Im Göhltal ZEITSCHRIFT der VEREINIGUNG für Kultur, Heimatkunde und Geschichte im Göhltal 1967 N“ 1
Vorsitzender : Leo Wintgens, Moresnet-Kapelle, Aachener Strasse 12 Sekretariat : Frl. G. Xhonneux, Neu-Moresnet, Lütticher Strasse, 168 Tel. 59.467 Kassierer : Fritz Steinbeck, Kelmis, Lütticher Strasse, 39 Bankkonto 251.251 der Soci&te Gen&rale de Banque, Verviers (P.S.K. 695) Die Beiträge verpflichten nur ihre Verfasser, Alle Rechte vorbehalten. Entwurf des Titelblattes : Frau Pauquet - Dorr, Kelmis. Druck : J. Aldenhoff - Gemmenich.
Zum Seleit— | | . S | Seit Dezember 1966 hat auch die Göhlgegend ihren Geschichts- verein. | Warum und wozu diese kulturelle Vereinigung gegründet wurde, wollen / wir schon hier kurz erläutern. In einer unserer nächsten Zeitschriften werden die Statuten der ”Vereinigung für Kultur, Heimatkunde und Geschichte im Göhltal” veröffentlicht. Unsere Ziele sind : ”Das Stu- dium der Geschichte und die Pflege von Mundart, Sprache und Brauch- tum in der gesamten Göhlgegend” (Art.[I), dabei "enthält die Vereini- gung sich jeder politischen Tätigkeit oder Tendenz.” (Art. 4) Unser Bestreben ist es auch, mit allen kulturell und heimatkund- lich interessierten Personen und Vereinen Hand in Hand zu arbeiten. Unsere engere Heimat bildet wirklich eine unerschöpfliche Quelle für den Heimatforscher ; deshalb sind wir für jeden Hinweis und aktiven Beitrag äusserst dankbar. Hiermit legen wir also unserer Leserschaft die erste Nummer un- serer heimatkundlichen Zeitschrift ”Im Göhltal” vor. Sie enthält man- nigfache Beiträge über verschiedene Ortschaften unserer Gegend. Viel- leicht ist Ihr Geburts- oder Heimatort diesmal nicht vertreten ... doch seien Sie gewiss, dass dies nicht aus Absicht oder Gleichgültigkeit ge- schah. Vielleicht fehlt nur Ihre Hilfe, um diese Lücke auszufüllen ?! Wie unsere Veranstaltungen, so wird auch unsere Zeitschrift ver- suchen ”für jeden etwas” zu bringen : geschichtliche und sprachkund- liche Forschungen, Vereinschroniken und sonstige heimatkundliche Ab- handlungen ... Legenden, Anekdoten und Gedichte im Hochdeutschen und in unserer Mundart. Auch das heutige kulturelle und wirtschaft- liche Leben wird voll und ganz zur Geltung kommen. Bilder und Zeichnungen werden die Artikel erklären und illustrieren. Auf diese Weise hoffen wir - wie unsere Titelseite es symbolisch darstellt - manche Brücken schlagen zu können und unserer Heimat sowie ihrer Bevölkerung, insbesondere der Jugend, einen Dienst zu erweisen. Aufrichtiger Dank gilt allen, die unserem Aufruf Folge leisten und uns hilfreich zur Seite stehen wollen ! Der Vorstand. 3
FLUSS- und ORTSNAMEN : GÖHL, KELMIS. PAUQUET Firmin, Inspektor für Volksbildung Einleitung : Alle Fluss-, Orts- und Flurnamen sind zuerst aus blos- sen Gattungsnamen, sogenannten Appellativen, entstanden (z.B. Mores- net = mooriges Gebiet). Solche Gattungsnamen waren allgemein üb- liche und nicht ortsgebundene Bezeichnungen. Mit der Zeit hat die Be- völkerung oft den Sinn der zu echten Ortsnamen gewordenen Gattungs- namen verloren. — Wer weiss noch, dass Gemmenich, Gut des Gemi- nius bedeutet ? — Trotzdem sind ortsgebundene Bezeichnungen im- merhin den allgemeinen sprachlichen Regeln unterworfen, wenn auch mit einer gewissen Verspätung, da bei ihnen sehr oft die schriftliche Überlieferung eine viel grössere Rolle spielen konnte. Die sprachliche Entwicklung der Ortsnamen wird wohl besser in der Mundart wahr- genommen, da hier die geschriebene Form keinen Einfluss ausüben konnte. In den Hochsprachen dagegen kann man von einer gewissen Versteinerung der Ortsnamen sprechen, z. B. Hergenrath statt Herjent. Ferner wurde die Entwicklung der Ortsnamen unserer Gegend durch ihre Lage unweit der Sprachgrenze beeinflusst. Auch der Einfluss der Amtssprache kann von Bedeutung sein, besonders dann, wenn die Zentralregierung eine zentralisierende Sprachpolitik, bewusst oder nicht, betreibt. (z. B. in der Franzosenzeit, in Belgien 1830 bis ca. 1880, ın Preussen nach 1876). Auch eine international verbreitete Kultur- sprache kann, vor allem bei Kartenwerken einen Einfluss ausüben (z.B. Latein während der Renaissance, Französisch im 18. Jh.) KELMIS - KALMIS - LA CALAMINE. In einem in der Zeitschrift ”HEEM” veröffentlichten Beitrag, habe ich schon die Frage erörtert, welche amtliche Bezeichnung m. E. für die Gemeinde Kelmis am geeignetsten ist. Meine Gründe wiederhole ich hierunter nochmals, Im folgenden Verzeichnis der belegten Benennungen sind beson- ders viele alte, kaum bekannte, aufgenommen. Am Rande des Verzeich- nisses soll eine Signatur die Einteilung dieser Benennungen angeben : G heisst germanisch; R, romanisch; O, echter Ortsnamen; B, blosse Bezeichnung; (ä) bzw. (a) : Vokal der ersten Silbe mit oder ohne Umlaut. RB(a) 23 bis 79 n.C. : ”Aes fit e lapide aeroso; quem vocant cadmiam, celebritas in Asia,... Feruntque super etiam in Germania provincia repertum ”(Naturalis his- toria XXXIV cap. 2 des römischen Schriftstellers Gaius Plinius Secundus : Mes- sing wird mittels eines cadmia genannten Steins hergestellt. Es wird gemeldet, dass derselbe auch in der Provinz Germanien gefunden wurde.) GO(ä) 1280 "Item tres solidos et duos capones apud kelms” (Hauptstaatsarchiv Düssel- dorf, Abtei Altenkamp, Urkunde 193 : dem Aachener Patrizier Willelmus de Roza gehört eine Erbrente von 3 Schillingen und 2 Kapaunen bei kelms) GO(ä) 1338 "Item de quinque cementariis cementi per Jo de Kelms usti 146 m. 41/2 s. (LAURENT J. Aachener Stadtrechnung aus dem 14. Jh. Aachen 1866. S. 125 - Städtische Ausgabe.) 4 I
RB(a) 1344 "Misso bis Lymburg propter kalomynnam” (LAURENT J., Aachener Stadt- rechnungen aus dem 14. Jahrhundert. Aachen. 1866, S. 152 : ein Aachener Bote wird nach Limburg gesandt, um über die Verhältnisse am Altenberge zu unter- handeln) RB(a) 1373 "Item ass. kalomynne per Jo de Hergenrot et socios suos” (LAURENT J., a.a.O. S. 234 - städtische Einnahme durch Verpachtung des Altenberges an Jo- hann von Hergenrath und seine Mitgesellen) 1375 "in de banck van fulkerich ... die laesse van Eynenburch ... item Kynds GO(ä) goet van kelmys (Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Rechnungsrollen 2999, Steuer- rolle (Schatzung) des Rentmeisters Thomas von Holsit) GB(ä) 1387 ”Iem dye kailmynne” (Laurent J., a.a.O., S. 365) 1391 "alle de Goele uff bis zu Mormesneyt und furbas alle die Goele uff durch GO(ä) Kelmys und von Kelmys furbas under die brugge van Hergenroide” (Beschrei- bung der Grenze von Hertogenwald und Gemeinde Aachen. Kopie des 17. Jhs. im Staatsarchiv Lüttich, Herzogtum Limburg, 1042 (N° 5); veröffentlicht bei WILLEMS B., Ostbelgische Chronik I, 1948, S. 216) GO(ä) 1403 ”le mounier de Kelmis” (Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Rechnungs- kammer von Brabant, 2439, f° 19) GB(ä) 1421 ”an dem Kaylmenberge bei Kelmys gelegen” im Vertrage der Altenberger GO(ä) Erbgenossen mit der Stadt Aachen (Stadtarchiv Aachen, Urkunden, III, I; ver- öffentlicht bei SPANDAU, Zur Geschichte von Neutral-Moresnet. Aachen. 1904) GB(ä) 1438 "van den kelmenberge gelegen in den lande van lymborch, maken tsamen 932 sinder kelmyns” (Allgemeines Reichsarchiv Brüssel. Rechnungskammer von Brabant. 2444. 1438-1439, f° 7 v°) GO(ä) 1442 ”eyn plaetse in den lande van Lymborch in de banc van Montzen by Kelmis GB(ä) neven den bennet geheiten Herkenbroich, omme kelmynertz ende blyertz daer inne te gravenen” (Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Rechnungskammer von Bra- bant, 2444, 1442-1443, f° 216v°) GO(ä) 1445 ”Van eenre plaetsen by Kelmys, neven den beemt geheten de Herken- brouch” - (Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Rechnungskammer von Brabant, 2444, 1445-1446, f° 7 v°) ”Van der thiende van Montsen te weten den lande dat op te haide by GO(a) kalmys geroedt wort” (ibidem, f° 38 v“) GO 1469 ”te Klmyss onder die vurseiden banck van montsen ... II hertsteden” (All- gemeines Reichsarchiv Brüssel. Rechnungskammer von Brabant. 45807. Aufstel- lung der Feuerstellen oder Häuser) RB(a) 1484 ”de toutes les mynes de kalmyne au pays de lembourg que tient a ferme GO(ä)au present lienart filz Alart de kelmis natif du dit pays de lembourg (Staatsar- chiv Lüttich, Herzögtum Limburg, 222) GO(ä) 1556 ”gemeyne Ingesetenen van montzen, gimmenich, fulckerich, morisnet ende kelmiss (Urteil des Königs Philipp II. im Wälderstreit zwischen Aachen und Lim- burg - Staatsarchiv Lüttich Herzogtum Limburg, Urkunde 67) RO(a) 1603 ”Calmine” und ”Fort de Calmine” (Limburgensis Nova Descriptio - Karte des Aegidius Martini) RB(a) 1649 ”montagne des calmines de Sa Majest& au quartier du dit Limbourg” in einer Verordnung über den Betrieb am Altenberg (Reichsarchiv Brüssel, Finanz- rat. 86) GO(ä) 1650 ”touchant la nouvelle court de justice a Eriger au hameau de Celmis” (Allgemeines Reichsarchiv Brüssel; Fiskalamt von Brabant. 264 (2309) RB(a) 1682 ”lapis calaminaris” cadmia” ”calmey” in BROWN Edward, Naukeurige GB(a) en gedenkwaardige Reysen, Amsterdam, 1682) 1686 ”Staete van de goederen en de taxatie derselvere der quartiere Moresnet GO(ä)ende Kelmis” (Staatssarchiv Lüttich. Herzogtum Limburg. 802) GO(ä) 1777 ”Kelmise ou Calmine” hameau, auf der vom Artilleriegeneral Graf Fer- RO(a) raris aufgenommenen Kabinettskarte der österreichischen Niederlande, -]
RO(a) 18. Jh. "Bureau de Calmine” der österreichischen Zollverwaltung (Allgemeines Reichsarchiv Brüssel. Rechnungskammer von Brabant. 23887) GO(ä) 1780 ”Erfgoederen onder de Gemeynte van Kelmis” Überschrift des sogennan- ten theresianischen Katasterrolle (Staatsarchiv Lüttich, Herzogtum Limburg, 802) GO(ä) 1794 "Municipalit& de Moresnet et Kelmis” (Buchet A., L’organisation judiciaire et administrative des pays de Limbourg, Dalhem, Fauquemont et Rolduc apres la conquäte frangaise de l’an III (1794). Verviers, 1949) 18, - 19, Jh, ”L’endroit oü on la tire (la calamine) du sein de la terre s’appelle GB(ä) dans la langue des environs ”Kelmisberg” ou la Montagne de la Calamine. Les Etrangers la designent sous le nom de la Vieille Montagne. (Ernst, S.P. Histoire du’ Duche de Limbourg Li&ge, 1837, Bd I, S. 97) 1853 ”dass die jetzige Gemeinde Belgisch-Moresnet für die ehemalige Gemeinde Moresnet und das neutrale Gebiet mit der Preussischen Gemeinde Moresnet für GO(ä)die ehemalige Gemeinde Kelmis anzusehen sey” (Staatsarchiv Lüttich, Kreis Eupen, 286 - Verhandlung -zur Teilung des Gemeinde-Preusswaldes bestätigt durch Kgl. Erlasse vom 26 9. 1864 für Preussen und vom 27.2.1865 für Belgien) RO(a) 1869 ”Station Calamine” Bahnhof der A.G. des Altenberges. RO(a) 1880 ”La Calamine”, une des localit&s qui constituent le Territoire neutre de Moresnet” im Annuaire administratif de la province de Li&ge. GO(ä) 1887 - 1919 ”Neutra!es Gebiet von Moresnet (Kelmis)” (Siegel der Gemeinde- verwaltung) 1919 August 7 ”Comme les termes de ”Moresnet-neutre” sont, de par Vl’'article 32 du trait& de paix, sans signification reelle, il y a lieu de designer ce territoire, RO(a) en l’Erigeant en commune, sous le nom de ”la Calamine”; ce nom se retrouve aujourd’hui encore dans la toponymie locale, Le terme ”KELMIiS” dirive de kelme ; mot du patois limbourgeois signifiant calamine, ä cause des gisements de calamine d&couverts dans ces contrees. C’est pourquoi dans le projet qui vous est soumis !e Gouvernement propose de rendre au territoire conteste sa dinomi- nation originaire” (Chambre des Representants de Belgique, Session 1918-1919, Document n° 299, Expose des motifs, S.2) 1919, August 7 ”Le territoire contest& de Moresnet dit Moresnet-neutre ... forme la commune de ”La Calamine” ”Het betwiste grondgebiet van Moresnet, gezegd RO(a) onzijdig Moresnet ... maakt de gemeente ”La Calamine” uit” (Chambre des Re- presentants, Session 1918-1919, Document n° 299, art. I) GO(a) 1919, August 8 ” Het betwist grondgebiet ... maakt de gemeente ”Kalmis” uit (ibidem n” 309; Annales parlementaires, S. 1464; Gesetz vom 15. September 1919 im Staatsblatt vom 17. Oktober 1919, S. 5481 f.) GO(ä) 1931 ”Kelmis” (Van de Wijer H.J., Onze Vlaamsche Gemeentenamen in mo- derne spelling, Leuven, 1931 - im Auftrage der niederländischen Abteilung der | Kgl. Kommission für Toponymie und Dialektologie - die Gemeinden des NO der Provinz Lüttich deren Bevölkerung eine niederländische Mundart spricht wurden hierin auch aufgenommen) RO(a) 1941 ”al calmene” (HAUST, Enquöäte dialectale sur la toponymie wallonne. Memoire de la Commission Royale de Toponymie et de Dialectologie. Section wallonne. Liege. 1941) z GO(ä) 1954 ”KELMIS” ”kelmes” ”Kalmis” ”La Calamine” (Boileau A. Enquöte dia- lectale sur la toponymie germanique du Nord-Est de la province de Li&ge, Li&ge, 1954, Bd. I, S. 243) GO(ä) 1962 ”Kelmis” (kelemes) (Dialektatlas van Belgisch-Limburg en Zuid Nederlands Limburg. Antwerpen. 1962 - Aufnahmen im Nord-Osten der Provinz Lüttich durch A. Stevens (ein Schüler des verewigten Prof. Groetaers) - einen der besten Kenner der modernen limburgischen Mundarten) 1963 ”Kalmis (La Calamine)” auf vielen amtlichen Veröffentlichungen seitdem die Sprachgesetzgebung von 1963 in Kraft getreten ist. 6
Aus diesem langen Verzeichnis können folgende Schlussfolgerun- gen gezogen werden : 1° Der Sinn des Ortsnamens mag wohl heute noch jedem verständlich sein : ”keleme” ist noch die plattdeutsche Bezeichnung für Galmei. Galmei ist die bei den Bergleuten übliche Bezeichnung für die drei Ooxydischen Zinkerze : Zinkspat, Kieselzinkerz und Willemit. Die ge- meinsame Abstammung des neuhochdeutschen Wortes ”Galmei”, des neuniederländischen ”kalamijn” oder ”kalamijnsteen”, des neufranzö- sischen ”calamine”, des mittelfranzösischen ”calmine”, des wallonischen ”calmene” und des plattdeutschen, altlimburgischen ”kelme” vom Grie- chischen ”cadmia” über das Mittellateinische ”lapis calaminaris” bedarf keiner weiteren Erklärung. Auffällig dabei ist das Verschwinden des ”a” in der zweiten Silbe, sowohl im Neuhochdeutschen wie auch im Plattdeutschen, im Mittelfranzösischen und im Wallonischen. Die Wie- dereinführung desselben ”a” im Neufranzösischen und im Neunieder- ländischen mag wohl eine von Gelehrten durch Anlehnung ans La- teinische vorgenommene Korrektur sein. In den germanischen Sprachen hat sich das ”i” der dritten Silbe normalerweise in ”ei” umgewandelt. Das plattdeutsche, altlimburgische ’keleme” zeigt m. E. die am weitesten entwickelte Wortform auf: in der ersten Silbe : Umlaut des ”a” zu ”ä = e” (es handelt sich wahrscheinlich um den bekannten i-Umlaut) ; in der zweiten Silbe : Verschwinden oder manchmal auch nur Abschwächen des Vokals zum stummen ”e”; in der dritten Silbe ebenfalls Abschwächen zum stummen ”e”, Weitere Erklärungen bei dieser Wortentwicklung überlassen wir lieber den Philologen. Ich möchte die Fachleute anregen, festzustellen, in welchem Jahrhundert diese Änderungen stattgefunden haben könn- ten und welche Zwischenstufen anzunehmen sind, 2° Ob die Stelle bei PLINIUS sich auf das Altenberger Galmeierzlager bezieht bleibt unsicher : in der römischen Provinz Germanien befinden sich viele andere Galmeivorkommen, z. B. Gressenich östlich von Aachen, wo eine Ausbeutung in der Römerzeit gesichert ist. 3° Die älteste Erwähnung bezieht sich erstaunlicherweise auf einem echten Ortsnamen. Durch historische Quelle ist also zuerst der Ort Kelmis belegt. Der eindeutige Sinn dieses Ortsnamens ist aber ein si- cherer Beweis dafür, dass Ende des 13. Jhs. die Erzlagerstätte bekannt war und wohl auch ausgebeutet wurde. 3° Die älteste Schreibweise des Ortsnamens entspricht auch erstaun- licherweise genau der heutigen mundartlichen Aussprache. Wichtig dabei ist, dass diese Schreibweise in einer vor dem Aachener Oberhof für Aachener Bürger aufgestellten Urkunde vorkommt : sie stammt von Leuten aus der Gegend, die die Verhältnisse wohl genau kennen. Dasselbe gilt übrigens von allen älteren Belegen des echten germani- schen Ortsnamens.,
4° Die älteste Schreibweise der germanischen Bezeichnung für das Erz lässt vielleicht auch den i-Umlaut des ”a” in der ersten Silbe vermuten. Oder welche andere Erklärung schlagen die Philologen für das ”ai” bzw. ”ay” vor? o 5° Die Eintragungen der limburgischen Rentmeister in den Rechnungs- büchern des 15. Jhs. weisen mehrmals eine Vertauschung von ”a” und ”e” bei dem Ortsnamen und bei der Bezeichnung des Erzes und der Gruben auf. Handelt es sich hier um eine falsche Lektion des Kopisten, da die in Fraktur geschriebenen Buchstaben einander sehr ähneln ? Es besteht ja auch dieselbe Verwechslung in anderen Wörtern wie ”heide” und ”haide”, ”hertoge” und ”hartoge”, Oder ist hier ein Einfluss der lateinischen bzw. mittelniederlän- dischen, brabantischen Sprache zu spüren ? Die Rentmeister stammten ja meistens aus dem Westen. 6° Der Ortsname ”KELMIS” bezieht sich wahrscheinlich zuerst auf die Ansiedlung der am Altenberge und an anderen benachbarten Gru- ben beschäftigten Bergleute. Zentrum dieses Weilers war die Rochus- kapelle (e jen Dörep), am Zusammenfluss von Göhl, Hornbach und Eselbach (heute Grünstrasserbach) und an der Grenze der drei Kirch- spiele Walhorn, Montzen und Moresnet. Im 15. Jh. erstreckte sich der Weiler auch über die drei Pfarreien, später verschwinden die auf Wal- horner Pfarrgebiet errichteten Häuser. Im 15. und 16. Jh. bildet Kelmis schon ein ansehnliches Dorf und Quartier, etwa wie Völkerich, Hergenrath oder Astenet. Bei der Veräusserung verschiedener Herrschaftsrechte und der damit verbundenen Errichtung neuer Herrlichkeiten im Limburger Lande, behielt sich der König von Spanien diese Rechte in Kelmis und am Altenberge vor : so entstanden die königliche Herrschaft und das königliche Schöffenamt Kelmis zwischen Roebach und Tüljebach, zwi- schen Horn und Iserentantenbächlein (Bächlein südlich des Bambo- sches). In der Franzosenzeit wurde die Herrschaft und Gemeinde Kelmis mit Moresnet zu einer einzigen Municipalite, Mairie oder Bürgermeis- terei zusammengelegt : die beiden Sektionen blieben aber bestehen. Durch Wiener Kongress und Aachener Grenzvertrag vom 26. Juni 1816 wird die Bürgermeisterei Moresnet in drei Teile zerlegt. Später werden die neugebildeten Gemeinden Preussisch- und Neutral-Mores- net durch Beschluss der interessierten Gemeinderäte und Bestätigung allerhöchster Stellen als die Rechtsnachfolger der ehemaligen Gemein- de Kelmis anerkannt. Beim Volke hat sich diese Tradition auch durchgesetzt, so dass der Ortsname vom ehemaligen Weiler an der Rochuskapelle zum gros- sen nach 1840 entstandenen Marktflecken nördlich der Galmeigrube übertragen wurde. 7° Die ersten romanischen Benennungen sind blosse Gattungsnamen : | |
sie beziehen sich ausschliesslich auf das Erz oder auf die Gruben. An- fang des 17. Jhs. kommt die Bezeichnung als echter Flurnamen für die bedeutendste Grube, den Altenberg, vor ; sie wird aber stets durch Ortsfremde romanischer Zunge gebraucht. Merkwürdig ist auch die Tatsache, dass die Romanen ausschliesslich den Namen ”KELMIS” für die Gemeinde verwenden : Ende des 18, Jhs. kommt zuerst der romanische Ortsname für den Weiler auf der Ferraris-Karte vor. Trotzdem bleibt die amtliche Be- zeichnung einzig und allein ”KELMIS” : in allen in französischer oder niederländischer Sprache abgefassten Aktenstücken und Urkunden ist nur von der Gemeinde oder Herrschaft ”Kelmis” die Rede. 0 8° Erst das belgische Gesetz von 1919 führt die amtliche Bezeichnung ”La Calamine” und ”Kalmis” ein. Der Entwurf der Regierung sah übrigens nur die Benennung ”La Calamine” vor. Es bestehen gute Gründe anzunehmen, dass die niederländische Form durch den flämi- schen Berichterstatter bei der Diskussion des Gesetzes im zuständigen Sonderausschuss der Kammer ohne besondere Erklärung eingeführt wurde, Wenn die Regierung erklärte, sie schlage vor, dem Gebiet seine ursprüngliche Benennung zurückzugeben, so klingt dies doch wunder- bar. Statt den alten limburgischen Namen ”Kelmis” wieder einzuführen, wie es die Erklärung des Aussenministers Paul Hymans erwarten liess, wurde die französische Übersetzung ” La Calamine ” gewählt. Dabei wurde der Eindruck erweckt, als ob es sich tatsächlich um die alte Benennung handle ! In der damaligen Nachkriegszeit lässt sich aber vieles verstehen : viele meinten, nur die französische Sprache sei im Königreich Belgien als echte Nationalsprache zu ehren, und alle Er- scheinungen germanischer Prägung, auch die Ortsnamen, seien auszu- rotten. In diesem Zusammenhang ist es auch verständlich, dass der “Weiler Bleyberg in Plombieres umgetauft wurde, 9° Durch die Sprachgesetzgebung von 1963 wurde die Zugehörigkeit der Gemeinde KELMIS zum deutschsprachigen Landesteil amtlich an- erkannt. Dadurch muss notgedrungen die germanische Benennung der Gemeinde amtlich in den Vordergrund treten. Leider handelt es sich bei der gesetzlich festgelegten Bezeichnung ”KALMIS” höchstwahr- scheinlich um eine von Gelehrten erfundene hyperkorrekte Form, die übrigens als ortsfremd empfunden wird. Da der alte limburgische Orts- name ”KELMIS” durch alle führenden belgischen Germanisten bewer- tet wurde, soll auch die Graphie ”Kalmis” aus den Akten wieder ver- schwinden. Der seit 1919 oft gebrauchte Ausdruck ”Gemeinde La Calamine” ist auch m. E. fehl am Platze ; es würde ja keinem einfallen ”Gemeinde Ambleve”, ”Stad Bruxelles” oder ”Ville de Brussel’ zu schreiben. Auch bei Schreiben privater Art, die in deutscher Sprache abgefasst werden, sollte der alte limburgische Ortsname ”Kelmis” wieder mehr in Ehren gehalten werden. »
GÖHL - GEUL - GUEULE Da ein Wasserlauf sehr oft mehrere Sprachgebiete durchquert, ist es auch verständlich, dass ihm ein Namen in diesen verschiedenen Sprachen gegeben wurde. Diese Flussnamen sind auch einer diesen Sprachen angepassten Schreibweise unterworfen, z.B. Meuse und Maas; Vesdre und Weser; Rhein, Rhin und Rijn; Rur und Roer. Unser Flussname wurde schon mehrmals durch bekannte Germa- nisten behandelt und Dr Kohnemann (Flurnamen des Walhorner Lan- des. Löwen. 1961, S. 195, Nr 684) veröffentlichte ein längeres Ver- zeichnis vieler belegter Schreibformen. Ich begnüge mich deshalb, einige derselben zu bringen, vor allem diejenigen, die ausserhalb des Walhor- ner Raumes vorkommen. 891 ”torrentem qui Gulia dicitur” (Fellier J., Origine de quelques noms de lieux vervietois, in Bull. Soc. Verv. Arch. Hist., Bd. 13, 1913 - Sieg eines nor- mannischen Heeres über die Kaiserlichen - Feller stellt die drei Flussnamen Göhl, Gülpe und Gileppe als eng verwandt dar) 1341 ”supra Goylam” (siehe Kohnemann) 1374 ”Bradersberch opte Goule” (Allgemeines Reichsarchiv Brüssel, Lehnkam- mer von Brabant, Spechtboek, f° 300 v° - es handelt sich um das limburgische Lehen Bradersberch bei Bieyberg) 1391 "alle die Goele uff bis zu Mormesneyt” (Beschreibung der Grenze von Hertogenwald und Aachener Gemeinde. Kopie des 17. Jhs. Staatsarchiv Lüttich, Herzogtum Limburg, 1042 (5). Veröffentlicht bei Willems B., Ostbelgische Chro- nik 1, 1948, S. 216) 1470 ”van de vyscheryen in den water geheyten die goele” (Allgemeines Reichs- archiv Brüssel, Rechnungskammer von Brabant, 2447, f° 196 v°) 1580. "op de geull” (sieh Kohnemann - Stadtarchiv Aachen. Vogtgedingbuch der Bank Walhorn; f° 19 v°) um 1600 ”Guel” (Karte des Christian Sgrooten aus Kalkar am Niederrhein, 1557 - 1608 - bei Buchet A., Le Duche de Limbourg et les Pays d’Outre-Meuse au XVI“ sie&cle. Verviers. 1950) 1603 ”Geul” (Limburgensis Nova Descriptio - Karte des Aegidius Martini) 1777 ”Geul” (Karte von Ferraris) 1893 ”Geul” (Messtischblatt Aachen) 1954 "Die Göhl” ”de jöl” ”la Geul’ (Boileau A., Enquöte dialectale sur la topo- nymie du Nord-Est de la province de Liege. Liege. 1954. Die Schreibweise ”"Göhl” herrscht im amtlich anerkannten deutschsprachigen Raum vor : Eynatten, S. 303, Nr 43; Hauset, S. 296, Nr 34; Hergenrath, S. 259, Nr 35, Neu-Moresnet, S. 252, ? Nr 18A. Die Schreibweise ”Geul” allein wird in den altbelgischen Gemeinden registriert : Moresnet, S. 236, Nr 22; Montzen, S. 207, Nr 39; Gemmenich, S. 224, Nr 58; Homburg, S. 190, Nr. 38; Sippenaeken, S. 182, Nr 20. Kelmis, ‚das ehemalige neutrale Gebiet, kennt beide Schreibweisen. r 10
} 1960 ”Die G hl” ”La Gueule” ”Geul” (Messtischblätter Henri-Chapelle-Raeren Nr 43/1-2 und Gemmenich-Botse!aer, Nr 35/5-6 des Geographischen Militär- instituts Brüssel - Um die Ortsnamen nach wissenschaftlichen Regeln festzulegen, wurde ein Gutachten der Kgi. Kommission für Toponymie und Dialektologie eingeholt. Die Ortsnamen werden in den drei nationalen Sprachen angegeben. Nach Kohnemann wird die von Schönfeld — Nederlandse Water- namen. Brüssel. 1955 — vorgeschlagene Deutung als allgemeingültig angesehen. Dieser Autor leitet den Flussnamen vom Appellativ ”geul”, mittelniederländisch ”geule” ab, d.h. schmales, tiefes Gewässer. Er nimmt an, es handle sich dabei um eine Vermischung eines germani- schen mit einem romanischen Wort. Für den deutschen Sprachraum hat die Kgl. Kommission für To- ponymie und Dialektologie ”Göhl” vorgeschrieben (siehe Messtischblät- ter). Beim Vokal handelt es sich ja um denselben Laut wie etwa in Köln, mit dem Unterschied, dass er länger ausgesprochen wird. Dieser Laut wird fast immer mit ”ö” geschrieben, das ”h” soll die Verlänge- rung andeuten. Die Graphie ”eu” kommt nur in vom Französischen abgeleiteten Fremdwörtern vor ; als solcher darf aber der einheimische Flussnamen nicht angesehen werden. Die Schreibweise ”Geul” würde übrigens im Deutschen zu der diphtongierten Aussprache - wie Heu, Feuer, Preussen - führen. Diese durch die von einer Fremdsprache beeinflusste Schreibweise bedingte Aussprache wird ja schon zur Zeit von einigen angenommen. Für diesen Prozess besteht in der Gegend das klassische Beispiel von ”Eupen” aus ”Öpen.” Im Niederländischen und im Französischen dagegen ist die Gra- phie ”eu” vollberechtigt : sie entspricht ganz und gar der Aussprache : ”Gueule” wie ”beurre”; ”Geul” wie ”deur”. In deutschen Aufsätzen sollen wir aber alle die von den Fachleu- ten anerkannte Schreibweise ”Göhl” verwenden, wie es die Redaktion dieser Zeitschrift auch mutig gezeigt hat. 9
Die Sage von der Emmaburg. von Leo Wintgens Emma und Eynhard, Karl der Grosse, war zeitlebens ein geplagter Mann : Schon im besten Mannesalter riss und zerrte Rheuma in all seinen Gelenken, immer wieder musste er inner- und ausserhalb seiner Landesgrenzen für den Frieden kämpfen, und wenn er zu Hause war, hatte er seine lie- be Not mit der Erziehung seiner Nachkommenschaft, insbesondere sei- ner heranwachsender Töchterschar. So soll er seinem Hofstab und selbst seinen Besuchern immer wieder eingeschärft haben : ”Hütet euch vor den leichten Vögeln, die in meinem Palast herumflattern !” Zu jener Zeit hatte der Frankenkaiser sich nämlich schon in Aachen häuslich niedergelassen. Durch regelmässige Bäder in dem lauen Schwefelwasser, das dort noch heute reichlich aus dem Boden sprudelt, hoffte er, seinen starren Kriegergliedern etwas Linderung zu verschaffen .. Unter den zahlreichen Gelehrten, welche Karl an seinen Hof be- rufen hatte, befand sich auch ein kluger, doch lebensfroher junger Mann, Eginhard oder Eynhard mit Namen. Dieser hatte sogleich — ungeachtet der väterlichen Warnung — ein Auge auf eines der hüb- schesten und flüggesten ”Vögelchen” geworfen, und auch die holde Maid war ihm sehr gewogen. Doch Karl wollte Emma, so hiess das reizende Wesen, als ein Mittel zur Unterwerfung der Sachsen verwen- den, als Geheimwaffe sozusagen ! Kurzum, sie sollte Widukind oder einen anderen der Sachsenführer ehelichen und somit einen dauerhaften Frieden sichern. Aus diesem Grunde beobachtete er missmutig die zarten Fäden, die sich zwischen Imma — so nannte er seine Tochter, wenn er ihr böse war — und seinem jugendlichen Freund Eginhard spannen. Als er die beiden eines Abends beim heimlichen Techtelmechtel ertappte, drohte er dem jungen Manne, der ihm jedoch als Gelehrter unentbehrlich war, mit der sofortigen Ausweisung. Die Emma schickte er für mehrere Mo- nate ins weltverschlossene Nonnenstift nach Köln. Der kluge Eynhard jedoch war sich dessen bewusst, dass es nur . bei der Drohung bleiben würde und gedachte seiner Emma weiterhin in treuer Liebe. Diese bestürmte ihren Geliebten nun erst recht mit heimlichen sehnsüchtig-feurigen Liebesbriefen, Eines Tages nun fiel einer dieser ”Hilferufe”, durch die missgüns- tigen Machenschaften einer eifersüchtigen Hofdame, dem Kaiser in die Hände. Wutentbrannt, in seiner Eigenliebe als Vater und Diktator }gekränkt, fetzte er rücksichtlos den unschuldigen Umschlag auf! — Hier darf auch die Legende nicht verschweigen, dass Karl der Grosse, welcher ja als Förderer des Schulwesens in die Geschichte eingegangen ist, das Schreiben zwar noch als Erwachsener geübt, ... aber nie mehr gelernt hat ! Auch mit seiner Lesekunst haperte es zu seinem grössten 12
Leidwesen sehr. Dies trug auch in diesem Falle gewiss nicht dazu bei, seine Empörung zu dämpfen. Schon das Buchstabieren der Anschrift : ”Myn minniglic eynzig Eyne” liess ihn abwechselnd vor Zorn und Scham erröten, vor Erregung und Angst erbleichen : ”Diese Imma ! ! Sie missachtete seine Befehle ! Seine eigene Tochter rebellierte ! Ver- räter in den eigenen Reihen ! Das Reich schwebte in Gefahr !” Schwitzend, mit zitternden Schnurrbartzipfeln, stürzte der unter- setzte Herrscher aus seinen Privatgemächern in die ihm sonst Ehrfurcht einflössenden Gelehrtenräume der Aachener Kaiserpfalz. Hier musste der arme Eginhard wiederum eine eben unheilverkündende wie zeit- raubende Standpredigt anhören. Imma wurde durch einen der schnell- sten Eilboten aufgefordert "unverzüglich, ohne zu säumen, vor des Kai- sers Thron zu erscheinen !” Als die zartgliedrige Emma nun zaghaft ... und doch tapfer vor ihn, oder besser hinter ihn trat, (er wandte ihr als Zeichen seiner Un- versöhnlichkeit sogleich den Rücken zu !) hielt er ihr erst in ernsten ' Worten ihr unverzeihliches Vergehen vor, verlegte sich dann aber, da sie hartnäckig schwieg, fast aufs Bitten. Er wollte ihr zuletzt sogar Bur- gen und Güter schenken, wenn sie dem ”Eynen” den Laufpass gäbe und verspräche, den Sachsenkönig zu heiraten ... Als jedoch all seine Bemühungen nichts fruchteten, bekam er wieder einen seiner zerstö- rerischen Wutanfälle, zerriss ihren lieben Brief vor ihren Augen und verbannte sie ”postwendend” auf die abgelegenste Göhlburg. Dort stand sie unter der strengen Aufsicht derselben gehässigen alten Amme, welche einige Jahre später - unter der Last ihrer Verant- wortung noch strenger, noch gehässiger geworden - die Tragödie zweier Liebenden verursachen sollte, von der uns noch heute das uralte Volks- lied von den ”zwei Königskindern” singt. Wochen, Monate vergingen ! Jahre voller Seelenqual und Her- zensnot für die beiden getrennten und innig verbundenen Liebenden - und für Karl, den Vater ! Ja, auch er litt unter dieser, durch die poli- tischen Umstände geschaffenen, aussichtlos scheinenden Lage. Gott sei Dank, nahmen die kriegerischen Sachsenfürsten des Frankenkönigs Bedingungen noch nicht an! So konnte er seiner Emma wenigstens vorläufig das Härteste ersparen. Alle zwei Monate stattete der viel be- schäftigte, früh ergraute Vater der Emmaburg, wie er sie insgeheim schon nannte, einen Besuch ab. Er verbrachte dann den ganzen Abend im trauten Gespräch mit seiner Tochter. Bekümmert sah er ihre ver- härmten Züge, ihre sorgenschweren Lider, und sie bemerkte wohl sei- nen prüfenden, väterlich - besorgten Blick; dennoch scheuten sich beide, auch nur eine Anspielung auf den doch unabänderlichen Grund ihrer Leiden zu machen ... An einem dunklen Wintertage, nachdem Karl gemeinsam mit Eyn- hard die kaiserlichen Galmeigruben inspektiert hatte, die der Göhlburg am nächsten lagen, brach kurz vor ihrem Heimritt ein eisiger Schnee- sturm los. Sogleich beschloss der rheumageplagte Kaiser, nach einem vielsagenden Seitenblick auf seinen jugendlichen Begleiter, in der nahen Burg Schutz zu suchen.
fi 7 46 VD { 4 ces A A 1% 0 Wan A Be 16 Se Bar A +3 BEE ENS- A SC 7 EA a DO Oh WESEN % A Are A A 0 N a A Be i/ E in ME A na A On wi OR A AA 14 Hm X 20 PN DE A E38 % ER A SP, U VA ES A A A EN SEN w BIS Va Sn EEE ET A en A A Oh EEE WE A a EZ N A NM ee % FA ZN EN A, Sal ER 9 Ze f A DEE SA a EEE FE SEE PA BZ An Ad 4 d KEN KO, AO EBENE EN Ka Ce 8 ZZ BE AB Bee ES ES ON A Die Emmaburg vor dem Ausbau um die Mitte des 19, Jahrhunderts, Hier angekommen, vermied er wohlweislich eine Begegnung der beiden Liebenden, dennoch gelang es ihm nicht, Emma die Anwesen- heit ihres Geliebten zu verheimlichen. Jeder wird wohl das schmerz- liche Glücksgefühl, den zwiespältigen Wach-Traum-Zustand verstehen, in dem die beiden einander so nah und doch so fern fühlten. Selbst der lebensharte Kaiser konnte es nicht mehr mit ansehen! Er wies ; Eginhard im Gesindehaus eine Ruhestatt an und zog sich in sein Schlaf- gemach zurück, wo er, von körperlichen Schmerzen und Gewissens- bissen geplagt, versuchte, etwas Schlaf zu finden. Da dies ihm nicht gelingen wollte, erhob er sich gegen Mitternacht ächzend von seinem Lager, um einen Blick auf das in seinen Muskeln und Knochen reis- sende Wetter zu werfen. Es hatte schon seit geraumer Zeit aufgehört zu schneien, und Karl betrachtete "befriedigt die makellosen Schnee- | flächen ... Da! ... auf einmal ... :”Was bewegte sich dort über den Hof ? ein ungeheures Geschöpf mit zwei Köpfen ! Ein Werwolf ? !” Verwirrt rieb Karl sich die Augen. Doch bald verzerrte sich seine Schreckens- miene zum verständnislosen Grinsen ... : ”Ein Frauenzimmer trug einen Mannskerl huckepack über den beschneiten Hof !! Vom Frauenflügel zum Gesindehaus ! ” ... Plötzlich weiteten sich seine Augen : ”War das nicht — seine Emma ? Und Eynhard auf ihrem Rücken ? Wie konnte 14
sie der Amme nur entwischt sein? — Die sollte was erleben ! ” Läh- mend drang seine Stimme an das Ohr der beiden Missetäter. Stocksteif vor Schrecken standen sie im Schnee ! Zwei arme Sünder ! Sogleich befahl er sie auf sein Zimmer. Doch nur mehr mit gedämpfter Stimme : die geschwätzige Dienerschaft sollte die Schandmär von der. männer- tragenden Kaiserstochter nicht im ganzen Reich verbreiten. Aber auch alternde Bediente sind oft gichtleidend und verbringen daher manche Nachtstunde wachend ! Glücklicherweise, sonst wäre diese Geschichte uns wohl nie zu Ohren gekommen. Was oben in Karls Gemach vorgefallen, verschwieg des Sängers Höflichkeit. Wir wissen nur, dass’ der Kaiser letzten Endes sehr gross- mütig mit ihnen verfuhr. Ob eingedenk seiner eigenen Fehler, ob gerührt durch solch treue, opferbereite Liebe, oder ob Karl. den Schneesturm als Gottes Fügung, als Gottesurteil betrachtete ?... Dies zu beurteilen, überlässt uns die Sage. Doch eines ist klar ! Auch Fortuna war den Liebenden nun hold : Kurze Zeit später unterwarfen die Sachsen sich bedingungslos der kai- serlichen Übermacht. Eynhard und Emma wurden also getraut und er- hielten die Emma- oder Eyneburg mit all ihren Ländereien als Mitgift. Noch in demselben Jahre gebar Emma einen strammen Stamm- halter. Dieser wurde in dankbarem Gedenken an Grossvaters mildes Urteil ”Hartnid” genannt. Und als im übernächsten Jahre ein zweites Söhnlein auf die Welt kam, waren sich Emma und Eynhard wiederum gleich einig ihn auf den ebenso bedeutsamen Namen ”Nithard” zu tau- fen. Auch die berühmten Geschichtsbücher Eynhards und Nithards bezeugen in ihrer wahrheitsgetreuen, doch bewundernden Schilderung Karls des Grossen, dass seine gütige, väterliche Handlungsweise nie vergessen wurde, Anmerkung : Die Legende von Emma und Eginhard wurde im Jahre 1180 zum ersten Mal von einem Mönch von Lorch nach der mündlichen Überlie- ferung niedergeschrieben. Vom rein geschichtskundlichen Standpunkte betrachtet sind hier, wie bei jeder legendarischen Erzählung, einige Richtigstellungen angebracht : — Was den Ort betrifft : 1) Zur Zeit Karls des Grossen hat die Eyneburg wahrscheinlich noch nicht bestanden. 2) Im "Aachener Sagenkreis” ist die Kaiserpfalz zu Aachen der Ort der Handlung. Die Emmaburg soll den Liebenden jedoch zeitweilig als Aufenthalt gedient haben. — Was die Personen betrifft : 1) Eynhard oder Eginhard (770-840) war wirklich ein enger Ver- trauter Karls des Grossen und einer der wichtigsten Geschichts- schreiber seiner Zeit. Seine Frau hiess zwar Imma, doch war sie keine Tochter des Kaisers. 2) Aus der Verbindung von Karls Tochter Bertha mit dem damals berühmten (und als "Homer Aachens” gerühmten) Staatsmann und Dichter Angilbert gingen die beiden Söhne Hartnid und Nithard hervor. Letzterer hat sich auch als Geschichtsschreiber einen Namen gemacht. is
Lontzen von Robert Creutz So wie der Fontenes- bew. der Lontzenerbach seinen Weg in die Göhl fand, so geben wir zu Beginn dieser Artikelserie über das Dorf und die Pfarre Lontzen unserer Hoffnung Ausdruck, dass auch bald eine Gruppe aktiver Mitarbeiter den Weg zur Vereinigung für Kultur, Heimatkunde und Geschichte im Göhltal findet. Da dieses etwas von den grossen Verkehrswegen, in einem reizenden Tale geborgene Dorf, eine äusserst grosse Reihe heimatkundlicher Schätze aufzuweisen hat, u. a. Funde aus der Kelten- und Römerzeit, Sonderstellung unter den Dörfern des Eupener Landes, die Schlossbauten Welkenhausen, Mütz- hagen und Krickelhausen, eine grosse Anzahl Adelswohnungen, die St. Hubertus-Pfarrkirche und die St. Anna-Kapelle, u. v. a., stellten wir uns als erste Aufgabe, einen allgemeinen geschichtlichen Leitfaden ab- zufassen, um dann später jedes einzelne Kapitel in diesem Rahmen eingehend zu studieren. Dieser Teil am Webstuhl der Geschichte stützt sich vornehmlich auf Angaben von Pater F. Schauff, Kaplan in Lontzen von 1936 bis 1942. Die Entwicklungsgeschichte unseres Planeten lehrt uns, dass im Laufe von Millionen Jahren wenigstens zweimal auch über dem Gebiete zwischen Rhein und Maas das Meer rauschte. Etwa in der Zeit, in der das Rheinische Schiefergebirge emporstieg, entstanden die Höhenrücken unserer Heimat und erfolgte ihre Entwässerung durch Weser und Göhl zur Maas hin. - Schon diese geographische Lage musste Lontzen eine eine Fülle geschichtlichen Erlebens eintragen ; denn das Gebiet zwi- schen Maas und Rhein, dem es zugehört, ist eine jener geschichtlichen Durchgangsstrassen, die die Völker allezeit rheinüber und -herüber zogen, bald zu blutiger Fehde, bald zu kulturellem Gütersaustausch. Immer dann, wenn an Rhein oder Maas weltgeschichtliche Stunden schlugen, hat auch Lontzen ein Kleines oder Grosses erlebt. Von den Kelten und Römern zu den Franken. Ehedem, lange vor der Römerzeit, siedelten im Lontzener Land die Kelten. Unter dem Druck der Germanen wurden sie zum Rückzug gezwungen, Land, Kultur und völkische Reste den germanischen Er- oberern hinterlassend. Um 100 v. Chr. greifen die germanischen Eroberer hinüber auf das linke Rheinufer. Als der Römer Julius Caesar nach seinem Siegeszug über die gallischen und belgischen Stämme im Sommer d. J. 54 v. Chr. in unserem Lande erscheint, trifft er daselbst auf den belgo-germanischen, noch unbesiegten Stamm der Eburonen ; Hauptort der Eburonen war Aduatuca, wie einige vermuten, das heu- tige Limburg. Für die Versorgung der Römer mussten Land und Leute aufkommen. Nachdem im Sommer 54 sich die Eburonen erfolgreich gegen die Römer erhoben, kam im Spätsommer 53 die Rache der er- grimmten Römer über das Eburonenvolk, Unser Land wurde verwüs- tet, die Siedlungen verbrannt, die Eburonen selbst vernichtet oder ver- sklavt. 16
Bis um 355 n. Chr. hält die Römerwacht. Doch bald erfolgt der Einfall der Germanen. Um 400 n. Chr. ziehen die letzten römischen Legionen vom Rheine weg nach Italien. In breiter Front von Strassburg bis an die Rheinmündung rücken die Germanen vor. In unserem Gebiet siedeln sich die niederrheinischen Frankenstämme an. Von 406 bis 751 wird das Land Lontzen von den Merowingern (Chlodwig !), beherrscht und gehört zum Reichsteil Austrasien (= Ostland). Als die Hausmeier des Merowingerstammes die Krone des Frankenreiches an sich reissen, bricht bald eine neue Zeit an : die Karolingerzeit. Die Grösse dieser Zeit hat auch Lontzen aus nächster Nähe miterlebt. Über die alten Römerstrassen ist Karl der Grosse durch unser Gebiet gezogen, bald mit Heeresmacht, bald zur Ardennenjagd ”unter dem Schall der Hör- ner, dem Wiehern der Rosse, dem Bellen der Meute ”. Von der Karolingerzeit und der Zeitepoche von 925 - 1794/95, als Lontzen eine freie Herrlichkeit bildete, berichten wir in der nächsten Ausgabe. Das liebende Herz. Wer Liebe stets im Herzen trägt hat immer was zu geben und wenn es für den Nächsten schlägt, krönt es sein irdisch Leben ! Es baut auf manches traute Heim, die Einheit zweier Seelen erstickt den bösen Trieb im Keim, lässt ihm die Nahrung fehlen ! Ein liebend Herz ist edel, rein; das lässt sich nicht bestreiten. Mög’ es uns Menschen gross und klein im Alltag stets begleiten ! P. Zimmer 17
Stiepenhof. Wie vör e hof Johrhondert met Jrusele noch woet A Hexe en Jespenster en Spokerej jegloet, Wie överal a Hage en Stegele et Nats Sot enge an et Spoke als schwate Hond of Katz, Dä heem als Hexmantover et ”Jestlech Scheld” besot, Wumet sech feste hexe en feste spoke lot — En dä Tiet also hauw et, esö vertellt me sech, Och Hexe en os Jegend, och heem e Jömmelech. — Et heescht dat ajjen Hagdoen e Fachwerkhüske stong Met jrönjesträceke Baike, wura et Ställsche hong. En en dat Ställsche hausde et Stiepenhof met Schreck Tesame met sie Söster, Marjusep op en Kröck, Die twei, dat wore Hexe, jeböckt en schro en ot, En döcks wätt dat Jeschichske va Stiepenhof vertot : Et koem ens ene Somer, sö öm de Meddagsstond, Der Coemaet van ne Blyberg met Päed en Kar en Hond. Der Weg jong övre Höfke, wu häe sech ens jätt sot En sech e Pipke stopde, et Päed ens röste lot. Der Hond lat sech jemütlech derneve en ne Jrav, Wie jrad der Weg van ove koem Stiepenhof erav. Jehöpple koem et noder; op emol bläv et stue En ropde an der Coemaet : ”Dött do dä Hond vut jue !” Der Coemaet, dä janz sieker wor, dat et Deer net bäet, Vont drop te reagere et net der Möhte wäet. E trok mer an sie Pipke en starrde no der Rook, Dä ejjen Sonnestrohle hong als en liete Wook. ”Now hott doch ühre Köter — sat Stiepenhof — ens vass !! ” Der Coemaet jov jeng Antwoet, höm makde dat mer Spass. "Dat wätt öch noch jeröje, hüet mer ens wat ech sag!” Roop Stiepenhof onheemlech en sot sech ajjen Hag. — Wie no e Viedelstöntsche der Coemaet vahre wol, Du sog häe, dat janz adeg de Sak sech now verhol : Et Päed vong an te schwete en ruet sech net va Vleck — Do nötzde jar je kalle en jenge Schmekesteck. | Et stong wie ajewottelt, et stong do wu et stong, | Wor net va Platsch te brenge, wat och der Coemaet dong. En Stiepenhof, dat lachde, : ”Do hat där et jo, dä! Wat kräch där och dä Köter net vut do. Hähähä !” Der Coemaet wor verzweifelt en woss net mie wat due — Du huet me op ’ne Blyberg et twelef Uhre schlue. En wie et Meddag luchde, du brok dä Hexebann, Et Päed trok oweblecklech wer stärk en kräfteg an, En hat de Kar jetroke wie nex der Weg erop, Der Coemaet jong derbater en schödelde der Kop. — | Dat also es, lev Läser, va Stiepenhof de Sag, I Die auwer Lüj vertelle ut auw verjange Dag. En wenn se dova kalle, da sönd se janz bedrövt, Dat jenge mie a Hexe en Spokerej hüj jlövt. — Gerard Tatas 18 }
Cesar Franck ein p & Schaffender zwischen den Nationen, BES 4 Al ”Wer ist Cesar Franck? Ist das & Fa > nicht zu modern ?” So und ähnlich R f # bs Sl soll nach einem, Zeitungsbericht mA 3 über die Meisterkonzerte in Aachen |” Tor a vor etwa einem halben Jahre noch ; 9 während der Pause im Foyer des A Kurhauses besorgt gefragt worden f z \” sein. Nun kann eine Kammermusik- 4 ME P veranstaltung nach dem gleichen 3 Sa a Bericht heute nicht mehr mit jenem DD sachkundigen Liebhaberpublikum {d rechnen, das vor 30 Jahren die städt. Kammermusiker trug. Es wird sich hoffentlich aber nur um eine Einzelerscheinung gehandelt haben, die man besser überhört haben würde. Dennoch steht sie durch ihre Bekanntgabe in der Presse im Raum und erwartet eine Beantwortung. In einer solchen Frage spiegelt sich m. E. weniger die Furcht weiter Konzertbesucher-Kreise vor der ”Moderne” wieder als die traurige Feststellung, dass trotz aller Bemü- hungen in den letzten Jahren, den Komponisten Cesar Franck in Aachen ”marktgängig” zu machen - wenn man diesen nach materiellen Dingen klingenden Ausdruck überhaupt anwenden darf - leider immer noch nicht genug geschehen ist, die Werke des Meisters auch dem weniger kunstsachverständig Interessierten näher zu bringen. Es dürfte kaum genügen, wenn man voraussetzt, dass jeder Besucher sich an Hand eines Konzertführers vor der Aufführung über das jeweilige auf dem Pro- gramm stehende Werk unterrichtet (wenn er nur das schon zu Hause täte) und auch eine kurze Lebensbeschreibung des Meisters oder Werk- beschreibung auf dem Programm verschafft noch keine ausreichende innere Beziehung zu seiner Musik, wenn sie nur alle Jubeljahre gehört werden kann und zwar nicht nur auf Schallplatten, sondern im Kon- zertsaal selbst. Es gibt eben Werke, deren Schönheit sich dem ungewohnten Hörer nur bei öfterem Hören ganz offenbart, weil die Fähigkeit zur Aufnahme selbst des Erhabensten und Erlesensten begrenzt ist, wie auch Dr Mohr als Musikwissenschaftler in seiner Biographie über Cesar Medaillon von Auguste Rodin am Grabmal Cesar Francks auf dem Pariser Friedhof Montparnasse. Mit seinen kühnen Gruppen (Bürger von Calais) und jener stolzen Reihe von Köpfen (Portraits), die den Adel des menschlichen Geschlechtes wieder- geben, hat der geniale Künstler A. Rodin (1840-1917) der Bildhauerei eine ganz neue Richtung gewiesen. Sein zeitweiliger Privatsekretär war Rainer Maria Rilke, der, ebenso wie Stefan Zweig, uns Rodin menschlich näher gebracht hat : Sein Aussersichsein im Schaffen, seine Güte und Einsamkeit ähniich wie bei Cesar Franck, 19
Franck Seite 59 und 257 richtig darlegt. Die bisherige Anzahl der Auf- führungen von Werken Cesar Francks dürfte kaum ausreichen, den Meister sofort an seiner unverkennbaren Eigenart zu erkennen, und viele Schätze aus seinem Repertoire sind noch ungehoben. Es bleibt dem Empfinden jedes Einzelnen anheimgestellt, ob ihm die Musik Cesar Francks zusagt oder nicht, und es soll hier keine aufdringliche Schwär- merei oder ein Vorurteil betrieben werden, weil er zufällig durch seine Eltern mit dem Limburgerland eng verbunden ist. Aber etwas mehr Begeisterung für den Sohn des ”Landes ohne Grenzen” und Berück- sichtigung seiner Werke besonders bei völkerverbindenden Veranstal- tungen würde - auch wenn nach dem Sprichwort kein Heiliger in seinem Land verehrt wird - ihn und den eigentümlichen Reiz seiner Musik der breiten Öffentlichkeit näherbringen. Gewiss ist in den dreissiger und vierziger Jahren viel über ihn geschrieben worden und im Rahmen der Volks-Symphonie Konzerte und der Kammermusik im Konzerthaus der Stadt Aachen wurden ihm zu Ehren Gedenkfeiern mit hervorragenden Solisten wie D. Lenzen und Joe Hoffmann gewidmet. Auch wurden seine Symphonische Tondich- tungen und Variationen sowie das Präludium, die A-dur Sonate und das f-moll Quintett mit beachtlichem Erfolg aufgeführt. Kein geringerer als Generalmusikdirektor Herbert von Karajan nahm sich in seinen grossen städt. Konzerten der d-moll Symphonie an, und wer einmal ihn ebenso wie Furtwängler Cesar Franck dirigieren hörte, dem wird eine so klang- voll herrliche Aufführung in steter Erinnerung bleiben. So bezieht denn auch von Karajan die d-moll Symphonie von Cesar Franck in seine Aus- wahl der 100 schönsten Konzerte ein (Bertelsmann-Verlag 1959). Ferner nahm sich der Rundfunk damals mit Uraufführungen von Duet- ten (1942) des Meisters an, um ihn von der ”ganz besonders liebens- würdig-innigen Seite” zu zeigen. Seitdem haben wir keine Proben Franckschen Liedschaffens hier mehr gehört. Auch gerieten die beiden Opern Francks : ”Hulda”, eine skan- dinavische Legende nach einem Jugenddrama von Björnstjerne Björn- son und ”Gisela”, ein lyrisches Drama nach Thierrys ”Geschichten aus der Merowingerzeit” in den Wirren der damaligen Zeit in Verges- senheit. Sie wurden von dem erfolgreichen Frankfurter Romandichter Richard Weisser ins Deutsche übersetzt und in Monte Carlo 1894 bezw. 1896, also fast 3 1/2 Jahre nach dem Tode Cesar Francks, unter Leon Jehin uraufgeführt. Die Titelrolle sang damals Frau Deschamps-Jehin bezw. Fräulein Eames. In der Nachzeit waren die massgeblichen Aache- ner Intendanten nicht für eine deutsche Aufführung zu gewinnen, da die Noten- und Textbeschaffung zu schwierig war. Sie konnten nur leihweise aus Paris bezogen werden und es scheiterte an der passiven Resistenz des Verlages, dem man dies unter den damaligen Umständen (1947) eigentlich auch nicht übelnehmen konnte. 20
| 1 a : Ber | A = a & a ® S SS er a 5 A a 2 7 U N 2 SE SS EEE meer) EEE LS EP ZN 5 SS CE Fa DE > a a EEE 8A 2 a af — ge Ken Aa 2 nA ARE NE A 75 EEE Das bekannte Denkmal Cesar Francks vor der Kirche Ste, Clothilde in Paris wurde von dem Künstler A. Lenoir geschaffen. Inzwischen ist man auch in Paris so weit, wieder verantwortlich europäisch zu denken, sodass diese Klippen zu überwinden sein würden. Auch der Franck-Forscher Dr Mohr, der mit seiner ersten in deutscher Sprache erschienenen Biographie über C6sar Franck erhebliche Pio- nierarbeit geleistet hat und ohne den eine richtige Würdigung der Leis- tungen des Meisters für viele, die der französischen oder anderer Fremdsprachen nicht mächtig sind, vielleicht bis heute kaum möglich gewesen wäre, ist der Ansicht, dass man diese Opern wirklich kennen lernen, sich in sie hineinversenken und sie dem deutschsprachigen Opernpublikum bekannt machen soll. Mohr, dem der alte kürzlich ver- storbene van den Borren ritterlich bestätigt, dass er ”un connaisseur &merite de l’ceuvre de Cesar Franck, un musicien instruit et sensible” sei, weist in seinem Werk darauf hin, dass es sich nicht um Jugend- werke Francks handele, sondern die Enstehung der Opern in die Zeit seiner grössten Reife und Meisterschaft falle, also gegen Ende seines Künstlerlebens, wo er die grössten bleibenden Werke schuf. Der Meis- ter hat von diesen Opern keine einzige gehört. 21
Die mässigen Texte - wie bei den meisten Opern - sind der herr- lichen dramatischen Musik nach seiner Auffassung günstig, und magere Stellen habe selbst die strahlende ”Meistersinger”-Partitur. Im übrigen könne eine deutsche Übersetzung des französischen Textes nach Bedarf aufgelockert werden, ohne den Inhalt zu verfälschen. Es empfiehlt sich die Ausführungen Mohrs (Seite 197 ff) zu diesem Thema sehr aufmerk- sam zu studieren und auch auf seine Darlegungen hierzu in ”Musik in Geschichte und Gegenwart”, Allgemeine Enzyklopädie der Musik S. 650, sei verwiesen. Nun vernimmt man aus der Aachener Presse (Aachener Nachrichten v. 26. 1. 67), dass der Opernspielleiter des Stadttheaters Aachen, Wolfgang Rostock, die Weichen vom ausgefah- renen Repertoirenspielplan auf ein breitgefächertes Angebot umstellen will, offenbar auch um ihn wirtschaftlich auszubalancieren. Dem soll auch die Überlegung gelten, ein neues Abonnement für Premieren. zu schaffen und dadurch mehr Dauerplatzinteressenten zu gewinnen. Als ein musikalischer Schatzgräber in einer modernen Zeit durchforscht Rostock die Archive und Partituren nach ungehobenen und vergessenen Schätzen. Richtig stellt er fest, dass viele Opern zu Unrecht verges- sen wurden und richtet sein besonderes Augenmerk auf Albert Lort- zing, der 10 Jahre mit dem Aachener Stadttheater künstlerisch ver- bunden war und zwar zu einer Zeit (1816 - 1826), als der kleine Cesar Franck in Lüttich am 10. 12. 1822 gerade geboren wurde. Zu dem musikalischen Erbe der Vergangenheit zählt er u.a. auch Berlioz, dessen ”geniale und raffinierte Orchesterhexereien” Cesar Franck völlig ablehnte, trotzdem er seine technische Meisterschaft und Virtuosität der Darstellung anerkannte. Cesar Franck fand eben seine Orchestermusik nicht aus dem Klang sondern aus dem musikalisch Ab- soluten heraus. (Bio. Mohr 172). Beide waren wie auch Gounod Privat- schüler des angesehensten und bedeutendsten Theoretikers Anton Rei- cha, Hier darf auf die vorzüglichen Ausführungen von Norbert Weber über Cesar Franck in ”Aachener Bilder und Berichte” von Oktober 1963 verwiesen werden. Zu dem neuen Vorhaben von Rostock empfiehlt Norbert Weber mit Recht an anderer Stelle (A. N. v. 28.1.67) bei der Auswahl der zu Unrecht vergessenen Opern eine strenge Auslese und Kritische sowie sorgsame Prüfung. Doch dürften nach den oben zitierten Aus- führungen von Dr. Mohr, der über das erwünschte und erforderliche Grundlagenwissen verfügen dürfte, keine Bedenken bestehen einen Ver- such mit einer Erstaufführung in deutscher Sprache gleich der wohl- gelungenen Stradella-Premiere, die, wie der Beifall zeigte, beim Publi- kum gut ankam, zu unternehmen. Diese Auffassung vertritt auch der erfahrene Bruneau, indem er sagt : ” Wenn man «Hulda» im Theater spielen wird, werden jene, die jetzt noch behaupten, Cesar Franck habe kein Bühnengeschick gehabt, überrascht sein von der tragischen Kraft dieser stolzen Partitur.” Auch van den Borren spricht von der trium- phierenden inneren Kraft des Musikalischen an sich, dem leidenschaft- lich lebendigen Atem des grossen Musikers, dem gegeben ist, alles zu sagen. 22
Paul Zschorlich fragt in der Hessischen Zeitung 1940 S. 362 : ”Hat sich wohl je ein Klavierauszug oder gar eine Partitur von ihm nach Deutschland verirrt ?” Aber dann sollte man kein Urteil abgeben, folgert Mohr daraus ; ausserdem sei es eine Angelegenheit des persön- lichen Geschmacks jedes Einzelnen, ob er nun den individuellen Stil der Musik Cesar Francks bejahe oder ablehne (Seite 60 u. 207). Die Ansicht eines Einzelnen ist gewiss kein Masstab für alle. Ob sich die Werke halten oder behaupten, erkennt man meist erst später, wenn man sie gehört oder erlebt hat. Ohne diese Erkenntnis würde manche Erstaufführung nicht zustande kommen. Jeder Fortschritt birgt ein Risiko in sich ; denn ohne Wagnis gibt es keinen Fortschritt. Eine Botschaft für die Musikfreunde bringt z.B. das Mainzer Fernsehen, das mit H. v. Karajan einen Vertrag schloss, wonach unter 29 Werken auch das Ballett ”Giselle” für den Bildschirm produziert und von ihm dirigiert wird. Endlich ein Vorstoss in Neuland ! En jow Idee, Der Stäve hat jepronostikt, Sech jot derbej versonne, En wie häe ejjen Ziedong kikt, De sees Milljuen jewonne. Do wellte der Jemingderot Et drette Deel va jäve. ”Vörwat ? — sätt singe Kamerot — Dat döng ech wal net, Stäve !” Drop sätt der Stäve : ”Leve Pie, Die Somm well ech ens spende Alleng mär dovör, vör te sie, Wura se die verschwende ? !” 4. 12.1964 Gerard Tatas 23
Im Osten grenzte Eynatten ursprünglich an die Scheidstrasse, die alte Grenze der Reichsabtei Kornelimünster, und bei Hebscheiderhof an das alte Herzogtum Jülich-Cleve-Berg, jetzt nur noch an die heutige Grenzstrasse von Aachen nach Monschau. Im Norden seit dem 15. Jahrhundert bis heute an den Landwehrring, der das Herzogtum Lim- burg vom Gebiete des Aachener Reiches trennte. Noch heute lässt sich vom Johannisberg der alte Wall und Graben (Landgraben) mit uralten Baumstümpfen bis Köpfchen und selbst bis nach Hergenrath hin verfolgen ; er schloss das Gebiet der Pfarre Hau- set, die während mehrerer Jahrhunderte bis zum Jahre 1861 zur Pfarre Eynatten gehörte, ein. Im Süden bildet eine alte Römerstrasse, die Kinkebahn, die, von Köln über Kornelimünster kommend, in das Herz von Belgien und Frankreich führte, die Grenze. Im Westen grenzt die Gemeinde Eynatten an das Gebiet von Walhorn. Der Name Eynatten ist weithin bekannt durch das Geschlecht der Freiherren von Eynatten, das hier seinen Ursprungssitz hatte. Eynatten wird erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 1213. Vom Schloss Eynat- ten heisst es, es sei verfallen, als sein Besitzer infolge Verheiratung mit einer Erbin des Schlosses Neuburg und der Herrschaft Gülpen (im heu- tigen niederländischen Limburg) verzogen sei. Diese Überlieferung hat wenig Wahrscheinlichkeit für sich, weil Schlösser doch nicht so leicht bis zur Unkenntlichkeit zu verfallen pflegen, doch fehlt es an irgend- welchen Erklärungen für den Ruin des alten Schlosses. Urkundlich steht fest, dass Gebrüder aus dem Geschlechte derer von Eynatten sich den Besitz teilten, und dass dann das Grosse- oder Vlatten-Haus und das Kleine, Amstenrather- oder Herrenhaus entstan- den sind. Das Geschlecht der Freiherren von Eynatten ist eines der ältesten des Limburger Landes. 1248 wird Theoderich von Eynatten genannt. In der Schlacht bei Baesweiler kämpften auf der Seite des Herzogs Wenzeslaus von Brabant Peter und Johann von Eynatten. Am Ende des 14. Jahrhunderts wurde Mathillon von Eynatten auf seinen Streif- zügen von Hermann Gimmenich zu Brauweiler (bei Köln) gefangen genommen und nach geschworener Urfehde wieder freigelassen. Im 16. Jahrhundert verschwindet der Name des alten Geschlechts völlig aus der Gegend. Die Besitzungen gingen schliesslich auf die Erben seiner Töchter über und gelangten so in die Hände bürgerlicher Käufer. Das sogenannte Vlattenhaus war von 1733 bis 1744 im Besitz des Jesuitenordens, dem die Stände der Provinz die Erlaubnis erteilten, es seinen Gütern einverleiben zu dürfen. Nach Aufhebung des Ordens übernahm die Brabantische Domänenadministration das Gut und liess es mit fünfzig Bonder Wiesen, Gehölz, Grundstücken und einer Mahl- mühle verkaufen. Ze
Ein Blick aus der Vogelschau auf Gut Vlattenhaus und Bornweiher.
Die ältesten menschlichen Spuren auf dem Gebiete der Gemeinde Eynatten hat man in den Jahren 1907-1908 auf dem Johannesberg ge- funden ; es waren Werkzeuge, Spitzen, Schaber, Klingen und derglei- chen aus geschlagenem Feuerstein, wie man sie 1959-1963 in den Sand- bergen Hergenrath-Flönnes entdeckt hat. Heute noch findet man sol- che Überreste in der Nähe von Oberforstbach und zwischen Eich und Niederforstbach. Sie stammen aus der Zeit des Mesolithikum und Neo- lithikum, der jüngsten Steinzeit, in unserer Gegend ca. 2000 Jahre vor Christus, als die Menschen schon aufhörten, ein Nomadenleben zu führen, um sich dem Ackerbau zuzuwenden. Gerade der Johannesberg 5 mit seinem Weitblick auf das Göhltal, den Johberg und den Abhang des hohen Venns eignete sich vorzüglich für eine menschliche Siedlung. Leider wurden die Funde in ihrem Werte nicht erkannt und bald zer- streut. Quellennachweis : Rheinisches Grenzland von H. Ritter, Archiv Prof, Jägers, ehem. Rektor in Lichtenbusch. Fröhjosch Jedanke. Et Fröhjohr könt tröck jedder Johr, Et ströjt nöj Läve ut. Es dat os Minsche werklech klor ? En treck vär Notze drut ? Et Fröhjohr könt, der Kuckuck röpt, Et sprutt en män’je Plant. Der Sonneschien erweckt wat schlöpt, Jevuet va Joddes Hand. Et Fröhjohr könt, me klejt sech nöj, Verwerpt wat morsch en oot, E mänech Hat kloppt deepe Röj En Jnad wärmt op, wat koot. Et Fröhjohr könt vör Siel en Lief. Jlöcklech, wäm dat jett sätt, Dä net verjue lött stur en stief, De Tiet die Siele rett. Et Fröhjohr könt, Minsch denk dora ! Der Herjott mingt et jot. Erenner dech a Golgotha, An däm, dä do leet Blot ! Et Fröhjohr könt met Klockeklank Vör däm, dä opwärts bleckt, Dä op Poschdag knejt vör en Bank, Wu me en Hostie reckt. Et Fröhjohr könt, der Herrjott röpt. Wat keimt en os vör Saat ? Et stemmt — och ech, ech ben jedöpt, Erkenntnes es en Jnad ! P. Zimmer 27
Raerener Schulen von Viktor Gielen Um welche Zeit hatte Raeren die erste Schule ? - Küster und Kapläne als Schullehrer - Schulordnung und Schulprogramm in Raeren vor 200 Jahren - Einführung der Schulpflicht (1825) - Programm der preussischen Schule um 1830 - Eine Gemeinde muss auch nach dem beurteilt werden, was in ihr für die geistige Ausbildung der Jugend und damit der ganzen Bevöl- kerung geschieht. Auch in dieser Beziehung kann Raeren mit Befrie- digung auf seine Geschichte zurückblicken. Vor der preussischen Zeit (d.h. vor 1815) gab es bei uns keinen Schulzwang. Zur Schule gingen nur die Kinder, deren Eltern es wünsch- ten, und das waren die wenigsten. Manchmal war der Schulbesuch auch mit grossen Schwierigkeiten verbunden, besonders dann, wenn es keine Schule am Ort gab, was in vielen Dörfern der Fall war. So ist es nicht verwunderlich, dass vor 1815 die meisten Einwohner Raerens Anal- phabeten waren, d. h. sie konnten weder lesen noch schreiben. Die älteste Schule der Gegend hatte Walhorn aufzuweisen, das ja als Sitz des Verwaltungsbezirks eine besondere Bedeutung hatte. In einer Urkunde vom Jahre 1625 (Pfarrarchiv Walhorn) wird erwähnt, dass dort zwei Lehrer tätig sind. Diese Tatsache beweist, dass die Wal- horner Schule auch von Auswärtigen besucht wurde. Auch die wissbe- gierigen Raerener werden den 5 Km. weiten Weg nach Walhorn zu- rückgelegt haben. Durch den Aufschwung der Töpferkunst und das dadurch bewirkte Anwachsen der Raerener Bevölkerung wird der Wunsch nach einer eigenem Schule laut geworden sein. Wie fast überall, enstand auch in Raeren die erste Schule in Verbindung mit der Kirche. Der erste Schul- lehrer, der erwähnt wird, ist der Küster Martin Laschet, der von 1650 - 1699 tätig war. Anscheinend befand sich die erste Schule auf Born, denn in seinem 1693 aufgestellten Einwohnerverzeichnis erwähnt Pfar- rer Grossmeyer auf Born ein ”Schulenhaus”, f Eine am 15, Juni 1704 aufgestellte Urkunde (Pfarrarchiv) berich- tet über die Anstellung eines Schulkaplans. Es heisst darin u. a. : ”Mit Rücksicht darauf, dass der Herr Pastor Aegidius Momber mit Arbeit überladen ist dadurch, dass er jeden Sonn- und Feiertag zwei Messen lesen und zweimal predigen muss und dadurch nichts anders entstehen kann als ein kurzes Leben ihres lieben Herrn Pastors (dat daaruyt anders niet onststaan konste als een cort leven van hunnen lie- ven Heere Pastoor).. beschliessen die Gemeindevertreter einen Früh- messner, nämlich den Herrn Laurentius Emonts, anzustellen. Er soll an Vordruck aus dem in Vorbereitung befindlichen Werk : ”RAEREN und die Raerener im Wandel der Zeiten” von Viktor Gielen (Ausgabe IV der Reihe ”Das Bild der Heimat”) ‘ca. 200 Seiten Text mit vielen Fotos und Zeich- nungen. - Erscheint im August dieses Jahres im Markus-Verlag, Eupen, (Nachdruck verboten !) 28
allen Sonn- und Feiertagen die Frühmesse halten. Ferner soll er die Gemeindeschule führen. Dort soll er die Kinder lehren, wie es sich einem frommen und vorbildlichen Geistlichen geziemt, sowohl im Le- sen als auch im Schreiben und auch in der Furcht des Herrn. Er muss dies selbst tun, oder sich durch einen fähigen Hilfslehrer vertreten las- sen ... Er verpflichtet sich auch, einen getrennten französischen Unter- richt zu geben für den Fall, dass einige Französich lernen wollen ... ; im Hause seiner Mutter, Sommer und Winter, wie unser seliger Küster Martin Laschet es auch getan hat ...” Leider sind die Gemeinden arm; sie können dem Schulkaplan kein festes Gehalt geben. Das Gehalt setzt sich darum aus freiwilligen Abgaben der Bürger zusammen, die sich in obengenannter Urkunde durch ihre Unterschrift verpflichten, jährlich 15 Stüber bis 4 Schillingh zu spenden, je nach Leistungsfähigkeit. Jedoch dürfte schon vor 1704 der jeweilige Raerener Kaplan in der Schule mit tätig gewesen sein, wenn uns auch urkundliche Belege dafür noch fehlen. Später hören wir, dass die Gemeindeschule sich in Titfeld neben der Kirche befindet. Der Schulkaplan wird alle sechs Jahre vom Ge- meinderat gewählt oder neu bestätigt. Am 7. Januar 1789 stirbt der sehr beliebte Schulkaplan Heinrich Cratz in der Kaplanei zu Titfeld, ”tiefbetrauert von der ganzen Gemein- de”, Sein Nachfolger ist Georg Reuter. Im Versammlungsbuch des Quartiers Neudorf ist das Protokoll über die Wahl des neuen Kaplans aufgezeichnet (Pfarrarchiv). Es lässt uns einen sehr guten Einblick tun in die Schulverhältnisse, wie sie vor zweihundert Jahren in Raeren herrschten. Wir geben es darum hier auszugsweise wieder : ”Versammlung der Gemeindeinsassen der Pfarre Raeren und Neudorf, gehalten am Sonntag, dem 12. Juli 1789, nach der Vesper, im der hie- sigen Gemeindeschule ... Zum Nachfolger des Kaplans Heinrich Cratz wird Johannes Gregorius Reuter aus Hoffeld im Lande Luxemburg, ernannt. Er verpflichtet sich, folgenden Verpflichtungen nachzukommen : 1.- An Sonn- und Feiertagen übernimmt er die Frühmesse mit einer Predigt von einer Viertelstunde. Diese Frühmesse beginnt sonn- und werktags im Sommer um 7 und im Winter um 8 Uhr. Zwischen dem letzten Läuten oder Zusammenläuten und dem Beginn der Messe sollen 15 Minuten liegen. 2.- An allen Sonn- und Feiertagen soll er Beicht hören. Er hilft auch bei der Betreuung der Kranken und vertritt den Pastor, wenn derselbe abwesend ist. 3.- Er wird Schule halten. Im Winter - d.h. in der Zeit vom 31. Ok- tober bis 31. März - dauert der Unterricht von 8 bis 11 Uhr, nachmit- tags von 1 bis 4 Uhr. Im Sommer - d.h. vom 31. März bis 30 September - vormittags von 7 bis 11 und nachmittags von 1 bis 4 Uhr. 5
Ferien gab es also nur im Monat Oktober. 4.- Während der Unterrichtsstunden muss er bei den Kindern bleiben ; er muss dieselben einzeln aufsagen lassen, vormittags einmal und nach- mittags zweimal. 5.- In der Zeit von St. Andreas (30. November) bis Ostern muss er für eine Hilfskraft sorgen, die ihm beim Unterricht zur Seite steht. Es muss eine fähige Person sein, welche die Kinder im Lesen und Schrei- ben unterrichten kann. N.B. Daraus ist ersichtlich, dass in den Wintermonaten viel mehr Kin- der die Schule besuchten als im Sommer. Während der schönen Jahres- zeit mussten die Kinder den Eltern zur Hand gehen, sei es bei den Ar- beiten auf: Feld und Wiese, sei es beim Hüten der Schafe, oder auch in der Töpferei. 6.- Jeden Samstagnachmittag muss er, nachdem die Kinder einmal auf- gesagt haben, dieselben im Katechismus und in den Glaubenswahrhei- ten unterrichten. 7.- Er darf keinen Unterschied machen zwischen arm und reich. In der Schule sowohl wie in der Kirche muss er für gute Zucht und Dis- ziplin Sorge tragen. Wenn die Armen dies wünschen, muss er dieselben umsonst unterrichten (om goddes-wille). Von den anderen Kindern, gross und klein, darf er sechs Aachener Mark pro Monat verlangen. 8.- Die Quartiere Raeren und Neudorf verpflichten sich, zusammen jährlich zwanzig Lütticher Gulden zu zahlen für Steinkohlen und Brand, Den Kamin des Schulgebäudes muss der Kaplan jedes Jahr auf eigene Kosten fegen lassen. 9.- Für jedes Kind, das Latein lernen will, werden pro Monat 18 Aachener Mark erhoben, für jedes Kind, das Französisch lernen will, monatlich 10 Aachener Mark. Aus diesem sehr detaillierten Bericht der beiden Gemeindever- waltungen ersehen wir, dass die Aufgabe des Schulkaplans nicht leicht war. Die Schule in Titfeld war - wenigstens während der Sommermo- s nate - einklassig : grosse und kleine Kinder sassen also zusammen in einem Raum, In der Raerener Schule des 17. und 18. Jahrhunderts beschränkte sich das Schulprogramm auf Lesen,’Schreiben und Religion. Vor 200 Jahren war die Schultasche der Raerener Kinder also leicht zu tragen : sie enthielt nur Schreibheft, Schiefertafel, Lesebuch und Katechismus. Leider hat sich kein Exemplar dieser zwei Bücher bis auf unsere Tage erhalten, und so wissen wir nicht, woher man sie bezogen hat. In der Raerener Schule konnte man auch Latein, Französisch und Rechnen lernen, man musste diese Stunden jedoch eigens bezahlen. Es fällt uns auf, dass das Aufsagen einen grossen Platz einnimmt. Während man heutzutage grossen Wert auf lebendige Anschauung legt, 30
bestand damals der Unterricht hauptsächlich in Auswendiglernen. Raerener Schulen zur preussischen Zeit, Zur preussischen Zeit nahm das Schulwesen einen grossen Auf- schwung. Im Jahre 1825 wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Allerdings stiess dieses Gesetz auf Widerstand. Viele Eltern schickten ihre Kinder nicht zur Schule, so dass die Regierung Zwangsmassnah- men ergreifen musste. Am 11. Januar 1836 erliess die Regierung eine ”Instruktion betreffend das Verfahren wegen Bestrafung der Schul- versäumnisse.” Langsam gewöhnte man sich an die neue Sachlage, so dass die Zahl der Analphabeten immer mehr abnahm. Durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht war die Ge- meinde Raeren gezwungen, neue Schulräume zu suchen. Für die grosse Anzahl der Schüler genügte das kleine Schulgebäude auf Driesch nicht mehr. So wurde bald neben der schon bestehenden Schule auf Driesch eine solche auf Berg eröffnet. Programm der preussischen Schule um 1830, Wilhelm Havenith, der am 11. März 1830 nach einem vierjähri- gen Aufenthalt im Seminar zu Brühl sein Examen bestanden hatte, wurde im November 1830 an der Schule ”aufm Raerenerberg zu Rae- ren” ernannt. Der Kontrakt, den der Schulinspektor mit dem neuen Lehrer abschliesst, gibt uns einen Einblick in den damaligen Schul- betrieb. Es heisst darin : ”Nachfolgende Pflichten zu erfüllen werden von Havenith erwartet : 1. Derselbe hat täglich von halb neun bis halb zwölf morgens, im Win- ter bis zwölf Uhr, und nachmittags von halb zwei bis halb fünf Uhr Öffentlich Unterricht zu erteilen, mit Ausnahme von Mittwoch- und Samstagnachmittag. 2. Die Unterrichtsfächer sind : Religion, Lesen, Schreiben, Kopf- und Tafelrechnen, Gesang, vaterländische Geographie, Geschichte und Na- turbeschreibung. 3. Ausser dem obengenannten öffentlichen Unterricht ist der Lehrer gehalten, an Sonn- und gebotenen Feiertagen morgens und nachmittags nach beendetem Gottesdienst, nämlich morgens zwischen Frühmesse und Hochamt, nachmittags nach der Vesper, unentgeltlich den Erwach- senen und den an Werktagen verhinderten Kindern Unterricht zu er- teilen. 4. Als schulpflichtige Kinder werden betrachtet : alle vom vollendeten 7. bis 14. Jahr. - Jedoch sind hiervon ausgenommen hinlänglich unter- richtete oder wegen Arbeit zu Hause unterrichtete Kinder.” Aus diesen Bestimmungen geht hervor, dass das Gesetz der allgemei- nen Schulpflicht noch Ausnahmen kennt. Offensichtlich befindet man sich noch in einer Übergangszeit, und man sucht alle zufriedenzustel- len.. Wenn man das Schulprogramm von 1830 mit dem von 1789 ver- gleicht, stellt man fest, dass grosse Fortschritte gemacht worden sind ; offensichtlich ist die Schule bestrebt, den Kindern eine gute Allgemein- bildung mit auf den Lebensweg zu geben, RN
Die Königliche Sankt-Petrus-Schützengesellschaft, Hauset Eine Chronik von Hermann Heutz Am 14, Juli 1889 wurde die jetzige Königliche Sankt-Petrus-Schüt- zengesellschaft gegründet. Das Schiessen war in dieser Zeit ein wirk- licher Volkssport. Es war das Streben eines jeden jungen Mannes, recht bald Mitglied eines Schützenvereins zu werden. Hat es doch in dem kleinen Hauset nicht weniger als drei Schützenvereine gegeben. Als Vereinslokal wählte man die Gastwirtschaft Peter Josef Kockartz. Bis zum heutigen Tage ist der Verein diesem Vereinslokal treu geblieben. Während der ersten vier Jahre stand die Vogelstange auf dem jetzigen Eigentum Passau, das damals dem Leonhard Wintgens gehörte. Für die heutige Schützenwiese wurde die Schiesserlaubnis erst 1893 erteilt. Arnold Heutz stiftete die erste Vogelstange. Der Verein besitzt heute noch eine vergilbte Liste mit den Namen der Vereinsgründer im Jahre 1889. Hier sind ihre Namen : Wilhelm Hansen, Peter Scheiff, Peter Josef Falkenstein, Hubert Hoven, Johann Hartmann, Leo Kalff, Leo Raaf, Arnold Heutz, Franz Falkenstein, Josef Pabst, Heinrich Kalff, Friedrich Kockartz, Karl Emonts, Stefan Lorreng, Karl Lennertz, Christian Kockartz, Heinrich Schütz, Josef Neumann, Hubert Kockartz, Ludwig Schmitt, Johann Peter Müller, Anton Fagot, Johann Sebastian, Lambert Kockartz, Johann Stefan Meessen, Hermann Wallraff, Peter Josef Kockartz, Hubert Egidius Müller, Peter Josef Gielen, Friedrich Habes, Josef Koka, ? Klein, Wilhelm Niehsen, Stefan Niehsen, J. Körfer, Karl Groten, Wilhelm Kockartz, Josef Mer- kens, Peter Havenith, Josef Kockartz, Ambrosias Wenn, Johann Steffens, Josef Havenith, Egidius Rotheut, Bartholomeus Hartmann, Josef Offermann, Nikolaus Josef Kessel, Pauly I, Pauly II, Josef Voss, Eduard Knops, Josef Lorreng, Hubert Emonts,. Hubert Knops, Heinrich Rotheut, Karl Kever, Math. Hüllenkremer, H.J. Andre, Franz Pier, Ignatz Ramtjoie, Nikolaus Hansen, Jakob Moeres, Johann Wolkenar, Mathias Taeter, Den ältesten Mitgliedern unseres Vereins sind noch viele dieser Grün- der in Erinnerung. Im Jahre 1955 verstarb in Aachen Hubert Hoven als letzter Gründer. Es war wohl ein ermutigender Beginn 1889 mit den ‚genannten 65 Mitgliedern. Als gute Schützen der damaligen Zeit waren die Brüder Kalff bekannt. In der Gründerliste ist der Name Kockartz nicht weniger als 7 mal vertreten. Es waren meist Brüder des Vereinswirts, Dieser gewährte dem jungen Verein die erste zınslose Geldhilfe für die notwendigsten Erstanschaffungen. H.J. Andre war ein jüdischer Viehhändler. Wegen seines flotten Mundwerks war er lange Jahre Leutnant des Vereins. Peter Josef Falkenstein hat sein An- denken gefestigt, indem er einst vor versammelter Mannschaft dem Heiligen Petrus im Himmel ein kräftiges, dreimaliges «Lebe Hoch» ausbringen liess. Als erster Präsident der jungen Gesellschaft fungierte Wilhelm Niehsen. Von ihm wird gesagt, dass er für den Verein buch- stäblich ”das Hemd auszog”. Der erste Vizepräsident Arnold Heutz wurde als nachmaliger Präsident und Ehrenpräsident ein steinalter Herr, der sich fünf Minuten vor seinem Tode nochmals die Pfeife an den Mund legen liess. Peter Josef Kockartz, der Lokalwirt, war viele 32
Jahre Feldwebel und Kassierer des Vereins. Hansen Wilhelm war des- sen erster Hauptmann. Peter Scheiff war ”Premier-Lieutenant” und Hansen Jakob war erster ”Seconde-Lieutenant” der Gesellschaft. Erster Schriftführer war Johann Müller, und Christian Kockartz, ein «Erzströ- fer», wurde erster Fahnenträger des Vereins. Niehsen Mathias fungierte als erster Tambour-Major. Beim ersten Vogelschuss, 1889, errang Hu- bert Knops die Königswürde. Aus alten Vereins- und Kassenbüchern ist ersichtlich, dass die Schützentracht aus einem Schützenhut und einem Vereinsabzeichen bestand. Der jährliche Beitrag für Mitglieder belief sich auf 3 Mark. Das war der volle Tagelohn eines Arbeiters. Welcher Verein wagt es schon heute, den Gegenwert d.h. 200 bis 300 frs. als Mitgliedsbeitrag zu erheben ! Auch mag es uns heute sonderbar erschei- nen, dass aus dem Verein austretende Mitglieder eine Gebühr von 3 Mark zu entrichten hatten. Ein solches Ansinnen würde heute Hohn- gelächter auslösen.. Die damaligen Ehrbegriffe haben sich eben abge- nutzt. Der alte Begriff «ehrentreich» steht heute nicht mal mehr im Duden. Vielleicht war dieser Begriff auch nur in unserer Altlimburger Heimat bekannt. Die damaligen Büchsen werden nur durch noch schwe- reres Kaliber von den heutigen verschieden gewesen sein. Die Zeit des Pulverhorns und des Feuersteins, d.h. des Vorderladers gehörte auch da- mals schon der Vergangenheit an. Auch die Vereinstatuten der «Grün- derzeit» sind noch vorhanden. Aus den Statuten ist ersichtlich, dass die Mitglieder unbescholten d.h. nicht vorbestraft sein durften. Das Vereinsleben muss wohl sehr rege gewesen sein, da die Vereinstatuten jährlich 6 gewöhnliche Versammlungen und 2 Generalversammlungen forderten. Bei Nichterscheinen zahlten die Mitglieder bis zu einer Mark Strafe. Das Fernbleiben von der Fronleichnamprozession wird auch mit einer Geldstrafe geahndet. Vereinstatute XV beginnt mit dem uns heute ulkig anmutenden Satz : «Geht ein Mitglied mit Tode ab,». Der Verfasser dieser Statuten muss wohl in seiner Militärzeit « Berliner Luft» genossen haben. Hart erscheint uns die Verordnung, dass das Fernbleiben bei der Beerdigung eines Vereinsmitgliedes 2 Mark Strafe kosten soll. Die Mitglieder überlegten es sich also, ob sie an der Beer- digung teilnehmen sollen oder für eine Mark 10 bis 12 Stunden arbei- ten, denn 3 weniger 2 ist bekanntlich 1. Laut Statuten XVIIT hat der König die Verpflichtung, jedem aktiven Mitglied eine halbe Flasche Wein zu ”spendieren”. Beim Königsvogelschuss wird der Name eines fehlenden Schützen dreimal mit fünf Minuten Abstand aufgerufen. 1890, also ein Jahr nach der Vereinsgründung, erhält der Verein seine Fahne. Über den Ankauf dieser Fahne muss jedoch bereits im Gründungsjahr verhandelt worden sein. Es ist nämlich eine etwas son- derbare Tatsache, dass nicht die Fahne nach dem Verein benannt wurde, sondern, dass die Fahne dem Verein gewissermassen den Na- men gab. Dieses ging folgendermassen zu : Im benachbarten Aachen sollte zu dieser Zeit auch eine Sankt Petrus-Schützengesellschaft ge- gründet werden. Die Fahne war bestellt und bereits in Arbeit, als die besagte Vereinsgründung in die Brüche ging. Der brave Meister 5
wohl den «halbfertigen» Petrus mit gemischten Gefühlen in die Ecke zum Verstauben gestellt. Als jedoch eines Tages einige biedere Hau- seter eine Vereinsfahne bei ihm bestellen wollten, witterte er ein Ge- schäft und verstand es, die Hauseter davon zu überzeugen, dass der Heilige Petrus als ehemaliger Schwertträger sehr wohl Patron einer Schützengesellschaft sein könne. Das Geschäft wurde abgeschlossen. Sehr wahrscheinlich werden die Hauseter Auftraggeber die Not des Meisters aus seinem Eifer herausgefunden haben und den Preis der Fahne nach Kräften gedrückt haben. So kam es, dass der Heilige Petrus durch Finanzschwierigkeiten von Aachen nach Hauset versetzt wurde, Im zweiten Weltkrieg, als die Bomben auf Aachen donnerten, wird der gute alte Herr im dunklen Vereinsschrank sich still gefreut haben, nunmehr im friedlicheren Hauset zu amtieren. Aus den ersten Jahren des Vereins sind noch einige markante Schützen in Erinnerung geblieben. Da ist der Kaspar Charlier, der die Königswürde 1891 und 1892 errang. Dieser Schützenbruder lebt noch heute im Volksmund durch seine prahlerischen Ausrufe bei den unvermeidlichen Trinkge- lagen : «Herr Wirt, noch eine Flasche Wein! Kann die Schuld noch grösser sein! Meine Söhne sind die Fabrik am lernen. Wenn sie es können, kaufe ich ihnen die Kupfermühle.» Da war ausserdem der aus Hessen zugewanderte Johann Herold. Bei Ausmärschen ritt er dem Verein voraus auf seinem weissroten Pferdchen. Marschierte der Ver- ein durch die Sommerhitze nach Hergenrath, so erteilte der Schützen- > hauptmann Jakob Hansen diesem Reiter den Befehl, vorauszureiten und das Bier bei Wirt Habes in Hergenrath zu bestellen. Es wird be- hauptet, dass Johann Herold seinen rotweissen Schecken bisweilen bis an die Theke ritt. Im Sommer 1914 veranstaltet der Verem sein erstes internationales Schützenfest. Leider drohte dieses erste Fest ein finanzieller Misserfolg zu werden. Er wurde verhindert durch Josef Görres, Dieser wackere Schütze, ein Stiefbruder des Vereinswirts, verkaufte landaus landein soviele Schiesskarten, dass das Fest «gerettet» wurde. Jäh wurde dieser Sommer durch den Kriegsausbruch getrübt,der das Vereinsleben für die Kriegsdauer lahm legte. Bereits im August 1914 fiel in den Voge- sen der vorgenannte Josef Görres. In den Kriegsjahren wurden die Könige durch das Los bestimmt. Erst das. Jahr 1920 sieht das Wiederaufleben der Vereinstätigkeit. Die Kreise Eupen und Malmedy werden belgisch. Die Kassenbücher des Vereins führen Mark und Franken. Im Jahre 1922 wird der Schüt- zenbund Hauset-Hergenrath gegründet. Diesem Bund, der alljährlich eine Wanderkette ausschiesst, gehören folgende Vereine an : die Sankt Martinischützen, Hergenrath, die Sankt Hubertusschützen, Hergenrath, die Sankt Rochusschützen, Hauset und die Sankt Petrusschützen, Hau- set. Wir sind mitten in der Inflation. Als Kostenbeitrag der Sankt Petrusschützen für die Bundeskette gibt die Vereinskasse den Betrag von 4450 Mark an. Die Sankt Hubertusschützen, Hergenrath, werden 34
die ersten Träger der Wanderkette. Für die Schützen sind die zwan- ziger Jahre recht erfolgreich. Zahlreiche Preise werden in In- und Ausland errungen. Der Name des Vereins hat Geltung auf den Fest- wiesen. Im Jahre 1929 feiert der Verein ein zweites internationales Schützenfest. Im letzten Friedensjahr 1939 hält der Verein sein drittes internationales Schützenfest ab. Als erfolgreichste Schützen der Vor- kriegszeit werden genannt : Julius und Heinrich Kockartz, Johann und Wilhelm Hansen, Josef Taeter, Josef Lennertz und Heinrich Her- ren. In den trüben Kriegsjahren 1940 bis 1944 erlischt das Vereins- leben nicht völlig. Der Königsvogel wird mit Kleinkaliber geschossen, da die deutschen Behörden das Schiessen mit den schweren Büchsen verbieten. Auch wurden seitens der Behörden Bestrebungen angestellt, das «Bulenschiessen» durch Scheibenschiessen zu ersetzen. Das Schei- benschiessen fand jedoch weniz Anklang. Seit Jahrhunderten hatten die Limburger Schützen ihre Donnerbüchsen in den Himmel zum Sternchen- und Vogelschiessen gerichtet und wollten von diesem alten Brauch nicht lassen. «Es muss dabei krachen,» sagten die alten Schüt- zen. Der zweite Weltkrieg nähert sich seinem Ende. Bombenteppiche haben das benachbarte Aachen niedergewalzt, und manche verirrte Bombe geht als Notwurf heulend auf Hauset nieder. Das traute Dörf- chen aber behält sein Friedensgesicht. In den ereignisreichen Septem- berwochen 1944 geht die Frontwalze über Hauset. Mit einigen Schram- men kommt es davon, und die Schützenstange bleibt stehen. Nach dem Kriege blüht das Vereinsleben kräftig auf. Im Jahre 1947 wird die heutige Schützentracht eingeführt : schwarzer Anzug, Zylinder, Schützenschnur mit einem Schulterstück und Vereinsabzeichen sowie die «Fliege» im Kragen. Im Jahre 1948 leben die internationalen Schützenfeste wieder auf. Gemmenich beginnt den Reigen. Das Jahr 1949 sieht ein prunkhaftes internationales Schützenfest unseres Ver- eins. Die relativ häufigen internationalen Schützenfeste, welche der Verein abhält, zeugen von dessen Vitalität. Bei diesem Fest werden die Herren Heinrich Kockartz und Josef Taeter als Goldjubilare geehrt. Der Ertrag des Blumenverkaufs wird für den Ankauf des Tabernakels des neuen Hochaltars in der Pfarrkirche gestiftet. In der Rückseite des Tabernakels ist der Name der Gesellschaft als Stifter eingraviert. Das Jahr 1953 ist bedeutungsvoll, da mehrere Schützen für ihre Ver- einstreue durch die Behörden dekoriert werden. Die Goldmedaille des Kronenordens erhalten die Herren Karl Lux, Julius und Heinrich Kockartz. Die Goldmedaille des Leopoldordens erhalten die Herren Peter Overath, Michel Treinen und Heinrich Herren. Rückblickend sei noch gesagt, dass dem Verein im Jahre 1952 der Titel einer Kö- niglichen Gesellschaft verliehen wurde. Beim Patronatsfest 1952 über- reicht der Herr Kommissar Hoen dem Verein die Urkunde, die zum Tragen obigen Titels berechtigt. Im Jahre 1955 wird Peter Overath als Goldjubilar geehrt. Im Dezember dieses Jahres stirbt unser lang- jähriger Feldwebel Johann Krott. Dieser kernige alte Herr hat die Schützen viele Jahre als treuer Schiessmeister auf den Festen begleitet. Bedächtig lud er die Büchsen an der Ehrenstange, redete SM
auf den Schützen ein und murmelte ein kräftiges Wort in seinen Schnurrbart, wenn der Schuss fehlging. Beim Patronatsfest 1957 erringt . ; 8 Hubert Schyns die erste Kaiserwür- Da de der Gesellschaft, indem er in drei N { DE aufeinanderfolgenden Jahren die A 7 ) Königswürde erringt. Getrübt wird } . der Jubel des Vereins durch den es 7a] plötzlichen Tod des langjährigen > Schützenhauptmannes Julius Kok- { kartz. Dieser wackere Schütze war ein Muster der Vereinstreue und VE viele Jahre ein imposanter Haupt- N f | mann unseres Vereins. Bei einem N A | Familienabend im Herbst des Jahres \ % wird dem jungen Kaiser nebst einer N X \ prachtvollen Ehrenkette die Plakette ® (. Seiner Majestät König Bauduins ® | überreicht. N f Im Jahre 1958 stirbt Ehrenprä- + N sident Josef Taeter. Auch er war \ ein Schütze, der dem Verein man- chen Preis einbrachte. Im Jahre Kälser ‚Häbert, SCHENS 1959 ehrt der Verein Heinrich Kockartz als Diamantjubilar für sech- zigjährige Vereinstreue. Dieser Jubelabend wird den Schützen eine schöne Erinnerung bleiben. In diesem Jahr ehren die Schützen auch bei einem fröhlichen Abend in der Flög das 80. Lebensjahr ihres Prä- sidenten Karl Lux. Im Jahre 1961 wird Michael Treinen als Goldjubi- | lar geehrt. Als Goldjubilar wird 1963 auch Egidius Meessen geehrt. | Se a Als erfolgreichster Schütze der N 2 Nachkriegszeit sei unser jetziger En BE Präsident, Peter Kockartz genannt. ZE . Im Dezember des Jahres 1963 kann CO . der Verein an einem unvergessli- 7 a chen Familienabend unsern greisen N - = Heinrich Kockartz als Eisenjubilar 2 N & und Ehrenpräsident Karl Lux als N = Goldjubilar ehren. Die häufigen Eh- A = rungen alter und verdienter Mitglie- a Aa = der beweisen, dass der Verein auf 4 Tradition hält. \ e Möge dieser Geschichtsrückblick A manchem Jungmann die Ehrfurcht e A vor dem Schützenwesen, diesem al- X ten Brauchtum unserer limburger A Heimat, lehren und ihn bewegen, AR den Schützenvereinen durch Beitritt Präsident Peter KOCKARTZ Neues kräftiges Leben zu geben. 36
Die Schützenkönige seit der Vereinsgründung. 1889 : Hubert Knops - 1890 : Wiihe!m Hansen - 1891 & 1892 : Kaspar Charlier 1893 : Josef Kockartz - 1894 : Johann Müller - 1895 : Karl Lennertz - 1896 : Jakob Hansen - 1897 : Franz Königshoven - 1898 : Wilhelm Hansen - 1899 : Lorenz Honf - 1900 : Wilhelm Niessen - 1901 : Alex Becker - 1902 : Nikolaus Hansen - 1903 & 1904 : Franz Radermacher - 1905 : Peter Overath - 1906 : Anton Zinzen - 1907 : Franz Hansen - 1908 : Karl Lennertz - 1909 : Peter Triemer - 1910 : H. Fremery - 1911 : Josef Kockartz - 1912 : Lambert Kockartz 1913 : Josef Heutz - 1914 : Egidius Meessen - 1915 : ausgefallen - 1916 : Adolf Silvertant - 1917 : Egidius Meessen - 1918 : Julius Kockartz - 1919 : Wilhelm Taeter - 1920 : Stefan Meessen - 1921 : Franz Emonts - 1922 : Wilhelm Hansen 1923 : Jakob Hansen - 1924 : Julius Kockartz - 1925 : Josef Salzburg - 1926 : Julius Kockartz - 1927 : Konrad Deütz - 1928 : Heinrich Kockartz - 1929 : Wilhelm Lux - 1930 : Franz Hansen - 1931 : Josef Hüpgens - 1932 : Thomas Klein - 1933 : Heinrich Meessen - 1934 : Lorenz Honf - 1935 : Hubert Schu- macher - 1936 : Julius Kockartz - 1937 & 1938 : Josef Overath - 1939 : Johann Krott - 1940 : Heinrich Herren - 1941 : Gottfried Gatz - 1942 : Hans Janssen 1943 & 1944 : Johann Krott - 1945 : Heinrich Herren - 1946 : Josef Meessen 1947 : Hermann Heutz - 1948 & 1949 : Albert Dethier - 1950 : Josef Meessen 1951 : Karl Lux - 1952 : Heinrich Herren - 1953 : Peter Kockartz - 1954 : Martin Schyns - 1955 1956 & 1957 : Hubert Schyns (König und Kaiser) - 1958 : Wilhelm Herren - 1959 : Heinz Kockartz - 1960 : Leo Schyns - 1961 : Hermann Heutz - 1962 & 1963 : Leo Herren. ———— Fledermäuse Dämmerung ... Dämonisch huschen sie ums Haus, dem Lichte sich nähernd und wieder hinaus in Halblicht, Halbdunkel. Geräuchslos flatternd, lichttrunken - doch finsternisgebunden ! Nacht verschlingt sie, Tag verdrängt sie in Halblicht, Halbdunkel, Dämmerung ... Leo Wintgens zz
Das Kelmiser Passionsspiel. Seine Entstehung und Geschichte, vom Verfasser Frans DARCIS. 1. Wie das Spiel entstand, Ende 1934 wurde mir, als damaligem Kaplan, die Verwaltung der Patronage St-Louis anvertraut, und zwar als Vorsitzendem des hierzu bestehenden Komitees. Gleichzeitig sollte ich auch die Führung des Theatervereins und die Regie der Theaterspiele übernehmen, denn die Verwaltungskosten der Patronage (Unterhalt und Pflege der Gebäude, Heizung, Beleuchtung u.s.w.) mussten hauptsächlich aus den Einnah- men der Theateraufführungen bestritten werden. Der damalige Herr Pastor F. Scherrer teilte mir mit, dass diese Einnahmen nicht ausreich- ten, um die Verwaltungskosten zu bewältigen, zum anderen auch da- rum, weil die Theaterabende in der letzten Zeit nicht mehr gut besucht waren. Es musste also etwas Neues gefunden, neue Wege angebahnt wer- den, um die Kelmiser Bevölkerung wieder zu den Veranstaltungen in der Patronage heranzuziehen. Mit Einverständnis des Pfarrers nahm ich mir vor, auch mal religiöse Spiele auf die Bühne zu bringen. Ich ahnte nicht, dass ich damit auf Schwierigkeiten seitens der Spieler stos- sen würde. Als ich diesen das Missionsspiel ”Die drei Weisheiten des alten Wang” von Henri Gh6on vorschlug, waren die meisten Theater- spieler nicht einverstanden. ”Das ist kein Spiel für Kelmis”, meinten sie. Es gelang mir aber, sie zu überzeugen, sodass sie es versuchen wollten. Dieses Missionsspiel wurde aufgeführt bei Gelegenheit des Na- menstages des Pfarrers, Ende Januar 1935. Herr Josef Fellin besorgte eine wunderschöne chinesische Bühnendekoration. Das Spiel hatte einen unerwarteten Erfolg und wurde dreimal aufgeführt, jedesmal vor voll- besetztem Saale. Die Darsteller, das muss gesagt sein, hatten sich selbst übertroffen ! Sofort nach der ersten Aufführung erhielt ich von einem Theaterfreund folgendes Schreiben : ”Erlauben Sie, dass ich Ihnen zu der gestrigen Aufführung meinen herzlichen Glückwunsch ausspreche. Die Aufführung war in jeder Hinsicht eine Glanzleistung und hätte Vereinen in grossen Städten alle Ehre gemacht. Die Rollenbesetzung war meisterhaft ; die Spieler spielten nicht, sie erlebten ; herrlich war die Bühnendekoration und raffiniert schön die Teufelsszene (Schatten- bild.) Ich gratuliere Ihnen, dass Sie uns so etwas Schönes nach Kelmis brachten.” Nun waren die Spieler und auch das Publikum für religiöse Ver- anstaltungen gewonnen. Es folgte in der Spätsaison noch ein Spiel von Calderon : ”Die Geheimnisse der hl. Messe,” das zweimal aufgeführt wurde, Und dann äusserten die Spieler den Wunsch, in der nächsten 38
Saison, bei Gelegenheit des Jubiläums der Patronage, ein Passionsspiel auf die Bühne zu bringen. Ich bemühte mich, ein passendes Textbuch zu finden, aber das war gerade die Schwierigkeit. Wir hatten den Text von Oberammer- gau und von Stieldorf bei Bonn und noch ein paar andere. Die zwei ersten überstiegen unsere Möglichkeiten, und die letzten passten nicht für unsere Bühne. Anfang 1936 wurde uns die Gelegenheit geboten, die Aufführung eines Passionsspieles in Montenau bei St-Vith zu sehen. Mit einem voll- besetzten Bus fuhren wir, an einem Sonntag kurz nach Ostern, dorthin. Von dieser Vorstellung des Leidens Christi in einem kleinen Dorf, ge- leitet vom Herrn Lehrer Clooth, waren alle Kelmiser Theaterfreunde sehr erbaut. Das Spiel hatte auf alle einen tiefen Eindruck gemacht. Die Spieler und die Sängerinnen von Montenau hatten etwas Grosses und Schönes geleistet. Ihre Mühen wurden von grossem Erfolg gekrönt. Leider wurde das Spiel nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr aufge- führt. (Siehe über das Montenauer Passionsspiel einen Artikel von Kurt Fagnoul in ” Zwischen Venn und Schmeifel ” Monatsblätter der St.- Vither Zeitung : 1965 Nr 3). Die Kelmiser Theaterspieler und -freunde waren begeistert. Auf der Heimreise war nur die Rede vom Passionsspiel, das wir gerade gesehen hatten und auch von dem, das wir aufführen wollten.” Was die Montenauer fertig bringen, das können wir auch,” meinten sie. Aber wir hatten noch immer keinen Text. Um unsere Theaterfreunde nicht zu enttäuschen, nahm ich mir vor, ein eigenes Spiel zu verfassen. Nachdem ich das Spiel von Mon- tenau gesehen hatte und nach eingehendem Studium mehrerer anderer Texte, schien mir dies möglich. Wie oft ich während dieser Zeit gefragt wurde, wie es mit dem Passionsspiel stehe, kann ich nicht sagen. Alle Theaterfreunde waren im höchsten Grad interessiert. Am 31. August 1936 konnte ich den Schlusspunkt setzen : das Spiel war fertig. Der Herr Pastor hatte es gelesen, verbessert und genehmigt. Es wurde ver- vielfältigt und nach der Kelmiser Kirmes (2. Sonntag im Sept.) wurden die Rollen verteilt : die Proben konnten anfangen. Jeder, dem eine Rolle angeboten wurde, nahm sie bereitwillig an. Der Kirchenchor St-Gre- gorius, unter Leitung des Herrn P. Radermacher, erklärte sich bereit, die undankbare Rolle des mitleidenden Volkes zu übernehmen und die mehrstimmigen Lieder hinter der Bühne zu singen. Diese Lieder habe ich einem Gebetbuch der Diözese Trier aus dem Jahre 1845 entnom- men. Auch die Mitglieder der marianischen Kongregation versprachen ihre Mithilfe beim Spiel und den Liedern. (Ab 1950 die Sängerknaben unter der Leitung von Hauptlehrer C. Cravatte). II. Wie das Spiel sich gestaltet, Damit das Passionspiel ohne Unterbrechung, ohne Pausen, aufge- führt werden konnte, wurde eine Vorbühne angebaut. Diese nahm die ganze Breite des Saales ein und stellte den Weg von und nach Jerusa- lem dar. Rechts sah man die Stadtmauern und links eine ES
Gegend mit Palmen und Zedern : also die Richtung Bethanien, Geth- semani, Golgotha. Von links kommt der feierliche Einzug Jesu in Je- rusalem, womıt das Spiel anfängt ; von Jerusalem geht Jesus mit seinen Aposteln nach dem Ölgarten und später, beladen mit dem schweren Kreuz nach Golgotha. Ohne diese Vorbühne wäre es kaum möglich gewesen, den Einzug und den Kreuzweg auf die Bühne zu bringen. Zwi- schen diesem Weg und dem Vorhang gibt es noch einen Raum, wo eine Reihe kleinerer Szenen stattfinden, wie zum Beispiel : das Kom- plott der Pharisäer, die Verführung des Judas und mehrere andere. Auf dem eigentlichen Bühnenraum finden die Hauptszenen statt : ein öffentlicher Platz in Jerusalem, wo der Zug sich auflöst, ein Saal im Hause Simons, wo die Salbung durch Magdalena stattfindet, der Abendmahlssaal, der Ölgarten, der Gerichtssaal des hohen Rates, des Pilatus und der Kalvarienberg : das sind die verschiedenen Orte der Handlung. Siebenmal mussten die Bühnendekors ohne Unterbrechung des Spieles gewechselt werden. Wiederum hatte Herr J. Fellin die Büh- nenbilder entworfen und gemalt; er leitete auch den Bühnenumbau während des Spieles. Die Dekoration war herrlich, sogar künstlerisch, und trug viel zur Erhebung und Erbauung des Spieles bei. Dazu kam noch eine sehr gelungene Beleuchtung mit farbigen Scheinwerfern bei bestimmten Szenen, Herr A. Vanderleiden, ein Reporter der niederländischen Zei- tung : ”Het Belang van Limburg”, der bei der letzten Aufführung, am 10. Januar 1937 anwesend war, schrieb über das Spiel einen langen Artikel im Kulturblatt ”Kunst en Letteren” vom 20, 1. 37. Darin heisst es : ”Obschon unsere Erwartung sehr hoch gestellt war, ist es uns nicht möglich, auch nur eine Szene zu nennen, die uns einigermassen ent- täuscht hätte. Während fast vier Stunden blieb unsere Aufmerksamkeit an die Bühne gefesselt. Im grossen Saal herrschte vollständige Stille, ja sogar eine religiöse Andacht. Von den wichtigsten und eindruck- vollsten Szenen muss ich an erster Stelle den Todeskampf Jesu in Geth- semani, den Judaskuss, Jesus vor Pilatus und Jesus sterbend am Kreuze erwähnen. Aber auch die anderen Szenen, wie das letzte Abendmahl, der Abschied Jesu von seiner Mutter, die Versammlung des Hohen Rates wie auch die Verzweiflung des Judas und die Teufelsszenen machten einen tiefen Eindruck. Unvergesslich ist der Kreuzweg Christi mit den dazu gehörenden Szenen : die Begegnung mit Maria und Vero- nika, mit den weinenden Frauen und Simon von Cyrene, Der Kreuzes- tod Christi mit den tragisch - rührenden letzten Worten des sterbenden Heilandes, war wirklich ein Höhepunkt dramatischer Kunst.” Die Passionsspieler von Montenau, die zu einer der ersten Auf- führungen gekommen waren, interessierten sich sehr für unseren Büh- nenbau, den sie einfach und bequem fanden. Ausserdem waren sie ebenso begeistert von unserm Spiel, wie wir damals von dem ihrigen. Für die erste Serie der Aufführungen wurden die Kostüme gröss- tenteils geliehen, aber für die folgenden, ab 1939, wurden. eigene Kos- tüme angeschafft und auch eine neue Beleuchtung installiert. 40
III. Die Ersten Darsteller, Die wichtigsten Rollen des Spieles wurden den Mitgliedern unseres Theatervereins anvertraut ; bei der Verteilung gab es keinerlei Schwie- rigkeiten. Die unangenehme Rolle des Judas nahm einer unserer besten Theaterspieler gerne entgegen. Auch die des Teufels (L. Serwaes) wurde bereitwillig angenommen und zur vollen Befriedigung dargestellt. Für kleinere Rollen (im ganzen waren es 43) fanden wir geeignete Dar- steller, sowohl bei den Männern wie bei den Frauen. Es war nicht leicht eine Darstellerin für die Marienfigur zu finden. Herr Lehrer J. Pesch entdeckte schliesslich eine, die auch gerne dazu bereit war. Für die Massenszenen stand auch genügend Volk zur Verfügung ; sogar Mütter mit Kindern schlossen sich an. Die Freunde der Patronage waren zu jedem Opfer bereit, damit das Spiel gelinge. Zwei Monate lang wurde eifrig geprobt. Die Hauptdarsteller fanden allgemeine Anerkennung für ihre grossartigen Leistungen. ”Eine herrlichere Christusfigur (A. Kujawa) wäre kaum denkbar,” schrieb der obengenannte Reporter. Der dama- lige Pfarrer von Sippenaeken, Hw. Hr. Scharenbroich, der das Spiel von Oberammergau gesehen hatte, sagte, der Christusdarsteller von Kelmis gefiele ihm besser als der vom Bayerndorf, eben weil er nicht so feierlich, sondern einfach, ruhig und wirklich erbauend den Heiland darstelle ; nicht nur seine Erscheinung, auch seine Stimme’ sei ange- nehm. Ne IT A. — 3x Zu 4 M | * ‚ A. GR Er 9 ie N } . Sn A 3 a3 8 HS Y | : AM CH =, @ Al (mn iO > 4 ZZ D MAP OA =. WS €: N E X YA CO e MN | . ae We CR WACH. A AS 0 ABEL . 8% SO ® 7 “ eis a: 8.8.82 BONN zZ ea E F 17 MAN Se zZ REES N ; 8 eo * 0X SS - %. Win j Die ersten Darsteller ”Pilatus (P. Kofferschläger, später Bürgermeister und Abgeord- neter) sowie Judas (P. Zimmer, später Schöffe und Bürgermeister) und H. Serwaes, der im Jahre 1966 zum 40. Mal den Hohepriester dar- stellte) spielten ihre Rollen meisterhaft,” so äusserte sich der Reporter aus Limburg. ”Auch der Führer der Pharisäer, Sadok, (F. Uebags, der 41
31 Mal diese Rolle spielte und 1966 mit Hrn J. Jongen Regie führte) war ein glänzender Spieler.” ”Übrigens, sagt der Reporter weiter, ist es kaum möglich einen schwachen Darsteller zu entdecken.” Der Hohepriester Annas (Ph. Hilligsmann) und die Pharisäer spiel- ten sehr ausdrucksvoll. Und wenn Jesus, umgeben von seinen Aposteln, von denen Petrus (H. Hilligsmann stellte ihn 40-mal dar) und Johannes (M. Bonni) die wichtigsten Rollen spielten, über die Bühne ging, war es jedesmal ein farbenreiches und herrliches Schauspiel. ”Nicht weniger Lob verdiente die einfache, tief empfundene und miterlebte Darstellung der Mutter des Heilandes.” (M. Gierets-Dunkel). So der Reporter. Die meisten Spieler nahmen ihre Aufgabe sehr ernst und bereiteten sich durch den Empfang der Sakramente darauf vor. Es sei mir erlaubt, hier nochmals dem Herrn J. Fellin und seinen Gehilfen : J. Decroupet, H. Uebags, W. Schyns (heute Bürgermeister und Abgeordneter), J. Dumbruck (Spieler und Bühnenbauer), J. Debey (Organisator) und andern, deren Namen ich mich nicht mehr erinnere, eine innige und dankbare Huldigung zu widmen für die herrlichen Bühnenausstattungen und den raschen Bühnenumbau, sowie auch dem Herrn Lehrer J. Pesche, der wertvolle Hilfe leistete bei der Regie und der 1939, 1950 und 1958 die Regie selber in die Hände nahm. IV. Der Erfolg. Der Erfolg des Passionsspieles übertraf alle Erwartungen. Wo nur 4 Aufführungen vorgesehen waren, mussten wegen der Überzahl der Zuschauer noch vier weitere Vorstellungen eingelegt werden. An acht aufeinanderfolgenden Sonntagen war der grosse Patronagesaal (550 Plätze) voll besetzt. Für Reklame sorgten die Lokalzeitungen, das ”Grenz-Echo” und die damals in Aubel erscheinende ”Fliegende Taube”, sowie auch Pla- kate und Flugblätter. Letztere wurden auf eine ganz originelle Art ver- breitet. Am Sonntag, dem 15. November zogen vier Theaterfreunde als mittelalterliche Ritter zu Pferd in die Nachbardörfer, um diese Flugblätter unter das Volk zu bringen. Manche Leute meinten, unbe- kannte Krieger seien ins Land gekommen ! Die erste Aufführung am 22. November 1936 war für die Kinder. Für die zweite Aufführung (29. 11.) waren 12 Eintrittskarten nicht vorverkauft, aber der Saal wurde übervoll besetzt, da manche Leute nicht auf den Vorverkauf geachtet hatten. Am Dienstag, dem 1. De- zember teilte Herr Kaplan N. Xhonneux, der mit dem Verkauf der Karten betreut war, uns mit, dass bereits alle Plätze für die dritte Auf- führung verkauft waren. Ebenso waren für die 5 folgenden Aufführungen alle Karten 14 Tage im voraus an den Mann gebracht. Manche Leute besuchten zwei - bis dreimal das Passionsspiel ; mehrere waren jeden Sonntag dabei. ”Ich kann einfach nicht wegbleiben” sagte einer. Auch der Herr Pastor war jeden Sonntag anwesend. Viele Geistlichen aus nah und fern be- suchten unser Spiel ; einige waren Zuschauer in Oberammergau gewe- 42
E 0 es 2 Ritter werben (H. Bettenhausen, H. Müllender, L. Serwaes, H. Breuer) sen, unter anderen Pater Jean Fryns, der spätere Bischof von Kindu. Dieser sagte : ”Das Kelmiser Passionsspiel ist nicht so grossartig wie das von Oberammergau, aber es ist frommer, es macht einen tieferen religiösen Eindruck und dank der Beleuchtung wirken bestimmte Sze- nen eindrucksvoll, tragisch-ernst und ergreifend.” Die Rolle des Teufels, der die Sünde versinnbildlicht, erweckte anfangs ein wenig Kritik ; jedoch der Franziskanerpater Thaddäus Soi- ron, der berühmte Theologe und Exeget, dessen Mutter bekanntlich aus Gemmenich stammte, erklärte : ”Man solle die Rolle des Teu- fels nicht entfernen und nicht ändern”. Der Hw. Hr. H. Vaessen, Direktor der sozialen Werke, schrieb mir, nachdem er das Spiel ge- sehen hatte : ”Herr Kaplan, sie haben mit ihrem Passionsspiel tat- sächlich eine Mission gegeben, nicht nur für Kelmis, sondern für die ganze Gegend.” Die deutschsprachigen Sendungen von Radio Brüssel haben sich 1958 und auch 1966 für das Kelmiser Passionsspiel interessiert, des- gleichen das deutsche Fernsehen, und beide haben Auszüge daraus gebracht. 1937 ahnte ich nicht, dass unser Passionsspiel noch weitere 32 Auf- führungen erleben würde, denn ein Spiel mit etwa 150 Mitwirkenden, (Spielern, Sängern, Bühnenbauern und Organisatoren) auf die Bühne zu bringen, ist keine Kleinigkeit ; es müssen dafür viele Opfer gebracht werden. Es gereicht aber der Kelmiser Bevölkerung zur Ehre, dass sie, trotz der vielen Mühen und Opfer, es fertig gebracht hat, das Passions- spiel 40 mal aufzuführen. Das ist gewiss eine Grossleistung, wenn nicht ein Rekord und berechtigt zur Hoffnung, dass noch manche Auffüh- rungen folgen werden. Andererseits gereicht es mir zur Freude, zur religiösen und kul- turellen Entwicklung der Gemeinde Kelmis, in der ich gerne als Kaplan gewirkt habe, ein wenig beigetragen zu haben. MORESNET, IM MÄRZ 1967. 43
Inhaltsverzeichnis, Zum Geleit 3 Firmin Pauquet, Kelmis : Fluss- und Ortsnamen : Göhl - Kelmis 4 Leo Wintgens, Moresnet : Die Sage von der Emmaburg 12 Robert Creutz, Lontzen : Lontzen 16 Peter Zimmer, Kelmis : Ein liebend Herz 17 Gerard Tatas, Gemmenich : Stiepenhof 18 Josef Franck, Aachen : Cesar Franck, ein Schaffender zwischen den Nationen 19 Gerard Tatas, Gemmenich: En jow Idee 23 Leo Kever, Eupen : Eynatten, das Dorf an der Göhl 24 Peter Zimmer, Kelmis : Fröhjosch Jedanke 27 Viktor Gielen, Raeren : Raerener Schulen 28 | Hermann Heutz, Hauset : Die Königliche Sankt-Petrus Schützen- gesellschaft, Hauset 32 Leo Wintgens, Moresnet : Fledermäuse 37 Franz Darcis, Moresnet : Das Kelmiser Passionsspiel 38 ; |
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