Im Göhltal ZEITSCHRIFT der VEREINIGUNG für Kultur, Heimatkunde und Geschichte im Göhltal No 15 1-74
Vorsitzender : Peter Zimmer, Kelmis, Siedlung P. Kofferschläger, 10. Sekretariat : Rue du Calvaire, 8, 4671 Moresnet Lektor: Alfred Bertha, Hergenrath, Bahnhofstraße, 20b. Kassierer : Fritz Steinbeck, Kirchstraße, 20. Postschekkonto N° 000-0191053-60 Die Beiträge verpflichten nur ihre Verfasser. Alle Rechte vorbehalten. Entwurf des Titelblattes : Frau Pauquet-Dorr, Kelmis. Diese Skizze zeigt den Moresneter Göhlviadukt sowie die Hergenrather Hammerbrücke in ihrer ursprünglichen Form. Druck. Jacques Aldenhoff, Gemmenich,
Inhaltsverzeichnis Franz Uebags, Kelmis Aus der jüngsten Geschichte des Altenberger Grubenfeldes : Die Aufbereitung (2. Teil) 4 Alfred Bertha, Hergenrath Über die Erzvorkommen in Lontzen und Walhorn nach einem Bericht aus dem Jahre 1827 15 Hans Königs, Aachen Hügelgräber aus vorgeschichtlicher Zeit im Göhltal 20 Otto Hirtz, Aachen Die Galmeiflora im Göhltal - Eine vegetationskundliche Betrach- tung 22 Hans Königs, Aachen Zur Bezeichnung «am Bildchen» 30 M.-Th. Weinert, Wald im Januar (Gedicht) 33 Aachen-Forst Alfred Bertha, Hergenrath Episoden aus der Franzosenherr- u. Walter Meven, schaft in Aachen und Umgebung 34 Aachen Leonie Wichert-Schmetz, Erinnerung an die Heimat (Gedicht) 63 Bad-Driburg Leo Homburg, Fossey Aus meinem Familienarchiv 66 Hans Königs, Aachen Von Bauern und Soldaten im Aachener Reich zur Zeit des Österreichischen Erbfolgekrie- ges (1741-1748) 70 J. De Ridder, Moresnet Fahrt durch die Bank Montzen 74 Dr. G. De Ridder, Moresnet Das Portrait : Jean Herzet 85 M.-Th. Weinert, In der Nacht (Gedicht) 91 Aachen-Forst Gerard Tatas, Gemmenich Jömmelecher Heemetlied (Lied) 92 Jos. Küpper sen. (f) An Heimat und Bauer (Gedicht) 94 ? Hergenrath J. Demonthy, Neu-Moresnet Photo-Quiz : Kennst du deine 7 Heimat ? 96
4 Aus der jüngsten Geschichte des Altenberger Grubenfeldes : Die Aufbereitung (2. Teil) von F, Uebags Ein Blick in die Schlammwäsche Der Name Schlammwäsche verrät schon, was im dritten Gebäude der Wäsche vorging. In der Tat, hier wusch man den Überlauf der großen Wäsche und holte das Letzte aus ihm heraus. Man wollte einfach alles haben, was an Minera- . lien zu finden war. Beim Waschen der vielen Erzsteine entstand durch das Wasser und die leicht zersetzlichen Sub- stanzen eine schwere Schlammbrühe, die sich bei den Setz- maschinen sammelte. Aus einem Sammelkasten floß die schwarze, steife Flüssigkeit hinüber in die Schlammwäsche. Eine Trommel, die in der obersten Ecke drehte, fing den nassen, schlammigen Stoff auf. Wenn sie durch das Drehen genügend gemengt waren, schieden sie aus °in eine Grube. Ein Becher- werk brachte den Kot bis zur unteren Schlammwäsche und legte ihn‘ auf zwei drehende Tische ab. Darüber sprühte eine Brause dauernd Wasser, das den schwarzen Teig so richtig durchspülte. Nach diesem Vorgang kam alles auf Stoß- oder Schüttelherde, um letzten Endes in Setzmaschinen aufgefan- gen zu werden. Also dasselbe Verfahren wie in der großen Wäsche. Verließen die jetzt reinen Produkte die Setzmaschi- nen, gelangten sie in eine Auffanggrube. Die Grube hatte einen Ablauf zu den Weihern vor der Schlammwäsche. Sol- cher Weiher hat es acht gegeben ; innen besaßen sie mehrere Abteilungen, in denen sich das Erz seiner Schwere nach ab- lagerte, das heißt, daß das Blei zuerst sank, dann die Blende und zuletzt der Schwefel. Das Nutzlose lief durch den Über- lauf in Kanälen bis zu den Weihern hinter der Zentrale. Aus diesen Weihern hat man immer das Wasser, in Abständen von zwei Stunden, in den Göhlbach ablaufen lassen. Der angesammelte Schlamm ist mittels einer Pumpe mit starkem Druck durch dicke Rohre hochgedrückt worden, bis zu dem Gelände seitlich des Kasinoweihers. Heute ist man dabei, das ganze abgelagerte Restgut wegzuschaffen. Der Abfall
5 EINS Si KEE a SE 4 PA FF nm BE A] | ac SA 4 AL | “A | A Die neue Wäsche im Bau der anderen Wäsche ist ebenfalls von einem horizontalen Auf- zug, man nannte ihn ”Hexe”, dorthin befördert worden. Diese ”Hexe” war ein apartes Kettensystem, welches die schweren Kippwagen in einem ziemlich schnellen Tempo nach oben zog. Der Mann, der jahrelang die ”Hexe” betreut hat, war der Kelmiser Musiker Franz Breuer. Ich möchte noch hinzu- fügen, daß alle Musiker der Bergwerkskapelle, wie man sich damals ausdrückte, ein faules Pöstchen innehatten. Hatte der Arbeiter, der die vor der Schlammwäsche befindlichen Weiher unter Kontrolle hielt, diese ablaufen lassen, blieb das fertige Material in den verschiedenen Abteilungen zurück. Jedes Erz war an seiner Farbe gut zu unterscheiden. So hatte z.B. das Blei eine bläuliche, die Blende eine gelbliche und der Schwefel eine grünliche Farbe. Nachdem nach %, Stunden die wertvolle schlammige Masse steif zu werden begann, konnte sie ausgeschaufelt und geladen werden, um den letzten Gang zur ”Plaine” anzutreten. Ich ließ mir von einem alten Arbeiter der Schlammwäsche erzählen, daß so ein voller Wa- gen 1800 Kg gewogen habe. In der Schlammwäsche ist Herr Henri Schillings aus Kelmis langjähriger Meister gewesen. Die Belegschaft Wie schon zu Beginn erwähnt, lag die Verantwortung des gesamten Betriebes in den Händen des Betriebsführers Markstein, der seiner langen Amtszeit wegen keinen Nach-
6 folger hatte. Aufseher Alfred Dechesne, die Meister Henri Schillings, Joseph Bonni und Ferdinand Pelzer, sowie Atelier- leiter Court, die ihm unterstellt waren, haben immer ihrem Chef durch ihre Fachkenntnisse einen großen Teil seiner Ver- antwortung abgenommen. Das Werk hat in der Blütezeit 120 Arbeiter beschäftigt, und zwar 50 Mädchen und 70 Männer. Die dort arbeitenden Mädchen, die in den Ehestand traten, mußten die Arbeit aufgeben. a EU “ SO EYE 2 m Man E X X > a SW SE RES x in Bd AL 4 AS WZr As a I - Kon ES an ZU) a Yu Sa Es Ä MD) Pr CE Won ib Ta A A SUSE CV A EA EN ei ET CE ASUS 20ER 2. 4 Sa | N Va SS] X | ZN VON AU a We Ch LA "de {3 a Die Belegschaft der alten Wäsche um 1899 Die Schichteinteilung Einen Schichtwechsel hat es in der Wäsche nie gegeben, da nur auf Frühschicht gearbeitet wurde. Morgens um 7 Uhr begann die Schicht. Mittags hatten die Leute bis 13 Uhr Pause. Feierabend war um 16.30 Uhr. Als der Zwölfstunden- tag noch existierte, war die Arbeit folgendermaßen eingeteilt : von 6 bis 8, von 8.30 bis 12, von 13 bis 16 und von 16.30 bis 18 Uhr. Schichtbeginn und Feierabend wurden mittels einer Glocke bekanntgegeben, bis dann Anfangs der 20er Jahre auf dem Kesselhaus eine Sirene aufgestellt wurde, die durch Dampf einen so schrillen Pfiff von sich gab, daß er kilometerweit zu hören war. Von Belegschaftsmitgliedern,
7 die der Bergwerkskapelle angehörten, wurde verlangt, wö- chentlich den zwei angesagten Proben beizuwohnen. Wech- selschichten kamen jedoch nur für die Bergleute in Betracht, und die Betriebsführer mußten die Musiker, die Nachmittags- schicht hatten, an den beiden Tagen, wo die Proben statt- fanden, auf Frühschicht arbeiten lassen. Diejenigen, die den Proben fernblieben, wurden vom Dirigenten bei der Direk- tion gemeldet. Diese forderte den Schuldigen auf, bei ihr vorzusprechen, wo ihnen seitens des Direktors, der für die Bergwerkskapelle eine große Zuneigung hatte, nichts als ”starke Zigarren” verpaßt wurden. Wiederholte sich das aus- bleiben bei den Proben des öftern, kam sogar die Entlassung in Frage. Den Musikern zahlte die Gesellschaft für jede Probe 1,50 Fr und pro Konzert, die alle 14 Tagen stattfanden, 3 Fr. Auszahlung der Lohngelder So wie auf den Gruben, sind auch in der Wäsche am 6. und 20. eines jeden Monats die Arbeiter ausbezahlt worden. Der Berg hat seine Leute, selbst während des ersten Welt- krieges, immer in belgischem Geld entlohnt. Anders ist es im zweiten Weltkrieg gewesen, da hat die Reichsmark als Zahlungsmittel gedient. Der Meister hat seinen Arbeitern ihre Lohntüte am Arbeitsplatz ausgehändigt. Materielle Vergünsti- gungen, wie Prämien oder Weihnachtsgratifikationen, sind den Arbeitern der Vieille Montagne nie zugute gekommen. An- läßlich der Kelmiser Kirmes fand am Schützenlokal ein Wett- schießen statt und bei dieser Gelegenheit erhielt jedes Beleg- schaftsmitglied am Lohntag davor einen Bon für zwei Glas Freibier. Die Wäsche wird neu eingerichtet, Jede Betriebsleitung muß darum bemüht sein, nicht vom technischen Fortschritt überrollt zu werden. Versuche werden unternommen, um eventuelle Verbesserungen herbeizuführen. Solche Versuche hat auch die ”Vieille Montagne” schon im Jahre 1919 angestrebt. Es ging darum, das System in der Wäsche zu vereinfachen und die Unkosten zu verringern, nennen wir das Kind bei seinem Namen: um mit weniger Arbeitern dieselbe Produktion zu erzielen. Doch hatten sich damals die angestellten Versuche als unbefriedigend erwiesen.
9 Bei den Nichtentlassenen handelte es sich größtenteils um ältere Männer, denen ein gewisser Vorrang zugestanden wurde. Was veranlaßte den Bau der Flottation ? Nachdem sämtliche Gruben der Gesellschaft der Schlie- Bßung zum Opfer gefallen waren und der gelagerte Vorrat alle wurde, hatte die Wäsche sowieso keine Aussichten auf eine weitere Existenz. Nun hatten kluge Köpfe früh- zeitig herrausgefunden, daß in dem Auswurf, d.h. in dem Schlamm der Wäsche, den man während vieler Jahre hin- durch, wie vorhin schon erwähnt, auf das hinter dem Betrieb liegende Gelände pumpte, noch ein gewisser Prozentsatz an Blende vorhanden war. Aussagen zufolge muß das die Gesell- schaft dazu bewogen haben, das Projekt ”Flottation” in An- griff zu nehmen. Das Verfahren der Flottation Der neue Betrieb, der im Februar 1937 fertiggestellt und sofort nach dem üblichen Test seiner Bestimmung übergeben wurde, war ein vereinfachtes Wäscheverfahren. Wer das alte und auch das neue Werk gekannt hat, muß sagen, daß zwi- schen den beiden Einrichtungen keinerlei Vergleiche zu ziehen waren. Alles verlief in den neuen Einrichtungen viel geräusch- loser. Das zu bearbeitende Material holten die Fahrjungen in Kippwagen vom ”Plang”. So hieß die Schlammhalde hinter der Wäsche. Diesen Schlamm, durch das jahrelange Ablagern zu einer festen Masse geworden, brachten die Schlepper un- unterbrochen zu ihrem Bestimmungsort. Tagsüber mußten ebenfalls zwei Bunker mit dem Zeug aufgefüllt werden, da sonst für die beiden Spätschichten kein Stoff vorhanden war. Die moderne Anlage, die Flottation, war ein Schlamm- und Schaumverfahren. Nachdem die steife Masse im obersten Stockwerk gekippt worden war, mußte sie zerstückelt werden, was mittels platter Hacken geschah. Dann kam sie in ein Läu- terwerk, das dauernd unter Wasser stand und worin sie sich durch ständiges Rühren in eine feine dünnflüssige Masse ver- wandelte, die beim Ausscheiden durch einen Kanal nach unten in eine Walzmühle floß. War dieser Vorgang zu Ende, be-
11 maßen spannte, daß die trockene Schicht abfallen mußte. Was sich nicht absetzte wurde von einem nicht stillstehenden Schaber zum Fallen gebracht. Bei der Trommel stand ein Kippwagen, in den das fertige Material fallen konnte. Die anteiligen Prozentsätze dieser Produkte waren mei- stenteils verschieden. Sie schwankten zwischen 3, 4, 5 und 6 Prozent. Auch die Ergiebigkeit variierte täglich. Es hat Schichten gegben, wo nur ein Wagen gezogen wurde. Mehr als 5 Wagen hat man nie ziehen können. Das Ende der Wäsche Als am Abend des 4. April 1944 die Flugzeuge der Alliier- ten den Bahnhof von Montzen heimsuchten und dort großen Schaden anrichteten, wurde auch die Wäsche ein Opfer der Bomben. Die Arbeiter der Spätschicht, die telefonisch und durch die brüllenden Sirenen von dem anfliegenden Bomber- geschwader gewarnt worden waren, hatten sich, Gott sei Dank, in Sicherheit gebracht, denn kurz darauf fielen schon einige Bomben in den hinteren Teil der Wäsche und richteten be- trächtlichen Schaden an. Zu der Zeit liefen die Gerüchte, die Bomben seien hier aus Versehen abgeworfen worden. Vielleicht ist es so gewesen, doch wer hat das feststellen können ? Wie dem auch sei, eines stand fest : die Wäsche lag still und den Arbeitern hatte man kurz und bündig die Arbeit genommen. Nun zogen jene Arbeiter, die sich das jetzt Ge- schehene oftmals erwünscht hatten, ein ziemlich langes Ge- sicht. Sie wurden vom Arbeitsamt nach Aachen beordert, um bei den Aufräumungsarbeiten mit Hand anzulegen. Wie oft mögen diese Männer an die Wäsche zurückgedacht haben ? Sie, die in den Mauern dieses Gebäudes alt geworden waren, mußten nun plötzlich aus Kelmis heraus und anderswo ihr Brot verdienen. Vor kurzem verriet mir noch ein alter Wäsche- arbeiter, daß die Stillegung des Betriebes für ihn ein hartes Stück Brot gewesen sei, das er nicht leicht verdaut habe. Diese Arbeitsumstellung dauerte jedoch nicht allzu lange, denn schon am 4. September konnte wegen der Kriegser- eignisse keiner mehr sich nach Aachen begeben. Eine Zeit der Ungewißheit, bis schließlich der 8. Mai 1945 das Ende des zweiten Weltkrieges mit sich brachte. Nach fünfjähriger Un-
12 terbrechung, kam nun wieder die Direktion der ”Vieille Mon- tagne” nach Kelmis. Alle, besonders die Arbeiter der Gesell- schaft, waren gespannt, wie jetzt alles verlaufen würde. Schnell kam die Kunde, daß an einen Wiederaufbau der Aufbereitung nicht mehr zu denken sei. Somit steht ein- wandfrei fest, daß der 4. April 1944 der Tag war, an dem die Wäsche für immer ihre Tore schloß. Herr Fernand Bleyfuesz, letzter Direktor der Abteilung Moresnet der Vieille Montagne, bot laut Beschluß höherer Gewalt bei seiner Wiederkunft den gesamten Besitz der Ge- sellschaft, der auf dem Gebiet der Gemeinde Neu-Moresnet lag, zum direkten Verkauf an. Kauflustige Interessenten 4 ließen nicht lange auf sich warten. Nicht nur Unternehmer, nein, auch Kleinverbraucher waren von dem Verkauf begeis- tert. Die technischen Einrichtungen in den Gebäuden, die vormals als der Stolz der Firma galten, wurden zur Ver- schrottung verkauft. In der Nachkriegszeit, wo Eisen, Guß und Kupfer zu den raren Artikeln zählten, stieg die Nachfrage nach denselben so stark an, daß die Verkäufer die Nachfrage kaum befriedigen konnten. Als nun inwendig alles kahl ge- worden war, wurde mit dem Abbruch der einst so stolzen Bauten begonnen, so daß der ”Alte Berg” allmählich zu einem Traum wurde. Heute, so kann man sagen, ist der Tag abzusehen, wo auch die letzten Spuren der Altenberger Ge- sellschaft in unserer Gegend verwischt sein werden. Zu der Zeit, als man dabei war, den ganzen Betriebs- komplex dem Erdboden gleich zu machen, haben viele neu- gierige Kelmiser zugesehen. Sie machten einen Rückblick in die frühere Zeit und ein jeder äußerte seine persönlichen Ansichten. Es ist sogar zu heftigen Diskussionen gekommen, weil man sich über die Ursache der Einstellung der Betriebe nicht einig werden konnte. Lächerliche Kommentare, von den alten Leutchen manchmal aus der Luft gegriffen, ergaben nichts als ein ”Pro und Contra”. Hat man als stiller Zuhörer inmitten der Alleswisser gestanden und sich die erdachten Argumente betreffs des Eingehens der Gesellschaft hier am Ort angehört, so wurde deutlich, daß ein quälendes Unbehagen herrschte, weil diese Entscheidung doch allen etwas zu Herzen ging. Alle hätten lieber gesehen, wenn alles beim alten geblie-
14 ben wäre. Geteilte Meinungen, Tadel, Kommentare, all das konnte dem Verschwinden des langjährigen Brotsherrn vieler Be- wohner der hiesigen Gegend keinen Einhalt bieten. Der Ent- scheid der Generaldirektion war gefallen und des Herrn Befehl mußte ausgeführt werden. So wie alles auf der ganzen Welt hat auch der ”Alte Berg” ein Kommen und ein Gehen gekannt. Wieviele mögen in dieser Zeit, heute wollen sie es vielleicht nicht wahrhaben, innerlich gedacht haben : ”Mußte das sein ?” Die Leitung der Flottation Der Umbau der Wäsche und die Inbetriebnahme der S Flottation hat noch unter Direktor Timmerhans stattgefun- den. Sein Schwiegersohn, Ingenieur Paquot, übernahm gleich zu Beginn die Führung des neuen Werkes. Ihm unterstellt waren die Meister Bonni und Schillings aus Kelmis sowie 24 Arbeiter. Der Betrieb hat Tag und Nacht nicht still gestan- den. Für jede Schicht kamen nur 6 Arbeiter in Frage. Die Posten waren folgendermaßen verteilt : Am Bunker betätig- ten sich 2 Mann, einer an den Chemikalien, der gleichzeitig das Schmieren der Anlage mit übernehmen mußte, einer an der Flottationsmaschine, einer an der Pumpe und der 6. am Filter. Auf Frühschicht waren es natürlich 6 Mann mehr, nämlich die Fahrjungen. Während des letzten Krieges, d.h. in den Jahren 1940-44, als die hiesigen Gebiete von den Deutschen annektiert waren, wurde die Abteilung Moresnet der Vieille Montagne von dem deutschen Direktor Geister geleitet. Dieser rechtschaffene Mann hatte sogar bei den nich‘- Deutschen große Sympathien. Er war ein Mann, der nur Arbeiter kannte. Mit ihm kam Ingenieur Schmitz nach Kelmis. Er war der Verantwortliche in der Flottation. Herrn Schiel, ehemaligem Betriebsführer der Grube Schmalgraf, wurde auch in der neuen Fabrik ein Meisterposten zugeteilt. An Sonn- und Feiertagen stand das Werk still. Schicht- wechsel war um 6,14 und 22 Uhr. Die freundliche Bereitwilligkeit des Herrn Hermann Lausberg aus Kelmis hat es mir ermöglicht, noch einiges über die Flottation wieder- geben zu können. Dafür sei ihm bestens gedankt. Die Fotos der Wäsche stellte mir unser Vereinsmitglied J. De- monthy gern zur Verfügung. Ebenfalls besten Dank,
15 Über die Erzvorkommen in Lontzen und Walhorn nach einem Bericht aus dem Jahre 1827 von Alfred Bertha Die Gesellschaft vom Altenberg (”Vieille Montagne’”’), immer bestrebt, ihr Grubenfeld zu vergrößern und neue, abbauwürdige Erzvorkommen zu finden, ließ gegen Ende des vorigen Jahrhunderts auch in Lontzen Bohrungen vornehmen und im Jahre 1900 wurde die Galmeierzförderung am ”Berg” in Angriff genommen. Über den Betrieb der Lontzener Gru- be hat unser Mitarbeiter Franz Uebags in Nr. 9 dieser Zeit- schrift ausführlich berichtet (”*Im Göhltal” Nr. 9, Juni 1971, S. 5-11). Doch die Kelmiser Gesellschaft war nicht die erste, die die Bodenschätze unserer Heimat zu heben versuchte. Auch hat sie sich in erster Linie für Galmei interessiert, das sie in der Kelmiser Wäsche aufbereitete. Es liegt uns ein Bericht aus dem Jahre 1827 vor, aus dem hervorgeht, daß kei der Bevölkerung das Wissen um die Erzvorkommen und andere Bodenschätze. lange vor der Tätigkeit der ”Vieille Monta- gne” vorhanden und auch nie ganz verloren gegangen war. Wir sind der Meinung, daß das Dokument es verdient, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden. BOOK E ”In Betreff Mineralien in der Bürgermeisterei Lontzen” In verschiedenen Gegenden der Bürgermeisterei Lontzen ist Galmeistein vorhanden, nämlich : a) Galmei 1) auf dem sobenannten Poppelberg, zwischen Lontzen und Rabottrath, worunter dann auch zugleich Blei gefunden wird. Daß dort vor Jahren jenes Mineral gesucht und auch ge- funden worden ist, zeigen die noch vorhandenen aufge- worfenen Hügelen und Gruben, wie auch die dort noch zu findenden Bestandteile von Galmei und Blei. Es scheint aber, daß jenes Mineral nie in der Tiefe gesucht worden ist, sondern nur an der Oberfläche. Man kann deshalb
16 nicht wissen, ob dort tief in der Erde kein reichliches Erz zu finden sei. 2) bei den sobenannten Knippen, wo aber nur Galmei zu sein scheint. Daselbst ist auch vor unerdenklichen Jahren Galmei gegraben worden, wovon die Spuren noch zu er- sehen sind. 3) In der Grünstraß, wo der Galmeiberg Anno 1772 ange- fangen worden und schier immer anhaltend, bis unter dem französischen Gouvernement die bekannte Concession des Altenbergs zu Gunsten des Herrn Dony zu Lüttich angefangen hat. Daselbst bei der Grünstraß ist der Galmei ziemlich häufig * gefunden worden ; sodann auch etwas Blei. Dieses Berg- werk wurde teils auf Rechnung des österreichischen Gou- vernements, teils unter Association von etlichen Partiku- lieren betrieben. Ein zur Aufbewahrung des Galmeisteins in 1773 aufge- bautes Magazin-Gebäude ist noch nicht vor lang abge- brochen worden. 4) Der schönste und beste Galmei befindet sich aber um das Gut Crekendrisch, hier zu Lontzen, wo dieses Mineral, wie ich vor der Concession des G. Dony selbst gesehen habe, in abondant (= reichlich) und zwar nicht tief vor- handen ist. b) Steinkohlen Im Jahre 1695 hat zufolge Anlage Nr.1 (leider ist dieses Belegstück verloren gegangen) ein sicherer Dujardin mit der Gemeinde Lontzen accord gemacht und vereint, daß er für die großen angewandten Kosten zur Suchung von Steinkoh- len am Lauterberg unter einigen Klauseln einen ziemlichen Teil Gemeinde-Grund auf Haesberg zu Busch in Eigentum haben soll. Zur selben Zeit hat am Lauterberg ein Wasserkunstwerk (= Pumpe) gestanden, welches aber durch entstandene Un- einigkeiten unter den Associierten zernichtet worden ist. Hiervon existieren zwar, insoviel man weiß, hier in Lontzen keine Papiere mehr, indessen wissen dieses alte Leute von ihren Voreltern - auch hat man noch vor etwa 25 Jahren
17 verschiedene Bälken aus der Erde gegraben, worauf das Kunstwerk befestigt gewesen ist, und bin ich davon selbst Augenzeuge gewesen. Auch sollen dort am Lauterberg nach den Aussagen alter Leute dazumal grobe Kohlen ausgearbeitet worden sein. Im Jahre 1782 hat ein Herr Mager, Geyer, Traber und Blees aus Aachen ohnweit Lauterberg wiederum angefangen, Steinkohlen zu suchen, allein nur oberflächlich und haben nachdem sie 960 Reichstaler darin gesetzt hatten, nachgelassen. Im Jahre 1784 haben einige Herren aus Eupen, nämlich Defayage, Mostert, Theissen etc. angefangen am Lauterberg Kohlen zu suchen, nachdem sie aber 4.971 Reichstaler dazu verwendet hatten, wegen des überhäuften, nicht mit Haus- pumpen zu zwingenden Wassers nachgelassen. Der Sage nach soll aber Traiterie des Schachtmeisters daran gewesen sein. Anno 1787 sind wiederum Kohlen von einigen Partiku- lieren auf dem Haesberg gesucht worden, wie auch auf dem benannten Kieselberg, allwo 40 Karren gutes Geriß ausgear- beitet und teils verkauft, teils den Armen ausgeteilt worden sind. Zu bemerken, daß auch noch in früheren Zeiten Kohlen gesucht worden sind, worüber in den Archiven des Herrn Grafen d’Auxy noch einige Papiere vorhanden. Die Dokumente über das in 1695 ungefähr am Lauter- berg gewesene Kohlenwerk sind anjetzo, wie mir ein Mit- glied der Oberbergcommission, will sagen bei dem Oberberg- amt zu Bonn, selbst gesagt hat, daselbst in den Archiven und wären dieselben von Lüttich her dort gekommen. c) Eisenstein Von alten Leuten hat man immer sagen hören, daß im Lontzener Felde, wo es noch anjetzo Eiserenkoull heißt, vor Jahren Eisen ausgearbeitet worden sei, wenigstens ist der Eisenstein dort noch häufig vorhanden. d) Blei Daß vor Zeiten Blei in Lontzen gegraben worden ist,
19 beweist die ergebenst hier beigefügte Abschrift (1) einer Sen- tenz des Gerichtes zu Limburg vom Jahre 1602, gegen den Probst zu Aachen als Grundherrn zu Lontzen, wodurch ihm die Zehnten vom Blei und anderem Erz, welche er begehrte, ab- und dem Landesherren zugesprochen worden. Diese Ab- schrift aus dem Archiv des Grafen d’Auxy bitte ich von Euer Hochwohlgeboren zurück. Noch jetzt findet sich Blei um Lontzen herum, und ich selbst habe kleine Stücke Blei im Sande gefunden. YA Soweit dieser Bericht über die Lontzener Erzvorkommen, abgefaßt vom damaligen Bürgermeister P. L. Corman, welcher auch als kommissarischer Bürgermeister von Walhorn fun- gierte. In dieser Eigenschaft stellte er auch über Walhorner Bodenschätze einen Bericht auf, den wir hier folgen lassen. BE ”Über gesuchtes und gefundenes Erz in der Bürgermeisterei von Walhorn” In der Bürgermeisterei Walhorn gibt es, insoweit es be- kannt ist, an drei Stellen Galmei, also : 1) Auf dem sogenannten Rabottrather Kalmeiberg nahe bei dieser Gemeinde soll ziemlich viel Galmei mitunter Blei ausgearbeitet worden sein. Die Gruben etc. sind dort noch häufig zu sehen. Ein von dem Österreichischen Gouvernement erbautes Galmei-Magazin worüber nun der Gerber Philips als Ei- gentümer auftritt, ohne jedoch, wie ich glaube, Titel daran zu haben, ist vorhanden. Schriftlich kann man es zwar nicht beweisen, wannehr jenes Bergwerk begonnen habe, jedoch soll es der Aussage alter Leute ungefähr anfangs des 17. Saeculums, also über 100 Jahre gewesen sein. 2) Neben der also genannten Doeheide dicht an der Grenze zwischen Eynatten und Walhorn von der Langmäusen halb links, allwo zwar Galmei, aber dem Ansehen nach ist dort wenig gearbeitet worden. 3) Bei dem Hammer zu Astenet ist auch Galmei gesucht £ worden, allein wie an Nr. 2 wenig dort gearbeitet worden. 1) Auch dieses Belegstück fehlt.
20 Hügelgräber aus vorgeschichtlicher Zeit im Göhltal von Hans Königs Durch weitausgedehnten Tagebau hat der in den beiden letzten Jahrzehnten stark vorgetriebene Braunkohlenabbau das Land um Rur und Erft völlig verändert. Vor den riesigen Baggern herlaufend, konnten die Archeologen des Bonner Landesmuseums dort bedeutsame Aufschlüsse über Lebensart und Siedlungsform unserer Vorfahren gewinnen. Demgegenüber beschränkt sich die Kenntnis der Vor- . geschichte unserer Göhlheimat bisher auf gelegentliche Beob- achtungen einzelner Forscher und auf summarische Unter- suchungen Brüsseler Fachleute (1). Bereits in grauer Vorzeit, als die sumpfigen Täler unserer Heimat keine Besiedlung gestatteten und unsere Vorfahren an den oberen Talhängen hausten, lassen sich menschliche Spuren auf dem Aachener Lousberg, aber auch am Klaus- wie am Preusberg nachweisen. In der Aachener Literatur finden sich hierüber etliche Hinweise, so bei W. Kämmerer (2). ”Schlag- und Arbeitsplätze der mittleren Steinzeit, auf denen viele Kleinstgeräte und Absplisse vornehmlich in tiefschwar- zem Feuerstein zutage traten, sind bisher am Breitenstein, aber auch auf einer Terrasse des Wurmtals bei Kohlscheid und schließlich inmitten des Ortes Schevenhütte beobachtet worden... Die Hügel- und Brandgräber auf den Höhen des Preus- und Klausberges sind von den Siedlern der Bronze- zeit übrig geblieben... Ein runder Steinhügel, in einem Fall von einem ringwallartigen Steinwall umgeben, bildet den Kern, ein darüber geschütteter Erdhügel die Schutzhülle die- ser Brandgräber. Sie einem bestimmten Volkstum der Vorzeit zuzuweisen, ist allerdings bisher noch nicht gelungen. Man rechnet sie deshalb schlechthin zur niederreinischen Grab- hügelkultur”. Eines dieser Brandgräber wurde um 1925 durch den Aachener Professor Joseph Liese freigelegt (3). ”Die Schnur- keramiker setzten ihre Toten auf wenig fruchtbaren Höhen,
21 am Rand hochragender Kuppen... unter Hügeln bei. Älter als die Zonenbecherleute leben sie hierzulande bis tief in die Bronzezeit (4). Wir finden sie im Aachener Walde an zwei (Klausberg, Preusberg und dem verbindenden Gelände), im Limburgischen an mehreren Stellen. Ihre Ausläufer konnten an der Maas festgestellt werden. Gehen wir vom Klausberg in nordwestlicher Richtung zur Lütticher Straße, am Entenpfuhl vorbei, weiter den Landgraben hinauf bis zum Moresneter Bittweg, so treffen wir hier auf der Höhe des Preusberges ein nicht allzugroßes Ackerfeld, das rings von Hügelgräbern umbaut ist. Darunter befindet sich eine Nekro- pole (Totenstadt) von 28 Hügeln ; andere liegen vereinzelt zu vier und fünf... Weiterhin sind diese Hügel auf den Höhen an der Göhl und im Maastal selbst festgestellt”. .. Drei Länder (Deutschland, Belgien und Holland) teilen sich also in den % Hügelbestand, der mit 100 tumuli nicht zu gering angenom- men ist (5). Leider hat Professor Liese die abschließenden Ergebnisse seiner langjährigen Forschung nicht mehr veröffentlicht. An- fang des Jahres 1939 nahm ihm der Tod die Feder vorzeitig aus der Hand. Seine umfangreiche Sammlung vorzeitlicher Funde hatte die Stadt Aachen erworben. Im zweiten Weltkrieg nach Weismes und Amel bei St. Vith ausgelagert, erlitten die heute in der Burg Frankenberg untergebrachten Bestände schwere Einbußen. 1) J. LIESE, ”Das Aachener Land in der Steinzeit” (Aachener Bei- träge zur Heimatkunde VIII, Aachen 1930), S. 108. 2) W. KÄMMERER, "Geschichtliches Aachen”, 155, S. 5 f. 3) Abb. des Hügelgrabes auf dem Klausberg bei W. HERMANNS, 4000 Jahre Aachen, 1939, S. 9. Siehe auch (H.A. Crou)s, Hünen- gräber (!) im Aachener Wald erinnern an die Bronzezeit (Aachener Volkszeitung, Ausg. 4 vom 5. 1. 1968), Verfasser dieser Zeilen war damals Stadtbaumeister Vogeno bei Auf- - maß und Zeichnung der Grabanlage behilflich. Professor Liese deutete den durch kleine Steinwälle in viele Einzelkammern aufgeteilten Ring- wall als Weg des unter dem umschlossenen Steinhügel Bestatteten zum Totenreich. Gegeneinander versetzte Durchlässe und die zur Beisetzung mit Speisen und Beigaben angefüllten Kammern sollten eine Rückkehr der Seele aus dem Totenreich ausschließen. 4) Die jüngere Steinzeit wird um 2000 v. Chr. von der Bronzezeit abgelöst, an die sich um 1000 bis 800 v. Chr. die Eisenzeit anschließt. 5) LIESE, a. a..O. S.. 107.
23 einigen anderen Stellen im östlichen Harzvorland das so- genannte ”Armerietum Halleri”, eine Schwermetallrasenge- sellschaft, die u. a. die auch im Göhltal vorhandene Grasnelke (Armeria elongata) in einer Unterart enthält. Immer sind also ganz bestimmte geologische Gegebenhei- ten die notwendige Voraussetzung für die Verbreitung solcher Pflanzengesellschaften. In der Vennfußfläche sind das die devonisch-karbonischen Grundgebirgszüge an deren Verwer- fungen und Seitenverschiebungen Blei- und Zinkverbindun- gen z.T. an die Erdoberfläche gelangt sind. Es würde nun zu weit führen, wollte man hier die Ein- zelheiten der geologischen Umstände genauer erläutern. Dazu bediene man sich entsprechender Fachliteratur. In diesem Zusammenhang sei auch verwiesen auf den vorzüglichen Beitrag von M. Meerman in Heft 8 dieser Zeitschrift, in dem sowohl die geologischen wie auch die bergbaugeschichtlichen Gegebenheiten des Göhltalraumes ausführlicher behandelt werden. Ferner sollte das Studium von F. Uebags in Nr. 7-14 der Göhltalzeitschrift empfohlen werden, die interessante Rückschlüsse darüber ermöglicht, inwieweit der Mensch an der Ausbreitung der Galmeiflora im Göhltal beteiligt gewesen sein muß. A & Y vH ü 7 & p EEE rn SE ANNE ARE RS £ $ 5 PK CS + Az x ‚Ne M PHASEN S HELLER Se AND A TE VS Ken Zi A ri Mr Se SZ FC CT Galmeitrift bei Bleyberg (Festuca ovina - Aspekt)
24 Die Hauptaufgabe des vorliegenden Beitrages ist es nun, einmal die Eigentümlichkeiten der Galmeiflora aus vegeta- tionskundlicher Sicht etwas näher zu betrachten. Um ein deutliches Bild von dem zu geben, was unter dem Begriff ”Violetum calaminariae” (Galmeipflanzengesellschaft) zu ver- stehen ist, scheint es am zweckmäßigsten, daß wir uns einem der besten Kenner dieser Vegetationseinheit, dem Aachener Pflanzensoziologen, Professor Dr. M. Schwickerath anschließen. Er hat aufgrund zahlreicher Untersuchungen eine Artenliste des ”Violetum calaminariae” zusammengestellt, die nachfol- gend wiedergegeben werden soll. Die durchnumerierte Artenliste lautet : . Violetum calaminariae Zinkpflanzengesellschaft / Schwickerath C. 1. Viola lutea V Galmeiveilchen var. calaminaria 2. Armeria elongata V Grasnelke 3. Alsine verna V Frühlingsmiere 4. Thlaspi alpestre V Galmeitäschel var. calaminare 5. Silene inflata var. V Aufgeblasener Taubenkropf 6. Festuca ovina, euovina V Bläulicher var. subglaucescens Schafschwingel B. 7. Polygala vulgaris V Gemeine Kreuzblume 8. Campanula rotundifolia V Rundblättrige Glockenblume 9. Rumex acetosa V Sauerampfer 10. Thymus serpyllum V Quendelblättriger Thymian 11. Plantago lanceolata IV Spitzwegerich 12. Ranunculus acer IV Scharfer Hahnenfuß 13. Pimpinella saxifraga IV Kleine Bibernell 14. Potentilla erecta V Blutwurz 15. Euphrasia stricta et IV Steifer und Rostkoviana Wiesenaugentrost 16. Galium silvestre IV Heidelabkraut 17. Cladonia rangiferina V Renntierflechte 18. Cladonia pyxidata V Becherflechte 19. Weisia viridula IV Zartgrünes Perlmoos 20. Climacium dendroides IV Bäumchenartiges Leitermoos
25 b21. Lotus corniculatus IV Hornklee 22. Trifolium repens III Kriechklee 23. Trifolium pratense III Wiesenklee 24. Hieracium umbellatum II Doldiges Habichtskraut 25. Leontodon hastilis I Steifhaariger Löwenzahn 26. Cerastium triviale III Gemeines Hornkraut 27. Carex hirta III Behaarte Segge 28. Peltigera canina III Hundsflechte 29. Hypnum Schreberi III Schrebers Schlafmoos 30. Bryum caespiticum I Rasen-Birnmoos 31. Eurhynchium praelongum I Langgestrecktes Schönschnabelmoos dKoel 32. Achillea millefolium I Tausendblättrige Schafgarbe 33. Koeleria gracillis I Zierliche Kölerie 34. Linum catharticum I Purgier-Lein 35. Knautia arvensis II Ackerknautie 36. Scabiosa columbaria I Taubenskabiose dCall 37. Agrostis vulgaris IV Gemeines Straußgras 38. Luzula campestris IT Vielblütige Simse ssp. multiflora 39. Molinia coerulia II Himmelblaues Pfeifengras 40. Calluna vulgaris II Gemeine Heide 41. Genista tinctora I Färberginster 42. Deschampsia flexuosa I Drahtschmiele 43. Ceratodon purpureus I Purpurrotes Hornzahnmoos Bei den nachfolgenden Betrachtungen sollte man immer wieder auf diese Artenliste zurückgreifen. Zu ihrem besseren Verständnis ist es unerläßlich, anschließend noch einige pflan- zensoziologischen Grundbegriffe etwas näher zu erläutern. Wie man aus der Liste ersieht, ist sie aufgeteilt in die : Charakterarten der Gesellschaft = C (Ziffer 1- 6) steten Begleiter = B (Ziffer 7-20) unsteten Begleiter = b (Ziffer 21-31) Differentialarten der nährstoffreichen Variante = d-Koel (Ziffer 32-36) Differentialarten der nährstoffarmen Variante = d-Call (Ziffer 37-43) Den deutschen Pflanzennamen sind vorgestellt die römi- |
27 SA WR EV N KO v Ah A 7 ve“ Gl Pe la A | ES AL He Ta AL A RT VE | A Sr a | En Benf ES a OP LE TE. & ah N TEAM EN NUN ZN KA DE N Ba Sf A A EEE N AD BEFORE HOME % GB TEEN WE SD N DANN EEE EN SE AS WIESE EC DR SZ ER A ET LU SA Se Die rosablühende Grasnelke (Armeria elongata) zweite Charakterart der Gesellschaft ”steten Begleiter” sowie noch eine gewisse Anzahl der ”unste- ten Begleiter”. Es 1äßt sich demnach recht eindrucksvoll nach- weisen, daß gerade in Kelmis - Neu-Moresnet das ”Violetum calaminariae” seine vollständigste und typischste Ausprägung im gesamten Göhltalraum erhalten hat. In welcher Weise sich die übrigen Galmeitriften des Göhltales von der Trift | bei Kelmis unterscheiden, soll an späterer Stelle gezeigt wer- / den. Was die Halden im Bereich der ehemaligen Wäsche | anbelangt, so sollte jedoch schon jetzt darauf hingewiesen | werden, daß auf Grund der besonderen Geländemorphologie | gerade hier Verhältnisse gegeben sind, die die Verwandt- | schaft der Galmeitrift mit alpinen Pflanzengesellschaften | recht deutlich veranschaulichen (siehe Anmerkung). | Für den an dieser spezifischen Besonderheit des Göhltales | interessierten Naturfreund mag es nun eine besonders reiz-
28 DL AS Ms Sa Kt SAN RSS LA DAN VS \ (6 A ad NS Se AS M 140 dx VA AL s MR 6 Asa ß PA nd IR \ Fo KA ze 5 Spalt GE EN KÄN NS id ME N A AAN NAAR LEE K 5 TS uch PANNE) VO ZH NUN UN ; A a EN DIE MU GT K Ka DE KAT SU te Sa A CE ER SA SZ AERO PA VIE SAME EN SZ An AN X KA SA ÜNAEA JO TA es RS “ SL RAS a \ ü Ss SE SAN Ü an Kaas 1A 1 EEE, SD N N A A KEESLLL ZEHNEN AS En ZZ VPRUSTDESEENN VETERAN, AS LE NS DRS ANS A EM ] SEEN Die alpine Frühlingsmiere (Alsine verna) typische Pionierpflanze auf der Galmeitrift volle Aufgabe sein, unter Zuhilfenahme von Bestimmungs- büchern und der oben wiedergegebenen Artenliste selbst einmal die Galmeiflora an Ort und Stelle genauer zu beobach- ten und zu untersuchen. Die Beobachtungen lassen sich bis in den späten Herbst hinein durchführen, da etliche Arten mitunter im November noch blühen und somit für den Laien leicht zu erkennen sind. In der Fortsetzung dieses Beitrages in einem späteren Heft soll genauer eingegangen werden auf besondere Aus- bildungsformen des ”’Violetum calaminariae”, auf Abweichun- gen vom ”Typikum” der Gesellschaft und die verschiedenen Standorte im gesamten Göhltalbereich. (Fortsetzung folgt) Anmerkung : Leider wurde im April 1974 der zur Göhl gelegene Teil der Trift, welcher in sehr reichem Maße die charakteristische Begleitflora der Galmeipflanzengesellschaft zeigte, durch die Anlage einer Wegstraße unwiederbringlich vernichtet. Dieser Umstand sollte Anlaß sein, auch an dieser Stelle den Schutz der Galmeiflora mit allem Nachdruck zu fordern.
29 NACHTRAG : Nachdem der Text zu dem vorstehend wiedergegebenen Beitrag bereits fertiggestellt war, mußte mit Erschütterung festgestellt werden, daß man im Juni 1974 (offenbar auf Veran- lassung der Gemeindeverwaltung Neu-Moresnet) damit be- gonnen hat, den Gesamtbestand der Galmeitrift auf den Hal- den an der Lütticher Straße mit Planierraupen zu beseitigen. Dies ist um so bedauerlicher, als gerade von der Göhltalver- einigung in den letzten Jahren viel Mühe auf die Erhaltung der Galmeiflora verwendet worden war. Zahlreiche Göhltalfreunde und Kenner der Galmeiflora im In- und Ausland werden die Vernichtung dieser ausge- zeichneten Galmeitrift als unersätzlichen und daher besonders | schmerzlichen kulturellen Verlust empfinden. Literatur : | Ernst Wilfried: ”Ökologisch-Soziologische Untersuchungen der Schwer- | metall-Pflanzengesellschaften Mitteleuropas unter Einschluß der Alpen”. Abh. Landesmuseum für Naturkunde, Münster i.W. | 1965. Meerman M.: ”Eine besondere Flora im Göhltal”, Zeitschrift im Göhltal, Nr 8, 1970. Pool Dr, D. J. W.: ”De zinkflora van het Geuldal”. Wetenschappelijke mededelingen van de Koninklijke Nederlandse Natuurhisto- rische Vereniging, Nr 76, Aug. 1968, Schwickerath, Prof. Dr. Dr. M.: ”Das Hohe Venn und seine Randge- biete”. Pflanzensoziologie, Bd. 6, Jena 1944, S. 170-178 ff. Schwickerath, Prof. Dr. Dr. M.: ”Hohes Venn - Nordeifel / Ganzheit- liches Erfassen und Erleben der Landschaft”. Recklinghausen 1966.
30 Zur Bezeichnung «am Bildchen» von Hans Königs VORBEMERKUNG : Die Eröffnung der Zweigstelle Preuswald durch die Stadtsparkasse Aachen gab Anlaß zur Herausgabe einer klei- nen Studie ”Vom Jakobstor zum Bildchen. Aus der Geschichte einer Landstraße”. In selbstloser Art stellte die Stadtsparkasse Aachen dem Verein Göhltal eine entsprechende Anzahl der Studie für seine Mitglieder zur Verfügung. . In den seither verflossenen Monaten stieß der Verfasser Hans Königs auf weiteres geschichtliches Material. So bietet sich die Gelegenheit, im vorliegenden Heft 15 unserer Zeit- schrift eine Zusammenfassung der neuerlichen Forschungs- ergebnisse zu veröffentlichen. Bei diesem Anlaß weist der Verfasser auf einige Druck- fehler in seiner Studie hin und bittet diese wie folgt zu berichtigen : Vom Jakobstor zum Bildchen, Seite 3, Zeile 5, anstatt Titelseite lies : Rückseite ; Seite 7, Zeile 5 von unten, anstatt zu lies: zur ; Seite 8, Zeile 18, anstatt Stein, lies: Steinweg ; Seite 15, Zeile 2 von unten, lies : ließ ; Seite 17, Zeile 12 von unten, anstatt Peltzerturm, lies : Pelzerturm ; Seite 25, Zeile 9, anstatt 1886 lies: 1866 ; Seite 30, Zeile 15, anstatt entbeht lies : entbehrt ; Seite 30, Zeile 3 von unten, anstatt 1885 lies: 1881 ; Seite 32, Zeile 6, anstatt rhytmisch lies : rhythmisch. OO ER Neben dem ”Köpfchen” ist auch der Aachener Grenz- übergang ”am Bildchen” weit über den engeren Grenzbe- reich bekannt. Gab ihm vor mehr als fünfhundert Jahren ein der Gottesmutter geweihter Bildstock den Namen, so lassen sich im weiteren Umkreis noch mehrere ”Marien- bildchen” nachweisen.
31 Am oberen Ende der volksreichen Aachener Rosstraße lud seit dem frühen 18. Jahrhundert ein Heiligenhäuschen zu kurzem Gebet. Um 1758 erbaute der Pfarrer von St. Jakob an seiner Stelle eine kleine Betkapelle (1). Mit der dahinter- gelegenen anspruchslosen Häusergruppe überstand das ba- rocke Bauwerk die Brandnächte des zweiten Weltkrieges. In alten Urkunden (2) wie auch im Volksmund wird das allen Aachenern ans Herz gewachsene Roskapellchen auch ”Marien- bildchen” genannt. Seine volkstümlichen Feste zur Jakobs- kirmes sind weit über Aachen hinaus bekannt. Etwa zwanzig Jahre später errichteten unweit der heu- tigen deutsch-niederländischen Grenze im Jahre 1779 Kaspar Joseph Freiherr von Fürth und seine Ehefrau Bernhardine von Pelser-Berensberg als Schloßherren von Lemiers an der nach Orsbach steil ansteigenden Straße einen übermannshohen Bildstock, dessen reich aus dem Blaustein herausgearbeitete Schauseite in Bild und Schrift die Helferin der Christen verherrlicht (3). Im Schutze alter Linden steht das Lemierser ”Marienbildchen” seit jeher in hoher Verehrung (4). Ein kurz vor Roetgen bei Münsterbildchen gelegenes Landgut nennt sich ”Mariabildchen” (5). Auch das um 1870 erbaute Aachener Eckhaus Römer- straße 25 ziert eine Madonnennische mit der Inschrift ”Zum Marienbildchen”. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts verzeichnen Stadtplan und Adreßbücher das ”am Bildchen” gelegene Wohnhaus des Rentners Dullye an der Vaalser Straße (6) gegenüber dem Venskyhäuschen, dessen Name auf die dort gebietende ver- witwete Schankwirtin Eva Vensky zurückgeht. Nahe dem belgischen Bahnhof Montzen findet sich die Flurbezeichnung ”Bildgen”, an sie erinnert der heutige ”Bilgenweg”. Im Gegensatz zu den der Gottesmutter geweihten Marien- bildchen bleibt es ungewiß, welcher Schutzheiligen der fromme Sinn unserer Altvordern bei den beiden letztgenannten Andachtsstätten gedacht hat.
32 1) K. FAYMONVILLE, ”Die Kunstdenkmäler der Stadt Aachen”. Bd. II, ”Die Kirchen mit Ausnahme des Münsters”, Düsseldorf, 1922,” S125° ££. 2) Stadtarchiv Aachen, Real. Prot. 1787, 6. Dez., Seite 573, ”auf der Rooß hinter dem Marienbildchen gelegene drey Häuser”. 3) H. JONGEN, ”Bijdrage tot de Kerkgeschiedenis van Lemiers”, Maastricht 1930, S. 78 bis 80, 4) A. WELTERS, ”Het Limburgische Veldkruis”, "Publications de la societe historique et arch&ologique dans le Limbourg”, Bd. 65, Maastricht 1929, S. 311. 5) FÜRTH H.A., Frhr. von, "Beiträge und Material zur Geschichte der Aachener Patrizier-Familien”, Bd. II, Bonn 1882, III. Abt., S. 78. 6) Plan der Stadt Aachen nebst Burtscheid, herausgegeben von F. v. Rappard, 1860. — Im Sommer 1866 steht das ”vor dem Vaelser- % thore am Bildchen” gelegene Wohnhaus zur Versteigerung (Anzeige im ”Echo der Gegenwart”, Nr. 111/1866).
33 Wald im Januar von M.-Th. Weinert Aus weiten Himmeln, das gelbe Licht gießt Glanz um das Birkengeäst, erglüht in den Buchen als kupfernes Rot, sind ihre Blätter auch lange tot- das goldene Licht, im erstarrten Wald, feiert ein Fest, und es leuchtet kalt. Aber die sanfte Hirschkuh äst, -ob der Häher auch warnend schreit- in ihrem lederfarbenen Kleid, braun, wie das trockene Eichenblatt, das der Winter bewahret hat. Die hellen Gräser schimmern fahl, verzaubert in dieser Zeit,- der Sonne ockerfarbener Strahl streut Gold und funkelndes Geleucht in tannengrüne Dunkelheit, die Kirchenfenstern gleicht.
34 Episoden aus der Franzosenherrschaft in Aachen und Umgebung von Alfred Bertha und Walter Meven Das Thema ist weder neu noch unbearbeitet. Neben der Primärliteratur (Chroniken, Annalen, Zeitungsberichte, Kor- respondenz u. dgl.) besteht eine umfangreiche und von Jahr zu Jahr noch anwachsende Sekundärliteratur. Nun ist es im allgemeinen so, daß in den einzelnen Arbeiten zum Fragen- komplex ”Franzosenzeit” der eine oder der andere Punkt her- ausgegriffen und eingehend bearbeitet wird. So der militäri- sche Aufmarsch (Karl Nathan), der Assignatenumlauf, der . Tempel der Vernunft (E. Pauls), die Ereignisse des 2. März 1793 (A. Pauls), die Militärspitäler (Schmitz-Cliever) usw. Es ist nun nicht unsere Absicht, eine Gesamtdarstellung jener Zeiten zu geben, da auch das schon mehrfach unter- nommen worden ist (z.B. Alois Niessner: Zwanzig Jahre Franzosenherrschaft in Aachen, 1794-1814). Da unser Leser- kreis jedoch zum großen Teil im Raume westlich Aachen und doch in unmittelbarer Nähe der alten Reichsstadt angesiedelt ist, denken wir mit dem hier Gesagten, das für die meisten Aachener wohl nichts Neues sein dürfte, auf einiges Interesse zu stoßen, vor allem auch, weil die Franzosenzeit nicht nur in der Geschichte Aachens, sondern ganz allgemein als eine umwandelnde Zäsur betrachtet werden muß und von den Geschehnissen im Aachener Gebiet auf die Geschehnisse im Nachbarraum geschlossen werden kann. Von den benutzten Hilfsmitteln ist nur die Franziskaner- chronik bisher keinem größeren Leserkreis zugänglich ge- macht worden. Den Hinweis auf diese lange als verschollen ge- goltene Chronik verdanken wir dem Stadtarchivdirektor Dr. H. Lepper. Ihm und seinen Mitarbeiterinnen, Frl. Janssen und Frl. Klee, möchten wir an dieser Stelle für ihre Hilfe und ihr Entgegenkommen unseren Dank aussprechen. MONA OO ”Von hier und heute geht eine neue Epoche der Welt- geschichte aus und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen” Kein Geringerer als Goethe tat diesen Ausspruch, und
35 zwar am Abend des 20. September 1792, nach der denkwür- digen ”Kanonade von Valmy”, jenem kleinen Ort nordöstlich von Chälons-sur-Marne, wo die vereinigten Heere Österreichs und Preußens von 4en französischen Revolutionstruppen ge- schlagen wurden. Doch greifen wir nicht vor und versuchen wir, die all- gemeine Lage kurz zu skizzieren. | Im Grunde genommen hatte die ”neue Epoche der Welt- geschichte” schen 1789 mit dem Ausbruch der französischen Revolution, dem Umsturz der alten ständischen Gesellschafts- ordnung und der Verbreitung der Ideen von ”Freiheit, Gleich- heit und Brüderlichkeit” begonnen. Doch hatte man dem Sturm auf die Bastille und den darauf folgenden Ereignissen nicht überall die gebührende Bedeutung beigemessen, so z. B. in Aachen. Dort ”beschäftigten sich die Bürger mit lokalen Streitigkeiten. Von dem, was in Paris vorging, scheinen sie so gut wie keine Notiz genommen zu haben”, schreibt Karl Teppe (1). Erst die Ankunft zahlreicher französischen Emi- granten, unter ihnen war auch der Graf von Artois, ein Bruder König Ludwigs XVI., ließ die Aachener aufmerken. Doch das Aachener Klima war eher revolutionsfeindlich. (2). Die französische Verfassung von 1791 sagte ausdrücklich, | die Nation verzichte auf Eroberungskriege. Als es sich jedoch herausstellte, daß der nach einem gescheiterten Fluchtversuch nach Paris zurückgebrachte Ludwig XVI. mit den europäi- schen Königshöfen Kontakt aufgenommen und an deren Solida- rität appelliert hatte, um ein militärisches Eingreifen zu pro- vozieren, und Österreich und Preußen ihrerseits konkrete Anstalten machten, Ludwig wieder in seine alten Rechte ein- zusetzen und das revolutionäre Feuer in Frankreich, das sehr leicht auf andere Länder hätte überspringen können, im Keime zu ersticken, war ein militärischer Konflikt zwischen den europäischen Mächten (Österreich und Preußen) und den französischen Revolutionstruppen unvermeidlich geworden. Schon lange träumte man in Frankreich von ”natürlichen Landesgrenzen”, und als ”natürliche Ostgrenze” sah man den Rhein an. Nunmehr schien der Augenblick gekommen, das Territorium bis an den Rhein abzurunden und den alten
36 Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Neben diesen Gedan- ken der Abrundung des Staatsgebietes trat das Bewußtsein, mit der Verbreitung der revolutionären Ideen eine missiona- rische Sendung zu erfüllen, die Überzeugung, die benach- barten Völker von Knechtschaft und Tyrannei zu befreien. Die in Lothringen eindringenden Heere Preußens und Österreichs, in deren Reihen sich auch eine Anzahl franzö- sischer Emigranten befand, nahmen nacheinander Longwy und Verdun und rückten dann durch die Argonnen, die ”Ther- mopylen” Frankreichs, in die Champagne vor. Ihr Ziel : Paris. Die französischen Truppen unter dem Oberbefehl des Gene- A rals Dumouriez zogen sich auf Valmy zurück, wo sie sich zur Schlacht stellten und wo am 20.9.1792 die eingangs er- wähnte Kanonade stattfand. Nach 9-stündigem heftigen Ar- tilleriefeuer war die Schlacht zugunsten der Franzosen ent- schieden. Preußen und Österreicher mußten sich zurückziehen. Mit revolutionärem Elan drangen nun die Revolutionstrup- pen unter General Custine ins Deutsche Reich ein und be- setzten nacheinander Speyer, Worms und Mainz. Eine zweite französische Armee unter General Dumouriez stieß gegen die österreichischen Niederlande vor. i a Z A Wa a A A EN U ab 0 N N A ö = By TEE GN N ME SAN We SO 3 4 Die Kanonade von Valmy (v. Mauzaisse) Von einer Kugel getroffen stürzt General Kellermanns Pferd zu Boden Bei Jemappes (Mons) kam es am 6. November 1792 zu einer folgenschweren Schlacht zwischen dem 28.000 Mann starken kaiserlichen Heere unter dem Befehl des Herzogs
37 von Sachsen-Teschen, dem die Verteidigung der österreichi- schen Niederlande aufgetragen war, und den 40.000 Mann star- ken Revolutionstruppen unter Dumouriez. Nach schwerem Gefecht (Jemappes wurde mit blanker Waffe eingenommen) mußten die Österreicher das Feld räumen. Von den nach- setzenden Franzosen verfolgt, zogen sie sich über Brüssel nach Löwen zurück, wo der Feldzeugmeister Graf Clerfayt den Oberbefehl übernahm. Die längs der Maas vorrückenden Franzosen zwangen Clerfayt, seine Truppen auf das rechte Maasufer zurückzunehmen (27. 11.1792). Dieses zu halten versuchte der österreichische Befehlshaber jedoch nicht, weil seine Truppen durch den unglücklichen bisherigen Verlauf des Feldzuges physisch und moralisch geschwächt waren (3). Ehe wir uns nun der Ankunft erst der Österreicher, dann der Franzosen in Aachen zuwenden, ist es wohl nicht unin- teressant, etwas weiter auszuholen und die allgemeinen Zu- stände in der Reichsstadt gegen Ende des 18. Jhs zu skizzie- ren. W. Brüning hat dies eingehend dargelegt. Demnach war die wirtschaftliche Lage in Aachen noch weniger erfreulich als in den übrigen Reichsstädten. Seit eh und je war Aachen eine Hauptstation für durchziehende Heere gewesen. Vor allem der Siebenjährige Krieg (1756-63) hatte Handel und Industrie schwere Wunden geschlagen. Ein Reisender jener Tage weiß zu berichten, daß man in Aachen sogar am hellich- ten Tage von Bettlern und Dirnen verfolgt wurde. Und Joh. Friedrich Jacobi schrieb 1790 : ”...niemand, der unsre Stadt kennt, wird in Abrede seyn, daß dieselbe mit Bettlern über- setzt ist...” (4). Die Stadtfinanzen waren zerrüttet, der allgemeine Nie- dergang der Wirtschaft offenbar. Die Bürgerschaft war poli- tisch gesehen eine ”quantite negligeable” und einige ehr- geizige Männer wußten sich durch Stimmenkauf (”Mäkelei”) die Führung der Stadt zu sichern (5). ”In diesen Unrath unhaltbarer Zustände”, so schreibt Brüning wörtlich, ”die selbst über kurz oder lang zur Ka- tastrophe hätten führen müssen, fegte die Sturmflut der fran- zösischen Revolution hinein und räumte ihn hinweg. Sie brachte herrliche Güter: dem Gewerbe die Befreiung von einem unsinnig gewordenen Zunftwesen, das die große Masse
38 zur wirtschaftlichen Unselbständigkeit verurteilte, den froh- nenden Bauern die Freiheit des Grundbesitzes und dem ei- gentlich rechtlosen Volke das köstliche Gut der bürgerlichen Gleichheit” (6). Ein beredtes Zeugnis für das Verhältnis zwischen Bürger und Obrigkeit stellt z.B. folgende Anrede aus einem an den Rat gerichteten Brief dar: ”Hoch- wohl- und wohlgeborene, Hoch- und wohledele, Hoch- und wohlgelehrte, Vornehme, Vorsichtige, Gestrenge und Ehren- hafte Herrn Bürgermeister, Scheffen, und Rath, Hochgebie- tende Herren !” Dennoch hat die Bevölkerung Aachens im allgemeinen nicht für die Franzosen und die neuen Ideen geschwärmt. “ Schon Friedrich dem Großen war 1742 bei einem Aufenthalt in Aachen aufgefallen, daß hier eine ausgesprochen frank- reichfeindliche Stimmung herrschte. Er schrieb an den Grafen Podewils : ”Vous ne sauriez vous imaginer a quel point tout le voisinage d’ici est anime contre la France...” (7). Kommen wir zum Kriegsgeschehen zurück. Welche Stim- mung herrschte in jenen Novembertagen des Jahres 1792 in der Reichsstadt Aachen? Die Briefe Friedrich Jacobis an Christian Wilhelm von Dohm geben uns hierauf Antwort (8). Unter dem 12.11.1792 schreibt Jacobi: ”Es wird mit jeder Stunde unruhiger. Es häufen sich die Nachrichten, und man behält kaum Zeit sich zu besinnen... Wahrscheinlich wird Österreich wohl auch nun den Frie- den suchen, und Preußen damit sehr gedient sein. Wenn nur noch Frieden zu erhalten steht und nicht alles einer Auf- lösung sich naht ! Der Sicherheit wegen melde ich inzwischen, daß der Kurfürst von der Pfalz für seine Jülich- und Bergischen Lan- de, wie auch für Aachen, um Schonung bei den Franzosen angehalten hat. Fion, der Rasende, droht mehr denn je, und in Lüttich soll es sein wie am Vorabend einer großen Explosion, Stille vor dem Sturm...” (9). Am 23. 11. 1792 berichtet Jacobi : ”Politica weiß ich keine zuverlässige zu melden, als daß allen Geschwätzes ohnerachtet bisher kein Anschreiben hier an die Stadt gekommen, um Truppen und Lazarette vom Kaiser aufzunehmen. Es hieß
39 schon, das Lazarett käme in das Jesuitenkollegium und die Listen wären bereits gedruckt, wieviel Soldaten bei jedem Bürger eingelegt werden sollten. Ich denke aber immer mehr, daß man die Bürger mit Einquartierungen mollestieren wird, ehe die Klöster voll sind. Vor wenig Wochen dachten wir, die Franzosen jeden Tag hier zu sehen, und nun müssen wir Kaiserliche Winterquartiere besorgen. Großer Gott, wel- che Zeiten !” (10) Am 27.11. 1792 hatten die Österreicher die Maas passiert. Am folgenden Tag schon bekam Aachen die ersten Einquar- tierungen österreichischer Truppenteile. Wie die ”Aachener Annalen” für 1792 berichten, zog auch der Bischof von Lüttich an jenem Tage durch Aachen und man hörte Kanonendonner, ”so daß wir Ursache gnug haben, hier Angst und Bange zu seyn” (11). Der unbekannte Schreiber der Aachener Franziskaner- chronik notiert: ”Den 28. Nov. seynd die 1lte Keyserliche Truppen wurtzburger mit der Kries-Kasse angekommen. 70 mann, 3 officier, 1 Haubtman, 1 leutenant, 1 fenderich wur- den im Kloster einquatiert, sie blieben bis den 30ten, essen und trinken wurde ihnen vom Kloster gereicht, die officier speisten mit uns in die Schuhl” (12). Nunmehr folgten die Einquartierungen in schnellem Rhythmus. ”Den 1. Dez. kamen 25 Keyserliche ins Kloster, welche die Recruten nach Ruhre-mund transportirt hatten, und gingen des anderen Tags fort nach Lüttig. Den 7. Dezember kamen 29 Keyserliche Krancke, welche mit gewalt das quatir innahmen, die Krancke wurden in die Schuhl gelegt, ein blessirter ritt meister in commisariat mit seine Frau, die auffwart in den neben Zimmeren, die feld- scherer in die gastkammer. am nemliche Tag kamen 225 man miniers und nahmen sommer refectorio in, die musten den gantzen Tag mit bey Hülff all bauren an 3 Öörther vor die Stadt batterien aff- werfen, nemblich an der ächer wald, an die ächer galgen (13), und an dem Laussberg. Diese miniers seynd am 4ten von uns zu den Dominica- ner verlegt worden. am 4 ten dieses haben wir das Hospital bekommen, und weilen in dem selbigen eine schlechte auff- wartung war, so hat es in unserem Kloster einen solchen
40 gestanck verursacht, daß man sich nicht hat erhalten können, weswegen viele Patres das Kloster verlassen haben, ja wenn es noch länger geblieben wäre, so hätte es ein anstäckende Kranckheit verursacht. 2 von uns haben es schon bis am Todt wiedergeholt (14). 10 Täch haben (wir) das Hospital hier ge- habt, 7 seynd gestorben wo von sie 2 liegen liesen, unser P. guardian hat sie begraben lassen. Von uns wurden nach Köllen transportirt und die schwächhäste ins Jesuiter col- legium. Den 12. und 13. Dez. nach dem die Keyserliche von 4ten Halt bekommen und wegen der Vielheit mit Pferd und man unter dem freyen Himmel lageren musten, so ware also der Öl förmliche rückzug nach Julich, Duren und Linnich. am 15 dieses zoge das freykor Michalowitz durch achen, der comme- dant ließe ansagen, das alle Häuser und Kirchen solten ver- schlossen werden, und auff alle äcken der Straßen waren Husaren bestelt, welch alle unfug abhalten musten. nach dem nun die Keyserliche die ruhr passirt, haben sie all brucken abgelegt, und seynd bis 1ten merz über die ruhr stehen bleieben und haben diesen posten behaubt, die Francosen wolten alle Tag auff Kölln vordringen, konten aber nicht über die ruhr kommen, den 17. Dez. seynd morgens 10 uhren Französische Husaren ankommen. sie begaben sich nach dem rath hauß, und fragten, ob auch noch Keyserliche in Aachen wären, den 18 um 3 uhren nachmittags ist die avantgarde von den franzosen in aachen ingezogen. Diese war sehr starck, 1500 mann blieben in Aachen, die übrige rückten im julicher Land vor, in unserem Kloster wurcen 120 inquatiert. item 226 mann. den 19. Dez. haben franzosen mit bey Hülff eines ver- wegenen Goldschmids sohn aus aachen mit nahmen Docenberg secretarius der Klubisten, das alte Denckmahl, da die calvi- ner aus Aachen seynd verband worden (15) zerstöhrt, und herutter gerissen. Dieses ware ein Stein worauff die justitz der calviner ausgehauen, und auff diese Platz wurde der freyheits baum auffgerichtet. über diese That ist die gantz Stadt gegen die franzosen auffgebracht worden, das gemeine volck finge an zu murren und sagten jetz müssen wir cal-
41 vinisch werden. den 31. Dez. machten die franzosen ihre sach bey der bürgerschafft noch viel ärger, in dem sie um 17 uhren alle Kirchen und Klöster ließen verschließen und mit 12 mann wacht besetzen, niemand dorffte in noch ausgehen. da dieses die bürgerschafft wahr genohmen, das alls auff eine Stund geschehen, da finge das beweinen an, es wäre sicher ein auffruhr entstanden, wenn nicht der bürgermeister mit noch viele vornehme bürger zum general Dampier gangen wären, und ihm die gefahr vorgestelt hätten. gegen 9 uhren abens wurde angesagt am morgen Tag den 1. jannuarii, den gottes dient wie gewöhnlich zu halten man dorfte ausgehen, doch muste man zugeben visitirt zu werden. Die Wacht bliebe also am Kloster bis den 21. jannuarii, den 4 jannuarii kamen comisaer, versiegelten die Bibliothek schreiben alles auff die waschkamer und sacristey befindliche Sachen auff, diese comisaer hatten burger als zeugen bey sich, die Obrigkeit muste mit einem eyd beschweren, das nicht mehr vorhanden wäre, was er angegeben”. Über einige der hier geschilderten Vorgänge berichten auch andere zeitgenössische Quellen und vor allem der schon erwähnte Friedrich Jacobi. Er schreibt unter dem Datum des 4.12.1792 an Christian Wilh. von Dohm : ”Es scheint nun gewiß zu sein, daß die Kaiserlichen es noch immer versuchen wollen, den Franzosen das weitere Vordringen zu verwehnen. Im Aachener Busch, auf dem Lausberg nach der Maastrichter Seite zu und auf dem quer gegenüberliegenden Galgenfelde haben die Österreicher mit Hilfe der aufgebotenen Bauern, mehrere Hundert an der Zahl, den ganzen Tag an Batterien und Verschanzungen gearbeitet, und der Anfang auf letzteren wurde damit gemacht, den Galgen niederzureißen und ein Feuer davon zu machen. Das Durchziehen von Bagage usw. hat seit vorgestern ganz auf- gehört, und es heißt nun im Gegenteil, alles solle wieder zurück nach Herve. Kanonieren haben wir seit gestern nicht mehr gehört. Hier ist alles ganz stille und ruhig” (16). Die unsinnigsten Gerüchte schwirrten durch die Stadt. So sollte Clerfayt die Maas viele Stunden weit besetzt halten und 10.000 Mann preußischer Truppen wären auf dem An-
42 marsch, um dem bei Herve lagernden Beaulieu zu Hilfe zu kommen. ”Der Kuckuck begreife alles !” ruft Jacobi aus (17). Am 6. und 8.12. weiß er zu berichten, daß an den For- tifikationen vor der Stadt fleißig weiter gearbeitet werde. Am 10.12.1792 lesen wir: ”Man versichert mir, die Franzosen näherten sich uns immer mehr, und Kaiserliche Offiziere behaupten, das Korps könne sich wegen totalem Mangel an allem, sogar an Kanonen und Munition, nicht hier halten, und der Hunger allein würde sie wegtreiben. Heu, Stroh und Hafer fehlen schon gewaltig. Inzwischen sind hier bereits mehrere französische Gefangene eingebracht worden, 5 und bis heute sind zwei Bataillons nach den Retranchements am Aachener Busch ausgerückt, wohin morgen auch die nöti- gen Artilleristen aufbrechen sollen. Auch der Lausberg ist nun wirklich mit Kanonen besetzt” (18). Am 11.12. hielten Clairfayt und die anderen Generale Kriegsrat in Aachen. Von einem zuverlässigen Dalener (aus Dolhain) Einwohner erfuhr Jacobi, daß weder dort noch in Limburg Kaiserliche oder Franzosen anzutreffen waren, wohl aber in der Umgebung, weiter, daß die Verschanzung im Aachener Busch ganz unbedeutend war und man dort ins- gesamt nur über 7 kleine Kanonen verfügte. Auf dem Galgen- berge standen gar nur 2. Von den Franzosen hieß es, sie kampierten hinter Lüttich. Anschließend schrieb Jacobi : ”Am Sonnabend waren einige Franzosen in Verviers und wur- den vom Volke mit Jauchzen empfangen. Allein eine Kompa- gnie Kaiserlicher wurde schnell aus der Nähe herbeigerufen, worauf sich die Frankreicher fortmachten und die Kaiser- lichen den jauchzenden Pöbel derbe ausprügelten...” (19). Jacobi an Dohm, 12.12.1792 : ”Welche Veränderung seit gestern, verehrter Freund ! Der Posten bei Herve ist gestern gegen Abend von den Franzosen überwältigt worden, dieser Ort, Verviers, Petit-Rechain bis Henri-Chapelle ist alles von den Franzosen besetzt. Die Kaiserlichen Truppen ziehen in aller Eile hier in die Stadt, und der Befehl zum Aufbruch ist schon gegeben... Was es mit den bewußten Verschanzun- gen geben wird, weiß ich nicht. Die gestrige Aktion soll sehr lebhaft gewesen und von beiden Seiten eine ansehnliche Men-
43 ge geblieben sein. Viele Verwundete werden noch beständig hier eingebracht, auch Gefangene etc. Die Kaiserlichen haben ein Bataillon Quarre geschlossen, welches aber der furchtbaren Artillerie der Frankreicher nicht standhalten konnte. Einige sagen, Fion hätte in Verviers die Simonischen Häuser plündern lassen und auch Herve sei rein ausgeplündert worden. Andere widersprechen diesen Nach- richten, und Biolley, ein Schwiegersohn von Simonis, war heute Nachmittag noch bei mir und wußte, daß bis gestern Abend in Verviers alles in Ordnung gegangen sei...” Am 13.12.1792 lesen wir: ”Nun können wir also die Frankreicher jeden Augenblick erwarten !. Das ganze Cler- fayt’sche Korps, das Raubgesindel, die Scharfschützen, Jäger und Freikorps sind heute durchpassiert, nachdem auf Magis- tratsverordnung alle Buden und Türen verschlossen sind. Nur ein kleines Detachement mit drei Kanonen soll am Aachener Busch liegen, um Alarmschüsse zu tun, im Falle, daß die Franzosen den Österreichern hätten nachsetzen wollen... Soeben heißt es, das Volk hier würde in der Nacht Exzesse begehen. Ich glaube es aber nicht. Das Michailowitzische Freikorps hat das ganze Limbur- ger Land außer Eupen geplündert, und noch ist es hier nicht passiert. Man sagt, es schlüge sich noch beständig mit den Franzosen auf der Chaussee herum. Noch immer hört man Kanonieren” (21). Am folgenden 14.12. berichtet er an Dohm : ”Bis jetzt, verehrtester Freund, sind die Franzosen noch nicht hier und werden also heute auch nicht mehr in dem abscheulichen Wetter kommen. Diese Nachricht habe ich Ihnen nur eben melden wollen. In Eupen waren sie auch heute morgen noch nicht. In Henri-Chapelle sind gestern ordentlich erst die Quar- tiermeister gekommen, welche für 400 Mann Quartier an- sagten. Die Franzosen betragen sich sehr gut, und wir sind hier guten Muts. Man sagt, es würden ein paar Tausend Mann hierher kommen, so in die Klöster verlegt würden” (22). Am 15. 12. 1792 schreibt Jacobi : ”Heute gegen Mittag ist ein Trupp von 24 Husaren Franzosen hier angekommen, der
44 Offizier ist aufs Rathaus gegangen, hat sich erkundigt, in- wiefern noch etwas von Kaiserlichen zu besorgen sei, hat seine Leute meist hier gelassen und soll zurück sein, um Rapport abzustatten. Quartiermeister sind noch keine hier gewesen. Inzwischen läßt der Magistrat die Zunftslauben, das Jesuitenkollegium etc. zum Empfang der Franzosen bereiten. Unsere Grenadiere haben keine Kappen auf, um die Franken nicht durch den Kaiserlichen Adler auf dem Blech zu schockie- ren. Alles ist ruhig...” (23). Am 16. 12. spitzte sich die Lage zu, man erwartete jeden Augenblick die Ankunft des Gros’ der französischen Armee. ”Alle Buden hängen voller Kokarden, und man sieht gemeine + Leute und Kinder in Menge damit gezieret”, schreibt Jacobi. ”Bestimmt habe ich Dumouriez’ Ankunft nicht wahrnehmen können. Einige sagen, La Daliere bereite das Frühstück auf morgen, andere auf übermorgen früh um 10 Uhr. Der Dr. Solders hat Burgmüller heute schon ersucht, ihm in der Kom- position eines patriotischen Liedes zu helfen, welches bei er- wähntem Dejeuner unter Trompeten und Pauken und aller Blasinstrumente Schall abgesungen werden soll. Dumouriez hat, wie es heißt, dem an ihn Abgesandten gesagt: Sie möchten nur zu Hause gehen, das Volk solle sich einen neuen Bürgermeister wählen, aber Ruhe würde er handhaben, dafür stehe er! Die Anzahl Truppen, welche hierher kommen, soll nach den mir zuverlässig scheinenden Nachrichten in 3000 Mann bestehen, von denen die Hälfte im Reich und die Hälfte in der Stadt bleiben, welche in Klöstern, Lauben und die Offi- ziers in den Badehäusern verteilt werden sollen...” (24). Am selben Tage überbrachte man nachmittags gegen !/35 Uhr dem Magistrat der Stadt ein Schreiben Dumouriez’, in dem dieser darum bat, die Wege im Aachener Wald durch Bauern der Umgegend oder Einwohner der Stadt instand- setzen zu lassen, da er vorhabe, am 17. oder spätestens 18. mit Teilen der Armee in Aachen einzurücken. Der General gab seiner Hoffnung Ausdruck, in Aachen auf eine freiheit- liche und egalitäre Gesinnung zu stoßen. Seine Soldaten wür- den sich entsprechend als Freunde und Brüder erweisen :
45 S Liige Sn EEE CE Alm bil R fi blgda Veen eudink tu Leaf 4 Kanmrık Phelgeg un) Mit) Mag Bela Leben Vak tafbaputes Z AU pa! t0aWM apa Denaa NM 14 M$ nupliz Er Dann Mahn Ville au e. ent 0 url IM Anal la Ran: ag uan) Stazara Dtprrnd Zander Chur hebt Wenasnı Yannla, Pads DBOO) Qewrwgriin, SH@U kr Alam) Veh. Corte ander Bar Sagprmnrd ker" euldure. an 30 HA Eitanr Del Nike EU 0 fair Zasstpaauma IE a Cfeumins BMA TEHER OEEFISE Wal ank- Bere far mag 06) bh SE AS VD RE Bart Schelle Ward AST lo bib we m SM Gut gu et be dp ede Meprag edge ahake Dialer Mlren) Viii5 Wie nr, KamPd dere Arena VE ARE DE Choh-Innrı Let Gfreir PH f HUT Alheh) nm Yenternadl ineeitr 27 de faierak m Ggf CD umeurde Der Brief General Dumouriez’ im handschriftlichen Original
46 Während der Chronist der Franziskaner die Ankunft der französischen Vorhut auf den 17.12.92 um 10 Uhr morgens und die des Gros’ der Truppen erst auf den 18.12. ansetzte, vermerkt der Haarener Pfarrer Beys in seiner die Jahre 1792-1796 umfassenden Chronik, die ein sehr lebendiges Bild jener Jahre zeichnet : ”Den 15. Dezember mitten in der Nacht kamen zum allgemeinen Schrecken Haufenweiß die Franzmänner, sub specie Amicitiae, qui erant in cute Lupi rapaces” (Freundschaft vortäuschend, im Innern aber waren sie reißende Wölfe). (25). Man kann annehmen, daß große Teile der französischen Armee unter Umgehung Aachens durch Haaren in Rich- . tung Rur gezogen sind. Zu diesem Schluß kann man kommen wenn man die Angaben des Haarener Pfarrers mit denen Jacobis vergleicht, der, wie wir gesehen haben, auf dem 15.12.1792 ein Vorkommando von 24 Husaren erwähnt und aus einem am 17. 12. 1792 an Dohm gerichteten Brief geht eindeutig hervor, daß erst an diesem Tage die Hauptmacht der Franzosen in Aachen ein- marschiert ist ; die Avantgarde unter den Generalen Desforest und Stengel rückte am 16. Dezember gegen 7 Uhr abends in Aachen ein. Die sehr malerische Schilderung, die Jacobi vom Ein- marsch der Franzosen gibt, wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten : ”Quartier ist in der Stadt für 6000 Mann Franzosen auf den Abend angesagt und befohlen, Lichter vor die Fenster zu setzen. Bald war die ganze Stadt erleuchtet, die Stadtmusici wurden den Franzosen nebst Fackeln entgegengeschickt. Um neun Uhr kamen sie, erst Artillerie, dann Kavallerie und zuletzt Freiwillige. Wir waren stille zu Hause, der hiesige Pöbel betrug sich gut, und die Frankreicher auch, obgleich die letzten erst um zwei Uhr in der Nacht untergebracht wa- ren... Von den gestern angekommenen sind gleich viele au- ßerhalb der Stadt verlegt worden... Wann Dumouriez kommt, weiß man nicht, aber Truppen kommen noch heute und mor- gen und übermorgen und immer weg, wie es für fest heißt und heute wirklich der Fall ist. Der Zug sieht höchst sonderbar aus. Lustig, singend und scherzend, ziehen sie, ohne Bagage nachzuführen, in hundert-
47 artigen Trachten und allerlei Gattungen von Waffen einher, sogar Juden sind unter den Volontärs, die sich gar närrisch ausnehmen. Nationalgarden und Linientruppen haben wir noch nicht gesehen. Aber über die Aufführung dieses wahren Frei- korps hört man niemand klagen. Leichtfertige Burschen, sonder Arg, das ist Hauptkriterion. Hier sind weiter keine Veränderungen vorgenommen worden, als daß viele ihre Schilder eingezogen haben. Sogar das Postamt hat nur ein Brett, worauf geschrieben steht : Bureau de poste aux lettres...” (26). Am 18. 12. hielt der Truppendurchzug an. Man hörte von Ausschreitungen der Soldaten und auch Gerüchte von Waf- fenstillstand und Frieden gingen um. Es war unruhig. ”Die Soldaten erlauben sich tausend Exzesse”, schreibt Jacobi am 20. 12. 1792. ”Die Kerle rauben und plündern, und die Generals wollen rasend werden, daß die Nationalver- sammlung sie zu hängen verbietet, und das Arkebusieren hat seine Haken, und das Haarabschneiden hilft nichts. Die Ge- nerals bitten, man möchte die Kerle nur selbst totschießen. Wir haben beständig Einquartierung. Die Bürger werden sehr malträtiert von den gemeinen Soldaten...” (26a). Dabei hatte doch General Dumouriez schon am 15. De- zember in seinem Hauptquartier in Lüttich folgende Pro- klamation erlassen : Au nom Im Namen der französischen de la Republik. republique francaise. Kundmachung des Generals Proclamation du general en Chef der belgischen Armee. GAS EEE En Nachdem der General der Belgique e Armee in Betrachtung gezogen, Le general d’armee conside- daß die Hintansetzung der rant que lVoubli des devoirs Pflichten gegen das Eigentum, envers la propriete, la sürete die Sicherheit und die indivi- et la liberte individuelle des duelle Freiheit der Bürger von citoyens de la ville et du pays Aachen und ihres Bezirks, wel- d’Aix-la-Chapelle que nous de- che wir als unsere Brüder behan- vons traiter comme nos freres, deln müssen, ein Laster ist,
48 est un crime propre ä ternir welches zur Verdunkelung der les lauriers dont V’armee fran- von der französischen Armee caise vient de se couvrir; et errungenen Lorbeeren geeignet voulant 6viter que les droits les ist; und da wir verhindern plus sacres soient meconnus par wollen, daß die geheiligsten aucun de nos freres d’armes. Rechte von niemanden unserer Ordonne au nom de la patrie Waffenbrüder mißkannt werden aux militaires, aux employes et sollen ; als gebietet er im Na- a tous autres citoyens compo- men des Vaterlandes den Sol- sants l’armee de la Belgique, daten, den Angesetzten und de respecter les proprietes de allen andern Bürgern, die die quelque nature elles puissent belgische Armee ausmachen, Etre, ainsi que la liberte indi- das Eigentum von jeder Art viduelle des citoyens de la ville sowohl als die individuelle et du pays d’Aix-la-Chapelle ; Freiheit der Bürger der Stadt de veiller a leur conservation Aachen und ihres Bezirks zu et de les defendre contre tou- ehren, auf ihre Erhaltung zu tes atteintes, sous peine de wachen und sie gegen jeden mort, tant envers ceux qui vio- Anfall zu beschützen ; und leroient ces droits sacres que zwar unter Todesstrafe sowohl contre tous ceux qui voyant gegen diejenigen, welche diese commettre le crime ne se se- geheiligten Rechte kränken, als roient pas mis en devoir de auch gegen diejenigen, welche Vempeächer et d’arreter ou de dergleichen Laster sehen und faire arreter les coupables. nicht zu verhindern suchen, Fait au quartier general ä fort die Schuldigen nicht ar- Liege 15 decembre 1792 et pu- restieren oder arrestieren las- blie le 20 ä Aix-la-Chapelle sen würden. Gegeben im Van premier de la republique Hauptquartier zu Lüttich den francaise. 15. Dezember 1792. Und publi- ziert zu Aachen den 20. ejus- Le general d’armee dem im ersten Jahr der fran- Dumouriez. zösischen Republik. Le general d’armee Dumouriez. Diese Proklamation wurde allerdings erst am 21. Dezem- ber in Aachen angeschlagen. Das Ausmaß der Plünderungen im Gebiet von Lüttich und Aachen muß beträchtlich gewesen
49 sein, denn am 27. Dezember 1792 stellte der Nationalkonvent in Paris zur Wiedergutmachung der angerichteten Schäden die Summe von 60.000 Franken zur Verfügung (27). ”Dautzenberg (28) - so lesen wir weiter bei Jacobi - hat gestern mit einem Franzosen von hier ein Bäumchen von der Promenade abgehauen, eine rote Mütze daraufgesteckt, den berüchtigten Schandpfahl auf dem Markt umgeworfen (29) und den Freiheitsbaum daran befestigt. Allein kein Pöbel begleitete sie, und kein einziger rief Vivat, alles blieb still...” ”...heute habe ich weder Unruhen noch Klagen gehört als vom Lande her, wo die Bauern total ruiniert werden. Die Marodeure sind meist Brabanter und Lütticher, die der Frankenarmee nachziehen... Die Armee leidet Mangel an allem, und das Domkapitel schießt auf vierzehn Tage 25.000 Livres vor‘. .'.” Sowohl der Franziskanerchronist wie auch F. Jacobi ließen die Tage vom 20. bis zum 31. Dezember ohne Eintra- gungen bzw. Briefe verstreichen. Es scheint sich also kaum etwas Nennenswertes zugetragen zu haben, wenn man davon absieht, daß in der Stadt alles entfernt wurde, was an Kaiser oder Obrigkeit erinnerte. Am Nachmittag des 31. Dezember wurden alle Kirchen und Klöster, die Pfarrkirchen ausgenommen, versiegelt, ge- schlossen und mit Schildwachen besetzt. ”’Das Volk ist hiermit höchst unzufrieden”, schreibt Jacobi. ”Auf die Protestanten ist das Volk auch wütend. Es behauptet, die bewußte Schand- säule sei durch Bestechung der Protestanten niedergerissen, diese hätten auch die Franzosen hergebannt, um Kirchen und andere Freiheiten zu erhalten, und man müsse sie lieber alle ermorden als dieses zugeben. Kommt es nicht zum Frieden, bevor die Franzosen sich zurückziehen müssen, so sieht es hier wild aus. Denn ge- schieht der Rückzug langsam, so halten wir eine Schreckliche Brandschatzung und Wegführung von Geiseln für unvermeid- lich. Ziehen sie schnell weg, so ist Plünderung sehr zu fürch- ten, wie der oben erwähnte General selbst gesagt hat. Was
50 soll ich machen ?” (30) Am 29. Dezember hatte die Generalität dem Magistrat befohlen, Vorkehrungen zur Errichtung eines neuen und größeren Freiheitsbaumes: zu treffen. Die Feierlichkeit fand am 31. Dezember statt. Über die näheren Umstände berichtet Jacobi am 2. Januar 1793, unter dem Spiel der Stadtmusiker und in Anwesenheit von Beamten, Schöffen und der französischen Generalität, hätten die Stadthandwerker den hohen Baum, der von einer gewaltig großen roten Mütze gekrönt worden sei, aufgerichtet. ”Auch Kaiser Karl auf der Fontaine hat ein Jakobinerkäppchen erhalten...” ”Während der Feierlichkeiten haben der Magistrat und die Franzosen «Vive la Libert& und dergleichen gerufen, allein die Menge des Volkes, welches den Markt anfüllte, blieb stille, daher denn auch die Franzosen sagen, daß hier die Steine aristokratisch wären” (31). Inzwischen war General Desforest am 30.12.1792 durch General Dampierre abgelöst worden. Die Franzosen drängten nun auf die Verwirklichung eines Konventsbeschlusses vom 15.12.1792, der für die Länder links des Rheins einen radi- kalen politischen und gesellschaftlichen Wandel vorschrieb. Er proklamierte die Souveränität des Volks und die Ab- schaffung aller bisherigen Abgaben und Privilegien. Gleich- zeitig sollte das Volk sich neue Beamten und Richter wählen. Jedes Volk, das die ihm angebotene Freiheit und Gleichheit zurückweise, werde als Feind der -französischen Nation be- trachtet und mit Waffengewalt gefügig gemacht. Als dieser Konventsbeschluß am 29.12.1792 den regie- renden Bürgermeistern zugestellt wurde, ging Bürgermeister Kreitz sogleich zu Desforest und legte ihm dar, daß die Stadt Aachen eben jene Freiheiten, die die Franzosen ihr bringen wollten, schon seit 1450 in vollem Umfange besäßen ; der Konventsbeschluß sei also im Falle Aachen überflüssig. Am folgenden Tage legte Kreitz dem General dieselben Gedanken schriftlich vor. Aachen habe keine ”Tyrannen zu vertreiben”, schrieb er; die Stadt sei der französischen Nation nicht feindlich gesinnt gewesen und da sie eine freie Stadt sei, glaube sie umso mehr Anrecht darauf zu haben, daß der General ihre alte Freiheit beschütze.
51 Dampierre war nicht gewillt, im Falle Aachen eine Aus- nahme zu machen. Am 3.1.1793 versammelten sich der Große und der Kleine Rat, die Schöffen und Zunftgrafen. Kaum hatten sie Bürgermeister Kreitz von den Befehlen der französischen Besatzung unterrichtet, als Dampierre persön- lich erschien und sich in folgenden Worten an die Stadtver- treter wandte : ”Representants du peuple d’Aix. Je vous ai convoque au nom de la Republique francoise pour vous annoncer ses decrets ; elle appelle tous les peuples ä sa liberte, elle veut tout a la fois briser et les sceptres des despotes et les fers des esclaves. Les accents de la liberte ne sont point etrangers ä la ville d’Aix, dont la forme du gouvernement est republicaine. Je viens au nom d’une grande nation retablir le peuple dans la plenitude de ses droits sou- verains. J’ai voulu communiquer amicalement les volontes de la nation francoise aux anciens magistrats de la ville d’Aix, afin que le peuple en fut instruit par vous. J’ai voulu vous prouver par lä l’estime que j’ai pour les e€lus du peuple, re- pondez ä ces marques de confiance, en servant la cause de la liberte et en secondant les intentions de la Republique francoise, qui n’a en vue que le bonheur du peuple. Mais bientöt le peuple organisera l’administration et la justice, bientöt une force armee secondera les troupes victorieuses de la Republique, et le dieu des armees, le dieu tres-puissant marchera devant nous pour renvoyer l’epouvante et la mort aux ennemis de la liberte du peuple”. Nach dieser Anrede las er folgenden Abschnitt des oben erwähnten Dekrets vor, das er dem Bürgermeister übergab, und verließ sofort die Versammlung, die ohne Verzug aus- einanderging : ”Decret de la convention nationale du 15 Decembre 1792 Van ler de la Republique, article 2e. Ils annınceront au peuple, qu’ils lui apportent paix, secours, fraternite, 6galite et liberte et ils convoqueront de suite les assemblees primaires et communales pour creer et organiser une administration et une justice provisoire, ils veil- leront a la surete des personnes et des proprietes, ils feront
52 imprimer en langue ou idiome du pays, afficher et executer sans delai dans chaque commune le present decret et la pro- clamation y annex6e”, En consequence de cet article, nous general des armees de la Republique francoise nous convoquons le peuple sou- verain de la ville d’Aix en assemblee de Section ou commu- nale, ainsi que les bourgs et villages de son arrondissement, afin qu’il entre dans la plenitude de ses droits, et qu’il elise une assemblee administrative et une justice provisoire. Les assemblees seront convoquees ä huit heures apres-demain cinq Janvier l’an ler de la Republique. ; Fait ä Aix le 3 Janvier l’an ler de la Republique. Le marechal de camp commandant ä Aix.” Nunmehr mußten sich die bisherigen Obrigkeiten als abgesetzt betrachten. Das souveräne Volk sollte, dem Willen der Franzosen entsprechend, neue Vertreter wählen, was je- doch nicht ohne große Schwierigkeiten vonstatten ging, da die Bürger bei den Wahlversammlungen (in den Kirchen !) sehr deutlich zu erkennen gaben, daß sie an der alther- gebrachten Ordnung festhalten wollten, obschon sie eigentlich, wie wir gesehen haben, allen Grund gehabt hätten, die ge- planten Reformen mit Freude zu begrüßen. Eines der inte- ressantesten Zeugnisse zu diesen Vorgängen ist wohl ein Brief Friedrich Heinrich Jacobis an Goethe vom 24.1.1793. Hier der Wortlaut : ”Es ist über allen Glauben toll und thöricht, wie die Ci- toyens mit der armen Aachener Bürgerschaft umgehen, um mit ihr einen Maulesel der Freiheit und Gleichheit zu erzie- hen. Bis jetzt hat das Volk sich recht gut betragen, und überall gerade so viel und nicht mehr Widerstand gethan, als es die Verhältnisse mit sich brachten. Mit Gewalt ist nun endlich ein Präsident des provisorischen Raths gewählt wor- den, und mit Gewalt muß er Präsident seyn. So der ganze provisorische Rath. Zum Glück darf er einen Consulenten haben. Dieser ist einer der Schöffen der vorigen Regierung. Auch läßt man die alten Beamten noch im Geschäft. Auf gestern war die ganze Bürgerschaft wieder in die Kirchen ihrer Grafschaften beschieden, um einen Maire und Reprä-
53 sentanten zu einer Aachener assemblee nationale zu erwäh- len. Dergleichen Aufgebote geschehen immer bei Strafe von 3, 6 bis 24 Mann Execution, die jedem Nichterscheinenden ins Haus gelegt werden sollen. Da die Wahlmänner gestellt werden sollten, wurden die Bürgerhauptleute bedroht, daß man sie, wenn die Bürgerschaft nicht zusammenkäme, ge- fangen nach Paris schleppen würde, comme criminels de lese- nation. Vorher hatte das Volk, das beim Freiheitsbaume war zusammenberufen worden, auf die Frage: ob es mit seiner Verfassung zufrieden sey ? wie aus Einem Munde: Ja! ge- antwortet ; und auf die Frage: ob es keine Änderung be- gehre ? Nein ! Wie dieses Nein ausgesprochen war, liefen alle nach Hause, als wenn es hinter ihnen brennte. Die Franzosen hatten dem Bilde Karls des Großen, das auf dem Platze vor dem Rathhause steht, eine rothe Kappe aufgesetzt. Die näm- liche Ehre widerfuhr einigen Crucifixen. Einen Heiligen, der mit Ketten vorgestellt war, befreiten die Franzosen von dieser Schmach. Aber nicht so bald waren die Ketten entzwei, als der Heilige in Stücken fiel. Die bedrohten Bürgersleute brachten mit Mühe ihre Gemeinen zusammen, die nun mit lauter Stimme schrien : unsere Religion ist geschändet, un- sere Zünfte sind offen, wir sollen Feind werden mit Kaiser und Reich ; besser, wir sterben auf der Stelle; der Tod ist besser ! der Tod ist uns lieber! — Dennoch wurde durch Zureden und Gewalt eine Art von Wahl, oder was den Schein hatte, zu Stande gebracht. Und so gehts nun fort. Die Gene- rale sagen, sie dürften keine raison annehmen ; sobald die Organisation geschehen sey, könne man sich an die Conven- tion nationale wenden ; das Organisiren aber müssen sie stracks thun. Auch treiben sie, wie toll, um es nur gethan zu haben. — Die Aachener Bürgerweiber, die von einem Maire hörten, der durchaus gemacht werden sollte, glaubten, man wolle ihnen nun auch gar eine neue Mutter Gottes aufdringen, und einige kamen, bitterlich darüber weinend, zu den Clermonts nach Vaels. — Man erzählt eine Schnurre, die gut genug erfunden ist. Da der Freiheitsbaum in Aachen errichtet wurde, schüttelte ein Jude, der mit zusah, unauf- hörlich den Kopf. Man fragte ihn endlich, warum er den Kopf so schüttele ; ihm sollte das doch gefallen ? Aber der Jude schüttelte nur nor stärker den Kopf. Was, sagte er,
54 wie sollt’ es mir gefallen ? Es is ä Baum, u er hat kä Wurzel, und Gott behüt’ ! er hat ä Kapp uf, u hat kä Kopf.” (32). Unter Gewaltandrohung wurden schließlich die vorge- schriebenen Wahlen durchgeführt. Vor General Dampierre sollten die gewählten Volksvertreter am 12.1.1793 vereidigt werden, doch wollten sie die vom General vorgelegte Eides- formel nicht akzeptieren und setzten es schließlich durch, eine von ihnen selbst verfaßte benutzen zu dürfen. Bene ABA DEE | & —_- z} a va DEN ‘ WE 7 Zn 1111 A AN BL EB ss I BD ll A AM | m) m OS CU BO) ne) YEEL al FE HMM] 100 Mrd SS ak 6 | DU | FEN „AED DEU 5 U FEN zZ ı | 4 Al Ak DA Wi er 3 w RC Sm ENT A SR Br Hotel ”Zur Kaiserlichen Krone”, Alexanderstr. 36, Hier wohnte General Dumouriez. Auch Kaiser Napoleon I. und Kaiserin Josephine kehrten hier ein. Mit den gleichen Schwierigkeiten wie bei der Wahl der Volksvertreter hatten die Franzosen zu kämpfen, als es hieß, einen neuen Bürgermeister zu bestimmen und pro Sektion oder Grafschaft einen Richter zur Bildung eines vorläufigen Gerichtshofes zu benennen. Zum neuen ”Maire” wurde schließlich der Nadelfabrikant Stephan Beissel gewählt, dem man mit 30 Mann Einquartierung drohte, falls er sich weigern sollte, die Wahl anzunehmen. Am 7. Januar waren in Aachen mehrere Kommissare des Fariser Nationalkonvents eingetroffen, unter ihnen der berühmt-berüchtigte Danton. In einem Gespräch mit dem Herausgeber des ”Aachener Zuschauer”, Joh. Dautzenberg, vertrat Danton die Meinung, man müsse in Aachen nicht
55 eine ”Milch- und Honig-, sondern eine Blutrevolution” durch- führen. Paris sollten die Aachener zum Vorbild nehmen. Da- rauf soll Dautzenberg entgegnet haben, in Aachen herrsche nicht das gleiche Klima wie in Paris. Darauf Danton : ”Il faut le chauffer !” (”Dann muß man es eben anheizen !”) (33). Zu den von Kommissar Danton veranstalteten Volksbällen erschienen die Mädchen der Aachener Bürgerfamilien nur, ) weil man ihnen mit Einquartierungen drohte. Auch vergraul- ten die Franzosen die Bürgertöchter dadurch, daß sie zum Ballschluß die Marseillaise anstimmten, wobei dann alle knien und sich umarmen mußten. v0 kN % & Konventsmitglied Georges-Jacques Danton, Verfechter der These der ”natürlichen Grenzen” Überhaupt blieb die Volksstimmung während der 10 Wo- chen dauernden Okkupation der Franzosen feindlich gesinnt. Dampierre soll geäußert haben, er habe nirgends einen wüten- deren und rasenderen Pöbel gesehen als in Aachen (vgl. Haa- gen Gesch. Aachens, I,S. 423). Ihren Ausdruck fand diese feind- liche Stimmung sehr treffend in einer von den Aachener Straßenjungen gesungenen recht derben Parodie der Mar- seillaise :
56 ”Uehr Halonke, schlähte (1) Prije, Kanaljepack en Schelmevieh ! Für mossen üch hei lige (2) En döschen (3) ons net reppe mieh (4). Waht ühr merr, ühr franze Bieste, Hos (5) könnt der ongresche Zaldat Met Coborg üch an de Schwaht (6) Dat ühr nohhem mot fieste (7). Uehr ärm Zitogengs ! Uehr Lompebataljongs ! Uehr Hong ! Uehr Hong ! Sed net mieh weht äls Dreck agen Schong !” . 1) bösartig, falsch; 2) leiden, dulden; 3) dürfen; 4) reppen: rühren; 5) bald; 6) Schwarte, Haut; 7) Gedemütigt wegschleichen. Inzwischen gingen die Einquartierungen weiter, wie aus den folgenden Zeilen der Franziskanerchronik hervorgeht : ”den 7 jannuarii 1793 wurde unser Kreutzgang zu einem Pferd stall gemacht. unser in und aus gang musten durch die Kirch oder wagen pford geschehen. auff eine nacht ha- ben über 130 Pferd im Kreutz gang gestanden. am 6 jannuarii auff 3 Konigen Tag des abens wolten sie mit gewalt die Kirch zum Pferd stall machen, welches doch verhindert worde. Der Hoff die großen Zimmer im Hoffe waren mit Pferd und Karrigen besetz. den 8 jannuarii wurden die Kreutz gang die Elisabetha capell die 2 großen Zimmeren auff dem Hoff, von dem stadt capitein darzu bestelte Leut sauber gemacht, es war das absehen das Hospital im Kloster zu verlegen, welches doch nicht geschehen ist. den 25 worden wiederum Pferd im Kreutz gang gestelt. den 28 80 pferd und 70 mann. diese gingen wie schel!men fort nach dem sie sich schlecht betragen. den 9 ten Februarii haben wir den Schneidermeister mit frau und Kin- der und 80 gesellen bekommen, und seynd hier geblieben bis den 1 martii, da sie gegen die Keyserliche musten anrücken. den 26ten jannuarii ein mann und 8 Pferd den 27ten jannuarii 3 mann den 30ten jannuraii 12 mann und 30 Pferd den 31lten jannuarii 19 mann. item 17 mann 22 Pferd.
57 comitatus 11 Februarius 1793 1 Februarii 29 mann 3 Februarii 12 mann und 22 Pferd N.B.: den 22 Februarii haben die Francosen mastricht angefangen zu beschießen, bis den 3 martii an welchem Tag sie von den Keyserlichen seynd verjagt worden. 2 martii 58 mann 80 Pferd”. Am 12. Januar wurden die Brabanter und die Lütticher, an die 1500 Mann, die im Dienste der Franzosen standen, verabschiedet. Sie wurden fortgeschickt, so Jacobi in einem Brief vom 12.1.1793, ”weil sie die Armee deshonorieren, in- dem fast alle Exzesse von diesem Gesindel verübt worden sind und die Franzosen den Klagen ein Ende machen wollen. Ein jeder freut sich, daß man dieser Gäste los ist. Es ist wahr, daß die Leute Mangel an allem gelitten haben und die letzten ihren Sold nicht einmal bekommen, wie dieses bei vie- len der Fall ist. Daher denn auch das Decouragement und das Mißvergnügen bei der Armee sehr groß sind und sie gar keinen Mut haben...” (34). Auf die Ausschreitungen dieses Truppenteils eingehend, schreibt Friedrich Jacobi am 21.1.1793 an seinen Vater Friedrich Heinrich : ”In Vaels war es anfänglich fast noch unsicherer als hier, ich mußte also auf weiter denken. Ohne mich wollte sie (Jacobis Frau) durchaus nicht weg, hier fürchtete sie täglich die Exzesse, die bis zu Mordtaten stiegen. Man sprach von nichts als Rauben, Geiselwegschleppen, Schänden der Mäd- chen und Weiber und dergleichen mehr” (35). NEO EEE EX Natürlich hatte nicht nur die Stadt Aachen unter der Anwesenheit der fremden Truppen zu leiden. Da die Fran- zosen von dem Grundsatz ”Nourrir la guerre par la guerre” ausgingen und somit für den Nachschub an Verpflegung kaum etwas unternahmen, mußten die Truppen dort, wo sie lagerten, sich das Nötige holen. Daß dabei besonders die
58 Bauernhöfe schwer zu leiden hatten, bedarf keiner Erläute- rung. Für den Aachener Raum zitieren wir den Haarener Pfarrer, der in seiner Chronik schreibt : ”Auch ist es zu weitschichtig anzuführen, wie und welcher gestalt diese freigeister die leute, besonders in denen abgele- genen Häuseren tribuliret, geplünderet, mißhandelet, an frei- tag und samstag zum fleisch mitessen gezwungen haben : wie sie Gott, die allerseligste Jungfrau Maria und liebe Heiligen gelästert, die Geistlichkeit geschändet, die Kirchen- diensten und alle Christliche andachts-übungen beschimpfet, und gestöret haben. Sie waren vast alle menschen, ich sage, unmenschen, sine Fide, sine Religione, sine Lege et Disci- ) plina, sine Luce et Cruce. Durchgehens ware die lasterrede dieser Schand-Buben : Non est Deus (Es gibt keinen Gott). Für das Gebiet westlich Aachens und damit unsere enge- re Heimat, berufen wir uns zunächst auf das Zeugnis zweier zeitgenössischer Chronisten, und zwar das Gedenkbuch des F. Cool und die Walhorner Dorfchronik des Caspar Scheen. Die kaiserlichen Truppen seien, so F. Cool, am 20. Novem- ber 1792 aus Brabant ins limburgische Land gekommen und hätten bis zum 12. 12. 1792 dort gelagert ; dann seien sie auf- gebrochen und über Aachen auf Köln zu marschiert. ”Item den 14 Xbries seyndt die franzossen hier in quatriert gecomen die Nationaleversaemelung und ein jederman hat müsse ein ocat (Kokarde) am huet trage und die selbigg ocat hat drey Sorte van farbe als rod blau und wieß und sie haben doen auffreichte freyheits bäume das seyndt wie meybäume und seyndt ob an grun im grune habe Sie ein roede dicke plüm (*). und in alle kirch dörffe habe müsse Derselbige gesetzt wer- den sie seyndt hier in quartiert stiel gelegen bist in den monat feeb : 21” (36). Es ist erstaunlich, daß der Chronist nichts über die auf der Bevölkerung lastenden Requisitionen und Kontributionen (*) Bäume als Symbole der wachsenden Freiheit waren zum ersten Male während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges gepflanzt worden. Die französischen Revolutionäre ahmten diese Sitte nach und von Paris aus verbreitete sich der Brauch über ganz Frankreich und die eroberten Gebiete (Alois Niessner ”20 Jahre Fremdherrschaft”).
59 sagt. Aber Kriegslasten dieser Art gehörten auch in der Zeit des Ancien Regime zum täglichen Brot der Bevölkerung. Wie Caspar Scheen, 1792 noch in Eupen ansäßig, berichtet, überfiel unsere Gegend beim Nahen der Franzosen ein Schrecken wie man ihn noch nie erlebt hatte. Wörtlich schreibt er: ”...den als man hörte das die franzosen nahe bey Lüttig waren wurde man gantz ausser sich so das viele gar den todt wünschten, also lebte man täglich voller Schrecken biss mo- nath december, am 13. december 1792 morgens um 4 stund ziehen die letzten kayserlichen aus Eupen, und am 17. dieses mands nachmittag 3 stund die erste franzosen ein. Dieser Tag ware der betrüblichste den man noch erlebt hatte dan ein jeder ware voller ängsten in erwartung des betragens der franzosen, aber gott lob es ginge besser als man meinte dan die Republicaner behandelten die bewohner gantz woll, und waren in allem wohl zu frieden. die franzosen verfolgten die kayserlichen biss an der Ruhr allwo das Win- tergarnison betretten wurde biss aufs frühjahr anno 1793” (37). Auch Caspar Scheen schreibt nichts von außergewöhn- lichen Kriegslasten. Und doch wissen wir, daß schon in den ersten Tagen der Fremdherrschaft die Bauern im Eupener und Walhorner Land zu nicht unbeträchtlichen Lieferungen an Heu, Hafer und Stroh gebeten wurden. Nachdem die letzten Österreicher, etwa 500 Mann sächsischer Husaren, die in Walhorn vom 2. bis 8. Dezember einquartiert gewesen wa- ren, ihren Rückzug in Richtung Rur fortgesetzt hatten, erwar- tete man mit jedem Tage die Ankunft der Franzosen. Am 17.12. 1792 rückten sie dann ein. Es war eine Kompanie des 13. Dragonerregiments. Ohne für die geforderten Futterra- tionen zu zahlen oder Gutscheine auszustellen, zogen sie am 18. Dezember weiter. Erst zwei Monate später gelang es dem Walhorner Notar Priem das Winterquartier dieser Dragoner ausfindich zu machen (Stolberg) und für seine Mitbürger eine Bescheinigung über die erbrachten Lieferungen zu bekommen. Unter Androhung militärischer Exekution (d.h. Einquar- tierung) mußte Walhorn am 12.1.1793 200 Bund Heu zu 10 Pfund und 60 Sester Hafer ins Eupener Magazin liefern. Ra-
60 botrath und Hauset wurden ebenfalls ”nach Proportion” mit Lieferungen belastet, während die übrigen Dörfer der Bank Walhorn schon früher zu Futterabgaben aufgefordert worden waren. Nach einer Unterredung mit General Neuilly in Eupen am 18.1.1793 gelang es Priem, eine gerechte Verteilung der Lieferungen auf alle Bankorte zu erreichen. Er bekam die Order, im gesamten Bankgebiet 1500 Rationen Heu zu 20 Pfund, 600 Rationen Stroh zu 10 Pfund sowie 1000 Rationen Hafer einzusammeln und nach Eupen zu schaffen. Kaum waren die Vorbereitungen zu diesen Lieferungen angelaufen, da erging der Befehl auf sofortige Lieferung einer ungeheuren Menge (”quantite prodigieuse”) Heu und Hafer * und nur dem persönlichen Einsatz von Priem bei General Neuilly war es zu verdanken, daß die Armeeführung sich schließlich mit der am 18.1.1793 festgesetzten Quoten zufrie- den gab. Die Lieferung fand am 28.1.1793 statt. Noch mehrere Male mußte Priem nach Eupen, um gegen neue Lieferforderungen zu protestieren, was ihm auch teil- weise gelang. Am 25. und 26. Februar erfolgte die Bezahlung der bisher vorgenommenen Abgaben und zwar teils in Geld, teils in Gutscheinen über 1475 Flor., 14'/» sols, die Priem unter Protest entgegennahm (38). Acht Tage später wurden die Fran- zosen nach der Entscheidungsschlacht von Aldenhoven und dem zögernden Widerstand der Aachener Garnison aus unse- rem Land vertrieben. Mit den verhängnisvollen Folgen des Rückzuges der geschlagenen französischen Armee wollen wir uns in einem weiteren Aufsatz beschäftigen. Für Hinweise auf bisher nicht veröffentlichte Aufzeich- nungen aus der Franzosenzeit, z.B. Pfarr-, Gemeinde- oder Familienchroniken, Soldatenbriefe oder ähnliches wären die Verfasser dem geneigten Leser dankbar. Quellenangaben : 1) Karl Teppe : ”Zur Charakterisierung der lokalen Unruhen in Aachen 1786 bis 1792” in Zeitschrift des Aachener Geschichtsver- eins (ZAGV), Bd. 82, Jg. 1972, S. 59. 2) ebda 3) Karl Nathan : ”Die Kämpfe zwischen Roer und Maas während des ersten Koalitionskrieges” in ZAGV, Bd. 21, Jg. 1899, S. 88 ff.
61 4) W. Brüning: ”Aachen während der Fremdherrschaft und der Be- freiungskriege” in ZAGV, Bd. 19, Jg. 1897, 2. Abt., S. 171-210, bes, S. 176. Phil. Beckers, "Parteien und Parteienkampf in der Reichs'adt Aachen im letzten Jahrhundert ihres Bestehens” in ZAGV, Bd. 55, Jg. 1934, S. 1-40 und ZAGV, Bd. 56, Jg. 1935, S. 105-131. 5) ebda S. 177 6) ebda S. 178 7) ebda S. 179 8) Anton Ernstberger: ”Aachen im französischen Revolutionsfieber” in: Festschrift Hermann Aubin zum 80. Geburtstag, Bd. II, Wiesbaden 1965, S. 529-560. 9) Ernstberger, op. cit. S. 531-532. 10) ebda S. 532 11) Aachener Annalen in der Zeit von 1770 bis 1803, veröffentl. von Albert Huyskens in ZAGV Bb. 59, Jg. 1938, S. 1-80. 12) Eine Kopie der Franziskanerchronik befindet sich im Stadtarchiv Aachen, KK, Franziskaner Nr 5. 13) Der ”Galgen” stand in der heutigen Melatenerstraße (früher ”vor Königstor”). 14) Diese und andere Wendungen zeigen, daß der Chronist aus der Aachener Gegend stammte. 15) Es handelt sich um die sogen. Kalkberner Schandsäule, die an die Hinrichtung des Johann Kalkberner, des Führers der Aachener Protestanten, i.J.1616 erinnerte. Sie zeigte einen nackten Mannskörper mit abgeschlagenem Haupt und einen Scharfrich- ter, der den Leichnam in vier Teile zerhackte. 16) Ernstberger, op. cit. S. 533. 17) ebda S. 534 18) ebda S. 537 19) ebda S. 538 20) ebda S. 538-39 21) ebda S. 539-40. Das Michailowitzische Freikorps, in Öösterreichi- schen. Diensten und zum Teil aus Serben bestehend, hat sich auch in Düren durch seine maßlosen Plünderungen hervorgetan. 22) ebda S. 540 23) ebda S. 542 24) ebda 25) Haarener Pfarrchronik (von Pfarrer Beys), Kopie im Aachener Stadtarchiv, Kirchenbücher. 26) Ernstberger, op. cit. S. 544, 26a) ebda S. 546 27) Haagen, Geschichte Aachens, Bd. II, S. 418. 28) Dautzenberg, Franz, war der Herausgeber einer lokalen Aachener Zeitung, des ”Aachener Zuschauer”. Er wohnte am Markt, im Haus ”Löwenstein”. 29) Die schon erwähnte Schandsäule, 30) Ernstberger, op. cit. S. 548. 31) ebda
62 32) Franz Oppenhoff: ”Die Beziehungen Friedrich Heinrich Jacobis und seiner Familie zu Aachen” in ZAGV, Bd. 16 Jg. 1894, S. 146-147. 33) Aachener Zuschauer vom 16.3.1793: ”Il ne faut pas faire ici une revolution de miel ou de lait, mais de sang... voyez comment nous avons fait ä Paris”. 34) Ernstberger, op. cit. S. 552 35) ebda S. 554 36) Gedenkbuch F. Cool, S. 125-126, in ”Heem” Sept.-Dez. 1968, S. 7-8. 37) Chronik des Caspar Scheen (in Privatbesitz); Abschrift im Aache- ner Stadtarchiv (Nachlaß W. Hermanns), Handschriftenver- zeichnis Nr. 935, S. 13. 38) Staatsarchiv Lüttich, Fonds Cours de justice, Walhorn, Nr. 252.
63 Erinnerung an die Heimat von Leonie Wichert-Schmetz Vom Fenster schaue ich ins fremde Land, Doch seh’ ich nicht die sieben Berge, Die lockend winken, freundlich grüßen. Die Bilder kommen her aus weiter Ferne, Und meine Heimat hat sie hergesandt. Ich seh’ das Heimathaus im Kranz der Tannen, Die Wächtern gleich am Tore steh'n ; Dies will zum Bild ich mit dem Pinsel bannen, Ich möcht’ es stets in meiner Kammer seh’n. Und wie das Bild sich formt nun Strich um Strich, Da denk’ ich, schöne Jugendzeit, an dich. Gott grüß’ dich, Heimathaus, mit deinem Frieden, Gott Dank für alles, was mir dort beschieden ! Den Garten mal’ ich Baum um Baum, Wo wir als Kinder spielten oft Verstecken, Wo froh wir tanzten auch mit leichten Füßen. Dort seh’ ich Mutters Beete mit den Bohnenstecken Und meine Erdbeerstreifen und die Blumenbeete. Ich mal den Kirschbaum, den ich oft erstiegen, Der wundervolle Blüten trug im Mai, Wo naschend sich im Sommer Amseln wiegen. Oft war beim Naschen ich dabei. Nun zeichne ich die Fenster alle liebevoll, Aus denen einst mein Kinderlachen scholl, Aus denen unsere gute Mutter spähte, Oft sehr besorgt, wenn wir zu lang verweilt Beim Spiel in Wald und Wiese, Bis die Dämmerung uns übereilt Und wir nach Hause rannten aller Ängste voll.
65 Dort ist das Fenster jener Kammer, Wo meine Mutter krank im Bette lag, Wo wir gebetet voller Jammer, Bis endlich kam der Todestag. Da wurde leer das Heimathaus, Als Mutter kam zu Vater auf den Gottesacker. Und ihre Liebe trug man mit hinaus. Drei Kinder nahm man in die Fremde mit. Für immer schieden wir aus diesem Haus. Die Heimat war für uns verloren, Wir zogen schweren Herzens aus. Doch nimmer kann ich je vergessen Das Haus im Wiesenland ; im Tannenkranz Geborgen war es und umschlossen, Befriedet und erfüllt von stillem Glanz.
66 Aus meinem Familienarchiv von Leo Homburg Aus dem Notizbuch des preußischen Soldaten Johann Wilhelm Laschet, geb. in Hergenrath am 28.11.1826 (1). VORBEMERKUNG : wir bringen den Text ohne Korrek- tur der Rechtschreibung. Es ist nämlich nicht uninteressant zu sehen, wie vor 125 Jahren ein Mann aus dem Volk die deutsche Sprache schrieb. In Preusischen Dienst getrehten den 1lten Oktober 1847 bei der 9te Combagei (= Kompanie) des 25ten Infantri 1847 Regiment in Coblens Eingedreten auf Ehrenbreidenstein bis 7 zum 2ten Märtz 1848 wir von da auf Betersburg ferlecht wurden von da rükten wir den 7ten ds. M. nach Brühl von da rükten wier den 2ten Juni nach Köln und wurden auf Pfahre (= Fähre) Eingerückt von darüber wieder den 10ten September in die Stadt ferleget den 20ten September fuhren wir auf Dampfschift bis Coblens und kamen in Rübenacht zu ligen den 22ten Marschirten wider nag Coblens. Den 17ten Februar 1849 Marschirten bis Abens den 18ten nach Ilbrig den 19ten nach Oberschedweilen den 20ten nach Salmrur wo wir den 2l1ten Ruhaten den 22ten nach Bekond den 23ten nach Kirsch den 2ten Mertz Marschirden wir nach Trier den 3ten nach Saarburg den 1ten Mai nach Freudenburg den 1llten nach Merzig den 2ten nach Salluwie (Saarlouis) den 3ten Saarbrüken den 12ten nach Spies den 13ten Einge- rükt in der Pfals gefochten bei Humburg Nachts Cuatir in Martinshöh den 14ten nach Danzenberg da den 15ten Ruhe den 16ten nach Rubetzweiler den 17ten gefochten bei Rintal Nachts Quatir in Grighambach den 18ten über Landau Nachts in Pilligheim den 19ten nach Reingaber den 20ten bei Ger- mesheim über den Reihn in Baden bei Fililesburg im Pivvak (Biwak) da gefugten die 3te Division den 21ten über Pruchsal nach Walsch da bei Wisental gefochten die 1 und 3 Difision den 22 bei Walldorf in Bifak den 23 d. M. über Obstadt nach Weiher da den 24ten Ruhe gefochten die 1lte und 3te Difision den 25ten über Dorlach nach Perghausen den 26ten Ruhe 1) Das Geburtshaus des J. P. Laschet, das in der unteren Atherstraße lag, liegt heute auf deutschem Gebiet. Er wohnte später auf Ossenheide, dann auf Gut Ries,
67 den 27ten und 28ten gefochten Dorbach den 28 d.M. nach Eflingen rekonnosirt gegen Rastat den 29ten gefochten über Mükenburen an der Morg bei Rastad in Mückenburen quatird dan den 30ten Ferstörung der Feindligen Schanzen an der Murg und über Rastad in Pifahk den 1ten Juli nach Schartzheim den 2ten über Kehl nach Lauheim den 3ten nach Ekersweier da dan den 4ten Ruhe den 5ten nach Kisbel den 6ten nach Oberhausen den 7ten gefangennehmung von 1000 Badischen Zoltaden zu Paalingen (1), in Quatir da den 8ten Ruhe den 9ten nach Oberinzingen da den 10ten und 1lten Ruhe den 12ten über Freiburg auf die Eisenban nach Löbrach da den 13ten Ruhe den 14ten über Steinen nach Maulburg den 15ten nach Schobfheim da vom 16ten bis 20ten Ruhe den 21ten nach Adelhausen den 22ten nach Wilen auf Forbosten an die Schweizergrense bis zum 27ten den 28ten nach Degerfelden da Ruhe den 29. 30 und 31ten den 1lten August wider auf Forbosten in Wielen bis zum 8ten den 9ten nach Mabbach da Ruhe den 10ten und 1lten den 12ten nach Welmlingen wo wier wider anfigen zu Ekziren und lagen da bis zum 26ten den 27ten nach Windersweiler und lagen da bis 2ten Sebtember den 3ten Marschirden wir über Steinen und Schobfheim nach Eichen den 4ten nach Oberwilen wo wir den 5ten Ruhe haden in Schwartzwald den 6ten nach Klein- laufenburg an der Schweitz den 7ten über Walshut nach Tingen bei Schafhausen wo wier lagen bis zum 28ten den 29ten wider über Walshut und Laufenburg nach Oberseligen, den 30ten nach Maulburg den lten Oktober über Steiner und Kandern nach Sihl den 2ten bis Schlingen von da auf die Eisenban nach Rastadt wo wier lagen bis zum 15ten den 16ten fuhren wir auf die Eisenban nach Manheim den 17ten nach Worms in Hessen den 18ten bei Alzei den 19ten bei Kreutznagt den 20ten bei Oberinbach. den 21ten nach Salzig den 22ten nach Coblens und den 27 auf der Kardause. Johann Peter Laschet wurde am 11. Februar 1851 nach Hergenrath entlassen, nach einer aktiven Dienstzeit von 3 Jahren, 4 Monaten und 10 Tagen. Als Auszeichnung hatte er 1) Im Großherzogtum Baden brachen 1848 revolutionäre Unruhen aus, die aber durch preußische und andere Bundestruppen niederge- schlagen wurden. J. P. Laschet ist unseres Wissens der einzige Her- genrather, der diesen badischen Feldzug in preußischen Diensten mitge- macht hat. In der Hergenrather Gemeindechronik steht nur zu lesen, daß am 8. März 1848 die Reserven der Infanterie einberufen wurden.
69 der Kerl mus aus dem Glide die Tasche herunter der Säbel da gelegt und tapfer drauf geschlagen, so lange sich noch wecht Die Leute verwundern sich das mancher Tesertirt ein Hund der wird besser wie wir ankomendirt und keine Lüge dazu ein Hund had doch seine Ruh er hat es also besser den er hat doch sat zu vresen... Es gab kein Weißbrot in der Suppe, nur immer ”Kamis- brot”, dazu mußte er schlechten Tabak rauchen und. doch immer frisch sein. Um sechs Uhr weckte: ihn schon der ”Tambour” und ehe. er seine Sachen zusammengelegt und gefrühstückt hatte, sollte er auch schon draußen im Glied stehen. Ganze Seiten: voll beschreibt er Märsche, Exerzieren, Paradieren, stundenlang zum Appell auf dem Kasernenhof stehen usw. Das Essen war mittags ”zwar warm aber schlecht”. ”Der Soldat mus viel Leiden”, schreibt Laschet, ”Hunger Durst Hitze und Kälte ; sagt er ein Wort mus er zum Raport. Abends is müde geder Man dan ist es eine grose Noth wenn man will zum Abendbrot kein Geld kein Brot kein Rauchtabak... Komt der Geldtag dan heran dan hört man nichts als Geschrei dan komd die Waschfrau angegangen der Rebhans tritt zur Tür herein Soldat bezahl bezahl... Johann Peter Laschet nennt sich einen ”Krigersman, der viles dun und leiden mus was ihm nicht gefelt”. Er sagt uns leider nicht, wie hoch sein Sold war. Von Urlaub, Briefen oder Paketen ist in den 3 Jahren und 4 Monaten seiner Dienst- zeit nicht die Rede. Wir wissen von ihm, daß er schon früh Vollwaise war und keine Geschwister hatte. Seine Militärpa- piere geben als Beruf ”Knecht” an.
70 Von Bauern und Soldaten im Aachener Reich zur Zeit des Österreichischen Erbfolgekrieges (1741-1748) von Hans Königs Bald nach Beginn des österreichischen Erbfolgekrieges rückten im Herbst 1741 französische Truppen in Deutschland ein. In einer Eingabe an die Reichsstadt Aachen schildert Jo- hannes Jung, Halbwinner auf dem Pachtgut Breitenstein am Bildchen, daß am 6. November über hundert Mann Kavallerie, ”so bey der bagage die arriere wacht gehabt”, zur Nachtzeit + sich mit Gewalt in Haus und Stallungen einquartiert hätten. Das aufgestapelte Holz hätten sie teils verfeuert, teils abge- fahren, den Aufwuchs an Bohnen, Wicken, Erbsen, Hafer und Grummet verdorben und abweiden lassen. Der enstandene Schaden betrage laut beigefügtem Attest der Hergenrather Vorsteher Gerard Lamberts, Jan Stickelman und Jan Laschet mindestens achtzig Reichstaler, um deren Ersatz er als ge- ringer Halbwinner mit Frau und Kind bitte. Mit vierzig Reichs- talern übernahm die Stadt den Schaden zur Hälfte (1). Ende Februar 1743 marschierten als Bundesgenossen Maria Theresias englische Truppen durch, im Mai {folgten ihnen zwei schottische Regimenter. Als in der zweiten Hälfte des Erbfolgekrieges fran- zösische Truppen die südlichen Niederlande überschwemm- ten, flüchtete im Frühjahr 1746 der Rat von Brabant mit dem Statthalter Graf Kaunitz (la) nach Aachen und ver- waltete sein Amt von hier aus. Wie der Aachener Chro- nist Janssen in seinem Tagebuch vermerkt (2), ”haben die Franzosen im August im Limburgischen geplündert und scharfe Requisitionen erhoben ; die Limburger Bauern, Adel und Geistlichkeit flüchteten Hals über Kopf mit ihrer Habe nach Aachen mit einer solchen Menge von Bagage, Kisten und Kasten, deren Wert sich über etliche Millionen soll belaufen haben”. Erst Anfang September verebbte der Ansturm der Flüchtenden. Österreichische Husaren lieferten den Franzosen bei Herve ein Scharmützel. Bald bezogen die vorrückenden
ze Regimenter der alliierten Österreicher, Holländer und Eng- länder rings um Herve Biwak (3). Andere alliierte Truppen nahmen ihr Winterquartier dicht unter den Aachener Stadt- mauern, so im Vaalserquartier, in Orsbach, Vetschau und Laurensberg, auf der Eilendorfer Heide und im Paß. Bei beiden kriegführenden Parteien bedurfte es der größten Strenge der Generale, um den Übergriffen der Sol- daten gegenüber der durch Einquartierung und nicht ab- reißende Requisitionen schier verzweifelnden Landbevölke- rung halbwegs zu steuern. So ließ Feldmarschall Graf Batthyani (4) am 26. November 1746 am Philosophienberg (5) vier Husaren wegen Plünderns aufknüpfen (6). Nach siegreichen Kämpfen um Namur und Vise, zielte der französische Vorstoß auf die Festung Maastricht, einen der stärksten Waffenplätze des damaligen Europas. Ein Großteil der gegnerischen alliierten Truppen sammelte sich um Aachen. Vergeblich suchte die Stadt, unter Hinweis auf die eingenommene Neutralität, von neuerlichen Einquartie- rungen verschont zu bleiben. Wohl oder übel mußte der Rat sich mit der Belegung der reichsstädtischen Dörfer Haaren, Laurensberg, Vaalserquartier, Weiden und Würselen abfinden. Auch die benachbarten Reichsabteien Burtscheid und Korne- limünster blieben nicht verschont. General-Feldmarschall von Batthyani mit seinem Gefolge bezog das Kornelius- und Karlsbad (7), die Stabsoffiziere fanden in Bürgerhäusern Unterkunft. Schließlich führten bei wechselndem Schlachtenglück die jahrelangen Feldzüge zur Erschöpfung und Kriegs- müdigkeit aller beteiligten Staaten. Insgeheim laufende Verhandlungen schufen die Voraussetzungen zum Aache- ner Friedenskongreß des Jahres 1748. Während der franzö- sische Marschall Moritz von Sachsen (8) zur Belagerung von Maastricht ansetzte, trafen bereits die Gesandten der Mächte in Aachen ein. Wiederum flüchteten zahlreiche limburgische Bauern mit ihrem Vieh und ihrer Habe nach Aachen ; auch aus Maastricht zogen viele Bürger und Kaufleute hierher (9). Um jede Störung der anlaufenden Friedensverhandlungen auszuschließen, wurde die 30km abseits der umkämpften
72 Maasveste gelegene Reichsstadt zum neutralen Gebiet er- klärt. Neu abgesteckte Grenzpfähle mit der zweisprachigen Aufschrift ”Neutralität”, — so am Linzenhäuschen, am Brei- tenstein, an der Preus, am Beeck und an Vaals, — sicherten das 3%, deutsche Meilen tiefe Umland der Konferenzstadt. An mehreren Stellen ging sein Bereich über das Gebiet des Aachener Reiches hinaus (10). Am 30. April kam zwischen Frankreich und den See- mächten ein Vorfriedensvertrag zum Abschluß. Spät am Abend wurde er beim französischen Gesandten im Gasthof Bouget an der Komphausbadstraße unterzeichnet. Hierdurch bedingt, kapitulierte Maastricht am 7. Mai, die Verteidiger erhielten ehrenvollen Abzug. Um so zäher gestaltete sich das Ringen der Diplomaten. Als Sachwalter der jungen Kaiserin Maria Theresia hatte Graf Kaunitz gegenüber Frankreich, wie auch bei den nicht selten auseinanderstrebenden Interessen der mit Habsburg verbündeten Mächten, keinen leichten Stand. Geheimbespre- chungen und festliche Veranstaltungen wechselten, war doch Bad Aachen Treffpunkt der großen Welt. Am 18. Oktober kamen die letzten Verhandlungen zum Abschluß, die Ge- sandten der acht beteiligten Staaten hatten nach neunmona- tiger Dauer ihre Aufgabe erfüllt. Wieder einmal hofften Bür- ger und Bauern auf friedliche Zeiten. 1) Stadtarchiv Aachen, Ratssuppliken 1741, S. 22f. 1a) Wenzel Anton, Graf von Kaunitz-Rietberg, seit 1764 Fürst, Öster- reichischer Staatsmann, geboren 1711 zu Wien, dort gestorben 1794. Von 1744 bis 1746 Stellvertreter des Staatsrates in Brüssel, 1748 Bevollmächtigter auf dem Aachener Kongreß, wo er seinen Ruf als Diplomat begründete. Von 1753 bis 1792 Staatskanzler und Leiter der auswärtigen Politik Österreichs, seit dem Tode der Kaiserin Maria Theresia für ihren Sohn Kaiser Joseph II jedoch mehr der erfahrene Berater, (HERDERS KONSERVATIONS-LEXIKON, III. Aufl., Bd. IV, Sp. 1464. Zum Aachener Kongreß : B. POLL, Zur Geschichte des Aache- ner Friedens — Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, 81 (1971), 5 bis 142). 2) J. JANSSEN, Historische Notizen, veröffentlicht bei Fürth, H.A,, Frhr. v.: Beiträge und Material zur Geschichte der Aachener Patri- zier-Familien, Bd. III, Aachen 1890, S. 82. 3) A. de RYCKEL: Histoire de la ville de Herve, 2. Aufl., Lüttich 1906, S. 86.
73 4) Karoly Batthyani (1697 bis 1772), Feldmarschall aus ungarischem Adelsgeschlecht. Kämpfte unter Prinz Eugen am Rhein und gegen die Türken, im Österreichischen Erbfolgekrieg besiegte er 1745 die Franzosen bei Pfaffenhofen. Nach Kriegsende war er unumschränkter Minister in Belgien (HERDERS KONSERVATIONS-LEXIKON, MI. Aufl., Bd. I, Sp. 1145). POLL, a.a.O. S. 14 und 98. 5) Hügelrücken nordwestlich des Preuswegs, s. Plan der Stadt Aachen und des sogenannten Aachener Reiches von Heinrich Copso, 1777 (Stadtarchiv Aachen). Ausschnitt bei H. KÖNIGS: Vom Jakobstor zum Bildchen, Aachen 1973, S, 20-21. Hier lag die propsteiliche Richstätte des Aachener Marienstiftes, dessen Propst bis zur Franzosenzeit Herr der reichsunmittelbaren Herrschaft Lontzen war. Das propsteiliche Kriminalgericht bildeten der Meier und die Schöffen von Lontzen, der Meier und die Lont- zener Schützen hatten die Exekutionen vorzunehmen. (CHR. QUIX, Beiträge zu einer historisch-topographischen Beschreibung des Krei- ses Eupen, Aachen 1837, S. 227 f. - H.LICHUS, Die Verfassung des Marienstiftes zu Aachen bis zur französischen Zeit, ZAGV 37 (1915) 24. 6) JANSSEN a.a.O. 101. 7) Zwei stattliche Badehotels an der Komphausbadstraße, erbaut 1723 bis 1725 durch Stadtmaurer Laurenz Mefferdatis, im zweiten Welt- krieg zerstört. Über den weiter fließenden Thermalquellen erhebt sich heute das Warenhaus Horten. 8) Moritz, Graf von Sachsen (1696 bis 1750), natürlicher Sohn Augusts des Starken und der Gräfin Aurora von Königsmarck, seit 1720 in französischen Diensten. 1744 Marschall, 1747 Oberbefehlshaber in den von ihm eroberten Niederlanden, (HERDERS KONSERVA- TIONS-LEXIKON, III. Aufl., Bd. VI, Spalte 176). - POLL, a. a. O. S. 20. 9) A. HUYSKENS, Aachener Leben im Zeitalter des Barock und Rokoko (= Rheinische Neujahrsblätter VIII), Bonn 1929, S. 69. 10) B. POLL, Aachen als europäische Kongreßstadt in: Aachen zum Jahre 1951, Rhein. Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz, 1951, S. 223.
74 Fahrt durch die Bank Montzen von Jean De Ridder Unsere Vereinigung konnte in diesem Frühjahr eine schon lange geplante Busfahrt in das Veranstaltungsprogramm aufnehmen : Eine Rundreise durch die Bank Montzen. Die zu diesem Thema auffindbare Literatur ist zumeist in französischer Sprache und wird als Übersicht am Schluß dieser Aufführung zitiert. ”Nun, was ist die Bank Montzen, was bedeutet überhaupt Ü eine Bank ?” Das Land Montzen gehörte im 15. Jh. zum Herzogtum Limburg, das aus Verwaltungsbezirken mit eige- ner Gerichtsbarkeit bestand (1). Und so setzte sich das Her- zogtum Limburg aus den Banken Baelen, Herve (das ”Quartier Wallon”), Montzen, Walhorn und neun Herrlichkeiten zusam- men. Hinzu kam die Stadt Limburg und die Freiheit Henri- Chapelle. Und was gehörte zur Bank Montzen ? Die heutigen Gemeinden Montzen, Gemmenich, Homburg, Remersdael, Sip- penaeken, Teuven, Moresnet, Neu-Moresnet und Kelmis. Die- se Einteilung wurde bis zum Jahre 1794 beibehalten. In der Franzosenzeit wurde die Bank Montzen aufgehoben und deren Gemeinden den Gerichtskantonen Aubel und Walhorn — ab 1801 nur Aubel — zugeteilt. Kelmis wurde mit Moresnet zu einer einzigen Municipalite — später Mairie — vereinigt. Nach dem Zusammenbruch des Napoleonischen Reiches wurde dann diese Mairie dreigeteilt : ”Alt-Moresnet” fiel den Niederländern zu, ”Preußisch-Moresnet”, das heutige Neu- Moresnet, den Preußen, und als Streitobjekt der Großmächten blieb ”Altenberg” mit der Zinkmine. Weil man sich nicht einigen konnte, entstand daraus 1816 Neutral-Moresnet. 1830, als Belgien unabhängig wurde und sich von den Niederlan- den trennte, lag die Bank Montzen, außer Neutral-Moresnet und Preußisch-Moresnet, innerhalb des neugegründeten Kö- nigreiches Belgien. 1) Später, 17. und 18. Jh., nach Verpfändung oder Verkauf der herr- schaftlichen Rechte in den meisten Dörfern, waren die Banken Steuerressorts und Wahlbezirke für die Wahl der Abgeordneten des Dritten Standes in die Provinzialstände,
75 Nach. solcher Einführung begann die Busfahrt. Der Weg führte von Kelmis über die Lütticher Straße vorbei an alten Häusern nach Moresnet. Auf dem Kosenberg wurde ein wun- derschönes Panorama auf Kelmis, Neu-Moresnet, Preuswald und den, Aachener Stadtforst geboten. Schloß Eulenburg, auch David-Deden, erbaut im 19. Jh., versteckt hinter Bäumen, ließ man zur Linken. Daß sich in dem daneben befindlichen Steinbruch die Bevölkerung, besonders die Kelmiser, im letzten Krieg vor Bombenangriffen verstecken konnte, wurde kurz erwähnt. Dem Dorf Moresnet wurde alsdann ein längerer Auf- enthalt gewidmet. Das Wahrzeichen von Moresnet, der im ersten Weltkrieg erbaute Viadukt, war natürlich nicht zu übersehen. Mittelpunkt des Dorfes ist die 1646 erbaute St. Remigius | Kirche (1). Eine der drei Glocken im Gestühl trägt eine In- schrift, die manchmal als Chronogramm mit der Jahreszahl 1277 gedeutet worden ist (2). Viel Interesse fanden die Grab- kreuze aus dem 17. Jh. Die wohl ältesten Häuser sind ein Bauernhof, ein pittoresker Fachwerkbau aus dem Jahre 1703, und eine Schmiede, erbaut 1643, die einzige im ganzen Göhl- tal. Der Anbau des Hauses vor der Schmiede stammt aus dem Jahre 1638. Die Gruppe stattete dann dem sehr gepfleg- ten Herrensitz Bempt, bekannt auch unter dem Namen ”Bennelt”, was soviel wie Wiese beim Sumpf heißt, einen Besuch ab. Schloß Bempt stammt aus dem 17. Jh. und ge- hörte damals der Familie Heyendal. Später kaufte die Familie de Hodiamont diesen Besitz, 1880 die Familie de Resimont. 1935 fiel Schloß Bempt durch Erbschaft an Frau Bouillon- Glibert, die später Georges de Cavey heiratete. Zu Ende des 18. oder zu Beginn des 19. Jhs fiel der Bau einem Brand zum Opfer und wurde durch Familie de Hodiamont restauriert. 1) Das mittlere Fenster des rechten Seitenschiffs trägt im Schlußstein diese Jareszahl. 2) Dies ist wohl ein Irrtum, da im 13. Jh. noch keine Chronogramme üblich waren und es auch in der Inschrift keine Buchstaben gibt, die durch ihre Größe hervorstechen.
76 Schloß Alensberg, direkt am Viadukt gelegen, soll in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts durch Jan von Alensberg erbaut worden sein. Er war vielleicht ein Angehöriger der Familie Tzevel (3). Dieser Familie gehörte auch im 16. Jh. die Eyneburg. Durch Heirat kam zu Beginn des 16. Jhs diese Burg an die Familie von Dobbelstein und dadurch kamen Eyneburg und Alensberg in eine Familie. So blieb es bis zur Mitte des 17. Jhs. Durch Heirat ging die Burg Alensberg an Alexander von Straet über, der auch 1648 die Herrschaften Moresnet und Gemmenich vom Spanischen König Philipp IV. kaufte. Sie gehörte 1740 durch Erbschaft Pierre-Godefroid de la Saulx, und dann seinem Neffen Pierre-Olivier de la . Saulx, dessen Sohn Arnold 1798 Schloßherr wurde. Später war er der erste Bürgermeister von Neutral-Moresnet (4). 1823 wird das Schloß an Charles-James Cockerill verkauft, ein Bruder des Großindustriellen John Cockerill. Die Erben der Familie Cockerill-Suermondt haben 1922 den Besitz an den Notar Ernst verkauft, und durch Erbschaft gehört er jetzt dem Richter Thieron. Während des letzten Krieges fanden Flüchtlinge aus dem Rheinland hier Unterkunft, später besetzten es die Deutschen, dann die Amerikaner. Dadurch geriet der Bau in einen schlechten Zustand. Durch Sprengungen des Viaduktes im September 1944 wurde das Schloß dermaßen zerstört, daß der Besitzer sich entschließen mußte, den Sitz niederzulegen. Übrig blieb nur der Donjon oder auch Bergfried, der fünf Etagen aufweist. Auch über die ehemalige Burg Schimper wurde berichtet. Sie war eine der seltenen Höhenburgen im Göhltalraum ne- ben der Eyneburg die gegen Ende des 13. Jhs erbaut wurde. Diese Burg befand sich dort, wo heute das Gut Schimper liegt. Als möglicher Bauherr wird ein Ritter Guys de Chinpier 1355 genannt. In der Mitte des 15. Jhs gehörte sie der Familie de Palant und von der zweiten Hälfte des 16. Jhs an durch 9 Generationen hindurch der Familie Spies von Bullesheim. 3) 1467 gründete er mit Arnold v. Tzevel, Herr zu Tynenberg, eine Gesellschaft zum Abbau des Altenberges. 4) Arnold de la Saulx (oder de Lasaule), Maire von Moresnet 1802, Bürgermeister von Hergenrath 1823-1847, blieb Bürgermeister von Preußisch-Moresnet bis 1850, von Neutral-Moresnet bis 1859.
78 Streversdorp, auch Burg Graaf genannt (5) wurde im 13. Jh. erbaut und war 300 Jahre lang im Besitz der Familie Van der Heyden genannt Belderbusch. Die prächtige Wasser- burg gehört heute durch Einheirat in die Familie Jane d’Othee dem Eupener Notar Roelants de Stappers. Leider droht sie zu verfallen. Das heute sehr gut erhaltene Schloß Broich oder Broeck stammt aus derselben Zeit wie Streversdorp und gehörte lange ebenfalls der Familie Van der Heyden genannt Belder- busch. Eine dritte Burg, Belderbusch selbst, an der Straße nach . Homburg und am Bahnhof Montzen gelegen, wurde im Krie- ge, am 28. April 1944, beim schweren Bombenangriff auf den Bahnhof, bis auf ein paar Mauerreste und einen Turm zerstört. Die Eigentümer waren Anfang des 16. Jhs Steven von Belderbusch, 1644 von Schwartzenberg, 1648 de Belven, 1680 van Eys genannt Beusdael, 1739 van der Heyden, 1767 Ernst und 1947 van den Dries (USA). Ein weiterer Rittersitz befand sich etwa 500 m ostwärts von Belderbusch : Nieuwhuys. Der Rittersitz wurde im 16. Jh. erbaut und gehörte im 18. Jh. der Familie Vanderheyden. Der letzte Eigentümer war Baron de Villenfagne de Vogel- sanck. Bei der Vergrößerung des Bahnhofs von Montzen mußte 1916 dieser Rittersitz niedergerissen werden. Die Fahrt führte dann vorbei an dem großen Bauernhof ”Ten Heyden” (1614). In Schwarzenberg gab der Blick von der Höhe auf den Bahnhof Montzen, Westeuropas größten Güterbahnhof, ein recht beeindruckendes Bild von dem Schienengewirr, das 100 km ausmacht. In Homburg, bereits 1070 unter dem Namen Humbore erwähnt, machte man eine Rundfahrt um die auf einem Hügel liegende Kirche, die 1717 auf einem aus dem 13. Jh. stam- menden Gebetsort errichtet worden ist. Auf dem Friedhof 5) Streversdorp wird irrtümlich oft ”Burg Graaf” genannt, weil der Besitzer, Charles L6opold von der Heyden genannt Belderbusch, Minen des Kurfürsten von Köln, in den Grafenstand erhoben
79 a \ RE < es ) an = ZN E I AD {4 A „a u , BE 8 EC VE A > X un R je 4 TE ME AV FE EN BI Berlieren / Homburg befinden sich viele Grabkreuze aus dem 17. Jh. u.a. von den Familien Eynatten, Ghoor und Raes. Besonders interessant waren die der Kirche gegenüber liegenden Häuser, 1746 im Renaissancestil erbaut. In den Wiesen, versteckt hinter der einzigen Molkerei der früheren Bank Montzen, besuchte man den KRittersitz Berlieren. Er war einer der ältesten Herrensitze von Homburg und hing 1124 vom Stift St-Pierre, Lüttich ab. Berlieren wurde 1587 von Claude van Withem, Herr von Ruysbroek, gekauft, gehörte 1636 dem Marquis de Trazegnies, im 19. Jh. dem Baron von Fürstenberg und seit 1962 dem heutigen Besitzer Leo Locht. In einem Tal, 1500 m Luftlinie von Ber- lieren entfernt, befindet sich ein weiterer Rittersitz : Velt- jaeren aus dem 13. Jh. Während des limburgischen Erbfol- gekriegs wurde dieser 1286 durch den Herzog Johann I. von Brabant niedergebrannt. In der Form, in der dieser Rittersitz im 14. Jh. wieder aufgebaut wurde, ist er heute noch zu
80 besichtigen. 1292 werden Beatrix von Willoiren, Äbtissin von Sinnich, und ihr Bruder Wilhelm erwähnt. 1400 gehörte Velt- jaeren Ritter Schoonvorst, im 16. Jh. gelangte es in den Besitz der Familie Ghoor, die ebenfalls den Besitz Schimper hatte. 1561 erhält Heinrich de Ghoor vom Spanischen König die Herr- schaft mit Gerichtsbarkeit von Homburg, Remersdael und Veltjaeren. In der Reihenfolge waren dann die Besitzer : Millendonck, Croonenberg, Magin, Sybertz, Reul, Bourcier de Montureux, Breuls und jetzt Frau Ernst-Jacob. Es gab keinen, der nicht von dem einstöckigen Landsitz beeindruckt war. N A SE a A an 7 US La ı an | | AZ) . Aal pn. A DS mn ES a DE El EN DRS Veltjaeren / Homburg Auf der Straße Hagelstein-De Plank fuhr man zur Linken an dem sogenannten Rodebos vorüber, der zur Franzosenzeit eine Rolle im Bauernkrieg spielte. In der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 1799 hatten sich hier 2000 Bauern versammelt, um eine französische Garnison anzugreifen. Sie wurden verraten, es kam eine französische Gruppe aus Aubel und die Bauern mußten flüchten. Mehrere Gefangene wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet.
81 Auf dem Wege nach Remersdael erreichte man sehr bald den Gutshof ”Het Hus”. Wahrscheinlich steht dieser Hof auf dem KRittersitz ”Remersdael”, der 1253 einem Simon van Remersdael gehörte und 1288 durch Johann I. von Brabant zerstört wurde. Er gehörte im 13. Jh. dem KRittergeschlecht Scavedries, 1721 verkaufte Frederik von Eynatten das ”Hus” an die Familie von Fürstenberg. Gleich unterhalb dieses Gutshofes wurde zur Rechten auf die Kirche von Remersdael hingewiesen, die 1847 erbaut wurde, An dieser Stelle soll im 13. Jh. eine Kapelle gestanden haben, die dem Bischof Heribert von Köln gewidmet war. Eine Quelle in der Nähe des Gutshofes ”Het Hus” trägt noch heute den Namen Heribert. Im Tal der Gulpe war Schloß Obsinnich (= oberstes Sinnich) oder Castel Notre-Dame das nächste Ziel der Rund- reise. Schloß Remersdael und Obsinnich waren durch die verschiedenen Besitzer hindurch eng verbunden. Bereits im 13. Jh. stand hier eine Burg, die ebenfalls im Besitze des Rittersgeschlechtes Scavedries war. Im 15. Jh. gehörte Ob- sinnich einer reichen limburgischen Familie von Eynatten. Um 1500 heiratete Johann von Eynatten, der Finanzeinnehmer des Herzogs von Brabant und Ratgeber von Kaiser Karl V. war, Jeanne de Holzet, deren Grabstein sich in der Kirche von Remersdael befindet. An Schloß Sinnich kam man auf der Fahrt nach Teuven vorüber. Erstmals wird es 1141 erwähnt. Es war ursprünglich ein Gut, das von der Abtei Rolduc (= Klosterrath) bei Kerkra- de abhängig war. 1243 entstand dort ein adliges Damenstift der Ausgustinerinnen. In der ersten Hälfte des 18. Jhs ließ die Äbtissin von den Berghe von Trips trotz finanzieller Schwierigkeiten das prächtige, lang gestreckte Gebäude mit den 17 Fenstern im Obergeschoß erbauen, so wie man es heute noch bewundern kann. 1797 wurde das Stift durch die Franzosen beschlagnahmt, und die Damen waren gezwungen, es zu verlassen. Die Fa- milie Coenegracht erwarb Schloß Sinnich 1846 und durch
82 Erbschaft gelangte es an den heutigen Besitzer de Secillon. Auf dem Weg nach Epen wurde der aus dem 16. Jh. stammende Herrensitz ”De Hoef” besichtigt. Vom ursprünglichen Schloß weiß man nichts mehr, man weiß selbst nicht, wo es genau stand. 1370 war die Herrschaft Teuven im Besitz von Mathilion von Eynatten, gelangte schließlich in den Besitz der Familie von Gronsfeld. Bis 1645 gehörte Teuven zur Herrschaft Beusdael und wurde dann selbständige Herrschaft unter dem Baron Gerard de Draeck. Das Schloß gehört jetzt der Familie Duesberg-Grenade aus Verviers. ‘ Zurück ging die Fahrt über Sippenaeken, vorbei an dem Denkmal, das den Opfern der elektrischen Drahtsperre aus dem ersten Weltkrieg gewidmet ist. Schloß Beusdael wurde vom Bus aus bewundert. Diese aus dem 13. Jh. stammende Wasserburz war durch Jahrhun- derte im Besitz der Rittergeschlechte von Beusdael, von Eys, von Colyn und 1757 von Hoensbroeck, der Fürstbischof von Lüttich war und 1802 in Wien verstarb. Sehr bald erreichte man Bleyberg, vorbei an der Kirche (erbaut 1935) und Schloß Paquot und konnte kurz vor Völ- kerich noch einen Blick auf. das Haus der Großeltern des Komponisten Cesar Franck werfen. In Moresnet-Kapelle wurde die Entstehung dieses bekann- ten Wallfahrtsortes erklärt und auf die Sehenswürdigkeiten hingewiesen : Arnold Franck (1741-1801), der im Alter von 6 Jahren an Epilepsie erkrankte, ließ sich eines Tages ein Muttergottesbild von einer Frau aus Aachen mitbringen. Das Bild wurde das jetzige Gnadenbild. Damit alle davon etwas haben sollten, alle das Gnadenbild anbeten könnten, brachte er die Statue im nahen Wald an einer Eiche an. Die Eiche stand da, wo heute die Gnadenkapelle steht. In der Kirche findet man eine Platte mit der Inschrift : ”Hier stand die Eiche mit dem Gnadenbild vom Jahre 1750 bis 1823” und aus dieser Zeit stammt auch das Wort ”Eichschen” für diesen Ort.
83 Eine Kapelle konnte aber erst 1828 erbaut werden. Ar- nold Francks Geburtshaus kann hinter der Klinik, am Sier, besucht werden. 1830 als mehr und mehr Pilger kamen, war es nötig, daß sich jemand um Pilger und Kapelle kümmerte. So kam ein Einsiedler mit Namen Gordes und baute die Klause, die 40 Jahre bewohnt war. Als 1875 das Klostergesetz in Deutschland verabschiedet wurde, das Klöster schloß und die Franziskaner aus Deutsch- land auswies, ließen sich hier Aachener Franziskaner nieder und bewohnten zunächst das heutige Altenheim neben der Klinik. 1895 wurde mit dem Bau des großen Klosters direkt neben der Kapelle begonnen. 1880 wurde die Gnadenkapelle durch ein Oktogon ver- größert. 1895 kam erstmals die Idee, eine Kreuzweganlage errichten zu lassen. 1903 war der Kreuzweg fertig, Die Hoch- reliefs der einzelnen Stationen wurden von Prof. Albermann (Köln) ausgeführt, die kunstvollen Gitter durch Bruder Va- lens Zimmermann. 1829 kam die erste Aachener Prozession nach Moresnet. Von 1863 an gibt es regelmäßig die Aachener Mittwochs- prozessionen. LITERATUR : 1. C. CRAVATTE: Stelldichein mit den Ortschaften unseres schönen Drei-Grenzen-Raumes, Grenz-Echo, 5.7.72 und 8.7.72. — Burgen im Dreigrenzenraum, Grenz-Echo, 6.6.73 und 2.8.73. — Im Drei-Grenzen-Raum. Das adlige Stift zu Sinnich, Grenz-Echo, 7.2.74 und 14.2.74. 2. A. DERYCKEL: Les communes de la province de Li&ge, 1892. 3. E. DE SEYN: Dictionnaire de l’histoire de Belgique, 1960. — Dictionnaire historique et g&ographique des communes belges (1949-1950). 4. G. GRONDAL : Notices historiques sur Remersdael, 1953. 5. JANE d’OTHEE: Le chäteau de Streversdorp et ses anciens Seigneurs, 1955.
84 6. M. LAGARDE : Histoire du Duche de Limbourg, 1846. 7. Dr. LENS: Armorial du Duche de Limbourg et des pays d’Outre- meuse, 1947. 8. J. LANGHOR: Eupen, Moresnet et le Nord-Est de la province de Liege, 1924. 9. A. MINDER: Le Duche de Limbourg et la R&volution braban- conne, 1948 10.F. PAUQUET: Le territoire contest& de Moresnet dit Moresnet- Neutre, 1960. 11.F, PAUQUET: Der Königshof Geminiacum in: Jahrbuch Eupen- Malmedy-St. Vith, Bonn 1966, S. 163-181. 12.G. POSWICK: Les delices du Duche de Limbourg, 1951. 13.E. POUMON: Les chäteaux du Pays de Liege, 1970. $ 14. Dr. W. SCHOPPMANN: La formation et le d&veloppement terri- torial du Duche de Limbourg du XIieme siecle jusqu'en 1288, 1964. 15. P. XHONNEUX:: Les possesseurs du fief de Schimper ä Moresnet, 1952.
85 Das Portrait : Jean Herzet von G. De Ridder Mit Jean Herzet stellen wir Ihnen einen weit über die Grenzen unseres Landes bekannten Künstler vor, der als Geiger, Kapellmeister, Organist und Komponist prägend die Musikpflege in unserer Gegend beeinflußt hat. Ein Blick auf sein Schaffen genügt, um zu erkennen, daß seine Beliebtheit, verdientermaßen, grenzenloses Ausmaß angenommen hat. Ehrenvolle Auszeichnungen, u. a. der höchste Födekam- Orden, der Kommandeursorden für besondere Verdienste, wur- den dem talentierten Dirigenten anläßlich seines 25-jährigen Jubiläums zuteil. In eine Welt von Instrumenten und Tönen wurde der am 26. April 1918 in Gemmenich geborene Jean Herzet aufge- nommen, waren doch Vater und Großvater bereits angesehene Organisten unserer Gegend. Der aus einer kinderreichen Fami- lie stammende musikalische Vater hatte sich, bei den geringen Ausbildungsmöglichkeiten, als Autodidakt das Spielen vieler Instrumente angeeignet. Als Musiklehrer, Dirigent und Orga- nist in Bleyberg und Moresnet-Kapelle war er in verschie- denen Gesangvereinen und Kapellen erfolgreich tätig. Zu den täglichen Proben nahm der Vater den Sohn frühzeitig mit. Wann genau Jean Herzet zu musizieren anfing, vermag er nicht mehr zu sagen. Etwa als er zum erstenmal in die Se Schule ging, begann er auf dem Klavier zu spielen. Mit 9 Jahren wandte er sich dem Geigenspiel zu. Dieses Instrument war eines der beliebtesten der Zeit. Als er zusammen mit seinem Vater im Kinoorchester von Gemmenich und Bleyberg Stummfilme musikalisch untermalte, verdiente sich der Junge das erste Geld. Oft war der Film so spannend, daß er das Spielen vergaß, erinnert er sich heute mit Schmunzeln. Der Vater übertrug seine ganze Musikalität auf den Sohn. Als seine Möglichkeiten erschöpft waren, schickte er den 13-jäh- rigen 3-4 mal pro Woche auf die Musikschule nach Verviers. Für damalige Verhältnisse war das eine Besonderheit. Nach Abschluß der Volksschule in Gemmenich begann er 1932 am Konservatorium in Verviers das Geigenstudium bei
86 DE \ bo Ka DE £ } HN 3 } | 2 = rt Yi 7 - de x i I u W N = N a SZ Dil NA E Nicolas Fauconnier, einem ausgezeichneten Pädagogen. In der Harmonielehre unterrichtete ihn Prof. van Ulft. Der Direktor und Komponist Albert Dupuis führte ihn in die Kammermusik ein. Bei der Abschlußprüfung 1938 errang er als alleiniger Kandidat in der höchsten Klasse den ersten Preis: La Me- daille du _ Violon. S Sehr bald wurde er zum Militär eingezogen. Als Dienst- pflichtiger des Jahres 1939 wurde er dem Fort ”Aubain Neuf- chäteau” bei Lüttich zugeteilt, in dem viele aus dem Nord- osten der Provinz Lüttich ihren Dienst ableisteten. In dieser kleinen Festung bestand für Jean Herzet der Militärdienst fast ausschießlich aus musikalischer Tätigkeit, denn schon am zweiten Tag nach Dienstaufnahme sprach ihn ein leitender Offizier an: ”Sie sind doch der Musiker aus Gemmenich ? Können Sie nicht eine kleine Kapelle bilden, damit wir ein bißchen Unterhaltung haben ?” Gern willigte Jean Herzet ein, denn allzu große Lust zum Geschirrspülen und Kartoffel- schälen, wie dies die jungen Rekruten üblicherweise tun mußten, verspürte er sowieso nicht.
87 Mit seiner Kapelle spielte er nicht nur im Fort, sondern auch außerhalb. Er veranstaltete zugunsten der Familien der Mobilisierten Tanzabende. Als am 23. Mai 1940, nach einer 13 Tage dauernde Verteidigung, das Fort nicht mehr gehalten werden konnte, geriet er in Gefangenschaft und kam nach Ostpreußen. Aber schon nach 3 Monaten wurden Neubelgier und Flamen in die Heimat entlassen. ”Deutsch auf Widerruf” stempelte ihm die hiesige Gemeindeverwaltung in den Perso- nalausweis. Jetzt war guter Rat teuer. Wie konnte er musikalisch tätig sein? Vorerst erteilte er Privatunterricht. Aber Jean Herzet wollte weiterlernen. Der Weg nach Verviers war ab- geschnitten. So wandte er sich an Dr. Freistedt, Direktor des Gregoriushauses in Aachen. Unter seiner Leitung fing er an diesem Konservatorium mit der Harmonielehre wieder neu an. Prof. Max Pfeifer erteilte ihm Geigenunterricht bis er selbst Geigenlehrer einer großen Anzahl von Schülern wurde. Mit der Bombardierung des Konservatoriums, kurz vor Kriegsende, waren für Jean Herzet arbeitsreiche Jahre zu Ende. Nach Beendigung des Krieges, im Mai 1945, heiratete er Lily Koenigs aus Moresnet-Kapelle, wo er auch seinen Wohn- sitz für viele Jahre nahm. Von seinem Vater übernahm er die Stelle eines Organisten in der Gnadenkapelle seines neuen Wohnortes. Die große Welle des Akkordeons u. a. verschaffte ihm als Musiklehrer bald einen großen Schülerkreis, oft bis zu 50 Schüler pro Woche. Er baute eine Tanzkapelle auf, die sich weithin großer Beliebtheit erfreute. Seine junge Frau, die bei seinem Vater noch Klavierunterricht genommen hatte, spielte einige Jahre den Klavierpart im Tanzorchester, und das machte zwei Gagen aus. 1946 wurde er Leiter des St. Josef Männergesangvereins Kelmis / Neu-Moresnet. 1949 übernahm er die Leitung des Cercle Musical von Kelmis und führte ihn über anfängliche Schwierigkeiten zu späterem Erfolg und Ruhm.
88 Als 1951 an der Mittelschule in Kelmis ein Musiklehrer dringend gesucht wurde, sprang Jean Herzet ein. Diese Arbeit gefiel ihm. Lehraufgaben an den Mittelschulen von Bleyberg sowie am Königlichen Athenäum Eupen wurden ihm über- tragen. Erst später erwarb er das Mittelschullehrerdiplom. An seine Zeit als Musikerzieher denkt er gerne zurück. Er ver- suchte immer alle, gute wie weniger gute Schüler, für die Musik zu interessieren. Er baute Schülerchöre auf, die die Festlichkeit von Schulveranstaltungen erst recht zur Geltung brachten. 1963 wurde er Leiter der Harmonie St. Caelilia von Gem- menich, die sein Vater 45 Jahre geleitet hatte. & Als er 1965 nach einer glänzend bestandenen Prüfung in das Lütticher Sinfonieorchester eintrat, ging ein lang ge- hegter Wunsch in Erfüllung. Dieser Schritt bedeutete für ihn die Aufgabe seines Lehramtes. Aber unermüdlich, Tag für Tag, schaffte dieser Mann weiter. Und 1972, nach erneu- ter Prüfung, erfolgte die Beförderung zum Vorgeiger der ersten Geigen. Darüber hinaus dirigiert er seit 1969 die Harmonie St. Cecilia von Vaals. Nunmehr waren 150 Musiker seiner Obhut anvertraut. Einen Tag ohne Musik gibt es nun nicht mehr. Doch Krönung der Arbeit eines Vierteljahrhunderts wurde das große, unvergeßliche Galakonzert zum 25-jährigen Diri- gentenjubiläum am 7. April 1974 in Kelmis, an dem Jean Herzet seine drei Harmonien : Die Koninklijke Harmonie St. Cecilia Vaals, die Harmonie Royale Ste-Cecile Gemmenich und den Cercle Musical Kelmis zusammen dirigierte. Wen wun- dert es noch, daß diesem am 29. Juni in Antwerpen wieder- holten Galakonzert mit den drei Kapellen ein ebenso großer Erfolg beschieden wurde ? Unaufhörlich ging die Arbeit weiter. Am 21. Juli dieses Jahres wird sich die Harmonie von Gemmenich mit Lieb- haberorchestern aus aller Welt in Kerkrade messen. Die Har- monie von Vaals, die in der höchsten Kategorie von Holland spielt, muß 1975 wiederum diesen Platz verteidigen. Die Har- monie von Kelmis wurde Landesmeister in der Exzellenz-
89 kategorie. Und das Lütticher Sinfonieorchester, das acht Kon- zerte in Lüttich gibt, an den Festspielen von Stavelot, der Wallonie und Flandern teilnimmt, genießt weit über die Lan- desgrenzen einen guten und ehrenvollen Ruf. Die Arbeit von 25 Jahren in Kelmis, Gemmenich, Vaals und Lüttich, wurde sie auch von Erfolg gekrönt, hat ihm doch viel Kraft abverlangt. Und welch ein Wirkungskreis für einen Musiker, der weit über die Grenzen seiner Heimat geschätzt und beliebt ist! Wie vermag er der ständigen Forderung nach persön- lichem Einsatz nachzukommen ? Der Mensch Jean Herzet tritt bescheiden hinter seinem Werk zurück. Beide bedingen und identifizieren einander. Sein Leben gehört der Musik und dafür setzt er sich mit Leib und Seele ein. Dienst an der Musik ist ihm alles. So will er auch sein Wirken als Musikerzieher verstanden wissen. Möglichst viele für die Musik zu interessieren ist sein Haupt- anliegen. Wenn man seinen Idealismus bewahren will, muß man sich mit ganzer Kraft einsetzen, nur so kann man Musik weitergeben. Das Interesse der heutigen Jugend für Musik ist ihm daher eine besondere Freude. Unermüdlich ist er bestrebt, auf seine Weise, die Kluft zwischen Volks- und Kunstmusik zu überwinden. Zwar spielt eine Blaskapelle vorwiegend Volksmusik, aber sie hat dech ihren Stellenwert. Wenn auch Jean Herzet mit jeder Harmo- nie ein unterschiedliches Programm mit unterschiedlichen Zielvorstellungen durcharbeitet, so werden doch alle drei nach einem Prinzip geführt. Immer ist ein Teil des Veranstaltungs- programmes der klassischen, der andere Teil der modernen Musik gewidmet. Er läßt leichte Stücke spielen, um dem Amateurspieler zu einem Erfolgserlebnis zu verhelfen, und um ihn allmählich an schwerere Werke heranzuführen. Der häufige Wechsel in der Orchesterbesetzung bedeutet für ihn einen ständigen Neubeginn. Während der vergangenen 25 Jahre sah er viele Musiker kommen und gehen. Daher findet
90 er eine persönliche Genugtuung darin, wenn es ihm gelingt, mit Amateurmusikern eine gewisse Leistung hervorzubringen, die auch anerkannt wird. Aber das bisherige Lebenswerk des Geigers, Kapellmeis- ters und Organisten bliebe unvollkommen, würde nicht auch der Komponist Jean Herzet gewürdigt. Mit aller Vitalität des Musikers hat er vorwiegend Originalmusik für das Blasor- chester komponiert. Hat er früher mit seiner Tanzkapelle Unterhaltungsmusik komponiert, so ist doch jetzt mit seinen Werken wie ”Calaminia’”, ”Marche des Travailleurs”, ”Colo- nel Peckham”, um nur einige wenige zu nennen, seine Vor- liebe für Blasmusik unverkennbar. “ Nach einem besonderen Wunsch für die Zukunft befragt, meint Jean Herzet nachdenklich, daß eigentlich jede bedeu- tende Stadt ein Kulturzentrum haben müßte, in dem klassische Musik in einem entsprechenden Rahmen aufgeführt werden könnte.
91 In der Nacht von M.-Th. Weinert Tausend Lichter in dieser Stadt, und der Himmel ist weit. Niemand, der ihn gesehen hat, denn der Dunst liegt über der Stadt, das grelle Licht es schreit, und es hat niemand Zeit. Draußen hat die Nacht ein Gesicht, von ruhenden Dingen bewohnt, die scheuen Tiere lärmen nicht, sie lauschen nur, die Quelle spricht, die glitzert in der Sterne Licht und schimmert unterm Mond.
93 Ech ben e Jömmelech jebore, Hej han ech och ming Kamerote, Hej han jespellt ech ene Sand, De betste Vrönde vond ech hej, En onjesörchde Kengerjohre Op dön, do kann ech mech verlote, Han en mie Dörp ech hej jekannt. Die stönd e Nuet en Duet mech bej. Dröm well e Jömm’lech ech mär läve, Dröm well e Jömm’lech ech mär läve, Denn die Erenn’rong es doch schönn; Denn Vrönde han, dat es doch schönn; Et kann je Dörp rondöm mie jäve, Et kann je Dörp rondöm mie jäve, Wu ech esue jot mech verjönn. Wu ech esue jot mech verjönn. Hej ben ech nojjen Schuel jejange Van op e Lauch bes en Tersasse Met Bös en Tafel ejjen Rans, Kenn jedder Bom ech, jedder Struk ; Vör Stropereje atevange, Mie janze Läve es verwasse Lop ech och now ov dann derlans. Met jedder Jatz en jedder Huk. Dröm well e Jömm’lech ech mär läve, Dröm well e Jömm’lech ech mär läve, Denn die Erenn’rong es doch schönn; Denn hej e Jömm’lech es et schönn; Et kann je Dörp rondöm mie jäve, Et kann je Dörp rondöm mie jäve, Wu ech esue jot mech verjönn. Wu ech esue jot mech verjönn. En dovör jonn ech jäer spazeere Rond öm dat Stöckske Heemetäed, Bes dat ming Been de Kraft verleere, En ech hej stell bejrave wäed. Jo, hej e Jömmelech te läve Bes an et Eng, dat es doch schönn ; Et kann je Dörp rondöm mie jäve, Wu ech esue jot mech verjönn.
94 An Heimat und Bauer von Jos. Küpper O Heimatland, Limburgerland Drin unsrer Sippe Wiege stand, Du schönes Land mit Berg und Tal, Wo Herden weihen, groß an Zahl Auf grünen Auen überall. Dein Werden zählt vielhundert Jahr Und wechselvoll Dein Schicksal war ; . Manchen Herrscher sahst du kommen, Böse und auch viele Frommen, Wurdest oft arg mitgenommen. Du warst vor tausend Jahr und mehr Tummelplatz für Wolf und Bär, Zu Kaiser Karls des Großen Zeit, Beim Hifthorn und Gebell der Meut’ Der Jagdgrund dieses Kaisers Leut. Manch Volksstamm kam und dann verschwand, Bestehen blieb’s Limburgerland, Leibeigenschaft hat’s nie gekannt Mein Heimatland, Limburgerland, Des freien Bauern kostbar Pfand. O schöne Heimat, weit bekannt, Land der grünen Au’n genannt Bist köstlich, herrlich anzuschaun, Der wir den Ahnen gleich vertraun Und die wir heute selbst bebaun.
95 Dies Land, das uns der Vorahn schuf, Erhalten wir ihm seinen Ruf ; Wo fleißig ist und stets gerecht Des freien Bauern stark Geschlecht, Kann’s nie ergehn der Heimat schlecht. Und kommt des Unheils auch mal viel So denket stets ”Wie Gott es will” Vertrau Ihm alles, was ist Dein, Sag ”ja” zu Seinem Tun, nie ”nein”, Es wird zu Deinem Besten sein. Laßt nicht betören Euren Sinn, Seid gut, tut recht auch fürderhin, Viel Glück bringt’s Euch und auch Gewinn. Denkt nichts Arges, schaut nicht zurück, Vor uns liegt alles, - auch das Glück. Nicht Neid noch Zwietracht soll mehr sein. Schließt drum zusammen Eure Reih’n, Viel Gutes wird uns dann gedeih’n Im uns vertrauten Unterpfand : Dem Heimatland, Limburgerland. (Der landwirtschaftlichen Schule in Eupen gewidmet - Sommer 1938.)
96 Kennst Du Deine Heimat ? Unter dieser Frage, melde ich mich wieder bei meinen Quizfreunden und den Lesern unserer Zeitschrift. IN EIGENER SACHE : Hatten wir in der Vergangenheit vorwiegend religiöse Motive und sakrale Bauwerke zu finden, so soll jetzt eine Erweiterung der Motive stattfinden, so daß auch Burgen, alte Bauten, Herrenhäuser und was es sonst an geschichtlichen und 2 kulturellen Sehenswürdigkeiten in unserer engeren und wei- teren Heimat gibt, gesucht und entdeckt werden. Da wir aber auch Mitglieder und Leser unserer Zeit- schrift in den angrenzenden Ländern des Göhltales haben, werden wir von Zeit zu Zeit auch einen Blick in diese Gebiete werfen. So würde es mich nicht wundern, wenn Fragen oder Quizaufgaben für Aachen und seine Umgebung, Valkenburg oder Eupen gegeben wären. Na, wir werden sehen... Im voraus wünsche ich schon heute allen Lesern recht viel Spaß und vielleicht etwas Kopfzerbrechen bei der Bildfrage : ”KENNST DU DEINE HEIMAT ?” Und nun zur Sache :
98 Sa ELSE f } * € 7 Bild C an ti a \ /r a A ‚. TFFFFFIA zeigt einen HAAS AM „< 8 Büdstock. U. N De A| u SO | - a 1 vu + | | = A Vu EA BE RR Frage: wo steht dieser Bildstock und aus welchem Anlaß könnte er geziert sein ? Bild D LE 6 / SEE DW, = Kg d Dh SEE vn CE] 7 Mr N aA BUN zz A 58 AS A N AA YA a E A an GP ® I } > Ya AM 7m DE | SAN Au 2 CS ; A RL x“ DD Y U 6 A 8 SS [ \ 7 A & BE "a WB f a. $ ör £ { A * Y P (2 X \ A S X +» WE +48 + = a )) € 3 ' A 3 3 I Ä 1 — ee) 08T stellt eine religiöse Kundgebung dar. Frage: wann und wo fand sie statt? Was ist bemerkens- wert daran ? Ja, das wär’s dann für’s erste einmal. Daß die Lösung nicht allzu leicht ist, glaube ich schon, aber viel Spaß beim Suchen wünscht Euer Quizfreund : Jac. Demonthy.
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