verschiedenen Arten von Krügen und ihren Ab- satzmärkten. Wer der Verfasser war, läßt sich nur vermuten. Ein Vorsteher der Töpfergilde, oder Leonhard Bartholomeus Mennicken, der damalige Meier von Raeren ? Von ihm ist uns eine in französischer Sprache verfaßte Eingabe an den Präfekten des Ourthe-Departements, Des- mousseaux, vom 18. Thermidor Jahr 11 (6. August 1803) überliefert. Diesem Schreiben waren die Statuten und Pri- vilegier. der Raerener Töpfergilde, die ihnen Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1760 auf deren Ersuchen bestätigte, beige- geben. Es handelt sich um eine französische Übersetzung. Das Original ist leider verschollen (ZAGV 36 Pick). Man muß unseren Entwurf nach dem 6. August 1803 datieren, denn eine Passage in der allgemeinen Einleitung erwähnt die oben angeführte Eingabe durch den ”Maire an diesem Gouvernement”. Der unbekannte Verfasser spricht in der Einleitung von ”10 fourneaux” in denen früher im Jahr 6 Brände gemacht
31 wurden, jetzt weniger als zwei. Setzt man diese Angaben in eine Relation zu den Angaben von H. Schifflers, Töpfer- meister und Heimatdichter, wonach im 17. Jahrhundert in Raeren 300 Öfen in Betrieb waren, und legen wir die im Konzept angegebenen 6 Brände pro ‚Jahr zu Grunde, so könnte man ermessen, welche Kapazität die Raerener Töpfer gehabt haben. Pfarrer Gielen erwähnt in seinem Buche ”Raeren”, daß laut Unterlagen aus dem Jahre 1815, die im Raerener Gemein- dearchiv ruhen, ein Ofen 120 Zentner Töpferware faßte. So ergäbe das bei 300 Öfen und 6 Bränden pro Jahr ein Gesamt- gewicht von 21.600 Zentner gleich 1.080 Tonnen gleich 1.080.000 kg Töpferwaren. Die Angaben klingen recht unwahrscheinlich. Geht man von der Stückzahl 1000-2000 je Brand aus und betrachtet man diese als obere und untere Grenzwerte, so würde für Raeren bei 300 Öfen und 6 Bränden pro Jahr die Gesamtstückzahl zwischen 1.800.000 bis 3.600.000 schwanken. Schifflers kommt bei 300 Öfen und einer Beschickungs- zahl von 2.000 je Brand auf 600.000 Stück Jahresproduktion. Dr. O. Mayer erwähnt für die Blütezeit 50 Öfen mit einer Beschickungszahl von 2.000 je Brand (V. Gielen Geschichtl. Plaudereien über das Eupener Land). Wenden wir uns nochmals dem theoretischen Gesamt- gewicht von Brenngut pro Jahr zu, so kommen wir im Durch- schnitt zu Einzelstückgewichten unter Zugrundelegung von jährl. 1.080.000 kg Gesamtgewicht bei einer Stückzahl von 600.000 auf 1,8 kg, bei 1.800.000 auf 0,6 kg und bei 3.600.000 auf 0,3 kg. Leider ist es bis heute nicht gelungen, genaue Stückzahl- und Gewichtsangaben zu ermitteln. Es tauchen sicherlich erhebliche Bedenken auf. Waren die Öfen alle gleich groß ? Oder ergaben sich die Unterschiede in den Stückzahlen durch die unterschiedlichen Größen des Brenngutes ?
32 Die von H. Schifflers (1851-1923) für die Blütezeit angenommene Zahl von 300 Öfen erhellt offensichtlich aus einem Trugschluß. Beim oberflächlichen Lesen unseres Kon- zepts folgert man nämlich zunächst von der Brändezahl auf die Ofenzahl, ganz einfach dadurch, daß von 10 fourneaux mit jährl. 6 Bränden die Rede ist, wenig später von 60 oventen im Jahr. Setzen wir hier statt des Wortes ”oventen im Jahr” das Wort Brände im Jahr, so meine ich, daß Dr. O. Mayer mit der Zahl 50 Öfen in der Blütezeit recht hat, denn nehmen wir die Zahl 300 mit der Zahl der Brände pro Jahr an und dividieren sie durch die Zahl der Brände (6 je Ofen) wie angegeben, so ergibt das 50 Öfen. % Stückzahlangaben mit einer Schwankung von 100%, muß man gleichfalls mit großer Vorsicht begegnen. Von Langer- wehe ist uns die Zahl 1000 je Brand überliefert. Die dortigen Satzungen der Töpfergilde regelten genau die Anzahl der Öfen je Töpfer. Man legte die Kopfzahl der Familie zu Grunde und teilte danach die Anzahl der Öfen zu. Man muß anneh- men, daß dort alle Öfen gleich groß waren, um nie- manden zu benachteiligen. Nachforschungen über alle diese Dinge stehen noch aus. Leider werden sie für Raeren dadurch erheblich erschwert, daß wiederum nach Angaben von Hubert Schifflers die Zunftbücher im vergangenen Jahrhundert ver- brannt sind. In den Raerener Gemeindeakten von 1815 findet man den Salzverbrauch mit 350 Kg pro Brand angegeben. Unser Konzeptschreiber sagt wörtlich ”im alten regier in jeder ovent (ovent ist gleich Brand zu setzen) 2,5 Sack Salz für den Glantz zu machen”. Den Sack gibt er mit 300 Pfund an. Bis auf 25 Kg finden wir eine Übereinstimmung. Das Salz wurde auf Grund eines Octroy, gemeint ist eine von Kaiserin Maria Theresia bewilligte Zollfreiheit, in Unna (Westfalen) 40 Fuhr- stunden weit geholt und zwar abgabenfrei. Eine Salzsteuer hat sich bis heute erhalten, jedoch für bestimmte Industrie- bereiche ist sie genau wie damals nicht zu erheben. Welche enormen Fuhrleistungen mußten die Schwerfüh- rer, wie diese Leute damals genannt wurden, erbringen, um allein den Salzbedarf zu decken! Bei unserer statistischen
33 Gegenüberstellung von oben wären es 112,5 Tonnen gewesen. Wir dürfen diese Leistungen nicht hinnehmen ohne darüber nachzudenken, was es für einen ”Fuhrknecht” be- deutete, wochenlang mit einer wertvollen Ladung mit den schlechtesten Wegeverhältnissen fertig zu werden. Solche Produktionszahlen in der Größenordnung von ca. 600.000 Stück Fertigwaren erforderte auch eine stattliche An- zahl fleißiger Hände. Im Konzept ist die Rede von ”200 ad 300 Menschen”, die im Rahmen des Töpferhandwerks ihr Brot fanden. Die Schwankungen sind wohl einmal saison- bedingt, zum weiteren durften die Pottbecker auf Grund des Octroys alle Materialien auf nationalem, Gemeinde- und Pri- vatgrund suchen. Gegen Entschädigung für den Betroffenen versteht sich. Sie wurde von einem Sachverständigen der Hochbank Walhorn festgesetzt. Kam es zum Beispiel vor, daß man in einem Lager eine gute Tonqualität vorfand, so wurde auf Vorrat gearbeitet. Damit mußten automatisch mehr Leute beschäftigt werden. Auch heuerte man bei Bedarf zusätzlich Fuhrleute zum Warentransport an. Hierin liegt wohl zum Teil auch die Schwankung bedingt. Die Beheizung der Öfen darf nicht unerwähnt bleiben. Das billigste Heizmaterial war das Holz, das hier in aus- reichendem Maße vorhanden war. Unser Schreiber beziffert die erforderliche Menge Holz je Brand mit ”10 Glackteren je 6 Fuß quarre”. Je nach Landstrich muß man das Fuß mit 25 - 36 cm ansetzen. Farbzusätze konnten ebenfalls von der anderen Rhein- seite frei eingeführt werden. Die Entstehungszeit unseres Schreibens liegt in einer Zeit des großen Umbruchs. Ganze Welten brachen mit den Folgen der Revolution zusammen. Auch hier sehen wir deutlich einige Auswirkungen. Alle Privilegien wurden zunächst abgeschafft, das linke Rheinland wurde französisches Departement und damit Bestandteil der Republik genau wie das Herzogtum Limburg, zu dem Raeren einst gehörte. Am Rhein wurden Zölle auf alle Waren erhoben. Was die Belange der Töpfer anbetraf, so durften sie nur noch Ton auf nationalem und Gemeindegrund suchen.
34 Das nun teuere Salz aus Westfalen wollte man durch das ungeeignetere Brabanter Salz ersetzen. Dadurch ließ die Qualität sehr zu wünschen übrig. Holz wurde gleichfalls rar und teuer. Die Einfuhrzölle auf fremde Töpferwaren fielen weg. Dem Kenner der Materie ist jedoch hinreichend bekannt, daß nicht nur die Revolution der auslösende Faktor des Niederganges war. Schon lange vorher gerieten die Töpfer in einen scharfen Wettbewerb mit dem Steingut und dem Porzellan mit seinen grazileren Formen. Den letzten für den Niedergang entschei- denden Schlag erhielt das Töpfergewerbe in Raeren zu Beginn ‚, der preußischen Zeit. Ein hoher Einfuhrzoll nach dem benach- barten Belgien und die hohe Steuer für das Salz, das sie aus der Aachener Salzfaktorei beziehen mußten, bedrohten ihre Existenz. So erlosch um die Mitte des vergangenen Jahr- hunderts der letzte Töpferofen im Kannenbeckerland. Beschei- dene Anstöße, die Raerener Kunsttöpferei wieder aufleben zu lassen, führten nach zaghaften Anfängen nicht zum gewünsch- ten Erfolg. Es wäre im Nachhinein interessant, unser Spiel mit den Produktionszahlen durch genauere Untersuchungen zu erhär- ten. Vielleicht bietet sich durch eventuell noch in Unna vorhandene Archivalien die Möglichkeit, genauere Angaben zu machen (1). In einer Zeit, wo uns Länder und Kontinente näher ge- kommen sind, ist der Kenner nicht selten überrascht, wo überall Raerener Steinzeug auftaucht. So manches Stück blüht noch irgendwo im Verborgenen. Sollen uns allein auf Grund dieser Tatsache die hohen Produktionszahlen nicht realistisch erscheinen ? Hier der Originalwortlaut des Schreibens : IN RAEREN alhier seyndt zehn fourneaux wo vorhin in einem jeden sechs mahl des Jahres gebacken wurden, jetzt under kaum zwei mahl. 1. Eine zwischenzeitl. erfolgte Nachfrage in Unna, Archiv der Stadt, über Salzlieferungen war leider ergebnislos.
35 Die Pottbecker haben eine Octroy, die Potterde, steine und andre materialien zu suchen auf der gemeinde, particuliere und nationale gründen, mit entschädigung an die particuliere, in die Erven vor Dato dorfften keine frembde Pötte in diese niederlanden einkommen, sie konnten das saltz frey von Unna auff der anderen seithe des rheins auß dem preussischen westpfalen 40. stunden von Raeren für ihre Fabrik ziehen, sie konnten Holtz genung haben in bedracht von obigem konnten 2. ad 300 menschen darvon Leben, da aber nun alle frembde Pötte dörffen einkommen, da sie das Saltz nicht mehr haben können von Unna: worüber doch ein Octroy durch den Maire an diesem Gouvernement gefragt ist aber bis dato noch nicht erbragt ist: können bekommen, und das saltz auß Brabant dafür nicht gut ist, und da das Holtz rahr und teuer ist so kann jetzt kaum ein drittel menschen von vorhin mehr davon leben, und auf solche Weise kompt es gantz zu verfallen, nach Hollandt, Luycker Landt, brabant und Deutschlandt, werden die Pötte gefahren, Ci devant. in jedem ovend zehn glackteren Holtz jedes von 6. Fuß quarres Saltz in toto p Jahr 150. säck auff die 60 oventen (2) Jeder Sack von 300 Pfund im alten regier in jeder ovent 2,5 sack saltz für die glantz zu machen brauchten auch die bleu von der anderen seite des rheins, wie auch noch, aber, für dato frey, und jetzt müssen die rechten auf der Douane bezahlt werden, weisse potterie allhier und auch mit blau geferbt und auch gelbe potterie von einer anderen sorth von erde, diese gelbe potterie geht alle nach deutsch westphalen alle sorten von potterie wird allhier verfertigt. 2. ”Oventen” meint in diesem Falle Brände.
36 Die Galmeiflora im Göhltal Eine vegetationskundliche Betrachtung (2. Teil) von Otto Hirtz Aufgabe des vorangegangenen ersten Teiles dieses Auf- satzes war es, die Galmeiflora im Göhltal einmal aus vegeta- tionskundlicher Sicht etwas näher zu betrachten. Im Vorder- grund stand dabei die vollständige Artenliste des ”Violetum calaminariae” von Prof. Dr. M. Schwickerath. Es wurde er- läutert, in welcher Weise sich die Zinkpflanzengesellschaft aufgliedert in ihre Charakter- oder Kennarten, die Begleiter und nährstoffbedingten Differentialarten der Gesellschaft. Weiter wurde der Begriff der Stetigkeit erklärt, und schließlich wurde die Sonderstellung von Kelmis-Neu-Moresnet im Hin- blick auf die europäischen Schwermetallpflanzengesellschaf- ten kurz angesprochen. Einige beigefügte Fotos (alle im Göhl- tal aufgenommen) dienten der Vervollständigung des ersten Teiles dieser Vegetationsskizze. In dem nun folgenden Fortsetzungsteil geht es darum, die besonderen Ausbildungsformen der Zinkpflanzengesell- schaft auf den verschiedenen Standorten des Göhltalbereiches näher zu erläutern. Die Pflanzensoziologie (= die Lehre von der Vergesell- schaftung der Planzen) stellt bei der Untersuchung einer Pflanzengesellschaft u.a. verschiedene Zustände oder Ent- wicklungsstadien fest, die sich gerade bei der Beobachtung der Zink- oder Galmeipflanzengesellschaft besonders gut erkennen lassen. Vom sogenannten ”Typikum”, d.h. der geschlossensten und ausgeglichensten Form der Gesellschaft war schon im ersten Teil die Rede, und es wurde gezeigt, daß gerade in Kelmis-Neu-Moresnet dieses Typikum für den gesamten Göhl- talbereich am deutlichsten festzustellen war. Innerhalb eines solchen Typikums lassen sich nun oftmals mengenmäßige Verschiebungen zugunsten einer bestimmten Art beobachten. So hat innerhalb der Galmeipflanzengesell- schaft der Schafschwingel (Festuca ovina), eine charakteris- tische Grasart (siehe Nr. 6 der in Heft 15 wiedergegebenen
37 EEE Ka 2 a Kater RN a 7 ER SE | ag? Sa A DEN DES a 5 Ba. Ba 5 # u GE DA A Wr Ra EN 2% DD TAN ; Se EU 8 al } A 7 AKA Ir Of A NN E . fe ANNE Die Galmeitrift in Neu-Moresnet im Winter 1973/74 ; reiche Gliederung in der Geländeform und in den verschiedenen Sukzessionsstadien Artenliste !) meist eine eindeutig vorherrschende Stellung. Man spricht in einem solchen Fall von einer sogenannten ”Facies”, d. h. das Gesicht oder die Facies der Galmeitrift wird von der Art Festuca ovina bestimmt. Dieses Gras hat eine stark aufbauende und zugleich erhaltende Kraft auf den Triften. Sehr gut veranschaulichen das die Bilder 1 u. 2 im ersten Teil (s. Heft 15). Auf Bild 2 ist deutlich zu erkennen, wie der Schafschwingel noch dabei ist, den schlackenhaltigen Boden in Bleyberg zu erobern und zu festigen. Im Gegensatz hierzu erkennt man an der mehr geschlossenen Grasdecke (s. Bild 1 in Heft 15), daß auf den Schlammablagerungen der ehemaligen Galmeiwäsche die Art diesen feinerdereicheren Boden fast völlig in ihren Besitz gebracht hat. Durch sein mengenmäßiges Vorherrschen erreicht das Gras einen hohen Deckungsgrad auf den ursprünglich sterilen Böden. Allerdings lassen sich immer noch reichlich kahle Stellen oder Flecken in einem solchen Rasen beobachten, die entweder mehr oder weniger spärlich mit Flechten oder bestimmten Moosarten
39 die schon bald in dem blassen Rosa der polsterförmig wachsen- den Grasnelke (Armeria elongata) ein charakteristisches Gegen- spiel erhalten. Es kommen die sehr seltene Frühlingsmiere (Al- sine verna) und der Taubenkropf als weitere Charakterarten hinzu. Inzwischen hat auch der Bläuliche Schafschwingel seine Ähren entfaltet und die übrigen Begleitarten geben ihr Stell- dichein. So kann man im Sommer beim Abschreiten der Trift eine Farbigkeit und Vielfalt im Kleinen feststellen, die man bei flüchtiger Betrachtung aus einiger Distanz nicht erwartet hätte. Noch im späten Oktober zeigen sich Galmei- veilchen und Grasnelke, Kleine Bibernell, Blutwurz und einige andere mehr oder weniger kräfig blühend auf der Trift. Schließlich verfärbt sich die ehemals bläulichgrüne Grasdecke wieder zu jenem matten und herben Graubraun, das den Winteraspekt der Galmeitrift kennzeichnet. oO FT I a 3 N WR A ME er 5 GA An ED BZ A fl 1 DE as GER EN al AM DA ANEOUOSE Yrı . N PN ZDRTE n MB RA A „AA AA N 7 VENEN DE A VKU SS vn: ß ETLICHE AHA En TR AAN NM 3 BET EN U a RT DEE EC N FR VA 2 WE Sa K a CE A FF + YA TA 7 >. "ep N N A A A RE WE Mann ad A N u N AD LEE ZEN EEE Kt AU A x Mh AA TE OS AN AN N EL pP DEAN a ST WON N En A Typischer Blühaspekt des Galmeitäschels im März (Göhlufer unterhalb der Hergenrather Mühle) Selbstverständlich ist eine Pflanzengesellschaft, wie die geschilderte, kein von vornherein gefügtes, gewissermaßen statisches System, sondern das Ergebnis eines dynamischen Entwicklungsprozesses. Nahezu alle Pflanzengesellschaften
41 allem die Halden und Pingen, welche im Zusammenhang mit dem hier ehemals betriebenen Erzbergbau und der Erzver- arbeitung entstanden sind. Hierzu gehören auch die Standorte entlang früherer Erztransportstrecken (z. B. : die Strecken von Bleyberg, von der Fossey oder vom Oskarstollen nach Kelmis). Nachdem die menschliche Tätigkeit in diesen Bereichen ein- gestellt wurde, hat die Natur damit begonnen, die geschädigte und vielfach ”vergiftete” Erdoberfläche für sich zurückzuer- obern. Es entstanden sogenannte ”sekundäre Naturbiotope” mit der für diesen Raum charakteristischen Galmeiflora (3). Auf den ursprünglich sterilen und vegetationslosen Böden beginnen zunächst nur ganz bestimmte Arten mit ihrer Pio- niertätigkeit. Dazu gehören von den Charakterarten der Tau- benkropf (Silene inflata), die Frühlingsmiere (Alsine verna) und die Grasnelke (Armeria elongata) und von den Begleitern vor allem der Augentrost (Euphrasia stricta). Da die Initial- stadien Jahrzehnte vorhalten können, sind sie im Göhltal auch heute noch, viele Jahre nach Einstellung der Bergbautätigkeit, gut zu beobachten. So siedelt z. B. der Taubenkropf sehr gerne an den Steilhängen der Halden und treibt dabei bis zu 2m lange Wurzeln in den Boden. Er ist damit in der Lage, hohe Temperatur und Trockenheit an diesen exponierten Standor- ten gut zu ertragen. Ausgezeichnete Beobachtungsstellen finden sich (soweit noch vorhanden !) an den Hängen der Aufschüttungen am Casinoweiher und in den Schlackenhalden der ”Großen Koul”, außerdem auf dem Haldengelände von Bleyberg. Schon etwas mehr Anspruch an den Boden stellt die zweite Pionierpflanze, die Frühlingsmiere. Sie breitet sich polsterförmig auf flacheren, schon etwas feinerdereicheren Standorten aus. Diese für den Göhltalraum besonders bemer- kenswerte und relativ seltene alpine Pflanze mit ihren fünf- strahligen, weißen Blütensternen besaß ihre besten und er- giebigsten Standplätze vor der Beseitigung (4) auf den Halden in Neu-Moresnet. Es bleibt abzuwarten, ob sie sich auf dem Restbestand der Trift wieder einstellen wird. Da diese Art den geschlossenen Rasen meidet, ist sie auf vielen in ihrer Entwicklung inzwischen weiter fortgeschrittenen Galmei- pflanzenstandorten des Göhltales schon nicht mehr vertreten. Selbst in einem auf niederländischem Gebiet gelegenen Ab-
42 schnitt des Göhltales, in dem eigens zum Schutz der auch hier noch vorkommenden Galmeiflora ein Reservat (5) ge- schaffen wurde, kommt die Frühlingsmiere nicht vor. Sie ist stark an jene ”rezenten” Böden gebunden, wie sie vorzugsweise in Kelmis-Neu-Moresnet angetroffen werden. Die wohl schönste und augenfälligste Art, die sich bereits in den Frühstadien einer Galmeitrift einstellt, ist die herrliche, rosablühende Gras- nelke (Armeria elongata). In den zur Göhl hin gelegenen Hängen der Neu-Moresneter Trift mußte sie einen ihrer mar- kantesten und ergiebigsten Standorte hergeben, als dort im April 1974 eine breite Wegtrasse angelegt wurde (siehe hierzu die Anm. im 1. Teil in Heft 15). Auf den später noch zu besprechenden Triften von Rabotrath und Bleyberg kommt sie noch in relativer Menge vor. Auf etlichen Schwermetall- böden im östlichen Harzgebiet ist eine Variante dieser Art die wichtigste Charakterart. Schließlich ist von den Arten der Initialstadien noch der Augentrost zu erwähnen. Er stellt sich ein, wenn die Bodenbildung (Pedogenese) bereits weiter fortgeschritten ist. In diesem Stadium hat auch der schon erwähnte Schafschwingel gute Arbeit geleistet, und immer mehr schließt sich jetzt der noch lückige Rasen. Mehr und re JE BE 222 96 En Sa a ES N 5 WE FE EEE A A a N Ur ir ET A ME AS n PT A nn a TA RE a ES dk A LE 8 EEE at LE EN H} EA AS AS Se RE FE NS £ us Le ES ER EEE N er Sn A VEN TFE RN EL Bie A er A EAN u 4 WE SEN EA BA gi 7 SE SE Es A eg SOME SE By PN %: DEN RO AT ON AS VD A < 0 Ks BES * EEE Elan OEL Fe 7 a Fa 3 En we N $ a RS + 4 A - A A ZUR Sr & ES AA - LE « 7x Se LER 35 ve An ÜRAE Initialstadium mit Silene inflata (Trift am Casinoweiher)
43 mehr treten auch die übrigen Begleiter hinzu, und die Trift entwickelt sich allmählich zum ”Typikum”. Nachdem in unseren vegetationskundlichen Betrachtungen bisher vom Typikum des ”Violetum calaminariae” und von den Initialstadien die Rede war, soll jetzt noch über die nährstoffbedingten Varianten gesprochen werden. Das ge- schieht am besten, indem wir uns einmal etwas weiter umse- hen im Göhltal mit seinen Nachbarbereichen. Nehmen wir die ”nährstoffärmere Variante” (gekenn- zeichnet durch die Arten d-Call / siehe die Artenliste !) vorweg, so bietet sich hierfür als Beispiel am besten die Galmeitrift vor dem Oskarstollen im Lontzenerbach- bzw. Hornbachtal an. Diese Trift weist ihren sehr eigenen Charakter durch das starke Vorherrschen von Gemeinem Straußgras (Agrostis vul- garis) und vor allem Pfeifengras (Molinia coerulea) aus (6). Die charakteristischen farbigen Blühaspekte der Kelmis-Neu- Moresneter Trift würde man hier vergeblich suchen. Zwar blühen auch hier Galmeitäschel, aber schon die Grasnelke fehlt dieser Trift völlig und auch die Begleiter (Nr. 7-31 der Artenliste) sind nicht so reichlich vertreten wie in Kelmis. Das Bild ist viel gleichförmiger und zeigt einen sehr eigen- tümlichen, fast steppenartigen Charakter. Ein merkwürdiger Kontrast zu dem sonst so üppigen Tal ! Die Ursache für diese besondere Triftausbildung ist wohl in veränderten Bodenbe- dingungen zu suchen. Neben einigen anderen Faktoren weist das Substrat hier einen relativ geringen Zinkgehalt auf. Ge- rade letzterem Umstand ist es daher wohl auch zuzuschreiben, daß sich auf dieser Trift eine Reihe sogenannter ”zinkindiffe- renter” Arten findet. Vermutlich stammt das Bodenmaterial aus dem in den Jahren 1862-1867 angelegten Oskarstollen (7). Eine sonst für diese Triftvariante typische Art, das Gemeine Heidekraut (Calluna vulgaris) fehlt hier. Vergleichbare Stellen auf anderen Galmeitriften, etwa am Breiniger Berg bei Stolberg oder die Halden bei Oneu in. der Nähe von Theux enthalten diese Art. In unmittelbarer Nachbarschaft der Trift befindet sich der Standort einer der prominentesten Seltenheiten im gesam- ten Göhltalgebiet. Es handelt sich um das sogenannte ”Pyre-
44 näen - Löffelkraut” (Cochlearia pyrenaica), das von belgischen Wissenschaftlern zur Galmeiflora gerechnet wird. Eine aus- führliche Beschreibung dieser Art und ihres Standortes muß einem späteren Beitrag vorbehalten bleiben. In einer weiteren Fortsetzung, welche zugleich das Schlußkapitel unserer Betrachtung bilden soll, wird noch zu sprechen sein von den Galmeistandorten bei Rabotrath, Bley- berg, Sippenaeken und Epen. Fortsetzung folgt. Anmerkungen : . 1. So konnte man auf der Trift in Neu-Moresnet vor ihrer Beseitigung sehr gut beobachten, wie z.B. Ahorn-Wildlinge aus Samenanflug vom benachbarten Emmaburger Wald bei einer Wuchshöhe von nicht einmal 30 cm infolge des für sie giftigen Bodensubstrates wieder abstarben. 2. Über die ”autochtonen Galmeipflanzenstandorte” wird noch an spä- terer Stelle zu sprechen sein. 3. ”Sekundäre Naturbiotope”, also Naturbiotope quasi aus zweiter Hand, sind im Hinblick auf ihren wissenschaftlichen Aussagewert keines- wegs geringwertiger als ursprüngliche Biotope. 4. Schon in dem Nachtrag zu dem in Heft 15 abgedruckten ersten Teil dieses Aufsatzes wurde Klage geführt über die Zerstörung der Galmeitrift. Leider muß auch hier wieder festgestellt werden, daß in der Zwischenzeit die Maßnahmen weitergegangen sind, sodaß manches, was hier geschildert wird, inzwischen der Vergangenheit angehört. 5. Auf dieses Gebiet wird in einer weiteren Fortsetzung dieses Auf- satzes noch näher eingegangen. 6. Molinia ccerulea ist überdies ein Anzeiger für höhere Bodenfeuchte, 7. An dieser Stelle sei besonders verwiesen auf die Aufsatzreihe von Franz Uebags ”Aus der jüngsten Geschichte des Altenberger Gruben- feldes” spez. Heft Nr. 8, S. 18 ff. (Alle Fotos vom Verfasser) Literatur : siehe die Angaben in Heft 15. Beim Druck sind in Heft Nr. 15 einige vom Manuskript abweichende Fehler entstanden. Richtig mußte es heißen : auf Seite 23, letzter Satz: ...das Studium der Aufsatzreihe von F. Uebags... auf Seite 25, Nr. 39 der Artenliste: Molinia ccerulea auf Seite 25, Nr. 41 der Artenliste: Genista tinctoria auf Seite 26, erster Satz des vorletzten Abschnittes: ...läßt sich nun für den Göhltalbereich feststellen... auf Seite 28 in der Anmerkung: Wegtrasse statt Wegstraße Das Bild der Galmeitrift bei Bleyberg wurde seitenverkehrt kopiert.
45 Juppe u. Bretze - Homburger Folklore von Albert Stassen Von den beiden Homburger Schützengesellschaften St. Brixius und St. Josef ist die Erstgenannte die ältere. Sie wurde schon 1741 gegründet. Der Silbervogel, den der jewei- lige Schützenkönig trägt, stammt aus dem Jahr 1754. Wie manche andere Schützengesellschaft unserer Gegend, hatte auch die St. Brixius Schützenvereinigung als Aufgabe, die Prozessionen vor Überfällen. von Räubern zu schützen. Es waren die Schützen, die den ”Himmel” und die Statue der Muttergottes trugen. Die ältesten Archive der St. Brixius-Schützen stammen aus dem Jahre 1844. Das großformatige Buch trägt den Titel ”Register der Schutterye van Hombourg, inhoudende de Con- ditien, Lijsten ende jaerlikse Reckeningen beginnende met het jaer 1844”. Auf den drei folgenden Seiten finden wir die 23 Artikel umfassenden Statuten der Gesellschaft mit dem Titel : ”Reglement waeraen alle Schutten onderworpen zyn”. Die einzelnen Artikel dieser Statuten legen klar und deut- lich die Zielsetzungen der Gesellschaft und die Aufgaben der Mitglieder fest. In Artikel 1 heißt es : ”Deeze Schutterye staende onder den Titel van Broeder- schap van den H. Roosenkranz ende Sint Brictius onzen Patroon heeft voor principael but om op de processie het hoogweerdig te accompagneeren, dezelve in order te houden en te verzieren, ...” Zu deutsch : sie hat als Hauptaufgaben, das Allerheiligste auf den Prozessionen zu begleiten, für Ord- nung zu sorgen und die Prozession zu verschönern. Die Mitglieder müssen einander freundlich begegnen, dür- fen sich nicht zanken noch streiten oder ”onbehoorlyke ree- den” (ungeziemende Ausdrücke, Grobheiten) an den Kopf werfen. Wer dies dennoch tut, wird aus der Schützengesell- schaft ausgeschlossen. Artikel 2 legt die Beitrittsgebühr auf 1 Fr, 20 centimes fest. Wer aus der Gesellschaft austreten möchte, zahlt eben- falls 1,20 Fr,
46 Alle Schützen müssen ihren Jahresbeitrag alljährlich am Kirmesmontag gleich nach dem gemeinsamen Gottesdienst entrichten. Der Beitrag beläuft sich auf 1 Fr. Wer an zwei aufeinanderfolgenden Jahren seinen Beitrag nicht bezahlt hat, wird aus der Mitgliederliste gestrichen und kann nur wieder aufgenommen werden, wenn er die doppelte Beitrittsgebühr und die rückständigen Jahresbeiträge zahlt (Art. 3). Bei drei verschiedenen Anläßen müssen alle Offiziere und Schützen zusammenkommen, und zwar 1. am Pfingst- montag zum Schießen des Vogels (heute findet der Vogel- schuß am zweiten Julisonntag statt); 2. am Kirmessonntag - zum Begleiten der Prozession und 3. am Kirmesmontag vor der ”Schützenmesse”, der alle beiwohnen müssen. Ebenfalls verpflichtend ist die Anwesenheit ”als doer het jaer een ziel- messe ofte andere celebratie plaats heeft”. Bei Fernbleiben werden 50 centimes Strafe gezahlt (Art. 4). Ein Amt in der Gesellschaft kann nur der ausführen, der anständig gekleidet ist und keine Gebrechen oder ”on aen Staendigheden” an seinem Körper hat. Die Offiziere oder die Mehrheit der Schützen bestimmt, ob der Kandidat akzep- tabel ist (Art. 5). Trunkenheit während einer Schützenaktivität wird mit Ausschluß aus dem Verein für die Dauer eines Jahres geahn- det. Der so bestrafte Schütze darf an keiner Veranstaltung teilnehmen ; tut er es dennoch, so muß er für jedes einzelne Mal eine Buße von 1 Fr zahlen (Art. 6). Der Schießmeister muß alljährlich auf Pfingstmontag auf Kosten der Vereinskasse den Vogel aufrichten. Der Schützenkönig erhält aus der Vereinskasse ein ”pre- sent” von 25 Fr, wovon er eine silberne Medaille mit seinem Namen und der Jahreszahl anschaffen muß. Diese Platte darf nicht weniger als 6 Franken kosten. Sie wird am Vogel befestigt (Art. 8). Der König darf ”tracteeren”, wo und wann es ihm beliebt, doch nur innerhalb des Dorfs und ”anders niet als met bier ofte brandewyn” (Art. 10). Er muß zu trinken spendieren auf Pfingstmontag (”bij het af haelen”), am Kirmessonntag
48 zurückkaufen für 6 Patacons oder 28,47 Fr, ohne daß der Schützenkönig sich weigern dürfte, ihn wieder herzugeben. War ein Schütze schon zweimal hintereinander König, so muß er beim Schießen genau seine Reihenfolge abwarten und darf auch nur mit einer Kugel laden und nicht ”met ijsere ofte staelen pielen” (Art. 16). Dem Schießmeister obliegt es ”droms en musiek” zu be- stellen. Die Musiker werden aus der Gesellschaftskasse bezahlt (Art. 17). Stirbt ein Mitglied, .so bestellt der Schießmeister eine Totenmesse ”met zang en orgel”, an der alle Schützen teil- nehmen müssen. Auch die Teilnahme am Opfergang ist Pflicht (Art. 18). Auch die Rechnungsführung der Gesellschaft ist Sache des Schießmeisters. Jedes Jahr nach der Kirmes muß er über Ein- und Ausgaben des verflossenen Jahres Bericht erstatten und das Rechnungsbuch in Ordnung bringen (Art. 19). Wer beim Schießen nicht den Vogel, sondern die Stange trifft, muß 5 Fr Strafe in die Vereinskasse zahlen (Art. 20). Die verschiedenen Artikel der Statuten sollen alljährlich vor dem Vogelschießen verlesen werden und diejenigen, die sich nicht an sie halten wollen, werden als ”inadmissibel voor al de daegen huns levens” erklärt (Art. 22). An der Spitze der Gesellschaft steht ein aus neun Mit- gliedern bestehendes Komitee, das durch die Gesamtheit der beitragzahlenden Mitglieder gewählt wird. Diese Führungs- spitze zählt einen Kapitän, einen Schießmeister, einen Leut- nant und 6 Kommissare. Einer der drei Erstgenannten wird zum Präsidenten bestimmt. Wer in drei aufeinander folgenden Jahren den Vogel herunterholt, erhält den Titel eines Schüt- zenkaisers. Während der Jahre 1794-1814, 1914-1918 und 1940-1944 ruhte die Tätigkeit der Gesellschaft. Seit ihrer Gründung bis zur Franzosenzeit trugen die Schützen bei der Prozession Uniformen und Armbrüste (später Gewehre) sowie Degen (1). 1. Beim Einmarsch der deutschen Truppen wurde 1914 der ganze Besitz der Schützengesellschaft beschlagnahmt. Die St. Brixius-Schüt- zen übten im Stillen mit... Luftgewehren.
49 Bis zum Jahre 1881 verlief das Vereinsleben ohne beson- dere Vorkommnisse. Dann aber geschah etwas, das tiefen Zwiespalt unter die Homburger brachte und manchmal heute noch dunkle Schatten auf das Dorfleben wirft. Lassen wir die St. Brixius Schützen berichten : Der damalige Pfarrer Langohr hatte bei der Prozession eine Auseinandersetzung mit den Trägern der Muttergottes- statue, worauf diese die Statue an den Wegrand im Weiler ”Bach” hinstellten. Eine andere Version sagt, man habe nicht mehr genug Träger für die Statue (oder den Himmel) gefun- den. Darauf habe der Pfarrer mit der Gründung einer Gesell- schaft eigens zu diesem Zweck gedroht. Es kam zur Spaltung der St. Brixius Schützengesellschaft. Die ausscheidenden Mitglieder gründeten die Schützengesell- schaft St. Joseph (”die Juppen”). Dies war der Anfang von Streitigkeiten, Schlägereien und ähnlichem, was bis auf den heutigen Tag angehalten hat. 1882 begrub man vorläufig die Streitaxt, da es hieß, gegen die von der damaligen liberalen Regierung gegen die katholischen Schulen gestartete Kampagne Front zu machen. Die ganze Bevölkerung scharte sich zusammen und errichtete unter persönlichen Opfern eine katholische Volksschule (das heutige Pfarrheim). Nachdem 1883 die St. Joseph-Schützen offiziell gegründet waren, begannen die Reibereien zwischen ”Bretzen” und ”Juppen” von neuem. 1886 gründeten die Bretzen den ersten Homburger Musikverein, die ”Harmonie de Hombourg”, die 1908 in ”Union Musicale” umbenannt wurde. Bemerkenswert ist, daß bis zum Jahre 1891 die Archiv- unterlagen des Vereins in Plattdeutsch geführt wurden. Von 1881 bis 1891 bediente sich der Schriftführer der Gesellschaft des Hochdeutschen, und seit 1891 - damals feierte man das 150-jährige Bestehen der Schützengesellschaft - ist Franzö- sisch die Vereinssprache. Bei Gelegenheit der Kirmes konnten beide Schützen- vereine ihre ganze Macht und Herrlichkeit zur Schau stellen. Jedermann im Dorfe hatte für die einen oder die anderen
50 Partei ergriffen. Die Bretzen und die ”Gesellschaft des Pfar- rers”, die Juppen, beide bildeten einen Zug, der mit Trommel- begleitung durchs Dorf zog. Wenn beide sich kreuzten, wurde auf beiden Seiten so kräftig wie möglich auf die Pauke gehauen... Schließlich war man gezwungen, ein bis in die Einzelheiten gehendes Protokoll auszuarbeiten, damit die bei- den Gesellschaften und (seit 1922) auch die beiden Musikver- eine sich nicht mehr beim Kirmesumzug treffen konnten. Als im Jahre 1914 der Pfarrer Möllers seinen Abschied nahm und der Pfarrer Pomme in Homburg eingeführt werden sollte, lehnte dieser jede Festlichkeiten bei seiner Amtsein- führung ab, wenn nicht vorher die beiden Schützengesellschaf- ten sich versöhnt hätten. Es kam dann auch zu einem bis 1919 anhaltenden Burgfrieden. Die jährliche Kirmes wurde in Einigkeit gefeiert und die Musik spielte am Kirmessonntag für die ”Juppen” und dienstags für die ”Bretzen”. Seine Krönung fand die Versöhnung der beiden Gesellschaften, als der Bürgermeister, Herr Stevens, ein Jupp, bei den Bretzen Schützenkönig wurde. Auch die erste Nachkriegskirmes 1919 wurde gemeinsam von beiden Gesellschaften veranstaltet. Zu einem neuerlichen Bruch kam es im folgenden Jahr, als man die aus dem großen Krieg heimgekehrten Männer ehren wollte. Die alten Kämpfer wehrten sich dagegen, daß im Organisationskomitee auch fünf Personen waren, denen sie Mitarbeit mit dem Feind vorwarfen. Schließlich übernah- men die Brixius-Schützen allein die Organisation der Fest- lichkeiten. Der Musikverein ”Union Musicale”, dem seit 1914 auch ”Juppen” angehörten, sollte sich zu der geplanten Feier äußern. Mit 16 zu 15 Stimmen entschied man sich für die Bretzen und die von diesen zu veranstaltenden Feiern. Darauf- hin zogen die Juppen aus dem Musikverein aus und gründeten 1922 die ”Royale Harmonie”. Nunmehr wurde der Streit immer heftiger ; nicht nur im Vereinsleben standen sich Bretzen und Juppen gegenüber, sondern auch in der Gemeindepolitik. In den Augen der Bevölkerung gibt es übrigens keine Unterscheidung zwischen Musikverein, Schützenverein und kommunalpolitischer Grup- pierung. Der Name des Patrons, Bretz oder Jupp, genügt, um
51 jemanden dem einen oder dem anderen Lager zuzuweisen. Von 1900 bis 1920 waren Bretze und Juppen abwechselnd an der Macht ; von 1920 bis 1938 herrschten die Bretze ununter- brochen. Dann kamen die Juppe an die Macht (2). Wenn auch von keiner der beiden Gruppierungen gesagt werden kann, sie sei dieser oder jener politischen Partei nahestehend, und man beide wohl bei Gemeindewahlen als ”Gemeindeinteressenlisten” charakterisieren muß, bleibt doch festzustellen, daß die soziale Schichtung der Bevölkerung in den beiden Gesellschaften sich wiederspiegelt. Besteht die St. Brixius-Gesellschaft vorwiegend aus Arbeitern und Ange- stellten, so rekrutiert die St. Josephs-Gesellschaft sich fast ausschließlich aus dem Bauernstand. Es war nicht immer angenehm, in der Dorfpolitik in der Minderheit zu sein. So ist es z.B. vorgekommen, daß der Bürgermeister, ein Bretz, den Juppen bei Gelegenheit der Kirmes einen Auschank 500m vom Dorf entfernt zuwies, während die Bretzen ihren Ausschank auf dem Dorfplatz aufschlugen. Die Folge war, daß die St. Joseph-Schützen an der Bleiberger Straße einen Vereinssaal errichteten. Einige Jahre später (1939) tat es ihnen die Brixius-Gesellschaft an der Montzener Straße nach. Als bei den letzten Vorkriegswahlen die Juppen die Mehr- heit errangen, schrieben manche die Niederlage der Bretzen den Fässern Bier zu, die die Juppen den in Homburg sta- tionierten und dort zur Wahlurne gehenden Grenzschutzmän- nern spendiert hatten (die meisten Grenzwächter waren Frei- willige mit Wohnsitz in Homburg). Die Gemeinderatswahlen wurden immer von beiden Seiten mit viel Kostenaufwand vorbereitet und manch fanatischer Bretz oder Jupp hat im Wahlkampf sein eigenes Vermögen für seine ”Partei” eingesetzt. In den Tagen vor der Wahl gingen sowohl Bretze wie Juppe nach Bleiberg, den dortigen Wählern Freibier zu spenden. Die Bleiberger aber, obwohl 2. Unter der deutschen Besatzung blieben anfangs die gewählten Ge- meindevertireter im Amt, 1941 wurde dann die Gemeinde ”Groß- Montzen” gegründet, in welche auch Homburg aufging. Ein ”Orits- bauernführer” wurde mit den Homburger Angelegenheiten betraut.
52 sie teilweise zur Gemeinde Homburg ‚gehören, haben sich immer aus den internen Homburger Streitereien herausge- halten, die sie als ”Burequatsch” (Bauernquatsch) bezeichnen. In Sippenaeken und Remersdael hat die Bevölkerung schon seit langem für die Bretze Partei ergriffen. Kamen nun die Bretze und die Juppen mit den Karren voll Bier und Schnaps nach Bleiberg, so luden die dortigen Einwohner Freunde und Bekannte von nah und fern ein, und alle taten sich gut an der von den Homburgern herbeigeschafften Fracht... Als der zweite Weltkrieg ausbrach, kam es in Homburg zu einem neuen ”Waffenstillstand” zwischen beiden rivali- sierenden Gruppen. Aber mit Kriegsende flammten die alten Streitigkeiten wieder auf. Es gab mancherlei Gründe dafür, die wir hier nicht aufzählen können. Meist brach die Feind- schaft wegen irgendeines belanglosen Zwischenfalles aus, der je nach Lager, verschieden dargestellt und interpretiert wurde. Der geringste Anlaß genügte, um im Vorstand zu langen Diskussionen zu führen. Vereinsleben, Gemeindepolitik, ... überall finden wir die beiden feindlichen Brüder. Was aber, wenn zwei junge Menschen aus verschiedenen Lagern sich in einander ver- lieben ? Es hängt dann meist von der einsichtigen oder fana- tischen Haltung der Eltern ab, ob die Heirat zustande kommt. Aber selbst wenn dies geschieht, bleiben die Eheleute Bretz oder Jupp bis zu ihrem Ende! Ein Homburger Spruch sagt übrigens, man sei noch Jupp oder Bretz !/, Stunde nach dem Tode! Die ungleichen Ehen bleiben nie neutral in den Aus- einandersetzungen zwischen Juppen und Bretzen. Jeder Hauvus- halt wird übrigens sofort eingestuft als den Juppen oder Bretzen zugehörig, je nachdem ob Frau oder Mann ”die Hosen anhat”. Nun trifft der Fremde, der dem Homburger die Frage stellt, ob er Jupp oder Bretz sei, meist auf eine ausweichende Antwort. Nur wenige bekennen auf Anhieb, daß sie dieser oder jener Gruppe nahestehen. Dennoch sind praktisch nur die in den letzten Jahrzehnten Zugezogenen wirklich parteilos. Es muß auch gesagt werden, daß seit etwa zwanzig Jahren die Fehde ständig abklingt. Die Kirmesfeierlichkeiten ver-
53 laufen streng nach Protokoll: die Plätze der Fahnen und Standarten in der Kirche, der Umzug nach dem Hochamt und die Prozession. Am Kirmessonntag organisieren beide Gesellschaften einen großen Ball und jede versucht, durch das bessere Tanzorchester die Besucher anzuziehen. Der Mon- tagvormittag gehört den Bretzen (Messe), der Abend den Juppen (Volksbelustigungen, Konfettischlacht, Musik...) Dienstags geht es umgekehrt. Wie gesagt, vor Wahlen steigt das Fieber und wenn die Parteien ihre Liste aufstellen, ist auch meist ein Spion der Gegenseite dabei. So kam es 1958 dazu, daß ein solcher ”Spion” gemeint hatte, einen bisher ”Neutralen” bei den Bretzen ein- gehen gesehen zu haben. Schon am nächsten Tag erhielt der ”Neutrale” den Besuch der Juppen, die im Gemeinderat die Mehrheit besaßen ; der kluge Mann begriff sehr bald, worum es ging, als die Juppen ihm Lastwagen Steine und Kies anboten, damit er den Weg zu seinem Hof instandsetzen könne, Natürlich war er gerne bereit, auf dieses Angebot hin seine Kandidatur von der Liste der Bretzen zurückzunehmen. Nachdem Steine und Kies geliefert waren, eröffnete der Neu- trale den Juppen, daß er nie auf der Liste der Bretzen gestan- den habe, was die Juppe nicht sonderlich schön fanden... Es gibt eine Unzahl Anekdoten über die Juppen und die Bretzen. Von Generation zu Generation werden sie ausge- malt und viele sind über die Dorfgrenzen hinaus bekannt. Aus dem vielfältigen Auf und Ab der Beziehungen zwischen beiden Gruppierungen möchten wir hier aus der jüngsten Zeit einen Höhepunkt herausgreifen. Im Jahre 1964 war es dem damaligen Bürgermeister gelungen, vor den Wahlen ein Kartell Bretze-Juppe zu bilden und man konnte auf Wahlen verzichten. Als der Bürgermeister 1970 diesen Coup wieder- holen wollte, stellte sich ihm eine neue Formation entgegen, die behauptete, weder mit den Bretzen noch mit den Juppen etwas zu tun zu haben, in Wirklichkeit aber aus notorischen Bretzen und Juppen bestand. Somit entstand eine dritte Kraft, die bei den Wahlen zwei Sitze errang, während das Kartell auf 7 Sitze kam und somit die absolute Mehrheit der Bürger- meisterfraktion nicht gefährdet war. Allerdings fielen 5 Sitze von den 7 auf Juppe und allen vor der Wahl getroffenen
54 Absprachen zum Trotz (der erste Schöffe sollte demnach ein Bretz sein) stellten die Juppen nun - gegen den Willen des Bürgermeisters, der ihrer Fraktion angehörte - alle Schöffen im Gemeinderat. Die vorher getroffenen Abmachungen seien, so hieß es zur Entschuldigung, nicht mehr gültig, da das Auf- treten der neuen Formation eine veränderte Situation geschaf- fen habe... So entzündeten sich die seit etwa 10 Jahren ruhenden Gegensätze wieder und die dritte ”Partei” goß Öl ins Feuer... Und längst vergessen Geglaubtes wurde wieder Ausgegraben, was manchmal bei den Sitzungen des Gemeinderates zu hef- ‚, tigen Wortgeplänkeln führte. Am 21.2.1971 starb Bürgermeister Simons, der sich sehr für ein friedliches Zusammenleben beider Parteien eingesetzl hatte. Doch kaum natte man den Bürgermeister unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen, da begann die politische Krise. Der auf der Kartelliste nachrückende neue Mann im Gemeinderat ist ein Bretz. Somit sind die Juppe mit 4 Mann gegen 3 Bretze und 2 ”Neutrale” in der Minderheit. Fast ein Jahr lang ist die Arbeit des Gemeinde- rates paralysiert gewesen. Kein wichtiges Dossier wird ab- schließend behandelt, kein Bürgermeister ernannt. Nur ein einziges Mal gelingt es, alle Ratsmitglieder auf eine Resolution festzulegen, und zwar war diese eine Stellungnahme gegen ein Volksunie-Projekt, das die Schaffung einer zehnten Pro- vinz vorsah. Seitdem ist es jedoch stiller geworden und die Juppen haben dank der Stimme eines der beiden Neutralen die Mehr- heit wiedergewonnen. Worin der eigentliche Unterschied zwi- schen diesen Formationen besteht, ist onehin schwer auszu- machen, da alle die christliche Weltanschauung vertreten, auch wenn sie sich zuerst als ”Bretz”, ”Jupp” oder ”Gemeinde- interessenvertreter” bezeichnen... Ein Wort noch zur Einstellung der Jugend. Wenn Tanz- abend ist, so finden sich Jugendliche beider ”’Clans” zusammen. Für sie gilt als einziges Kriterium die Qualität der Tanzmusik. Auch in den Jugendverbänden, wie K.L.J. oder Pfarrjugend
55 (”Patro”) hat es seit Bestehen dieser Verbände keinerlei Schwierigkeiten gegeben. Bretze und Juppe haben sich dort immer friedlich zusammengeschlossen. Aber erst wenn der Jugendliche zum Erwachsenen geworden ist, kann man end- gültig ein Urteil fällen, denn nach dem in Homburg bekannten Spruch ist man ”ene Brets off ene Jupp bis egen Tiene”, d.h. bis in die Zehenspitzen. Das Bestehen beider Schützengesellschaften (aber wir ha- ben ja gesehen, daß es um viel mehr als um Schützengesell- schaften geht) hat das Dorfleben geprägt und sogar dem Fremden fielen früher die grüngestrichenen Kandeln, Türen, usw. der Bretzen auf, während er leicht einen Jupp an der von diesem bevorzugten roten Farbe erkennen konnte. Es wird in Zukunft darauf ankommen, das zu bewahren, was zur Folklore geworden ist und in diesem Rahmen den Brixius- und den Josephs-Schützen den ihnen gebührenden Platz zu geben. Für kleinlichen Zwist und persönliche Feindschaft ist kein Raum.
56 Die Blätter fallen... von Leonie Wichert-Schmetz Die Blätter fallen, Und der Blick wird weit. Die welken Stauden Schnitt ich ab. Die Beete, flache braune Hügel, Warten schon, } Ich hab’s gesehen. Die Tulpen und Narzissen Haben Spieße, Fingerlang und rund, Bereit, den Torf zu spalten, Wenn der Frühling kommt. Vorläufig schlafen alle Knospen noch. Durch’s Baumgeäst fällt Licht Auf Wege, wo’s im Sommer dämmerig war, Der Blick wird weit zum Himmel Und zur Ferne... Ich weiß das Licht, auf Wachstum Auch vertrau’ ich. Drum hab’ ich diese Tage gerne.
57 Wie unsere Raerener Vorfahren Kirmes feierten von Viktor Gielen Die Kirmes hat heute nicht mehr die Bedeutung wie etwa um die Jahrhundertwende. Mit Recht sagt man : Es ist ja jeden Sonntag Kirmes. Während unsere Großeltern nur bei den Hochzeiten und an den Kirmestagen Platz und Fladen kannten, gibt es heute in den meisten Familien an jedem Sonntag Gebäck - und manchmal auch noch an den Wochentagen. Und während damals nur einige Male im Jahr getanzt wurde, gibt es heute welche, die fast jeden Sonntag das Tanzbein schwin- gen. Das sind Folgen der Wohlstandsgesellschaft, über die man geteilter Meinung sein kann. Woher kommt das Wort Kirmes ? Kirmes kommt von Kirch-Messe. Ihr Ursprung ist ein kirchliches Fest, das Fest nämlich, das gefeiert wurde zur Erinnerung an die Kirchweihe, an den Tag also, da der Bischof die neuerbaute Kirche eingeweiht hatte. Man nannte es das Kirchweihfest. Die Raerener Pfarrkirche war am 20. Juni 1770 geweiht worden, einige Tage also vor dem Fest des hl. Johannes des Täufers (24. Juni). Aus diesem Grund wohl hat man vor 200 Jahren die Kirmes am Sonntag vor dem 24. Juni gefeiert. Im Pfarrarchiv befindet sich eine Notiz von Kaplan Cratz aus dem Jahre 1781, worin es heißt : «Im Jahre 1778 wurde das Kirchweihfest auf den Sonntag vor dem Fest des hl. Johannes des Täufers verlegt». Neben dieser sogenannten ”großen’” Kirmes gab es noch eine ”kleine” und zwar am Sonntag nach Christi Himmelfahrt. Später - den genauen Zeitpunkt kennen wir nicht - wurde die Raerener Kirmes auf den Sonntag nach Mariä Himmel- fahrt (15. August) verlegt, an dem sie heute noch gefeiert wird. Vorbereitungen auf die Kirmes Kirmes war ein Fest, auf das man sich das ganze Jahr hindurch freute. Monate im voraus wurden die Wochen und
| | I | 58 Tage gezählt. Hausfront und Giebel erhielten einen neuen | Anstrich, wenn dies nicht schon für die Fronleichnamsprozes- | sion geschehen war. Der Fußboden wurde neu geölt und die Öfen auf Hochglanz gebracht. Jeder junge Mann mußte natürlich für die Kirmes sein Mädchen haben. Sechs Wochen vor dem Fest machten die jungen Männer, die noch keine Braut hatten, immer min- destens zu zweien, im Hause des auserwählten Mädchens einen Besuch. Den Kameraden, der den Begleiter spielte, nannte man den ”Prang”. Es kam vor, daß der Junge und das Mädchen noch nie ein Wort miteinander gesprochen hatten. - Schon bald merkte der junge Mann, der mit klopfendem Her- zen das Haus seiner Auserwählten betrat, ob er dem Mädchen und seinen Eltern genehm war oder nicht. Die letzte Woche vor der Kirmes Beim Beginn der letzten Woche erreichten die Vorberei- tungen ihren Höhepunkt, das Geplänkel wurde zur Schlacht. | Es wurde gescheuert und geschrubbt, bis alles blitzblank war. In jeder Familie wurde der Kirmesschinken gekocht. Da mit vielen Gästen gerechnet werden mußte, wurde für den Kir- meskaffee unwahrscheinlich viel Gebäck bestellt. Man erzählt heute noch von einer Raerenerin, die im Hinblick auf die Kirmes gesagt haben soll: «Voffzeg wisse Vläm, dresseg schwatze en zeen Krängs... me moß jo jett ene Hus haan». Das heißt: Ich bestelle mal fünfzig Reisfläden und dreißig schwarze und zehn Kränze. Man muß doch eine Kleinigkeit im Haus haben. Die achtzehn Bäcker, die es um 1910 in Raeren gab, hatten Tag und Nacht zu tun und mußten Hilfskräfte ein- stellen. Die Hausfrauen standen schwitzend am Herd und kochten den für den Fladen bestimmten Reisbrei, der so steif sein mußte, daß ein hineingestellter Rührlöffel nicht umfiel. Für acht Fläden rechnete man ein Pfund Reis. Für die schwar- zen Fläden, die man ”Spieß” nannte, wurden ”Backemüs” gekocht, das waren im Backofen gedörrte süße Äpfel. Für den Apfelzuschlag wurden Äpfel geschnitzelt.
59 Am Donnerstag oder Freitag war dann alles soweit, daß es zum Bäcker gebracht werden konnte. Reiseimer, Schüsseln und Kumpen wurden mit Namenszetteln versehen. Trotzdem muß es für den Bäcker schwer gewesen sein, alles ausein- anderzuhalten. Den fertig gebackenen Fladen mit den ”Kränzen” - ein kuchenartiges Gebäck - brachte der Bäcker nicht ins Haus, man mußte ihn selbst abholen. Mit Horden aus Flechtwerk bewaffnet, zogen die Kinder los, um die süße Herrlichkeit im Empfang zu nehmen. War der Weg zur Bäckerei allzuweit - bekanntlich sind in Raeren die Entfernungen groß - wurde der Fladen mit dem Leiter- wägelchen geholt oder Vater spannte das Pferd an, und mit dem Heuwagen ging es zur Bäckerei. Dort angekommen, wur- den Fläden und Kränze auf dem Boden des Wagens ausge- breitet. An den Seitenwänden baumelten die leeren Eimer. Zu Hause wurde die kostbare Last von der ganzen Familie freudig in Empfang genommen und in den kühlen Keller gebracht. Von dort aus drang der Duft verheißungsvoll durch alle Räume. Die Kirmestage Am Samstagabend war alles still: die Ruhe vor dem Sturm. Auf dem Kirmesplatz wurden die letzten Krambuden aufgebaut. Veranstaltungen kannte man damals an diesem Abend nicht. Der Trubel begann erst nach dem Hochamt am Kirmessonntag. Während des Hochamts war die Pfarrkirche viel zu klein ; in und vor der Kirche gab es großes Gedränge. Nach dem letz- ten Lied ergoß sich der Menschenstrom den Kirchberg hinab. In den Lokalen wurden die ersten Tänzchen gedreht. Ein betagter Raerener wußte uns zu berichten, daß in seiner Jugend nach dem Kirmeshochamt draußen auf dem Platz vor Wilden ein Tanz aufgeführt wurde. Auch auf dem Kirmesplatz ging nach dem Hochamt der Betrieb los. Er befand sich damals in Titfeld, dort wo jetzt der Kindergarten ist. Man kannte damals noch nicht den ohren-
60 betäubenden Lärm, mit dem wir heute auf dem Kirmesplatz «beglückt» werden, so daß man sein eigenes Wort nicht ver- stehen kann. Es gab ja noch keine Lautsprecher, die alles über- | tönen. Die Kirmesorgeln, die mit der Hand ”gedreht” wurden, klanzen lieblich und friedlich. Auch die Karussels wurden nicht durch Motoren, sondern durch Pferde oder - das Ketten- | karussel - durch junge Burschen in Bewegung gesetzt. Na- | türlich fehlte auch die Luftschaukel nicht, und die Jugend- lichen ließen sich bis unter das Zeltdach emporschleudern. Die Raerener Kirmes war ein echtes Familienfest. Ver- wandte von nah und fern, von diesseits und jenseits der . Grenze, fanden sich ein. Die ersten waren schon für das Mit- tagessen da. Wieviel gab es da zu erzählen ! | Das eigentliche Festmahl aber war der Kirmeskaffee. Ber- | ge von ”Pistolets”, Kranz und Fladen wurden aufgetischt. Die bis dahin lebhafte Unterhaltung verebbte, und man hörte | nur noch das Klirren der Messer und Gabeln. Ab und zu | forderte die Hausfrau zum Zugreifen auf: «Now eißt doch, 1! döht es wenn der heem wüürt !» Natürlich mußte man auch ein Paket Kranz und Fladen mitnehmen für die Angehörigen, die zu Haus hatten bleiben müssen. Auch sie sollten ihren Anteil an der Kirmesfreude ha- ben. Zu diesem Zweck wurden während des ganzen Jahres die anfallenden Schuhschachteln aufgehoben. Gegen 17 Uhr mußten viele zum Stall, um dort die Kühe zu melken. Um 1910 gab es in Raeren 400 Haushaltungen, die Vieh besaßen (heute noch etwa 1/10 davon !). Die Gäste schau- ten zu oder machten einen Verdauungsspaziergang durch die Wiesen bis zum Kirmesplatz. Natürlich hatten auch die Wirte Hochbetrieb. Um 1900 gab es in Raeren 7 Tanzlokale. Um einen Einblick in das dama- lige Raerener Vereinsleben und die Veranstaltungen an den Kirmestagen zu bekommen, habe ich im Eupener Zeitungsar- chiv das «Korrespondenzblatt des Kreises Eupen» vom 18. Au- gust 1900 eingesehen.
61 Vier der Raerener Tanzlokale kündigen darin die Kirmes- festlichkeiten an. Es sind folgende : 1. Radermachers ’s Lokal zum Pley — Inh. Leopold Pesch In der Anzeige heißt es: Bei Gelegenheit der Raerener Kirmes wird die St. Hubertus-Schützengesellschaft am Sonn- tag, dem 19. August folgende Festlichkeiten veranstalten : Antreten nachmittags 3'/3 Uhr. Preisvogel-, Stern- und Schei- benschießen. Während des Schießens Konzert und Volksbelus- tigungen aller Art. Nach Beendigung des Schießens Festball. Eintritt zu den Festlichkeiten 50 Pf. — Eine Dame frei. Raerener Kriegerverein Montag, 20. August, nachmittags !/33 Uhr Antreten der Krieger im Vereinslokal auf’m Pley mit Waffen. — Abholen des Kai- sers, Herrn Leonard Schiffer, Zug zur Festwiese auf’m Pley, woselbst Kaiservogel und großes Preisschießen ; es wird an der Stange gezogen. Während des Schießens Konzert. Nach Beendigung des Schießens : Dekorierung des Kaisers, Parade und abends Festball. Dienstag : Geschlossener Festball der hiesigen freiw. Feuerwehr. 2. Im Germaniasaal, Lokal Hubert Crott, Botz, finden am Montag und Dienstag die Festlichkeiten des Hand- werker-Gesangvereins statt. 3. Kaisersaal im Lokal Wilhelm Pesch-Simons, Driesch Auch hier gibt es an den drei Tagen Tanzgelegenheit. — Am Dienstagmorgen um 9 Uhr Antreten der Sebastiani-Schützen- gesellschaft, die sich zur Kirche begibt, wo ein Hochamt für die leb. und verst. Mitglieder stattfindet. Nachmittags 4 Uhr Abholen des Schützenkönigs, Herrn Hubert Dujardin. Zug zur Festwiese, wo gleich das Schießen beginnt. Während des Schießens Harmonie-Konzert. — Abends Festball. 4. Lokal Johann Radermacher an der Kirche Am Kirmessonntagabend Vokal- und Instrumental-Konzert seitens des hiesigen wohllöblichen Cäcilia-Gesangvereins.
60 betäubenden Lärm, mit dem wir heute auf dem Kirmesplatz «beglückt»- werden, so daß man sein eigenes Wort nicht ver- stehen kann. Es gab ja noch keine Lautsprecher, die alles über- tönen. Die Kirmesorgeln, die mit der Hand ”gedreht” wurden, klanzen lieblich und friedlich. Auch die Karussels wurden | nicht durch Motoren, sondern durch Pferde oder - das Ketten- karussel - durch junge Burschen in Bewegung gesetzt. Na- türlich fehlte auch die Luftschaukel nicht, und die Jugend- | lichen ließen sich bis unter das Zeltdach emporschleudern. | Die Raerener Kirmes war ein echtes Familienfest. Ver- wandte von nah und fern, von diesseits und jenseits der Grenze, fanden sich ein. Die ersten waren schon für das Mit- tagessen da. Wieviel gab es da zu erzählen ! | Das eigentliche Festmahl aber war der Kirmeskaffee. Ber- ge von ”Pistolets”, Kranz und Fladen wurden aufgetischt. Die | bis dahin lebhafte Unterhaltung verebbte, und man hörte | nur noch das Klirren der Messer und Gabeln. Ab und zu | forderte die Hausfrau zum Zugreifen auf: «Now eißt doch, | döht es wenn der heem wüürt !» Natürlich mußte man auch ein Paket Kranz und Fladen mitnehmen für die Angehörigen, die zu Haus hatten bleiben müssen. Auch sie sollten ihren Anteil an der Kirmesfreude ha- ben. Zu diesem Zweck wurden während des ganzen Jahres die pe anfallenden Schuhschachteln aufgehoben. Gegen 17 Uhr mußten viele zum Stall, um dort die Kühe zu melken. Um 1910 gab es in Raeren 400 Haushaltungen, die Vieh besaßen (heute noch etwa 1/10 davon !). Die Gäste schau- ten zu oder machten einen Verdauungsspaziergang durch die Wiesen bis zum Kirmesplatz. Natürlich hatten auch die Wirte Hochbetrieb. Um 1900 gab es in Raeren 7 Tanzlokale. Um einen Einblick in das dama- lige Raerener Vereinsleben und die Veranstaltungen an den Kirmestagen zu bekommen, habe ich im Eupener Zeitungsar- chiv das «Korrespondenzblatt des Kreises Eupen» vom 18. Au- gust 1900 eingesehen.
61 Vier der Raerener Tanzlokale kündigen darin die Kirmes- festlichkeiten an. Es sind folgende : 1. Radermachers ’s Lokal zum Pley — Inh. Leopold Pesch In der Anzeige heißt es: Bei Gelegenheit der Raerener Kirmes wird die St. Hubertus-Schützengesellschaft am Sonn- tag, dem 19. August folgende Festlichkeiten veranstalten : Antreten nachmittags 3'/> Uhr. Preisvogel-, Stern- und Schei- benschießen. Während des Schießens Konzert und Volksbelus- tigungen aller Art. Nach Beendigung des Schießens Festball. Eintritt zu den Festlichkeiten 50 Pf. — Eine Dame frei, Raerener Kriegerverein Montag, 20. August, nachmittags !/33 Uhr Antreten der Krieger im Vereinslokal auf’m Pley mit Waffen. — Abholen des Kai- sers, Herrn Leonard Schiffer, Zug zur Festwiese auf’m Pley, woselbst Kaiservogel und großes Preisschießen ; es wird an der Stange gezogen. Während des Schießens Konzert. Nach Beendigung des Schießens : Dekorierung des Kaisers, Parade und abends Festball. Dienstag : Geschlossener Festball der hiesigen freiw. Feuerwehr. 2. Im Germaniasaal, Lokal Hubert Crott, Botz, finden am Montag und Dienstag die Festlichkeiten des Hand- werker-Gesangvereins statt. 3. Kaisersaal im Lokal Wilhelm Pesch-Simons, Driesch Auch hier gibt es an den drei Tagen Tanzgelegenheit. — Am Dienstagmorgen um 9 Uhr Antreten der Sebastiani-Schützen- gesellschaft, die sich zur Kirche begibt, wo ein Hochamt für die leb. und verst. Mitglieder stattfindet. Nachmittags 4 Uhr Abholen des Schützenkönigs, Herrn Hubert Dujardin. Zug zur Festwiese, wo gleich das Schießen beginnt. Während des Schießens Harmonie-Konzert. — Abends Festball. 4. Lokal Johann Radermacher an der Kirche Am Kirmessonntagabend Vokal- und Instrumental-Konzert seitens des hiesigen wohllöblichen Cäcilia-Gesangvereins.
62 Dienstag : Geschlossener Ball des Harmonie-Musikvereins. Soweit die in der Zeitung vom 18. August 1900 angekün- digten Veranstaltungen. Daß auch in den übrigen Wirtschaf- ten -es gab deren im Jahre 1900 nicht weniger als 36 - aller- | hand los war, liegt auf der Hand. Daß dabei auch manche Mißstände zu beklagen waren, ist auch bekannt. Trunkenheit war ja das große Laster der damaligen Zeit. Kein Wunder, daß manche in diesem Zustand zu ”schlagenden Argumenten” griffen ! Zum Abschluß eine heitere Anekdote, die uns ein betagter Raerener zu berichten wußte : * Wer das Glück hatte, den Vogel abzuschießen, mußte als neuer König eine Ansprache halten. Auf Berg wohnte damals mit seiner Schwester Annemie ein Junggeselle. Er tat den glücklichen Schuß. Seine Ansprache lautete wie folgt: | ”Wir stehen am Rande eines neuen Schützenkönigs. Ich habe mich darüber gefreut. En et Annemie hat ooch Spaß | Graa u | DER KAFFEESONNTAG Ein eigentümlicher Brauch, der uns von keinem anderen Dorf bekannt ist, war der sogenannte Kaffeesonntag, 14 Tage nach der Kirmes. Auch an diesem Tag trat das ”Spääl” auf. Es war eine gesellschaftliche Vereinigung der Burschen für die Feier der Kirmes. So gab es je ein Spääl für Neudorf, Botz, Born, Honien und Sief. Jedes Spääl hatte sein Lokal, wo man sich zusammen amüsierte. Ausführlicher hat Paul Mennicken darü- ber berichtet in der Nummer des «Raerener Sonntagsblatts» vom 17.1.1971. Am Nachmittag des Kaffeesonntags trafen sich noch ein- mal alle Späälmitglieder in ihrem Lokal. Währenddessen ver- sammelten sich die Frauen und Mädchen zur Andacht in der Pfarrkirche. Nach der Andacht ergoß sich der Schwarm der buntgekleideten Damenwelt den Kirchberg hinab. Aus der Ferne erklang schneidige Marschmusik. «Do könt et Dörps-
63 Spääl !» rufen Frauen und Mädchen begeistert aus. In kurzem Abstand folgen sich die verschiedenen Spääls, die von ihrem Stammlokal aus nach Driesch gekommen sind, um die Mäd- chen in Empfang zu nehmen, so wie es auch schon nach dem Hochamt am Kirmessonntag geschehen war. Unter Anfüh- rung des Bretzmeisters geht es dann Arm in Arm und unter klingendem Spiel zum Spääl-Lokal. Dort sind inzwischen schon die Tische gedeckt. Jeder kann auf Kosten des Wirtes unent- geltlich und nach Herzenslust Kaffee trinken und Fladen essen. Nach dem Kaffeetrinken wurden Tische und Stühle fort- geräumt. Eine Blaskapelle spielte zum Tanz auf, der bis 19 Uhr währte. Dann mußte man nach Haus, um bei der Stallarbeit zu helfen. Danach wurde wieder das Tanzbein geschwungen, manchmal bis zum frühen Morgen. Damit war die Kirmes entgültig vorbei. Noch lange bildete sie Dorfgespräch ... und schon freute man sich auf das nächste Jahr.
64 Das Porträt: Maria Hasemeier-Eulenbruch von Jacques Keil Am Fernsehen erlebten wir, wie die anmutige kleine Russin Olga Korbut, bis dahin eine Unbekannte, in einigen Minuten das Münchener Olympia-Stadion eroberte. Später erfuhr ich, daß sie zusätzlich über die Fernsehketten der Mun- dovision viele Anhänger in aller Herren-Länder gewonnen hatte. In den Vereinigten Staaten gibt es seither ungezählte Korbut-Fans und Clubs. Gibt es Hasemeier-Fans, Hasemeier-Clubs ? ; Einen solchen Club mit Statuten, Versammlungen... gibt es natürlich nicht. Aber es gibt einen Kreis von Menschen, welche Kontakt fanden durch ihre gemeinsame Bewunderung für Maria Hasemeier-Eulenbruch, durch die tiefe Sympathie, welche sie für die große Künstlerin empfinden. So klingelte bei mir am 10. Dezember 1972 das Telephon mehrere Male : ”Wissen sie von der traurigen Nachricht, Frau Hasemeier ist heimgegangen . . .”. Und ich, meinerseits, gab die Botschaft weiter. Meistens zu spät. Andere Freunde hatten schon berichtet ... alle sehr bewegt. Als ich Herrn Toussaint, den Chefredakteur des Grenz- Echo, ansprach, war dieser auch schon informiert. Er bat mich um einen Artikel. Dieser erschien am nächsten Tag unter dem Titel : ”Die Sprache ihrer Hände” ”Damals war ich unterwegs für unseren Hörfunk. Der Lautstärkeknopf meines Ausgabegerätes war bis zum Anschlag geöffnet... das Mikrophon hielt ich wenige Millimeter von ihren Lippen. Und doch meldete der Zeiger des Gerätes : «Viel zu leise !» Trotzdem wurde es ein gutes Interview, dieses erste Ge- spräch mit Maria Hasemeier-Eulenbruch. Ich weiß nicht, was es den Hörern sagte, die an ihren Empfangsgeräten eben nur hören können. Ich jedenfalls vernahm nicht nur die schüch- ternen, leisen, zaghaften Worte der großen Künstlerin, ich erlebte viel mehr : Die Sprache ihrer großen, weitblickenden Augen, die Sprache ihrer Hände auch.
65 7 AM . * ON 4 X > . 0 a $ FA \ nn 4 } $ V £ . | AN % Maria Haesemeier-Eulenbruch : kurz vor der Ehe Jeden meiner Sätze hörte sich Maria Hasemeier mit großer Aufmerksamkeit an, um dann, am Ende meiner Frage sanft zu nicken : Sie hatte verstanden, worum es ging, sie nahm meine Frage an. Nun suchte sie die Antwort. Ihrem Blick nach zu urteilen in sehr weiter Ferne. Lange Sekunden ließ sie vergehen... lächelte verlegen, als bäte sie um Entschuldigung... fast kleinmädchenhaft. Dann, fast immer, glitt ihr Blick auf ihre Hände. als suche sie dort die fehlenden Worte. Wenn nun schließlich die Antwort kam, sprachen die Lippen nur noch nach, was die großen Augen schon lange gesehen hatten. Und die Hände formten jede Idee, gaben ihr
C6 räumliche Gestalt, plastische Bestätigung. Ja, die unverkenn- bare Unsicherheit des Wortes wurde bei weitem kompensiert durch die Entschiedenheit des wissenden Blickes, durch die Sicherheit der formenden Geste. Wie oft wurde mir dies später noch bestätigt ! | Maria Hasemeiers große Augen schienen dauernd in eine | Welt zu blicken, in der es nur Gutes gibt, nur Schönes, nur Erhabenes. Böses und Schlechtes übersah sie, nahm sie nicht | wahr. Bewußt oder unbewußt ? | Bewußt glaube ich. «Das Häßliche drängt sich den Men- || schen von alleine auf», sagte sie mir ins Mikrophon, «ich - || muß ihnen das andere zeigen. Es gibt soviel Schönes.» N Die tieffromme Künstlerin hatte nicht nur diesen gläubi- | gen Blick fürs Schöne. Mit ihren Händen konnte sie von diesem al. Schönen berichten : Was sie in ihrer herrlichen Welt erspähte, | hehre Schätze der Liebe und des Glaubens, konnten ihre | geschmeidigen und doch kräftigen Künstlerhände in primi- | tivster Tonerde so gestalten, daß auch wir es erkennen, emp- finden, annehmen und lieben... Ich glaube wirklich, Maria | Hasemeier-Eulenbruch war eine Heilige! Weil sie viel Gött- N liches erkannte : Alles Schöne ist göttlich! Weil ihr soviel || daran lag, es uns mitzuteilen. || Nie werde ich die Augen und die Hände dieser großen | Frau vergessen.” | Und wieder bittet man mich um einen Artikel über die | liebe Verstorbene. So obliegt mir die Aufgabe, das oben | Gesagte zu vervollständigen. Es bleibt mir zu plaudern vom | Werke der Künstlerin, von ihrem Leben auch. | 8 Bei einem Gespräch sagte mir ein guter Bekannter, der namhafte Künstler Andre Blank: ”Je größer der Künstler, umso primitiver das verwendete Material”. | Maria Hasemeier-Eulenbruch benutzte das wohl primi- tivste von allem : Ton (Erde also, jene Erde, die der Schöpfer benutzte, laut Mose, um den ersten Menschen zu formen). Hinzu kamen Wasser, die Masse knetbar zu machen, Luft, das Werk zu trocknen und Feuer, es zu festigen. Die vier Grundelemente des Aristoteles ! Primitiver ging es nicht.
67 Soweit die Mittel. Was aber nun formen, was ausdrücken, was mitteilen ? Das Schöne wollte Maria Eulenbruch mitteilen, das Gute, das Liebe. Ganz einfach, ganz schlicht... Und dies ist vielleicht das Wesentliche : daß die Künst- lerin soviel Schönes sehen konnte, soviel Gutes und Liebes, in der Welt in welcher wir leben. Sie sah es eben mit ihren großen weitblickenden Augen. Sie nahm es wahr, brachte es zur Reife und gab es wieder. Veredelt ! Die Unschuld der Kindergesichter, den Glauben der Hei- ligen, die Liebe der Mutter, die Hoffnung junger Menschen... Sah sie dies alles wirklich, oder brach es von Innen hervor ? Wer weiß es? Ich kann Maria Hasemeiers Werk nicht beschreiben. Dazu müßte ich mit Wörtern umgehen können, wie sie mit Ton. Dies ist Poeten vorbehalten. Die Gesichter ihrer Tonkinder stimmen den Betrachter froh. Ihre Katherina, ihr Franziskus laden zum Glauben ein, zum Beten. Ihre Mütter strahlen unendlich viel Liebe aus, Zuversicht und Schutz. Ihre Mädchen sind keusch, rührend schön. Ihre Apostel verkünden die Hoffnung des jungen Christentums. Ihre Madonnen haben eine tiefe Wirkung auf fast jeden Betrachter. Dies ist wahrhaft hohe Kunst. Moderne Kunst, im guten Sinne. Wie gesagt, mir fehlen die Worte, auch bin ich kein Fachmann. Ich betrachte nur... und ich bin dankbar. Für jene Leser, die keins der Werke der Künstlerin ken- nen, photographierte ich einige Stücke meiner kleinen Samm- lung. Nur Bilder kann ich also hier anbieten, aber diese reden schon viel besser, als ich zu schreiben vermag. Der ”Teenager”, welcher vertrauensvoll in die Zukunft geht: ein mutig schreitendes Mädchen, die Arme erwartend und empfangend ausgestreckt, den Blick vertrauensvoll nach oben gerichtet, zu Gott... Empfinden sie die Lebensfreude, die Lebensbejahung des ”träumenden Mädchens”...
68 ) # { “AR EL 7A ‚a \ DE : - 46 437 8 A Ad DR. 5 U DEZ A Ra. A Ce +" A HE U AA \ Va CE A Teenager Mein Lieblingsstück, eine ernste Mahnung der Künstlerin, der Seherin : ”Mutter schützt ihr Ungeborenes”. Wiegt es nicht manche Rede modernistischer, lebensver- neinender Parlamentarier vieler Länder auf? Der Gesichts- ausdruck dieser entschlossenen und dankbaren Mutter ist so rührend, daß ich ihn im Detail wiedergebe. Sehen sie einfach hin, ohne Kommentar. Die ”Madonna” wurde im Auftrag von Direktor J. Thierron für die Schüler des College Patronne von Eupen geschaffen. Diese Statue hielt an der Bahre der lieben Verstorbenen Totenwache. Nun wacht sie wieder über ihre Studenten, im Kloster Garnstock. Sie zeigt ihnen ihren Sohn... Oder vertraut sie sie Ihm an...?
70 N SS WE | DAS Oz RE ZU STE ZN EA ZZ VS 8 RP N HN 4 ZE PR A a SE VG Z EV N ANA MU PET N UN WR DE ON N MAR N N LAN Ei 36 Sb AN CE ‚BO EL MEER NG AR N FOR Wa: a N EZ A CE Ah N) A ° WM a Ye en 7 A Dr AR VO a KR AR 8 A YORE 8 LEE ek A AAN RA DAL 5 BB. SEN Ak A RE I A NANNENM Mutter schützt ihr Ungeborenes Detail Vergilbte Bilder... von der kleinen Maria, dem jungen Backfisch mit einem Vöglein in der Hand, dem reifenden Mädchen ... Später von der jungen Ehefrau, von der lächeln- den Mutter. Eines fällt auf : Immer, auf allen Bildern die gro- ßen, ernsten, suchenden und sehenden Augen. Immer auch diese auffallenden Hände. Vielleicht vergleichen Sie eines der letzten Porträts (welches ich im Advent 1971 aufnehmen durfte) mit dem Jugendbildnis aus dem Album. Diesem Album entnehme ich für Sie noch einige Daten. — Geboren am 21. 3. 1899 in Kolberg (Deutsche Eifel) — Lebt und arbeitet in Aachen — 1917 wird Maria Eulenbruch durch ihre Rötelzeichnungen bekannt. — Ab 1918 lernt sie an der Kunstgewerbeschule Köln. — Von 1928 bis 1934 gibt sie in Aachen Unterricht. Sie wird in der Ausgabe des ”Großen Herders” erwähnt (1933).
a — 1932 heiratet sie Professor Hasemeier. — Von 1934 bis 1944 lebt sie in Kontich bei Antwerpen. Dort erblickt ihr Sohn Thomas das Licht der Welt. — Ab 1944 wohnt Maria Hasemeier-Eulenbruch in Raeren. — Erste Statue (1927) : eine Madonna für Burg Rothenfels. — Letzte Statue (1972) : eine Madonna (Aachener Privatbesitz). A 8 7 OA lt 9 Ju KA % x WE FE ae SW. Ya 4 CM a vl ACC De Va | SO Ca 4 1 A X 5 OP , DE Va FE f N N RN] „A N E nn ®% u KO 5 e 5 eu X Madonna (College Patronn6, Eupen) — Gestorben am 9. 12. 1972. — Viele Ehrungen, Auszeichnungen und Orden (unter anderen ”Pro Ecclesia et Pontifice”).
73 Fronleichnamsprozessionen von Leo Homburg Wenn in meiner Jugendzeit vor dem Ersten Weltkrieg (und auch noch Jahre später) die Fronleichnamsprozession nach einem feierlichen Hochamte ausging, führte sie nur sel- ten über Landstraßen. Meistens ging ihr Weg durch alte Gas- sen, durch mit Kuhfladen gesprenkelte Wiesen und durch hohes Gras, wenn nicht ein Bauer als gottgefälliges Werk einen Weg dadurch gemäht hatte. ”Schmückt Eure Häuser ! Säumet die Straßen mit Fahnen und Maien und bestreut sie mit Blumen !” riefen die Pfarrer von ihren Kanzeln herunter. Schon Tage vor dem Auszug der Prozession überliefen Scharen von Schulkindern horden- weise die Mähwiesen der Bauern, trampelten das Gras platt und zupften alles ab, was irgendwie nach Blume aussah. Innerlich fluchend wagten die Bauern doch nicht, die Kinder zu vertreiben, denn es geschah zur Ehre Gottes. Die Herbesthaler Prozession, an der ich vor dem Ersten Weltkrieg teilnahm, passierte unser Haus an der Grünstraßecke. Meine Eltern hatten beiderseits der ehemaligen Grenzstraße (”Pavei”) spiralförmig in den Farben weiß-blau usw. gestri- chene Pfähle mit den dazu passenden Fahnen aufgestellt, einen schmalen Streifen Blumen mitten über die Straße ge- streut und in ein Fenster zwischen Kerzen einige Heiligen- figuren gestellt. Aus dem Dachfenster wehte eine große gelb- weiße Fahne. An manchen Häusern hingen von Fahnenstange zu Fah- nenstange aus Tannengrün und Blumen hergestellte Girlan- den oder Fähnchen. Wer so etwas nicht hatte, stellte einige junge Birken (Maien) vor sein Haus. Auch die auf der gegenüberliegenden Seite wohnenden Welkenraedter schmückten ihre Häuser, wenn am Fronleich- namstage die Herbesthaler Prozession vorbeizog. Wie heute = ging auch schon damals die Welkenraedter Prozession erst am darauffolgenden Sonntag aus.
74 Hinter uns Schulkindern - wir wurden begleitet von unse- ren Lehrpersonen - folgten die Frauen. Ihnen schlossen sich weißgekleidete Mädchen an; sie trugen die Symbole von Glaube, Hoffnung und Liebe. Andere mit angehefteten Flü- geln streuten Blumen. Ihre leeren Körbchen füllten sie an den Segenstationen, wo immer ein großer Korb mit Blumen bereit stand, wieder auf, Es folgten die Meßdiener mit Weihrauchbehälter und Schellen, die sie ausgiebig benutzten. Dann der Baldachin, unter dem der Pfarrer mit dem Allerheiligsten einherschritt. Links und rechts der Kirchenvorstand mit brennenden Laternen. Baldachinträger, auch Himmelsträger genannt, durften nur Junggesellen sein. Einheitlich in Frack und Zylinder gekleidet, ließen sich diese Ehre nicht nehmen, ganz gleich, wie alt sie waren. Wie auch heute noch folgten dem Baldachin Musik, Vereine und Männer. Zwischen allen verteilt gingen in regelmäßigen Abständen die Brudermeister mit dem Stab, mit dem sie das Signal zum Gebet gaben. An den Segenstationen, die wahre Kunstwerke aus Grün und Blumen waren, sang der Pfarrer lange lateinische Evan- gelien, worunter immer eins, das ein Abstammungsnachweis mit mehreren Dutzend Namen war. Ehe die Prozession wei- terzog, betete er auch für die, die den Altar geschmückt hatten. In der Nähe der Stationen wurden die ”Böller”” gezündet. Ich wollte doch einmal aus der Nähe sehen, wie das vor sich ging. Dank meiner guten Ortskenntnisse gelang es mir, an der Segenstation Gut Stök den wachsamen Augen des Lehrers zu entkommen. Auf der Straße zum Nebenhof standen, ver- deckt durch eine hohe Hecke, kleine eiserne Töpfe. Die drei letzten waren doppelt so hoch und standen auch weiter aus- einander. Sie waren mit Schwarzpulver gefüllt. Die Einfüll- öffnung hatte man mit einem fest eingeschlagenen Holz- stopfen verschlossen. Unten hatten sie ein Zündloch. Die ganze Reihe entlang war in einiger Entfernung eine Pulver- ® spur gestreut, von der aus zu jedem ”Böller” eine Abzweigung führte. Wenn vom Segenaltar das Zeichen gegeben wurde und mit der Zündung alles klappte,fielen die Schläge der drei großen Böller mit der Segenerteilung zusammen.
76 zweite bog von Langmüs aus rechts ab zur Brigida-Kapelle und kam über Waldenburgshaus und Walhorner Feld zurück | zur Pfarrkirche. Ein dritter Weg ging über Lindchen und den | Asteneter Hof zur Johanniskapelle. Der Rückweg führte über | Kirchbusch und Walhorner Heide. | Auch Hergenrath hatte bis zur Abtrennung Neu-Mores- | nets einen zweiten Prozessionsweg, nämlich über die Lütticher- | straße in Neu-Moresnet nach Tülje (Segens-Altar), Bildchen und über die Aachener Straße zurück zur Pfarrkirche. Hauset war eine der wenigen Pfarren, die während des | Zweiten Weltkrieges ihre Prozession - über Kupfermühle, Ro- | chuskapelle und zurück - nicht eingestellt haben. | Der längste Prozessionsweg, den es in unserer Gegend gegeben hat, war der Lontzener vor der Abtrennung Herbes- thals (1903). Von Lontzen über Alt-Herbesthal zog die Prozes- | sion über die Pavei bis zum Gutshof Roer, bog dann rechts | ab und erreichte über den Gutshof Wau die Kapelle in Lont- zen-Busch. Von dort aus kehrte sie zur Kirche zurück. Prozessionen gehen auch heute noch, doch verglichen mit den früheren sind es nur noch Spaziergänge. Die Böller aber sind seit mehr als 50 Jahren verstummt. Anmerkung : | In den in Nr. 15 dieser Zeitschrift, S. 66-69, unter dem Titel ”Aus meinem Familienarchiv” veröffentlichten Aufzeichnungen ist auf den ] Se 68 und 69 Johann Wilhelm Laschet statt Joh. Peter Laschet
Ad Eine Rundfahrt durch die frühere Bank Walhorn oder «Lerne Deine Heimat kennen !» von Elka Ledwon und Walther Janssen Im Frühjahr des vergangenen Jahres war im überaus reichhaltigen Veranstaltungskalender unserer Vereinigung ein Tag für die Rundfahrt durch die frühere Bank Walhorn vorgesehen. Über die Hochbank Walhorn und deren Geschichte können wir sehr viel in den Büchern von Pfarrer V. Gielen (Raeren) nachlesen. Ein Verzeichnis seiner Arbeiten finden Sie am Ende dieser Ausführungen. Demnach kam der Königshof Walhorn im Jahre 1072 in den Besitz des Aachener Marienstiftes. Das Grundgebiet dieses Königshofes wurde später ”Hochbank” Walhorn genannt und umfaßte die heutigen Gemeinden Eynatten, Hauset, Hergen- rath, Kettenis, Raeren und Walhorn, sowie die im Jahre 1923 an Deutschland abgetretenen Gebiete von Hergenrath-Bild- chen, Eynatten-Lichtenbusch und Raeren-Sief, Die Bank Walhorn war einer sehr wechselhaften Ge- schichte ausgesetzt. Der Wiener Kongreß von 1815 entschied schließlich, sie dem Königreich Preußen einzuverleiben. Aus dieser turbulenten Vergangenheit bleiben in unserer Heimat noch die Ruinen vieler Wasserburgen und Gutshöfe als stum- me Zeugen. Zusammen mit der abwechslungsreichen Land- schaft machen sie eine Rundreise durch dieses Gebiet, das gleichzeitig das Quellgebiet der Göhl ist, zu einem Erlebnis. Ausgangspunkt unseres Ausfluges war die Kirche von Kelmis, von wo aus man ziemlich schnell zur Eyneburg nach Hergenrath gelangt. Am Fuße der Burg steht über einem kleinen Tor eine lateinische Inschrift : ”Am Alten Schloß soll sich auch die Gegenwart erfreuen”. Diese mittelalterliche Hö- henburg, im Volksmund Emmaburg genannt, bleibt eine unver- geßliche Erinnerung für den Beschauer. Der Sage von Kaiser Karls Tochter Emma und dem Hofschreiber Eginhard, die sich auf der Burg wiedergefunden haben sollen, verdankt der mächtige Bau den Namen ”Emmaburg”.
78 m a HR ET nn A Ar . } $ a an EM We ud N DO MB “I ve . A SE . VEN Ss BCE S N A C & A BANDS + X N X N CE ; w SEN aa a Mr MS A Hg 4 WON U Ak SM Die Eyneburg Foto: A. Janssen Heute ist die Burg in Privatbesitz und steht aus diesem Grund nicht immer zur Besichtigung offen. An der Pfarrkirche von Hergenrath vorbei gelangen wir weiter nach Hauset. Hier ist vor allem der alte Dorf- kern nahe der Rochuskapelle interessant. Von der ehemaligen Burg bleiben nur einige kümmerliche Reste. Gut erhalten ist jedoch der alte Bauernhof Van Weersth, ein Bau aus dem 17. Jahrhundert, der sicher die Nachfolge der Burg angetreten hatte. Ebenfalls erwähnenswert ist es, daß in der Nähe der Rochuskapelle in den letzten Jahren zahlreiche Töpfereien und ein guterhaltener Töpferofen entdeckt wurden. Die Funde lassen auch für Hauset auf eine sehr alte Töpfer-Vergangen- heit schließen. Von Hauset geht es dann schnell nach Eynatten mit seinen zahlreichen Burgen und Herrenhäusern. Einige befinden sich noch in so tadellosem Zustand, daß man sich nicht immer an das für die Menschen des Mittelalters harte und nüchterne Leben erinnert fühlt.
79 Die erste Wasserburg, Vlattenhaus, ist allerdings vom Verfall betroffen. Haus Vlatten muß schon um 1500 bestanden haben. Heute wird sein Zustand immer trostloser. Eine ganz andere Pracht bietet hingegen das etwas weiter gelegene Amstenrather Haus, das man heute als Kleinod in der Reihe der alten Rittersitze auf dem Gebiet der Gemeinde Eynatten bezeichnen kann. Das ”Kleine Haus Eynatten” wird erstmals 1431 genannt und der heutige Privateigentümer legt großen Wert auf den Erhalt dieser schönen Wasserburg. A NO S > ., a Sl an } % Ei De 3 ST Eh Pe ni A RE ü A A = » A . PH O N Ba EZ HS A an v A 2 OP Amstenrather Haus Foto: E. Ledwon Eynatten bietet auch noch in Richtung Berlotte und Lichtenbusch einige besondere Bauwerke, zum Beispiel Gut Neuenhof. Das heutige Gebäude entstand im Jahre 1672 und befindet sich ebenfalls in Privatbesitz. Schon von weit her erblickt man in Berlotte die Ruine der Burg Raaf, die nach ihrer Bauweise zu den ältesten Konstruktionen einer Wasserburg zählt. Fährt man von Berlotte aus weiter nach Raeren, so steht an der Kreuzung der Roderstraße und der Kinkebahn, an der
|| eo alten Römerstraße, die St. Brigida-Kapelle, ein Vermächtnis des im Jahre 1695 verstorbenen Bürgers Johannes Wild aus | Eynatten. Raeren selbst bietet uns dann wieder eine Fülle von alter- tümlichen Bauten, allen voran Burg Raeren. m EEE EEE -_- ESSEN VA LS N ANA } } | | AS AN 4 AB ZA | y ST DL VEN er A N Wr = Ba | 2 EA BE A . | 0000077 AN N | 2 MER | DO. : WEL | EZ N ZEN 3 DV Sf 3 | 4 7 ) | Burg Raeren Foto: E. Ledwon Die Wasserburg wird urkundlich erstmals erwähnt im Jahre 1425. Heute beherbergt der Rittersitz das Raerener Töpferei-Museum. Der Konservator, Dr. O.E. Mayer, ließ es sich nicht nehmen, die Teilnehmer der Rundfahrt persönlich durch die Ausstellungsräume zu führen und mit viel Esprit die in allen erdenklichen Arten gebrannten und glasierten Krüge, Schalen, Töpfe..., teils mit hervorragenden Motiven bemalt, zu erläutern. Die örtliche Töpferei soll nach bisheri- gen Feststellungen in das 12. Jahrhundert zurückgehen. Zu Fuß ging man dann einige Schritte weiter zu Haus Raeren, das wir von der Straße aus bewunderten. Diese Was- serburg hat fünf Jahrhunderte ohne wesentiche Änderungen überdauert. | }
81 In Raeren gibt es noch viele Sehenswürdigkeiten, denen man sich an diesem Tage nicht genügend widmen konnte. Erwähnt seien jedoch die alte Sankt Nikolaus-Pfarrkirche, die Knoppenburg in Raeren-Neudorf sowie Burg Bergscheid. Die Rundfahrt führte uns nun über Merols zurück auf die Eupener Landstraße. Von dort begab man sich weiter in Richtung Kettenis, über Raerenpfad und Schloß Liberme. ) Fe E88 ı. 3 AT | Or ea 1 & A «>? EL Ss x = in a Schloß Libermt Foto: E. Ledwon Auch die Wasserburg Liberme geht auf das 14. Jahrhun- dert zurück. Ihr war, wie den meisten Burgen unserer Heimat, eine wechselvolle Geschichte beschert. In den fünfziger Jahren war sie vom Verfall bedroht, bevor sie von Grund auf reno- viert wurde und heute wieder als prächtiger Zeuge vergange- ner Zeit dasteht. Genau wie Raeren, so bietet auch Kettenis dem Besucher eine Vielzahl alter Bauwerke. Unweit der Hochstraße finden wir zum Beispiel Waldenburghaus und die Rochuskapelle. Ebenfalls sehenswert waren Schloß Tal und Philippenhaus,
83 Unweit der Pfarrkirche von Lontzen machten wir eine kurze Rast bei Kaffee und Erfrischungsgetränken und über Lontzenbusch, vorbei an der Annakapelle, brachte uns der Fahrer wohlbehalten nach Kelmis zurück. “ Viele Sehenswürdigkeiten, auf die man die Teilnehmer wohl aufmerksam machen konnte, wurden in diesem ”Reise- bericht” übergangen. Doch sind es gerade diese kleineren Din- ge, die unsere Gegend so begehrenswert machen. In diesen sehr oberflächligen Ausführungen versuchten wir, uns auf das Wesentliche zu beschränken. So wie die Fahrt vielleicht für einige Teilnehmer Anstoß zu einem neuen Ausflug war, so kann auch der bescheidene Text den einen oder anderen zu einem sonntäglichen Ausflug oder Spaziergang anspornen un- ter dem Motto : ”Lerne Deine Heimat kennen !” Bibliographie : V. Gielen: Die Mutterpfarre und Hochbank Walhorn; 1963, Verlag Pfarramt Walhorn, V. Gielen: Geschichtliche Plaudereien über das Eupener Land; 1964, Verlag Pfarramt Walhorn. 2 V. Gielen : Raeren und die Raerener im Wandel der Zeit; 1967, Markus- Verlag, Eupen,
84 3 mal lachen von Gerard Tatas Zur Narrenzeit lies hier drei Witze, Drei reimgeleimte Geistesblitze. Bist Plattdeutsch du auch nicht gewohnt, Bedenke, daß es sich doch lohnt, Zu buchstabieren an den Sachen, Denn nachher kannst du 3 X lachen, Und überdies den Schluß noch zieh'n ! Ums Lachen soll man sich bemüh'n ! 4 EDS VON Der Feuerwehrmann von Gerard Tatas De Feuerwehr hauw ejjen Naht Sech feste en et Zeug jelaht, Se hauw jevahre en jevitzt, Se hauw jeklaverten en jespritzt, Bes dat et Hus wor avjebrannt. Et mörjens troff der Kommendant Der Lösche Pitt, dä onjevähr E Johr wor en de Feuerwehr. Däm kräche met der Mow en sat : «Vörwat has dow jefällt des Naht ? Vör hant jelöscht en os Rever Bes dese mörje hover ver». «Ja, — sätt der Lösche Pitt, — ja Jong, Ming Vrow, die jloet net, dat et brong !»
85 Et Beschlag von Gerard Tatas Der Jang sing Vrouw, et dick Marij, Wor ömmertu en Mulle-Prij. Der Jang sat döker : «Jonge, Jong, Wat hat dat Wiev Hor op en Tong '» Now kräch et jester nomendag Op onderens e stärk Beschlag. Dat wor höm op de Spröck jeschlage, Et koß net Utsch noch Eij mie sage. Dat höj der Jang niemals jegloet. Der Dokter, dä jerope woet, Dä dong de Vrouw ens vesentere En sat : «Dat könn vör wer kurere, Dat wätt dech koste, leve Jang, Wal onjevähr vofdusend Frang». Du trekt der Jang der Dokter jätt Op Sij flott ane Mow en sätt : «Ech jäv och träk de dopp’lde Somm, Mä lott s’5m Joddeswelle stomm !»
86 De Amtsbeleidigong von Gerard Tatas Der Börjemeester schnappt no Luet : E hat jrad oppen Strot jehuet, Dat ejjen Wietschaft jester Naht Jätt Vieses woet va höm jesat. Dröm löpte en eng Roserej Trek nojjen Börjemeesterej, W En röpt Champett, weil - dat es klor- Dä janz bestemmt derbej wer wor. Denn ajjen Thek es, wie me wett, De schönste Platsch och va Champett. Der Börjemeester hat no ove Sech en sie Kabinett bejove. Now röpte sech Champett alleng. «Hm» sätte, makt de Stemm sech reng, Lätt atenöver sech en lett Der Bleck ens röste op Champett. Du vrotte en vrivt sech der Bat : «Wat hat me över mech jesat? — Ech wür ne Esel?! — Es dat wuer ?» Champett kratzt sech ens at’r’'n Uer : «Jo» — sätte, — «dat hant vörje Naht E paar Man ajjen Thek jesat, Der Pitt, der Klöß en och der Stäve. Dat wole die mech schreftlech jäve !» «Wat ?- — röppt der Börjemeester, — «Wat ?- — En platzt bo wie e Polvervat, «Dat wätt dön dür te stue kome ! Has dow dat schreftlech ajenome ?» «Nee», jrommt Champett, dä op en Latt Noch eng va jester ovend hat, «Herr Börjemeester, op et Woet Han ech dön dat esue jegloet !»
87 Die Eyneburg in Hergenrath von Leonie Wichert-Schmetz Krone der Heimat, Burg früher Ahnen, Die ich vom Fenster so oft angeschaut. Prächtige Wälder bilden den Rahmen Für dieses Haus, auf dem Felsen erbaut. Immer aufs neue mußt’ ich dich malen. Jedesmal schienst du mir anders vertraut, Ob in der Sonne die Farben erstrahlen Oder im Nebel die Wälder ergraut. Oft, fern der Heimat, wenn ich dein denke, Nehme ich mir diese Bilder zur Hand, Jedes davon birgt eigne Geschenke Schönsten Erlebens im Heimatland. Morgens am Sonntag wandert ich heiter Zeitig im Frühlicht den Burgberg hinauf, In der Kapelle die Messe zu feiern. Wie ein Symbol war mir Austieg und Lauf. Oder am Mittag, zu Tische gebeten, Gütig die Burgfrau die Früchte mir reicht, Die auf den herrlichen Gartenbeeten Oder im großen Gewächshaus gereift. Märchenhaft war mir als Kind das Erleben ; Wenn ich den Fluchtgang im Berg durfte sehen, Ahnt ich die Ängste von fremden Leben, Schreckliche Nöte im Kriegsgeschehen. Einst, als das Heer von Österreich geschlagen Durch die Soldaten der Revolution, Wartet mein Ahnherr im Burghaus seit Tagen Angstvoll auf Wagen und Pferde und Sohn.
88 Doch erst nach Wochen kehrte er wieder ; Hatte Verwundete heimgebracht, In seinem Wagen legt’ er sie nieder, Bettet auf Heu sie von der Wiese bei Nacht. Oft sah ich den Wald von herrlichen Buchen, Die der gleiche Urahn gepflanzt ; Gern ging ich dort Maiglöckchen suchen Und dacht’ an den Wandel der Zeit und des Lands. SEC a I . 7 FE 3 N Ba EEE EN a An SA a ED A ZE Ye U n VBA AS E CD VE Ar sr Rs 2 EN ns AD PETE & PS AS MED U 303 ap ZN BE ÄEEIEN es Mn SO A AD EEE NT VA DE DEHEL BE EDS WOLKEN TE N ACT NEL AZ BDA DR EN DENN! ESS EEE FA SONATA LAS \ VO DZ EDER RES NA EZ NA NN ZZ SEE NW N VAN ENUESE aA AZ ss Ys \Z AZ NZ MACD ZA DDENAEFAE- I AZ NO ZZ VA ZZ : Ai V ZN ET Meier ZZ AH KA AM “r_ Ss Ca zn On ZEIT MM 14 BES SEE ZA VERKON = t = ALL EaE ZZ [A A| = AZ - CO 0 Zn EEE LESS = — ea An % ER CN dd EEE 6 ER FE Die Eyneburg in Hergenrath Schöne Möbel aus uralten Zeiten, Ofenplatten und Porzellan Zeigt mir die Burgfrau, mir Freud’ zu bereiten, Was sie auch wirklich dadurch getan.
89 Dieses Porzellan ward am Ende des Krieges Von den Franzosen aus Übermut In den Burggraben geworfen zur Feier des Sieges : Mir tat das leid und niemandem gut. Krone der Heimat, Burg früher Ahnen, Jetzt in Händen der Industrie, Mög’ deine Schönheit uns heute ermahnen, Daß wir die Heimat aufgeben nie.
90 Heinz Errens 1923-1973 von Josef Bonni Es ist wohl nicht nur im Sinne aller Freunde des hei- mischen Karnevals, sondern auch sehr vieler anderer Göhl- talbewohner, wenn wir an dieser Stelle versuchen, die Per- sönlichkeit eines Mannes zu würdigen, der sich auf folklo- ristischem und kulturellem Gebiet für unsere Heimat rastlos eingesetzt und dadurch den Dank der Nachwelt erworben hat. Heinz Errens war geboren am 26. März 1923 zu Aachen, 4 von einem Aachener Vater und einer Neutral-Moresneter Mutter. Dies war wahrscheinlich bestimmend für die ihn aus- zeichnende Weltoffenheit und Spontanität, die den ”Neutralen” immer eine besondere Note gaben. Denn unsere Ortschaft, vordem neutrales Gebiet, dann Belgien angegliedert, an Deutschland, Holland und Belgien grenzend und mit allen dreien in regem Kontakt stehend, hatte eine völkische Ge- meinschaft besonderer Art hervorgebracht, eine einmalige Ge- meinschaft der verschiedensten Nationalitäten. Heinz Errens war ein würdiger Vertreter dieser Gemeinschaft. Der Vater war beruflich als Anstreichermeister in Kelmis tätig und ansässig und in den Jahren vor dem Zweiten Welt- krieg aktives Mitglied der Karnevalsgesellschaft ””’Lustige Brü- der”. So hatte der kleine Heinz schon von zu Haus aus die Veranlagung eines fähigen Karnevalisten. Wir erinnern uns, daß er, schon als kleines Bürschchen bei der alljährlichen Sitzung der Karnevalsgesellschaft als Page dem Elferrat vor- anschritt und in dieser Eigenschaft auch bei einem der ersten Karnevalsprinzen auftrat. Die Herkunft seiner Mutter (sie gehörte einer alteinge- sessenen Kelmiser Familie an, in der auch das Musische ge- pflegt wurde, ich erinnere an den Onkel, den verstorbenen Musiker, Dirigenten und Komponisten Willy Huppermann) war wohl mitbestimmend dafür, daß Heinz Errens eine große Zuneigung zu den schönen Dingen des Lebens, den kulturellen Werten, hatte und dieselben in jeder Weise stützte und för-
92 | zu formen. Ob Familienabende oder folkloristische Veran- | staltungen, Heinz Errens hatte die Gabe und die notwendige Beredsamkeit ein formvollendetes, ineinandergreifendes Pro- gramm zu gestalten, dem Zuschauer und Zuhörer ein Genuß. Im Karnevalskomitee von ”Kenehemo”, d.h. der zusam- mengeschlossenen Gesellschaften von Kelmis, Neu-Moresnet und Hergenrath, wurde nach dem Tode des ersten Präsidenten (Leo Serwas) Heinz Errens die treibende Kraft und neuer Präsident. Ein Außenstehender kann nicht ermessen, welch ein Pensum an Arbeit er in die Organisation dieses alljährlich wiederkehrenden folkloristischen Ereignisses steckte. Er sah diese Arbeit an als Pflege eines besonderen volkseignen Brauchtums. All das Notwendige, auch Kleinigkeiten, wurden von Heinz Errens mit großem Eifer erledigt. Die Prinzen- proklamation und der Rosenmontagszug waren unter seiner Leitung besondere Höhepunkte im Kelmiser Kalender, und immer wieder wurden Scharen begeisterter Zuschauer von | nah und fern angezogen. | Dies alles war ihm eine Herzenssache, wofür er sich bis zum letzten Atemzug eingesetzt hat. Immer war er zur Stelle wenn es galt, Kultur, Folklore und Unterhaltung zu stützen, zu förderen oder aktiv daran mitzuarbeiten. So auch i..J. 1970, als sich auf Initiative des Präsidenten der Göhltalvereinigung einige Liebhaber des Amateurtheaters zusammentaten, um das in Kelmis vollständig daniederliegende Volkstheater wieder zu beleben und neu zu organisieren. Heinz Errens war spon- taner Befürworter dieser Aktion. Er nahm das Präsidenten- amt in der neu gegründeten Truppe ”Kelmiser Theater- freunde” an und ohne Rast und Ruhe setzte er sich ein, so daß im Oktober 1970 die Laienspielgruppe erfolgreich mit einem dreiaktigen Lustspiel debütieren konnte und einen ge- waltigen Publikumserfolg errang. Durch diese Initiative wurde bei anderen Amateurschau- spielern das Interesse geweckt und im folgenden Jahr konnte der Veranstaltungskalender des kulturellen Komitees die Auf- führung zweier Theaterstücke ankündigen. Somit war die Volksbühne der ”Patronage” wieder voll aktiv, was umso |
s3 bemerkenswerter ist, wie sich jahrelang auf diesem Gebiet nichts getan hatte. Man darf also sagen, daß Heinz Errens durch sein unermüdliches Wirken die Voraussetzungen für das Gelingen des Unternehmens mitgeschaffen hat. Das Bild von und um Heinz Errens wäre unvollständig, wenn wir nicht auch das große Verständnis erwähnten, das seine Gattin für seine folkloristischen und kulturellen Ambi- tionen aufbrachte. In vielen karnevalistischen Dialogen und durch ihre persönliche Mitwirkung bei Theateraufführungen war sie für ihn eine ideale Partnerin. Zusammenfassend kann man von Heinz Errens sagen, daß er zur Pflege und zur Erhaltung der volkseigenen Kultur und Folklore in seiner Heimatgemeinde sich große Verdienste erworben hat. In Anerkennung dieser Verdienste um das volkseigene Brauchtum unserer über Generationen hier an- sässigen Vorfahren war es uns eine besondere Verpflichtung, dem Freund diese lobende Zeilen zu schreiben, denn Heinz Errens war ein echter ”Kelmeser Jong”.
94 Pour une graphie plus rationnelle du patois par Pierre Xhonneux Tres souvent, a la lecture de divers textes publies dans la revue, j’ai remarque que les auteurs se servent pour un meme son, de signes differents. Depuis de nombreuses annees, je me suis attele a 6crire notre patois d’une facon rationnelle et aide par le Professeur Boileau. Pour &tre explicite, je dirai qu’il s’agit du patois tel qu’on le parle a Gemmenich, Henri- Chapelle, Hombourg, Montzen, Moresnet et Plombieres. J’ai omis volontairement La Calamine, patois trop germanise, Wel- kenraedt, patois trop francise, et Sippenaeken, patois trop neerlandise. Je mets dans l'ordre successivement, le patois, le francais, l’allemand et le neerlandais. J’ose esperer que nos prosateurs et nos poetes accueilleront mon etude de bon cceur. Wie sollte man Plattdeutsch schreiben ? Der im Ruhestand lebende Lehrer P. Xhonneux hat sich seit Jahren mit Dialektstudien befaßt. Es fiel ihm immer wie- der auf, daß der gleiche Laut von den einen plattdeutschen Autoren so, von den anderen so dargestellt wurde. Das brachte ihn auf die Idee, eine Lauttabelle anzulegen und der von Prof. Boileau vorgeschlagenen Schreibweise zu folgen. P. Xhonneux hat absichtlich das zu stark eingedeutschte Kelmiser Platt, das zu stark französierte Welkenraedter und das zu stark unter dem Einfluß des Niederländischen stehende Sippenaeker Platt nicht berücksichtigt. Seine Arbeit bezieht sich also nur auf den in den Orten Gemmenich, Kapell, Homburg, Montzen, Moresnet und Bleyberg gesprochenen Dialekt. Der Konsonantenstand ist der gleiche wie im Nieder- ländischen : b, ch, d, f, g, h, j, k, 1, m, n, ng, r, s, t, v, w und z. Doppelter Konsonant macht die vorgehende Silbe zu einer kurzen. |
95 CONSONANTISME Les consonnes suivantes ont la meme valeur qu’en neer- landais: bch d fghjklmnngrstvwz. Les consonnes doubles marquent la brievete de la voyelle qui les precede immediatement : alles - doeff. La chuitante CH se represente par SCH ou par S devant P ou T: schoöp - spele - stroöt. VOYELLES i minsch personne - Mensch - mens igel - herisson - Igel - egel 1 stif - raide - steif - stijf strit - dispute - Streit - ruzie i zitte - asseoir - niedersetzen - neerzetten agriff - attaque - Angriff - aanval u schup - pelle - Schaufel - schop burgermeester - bourgmestre - Bürgermeister - bur- gemeester ü hüske - maisonnette - Häuschen - huisje lütschke - sucette - Stiller - zuiger ü beschüt - biscotte - Zwieback - beschuit stüt - vantardise - Prahlerei - grootsprekerij u zuvve - sept - sieben - zeven a kratz - 6gratignure - Kratzwunde - schram scha - dommage - Schaden - schade ä mäke - fabriquer - verfertigen - vervaardigen räke - gencive - Zahnfleisch - tandvlees aa baat - barbe - Bart - baard maat - marche - Markt - markt ä ärgernis - scandale - Ärgernis - ergernis ällmächtigheet - toute-puissance - Allmacht - almacht o lope - courir - laufen - lopen tob - seau - Eimer - emmer 6 1ök - trou - Loch - gat apöstel - apötre - Apostel - apostel 00 boom - arbre - Baum - boom afloop - decharge - Ablauf - afloop
96 ö köme - venir - kommen - komen verlöte - abandonner - verlassen - verlaten 06 vroög - question - Frage - vraag gevoör - danger - Gefahr - gevaar | 06 bo6k - livre - Buch - boek broör - frere - Bruder - broeder | ö möle - moulin - Mühle - molen amatör - amateur - Liebhaber - liefhebber 66 dö6r - porte - Tür - deur vö6r - devant - vor - voor | e plante - planter - pflanzen - planten | appetit - appetit - Appetit - eetlust ; | € deficit - deficit - Defizit - deficit | velo - velo - Fahrrad - rijwiel | ee deel - partie - Teil - deel | meester - maitre - Meister - meester | & kelder - cave - Keller - kelder | kalender - calendrier - Kalender - kalender | 6 venster - fenetre - Fenster - venster | weg - chemin - Weg - weg | ee beer - biere - Bier - bier 4 vreeze - geler - frieren - vriezen | en 6ngel - ange - Engel - engel hengst - etalon - Hengst - hengst | GE vreete - devorer - fressen - vreten 1&&pel - cuillere - Löffel - lepel DIPHTONGUES ei ei - ceuf - Ei - ei weisch - lessive - Wäsche - was ei blei - plomb - Blei - lood vrei - libre - frei - vrij ij wij - saule - Weide - wilg zij - cöte - Seite - zeide au gau - rapide - schnell - snel flau - faible - schwach - slap äi twäi - deux - zwei - twee pläi - place - Platz - plaats |
98 Tätigkeitsbericht für das Jahr 1974 von Dr. Gisela De Ridder Daß unsere Vereinigung einen verantwortlichen Auftrag als Hüterin der Kultur, der Geschichte und Heimatkunde hat und zugleich Schützerin von Denkmälern im Göhltal ist, zeigte das Jahr 1974. Januar ; | 12. Januar : im Rahmen der zur Erhaltung der Galmeiflora } durchgeführten Kampagne sendete der BHF zu diesem Thema ein In- | terview von Fr. Inge Gerkens mit unserer Mitarbeiterin Dr. G. De Ridder. | Am 26. Januar fand im Park-Cafe die jährliche Hauptversammlung | vor zahlreichen Mitgliedern statt. Der Tätigkeitsbericht für 1973 wurde durch Herrn W. Janssen verlesen. Herr Steinbeck, der Kassierer, legte seinen Kassenbericht vor, der einstimmig angenommen wurde. Nach der statutengemäßen Wahl bzw. Neuwahl des Verwaltungsrates wurden folgende Mitglieder neu aufgenommen : Frau Dr. De Ridder (Moresnet), Herr Gatz (Hauset), Herr Nyns (Walhorn) und Herr Heydasch (Raeren). | Im Anschluß an den offiziellen Teil stellte Herr Mathieu Lec'erc (Mo- | resnet) in hervorragender Weise Moresnet mit seinem malerischen Dorf- kern und Moresnet-Kapelle mit dem Kalvarienberg in Bild und Ton vor. | Die ersten 3 Monate des Jahres waren ausgefüllt mit einem um- || fangreichen Briefwechsel zur Erhaltung der Galmeiflora des Ke!miser/ Neu-Moresneter Gebiets sowie des Hornbachtales, Alle verantwortli- chen Institutionen im In- und Ausland wurden durch Rundschreiben über diese in Europa so seltene Flora unterrichtet. Ein breites Echo | auf lokaler, regionaler, provinzialer und nationaler Ebene folgie diesem || Vorhaben, welches durch Politiker und Wissenschaftler gleichermaßen unterstützt wurde. Auch ausländische Wissenschaftler aus Holland und Deutsch!'and haben die Bedeutung der Galmeiflora herausgestellt. Februar : Das in diesem Monat erschienene Heft ”Im Göhltal” N° 14 begei- sterte durch Umfang und vielseitige Thematik. März : Am 15,3. wiederholte Otto Hirtz (Aachen) auf vielfachen Wunsch seinen ausgezeichneten Lichtbildervortrag über die Galmeiflora im Kel- miser/Neu-Moresneter Gebiet. Der Volksvertreter Schyns, führende Bo- taniker Belgiens sowie der Lütticher Professor Schumacher, Botaniker aus Holland und Deutschland und viele Freunde dieser Flora waren beeindruckt von dem Besonderen unserer Gegend und sicherten ihre Unterstützung zur Erhaltung dieser Flora zu. Am 26. 3. hielten Mathieu Leclerc (Moresnet) und Alfred Janssen (Moresnet) einen Vortrag in Bild und Ton über die Priesterweihe Si- mons-Rixen, das Kelmiser Passionsspiel mit Originaltexten sowie über Moresnet-Kapelle. April : Bei strahlendem Sonnenschein führte am 6.4. Otto Hirtz (Aachen) etwa 130 Teilnehmer durch das Kelmiser und Neu-Moresneter Gebiet der Galmeiflora. Besichtigt wurde die Koul (Kelmis), das intakte Gal- ]
| 100 | In diesem Monat wurden vergrößerte Farbphotos der Galmeiflora, | die aus dem reichhaltigen Material von Alfred Janssen stammten, ge- | rahmt durch Hermann Scheiff, den Gemeinden Ke!mis, Neu-Moresnet, | Hergenrath und Moresnet überreicht. Mai: Am 4.5. wurde unter der Führung von Walther Janssen (Hauset) zum zweiten Mal die Bank Walhorn besichtigt. Ein Höhepunkt dieser Exkursion war der Besuch im Töpfereimuseum Raeren, dessen Kon- servator, Dr. O.E. Mayer, durch seine Erläuterungen die zahlreichen Interessierten sehr beeindruckte, Am 5.5. führte Peter Zimmer die niederländische Gruppe des Instituut voor Natuurbeschermingseducatie durch unser Museum. 9.5.: auf Einladung der Staatlichen Mittelschule Kelmis hielten die Herren A. Janssen, M. Leclerc und J. De Ridder einen Lichtbilder- ‚+ vortrag vor den dortigen Schülern, Am 17.5. gab Frau Dr. De Ridder (Moresnet) einen Lichtbilder- vortrag über die Töpferei im Göhltal bis zum 17 Jh., der cine Über- sicht über dieses Thema vermittelte, | Juni: | Am 7.6. sprach in der Patronage (Kelmis) der Dipl. Ing. E. Beyer (Nettehöfe) über die Geologie der Eifel. Für alle Anwesenden wird seine überzeugende Vortragsweise unvergeßlich bleiben. Mit 2 überfüllten Bussen wurden am 16. 6. die interessanten Stein- | brüche des Göhltals unter der Führung der Geologen Felder (Holland) und Dipl. Ing. E. Beyer (Nettehöfe) besichtigt. | Jeder Teilnehmer war beeindruckt von der Geologie im Göhltal, das alle Erdalterepochen auf seiner Oberfläche vorweisen kann. | Juli: | Im Urlaubsmonat Juli wurde die Vorbereitung für die am 1.9. | festgesetzte Besichtigungsfahrt zum Freilichtmuseum Kommern vorbereitet. | Am 10.7. wird Professor Staner, der Vizepräsident der ”Commission Royale des Sites et Monuments” in Begleitung seiner Gattin durch das Kelmiser und Neu-Moresneter Galmeiflora-Gebiet sowie durch das Hornbachtal geführt. | Zum allgemeinen großen Bedauern ist das Galmeihaldengebiet in Neu-Moresnet fast abgetragen worden. August : | Am 23.8. hielt Frau Dr. De Ridder einen Lichtbildervortrag über | das Thema ”Töpferöfen im 16. Jh. in Hauset und Raeren” auf Cem | archäologischen Kongreß in Sint-Niklaas. Dieses Thema wurde zusam- i men mit Dr. O.E. Mayer und J. Papeleux bearbeitet. | September : | Am 1.9. wurde das Freilichtmuseum Kommern besichtigt. Der | Denkmalschützerische Gedanke, der diesem Werk zugrunde liegt, über- | zeugte alle Teilnehmer. Über das Thema Erhaltung der Galmeiflora ging es bei dem Gespräch am 23.9. an dem Frau Dr. De Ridder, die Bürgermeister Schyns (Kelmis), Pauly (Neu-Moresnet) und der Vizepräsident der ”Com- mission Royale des Sites et Monuments”, Professor Staner, teilnahmen. 1
| | | | 104 | niederländischer Seite, Diese Aussage steht im Gegensatz zu dem, was | in der lokalen Presse zu lesen war. Dieser war zu entnehmen, für die Erhaltung der Galmeiflora hätten sich nur ausländische Instanzen einge- | setzt. Das ist wohl ein Beweis dafür, daß diejenigen, die diese Informatio- | nen an die Presse weitergegeben haben, nicht informiert waren. | Statistik: Die nachfolgende Statistik über die Anzahl unserer Miglieder | aus den Jahren 1973 und 1974 wird sicherlich jeden interessieren : | 1973 1974 | Mitglieder : 368 402 Abonnenten : 36 30 Austausch : 16 13 || Pflichtempfänger : 10 20 | Gesamt : 430 465 | Pressemitteilungen : | Im Rahmen unserer Veranstaltungen — 7 Lichtbildervorträge, 8 Ex- kursionen und eine Kunstausstellung — erschien in der Presse jedesmal | eine Voranmeldung sowie eine abschließende Zusammenfassung. | Insgesamt wurden so wenigstens 30 Presseartikel von unserem Sekre- | tariat bzw. unseren Mitgliedern veröffentlicht. | Verwaltungsratssitzungen : Unser Verwaltungsrat kam am 5.2., 7.5., 31.5. und 22. 10. zusammen. Der engere Vorstand tagte am 22.5., 6.6. und 7. 12. Für das Jahr 1974 konnten wir Ihnen einen umfassenden Tätigkeitsbe- richt vorlegen, der die Arbeit dieses Verwaltungsrates widerspiegelt. Durch das Bemühen derer, die immer zur Stelle waren, wenn Hilfe ge- braucht wurde, dürfen wir auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken. Dank gilt unserem Präsidenten Herrn Peter Zimmer, und seinem Vor- stand für die geleistete Arbeit. Daß unsere Vereinigung ihren Auftrag ernst nimmt, beweist die Aner- kennung derer, die so zahlreich an all den Veranstaltungen teilgenommen haben, beweist uns die Unterstützung der verantwortlichen Autoritä- ten unserer Gegend, aber auch derjenigen, die auf regionaler, provinzialer und nationaler Ebene ihr Interesse an unserer Arbeit bekunden. Unsere Vereinigung wird sich in diesem Sinne, Ihre Mitarbeit voraussetzend, unermüdlich weiter bemühen, Mil li ln ine Wir gratulieren : Unserem Schriftführer, Herrn Jean De Ridder, zu .seiner Wahl zum Landespräsidenten des Belgischen Volleyballverbandes ; Unserem Vorstandsmitglied, Dr. Gisela De Ridder, zu ihrer Wahl zur Vorsitzenden des Regionalverbandes der Elternräte des Staatlichen Un- terrichtswesens im deutschsprachigen Landesteil (FAPEO). Wir wünschen beiden viel Erfolg in ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit. |